Blasedow und seine Söhne. Dritter Theil

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Erstes Kapitel.

 

Wiedersehen und Berge ohne Echo.

 

»Das ist freilich etwas Anderes« ? sagte der Amtmann betroffen, und Thespis, der Schauspieldirector, wiederholte sich mit erzürntem Nachdruck, blutroth vor Ingrimm und mit mehr natürlicher als Kunstwärme: »Ja, auf Stempelpapier! Auf Landesstempelpapier! Denn ich werde kein« ? er brauchte hier eine thierische Metapher ? »seyn und die Waffen aus den Händen geben! Kann heutiges Tages sich eine Kunstanstalt erhalten, wenn die Direktoren alle, und die Schauspieler keine Verbindlichkeiten haben? Herr, es gehen ja bei der so um sich greifenden Dressur jetzt mehr Schauspieler, als Pferde durch! Kaum sticht die so ehrvergessenen Menschen der Hafer, kaum haben sie sich nach Kummer und Elend bei einer achtbaren Direktion wieder runde Backen gegessen, so schlagen sie aus, reißen sich los und laufen in die weite Welt. Man erblickt erst einen solchen Findling am Wege, nimmt ihn in sein Haus, füttert ihn, gibt ihm Rollen, läßt ihn Helden spielen, und eines Morgens ist das Nest leer und der Vogel ausgeflogen. Die Wache bleibt, Herr Amtmann, sie bleibt; die Contracte sind auf Stempelpapier.«

Der Amtmann entgegnete, nicht ohne sichtbare Zeichen einer großen Verwirrung: »Sie haben das Recht für sich, Herr Thespis, aber nicht die Vernunft! Es gibt einen Aufruhr. Meine bewaffnete Macht reicht nicht hin, fünf tollkühnen Abenteurern, die nur gewohnt sind, Räuber und Königsmörder zu spielen, förmlich den Krieg zu erklären. Unsere Stadt ist ein offenes Landstädtchen, unsere Gerichtshalterei ist auf Capitalverbrechen eben so wenig (denn wir haben ja nicht einmal einen Galgen), wie unser Profoßamt auf eine complete Verschwörung eingerichtet. Der Tumult in der Stadt währt mir zu lange, und bloß deßhalb mein ich, Sie sollten sich lieber mit den Leuten vertragen und sie gegen eine billige Entschädigung ihrer Wege gehen lassen.«

Hier schlug Thespis jene eigenthümliche Lache auf, welche halb das Echo der Verzweiflung, halb diabolische Persiflage seyn soll, und in diesem Falle Beides auch wirklich war. »Mich mit ihnen abfinden!« lachte er laut auf, daß ihm die Thränen aus den zornigen, blutgesprenkelten Augen kamen. »Entschädigung!« rief er nochmals und wollte kein Ende finden, in dem Amtszimmer umher zu laufen, da er nichts weiter zu entgegnen wußte und durch sein verzweifeltes satirisches Lachen wahrscheinlich doch nur die leicht mögliche Thatsache verdecken wollte, daß die Gagen seit einiger Zeit vielleicht noch rückständig waren. Der Amtmann blickte zum Fenster hinaus und sah, daß der Marktplatz voller Menschen, und alle Industrie des kleinen Ortes still stand. »Kurz und gut,« sagte er zornig und schlug die Acten zusammen, »zwei Tage hab ich an dem Spectakel genug, Herr Thespis, und, wenn Sie mir nicht jetzt im Orte Frieden schaffen, so lasse ich Sie mit Ihren wortbrüchigen Rebellen alle zusammen zur Ruhe verweisen.«

Thespis, der den aufgesprungenen Amtmann hindern wollte, sich nach Hut und Stock umzusehen, und eben eine donnernde Rede aus dem »Bürgermeister von Saardam« halten wollte, wurde von einem Amtsdiener und einem lauten, gellenden Pfeifen auf dem Marktplatz unterbrochen. Die rebellischen Schauspieler, hieß es, hätten sich der gesammten Garderobe ? Thespis wartete jedoch die Periode nicht ab, sondern stürzte leichenblaß zum Amtszimmer hinaus (der Amtmann besonnen hinter ihm her), lief wie Diogenes baarhaupt über den Rathsplatz jenem alterthümlichen Gebäude zu, welches seiner Truppe zu ihren theatralischen Leistungen eingeräumt zu werden pflegte. »Platz, Platz dem Generallieutenant!« schrie er aus »Wallensteins Tod« und bahnte sich mit gewaltsamen Stößen den Weg durch die vor dem Gebäude versammelte Menge. Die ganze Stadt freute sich, seit zwei Tagen eine theatralische Vorstellung im Freien und unentgeltlich zu sehen: denn es sah romantisch aus, die alte Ruine, welche früher ein Kloster gewesen war und jetzt gewöhnlich als Waarenmagazin diente, in den Schauplatz einer ritterlichen Begebenheit verwandelt, ein hoher Thurm, dessen Fenster zwar seit Jahrhunderten schon mit Brettern vernagelt waren, aber doch noch aus einigen Oeffnungen die Schadenfreude der fünf aufrührerischen Schauspieler verrieth, die sich in diesen Thurm geworfen und ihn unten am Eingange verriegelt und verrammelt hatten. Ein Duzend Stadtsoldaten hielt an der von Innen verschlossenen Thür Wache und blickte vergebens zu den Belagerten empor, die zuweilen oben den Kopf aus einer Luke steckten und eine Fledermaus oder todte Ratte, zum Jubel der versammelten Menge, hinunterwarfen. Oefters sangen sie auch Lieder aus Schillers Räubern und Wallensteins Lager oder fingen mit den Belagerern scherzweise zu parlamentiren an. Die Unmöglichkeit, die Thür zu sprengen, lag nicht so sehr in dem festen Schlosse desselben, als in dem Umstand, daß dieser Thurm als Garderobe- und Decorationsbehälter benutzt worden war. Die Belagerten hatten sich nämlich theils der Coulissen, theils der Kleiderkisten dazu bedient, die Thür zu versperren. Thespis konnte daher bei aller eignen Erbitterung und bei allem Muthe der durch Trinkgelder und versprochene Freibillets angefeuerten Stadtmiliz dennoch keinen Sturm wagen, weil ihm die gesprengte Thüre unfehlbar auch die Hinterallee des Parkes von Belriguardo, einige alte Ahnenhallen und wohl gar die Teufelsschlucht aus dem Freischützen in Stücken zerrissen haben würde. Wenn Thespis den Belagerten mit Hinterlist den Weg der Güte zurief, so ließen diese in zweideutiger Anspielung einen Strick herunter und meinten damit zunächst wohl nur, daß die Thür unerbrechlich wäre, und der Director auf diesem Wege zu ihnen hinaufklettern möchte. Diese Verhöhnung mit dem Wege der Güte, da er wirklich keinen andern zum Thurme finden konnte, hatte ihn so verdrossen, daß er zum Amtmann lief und um ernstliches Einschreiten bat, mit einem Erfolge jedoch, den wir schon kennen.

Thespis kam athemlos an dem frei im Hofe des Magazins belegenen Thurme an und sah schon in der Ferne, wie die im Thorwege, im Hofe und draußen vor dem Gebäude versammelte Menge über das neue Schauspiel lachte, welches die Belagerten zum Besten gaben. Diese mußten nämlich allerdings auf ein Mittel sinnen, um aus ihrer drückend ängstlichen Lage befreit zu werden. Eben im Begriff, sich heimlich von der Gesellschaft zu entfernen, hatte sie Thespis arretiren lassen. Einer und der Andre wäre wohl entsprungen; aber, da sie Alle für Einen stehen wollten, so blieb ihnen nichts übrig, als sich in den Thurm zu werfen und von hier aus ihr Schicksal abzuwarten. Flucht war nicht möglich; Lebensmittel besaßen sie nur hinreichend für einen Tag. Seit vierundzwanzig Stunden peinigte sie der fürchterlichste Hunger, der durch vieles Reden unter sich (eine bekannte Erfahrung, die es auch den Armen räthlich macht, lieber still zu schweigen bei ihrem leeren Magen) nur noch heftiger wurde. Sie mußten alle ihre Verschlagenheit zu Hülfe nehmen, um nicht den Aeltesten unter ihnen in die Lage Ugolinos zu bringen, und so verfielen sie auf den Ausweg, den Director durch die angedrohte Vernichtung seiner Garderobe zum Frieden und zu freiem Abzug zu zwingen. Sie schlugen die Kisten auf und nahmen sämmtliche Harnische und Schlafröcke, Königskronen und Schlafmützen, Räuber- und Jagdröcke, Königinnenroben und durchsichtige Tricots mit hinauf in die höchste Zinne des Thurmes, wo sie sich ankleideten und in den verschiedenartigsten Costumes auf eine Art von Gallerie hinaustraten, wo sie mit jubelnder Begrüßung empfangen wurden. Siehe, da stand der fabelhafte chinesische Kaiser Altoum, mit einer ungeheuren Deckelmütze und einer Kleiderschleppe, die wie eine Schiffsflagge vom Winde gefaßt wurde und um den ganzen Thurm herumklatschte! Aus zwei Roßschweifen eines Theodor Körnerschen Zriny-Paschas hatte sich der chinesische Kaiser einen ungeheuren Schnurrbart gemacht, und, um das Volk noch mehr zu belustigen, setzte er die Papagenoflöte an den Mund und blies: »Ein Männchen oder Weibchen ?«. Hinter ihm stand die Königin der Nacht in dem weiten, sterndurchsäeten, falschen Spitzenschleier, der dem Director Thespis nicht wenig Geld kostete und um so theurer war, als ihn nur Madame Binder-Bürsten trug, nie eine Gastin, geschweige ein Mann! Die Königin der Nacht hatte in der That die Absicht, die Sonne zu verdunkeln, die so herrlich schien und den gaffenden Leuten gerade ins Angesicht. Sie ließ sich den ungeheuren Sternenschleier an zwei Eckvorsprüngen des Thurmes befestigen und breitete somit ihre Flügel wie eine riesenhafte Fledermaus aus. Es wurde mit den Gewändern der Garderobe ein so großer Luxus getrieben, daß sich der fabelhafte Kaiser Altoum und die Königin der Nacht ordentlich wie zwei Kaschemir-Bajaderen ausnahmen, die den beliebten Shawltanz, wenn gleich diesmal sitzend, aufführten. Um die Gruppe vollständig zu machen, blickten an verschiedenen in der Drapperie gelassenen Lücken drei andere Gestalten hervor. Zuerst Werther im blauen Frack und den gelben Beinkleidern, mit einer Pistole in der Hand, die von der Stadtmiliz mißverstanden wurde und sie um so mehr anfeuerte, den Amtmann zur Aufhebung der Belagerung zu ermuntern. Sodann Graf Dunois, der Bastard von Orleans, in einem ganz neupolirten blechernen Harnisch, mit heruntergelassenem Visier und einem beispiellosen Hünenschwert, welches er aus dem prächtigen Waffenschranke jenes Scharfrichters entnahm, dessen Freiknecht der berühmte Hinko der Madame Birchpfeiffer wurde. Thespis blickte diese Scene mit jenem, schon einige Mal an ihm beobachteten Lächeln an, welches bei manchen Leuten, die man aufs Aeußerste bringt, die Ouverture zum Wahnsinn zu seyn pflegt. Er mußte nicht nur sehen, daß man seine kostbaren Costumes auf diese Art mißbrauchte, sondern sie auch den Blicken eines Publicums preisgab, welches dazu kein Eintrittsgeld gezahlt hatte. Es war Zeit, daß er sich an den Paukenschläger seiner Capelle lehnte: denn des Hohnes wurde immer mehr. Nun sah man gar noch den fünften der contractbrüchigen Durchgänger als Richard III. auftreten, und zwar mit einem Buckel, der weit über eine natürliche Vorstellung hinausging. Thespis konnte sogleich wahrnehmen, daß zur Ausfüllung dieses Schweizer Rigis von einem Höcker nicht etwa die ausgezogenen Kleider des Possenreißers würden gedient haben, sondern er setzte nicht mit Unrecht voraus, daß sich in diesem Ungethüm mehr als zehn Wappenröcke, Räuberanzüge und Lazzaronimäntel zusammengeballt finden würden. Richard III. nahm sich zu seinem Rücken wie ein Beduine zu einem Kameel aus; er konnte recht eigentlich im Schatten seines Unglücks wandeln und hatte nur nöthig, sich nach der Seite hinzuwenden, wo gerade der Wind herkam, um vor ihm geschützt zu seyn. Wie ein Dolchstoß war es dem Director, wenn Richard III. mitunter ausrief: »Mein Königreich für ein Pferd!« denn Thespis pflegte diesen Tyrannen ja selber zu spielen und hatte gerade etwas Besonderes in seinem Organ, was ihm der Schelm so glücklich nachzumachen wußte, nämlich, bei jedem Satze das Räuspern, was Thespis früher aus Verlegenheit sich angewöhnt hatte und später zu einer Kunsteigenthümlichkeit erhob, die bei ihm das heisere Organ Ludwig Devrients ersetzen sollte. Richard III. auf dem Thurme courbettirte wie ein Affe auf Thespis berühmtem Paradepferd und schaltete das bedeutsame Räuspern selbst da ein, wo es unter keiner Bedingung hingehörte, z. B. in die im höchsten Affect gesprochenen Worte: Ein Pferd! Ein Pferd! wo der contractbrüchige Schauspieler hinter jedem Worte eine Pause machte und sie zum Räuspern benutzte. Thespis wagte nun auch nicht mehr zu widersprechen.

Nämlich dem Amtmann, der schon lange vor ihm stand und ihm ernstlich die Präliminarien eines unverzüglich zu schließenden Friedens vorhielt. Das Volk verlasse seine Arbeit und kein auf nächsten Sonntag bestellter Rock oder Stiefel würde fertig werden; die Stadtmiliz wäre so anstrengender Operationen nicht gewohnt, und die Schauspieler selbst hätten im Thurme keine Lebensmittel, wohl aber, wie es scheine, die tollkühne Idee, eher zu verhungern, als nachzugeben; wie er, als Amtmann, bestehen würde, wenn man die Waghälse todt im Thurme fände! Thespis sah die Vernichtung seiner Garderobe vor Augen. Die Contractbrüchigen zerrten an ihr erbarmungslos und schleppten jetzt sogar den Comthur zu Pferde aus Don Juan herauf und stellten das steinerne Monument, es war aus Pappdeckel, oben aus. Auch die Marmorbraut (man sieht, Thespis hatte ein gutes Repertoire) wurde aufgestellt, gleichfalls eine Figur aus Pappdeckel. Der Director wandte sich ab: vor seinem Blicke gaukelten alle zertrümmerte Requisiten seines Musentempels, er sah im Fieberwahne oben den Bürgermeister Staar, er sah Posa, den Astrologen Seni, sah Johanna von Montfaucon, Karl Moor, die Jungfrau von Orleans, den Abbé de lEpée, Othello, Jaromir, er winkte abweisend mit der Hand und entschloß sich, an den Paukenschläger und den Amtmann gelehnt, mit den Belagerten zu capituliren.

Nach langer Verhandlung entschloß sich endlich Thespis, den contractbrüchigen Flüchtlingen freien Abzug zu gestatten. Er machte sich anheischig, einen Wagen vor dem Thurm auffahren zu lassen, auf welchem die Besatzung gleich das Weite suchen sollte. Der Amtmann und die Stadtsoldaten, die lieber die Klingen einsteckten, um zu zeigen, daß Keiner darüber zu springen hätte, garantirten diesen westphälischen Frieden, der einen länger als dreißigstündigen Krieg beschloß. Der Wagen fuhr vor. Die contractbrüchigen Schauspieler kleideten sich um, und bald hörte man sie die Stufen des Thurmes herunter kommen. Die wogende Menge drängte sich an die Thür, welche mit den Coulissen so gesichert war, daß es lange währte, bis sie frei wurde und sich öffnete. Ein allgemeines Hurrah empfing die tapfern Krieger, welche sich wohlgemuth auf den Leiterwagen setzten und unter dem Pfeifen und Jubeln der Menge davonfuhren. Der Lärm war so groß, daß Herrn Thespis Drohung, er wolle nun aber ihr ehrloses Betragen auch in allen Blättern der Welt bekannt machen, unmächtig darin verhallte. Die Flüchtlinge kümmerte nichts, als die Untersuchung des mitstipulirten Eßwaarenkorbes. Sie hatten wahrlich nöthig, daß sie bald ins Freie kamen, um ungestört für ihr nächstes Bedürfniß, den schon mit Verzweiflung ringenden Magen, zu sorgen.

Hinter dem Weichbilde des Städtchens wurde die Gegend öde und melancholisch. Während der Wagen noch auf einem unebenen Steindamme hin- und hergeschleudert wurde und später in den tief ausgefahrenen Gleisen eines Sandweges schlich, schien sich allmählich auch jede Vegetation zu verlieren, und nur dürres Haidekraut bedeckte die weite Aussicht, welche eine unermeßliche Fläche darbot. »Und doch,« sagte derjenige von den Reisenden, welcher der Aelteste war und den Kaiser Altoum mit so würdiger, mehr passiver Ruhe als drastischem Willen gespielt hatte, »doch fehlt auch der Wüste ihr Reiz nicht. Nirgends blüht die poetische weißstämmige Birke so schön, als auf der Lüneburger Heide, und nirgends hab ich die Lerche so empfunden, als da, wo man sie sich als unmöglich denkt, zwischen Lüneburg und Celle. Die bunten Blüthen des Haidekrautes kommen an Duft und Farbe oft den Alpenblumen gleich, und wie dichterisch ernst und fast babylonisch wehmüthig stehen da die dicken Weidenstämme, unförmlich zwar, wie Knollen, und mit weit weniger Zweigen, als dem Ueberfluß an Holze zukäme, aber gerade geeignet, Harfen an ihnen aufzuhängen, da man nirgends poetischer gestimmt wird, als da, wo die Poesie am entferntesten ist, und die Armuth der Natur das Menschenherz auffordert, ihr ein Lied zu singen und ihre Blöße mit Liebe zu bedecken.«

Aus diesen Worten kann man Alles entnehmen, nur nicht, daß der, der sie sprach, so besonders redselig gewesen wäre. Es war nur unsere Pflicht, ihm das erste Wort zu gönnen, weil seines das erste vernünftige war. Man hatte genug um ihn her gelacht und das erlebte Abenteuer durchgesprochen, bis er sich mit seiner sanften Rede Bahn brach und die Gemüther zum Ernst stimmte. Das Ernsteste war aber die Zukunft, und, diese erörternd, sagte der Eine: »Bis jetzt haben wir nach eingelernten Rollen gespielt, und der Unterschied scheint bloß der werden zu wollen, daß wir beim Grafen aus dem Stegreif spielen und ohne Theater.« Ein Anderer griff in die Tasche und faltete einen Brief auseinander, dessen Inhalt er nochmals (denn er kannte ihn schon) ungläubig durchmusterte: »Große Versprechungen, auf Sand gebaut! Wieder eine Lotterie, aber nicht mit Gütern, sondern diesmal mit Menschen.« ? »Und wo ihm«, fiel ein Dritter sehr ernst und ironisch ein, »doch auch die Nadel nicht fehlen soll. Uebrigens hat der Graf Talent und ist unter der Constellation des Zeitgeistes geboren. Die Ritter-Industrie seiner faustrechtlichen Vorfahren hat ihm nicht so viel hinterlassen, als er sich, seit dem er Industrieritter geworden, durch einen glücklichen Wurf erwerben kann. Er hat praktisches Talent und macht sich nicht viel daraus, noch unter der Hungertuchfahne groß für die Rechte der Feudalität zu kämpfen.«

Und der Redner hatte Recht, die Tugenden eines zweideutigen Mannes ins Große und Lockende auszumalen, da es ja, allem Anscheine nach, der Wille der Flüchtlinge war, ihre bisherige theatralische Laufbahn zu verlassen und sich dem Unternehmungsgeiste eines Mannes anzuschließen, als dessen Princip uns schon längst bekannt ist, daß das Glück vom Einsatz abhänge. Der Aelteste, der Kaiser Altoum, mischte sich in die Unterhaltung nicht, sondern ließ nur höchstens einmal eine kürzere oder längere Bemerkung fallen, wie z. B. diese: »Liebe Kinder, wir scheinen nun einmal dazu bestimmt zu seyn, unser Leben alle Augenblicke von vorn anfangen zu müssen. Hab ich doch selbst ein ganzes, mit trübseliger Consequenz durchgeführtes Leben über Bord geworfen und mich ganz von Frischem wieder eingeschifft, um es noch umgekehrt zu versuchen. Es liegt eine eigene Ironie darin, daß ihr, die ich erzog, um nur Eines zu werden, jetzt gerade genöthigt seyd, Alles zu werden. Der Schauspieler hatte nun gar erst die Bestimmung der täglichen Umkleidung und mußte jeder Rolle gewärtig seyn. Wenn übrigens die Menschen sagen: Ihr seyd nichts! so wollen sie nach ihren Begriffen eigentlich sagen: Ihr habt nichts! Diese beiden Hülfszeitwörter unseres Daseyns werden von der Masse irrig verwechselt, und nur, wer darüber steht, sieht ein, daß im Werden die Würde des Mannes liegt. Wohl dem, der etwas hat; noch besser dem, der etwas ist; aber wehe dem, der je aufhören wollte, etwas zu werden! Wenn wir in andern Planeten unser hiesiges Daseyn etwa fortsetzen sollten, so werden wir doch nie von dem ausgehen dürfen, was wir hier schon geworden sind, oder die Aufgaben jenseits sind ohnehin so hoch gestellt, daß die Blume unserer irdischen Bildung dort nur zu ganz gemeinem Dünger für eine ganz andere und herrlichere Vegetation dienen kann.«

In der Art etwa erging sich eine Persönlichkeit, welche leicht als leiblicher Vater der vier Uebrigen zu erkennen war. Am Abend kehrten sie in einer einsam gelegenen Haideschenke ein und setzten am nächsten Morgen ihre Reise fort. Der Weg bekam, je mehr sich der morastige Haideboden in Sandboden verwandelte, hie und da einige Erhöhungen, und der Alte sagte: Nur Eines wär ihm unerträglich, die absolute Sandfläche ? und Sand- und Lehmgruben, die sich für Thäler ausgäben und ordentliche Berge bildeten. Solche Gegenden könnten nur durch Mordthaten, die darauf begangen würden, berühmt werden, und es wär ihm in manchen absoluten Sandflächen immer zu Muth gewesen, als könnten nur Schaffotte darauf wachsen. In der That kündigte sich ihnen auch, je näher sie dem Orte ihrer Bestimmung kamen, in diesen kleinen Sandhügeln eine sehr unheimliche Erscheinung an. Sie hörten nämlich von Zeit zu Zeit verhallende Töne, die einen gewissen Zusammenhang zu haben schienen und doch immer nur mit Zwischenpausen ausgestoßen wurden. Es war ihnen erst wie der Hülferuf eines Unglücklichen, allein bald gab sich ordentlich eine Methode in den Tönen zu erkennen. Sie folgten sich unermüdet auf einander und ließen entweder einen Scherz voraussetzen oder, wären sie in Indien gewesen, einen Fakir, der, die heiligen Vedas auf diese Art Wort für Wort sein Lebenlang in der Wüste auszurufen, sich und den Göttern gelobt hätte. Allmählich ergab sich indessen, daß auch diese Annahme in Indien irrthümlich gewesen wäre: denn die Stimme kam immer näher, und ihre Worte ließen eher auf die laut hergesagte Lection eines Schulknaben, als auf die tiefen Philosopheme der Gymnosophisten schließen. Die Reisenden hielten innerhalb eines Zusammenstoßes verschiedener Sandhohlwege inne und warteten den sich immer mehr nähernden Schreier ab, der mit dem größten Aufwande seiner Lungen die Luft erschütterte. Nun konnten sie auch schon deutlich hören, welches der Inhalt der syllabirenden Gebirgswanderung war. Mit urmächtiger Stimme donnerte es schon dicht in ihrer Nähe aus dem brandenburgischen Kinderfreund:

»Aus ? diesem ? Lesebuche ? kann ? ich ? viel ? Nützliches ? und ? Gutes ? lernen, ? darum ? will ? ich ? es ? in ? Acht ? nehmen ? und ? nicht ? zerreißen. ? Ich kenne ? mein Lesebuch, ? denn ? ich habe ? mir ? gemerkt, ? daß es ? viereckig ist, ? einen ? pappenen, ? mit ? Papier ? und ? Leder ? überzogenen ? Deckel ? und ? einen ? weißen ? Schnitt ? hat. ? Im ? Januar ? ist es ? gewöhnlich ? sehr kalt, ? und ? im Juli ? ist es ? gewöhnlich ? sehr ? heiß. ? Ich habe ? in ? der Küche ? folgende ? Dinge ? gesehen: ? Töpfe ? Eimer ? Schüsseln ? Teller ? Kessel ? Näpfe ? Kannen ? Kellen ? Quirl ? eine Zange ? einen Mörsel ? eine Pfanne ? ein Reibeisen ? einen Bratspieß ? einen Borstwisch ? eine Stürze ? eine Butterbüchse ? einen Lohgrapen ? viele Deckel ? Tassen ? Büchsen ? und einen großen Wasserkrug.«

Jetzt endlich wurde oben auf einem kleinen Sandhügel ein Mann sichtbar, der den brandenburgischen Kinderfreund in der Hand hielt und ihn mit ungeheurer Anstrengung auf die bezeichnete abgestoßene Weise ausrief. Als der Mann, der äußerlich eher einem Flur- als einen Fibelschützen glich, der Reisenden ansichtig wurde, schlug er den Kinderfreund zu, nahm eine Prise und die Mütze ab und grüßte. Befragt, was ihm denn wäre, daß er so grimmig in die Berge hinein buchstabirte, stieg er von der kleinen Anhöhe herunter und sagte: »Ach, es ist eine dumme Geschichte; aber ich bin verheirathet, und was thut man nicht um sein Brod? Uebrigens ist alle Mühe vergebens, und der Graf kann gewiß seyn, daß in keinem Winkel hier was zu hören ist.«

Es währte etwas lange, bis der Fibelschütz eine verständliche Auskunft gab. Er durchstreifte nämlich schon seit acht Tagen diese flachen Sandhügel, um, im Auftrage des Grafen, der etwas Großartiges im Werke hatte, zu untersuchen, ob nicht etwa ein Echo in ihnen verborgen läge. »Wär ich nicht,« sagte der umgekehrte, moderne Narcissus, »Musikus von Haus aus, so würd ich mir schon was an der Lunge zersprengt haben« (eigentlich sagte er zersprungen); »seit acht Tagen lauf ich herum und brülle wie ein Stier nach nem Echo und höre keines; die Berge bleiben stockdumm, ich mag schreien, was ich will. Da ich wenigstens eine Unterhaltung bei diesem lästigen Geschäft haben wollte, und da mein Witz auch nicht groß genug ist, immer was Neues köpflings auszudenken, so hab ich mir den brandenburgischen Kinderfreund mitgenommen und ihn schon einmal ganz durchgebrüllt; aber es hilft nichts, ich höre kein Echo.«

Von den Reisenden meinte Einer, wenn der Graf denn doch einmal zu seinen Plänen eines Echos in den Bergen bedürfte, so könnte er ja Jemanden anstellen, der aus irgend einem »geheimen Plauderstübchen« den Leuten das mit Geschicklichkeit nachriefe, was sie in die Gegend hinein schrien. »Ja,« meinte der Fibelschütz, sich hinter den Ohren krauend, »was Anderes seh ich auch nicht kommen, wenns doch mal ein Echo seyn soll! Ueberhaupt glauben Sie nicht, was der Graf mit dieser ganzen Gegend hier vorhat. Er will, wie unser Herrgott, hier aus Nichts ordentlich ein Paradies machen. Ich bin eigentlich für die Bademusiken ? ja,« unterbrach sich der Mann, »davon wissen Sie All noch nichts?«

Von den Reisenden bedeutete ihn Einer, daß ihnen die Pläne des Grafen wohl bekannt wären, und lud den Echojäger ein, sich nur mit auf den Leiterwagen zu setzen und ihnen eine andere Unterhaltung zu gönnen, als den Kinderfreund. »Nun,« sagte er wohlgefällig und stieg ein, »ich fahre bis zum Sandkruge mit und kann ja recht laut sprechen, wenns doch vielleicht wo an den Bergwänden Anklang fände.« Der gute Mann erzählte nun recht vertraulich seine kleine Lebensgeschichte. »Sehen Sie,« sagte er, »ich heiße eigentlich Joseph Andres Meißner, und mein Vater war bloß ein Töpfer. Die Leute sagten immer: Wir essen doch von Meißnerschem Porzellan, was aber eine scherzhafte Zweideutigkeit war: denn sie meinten nicht Meißen in Sachsen, sondern meinen Vater. Es war gewissermaßen auch Meißnersches Porzellan, was er machte, weil er nämlich Meißner hieß, und, wie gesagt, ich bin sein Sohn. Mein Geburtsort ist aber in Bayern und nicht weit von den katholischen Fürstenthümern, weßhalb ich selber auch katholisch bin und von Hause aus großes Genie für die Flöte, überhaupt für Alles, was Musik ist, gehabt habe. Ich lernte Clarinette, Violine und blies auch die Trompete, was eigentlich auch die Veranlassung war, daß ich Hoftrompeter wurde, das heißt Klosterhoftrompeter oder Hofklostertrompeter im Bambergischen. Es war nämlich immer bloß ein Spaß, daß sie mich Hoftrompeter nannten. Uebrigens wurde die Anstalt, woher der Name kam, später eingezogen und mein Gehalt auch, warum ich denn nach Moskau ging, nämlich auf eine Anzeige hin, die im Blatt gestanden hatte. Es war eine Stelle als Violinist vacant, die ich, wie jeder Andere, im Orchester ausfüllen konnte. Nun hören Sie, wie man öfters durch etwas sein Glück machen kann! Ich hatte die Fertigkeit und habe sie noch, ob die Finger gleich steif werden, die Violine mit einem Finger zu spielen. Mein Obergelenk hier am rechten Zeigefinger ist so gewandt, daß ich etwas ganz fest damit packen kann, und so halt ich den Fidelbogen mit dem Dings so fest, wie mit der geballten Faust. Das machte mein Glück. Ich kam nach Moskau, und, wie sich Alles so schicken muß, da war der Theaterintendant des Kaisers gerade in Ungnade gefallen und nach Siberien geschickt, und, wie ich Ihnen sage, ein General, der wirklich von der Musik gar nichts verstand, wurde vom Kaiser an seine Stelle gesetzt. Es war ein guter General gewesen, der Mann; aber der Kaiser konnte ihn nicht mehr brauchen, weil er seit einiger Zeit das Gehör verloren hatte vom Kanonendonner oder Rheumatismus, genug, er war stocktaub. Wie nun so ein Mann an die Spitze eines Orchesters gestellt werden kann, das begreife Gott! Der General sollte das Theater verwalten, die Schauspieler, Sänger und Instrumente auswählen, und er konnte kaum etwas hören, selbst, wenn mans ihm mit Gewalt ins Horn schrie: denn so weit ging es, daß er eins brauchen mußte. Nun verließ sich der Mann aber auf sein Auge. Wer gut declamirte auf dem Theater, der war sein Mann (manche Sängerin auch seine Frau). Ich muß gestehen, ich habe von dem Unglück des Mannes lange Zeit mein Glück gemacht. Er prüfte mich mit drei andern Violinisten zu gleicher Zeit. Wir mußten Alle auf Einmal spielen: denn den Höllenlärm, den das gab, den hörte er nicht, und er sagte, er hätte nicht viel Zeit. Nur auf die Finger sah er uns, und hier war es, wo ihn meine Fertigkeit, bloß mit einem Finger zu spielen, so weit brachte, daß er mich engagirte und später sogar zum Capellmeister machte. Ich muß sagen, ich spielte weit schlechter, als die drei Andern; aber ich wäre ja wohl ein Narr gewesen, nach Moskau zu reisen, um dort noch die Großmuth selbst zu seyn. Ich habe die erste Violin und den Capellmeister gespielt, bis mein General in den kaiserlichen Senat kam, wo er nicht bloß nichts zu hören brauchte, sondern auch allenfalls hätte stumm seyn können. Sein Nachfolger war ein Kenner, und ich wurde entlassen. Mit einigem Vermögen ausgestattet, kehrt ich mit Weib und Kind nach Deutschland zurück, und nun soll es mich wundern, was aus dem Grafen, der mich als Director einer zu errichtenden Badcapelle engagirt hat, werden wird. Bis jetzt sah ich weder eine Capelle noch ein Bad, und zunächst soll ich, da ich doch ein musikalisches Ohr hätte, hier in der arabischen Wüste ein Echo entdecken, glaube aber, ich finde keins.«

Am Sandkruge hielten die Reisenden inne und erfrischten sich. Der Echojäger theilte ihnen noch Mancherlei über die Vorgänge auf der hier neuerdings erkauften Wirthschaft des Grafen mit, was ihnen um so willkommner seyn mußte, als sie im Begriff standen, sich in seine Pläne verwickeln zu lassen, und das Wohnhaus des Grafen, wie sie hörten, ein verfallenes Schloß im Geschmack des siebenzehnten Jahrhunderts, ziemlich nahe lag. Als sie aufbrachen, nahm der Echojäger seinen brandenburgischen Kinderfreund und sagte zum Abschied: er woll es noch einige Tage so treiben, vielleicht fände er doch noch Anklang. Als die Reisenden weiter fuhren, hörten sie, wie allmählich in der öden Gegend die kurz abgestoßenen, bedeutsamen Worte verhallten:

»Die Kartoffeln ? werden in einem hölzernen Maß, welches eine Metze heißt, gemessen. Ebenso Mehl und Früchte. Die Butter wird auf einer Waage gewogen. Die Käse werden nach der Größe verkauft oder, wie die Eier, gezählt. Fünfzehn Eier oder Käse machen eine Mandel aus, dreißig ein halbes Schock und sechzig ein ganzes Schock.«

Ganz in der Entfernung noch hörten die Reisenden:

»Warum möchtest du deinen Rock nicht mit einem zerrissenen oder abgetragenen vertauschen? Nicht wahr, weil du beide mit einander verglichen und bemerkt hast, daß dein Rock nicht zerrissen und nicht abgetragen, also besser ist, als jener? Du sagst nun: Ich will meinen Rock behalten und nicht tauschen: denn mein Rock ist besser. Indem du vergleichst und urtheilst, gebrauchst du deine Seele oder deinen Verstand, und, indem du dich entschließest, deinen Rock zu behalten, gebrauchst du deinen freien Willen. Beide zusammen nennt man auch die Vernunft.«

»O wie unvernünftig!« polemisirte der Aelteste der Reisenden. »Wie schlecht, den Kindern schon beim ersten articulirten Lallen einzuprägen, was ein besserer und schlechterer Rock ist! Wäre hier ein Echo, es würde schon deßhalb auf diese Fragen nicht antworten, weil es Blasphemien sind.« Aber allmählich verrollte die rufende Stimme, und nur ganz leise noch hörten sie:

»Ich habe einen Garten gesehen, in welchem die Raupen fast alle Bäume und allen Kohl zerfressen hatten. Aber der Gärtner hatte auch nicht zur rechten Zeit die Bäume von den Raupennestern gereinigt. Welches ist die rechte Zeit?«

Die Brüder lachten über den Unsinn, und nur der Alte hielt ihn für tiefere Allegorie und wischte seufzend die nassen Augen.


Zweites Kapitel.

 

Ueber den Ursprung der Mineralquellen.

 

Die Reisenden bemerkten endlich, daß sie sich dem Ziele näherten. Es wurde in der Gegend zwar keine größere Fruchtbarkeit sichtbar, aber eine sorgfältigere Benutzung selbst der spärlichsten Möglichkeit zu irgend einer Ernte. Die Natur hatte, wie sie dies, aufgeschreckt von der Kunst, wohl immer zu thun pflegt, sich gleichsam zusammengerafft und aus Scham, hinter der Kunst nicht zurückbleiben zu wollen, auch ihrerseits mehr zu leisten versucht, als ihre ursprüngliche Absicht auf dieser ihrer wüsten Schlummerstätte war. Ferne Pappelalleen verkündeten die Nähe einer aristokratischen Ansiedelung. Zuweilen begegnete ihnen ein Landmann, der die trägen Kühe stachelte, um Dünger auf die Felder zu ziehen. Ein Hirt weidete auf einer sandigen, mit kleinen grünen Halmen dünne besetzten Ebene eine kleine Heerde Schafe, denen eben erst die Wolle geschoren war, und die recht kümmerlich froren und die Reisenden nackt anblickten, während ihr Vließ schon auf dem Wege nach Birmingham und Manchester war. Endlich kam ein ärmliches Dorf von Lehmhäusern, dem nur die bunten Polizei-Warnungs- und die Einregistrirpfähle, die bunten Brücken- und Pflastergeldtafeln etwas Colorit und freundliche Beleuchtung gaben. Nun bogen sie links und fuhren auf das Schloß zu, zu dem eine herrschaftliche Pappelallee in gerader Linie führte. Hier wurde es lebhafter, sie mußten manchem Karren aus dem Wege fahren, und man merkte, daß in der Nähe ein großes Bau- und Oekonomiewesen walten mußte. Ein Kutscher drohte ihnen sogar, behutsam an seinem Wagen vorüberzufahren: denn er hatte, wie das scharfe Auge der Reisenden schon in der Ferne entdeckte, die ganze griechische und römische Mythologie, nebst einem Anhange über ägyptische Sphinxe, aufgeladen. Ein Duzend verstümmelter Gartengötter, Faune ohne Ziegenfüße, Pane ohne Hirtenflöten, Apollos ohne Leier und Amoretten sogar ohne Flügel und Nasen lagen in grotesker Verwirrung neben einander, und der Kutscher sagte ihnen, daß man diese Götter Griechenlands auf mehreren Auctionen erstanden hätte und jetzt zur Verschönerung des Parks verwenden wolle. »Das heißt,« sagte er, »der Park ist eigentlich auch noch nicht da, aber doch schon der Graf, und der thut Wunder, wo er hinsieht und nur mit dem Finger zeigt! Das sollen Sie sehen, was bei uns gebaut, gezimmert und gesägt wird! Tempel, Wasserfälle, Berge, Alles wird mit einer Geschwindigkeit gebaut, als wollten Prinzen einziehen.«

Unter Ausführung dieser Schilderung näherte man sich endlich dem Schlosse und konnte von ihrer Wahrheit sich nun selbst überzeugen. Vor ihnen lag ein großes Gebäude, welches in jenem altfränkischen Zopfstyle gebaut war, der die Bauten Ludwigs XIV. mehr von Hörensagen, als nach eigener Anschauung gekannt zu haben scheint. Die Fenster waren für die große und sogar kühne Anlage des Ganzen viel zu klein, wie es Naturen gibt, denen eine höhere Bestimmung Alles eingeräumt zu haben scheint und dabei nur die Symmetrie ihrer Gaben versagte. Zwei hervorstehende Seitenflügel erweckten die Vorstellung eines abgesondert wohnenden Hofstaates und verliehen dem Schlosse den Schein einer frühern Wichtigkeit, auf welcher jetzt das Gras der Vergessenheit wuchs. Indessen sah man rechts und links Hände in Thätigkeit, die hier gebotenen, zerstreuten Materialien der Vergangenheit wieder zu einem neuen und verjüngten Eindrucke zu sammeln. Bauholz wurde gefahren, Zimmerleute sägten sich auf dem Schloßhofe Bretter zurecht, und in der Mitte desselben wurde sogar ein Bassin gegraben, dessen Centrum ein Pelikan aus Sandstein zieren sollte, der den Schnabel weit geöffnet hielt und wahrscheinlich mit geheimen Wasserkünsten zusammenhing. Von der wunderbaren Kindesliebe dieses Vogels ließ sich zu den an den Arbeiten herumgaffenden Knaben und Mädchen, wohl gar den Kindern des Grafen von der Neige, leicht ein symbolischer Uebergang finden. Die fünf Reisenden erregten aber Aufsehen und sprangen von ihrem schlechten Gefährt herab, nicht ohne Herzklopfen, da sich ihnen hier Vieles enthüllen und erfüllen sollte. Und der Tröster, der sich ihnen versprochen hatte, der große Magier und die Axe ihrer Zukunft, blickte wirklich schon aus einem Kellerloch des Schlosses, aus welchem ein hoher Wall von Erde geworfen wurde, und rief sie aus dem Dachsbau an, einen Moment zu warten, und, siehe, der Graf stand vor ihnen, in Hemdärmeln, mitten in Industrie und Gewerbthätigkeit, in Mechanik und Experimentalphysik vergraben, an Händen und Füßen die Spuren seines bauenden, grabenden und schaffenden Geistes tragend. Er reinigte sich und warf einen leichten Sammtrock, dem glücklicherweise die schon sehr tief gefallene Sonne fehlte, um seinen röthlichen Schimmer zu verrathen, über und hätte gewünscht, vier Hände zu haben, um seine Gäste alle zugleich zu bewillkommnen und mit sich hinauf in die herrschaftlichen Gemächer zu ziehen ? vier: denn der Aelteste, nicht unwahrscheinlich Blasedow, war schon des längern Anblickes des Grafen nicht fähig und hatte dieser Scene zu entschlüpfen versucht. »Immer noch der Alte!« lächelte der Graf herablassend und zog seine Gäste sich nach, mit den unaufhörlich abgestoßenen, kurzen und gedankenschweren Worten: »Wir haben viel, viel mit einander zu verhandeln!« Es gewährte ihm dabei eine eigene, auf seinem Antlitz sich spiegelnde Genugthuung, daß ihre Wanderung überall durch ein allgemeines Bauwesen aufgehalten, und es oft unmöglich wurde, durch die Balken und Bausteine hindurch zu kommen. Endlich befanden sie sich in dem Zimmer, von dem der Graf sagte, daß es nur einstweilen das seinige wäre, und hörten nachstehende, noch ziemlich dunkel gehaltene Eröffnungen:

»Meine Herren,« sagte der Graf, »ich habe Ihnen viel zu sagen ?« doch er stand gleich wieder auf und rief laut zum Fenster hinaus, das er öffnete: »Die Sachen der Herren abgeladen!« Dann setzte er sich wieder und fuhr fort: »Meine Herren, Sie sehen, in welche großartige Schöpfung ich Sie einführen will; ich habe große, große Dinge vor!« Dabei erdrückte ihn schon das Gefühl dessen, was er Alles vorhatte, und, wie er denn unruhigen Blutes war, mußte er schon wieder aufstehen und im Zimmer auf und ab gehen. »Ich rechne,« fuhr er nach einer Pause, in der er sich gesammelt hatte, »auf Ihren Geist, meine Herren, rechnen Sie auf meine Hülfsmittel! Ich habe die Neige verkauft und mir eine neue, wichtige Aufgabe gestellt. Ich muß etwas zu thun, zu lösen, etwas zu schaffen haben. Der Mensch hat ohnehin den Trieb, die Lücken, die Gott gelassen hat, auszufüllen.....« Hier lächelte der Graf und sagte, gleichsam in Parenthese: »Nach den sechs Tagen hat Gott zu schnell Feiertag gemacht!« Die Brüder schienen zu lächeln, und der Graf setzte seine erste Periode fort..... »Um wie viel mehr der Adel, der durch die Revolutionen aus seinem geschichtlich gegebenen Erbe geschleudert ist und nach neuen Einwurzelungen in den Boden der positiven und natürlichen Zustände suchen muß. Meine Herren, ich finde, daß die Aufgaben des Adels von denen am meisten mißverstanden werden, die ihm selber angehören. Der Adel ist dazu da, sich an die Spitze jeder organischen Neuerung zu stellen und dem Allgemeinen immer als leitender Stern vorzuleuchten. Wir müssen so oft hören, daß der Adel nur das Ueberlieferte zu erhalten und der Neuerung den Widerpart zu halten hätte. Aber, meine Herren, sehen wir nicht, daß das Ueberlieferte Alles in die Hände des Bürgerthums kommt, daß unsere Privilegien Allgemeingut und unsere Güter parzellirt werden? Der Adel wird gewöhnlich für einen Genuß betrachtet, während ich glaube, daß mit ihm eine schwere Aufgabe gegeben ist, und seine Pflichten weit größer, als seine Rechte sind. Das angeborne freie, kecke und unternehmende Wesen des Adeligen gibt ihm gerade die Bestimmung, auf Abenteuer auszugehen, und, meine Herren, die Abenteuer bieten sich jetzt bei weitem mehr auf dem Felde des fortschreitenden Zeitgeistes, als in den Wäldern des zurückgezogenen, halsstarrigen Haltens am Alten dar. Um in das Neue Plan, Organisation, Anstand, historische Fähigkeit und Entwickelung zu bringen, dazu hat gerade der Adel sein altes Besitzthum verloren und wurde genöthigt, sich neue Positionen zu schaffen. Meine Herren, der Adel muß arm seyn, weil er dadurch am ersten seinen Beruf, sich ein neues Terrain zu erobern, einsehen wird. Jetzt, wo die Juden und die Industriellen reich sind, jetzt ist gerade der Augenblick der Adelskrisis gekommen, die rechte Adelsprobe, die eben darin bestehen wird, den moralischen Gehalt und Beruf des Adels gleichsam aus der zusammengeschmolzenen Schuldenmasse desselben auszuschmelzen und das Princip zu retten, welches ich wenigstens, meine Herren, in dem Gedanken finde, daß dem Adel die historische Initiative alles Werdenden gebühre, gerade im Gegensatz mit der gewöhnlichen Junkertheorie des Conservativsystems.«

Schlachtenmaler erlaubte sich hier, eine kleine Bemerkung zu machen. Er sagte nämlich: Vielleicht läge darum auch eine gewisse Nothwendigkeit und ein tiefer Sinn darin, daß man die größten Schwindler des Jahrhunderts Chevaliers dindustrie, Industrieritter nennt; der Zeitgeist ahne gleichsam die von dem Grafen aufgestellte neue Adelstheorie und bezeichne in jener, allerdings nur auf Spitzbuben und Gauner berechneten Benennung etwas von dem höhern Berufe des Adels, wie er ihnen hier angedeutet würde.

Der Graf lächelte huldvoll, um gleichsam den guten Einfall zu belohnen, und fuhr dann, ernster gestimmt und mit schwankender Stimme, fort: »Ich habe mir dies Schloß und die dazu gehörigen Grundstücke gekauft, ohne bis jetzt recht zu wissen, was ich damit anfangen soll. Eine bloße Besitzung, ohne höhern Zweck, scheint mir thöricht; doch muß ich gestehen, daß mir ein solcher noch nicht klar geworden ist oder wenigstens ausgebildet vor mir läge. Ich lasse nun, von einem unbestimmten Gefühle geleitet, bauen, graben, pflanzen. Was das Ende seyn wird, weiß ich zur Zeit noch nicht.«

»O,« meinte Schlachtenmaler, »wie leicht wär es nicht, dieser Gegend hier den Charakter einer merkwürdigen zu geben und gleichsam ? freilich, es sind keine Berge da und ein Echo wohl auch nicht.....«

Der Graf erröthete, ob er gleich sichtlich erfreut war, daß ihm der Spott seiner Gäste, die den Plan durchschauten, zuletzt unter allen Umständen doch das Verständniß erleichtern würde. »Nein,« sagte er, wie träumerisch sinnend und laut dazwischen auflachend, »das Ding wäre so übel nicht! Bleibt eine sinnig ordnende und schaffende Menschenhand doch immer etwas Merkwürdiges, wenn man zumal bedenkt, was diese Gegend ist, in welchem traurigen Rufe sie steht, und was sie durch vereinte Anstrengung und Erfindungsgabe einiger talentvollen Köpfe werden könnte!« ? »Allerdings,« sagte Schlachtenmaler mit bewundernswürdigem Ernste: »gelang es doch dem Grafen von Hoditz im bayerischen Erbfolgekriege, Friedrich den Großen auf sein chinesisches Eldorado zu locken und ? ? so wenigstens seinem Gärtner und Verwalter königliche Trinkgelder auszuwirken.«

»Nein,« fuhr der Graf fort, »ich speculire nicht, sondern ich will nur Spuren einer gesegneten und kühnen Thätigkeit hinterlassen. Die Aufgabe, aus diesem Schlosse und seiner nächsten Umgegend so viel zu schaffen, daß Vorüberreisende den kleinen Umweg nicht scheuen, uns zu besuchen, ist eben so schwer, wie die Belohnung dafür wohlthuend.« ? »Und,« meinte Schlachtenmaler, »ließe sich nicht, um wenigstens dem Geiste des Jahrhunderts entgegen zu kommen, der Versuch machen, hier irgend eine mineralische Quelle aufzufinden oder, im äußersten Falle, ein Schlammbad zu stiften, um unserer dann um so merkwürdigern Gegend das Interesse eines Karlsbades, Wiesbadener Kochbrunnens oder Emser Krähnchens zu geben?«

Der Graf wurde blutroth und zerriß, von seiner innern Bewegung gepeinigt, mehrere Stücke Papiers in Fetzen, die immer kleiner wurden unter der krampfhaft bewegten Hand. Er sagte: »Nun, es wäre wenigstens nichts so Seltenes, daß man künstliche Mineralbäder und Heiltrinkwasseranstalten in Gegenden errichtete, die weder eine vulcanische, noch salzige Anlage hätten. Wären die Bäder überhaupt mehr durch die Zerstreuung heilsam, welche sie den Kurgästen gewährten, würden Acten- und Berufsmenschen schon dadurch gesund, daß sie eine Zeitlang ihre Geschäfte verlassen und die Annehmlichkeiten einer heitern und luftfreien Gegend genössen, so könnte selbst ein künstliches Bad nicht ohne Lockung für das Publicum seyn.«

»Es ist nur bedenklich,« fiel Schlachtenmaler ein, »daß auch bei den Bädern die größte Wirksamkeit im Glauben besteht, wie bei Allem, dem die Aerzte einmal eine gewisse Kraft zuschreiben wollen. Ich glaube nicht, daß eine künstliche Mineralquelle nur ein einziges Mal zum Sitz eines Congresses dürfte gewählt werden. Wenn wir demnach nicht vielleicht vorziehen, eine Molkenanstalt zu errichten, welche denn freilich nur von einer hiesigen veredelten Schafzucht abhangen würde, indessen auch nicht besonders einträglich ist, da wir nur Schwindsüchtige und Frauenzimmer in unserer Kurliste würden verzeichnen können, so meine ich immer noch, wir machten Anstalt, die chemischen Bestandtheile der hiesigen Brunnen zu untersuchen und die möglichen Brom- und Jod- und Schwefelbestandtheile dem Publicum bekannt zu machen. Zuletzt ist ja auch nichts heilsamer, als ein klares, schönes Brunnentrinkwasser, ein Gut, um das Hamburg, Mannheim und so mancher andere deutsche Ort uns beneiden würde, und ein Kenner sogar wohl Reisen deßhalb macht.«

Wäre der Graf ein Frauenzimmer gewesen, so hätte er dem Schlachtenmaler mit künstlicher Entrüstung einen Fächerschlag (und damit doch eine Einwilligung in das erbetene Stelldichein) gegeben; so aber lachte er übermäßig und ging im Zimmer auf und ab und ließ Schlachtenmalern Zeit, Folgendes zu erzählen:

»Ein Genie,« hieß es bei dem, »betrachtet die Interessen, Bedürfnisse, Thorheiten und Reichthümer der Menschen nur als Springstock, um an ihnen schneller zu seinem Ziele zu kommen. Sie sind ihm ein todtes Material, welches durch seinen Hauch erst Leben und Form bekömmt. So würd ich mich, wenn ich z. B. ein Werk schreiben lassen wollte, für welches kein Buchhändler die materiellen Kosten und den Ehrensold wagen will, gar nicht besinnen, folgendes Mittel zu meinem Zwecke zu wählen: Die Pflasterung der Straßen mit Erdpech greift immer mehr um sich; ich habe gewissermaßen ein Werk darüber geschrieben; kein Buchhändler will sich zu dessen Verlag bequemen. Meine Kenntniß des deutschen Buchhandels kömmt meinem Interesse zu Hülfe. Ich schreibe an die Redaction des Leipziger Buchhändlerbörsenblatts im Namen irgend einer Buchhandlungsfirma, deren Handschrift von jener nicht gekannt ist. Ich lasse in jenes Blatt einrücken: Schriften über die Pflasterung der Straßen mit Erdpech erbitte mir in fünfzigfacher Anzahl! Zwei Andere rücken drei Tage später ein: Erdpechschriften erbitte mir schleunigst per Post in sechzig ? siebenzig Exemplaren; nun rück ich mit meinem Werke vor und trete damit einem Verleger unter die Augen. Der erschrickt, ein Werk schon fertig zu finden, das er eben bei einem Gelehrten bestellen wollte; die Nachfrage in dem Börsenblatt hat ihn ermuthigt, er bezahlt mein Werk, und ich verschwinde.«

Der Graf, von mehrfachen Empfindungen freudig bewegt, greift auf den Tisch und sagt: »Dies Werk ist von Ihnen?« Die Brüder Schlachtenmalers bestätigten es und fingen von einer Periode der größten Noth an, wo sie dies Experiment gerettet hätte. Schlachtenmaler schämte sich fast und meinte, ein Trost wäre nur der, daß das Buch in der That über jenen Gegenstand spräche: denn der Buchhändler hätte es nicht gelesen, sondern gleich in die Druckerei gegeben, und wär es auch statt über die Erdpechpflasterung eine Schrift über die Kantische Philosophie gewesen. Der Graf aber dachte erstens, wie erwünscht ihm ein Mann käme, der über Erdpech schreiben könne und zugleich Maler und Schauspieler wäre; dann aber, daß man unter Dieben nie gehangen wird. Er sagte: »Meine Herren, ich bin überzeugt, daß wir uns bald verständigen werden, und Sie vielleicht sich selbst jene Fächer wählen, für die ich mir einen Jeden von Ihnen vorläufig zu bestimmen erlaubte. Doch darüber morgen! Nehmen Sie drüben Ihre Wohnung und Erfrischungen ein!« Damit empfahlen sich die Brüder und auch Schlachtenmaler; doch rief diesem der Graf nach: »Noch auf ein Wort!« Schlachtenmaler kehrte um, und der Riegel der Thüre fiel ins Schloß. Sie sprachen lange und leise, und die Muse weiß nur, was die Frucht der Unterredung war. Indessen schien es doch, als hätte sich rings um das Zimmer eine große Schlange gelagert und einen magischen Kreis gezogen, und allerhand kleine Teufelchen kugelten aus den Wänden hervor und sprängen an das Schlüsselloch, wo sie kichernd lauschten und sich zu verdrängen suchten, um zu hören, was drinnen verhandelt wurde. Und man behauptete unten im Schloßhofe, einige Male wäre das Fenster geöffnet worden, wo der Graf sein Zimmer hatte, und eine rothgekleidete, scheußliche Gestalt hätte hinausgeblickt, um Luft zu schöpfen, und hätte die Leute mit einer rothgefiederten Mütze begrüßt. Und, wer den Inhalt der dort oben abgeschlossenen Uebereinkunft gekannt hätte, der würde auch wohl nicht an dem Erdbeben gezweifelt haben, welches die Leute zur selben Stunde spüren wollten. Der Hund im Seitenhofe des Schlosses wimmerte, und die Männer, welche im Hofe das Bette gruben, in dessen Mitte der Pelikan stehen sollte, warfen entsetzt die Spaten weg, weil sie auf ein großes Rattennest gestoßen waren, dessen Bewohner ohne Zahl zu seyn schienen. Sie wimmelten aus dem Graben heraus und stürzten alle dem Keller zu, wo der Graf den Brunnen graben ließ. Dann war es aber wieder (und dies schien ganz gewiß), als stände an der Kelleröffnung eine weiße, jugendliche Frauengestalt. Jeder Arzt würde in ihr die Schwester Hygieens erkannt haben, die Nymphe der Bäder, eine zarte, trauerumhüllte Gestalt, mit einem Kranz von Kräutern und krystallisirten Fischaugen umwunden, die wie Edelsteine aussahen. Als der Rothe oben wieder das Fenster öffnete und Luft schöpfte, floh sie davon, und bald traten heiter und vergnügt, Arm in Arm, der Graf und der Schlachtenmaler aus dem Hause und gingen mit ironischem Lächeln an der sonderbaren Quelle vorüber, die der Graf in dem mystischen Gewölbe graben ließ.

 


 

Drittes Kapitel.

 

Das Buch Hiob.

 

Man kann nicht immer sagen, daß die Unfähigkeit, Jemanden in die Augen zu blicken, das Zurückschrecken vor der Sonne der Wahrheit ist. Blasedow hatte, dem Grafen gegenüber, sicher nichts auf dem Gewissen; doch war es ihm, als müßt er hinfort nichts als rothe und grüne Flecken sehen, wenn ihm die stechenden Augenstrahlen des Grafen gerade die seinigen blenden würden. Er wußte auch, daß der Graf die Kunst besaß, heiter und wolkenlos auf einem Vulcan zu stehen und scherzen zu können, selbst, wenn Nemesis schon mit ihren Katastrophen an die Thür pochte. Blasedow konnte den Blick nicht aushalten, der durchbohrend ihn treffen würde, wie er schon wußte; und so dachte er: »Ich will mich in die Seele des Grafen hineinschämen und roth werden über das, was sein Gewissen drückt!« Und wer wird unserm alten Freunde nicht bezeugen, daß uns die Fühllosigkeit mancher Menschen und in den Augenblicken, wo sie zerknirscht seyn sollten, ihre halsstarrige Ruhe vernichten und grausam quälen kann? Wie mancher gefühlvolle Richter möchte dem Verbrecher um den Hals fallen und ihn beschwören: Versöhne doch wenigstens das Gleichgewicht der Natur und der moralischen Ordnung durch eine Thräne über deine Störung derselben! Und von Blasedow kann man berichten, daß ihn in seiner Jugend ein Bekannter bestohlen hatte, und er die Fassung verlor und seine Ansprüche aufgab, als er den Dieb vor sich sah, und ihn der Richter seiner That überführt hatte, und sich kein Tropfen Reue in seinem Auge spiegelte. Ja, wen hätte die Geliebte nicht um allen Frieden gebracht, die, ungeachtet ihrer Liebe, starr und kalt bei der Aussicht auf einen möglichen Bruch, den sie oder du verschuldeten, blieb, die sich mit erfrorenem, starrem Schmerze in die tödtliche Dialektik einspann: Wer mich aufgeben kann, der mag es können; ich will geliebt seyn, um zu lieben!

Blasedow flüchtete in die Verwirrung des Parkes, der hinter dem Schlosse theils verwüstet, theils umgeschaffen wurde. Er sah bald, daß es sich hier um die Erzeugung künstlicher Ruinen handelte, und schwer fiel es ihm aufs Herz, daß er selber eine so natürliche war! Seitdem er sich in dem Erfolge seiner Erziehungsträume getäuscht hatte, glich er einem entwurzelten Baume, bei dem man zu lange gewartet hatte, um ihn wieder in ein anderes Erdreich zu pflanzen. Der Augenblick, wo die Blätter und Blüthen seines Geistes die gewaltsame Veränderung nicht würden gespürt haben, war verpaßt, und nun welkte er allmählich ab und war sich selber eine Last. Moralische Vorstellungen mischten sich wenig in diese Dumpfheit, die seinen Geist drückte, ob er gleich fühlte, daß alle seine Söhne durch ihn verpfuscht waren, und keinem die Kraft innewohne, irgend eine selbstgewählte Lebensrolle mit künstlerischer Freiheit durchzuspielen; er nahm vielmehr diesen Erfolg und ihrer Aller Unglück als ein organisches Verhängniß, wo Niemanden ein Vorwurf treffe, als höchstens den Zufall, der gerade in dem Jahre, wo seine Hoffnungen reifen sollten, einen Mißwachs wollte. Ja, es fehlte sogar an Momenten nicht, wo er sich über das abendliche Ergebniß seines Lebens tröstete und sagte: »Muß es nicht Menschen geben, die gleichsam einem Netze oder Korbe ähnlich sind, in welchem die Frauen alle überflüssige Enden Band, Zwirn- und Seidenfäden, Taffetrestchen, und was vom besten Werke übrig bleibt und, da es unnütz ist, nur im Wege liegt, ansammeln? Wir haben die schönsten Stoffe in uns vereinigt; nur sind sie überflüssig, weil sie zu kurz sind und nicht ausreichten, um noch an den Meisterwerken selbst verwandt zu werden. Es gibt große Menschen, die gerade aus einem Stoffe aufgingen und sich vollendet abrundeten; es gibt andere, die Alles in sich besitzen, nur nicht von jedem so viel, um daraus Eines machen zu können. Die Einen sind Individuen, die Andern sind Collectivmenschen; jene sind die Herrscher der Welt, und diese sollten ihre Rathgeber seyn; jene schaffen, diese denken.«

Als Blasedow den Entschluß seiner Söhne billigte, Schauspieler zu werden, und sich bereit erklärte, zwar nicht zu spielen, aber ihnen die Lampen zu putzen ? ach, er that dies einige Jahre hindurch mit still in sich lächelnder Entsagung ? da waren seine Vorstellungen diese: Wer den Stoff der Größe in sich trägt, aber nicht das Modell besitzt, sie auszuformen, oder derjenige, dem der Stoff mit zu vielen heterogenen Bestandtheilen versetzt ist, der sollte immer Schauspieler werden! Das gerathene Genie dichtet das Werk, und das verdorbene Genie stellt es dar. Der Heros wirft aus einem Gusse hin und zeichnet die großen Contouren, welche der Schauspieler dann ausfüllt und so bewunderungswürdig belebt, daß der Heros selbst vor seiner Schöpfung erschrickt: denn, daß man so Lebenvolles daraus zaubern könne, hatte er nicht gedacht. Ein Schauspieler war Blasedowen (wie Hamannen in Königsberg ein Jude) Gegenstand einer tiefen religiösen Verehrung, ein Wunder: »denn,« sagte er sich, »wie Großes und welche Bewunderung vor der Größe muß nicht in einem Menschen leben, der die Helden fast noch über ihren natürlichen Wuchs hinaus erhebt; und selbst seine Uebertreibungen und Uebergriffe verrathen doch das ungeheure Maß von Genie, welches diese Menschen dem Genie zutrauen, verrathen die abgöttische Verehrung, die sie vor der Erhabenheit und dem menschlichen Heroismus haben. Wenn die Gesinnungen und Empfindungen der Menschen bei steigender Cultur sich noch mehr und mehr ausflachen sollten, und die Diplomatie der Umgangssprache und Umgangsgeberden jeden originellen Zug weglügt und weglächelt, den der entschlossene Wille und die unerschrockene Ueberzeugung sonst anzunehmen gewohnt war: so werden es die Schauspieler seyn, welche die Tradition des menschlichen Gemüthes und seines halb göttlichen, halb thierischen Ursprungs erhalten. Sie werden Tyrannen zeichnen, so daß wir im Stande sind, solche aus unsern constitutionellen und die Hände der Bürger drückenden Staatsoberhäuptern herauszukennen; sie werden den Geiz schildern, der sich längst hinter einer scheinbaren Lebensphilosophie verbirgt; den Haß, der sich längst wie Liebe geberdet; den Spott, der längst die Miene des Lobes angenommen hat; den Neid, der schon die Miene der Freigebigkeit macht; die Verfolgung und Verleumdung, die sich jetzt schon hinter Küssen verbergen. Wie ist schon so Manches in den menschlichen Gefühlen, die das vorige Jahrhundert durchzitterten, eine Fabel geworden! Das Theater aber hat die lebendige Abschauung jener Empfindsamkeitsperiode und jenes Ifflandschen Familienjammers, in dem wahrlich eine große Wahrheit trotz der Carricatur liegt, erhalten, das Theater, wo diese uns schon wie im Herbarium aufgetrocknet bedünkenden Affekte frisch aufblühen und einen Duft verbreiten, der unsere starren und kälteren Empfindungen betäubt und überwindet. Um wie viel wichtiger wird die Kunst des Schauspielers werden, wenn erst die glatte Oberfläche der Convenienz alle Falten des Antlitzes, alle Falten der Gewänder, auch derer, in welchen Möros einst noch einen Dolch tragen konnte, geebnet haben, und die Natur nur noch auf dem Theater zu finden seyn wird.«

Doch hatte Blasedow gewiß an dem Lampenputzen selbst eingesehen, daß so vieles Häßliche und Unbedeutende, wird es nur in eine glückliche Beleuchtung gestellt, ordentlich einen Schein von Schönheit und Reiz annehmen kann. In so Vieles legt das Dichtergemüth einen tiefern Sinn, und wie schwer würd es ihm werden, sollt es diesen Sinn selber tragen und an eignem Leid in Erfüllung bringen! Blasedow, auch durch das Theater, welches er anfing, recht für die höhere Weihe und Versöhnung seiner verfehlten Erziehungsmaximen zu halten, getäuscht, hatte sich gewöhnt, nun auch Alles und Jedes in seinem eigenthümlichen und aus ihm, dem Dinge und seinen Verhältnissen selbst ausströmenden Aether zu lassen; etwas hinzuzuthun aus sich oder den Aether der Dinge zu destilliren in höhere Gedankenessenzen, daran verzweifelte er, seitdem er wußte, daß sich das Meiste im Leben schön ausmalen, und das Wenigste davon doch selbst tragen läßt. Er sagte: »Nichts bleibt uns, als die Klage ? wehmüthig genug ? auch die stolzen und kühnen Heldensagen der Vergangenheit schlossen mit dem Geständniß, daß man nur Eines immer und ewig gewiß seyn könne, des Schmerzes; der Schlußstein der Nibelungen ist der Leichenstein der Klage.« Und dann sagte Blasedow auch wohl: »Ich bin der Chor der griechischen Tragödie!« Und als solchen duldet ihn und tragt ihn und zürnet ihm nicht, daß er dort ruhig und gelassen durch die Hecken schreitet, scheinbar empfindungslos an den Bäumen hinauf sieht und wie abwesend sich die künstlichen Felsen betrachtet, welche der Graf zu hydraulischen Vexirspielen benutzen wollte! ? In einem kleinen Bosket, welches zur Zeit noch von dem Baugeiste, der hier Alles in etwas Merkwürdiges verwandeln wollte, verschont war, bemerkte unser schwermüthiger Wanderer eine verhüllte Frauengestalt; wenigstens war ihr der Schleier, den sie an einem kleinen Sommerhute trug, etwas ins Antlitz gefallen und gab ihr das Ansehen einer tief in sich verloren Nachdenkenden. Und saß sie nicht auch wirklich da, wie ein Bild der Melancholie, und würde auch ohne Schleierfall diesen Eindruck gemacht haben? Wie sich Blasedow näherte, blickte die Dame auf, und, wie sie ihn erkannt hatte, wußte Gräfin Sidonie nicht, ob sie aus der Orgel ihrer Empfindungen dieses oder ein anderes Register anziehen sollte. Sollte sie die Gräfin seyn, welche huldvoll und herablassend den alten Bekannten grüßte und ihn ihrer Gnade versicherte, oder sollte sie der Landpartie nach Dreifelden und des rothen Ochsen gedenken oder des unterbrochenen Theeopferfestes, an welchem der Pfarrer ja Theil genommen, oder sollte die lichte, helle Wahrheit aus ihrem Auge klagen, und selbst die Thräne nicht verleugnet werden, die sich eben darin spiegelte? Ach, so steht der Mensch oft wie eine Windharfe dem sanften und stürmischen Luftzuge gleich offen oder weiß die nackte und ausgestorbene Brust bei einer schnellen Ueberraschung mit keiner Hülle zu bedecken und muß sich gefangen geben! So knicken oft im Nu die frischesten und eiligsten Entschlüsse oben am Stengel ab; so sinkt dem Helden die Waffe nieder, die er kaum erhoben: denn er fühlt den Tod im Arme oder erkennt durch eine Spalte des Visiers hindurch seinen eigenen Bruder. So entwaffnet stand Sidonie. Hundert Scherze und Vorstellungen erstarben ihr auf der zu den alten Lügen (die sie für eine schwere Standespflicht ansah) schon angeschlagenen Zunge; sie mußte den schon zu einem künstlich unbefangenen Willkomm erhobenen Fuß und sich selber auf die Rasenbank sinken lassen und der Wehmuth ihres Gefühls, den guten und, nicht minder wie sie, unglücklichen Mann wieder zu sehen, Raum geben. Blasedow aber, nur des Lügengeistes der Adeligen sich bewußt, verstand auch diesen Empfang sich nicht anders als im Sinne der Komödie zu deuten und sagte nicht ohne einige Ironie: »Wie unbequem muß es Ihnen seyn, in dieser Zerstörung zu leben, woselbst der Wiederaufbau, mit dem ich rings die Arbeiter beschäftigt sehe, einen künstlichen Verfall vorstellen soll? Haben Sie mich noch nicht vergessen, Frau Gräfin?«

»Ach, lieber Freund,« sagte die Gräfin, »wir Menschen haben oft diejenigen als Leitsterne, die man an unserm Lebenshorizonte gerade am seltensten sieht. So Mancher weiß nicht, wie er in die Berechnungen eines Andern und oft gerade zu in sein Gewissen verflochten ist. Man kann sich sehen und nie sprechen und doch für einander eine Beziehung haben, die man Niemanden und kaum sich selber eingesteht.«

Blasedow, der diese Wahrheit wohl fühlte, sie aber nicht auf sich zu beziehen wagte, wich deren Schlußfolgerung aus und schrieb sich davon nur so viel zu gute, daß er fortfuhr: »Wenn ich Ihr Gewissen bin, gnädige Frau, dann sind Sie sanft und gut gebettet!« Und nun setzte er sich an ihre Seite, ganz betroffen über die Schwermuth, die den Stolz dieser Frau, er wußte noch nicht, ob verschleiert oder vernichtet hatte.

»Sie haben viel gelitten, lieber Freund,« begann Sidonie, und Blasedow ergänzte, sie verbessernd: »Leiden wollen, meine Beste! Und besser ist es immer, unglücklich durch sich selber, als durch Umstände seyn. Wenn der Arzt eine versteckte und nicht recht ausgesprochene Krankheit sieht, so befördert er ihre Entwickelung und sucht ihr gerade jene normale Gestalt zu geben, die sich sichrer heilen läßt.«

»So hoffen Sie also?« fragte Sidonie und legte in den Ausdruck ihrer Stimme einen Ton, als hätte sie es an sich selbst erfahren, wie unmöglich dies ist.

»Ich würde hoffen,« antwortete Blasedow, »wenn ich jünger als meine Söhne wäre. In ihnen liegt mein Unglück, weil in dem Unglück meiner Söhne wieder meine Schuld liegt. Ich würde glücklich und ruhig seyn, wenn ich jedem meiner Kinder sein Grab zuwerfen und einen einfachen Denkstein darüber bauen könnte; ich würde gerade dann hoffen, auf Friede wenigstens, wenn ich nichts mehr zu hoffen habe. So steh ich armer Mann jetzt so weit von meinen Söhnen ab, die ich mir einst dem warmen Herzen so nahe gebracht hatte; sie können mir ein Recht, ihnen Vater zu seyn, kaum gestatten, und doch trab ich, als fünftes Rad, an ihrem Wagen einher, schleppe nur und drehe mich nicht mehr um meine eigene Axe. Und, wenn es einen Trost gäbe, wollen Sie ihn wissen? Brauchen Sie ihn?« ? Sidonie schwieg. »Nun,« fuhr Blasedow fort, »so ist es die Unbegreiflichkeit des menschlichen Daseyns. Ach, wüßten wir, meine liebe Frau, die Lebensaufgabe, die Gott den Menschen gestellt hat, dann wären wir gar übel dran: denn die Unglücklichen, die ihr Unglück selbst verschuldeten, diejenigen, denen alle ihre Pläne fehlschlugen, hätten dann keinen Trost mehr. Ich sehe so oft in stiller Nacht die Sterne an und denke dann leise bei mir: Was jagt nun wohl und rennt die Welt, was kümmern sie die eingebildeten Aufgaben und selbstverschuldeten Leiden, was lügt sie vielleicht über unser Sollen und Müssen, über unser Treffen und Verfehlen! Es ist so schön, sich mit sanfter Ergebung unter den Wettern zu beugen, die dicht über unserm Haupte vorüber ziehen; es ist so schön, gehorsam zu seyn und zu dulden. Und, wenn denn einmal in der Welt und in unserm Verhältniß zu ihr doch nichts ohne Ehrgeiz seyn kann, nichts ohne ein wenn auch noch so leise ausgesprochenes Interesse, so wär es ja möglich, meine liebe Frau, daß gerade der Boden, den wir mit unsern Thränen und mit dem Stroh unsers Unglücks düngen, daß gerade die Thorheiten und Irrthümer, denen wir uns im guten Glauben hingaben, und die wir nun vor der Welt so sichtbar, so an den Pranger gestellt, zu bereuen haben, gerade das rechte Ackerland bilden, auf welchem die Lebensaufgabe blüht und dereinst ihre Früchte tragen wird. Versuchen Sie es nur, meine Liebe, das Elend des Lebens als eine Aufgabe zu betrachten, so wird es Ihnen bald so werden, wie mir. Ich habe ordentlich versucht, in der Lösung dieser Aufgabe es bis zur Virtuosität zu bringen und ein still vergnügter Märtyrer der Widerwärtigkeit zu werden: das gibt Heiterkeit und Trost und läßt sogar wünschen, das Maß möchte sich immer mehr füllen und das Elend dicht über den Rand laufen.« Sidoniens Lächeln über diese Worte machte nur, daß die dadurch entstehenden kleinen Falten aus den Augen die mit Mühe verhaltenen Thränen entgleiten ließen. Dann versuchte sie die erstickte Stimme zu überwältigen und mit einem Nachdruck, der nur die Rührung zurückdrängen sollte (wer die Thränen kennt, weiß, was ich sagen will), zu antworten: »Hätte nur der Schmerz nicht immer ein bestimmtes Colorit und ginge lieber gleich, wie es leider schon bei Ihnen zu seyn scheint, von einem allgemeinen, grauen Dunstkreis, der Ihren Horizont bildet, auch bei mir aus! Aber so nistet sich zwischen verbrannte Steppen immer wieder etwas frisches Grün an, flicht sich in den Todtenblumenkrauz immer wieder durch Zufall eine Rosenknospe oder ein kleines Veilchen ein, daß man jener Resignation, die Sie mir schildern, nicht völlig Herr werden kann. Die Täuschung ist der Anfang des Schmerzes, und die Entsagung sein Ende. Aber bei mir ? ach ? das ist unmöglich zu sagen, was man leidet, wenn das Leiden nicht anerkannt wird, wenn man die Miene des Glückes selbst im Unglück tragen muß und das Widerwärtige meist nur als die Folge eines ärgerlichen Zufalls betrachten kann. Dann kömmt wohl ein Augenblick, wo man die Maske abwerfen möchte und ausrufen: Ich bin allein! ein Augenblick, wo man im Begriff ist, alle Fenster schwarz zu verhängen und mit dem Leben ? ja, daß ichs nur sage ? auch mit der Lüge abzubrechen; aber..... ich fühl es wohl, es gehört dazu ein größerer Geist, als ich ihn besitze, ein Heldenmuth, den selbst die Frauen nicht hatten, welche Klöster stifteten: denn wurden sie dafür nicht als heilig verehrt?« ? »Und wurden sie nicht Aebtissinnen der Klöster?« ergänzte Blasedow lächelnd.

»Ach,« fuhr die Gräfin fort, »es ist gerade die gegenwärtige Lage, in der ich mich befinde, die mir diese Reife zu einem völligen Abschlusse mit dem Leben gibt. Was mich so schmerzhaft bewegt, ist dieser Contrast meines geängsteten und nichts mehr hoffenden Gemüths und die tollkühne, frevelhafte, ich möchte fast sagen, gottesleugnerische Art, wie mein Mann da gräbt und baut und sich und Andre täuscht. Da hat er den Kopf voll verwegener Projecte und schläft kaum und ist in einer Aufregung, die recht verräth, wie viel davon abhängt, und wovon er schon abhängt! Der lärmt und arbeitet und grübelt und legt selber Hand an in Hemdärmeln, mit Schweiß an der Stirn, und, so sehr ichs in seinem Zusammenhange all verachten muß, so viel Mitleid kostet michs doch wieder und so viel Thränen. Die trügerische Vorstellung, als könnte durch all dies Toben und Hämmern und Zimmern etwas erreicht und möglich werden, ist es, die mich ängstigt: denn ich sehe ja, daß es wie Schattenspiel an der Wand und aller Wesenheit und Solidität baar und bloß ist.« ? »Ich soll eine Rolle dabei spielen,« sagte Blasedow, »oder bin wenigstens der Ballast derjenigen, auf die der Graf hiebei stark rechnet, meiner Söhne. Ich denke, wenn die Gegend eine merkwürdige werden soll, so muß es dabei Menschen von allerhand Charakteren geben.«

»Kommen Sie,« sagte Sidonie, indem sie sich erhob und Blasedown den Arm reichte; »ich zeige Ihnen eine Stelle, wo ich mir den Hain von Montmorency und das Cenotaph Rousseaus mit seinen Trauerweiden nachkünsteln will.« Sie schritten langsam vorwärts, oft gezwungen, über verstümmelte Gartengötter, die im Wege lagen, den Fuß zu heben, über Baumstämme, die sich in bergige Erhöhungen verwandeln sollten, wegzuschreiten, bis sie auch allmählich hinter den Bäumen verschwanden.

 


 

Viertes Kapitel.

 

Unentgeltliches Inserat einer Zeitungs-Annonce.

 

Nicht lange nach diesen Vorgängen las man in mehreren öffentlichen Blättern einen Bericht, den wir, da er nicht unwahrscheinlich in den Zusammenhang unserer Geschichte gehört, hier wieder abdrucken wollen:

 

Das Bad Amalienbad.

Schon zur Zeit, als Herr von Metzenthin noch Besitzer jener freundlichen Herrschaft und Gegend war, welche sich jetzt unter dem Namen Amalienbad aus einem Sandmeere wie eine blühende Oase erhebt und in der Fürstenkrone Vierhufens wie ein prangender Diamant erglänzt, bemerkte man oft, daß die herrschaftliche Wäsche nicht jenen Grad von Weiße erreichen wollte, den man durch einen beispiellosen Aufwand von Mühe und Seife nothwendig und bei einem natürlichen Hergange der Dinge hätte erreichen müssen. Die Tischtücher, Servietten, ja, die feine Leibwäsche des Herrn von Metzenthin selbst und die Garderobe seiner Töchter (leider war Herr von Metzenthin seit Jahren Wittwer) machten sich nicht nur durch einen auffallenden hellbräunlichen Schimmer, der darauf lag, sondern auch durch einen widernatürlichen Geruch so bemerkbar, daß vielleicht einer der Gründe, warum Herr von Metzenthin die jetzige Standesherrschaft Amalienbad verkaufte, in diesem Umstande zu suchen ist. Auch der jetzige Besitzer, der Herr Graf von der Neige, bemerkte bald nach seiner Ansiedelung auf der Herrschaft, daß seine Wäsche sich durch einen Teint auszuzeichnen anfing, den er jedoch, ein feiner Kenner der Chemie und mehrerer angewandten Zweige der Naturwissenschaften, bald als verwaschene, sogenannte Eisenflecke erkannte. Das Phänomen war auffallend und mußte die Neugier eines Mannes reizen, der nichts, was zur Bereicherung seiner Kenntnisse dienen könnte, zu unterlassen gewohnt ist. Er untersuchte den Brunnen, welcher das Wasser in die herrschaftliche Waschküche leitete, und fand zu seinem Erstaunen, daß dasselbe in einem außerordentlichen Grade mineralhaltig war. Den Herrn Grafen nahm diese späte Entdeckung eines für unsere ganze Monarchie und die angrenzenden Länder so äußerst wichtigen Factums kein Wunder: denn der betreffende segensreiche Brunnen war im Untergeschoß des Schlosses selber gegraben und wurde lediglich, da man vielleicht längst zu dem Wasser kein Vertrauen hatte, zur Reinigung der herrschaftlichen Wäsche benutzt, deren gelbliches Aussehen allerdings längst hätte Verdacht erregen sollen. Der Herr Graf, im Entzücken über diesen Fund, rief aus: »Hier sollen künftig keine Hemden mehr, sondern Menschen gewaschen werden!« Ein Ausruf, der sich jedoch als zu sanguinisch ergab, da die Quelle nicht stark genug ist, um von ihrem Abfluß baden zu können. Die herbeigerufenen Aerzte und Chemiker erklärten, Amalienbad würde eine der segensreichsten mineralischen Trinkanstalten des Vaterlandes und der gesammten Umgegend werden, und schon sollen mehrere Werke darüber unter der Presse seyn.

Die genauesten chemischen Untersuchungen ergaben folgendes Resultat: Die nach der geliebten Landesmutter sogenannte Amalienquelle ist eine überwiegend eisenhaltige, doch von der Art, daß ihr durch eine sanfte Mischung von Laugensalz jene strenge und zusammenziehende Eigenschaft geraubt wird, die das ursprüngliche Wesen des Eisens bildet. Salinische Theile kommen hinzu, um diese wohlthuende Mischung noch zu befördern, und die mehr erhitzenden Eigenschaften durch sanft eröffnende und auslösende zu vertauschen. Die Amalienquelle enthält auf einen Grad Eisen fast zwei Grad Glaubersalz und einen halben Grad salzsaurer Magnesia. Die Bestandtheile von Mineralalkali, salzsaurer Kalkerde, Kochsalz, Magnesiakalk und Alaunerde halten sich in einem anmuthigen Gleichgewichte, ohne daß eines vor dem andern besonders hervorschmeckte. Der Extractivstoff ist außerordentlich gering, dagegen der Cubikzollinhalt des kohlensauren Gases fast so stark wie in Pyrmont, nämlich achtundzwanzig, was jedenfalls so viel ist, als auch die Quelle in Driburg zählt, und mehr, als Schwalbach, Spaa, Brückenau und Lauchstädt sich rühmen dürfen.

Wenn wir später die Verdienste aufzählen werden, welche sich der derzeitige Besitzer der Amalienquelle, Herr Graf von der Neige, um diese recht »ein Kind seiner Laune« gewordene Entdeckung und die Umwandlung derselben in ein mit vielen berühmten Bädern rühmlichst wetteiferndes Badewesen erworben hat, so erwähnen wir jetzt diejenigen Krankheiten und menschlichen Leiden, gegen welche, nach übereinstimmender ärztlicher Prüfung, Amalienbad sich allen Siechen und sich Uebelbefindenden empfehlen läßt. In der kurzen Zeit, wo die Heilkraft des Amalienbades sich in der nächsten Umgegend verbreitete, wurden schon mehrere Privatkuren versuchsweise und zu allgemeiner und besonders zur Zufriedenheit der Leidenden selbst in diesem neuen Tempel Hygieens vollzogen. Mehrere, durch Ausschweifungen in der Blüthe ihrer Entwickelung stillgestandene und verkümmerte Leidende, die wir aus Discretion nicht anführen dürfen, haben die ganze Kraft dieses, wie Hufeland von dem Driburger Brunnen sagt, excitirenden, reizenden, erhitzenden, das Blut nicht allein bewegenden, sondern in seinem rothen balsamischen Theile vermehrenden, erwärmenden, tonisch stärkenden und zusammenziehenden Wassers erlebt. Die Bleichsucht einer jungen, sentimentalen Schwärmerin ist bereits mit einem frischen, erfreulichen Rosenabglanz übermalt. Ein hysterisch-hypochondrischer Engländer, der gerade durchreiste, wurde durch mehrere Gläser dieses ermuthigenden Zaubertrankes von dem schrecklichen Entschlusse abgehalten, sich ums Leben zu bringen, welches er auch in dem Badgedenkbuche selber niedergeschrieben hat, mit dem Charakter, den er sich gab: Lord John Butterfly, geheilter Selbstmörder!

Wäre unsere Gegend katholisch, welche Votivtafeln würden die Tausende, denen hier Rettung und Gesundheit fließt, nicht am Eingange des Amalienbades aufhängen dürfen! Hieher komme, wer an Krampfkoliken, Brustkrämpfen, nervösem Schwindel und Epilepsie leidet, welches letztere Uebel selbst in Pyrmont keine Heilung findet. Alle Krankheiten des Magens und Verdauungssystems, die in Schwäche ihren Grund haben, chronischer Appetitmangel, habituelles Erbrechen, Schwerverdaulichkeit, Blähsucht, Schleimsucht können, so gut wie chronische Diarrhöen, Lienterien, schleimichte Hämorrhoiden oder, wie Hufeland richtiger sagt, der weiße Mastdarmfluß, hier eine sichere und gründliche Heilung erwarten. Die chloritische Dyskrasie, welche in dem Mangel an rechter Lebenswärme im Blute besteht, und die nach einer Periode gewaltiger Aufregung, die Europa erlebt hat, die gegenwärtigen Zeitgenossen zu überfallen scheint, wird beim Amalienbrunnen bald verschwinden. Auch Würmer gehen Einem hier ab, selbst wenn man deren bisher in sich keine verspürte. Alle widernatürliche Hemmungen des für das menschliche Daseyn so unerläßlichen Wasserlassens, als da sind Strangurie und Blasenkatarrh, schwinden nach dem Genusse dieses stark auf den Urin treibenden Wassers. Wir wollen einige Krankheiten nicht erwähnen, welche der Anstand zu nennen verbietet, doch aber anführen, daß chronische Geschwüre sich eben so gut hier entwickeln und auflösen, wie auch das männliche Unvermögen hier bei einer geregelten Kur sicher schwinden wird. Frauen, die zum Abortus geneigt sind, kann hier die Hoffnung, auf ihrem Arme dereinst noch süße Kinder zu schaukeln, wiedergegeben werden, da die krampfhafte Reizbarkeit des Uterus bald vor dem Trunke aus dieser Amalienquelle weicht. Die weibliche Unfruchtbarkeit wird künftig nicht mehr nöthig haben, nach Ems zu reisen: denn auch dieses Bad heilt sie, und das um so sicherer, als wir schon von seinem Einflusse auf die entsprechende Unfähigkeit der Männer sprachen, für welche in Ems kein Kraut gewachsen ist. Ueberhaupt alle Krankheiten des Gebärmuttersystems, die schmerzhafte Menstruation mit ihren gleichzeitigen Koliken, Erbrechungen, Ohnmachten und ähnlichen hysterischen Zufällen müssen hier eben so weichen, wie selbst, was bei andern Bädern unmöglich ist, die übertriebene Vollsaftigkeit des Uterus, woraus so leicht Verhärtungen, Polypen und Metastasen von psorischen, arthritischen und andern bedenklichen Stoffen an jenem empfindlichen Theile entstehen. Es ist dies nur eine kleine Skizze jener Krankheitsgruppen, welche durch das Amalienbad überwunden werden; den Aerzten und dem spätern Erfolge muß es überlassen bleiben, ob sich dies trostlose Register zum Wohle der leidenden Menschheit noch vermehren läßt.

Anmerkung Die Amalienquelle fließt zur Stunde noch nicht reichlich genug, um ihr auch einen äußerlichen Gebrauch abgewinnen zu können. Einstweilen sind unter diesen Umständen die Brunnengäste sicher, daß sie kein Wasser trinken, in welchem sich schon Andere gebadet haben; wie es denn noch jetzt Leute gibt, die mit Recht keinen Rothwein trinken, weil sie leicht auf jenen Jahrgang stoßen könnten, in dessen ganzem Ertrage der König von Westphalen, Jerôme, seine Pariser Krankheiten sich abzukühlen pflegte.

Da aber bekanntlich der Erfolg aller Badkuren davon abhängig ist, ob sich mit ihnen auch der Genuß einer angenehmen Gegend und einer heitern Geselligkeit verbindet, so hat der gegenwärtige Besitzer und Entdecker der Quelle, der Herr Graf von der Neige, sich angelegen seyn lassen, seiner Herrschaft alle die Reize wieder zu geben, mit welcher die Natur und Kunst sie früher bedacht hatten, und welche nur so lange in Verfall gerathen waren, als Herr von Metzenthin und dessen Töchter sich vergebens um den Teint ihrer Wäsche grämten. Der Herr Graf scheute keine Kosten, um das Schloß und die dazu gehörigen Besitzungen nicht nur in einen wohnlichen Zustand wieder zu versetzen, sondern sie selbst noch für höhere Anforderungen reif zu machen. Er legte passende Communicationswege an, auf welchen man von den verschiedensten Seiten her zum Amalienbade gelangen kann; er schuf das außerordentlich große Schloß selber in eine einstweilen äußerst fashionable Herberge für die Badgäste um, indem er nur einen kleinen Theil der fast zahllosen Gemächer für sich und die Dienerschaft zurück behielt. Im Dorfe sind für minder vermögende Besucher alle nöthige Vorkehrungen und Bequemlichkeiten getroffen wurden. Der Bad-Inspector, Herr Schlachtenmaler, wird über Alles, was zum Comfort der Kurgäste dienen könnte, bereitwillige und gefällige Auskunft geben.

Die Zierde des Amalienbades ist die reizende Parkanlage, die sich theils bei Herrn von Metzenthins Zeiten schon vorfand, theils erst jetzt eine Wiedergeburt erfahren hat, die sie zu einer ganz neuen Schöpfung macht.

Mit Vergnügen werden diejenigen, welche wahrhaft Leidende sind, hören, daß Amalienbad in einer nicht gebirgigen Gegend liegt. Denn jeder Arzt bestätigt, daß die Berge das zu verderben pflegen, was die Bäder gut gemacht haben. Sie sind zur Mittagszeit sehr willkommen, aber des Morgens und Abends athmen sie Dünste und Nebel aus, welche einen gleichzeitigen Aufenthalt in der freien Natur dem Kranken unmöglich machen. Regengüsse und Gewitter treten in Gebirgen öfter ein, als die Natur deren zu ihrer Abkühlung bedarf, die Partien sind mühsam zu ersteigen und bringen beim Gebrauch von Stahlwasser nur Congestionen nach dem Kopf hervor. Darum kann sich Amalienbad seiner Lage in einer reizenden Ebene rühmen. Sanfte kleine Anhöhen geben dem Blicke malerische Fernsichten; Bäche murmeln durch das frische Wiesengras hin, auf welchem sich die idyllischen Heerden der Herrschaft tummeln. Das Geläute dieser Thiere trägt nicht wenig dazu bei, dem Amalienbade, mit Abzug der Gebirge, einen fast schweizerischen Charakter zu geben. Wenn der Park für den täglichen Spaziergänger, der nicht zu weite Wege liebt, ein Ort der geistreichsten Erholung, wie wir dies besser unten erklären werden, seyn wird, so liegen doch auch in der nächsten Umgegend des Amalienbades einige entferntere Punkte, denen theils die Kunst, theils die Natur ein reizendes Interesse gab. Partien und größeren Gesellschaften, die sich vereinigen wollen, werden wir vorläufig schon mehrere liebliche Spazierfahrten bezeichnen können, welche einen größern Aufwand von Wandermuth sicher belohnen. Der Hirschpark ist ein schattiges Tannen- und Birkengehölz, in welchem sich zur Zeit zwar nur ein gezähmter Hirsch aufhält, doch dagegen zahllose wilde, die oft rudelweise durch die Büsche springen. Leider sind sie in dem Grade scheu, daß sie nichts so sehr, als die Nähe der Menschen fürchten, und man oft Tage lang locken muß, bis man ihrer ansichtig wird. Der zahme Hirsch dagegen ist ein sanftes, freundliches Thier, mit dem sich die Kurgäste um so lieber beschäftigen werden, als neben seiner Einfriedigung, durch die Fürsorge des Herrn Grafen, ein Wirthshaus angelegt ist, dessen gegenwärtiger Besitzer nicht ohne Fertigkeit auf der Geige ist. Sein Sohn bläst die Flöte und seine Frau schlägt die Harfe, so daß außer der regelmäßigen Badmusik an der Amalienquelle auch hier ein musikalischer Genuß für einen dergleichen Liebhaber stündlich anzutreffen ist.

Ein ander Mal rathen wir den Kurgästen, die Fasanerie und das Vogelhaus zu besuchen. Auch diese Sehenswürdigkeiten liegen in einem schattigen Gehölze. Mehrere ausgespannte Netze schließen eine Anzahl böhmischer Fasanen ein, von denen wir nichts wünschen wollen, daß sie bei der Ankunft der spätern Badgäste von den frühern schon möchten verzehrt seyn. Jedenfalls würde dann der Herr Graf Sorge tragen, aus Böhmen schleunigst einen neuen Transport zu verschreiben. Das Vogelhaus enthält eine artige Sammlung der beliebtesten Singvögel. Canarienvögel, Zeisige, Finken leben hier im traulichen Vereine und räumen die Oberherrschaft über sie einer alten Eule ein, die aber, um die Damen nicht zu erschrecken, nicht natürlich, sondern ausgestopft ist. Auch hier ist für Erfrischungen durch eine sich mehr dem Russischen nähernde Herberge bestens gesorgt.

Die Eremitage, auch die Grotte der Liebenden genannt, ist eine reizende Anlage auf der Südseite des Amalienbades. Vor vielen Jahren hat hier in einem nach gothischer Art gebauten Hause, welches über und über mit Moos ausgelegt ist, ein frommer Einsiedler gelebt, von dem aber die Sage ging, daß sein nur der Zurückgezogenheit vom Leben gewidmetes Dach auch oft für unglückliche Liebende der Umgegend ein freundliches und verschwiegenes Asyl wurde. Wenn es wahr ist, daß jetzt die Ehen nicht mehr im Himmel, sondern in den Bädern geschlossen werden, so wünschen wir, daß auch diese Grotte der Liebenden vielen Herzen ein Ankerplatz ihrer Hoffnungen werden möge.

Endlich erwähnen wir noch eine Sehenswürdigkeit des Amalienbades, welche in dieser Originalität vielleicht kein anderer europäischer Kurort aufweisen kann. Dies ist nämlich eine Gegend, die, nicht weit vom Bade belegen, den auffallenden Anblick einer mehr als arabischen Wüstenei darbietet, und welche denn auch von dem Herrn Grafen, der überall das Charakterische mit kurzen Worten zu bezeichnen versteht, mit dem Namen: die Wüste Sahara, getauft worden ist. Tiefes melancholisches Schweigen liegt auf einem unübersehbaren Sandmeere, dessen Wellen unergründlich sind. Kein Baum, kein Strauch wächst auf diesem traurigen Eilande, welches in seiner düstern Monotonie gegen die üppige grüne Fülle der Umgebungen einen fast rührenden Abstich gewährt. Es würde die Strafe eines Verbrechers seyn, durch dieses bewunderungswürdige Spiel der Natur, die oft mit der einen Hand Rosen flicht und mit der andern graue Asche ausstreut, zu Roß, zu Wagen oder gar zu Fuß waten zu müssen. Einigen Hunden, die man früher hinüber zu hetzen so grausam war, soll dieser Versuch das Leben gekostet haben. Von diesem rührenden Schauspiel einer unbedingten Oede und Unfruchtbarkeit werden die Kurgäste nicht ohne Wehmuth und Erstaunen scheiden: denn, so schmerzlich es ist, ein Bild des Todes zu sehen, so merkwürdig bleibt doch dieses seiner Seltenheit, seiner hohen Vollkommenheit wegen. Der Herr Graf lassen übrigens in Amsterdam gegenwärtig ein Kameel ausstopfen, welches er trotz aller Schwierigkeiten und Kosten, die das Unternehmen darbieten wird, doch in der Mitte dieser Wüste aufstellen will, um sie der afrikanischen Aehnlichkeit noch immer näher zu bringen.

Einer ausführlichen Beschreibung des Parkes können wir uns um so mehr überhoben fühlen, als es nicht nur Dinge gibt, die man durch Rühmen und Anpreisen nur verletzt, sondern auch einen sehr talentvollen Dichter, welcher auf Virgils georgischer Leier ein Lehrgedicht über Amalienbad heraus zu geben gedenkt. Gleich hinter dem Schlosse, an dem Brunnen, ist ein großes türkisches Zelt aufgerichtet, in einem Geschmack, der so echt orientalisch getroffen ist, daß das Zelt wie von Feen über Nacht hingebaut scheint. Hier ruht sich der Brunnengast aus, hier ertönt eine fröhliche belebende Musik, hier plätschert ein Springbrunnen, hier ist das Rendezvous der Leidenden, die gläubig zu Hygieens Tempel strömen. Blumenterrassen und Blumenbeete schmücken die nächste Umgebung des Zeltes, schattige Laubgänge schützen vor den Strahlen der Sonne. Höher hinauf sind zwei leichte, aber anmuthige Gebäude errichtet, links das Ballhaus, rechts der Spielsaal. Vielleicht bedarf Letzterer einer Entschuldigung.

Die beiden Bade-Aerzte, die DD. Amandus Müller und Theobald Schmidt, waren nämlich durchaus abgeneigt, zur Errichtung einer Spielbank ihre Einwilligung zu geben. Indessen traten ihren moralisch diätetischen Gründen doch andere entgegen, welche den Herrn Grafen bewogen, auch dies Uebel im Amalienbad heimisch zu machen. Selbst, wenn man von denen abstrahiren wollte, die ausdrücklich nur, um zu spielen, in die Bäder reisen, so würde doch auch denen, welche nicht spielen, hier eine Gelegenheit entzogen worden seyn, sich in ihrem bessern Selbst zu fühlen. Um die Menschen tugendhaft zu machen, muß man ihnen die Gelegenheit geben, es nicht zu seyn. Mancher, der aus einem Bade heimkehrt, freut sich, nicht nur seine Zufriedenheit, sondern auch sein moralisches Gewissen gerettet zu haben. Aus diesen Rücksichten auf die Vermehrung der öffentlichen und Privat-Moral glaubte der Herr Graf bei seiner hohen Landesregierung um die Eröffnung einer Spielbank einkommen zu müssen. Sie wurde ihm gegen eine Abgabe bewilligt, die nicht groß ist: welchen Umstand wir ausdrücklich anführen, weil das Publicum aus den allzugroßen Spielsteuern Mißtrauen in die Chancen einer Bank fassen muß. Die Amalienbader Bank wird von Herrn Alboin Blasé dEau gehalten, einem gebornen Gascogner.

Die Saison beginnt mit dem 15. Juni. Anmeldungen auf Logis werden von dem Bad-Inspector Schlachtenmaler befördert, und etwaige sonstige Anfragen gründlichst beantwortet werden. Briefe und Gelder franco.

Anhang.

Geheime Depesche des Dr. Amandus Müller an den Grafen.

   Vierhufen, den 15. Mai 18...

Hochgeborner Herr Graf!

Mein erster Blick im hiesigen Gasthofe zum König von Hannover, der eine recht angenehme Lage hat, ob man gleich dem allgemeinen Straf- und Zuchthause gerade gegenüber wohnt, fiel auf eine Nummer der Vierhufener Landeszeitung, in welcher mein Bruder die Geschichte und Lage und Vortrefflichkeit des Amalienbades gottsträflich erlogen und übertrieben hat. Das Geheimniß der Quelle kenn ich nicht und kann daher auch nicht bestimmen, ob das Amalienbad mehr in die Geschichte der Entdeckungen oder der Erfindungen gehört, zu welcher letztern unfehlbar die Struveschen künstlichen Mineralwasser zu rechnen sind, ohne daß ich mir erlaube, die Amalienquelle in ihre chemischen Bestandtheile zu zerlegen, was mir um so schwerer würde, da ich kein Arzt bin, sondern nur einen vorstelle. Wer wird aber zu dem Wasser Vertrauen fassen, wenn er sich in fast allen Versprechungen des Prospectus getäuscht findet? Von all der geschilderten Wohnlichkeit ist zur Zeit noch wenig vorhanden, von all den Sehenswürdigkeiten und schönen Gegenden gar nichts. Wie kann Schlachtenmaler von Eremitagen, Hirschparken und Fasanerien sprechen? Ich bedaure ihn, wenn er glaubt, seine Phantasie werde den Kurgästen auch in der Wirklichkeit das Alles vorspiegeln, was das geduldige Papier ertragen hat. Als der Graf diese Stelle las, bewunderte er die Zwietracht und den Neid, der zwischen den Brüdern herrschte.

Mit wahrer Genugthuung jedoch kann ich Ew. Excellenz melden, daß meine Bemühungen für die Amalienquelle erfolgreicher seyn werden als Uebertreibungen, die aus dem Traum eines Fieberkranken zu kommen scheinen. Alle Zeichen treffen günstig zusammen und versprechen, wenn nicht schon in dieser, doch in der nächsten Saison alle meine Bemühungen zu krönen. Die allerdings nicht unbeträchtlichen Summen, welche ich von Ew. Excellenz zur Disposition bekommen habe, scheinen vorläufig freilich in den Wind zu gehen; doch nach diesem Winde gerade werden sich bald die Wetterfahnen der hofärztlichen Rathschläge richten und den Pfeil nach dem Amalienbad umwerfen. In Kaputh konnte ich nichts versuchen, da an Sägenreißers Unbestechlichkeit jeder Louisdor aus Scham in ein rothes werthloses Kupferstück sich verwandelt, und auch der Fürst von Sayn-Sayn Jahr auf Jahr ein dasselbe Bad besucht. Allein in Vaduz habe ich das feierliche Versprechen von dem Medicinalrath, Dr. Schuft, bekommen, daß er wenigstens die Fürstin, und zwar im nächsten Jahre, uns zuschicken will. In diesem Jahre geht sie nach Ems ihrer leidenden Brust wegen; wenn sie aber den Winter überlebt, und die Schwindsucht nicht im Galopp kömmt, so wird Medicinalrath Schuft Sorge tragen, daß sie unsere Stahlquelle braucht. Freilich könnt es ihr Tod seyn, sagte der Leibmedicus nachdenklich, als er mir eine Quittung über das Honorar für die Heilung eines Fingers schrieb: ? denn Ew. Excellenz werden leicht errathen, daß ich einen so hochgestellten Mann nicht mit einer Summe Geldes so ohne Weiteres bestechen kann. Es ist immer meine Gewohnheit, mich absichtlich mit einem leichten Schaden zu behaften, z. B. mich in den Finger zu schneiden, einen Splitter einzureißen und dergleichen. Während der Heilung wird die Amalienbader Frage angeregt, und deutlich genug gezeigt, daß auf der Empfehlung ihres Eisenwerthes Gold steht. Der Leibmedicus nimmt für einen ausgezogenen Splitter recht gern dreißig Pistolen, wo ich noch den Vorzug habe, mir eine Quittung darüber auszuwirken, was zu bewilligen sonst jedem Bestochenen die Klugheit untersagt. ? Ich sagte also: der Medicinalrath hätte sich mit einem Buche getröstet, worin ein berühmter Arzt erklärt haben soll, daß oft ein begangener Heilungsirrthum die Wahrheit in einem krankhaften menschlichen Zustande schneller ans Licht fördere und der Behandlung des Arztes Diversionen eröffne, wo die kämpfende Natur sich stärkt und sich in ihrer Kraft zu üben beginnt bis zum allmählichen Siege.

In Lausau erklärte mir der dortige Leibmedicus des Großherzogs, daß er an dem Leben eines Fürsten keine Experimente zu machen wage, und daß dem Großherzoge Aachens Schwefelquellen einzig zuträglich wären, der schlechten Kuren wegen, die die Aerzte in Rom und Neapel mit dem als Erbgroßherzog dort reisenden jungen Fürsten angestellt hätten, und wo nun all das überflüssige Metall, das in ihm stäke, in Aachner Schwefelqualm ausdünsten müsse; indessen machte er mir Hoffnungen auf einige Minister, namentlich auf einen, der dem Großherzoge längst viel zu constitutionell gesinnt wäre, und den er in einem Eisenbad so erhitzen wolle, daß er unfehlbar bei seiner Rückkehr sich zu falschen Schritten verleiten lassen und dadurch selber stürzen würde.

In Kuhschnappel hatte ich die Bestechung nicht nöthig. Dort fand ich einen würdigen Leibmedicus, der mir mit thränenden Augen gestand, daß das Leben des Kronprinzen nur noch durch Stahlbäder gerettet werden könne; er hätte dem Prinzen Campes Sophrosyne zu lesen gegeben, er hätte ihn durch die Spitäler geführt, hätte ihn durch ritterliche Uebungen von seinem Laster abbringen wollen, aber selbst Pyrmont, das nach Hufelands Heilquellen, Seite 57, doch so ausgezeichnete Heilkräfte gegen diese allmählichen physischen und moralischen Selbstmörder entwickeln solle, selbst Pyrmont hätte wenig gefruchtet. Ich sagte, als wir schieden: Herr Medicinalrath, vielleicht weckt schon der weibliche Name der Amalienquelle natürlichere Vorstellungen in Sr. Hoheit! Wills Gott, seufzte der redliche Staatsdiener und gab mir weinend das Geleite.

In Flachsenfingen schien der Leibarzt des ungemein stark bekinderten Fürsten ein versteckter Republicaner zu seyn. Wenigstens sprach er nur von dem Budget und dessen täglich sich vermehrender Ausdehnung. Er war bereit, uns das jüngste Glied der fürstlichen Familie, welches an Scropheln litt, zu opfern, und dachte dabei vielleicht an dessen Apanage. Es war ein zorniger Mann, der mir beim Abschied noch nachrief: er verlasse sich wenigstens darauf, daß man in Amalienbad künstliche Salzbäder werde bekommen können; das Kind in echte zu schicken, nach Kreuznach z. B. oder ins Meer nach Dobberan, darunter würde das Land nur noch immer mehr leiden.

Ich habe auch noch eine andere Entdeckung gemacht, die einen tiefen Blick in die Badmanie unsrer Zeit und die von den Aerzten dabei gespielte Rolle werfen läßt. Es ereignet sich oft, daß kleine, unbedeutende Bäder dicht bei großen Städten in der Nähe liegen, z. B. Soden bei Frankfurt, Cannstadt bei Stuttgart u. s. w. Hätten nun diese Bäder eine große Kraft, so würden sie längst von der echten Wissenschaft allgemein empfohlen seyn. Dies hindert jedoch die Aerzte der benachbarten großen Städte nicht, alle Welt in diese kleinen Bäder zu schicken: denn welcher Patient trennte sich gern von seinem Arzte, welcher Arzt gäbe gern einen ganzen Sommer hindurch die Behandlung eines Kranken auf? In Soden bei Frankfurt gibt es zum Glück sieben Quellen: man denke sich, welche Auswahl hier die Frankfurter Aerzte haben! Mein Patient will nach Ems, ich schick ihn aber nach Soden N o 3! Ihr Patient will nach Töplitz, schicken Sie ihn nach Soden N o 5! So bleibt dem Arzte die Kundschaft und dem Kranken sein Uebel; auch spart er die Reisekosten.

Auf dergleichen Erfahrungen bau ich also meine Operationen. Was sie hier in Vierhufen erreichen werden, theilt vielleicht mein Nächstes mit, bis wohin ich verbleibe,

 

Hochgeborner Herr Graf,

 

 Ihr ergebener Diener,

 

Amandus Blasedow,

 genannt Dr. Amandus Müller.

 


 

Fünftes Kapitel.

 

Blasedows Standrede an eine Dame, die da mystisch werden wollte.

 

»Ich denke mir den Herrgott oft wie ein Elternpaar, das von vielen und mannigfach gearteten Kindern umgeben ist. Die einen lieben ihn, ohne davon viel Wesens zu machen, die andern tragen aber ihre Liebe fortwährend zur Schau und machen ein Geschäft daraus. Es gibt Kinder, die so gern die Rolle der Eltern übernehmen und in deren Namen ordnen, befehlen, unterdrücken, besonders die unterdrücken, welche lieben, ohne es zu sagen. Die älteren Geschwister, wenn sie wie die Blüthen eheloser Pflanzen vertrocknen und nie die zarten Schwielen des Traurings fühlten, werden leicht geneigt, die Eltern selbst an Wachsamkeit gegen die jüngern zu übertreffen. Sie sagen wohl gar, daß sie ihrer Liebe zu den Eltern wegen nie heirathen würden, und machen aus dem, was ihnen große irdische Noth verursacht, eine himmlische Tugend. Die Welt geht wie ein lachender, blumengeschmückter Bräutigam an ihnen vorüber, den sie eben verschmähen, weil er ihnen nichts in den Schoß wirft.

»Der Herrgott ist aber kein alter schwacher Mann, der so urtheilen würde, wie der tolle, kindische Lear urtheilte. Cordelia war niemals pietistisch, und deßhalb kann sie wohl von dem überlebten thörichten Lear der Kirche ausgestoßen werden, aber nicht von einem himmlischen Vater, der die Nieren dem Fett, was darum liegt, vorzieht. Der Pietist schwört und betheuert, er weiß, wie hoch er sich in seiner Liebe vermessen kann; das wahre Gotteskind lebt immer und ewig in der sich ihm von selbst verstehenden Voraussetzung der Größe und Allmacht Gottes, es macht kein Wesens davon.

»Nach Luther gibt es dreierlei Christen, die sich zu einander verhalten, wie die drei Theile des Tabernakels, welches Gott Mosen zu bauen befahl. Erst kömmt der äußere Kirchhof, dann das Schiff, endlich der Chor der Kirche. Diejenigen Gläubigen, welche ihre Gottseligkeit in äußeren Geberden, in der Pruderie gegen den Genuß des Lebens, im Essen, Trinken und Schlafen suchen, nennt er kirchhöfische Heilige, welche nur fünf Ellen hoch wären, das heißt, nach den fünf Sinnen; sie hätten, fährt er fort, ihre Heiligkeit im viehlichen Leben und wären Speiseheilige, Kleiderheilige, Zeitheilige. Die zweite Christengattung ist diejenige Gemeinde, welche zwar in die Kirche geht, aber rücklings; die ihr Angehörigen sind mit dem Hintern immer früher darin, als mit dem Kopfe. Erst die Christen der Emporkirche wären die echten; sie bekämen durch den Geist, den ihnen Christus verheißen, ein rein, frei, lustig, fröhlich, lieblich Herz, wie es im Prediger Salomonis Kap. 9 heißt: So gehe hin und iß dein Brod mit Freuden, trinke deinen Wein mit gutem Muthe: denn dein Werk gefällt Gott. Laß deine Kleider immer weiß seyn, und laß deinem Haupt Salbe nicht mangeln. Gebrauche des Lebens mit deinem Weibe, das du lieb hast, solange du des eiteln Lebens hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat, solange dein eitel Leben währet.

»Ich sage ja auch nur, daß Luther durch all sein theologisches Wachen und Träumen (denn die Bibel und die Kirchenväter mußten schon des Streites wegen sein ganzes Leben ausfüllen) das Lebensprincip der Freude und Hoffnung hindurch ahnte. Ich sage nicht, daß ein ganz nach Luthers Vorschriften eingerichtetes Leben vom Pietismus allzuweit abliegt. Luther bekämpfte die guten Werke zum Nutzen des ewigen Bibelaufschlagens und Blätterns und Lesens darin und zum Trotz des römischen Ablaßgeschäftes; indessen, wer immer tiefer und tiefer in die Tiefe graben will, der sehe ja zu, daß ihm der äußere Schacht nicht einstürze und die Rückkehr verschütte! Das menschliche moralische Daseyn ist eine Pflanze, die ihren Hauptgrund in der Wurzel, aber ihr göttliches Leben und ihre Pflichterfüllung in den Blättern, der Blüthe und der Frucht hat. Auf den Duft der Menschen kömmt es an, auf die ätherische Wolke, die ihr Daseyn umfließt, auf das Gefühl einer sanften Erregung, wenn man in ihre Nähe tritt. So wie man Gott nicht in den Gestirnen und ihrem Stoffe, sondern in den Bahnen, welche sie beschreiben, suchen muß, so ist auch das, was im Menschen sich als Gesetz und harmonische Ordnung gestaltet, moralischer, als was an Thaten und Worten den Stoff zu dieser Symmetrie hergibt. Sieht man nicht Bäume, die sich ihre ganze Triebkraft erhalten haben, selbst, wo der Stamm inwendig heraus gebröckelt ist, wenn nur die Rinde noch zusammen hält? In den feinen Arterien der Baumschale liegt die Kraft der Vegetation. Der Baum blüht auch ohne Stamm und trägt Früchte, wenn nur die Schale ohne Risse und Sprünge ist.

»Die Pietisten haben einen andern Glauben. Sie schälen sich vom Herzen die Rinde ab, und wollen aus dem nackten Stamme Blüthen treiben und greifen, da sie zu erfrieren fürchten müssen, wie erfahrne Pomologen auch thun, nach einer Mischung von Kalk, der in Urin gelöscht ist, und von Kuhmist und legen das Zeug um ihren abgeschälten Lebensbaum: denn nur mit dieser trüben und häßlichen Hülle kann er bei ihnen gedeihen. Das Frömmeln ist nicht einmal ein Zwerggewächs, nicht einmal eine Mißgeburt, so wenig entsteht es aus einer organischen Function der natürlichen Geschichte des Geistes; so wie sie heutiges Tages betrieben wird, mischt sich immer in diesen widerlichen Bildungsproceß eine unreine Zuthat ein, so wie man in der Kunstgärtnerei Mittel hat, dem natürlichen Verlauf der Pflanzenentwickelung eine künstliche Richtung zu geben und Rosen sogar von solchen Stöcken zu erzielen, bei welchen die Befruchtung nicht mit Pistillen durch die Natur, sondern mit feinen Malerpinseln durch den Gärtner vollzogen wird.

»Wenn die Extreme sich berühren, so steht der Pietist gerade in der Nähe des Atheisten. Ist der Atheismus consequent, so macht er aus seiner Resignation auf die Welt einen Cultus. Ein Glaube, der die Welt umgeht, kann sie nicht besiegen: wo kein Kampf, ist auch kein Sieg. Wir Menschen sollen mehr Aehnlichkeit mit jenen Thieren haben, denen der Instinct versagt ist, das ihnen Schädliche gleich ohne Weiteres zu erkennen, als mit den Ziegen, die jedes Kraut, nur den Schierling nicht, essen. Die Pietisten sind gerade die verwöhnten und verzogenen Kostverächter des Herrn, während die Größe des moralischen Menschen etwa darin besteht, an Allem zu prüfen und den Grad zu bestimmen, in wie weit Göttliches ihm beigemischt ist oder Irdisches. Eine Thräne der Reue und der getäuschten Erwartung ist mehr werth, als all die trockne Hitze, die ewig im Auge des Pietismus brennt.

»Noch erträglicher wäre der Pietist, wenn er für sich allein betete; aber gerade die Gemeinde verderbt ihn, indem sie ihm das Gute nimmt, was im Pietismus noch möglicherweise liegen könnte. Ein Einsiedler kann im Walde uns als ein schönes Bild der Resignation begegnen; aber eine Colonie von Einsiedlern wird ein lächerlicher Widerspruch. Ach, es mag eine große Seligkeit und ein unschätzbarer Trost darin liegen, von dem Erfolg einer gewagten, stolzen Handlung wie von einem Rosse abgeworfen zu werden und dann gleich auf Christus, der dann aber ein Kissen, kein Eckstein seyn müßte, zu fallen; aber nun für sein ganzes Leben mit diesem Kissen sich auszupolstern, immer den Fallhut Christus zu tragen und eine ganze Secte in diesem Stolze, daß ihnen die Welt nichts anhaben könne, zu erblicken? ? nein: das wäre so gut, als wenn die Weiber deßhalb nicht mehr heirathen wollten, weil sie sich vor dem Niederkommen fürchten. Der Pietismus, würd er allgemein, versetzte die Geschichte in Ruhestand. Sein himmlischer Friede, den er allerdings öfters geben kann, gleicht dem Elektrisirfische: man fängt ihn wohl, aber er lähmt uns auch den Arm.

Ich will einiges Gute an dem kopfhängerischen Wesen nicht bestreiten. Selbst Blumen, die in Paris von Fischbein gemacht sind, können uns einen wohlgefälligen Blick abgewinnen, und braucht man in einer Zeit, wo es so viel Nachtfröste gibt, nicht selbst, wenns nicht anders ist, Frostableiter von Stroh bei den Bäumen? Aber einem wahrhaft philosophischen und dichterischen Blicke kann es nicht entgehen, daß dem Pietismus die eigentliche Schönheit des zu einem Systeme krystallisirten Gemüthes abgeht, wie es Schiefer gibt, die zwar sehr feinblätterig und zart gemischt sind, die aber doch immer an dem sie berührenden Finger eine gewisse Fettigkeit zurücklassen. Die Frage ist nur die, ob man das Gute am Mystischen nicht auch ohne Pietismus haben kann, und ob ferner dies Gute am Mystischen durch den Pietismus nicht gerade verkümmert wird?

»Ich selber bedarf des Mystischen, weil ich nicht für Alles den erklärenden natürlichen Grund kenne. Oft mach ich mir Vorwürfe, daß ich irgend einen Zeugungsproceß bei der Pflanze, irgend ein Gesetz der Natur, das eine poetische Ausnahme von der Regel zu seyn scheint, für mystisch halte; aber, wenn ich dann denke, einem Linné, einem Humboldt ist das dir räthselhaft Scheinende geläufig, wie dem höhern Mathematiker der verwickeltste Kettensatz, dann freu ich mich wieder, daß die Mystik nichts Absolutes, sondern etwas lediglich von dem einzelnen Gemüthe und Verstande Abhängiges ist. Etwas schlechthin Mystisches für Alle gibt es nicht, selbst Gott nicht; wohl aber für den Einzelnen ist es eine Ruhebank, auf der er weilt, wenn ihn das Steigen zu den Alpenhöhen des Gedankens ermüdet, oder er einen Punkt sucht, von wo aus er übersehen möchte, was sich ihm nun Alles schon als Panorama und Lohn für seine Mühe des Steigens darbietet. Und Linné und Buffon und Oken ? o, sie werden auch ermüden und ihrer Forschung einmal den Rücken kehren müssen und sehen, wie ungeheuer hoch sie über der Meeresfläche stehen, und wie tief und kaum sichtbar die Gegend unter ihnen liegt! Sie werden einen Fleck am Himmel entdecken, den sie mit ihrer Arithmetik und Algebra noch nicht auslöschen und erklären können, während sie für die Räthsel aller übrigen Gestirne schon manche Lösung und Beruhigung haben. Dem Mystischen kann man sich nicht entziehen, oder man müßte schon Gott von Angesicht zu Angesicht schauen.

»Erleichterer und Beförderer der in den Pietismus sich verflachenden Mystik (der Pietismus ist ein nach den Gesetzen der Mystik geregelter und auf sie begründeter Cultus) sind jene poetischen Menschen, welche in ihrem Sinnen und Denken den Gang gewisser Insecten nachahmen, die auf einer ebenen Fläche einen starken Anlauf nach Süden nehmen, plötzlich, wie von etwas, was ihnen im Wege stände, erschreckt, nach Ostsüdost sich wenden, wieder vor etwas, das nicht vorhanden ist, erschrecken und sich nach Norden wenden und so nach jedem Anlaufe wieder die Richtung ändern. Es sind dies oft die tiefsten und anregendsten Menschen; aber es gefällt ihrem Gemüthe, da ein Wunder zu sehen, wo eine natürliche Erklärung nicht unmöglich wäre, wie es Theologen gibt, die die ganze heilige Geschichte als historisch nehmen und gerade das wirklich nur Chronikartige in ihr gern zum Wunderbaren schlagen möchten. Diese Menschen sind nicht dem Denken abgeneigt, aber sie denken nur, nicht, um auf das Klare, sondern das Dunkle zu stoßen. Wie sich Andere freuen, wenn sie etwas durchschaut haben, und ein Geheimniß vor ihnen enträthselt ist, so freuen sie sich, wenn sie im Felde der Gedanken wandeln und plötzlich an einer Stelle stehen, wo der Weg zu Ende geht, und ein Zaun gezogen ist, der sie zwingt, wieder den Rückweg anzutreten. Mit freudigen Blicken begrüßen sie uns, wenn sie schon wieder etwas Geheimnißvolles auf dem Herzen tragen, dem Kinde gleich, das eine Blume pflückt und seelenvergnügt sie der Mutter bringt. Will man das Räthsel lösen und für das unerklärlich Scheinende einen Grund angeben, so lächeln sie und sagen: Nein, nein, hier ist einmal wieder die Welt zu Ende! Sie vernageln sie sich nämlich selber mit den Brettern.

»Ist diese Scheu vor dem Göttlichen schön und poetisch, warum kann man sie nicht hegen, ohne Pietist zu seyn? Ich habe mir oft einen Mann gedacht, der gewohnt ist, schlicht und sinnig zu leben, nie laut zu sprechen und von der Bibel mit Hochachtung; einen Mann, der erröthet und erschrickt, wenn die Frivolität auf ihrer Paganinigeige die kecken schreienden Accorde streicht, der die Modegespräche nicht liebt, wenig Politik versteht und am liebsten Bücher liest, die jetzt zu den vergessenen gehören. Und bei dieser Sonderbarkeit scheint er sich selber am wenigsten eine; ihm fällt nicht ein, daß die Oberfläche in der Welt jetzt sollte die Regel, und er die Ausnahme seyn; er spricht und handelt und lebt in seiner Weise ohne Kopfhängens, ohne düstre und graue Mienen, ohne auffallende äußere Geberde, und, siehe! plötzlich hörte er diejenigen nennen, welche man in der Stadt als Pietisten bezeichnet, und sein eigener Name käme selbst darin vor! Ein tragischer Moment! Der treffliche Mann wird wie vom Schlage getroffen seyn und nicht wissen, was er denken, was thun und erklären soll. Du giltst als Pietist ? der Gedanke würde ihn quälen Tag und Nacht, er würde nicht zu bestätigen, nicht abzuleugnen wagen; er würde in jenem Falle gegen seine eigne, ihm so theure Geistesfreiheit zeugen und in diesem zeugen müssen gegen eine Secte von Menschen, die er mit Milde und, wenn man die Oberflächlichkeit des alltäglichen Lebens und jene Ankläger der Pietisten bedenkt, von denen man sagen muß, daß sie noch nicht einmal Pietisten sind, sogar mit Vorliebe beurtheilte. Er würde sehr unglücklich seyn und zweien Möglichkeiten nicht entgehen können: entweder, er würde durch das ewige Grübeln über den Pietismus wirklich in ihn verfallen, wie es vielen geistreichen und sogar berühmten Namen gegangen ist, oder er würde seinen Handlungen eine weitere Begründung, seinen Anschauungen einen größern Horizont, seinen Gedanken zahlreichere Faktoren geben müssen, so wie ich es selbst gethan habe.

»Meine liebe Freundin, ich habe bis jetzt nur von den Männern und nicht einmal von diesen allen, sondern nur von den Denkern unter ihnen gesprochen; mit dem Pietismus der weiblichen und empfangenden Seelen hat es einen andern Grund. Noch seh ich jene schöne und rührende Mischung von Scherz und Schmerz auf Ihrem Antlitz, als Sie sagten: »Denken Sie sich, Blasedow, nun läßt er sich alle Leiden der Welt hieherkommen, alle Aussätzige und Gichtbrüchige, alle Wunden, die nicht vernarben wollen, die fallende Sucht und tausendfaches Elend ? Gott, als wären wir nicht selber mühselig und beladen genug!« Ich habe so im Stillen meine Freude daran gehabt, wie Ihre Leiden die Kruste einer falschen und erlogenen Weltansicht allmählich durchbrachen, wie Sie in Verzweiflung rangen und des Haares und der äußern Kleidung dabei vergaßen, ob auch darüber nichts verschoben wird oder sich abnestelt; ich habe so still in mir gelacht vor Seligkeit, daß Sie noch so viel höhere Lebenskraft in sich haben, ein so verklärtes Osterauferstehungsfest zu feiern; aber das hätten Sie schon nicht thun sollen und mir sagen: »Blasedow, ich kehre zur Bibel zurück!« Ich schwieg damals: denn die Bibel ist ein herrliches Buch, ob es gleich verstanden und mit dem Leben tief und ernst vermittelt seyn will; aber nun thun Sie mir ein Leides an, daß ich Sie, statt auf der Bibel, auf dem »wahren Christenthum von Arndt« betreffe. Sähen Sie dies Buch nicht in seinem neuen Einbande, in dem saubern Abdruck, den der neue Buchhandlungsspeculationsteufel aus der Trödelkammer des siebenzehnten Jahrhunderts wieder beschworen hat, Sie würden zuviel Geschmack haben, um eine solche Wahl zu treffen, und in allem Ernste, ich beschwöre Sie, meine verehrte Freundin, werden Sie nicht pietistisch!

»Welch ein Stolz lebte in Ihnen! Die Hälfte davon war vom Uebel; aber schütten Sie mit dieser Hälfte nicht auch die andere aus! Der Mensch darf stolz seyn in einer Zeit, wo die Freiheit des Geistes nicht die Blüthe der Erziehung, der Ueberlieferungen und der Sitte ist, sondern die Frucht der eigenen, mit ringender Mühe erworbenen Bildung. Die Griechen und die ersten Christen konnten nach Gesetzen leben, weil ihre Bildung auf gemeinschaftlichen Grundlagen ruhte; wir aber müssen bei dem Chaos von Licht und Finsterniß, in dem wir leben, unsere eigenen Gesetzgeber werden und uns jene Würde, die uns die anders gesinnte Welt und die weit, weit hinter unserem Geiste zurückgebliebenen gesellschaftlichen Ordnungen nicht einräumen werden, selber mit nicht frostigem, aber doch immer etwas kühlen Stolze herausnehmen. Aeußerlich kalt und spröde sollen wir Funken in uns bergen, wie der Feuerstein.

»Der Weg, der zum Pietismus führt, ist wenigstens ein abschüssiger. Man kann ihn wandeln bis zum Niveau des Meeres, tiefer nicht. Auch die Demuth hat eine Grenze: der Mensch soll nicht höher, als bis zu der Gegend der Alpen greifen, wo ihr Gürtel noch grün ist, aber auch nicht tiefer, als bis zum Rande des Meeres, wo er an den Muscheln lernen kann, daß ihre schönsten Perlen aus den schwersten Leiden geboren werden. Die Resignation, meine Theure, ist eine echte, der Pietismus eine Stiefschwester der Religion. Lassen Sie sich durch einzelne, im Pietismus auftauchende schöne und beinahe poetische Erscheinungen nicht täuschen: es gibt eine Farbe, das Tyroler Berggrün, welche der schlaue Chemiker täuschend ähnlich nachmacht; so machen jene Pietisten öfter das Berggrün der wahren und fröhlich entsagenden Lebensphilosophie aus dem Grünspan des Hasses und dem Bleiweiß der blassen Schwärmerei nach. Man soll seinen Stolz schon deßhalb nicht aufgeben, um nicht mit den Muckern verwechselt zu werden. Aus der bloß schmachtenden Liebe und blassen Empfindungszärte wird die Welt nicht überwunden, wie auch gerade die Blüthen der Aepfel, welche Taubenäpfel heißen, bei dem sonst so grellen Roth der Apfelblüthe die allermattesten sind.

»Ich ziehe dem Pietismus, als einer dauernden Lebensherabstimmung, lieber einmal eine Lebens-Episode der schwärzesten Verzweiflung vor, wie ich sie öfters hatte und dann mich wieder ermannte. Die Gärtner sagen es, daß selbst bei zarten Blumen ein starkes Begießen auf Einmal diesen zuträglicher ist, als das öftere Betröpfeln. Das gefühlige und verzweifelnde Wesen kann in seinem natürlichen Zustande, wie das Naphthaöl, einen erquickenden, angenehmen Geruch ausströmen; erhitzt man es aber, übertreibt man die gebundene Wärme, die in ihm liegt, und bringt es zum Sieden, so riecht es, wie die pietistische Lebensansicht selber, widerlich und Wanzen verscheuchend. Jung Stilling und seine Angehörigen sind mir werthe Begegnungen: ich würde sie, unberufenen Anklägern gegenüber, immer in Schutz nehmen; aber es fehlt ihnen doch jenes warme rothe Lebensblut, das ich selbst in Lavater und Hamann noch finde. Sie sind lieb und gut, aber matt, wie das Nihilum album, das weiße Nichts im Laboratorium, das in der That auch nur der oxydirte Rauch des Zinkerzes ist. Es streift so Vieles im Pietismus an das, was ich zwar nicht aller Welt als Lebensprincip empfehlen möchte, was aber für Einzelne durch Schicksale und Nachdenken es werden sollte; allein dort ist es immer im verfälschten Zustande, dort wirkt dasjenige auflösend, was hier stärkt und heilt. Der ausgebrannte Granit der menschlichen Freiheit wird pietistischer Bimsstein, aus dem das Leben schneiden kann, was es will; aber mein Ideal eines durch Unglück zur Wehmuth gestimmten Charakters ist nicht so durchgebrannt, sondern bleibt spröde, fest, durchsichtig und schön, wie der Bernstein. Reibt ihn die Welt, so wird er warm und elektrisch und zieht Herzen an.

»Die Gottheit verlangt von uns nicht mehr, als daß wir ihr nicht zürnen, wenn sie uns mit Schmerzen heimsucht. Der Pietismus sagt, sie wolle uns damit prüfen. Wie kalt, wie mönchisch erklärt ist das! Nein, Gott will nur, daß wir ihm für Leiden nicht zürnen, die nicht in seinem speciell gegen uns gerichteten Plane, sondern im Lauf der Dinge liegen. Weil die Welt einmal eine sich umrollende Kugel ist, wo heute fallen muß, was gestern stand, so will Gott nur, daß wir seine Welt und ihre Kugelgestalt verstehen, daß wir den Schmerz so gut als Lebenselement hinnehmen, wie die Freude, und lernen, auch im Moralischen Tag von Nacht zu unterscheiden. Der Güter sind einmal nicht mehr ausgetheilt, als für die Hälfte des Menschengeschlechts genug ist; die andre muß immer entbehren, und die Menschen müssen sich unter einander abzufinden wissen. Wer so denkt, dem sind Leiden eine Laune der Natur, die ihn von Gott nicht trennt, sondern vielmehr Gott, den Liebevollen, zum Mitleidenden macht, die Ideale wenigstens, die er an Gott knüpft, seine moralischen Motive: denn, um Ihnen nur zu sagen, was Gott ist, so ist, wie Luther mit mehr Philosophie, als man ihm zutrauen möchte, gesagt hat, einem Jeden dasjenige Gott, welches der Grund ist, warum er etwas thut. Mein Gott ist darum auch nicht viel mehr, als mein Vermögen, ihn begreifen zu können. Meine Bildung ist mein Gott, und was können Schmerzen hier anders wirken, als einen stolzen Sieg meiner Bildung und meines Gottes über sie?

»O, so thun Sie mirs zu Liebe und verzweifeln nicht! Wenn Sie Alles verloren und nur noch das Auge haben, das Sonnenlicht zu sehen, was ist da verloren? Wandeln Sie unter den Bäumen und freuen sich, Blume und Grashalm belauschen und beherrschen zu können und den Blick über Alles hin so selig und mächtig streifen zu lassen, daß von Ihnen erst die Einheit und Schönheit alles dieses Daseyns ausgeht! Weinen Sie, wenn es Sünde wäre, über Leiden, die Ihnen begegnen, zu lachen; aber denken Sie dabei, daß man Ihnen gerade diese Thränen nicht rauben kann, die Manchem Goldes werth wären, hätte er nur noch ein Herz, weich genug, sie weinen zu können. Ach, es ist wohl der unschuldigste Hochmuth, auf dem man sich betreffen kann, daß man sich freut, noch die Eiskruste der Weltbildung von seinem Herzen wegthauen zu können und noch heimlicher Wärme genug in seiner äußern scheinbaren Erfrorenheit zu bergen! Diesen Hochmuth wird uns Gott wohl mit sanftem Lächeln vergeben, daß wir stolz sind, kein schlechter Mensch zu seyn und gerührt zu werden, wenn wir ein todtes Kind begraben oder Waisen erblicken, die in langer Reihe durch die Straßen ziehen und, mit Blumen bekränzt, an einem festlichen Tage Almosen sammeln, oder von einem Freunde Abschied nehmen, der, sonst so kalt, uns doch noch einen Kuß auf die zitternden und künstlich nach Fassung ringenden Lippen drückt! Diesen Stolz wird Ihnen der Pietismus als versteckte Sünde nie verzeihen, aber Gott verzeiht ihn! Halten Sie es mit ihm, und gehen Sie nicht unter die Mystiker! So ist es Recht ? Sie geben mir Ihre Hand ? ? Segne Gott diese Stunde!«

 


 


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