An einsamen Küsten

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Vorwort

. Frau Magdalene Thoresen, die Altmeisterin der norwegischen Erzählungslitteratur, wie sie mit Recht genannt wird, denn die greise Dichterin hat das einundachtzigste Lebensjahr vollendet, ist nächst Björnson die hervorragendste Darstellerin des norwegischen Volkslebens. Aber obgleich sie dicht neben Björnson und Ibsen, den großen führenden Geistern des Nordens steht, die sich in den weitesten Kreisen Deutschlands Achtung und Ansehen erworben haben, ist sie bis jetzt fast unbekannt bei uns geblieben. Das mag seinen Grund darin haben, daß durch viele ihrer Erzählungen ein düstrer Hauch weht, indem sie den einsamen, wilden und öden Charakter der großartigen nordischen Gebirgswelt und der einsamen Fjorde hineinbannt in ihre Schilderungen; und darin, daß ihre Gestalten in dieser Umgebung oft harte, störrische, zähe Naturen sind, die dem leichtlebigern Südländer erst durch Vertiefen und Nachdenken verständlich werden. Aber wie gut stimmt gerade dieser ernste Ton zu der großartigen, überwältigenden Natur des hohen Nordens. Diese einsamen Fjordläufe, die hohen unwirtlichen Gebirgswände und wilden Thalgründe, wo die Bewohner mit Lebensgefahr das kärgliche Brot erringen müssen, und wo der Tod unter mancherlei Gestalt, besonders aber auf dem sturmgepeitschten Meere täglich die drohende Hand nach ihnen ausstreckt, nach dem Bruder, dem Gatten, dem Sohne, und so oft den Ernährer der Familie vernichtet.

Jeder Mensch ist mit dem Boden, dem er entstammt, verwachsen, geistig wie leiblich; er trägt dessen Züge, und so sind auch diese kräftigen, willensstarken, wettergebräunten Nordländer anders geartet als die im Licht und in der Wärme eines mildern Himmels ausgewachsenen Südländer, ernster, stiller und in sich gekehrter. Aber sie werden von denselben Leidenschaften bewegt wie die andern Menschen, und ihr Leben bringt ihnen dieselben Kämpfe. Wie aber versteht es Frau Thoresen, dieses Leben zu schildern! Diese einfachen Bilder, die zum großen Teil dem Bauern- und Fischerleben entnommen sind, sind so lebendig wie die Natur selbst, und trotz ihrer Wirklichkeit sind sie von einem idealen Hauch umgeben, den nur ein echter Dichter in der Gewalt hat! Welchen Stoff sie auch behandelt, sie weiß ihn mit dem Glanz der Liebe zu erleuchten. Die Liebe, die große, alles beherrschende Gewalt ist das Thema aller ihrer Geschichten, auch in der ärmlichsten Hütte bewegt sie die Herzen, und alles Leben dreht sich um sie. Sie ist das große Geheimnis der Menschenseele, mehr als alles andre entscheidet sie über die Lebensschicksale, sie ist die Kraft, die den Menschen erhebt, ihn aber auch erniedrigen kann, und wer nicht geliebt hat, der hat sein Leben verspielt. Eine Verherrlichung der Liebe in ihrer läuternden Kraft, sowohl im Glück wie im Unglück, das ist der Inhalt aller Erzählungen der ernsten Schriftstellerin. Sie selbst hat eben in ihrem reichen Herzen eine Fülle von Wärme und Teilnahme, die sie antrieb und befähigte, in den Herzen andrer zu lesen und sie ganz zu verstehn und zu begreifen. Und dieses reiche Herz hat sie auch zur Dichterin gemacht, die die Menschen darzustellen vermag, weil sie ihren Herzen die leisen verborgnen Regungen abzulauschen versteht, weil sie hinableuchten kann in das Dunkel der Seelen, tief hinab, bis dahin, »wo das Irdische und das Göttliche sich im Menschen begegnen«; dadurch hat sie die Befähigung erhalten, Wirklichkeitsbilder zu schaffen, die den nachdenkenden Leser zur höchsten Bewundrung hinreißen.

Dazu klingt ein lebendiger Glaube an Gottes Liebe und die ewige Gerechtigkeit als Grundton durch ihre Erzählungen, sodaß diese, auch wo sie Herbes und Düsteres zum Gegenstand haben, nie pessimistisch werden, sondern die Seele erheben und zu dem Gottvertrauen hinlenken, das allein Ruhe, Ergebung und Frieden zu geben vermag. Daß einem so reichen Gemüt auch der Humor nicht fern liegt, ist klar. Er leuchtet in prächtiger Weise aus vielen Szenen und Charakterzeichnungen hervor.

Frau Magdalene Thoresen schaut auf ein langes, reiches und segensvolles Wirken zurück, wenn sie jetzt von sich sagt: »Meine Arbeit ist gethan.« Wer ihr aber persönlich gegenübertritt, der wird es kaum glauben, daß einundachtzig Jahre über ihren Scheitel hingegangen sind! Eine immer noch aufrechte, kräftige Gestalt mit silberweißem Haar, dessen fast lockige Fülle kein Häubchen braucht, glänzende braune Augen, die noch immer jugendlich blicken und leuchten und so schön zu der herrlichen Altstimme passen, die kein unbedeutendes Wort spricht, und deren Klang ein so tiefes Empfinden verrät. Von Geburt ist sie eine Dänin. Sie ist am 3. Juni 1819 in Fredericia in Jütland geboren; ihr Vater Namens Kragh war Seemann und Schiffszimmermeister, der in kümmerlichen Verhältnissen lebte. Den größten Teil ihrer Kindheit verbrachte sie bei der Großmutter väterlicherseits, einer schwergeprüften, tiefreligiösen Frau von ungewöhnlichem Charakter, die durch ihre Erzählungen und ihre eigne bedeutende Persönlichkeit von großem Einfluß auf das Kind war, das sich aber ganz nach seinen Neigungen entwickeln durfte. Lesen und Schreiben lernte sie fast von selbst, und ihre dichterische Gabe zeigte sich schon früh. Abends, wenn ihre Großmutter schon schlafen gegangen war, schrieb sie mit Kreide Verse auf den Tisch, die sie dann aber wieder wegwischte, daß sie niemand sähe. Für ihren Lesehunger erhielt sie von einem alten Leihbibliothekar allerhand deutsche und dänische Bücher. Nach dem Tode der Großmutter kehrte Magdalene in das Elternhaus zurück; doch hatte sie in den engen Verhältnissen keine Ruhe. Die Sehnsucht nach weiterer geistiger Entwicklung trieb sie wieder fort, und so kam sie mit der Hilfe eines menschenfreundlichen Mannes, der von ihr gehört hatte, nach Kopenhagen, wo sie mit eisernem Fleiß die Lücken ihrer Bildung ausfüllte und sich zur Erzieherin ausbildete. Dann kam sie nach Norwegen in das Haus des Propst Thoresen als die Erzieherin seiner fünf mutterlosen Kinder, und ein Jahr später wurde sie die Herrin des Hauses, indem sie dem Propst die Hand reichte. An der Seite dieses bedeutenden Mannes, der damals einer der hervorragendsten Prediger Norwegens war, entwickelte sich ihr Wesen immer mehr, und die schlummernden dichterischen Kräfte erwachten zu reicher Entfaltung. Norwegen wurde im wahren Sinne des Wortes ihre Heimat; sie begann das Land und die Leute zu lieben. Sie selbst schreibt darüber: »Ich war stolz und glücklich, einem Volke mit frischem, kräftigem Naturgrund anzugehören, und einem Lande, das mit seinem wilden Meer und seinen mächtigen Bergen in jedem Zuge von der großen Mär der Natur erzählt seit den Tagen der Schöpfung bis zur Gegenwart. Ich wurde nun meiner selbst mehr und mehr bewußt, und in diesem Bewußtsein wurde ich Norwegerin mit Leib und Seele.«

Nach sechzehnjähriger glücklicher Ehre verlor sie ihren Gatten, dem sie vier Kinder geboren hatte. Und nun erst wurde sie zur Schriftstellerin. Als sie schon das vierzigste Lebensjahr überschritten hatte, erschien ihr erster Band Dorfgeschichten. Ihm folgten bald weitere nach, die in demselben Maße wie Björnsons Bücher Begeisterung und Bewundrung hervorriefen.

Jetzt wohnt Frau Thoresen schon seit Jahren in Kopenhagen. Im vorigen Jahre hat sie ihren achtzigsten Geburtstag im Kreise ihrer Familie gefeiert, zu der auch Ibsen gehört, denn eine Tochter aus der ersten Ehe des Propst Thoresen ist dessen Gattin. Bei dieser Feier ist ihr die Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen worden, und viele andre Ehrenbezeugungen wurden ihr zu teil, die ihr gezeigt haben, wie hoch sie von ihren Zeitgenossen geschätzt wird.

Als vor einem Jahre der letzte Band Novellen, den sie geschrieben hat, in deutscher Sprache herauskam, schrieb sie in einem Briefe: »Es freut mich, daß mein Buch in Deutschland erscheinen wird, ich gehöre dort nicht zu den Bekannten, ich wurde zwar oft gewogen, aber immer zu ?schwer? erfunden.« Allerdings gehören ihre Werke nicht zur leichten Litteratur, dazu gehn sie zu sehr in die Tiefe, aber eben darum wird auch ihre Spur nicht so schnell verwehn. Ein berühmter Mann hat von ihr gesagt, daß sie ihre Feder in ihr Herzblut getaucht habe. »Und das ist wahr ? fügte sie selbst hinzu ?, aus meinem lebendigen, heißen Herzen heraus ist alles entsprossen.«

P. K.

 

 

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Es lohnte sich

. Ein Stück weit im Fjord drinnen treten die Felswände zurück und strecken sich wie zwei ausgebreitete Arme dem Meere entgegen. Auf der linken Seite davon springt eine langgestreckte Landzunge vor, die zur Zeit der Flut wie eine Insel aussieht, bei der Ebbe aber ihren zerklüfteten Zusammenhang mit dem Festlande deutlich zeigt.

An dieser Stelle stand ein einsames Wohnhaus mit einigen kleinen Nebengebäuden sowie einem Bootschuppen dicht am Wasser. Daneben lag eine kleine Wiese und ein Kartoffelacker, und ganz außen an der Spitze waren fünf bis sechs Gestelle für Fischnetze. Einige Büsche schmückten den sonst ärmlichen Ort, die im Sommer mit üppigem Laub bedeckt waren, und waren auch zuweilen verschiedne Kleidungsstücke oder Waschlappen zum Trocknen darübergehängt, so verrieten sie doch einen gewissen Wohlstand der Natur, der in dieser Gegend nicht allgemein war; und im Winter standen sie glitzernd mit Schnee bedeckt da, Tag und Nacht. Doch diese Schönheit wurde nicht besonders beachtet, dazu machte sich die Schwere des Winters zu sehr geltend.

Auf dieser Landzunge wohnte ein Schiffer Namens Arnt; Skale-Arnt wurde er meist genannt, wenn von ihm die Rede war, aber da dies nicht gerade ein Schimpfwort war, wurde es ihm auch oft gerade ins Gesicht gesagt, und er selbst kannte diesen Beinamen recht gut. Er hatte sich ihn zugezogen, als er einmal einen betrunknen Lumpen, der Skale hieß, vor dem Erfrieren gerettet hatte; denn als er diesen einen mit Glatteis bedeckten Weg dahergeschleppt und mit der größten Anstrengung wieder zu sich gebracht hatte, bekam er nichts als Spott zum Lohn, weil er einem Lumpen das Leben gerettet hätte, der andern nur zum Ärgernis und sich selbst zum Schaden lebte. Aber Arnt sagte: Wenn ich das meinige gethan habe, dann überlasse ich das übrige Gott, und dagegen war nichts einzuwenden. Obgleich nun jedermann sagen mußte, daß er recht gehandelt habe, wurde er doch ausgelacht und bekam den Spitznamen »Skale-Arnt« dazu.

Arnt war fünfundvierzig Jahre alt, als er, wie von einem plötzlichen Einfall getrieben, hinging und sich verheiratete, denn soviel die Leute wußten, hatte er sich nie vorher mit Heiratsgedanken abgegeben. Das Mädchen, das er heiratete, war den Dreißigern nahe; sie hatte mehrere Jahre bei ihm gedient, solange nämlich seine alte Mutter noch gelebt hatte, und besorgte auch nachher das Hauswesen. Aase war gar nicht schön, aber sie hatte etwas Ansprechendes in ihrem Benehmen und ein paar schöne, dunkle und lebhafte Augen; trotzdem nahm ihr Gesicht, wenn sie andern gegenüberstand, einen kalten Ausdruck an, der zu warnen schien: Komm mir nicht zu nahe! Aber jedermann fühlte sich doch wohl in ihrer Nähe, und die Männer wandten sich beständig um und sahen ihr nach.

Es war viel Übereinstimmendes in Arnts und Aases Wesen; sie waren beide beharrlich und schweigsam und trachteten nach nichts weiter als recht zu denken und recht zu handeln. Es wäre ihnen auch wohl nie eingefallen, ihr früheres Verhältnis zu ändern, wenn nicht ein Dritter dazu gekommen wäre und gedroht hätte, störend zwischen sie zu treten. Das war eine Warnung für Arnt gewesen, daß er das Mädchen verlieren könnte, und er zögerte nicht, das Mittel zu ergreifen, wodurch er sich sicher stellte.

Dieser Dritte war ein Bursche Namens Albert, der etwas weiter aufwärts im Fjord wohnte und zuweilen mit Arnt auf Fischfang zu gehn pflegte, wenn die Hilfe eines zweiten Mannes nötig war. Er war dafür bekannt, daß er überall der erste war, wo es ein Wagnis galt, aber auch nicht der letzte, wenn es sich um ein Vergnügen handelte. Bei der Arbeit war er wortkarg, aber lose und leichtfertig in Gesellschaft, und man sagte, er sei hinter den Mädchen her. Dieser Ruf machte ihn beliebt und unbeliebt zugleich.

Gegen Aase hatte er sich so benommen, daß er sich beim ersten Zusammentreffen mit ihr Mühe gab, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, was ihm trotz ihrer Besonnenheit auch gelang; aber als er dann das nächste mal wieder mit ihr zusammentraf, machte er nicht da weiter, wo er aufgehört hatte, sondern ließ sich mit einer andern ein, und das lehrte Aase, vor ihm auf der Hut zu sein.

Da wandte sich Arnt eines Tages, als Aase gerade fleißig bei ihrer Hausarbeit war, an sie und fragte sie einfach, ob sie ihn heiraten wolle.

Und sie antwortete ebenso einfach, daß sie es gern wolle. Damit war die Sache in Ordnung. Sie traten zu einander und gaben sich die Hand darauf; dann eilte Arnt hinunter an sein Boot und machte sich dort zu schaffen, während Aase mit Lust und Eifer wieder zu ihrer Arbeit zurückkehrte. Als sie aber dann beim Mittagessen zusammensaßen, schwiegen sie beide, und nachdem eine Weile so vergangen war, legte Aase den Löffel nieder und eilte hinaus, denn sie schämte sich, als sei es unkeusch, ihm die Gemütsbewegung zu zeigen, in der sie war.

Arnt beendigte seine Mahlzeit und wartete noch eine Weile auf sie, dann ging er ihr nach. Draußen kam sie ihm schüchtern entgegen, und er sah, daß sie geweint hatte. Ist es dir wieder leid geworden? fragte er kurz.

Ach nein, Gott sei Lob und Dank dafür! rief Aase, nickte ihm zu und eilte wieder hinein.

Als Albert das nächste mal zu Arnt kam, war Aase Frau im Hause. Es war ihm das nicht recht, aber er machte ein gleichgiltiges Gesicht, und bei den Kameraden warf er mit Worten um sich wie: lasse sich Skale-Arnt an so einer genügen, so gönne er sie ihm von Herzen, und dergleichen.

Nun wußte zwar jedermann, daß der Bursche ein loses Maul habe, aber die Leute nahmen das Gerede doch auf und gaben es als gangbare Münze weiter. An und für sich waren Alberts Worte ja nicht böse, aber er setzte eine vielsagende Miene dazu auf, und das gab ihnen einen schlechten Beigeschmack. Das war nun allerdings nicht seine Absicht gewesen, aber wenn er über eine Frau loszog, kam er immer ganz von selbst ins Lügen hinein.

Skale-Arnt hörte wohl dies und das von der Klatscherei, allein es berührte ihn nicht tief, und Aases stille Art, ihr unverdrossener Fleiß und die Behaglichkeit, die sie um sich zu verbreiten wußte, machten ihn sicher und froh. Hätte ihr Zusammenleben etwas höher hinauf, in die Festzeiten des Lebens geführt, dann hätte es vielleicht etwas geschadet, aber sie standen sich als Mann und Frau gerade so gegenüber wie vorher, nämlich in einem gleichmäßig zufriednen Verhältnis, und das ist Gemütsbewegungen wenig ausgesetzt.

So hörte das Gerede von selbst auf, es war eine wurzellose Pflanze gewesen, und da sie keine Nahrung fand, mußte sie verdorren.

Aber in Arnts Haus kam Albert nicht mehr. Er verdingte sich auf Boote, wo es gerade etwas zu verdienen gab, fuhr von Westen nach Osten auf den Winter- und Frühlingsfischfang, war ein tüchtiger und geachteter Bootsführer, und es mangelte ihm nie an Verdienst ? aber hinter den Mädchen war er immer her.

*

Es war sechs Jahre später, zur Zeit der Heuernte; der Sommer war mild und regnerisch gewesen, und ringsum auf den Bergen waren die Leute draußen, um das Gras heimzubringen, das reichlich in den Felsspalten und an den Felsvorsprüngen wuchs. Wo kein Mensch festen Fuß fassen konnte, da wuchs es am üppigsten, und deshalb forderte es zum Wagnis heraus.

Albert war wegen einer bösen Hand seit längerer Zeit nicht mehr auf dem Fischfang gewesen. Er wohnte bei einem Schwager und, wie schon gesagt, etwas weiter aufwärts am Fjord. Jetzt war er wieder soweit hergestellt, daß er in Vertretung des Hausherrn, der auf Reisen war, an dem ersten richtig sonnigen Tage mit den andern auf die Berge steigen konnte, um Gras zu holen.

Bei Skale-Arnt war der Mann schon wiederholt droben gewesen, um das Gras zu mähen und es in Bündel zu binden, und heute war die Reihe an Aase, hinaufzusteigen und die Bündel über die Felswand hinunterzurollen, von wo diese von selbst den Weg zur See hinab finden konnten; dort wartete Arnt mit dem Boot, um sie aufzufischen. Dies war die einzige Art und Weise, wie das Gras geborgen werden konnte, denn Pferde hatten sie keine, und es herunterzutragen, das wäre eine blutsaure Arbeit gewesen.

Es war ein wunderschöner Tag, und in dem mächtigen Angesicht der Natur spielte Frohsinn in jedem Zug. Boote wurden hurtig auf die See hinaus gerudert, spitzbeschwingte Seeschwalben kreisten durch die Luft, kleine Fische tanzten im Kielwasser, die Leute begrüßten sich mit lauter Stimme, und droben auf den Bergen wurden die Sensen gedengelt, daß der Wiederhall weit herüberscholl.

Aase war bald da bald dort, fleißig und pünktlich, daß nichts vergessen und verloren würde.

Du hast einen schlechten Mann, wenn er verlangt, daß du hier auf den steilen Felsen herumkletterst, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr, und als sie sich umdrehte, stand Albert vor ihr und lächelte spöttisch.

Ein Schrecken durchfuhr sie, aber sie nahm sich schnell zusammen.

Geh deiner Wege, es hat dich niemand gerufen! antwortete sie kurz und ergriff zugleich ein Grasbündel, das sie mit Manneskraft über den Felsrand hinausschob.

Du stehst fest auf den Füßen, du! sagte Albert und schaute sie bewundernd an.

Dann wird es das beste sein, wenn du auf deine eignen acht giebst und dich wegmachst.

O, wo du stehst, da kann ich auch stehn, erwiderte er, und ich bleibe, so lange ich Lust habe! Damit kauerte er neben ihr auf den Boden nieder.

Schweigend raffte sie etwas verstreutes Gras zusammen und that, als ob er gar nicht da sei. Nach einer kleinen Weile streckte er sich behaglich im Heidekraut aus und gab sich die Miene, als habe er sie ganz vergessen. Aber als sie dann an einer schwierigen Stelle festen Fuß zu fassen suchte, um das geschnittne Gras hinter einem Stein zu erreichen, und gezwungen war, vorsichtig acht zu geben, kroch er wie ein Wurm zu ihr, faßte sie von hinten an ihrem Rocke und riß sie an sich.

Mit einem Schrei taumelte sie in seine Arme, aber im nächsten Augenblick schon hatte sie sich losgerissen, und ohne lange zu überlegen sprang sie über den Fels hinaus, hielt sich an Steinen und Heidekraut fest, und ehe er sich gefaßt hatte und wieder auf die Beine gekommen war, stand sie unter einem Felsenvorsprung, fest und sicher wie eine Gemse ? aber auf einem nur fußbreiten Raume.

Weiß wie eine Kalkwand stand Albert da und schaute auf sie hinunter, und sie sah ihn mit lodernden Augen an. Jetzt kannst du mir ja nachkommen, wenn du willst! sagte sie. Aber das wagst du nicht, mein Junge!

Ob ich es wage! sagte Albert und versuchte zu lachen. Aber potztausend, bist du ein Kerl! Nun mach nur, daß du wieder heraufkommst; warte, ich gebe dir die Hand!

Du hast eine ebenso lose Hand, wie du einen losen Mund hast! erwiderte sie. Geh und gieb auf dich selbst acht, für mich werde ich schon sorgen!

So ging er den Berg hinunter. Wäre dies aber sechs Jahre früher geschehn, so hätte es wohl sein können, daß Albert nun ein verheirateter Mann gewesen wäre und Aase seine Frau. So viel ist sicher, daß er noch nie Achtung vor einem Frauenzimmer gehabt hatte, bis er in dieser Stunde von Aase wegging, und in seinem Innern wiederholte er mehreremale: Die steht ihren Mann!

Unten, gerade unter dem Abhange saß zu derselben Zeit Arnt in seinem Boot und beugte sich mit ausgestreckten Armen über den Rand hinaus, um die umherschwimmenden Grasbüschel zu sich heranzuziehn. Da erklang der laute Schrei droben auf dem Berge, und eine kleine Weile nachher folgte ein Gelächter. Er ließ das Bündel nicht los, aber er lauschte: das war Aases Stimme, er hörte es deutlich. Aber wer hatte das Lachen ausgestoßen?

Das war Albert, sagte ein alter Mann, der bei ihm im Boote war. Es war, als ob er sich auch gefragt hätte, wer da droben gelacht habe, und sich nun selbst Antwort gäbe.

Arnt antwortete nichts, sondern fuhr in seiner Arbeit fort, und als das Boot wohlgefüllt war, wurde es nach der Landspitze gerudert, die Grasbündel wurden ans Land getragen und am Abhang zum Trocknen ausgebreitet; nachdem auch dies vollbracht war, ging Arnt mit dem Alten ins Haus, um das Abendbrot zu verzehren.

Das stand auch wohlzubereitet und hübsch angeordnet auf dem Tisch, als sie hineinkamen. Aase war an ihrer Arbeit und auch sonst ganz wie vorher, aber Arnt hatte eine Unruhe erfaßt, und er war nicht mehr der alte. Doch fragte er sie weder nach Albert, noch warum sie geschrieen habe, und warum darauf sein Gelächter gefolgt wäre; aber er dachte fast unaufhörlich daran.

Ab und zu schielte er zu ihr hinüber, es war etwas in ihrem Benehmen, das er nicht verstand; es war, als ob alles, was sie that und sagte, mit einer gewissen Heftigkeit geschähe, als ob sie auf jemand böse sei ? war sie es wohl auf ihn?

Von diesem Tage an wurde Arnt wie verwandelt, seine Gedanken waren unruhig, und dementsprechend benahm er sich auch. Es war ihm, als sei er auf einmal in seinem ganzen Dasein aufgestört worden. An manchen Tagen hatte er gar keine Lust zur Arbeit, und an andern hörte er nicht damit auf, bis er am Umfallen war. Lange Zeit schien es, als mache er sich nichts daraus, ob seine Frau da sei oder nicht, und dann kamen wieder Stunden, wo er sie nicht aus den Augen ließ und sich so zu ihr hingezogen fühlte, als sei er ein junger Bursche, der sich nach seiner ersten Liebe sehnt.

In solchen Augenblicken lebte Aase wieder auf und war ihm mit einer Freude und Dankbarkeit zugethan, die sie früher nie empfunden hatte; aber sie hatte die Freude auch mit vielen Tagen des Kummers und des Leids bezahlt. Sie machte sich auch allerlei Gedanken; ob ihr Mann am Ende krank sei ? oder ob er an etwas Traurigem trüge, an etwas, das er außer Gott niemand anvertrauen könnte. Aber sie fragte nicht, und er sprach nicht, und so ging jedes seinen eignen Weg und trug seine eigne Last allein.

*

Mehr als ein Jahr war so vergangen. Der Herbst brach diesesmal früh mit stürmischem Wetter herein, und fast jeden Tag verlangte das Meer seine Opfer. Das verbreitete Düsterheit über die Natur und auch über das tägliche Leben der Menschen, und in manchem Hause sah es traurig genug aus.

Auch Arnt wurde immer düsterer. Die Unruhe, die ihn geplagt hatte, verwandelte sich zuletzt in Trübsinn, und die lichten Stunden kehrten nicht wieder. Da bekam Aase die feste Überzeugung, daß ihrem Manne ein Todesbote erschienen sei, aber noch fester stand es bei ihr, daß sie ihn nicht mit Fragen quälen dürfe, denn wenn er sich mit Todesgedanken trug, so konnte es ja nichts nützen, ihn darüber auszufragen.

Und es kam gerade so, wie sie es sich gedacht hatte. Eines Abends, als Arnt von der See heimkehrte, wankte er langsam seinem Hause zu, und als Aase die Thür öffnete, lehnte er sich todesblaß an die Wand. Er war eine Meile weit weg bei einem Kaufmann gewesen und hatte bei der Ausschiffung von Mehlsäcken geholfen; von diesen war einer mit seiner ganzen Schwere auf ihn gefallen, sodaß er rückwärts ins Boot hinabgestürzt war. Mit Hilfe fremder Leute war er nach der Landzunge zurückgekehrt ? und mit Hilfe seiner weinenden Frau wurde er nun zu Bett gebracht. Später kam der Arzt, aber der Tod hatte ihn schon so deutlich gezeichnet, daß das Leben nichts mehr dabei zu sagen hatte.

Nun war Aase unaufhörlich bei ihm und pflegte ihn mit aller Sorgfalt; er nahm auch alles schweigend an, aber wenn sie gezwungen war, ihn eine Stunde allein zu lassen, dann war es, als ob ihm der Tod schneller nahe gerückt wäre, und als ob sie durch ihre Gegenwart dessen kalte Hand zurückhalte.

Endlich ließen die Schmerzen nach, und er konnte einschlafen. Stunde auf Stunde verrann, bleich und eingefallen lag er in einem bleiernen Schlafe.

Da hielt es Aase nicht länger aus. Ging er von ihr ohne Abschied? Das durfte nicht sein ? nicht nach dem schweren, bösen Jahre, das vergangen war. Und sie weckte ihn zwar fürsorglich aber entschieden ? er mußte aufwachen.

Er schlug die Augen auf und sah sie innig an; das hatte er während der ganzen Krankheit nicht gethan. Ach, wie liebte sie diesen Mann! Sie brach in heftiges Weinen aus und nannte ihn bei seinem Namen.

Es schien, als erwarte er, daß sie noch mehr sagen würde, aber das Weinen erstickte ihre Stimme, sodaß sie sich zuletzt neben dem Bett zu Boden warf.

Ja ja, seufzte Arnt, der schlechte Mensch ist schuld daran!

Wie ein Blitz drängte sich eine Ahnung in ihre Seele, und sie erkannte den verborgnen Sinn dieser Worte.

Du hast doch wohl nie etwas Unrechtes von mir gedacht, Arnt?

Ach ? es war ja an jenem Tage auf dem Berge! seufzte er und schloß die Augen.

Nun verstehe ich alles! rief sie und richtete sich schnell auf. Schau auf, lieber Mann, schau auf! ? An jenem Tag auf dem Berge wollte Albert mit mir schön thun, der schlechte Kerl! Aber ich sprang über den Abhang hinunter, gerade dort am Zauberstein, und ich klammerte mich an den Stein an, wo, du weißt es ja, nur eins stehn kann und kaum das. Da ging er den Berg hinunter und war nicht gut auf mich zu sprechen, das glaube ich gern. Aber er war mir nicht so viel wert, daß ich mit dir darüber hätte reden mögen.

Arnt richtete sich auf den Ellenbogen auf und starrte sie an. Ist das wahr? fragte er laut.

So wahr als Gott im Himmel lebt, ist es wahr! rief sie und hob beide Arme in die Höhe.

Die beiden schauten sich an, und kein Schatten von Mißtrauen war mehr da, der sich zwischen sie gedrängt hätte. Da sank er auf sein Lager zurück, und ein Freudenschimmer breitete sich über sein Gesicht. Du bist ein Engel, flüsterte er, wollte Gott, ich könnte dich mit mir nehmen ? denn jetzt gehe ich zum lieben Gott!

Ich werde nachkommen, lieber Mann! schluchzte sie.

Jetzt werde ich gut schlafen, sagte er, und seine Augen strahlten nochmals all die Liebe aus, die in Zweifel und Sorge so groß gewachsen war, daß sie dem Gefühl, das er in den ersten Jahren ihres Zusammenlebens gehegt hatte, nur noch so viel glich, wie ein ruhiges Lampenlicht der strahlenden Morgensonne gleicht.

Ja, schlaf nun, mein Liebster, flüsterte sie und strich ihm über die Stirn, nun werde ich dich nicht noch einmal wecken.

Und Arnt erwachte auch nicht wieder zu diesem Leben, aber er starb als ein glücklicher Mann.

Als dieser Kampf vorüber war, brach für Aase eine schwere Trauerzeit an, aber am schwersten von allem trug sie doch daran, daß sie sich ihrem Schmerz nicht mit stiller Ergebung hingeben konnte, denn wie ein Raubvogel über einer Taube, so wachte der Groll gegen Albert in ihrer Seele.

In der Erinnerung an ihren Mann zu leben bedeutete nämlich für Aase nicht, sich die sechs ruhigen Jahre, die sie miteinander verlebt hatten, ins Gedächtnis zurückzurufen, sondern es bedeutete, sich an jede Stunde des letzten Jahres zu erinnern, wo er sich das eine mal mit heißer Liebe zu ihr hingezogen gefühlt hatte und das andre mal that, als ob er sie weder höre noch sehe. Und wie das verlorne Glück im Entbehren größer und größer wuchs, wuchs auch der Groll gegen den Menschen, der es ihr entrissen hatte, immer mächtiger hervor. Es gab Stunden, wo sie Albert verwünschte, denn während sie in der Erinnerung die schwere Stunde, wo Arnt starb, immer wieder durchlebte, und mitten im Leid doch das Glück seiner letzten Worte genoß, schlug oft plötzlich das Hohngelächter des Burschen an ihr Ohr, sodaß sie erschrocken aufsprang, und es ihr schien, als ob sie sich noch gegen ihn wehren müßte, damit er ihr diese Erinnerungen nicht entreiße.

Um diese Zeit erhielt Aase die Nachricht, daß ihre alte Mutter gestorben sei. Diese hatte ihre letzten Jahre etwa zwölf Meilen nördlich von Aases Wohnstätte gelebt, zusammen mit einem halb erwachsenen Sohne, weil die Schwester die Heimat verlassen hatte, um sich ihr Brot unter Fremden zu verdienen. Nun überkam Aase eine tiefe Sehnsucht nach dem Bruder, und sie meinte, ihr Leben müßte wieder heller werden, wenn der Junge zu ihr käme und bei ihr auf der Landzunge wohnte. Er mußte nun ungefähr achtzehn Jahre alt sein, und hatte er so fortgemacht, wie er versprochen hatte, so mußte er ein hübscher junger Mensch sein.

Sie erkundigte sich hier und da nach dem Bruder, aber überall erhielt sie nur unsichern Bescheid. Der Junge war auf den Fischfang ausgezogen, allein Fische gab es die ganze Küste entlang, und viele tausend Fischer, bekannte und unbekannte, trieben sich da durcheinander.

So vergingen der Herbst und der Winter. Es wurde bitter kalt, und an mehreren Stellen war der Fjord zugefroren. Der Winterfischfang war anstrengend und gefährlich, aber das Meer in seiner düstern Wildheit war eben doch der Weg des Lebens, der Weg nach der großen Vorratskammer, auf den Tausende und aber Tausende angewiesen waren, und der immer wieder begangen werden mußte, auch wenn oft der erste Schritt zur Erhaltung des Lebens den gewissen Tod brachte.

*

Es war an einem frühen Morgen, Mitte April. Aase hatte fast die ganze Nacht schlaflos zugebracht; alter Groll und alter Kummer hatten ihr Herz erfüllt; dazu kam die bange Sorge um den Bruder, und diese brachte das Maß zum Überfließen. Bei dem Gedanken an ihn hatte sie eine neue Lebenshoffnung aufleuchten sehen, wie einen kleinen Stern zwischen jagenden Wolken, aber jetzt verschwand alles in dem dichten Nebel der Furcht und der Mutlosigkeit.

Sie stand auf, und die Stirn an die Scheiben gedrückt schaute sie im anbrechenden Tageslicht auf die See hinaus.

Etwas Großes, Mächtiges trieb da von der Mündung des Fjords her auf die Landzunge zu, aber was es war, konnte sie nicht erkennen. Sie warf einen Rock über und lief unter die Hausthür, denn da konnte sie es besser sehen.

Eine große Eisscholle war es, und darauf standen fünf Männer. Es war kein Boot dabei, die Männer mußten sich also ins Treibeis hinausgewagt haben, das bei dieser Strömung aus dem Fjord hinaustrieb, und sich, als ihr Boot zerschmettert worden war, auf das Eis geflüchtet haben ? aber das war ja nur ein Sprung von dem einen sichern Tod in den andern!

Eine Strecke weiter draußen setzte die Meeresströmung ein, sodaß es sich dort gegen den Morgenhimmel schwarz aufbäumte, und dorthin wurde die Eisscholle wie von einer unsichtbaren Hand gezogen; Aase erkannte die Hand wohl, und sie wußte, es war die des Todes.

Sie war ein Stück weit auf die Landzunge hinausgelaufen, die Unglücklichen schrieen und winkten ihr zu. Aber um Gottes willen! Was konnte sie, ein einzelnes Frauenzimmer, zu ihrer Rettung thun!

Sie beschattete die Augen mit der Hand, um zu sehen, ob sie jemand von den Männern kannte. Herr Gott! Ja, sie erkannte ihn gut genug, den Schurken, der über die andern hinausragte, groß und breitschultrig, mit dem dichten, tropfnassen Haar! Er war es, Albert! Recht war es, daß er einen ordentlichen Schrecken bekam, um seinetwillen hatte sie Kummer erlitten seit Jahr und Tag.

Da erhob sich ein Notschrei wie aus einem Munde ? ein Todesschrei des ganzen Haufens.

Aase rang vor Entsetzen die Hände. Aber zugleich stürzte sie auf ein kleines Boot zu, das auf den Strand gezogen dalag, riß es los, stemmte sich mit dem Rücken dagegen, sodaß es durch Eis und Schnee hindurch ins offne Wasser schoß, schwang sich hinein und ruderte ? nicht mit allen Kräften, nein, mit der unbegreiflichen, übernatürlichen Kraft, die nichts andres als die Todesangst in einem Menschen erwecken kann.

Aber die Strömung, die die schwimmende Eisscholle mit sich fortführte, griff auch nach dem Boot, und in diesem Kampf mußte Aase unterliegen, das sah sie wohl ein, und verzweiflungsvoll überlegte sie einen Augenblick.

Draußen an der äußersten Spitze der Landzunge lag eine große Eisscholle, an die sich eine andre festgehängt hatte, und die beiden gaben zusammen einen schwankenden Boden, der in der Länge von mehreren Metern einen Schutz gegen die Strömung bot; wenn sie nun das Boot über diese Eisbrücke schleppen konnte, würde sie der stärksten Strömung ausweichen und die Entfernung vermindern.

Vom Gedanken zur That war kein langer Weg ? dazu hatte sie keine Zeit. ? War das Eis ein Todfeind, so war es zugleich auch ein Freund, denn über seine glatte Bahn konnte das Boot wie von einem Segel getrieben hinüberfahren.

Daß das Wasser um sie herum brandete und das Eis zerbarst, darauf konnte sie nicht acht geben, und das war gut. Als sie kurz nachher an die Eisscholle, worauf die Männer standen, anprallte, wurde sie aus dem Boot geschleudert, aber in demselben Augenblick von mehreren Händen ergriffen. Bewußtlos wurde sie nun von den Geretteten ans Land gerudert, und obgleich ein andrer darunter sich ihrer annehmen wollte, hob doch Albert sie auf und trug sie ins Haus. Dazu gehört der Anführer, so einen Kerl zu tragen! sagte er; und so schritt er mit seiner Last den andern voraus, wie einer, der sein Hoheitsrecht unter niedern Leuten wahrt.

*

Es dauerte lange, bis Aase wieder zum Bewußtsein kam. Die Fischer mußten ihre Zeit wahrnehmen und an ihren Bestimmungsort zu gelangen suchen, ehe der Morgenwind zunahm. So verabschiedeten sie sich denn der Reihe nach mit innigem Dank von der Bewußtlosen und gingen leise hinaus; aber unter der Thür wandten sie sich noch einmal um und warfen noch einen Blick auf sie.

Nur einer blieb zurück, ein junger, hübscher Mensch, der immer wieder an das Lager trat, ohne recht zu wissen, was er thun sollte.

Nur das war ihm nötig erschienen, daß er ein riesiges Feuer auf dem Herd machte und einen großen Kessel mit Wasser darüber hängte; dieser kochte nun auch und brodelte, daß dicker Dampf daraus aufstieg.

Endlich sorgte das Leben für sich selbst, und Aase kam wieder zum Bewußtsein. Sie bewegte sich und sah sich um.

Was geht denn hier vor? fragte sie.

Du kennst mich wohl nicht? fragte der Bursche lachend, indem er an das Bett trat und sich wie zur Musterung aufstellte.

Aase richtete sich auf und sah ihn an.

Bist du mein Bruder? fragte sie und schlug die Hände zusammen.

Ja, der bin ich allerdings, antwortete er und sah frisch und keck aus.

Lieber Gott und Vater! rief sie und wollte vor lauter Freude aus dem Bett springen. Aber sie fiel kraftlos zurück. Was ist nur mit mir? stöhnte sie. Ich bin ja wie gelähmt!

Du wirst doch wissen, was geschehn ist? fragte der Bruder.

Ach Gott! Ja, nun erinnere ich mich. Sie sind also gerettet ? und Albert auch?

Jawohl.

Der Schurke!

Nennst du ihn einen Schurken? fragte der junge Mensch verwundert. Ich dachte doch, ihr seied gute Freunde, denn er war es ja, der mich hierher gebracht hat. Ich traf ihn dort auf Maasen, wo ich auch eben mit einer Mannschaft fort wollte, die nach Hammerfest sollte. Aber da suchte er mich auf, sagte, daß dein Mann tot sei, und daß du hier ganz allein aus der Landzunge wohntest und ? es wäre wohl das Beste, wenn du dich zu deiner Schwester auf den Weg machtest, dem armen Ding, meinte er.

Sagte er das? fragte Aase und schüttelte den Kopf.

Ich glaube, du bist nicht recht gescheit! rief der Bruder fast ärgerlich. Er sagte nicht nur das, sondern noch mehr, lauter Gutes über dich.

Dann hat er bereut ? und das ist gut, flüsterte sie.

Da weiß ich nichts davon, unterbrach er sie.

Ach, mir ist es um seinetwillen recht schlecht gegangen! fügte sie weinend hinzu.

Dafür hat er mir Gutes gethan, Schwester, und so mußt du quitt mit ihm werden.

O ja, rief sie streng, nun habe ich ihm das Leben gerettet, das bekommt er also drein!

Ja ? aber es lohnte sich, denn du hast ja bei der Geschichte auch das meine gerettet.

Aase stieß einen Schrei aus und richtete sich kerzengerade im Bett auf. Wie bist du hierher gekommen? fragte sie, und ihre Zähne schlugen aufeinander.

Ich war ja mit auf der Eisscholle draußen! sagte er und sah sie erschrocken an.

Aase war aus dem Bett gesprungen. Leichenblaß stand sie da und starrte den Bruder unverwandt an, aber auf einmal sank sie zusammen, und er fing sie auf und legte sie wieder auf ihr Bett. Da lag sie lange mit geschlossenen Augen, zitternd und kalt wie im Todeskampf.

Schwester! bat der Junge, was ist nur mit dir? Und zärtlich lehnte er seinen Kopf an sie an.

Endlich ließ die Qual nach; sie brach in Thränen aus, und der Bruder weinte mit ihr ? er wußte nichts besseres zu thun.

Ich war ja nahe daran, daß ich euch nicht retten wollte, stöhnte sie, und zwar um seinetwillen! Und wenn ich es nun wirklich nicht gethan hätte?

Der liebe Gott wollte es doch, daß du es thätest, Schwester!

Ja, das ist wahr, lieber Bruder, er selbst hat es gethan.

Nun lag Aase ruhig da und schaute den Bruder an, der erleichtert und froh langsam im Zimmer auf und ab schritt, fast als ob er es auf den Schuh ausmessen wollte. Allmählich versank der Tag in einem rötlichen Nebel, und die strengen Züge der Natur draußen wurden weich und sanft wie die Züge eines schlafenden Kindes.

Am nächsten Morgen erwachte der Bruder spät, aber die Schwester schlief noch immer. Sie hatte die Ruhe aber auch recht nötig. Als er dann an die See hinunter wanderte, um sich in den neuen Verhältnissen ein wenig umzuschauen, lag wohl verankert ein mit großen, prächtigen Fischen fast bis zum Rande gefülltes Boot am Ufer. Es war dasselbe, das die Schiffbrüchigen zur Weiterreise entlehnt und zum Dank so belastet am frühen Morgen wieder zurückgebracht hatten.

Das lohnte sich ? jawohl, sagte er lachend zu der Schwester.

O ja, es lohnte sich, wiederholte Aase, aber sie dachte an etwas andres.

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