Blasedow und seine Söhne. Dritter Theil

----------




Sechstes Kapitel.

 

Die Saison.

 

Die eisenhaltigen Mineralwasser liegen fortwährend mit den Laugenbädern in Streit. Der Zeitgeist, nicht bloß die Mode, ist Schuld, wenn diese über jene einen momentanen Sieg davon trugen. Ein Jahrhundert, wie das vorige, mit seinen nachgewirkten Julirevolutionen, Hambacher Festen und deutschen Ständeversammlungen, war für das Menschenblut von einer so entzündenden Kraft, daß die Arzeneimittel alle weit mehr auf Herabstimmung, die Bäder auf Abführung und Auflösung hinzielen mußten. Wie berühmt war dagegen Pyrmont in der Zeit des siebenjährigen Krieges, wo sich daselbst keine andere Leidenschaften begegneten, als die der fürstlichen Personen gegen einander, wo die Herzöge von Celle sich daselbst für Prinzessinnen von Merseburg oder Wolffenbüttel entschieden? Das vorige Jahrhundert bis zur Revolution hatte dem weißen Blute rothes zuzuführen, und wir behaupten, die abführenden und auflösenden Bäder werden bald wieder aus der Mode kommen, da unser Jahrhundert die Jugendzeit ausgebraust zu haben scheint, und in Politik, Leben, Literatur und Kunst ein ruhigeres und langsameres Tempo im Uebergange ist. Deßhalb hätte sich auch, bemerkte Schlachtenmaler öfters vor den Kurgästen in Gegenwart des Grafen, dieser für eine Eisenquelle entschieden. Wenn der Graf dann vor Zorn und Verlegenheit roth wurde, verbesserte Schlachtenmaler gewöhnlich: »Hätten Sie denn nicht können ein Salzbad im Würtembergischen kaufen?«

Wir wollen in die Bitterkeiten, die sich Schlachtenmaler als Bad-Inspector und mehr noch als Humorist und persönlicher Gegner des Grafen gegen diesen erlaubte, nicht einstimmen: denn dem Grafen verdanken wir es, daß wir dieses Kapitel der Göttin des Wiedersehens widmen können. Die Heilkraft, die Nähe und die angepriesene Schönheit des Bades bewog viele uns theuer gewordene Personen, noch einmal in dem letzten Acte unseres Familiendramas aufzutreten. Es war in der Mitte des Juli, die Sonne schoß ihre drückendsten Hundstagsstrahlen, und kaum hatte die schöne Welt an den frühesten Morgenstunden Schatten genug, um ihre Brunnenpromenade an der Quelle und in dem Parke zu beenden. Schon um neun Uhr wurde es so heiß, daß sich die Kurgäste eilends in ihre Zimmer flüchten mußten, wo es denn bei der unfreiwilligen Sieste, die man bis gegen Abend machen mußte, an Langeweile oder, was dasselbe ist, an Aufforderung zur Intrigue nicht fehlte. Mancher praktische Geschäftsmann und Staatsbeamter wurde hier aus Müßiggang romantisch: denn entweder mußte er die Liebesgeschichten der vom Grafen schnell improvisirten Bibliothek durchlesen, oder er machte in der Wirklichkeit selber welche. Es wurden Partien beredet, Paare zusammen gethan, die sich an einander gewöhnten, man lernte Eigenschaften und Liebenswürdigkeiten entwickeln, welche daheim hinter den Acten der Processe und Berufsgeschäfte im Staube erstickt waren. »Ist es ein Wunder,« pflegte Schlachtenmaler zu sagen, »daß hier die Menschen gesund werden?« ? womit er den Grafen, der es hörte, empfindlich kränkte: denn es sollte ja auch die Heilkraft der Amalienquelle kein ausnehmendes Wunder seyn, sondern ganz natürlich in ihrer mineralischen Beschaffenheit liegen.

Des Morgens um sechs Uhr schon begann an der Quelle in einem eigens dazu in Form eines Regenschirms erbauten kleinen chinesischen Pavillon die Bademusik. Sie beschränkte sich, da es nur ihrer vier Mann waren, hauptsächlich auf Quartette und wurde von dem unglücklichen Echofinder und moskowitischen Kapellmeister, der die erste Geige spielte, dirigirt. Die wirklich Leidenden unter den Gästen waren schnell zur Hand. Einige wurden in Rollwägen herbeigefahren, Andere stützten sich auf ihre Bedienten. Ihnen zunächst kamen die eingebildeten Kranken, welches besonders Staatsbeamte waren, die an Nichtanerkennung ihrer Verdienste litten. Mehrere davon hatten ein scheues, misanthropisches Wesen bekommen, weil sie, wie Unterrichtete versicherten, bei mehreren Ordensverleihungen übergangen waren. Es waren dies die am schwersten zu Heilenden; sie sahen in die Gläser, die sie tranken, mit schwermüthigen Blicken hinein: denn die Sonne machte, daß sich ihre Strahlen darin bunt färbten und den bescheidenen Staatsbeamten alle jene Ordensbänder prismatisch vorgaukelten, die sie gern im Knopfloch getragen hätten. Sie hielten oft noch die Trinkgläser lächelnd gegen die Sonne, wenn sie sie auch schon geleert hatten, und schüttelten den Kopf über das merkwürdige Spiel der Natur. Einige von ihnen zeichneten sich an der Table dhôte auch durch eine mehr als loyale Freimüthigkeit aus; sie stellten einige hier und dort fallende kecke Behauptungen, namentlich vor anwesenden süddeutschen Ständemitgliedern, durchaus nicht in Abrede, weil sie wenigstens eine Behörde ihres Staates kannten, deren Verfahren ihnen ganz willkürlich erschien, nämlich die Ordenscommission.

Es war überhaupt ein eigenthümliches Schauspiel, an der Table dhôte den Gegensatz zwischen Süd- und Norddeutschland zu beobachten. Da Amalienbad auf der Grenze beider lag, so befanden sich hier beide Theile in gleichem Rechte. Jede Hälfte versuchte jedoch, ihre Sitten und Gesinnungen zu den vorherrschenden zu machen, oder, um es noch richtiger zu bezeichnen, die Süddeutschen traten meist factisch und vorwegnehmend, die Norddeutschen aber polemisch und in Abrede stellend auf. Besonders waren einige alte Majore und Obersten aus preußischen Festungsgarnisonen da, die da behaupteten, man müsse alle Ständekammern in die Luft und jeden Hambacher über die Klinge springen lassen, was einige Frank- und Schweinfurter Bürger so sehr verdroß, daß sie ihnen den Zollverein gegenüberhielten und sie fragten, was denn Preußens Fabriken ohne Absatzgelegenheit wären? worauf das Gespräch auf die Landesproducte, die Lebensmittel, das Papiergeld, die Landwehr- und Recrutenaushebung, ja sogar, als der Streit immer hitziger wurde, auf die Silbergroschen und Kreuzer kam, wo Niemand mit dem Andern tauschen wollte. Diese Scenen wiederholten sich bei Tische sehr oft und wurden wohl gar durch den Grafen herbeigeführt, weil die menschliche Natur wunderlich ist und sich nach Streitigkeiten immer bessere Weine geben läßt, auch überhaupt mehr trinkt, wie im Frieden. Eines Tages wurden die anwesenden Frankfurter Bürger aufs empfindlichste verletzt, weil ein alter preußischer Haudegen auf den Tisch schlug und sagte: »Und es gibt eher keine Ruhe in Deutschland, bis Frankfurt nicht preußisch geworden ist!« Gleichsam, als hätte dieser graubärtige Bayard schon seine Pferde auf dem Römer einquartiert und die Feier des 18. Octobers auf den 3. August verlegt, so fuhren die Frankfurter Bürger auf und erklärten, nur über ihre Leichen ginge für die Preußen der Weg durchs Friedberger- und Allerheiligen-Thor und eher sollte vom Römer kein Stein auf dem andern bleiben, als daß sich dort ein Oberlandesgericht und eine Kreisregierung und eine Militär-Ersatzcommission, und wie die Kunststücke weiter hießen, einnisten dürfte! Lieber wollten sie hessisch-homburgisch werden, als preußisch, und auf alle Fälle würden Tausende nach Hamburg auswandern, nach Bremen oder Lübeck, oder wenn auch diese Städte ihre Selbstständigkeit verlören, nach der Schweiz. Der alte Major ließ sich nicht erschüttern, sondern fuhr in den Verwünschungen der Stadt fort, sagte auch, daß es gerade gelegen käme, wenn die Ruhestörer gingen, und so dauerte das Streiten bis zum Dessert fort, wo sich freilich die Partien wieder vereinigten, da es der Reihe nach und umzichtig ging, wer den Champagner geben ließ. So kam in der Amalienbader Saison manche der in Deutschland herrschenden ältern und neuern Volksstimmungen zum Vorschein. Fast alle Stände und Tendenzen hatten ihre Stellvertreter hergeschickt; doch die merkwürdigsten und für den Sittenforscher werthvollsten blieben immer jene classischen geheimen Hofräthe, die Tieck, besonders, seitdem er selber einer geworden, lange noch nicht genug ausgebeutet hat; die neueste Zeit hat zu diesem Typus der bürgerlichen Komödie noch Züge von reizender Mannigfaltigkeit gefügt. Auch Amalienbad hatte seine Hofräthe. Mit drei Töchtern und einer Gattin traten sie gewöhnlich auf, lange, dürre, »zugeknöpfte« Gestalten, Ritter des rothen Adlerordens vierter Classe, kurz, bündig und hohl in der Sprache, naiv in ihren Beurtheilungen alles dessen, was von der heimathlichen Küche und Lebensgewohnheit abweicht, keck und inquisitorisch, ja selbst »patzig« in dem, was von den loyalen Ansichten eines Beamten abweicht, Hypochonder, Quälgeister ihrer Frau und Töchter, Schneidersche Badapparatmenschen, ewige Patienten und Urlaubsbedürftige, Schwärmer für die Homöopathie, theatralische Kunstrichter nach dem Maßstabe des Berliner Hoftheaters, sich von selbst verstehende Abonnenten der preußischen Staatszeitung, nichts lesend, nichts lernend, strebend nur nach Schwiegersöhnen und Gehaltsverbesserung, Schachclubsmitglieder, Freimaurer, Sommerwohnungsmiether, endlich, um das Uebel voll zu machen, sogar Arrangeurs von Quartetten und geborne Bratschenspieler ? ja, auch solche Hofräthe gab es in Amalienbad.

Man kann nicht leugnen, daß der Graf in der Anordnung der Brunnenpromenade Geschmack verrathen hatte, wenigstens hatte er mit geringen Mitteln einen großen Erfolg erreicht. Daß die kleinen Zelte alle von Leinwand und Holz aufgerichtet waren, übersah man bei der geschmackvollen und originellen Form, die er ihnen zu geben wußte, und besonders bei dem hübschen Ineinanderspiel von Farben, die er zweckmäßig zu ordnen und zu gruppiren verstand. Gäste, die aus einer völlig öden Gegend kamen, wurden schon durch einen zwei Fuß hohen Springbrunnen gefesselt, in dessen Bassin Goldfischchen schwammen, und der von einem Kranz grünen Rasens und Vergißmeinnicht umschlossen war. Für Schatten war durch einen bedeckten Gang gesorgt, in welchem sich manche bekannte Gesichter begegneten. Da war besonders Herr von Lipmann hervorzuheben, der dies Bad aus vielen Gründen für seine diesjährigen Sommerferien gewählt hatte. Erstens kostete es ihn nichts: denn der Graf war ihm schuldig genug, und das Heilwasser und die Wohnung und die Beköstigung waren doch nur ein Tropfen in dem Meere von Verpflichtungen, in welchem der Graf bei Herrn von Lipmann schwamm. Zweitens hatte es dem Herrn von Lipmann sein Arzt allerdings streng untersagen wollen, ein Bad zu besuchen, welches für Actionäre und Papierhändler von tödtlicher Wirkung seyn könne: denn gerade dem erhitzten vollblutigen Börsenhandel haben wir die große Aufnahme der abführenden und auflösenden Bäder zu verdanken, da es wenig Banquiers und Mäkler gibt, die nicht an Rheumatismen, Hämorrhoiden oder Nervenzufällen litten; indessen war Herr von Lipmann ein guter Chemiker und hinreichender Kenner des erfinderischen Grafen, um zu sagen: Das Eisen in seinem Wasser bringt mich nicht um! Endlich sprach man auch oft davon, daß das ganze Geheimniß zwischen dem Grafen und Herrn von Lipmann im Schoße Sidoniens läge, wovon wenigstens so viel gewiß schien, als man auf Rechnung einer dem Hofagenten angebornen Verliebtheit bringen konnte. Es ließen sich hier nur Vermuthungen aufstellen, welche durch die Anherkunft des Herrn von Lipmann gar nicht und durch sein Benehmen gegen die Gräfin höchstens theilweise bestätigt wurden.

Die feinste Tournure und den stärksten Geist entwickelte während der ganzen Saison sein Sohn, Guido von Lipmann. Doch auch er lebte auf abschlägliche Abrechnung mit dem Grafen: denn so kam für das laufende Jahr wenigstens ein Theil der fälligen Zinsen heraus. Guido trug sich meist à la jeune France. Er hatte zwei ungeheuer starke, hellglänzende und glatt gekämmte schwarze Haarbüschel von den Schläfen auf die Oberhälfte der Wange niedergleiten; vorne waren die Haare à la Jésus-Christ gescheitelt, hinten quollen über den Frackkragen sehr künstliche, aber wahrscheinlich natürliche Locken hervor, die jedoch nicht lang genug waren, um mit altdeutschen Locken verwechselt zu werden. In der ganzen Miene und dem Ausdruck der Augen lag etwas Melancholisches, jene moderne Mischung von Romantik und Zerrissenheit, die irrsinnige Schreckhaftigkeit eines werdenden Selbstmörders. Er sah wie eine jener schmachtenden Arabeskengrazien aus, wie sie von den Franzosen gewöhnlich gezeichnet werden, hingegossen, träge, und eine Flasche in der Hand, aus der sie Blumen begießen. Guido von Lipmann konnte hier füglich für eine Sehenswürdigkeit gelten, da man seine Gedichte sogar schon componirt hatte, und seine prosaische Schreibart Bewunderung erregte. Die beiden Journalisten, Schmeißer und Püsser, waren in seinem Gefolge und arbeiteten mit ihm gemeinschaftlich an einem neuen Almanach, der im nächsten Herbst erscheinen und nur Beiträge von ihnen Dreien enthalten sollte. Die Stahlstiche, welche ihre drei Bildnisse wiedergaben, waren schon fertig; auch hatte ihnen Ritter, der sich inzwischen in Jena als Privatdocent habilitirt hatte, geschrieben, sie möchten die Herausgabe beschleunigen, da er in seiner Geschichte der neuesten Literatur ihre Leistungen denen des »jungen Deutschlands«, welche er heftig zu bekämpfen gedächte, gegenüberstellen und ihnen die Anwartschaft auf die Zukunft der deutschen Nationalliteratur verschreiben wolle. Sie waren alle Drei immer von eifrigen und fast zänkischen Gesprächen umschlungen und nahmen sich daher wie eine wandelnde und schreiende Laokoonsgruppe aus.

Auch ein sanfter, blauer Stern ging hier an Schlachtenmalers Nachthimmel auf (denn ihm wurde hier oft die Sonne ein Trauerflor, wenn er Alles im Zusammenhang bedachte und seinen Haß gegen den Grafen erwog), Celinde, mit ihrem sie umhüllenden Nebelstreifen und Gatten, dem bis auf den Tod kranken und blödsinnigen Baron Satan von Höllenstein. Dieser hatte seit dem Kunstmanoeuvre die Besinnung und sein Commando verloren; er war fast kindisch geworden und konnte nicht einmal mehr selber den Löffel, geschweige den Degen und Feldmarschallstab führen. Man mußte ihm das Fleisch klein schneiden und es ihm mit dem Löffel zu essen geben. Stundenlang saß er scheu und blödsinnig in einer Ecke und verlor mit den Gedanken auch die Fähigkeit, sie auszudrücken. Er fing an, die Dinge wieder kindisch zu benennen, ein neuer Kaspar Hauser von mehr als vierzig Jahren. Das ihm sonst so liebe Pferd nannte er Trara, und Hunde rief er mit kindischer Furcht Wauwau. Der Baron Satan von Höllenstein schien nicht mehr Bewußtseyn zu haben, als ein eben entwöhnter Säugling; schwerlich dürfte man in Morizens Magazin der Erfahrungsseelenkunde ein ähnliches Beispiel geistigen Zurückkommens finden. Celinde stand an diesem halboffnen Grabe wie eine Trauerweide. In der Inschrift ihrer Augen konnte man lesen, nicht, was sie verlor, wohl aber, was sie litt. Und doch selbst an diesem trüben und morschen Stamme noch blühte sie, zur Bewunderung der Welt, wie eine dunkelglutige Cactusblume über einem verwelkten Blatte. Ihr Mann schien sich in ihr wie das Präparat seines Namens in seine ursprünglichen Silberbestandtheile aufzulösen. Der Höllenstein wird aus reinem Silber durch Mischung mit Salpetersäure gewonnen. Sie wuchs wie die Pflanze Sonnenthau auf häßlichem Torfgrunde, hatte aber gerade wie sie die geheimnißvolle Eigenschaft, sich nur bei heiterem, wolkenlosem Wetter zu erschließen, und nie länger als eine Stunde, von zwölf Uhr Mittags bis eins: denn um eins mußte sie dem Baron wieder seinen Milchbrei reichen, den er nur von ihr nehmen wollte. Schlachtenmaler sah ihr oft wehmüthig nach, wenn sie ihren alten Säugling führte. Als der Graf, dem bei seinem jetzt im Zenith stehenden Glücke oft eine frivole Laune überkam, ihm vorschlug, da er doch zeichnen könne, möcht er ein Seitenstück zur heiligen Familie entwerfen: Celinden als Maria, den Generalissimus auf dem Schoß und ihm die Brust reichend ? fuhr er wild auf und sprach eine Beleidigung aus, von der der Graf mit verbissener Wuth sagte, er wolle sie einstweilen zu den übrigen stecken, bis das Maß voll würde. Man behauptete auch, daß der Graf gegen Celinden dieselben Gefühle hegte, die man Herrn von Lipmann gegen Sidonien zuschrieb. Wirklich verstanden sich auch beide Damen nicht und suchten sich zu meiden: Celinde freilich wie die Sinnpflanze, die vor Allem, was sie zu nahe berührte, erschrack, und Sidonie schon mehr wie die Eselsspringgurke, die die leiseste Berührung ihrer allerdings sehr gereizten Stimmung durch Ausspritzen eines keineswegs heilsamen und oft recht verletzenden Saftes belohnte.

Von Geigenspinner, der auch da war, und der Hofräthin Wiesecke (Sophie) und dem Hofrath selber, der an hektischem Husten litt und sich nicht immer stark genug fühlte, in seinem chinesischen Schlafrocke, mit dem er auf der Promenade erschien, auch eine chinesische Mauer zwischen Geigenspinnern und Sophien (denn Sophie legte Feuer an, wo sie irgend Schwamm und brennbare Stoffe entdeckte) aufzuführen ? von diesen Dreien ist die Chronik weniger ergiebig und nur so viel bekannt, daß Schlachtenmaler an den verliebten Irrwegen des Mispelheimer Pfarrers öfters dessen Tücke und seines Vaters Unglück zu rächen suchte.

Denn auch Blaustrumpf und Mörder waren da und mit ihnen ein gutes officielles Saatfeld, auf welchem sich Brennnesseln und Schlingpflanzen für Geigenspinner säen ließen. Mörder schien neben Blaustrumpf eine entzauberte Alraunwurzel zu seyn, die dieser als ewiges sinnbildliches Denkmal seiner Ausjätungen des Aberglaubens mit sich führte. Mörder blieb gewöhnlich auch, wie der Baron Höllenstein, da sitzen, wo man ihn hinstellte, und seine Bewegungen glichen theils nur den Capriolen einer kleinen Figur, die die stark aufhämmernden Tasten und Predigten Blaustrumpfs auf dem Clavier-Resonanzboden der öffentlichen Meinung in dem Bade hervorbrachten, theils nur gar den Chladnischen Klangfiguren, die in einem dummen Haufen Sandes entstanden, jenachdem Blaustrumpf auf der gläsernen Scheibe der Table dhôte den Fidelbogen seines eindringlichen und immer an den Meister vom Stuhl erinnernden Vortrags strich.

Da Celinde keine Neigung zu Juden hatte (wurde doch selbst Bettina in Frankfurt zum Judenhaß erzogen!), so vermied sie Herrn von Lipmann, ohne jedoch darum zu billigen, was sich der Bad-Inspector Schlachtenmaler in ihrer und des Hofagenten Gegenwart, als dieser sich darüber beklagte, zu sagen erlaubte: »Bei Frau von Höllenstein haben alle ihre Hoffnungen und Lebensfreuden sich in ein todtes Meer verwandelt, und bekanntlich schwimmt nur das Judenpech auf dem todten Meere am ergiebigsten!« Auch Guido war zugegen und fing diesen Wurfspieß des ihm sehr bekannten Ex-Redacteurs des Nichts auf und sagte: »Es könnte für das Judenthum kein schöneres Wortspiel gefunden werden, als daß man ein flüssiges Harz nach seinem Unglück benennt: denn, wenn alle Formen des modernen Bewußtseyns überlebt seyn würden, würde noch das Judenthum seine bindende, zusammenhaltende, seine zähe und, man möchte fast sagen, klebrige Kraft und den Monotheismus entfalten.« Püsser, der auch zugegen war, fiel mit der feinen Bemerkung ein: »Erinnern Sie sich wohl noch, Schmeißer, daß Sie einst zu mir sagten: Auffallend, daß doch vom Berge Sinai nichts als Bindendes kömmt, früher die Mosaischen Gesetze und jetzt bekanntlich das beste arabische Gummi, das so bindend wie Leim ist?« ? Schmeißer lächelte; Guido zog sein Notiztäfelchen; aber Herr von Lipmann hatte Witz und strafte den Schlachtenmaler (der an seinen Vater und die ihm mitgetheilte Zehnthalergeschichte dachte) durch folgendes Gleichniß: »Wissen Sie was, Herr Bad-Inspector? Ich habe gelesen in einer Reisebeschreibung, daß die Türken auf die Geschirre von ihren Pferden streichen Judenpech, bloß damit sie durch den starken Geruch die Schmeißfliegen abhalten. Ich empfehle mich Ihnen.« Und damit ging Herr von Lipmann triumphirend vorüber, und Schlachtenmaler hatte die Demüthigung und das Nachsehen. Aber wir erwähnen diese Antipathie Celindens nur, um zu erklären, warum der Graf sagen konnte, sie wäre das einzige ruhige Plätzchen, wo er sich erholen könnte: denn überall anders verfolgte ihn Herr von Lipmann mit stechenden und beißenden Bemerkungen. Bald hieß es: »Sagen Sie mir, Graf, wo haben Sie die Idee mit dem Wasser her? Wo ist die Fasanerie, wo sind die Hirsche im Park? Soll die alte Mooshütte die Grotte für Liebende seyn?« Der Graf hatte keine Ruhe vor ihm während der ganzen Saison, weßhalb ihm so ein entrüsteter Ausruf, wie z. B.: »Herr, Sie quälen mich wie ein Floh!« öfters entfuhr. Herr von Lipmann hatte aber auch hier Witz genug, ihm boshaft lächelnd zu erwidern: »Nun, wenn Einen sticht ein Floh, so zieht man sich nackend aus und schlüpft in ganz neue Hemder und Strümpfe und Unterbeinkleider und Vorhemdcher und Alles so fort.« Und, wenn Herr von Lipmann sonst nur von Gold und Papier sprach, so hatte er sich in Amalienbad zur Verzweiflung des Grafen angewöhnt, nur von Eisen zu sprechen. Bald hieß es: »Daß in dem Brunnen Eisen ist, sieht man schon an der magnetischen Kraft, mit der es die Leute aus allen Gegenden anzieht;« bald: »Auf dieser Eisenbahn werden Sie schnell zu Ihrem Ziele kommen;« bald umarmte er den Grafen an der Table dhôte und rief zu allgemeinem Gelächter: »Alte Liebe rostet nicht!« Sein Sohn Guido mußte ihm die ganze Geschichte des Eisens vortragen, nur, um ihm Gelegenheit zu Anspielungen zu geben. War der Graf unmuthig, so schüttelte sich der Hofagent und rief ihm so laut nach, daß es die ganze versammelte Kurliste hörte: »Säure löst das Eisen auf und macht Salze daraus, die von den echten Salzlaugen sich dadurch unterscheiden, daß diese zusammenziehen, Ihre aber auseinander jagen!« Er wurde in seinen Bildern so gelehrt und in den Vergleichungspunkten so auffallend, daß Schlachtenmaler einmal einen Vorwitz nicht scheute und ihm seiner Grobheit wegen vorwarf, daß ihm seine ewigen lächerlichen Eisengespräche nachgerade zu oxydiren schienen. Seitdem schwieg auch Herr von Lipmann über den Gegenstand.

Von Amandus wissen wir, daß er reiste, um die Hofärzte zu bestechen. Theobald hatte den Namen Schmidt angenommen und wagte es, den Badarzt zu spielen. Weil eines Theils das Wasser nur äußerst schwache Eisentheile enthielt (worüber sich bald alle Stimmen vereinigten), so brauchte er mit Fug und Recht und zum Bestand der herrschaftlichen Küche nicht allzukarg mit der Diät zu seyn. Er empfahl Küche und Keller, und die Patienten standen sich gut dabei, weil das Wasser, selbst, wenn es gewöhnliches Brunnenwasser gewesen wäre, doch einen starken Appetit erregte, und überhaupt die Heilkraft der Bäder meistentheils aus der Luft, und zwar, weil sie ja so frisch und ungewohnt, gegriffen ist. Wirkliche Leiden verwies Theobald auf den erst später sich ergebenden Erfolg, was denn namentlich von Frauen, denen es an der rechten Fruchtbarkeit fehlte, geglaubt werden mußte, da sie ja ihre Männer nicht immer gleich bei sich hatten. Bei andern Krankheiten kam es nur darauf an, geschickt zu temporisiren. Niemand konnte in sechs Wochen eine vollständige Heilung voraussetzen, Niemand kam auch ohne vorgängige medicinische Behandlung, die sich bei einigem Scharfsinne sehr leicht dem Patienten entlocken und zur Grundlage der Brunnenkur machen ließ. In plötzlichen An- und Vorfällen wurde der Graf gerufen, scheinbar als theilnehmender Hauswirth, eigentlich aber, weil er in der That ein großes encyklopädisches Wissen und eine Hausapotheke besaß, viele Jahre hindurch seine eigenen Pferde curirt hatte und überhaupt ein Mann von Geist und schneller Fassung war, der vor nichts erschrack, am wenigsten vor Gefahr. Es lagen die schönsten Elemente in ihm; selbst die Philosophie, mit der er die Lüge, Betrug, Mord und Todschlag würde entschuldigt haben, hatte etwas Geniales und entsprach den Vorstellungen, die er von dem specifischen Werthe des Adels hatte.

Der Gascogner, Alboin de Blasé dEau, leitete, von einigen auf das Spiel abgerichteten Dienern des Grafen unterstützt, die Roulette. Der Graf hatte lange Anstand genommen, ob er nicht einige seiner alten Jugendfreunde, zurückgekommene wilde Cavaliere, in Perspective nehmen sollte und ihnen, ausgelernten Croupiers, die grüne Tafel anvertrauen; doch hatte ihn Sidonie fast fußfällig gebeten, diese Menschen, die sein Geschick und seinen Charakter genug zerrüttet hätten, jetzt aus seiner Nähe zu lassen: denn nur Unheil wachse unter ihren Füßen. Der Graf meinte, zur würdigen Haltung eines Hazardspieles gehöre eine felsenfeste, ruhige Todesverachtung, ein nobles Air, das nicht einmal allen Adeligen gemein wäre; in Frankreich hielten meist alte Bonapartisten die Bank, Männer, die an der Brücke von Arcole gekämpft und in Rußland ihre Gesundheit und den Glauben an Gott zurückgelassen hätten; in Deutschland wäre es selten, einem hinlänglich terroristischem Spielergenie zu begegnen; am passendsten wären alte Landsmannschaftsenioren aus Göttingen, und seine Freunde wären das gewesen. Der Grund, warum sich der Graf entschloß, Alboin, einen Bürgerlichen, auf den grünen Tisch abzurichten, lag auch nicht in den fast zur Erde gebeugten Knien Sidoniens, sondern theils in dem Gedanken, daß die Genossen seiner Vergangenheit ihm hier theuer zu stehen kommen würden, theils in der Nachricht, daß sie sich rüsteten, ins Carlistische Hauptquartier zu reisen: denn nächst seiner eigenen Lebensfrage war ihm die des Don Carlos die wichtigste. Alboin benahm sich mit Ruhe und Tact auf seinem Posten. Er erschrack vor Gewinn und Verlust nicht und verzog nie die Miene. Wenn die eigentliche Erziehung zum satirischen Schriftsteller, die ihm sein Vater gegeben, zu etwas gefruchtet hatte, so war es dazu, ihm jene stolze Impassibilität zu geben, welche besonders von den Engländern, die auch die besten Humoristen haben, so außerordentlich hoch geschätzt wird.

Und Blasedow selbst? Ihm, da er nichts sprach und immer allein ging, hatte der Graf die Rolle eines unglücklichen Spielers übertragen. Als solcher war er ein nothwendiges Requisit eines vornehmen Badeortes. Blasedow, der ja so Vieles verloren hatte, und noch dazu im Spiel, zeigte sich in dieser Rolle, ohne von ihr zu wissen, wie der durchdachteste Meister. Wenn er im Park mit zurückgelegten Armen wandelte, ein Bild gänzlicher Apathie, zuweilen spukhaft lächelnd, zuweilen das Auge zum Himmel aufschlagend, so betrachtete ihn mancher Mitleidige und Gefühlvolle mit Bedauern, mancher Moralist mit Schadenfreude, und manche Mutter zeigte ihn ihren Kindern als lebendige Warnung vor einer unerhörten Spielwuth! Es umraschelten ihn Sagen und Gerüchte, die sich über seine enormen Einsätze und Verluste gebildet hatten, ohne daß er je davon hörte. Er wußte nicht, daß seine Seufzer den Menschen die Tausende bestätigen mußten, die er auf jene verführerische Tafel geschüttet haben sollte. Ein Witzbold sagte von ihm, er gleiche dem Augustus, als er ausgerufen hätte: Faro, Faro, gib mir meine Millionen wieder! Manche nannten ihn den »Märtyrer des Zufalls«. Der Graf war entzückt, daß Blasedow unbewußt auf die Idee, die seinen eigenen Vorstellungen so nahe verwandt war, einging: denn er wußte, wie wunderlich der Menschensinn erregt wird, wie gerade der Anblick von Hinrichtungen, Mörderschaft und ein Pistolenschuß und eine verhüllt fortgetragene Bahre einem Spielhause mehr Zulauf verschafft, als ein gelungenes Va Banque! In der Freude darüber redete er einmal Blasedow mit der Bezeichnung an: »Wie geht es Ihnen, Freund, unglücklicher Spieler?« Blasedow blickte ihn groß an und wandte sich dann verächtlich ab, indem er sagte: »Unglücklicher, aber kein falscher!«

 


 

Siebentes Kapitel.

 

Der Congreß.

 

Seit einiger Zeit hatte das Regenwetter den Kurfreuden so vielen Abbruch gethan, daß mehrere von den minder Kranken beschlossen, ihre Abreise zu beschleunigen. Dem Grafen kam diese Nachricht sehr erwünscht: denn seit acht Tagen war ihm der Raum in Haus und Hof, in Flur und Wald zu enge; er wurde, je finsterer das Wetter, desto heiterer in seiner Stimmung. Die beiden Flügel des Schlosses waren in einer so freudigen Bewegung vor Arbeiten und Zurichtungen, daß es schien, als sollte das Bad einen noch höhern Aufschwung nehmen, durch Besuche nämlich, deren Wichtigkeit der Graf schon mit geheimnißvoller Miene ahnen ließ. Keinem aber wär es eingefallen, das europäische Gleichgewicht und die Continentalpolitik mit diesem stillen Jubel des Grafen und der Amalienquelle in Verbindung zu bringen; und doch war in jüngster Nacht ein Courier angekommen, und hatte den Grafen aus dem tiefsten Schlafe geweckt und ihm Mittheilungen gemacht, die wie hinter dem Vorhange eines zur Vorstellung sich rüstenden Theaters wegliefen und nicht errathen wurden. Es wurde den Kurgästen erst mit Hülfe der Zeitungen dies Geheimniß etwas lichter: denn war es nicht möglich, daß das Gerücht von einem demnächst abzuhaltenden Congresse sich in Amalienbad bestätigen konnte? Der Graf wollte diese Vermuthung nicht Wort haben, meinte aber doch, daß ein Badeort sich nie zu irgend einer Höhe aufschwingen würde, wenn er nicht durch einen politischen Congreß auch in den Annalen der Geschichte verzeichnet wäre. Der Karlsbadsprudel wäre erst in Aufnahme gekommen, seitdem die dortigen »Beschlüsse« den jungen deutschen Preßfreiheitssprudel von 1819 in Abnahme gebracht hätten; wenigstens müßte einmal eine fürstliche Heirath an einer Quelle geschlossen seyn, ehe sie fashionable würde. Es kam den Grafen schwer an, die Wahrheit zu verschweigen, weil sich so mancher Besuch durch die Möglichkeit, einer wichtigen Staatsaktion beiwohnen zu können, doch zum längern Bleiben würde entschlossen haben. Indessen beklagte er die leer werdenden Zimmer nicht, da er deren für die Dinge, die da kommen sollten, kaum genug zu haben schien.

Indessen ist unsere Zeit in nichts so indiscret, als in der Politik. Da unser politisches Leben einem lecken Fasse gleicht, so quillt das Geheimniß durch alle Ritzen und Fugen durch und bleibt kaum länger, als es Sache eines Einzelnen, verschwiegen. Ein großer Diplomat, den wir bald die Ehre haben werden kennen zu lernen, sagte oft: »In alten Zeiten mußte man sich viel Mühe geben, um eine Neuigkeit unter die Leute zu bringen; jetzt aber ist der politische Verstand so weit gediehen, daß kein Diplomat mehr vor seinem Kammerdiener sicher ist. Die Menge der unbesoldeten und eigenmächtigen Staatsmänner, d. h. der Zeitungsschreiber, ist zu groß, die Verrätherei der Ueberläufer und Zuträger, die es gern zu gleicher Zeit mit den Fürsten und den Völkern halten wollen, zu eingerissen, als daß man sich noch auf den geregelten Gang, wie bisher in der Diplomatie die Geheimnisse mitgetheilt wurden, verlassen dürfte. Es käme fast darauf an, in der Politik ganz unsinnige und gewaltsame Unternehmungen zu beginnen, um nur das Geheimniß zu retten: denn gerade dadurch, daß wir Staatsmänner nur das Vernünftige und Wahrscheinliche thun, wird es der so sehr ausgebildeten Combination der Publicisten und Kannengießer möglich, jedem Courier durch das Felleisen seine Depeschen zu lesen.« Es ist dies derselbe Staatsmann, der, um nur Herr seiner Geheimnisse zu seyn, einen uns bereits bekannten Staat, das Fürstenthum Vierhufen, an den Rand des Verderbens gebracht hatte. Graf Leibrock erhob die Diplomatie zu einer Wissenschaft an sich; er machte sie zur Herrin der Politik. Er ließ eine Festung mitten im Frieden schleifen, um nur die Genugthuung zu haben, das Geheimniß davon drei Wochen in seinem Bureau bewahren zu können. Er verletzte die freundschaftlichsten Beziehungen seines Hofes zu auswärtigen Höfen, rein, um die Freude zu haben, etwas gegen alles Erwarten unternehmen und eine Weile geheim halten zu können. Er hätte sich entschließen können, ein Biron, ein Patkul zu werden, wenn sich die Zeitungsgerüchte etwa herausgenommen hätten, ihn einen Pombal zu nennen, womit es aber gar keine Noth hatte. Und dennoch brachten die Zeitungen die Nachricht, daß in dem neuen Amalienbad ein Congreß zwischen den bevollmächtigten Ministern Sayn-Sayns und Vierhufens würde abgehalten werden zur Schlichtung gewisser Differenzen, die auf dem Punkte standen, in Feindseligkeiten auszuarten. Wohl dem Manne, der die Geschichte kennt! Wir wissen es, woher der Hader kam; wir sahen die dunkeln Gewitterwolken heraufsteigen, für welche auf dringendes Ansuchen der größern Mächte, um den Weltfrieden zu erhalten, ein Congreß der Blitzableiter werden sollte. Da sich beide Fürstenthümer vertragen mußten, so kann man die Schwierigkeiten ermessen, welche es auf diesem Congresse zu lösen gab. Gerade, weil es sich hier um etwas Nothwendiges und Unumgängliches handeln sollte, suchten die beiden Parteien ihm den Schein einer Unmöglichkeit zu geben. Sie mußten den höhern Schutzpatronen gehorchen, wollten es diese aber auch dafür recht empfinden lassen, welch ein Opfer sie dem allgemeinen Weltfrieden brächten.

Es war eines Abends kurz vor Sonnenuntergang. Die Regenwolken hatten sich verzogen, und mit aufgeklärtem, heiterm Himmel wollte der Tag von der Erde Abschied nehmen. Der grüne Tisch wurde leerer, die Gesellschaft versammelte sich, um die schönen Augenblicke zu genießen, im Parke, und mit Erwartung sprach man von den großen Ereignissen, die dem Bade so nahe bevorstanden. Da stieg in einiger Entfernung vom Schlosse eine Rakete auf, und auf der andern Seite eine zweite. Der Graf, der schon den ganzen Tag über am Fenster gestanden hatte und durch ein Perspectiv die Gegend ausforschte, war Augenblicks im Hofe; aber zu seinem Schrecken hatte sich gleich vorn am Thore ein Knoten von so gordischer Verwirrung zusammengenestelt, daß er, der sonst so Geistesgegenwärtige, nicht wußte, wie hier zu helfen sey. Er schickte Schlachtenmalern ab. Die Schwierigkeit lag nicht in den fünf bis sechs Reisewagen, die zu gleicher Zeit an dem Thore standen, sondern in dem wunderlichen Zufall, daß gerade die beiden paciscirenden Theile zu gleicher Zeit ankommen mußten, und sich nun eine Rangstreitigkeit, der Einfahrt wegen, erhob, die gleich zu den empfindlichsten Reibungen und wohl gar zu einem präliminarischen Notenwechsel führen konnte. Wenn ein kleiner Vorsprung, den allerdings in seinem vierspännigen Wagen der Freiherr von Hundt, Oberhofmeister und außerordentlicher Bevollmächtigter des Fürsten Sayn-Sayn, voraus hatte, ihm das Recht zur frühern Einfahrt zu gestatten schien, so war doch Freiherr von Hundt Diplomat genug, einzusehen, wie wichtig oft eine zur rechten Zeit angebrachte Höflichkeit ist, und wie großartig immer derjenige erscheine, der bei gleichen Verhältnissen und wohl gar in glänzenderen gegen den Andern die Rolle der Höflichkeit übernehme. Graf Leibrock wollte gerade deßwegen auch nicht der Erste seyn, weil er Kenner genug war, diese Hundtsche Finesse zu durchschauen, unangesehen, daß er ihn empfindlich würde verletzt haben, wenn er am Ende doch wohl gar hätte der Zweite seyn müssen. Nun würd es allerdings gegen alle Courtoisie verstoßen haben, wenn sich die beiden bevollmächtigten Botschafter mit ihren Gefühlen verrathen hätten; sie mußten vielmehr für ihre Zögerung, einzufahren, eine scheinbare äußere Veranlassung suchen. Der Freiherr von Hundt behauptete, um den Schein zu retten, er hätte einen verloren, nämlich den Postschein, da er mit eigenen Pferden fuhr. Graf Leibrock verwünschte seinen Kutscher, der die Pferde schlecht aufgezäumt hätte, und der Kutscher war diplomatisch eingefahren genug, abzusteigen und sich an den Pferden etwas zu schaffen zu machen. Schlachtenmaler, der die Lage der Dinge übersah, dachte an den gordischen Knoten, zog heimlich sein Taschenmesser und schnitt ihn durch, nämlich den Schnallenriemen, an welchem eines der hintern Pferde des Grafen befestigt war. Nun gerieth allerdings der Kutscher in Verlegenheit und begann eine so weitläufige Annestelung, daß der Graf Leibrock zornig aus dem Wagen stieg (er war ein Mann starken Umfangs) und um so gegründetere Ursache zur Erbitterung hatte, als er jetzt nicht einmal dem Freiherrn von Hundt hätte vorfahren können, selbst, wenn dieser gegen ihn, als den Aelteren, zurückgestanden wäre. Freiherr von Hundt fuhr also mit seinen schnaubenden Rossen an ihm vorbei und nahm zuerst von dem Schlosse Besitz, zwei Wagen hinter ihm, die das Gesandtschaftspersonal und einige Damen enthielten. Graf Leibrock entschloß sich nun, zu Fuß zu gehen und seinen Wagen langsam nachfolgen zu lassen. Zwei Gesandtschaftssecretaire mußten ihn führen, so schrecklich griff ihn eine hier vielleicht vorgefallene Verletzung des Völkerrechts an.

Zunächst mußte das Aufsehen, das des Grafen Ankunft im Schloßhof erregte, ihn für die vermeintliche Zurücksetzung entschädigen. Der Graf von der Neige stürzte auf den Erblandesmarschall zu und bat wegen der am Schloßthore vorgefallenen Verwirrung um Entschuldigung. »Was läßt sich da machen?« sagte der außerordentliche Gesandte, sich den Schweiß und den Zorn von der Stirne wischend; »Sie konnten doch unmöglich, selbst, wenn Sie das gleichzeitige Eintreffen geahnt hätten, zwei Thore in dem Vorgitter des Hofes ausbrechen lassen!« Darauf fuhr er fort, indem ihn der Graf in die für ihn bereiteten Zimmer die Treppe hinauf führte: »Es ist schon dies ein Grund, warum die Hierarchie nie beseitigt werden darf. Die Päbste genießen seit undenklichen Zeiten bei allen diplomatischen Verhandlungen für ihre Nuntien den Vorrang; die päbstlichen Nuntien eröffnen den Zug. Sie sind um so eher dazu berechtigt, sich in Rangstreitigkeiten vermittelnd einzulegen, als sie keine Frauen und demnach keine häusliche Aufhetzerinnen haben. Ein Congreß ohne päbstlichen Nuntius ist ein politischer Reichstag, wo Jeder der Erste seyn will ? ein Grund, warum ich nimmermehr wünschen möchte, daß das Pabstthum oder der Katholicismus einmal aufhöre. Ich muß sagen, daß mir der katholische Glaube ehr- und ewiger Dauer würdig erscheint, weil seine Stellvertreter auf den Congressen ein allerdings eingebildetes und unmächtiges Primat besitzen. Hätte Napoleon den Pabst gestürzt, er würde auch die Diplomatie über den Haufen geworfen haben.«

In den Zimmern mußte sich aber gleich wieder etwas finden, das dem Erblandesmarschall mißfiel und ihm die ersten Augenblicke des Amalienbader Aufenthaltes schon recht verbitterte. Es ist dies nicht so sehr die Bosheit Schlachtenmalers, der wie zufällig hier auf einem Tische hatte eine französische ultrarevolutionäre Zeitschrift liegen lassen, die der Gesandte mit bedenklichem Kopfschütteln und mit einer strengen Miene des Vorwurfs gegen den Grafen im Vorübergehen in die Hand genommen hatte, sondern es war die Lage des Zimmers selbst. »Sie glauben Wunder, welchen Gefallen Sie mir thun, daß Sie fast alle meine Zimmer nach vorn verlegt haben,« bemerkte sehr mißgestimmt der Erblandesmarschall; »allein nennen Sie mir irgend ein auswärtiges Amt, ein Botschaftshotel, das nach vorn hin ein besonderes Leben verriethe! Die Arbeitszimmer einer Gesandtschaft sind alle nach hinten hinaus. Der Freiherr von Hundt wohnt mir gerade gegenüber. Sieht er des Nachts um zwölf Uhr Licht an meinem Fenster, so wird er ahnen, daß mir die Entwickelung unserer Angelegenheiten schwer wird, oder daß wir einen ihm unerwarteten Coup beabsichtigen, Depeschen bekommen haben oder mit einem Courier noch in der Nacht welche absenden wollen. Ich muß Sie bitten, mir alle diese Zimmer nach hinten zu verlegen.« Der Graf gerieth über diese Zumuthung in sichtliche Verlegenheit, so daß Schlachtenmaler, der die französische Zeitung an sich genommen hatte, sich zu fragen erlaubte: »Könnten nicht Eure Excellenz des Nachts wie die Diebe mit Hülfe einer Blendlaterne arbeiten?« Dieser Vorschlag, da er den Reiz des Geheimnisses in der Diplomatie vermehrte, gefiel dem Grafen Leibrock; er musterte den Bad-Inspector von unten auf und fragte ihn, ohne jedoch, nach vornehmer Leute Art, eine Antwort abzuwarten: »Treiben Sie auch Politik?« Natürlich antwortete Schlachtenmaler nicht darauf.

Während sich der Gesandte und der Graf in die hintern Zimmer und in Auseinandersetzungen und Gegenreden über Lage, Oertlichkeit und Bedienung des Bades verloren, ging Schlachtenmaler hinunter und hatte seine Freude an dem Auspacken der Wagen hüben und drüben. Zwei Gegenstände waren es besonders, die ihm diesseits auffielen. Im Gefolge des Grafen Leibrock befand sich zuvörderst ein Pferd, das einen wahrhaft kümmerlichen Anblick darbot. Ob es gleich vom Kopf bis zum Schwanz gesattelt war, so saß doch kein Reiter darauf. Es mußte in diesem Aufzuge während der ganzen Reise hinter einem der Wagen hergetrabt seyn. Als er sich nach der Bestimmung dieser Aufzäumung erkundigte, sagte ihm einer von den Leuten des Grafen: »Der arme Klepper zählt jetzt dreizehn Jahr, und seit acht Jahren ist er in dem Zustande, wie Sie ihn da sehen. Niemals ist seitdem der Sattel von seinem Rücken gekommen. Es ist ein ewig gesatteltes Courierpferd, das nothwendig zur Bestallung eines diplomatischen Pferdestalles mit gehört. Man kann ja nicht wissen, was plötzlich vorfällt. Da soll Einer in der Nacht aufsitzen und einen Brief fortbringen; Eile thut Noth, nun erst das Pferd satteln! Bei dem Aufenthalt könnte schon was verloren seyn, und so ist seit acht Jahren von dem Thier der Sattel nicht herunter gekommen.«

Schlachtenmaler wurde von Mitleid über diesen traurigen Anblick ergriffen, mehr aber noch über den Mann, der ihm dies sagte und an Ohren- oder Zahnschmerzen zu leiden schien. »Warum tragen Sie denn das Tuch um den Kopf, guter Freund?« fragte Schlachtenmaler; der Andere aber lachte und sagte: »Gott sey Dank, daß ich mir wenigstens meine Ohren verbinden darf und nicht nöthig habe, taub oder gar taubstumm zu seyn. Ich bin Kammerdiener beim Erblandesmarschall und soll nun einmal von seinen politischen und Staatsgeheimnissen nichts abhören. Der Graf sagte mir, als er mich vor acht Jahren, gerade so lange, als das Pferd gesattelt ist, in seine Dienste nahm: Lieber Freund, daß Sie hören können, ist mir nicht lieb. Ich hätte es sehr gern, daß Sie, wenn auch nicht ganz taub, doch etwas harthörig wären der Ordnung wegen. Ich rechne darauf, daß Sie verschwiegen genug sind und nichts, was in meinen Cirkeln und Abendgesellschaften gesprochen wird, unter die Leute bringen, auch keinen Verwandten haben, der etwa in auswärtige politische Zeitungen Berichte schreibt; aber ich bin es theils meinem Rufe als großer Diplomat, theils der Discretion gegen die mich Besuchenden schuldig, daß Sie wenigstens den Schein der Taubheit annehmen und sich das Hören durch ein seidenes um den Kopf gebundenes Halstuch vergehen lassen. Ich rechne diese Betäubung Ihres Trommelfells zu der Livrée meines Hauses und werde Ihnen vierteljährlich dafür ein schwarzes Tuch, Lyoner Fabrik, selbst liefern! Seitdem, Herr Bad-Inspector, bin ich dem Grafen sehr nützlich gewesen. So manche Mittheilung, die man ihm in Gegenwart eines hörenden Kammerdieners beim Thee oder Whist nicht würde gemacht haben, hat er meiner Aufopferung zu danken. Die fremden Gesandten halten, wenn sie mein Leiden mit dem Ohrenreißen sehen, weit weniger zurück und lassen sich zur Freude des Grafen, der in seinem Fache der größte Schlaukopf von der Welt ist, noch einmal so vertraulich gehen.«

Da Schlachtenmaler merkte, daß dieser Kammerdiener sich für sein beeinträchtigtes Gehör am Sprechen entschädigte und weit mehr ein Schloß vor den Mund, als ein Tuch um das Ohr verdient hätte, so ging er auf die Vorzüge seines Herrn ein und vermochte den Mann, noch immer redseliger zu werden. Als es daher spät Abends geworden war, und der Graf mit seinem Secretair arbeitete, und der Kammerdiener im Vorzimmer mit Schlachtenmalern, in Folge der gemachten Bekanntschaft, zu Nacht aß, so fuhr dieser mit einer Gewandtheit, die seiner Bildung Ehre machte, fort: »Unser Fürst hat dem Grafen Land und Leute zu danken. Als Napoleon bei den deutschen Landesherren kein großes Aufhebens davon machte, daß er sie aufhob, da gelang es bloß der Geschicklichkeit des Grafen, in Paris unserm Fürsten einen Theil seiner Einkünfte, vorläufig seinen Titel, zu erhalten und den Urtheilsspruch über die fernere Existenz des Ländchens so lange aufzuschieben, bis bei Napoleons Abreise nach Sankt Helena alle von Gott eingesetzte Fürsten sich wieder sehen ließen, und auch wieder für uns Hoffnung wurde. Der Erblandesmarschall hat in Paris dem Talleyrand und in Wien dem Metternich viel zu schaffen gemacht. Der Pariser Friede und der Wiener Congreß wären beide leicht ohne Erfolg gewesen, wenn man nicht die drohende Stellung des Grafen Leibrock gefürchtet und ihn in die verhandelten Interessen als Theilhaber mit hineingezogen hätte. Es ist aber auch einzig, mit welcher Schlauheit dieser Staatsmann verfährt. Kommt er an einen Ort, wo es Stimmungen auszuforschen gibt, so sollten Sie sehen, wie er seine Maßregeln nimmt. Hier kann ich es schon sagen, weil wir nur mit dem Freiherrn von Hundt zu thun haben und, im Vertrauen gesagt, uns mit ihm vertragen müssen. Des Grafen erstes Unternehmen an jedem fremden Orte, wo es etwas durchzuführen gibt, ist, sich erst um alle einflußreiche Personen des Landes und der Stadt zu bekümmern. Der Secretair und ich selbst, wir müssen eine Liste aufsetzen von allen Adeligen und hohen Beamten der Residenz und dürfen dabei weder die Titel, noch die Orden übersehen. Besonders wichtig ist die Rubrik über die Wappen, die Livréen und die Stammbäume der Adeligen. Diese Liste übermalen wir an der Stelle, wo von den Livréen und Wappen die Rede ist, mit bunten Farben, so daß der Graf schnell eine Uebersicht der in der Stadt beliebten Heiducken-, Jäger- und Läufer-Uniformen bekommt: denn das soll mir Einer sagen, ob ein bevollmächtigter Gesandter ohne dergleichen Vorarbeiten auskömmt! Ohne solche Listen würden hundert Verstöße gemacht werden, und der Graf, der, wenn man ihm etwas zu Danke macht, gar gnädig ist, erklärte mirs auch deutlich genug. Denn, sagte er, was sind die Menschen überrascht, wenn man von ihnen Dinge weiß, die selbst, wenn sie auf Aeußerlichkeiten beruhen, doch eine gewissenhafte Nachforschung und Bekanntschaft mit ihren Interessen voraussetzen! Was kennt denn mancher Adelige mehr, als seinen Stammbaum, und mancher Banquier Größeres, als einen Riesen von Portier und dessen goldene Borduren? Die Wappenbilder benutzt der Graf oft zu sehr sinnreichen Zusammenstellungen, die ihm den Ruf eines der witzigsten Staatsmänner zugezogen haben. All die Katzen, Hunde, Hirsche, Ochsen- und Häringsköpfe, welche die deutschen Adeligen in ihren Wappen führen, weiß er sehr lustig nebeneinander zu stellen, wobei ich immer meinen Spaß habe: denn meist weiß ich, was der Graf an einem Abend alles für Witze vortragen wird, und muß schon immer früher lachen, als bis er so weit ist, sie springen zu lassen. Er hat mirs freilich verboten, weil es zu auffallend ist und die Wirkung stört.«

Indem klingelte es, und der Kammerdiener, der in der That eine Politur hatte, die Schlachtenmaler bewundern mußte, ging schnell zu seiner Herrschaft hinein. Als er wieder kam, sagte er geheimnißvoll zu dem Bad-Inspector: »Es ist was im Werke. Der Graf will dem Freiherrn von Hundt zeigen, wie wichtig ihm diese Verhandlungen wären, und schickt noch diese Nacht einen Courier ab.« Damit ging der Kammerdiener hinunter, um dem Reitknecht anzumelden, daß er sich bereit halte. Als er zurück kam, fragte ihn Schlachtenmaler, was es denn so Wichtiges zu berichten geben würde? »O, wahrscheinlich nichts,« antwortete der Kammerdiener; »es ist auch gleich damit verbunden, daß Graf Hans, der Sohn meiner Herrschaft, zum ordentlichen Staatsmann erzogen wird. Der Vater schickt ihm öfters des Nachts Couriere, um ihn theils überhaupt daran zu gewöhnen, theils auch, um ihn, der etwas Faullenzer ist, zum Dechiffriren zu zwingen. Auf die Chiffern hält der Graf was Erstaunliches; doch zieht er die Chablonen vor. Wir haben deren über hundert, eine confuser ausgeschnitten, als die andere. Legt man sie auf die übersandte Depesche, so werden die unnöthigen Worte verdeckt, und nur die treten hervor, welche den gewünschten Sinn bilden. Es ist keine Kleinigkeit, einen Brief zu schreiben, welcher ganz harmlos von einem Handwerksburschen zu kommen scheint, und der doch z. B. die wichtige Nachricht in seinen Zeilen enthalten muß: Kaiser Leopold ist vergiftet!«

Indem klingelte es wieder. Der Kammerdiener ging und kam zurück, um in einem Koffer zu wühlen, der eine Menge wunderlicher Papiere enthielt. »Die Chablone N o 78 soll heute benutzt werden,« sagte der verschwiegene Mann und trug sie hinein. Als er wieder kam, erzählte er in seiner Redseligkeit weiter: »Graf Hans wird nie seinen Vater abgeben; ich habe auch den Erblandesmarschall öfters weinen sehen, daß sein Sohn keine Miene macht, um ihm nachzufolgen. Da ist nichts als Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, kein Geheimniß sicher vor ihm. Der Vater bietet Alles auf, um ihn für sein Fach zu erziehen, aber trichtr es ihm mal Einer ein! Das Erste, was ein Staatsmann lernen soll, ist dies: schnell und unvermerkt sich etwas zu notiren, was man in einem diplomatischen Cirkel aus Unvorsichtigkeit fallen läßt. Der Graf kann es ihm nicht beibringen, mit Gewandtheit sich zu unterhalten oder am Spieltisch zu sitzen und zu gleicher Zeit sich hinten in der Rocktasche etwas zu notiren! Mein Alter kann das zum Verwundern schön: er unterhält sich mit Ihnen und scheint in der Brusttasche etwas zu suchen, während gerade seine Hand dort beschäftigt ist, auf einem immer bereit gehaltenen Pergament mit einem Bleistift, der wie ein Zahnstocher aussieht und auch einer ist, das Gesprochene zu notiren. War ja auch Herr von Hundt darüber einmal so boshaft und sagte meinem Herrn, als dieser sich so lange die Zähne stocherte: Notiren Sie sich etwas auf Ihren Zähnen? Die Bemerkung war um so bitterer, als der Erblandesmarschall, ein alter Mann, deren nicht mehr viel hat.« Es wurde wieder sehr stark geklingelt. Der Kammerdiener lief und brachte geheimnißvoll die Depesche zurück, die er einsiegeln mußte. Schlachtenmaler war in der That neugierig. Er hätte gern gewünscht, den Inhalt zu wissen, und gestand es auch. Der Kammerdiener zögerte erst künstlich; dann meinte er, da sie doch so schnell bekannt geworden wären, so wolle er ihm den Brief zu besehen geben. Schlachtenmaler warf einen Blick hinein und fand, daß er eher Alles, nur nicht diplomatische Gegenstände berührte. Es war ein Brief nicht ohne Sinn und Verstand: die Reise, die Ankunft wurde beschrieben; aber das eigentlich Geheimnißvolle wußte er nicht zu entdecken. Der Kammerdiener weidete sich an der Verlegenheit und dem vergeblichen Bemühen des Bad-Inspectors. Endlich nahm er lächelnd und mit hochwichtiger Miene, indem er sich nach allen Seiten umsah und ganz leise flüsterte, die Chablone N o 78, legte sie mit Behutsamkeit auf den Brief, sah sich nochmals um, ob sie auch durch nichts gestört würden, und, da Alles still war, so bückten sich Beide auf den Brief herab und fingen an zu buchstabiren. Folgendes brachten sie nun als den wesentlichen Inhalt der Depesche heraus: I-ch-b-i-t-t-e-u-m-s-e-c-h-s-P-a-a-r-w-o-l-l-e-n-e-N-a-c-h-t-m-ü-t-z-e-n! Indem knarrte nebenan eine Thüre; der Kammerdiener blies das Licht aus und drängte den Schlachtenmaler zur Thür hinaus. Dieser ging leise die Treppe hinunter und fand schon unten im Schloßhofe das ewig gesattelte Courierpferd, auf die wichtige Depesche wartend. Der Kammerdiener erschien, der Brief wurde am Sattelknopf in einer ledernen Tasche befestigt, der schleunigste Ritt wurde noch einmal anempfohlen, der Reitknecht stieg auf, und fort trabte der arme Gaul zur Verwunderung aller Badgäste, die die Fenster öffneten und sich neugierig frugen, was der Courier wohl Wichtiges in so später Nacht noch zu überbringen hätte. Man sah hier gleich des Grafen von Leibrock rastlose Thätigkeit und seinen politischen Verstand.

 


 

Achtes Kapitel.

 

Fragmente eines Seitenstücks zu den Memoiren des Freiherrn von H?dt.

 

? ? ? Eine der heitersten Erinnerungen aus meiner diplomatischen Laufbahn ist der Amalienbader Congreß, wenn man Congreß eine Entrevue Diese französirende und überhaupt auch mehr weltmännische Sprache, die auffallend genug gegen unsre bisherige Darstellung abstechen wird, muß man dem Freiherrn von Hundt zu gute halten. Er hat sich in der Schule von Woltmann und Varnhagen gebildet. zweier Diplomaten nennen kann, die den Auftrag hatten, zwei kleine Staaten um jeden Preis zu versöhnen. Das Lächerliche dieser Erinnerung liegt hauptsächlich in dem Widerspruch dieses so einfachen Zweckes, mit den von den beiden Abgesandten aufgebotenen Mitteln. Man hätte, wenn man diese Schwierigkeiten sah, die sich die beiden Männer machten, glauben sollen, es handelte sich um die Wiedereinfugung höchst gefährlich ausgerenkter Glieder des europäischen Staatskörpers, während einige streitige Punkte über Erbschaftssachen, Enclaven und einige wenige administrative Berührungen, die allerdings für zwei dicht an einander grenzende Länder Lebensfragen sind, den Gegenstand der Verhandlungen abgaben. Wenn es einige Dornen an jenen Rosen gab, die wir auf höhere Anweisung ohne Widerrede pflücken mußten, so waren es die Verstimmungen, die zwischen beiden zu vermittelnden Höfen seit einer gemeinschaftlichen Kriegsübung eingetreten waren, wo eine Partei von der andern mit willkürlicher und gegen alle genommene Abrede verstoßender Rücksichtslosigkeit behandelt worden zu seyn vorgab. Ich wenigstens hatte das Interesse jenes Hofes zu vertreten, dem man von der andern Seite das Meiste an diesem Verschulden aufgebürdet und aus Aerger darüber alle jene freundnachbarlichen Bezüge aufgekündigt hatte, welche durch die Amalienbader Unterredung wieder in das alte Geleis der Freundschaft sollten zurückgeführt werden.

Ich hatte dabei mit einem Gegner zu thun, der die wunderliche Grille besaß, aus der Diplomatie einen Selbstzweck machen zu wollen. Graf L....... war ein Original-Ueberbleibsel aus einem Jahrhundert, welches die Würde des Menschen in der peinlichsten Beobachtung von Förmlichkeiten erblickte. Jünger einer Politik, die keine Ahnung von den Veränderungen des Zeitgeistes hatte, sondern in der Geschichte nur die Namen und Personen, nicht die Begriffe und Voraussetzungen sich ändern sah, hatte Graf L. überdies eine so hohe Vorstellung von der Unfehlbarkeit seines Verstandes und der Feinheit seiner klügelnden Berechnungen, daß man die Berührungen mit ihm allerdings zunächst als eine Quelle vielen Aergers, aber zuletzt doch, wenn man sich beruhigt hatte, auch einer nicht oft gebotenen Unterhaltung betrachten mußte. Im Augenblicke, wo man ihm gegenüberstand und die kleinen Fechterkünste seiner eingebildeten Schlauheit pariren mußte, konnte man es nicht ohne das Gefühl einer unerträglichen Belästigung und einer alles Verständniß hindernden Verzögerung thun; doch, wer sich durch seine Umtriebe nicht irre machen ließ, wird mir bezeugen müssen, daß der Rückblick auf eine mit dem Grafen L. einmal gepflogene Verhandlung ein kostbares Cabinetstück diplomatischer Erinnerungen ist. Ich muß sogar gestehen, daß ich etwas vermissen würde, wenn meine Welterlebnisse nicht auch auf einen Mann gestoßen wären, der aus der am meisten durch vorliegende Facten und durch die Umstände bestimmten Wissenschaft eine Sache für sich, eine absolute Theorie machen wollte. Es schien in der That, als wollte Graf L. die Originalität selbst zur Evidenz eines Rechenexempels erheben.

Nachdem ich schon so viel von diesem Talleyrand leerer Formen gehört hatte, war meine Neugier nicht wenig gespannt, als wir uns in einem eigens für unsere Besprechungen bestimmten Saale auf dem Schlosse in Amalienbad zum ersten Male begegneten. Es ist immer ein eigenes Gefühl, dessen ich gestehen muß nie recht Meister geworden zu seyn, wenn sich zwei Diplomaten, die bestimmt sind, gegen einander zu operiren, gegenüber treten. Man kann diesen ersten, scheu prüfenden und kaum das Auge des Andern aushaltenden Blick einen Triumph, aber auch eine Demüthigung unserer Civilisation nennen. Ich muß sagen, daß es mir immer schien, als würde in dieser peinlichen Stellung die Menschenwürde recht mit Füßen getreten. Hier bricht nirgends ein Strahl jener göttlichen Liebe, die der Himmel in unsere Seelen pflanzte, durch das ängstlich und mit allen Kunstmitteln eines eigentlich im Gemüth gar nicht vorhandenen Hasses ausgerüstete Benehmen hindurch. Ich wüßte keine andere Situation im Leben, die dieser vergleichbar wäre, als die auf der akademischen Mensur. Wer sich aus seinen Studentenjahren jener kaltblütigen Maliçe erinnert, mit welcher sich die Duellanten gegenüber zu treten pflegen, dem wird diese lieblose und scheinbar ganz apathisch aussehende höchste Nervenspannung deutlich werden, wenn sich, etwa in einer Gesellschaft, wo über ganz gleichgültige Dinge verhandelt wird, die Thür öffnet, und derjenige hereintritt, dem man beauftragt ist auf den Dienst zu passen, und der seinerseits gegen uns selbst die gleiche verrätherische Wachsamkeit üben muß. Dies zufällige Begegnen ist mir noch peinlicher, als das Stirn gegen Stirn gerichtete Unterhandeln, wo ich wenigstens immer die Sitte jener Diplomaten vermieden habe, welche auch hier nicht unterlassen können, Versteckens zu spielen und über ihr Auge zu wachen, da ich es meistens vorzog, dem Andern offen die Karten zu zeigen, welche ich auswerfen konnte, und rund zu erklären, was ich fordern mußte, um bei meinen oft sehr unredlichen Instructionen zwar ein gebundener, aber doch ehrlicher Mann zu erscheinen. Wenn ich diesmal befangener als Jener, so trug die Schuld davon des Grafen L. wunderlicher Ruf und der allerdings auch nicht abzuleugnende Umstand, daß man, wie es Menschen gibt, die erst im Angesicht des Feindes tapfer werden, auch in der diplomatischen Verhandlung gereizt, angreifend, bissig wird, wenn man einer entschieden feindseligen Herausforderung gegenübersteht.

Ich war zunächst derjenige, welcher die Unterhandlung zu eröffnen hatte, denn auf Veranlassung meines Hofes war sie eingeleitet; wir waren diejenigen, welche sich von der Gegenpartie beeinträchtigt glaubten. Ich sehe noch die Miene, welche der äußerst sorgfältig frisirte und gepuderte Graf L., eine beleibte und fast behagliche Figur, annahm, als ich meinen Vortrag geendet hatte. Während ich doch wußte, daß er keine Erlaubniß hatte, mir irgend einen der wichtigeren meiner Anträge abzuschlagen, stellte er sich, als thäten ihm die Ohren weh, eine Reihefolge so unnützer vergeblicher Forderungen anzuhören, und es brachte mich wirklich in Verwirrung, als er mit der künstlich ersonnenen Befremdung sagte: Aber, Herr Obersthofmeister, was wollen wir uns die schöne Zeit verderben, auf diese unzähligen, höchst unmöglichen Punkte einzugehen? Darauf begann er vom Bade, von der diesjährigen Saison, von der fashionablen Welt, und bemerkte, als ich wieder auf den eigentlichen Gegenstand einlenkte, indem er mit dem Stuhle rückte: Sie scherzen nur, Herr Obersthofmeister, Ihr Memoire scheint mir mehr eine im rhetorischen Styl verfaßte, übertreibende Ausarbeitung eines kleinen Stoffes, als die Grundlage unsrer Verhandlungen zu seyn. Dabei zog er seinerseits eine Schrift hervor, die er mir vorlas, und worin mit Redensarten, die immer dasselbe sagten, die geschichtliche Entwickelung der politischen Relationen der beiden Fürstenhäuser seit hundert Jahren bis zu dem verunglückten Manoeuvre erzählt wurde. Als er geendet, brach ich den Eindruck, den er aus diesem Aufsatze sich versprach, kurz mit den Worten ab: Was soll das? Der Bruch ist da; aber wir sollen ein Band dafür entdecken. Lieber wär es mir, Sie zeigten mir an jeder einzelnen Forderung, die ich mache, die historisch statistischen Gründe, welche Sie zwingen, sie mir abzuschlagen! Und so stand ich auf, da mir das Sitzen im aufgeregten Zustande unmöglich ist, und fing mit der Regulirung der Erbschaftsansprüche an, welche des Grafen Hof an den meinigen machte.

Ich muß es mit Erröthen gestehen, daß alles das Lächerliche, welches man vom Amalienbader Congresse erzählt hat, allerdings begründet ist. Es handelte sich um einen Erbschaftsunterschleif, den der Fürst von Vierhufen den Vorfahren meines Souverains vorwarf, um zwanzig an der Verlassenschaft eines beiden Höfen angehörigen Verwandten fehlende Schweizeruhren, um zweiundfünfzig dreieckige Hüte, einen silbernen Bettwärmer von ausgelegter Arbeit, um drei goldene Nachttöpfe und eine Menge chinesischer Figuren, welchen am Todestage des Urahns die diamantenen Augen wären ausgestochen gewesen. Der Graf verbat sich den leichtfertigen Ton, mit dem ich über diese Gegenstände sprach, worauf ich ihm einwandte: Ja, dann lassen Sie uns abbrechen; dann müssen wir an den Bundestag gehen und ein austrägalgerichtliches Verfahren einleiten. Ich hätte, fuhr ich fort, die strengste Weisung, daß, wenn dieser Gegenstand nicht in Güte fallen gelassen würde, ich ihn unverzüglich als nur durch gerichtliches Erkenntniß zu lösen anzeigen sollte; worauf Graf L. sehr unwillig erklärte, bis zu solchen extremen Maßregeln und Bundestagseinmischungen wär er, dreier Nachttöpfe wegen, nicht gesonnen zu gehen, und damit war ich denn in dieser Rücksicht im Reinen und am Ziele.

Es würde mich zu weit führen, den ganzen Verlauf dieser ersten Sitzung hier wiederzugeben. Ich lernte in der That einen Staatsmann kennen, der beim westphälischen Frieden nur gefehlt hätte, um ihn noch mehr in die Länge zu ziehen. Kaum hatte er mir eine Forderung eingeräumt, so stellte er sich im nächsten Augenblick so vergeßlich, daß ich ihn daran wieder, als wär es ihm wildfremd geworden, erinnern mußte. Die einzige Ursache, warum ich nicht diesem Gewirr gegenüber Alles verloren gab und an die Abreise dachte, war die Gewißheit, daß des Grafen Instructionen mit den meinigen gleich lauteten, und demnach das Verständniß zuletzt gar nicht ausbleiben konnte. Dem Grafen gegenüber stehend, konnte ich hieran nur wie an etwas Unglaubliches denken: denn gerade das Zunächstliegende rückte er in die weiteste Ferne, das Deutlichste gab er für unklar aus, und das wirklich Schwierige umging er, wie etwas, das sich des Aufwandes vieler Mühe nicht verlohne und sich schon zuletzt als Zugabe von selbst ergeben würde. Kam ich wirklich auf Punkte, wo ich begierig war, sein Gebot oder Gegengebot zu hören, so verfiel er, wenn er durchaus nicht mit der Sprache herausrücken wollte, auf ein Husten und Räuspern, ein Niesen und Schnupftuchziehen, daß ich die Hoffnung aufgeben mußte, aus diesen Manoeuvres eine sichere Meinung herauszuhören. Er fing einen Satz an, nahm dann eine Prise, wollte ihn fortsetzen und stand nun mit aufgerichteten offnen Nasenflügeln in der Erwartung da, zu niesen. Endlich entlud er sich mit heftigem Geräusch, sprach dazwischen immer fort Dinge, die ich verstehen konnte, fing nun an zu schnauben und zu räuspern, hatte scheinbar etwas in die unrechte Kehle bekommen und schloß dann, nachdem sich der aufgeregte Sturm seiner Nasen-, Kehl- und Gurgelorgane beschwichtigt hatte, mit der Erklärung: Dies ist meine Meinung!

Wenn man in diesem Maße Jemanden, an dessen gesunden Sinnen man zu zweifeln gerade keine ausdrückliche Veranlassung hat, Komödie spielen sieht, so ist es wohl zu verzeihen, wenn man öfters in der That nicht mehr weiß, ob man eine Täuschung vor sich sieht oder am Ende doch wohl etwas, das einen Schein von Wahrheit für sich hat. Man geräth in eine Verwirrung, deren nächste Folge die ist, daß man sich aus ihr durch ein Aufnehmen der dargebotenen Fäden, durch ein Eingehen auf den vorgeschlagenen künstlichen Kampf zu retten sucht. Ich will nicht verschweigen, daß mich die Umtriebe des Grafen allmählich zwangen, auf sie einzugehen. Wie wir mit einander auf- und abgingen in dem geräumigen Saale, bemerkte ich, daß er mit einem Zettelchen wie in der größten Zerstreuung spielte. Ein Diplomat kann eine solche Entdeckung nie ohne eine Aufregung und den Wunsch der Bemächtigung machen. Ich hefte meine Blicke geistig fest auf das Papier, es entfällt, wie zufällig, den Händen des Grafen, der plötzlich die Uhr zieht und für heute die Verhandlung abgebrochen wünscht. Ich sehe den Zettel auf der Erde liegen, lasse, wie zufällig, mein Taschentuch darauf fallen und steck es unerschrocken ein. Wir empfehlen uns Beide schnell, und kaum bin ich auf dem Wege zu meinen Zimmern, so entfalt ich das Blättchen. Nachdem ich den Inhalt desselben gelesen hatte, gestehe ich, daß ich mich schämen mußte. Es enthielt einige Notizen, welche gerade Alles das, was mir der Graf eingestanden hatte, am meisten in Abrede stellten. Er hatte beabsichtigt, mir diesen Zettel in die Hände zu spielen und dadurch meine Ungewißheit über den Stand der zu verhandelnden Fragen in völlige Verwirrung zu bringen. Ich durchschaute die Absicht und ließ mich nicht täuschen. Ich wußte ja, daß die Diplomaten öfters Briefe, ohne Chiffern und leicht zu öffnen, expediren, gerade, damit sie aufgefangen, erbrochen und gelesen werden. Als die Russen im Jahre 1811 erwarteten, Oestreich würde sich ihnen zum Kriege gegen Napoleon zuwenden, wie mancher Brief ist damals von den Franzosen aufgefangen worden, dem Metternich gerade von Seiten mancher Hofdamen oder anderer scheinbar indifferenter Personen die größte erkünstelte Sorglosigkeit, die man nur im Angesicht des Feindes haben kann, hatte einflößen lassen. Man kann daher wohl in der Diplomatie annehmen, daß, wenn man durch irgend eine Unterlassungssünde des Gegners in den Besitz wichtiger Nachrichten gekommen ist, diese in hundert Fällen neunzig Male gerade die Bestimmung haben, uns irre zu führen; wodurch ich denn auch hinreichend genöthigt war, mich von meiner bisherigen Beurtheilung der zwischen mir und dem Grafen schwebenden Sachlage durch diese scheinbar gelungene Diversion desselben nicht abbringen zu lassen.

Am folgenden Morgen ertappte ich den Grafen wieder auf einer neuen Spiegelfechterei. Kaum hatte ich mich nämlich zur Fortsetzung der begonnenen Verhandlungen gerüstet, so hieß es, der Graf wäre ? abgereist. Im ersten Augenblick setzte mich dies Verfahren allerdings in Erstaunen und flößte mir Besorgnisse ein. Aber gerade die Verlegenheit, in der ich mich befand, half mir, für die Veranlassung desselben Aufklärung zu finden. Eine kleine Calesche war allerdings in aller Frühe fortgefahren; ob sie aber den Grafen wirklich enthielt, bezweifl ich. Es fiel mir ein, daß es eine alte Lehre der verschmitzten Diplomatenpraktik ist, nicht immer auf demselben Platze zu bleiben und gleichsam vor den sichtlichen Augen seiner Gegner nicht alt und grau und wenigstens gewöhnlich und alltäglich zu werden. Ein Gesandter gewinnt viel, wenn er mitunter kleine Reisen und sich dadurch zum Gegenstand eines bei jeder Rückreise immer wieder frischen Interesses macht. Russische Gesandte in Paris und London sollten nie länger auf diesen Stationen seyn, als ein halbes Jahr; österreichische, z. B. am Bundestage, sind es auch bekanntlich nicht. Herr von Münch-Bellinghausen versteht es vortrefflich, durch seine längere Abwesenheit vom Bundestage sich bei jeder Rückkunft von Wien immer wieder ein neues und imponirendes Interesse zu geben. Die Zeitungen berichten mit Sorgfalt den Tag der Abreise und der Wiederkunft, der Geschäftsgang am Bundestage richtet sich nach diesem Kommen und Gehen, und Oesterreich hat davon den Vortheil, Preußens bequem und behaglich in Frankfurt ausdauernde Repräsentation in den Hintergrund zu stellen. Nicht anders mochte Graf L. verfahren. Da es ihm im Großen nicht möglich war, die Launen einer mächtigen Diplomatie nachzuahmen, so versuchte er es im Kleinen. Im Verlauf des Congresses verschwand er nicht weniger als viermal vom Schauplatze der Begebenheiten. Die Calesche fuhr ab, wohin, wußte Niemand. Sie blieb einen, mehrere Tage aus, und, da sie Nachts zurückkam, so ließ sich nicht entscheiden, ob sie wirklich den Grafen zurückbrachte, oder ob dieser sich inzwischen freiwilligen Stubenarrest auferlegt hatte. Später hört ich einmal, daß er seinen Leuten die Bewahrung dieses Geheimnisses nicht mehr anzuvertrauen wagte, und daß man ihn, den alten Mann, einmal in dem Keller seines Hauses versteckt betroffen habe, während in den Zeitungen stand, daß er auf einer Reise begriffen wäre. Und, wenn sich diese Reisen nicht ausführen ließen, so suchte der Graf wenigstens dadurch sein Princip geltend zu machen, daß er sogar bei mündlichen Verhandlungen öfters um Entschuldigung bat und sich auf Augenblicke aus dem Zimmer entfernte. Den Ruf, daß er ein Mann wäre, der das Wasser nicht halten könne, scheute er weit weniger, als den Verlust jener kleinen Vortheile, die er durch sein auffallendes und für die Gegenpart allerdings lästiges Benehmen davonzutragen glaubte.

Es wurden im Verlaufe der Unterhandlungen von dem Besitzer des Amalienbades und verschiedenen vornehmeren Mitgliedern der sehr gemischten Kurgesellschaft einige kleine Feste veranstaltet, denen die harmlose und nur im Allgemeinen ausgesprochene Absicht, die anwesenden Diplomaten zu ehren, zum Grunde lag. Hier spielte der Graf L. die wunderlichsten Rollen. In einem Cirkel beim Grafen von d. N. erdrückte er mich fast mit Höflichkeiten, die ich nicht erwidern konnte, da sie, zumal nach einer sehr heftigen Begegnung, die wir an demselben Vormittage gehabt hatten, kaum am passenden Orte zu seyn schienen. Die glatten, fast zärtlichen Manieren des Grafen L. zwangen mich, auf meiner Hut zu seyn und sie durch ein ähnliches Betragen weniger zu erwidern, als zurückzuweisen. Ich sah mich genöthigt, auf die Farce des Grafen einzugehen und vor der Gesellschaft ein Schauspiel durchzuführen, welches Einige der Anwesenden sicher gescheit genug waren zu durchschauen. Wir behandelten uns mit einer Auszeichnung, als hätten wir eben unsere ersten Gegenvisiten gemacht. Er schien nur auf den Wink meines Auges zu warten, um jedes kleine Bedürfniß, das ich etwa äußern dürfte, gleich wahrzunehmen und, wo möglich, zu befriedigen. Diese Sorgfalt erstreckte sich sogar so weit, daß er, als die Sonne so ins Fenster schien, daß ich von ihrem Schein getroffen wurde, lief und heftig an den Rouleaux zerrte, bis oben ein Nagel wich und sie hinunterstürzten. Mich zwang nun wieder der gleiche Trieb, ihm gefällig zu seyn, den er künstlich in mir aufgeregt hatte, den gebröckelten Kalk von seinen Kleidern wischen zu helfen und mich als die Ursache einer Verwirrung anzuklagen, die sich der ganzen Gesellschaft bemächtigte. Es kam ferner, der gemischten Gesellschaft wegen, zu Geistesspielen, in welchen er alle Spitzen seines nicht gewöhnlichen Verstandes auf mich richtete, sie aber durch darauf befestigte Blumengewinde zu eben so vielen Huldigungen machte. Es ist mir nie so viel Erfreuliches gesagt worden, und nie hab ich mich in dem Grade bemüht, auf Jemanden wohlthätig zu wirken, als an jenem Tage.

Bei einer andern festlichen Gelegenheit schien dagegen der Graf L. diese Rolle gänzlich vergessen zu haben. Er hatte Ursache, mich weniger zu schonen, als neulich, wo wir auf dem Punkte standen, uns unverrichteter Sache zu trennen. Einige seiner Forderungen waren an meinem festen Willen, sie ihm zu verweigern, gescheitert, andere hatte er mir nach heftigen Debatten einräumen müssen. Weil er wohl wußte, daß ich nach einem solchen Vorgange an ihm keine üble Laune wahrnehmen durfte, und er doch nicht heiter genug gestimmt war, mir in Gegenwart so vieler Zeugen den Hof zu machen, so zog er diesmal andere Saiten auf. Er spielte den Zerstreuten, den Abwesenden, den alten schwachen Mann, der jede Minute etwas vergaß und sich nicht einmal auf das kaum Dagewesene besinnen konnte. Die künstlichen und bewußten Irrthümer spielen bekanntlich eine große Rolle in der diplomatischen Kunst. Man erzählt sich, daß Graf L. auf diese Art seinem Fürsten den Titel königliche Hoheit statt Durchlaucht verschafft hatte; er hatte sich in mehreren Depeschen an fremde Höfe dieses Titels bedient, gleichsam aus Versehen, und fast alle hatten blindlings, die Depeschen vor den Augen, den Titel in ihre Antwort rückübertragen, woraus eine formelle Anerkennung, die ein factisches Recht hatte, unbedingt hergeleitet wurde ? eine Intrigue, die stark an jenen künstlichen Dechiffrirfehler erinnert, durch welchen die preußische Königswürde vom kaiserlichen Hof in Wien anerkannt wurde. Und doch war Graf L. an jenem Abende, trotz seiner Zerstreuung, gesammelt genug, mir einige Streiche zu spielen, die Diplomaten unbedingt nicht ertragen können. Er faßte nämlich zuweilen Jemanden von seinen oder meinen Attachés beim Knopfloche und stellte sich mit ihnen, leise wispernd und mich starr fixirend, in eine Fensternische. Man kann so etwas nicht sehen, ohne von der Vorstellung gepeinigt zu werden, man wäre selber der Gegenstand jener geheimen Mittheilungen. Ich weiß sicher, daß der Graf diese Umtriebe nur anlegte, um mich in Verlegenheit zu setzen und mich gleichsam mit unsichtbaren und gar nicht vorhandenen Netzen zu umstricken. Bedauert hab ich einen jungen Mann, der die Badesaison mitmachte, einen jungen Literaten Namens Schmeißer. Dieser hatte einige überschwängliche Worte, die sehr viel Geist und noch mehr Arroganz verriethen, fallen lassen. Der Graf, scheinbar geblendet von dem Glanz dieser Behauptungen, stand auf, winkte dem jungen Manne, faßte ihn vertraulich ins Knopfloch und stellte sich mit ihm an die Fensterbrüstung. Ich sah es, daß der Literatus hochroth wurde: denn Graf L. fing von diplomatischer Carrière, classischem Styl, geistreichen Wendungen, von Manifesten, Depeschen und officiellen Zeitungsartikeln an und eröffnete dem jungen Manne Perspectiven, für welche, ich erfuhr es später, der Graf am folgenden Tage, als ihm der Glückliche einen Besuch machen wollte, kein Gedächtniß mehr hatte. Ein grausamer Riegel wurde vor die Camera obscura geschoben, in die ihn der Graf nur meinetwegen hatte blicken lassen: denn auf mir ruhte während des ganzen Gesprächs in der Fensterbrüstung sein Auge; um mich in Schach zu halten, hatte er mit aller Welt zu flüstern und Geheimnisse zu verhandeln; und ich muß gestehen, die Stellung zweier diplomatischen Contremineurs ist so kitzlich, daß ich während solcher Umtriebe nie recht meiner selbst Meister seyn konnte, sondern immer in einer gereizten Spannung dasaß, die ich durch frühere Entfernung aus der Gesellschaft abzubrechen suchen mußte. Der Literat that mir leid; die Aussicht, eine Stelle, wie Herr von Gentz sie bekleidete, zu bekommen, war ihm nur zu einem ihm ganz unbekannten, intriganten Zwecke eröffnet worden. Er wußte nicht, daß er, indem seine Geistesgaben einen großen Triumph zu feiern schienen, lediglich nur eine Statistenrolle spielte.

Ich erfuhr es schon von meinen Leuten, daß der Graf L. eifrig bemüht war, sich nach meinen etwaigen kleinen Schwächen zu erkundigen. Ich mag deren sehr große haben; aber die kleinen Laster mit ihrem Gefolge von Blößen, die man der Welt gibt, von Lächerlichkeiten und oft merklichen Nachtheilen hab ich von jeher gehaßt. Mein Wesen ist moralisch und körperlich zu nüchtern, als daß ich für die Ueberrumpelungen des Grafen L. eine Bresche hätte darbieten können. Ich besaß für den fernern Verlauf unsrer Verhandlungen einige Geheimnisse, von denen ich um so mehr wußte, daß der Graf um jeden Preis dahinter kommen wollte, als ich auch in der That einen Courier erhielt, der mir Nachrichten überbrachte, die meine Instruction zwar nicht wesentlich, aber doch in einigen Punkten veränderten. Der Graf bot Alles auf, um hinter den Inhalt dieser Depesche zu kommen; da sie aber nur mir bekannt war, so konnte sie auch nur aus mir selbst herausgelockt werden. Wenn Diplomaten alle Wege vergebens versucht haben, das wußt ich wohl, so steigen sie zu den thierischen Leidenschaften herab und suchen auf diese zu wirken. Ich hörte an den Geständnissen meiner Leute, daß der Graf schon bis auf diese letzten Hülfstruppen gekommen war. Nun, dacht ich, so erlaubst du dir zur Abwechslung einen Scherz mit ihm! Ich gab meinen Leuten Anweisung, bei nochmaliger Anfrage ungefähr so viel fallen zu lassen, als wär ich etwas schwach im Trinken und übernähme mich darin leicht, falls man Geschick genug hätte, mich dabei etwas in Zug zu bringen. Diese Notiz zündete, und noch auf denselben Abend lud mich Graf L. zu einem kleinen vertrauten Abendessen bei sich ein. Der Speisen waren nicht viel, aber der Weine weit mehr; Graf L. sagte, die Küche könne er nicht so mit sich führen, wie den Keller. Er war ungemein heiter, sprach über Dinge, für die ich ihm kaum eine Empfänglichkeit zugetraut hätte, und würde mich in der That redselig und durstig gemacht haben, hätte ich mich nicht gerüstet. Aeußerlich jedoch that ich, als wär ich einer jener militärischen Diplomaten, die jetzt so üblich sind, und denen man sich allerdings nicht besser nähern kann, als wenn man sich mit ihnen betrinkt. Da ich aber mein Trinken, das ich allerdings nicht ganz unterließ, an einen festen Vorsatz, nämlich an die Bedingung geknüpft hatte, daß es mir Graf L. darin, wenn nicht zuvor, doch gleich thun müsse, so stellte sich bald ein Erfolg heraus, der in der That ein Werk der Nemesis schien. Ich hatte einen festen, leitenden Gedanken, der mir Kraft gab, meine Besinnung vollkommen zu beherrschen; Graf L. dagegen, stürmisch nur an das scheinbare Gelingen seiner List denkend, hatte sein Bewußtseyn nicht so siegreich in der Gewalt; die Wellen der durch den Wein erregten Heiterkeit glitten über seine Besonnenheit hinweg und betäubten bald alle die Vorsätze, die er, seines Einflusses auf mich gewiß, für sich selber gar nicht gefaßt zu haben schien. Nun war das Verhältniß umgekehrt. Ich nüchtern, Graf L. trunken. Ich heiter und mittheilsam, Graf L. aber, um mich zum Aeußersten zu verlocken, schwatzhaft, rücksichtslos und zuletzt seiner selbst nicht mehr mächtig. Um ihn nicht mißtrauisch zu machen oder, was in diesem Zustande so leicht ist, zu erzürnen, befriedigte ich ihn mit ersonnenen und irrthümlichen Zugeständnissen und riß ihn damit selbst zu einer Beichte hin, die er mir freiwillig, jetzt ohne allen Rückhalt, mit drolligem Jubel gab. Wollt ich alle die Intriguen, die er mir damals von sich erzählte, hier wiedergeben, sie würden sich wie die Geschichte eines diplomatischen Gilblas ausnehmen. Erst in tiefer Nacht schieden wir.

Das Erwachen muß für Graf L. fürchterlich gewesen seyn. Da die Anker seines Gedächtnisses mit dem Rausche fortgespült gewesen waren, so hatte er selbst von den Erfindungen, mit denen ich ihn bediente, nichts behalten können. Aus der Leere seines Gedächtnisses mußte ihm am folgenden Morgen gleich erklärlich gewesen seyn, wie er sich den Abend vorher verrechnet hatte. Was er selbst nicht wußte, bestätigten ihm die Bedienten. Der Gedanke, daß er selber gewiß mehr geredet hätte, als sich mit seinem Systeme der Schweigsamkeit und Klugheit vertrug, peinigte ihn sicher entsetzlich. Ohnehin wird das Gefühl nach einem verschlafenen Rausche darum so bitter, weil man sich der vielen exaltirten Reden wegen, die man dabei geführt hat, und von denen ein wirres Echo Einem noch immer im Ohre nachklingt, recht abgeschmackt und dumm vorkommt. Er fühlte, daß er in dem gemeinschaftlich von uns angestellten Wettlaufe weit hinter mir zurück blieb, seitdem er sich in dem Grade vergessen und in eigenen Gruben fangen konnte, und mußte nun das Aeußerste aufbieten, um wieder mit mir in gleichen Schritt zu kommen. Ich gestehe, daß Graf L. sich hierbei wieder einer List bediente, die nicht klüger ersonnen seyn konnte. Er fing nämlich an, da er doch einmal wußte, wie viel oder wenig mir im Moralischen beizukommen wäre, meinen Abscheu gegen Lügen und Verstellungen auf eine sehr empfindliche Probe zu stellen. Um mich zu zwingen, die Verhältnisse einiger Fragen nach ihrer Wahrheit einzugestehen, kam er auf den glücklichen Einfall, sie mir durch Lügen zu entlocken. Er stellte die kecksten Behauptungen auf, auf welche er so entschiedene Schlußfolgerungen baute, daß ich in die peinlichste Ungewißheit gerieth, ob ich sie auf sich beruhen lassen oder widerlegen sollte. Er nahm z. B. irgend eine Verfahrungsweise meines Hofes als etwas an, das sich von selbst verstände und allgemein bekannt wäre, baute hierauf nun Folgen über Folgen, die sich bald in solche Annahmen verloren, daß ich, da sie sich wie Anklagen und gefährliche Irrthümer anhörten, sie allerdings nicht ohne Widerlegung lassen konnte. Man denke sich hierin meine schwierige Aufgabe! Ich wußte, daß mir Graf L. auf diese Art einige allerdings nicht unwesentliche Geheimnisse entlocken wollte; und war doch wieder zu gewissenhaft und zu sehr Feind der Lüge, als daß ich ihm seine irrthümlichen Voraussetzungen hätte lassen können; ich gestehe, daß mich dieser Mann durch sein Spiel in eine ungemein schwierige Lage brachte. Mit dem Zugeständniß der Schlußfolgerungen aus seinen Lügen war eben so viel Gefahr verbunden, wie mit Einräumung der letztern selbst. Hätte es sich hier um Dinge von größerem Werthe gehandelt, wer weiß, ob Graf L. hier nicht seinen Gegner zu dem traurigen Bewußtseyn getrieben hätte, daß er aus dem Fuchseisen jenes Mannes nicht gänzlich ohne einige Haare entkommen!

Von einigen kleineren Kunstgriffen will ich nicht weitläufig reden: z. B. von seiner Methode, manche Dinge, die er selbst nicht durchzuführen wagen durfte, einem Dritten in den Mund zu legen. Graf L. benutzte sie gerade zu den größten Grobheiten. Nichts war ihm geläufiger, als zu sagen: Ich erhielt einen Brief, in welchem man mir schreibt, daß Sie würden abberufen werden. Ein ander Mal behauptete er, in Zeitungen etwas Aehnliches gelesen zu haben; viele Keckheiten legte er Leuten aus der Gesellschaft in den Mund, die er mir, um Unheil zu ersparen, hartnäckig verschwieg. »Was würden Sie wohl thun,« sagte er am Vorabend unsrer Schlußverhandlungen zu mir, »wenn wir uns ohne Resultat trennten, und Sie an unsern Hof als Gesandter in dem Moment geschickt würden, wo alle Wahrzeichen auf einen Krieg deuten?« Noch heute bewundere ich die Aufrichtigkeit, mit der er mir damals (er konnte es ja, da kein Krieg in Aussicht war) einen förmlichen Cursus über die Maßregeln hielt, die er in einer solchen Lage ergreifen würde. Daß er mir hier einen wahren Schatz von durchtriebenen Maximen mittheilte, schien gleichsam aus dem Aerger hervorzugehen, wie nun der Congreß ein Ende, und ich vielleicht noch keine allzuvortheilhafte und ausreichende Beweise seiner außerordentlichen Leistungen hätte. Drollig war unter andern für den oben angegebenen Fall die Vorschrift, daß, wenn z. B. ein Gesandter Napoleons in dem Augenblick nach Kaputh geschickt worden wäre, wo ein möglicher Bruch zwischen Frankreich und Sayn-Sayn vorauszusehen war, jener sich besonders dadurch auf seinem schwierigen Posten insinuirt haben würde, daß er über die geringfügigsten Dinge, die den Hof von Sayn-Sayn nur interessiren konnten, in den französischen Blättern ein Aufsehen hätte machen lassen. Man würde sich in Kaputh gratulirt haben, daß z. B. kleine Feste des Landes, unbedeutende Bauten, fürstliche Liebhabereien von dem Werthe für Frankreich sein könnten, um sogar im Moniteur darüber Berichte zu lesen. Eine Entenpfütze vor Kaputh, als ein großer ein großer Ladoga- oder Gardasee im Moniteur hingestellt, würde den Hof von Sayn-Sayn für alle Forderungen Frankreichs empfänglich gemacht haben, wie es auch bekannt ist, daß die Berliner schon deßwegen vor der Schlacht bei Jena sehr gut auf Frankreich zu sprechen waren, weil Ihnen Napoleon durch Correspondenzen im Moniteur schmeichelte und mehrere Spalten dieses officiellen Organs zur Beschreibung des Stralower Fischzugs hergab. Die Berliner hätten ihm für diese Spalten, wenn nur nicht die Schlacht bei Jena gekommen wäre, gern aus eigenem Antriebe die Länderstriche geschenkt, welche Jerôme für die Arrondirung seines Königreichs Westphalen bekam. Kaum glaublich scheint es, daß Graf L. mit mir so heitre Gespräche führen konnte in einem Augenblicke, wo der Congreß beendet werden sollte, und noch nicht ein einziges seiner Resultate sicher war. Graf L. hatte mich sträflich hingehalten, alle meine Forderungen, die bewilligt werden mußten, schwebten noch unerledigt in der Luft, kein Punkt, keine Linie stand fest, und am 1. August unbedingt mußte der Congreß zu Ende seyn. Es war am 31. Juli, wo mir Graf L. das System der Umtriebe erzählte, die er an unserm Hofe, falls er dort Gesandter würde, spielen lassen würde; beim Scheiden lag mir auf der Zunge, ihn zu fragen, was morgen werden würde? Er sah mirs an und brach lächelnd und schnell ab. Unwillig ging ich auf meine Zimmer und setzte noch in der Nacht eine Note auf, die ihm am frühen Morgen schon überreicht wurde. Der erste August war da, und noch keine einzige Frage erledigt. Ich bemerkte sehr viel Unruhe im Schlosse, die Promenade am Brunnen war nicht sehr zahlreich besetzt. Es mußte etwas vorgefallen seyn. Graf L. expedirte vor meinen Augen einen Courier. Nicht lange darauf erhielt ich seine Gegennote. Sie schlug mir Seitens seines Hofes rundweg alle gemachte Bedingungen ab, und wünschte Wiedereinsetzung der Sachlage in den frühern mißlichen Stand. Wie ich schon am Schreibtische meinen heftigsten Ingrimm zu beherrschen suche, um einen Bericht an meinen Hof aufzusetzen, und einem meiner Leute zu satteln befohlen hatte, vermehrt sich die Aufregung im Schlosse. Man läuft Trepp auf, Trepp ab, ich trete ans offene Fenster und sehe Graf L. an dem seinigen. Freundlich winkt er mit der Hand, so daß ich vor Zorn über diesen Menschen das Fenster zuschlage und zurücktrete. Indem bringt mir der Kammerdiener nicht nur ein neues Schreiben von drüben, sondern ich sehe auch eben einen zweiten Courier, den er expedirt hatte, aus dem Schloßhofe reiten. Die erbrochene Note enthielt die Anzeige, daß in der Lösung unserer Verhandlungen eine Krisis eingetreten wäre, die den bevollmächtigten Gesandten Sr. Hoheit des Fürsten von Vierhufen allerdings bestimmen müsse, die vorletzte Note zu desavouiren und des bessern Vernehmens wegen nun, da die Veranlassung des Streites nicht mehr vorhanden wäre ? da so eben der ehemalige Generalissimus, Baron Satan von Höllenstein, gestorben ? auf die jenseitigen Forderungen ohne Weiteres einzugehen. Somit hatte Graf L. aus den Leiden eines Mannes, der allerdings die entfernte Ursache unsrer Verhandlungen war, Veranlassung genommen, seine Verfahrungsweise zu maskiren und Widerstand zu leisten bis auf den Augenblick, der für den armen Dulder, den seit dem unglücklichen Manoeuvre geisteskranken Baron von Höllenstein, der letzte war. Ob und wie dieser Sterbende mit unserer Frage zusammenhängen durfte, kümmerte Grafen L. nicht. Er stand vor seinem Hofe als ein Ausbund der Klugheit da. Er hatte so lange temporisirt, bis er sagen konnte: Wir würden euch nichts, gar nichts bewilligt haben; da aber der Mann da gestorben ist, so geschehe euch Alles, wie ihrs wollt! Man kann nicht leugnen, daß Graf L. durch diese Combination, wo die äußerste Nothwendigkeit noch als gnädigste Großmuth herauskam, sich wirklich als einen scharfsinnigen Kopf bewährt hatte, und er des Großkreuzes des Civilverdienst-Ordens wohl würdig war, das er von seinem Hofe für das Manoeuvre später bekommen hat.

Um diese Schilderung des Grafen L. vollständig abzurunden, muß ich noch hinzufügen, daß er sehr geizig war. Und in der That gestand einer seiner Bedienten, daß er das Ende des Congresses auch darum schon bis auf den Todestag des armen Barons verschoben hätte, um nicht nöthig zu haben, die völlige Aussöhnung mit dem benachbarten Hofe und den glücklichen Ausgang des Congresses durch ein kostspieliges diplomatisches Diner feiern zu müssen. Unvergeßlich wird mir das Andenken dieses exemplarischen Menschen bleiben.

 


 

Neuntes Kapitel.

 

Uebergänge und Ausläufe.

 

Es ist möglich, daß die arme Celinde beim Tode ihres unglücklichen Mannes mehr von dem Schauer vor dem Tode überhaupt, als vom Schmerz über den Verlust an sich geängstigt wurde. Wenn die weißen Tischtücher, mit welchen ein Sarg in die Grube gelassen wird, für Viele, die darum stehen, zu einem neuen fröhlichen »Tischlein, deck dich« des Lebens gehören, und aus einer verlornen Hoffnung hundert neue blühen, einem erstickten Athemzuge tausend tiefere und schwellendere und belebtere nachfolgen, so hätte man auch bei Celinden nicht lange darüber forschen und prüfen sollen, ob ihr die Blumen, die sie auf des Gatten Grab pflanzte, recht vom Herzen gingen, oder ob sie ihren wiedererwachten Sinn für das Leben und die Farbenspiele der Sonne in ihnen verrieth. Wer kann hier entscheiden und richten! Celinde hatte mit am Grabe gestanden, als Blaustrumpf die Leichenrede hielt; sie fürchtete daheim ihre Einsamkeit mehr, als auf dem Kirchhofe das Gepolter des Sandes, den die Todtengräberspaten auf den dumpf widertönenden Sarg schütteten. Wie Blaustrumpf von den Feldherrntalenten des verabschiedeten Kriegers sprach und ihm, in Ermangelung einer in Amalienbad belegenen Garnison, redend einige donnernde Gewehrsalven von Verdiensten um den Staat, das Fürstenhaus und von Wiedersehen und Unsterblichkeit nachschickte und sogar ein dialektisches Kreuzfeuer über den Werth eines höhern Militairs, der sein Lebenlang für die Erhaltung des Friedens besorgt gewesen wäre, spielen ließ, blieben Celindens Augen trocken und irrten nur Hülfe suchend und obdachlos in dem Kreise der dazu aufgeforderten Leidtragenden umher. Als Blaustrumpf aber begann von des Abgeschiedenen letzten Lebenskämpfen zu sprechen, von dem stillen seligen Geistesdämmern seiner Krankheit und von dem frommen Engel, der ihn trug, daß sein Fuß an keinen Stein stieß, der ihn speiste, wie der Prophet in der Wüste gespeist wurde, und Alle mit feuchten Blicken zu ihr hinsahen, da mußte man sie fortführen und ihr unter den stillen Gräbern mit dem Troste des Lebens zusprechen, um nur den Durchbruch ihrer Thränen, die alle Fassung fortzuschwemmen schienen, zu hemmen. Ach, so kann uns selbst eine Last theuer und lieb werden, wenn wir sie lange getragen haben, und ein dem Tode längst geweihtes krankes, verkrüppeltes Kind wird von Elternliebe nur mit bitterstem Schmerz herausgegeben. So weiß man auch nicht, was in Celindens Herzen schlummerte. Schon das Gefühl, daß sie sich durch ihres Gatten Tod erleichtert finden mußte, und das Geständniß dieser Erleichterung, mußten sie wehmüthig gestimmt haben, wie es ja Menschen genug gibt, deren Thränen eine Anklage ihrer trocknen Augen und ein Vorwurf sind, den sie sich ihrer Kälte wegen machen, Menschen, die nicht die schlechtesten sind.

Schlachtenmaler gehörte z. B. zu ihnen; bei ihm trat das Thauwetter des Gefühls gewöhnlich nur aus Schmerz über seine Eiseskälte ein; er war ein zu umsichtiger, schöpferischer, trotziger Charakter, als daß er die von Außen kommenden Eindrücke nicht gleich gebändigt und seiner objectivirten Stellung (denn die war ihm immer gegenwärtig, wie einem Feldherrn) unterthänig gemacht hätte. Die Empfindung war bei ihm dann erst ein Vorwurf, den er sich machte; er wurde weich, weil es ihn schmerzte, so hart seyn zu können. Und Menschen dieser Art haben einen allwissenden, seelenkundigen Blick. Er wußte bald, daß Celindens Schmerz noch weit mehr Furcht war; der Tod betrübte nicht, sondern ängstigte sie. Ihr Zustand kam ihr selber schauerlich vor, und sie würde Schlachtenmalern um Schutz gebeten haben, auch ohne daß sie ihn liebte.

Ganz von selbst hatten sich die abgerissenen Fäden des frühern Verhältnisses wieder zusammen gefunden. Man strich sich scheinbar über die Stirn, als suche man dort eine längst entschwundene Erinnerung wieder aufzufrischen, obgleich die Erkennungszeichen wie goldene Buchstaben an der Stirn prangten oder wie auf einem Palimpsest nur mit den Notizen und Zahlen der gewöhnlichen hauswirthschaftlichen Alltäglichkeit überzogen waren. Schlachtenmaler hatte als Bad-Inspector Celinden so Vieles leisten können, was er für seine Pflicht ausgeben, sie aber auch als einen Tribut der alten Freundschaft aufnehmen konnte. Bei der Krankheit des Barons, seiner letzten gänzlichen Hülflosigkeit, wo man ihn legen und tragen mußte wie ein Wickelkind, bei seinem Sterben und nach dem Tode hatte sich Schlachtenmaler mit seiner umsichtigen und selbst handanlegenden Thätigkeit herrlichst bewährt und sich, Celindens zarten Sinn verstehend, wohl gehütet, die peinliche Stellung der Armen noch durch ein zur Schau getragenes Bestreben und Beabsichtigen zu vermehren. Er that, was er that, wie eine schuldige Pflicht und fiel erst da aus seiner Rolle, als von den traurigen Vorgängen der letzte Rest, Celinde selbst, einsam und bis auf den Tod erschrocken dastand, und man ihr sich nicht anders mehr hülfreich beweisen konnte, als durch geistige Annäherung. Schlachtenmaler fühlte wohl, was Alles auf ihm lag: denn hatte er nicht eigentlich dadurch, daß er den Plan zum Manoeuvre unterschlug und für unsägliche Zwecke benutzte, über den Baron alles Unglück verhängt, seinen Geist verwirrt und den frühen Tod des Vierzigers verschuldet?

Celinde wußte wohl, daß sie nun Amalienbad verlassen sollte; doch überredete sie Schlachtenmaler, so lange zu warten, bis das Grab des Barons mit all dem Schmuck würde versehen seyn, welchen man aus Kaputh kommen lassen mußte, da nicht einmal an Blumen in dieser dürftigen Gegend eine hinreichende Auswahl möglich war. Schlachtenmaler zeichnete einen Würfel als Grabstein, auf welchen aus Gußeisen Helm, Schild, Schwert und andere militairische Insignien kommen sollten. Als er mit diesem Plane Celinden gegenüberstand, wagte sie erst lange nicht, ihn anzusehen, und reichte ihm dann weinend die Hand, als wollte sie ihn jetzt erst zum ersten Male nach so langer Trennung begrüßen. Seine Zeichnungen, ihre Malereien, die musikalischen Abende und der Solgersche Sophokles ? Alles stand in diesem Augenblick wie von den Todten auf und blickte sich forschend und fragend an und tastete sich in die Nägelmale und suchte sich wiederzuerkennen; Schlachtenmaler, längst durch dieses Amalienbad in seinem Innern wankend gemacht, ja fast zerrüttet, hielt das selige Wiedersehen nicht lange aus, sondern sank erschöpft auf den Sessel und sagte nur mit einer Bitterkeit, die Celinden unendlich rührte: »Ach, was ist das Leben!« Es war gewiß nicht Viel und nichts Tiefes, was er da sagte, aber es lag ein ungeheurer Schmerz in dem Ausdruck, den seine Mienen annahmen. Die Seligkeit der Erinnerung, die ihn ergriff, war ein stechender und verwundender Ueberreiz. Beide Hände mußte er an sein Herz pressen, um es zu beruhigen.

In Celinden aber tauchten die alten Zeiten nicht wie drohende, zürnende und verhüllte Göttinnen, sondern wie lächelnde, gleich Schmetterlingen flatternde Nymphen mit bunten Flügeln auf, und sie konnte nicht weinen, weil sie Schlachtenmalern so unglücklich sah, sondern sie freute sich innerlich, weil sie einen so schönen, tiefen und bezaubernden Blick in sein gutes Theil werfen konnte. Wie er da an den Stuhl lehnte, die Hand das männlich schöne Haupt stützend und tief in Nachdenken verloren, da war er ihr wie eine selige, in Sonnenglanz sich badende Sonntagslandschaft, mit Glockengeläut und geschmückten Spaziergängern, mit Lerchenjubel und Waldhornruf; nicht jener schäumende Bergstrom, wie früher, der sich wild von den höchsten Gebirgszacken stürzte, in seinem Silberschaum allerdings manche losgerissene Alpenblume bergend, aber keck und grausam mit ihr spielend. Sie näherte sich ihm und nahm seine nachlässig hingleitende Rechte auf und fragte nach seinen Schicksalen, seit sie sich getrennt hatten. Schlachtenmaler sagte lächelnd: »Ach, Celinde, ich bin Vieles gewesen. Ich war eine Zeitlang unter dem Namen Carl Moor, in den böhmischen Gebirgen sehr thätig und opferte manchen Gutsbesitzer und zuletzt mich selbst dem Ideal einer veredelten Menschenrace. Dann war ich eine Zeitlang Hofmeister und Busenfreund bei einem jungen spanischen Kronprinzen, dessen Vater eine neue Welt erobert hatte, um damit die alte zu unterjochen. Mein Zögling war das Opfer des tyrannischen und eifersüchtigen Vaters, während ich selber noch mit diesem über Gedankenfreiheit mich nicht ganz verständigt habe. Die größte Abwechselung ist der Charakter meiner erlebten Abenteuer. Ich war sogar einmal genöthigt, vor meinen Verfolgern in die Wohnung eines Scharfrichters zu fliehen, der mich unter dem Namen Hinko so lang in seinem Handwerk unterrichtete, bis ich mich dem Irrthum, als ein Königssohn am Rabenstein entdeckt und zu großen Ehren befördert zu werden, nicht anders, als durch schnelles Umkleiden entziehen konnte. Bei vielen tragischen und komischen Begebenheiten bin ich einer der vornehmsten Mitspielenden gewesen; Schiller und Goethe, Kotzebue und Raupach sind mir für wesentliche Dienste, die ich ihnen leistete, Verpflichtungen schuldig; so Vieles hab ich erlebt, daß ich endlich, überdrüssig des ewigen Wechsels, vom Schauplatz abtrat und die Zurückgezogenheit dieses Bades aufsuchte.« Celinde verstand den Freund nicht anders, als daß er ohne Bild von wirklich Erlebtem sprach; gerade das, was ihr von der Bühne hergenommen schien, war für sie das Gleichniß. Sie staunte und freute sich, ihn nach so vielen Irrfahrten in einem ruhigen Hafen zu wissen.

Für schöne und gute Seelen ist die Liebe in ihrem Entstehen und Fortschreiten nichts specifisch für sich Bestehendes, keine ausschließliche und alleinige Aufgabe, sondern ein griechisches Feuer, welches in dem gewöhnlichen Stabe des alltäglichen Lebens, mit dem man geht und wandert, innerlich verschlossen und geborgen ist. Wie eine Rebe rankt sie sich an das Spalier der gegebenen Verhältnisse auf, still unter ihren breiten Blättern reifend, bis die Zeit erfüllet ist. Nie erwähnt, ist sie immer zugegen. Ohne Händedruck sind die Seelen vereint. Im Zufälligen liegt die Absicht, das Bedeutende im Gewöhnlichen. So war auch zwischen Schlachtenmalern und Celinden jetzt eine innige Liebe vorauszusetzen, aber sie wurde nicht ausgesprochen. Sie ketteten sich unauflöslich an einander, ohne sich Beide den Verlust ihrer Freiheit gegeneinander einzugestehen. Sie fanden für den bedeutsamen Inhalt ihrer Gegenstimmungen gleichgültige Worte und legten in scheinbar zufällige Formen dasjenige thatsächlich nieder, was Andere sich erst in Katastrophen und künstlichen Scenen, nach gewechselten Briefen, gedrohten Selbstmorden und in bestellten Begegnungen weitläufig gestehen und auseinandersetzen müssen. Spinoza liebte Olympien, indem er von ihr Latein lernte, Voltaire die Marquise du Chatelet, indem sie zusammen Mathematik und Physik trieben und über Newton Bücher herausgaben, an welchen Beide gleichen Theil haben. So auch zückte Schlachtenmaler das Schwert seiner Liebe niemals offen, sondern trug es in der Scheide von Malerei, Lecture und Musik, durch welche er sich mit Celinden verständigte. Er war, da er ihren zarten Sinn kannte, unermüdlich, solche Vehikel seiner Neigung aufzufinden und die Naturwissenschaften, die alten Classiker und Schiller und Goethe für sich sprechen zu lassen. Diese Beschäftigungen steigerten die Sehnsucht mehr, als sie sie abkühlten; sie war nicht Wasser, sondern Oel für die Flammen ihrer Liebe.

Celinde fand noch ein anderes Mittel, ihrer Liebe zu Schlachtenmalern unverfängliche Worte zu geben. Sie hauchte nämlich den ganzen Zauber ihrer Zärtlichkeit, den sie gegen diesen zurückhalten mußte, gegen seinen Vater aus. Gerade an der treuen Hege und Pflege der Besitzthümer des Geliebten gibt die unschuldige Neigung der Frauen zuerst ihre Gefühle kund. Schlachtenmaler kannte Jemanden, dessen Geliebte sich ihm zuerst durch die Sorgfalt verrieth, welche sie seinen Handschuhen zuwandte. Sie duldete niemals eine aufgerissene Naht in ihnen, ja, ersparte ihm sogar den zu häufigen Ankauf von neuen dadurch, daß sie ihm, nach zarter Frauensitte, die Flecken mit Brodkrume und Gummi elasticum ausrieb. Für Celinden war Blasedow dieser Handschuh ihres Freundes. Sie besuchte ihn in der kleinen abgelegenen Kammer, die er sich zum Aufenthalt gewählt hatte, sie steuerte der beispiellosen Unordnung, die in diesen engen Mauern herrschte, sie suchte ihn für die Reize einer saubern Lebens- und Leibeseinrichtung dadurch empfänglich zu machen, daß sie nicht erst von deren Nothwendigkeit und Annehmlichkeit sprach, sondern ihm hinlegte, was er finden mußte, ihn zwang, zu nehmen, was er, ohne aufzufallen, nicht abweisen durfte, z. B. reine Hemden und saubere Schnupftücher. Sie hing sich wie eine Tochter an seinen Arm und hätte ihn wie Antigone nach Kolonos begleitet, wenn dieser Oedipus sich bewußt gewesen wäre, die Götter beleidigt zu haben. Die Sommerfäden manches zarten und sinnigen Gespräches, das sie mit einander führten, blieben in den Zweigen des Parkes hängen. Sie suchten sich die dunkelsten Schattengänge, die die äußersten Ränder des Parkes darboten, um mit einander auszutauschen Liebe gegen weisheitsvolle Sprüche, Trost gegen die poetischen Ahnungen eines Sehers, Ermunterung und zärtlichen Zuspruch gegen mannigfache geistvolle Belehrung. Sidonie, die, eine weltkluge Frau, den eigentlichen Schnallenhaken dieses innigen Bandes wohl kannte, nahm an den Spaziergängen mit jener vornehmen, scheinbar leidenschaftlosen Ruhe Theil, auf deren tiefstem Grund doch selbst bei so resignirten Wesen immer noch ein gewisses Gefühl von Haß oder etwas dem Aehnliches schlummerte. Auch gegen die Kälte, die ihr einmal angeboren war, konnte sie nicht. Blasedow gewann in diesem Verein eine Frische wieder, die wenigstens auf die Wangen seines Geistes einen heitern, ruhigen Abglanz zurückzauberten. Die Badegäste behaupteten, er hätte eine Prämie in der großherzoglich Darmstädtischen Serienziehung gewonnen. Schlachtenmaler indessen verfiel immer mehr in einen gegen seinen excentrischen Charakter so grell abstechenden Tiefsinn. Der Friede jenes schönen Vereins, in welchem Blasedow neues Leben gewonnen, schien ihn zu Empfindungen herabzustimmen, welchen eine ungewöhnliche Seelenqual zum Grund liegen mußte. Feurig, aber vor Zorn, flammten seine Augen nur auf, wenn ihm der Graf begegnete. Sonst schien er über etwas zu grübeln, das Celinde am wenigsten ahnte, da sie sich so glücklich fühlte.

Um diese Zeit war es, daß in der Amalienbader Gesellschaft eine Erscheinung auftrat, welche zwar nicht selber das Aufsehen, das sie machte, zu beabsichtigen und irgendwie nähren zu wollen schien, es aber auch nicht hindern konnte. Ein Türk in seiner Nationaltracht, mit zahlreicher Dienerschaft, trat plötzlich auf dem Schauplatz unserer Erzählung auf. Ein Bimbaschi schien er wenigstens zu seyn; seinem Gefolge und seinen Geldmitteln nach hätte er auch ein Pascha, von wenigstens zwei Roßschweifen, seyn können. Vielleicht war es auch nur ein Privatmann, der zu seinem Vergnügen in Europa reiste, oder ein umgekehrter Fürst Pückler, der die Absicht hatte, eine Reisebeschreibung über Europa herauszugeben. Viele Badgäste, die im Begriff waren, abzureisen, bestellten die Postpferde wieder ab; auch war Schlachtenmaler lange zweifelhaft, ob nicht der Graf, um die Gesellschaft zu fesseln, hier wieder eine Verkleidung veranstaltet und irgend einen Abenteurer in Türkenkleider gesteckt hätte. Indessen, so räthselhaft allerdings der Bimbaschi selber war, so konnte doch seiner Umgebung, die aus einem Haushofmeister, einem Koch, zwei Kammerdienern und vier Schwarzen bestand, der echte türkische Charakter nicht abgesprochen werden. Diese Leute verriethen in allen ihren Bewegungen und naiven Vorstellungen, daß sie von der europäischen Civilisation höchstens in den Fragen beleckt worden waren, die den Luxus betreffen; wenn es allerdings auch auffallend blieb, daß der Bimbaschi selber ein artiges, wenn gleich sehr gebrochenes Deutsch sprach. Ohne sich eines Dolmetschers zu bedienen, leitete der Fremdling alle Verhandlungen, die mit der ökonomischen Verwaltung des Bade-Ortes unvermeidlich waren. Zuweilen schlug er, wenn ihm ein Ausdruck nicht geläufig war, ein Wörterbuch nach, eine Sitte, die ihm aber auch dadurch wieder etwas Verdächtiges gab, daß er im Türkischen selbst öfters stecken zu bleiben schien. Freilich war das Letztere mehr eine Vermuthung: denn die Diener des Bimbaschi durften in seiner Gegenwart nur sprechen, wenn kein gesitteter Europäer zugegen war. Aber man wollte doch gehört haben, daß es ihm in seinen belauschten Gesprächen mit ihnen öfters an den recht bezeichnenden Wendungen fehlte, daß er wohl gar stockte, und Vieles von dem, was er sprach, den echten Türken unverständlich war. Wenn man nun hieraus wieder schließen wollte, der Bimbaschi dürfte ein Renegat seyn, so war dies theils voreilig, indem seine Gelehrsamkeit vielleicht die abgebrochenen Sätze liebte oder ihn dem gemeinen Muselmann unverständlich machte, theils war es gleichgültig, da das Interesse an dem Bimbaschi dadurch eher nur gehoben, als gemindert wurde. Und Niemanden war an alle dem weniger gelegen, als dem Grafen. Der räthselhafte Türke schien bei einer unerschöpflichen Casse zu seyn. Er nahm alle die Zimmer ein, welche Graf Leibrock und Herr von Hundt eben verlassen hatten, und, wenn er auch keinen Wein trank, so war er an andere theure Bequemlichkeiten gewöhnt und schien wenig Sinn für den Werth des Geldes zu haben. Das Letztere in dem Grade, daß Schlachtenmaler hier wieder ein Zeichen der Verstellung zu entdecken glaubte, ob er gleich an eine Intrigue des Grafen nun nicht mehr zu denken brauchte. Er gönnte dem Grafen die Wahrheit dieser Erscheinung nicht; er hätte gewünscht, Lug und Trug wäre sein Anfang und Ende gewesen; er ärgerte sich, daß dem Grafen eine falsche Saat in echten Früchten aufgehen sollte; doch ließ sich eine genauere Beobachtung nur in einiger Entfernung anstellen. Der Bimbaschi lebte zurückgezogen und beobachtete in fremder Gesellschaft ein hartnäckiges, dem Orientalen eigenthümliches Schweigen.

Eines Tages stand der Bimbaschi mit jener würdevollen Ruhe, die ihn beim Spiel immer auszeichnete, an der Roulette und warf, dem türkischen Fatum trauend, blindlings seine Goldmünzen in die Zahlen hinein. Da bemerkten die Umstehenden plötzlich, daß er erblaßte und sich an der Kante des grünen Tisches zu halten suchte. Der Gascogner Alboin hatte ihm eben einen ansehnlichen Gewinn auszuzahlen; doch achtete der Bimbaschi nicht darauf, sondern stierte in eine Ecke des Saales, wo eine lange, hagere Gestalt an der Mauer lehnte und mit abwesenden Blicken in die Flammen des über der Roulette hängenden Kronleuchters schaute. Die Umstehenden sahen bald den Bimbaschi, bald den unglücklichen Spieler Blasedow an. Dieser blieb unbeweglich, da er die Aufmerksamkeit, die er erregte, nicht bemerkte; jener ließ seinen Gewinn unangerührt auf der Stelle liegen und schien beim Anblick jenes gespenstischen Wesens mit Empfindungen zu kämpfen, die die höchste innere Aufregung voraussetzten. Indem schlug das Glück dem Bimbaschi wieder zu; man erinnerte ihn daran, daß der Goldhaufen, der auf der von ihm schon lange besetzten Zahl lag, ihm gehöre; der Türke fuhr wie Einer, der sich verrathen oder wie auf einem Gedanken ertappt glaubte, auf, besann sich, strich seinen dunkeln Bart und sagte halb in Pantomimen, halb in minder gebrochenem Deutsch, daß man den Gewinn jenem Mann an der Wand auszahlen solle. Damit ging er eilends vom Tisch und aus dem Saale. Der Graf, der zugegen war, meinte, das Geld gehöre der Bank, weil der Türk ein Gespenst gesehen zu haben glaubte und sich eingebildet hätte, daß er den Göttern, um sie nicht zu erzürnen, sein Glück opfern müsse; doch Schlachtenmaler stieß den Haken, mit welchem der Graf das Geld an sich ziehen wollte, zurück, strich es ruhig ein und trug es seinem Vater hin, der wie aus einem Traum erwachte und nicht wußte, was er zu diesem Geschenke sagen sollte.

 


 

Zehntes Kapitel.

 

Eine politische Schehersade.

 

Als Blasedow von der wunderlichen Grille des Türken gehört hatte, erwachte in ihm eine Vorstellung, der er eine an ihm ganz ungewöhnliche Thätigkeit widmete. Er malte sich den Eindruck aus, den auf die üppige Phantasie dieses Morgenländers Europa mit seiner blassen Cultur machen müsse; er empfand ihm ein Grauen nach, als wär er selbst im Banne von Damaskus geboren und trüge nun die enge und prosaische Tracht des Europäers, in dessen gemüthlosen Verhältnissen er sich bewegen müsse. Er sah in dem Bimbaschi eine aus ihrem heimischen Boden gerissene Tulpe, diese symbolische Pflanze des Türkenthums, und entschloß sich, ihr wenigstens im Treibhause der Phantasie einen künstlichen Grund und die Temperatur des Orients wiederzugeben, indem er nicht in unserer eingebildeten europäischen Vollkommenheit ihm die Dinge und Menschen Europas erläutern wollte, sondern von asiatischen Gesichtspunkten dabei ausging. Der Bimbaschi konnte den Dank für das von ihm gemachte Geschenk nicht zurückweisen; er ließ den unglücklichen Spieler ungehindert vor sich kommen und hörte mit jenem an den Türken so bewundernswerthen Gleichmuthe, der keinesweges, wie dies in Europa der Fall seyn würde, aus dem Egoismus fließt, das ihm von Blasedow gemachte Anerbieten eines politisch-socialen Cursus über Europa an. Hätte der Türk ahnen können, wie unglücklich sein Lehrer war, und wie viel diese Vorträge ihm Lebensfrische, Zusammenhang und Selbstbewußtseyn wiedergeben würden, er hätte den Antrag auch so schon nicht zurückgewiesen. Und, um die Zufriedenheit Blasedows noch zu erhöhen, so könnte er in vollster Bequemlichkeit zu seinem Schüler kommen und die Nachtmütze, die ihm Celinde selber gestrickt hatte, über den Ohren behalten, wie wunderlich auch der Contrast der in Blasedow wie von Opium aufgeregten Phantasie und seiner bilderreichen Anknüpfungen an den Orient mit seinem schlottrigen Auftreten war. Der Bimbaschi hörte mit unerschütterlicher Ruhe den Erzählungen seines Freundes zu. Er saß dabei mit untergeschlagenen Beinen auf einem mäßig erhöhten Polsterbette, rings umschlungen von einem ungeheuren Pfeifenrohr, das in einer zierlichen Urne, worin der Tabak glimmte, endete. An verschiedenen Krümmungen des Rohres ging der Rauch durch Wasserkugeln, durch die er so abgekühlt wurde, daß der Bimbaschi von der Hitze, die ihm eine ganze brennende Urne Tabaks verursacht haben würde, an seinem Munde nichts spürte.

Als Blasedow seinem Zöglinge einen Ueberblick über die gegenwärtige Lage Europas geben wollte, sagte er zu ihm: »Und siehe, es wohnte in Damaskus ein Jüngling, Namens Hassan, dessen Vater beim Sultan in hohen Ehren stand und vieler Reichthümer Herr war. Es war aber Hassans Vater gesetzt über die Zucht der Pferde des Landes um Damaskus und war dem Sultan verpflichtet, daß ihrer keine an die Franken verkauft wurden, es sey denn zu den höchsten Preisen. Hassans Vater war ein milder und freundlicher Herr, der Jedem mehr als den Zins seiner Werke zurückgab: denn er behandelte die Menschen nach größerem Verdienst, als sie besaßen. Hassan aber, sein Sohn, wurde unterwiesen in allen Wissenschaften und ritterlichen Künsten, wie denn ihm Niemand gleichkam in der Kunst, sein Pferd zu reiten oder selbst zu beschlagen, oder die entlegensten Stellen im Koran aufzufinden. Oft sah man ihn durch die Straßen von Damaskus reiten, einen arabischen Dichter vorn auf dem Sattelknopf und im Lesen vertieft, und, wenn er dabei seines Rosses Lenkung vergaß, so stand dies nirgends anders still, als vor der Thür oder einem Fenster der Moscheen, woraus man schloß, daß die Thiere unter der Obhut weiser Menschen selber an Verstand zunehmen und eine unwillkürliche Liebe zu Allah empfinden. So das Pferd. Hassan aber hatte einen Durst nach Weisheit, den die öftere Wiederholung des schon mit allen Büchern der arabischen Sprache angestellten Studiums nicht mehr löschen konnte. Seine Sehnsucht schweifte über die Palmenwälder um Damaskus hinaus und trug ihn in die Länder der Franken, von denen er gehört hatte, daß sie einen großen und umfassenden Geist mit Lastern und Unglauben verbänden. Da er den Koran inne hatte und die Reinigungen, Waschungen und Fasten alle nach dem Gebote des Propheten hielt, so sagte er: Was kann mich ihr Unglaube und ihr lasterhafter Lebenswandel anfechten! Ihre Werke und Künste zu betrachten, schien ihm um so gefahrloser, als sie ja Alles, wie er dessen gewiß war, doch nur von den Weisen des Morgenlandes gelernt hatten und nichts besaßen, was sie nicht von den Arabern in Spanien empfangen hatten, an Welt- und Sternenkunde, Künsten und Gewerben. Hassan war aber bestimmt, einst in den Rath des Sultans zu treten: denn Viele in Damaskus, und nicht die Unheiligsten waren dies, hatten geträumt, wie sie ihn auf einem Pferde mit drei Schweifen hätten reiten sehen, weßhalb auch leicht ein anderer Pascha, als der von Damaskus, ihm nachgestellt hätte: denn dieser war sein Oheim und ein ihm wohlgewogener Herr. Und Hassan kannte Alles, was die Geschichte seines Volks anging, und fühlte tief, daß der Schimmer des Halbmondes nicht mehr so leuchtend gelb war, wie damals, als Soliman und Mahomet das Schwert des Propheten führten. Der Goldglanz flimmerte nur noch wie Silberglanz. So trug Hassan ein großes Verlangen, den Welttheil kennen zu lernen, den noch die Kinder der Propheten besiegen müssen, wollen sie nicht von ihm besiegt werden. Aber das Meer ist weit von Damaskus und hinter dem Meer erst liegt der Franken Land, und Hassan führte dem Vater die Bücher über die Pferdezucht um Damaskus und konnte nicht entbehrt werden ohne Nachtheil für sein eignes Haus und die Stadt und das Reich.

»Da geschah es eines Abends, daß die untergehende Sonne den von einem wichtigen Geschäft heimreitenden Hassan so zauberhafte Lichter auf die schönen Pfade um Damaskus streute, daß er sich nicht halten konnte, sondern abstieg und sich unter einem Feigenbaum, an dessen Nebenmann er sein Roß befestigte, niedersetzte. Es war der Anfang eines kleinen Hügels, auf welchem die Ruinen alter Zeiten mitten zwischen frischem grünen Gezweig verwitterten. Hassan nahm sich Zeit, da er die Thürme und Minarets von Damaskus schon vor sich sah und deutlich den Almodan auf der Moschee des Propheten das Abendgebet blasen hören konnte. Wie aber Hassan so im Grase hingestreckt lag, überfiel ihn eine plötzliche Müdigkeit. Ob er gleich fühlte, daß es Zeit wurde, aufzustehen und heimzukehren, so vermochte er sich doch nicht aufzurichten. Seine Glieder waren wie von einem unsichtbaren Zauber beherrscht, und siehe, er war in wenig Augenblicken eingeschlafen. Kaum mochte er so eine Weile gelegen haben, als es ihm war, als erwache er. Da war es rings um ihn Nacht, und nur die Sterne funkelten; die Käfer, die in dem hohen Grase schwirrten, leuchteten, und von den Thürmen von Damaskus her sah man die Lichter der Feuerwachen, die auf ihnen unterhalten werden. Das treue Roß hatte sich im Grase zum Schlafen niedergelegt. Wie Hassan noch so um sich blickte und sich die Augen rieb, hörte er in dem alten Gemäuer auf dem kleinen Hügel, an dessen Fuß er geschlafen hatte, ein Geräusch und glaubte auch einen wilden Fuchs auf der Ruine plötzlich aufgeschreckt zu sehen, der ins Feld hinauslief. Bald aber trat eine hohe menschliche Gestalt aus dem Gemäuer und schritt gerade auf den aufgeschreckten Schläfer zu. Hassan, sagte er, ich kenne deine geheimen Wünsche! Stehe auf, wir wollen die Länder der Franken durchfliegen und uns durch Anblick ihres mit glänzendem Schein überzogenen Elends zum neuen Kampfe für den Propheten stärken. Ich war schon oft in jenen Ländern und kenne sie, als wäre ich dort geboren. Da Hassan zögerte und sich mit den Geschäften seines Vaters entschuldigte, ob ihm gleich das Verlangen, dem Derwisch zu folgen, aus den Augen brannte, so beruhigte ihn dieser, indem er sagte:« Hassan, ich habe in Cypern einen glücklichen Fund gethan, den die Malteser und Venetianer auf jener Insel, als sie davonzogen, mitzunehmen vergaßen. Ein Edelmann, Namens Fortunat, besaß dort einen Hut, mit dessen Hülfe er im Flug überall, wohin er wollte, gelangen konnte, und einen Beutel, der, obgleich leer und unscheinbar, doch unerschöpflich an Geld war. Diesen haben die Nachkommen des Edelmanns Fortunat mitgenommen und ihn, wie man sagt, an den reichen Hebräer Rothschild verkauft; der Wünschelhut ist aber zurückgeblieben. Hier ist er! Damit zeigte er ihm einen alten, fast verschimmelten Filz und ermahnte ihn dringend, sich um seinen Leib zu klammern. Hassan stand eine Weile unschlüssig; dann aber, der Freude und Neugier nicht mehr widerstehend, schlug er seinen Arm um den Derwisch und schmiegte sich wie ein Bräutigam an seine Braut an. Dem Derwisch that es wohl; er lächelte und setzte die alte Kappe auf. Indem erhoben sie sich und schwebten mit der Schnelligkeit eines Vogels über die Nacht hin. Damaskus, Syrien, Cypern schwanden unter ihren Füßen, und, als es Morgen wurde, und die Meereswellen von der aufgehenden Sonne glühten, hatten sie eine Menge kleiner und großer Inseln vor Augen, flogen dann noch eine Strecke und schwebten zuletzt über einem festen Lande, welches der Derwisch als das neuerstandene Hellas bezeichnete.

»In griechischen Kleidern besuchten die beiden Reisenden, in Athen angekommen, eine der vielen Kaffeebottegen, wo schon am frühen Morgen sich Gäste zu versammeln pflegen. Sie hatten sich kaum in eine Ecke gesetzt, wo sie die Ankömmlinge mustern konnten, als ein dicker Wanst in fränkischer Kleidung schwerfällig zu ihnen herantrat, und ihnen einen weißen Bogen Papier überreichte. Der Derwisch las und fragte Hassan: ob er Lust hätte, an einer bayerischen Actienbierbrauerei Theil zu nehmen? Dies wäre eine Einladung dazu! Hassan schüttelte den Kopf. Der dicke Bräu aus Regensburg suchte in einer Sprache, die der Derwisch, so wie Ihr selber, vollkommen verstand, ihm den Plan annehmlicher zu machen; er bewies, daß er seine Brauerei auf der Akropolis anlegen dürfe (dicht bei dem der Minerva geheiligt gewesenen Oelbaume, bemerkte ein sich in das Gespräch mischender Alterthumsforscher); er schilderte die Freuden dieses Getränks, welches er Bock nannte, auch wohl Erlöserbier, wenn gleich das Letztere leiser zu verstehen gebend, da einige Officiere mit dem Erlöserorden in der Nähe standen. Als sich der Bräu unverrichteter Sache zurückzog, sagte der Derwisch zu Hassan: Sieh, dort drüben öffnet ein Türke und hier ein Grieche seinen Laden; es sind zwei Geldwechsler. Komm, wir wollen sehen, welcher ehrlicher ist. Sie gingen zum Griechen hinüber und ließen sich ein Goldstück in kleine Münze verwechseln. Seiner Ehrlichkeit vertrauend, zählten sie nicht; doch, als sie draußen vorm Laden waren, prüften sie und fanden, daß ihnen eine Drachme zu wenig gegeben war. Nun gingen sie zu dem Türken und gaben auch ihm ein Goldstück. Während der Grieche es zehnmal auf den Tisch geworfen hatte, um seinen Klang zu hören, prüfte der Türke es leicht, zählte das Silber auf, scharrte es zusammen und gab es stumm, wie der Türken Art ist, den beiden Fremden. Diese zählten draußen nach; es fehlte kein Heller. Ich will nicht sagen, begann der Derwisch, als sie wieder drüben bei dem Sorbetier und Kaffeewirth saßen und von den rings die Zeitungen lesenden Kaufleuten und Officieren nicht gestört wurden, daß ich den Griechen ihre Freiheit mißgönne, wenn sie sie nur in dem Grade besäßen, als ihre Anstrengungen verdienten, oder als nöthig ist, um sich der Freiheit allmählich auch würdig zu beweisen. Die Griechen sind ein Volk der Lüge und Heuchelei. Kann es schon einen größern Betrug geben, als den, daß sie sich für die Söhne des alten Griechenlands auszugeben wagen, während sie doch allzumal aus dem barbarischen Norden und den Hintersteppen Asiens gekommen sind? Sie sprechen die Sprache der dünngesäeten Ureinwohner, welche sie vor Jahrtausenden hier unterdrückt haben; aber, daß sie durch Denkmäler und Einrichtungen sich einen Nationalaufschwung geben wollen, dem etwas Erlogenes zum Grunde liegt, das ist eine jener Faschingsthorheiten, wie wir sie in Neapel und Livorno sehen werden. Diese griechische Nation wird die Beute ihrer Habsucht und ihrer Unredlichkeit werden: denn was ist ein Volk, das Wohlthaten nimmt von Jedermann und Niemanden dafür Treue halten zu müssen glaubt? Indem bemerkten die beiden Reisenden, daß sich eine Bewegung unter den Anwesenden erhob, deren Veranlassung ein eiligst hereingetretener Officier war, der mehreren in die Zeitungen Vertieften etwas ins Ohr raunte. Die Bürgerlichen zeigten deutliche Spuren von Freude, die Officiere dagegen erhoben sich schnell, befestigten ihre Säbel und verließen das Kaffeehaus. Die beiden Reisenden folgten ihnen und fanden, daß die ganze Stadt in einer sichtbaren Aufregung war. Ich weiß jetzt, sagte der Derwisch, nachdem er an verschiedene Gruppen Zusammenstehender hingehorcht hatte, warum es sich handelt. Ein kaum aus fernem Lande hergekommener Vezier ist vom König entlassen worden; du mußt aber wissen, daß in Europa diejenigen, welche fallen, immer besser sind, als die, welche sich obenauf erhalten. Die Oberhäupter in diesem Welttheile sind so verderbt, daß die Tugenden nicht lange ihre Verbündeten seyn können, weßhalb sie auch tugendhafte Menschen nur darum an das Ruder des Staates rufen, um ihre Tugenden abzunutzen: denn der Sinn der Völker in diesen Ländern ist so mißtrauisch, daß sie Alles hassen, was über ihnen steht ? ein Beweis, wie hart man ihnen in frühern Zeiten mitgespielt haben muß. Hier in Hellas wird noch ein ärgeres Spiel getrieben. Ein junger König wurde hier an die Spitze einer trägen, lügenhaften und hinterlistigen Nation gestellt. Da nun vorauszusehen war, daß die Undankbarkeit dieses Volkes sich bald seiner entledigen und, wenn auch nur im Herzen, sich ihm entfremden würde, so verfiel eine schmähliche Politik auf folgenden Rath: Es wurde ein zwiefaches Interesse künstlich unterhalten, eines, das die Regierung, eines, das die Dynastie anging. Indem man den jungen König scheinbar von den Staatsgeschäften entfernt hielt und diese nur fremden Vezieren übertrug, so mußte aller Haß, den eine geregelte Verwaltung bei einem an Zügellosigkeit gewöhnten Volke hervorrief, nur auf die Veziere fallen, diese armen Schlachtopfer, welche doch nur thaten, was im Interesse der Dynastie war, und was, hätten sie es unterlassen, ihr Leben gefährdet hätte. Und, siehe! so wurden, um den jungen König von aller Verantwortung frei zu erhalten, alle Veziere nach einander dem persönlichen Interesse der künstlich in der Volksliebe sich befestigenden Tyrannei zum Opfer gebracht. Den König sprach man absichtlich von alle dem frei, was doch die Veziere in seinem Namen thaten. So mußten die Diener die Ableiter der Blitze seyn, die aus dem grollenden Volke auf das Haupt der jungen Dynastie selbst hätten fallen können. Der Derwisch schwieg, und Hassan sagte: Europa ist sehr klug, aber auch sehr unglücklich.

»Auf der höchsten Spitze der Burg von Athen klammerte sich Hassan wieder fest an den weisen Derwisch an. Dieser setzte den Zauberhut auf, und schnell erhoben sie sich in die Luft und schwebten über Länder und Meere dem Untergang der Sonne zu. Als sie trotz der angebrochenen Nacht wieder festes Land unter sich erblickten, sagte der Derwisch: Wir wollen an diesem Lande vorüber, ob es gleich das schönste auf der Erde ist! Der Sultan ist vor der Treulosigkeit der Paschas sicherer als der Fürst von Neapolis und Trinacria vor seinem Volk oder seinem Verdacht. Alles schläft jetzt; doch der Fürst läßt die Trommel rühren und zieht an der Spitze seiner Miethsoldaten durch die Straßen von Neapel, um dessen unruhige Bevölkerung zu erschrecken und den Verräthern seine Wachsamkeit zu zeigen. Er geht zu Fuß, weil er auf einem Rosse Meuchelmördern die Brust zu offen darbietet. Komm, fliehen wir ein Land, wo der Stich der Tarantel sich auch allen Verhältnissen mitgetheilt zu haben scheint: denn, wo man hin blickt, begegnen uns Mißtrauen und Verdacht. Mit dem ersten Morgenstrahl aber ließen sie sich herab auf eine unermeßliche Stadt, welche der Derwisch die Stadt der sieben Hügel nannte. Schon Vieles hatte Hassan von Rom gehört, der Hauptstadt der Christenheit. Es ist nicht fein, sagte der Derwisch lachend, als sie unten waren, daß wir diese fromme Stadt so früh überraschen: denn, sieh nur, wie viele Fenster dort leise geöffnet werden, hier, da, drüben, in allen Straßen! Sieh, wie die Priester aus den Kammern ihrer Schönen schleichen, und wie, umgekehrt, aus den Palästen, wo man sagt, daß dort Cardinäle wohnen, verhüllte Frauengestalten aus den halb geöffneten Portalen entschlüpfen! Es wird bald Zeit seyn, daß die Messe gelesen wird.

»Als sich Beide, in die Art deutscher Maler gekleidet, in einer Osteria ausruhten, sagte der Derwisch: Man sollte den Menschen nie zu arg verdenken, daß sie Menschen sind, selbst wenn sie die Verpflichtung haben, theilweise schon an den Himmel zu erinnern. Doch muß, um diese Schwäche zu verdecken, etwas Größeres da seyn, als was gegenwärtig noch die Herrschaft des Pabstes, des Obermufti der Christenheit, sagen will. Wo große Ideen da sind, da verschwinden in ihrem weiten Bausch und Bogen manche Schwächen, wie auch unser Prophet ein Mensch war und erst in dem Mantel seiner großen Idee so groß dastand. Aber nun, wo dieser Mantel reißt, die Falten sich aufkräuseln, wo die Ideen so klein werden, da treten die Schwächen derer, die ihnen einverleibt sind, so kahl und deutlich und fast schäbig hervor. Der Pabst aber hat nur noch äußere Ehre, keine Macht mehr. Er schleudert Bannstrahlen, die nicht mehr zünden. Wo die Milizen Roms, die Priester, in fremden Ländern gen Norden und Westen noch Gewalt haben, da müssen sie sich mit einer Wissenschaft vermählen, die Rom nicht versteht. Hassan, unser Glaube ist ein Glaube für heiße Regionen; aber außer der Kälte würde dort gegen Mitternacht hin dem Koran nur noch die Liebe zum Glauben, nicht der Glaube selbst mehr entgegentreten! Doch sieh den scheuen Gesellen dort in der Ecke! Hassan blickte auf und erschrack vor einer gelben, häßlichen Figur, die in einem Winkel der Osteria kauerte und sich damit unterhielt, kleine Rüben mit einem scharfen Messer und in einem Schwunge zu köpfen. Der Hut des gespenstischen Rübenscharfrichters stand neben ihm. Der Derwisch zog seinen jungen Freund von seinem Sitz auf, warf einige Münzen in den Hut und verließ schnell die Osteria. Dieser Mann, sagte er draußen, war einst König von Portugal, wo er seine Hände mit Henkerblut besudelte und von seinem Bruder, dem er die Krone gestohlen hatte, verjagt wurde. Er ist arm und halb wahnsinnig. Hassan schauderte und sagte: In Aleppo und Damaskus würde dieser Mensch gesteinigt werden. Ach, sagte der Derwisch nach einer Pause, doch auch nur, wenn er so gefallen wäre, wie hier. Käme er hoch zu Roß und umgeben von den Trabanten des Sultans, auch die Gläubigen würden vor ihm niederfallen. Die Schmach trifft nur die, welche ihn vor dem Zorn des Volkes schützen und ihm das Menschenblut auf seiner Hand vergeben, weil in seiner Hand Fürstenblut fließt.

»Indem sie noch so standen, näherte sich ihnen ein Knabe, der Hassan einen Brief in die Hand drückte. Der Derwisch eröffnete ihn und las eine an einen jungen deutschen Maler gerichtete Aufforderung, ja nicht die verabredete zehnte Stunde zu versäumen und in der Wohnung des Cardinals Lambruschini zu erscheinen. Was wird es seyn? sagte der Derwisch, ein Abenteuer mit der Nichte irgend eines Kirchenfürsten. Kommt, es werden die blonden Haare nicht allein seyn, die sie liebt! So gingen Beide zu dem Palast. Unschlüssig standen sie noch eine Weile vor dem Portale, da Hassans Schüchternheit nicht zugab, daß er sich so leicht von seinem Freunde trennte. Diese Unschlüssigkeit schien von oben bemerkt worden zu seyn: denn derselbe Knabe, der den Brief gebracht hatte, kam, um beide Herren einzuladen, für den Fall, daß sie Landsleute wären. Hassan blickte den Derwisch betroffen an; doch dieser nahm lachend einen schnellen Entschluß und winkte dem Knaben voranzugehen. Wie sie über mehrere Treppen gestiegen und durch einige Säle gegangen waren, öffnete ihnen einer der vielen Geistlichen, die sie in dem Palaste sahen, die Thür eines Seitenzimmers. Sie traten mit einiger Beklemmung ein und fanden zu ihrem Erstaunen nicht sowohl nicht das, was sie erwartet hatten, sondern weit etwas Ueberraschenderes. Zwei ältliche Herren, welche ganz den Anschein von Cardinälen in einfacher Hauskleidung hatten, erhoben sich von zwei Gichtstühlen mit freundlicher Zuvorkommenheit und winkten den beiden Türken, die sie für deutsche Maler hielten, auf zwei bereit stehenden Sesseln Platz zu nehmen. Es konnte nicht auffallen, daß nur der Derwisch italienisch sprach. Wir haben euch da, begann der Eine, etliche Fragen vorzulegen, für deren Beantwortung ihr uns zu Dank verpflichten würdet. Ihr werdet von der verderblichen Neuerung gehört haben, die in eurem Vaterlande sich im Schoß der katholischen Kirche gebildet und viel Unheil und Verwirrung gestiftet hat. Da ihr Beide, wie uns gesagt wurde, zu den getreuen Schafen der Kirche gehöret und die Malerei auch nur eurer Frömmigkeit wegen treibet, so konnten wir schon zu euch unsere Zuflucht nehmen, um uns über den Sinn einiger Worte aufzuklären, welche selbst Mezzofanti, den ihr hier sehet, bei seiner großen Kenntniß eurer Sprache nicht zu enträthseln vermag. Mezzofanti, der Kenner von fünfzig Sprachen, nickte dazu und murmelte fortwährend die wunderlichsten Worte vor sich her: denn seine Kenntnisse in Sprachen waren so groß, daß er die Worte nicht alle in seinem Gedächtnisse lassen konnte, sondern immer welche aus dem Munde mußte gleiten lassen. Sein Kopf schien wie ein Bienenschwarm zu summen, so vielen Lärm machten darin all die Vocabeln und Wörterbücher, bei denen er Mühe hatte, ihre Grenzen hübsch aufrecht zu erhalten und unter ihnen keine babylonische Verwirrung eintreten zu lassen.

»Hassan, der von dem Allen nichts verstand und sich fast vor dem immer murmelnden Mezzofanti fürchtete, sah mit Erstaunen, wie gewandt der Derwisch auf alle die an ihn gerichteten Fragen Antwort gab. Die beiden Priester schlugen mehrere vor ihnen liegende Bücher auf und erkundigten sich nach der Bedeutung von Worten, deren Bekanntschaft, wie der Derwisch später sagte, man schon bei einer ganz oberflächlichen Kenntniß jener Ketzersprache voraussetzen müßte. Es handelte sich um die Verdammung jener Lehren, und doch konnten sie die geistlichen Herren nicht verstehen. Den Zweifel verwechselten sie mit Zwiebel, Gott vertrauen nannten sie eine Blasphemie, da Gott in seinem Verhältniß zur Maria niemals als Ehemann gedacht würde, also auch nicht einem vertraut, d. h. irrthümlicherweise getraut werden konnte; aus einem verletzten Gebote wurde ein vorletztes, aus Gottes Undenkbarkeit machten sie Undankbarkeit, und für viele Ausdrücke, z. B. Ueberzeugungstreue, hatten sie nicht einmal einen zweideutigen Sinn, es sey denn, daß Mezzofanti sich wirklich einbildete, auf einen möglichen Sinn zu kommen, wenn er es von Ueberzeug und Streue herleitete, wo er sich es dann möglich dachte, daß hier eine Anspielung auf die Krippe Jesu stattfinden könne. Als der Derwisch den beiden Prälaten hinlängliche Auskunft gegeben hatte, schlugen sie die Bücher zu und entließen die beiden Dolmetscher mit ihrem Segen.

»Ob nun gleich die beiden Reisenden gut genug aufgenommen waren, um hier noch länger mit Bequemlichkeit weilen zu können, so sagte doch der Derwisch, daß diese Verdammung von Büchern, die so mühselig und irrthümlich in Rom entziffert würden, ihn der tiefsinnigen und edeln Nation wegen, die sie betreffe, viel zu sehr verwunde. Er schlang seinen Arm um Hassans Schulter und drückte vor Unmuth den Wünschelhut ganz tief ins Gesicht. Als ihn, da die Nacht herankam, Hassan in den Wolken nach dem Verhältniß dieser neuen Lehre fragte, antwortete er: Strenge deine Augen an und sprich, was erblickest du? Hassan that, wie ihm geheißen, und sagte: Ich sehe eine wunderbare Erscheinung in der Luft. Dunkle und helle, einförmige und bunte Gestalten seh ich in langen Gewändern über die Wolken fahren, die Einen lehnen sich friedlich an die aufgethürmten Schichten, die Andern stehen sich mit drohender Geberde gegenüber. Etliche sind zwergig, Andere riesenhaft, Viele mißgestaltet, und Einige scheinen noch ungeboren. Das sind, sagte der, Derwisch, die Ideen, welche sich in die Herrschaft über Europa theilen. Wir nahen uns jetzt den Ländern, wo sich die Menschen mit Gedanken umhüllen müssen, um die eigennützigen Absichten ihres Ehrgeizes oder ihrer Habsucht zu verbergen. Die Tugenden und Laster haben hier aufgehört, allein das Wohl der Staaten zu entscheiden: denn du wirst jetzt bald auf lasterhafte Seelen stoßen, die sich mit dem Schmuck großer Ideen verbrämen, bald auf tugendhafte, die in kleinen und beschränkten Vorstellungen verkümmern. Diese kämpfende Ideenwelt nimmt den Einzelnen die persönliche moralische Zurechnung; sie würde, bei aller angebornen Herzensgüte und Seelengröße, sich nicht scheuen, Böses zu thun, nur um ihren Ideen über Geschichte, Staat und gesellschaftliches Leben den Sieg zu verschaffen. Indem der Derwisch das sagte, zuckte ein Blitz unten auf der Erde, und in weiter, weiter Ferne hörten sie einen Knall wie von einem Feuergewehr. So eben schoß, sagte er, ein Mann, Namens Alibeaud, auf den König der Franzosen..... Er drückte den alten Filzhut tief ins Gesicht und flog unaufhaltsam weiter, bis sie am frühen Morgen auf dem höchsten Gipfel einer ungeheuren Gebirgskette standen. Dies ist Spanien, sagte er, ein Land, das einst unsere Väter überwunden und lange besessen haben.«

Wir können nicht ganz die in orientalischer Breite gehaltenen Phantasien Blasedows hier wieder erzählen. In aller Kürze berichten wir, daß Hassan und der Derwisch in Spanien alle Gräuel eines Bruderkriegs erblickten. Jener erstaunte über die Erläuterungen, die ihm der Derwisch über die hier streitenden Interessen geben konnte, besonders über die Hebel der Gesinnungen, welche so verschieden in beiden Feldlagern waren. Dort beutete eine Partei die Heiligthümer der Kirche aus, um Geld zu prägen; hier schmolz man das Silber der Kelche und Crucifixe, um Ordenskreuze daraus zu machen. Besonders in Frankreich konnte sich Hassan von diesen Gegensätzen der Liebe zur Freiheit und dem Ehrgeize nach Auszeichnungen unterrichten. Hier sah er, daß Niemand mehr in der gewohnten, von der Natur oder den Verhältnissen des Lebens ihm angewiesenen Stellung bleiben wollte, und sogar die Diener von ihren Herren nicht Milde und Güte, sondern selbst Zuvorkommenheit verlangten. Die Kellner träumten von Königskronen, die Unterofficiere von Marschallsstäben. Der Derwisch zeigte seinem jungen Freunde alle jähe Ueberstürzungen und Uebersättigungen dieser Pariser Gesellschaft, so daß dieser über die Masse von Geist und von Elend, die hier in einander gemischt war, Thränen des Mitleids vergoß. Besonders betrübte ihn, daß er hier eine Flüchtigkeit der Zeit bemerkte, wie sie ihm in seinen syrischen Palmenwäldern unmöglich geschienen hatte. Alles, was hier nicht bloß der Tag, sondern selbst das Jahrhundert erzeugte, war eine Eintagsblume, die noch am Abend ihrer kurzen Blüthezeit wieder verwelkt war. Jede bunte Erscheinung, die da auftauchte, stand eine kurze Weile so der Gunst der Sonne zugewendet, daß sie ihre prismatischen Lichter ihr lieh; dann aber war sie bald in Schatten und Nacht getreten. An nichts konnte sich hier lange der Blick erfreuen, an nichts konnte das Herz sich wärmen. Alle die Flammen des Lebens, welche doch anderswo mit elektrischer Kraft die Triebe und Neigungen der Gesellschaft zusammenhielten, waren hier erschlafft und wichen jedem leisen Drucke von Außen. Der Sitte waren die Fangarme genommen, und das Gesetz hatte deren hunderte und quälte, statt zu beschützen: denn selbst die Tugendhaften waren nicht sicher vor ihm. Alle dauernde, mit Beharrlichkeit durchgeführte Bestrebungen waren verhaßt, keine aber mehr, als die sich auf die Herrschaft bezogen. Neun Monate des Jahres brachte man hier dreien zum Opfer; man verschlief jene, um in diesen nie das Auge zuzumachen; man verlebte jene in einem abgelegenen Winkel der Provinz, hungernd, entbehrend, unbekannt, um diese in der Hauptstadt mit den aufgesparten Mitteln zu verbrausen. Man sah, daß sich die Menschen hier sechs Jahre an der Tugend stählten, um das siebente ganz im Arm des Lasters zu vergeuden. Die größten Gegensätze standen sich hier gegenüber, und, was das Betreffendste war, in einem und demselben Menschen.

In England fanden sich dieselben gesellschaftlichen Gegensätze; doch waren sie nicht in dem Grade Werk des Zufalls, sondern Folge von Gesetzen und langjährigen Gewohnheiten. Hier erschrack Hassan besonders vor der finstern und gehässigen Vereinzelung, mit der sich der Mensch hier auf seine eigene Weise zurückzog, und die wildfremdeste Unbekanntschaft mit Allem, was seinen Nachbar berührte, verrieth. Er hörte wohl, daß dieser schroffe Egoismus zunächst einen schönen Ursprung in dem großen Privilegium persönlicher Freiheit hatte, welches hier jedem Säugling schon mit in die Wiege gelegt wurde. Dann aber mußte er doch zugestehen, daß hier etwas Gutes zu etwas Schlimmem führte: denn die Bewohner dieses Landes behandelten sich unter einander mit einer Kühle und Schroffheit, als trüge ihnen die Natur auf, Niemanden weiter, als ihre Familie zu lieben. Hassan konnte nicht begreifen, daß in diesem Lande schon seit Jahrhunderten Parteien sich befehdeten, ohne noch zur Stunde sich ausgesöhnt zu haben; ja, er schauderte, als er sogar die Lehrer der Religion an dem Hasse der Einen gegen die Andern schüren sah und in den Händen der Priester nicht die Palme des Friedens, sondern das Schwert erblickte.

»Als endlich die beiden Reisenden,« fuhr Blasedow fort, »nach Deutschland kamen, in das Land, wo Ihr jetzt selber seyd, da begann der Derwisch und sagte: Dieses Land ist das Herz Europas, aber das gebrochene: denn es ist sehr unglücklich. Ursprung und Stammsitz aller derjenigen Völker, welche die tüchtigsten sind in Europa, hat es sich doch nur den geringsten Einfluß auf die Wendung der Ereignisse zu erhalten gewußt; sein Leiden liegt in dem Mangel an Einheit, so daß es sich weit mehr durch seinen Geist, als durch seine Kraft auszeichnet. Deutschland ist ein ungeheurer Wald, wo man auf der einzelnen Stelle, da man gerade steht, sich innig am Blättergrün, Wild und Waldhornklang erfreuen kann, der sich aber nicht übersehen, beherrschen und begrenzen läßt. Die Sprache der Deutschen reicht weiter, als ihre Nationalität. Könnte um alle diese Elemente ein einziger Reif gezogen werden, und ließen sich die im Innern sich widerstrebenden Gegensätze und Widersprüche aufheben, diese Nation würde nicht sogleich, aber nach kurzer Gewöhnung an ihre Freiheit, mit Ausnahme der Türken, die erste der Welt werden. Es ist bei der Lage dieses Volkes kein Wunder, daß es seine aufgehäuften zahlreichen geistigen Reichthümer nutzlos auf die Gasse wirft und von seinem Geist eher Nachtheil als Gewinn hat.

»Indem kamen die Reisenden an einen Fluß, der mit bunt bewimpelten Schiffen bedeckt war, und an dessen Ufer eine unübersehbare Menschenmenge stand, die mit Tüchern wehte und laute Begrüßungen ausrief. Die Fremden folgten dem Zuge, der sich in die Straßen einer alterthümlichen Stadt drängte und endlich auf einem Platz innehielt, der mit Tausenden von Menschen rings bedeckt war. In der Mitte stand ein verhülltes Monument, dem die Feier zu gelten schien. Die Glocken läuteten, die Chöre der Musiker schmetterten, Kanonen wurden gelöst. Ein Redner stand an dem verhüllten Monument und donnerte Worte in die weite, unabsehbare Menschenmasse hinein, die Niemand der Entfernung wegen verstand, aber doch Jeder der Bedeutung des Tages wegen ahnte. Da wurde ein Zeichen gegeben, und ein hehres Standbild löste sich aus der herabfallenden Hülle heraus, eine stolze, ernste Figur aus Erz. In diesem Augenblick dröhnte ein tausendstimmiger Freudenruf in die Luft, gemischt mit dem Wirbel der Trommeln und dem Krachen der Geschütze. Es ist dies, sagte der Derwisch, dem Erfinder jener Kunst zu Ehren, mit der die Menschen ihren Gedanken die schnellste Mittheilungsfähigkeit gaben und allmählich neben der wirklichen eine idealische Welt, dauernd und der Verfolgung trotzend, aufbauten. Und doch siehe jenen Jüngling, wie ihm die Thränen in den Augen stehen, und wie wehmüthige Blicke er auf dies Ehrenbild des Erfinders einer Kunst wirft, deren ganze Kraftentfaltung Jene auf dem Balcon drüben (es sind Fürsten) hindern und verkümmern. Die Freude, dem großen Geburtshelfer des Geistes eine solche Huldigung, in die Jung und Alt, Hoch und Niedrig einstimmten, dargebracht zu sehen, preßt ihm das Herz ab, und doch ist sein Blick mit Traurigkeit umflort, da er an die Wolken denkt, welche zur Zeit noch auf der Sonne jener göttlichen Erfindung liegen!

»Und ein ähnliches Fest sahen die beiden Reisenden dicht in der Nähe. Kleiner war der Fluß, trüber sein Bett, die Ufer niedriger, die Stadt, die an ihm liegt, kümmerlicher. Wieder flaggten die Segel von Schiffen, die über ihn hinfuhren, wieder standen Tausende von Schiffen, die über ihn hinfuhren, wieder standen Tausende am Ufer, um die Kommenden zu begrüßen. Wunderlich aber, daß alle die versammelten und auf den Schiffen kommenden Männer Papierstreifen vor den Augen hielten und Gesänge anstimmten, von denen Hassan sagte, daß er sie freier Männer nicht für würdig hielt. Die Worte, die er nicht verstand, waren es nicht, die ihm mißfielen, sondern er fand darin ein Zeichen von Sklaverei und Entnervung, daß Männer aus dem Gesange nach Noten etwas Oeffentliches machen könnten. Der Derwisch lächelte und sagte: Dies Fest ist einem großen Meister der Musik geweiht. Hassan antwortete: So mögen ihn Bajaderen und Sklaven feiern oder Schauspieler, die von der Kunst ein Gewerbe machen! Der Derwisch aber entgegnete: Tadle diese Nation nicht, daß sie aufs Kindische und Unmännliche fällt; sie fühlt es nicht, wie unwürdig es freier Männer ist, in tausendfacher Anzahl mit geöffneten Munde dazustehen und von einem Notenblatt herab Lieder zu singen, die allerdings gar anmuthig klingen. Sie finden in den Liedern einen Trost für ihr unglückliches Vaterland; sie haben Sehnsucht, sich zu einigen, ihre gebundene Volkskraft zu zeigen und sich einander an die Brust als Freunde und Begeisterte zu stürzen; da sie aber nicht reden dürfen, so singen sie; da sie nicht des Vaterlandes wegen sich versammeln können, so versammeln sie sich ihrer Dichter und Sänger wegen. Sie fühlen es nicht mehr, daß tausend Männer, die zusammenstehen, um von einem Notenblatt zu singen, den Anblick einer unmännlichen Verweichlichung darbieten. Dies Volk ist sehr unglücklich, weil es nach Thaten ringt, für die es keine Organe hat.«

Blasedow fühlte es endlich, daß er ein Narr war, sich mit dem Bimbaschi in so feine und schwer nachzufühlende Betrachtungen einzulassen. Auch ärgerte er sich, daß ihm sein Mährchen über den Kopf gewachsen war. Nach so großen Weltfahrten und Völkerspaziergängen seinen Hassan wieder unter den Palmenbaum in der Ebene von Damaskus zurückzuführen und den Derwisch in die alte Ruine schlüpfen zu lassen, schien ihm recht kleinlich; doch war der Bimbaschi gerade auf diese äußere Umrahmung begieriger, als auf den Inhalt des aufgerollten Gemäldes. Es erfreute ihn sichtlich, als Blasedow Hassan erwachen und die Morgensonne schon hoch am Himmel sehen ließ. Blasedow fügte zur größern Beruhigung des Bimbaschi hinzu, daß Hassan jetzt geheimer Rath im Divan des Sultans wäre und sich um die Verbesserung der militairischen Kleidertracht in der Armee des Großherrn, besonders um die möglichst geringe Anzahl von Knöpfen an den Monturen der Soldaten, große Verdienste erworben hätte. Der Bimbaschi war davon sehr erbaut und legte öfters die Hand vor die Augen, als besänn? er sich, Hassan schon gesehen zu haben. Schlachtenmaler aber, der einige Male bei der Erzählung ab und zu kam, meinte, es käme ihm eher vor, als wenn der Türke weine. Gewiß werden wir darüber noch Aufschluß bekommen, wer von Beiden richtiger gesehen hat.

Es war eine Thorheit von Blasedow, sich diesem Türken offener hinzugeben, als irgend Jemand in der Welt. Das magische Licht der erleuchteten Glaskugeln in dem zeltartig drappirten Zimmer des Fremdlings mochte ihn blenden; der bequeme Sitz auf den Polstern und der in stummer Aufmerksamkeit seine Pfeife rauchende Zuhörer mochten ihn unwillkürlich zu einem orientalischen Philosophen machen; er wurde hier redselig und sprach sich über alle Fragen der Zeit und des Lebens aus. Dies Verhältniß dauerte bis zu dem Unglück, das Schlachtenmalern betraf, und wovon wir jetzt einen genauern Bericht erstatten müssen.

 


 

Elftes Kapitel.

 

Das Duell.

 

Die schönsten Sommertage waren vorüber, und mit ihnen flog einer der Gäste nach dem andern fort. Um so weniger hätte man ahnen können, daß noch ein so später Besuch eintreffen würde. Professor Sägenreißer aus Kaputh war es, der es über sich vermocht hatte, sich einmal von seinen Kranken und seinen ganzen und verstümmelten Todten zu trennen, um für den eigenen, durch heranrückendes Alter hinfälligen Körper etwas zu thun. Sägenreißer hatte von dem Ruf dieser neuen Quelle gehört und beschloß, da ihre Bestandtheile ihm zusagen müßten, und da sie seinem Wohnorte so nahe lag, noch die letzten Spätsommerwochen dieser wohlthätigen Erholung zu widmen. Daß schon die Blätter der Bäume sich herbstlich färbten und hier und da erstorben von den Zweigen fielen, hielt ihn nicht zurück, wie auch Blasedow sagte, daß die Natur nie einen persönlicheren Charakter als im Herbste hat.

Der Graf erschrack, als ihm der Name des neuen Ankömmlings in dem Fremdenbuche gezeigt wurde. Er dachte dabei weniger an die Gefahr, seine Quelle der sachkundigen Untersuchung eines Arztes preisgegeben zu sehen, als an das Gerücht, welches seinen und seiner Frau Leichnam zum Einsatz einer bei Sägenreißer stehenden Schuld machte. So lustig diese Gerüchte über die bei dem Anatomen gemachten Insätze waren (wir wissen es schon aus genauerer Quelle), so wird man sich doch schwerlich einer Beklommenheit erwehren können, wo man genöthigt ist, mit Menschen und Verhältnissen zusammenzutreffen, zu welchen uns eine, wenn auch völlig irrthümliche Nachrede eine Beziehung gibt. Es war aber, wie wir sehen werden, ein desto größeres Unglück für den Grafen, daß er den neuen Gast absichtlich vermied: denn Niemand konnte mißtrauischer seyn, wie dieser.

Aber noch gewaltsamer lastete auf Schlachtenmalern dieser neue Besuch. Er dachte an die Summen Geldes, die er dem Professor schuldig war, und an das Unterpfand, welches er ihm verschrieben hatte. Die geringen Einkünfte, welche er von seiner Stelle bezog, hatten bis jetzt kaum hingereicht, die in einem mehr als sechsjährigen wilden und oft sehr unglücklichen Vagabundenleben aufgehäuften Schulden abzutragen. Ueber den Zeitraum, wo er den so großmüthigen Darleiher hätte befriedigen sollen, waren längst noch einmal so viel Jahre verstrichen, und Schlachtenmaler hatte nicht einmal Gewißheit, was er von dem unheimlichen und so verrufenen Arzte selber denken sollte. Der Eindruck, den dessen astrologische Apparate auf seine damals noch leichtgläubige und jugendliche Phantasie gemacht hatten, schien sich als dauernd und gewiß in ihm erhalten zu haben. Er zweifelte keinen Augenblick, daß die plötzliche Ankunft Sägenreißers eine Erinnerung an seine Schuld seyn solle; ja, es war ihm, als wenn er den Tod auf sich lauern sähe, die Rache eines Dämonen, dem er sich verschrieben hatte, und der in der That aus seinen Spaziergängen, wo er ihm, dem Ungekannten, begegnete, öfters in seiner Brieftasche blätterte oder wohl gar einen forschenden und durchbohrenden Blick aus seinen sonst so gutmüthigen, aber in dem Bade doch öfters feindseligen und mißtrauischen Augen auf ihn richtete.

Man muß hinzufügen, daß Schlachtenmaler seit längerer Zeit geistig und, soweit der Körper davon abhängig wird, auch physisch krank war. Celinde nahm diesen Zustand für ein gemildertes und durch Unglück erweichtes Gemüth, sie sah durch das Alles, wodurch Schlachtenmaler seiner Vergangenheit untreu wurde, ihn sich näher gebracht. Sie ahnte nichts von dem tiefen moralischen Elend, in dessen Mißgefühlen ihr Freund sich krümmte und mit der Zeit immer mehr und mehr aufrieb. Schlachtenmaler fühlte das Unglück, ein durch und durch verfehltes Leben führen zu müssen, eben so tief, wie Blasedow, daß er die Schuld davon war. Er war sich der schönsten Fähigkeiten und der edelsten Empfindungen bewußt, ohne daß er davon etwas in der Wirklichkeit bethätigte, als das Gegentheil. Seine Stellung war untergeordnet, sein Gewissen war untergraben. Das seit mehr denn sechs Jahren geführte Leben lag allerdings als eine leichtsinnige Erinnerung hinter ihm, deren Schuld mehr den Vater traf; doch wie viel hatte er zu dem Schicksal nicht aus seinen eigenen Mitteln muthwillig und nicht selten gewissenlos hinzugefügt! Solcher Streiche, wie der mit der Erdpechbrochure, war sein noch so junges Leben voll. Da war keine ihm begegnende Treuherzigkeit, die er nicht hintergangen, kein Vertrauen, das er nicht gemißbraucht hätte, ja, man möchte fast sagen, kein offenes Fenster, in das er nicht gestiegen wäre. Wenn er sich auch das Zeugniß geben konnte, nie dabei einem bösen Willen gefolgt zu seyn, sondern mehr der Lust an Verwirrungen und Umtrieben und der Verführung, auch wohl der Noth des Augenblicks, so sah er doch, daß einst im Register seiner Thaten eine zahllose Menge zweideutiger Handlungen würden aufgezeichnet stehen, von denen er die übermüthigsten zwar gleich schon nach ihrer Ausführung bereut hatte, ohne daß sie ihn jedoch verhindert hätten, sie zu wiederholen, wo sich die Gelegenheit bot. Und welch eine Schuld hatte er nicht noch in diesen letzten Monaten aufgehäuft! Er konnte den Betrug mit der Amalienquelle allerdings einen humoristischen Streich nennen und würde ohne Gewissensbisse darüber haben sterben können; aber quälend wirkte doch auf sein besseres Bewußtseyn die Schuld, sich bei diesem Streiche zum Verbündeten des Grafen gemacht zu haben. Was bei ihm ein Spiel mit der Leichtgläubigkeit der Masse war, wurde bei seinem Mitschuldigen ein mit böser Berechnung angelegter Plan. Unbefangen und wie zum Scherze hatte er dem Grafen zu seinem Vorhaben die Hand geboten und nicht geahnt, welch einen Schreck es ihm machen würde, wenn ihm das auf seine Lüge gebaute Glück wie eine redlich verdiente Wahrheit gegenüberstehen würde. So muß es dem treulosen Baumeister seyn, der zum Fundament eines Gebäudes schlechtes Material nahm, das bessere unterschlug und nun darauf ein zum Wohnsitz von Menschen bestimmtes massives Gebäude sich erheben sieht, dessen Zusammensturz er in jedem Augenblick erwarten muß. Die Folge dieses unglücklichen Bewußtseyns, das sich bei Schlachtenmalern oft bis zur Verzweiflung steigerte, war ein tödtlicher Haß, den er auf den Grafen warf, und den dieser so gut verstand, daß er sorglich genug einem gefährlichen Ausbruch desselben aus dem Wege ging.

Die Ankunft Sägenreißers schien dem geängsteten und unglücklichen Gemüthe des Schuldbewußten kein gewöhnlicher Zufall. Er sah hier die Annäherung des Schicksals, das da käme, um ihn an die höheren Gesetze der Vergeltung zu erinnern. Jetzt schien sich ihm Alles mit Einemmale zu erfüllen, was seit einiger Zeit in ihm verworren rang; er bereitete sich in der Stille vor, dem Schicksal gegenüber die Waffen zu strecken, und wenn es mit seinem Leben wäre. Da nun seine Vorstellungen seither alle anfingen, immer auf der Grenze zwischen Leben und Tod zu wandeln, und seine Würfel, die er in banger Einsamkeit im Geiste warf, alle nur die schwarze oder weiße Farbe zeigten, so kamen seine grübelnden Gedanken allmählich auf eine Vorstellung, welche der letzten zusammengerafften Kraft Simsons glichen, die dem Tode voranging. Er wollte Sägenreißern den Arm geben: denn er dachte nicht, aus einem Duell mit dem pistolenkundigen Grafen das Leben davon zu tragen. Dies Duell, fühlte er, mußte ihn von der Gewissensschuld befreien, die er in Verbindung mit dem Grafen auf sich gezogen hatte, er mußte die beleidigten edeln und bessern Geister seines Innern versöhnen und sie an einem Manne rächen, der mit kaltem Blut einen Scherz zu einem weit umfassenden, großen Truggewebe ausgefasert hatte. Von dem Augenblick an, wo sich diese quälenden Gedanken an Sägenreißer, seine Unbesonnenheit und die Rache an dem Grafen so zutreffend mit einander vermählten, war er aufgeweckt und entschlossen und zeigte in allen seinen Vorbereitungen auf die Katastrophe jene krampfhafte Erregung des Willens, die sich nur für so harmlose Seelen, wie Celinde, hinter äußerer Ruhe und Zufriedenheit sicher und unbemerkt verbergen kann.

Es war schwer, den Grafen durch einen gleichsam vorgehaltenen Stock so zum Fallen zu bringen, daß er nicht wieder aufstehen konnte, ohne auch den am Boden liegenden Fehdehandschuh zu einem Duell mit aufzuheben. Schlachtenmaler war ein Untergebener, ein Diener des Grafen. Dieser konnte ihn für eine öffentliche Beleidigung züchtigen lassen, ob er es gleich der zwischen ihnen obwaltenden Geheimnisse wegen niemals würde gewagt haben. Schlachtenmaler berechnete dies und baute darauf den Plan, seinen Gegner dennoch zu seiner so ernsten und blutigen Genugthuung, wie er sie wünschte, zu zwingen. Der Graf, bei seiner großen Menschenkenntniß und dem Gefühl seiner Schuld, sah dem Benehmen seines jungen Freundes (denn in diesem Verhältnisse hatten sie gestanden) bald eine böswillige, versteckte Absicht an. Er mußte meiden, vor andern Leuten mit ihm zu reden, weil er sich der rücksichtslosesten Antworten und ungescheut ausgesprochener Beleidigungen gewärtigen konnte. Er wußte sehr gut, daß hier mehr als seine adelige und herrschaftliche Prärogative auf dem Spiele stand, und wich jeder nähern Berührung mit dem ihm wahnsinnig geworden scheinenden Gegner aus. Eines Tages jedoch erreichten die Unarten, die sich Schlachtenmaler gegen den Grafen erlaubte, den höchsten Grad. Dieser saß nämlich an dem zweiten grünen Tische des Spielsaales, wo zur Abwechselung mit dem Roulette öfters mit den Gästen auch Rouge et noir gespielt wurde. Der Graf spielte die Karten aus, während die Umstehenden ihre Einsätze auf den Glück oder Unglück bringenden Feldern bald hier-, bald dorthin rückten. Hätte der Graf gesehen, daß sich Schlachtenmaler leise unter die Spielenden mischte und spielte, er würde aufgestanden seyn. So aber fuhr dieser plötzlich mit den Worten auf den Grafen los: »Herr, Sie sind ein Betrüger; Ihre Karten sind falsch!« Die Mitspielenden fuhren zurück, der Graf sprang leichenblaß auf, während Schlachtenmaler die Karten ergriff und sie in?s Zimmer warf, so daß sie in alle Ecken flogen und nicht mehr verglichen werden konnten. Waren sie wirklich falsch, so blieb diese Beschämung dem Grafen jetzt erspart; aber der nächste Zweck Schlachtenmalers war erreicht. Er hatte dem Grafen die Nothwendigkeit in die Hand gegeben, irgend etwas für seine Ehre thun zu müssen, und ging aus dem Saale. Der Beleidigte blickte ihm mit zorndurchglühtem Antlitz nach und sagte, um nur die Stille zu unterbrechen: »Er ist verrückt!« Indessen konnte damit dem Erstaunen der zugegen gewesenen Gäste nicht Genüge gethan werden. Der Graf, der sich bald entfernte, fühlte, daß es einer entschiedeneren Rechtfertigung bedurfte, und konnte doch auch wieder nicht geneigt seyn, sich, wenn auch mit einem Bürgerlichen, doch mit seinem eigenen Diener zu schlagen. Ihn einer entehrenden Strafe zu unterwerfen und dann der Dienste zu entlassen, war noch unräthlicher, da er damit seinen Ruf in die Hand eines Mannes würde gegeben haben, der sich gerade an diesem rächen wollte und nichts verschwieg. Unentschlossen sein Zimmer mit großen Schritten durchmessend, empfing er ein Billet. Er erbrach und las:

»Die Stunde ist da, wo wir mit einander abrechnen müssen. Bei der Theilung unseres gemeinsamen Verdienstes bin ich zu kurz gekommen, so daß ich mich durch etwas Anderes schadlos halten muß. Das Vergnügen, Sie einen falschen Spieler genannt zu haben, ist für meine Befriedigung noch lange nicht hinreichend: denn ich war mitleidig genug, die Karten in den Wind zu streuen, um jeder Untersuchung vorzubeugen. Mein eigentlicher Antheil an dem guten Erfolg unserer gemeinschaftlichen metallurgischen und balneologischen Bemühungen soll erst kommen; ich denke, Sie werden, da Sie sich?s zur Ehre rechneten, mit mir anzuknüpfen, sich auch mit Ehren wieder von mir abnesteln. Vor Gott und der Amalienquelle sind wir Beide gleich. Ich denke, Sie werden mich auf den Entschluß, den Sie fassen müssen, nicht allzulange warten lassen!

Oscar Blasedow,  
genannt Schlachtenmaler

Der Graf, ritterlichen Wallungen nicht unzugänglich, zerknitterte das Papier und war jetzt um so mehr zum Aeußersten entschlossen, als es leicht das Letzte seyn konnte, für den Gegner nämlich. Und für ihn selbst? Was fesselte ihn noch an dies Daseyn, das sich für ihn längst in ein rastloses Elend verwandelt hatte? Der Einsatz, den er mit seinem eignen Leben machte, schien ihm klein gegen den Gewinn, der für ihn auf dem blutigen Spiele stand, den Tod des Mitschuldigen. Mit jener kaltblütigen Entsagung, die nicht das Erbtheil niederer und gemeiner Seelen ist, griff er in eine herausgezogene Schublade seines Schreibtisches. Neben unzähligen papiernen, an seine Gläubiger verschwendeten Gründen, von denen er Abschriften behalten, lag hier auch in friedlicher Form die ultima ratio rerum. Er nahm zwei Pistolen aus dem Kasten und band die zu ihnen gehörige Munition in zwei lederne Beutelchen, legte Alles auf den Tisch und bedeckte es mit seidenen Schnupftüchern. Dann schickte er zu einem seiner im Bade gerade anwesenden adeligen Freunde, einem guten Spieler und Schützen, eröffnete ihm sein Vorhaben, duldete keinen Widerspruch und leitete den Verfolg seiner Absichten so schnell ein, daß noch an demselben Tage in der Nähe des sogenannten Hirschparks, wo sich eine dem Publicum nicht zugängliche Umzäunung befand, der Ehrenhandel geschlichtet werden sollte.

Kurz vor der Katastrophe empfing Sägenreißer folgendes Billet:

»Mein Herr!

»Es ist gut, daß Sie meinem Gedächtnisse zu Hülfe gekommen sind. Im Strudel eines vielbewegten, nicht immer glücklichen Lebens war mir die Erinnerung an eine Ihnen schuldige Verbindlichkeit entfallen, welche Sie recht gethan haben mir durch Ihre persönliche Erscheinung an diesem Orte wieder vorzuführen. Die Summe, die ich Ihnen seit länger als sechs Jahren schulde, bin ich nicht im Stande, Ihnen jetzt wiederzugeben; meinen Ihnen längst verfallenen Arm jedoch, steht Ihnen frei, sogleich nach meinem in Kürze erfolgten Ableben sich als das Ihnen gebührende Unterpfand zu nehmen. Sollte die Operation, die ich eben im Begriff bin, mit mir zu machen, mißlingen, so haben Sie sich wenigstens von meinem besten Wollen, Ihnen gerecht zu werden, überzeugt und sind vielleicht nicht abgeneigt, den Termin der Rückzahlung noch auf einige Zeit zu verschieben.

Mit Hochachtung

Oscar Blasedow,  
genannt Schlachtenmaler.

Wenn auch Sägenreißern Name und Sache in diesem Briefe nicht schnell gegenwärtig waren, so fühlte er doch, daß hier etwas Gewaltthätiges im Werke war, welches man durch schnelle Dazwischenkunft noch vielleicht hindern konnte. Rasch griff er nach Hut und Stock und riß eben die Thür auf, als sie schon von Außen im Begriff war geöffnet zu werden. Sägenreißer zog sich zurück, um einem langen verdeckten Korbe Platz zu machen, den man eben in sein Zimmer tragen wollte. Er riß die Decke ab und erblickte einen ohnmächtig daliegenden Verwundeten, dem das Blut ins Antlitz und nach allen Seiten hin gespritzt war. Als Sägenreißer den Namen des Unglücklichen gehört hatte, war er so betroffen, daß er sich sammeln mußte, um mit schneller Hülfe beizuspringen. Wie durch ein bitter ironisches Schicksal war Schlachtenmalern der rechte Arm zerschmettert, und zwar in dem Grade, daß an eine Heilung desselben nicht zu denken war. Die Oberarmröhre war auf das Gewaltsamste, ganz in der Nähe des Schulterblatts, durch die Kugel zerbrochen worden. Sägenreißer wollte seinen Augen nicht trauen; und dennoch mußte er sich gestehen, daß Rettung hier nur durch Amputation des Armes möglich würde. Entschlossen, wie er war, benutzte er die Ohnmacht des Verwundeten, ließ ihn auf sein Bett legen und öffnete den Schrank, in welchem er seine zum Glück mitgenommenen Apparate liegen hatte. Schlachtenmalers Brüder, die ihm secundirt zu haben schienen, waren ihm in Allem zur Hand und sahen wohl ein, daß der Arm vor dem Brande nicht sicher war, sondern abgenommen werden mußte. Sägenreißer legte seine Verbände an und begann eine Operation, die ihm sonst so geläufig war, unter den obwaltenden Umständen aber die heftigste Gemüthsaufregung kostete.

Von den fürchterlichen Schmerzen, die die Operation dem Verwundeten verursachen mußte, erwachte der Arme aus seiner Betäubung. Aber, weit entfernt, ein verzagtes Herz zu zeigen, schien ihn diese Einlösung seines gegebenen Wortes zu ermuthigen. Entschlossen biß er die Zähne zusammen und hielt bis zum Schluß sein Leiden aus, worauf er wieder in eine Ohnmacht verfiel, die endlich in einen leisen Schlaf überging. Seine Brüder weinten, als sie den losgetrennten Arm sahen; Sägenreißer legte ihn in ein Gefäß mit Spiritus und stellte es an einen Ort, wo Beides unbemerkt blieb. Er verlor den Kranken keinen Moment aus dem Auge, brachte künstliche, stark riechende Lebensgeister in die Nähe seiner fast erstorbenen äußern Respirations-Organe, netzte seine Stirn und ordnete alles zur Bequemlichkeit des Kranken nur Erdenkliche an. Besuch ließ er nicht zu, nur daß er den Brüdern erlaubte, mit ihm gemeinschaftlich an dem Krankenlager zu wachen. Die Vorhänge des Bettes und der Fenster wurden herabgelassen, und die Dielen des Fußbodens mit Decken belegt.

Erst nach drei Tagen erholte sich Schlachtenmaler von den Ohnmachten, in die er abwechselnd verfiel, und der allgemeinen Entkräftung und Fieberhaftigkeit seines Zustandes. Als seine Vorstellungen wieder klar zu werden anfingen, war sein erstes Verlangen nach Celinden. Man hatte ihr den schrecklichen Zustand und die Gefahr, in der ihr Freund schwebte, verborgen gehalten, ob sich gleich nicht ganz verbergen ließ, daß er krank war. Ihre Liebe kämpfte mit der angebornen Schamhaftigkeit: sie wußte nicht, ob sie wagen durfte, vor sein Krankenlager zu treten; doch würde man sie auch nicht zugelassen haben. Da sich aber die Krankheit nicht gab, so steigerte sich ihre Ungeduld zum unseligsten Mißtrauen; sie nahm für gewiß an, daß er mit einer heftigen Krankheit zu ringen hätte, und gab sich erst zufrieden, als ihr Sägenreißer die heiligste Versicherung gab, daß sein Pflegbefohlener außer Gefahr war. Leidenschaftlich war auch der Antheil, den der Türk an dem Unglück Schlachtenmalers nahm: er ließ nicht drei Stunden des Tages verfließen, ohne sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Blasedow selbst war vielleicht am ruhigsten.

Als es Sägenreißer wagen konnte, auf die Fragen des Kranken zu antworten und somit sein Gemüth in Erregung zu bringen, sagte der edle Mann: »Jetzt kann ich Ihnen, mein junger Freund, nicht einmal Ihre Verschreibung zurückstellen. Ich fand sie erst lange Zeit, nachdem Sie schon Kaputh verlassen hatten, und mußte sogleich darüber lachen, was mir wohl nicht eingefallen wäre, wenn ich gewußt hätte, wie das enden sollte! Ich kannte den Ruf, in dem ich stand, und hütete mich wohl, eine scheinbare Bestätigung desselben aufzubewahren; ich zerriß Ihre Verschreibung und somit auch das Document, daß ich Ihnen Geld geliehen. Sie hätten es unter allen Umständen ableugnen können, ich würde Ihnen meine Ansprüche durch nichts haben beweisen können.«

Schlachtenmaler lächelte, als wollte er sagen: »Gute Ausrede ? ich weiß doch, daß es Ihnen Freude macht, meinen Arm zu haben!«

Sägenreißer fürchtete, in dergleichen Gefühlen betroffen zu werden, und sagte: »Liegen Sie nur ruhig; ich schaff Ihnen für Ihr Unglück noch eine ganz andere Genugthuung. Ich erfuhr von Ihren trefflichen Brüdern den Zusammenhang vieler Dinge und bin eben im Begriff, mit dem Wasser der Amalienquelle einen chemischen Versuch anzustellen.«

Schlachtenmaler wollte ihm winken, dies schlummern zu lassen; aber, ach ? er hatte keinen Arm mehr, und Sägenreißer trat zurück, die Vorhänge des Bettes zuziehend und still an dem, was er vorhatte, weiter arbeitend.

 


 

Letztes Kapitel.

 

Abschied.

 

Wir müssen jenes im Sandwege mühsam fortschleichende Fuhrwerk schon einmal gesehen haben. Das Pferd ist älter geworden, und die Kalesche nur frisch angestrichen. Der Kutscher scheint der Besitzer selbst zu seyn, aber die Dame neben ihm doch die Herrin des Ganzen. Ein vier- oder fünfjährig Mädchen ist uns freilich ganz neu; doch, wie sie so in ein großes Tuch gewickelt dasitzt und an den Fingern saugt, scheint sie nicht ohne einige Aehnlichkeit mit der nun längst verschollenen Sophie zu seyn. Tobianus sind es und Gertrud, die Beide von der Gegend des Amalienbades her gefahren kommen. Wie Beide gealtert sind! Wie die Zeit und die Liebe sie verzehrt haben! Doch noch immer scheint sie Beide dasselbe Temperament zu beleben, Tobianus gelassen und besorgt, Gertrud auffahrend und nichts sich nehmen lassend. Wie sie die Hände zusammenschlägt und dem dritten Gatten nicht genug ihre Verwunderung bezeugen kann! »Ihn in Sünden und Gottlosigkeit wiedersehen zu müssen!« rief sie schluchzend aus und verbarg ihr Haupt in dem Umschlagetuch. Tobianus, der mit dem Pferd genug zu thun hatte, meinte, daß Gottes Wege wunderbar wären, und die Kleine fiel mit Aeußerlichkeiten ein, was er für einen Bart, für Kleider und Mütze hätte! »Stille!« fuhr Gertrud auf und verbot dem Kinde, von dieser Geschichte mit- oder gar etwas auszureden. »Das wäre ja eine Schande vor der ganzen Welt,« fuhr sie fort, »sein Kind auf solchen Irrwegen zu ertappen, wie es seinen Heiland, Jesus Christus, abschwören muß.« ? Da sie hier aufs Neue in ein jämmerliches Schluchzen verfiel, so meinte Tobianus, etwas zu ihrem Troste zu thun, wenn er sagte: »Das kann man gerade nicht sagen! Die Türken erkennen Christum wohl an, wenn sie gleich ihren Muhamed über ihn setzen. ? Peter hätte gerade,« fuhr er fort, »Christum nicht abgeschworen, wenn es ihm auch, aufrichtig gesagt, etwas schauerlich wäre, einen Stiefsohn zu haben, der sich hätte beschneiden lassen.....« Gertrud rief unaufhörlich: »Ach Jesus, Jesus!« und die Kleine bemerkte des Beschneidens wegen, daß er ja kein Jude geworden sey. Gertrud gab ihr dafür, mitten aus ihrem Schmerze herausfahrend, recht derb Eins auf den Mund und sagte: »Ich werde dich lehren mitreden, du Balg, der du noch nicht wissen solltest, daß es zwei Geschlechter in der Welt gibt!« Tobianus, immer gewohnt, die raschen Zornausbrüche seiner Frau durch sanfte nachträgliche Erklärungen zu motiviren, tröstete das nun auch weinende Kind, wie es denn auch so dumm seyn könne und Petern für einen Juden halten! Peter wär ein Türke geworden, was allerdings eine Neuigkeit wäre, in die es ihm schwer falle sich zu finden. Indem hatte Gertrud bemerkt, daß ihr an den Füßen ein unbequemes Kästchen stand. Schon wollte sie ihrem Ehemanne wegen seiner schlechten Art zu packen Vorwürfe machen, als ihr die Form des Kästchens auffiel. Sie hob es auf und stieß Tobianus an, er solle helfen. Auf dem Kästchen standen wunderliche Charaktere; da aber der Schlüssel daranhing, so öffnete sie es. Wie groß war ihr Erstaunen, in Sammt und Seide hier nichts als Kostbarkeiten anzutreffen, Ringe, Schnallen, Vorstecknadeln, Armbänder, Alles von Gold und mit den edelsten Steinen besetzt! Gertrud ließ diese herrliche Bescherung, wie vom Schlag getroffen, in ihren Schoß gleiten und starrte Tobianus an, der sich auf dergleichen Sachen, er war ein wohlhabender Mann und trug Ohrringe, verstand und jeden Stein bei Namen nennen konnte. Daß dies Geschenk von dem abenteuerlichen Sohne kam, litt keinen Zweifel. Jetzt weinte Gertrud Freudethränen und rang nur zuweilen verzweifelnd die Hände, wenn ihr einfiel, daß sie für dies und vielleicht auch jenes Leben auf immer von ihrem Sohne Peter getrennt wäre. In Beziehung auf das ewige Leben tröstete sie indessen Tobianus und begann, sich über das Christenthum und den Himmel sehr freimüthig auszusprechen. Sein Glaube war weltlich und natürlich. Er spornte nun den Gaul wieder an und fuhr schnell zu, weil er noch seine Tochter Sophie im nächsten Gasthof antreffen wollte: denn er hatte mit ihr zu reden, da sie im Begriff war, sich von Wiesecke zu trennen und mit Geigenspinnern zu verheirathen. Auch wegen der Ehescheidungen, dachte er so in seinem Sinn, wie gut ist es, daß wir nicht katholisch sind!

Demnach schienen in Amalienbad sich Wunder begeben zu haben. Der so lange in Ungarn und Siebenbürgen pilgernde und fechtende Peter hatte sich in den Orient und den Islam verloren und kehrte jetzt als Renegat heimlich zu den Seinigen zurück, um sie noch einmal zu sehen ? und wo möglich sein Gewissen dadurch zu erleichtern, daß er ihnen Gutes thäte. Er hatte nicht gewagt, geradezu seine Mutter aufzusuchen, auch Dinge gehört, die ihm den Muth benahmen, sich offen zu erkennen zu geben. Er beschloß, von dem Amalienbad aus seine genaueren Nachforschungen zu leiten. Hier war es, wo er am Spieltisch seinen sonst so harten und ihm feindseligen, aber doch so biedern Stiefvater erkannte. Er nahm die Besuche und den Unterricht desselben mit Freuden an, glücklich, in seinem Bart und seiner Kleidertracht jede Erinnerung an sich verbergen zu können. Später lernte er unter den Badgästen seine Brüder unterscheiden. Schlachtenmalers Unglück betraf ihn wie ein selbst erlittenes. Nun konnte er sich aber auch nicht länger zurückhalten, sondern schrieb an seine Mutter, sie möchte kommen, um ihren ersten, wenn auch bis in den Tod unglücklichen Sohn zu umarmen. Den Erfolg dieses sonderbarsten aller Wiedersehen kennen wir. Der Bimbaschi war trostlos, in seiner Mutter so viel Kälte und, wie der inzwischen merklich genesene, einarmige Schlachtenmaler hinzufügte, so viel Bigotterie kennen zu lernen. Blasedow hatte sich während des Tobianusschen Besuches verborgen gehalten, nicht, weil er fürchtete, Gertrud zu begegnen (denn er wußte, daß sie sich in Thränen baden würde, sähe sie ihn wieder), sondern, weil er Tobianus noch immer die verhängnißvollen zehn Thaler schuldig war und ihn hinlänglich kannte, um zu sagen: Ein Philister ist unerträglich, wenn man ihm schuldig ist, aber vollends unausstehlich wird er, wenn er großmüthig ist und uns die Schuld erläßt. Im ersten Falle fürchten wir ihn doch nur, aber im zweiten sollen wir ihn bewundern! Erst, als dieser Besuch fort war, kam er wieder ans Tageslicht und gesellte sich mit fröhlichster Neugier in den kleinen verschwiegenen Kreis, wo der Bimbaschi sein in Wahrheit sehr merkwürdiges Leben erzählte. Er bekleidete jetzt in der von Mehemet Ali geschaffenen ägyptischen Beamtenhierarchie eine nicht unansehnliche Stellung. Er hatte nämlich die Oberaufsicht über den Nilschlamm. Die Brüder lachten, als er ihnen nach einigem Zögern dies Geständniß machte; doch bemerkte Blasedow unwillig, was es da zu lachen gäbe? Der Nilschlamm sey eine Lebensfrage Aegyptens, und es scheine ihm ehrenvoller, General-Director des Nilschlamms in Aegypten, als in Europa ein Oberceremonienmeister am Hofe zu seyn. Der Bimbaschi (diese militairische Würde bezeichnete den Rang Mustapha Beis, des Renegaten) forderte sie Alle dringend auf, ihm zu folgen und unter seinem Schutze ihr Glück in Aegypten zu versuchen ? im Lande des Todes, wie Blasedow still und sinnend ergänzte. Schlachtenmaler meinte, mit einem Arme würd es ihm im Gewühl der europäischen Concurrenz ohnehin schwer werden, sich Bahn zu machen; die Brüder waren nicht abgeneigt, und Blasedow ergriff es geradezu als eine Lieblingsidee, in einer Pyramide dereinst begraben werden zu können oder sanft und unbewußt an der Pest einzuschlummern. Celinde meinte, daß diese Aussicht zwar nicht allzulockend wäre; doch schmiegte sie sich mit Zärtlichkeit an ihren blassen Freund und drückte innig die einzige Hand, die er noch hatte, und sagte treulich: »Ueberall, wohin du willst!« Indem sie so innig saßen und über eine außerordentliche, sehr poetische Zukunft rathschlagten, wurde Schlachtenmalern ein Brief überbracht. Da ihm in seinem Arme noch alle Gewandtheit gebrach, so öffnete Celinde und las. Die Zeilen kamen von Sägenreißer. Er forderte ihn und die Seinen auf, so schnell wie möglich einen Ort zu verlassen, der bald in allen öffentlichen Blättern von ihm als ein Sitz des Betruges würde bezeichnet werden; er wäre fest entschlossen, um die getäuschten Badegäste, die sich in Zukunft vielleicht wieder einfinden könnten, nicht noch unglücklich zu machen, alle Welt vor dem Besuche dieses Bades zu warnen. Er bäte ihn deßhalb, um sich jeder Rache zu entziehen, aufs Schleunigste seine Abreise anzutreten. Mustapha Bei duldete nun noch um so weniger Bedenklichkeiten. Er zeigte ihnen einige mit Kremnitzer Ducaten gefüllte Beutel und erbot sich, sie Alle in seine neue ferne Heimath auf seine Kosten mitnehmen zu wollen. Celinde bedurfte dieser Beruhigung nicht. Sie war vermögend genug und meinte, sie gäbe wohl Alles hin, um einmal da zu stehen, wo Christus geboren, und da, wo er gestorben wäre. Man trieb alle nur in der Umgegend vorhandene Fuhrwerke auf und bildete bei der Abreise eine mehr als fürstliche Caravane. Von Blasedows und Sidoniens Abschied wissen wir nicht viel zu sagen, wie uns denn überhaupt das etwas heimliche Verhältniß zwischen ihnen Beiden entgangen ist; nur so viel ist gewiß, daß Sidonie nach dieser Trennung von ihrem Freunde in der That sichtbar zum Pietismus überging. Sie neigte schon längst abschüssig und hatte nun keinen Halt mehr, an den sie sich lehnen konnte.

Die Reise ging über Kaputh, wo Schlachtenmaler von Sägenreißer und Silberschlag Abschied nahm, und Celinde ihren großen Haushalt so ordnete, daß sie ihn nach Jahren, wo sie vielleicht wieder zurückkehren durfte, in erfreulichem Zustande zu finden hoffen durfte. Unterweges lasen sie in allen Zeitungen, die sie in den Wirthshäusern antrafen, folgenden Artikel:

 

Warnung vor Betrug.

Wenn in unserer Zeit der Gebrauch von Mineralbädern ohnehin schon auf eine die möglichen Heilungsaussichten weit übertreffende Weise um sich gegriffen hat, und die Aerzte schon vor dem zu weit getriebenen Gebrauch echter Mineralbäder warnen sollten, wie viel mehr sollten sie es vor unechten! Unterzeichneter glaubt es seinem Gewissen und dem Wohle seines Vaterlandes schuldig zu seyn, auf eine, er will es unentschieden lassen, ob absichtliche oder zufällige, Täuschung aufmerksam zu machen, die im laufenden Sommer einem neuentstandenen Bade einen unglaublichen und darum höchst gefährlichen Zulauf verschafft hat.

Verführt durch eine in den Zeitungen gegebene lobpreisende Darstellung des neu eröffneten eisenhaltigen Amalienbades, entschloß ich mich, an weißem Blute leidend, noch in den Spätsommermonaten jene Quelle zu besuchen. Dort angekommen, hörte ich, daß eine große Anzahl von Gästen während der Mittagshöhe der Saison dort gewesen, nur eine geringe Anzahl aber wesentliche Erleichterung von dieser Quelle erfahren habe. Das erste Glas jenes angeblich heilenden Wassers, das ich an den Mund setzte, benahm mir sogleich jedes Vertrauen. Der Geschmack des Wassers verrieth allerdings eine mineralische Berührung; doch war das Eisen unmöglich in seinem organischen Bildungsprocesse mit dem Ursprunge dieser Quelle zusammenhängend, im Gegentheil hatte das Wasser alle Kennzeichen eines durch Eisenbestandtheile mehr verderbten, als gestählten Zustandes. Jetzt erst ward ich auf den Charakter der Gegend aufmerksam, in welcher dies Wunder einer Eisenquelle sich ereignen sollte. Man braucht kein großer Geognost zu seyn, um einzusehen, daß in einer durchgängig sandigen Gegend die Natur kein Eisen, also auch keine eisenhaltige Gewässer erzeugt. Nirgends findet sich in dieser Gegend auch nur die geringste Spur einer gebirgigen Formation; weit eher ist glaublich, daß sie das Bett früherer urweltlicher Gewässer ist, die nichts als Flugsandwellen zurückgelassen haben. Einige neue Versuche mit diesem lügnerischen Wasser bekehrten mich, daß es sich hier um ein durch verrostendes Eisen verfaultes, keinesweges durch mineralischen Contact in seinen Bestandtheilen organisch gehobenes Wassers handelte. Offen und frei, unbekümmert um den Gegenstand, den meine Anklage eines vielleicht absichtlichen Betruges treffen könnte, erklär ich, daß auch alle meine sonstigen, auf die Geschichte und den Ursprung der Quelle gerichteten historischen und topographischen Nachforschungen die feste Ueberzeugung, die sich in mir ausgebildet hatte, bestätigten, daß das Wasser dieser sogenannten Amalienquelle aus einem gewöhnlichen Süßwasserbrunnen kömmt, aber so geleitet wird, daß es erst eine Zeitlang in einem Gerümpel alten, verrosteten Eisens stagnirt und dann an jenen Hahn der Röhre kömmt, wo die Brunnengäste, auf Linderung ihrer Leiden hoffend, in Treu und Glauben ihre Gläser füllen.

Unterzeichneter weiß nicht, wen seine Anklage auf Betrug hier persönlich trifft; er will nicht aussprechen, wer das von einem in dem Schlosse stattgehabten Bau gewonnene alte Eisen, als da sind Thürkrammen, Fensterbeschläge, alte schadhafte Schlösser, verrostete Schlüssel u. s. w., plötzlich an einen Ort untergebracht hat, der allen Bauleuten ein Geheimniß geblieben ist; aber seiner Pflicht als Gelehrter und Menschenfreund glaubte er es schuldig zu seyn, das Publicum vor dem Gebrauch einer Quelle des Betrugs zu warnen und durch diese offene Erklärung Jedermann von dem Besuche jenes Giftbrunnens zurückzuschrecken. Wer es kann, der belehre mich eines Andern!

Prof. Dr. Sägenreißer,      
Fürstl. Sayn-Saynscher Hof-Wundarzt.

Kaputh, den 15. September 18...

 

In Wien erfuhren die Reisenden, daß Graf von der Neige diesen Artikel unbeantwortet gelassen, sich aber mit einer neuen Speculation befaßt hatte. Er hatte eine Compagnie zur Erdpechpflasterung aller Straßen und Plätze Europas gebildet und sich zum Director des permanenten Ausschusses dieser neuen industriellen Unternehmung wählen lassen.

Von unsern vertrauteren Freunden aber nehmen wir jetzt vielleicht auf immer Abschied. In Wien haben sie so eben das Donau-Dampfschiff Nador bestiegen und blicken wehmüthig in die neue Zukunft hinaus, die ihnen der Orient erschließen wird. Es ist ein kalter Morgen. Blasedow lehnt sich fröstelnd an das Dach der Cajüte, den Arm in den Brustlatz gesteckt, und denkt über sein Grab in den Pyramiden nach. Die Brüder und die Türken lärmen mit den Arbeitsleuten, die ihre Effecten verpacken. Mustapha Bei sieht mit stumpfer Neugier dem geschäftigen Treiben zu und zählt die Thürme Wiens in der Ferne. Schlachtenmaler unterhält sich mit dem Capitän und besichtigt die Maschinen. Celinde sitzt neben Blasedow und ordnet ihre Guides de Voyageur, ihre Landkarten, Albums und Zeichenmaterialien, wie eine Engländerin. Die Glocke wird zum zweiten Male gezogen. Die letzten Verspäteten beeilen sich, auf das Schiff zu kommen. Die Glocke läutet zum dritten Male, der Schornstein hört zu brausen auf, und im leichten Tanze schaukelt das schwere Schiff sich allmählich in die Mitte des Stromes hinein.

Nimm dein Tuch und wehe ihnen noch einmal deinen Abschied zu! Grüßet die Kuppeln der Minarets von Stambul, grüßet die Ruinen Trojas, grüßet den heiligen Nil und den Vater Enfantin! Eine neue Welt geht vor euren Augen auf; vergeßt unter Palmen nicht die deutsche Buche, unter Dattelbäumen unsere Zwetschen nicht, unter Rododendren nicht das Veilchen und Vergißmeinnicht! Lebt wohl, ihr Theuren, Guten! Noch einen Gruß mit euren Tüchern; ach, dann nehmt sie, um eure Thränen zu trocknen! Lebt wohl, ihr Lieben! Lebt wohl!

 



Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren