Almenrausch und Edelweiß

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1. Am Scharten-Kaser.

Drob?n auf die Berg da saust der Wind,
Der Bach drunt? in der Klamm:
Und Wind und Wasser, Berg und Thal,
Wie kamen die wohl z?samm?! (f. kämen.)

So klang es von einer der höchsten Höhen des Steinbergs lustig in den blauen, herbstlich klaren Abendhimmel hinein. Die Sängerin saß an einem weit vorspringenden steilen Bergabhang auf mächtigem Felsblock, zu dessen Füßen aus schauervoller Tiefe die Gipfel des hundertjährigen Tannenwaldes emporragten, der die Mitte des Gebirgs umgürtet. Hart daneben, durch eine Lücke in den Bäumen öffnete sich ein Ausblick in den schmalen, schon dunkelnden Thalgrund der Ramsau, aus welchem die Ach, vom Hintersee heranrauschend, hie und da flüchtig durch die Ahornkronen ihrer Gestade aufschimmerte. Gegenüber stiegen die schroffen Gewände der Reiser-Alm und die riesigen Mühlsturzhörner in das Abendroth empor, das auf den kahlen und grauen Häuptern schimmerte, wie eine Rosenkrone auf einer Greisenstirn. Es waren nur noch die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, welche die obersten Schrofen und Grate erreichten; tiefer hinab verdämmerten schon die Risse und Spalten der Felswände mit den Säumen des Waldes, während es auf dem Steinberg selbst und um den Sitz der Sängerin bereits tiefer dunkelte; die Strahlen drangen nicht mehr über seinen gewaltigen Rücken, und die mächtige, scharf gerissene Scharte in demselben, das Denkmal eines vor Jahrhunderten dort abgegangenen ungeheueren Bergsturzes, ragte scharf gerändert und schwarz in den darüber verglühenden Abendhimmel. Beinahe völlige Nacht lag hinter dem Mädchen auf den zerstreuten Almhütten, aus deren offenen Thüren von fern her die rothen Heerdfeuer loderten. Weit und breit war es einsam und stille, nur einige verspätete Bergraben schwebten mit gemessenen Flügelschlägen dem Walde zu; der Gesang des Mädchens drang darum weithin in die Gegend, er traf das lauschende Ohr der Bauersleute, die drüben auf dem Lattengebirg bei der Wegscheid oder am Schwarzeck feiernd vor dem Hause sitzen mochten, und verweilte den Wanderschritt des Holzknechts, der vielleicht unten im Thale an den Mühlen vorüber von der Arbeit heimkehrte.

Ein schwacher Wiederhall antwortete den Tönen des Liedes, an den fernen Bergwänden verschwebend. Die Sängerin schien dem Nachklange mit Vergnügen zu lauschen und ihn selbst hervorzurufen, denn sie zog und schwellte die Töne lang hinaus und hielt dann inne, gleich als wenn sie prüfen wollte, ob die unbekannte ferne Stimme wirklich im Stande sei, sie ebenfo hell wiederzugeben, und fuhr emsig fort, ihren hohen breitkrämpigen Hut, den sie vor sich auf dem Schooße hielt, mit Alpenrosen zu bestecken.

Jetzt hatte sie geendet und horchte wieder mit gehobenem Kopfe auf das Hinsterben des Wiederhalls. Mit einem Male aber flog ein munteres Lächeln über das feingeformte Gesicht, denn das Echo dauerte ganz ungewöhnlich lange und schien sogar seinen Standpunkt ändern und näher kommen zu wollen. ?Das ist einmal ein g?spaßiger Wiederhall,? sagte sie vor sich hin, ?der rührt sich vom Fleck und singt was Ander?s, als man ihm vorgesungen hat! Den muß ich schon ein Bissel auf die Prob? setzen!?

Sie erhob die Stimme noch heller als zuvor und begann das zweite Gesätzel ihres Liedes zu singen:

?Jetzt treib? ich von der Alma ab;
B?hüt Gott, Du Schatzel mein,
Und wenn der Auswarts wiederkimmt,
Wo wer? ich nachher sein??

Es dauerte nicht lange, so ließ die nachahmende Stimme sich wieder hören und verwebte sich begleitend und secundirend geschickt mit jener der Vorsingenden. Während des Jodlers am Schlusse kam sie immer näher und ertönte zuletzt hart unter dem Felsen, auf welchem das Mädchen saß, aus dem Walde herauf. Als das Lied zu Ende war, fügte die unsichtbare Begleiterin noch einen hellen, langgezogenen Juhschrei hinzu, und im nämlichen Augenblick tauchte zwischen den Steinblöcken und Tannenwipfeln ein Mädchen empor.

Die auf dem Felsen wendete sich nach ihr hin. ?Die Kordel!? rief sie lachend. ?Du hast mich so gefoppt? Hab? ich mir?s doch halb und halb gedacht, daß es Niemand Anderer ist, als Du unmüßige Dingin!?

?Hast mich wirklich nit gleich an der Stimm? gekennt, Evi?? sagte die Angekommene, indem sie näher trat und sich leichthin neben ihr auf den Felsblock setzte. ?Ich mein?, wir hätten doch oft genug mit einander g?sungen, daß Du wissen könnt?st, daß es in der ganzen Ramsau keinen Stimmstock mehr giebt, als wie unsere Zwei? Mußt ja völlig tief in Gedanken gewesen sein!?

Die beiden Mädchen boten, als sie so nebeneinander saßen, ein ungemein reizendes Bild. Sie waren beide jung und schön, beide Bauerndirnen und doch vollständig verschieden. Evi war eine große, wohlgebaute und schlanke Gestalt, Kordel erschien kleiner und von feinem, fast zierlichem Bau; Jene hatte das reiche lichtbraune, beinahe blonde Haar in stattlichen Zöpfen um die Stirn geschlungen, diese trug ein Kopftuch, welches in breiten Zipfeln den Nacken hinunter fiel, während nach vorne zu sich dichtes, glänzend schwarzes Scheitelhaar unter demselben vordrängte. In Evi?s Gesicht schimmerten tiefblaue Augen über angenehm gerötheten Wangen, kräftiger Nase und anmuthig geschwellten Lippen voll der Farbe des Kornmohns ? Kordel?s Antlitz war bleich, von südlich gelbem Hauche überflogen, zu welchem die funkelnden kohlschwarzen Augen ebenso gut stimmten, als der schmale, tief rosig überflogene Mund. Evi trug das offene unverkennbare Gepräge deutscher Abstammung; bei Kordel wurde man unwillkürlich an die alte Sage erinnert, als seien die ersten Bewohner des Ramsauer-Thals Römer gewesen, die sich in diesen Bergversteck flüchteten, an welchem der Sturm der Völkerwanderung unbemerkt vorüber brauste.

?Und schau,? begann Kordel wieder, ?da ist ja eine ganze Burd? von lauter Almenrausch und ganz frisch gebrockt ? wo hast?n her??

?Ich bin den Abend selber noch einmal hinauf in?s Gewandt, wo?s gegen das Geisterbrünnl hinauf geht, und hab? das Blumwerk gesucht ? es ist so viel schön da droben. D?rum hab? ich mir?s noch einmal angeschau?t und hab? mir einen Buschen geholt ? und für mein Vieh muß ich doch auch was haben zu einem Kranz ? weißt ja, daß wir morgen abtreiben!?

?Leider Gottes!? sagte Kordel mit einem tiefen Seufzer. ?Es liegt mir schwer genug in den Gliedern und auf dem Herzen!?

?Warum?? fragte Evi entgegen. ?Bei mir ist?s was and?res, wenn?s mich hart ankommt, von den Bergen fortzugehen. ? Ein Dienstbot, wie ich einer bin, der muß bald da, bald dort sein ? Du bist in Deiner Heimath!?

?Ja wohl,? seufzte Kordel wieder, ?? und ich wär? glücklich, wenn ich frei wär? und fort könnt?, wie Du! Mir graust, wenn ich d?ran denk?, wie der Winter hinüber gehen soll!?

?Das kann ich mir gar nit vorstellen!? rief Evi verwundert. ?Du bist doch auf der Ledermühl? daheim, hast Vater und Mutter ? ich hab?s meiner Lebtag nit so gut gehabt! Ich bin ein armes, ledig?s Kind ? meine Mutter ist gestorben, wie ich noch so klein gewesen bin, daß ich?s nimmer denk? ? von meinem Vater weiß ich nichts, als daß er selbigesmal, wie sie hineinmarschirt sind in?s Rußland, nicht mehr zurückgekommen und mit den Andern erfroren ist. Ich bin im Hüthaus und im Gemeindhaus aufgewachsen und alleweil unter fremden Leuten ?rumgefahren ? ich weiß nit, wie das thut, wenn man sagen kann, daß man auch einen Menschen hat, dem man angehört!?

Kordel war noch trauriger geworden und hielt den Kopf gesenkt. ?Ich weiß nit, was besser ist,? sagte sie kummervoll, ?gar keine Heimath und keine Eltern haben, oder ? Aber ich mag nit reden davon; sie bleiben doch meine Eltern und mein armer guter, guter Vater. ? Man hört Dir?s an, Evi, daß Du noch kein Jahr in der Ramsau bist und daß Du noch nie in die Ledermühl? kommen bist, Du thätst Dich sonst nit wundern, warum ich Sorg? hab? auf den Winter. ? Aber ich glaub? gar, ich hab? nasse Augen?? lachte sie scharf auf, indem sie die Schürze an?s Gesicht drückte. ?Die könnt? ich gerade brauchen! Fort mit den traurigen Gedanken! Ich mein?, es ist nit umsonst, daß wir heuer miteinander zusammen ?kommen sind auf der Alm und daß wir so gute Cameradinnen ?worden sind! Ich denk?, wir fahren im Auswärts wieder miteinander gen Alm ? Warum sollt?st nimmer da sein, Evi? Ich mein?, es gab? doch genug Bandeln, die Dich halten könnten in der Ramsau ??

?Was meinst damit?? fragte Evi, indem sie das Gesicht abwandte, um ein leichtes Erröthen zu verbergen, das doch im Dunkel nicht mehr sichtbar gewesen wäre.

?Sei so gut und stell? Dich an, als wenn Du?s nit wüßtest!? lachte Kordel. ?Meinst, ich hab? keine Augen im Kopf, weil ich eine lustige Gesellin bin? Kennst dasselbe Gassel-G?sangel nit?

Die heilig?n drei König
Hab?n ein? einzigen Stern:
Drei Bueben hat ?s Dirndl,
Wie wird denn das wer?n??

Sie lachte muthwillig auf nach dem Gesang und hielt Evi?s Hand gefaßt, die ihr diese vergebens zu entziehen trachtete. ?Laß mich aus, Kordl,? sagte sie verlegen, ?und häng? mir Deinen Namen nit an! Ich mein?, Du sollst Dich selber bei der Nasen nehmen, wenn Du an den Brigadeer, an den Grenzwächter und an Deinen Schatz, den Quasi denkst ??

Aus Kordel?s Wesen und Miene war auf einmal wieder die Lustigkeit entwichen; sie senke den Kopf wie eine niedergeregnete Blume und sagte mit dem Tone herzlicher Betrübniß: ?Ja, der Quasi macht das Kraut erst fett! Ich mag keinen Grünling, keinen Stichauf, der sein Brod davon hat, daß er and?re Leut? in?s Unglück bringt ? und der Quasi ist ? ein Lump!?

Ueberrascht wandte Evi sich zu der Redenden. ?Wirst doch nicht selber schlecht reden von Deinem eigenen Schatz!? rief sie. ?Oder ist?s aus mit Euch Zweien??

?Ich weiß, was ich sag?, und ich wollte ich hätt? den Quasi nit gesehen mein Leben lang! ? O mein? Evi, wenn ich noch einmal siebzehn Jahr alt werden könnt?, ich wollt? meine Sache wohl so gescheidt machen, daß die Leut? Recht haben, wenn sie sagen, daß ich eine lustige G?sellin bin ? aber ich hab? die Kappen verschnitten!?

?Red? nur, was Dir ist, Kordl!? rief Evi theilnehmend. ?So hab? ich Dich ja noch nie geseh?n!?

?Was wird mir sein!? antwortete diese, in lautes unaufhaltsames Weinen ausbrechend. ?Betrübt bin ich, daß ich mich der Läng? nach in?s Grab legen möchte. Ja, Du ? Du hast es gut ? Du kannst einmal in Ehren und mit dem Kranzl zum Altar gehen, aber ich ? O mein Gott, mein Gott!? schluchzte sie noch stärker, ?warum bin ich nit gestorben selbiges Mal! Neben meinem armen Würm?l wär? ich am besten aufgehoben gewesen. ??

Evi war der Freundin näher gerückt, hatte ihr den Arm um die Hüfte geschlungen und drückte sie tröstend an sich. ?Du machst mir ja ganz bang,? sagte sie herzlich. ?Sei doch gescheidt und laß Dir das Herz nit so völlig hinunter fallen. ??

Kordl biß, sich ermannend, die Zähne zusammen und faßte die Hand der Freundin. ?Es ist so gefährlich nit, Evi,? sagte sie. ?Wenn mir das Herz auch hinunter fallt, wie in einen Ziehbrunnen ? es hängt an einer starken Kette und ist das Auf- und Abwinden schon völlig gewohnt ? es braucht nur ein paar Rucker, so ist?s wieder oben und so lustig wie zuvor! Wer wird sich ein graues Haar?l wachsen lassen um die Mannerleut ??

Dabei sprang sie auf und lachte so hell und laut, daß Evi ihr verwundert nachsah. ?Na, Du hast wirklich das Lachen und Weinen in Einem Säck?l beisammen,? sagte sie, ?Du bist ein seltsames Leut!?

?Hörst?? rief Kordel, wie um eine Antwort zu vermeiden. ?Der Gaisbub schreit herüber von meiner Hütten. ? Er wird die g?scheckete Pinzgauerin gefunden haben, die sich verstiegen hat und die wir g?sucht haben den ganzen Nachmittag ? muß doch nachschau?n, ob Alles in Ordnung ist. ? Es kommt mir auch vor, als wann Du mich nimmer brauchen thätst. ? Hörst??

Ein starker lustiger Juchzer klang unfern aus dem Gestein.

?Ich mein?, den Juchezer kenn? ich!? fuhr sie fort. ?Du nit auch, Evi? Es wird wohl Numero Eins von den heiligen drei Königen sein. ? B?hüt? Dich Gott, Evi; ich komm zu Dir in Dein? Kaser in Heimgarten, wann ich Dir nit im Weg umgeh!?

Sie ging und war bald im Dunkel verschwunden, während Evi sich bückte, um die Alpenrosen am Boden aufzulesen und in ihre Schürze zu sammeln. Nur wenige Augenblicke waren vergangen, als hinter ihrem Rücken aus dem Gestein die dunkle Gestalt eines Mannes hervorkam, der mit Hut, Rucksack und mächtigem Bergstock in der Entfernung von einigen Schritten stehen blieb. ?Was ist denn das wieder für ein neuer Brauch?? rief er mit wohlklingender, aber unwilliger Stimme. ?Seit wann giebt einem denn die Sennerin keine Antwort, wenn man sie anschreit??

?Du bist?s, Mentel?? sagte Evi sich aufrichtend. ?Ich hab?s wahrhaftig nit beacht?, daß Du mich angeschrieen hast. ??

?Hast es so nothwendig? Hast gewiß angenehme Gesellschaft gehabt? Schneid? nur nit lang um und sag?s gerad? heraus, ich hab?s doch geseh?n, daß Jemand justament weggewitscht ist von Dir!?

?- Und wenn?s so wär??? sagte sie, sich zum Gehen anschickend. ?Ging?s Dich was an, Mentel? Bin ich etwa nit mein eigner Herr??

Sie wollte rasch hinweg, aber noch rascher und wie im Sprunge war der Bursche neben ihr und hatte sie so fest am Arme gefaßt, daß ihr das Ende der Schürze entglitt und die Alpenrosen daraus zu Boden fielen. ?Sag? so was nit, Evi,? rief er mit zorngedrücktem Tone, ?Du weißt, daß ich?s nicht hören kann! Bleib? da, ich muß mit Dir reden!?

?Laß mich aus ? ich muß fort und nach dem Vieh umschau?n. ??

?Hör? mich an,? rief er und hielt sie stärker. ?Du mußt dableiben, Evi ? ich will?s haben!?

?Das ist was anders!? erwiderte sie gelassen und fast spöttisch, indem sie stehen blieb. ?Wann Du so redst, muß ich wohl bleiben ? Du bist der Sohn vom Haus und ich bin die Magd, der man anschaffen kann. Also was willst? Hat Dich wohl der Vater ?raufgeschickt gen Alm??

?? Ich schaff? Dir nichts an, Evi,? sagte der Bursche milder, ?ich komm? auch nit von daheim; ich bin übern Hochkaltern her vom ? Nun, Du weißt schon, wo ich gewesen bin!?

?Ich wollt? lieber, ich wüßt? es nit ?? flüsterte sie ernst und beinahe vorwurfsvoll.

?Red? nit so, Evi ? ich kann doch nicht anders! Das Wildpretschießen ist einmal meine Freud?, von der ich nit lassen kann! Das muß man von mir nit verlangen, daß ich mich daheim mit der Bauernarbeit plagen und schinden soll, wie ein Vieh! Soll ich den Mist hinauftragen auf die Berg? statt den Hirschen nachzugehn und denen Gambs? Sollt? ich Schachteln schneiden und Stuben hocken, statt in der freien Luft herum zu streichen? Ich kanns nit aufgeben, das frische Wildschützenleb?n!?

?In Gott?s Namen ? Du wirst schon erfahren, wohin das Leben führt!?

?? Und wenn ich?s aufgeben wollt?, Evi ? meinst, ich könnt?s thun, so für nichts und wider nichts? Umsonst ist nit einmal der Tod, denn der kost?s Leben ? was sollt? ich dafür kriegen, wenn ich?s aufgeb?? Ja, wenn Du wolltest, Evi ??

Das Mädchen war bewegt und mußte sich Gewalt anthun, es zu verbergen. ?Wie Du daher schmatz?st!? sagte sie mit möglichster Zurückhaltung. ?Ich bin der Gar-Niemand ? wie sollt?s auf das ankommen, was ich will??

?Verstell? Dich nit, Evi ? Du weißt es lang, daß ich Dich gern hab?, lieber als Alles ? fast gerad? so lieb wie mein frei?s, lustig?s Wildschützenleb?n! ? Der Vater will, ich soll das Heimathl übernehmen, soll gut thun und die Heugabel statt dem Stutzen in der Hand halten. ? Wenn ich jetzt sagen thät?, ich will ein Bauer werden und bleiben ? aber die Bäuerin muß Evi heißen??

Das Mädchen schwieg; sie athmete tief auf, und es war gut, daß die Dunkelheit das Glühen ihrer Wangen verhüllte. Sie schien nach einer Erwiderung zu suchen. ?Kannst mich denn gar nit leiden,? fuhr der Bursche fort, ?weil Du mir nit einmal eine Antwort giebst? Ich hab? Dir?s schon so oft zu merken ?geben, Du bist mir allemal ausgewichen ? heut hab? ich eigens den weiten Weg herüber gemacht, um mit Dir noch einmal da heroben in der Freiung zu reden, eh? wir wieder unter den Leuten und Giebachteln sind ? willst mich ohne Bescheid fortgehen lassen??

?? Und wenn ich gar nichts sag?, ist das nit auch ein Bescheid?? erwiderte endlich das Mädchen mit unsicherer Stimme, die erst allmählich einige Festigkeit gewann. ?Ich will aber auch gerad? heraus reden, Mentel, und will Dir sagen, daß Du Dir das aus dem Sinn schlagen mußt! Mit uns Zwei kann?s nie was werden! Du bist ein reicher Bauernsohn, ich bin ein armer Dienstbot?; Du bist ein Ramsauer ? ich bin fremd, ein hergelaufenes Hüterdirndl aus dem Laupgries ? das giebt Dein Vater in Ewigkeit nit zu!?

?Er thut?s, Evi!? rief der Bursche feurig. ?Er muß ? für das laß mich sorgen, wenn ich nur erst weiß, daß Du mich magst! Red? ? magst mich nit? Was hast gegen mich??

Sie sah ihn entschlossen an; sie hatte ihre ganze Fassung wieder gewonnen. ?Du bist mir zu wild, Mentel!? sagte sie. ?Zu unordentlich! Das könnt? ich nit vertragen, wenn wir ein Paar wären ? ich thät?s nit leiden, und Du thätst es nit lassen, wenn Du?s auch versprichst. ? Schau, das könnt? nit gut thun, und so ist?s das Gescheidteste, ich sag? im voraus Nein. ??

?Das ist nur so eine verblümelte Weis?,? rief Mentel mit auflodernder Hitze. ?Warum magst mich nit? Weil ich Dir zu wild bin? Das sind Faxen, Evi ? weil Dir ein Anderer lieber ist als ich ? das ist der richtige Grund! Der Jäger ist es, der Lump, der mich ausgestochen hat, nit wahr ? aber gieb?s Acht, Evi, es giebt ein Unglück, wenn ich das erfahr?! In der Mitt? brech? ich ihn ab, den Grashupfer den grünen, und Dich dazu!?

Evi trat ihm einen Schritt näher. ?Ich fürchte Dich nit, Du Baumausreißer,? sagte sie, ?und wenn Du noch so wild thust! Wenn Du aber glaubst, Du g?fallst mir um das besser, bist auch auf dem Holzweg ? ich hab? meinen Kopf zum Aufsetzen, so gut wie Du, und ?? fügte sie etwas innehaltend bedächtiger hinzu ? ?und mein Herz auch!?

?Dein Herz?? rief Mentel freudig. ?Wenn Du?s nur noch hast, Dein Herzl ? das ist ja das Einzige, um was ich mich sorg?! Wenn Du?s noch an keinen Andern verschenkt hast, nachher ist Alles gut ? nachher mußt Du doch noch mein werden. ? Kein Anderer soll Dich haben, und ich will nit rasten, bis Du als Bäuerin droben sitz?st am Schwarzeck auf dem Bühelgut! ? Ich will auch nit mehr so wild sein ? ich will Dir?s zeigen und gleich das Blumwerk aufklauben, das Dir aus dem Fürtuch gefallen ist wegen meiner Reschheit (Heftigkeit)! ? Schau!? fuhr er fort, indem er sich bückte und die zerstreuten Blüthen eilfertig zusammenraffte, ?lauter frischer Almenrausch! Wo hast?n her??

?Ich hab? ihn selber geholt, droben am Gewandt beim Geisterbrünnl ??

?So? Das trifft sich ja prächtig!? rief Mentel rasch. ?Ich hab? derweil? Edelweiß gebrockt ? da schau? her, die schönsten frischesten Stern? und so lind als wie Sammet; es wachst nirgends so schön, als drüben am Bartelmä-See, wo?s in?s Lauthal hinein geht! Gieb mir einen Buschen von Deinem Almenrausch!?

Er ergriff einen Zweig, nahm den Hut ab und befestigte die Alpenrosen neben dem Strauße von Edelweiß, womit er geziert war. ?Die zwei fürnehmsten Blumen, die auf den Bergen wachsen,? sagte er dabei, ?die müssen bei einander sein! Und Du ? Du sollst auch das Edelweiß von mir tragen. ?? Damit hatte er ihr den Hut, den sie in der Hand getragen, entrissen und ihn mit Edelweiß besteckt. ?So,? rief er, indem er ihr den Hut auf den Kopf drückte, ?jetzt kannst sagen, was Du willst, Evi ? jetzt ist?s richtig mit uns Zwei ? denn Almenrausch und Edelweiß, die g?hören zusamm?!?

Das Mädchen war verwirrt, die Antwort wurde ihm aber erspart, denn von der Sennhütte her ließ sich Gesang vernehmen und unterbrach das Gespräch gerade im entscheidenden Augenblick. In ländlicher Weise, aber mit keineswegs bäurischem Ton klang es herüber:

?Sennrin, wo bleibst so lang?
Hast mich für?n Narrn?
Geh?, bring mir a Mili
und koch? mir an Schmarrn!?

?Ist das nit der Maler?? sagte Mentel, indem er mit Evi der Hütte zueilte. ?Was nur der alleweil da heroben ?rumzusteigen hat??

?Er ist schon seit ein paar Tagen in der Näh?,? antwortete Evi, ?ich glaub, er will das blaue Eis abmalen droben auf dem Hochkaltern. ??

Jetzt war die Hütte erreicht; in der offenen Thüre stand der Maler, eine fein gebaute, fast zarte Gestalt, von dem dahinter glimmenden Heerdfeuer in den Umrissen schwach röthlich beleuchtet. Er trug Gebirgshut, Joppe, Wadenstrümpfe und nagelbeschlagene Bändelschuhe; der an einem Bande über der Schulter hängende Malkasten, der Regenschirm und der zusammengelegte Feldstuhl aber zeigten, daß es kein Bauer war, der im Scharten-Kaser einsprach.

?Grüß? Enk Gott, Herr Reinthaler!? sagte Evi hinzutretend und bot ihm die Hand, in die er lustig einschlug. ?Laßt?s Enk auch wieder einmal sehn? da heroben??

?Freilich, Evi,? war die Antwort. ?Ich will morgen in die Stadt zurück und mußte mich ja eilen, wenn ich die Hütte nicht schon gesperrt und die schöne Sennerin ausgeflogen finden wollte. Du mußt mir Nachtherberge geben; es ist zu spät und zu weit hinunter in?s Ramsauer Wirthshaus, und meine Schuhe halten nicht mehr aus ? der Höllenweg über das Felsengeröll am blauen Eis herunter hat sie ganz hin gemacht!?

?Die schaun freilich übel aus!? lachte Evi, indem sie die Schuhe des Malers betrachtete, aus welchen die Zehen vorsahen. ?Kommts nur herein; ich koch? Euch einen Schmarrn, Milch ist noch da, ein Glasl süßer Schnaps wird sich auch finden, und meine Lagerstatt im Kreister könnt Ihr auch haben!?

?Wo legst nachher mich hin?? rief Mentel dazwischen. ?Ich kann heut? auch nit mehr hinüber aufs Schwarzeck!?

?Ah, Du bist nicht allein!? sagte Reinthaler, indem er den Burschen, den er bis dahin nicht bemerkt hatte, prüfend betrachtete. ?Alle Wetter, das ist ein hübscher Bursch ? das ist wohl gar Dein Schatz, Evi??

Mentel, im Lichte des Heerdfeuers stehend, rechtfertigte die Bewunderung des Malers. Er war groß und schlank, von anscheinend nicht sehr kräftigem, aber sehnigem Gliederbau. Das Gesicht hatte etwas von Kordel?s südlicher Färbung, aber es war angenehm geröthet, und das pechschwarze krause Haar wie die dunklen Augen ließen vermuthen, daß die Gemüthsart der äußern Erscheinung nicht widersprach. Er that, als ob er die Frage und das Staunen des Malers gar nicht beachtete, warf den Rucksack ab und lehnte den Bergstock in die Ecke, aber ohne den Blick von Evi zu verwenden. Er wollte die Antwort, die doch kommen mußte, auch in ihren Mienen lesen. ? Evi stand am Heerd, hatte den darüber hängenden Kessel bei Seite gedreht und Holz zugelegt, daß die Flamme hochauf prasselte; es war nicht zu unterscheiden, ob es Reinthaler?s Frage oder der Wiederschein des Feuers war, was ihre Wangen so glühend färbte. ?Ich hab? keinen Schatz,? rief sie, ?und das ist der Sohn von meinem Dienstbauern!?

Mentel, der in der Ecke an der Fensterbank niedergesessen war, drehte grimmig an seinem Schnauzbart und lachte eigenthümlich vor sich hin. Es konnte dem Maler nicht entgehen, daß das Lachen einige Beziehung auf ihn haben müsse. Er blieb vor ihm stehen.

?Was lachst Du, guter Freund?? sagte er. ?Mir scheint, meine Gegenwart ist Dir nicht angenehm??

?Angenehm!? lachte Mentel wie zuvor. ?Ich hab? mir nur Eure Schuh betrachtet, wo die Inwohner zum Fenster ?raus schau?n, und da hab? ich lachen müssen über die Herrischen, die?s drunten im Thal und drinnen in der Stadt viel angenehmer haben, als bei uns! Das weiß unser lieber Herr-Gott, was so ein Maler auf den Bergen herumzusteigen hat!?

?Ich hoffe allerdings,? sagte Reinthaler mit würdigem Ernst, ?daß unser lieber Herr-Gott davon weiß, warum ich auf den Bergen herum steige. Sind sie nicht geschmückt mit auserwählter Schönheit? Bleibt nicht die Erde und ihr Kummer unten in der Tiefe? Ist man nicht näher am Himmel und an der Unendlichkeit? Meinst Du, das sei für Euch Bauern allein? Glaubst Du, wir Herrischen verstehen das nicht auch? Weil aber nicht Alle von uns so hoch hinauf steigen können, laß? ich mir die Mühe nicht verdrießen und male, was ich sehe, damit die Andern sich auch an Gottes Herrlichkeit mitfreuen und das mitempfinden können, was Einem durch?s Herz geht bei ihrem Anblick!?

Evi trat hinzu und gab dem in Eifer Gerathenen die Hand. ?Das ist schön von Euch, Herr Reinthaler,? sagte sie, ?mit dem stützigen Trutzkopf da müßt Ihr Euch gar nit einlassen ? mir aber, mir müßt Ihr?s nachher noch zeigen, was Ihr wieder Schönes gemalen habt ??

?Es ist nicht viel,? entgegnete Reinthaler. ?Ich will den blauen Eis-Gletscher malen ? aber es ist Alles so groß und gewaltig, das Licht ist so wundervoll, und das armselige Papier so klein, unsere Farben sind so matt ? wollte man die Wirklichkeit wiedergeben, man müßte den Pinsel in die Abendröthe tauchen können ?!?

?Ja, ja,? lachte Evi, die sich wieder am Heerde zu schaffen machte und die Pfanne mit dem prasselnden Schmarrn über die Flamme hielt, ?der liebe Gott laßt sich halt nit in?s Handwerk pfuschen! Ich hoff? aber, Ihr werdet drum nicht den Appetit verlieren und meiner Kocherei Ehr? anthun ? ich bin bald fertig damit. Setzt Euch nur daweil? und holt Euch die blechenen Löffel dort vom Gestell herunter!?

Mentel und Reinthaler folgten der Einladung; sie nahmen Platz auf der hölzernen Einfassung des Heerdes und führten eben die Löffel nach der dampfenden Schüssel, als Zuruf von der Thüre her sie unterbrach.

?Darf man vielleicht auch mithalten?? rief eine rauhe Stimme über das geschlossene Halbgitter der Thür herein, und ein schmales schwarzbärtiges, verwegen geschnittenes Gesicht wurde in derselben sichtbar. ?Grüß? Gott, Herr Reinthaler, kommen wir da wieder zusammen??

?Nur herein, Jäger-Gaberl!? erwiderte der Maler. ?Es wird wohl für uns Alle langen!?

?Und einen Platz auf dem Heu wird?s auch geben,? sagte der Eintretende. ?Was meinst, Evi??

?Mir liegst gut droben im Heu!? erwiderte das Mädchen, während der Jäger etwas abgewendet die Waidtasche abnahm, über den Stutzen hing und Beides neben der Thüre an die Bank lehnte. ?Ein elender Hundsweg da vom Hochkaltern herunter! Ich kann doch sonst was vertragen, aber ich spür jedes Bein?l im ganzen Körper,? fuhr er dabei fort. ?Hab? einen Wilddieb auf dem Korn gehabt und hab? ihn scharf hineingesprengt in?s Gewandt, in der Zwielichten aber ??

In diesem Augenblick wandte er sich um, erblickte Mentel, der ihm bis dahin durch den Maler und Evi verdeckt gewesen war, und sprang mit einem raschen Satz bis an die Thüre zurück. Ebenso schnell hatte er den Stutzen ergriffen und schrie, die Hände am Schloß, um den Hahn zu spannen: ?Himmelsacrament, Wilddieb, verfluchter, wie kommst Du da herein??

?Geht?s Dich was an, Jager?? rief Mentel entgegen, der sich in die Ecke gestellt hatte, in welcher sein Bergstock lehnte. ?Sorg? lieber, daß ich nit den Stiel umkehr? und frag?, wie Du herein kommst! Der Scharten-Kaser gehört dem Bühelbauern von Schwarzeck ? das ist mein Vater, also bin ich da in meinem Eigenthum!?

?Sei mir nit so frech, Kerl,? eiferte der Jäger, ?ich leid?s nit! Noch ein Wörtl, und ich sag? Dir, wer heut? den Zwölfender geschossen hat, droben am Hochkaltern! Meinst, ich hätt? den Wilddieb nit durch die Boschen und Latschen schlupfen sehn? Kein anderer Mensch ists gewesen, als Du mit Deiner grauen Joppen ? mach? nur noch einen Schnaufer, so verarretir? ich Dich!?

?Aber Gaberl,? rief Evi, indem sie begütigend dazwischen trat, und auch Reinthaler gab dem Erzürnten gute Worte, ihn zu besänftigen. Mentel aber stand kaltblütig in einer Ecke und hatte den Bergstock ergriffen. ?Probir?s einmal, Grünling, wenn Du Schneid? hast ? beim Verarretiren müssen Zwei dabei sein!?

?Gleich legst den Bergstock weg!? schrie der Jäger, sich von den Friedensstiftern losmachend. ?Ich hab?s schon gehört, daß Du einen Stutzen zum Abschrauben hast ? her mit dem Stock! Gewiß steckt der Lauf drinnen ? ich muß ihn visitiren!?

?Visitiren laß? ich meinen Stock nit!? rief Mentel und schwang denselben, so hoch es die Decke der niedrigen Hütte gestattete. ?Aber verkosten kannst, wie er ausgiebt!?

Drohend standen sich die ergrimmten Gegner gegenüber, als Evi sich wieder dazwischen warf und, nachdem die Bitte nicht gefruchtet hatte, es mit ernsten Worten versuchte. ?Stell? Deinen Stock ins Eck, Mentel!? rief sie befehlend. ?Und der Jäger legt den Stutzen weg und giebt Ruh? oder er geht wieder hin, wo er her?kommen ist! Wenn er dem Mentel was will, kann er ihn morgen finden ? aber in meinem Kaser da leid ich keine Streitereien und da bin ich der Herr im Haus ? Verstanden??

Mit lächelndem Wohlgefallen betrachtete der Maler das Mädchen, wie es unerschrocken zwischen den Männern stand, und wie diese wirklich nicht zögerten, sich ihrem gebieterischen Worte zu fügen. Wie mechanisch stellte Gaberl den Stutzen zurück, nachdem Mentel ebenfalls den gefährlichen Stock abgelegt hatte. ?So,? sagte Evi dann begütigt, ?jetzt setzt Euch wieder und laßt den Schmarrn nit kalt werden!?

Die Gesellschaft folgte schweigend Evi?s Einladung und aß schweigend. Der Jäger saß neben dem Maler, denn die Sennerin hatte die Kriegslist gebraucht, den Bauernburschen in die Ecke des Heerdes zu postiren, so daß sie eine Art Feuermauer zwischen den grollenden Gegnern bildete.

?Nichts für ungut,? unterbrach Gaberl nach einiger Zeit das unheimliche Schweigen, indem er sich entschädigend gegen Reinthaler wendete. ?Sie glauben nit, was wir Jäger auszustehen haben! Es muß in der ganzen Welt kein solches Wildschützen-Nest geben, wie die ganze Ramsau. Keine Stunde ist unser Einer seines Lebens sicher ? es ist kein Wunder, wenn es Einem dabei heiß aufsteigt!?

?Es ist freilich schlimm,? entgegnete der Maler, ?wenn der Sinn der Ungesetzlichkeit so sehr überhand genommen hat, aber begreiflich und entschuldbar bleibt es bei alledem, wenn die Bewohner einer so wildreichen und einsamen Gegend den Lockungen der Jagd nicht widersteh?n! Seh?n ihnen doch die Hirsche beinahe zu den Fenstern hinein! Es wird schwer halten, sie davon abzubringen, und mit der bisherigen Strenge wird es wohl am wenigsten gelingen!?

?Womit sonst?? erwiderte der Jäger. ?Man soll die Bauern wohl noch obendrein recht schön bitten, sie möchten doch so gut sein und das Wildern bleiben lassen??

?Das nicht ? aber man muß ihnen durch Belehrung das Unrechtmäßige, das Gesetzwidrige ihrer Handlungsweise begreiflich machen und die Strafen mindern. Bei einem Vergnügen, wie das Wildern, ist die strenge Strafe keine Abschreckung: sie ist eine Gefahr und darum noch ein Reiz mehr!?

?Warum nit gar! Für einen Wilddieb kann gar keine Strafe zu streng sein!? grollte der Jäger. ?Wenn?s mir nachginge, ich ließ sie heut? noch auf Hirsche schmieden und todthetzen!?

?Eben deswegen,? entgegnete Reinthaler ernst, ?ist es gut, daß nicht, wie in frühern Zeiten, uns?re großen Herren bloße Jäger sind und daß daher nicht mehr die Jäger allein die Jagdgesetze machen! ? Wie jetzt die Sachen steh?n, ist der Unglückliche, der sich zum Wildschießen hat verleiten lassen, wenn er dem berechtigten Jäger begegnet, in einer Art von Verzweiflungs-Zustand. Er hat nur die Wahl zwischen einer entehrenden langjährigen Strafe, die ihn und seine Angehörigen ruinirt, und zwischen einem noch größern Verbrechen, das ihm vielleicht Sicherheit und Straflosigkeit verschafft. Daher dieser immerwährende Krieg zwischen Jäger und Wildschütz, dieser stete Kampf auf Tod und Leben ? Eine geringe Strafe würde der Mann ruhig über sich nehmen und das Handwerk zuletzt mit der Gefährlichkeit seinen Reiz verlieren!?

?Bilden Sie sich so was nicht ein,? erwiderte der Jäger gereizt. ?Da kenn? ich die Bauern besser! Leben muß man unter ihnen, Herr Reinthaler, leben wie Unsereiner ? Sie seh?n dieselben nur wie im Feiertaggewand! Aber es ist gut, daß es mit den geringen Strafen noch seine guten Wege hat!?

?Hoffentlich nicht mehr lange,? war des Malers Antwort. ?Die Zeit ist nicht mehr fern, in welcher man einen Menschen höher anschlagen wird, als einen Hasen! Dann wird man sich mit dem nöthigen Schutze des Wildes begnügen, und Bauer und Jäger werden sich vertragen!?

?Das sind ja recht schöne Grundsätz?!? sagte Gaberl noch giftiger. ?Da ist es kein Wunder, daß die Bauern stützig werden, wenn die Stadtleut? so daher reden! Hoffentlich bin ich nimmer auf der Welt, wenn das geschieht!?

Der Jäger hatte seinen kurzen Pfeifenstummel angebrannt und qualmte seinen Zorn in mächtigen Rauchwolken aus; Mentel, der zuerst nicht übel Lust gehabt hatte, sich in?s Gespräch zu mischen und dem Jäger nach seiner Weise heimzugeben, unterließ es jetzt und sah mit Behagen auf Reinthaler; sein halb eifersüchtiger Unmuth gegen den Maler begann zu weichen, weil er für Bauern und Wildschützen so warm das Wort genommen. Jedes von den Anwesenden war eine Weile mit seinen eig?nen Gedanken beschäftigt, und ein minutenlanges Schweigen ruhte auf der Gesellschaft, daß man den Wasserquell hereinplätschern hörte, der draußen im Mondenschein in den Brunnentrog niederströmte.

Niemand ward Kordel gewahr, die schon einige Augenblicke an der Thüre stand und die gekreuzten Arme auf das Halbgitter der Thür stützend die Hütte überblickte. Sie hatte jetzt das Kopftuch abgenommen und sah so noch schöner, wenn auch noch blässer aus. Ein Streifen des Feuers reichte bis an ihr Gesicht und das rothe Busentuch ihres Mieders; die Umrisse ihrer Gestalt waren dunkel und hoben sich kräftig von dem grünlich-klaren Mondhimmel ab, der durch den unverdeckten Theil des Thürraumes sichtbar war.

?Hat Eins die Füß? über?s Kreuz,? rief sie endlich lachend, ?daß Ihr Alle da sitzt, als wenn Ihr auf?s Maul gefallen wär?t? Das muß ich sagen, wegen der Lustigkeit ist es schon der Müh? werth, daß man auf den Scharten-Kaser in? Heimgarten geht!?

?Nur geschwind herein, Du lustige Gesellin!? rief der Maler aufspringend. ?Du kommst eben recht, um uns auf and?re Gedanken und ein anderes Gespräch zu bringen! ? Nimm nur gleich die Cither und spiel? uns einen lustigen Ländler auf!?

?Mit der Cither wird?s nit viel sein!? sagte Evi mit verlegenem Erröthen, indem sie das Instrument vom Sims herunterholte. ?Die Hauptsaiten sind ab!?

?Das schadt nix? drängte Kordel, die sich rasch zurecht setzte und sich den Drahtring an den Daumen drehte. ?Wer gern tanzt, dem ist leicht pfeifen! Es muß so auch geh?n ? und liegt nicht da droben hinter den Weidlingen (Schüsseln) eine Schwegelpfeifen? Der Mentel kann sie ja blasen, daß es lauter geht ??

?Ich hab? eine Maultrommel bei mir,? sagte der Jäger lachend und langte in die Tasche, während Mentel die Schwegel ansetzte und probirte.

?Das giebt eine Musik, schöner als bei mancher Kirchweih!? rief Kordel wieder. ?Frisch, Maler, mach? den Anfang; zeig?, daß die Herrischen nit bloß gemalene Füß? haben!?

Der Maler war lachend bereit und faßte Evi?s Hand. ?Es soll schon geh?n,? sagte er, ?daß ich den Stadtleuten keine Schande mache ? aber mit den Tanzschuhen bin ich schlecht bestellt!?

Die Hütten ist ja auch viel zu klein, sagte Evi, die sich leicht sträubte. ?Wer kann denn auf dem Nudelbrett tanzen??

?Es muß nit allemal Langaus geh?n,? erwiderte Kordel und begann eine muntere neckische Tanzweise zu spielen. ?Thut?s nur ein bissel Tellerreiben ? es ist gewiß nit das erste Mal, daß im Scharten-Kaser getanzt wird!? Mentel pfiff dazu die Schwegel, und der Jäger ließ, so gut es ging, seine Maultrommel darein summen; das Paar aber war zum Tanze angetreten, den Evi mit ungekünstelter Zierlichkeit, Reinthaler nicht ungeschickt ausführte. ?Das geht prächtig,? rief die munt?re Citherspielerin, ?an dem Maler ist ein Bauer verloren ?gangen! Und jetzt geschwind, Numero Zwei ? daß die Tanzerin warm wird und der Boden nit kalt! ? Voran, Gaberl, wenn?st nit steif bist vom Gamsfangen!?

Der Jäger sprang auf. ?Ich bin gerad? so steif, wie meine Gambs ? wer?s mit mir aufnehmen will, der kommt zu kurz ?? Er hatte Evi rasch und keck ergriffen und tanzte mit dem sichtbaren Bemühen, es recht schön zu machen, ein Gemisch, das nicht ländlich und nicht städtisch war. Mentel hatte die Schwegel weggelegt; er wollte seinem Feinde nicht zum Tanze spielen und entschuldigte sich damit, daß er den Ländler, den Kordel spielte, nicht kenne. Reinthaler half dafür aus; er war oft und lang in der Gegend und mit den Vergnügungen ihrer Bewohner vertraut geworden.

?Sakra!? rief Kordel, als sie endete. ?Der Jäger tanzt justament wie ein Frackischer! Was meinst, Mentel, ? ob Du Dir nachzutanzen ?traust??

?Herrisch bring? ich?s freilich nit zuwegen,? sagte Mentel spöttisch, ?aber was ein Bauer kann, werd? ich wohl zeigen!?

Kordel begann, und das Paar führte seinen ländlichen Tanz, so gut der enge Raum es gestattete, in allen eigenthümlichen zierlichen Eigenheiten und Wendungen so gelungen aus, daß Reinthaler vor Vergnügen die Schwegel weglegte, um dem schönen Paare besser zusehen und Beifall klatschen zu können. Auch die summende Maultrommel verstummte, aber nicht aus Vergnügen, sondern aus Aerger. Zuletzt hatte Mentel Evi?s eine Hand gefaßt und ließ sie, während er selbst auf seinem Platze sich stampfend und springend drehte, um sich herum kreisen; mit der andern Hand schwang er juchzend den Hut, und wenn Evi auch mit niedergeschlagenen Augen, wie es die Sitte will, dahin tanzte, zeigte doch die höhere Röthe ihrer Wangen, daß es ihr nicht entging, wie bedeutungsvoll er dabei den Strauß an seinem Hute zu wenden und zu zeigen wußte.

Als der Tanz geendet und Kordel?s und Reinthaler?s Lob erschöpft war, nahm Alles wieder auf dein Heerde und um ihn Platz; eine freiere, versöhnlichere Stimmung war eingetreten und gab sich bald dadurch kund, daß die Lust zum Gesange sich regte. Allerlei Lieder ertönten, kurz und lang, munter und traurig, einstimmig und vielstimmig. Alle waren hochvergnügt, besonders Kordel, über deren bleiche Wangen die Freude einen rosigen Schimmer hauchte. ?Das ist einmal ein richtiger Abschied von der Alm!? rief sie, ?aber wir müssen doch ein End? machen, morgen ist auch ein Tag, und da heißt?s früh auf sein. Die Evi nehm? ich mit in mein? Kaser, damit ich auch eine Cameradschaft hab? ? die Manderleut? werden schon zurechtkommen mit einander. Zuvor aber singen wir noch Eins zur guten Letzt!?

Ein langes Lied ward gesungen, die Geschichte eines Liebespaares erzählend, das trotz alles Mißgeschicks mit unerschütterlicher Treue an einander hing, ohne das Ziel der Vereinigung zu erreichen. Es schloß mit einer allgemeinen Betrachtung.

?Und Aepfelblüh? und Weichselblüh?
Wachst niemals auf Ein? Stamm:
Was für einand? nit b?schaffen is,
Das kommt auch niemals z?samm?!?

Man trennte sich dann. Unter Lachen wurde der Jäger Gaberl über die Leiter hinauf im Heuboden oberhalb des Stalles untergebracht und der Maler feierlich in das gewöhnliche Lager der Sennerin eingewiesen. Es war der Kreister, eine Bettstelle, hoch mit Heu gefüllt, das mit einem weißen Tuche bedeckt und mittels desselben niedergebunden war. ?Ich bleib? gleich da auf der Heerdbank liegen,? sagte Mentel und lehnte sich an die Thür, als die ?gute Nacht? rufenden Mädchen in?s Freie hinausgetreten waren. Man hörte sie noch von ferne juchzen und jodeln; der Bursche horchte, und als sie verstummten, sang er ihnen erwidernd nach:

?Und Aepfelblüh? und Weichselblüh?
Wachst niemals auf Ein? Stamm:
Aber Almenrausch und Edelweiß,
Die g?hören dennerst (dennoch) z?samm?!?

2. Tochter und Mutter.

Der Abend des nächsten Tages ging noch schöner zu Ende. Wohl lag drüben auf der Schattenseite der Ramsau ? von den Bewohnern die Schadseite genannt ? schon tiefe, an Dunkelheit grenzende Dämmerung; aber gegenüber dehnte sich noch das breite Lattengebirge hell besonnt vom todten Mann an bis zum Schwarzeck, wo die meisten Häuser zusammengedrängt liegen; hinüber bis zur Mordau und gegen den einsamen Taubensee hinan. Saftvoll glänzten die grünen Hänge, durchschnitten von braunrothen Ackerstreifen, unterbrochen und geschmückt mit breiten Säumen und Flecken von Ahorn und Buchen mit ihren herbstlich gelben und gerötheten Wipfeln, eingerahmt von schwarzen Tannenrändern, über denen der klare Himmel mit seinen auftauchenden Sternen ruhte. Die Luft war rein und klar und trug mit voller Schärfe jeden Laut die Höhen hinan, bald den vereinzelten Ton einer verspäteten Heerdenglocke, bald das feierliche Abendläuten vom Ramsauer Kirchthurme. Sichtbar war es hohe Zeit, daß man von den Almen abgetrieben und das Vieh sicher untergebracht hatte, denn diese klare, kühle Helle verkündete, daß der Winter bald und rasch seinen Einzug halten werde.

Auch auf dem breiten, tief eingeschnittenen Ledergraben ruhte noch der Sonnenschein und durchbrach das Blattgewölbe der Buchen, die zu beiden Seiten hoch und schlank wie Säulen emporstiegen. Darunter, nur stellenweise erhellt, rauschte im Dunkel der klare Bergbach nieder, bald in weißen Schaum gelöst über eine Höhe stürzend oder sich an glatt gespülten Felsblöcken brechend, bald, aufgehalten durch sie, sich zu kleinen Tümpeln ansammelnd, in denen die Forelle haust, bald wieder wie nach kurzem Besinnen sich zu neuem Sprung und Sturz aufraffend. Etwa auf dem vierten Theil der Berghöhe erweitert und öffnet sich der am Gestade aufkommende steinige Pfad zu einer kleinen waldumfangenen Rasenblöße, in deren Mitte die Mühle stand. Sie war hart an den Graben angebaut; fast in gleicher Höhe mit dem niedrigen Dache stieg der hölzerne Mühlschuß empor, der einen Theil des Bergbachs auf die Schaufeln des schadhaften Triebrads fallen ließ, um ihn dann wieder in das allgemeine Rinnsal zu leiten. Das unansehnliche Gebäude sah braun, verwittert und herabgekommen aus; es war fast ganz aus Holz gebaut, und nur ein Theil des Erdgeschosses bestand aus roh übertünchtem Mauerwerk. Die kleinen Fenster schimmerten in der Abendsonne; die Büsche und Wipfel leuchteten, das Wasser am Mühlschuß flimmerte und rauschte, Friede und Anmuth schienen rings ihren Wohnsitz aufgeschlagen zu haben, und dennoch machte das kleine Gehöfte in der lieblichen Umgebung keinen freundlichen Eindruck: er wurde verscheucht durch die überall unverkennbaren Spuren hoffnungslos verkommender Armuth.

Auf der Bank vor dem Hause saß ein Weib und war beschäftigt, Werg an den Rocken zu legen. Es war eine schlanke, fast magere Gestalt in unscheinbarem bäuerischem Kittel, verschossenem Mieder und unsauberen Hemdärmeln. Schwarze, stark mit Grau gesprengte Haare hingen ungepflegt und unordentlich um den Kopf und das hagere Gesicht mit faltigen hängenden Wangen, deren unnatürliche Röthe unwillkürlich den Verdacht erweckte, als ob sie ihren Ursprung zerstoßenen Ziegelsteinen oder dem Safte rother Rüben danken. Von Zeit zu Zeit schossen unter den starken Augenbrauenbüscheln scharfe graue Augen nach allen Seiten herum, wie wenn sie Jemand suchten oder erwarteten.

Nebenan am Rande des Rinnsals regte es sich im Grase und rauschte durchs Gebüsch; eine sonderbare Erscheinung kroch unter den Zweigen am Baden hin, dem Gange nach ein Thier, denn es bewegte sich auf allen Vieren, nach Gestalt und Antlitz ein Mensch, wenn auch in traurigster Verkümmerung. Wie ein Hund auf der Lauer lag es jetzt im Gebüsch und ließ den Eingang der Mühle nicht aus den Augen; nur manchmal schielte es ängstlich gegen das Weib hin, gleich als fürchtete es, von diesem bemerkt zu werden. Nach einiger Zeit erhob sich das Weib und ging auf der Gräd vor bis an die Ecke des Hauses, von welcher man weiter in den Ledergraben und auf den Weg hinabsehen konnte. Diesen Augenblick benutzte der Kriechende und kam rasch aus dem Gebüsche auf den Rasen hervor. Es war die Gestalt eines Mannes, dem ein schweres Rückenleiden unmöglich machte, aufrecht zu gehen, und der es gewohnt geworden, Hände und Füße zu gebrauchen, um fortzukommen. Er war dürftig, nur mit grobem Hemd und Zwillichhosen bekleidet, die von Schmutze starrten und wovon die Fetzen niederhingen. Der Kopf war ganz mit weißem wirrem Haar und struppigem Bart derselben Farbe umgeben; in dem breiten fleckigen Angesicht und den starren blatten Augen lag der Ausdruck des Stumpfsinns. Rasch lief der Blöde über den Rasen und hatte beinahe die Gräd erreicht, als das Weib zurückkam und mit drohend erhobener Hand abwehrend ihm entgegen sprang. ?Was willst Du da?? schrie sie ihm zu. ?Marschir? weg; Du hast im Haus nichts zu thun!?

Der Mann vermochte nicht zu sprechen; er brachte nur dumpfes, undeutliches Gebrumm hervor, von welchem nur einzelne Laute den Tönen menschlicher Sprache ähnelten und als verstümmelte Worte verständlich wurden. ?Kalt ?? stieß er hervor, ?? Ofen ??

?Nichts da! Kann nit aufgeführt werden!? schrie sie ihm entgegen. ?Heut? kommen Leut?, vor denen Du Dich nit seh?n lassen darfst! Ich müßt mich ja schämen!?

Der Vierfüßige hatte sich wie ein Hund halb aufrecht auf zwei Beine und eine Hand gesetzt; er verzog schmerzlich das verwilderte Gesicht und führ mit der freien Hand über die Augen, als ob er weinen wolle; es kam aber keine Thräne, und er brummte nur noch dumpfer und unverständlicher etwas, was sich anhörte, wie ?Herr? und ?Haus?.

?Was? Du willst noch Herr im Haus sei?? schrie ihn das Weib an. ?Auf der Stell? packst Dich fort, oder ich zeig? Dir, wo Du hingehörst und wer Du bist!? Damit hatte sie einen Prügel vom Wege aufgerafft und schwang ihn drohend über dem Elenden.

Dieser schoß ihr einen wildfunkelnden Zornblick zu, aber er entfloh eilig und kroch der Nebenthüre zu, die in den Stall führte. Dort verbarg er sich neben der einzigen Kuh in das Stroh; das Thier schien ihn zu kennen und gewohnt zu sein; es regte sich nicht, als er sich hinzu schmiegte, und leckte ihm wie mitleidig die braunen rindenharten Hände.

Die Müllerin war inzwischen in die Stube gekommen und hatte Feuer angemacht, in dem großen Ofen, der, aus dunklen, runden Thonstücken zusammengesetzt, ein Viertel des Raumes einnahm. Durch die Ritzen des locker gebrannten Lehms fiel der Schein der Flammen auf den dunklen Breterboden und ließ die Umrisse der Stube erkennen, deren schwarzbraune niedrige Balkendecke tief in die weißen Wände hereinreichte. Man unterschied die kleinen runden bleigefaßten Scheiben der Fenster und die um den Ofen und längs der Wand hinlaufende Sitzbank. Die Frau hatte einen Spahn angezündet und machte sich damit an einem Schränkchen zu schaffen, das in die Wand eingelassen war und dessen zierlich geschnitztes Thürchen von bessern Tagen, die das Haus gesehen, zu erzählen schien. Nachdem sie ein schmutziges Oellämpchen angesteckt und in die dreieckge Mauernische daneben gestellt hatte, begann sie den Inhalt des Kästchens zu mustern. Er bestand aus einem Weidenkörbchen mit allerlei Nähgeräth, aus einigen Büchern mit braunen abgegriffenen Blättern, aus ein paar alten Kalendern, einigen halbblinden Flaschen und Gläsern und einem Bündel Lumpen und Flickzeug. Die Müllerin beachtete all dies nicht, sondern zog unter den Fetzen eine schmutzige Schweinsblase hervor, deren Inhalt sie mit unverkennbarem Wohlgefallen musterte. Es waren einige Thaler, ein in ein Papierchen eingewickeltes Goldstück und Gegenstände weiblichen Schmucks, eine zerbrochene Busennadel, ein einzelner Ohrring in Tropfenform. Das Aufleuchten in den Augen des Weibes verrieth, daß die Habsucht in ihr mahnte und daß trotz Alter und Häßlichkeit die Putzsucht und Eitelkeit noch nicht von ihr gewichen war. Sie zog das Halstuch zurecht, und strich vor dem Spiegelscherben, der an der innern Wand des Schrankthürchens angebracht war, das verworrene Haar zurecht; dann hielt sie den Tropfen an das Ohr und besah sich von allen Seiten. ?Es sollt? mir schon ansteh?n,? murmelte sie vor sich hin, ?es kommt nur darauf an, daß man?s hat ? dann glauben?s die Leute auch ? und ich will?s und muß es haben ? ich mag nicht länger so ??

?Heda! Pst! Müllerin!? rief es durch?s Fenster, und eine kräftige Hand pochte an die schwirrenden Scheiben. ?Ist?s leer im Kasten? Ein Mahlgast will zufahren!?

?Wer bei der Nacht zugefahren kommt, der kann zum Teufel geh?n!? rief das Weib, indem sie hastig ihre Schätze zusammenraffte und verbarg und das Schrankthürchen unwillig zuwarf.

Es erfolgte keine Antwort von draußen, aber im nächsten Augenblick ging die Stubenthüre auf, und ein Bauernbursche in schwarzer Manchester-Jacke, auf dem Kopfe den breiten Hut mit goldenen Schnüren und Troddeln, trat ein. ?Du bist es, Quasi?? rief die Müllerin brummend. ?Wo kommst Du her um die Zeit??

?Komm? ich Dir etwan nit gelegen, Müllerin?? fragte der Bursche, indem er sich ohne Anfrage oder Entschuldigung an den Tisch setzte. ?Du darfst es nur sagen ? so geh? ich wieder; ich find? überall Platz für meine Thaler!? Damit hatte er einen Blasenbeutel hervorgezogen und schlug ihn auf den Tisch, daß die Münzen darin klangen.

Die Müllerin horchte hoch auf und kam schnell besänftigt herbei. ?Mußt es nit übel nehmen, Quasi,? sagte sie zutraulich keck, ?weißt ja, daß Einem oft ?was über?s Leberl laufen kann! Bist mir doch Einer von den Liebsten, die zukehren. ? Du hast ja heute ganz gewaltige Span? (Spähne),? fuhr sie fort, indem ihre Augen begierig an der vollen Börse hafteten. ?Das scheppert ja, wie wenn?s lauter Kronthaler wären. ? Laß doch seh?n. ??

Sie griff nach dem Beutel, aber der Bursche zog ihn an sich. ?Hat keine Eil?,? sagte er lachend. ?Kannst leicht selber mehr solches G?lump haben, wenn Du gescheidt bist ? jetzt bring mir ein Quartl Pomeranzen ? ich brauch? was zum Aufwärmen für die Nacht!?

Die Müllerin eilte an das Wandkästchen und drückte inwendig an eine Feder; ein verborgenes Fach öffnete sich darin, aus welchem sie das Verlangte hervorholte, und das durch seine Heimlichkeit verrieth, daß in der Ledermühle eine Winkelschenke gehalten wurde. Sie stellte Quasi das gefüllte Glas hin und rief, indem sie ihm auf die Schulter klopfte: ?Gesegn? es Gott, Quasi ich will nur geschwind hinaus, und will die Läden zumachen und die Hausthür?, damit uns die Grünen nit unversehens auf den Hals kommen.?

Sie ging; der Bursche that einen tüchtigen Zug aus dem Glase und sah dann nachdenkich vor sich hin, während er einige verschüttete Dropfen auf der Tischplatte wie unbewußt mit den Fingern in unregelmäßige bedeutungslose Striche und Formen auseinander zog. Er war noch jung und sein Gesicht von schönem, kräftigem Schnitt, aber über Jugend und Schönheit war ein Sturm dahingegangen und hatte seine Spuren zurückgelassen, wie der Hagelschlag an einem jungen fruchtknospenden Baume: das Stämmchen hat zwar die Zerstörung überdauert, aber es kränkelt seitdem, und Rinde, Blatt und Frucht tragen die Zeichen der Verheerung. Es war etwas Wüstes und Unstetes in den dunklen Augen, und ein häufiges Zucken der Mundwinkel gab dem ganzen Gesichte einen unheimlichen, fast widrigen Ausdruck.

?Bist nit gut aufgelegt?? fragte die Müllerin, als sie zurückkam und sich ihm gegenüber setzte. ?Was studirst denn aus??

?Wie wir auseinander kommen, Müllerin,? sagte der Bursch. ?Es thut nicht mehr gut mit uns Zwei? ??

?Warum nit gar!? rief sie mit gezwungenem Lachen. ?Trink, Quasi, trink, damit Dir andere Gedanken kommen! Als wenn Du nit wüßtest, was heut? für ein Tag ist! Als wenn Du nit gerade deswegen heut? gekommen wärst!?

?Ich weiß wohl, aber es nutzt doch nichts. Ich bin erst neulich bei ihr auf der Alm gewesen ? die Kordl ist ganz umgewend?t, es ist nichts zu machen mit ihr!?

?Sie ist eine verrückte Person!? eiferte die Müllerin. ?Mußt ihr den Kopf zurecht setzen und sie nit so leicht aufgeben! Und bin ich nit auch da? Hab? ich nit auch noch ein Wörtl d?rein zu reden? Und ich mein?, ich hätt? Dir schon in früheren Zeiten gezeigt, ob ich was auf Dich halt? und ob ich was ausrichten kann bei dem Mädel! Aber Du mußt halt Geduld haben ? es will seine Zeit!?

?Ich hab? aber keine Zeit zum Verlieren und keine Geduld zum Warten!? entgegnete Quasi ärgerlich. ?Das Bertelsgadener Landgericht ist hinter mir her! Der gestreng? Herr sagt, ich wär? ein Lump, ein Schwärzer, ein Wilddieb; ich müßt? mich ausweisen, von was ich leb?; ich sollt? in die Arbeit gehen oder in einen ordentlichen Dienst, sonst will er mich aufzuheben geben in Kaisersheim ?? Mit einem Fluch unterbrach er sich selbst und schlug die geballte Faust auf den Tisch. ?Wenn der Kriegelhof noch mein wär?, ließ er sich?s wohl nit einfallen, so zu reden mit mir!?

?Ja, der ist hin!? lachte die Müllerin spöttisch. ?Der ist hinuntergeschwommen!?

?Und warum ist er hin?? rief Quasi noch wilder. ?Weil sie mir ihn abgelogen haben und abbetrogen, das Landgericht und der Vorsteher und die ganze Bande miteinander! Ich hätt? noch lang forthausen und mir wieder aufhelfen können; aber das haben sie nit gewollt, weil ich kein Duckmäuser bin und ihnen niemals einen gehorsamen Diener ab?geben hab?! D?rum haben sie mich hinausgejagt und mir den Hof verkauft. Niemand ist schuld daran, als die miteinander! Niemand als die ? und die Kordl mit ihrer ewigen Ziererei und Spreizerei. ? Aber das muß anders werden! Heut? noch muß ein End? hergeh?n! Wo ist die Kordl??

?Ich weiß nit; hab? sie nicht wiedergeseh?n, seit sie gen Alm? ist ??

?Sie haben heut? abgetrieben, ich hab?s erfragt. Sie muß schon lang fertig sein bei ihrem Dienstbauern und muß jeden Augenblick kommen.?

?Wann sie nur überhaupt kommt!? entgegnete die Müllerin zweifelnd. ?Sie ist nit gern daheim bei uns!?

?Wo soll sie sonst hin? Der Dienst ist aus; sie kommt jedenfalls und will in der Mühl übernachten ? d?rum muß es heut noch richtig werden mit mir und ihr!?

?Wie denn?? fragte sie mit listig frechen Blicken. ?Du bist wohl ein schneidiger Bursch, aber die Kordl ist widerspenstig und scheu, wie eine wilde Katz ??

?Dafür laß mich sorgen! ? Schlaft sie droben in der Kammer, wie sonst? ? Merkst was?? fuhr er fort. ?Ich will schon sorgen dafür und will?s erzählen, daß ich zu ihr Gassel ?gangen bin und daß sie mich wieder angenommen hat; wenn sie sieht, daß sie doch nimmer loskommen kann von mir, dann wird sie sich wohl d?rein finden und klein beigeben ??

?Aber wenn?s so ist ? was nutzt es Dir nachher??

?Was? Daß ich dem Gered? und Gefrag? am Landgericht ein End? machen kann! Bin ich mit dem Madl in Ordnung, so übergiebst Du ihr die Mühl?, und wir heirathen ? ich kann nachher doch thun und treiben was ich mag, und die Schergen müssen mich in Ruh? lassen!?

?Uebergeben! Als wenn das so leicht ging?! Bin ich denn allein Herr? Gehört das Sachel nit auch dem Müller? Was kannst mit ihm anfangen, seit ihn der Schlag getroffen hat? Ich hab? schon ferten (im vorigen Jahr) angefragt beim Landgericht, wie das wär?, da hat?s geheißen, man müßt? einen Curater aufstellen für ihn ? etwa den Vorsteher droben am Bühel!?

?Möcht? der auch wieder die Hand im G?spiel haben? Das wär? gerade der Rechte! Nein, Müllerin, mit einem Curater ist es nichts!?

?Und anders geht?s nit.?

?Anders geht?s nit? ? Ein so gescheidt?s Leut, wie Du, Müllerin, und redest so daher? Laß Dich nit auslachen! Es geht wohl anders auch!?

Die Blicke Beider begegneten sich mit dem Aufblitz eines unheimlichen Verständnisses.

?Ist der Müller nit ein elender Mensch?? fuhr Quasi leiser fort. ?Ist er nit ein Krüppel, dem kein Mensch mehr helfen kann? ? Ich mein?, es wär? ein Glück für Dich und eine Wohlthat für ihn, wenn er von seinen Leiden erlöst wär?! ? Ein lebendiger Simpel muß wohl einen Curater haben ? ein G?storbener braucht Keinen mehr!?

?Nein, Quasi ? nein,? sagte das Weib, indem sie sich abwandte und ihr etwas wie ein Schauder den Rücken überlief. ?Das ist nichts ? davon will ich nichts wissen ? ich will doch lieber mit dem Vorsteher reden. ??

?Das kannst thun ? der Leut? wegen,? entgegnete der Bursch, ?vom Andern brauchst nichts zu wissen, das ist meine Sach? ??

?Ich hör? was draußen auf der Gräd,? unterbrach ihn die Müllerin leise, ?es kommt Jemand ??

?Das wird die Kordl sein,? flüsterte er entgegen, ?ich will fort; laß mich hinten hinaus, daß sie mich nit sieht und etwan aufmerksam wird! Richte auch den Beutelkasten und die Truhen her in der Mühl?, damit Alles leer ist, wann wir kommen. Es giebt heut Nacht eine große Schwärzerei ? die Tyroler bringen eine Menge Seidenzeug herüber und goldene Uhren. ? Bei Dir soll?s versteckt werden ? ein ganzer Hut voll Kronthaler ist unser, wann?s gut geht. ? B?hüt Gott,? sagte er, sein Glas ausstürzend, ?und wann etwa der Brigadeer nach mir fragt ? nachher wirst schon wissen, was Du ihm zu sagen hast!?

Wenige Secunden später pochte es an der Hausthüre, die Müllerin öffnete, und Kordel trat ein, das Kopftuch auf und den Hut darüber, die gestrickte braune Jacke über das Mieder gezogen, ein Bündel mit Kleidern in der Hand. ?Grüß? Gott, Mutter,? sagte sie, ?das ist ja ungewohnt, daß bei uns die Hausthür? schon so früh geschlossen ist!?

?Grüß? Gott,? erwiderte die Mutter, ?das kommt Dir nur so vor, weil Du spät d?ran bist mit dem Kommen. Man muß sich wohl vorseh?n da heroben in der Einöd?, es giebt gar zu viel Schelmenleut??

?Ich bin nit eher fertig geworden,? sagte Kordel, in?s Zimmer eintretend, ?hab? erst das Vieh besorgen müssen ? sie haben mich gar so hart fortgelassen beim Bauer. ? Aber wo ist denn der Vater??

?Nun, es ist schon recht, weil Du nur da bist ? es geht manchmal gar nit mehr recht fort mit mir; es giebt so viel zu thun, und ich kann Dich nothwendig brauchen, Du mußt jetzt schon dableiben, Kordl.?

?Nit gern, Mutter,? sagte das Mädchen zögernd, indem sie sich auf die Bank setzte und vor sich niedersah. ?Du weißt von früher her, daß es nit recht gut thut, und weißt auch warum. ? Ich möchte am liebsten bei meinem Bauern bleiben, dem wär?s auch ganz recht. ??

?Nichts da!? rief heftig und herrisch die Frau. ?Du gehörst zu uns ? Vater und Mutter haben das erste Recht auf Dich! Sollen wir uns schinden und frellen, und unser Kind die Füß? alleweil unter fremder Leute Tisch haben??

?Aber wo ist denn der Vater?? fragte Kordel ausweichend, indem sie im Zimmer umher sah.

Die Müllerin beachtete die Frage Kordel?s nach dem Vater nicht, sondern fuhr eifrig fort: ?Wir wollen uns auch einmal zur Ruh? geben, wollen?s auch einmal gut haben ? d?rum sollst Du die Mühl? übernehmen, sollst sie wieder herrichten auf den Glanz, sollst uns unsern Austrag geben und heirathen. ??

Kordel schüttelte schwermüthig den Kopf. ?Das geht nit, Mutter,? sagte sie, ?das mußt Dir schon aus dem Sinn schlagen. Ich bin das Leut? nicht, das so was unternehmen könnt?, da gehört eine revierische Person dazu ? und wenn ich auch wollt?, ? es wird Keiner die Ledermühl? haben wollen ? und mich noch weniger. ??

Die letzten Worte hatte sie nur gehaucht; sie gingen in dem rohen Gelächter verloren, das die Müllerin aufschlug. ?Wie Du daher redst!? rief sie. ?Wofür wär? denn der Quasi da??

?Der Quasi ist für mich nimmer auf der Welt ? er ist gestorben und begraben, wie mein armes Würmel, mein Roserl. ? Das wär? gerade der Rechte, um die Mühl? wieder herzurichten! Nein, Mutter, mit all? dem ist es nichts ? und d?rum ist es auch wohl das Gescheidtere, wenn ich wieder geh?. ??

?Und Du mußt bleiben, sag? ich!? rief die Frau zornig, indem sie hart vor Kordel hintrat und ihr drohend die Fäuste vor?s Gesicht hielt. ?Ich will?s einmal haben ? ich will doch seh?n, ob nicht geschieht, was ich haben will! Ich bin die Mutter, und Du bist mir noch lang nit zu groß, als daß ich Dir nicht zeigen sollt?, daß Du mir folgen mußt!?

?Schlag? mich, Mutter,? sagte Kordel sanft, indem sie sich erhob und ihre Hand ruhig auf die geballten Fäuste der Zürnenden legte. ?Ich will?s aushalten ohne Widerred?, denn ich weiß, daß ich Dir Gehorsam schuldig bin ? aber das mußt nit verlangen, Mutter, denn ich kann wahrhaftig nit bleiben; ich kann den Quasi nit heiraten ? und ich will auch nicht! ? Mutter,? fuhr sie ernsthaft und beinahe feierlich fort, indem sie ihr mit den großen schwarzen Augen fest und durchdringend in?s Angesicht sah ? ?denk? daran, wie?s vor vier Jahren gewesen ist! Ich bin ein unschuldig?s Ding gewesen, noch ein halbes Kind ? was hab? ich davon verstanden, wie der Quasi ?kommen ist und hat sich an mich angemacht? Mir hat?s gefallen, wenn er mir schön gethan und vorgered?t hat, wie er mich zur Bäuerin machen wollt? auf dem Kriegelhof. ? Du hättest es besser versteh?n, hättest mir abreden sollen ? aber statt mich zu warnen, hast Du mich noch angereizt; wo Du hättest abwehren sollen, da hast Du geholfen, Mutter ? Du hast ?? Sie biß sich auf die Lippen, um nicht mehr zu sagen. ?Denk? d?ran, Mutter,? fuhr sie dann fort, ?und sag?, ob Du von mir einen Gehorsam verlangen kannst. ? Ich will Dir folgen in Allem, was richtig ist, aber in der Sach? geh? ich meinen eigenen Weg. ? Die Nacht schlaf? ich in der Mühl? ? aber bleiben, Mutter, bleiben thu? ich nit!?

Die Müllerin stand betroffen und schweigend, Kordel aber fuhr fort: ?Aber wo ist denn der Vater? Warum seh? ich ihn nicht? Wie geht?s ihm denn? ? Ich muß mich schon umschauen nach ihm!?

Hastig verließ sie die Stube und eilte rufend den kleinen Hausgang entlang: ?Vater ? Vater! Wo bist? denn? Komm doch! Ich bin?s! Die Kordel ist da!? Eine dumpfe Stimme antwortete; sie ging dem Schalle nach, riß die Stallthüre auf und stürzte mit einem Aufschrei des Entsetzens und Jammers auf den unglücklichen Blöden nieder, der ihr entgegen gekrochen kam. ?Vater, Vater ?? schrie sie unter stürzenden Thränen, indem sie ihn sorgsam emporrichtete, ?wo muß ich Dich finden? Bist Du?s denn wirklich? ? O Du armes, armes Vaterl ?? Sie vermochte nichts mehr hervorzubringen, aber ihre Thränen überströmten das Silberhaar des Greises, in das sie ihr brennendes Antlitz drückte. Die dumpfen Laute des Müllers antworteten; es war nichts davon verständlich, als der Name des Mädchens, aber die Thränen, die ihm kurz vorher versagt gewesen waren, kugelten in dicken Tropfen über das verwitterte Gesicht, und die plumpen, narbenreichen Hände tasteten liebkosend und streichelnd an Haar und Antlitz des geliebten Kindes herum.

Sie konnte nur weinen und geleitete den halb und mühsam Aufgerichteten, der ohne Unterstützung nicht zu gehen vermochte, in die Stube auf den bequemsten Platz am wärmenden Ofen. Die Müllerin schoß wütende Blicke nach Beiden, aber sie wagte kein Wort des Widerspruchs; ein einziger Blick Kordel?s, als sie mit dem Vater an ihr vorüberschritt, hatte genügt, sie einzuschüchtern ? aller Vorwurf, alle Klage, aller Schmerz war darin zusammengedrängt. Sie schob dem Müller ein Kissen zurecht, während er mit blödem Wohlbehagen die erstarrten Hände an den Ofen hielt und nach wenigen Augenblicken einschlummerte.

Als er schlief, stand Kordel auf und trat vor die Mutter hin.

?Du hast Recht gehabt,? sagte sie finster, ?daß ich daheim am nothwendigsten bin ? ich bleib? da!?

Dann kehrte sie zum Vater zurück, kniete vor dem Schlummernden nieder und ließ die Augen auf der zerstörten Jammergestalt des Geliebten ruhen, während ihre Lippen sich im stillen Gebete bewegten.

Starke Schläge an der Hausthüre unterbrachen das Schweigen der einsamen Stube; die Müllerin öffnete und kam mit dem Brigadier der Gensd?armerie-Station zurück, der in voller Bewaffnung mit Ober- und Untergewehr, sich in der niedrigen Thüre bückend, eintrat. ?Ist der Quasi nicht hier gewesen?? rief er mit barscher Stimme. ?Ist er etwa noch hier versteckt? Was für Gesindel habt Ihr sonst im Hause? Macht mir keine Flausen vor,? fuhr er fort, als die Müllerin antworten wollte, ?ich glaub? Euch doch nichts! Ich werd? selber nachsehen und Haussuchung halten!?

?Thu? das der Herr,? sagte Kordel vortretend ?Ich weiß nit, ob der Quasi da war, und will nit hoffen, daß er noch da ist ? aber von der Stund? an bleib? ich in der Ledermühl? und steh? dem Herrn gut, daß er nit wieder hereinkommt!?

Der Brigadier hatte Kordel sogleich respectvoll und soldatisch begrüßt. ?Die Jungfer ist hier?? rief er jetzt. ?Sehr charmirt! Schon zurück von der Alm? Hab? der Jungfer oft nachgefragt ? sollte nicht mehr auf die Alm? gehen, ist keine Beschäftigung für Sie! Wenn Sie Augen haben wollte, es gäbe Männer, die sehr charmirt wären ? angesehene Männer ??

?Ich versteh? den Herrn nicht??

?Wird schon kommen! Sehr charmirt, daß die Jungfer im Hause bleibt ? werde einsprechen! Sie wird nichts Unrechtes dulden im Hause, keine Schwärzer, keine Schnapssäufer??

?Sicher nicht!?

?Weiß das vorher! Und wäre im Augenblick doch charmirt, wenn die Mühle eine Winkelkneipe wäre ? ein Gläschen käme mir nicht ungelegen.?

?Damit kann ich doch aufwarten,? sagte Kordel und holte ein Fläschchen aus ihrem Bündel hervor, ?ich hab? das dem Vater mitgebracht ? es soll gut sein für den Magen und soll die Glieder schmeidig machen. ?? Sie schenkte dem Brigadier ein Glas ein, das er ausstürzte und sich schüttelte. ?Ein bischen stark,? sagte er, ?aber eine wahre Herzstärkung! Sehr charmirt! Kann?s brauchen, wir haben einen harten Strauß vor. ? Gute Nacht, Jungfer ? sehr charmirt!?

Er ging. Bald waren seine Tritte den dunklen Bergweg hinunter verhallt, und nichts regte sich im Umkreise der einsamen Mühle. Nur in dem Gebüsche des Grabens, wo den Tag über der Blöde seine vierfüßigen Spaziergänge gemacht hatte, lauschte wieder eine dunkle Gestalt und starrte unbeweglich zu einem kleinen Fensterchen im obern Stockwerk der Mühle empor, in dessen halberblindeten Scheiben nach kurzer Zeit ein trüber Lichtschimmer aufgegangen war. Der Lauschende war Quasi. Lange und regungslos wartete er und zählte Viertelstunde für Viertelstunde die Schläge der Thurmuhr, welche von der nahen Ramsauer Dorfkrche herauf klangen. ?Schon zehn Uhr,? murrte er endlich, ?und um elf Uhr muß ich auf meinem Posten sein! Aber ich geh? nit von der Stell?, bis ich weiß, wie ich d?ran bin! Ich kann ja dann geschwinder laufen und das Versäumte wieder herein bringen!?

Das Licht war in der Schlafstube Kordel?s, die träumerisch vor sich hinstarrend auf dem armseligen Lager saß. Die Vergangenheit zog an ihr vorüber, eine Reihe trüber Erinnerungen, in welchen dunkle Ranken die wenigen lichten Stellen überwucherten, die etwa aus Tagen aufblickten, da sie als Kind mit den Kieseln des Mühlgrabens gespielt und mit den gefiederten Bewohnern seiner Büsche um die Wette gezwitschert hatte. Dann wandte sie den Blick in anderer Richtung der Zukunft zu, um einem Gewühle von noch dunkleren und unheimlicheren Gebilden zu begegnen. Sie sah eine trostlose, nicht endende Ebene vor sich, ohne jede lockende Erhöhung, ohne erquickende Quellen, ohne stärkenden Schatten ? eine Wüste, der Frucht wie der Blüthe beraubt. Sie hatte sich die Verhältnisse im elterlichen Hause schlimm vorgestellt und erwartet, aber noch schlimmer gefunden; der Zustand des unglücklichen Vaters war noch trostloser, noch verwahrloster, der häusliche Verfall noch größer und sichtbarer, als sie Beides bei ihrem Scheiden hinterlassen hatte. Sie durfte, sie konnte nicht mehr fort, das stand klar vor ihrer Seele; dennoch entdeckte sie keine Hoffnung, daß sie durch ihr Opfer etwas bessern und dem Einen oder Andern abhelfen könne. Sie vermochte nichts Gedeihliches zu erwarten von dem Zusammenleben mit ihrer Mutter, deren leichtsinniges Wesen der Zartheit des ihrigen so durchaus widersprach.

Um sich zu beruhigen und auf andere Gedanken zu bringen, ging sie daran, ihre Kleider und Habseligkeiten in den blau angestrichenen und buntgeblümten Schrank einzuschichten, der in der Kammer stand. Sie fand ein Gebetbuch, legte es auf das Bett und kniete davor, indeß hie und da eine Thräne auf die großen Druckbuchstaben und das vermürbte Papier fiel; zuletzt, überwältigt von Müdigkeit, löschte sie das Licht und legte sich, wie sie war, angekleidet auf das Lager.

Kaum war sie eingeschlafen, als sich in der Mühle Geräusch hören ließ; die Holzklinke an der hintern Thüre des Mühlenwerks wurde behutsam und geräuschlos ausgehoben, und Quasi schlüpfte herein. Es war daselbst vollständig finster, aber wohlvertraut mit der Oertlichkeit tastete der Bursch sich an dem einzigen Mahlgange vorüber bis zu den hölzernen Stufen, welche steil und geländerlos auf den Umgang zum Aufschütten des Getreides und von dort in die obern Kammern des Wohnhauses führten. Er stand bald vor Kordel?s Thüre, horchte daran mit angehaltenem Athem, und als nichts in dem Stubchen sich regte, versuchte er, selbe zu öffnen; sie wich seinem Druck, in seiner kummervollen Betrübniß hatte das Mädchen nicht daran gedacht, sie zu verschließen. Mit geräuschlosen Katzentritten schlich er dem Lager zu, das bei dem graulichen Scheine des Fensters trotz der Dunkelheit wohl zu erkennen war. Schon war er nahe an der Bettstelle und konnte schon die Umrisse von Kordel?s Gestalt unterscheiden; schon streckte er die Arme aus, sie zu umfassen, als die Schlafende, von dem Vorgefühl einer unheimlichen Annäherung geweckt, auffuhr und mit einem Schrei dem Fenster zusprang.

?Sei still ? mach? keinen Lärm?,? rief Quasi halblaut, ?ich bin?s!?

?Wer?? entgegnete sie entsetzt. ?Hinaus ? ich kenn? Dich nicht! Wer?s auch ist, hinaus aus der Kammer ? hinaus!?

?Bin ich Dir so ganz fremd ?worden, Kordel? Ich bin?s ? der Quasi!?

?Hinaus mit Dir, frecher Mensch ? was willst bei mir??

?Eine g?spaßige Frag?! Was will der Bue, der zu seinem Schatz fensterln geht? Plauschen will ich mit Dir und spenzeln und fragen, wann wir die Stuhlfest machen!?

Er versuchte sich ihr zu nähern, aber sie stieß ihn mit entrüstetem Abscheu von sich. ?Komm? mir nit zu nah?,? rief sie, ?mach? Du die Stuhlfest, mit wem Du willst ? ich hab? Dir?s schon gesagt, daß ich nichts mehr wissen will von Dir!?

?Das ist nichts als Spreizerei!? entgegnete er zudringlich. ?Warum willst wohl nichts mehr wissen von mir? Du hast doch schon einmal Dein Klamperl (Makel) von mir und mußt aushalten bei mir ? also gieb Dich lieber gutwillig drein!?

?Das sagst mir selber in?s Gesicht und schamst Dich nit?? sagte Kordel mit wiederkehrender Besonnenheit, aber bebend vor Entrüstung und Unmuth. ?Und doch wird?s nit so sein, wie Du meinst! Daß ich Dir einmal angehört hab?, das bring? ich freilich nit wieder los ? aber die Leut? sollen seh?n, daß ich wenigstens nit d?rin stecken bleiben will in der Schand?!?

?In der Schand??? rief Quasi mit wutherstickter Stimme. ?Also eine Schand? wär?s, wenn Du mein Weib werden thätst? Das will ich Dir merken, Kordel! Das sollst mir nit umsonst gesagt haben. ? Und jetzt sollst Du erst ganz gewiß mir angehören! Jetzt mußt aushalten mit mir in meiner Schand? ? wann sie so tief wär? wie der Hintersee ? hinein mußt, Kordel, und hinunter bis auf den Grund. ??

Er wollte auf sie eindringen, als von der Straße her ein leiser schrillender Pfiff erscholl, wie der Schrei eines Nachtvogels. ?Halt? Dich still,? rief Quasi, indem er Kordel ergriff, vom Fenster wegriß und auf?s Lager schleuderte. ?Das kommt gerade recht!? Ehe das halb betäubte Mädchen es fassen und hindern konnte, hatte er das Fenster aufgerissen, wiederholte den Pfiff und rief leise hinunter. ?Wer ist da? Was willst??

?Bist Du?s, Lateinischer?? rief eine gedämpfte Stimme entgegen; der ?Lateinische? war der Spitzname, unter welchem er bei Schwärzern und Landstreichern bekannt war, weil ihnen der Name des heiligen Quasius zu befremdlich und unbekannt dünkte. ?Wie kommst da hinauf??

?Ist das nit der Hennenrupfer? Grüß Gott und frag? nit so dumm ? wie kommt der Bue zu sein?m Schatz!?

?Zu der Kordel! Hat?s doch geheißen, sie mag Dich nit mehr! Hat also doch wieder klein beigeben??

?Weißt ja, wie?s geht mit den Madeln!? lachte Quasi frech. ?Aber wo kommst her, Hennenrupfer, wo gehst hin??

?Ich hab? mich verspät? unterwegs, auf?m Wachterl droben, Da hab? ich nur anrufen wollen, ob?s nit einem Andern auch so ?gangen ist! Komm? bald nach, Lateinischer ? ich geh? in die Kirch?, sie haben schon zusammengeläut?t!? Unter der Kirche war der Sammelplatz der Schmuggler gemeint.

?Geh voran ? ich komm? bald nach; bis Du zu der Sag (Sägemühle) kommst, hab? ich Dich lang? eingeholt!?

Der Schmuggler ging, und Quasi schloß das Fenster. ?So,? sagte er höhnisch, ?jetzt thu?, jetzt red?, was Du magst! Es hilft Dich doch nichts mehr ? in zwei Tagen weiß die ganze Ramsau, daß Du mich Nachts in Deine Kammer gelassen hast ? jetzt bist Du doch mein und kommst lebendig nimmer von mir los!?

Kordel saß noch immer wie betäubt; erst die wiederholte Annäherung des Burschen, der sich zu ihr drängte und sie umschlingen wollte, brachte sie wieder zu voller Klarheit. Sie wehrte ihn ab und rang mit ihm, gestützt von der ganzen Stärke ihres Abscheus, ihres reinen Willens, aber der zarte Körper war der rohen Gewalt des Burschen nicht gewachsen ? sie fühlte ihre Kraft erlahmen, eine ungeheuere unsägliche Angst überkam sie ? sie rief Gott und alle Heiligen an und ohne selbst zu wissen, was sie that, drängte sich das Wort ?Mutter? auf ihre Lippen. ?Hilf, Mutter, hilf,? schrie sie außer sich, ?hilf ? Mutter, Mutter!?

?Ruf? ihr nur,? lachte Quasi, ?da kannst lang? warten, bis die kommt! Dumm?s Ding, Deine Mutter weiß, daß ich da bin!?

Statt sie zu entmuthigen, gab dies Wort Kordel neue Kraft des Widerstandes. Ein betäubender Schmerz bäumte sich in ihrem Herzen empor; Verzweiflung faßte sie, sich von der verrathen und preisgegeben zu wissen, die vor Allen sie beschützen und wahren sollte, und mit der Wuth der Verzweiflung packte sie den Burschen, daß er keuchend sich ihrer erwehren mußte und unter dem wortlosen grimmigen Ringkampf die Dielen der Kammer krachten. Dennoch neigte sich auch jetzt das Uebergewicht auf Quasi?s Seite; schon war das ächzende Mädchen halb zu Boden gedrückt und beinahe wehrlos. ?

Da wurde Quasi plötzlich von gewaltigen Fäusten im Nacken gepackt und zurückgerissen, und wilde brummende Töne verriethen, wer zu Kordel?s Befreiung herbeigekommen. Der blöde Müller, dessen Lager in der Mühle unter der Treppe stand, war über dem Lärm erwacht und die Treppe heraufgekrochen. ?Mein ? Kordl mein,? knurrte er mit den Tönen eines wilden Thiers. ?Umbringen??

?Verfluchter Fex!? schrie Quasi und suchte vergeblich, sich von den Fäusten des Müllers loszuringen. ?Führt der Teufel Dich auch daher?? Er mußte von Kordel ganz ablassen und sich nur gegen diesen Angreifer wenden, denn die Wuth gab dem halbverthierten Menschen ganz ungewöhnliche Kraft.

?Hinunter,? brummte der Alte, ?? hinunter ? Hals brechen. ??

?Oder Du, alter Racker!? rief Quasi. ?Komm? nur her ? so geht?s gleich in Einem hin!? Er gab dem Alten nach, der ihn durch die offene Thüre nach der Stiege zu zerren strebte, suchte und wußte es aber so einzurichten, daß der unbehülflichere Blöde zuerst auf dem schmalen, geländerlosen Raume ankam ? er dachte ihn über den Rand zu drängen, daß er in die Mühle hinunterstützen und auf dem Ziegelboden das Genick brechen sollte. Seine Absicht war erreicht; der Blöde hing schon halb über der Tiefe und klammerte sich an Arme und Kleider seines Gegners ? da eilte Kordel herbei; sie hatte schnell Licht gemacht und erschien gerade im rechten Augenblicke, um den Vater am Arme zu fassen und zurückzureißen. Er stand auf der Treppe, während Quasi sich nicht mehr zu halten vermochte und hinunter taumelte.

Blitzschnell hatte Kordel den Vater zu sich in die Thüre gezogen und diese geschlossen; den Burschen hatte seine Körpergewandtheit vor dem Sturze bewahrt. Er war mehr gesprungen als gefallen und tobte im nächsten Augenblicke die Stiege wieder herauf, um an der Thüre zu poltern und zu drohen. Bald sah er die Vergeblichkeit seiner Bemühungen ein und ging. ?Das sollst Du mir entgelten ? wart?!? schrie er und verließ die Mühle.

Kordel, erschöpft von Anstrengung und Schrecken, war in halber Ohnmacht auf?s Lager gesunken; der Alte hatte sich zu ihren Füßen auf den Boden gekauert, streichelte ihr Hände und Gewand und brummte. ?Mein Kordel ? nichts thun lassen ? Kordel mein ??

? ? ? Tief in den Bergen hatte indessen längst ein verdächtiges Regen, eine geheimnißvolle Thätigkeit begonnen. Der Mond war nach Mitternacht hinuntergegangen, und fast undurchdringliches Dunkel lag auf dem wilden Waldthale, durch das die Wimbach rauschend ihr steiniges Bette wühlt. Kaum in nächster Nähe war es möglich, die Umrisse der Seitenberge und ihrer Waldgruppen zu unterscheiden, und die schauerliche Felspyramide des Hundstodes, der wie eine riesige Mauer das Thal abschließt, hob sich nur schwach von der Schwärze des Nachtimmels ab. Todesstille waltete weit und breit; nur manchmal tönte der Schrei einer Eule, und in den Latschen und Zwergföhren rauschte es hin und wieder von unheimlichem Leben.

Im Hintergrunde des Thals, am Fuße des Hundstods saßen zwei Männer in bäuerischer Kleidung; mit geschwärzten Gesichtern, den Stutzen zwischen den Beinen, kauerten sie unter einem überhangenden, durch Tannengestrüpp verborgenen Felsblock und schauten spähend in die Nacht hinaus.

?Es dauert lang?,? flüsterte der Eine, ?wenn sie nur nit erwischt worden sind!?

?Warum nicht gar!? erwiderte der Andere ebenso. ?Wer sollt? sie erwischen? Aber es ist ein weiter Marsch von Saalfelden herauf bis zu uns, und der Weg am Funtensee-Tauern, über den Trischübel und das steinerne Meer herunter ist keine Kleinigkeit!?

?Haben ja den schönsten Mondschein gehabt! ? Soll einen Hauptfang geben diesmal!?

?Das will ich meinen! Die Tyroler kommen mit einer ganzen Ladung Tabak und Uhren und Seidenzeug ? wir haben nichts zu thun, als die Päck? vollends hinaus tragen, bis in die Ledermühl ? und kriegt jeder baare fünf Gulden. ??

Der Andere winkte ihm zu schweigen und horchte noch gespannter als zuvor. ?Hörst nichts?? sagte er dann. ?Ich hab? gemeint, ich hör? was gehen, dort am Steinberg herunter. ??

?Ich hör? nichts. Vielleicht sind einige von den Unsrigen. Wer sollt? es sonst sein? Die Grenzwächter sind irr? gemacht und vigiliren heut? Alle drüben, nach der Schönau zu; wir haben ihnen weiß gemacht, es käm? ein Zug über den Bartlmäsee her. ? Haben wir doch überall unsere Schildwachen ausgestellt. ??

Er verstummte und lauschte eine Secunde, indem er die Hand an?s Ohr hielt und sich auf den Boden niederbückte. ?Jetzt hör? ich auch was,? sagte er, ?da kommt wirklich was daher. ? Halt, Kerl,? rief er lauter, aber mit unterdrückter Stimme. ?Keinen Schritt ? oder ich laß? Dich meinen Stutzen verkosten!?

Der Angehaltene blieb stehen und hatte rasch die Büchse herabgerissen, die über der Schulter hing. Es war Mentel, der mit rascher Bewegung hinter einen Baum getreten war. ?Thu? Deine Spritzen weg!? sagte er, ?oder es schnallt bei mir! Was haltet Ihr mich an? ich hab? nichts zu schaffen mit Euch!?

?Den kenn? ich,? sagte der eine Schwärzer zu seinem Cameraden. ?Das ist der Mentel vom Bühelhof ? den haben wir nit zu scheu?n!?

?Was willst nachher um die Zeit in der Wimbach?? fragte mißtrauisch der Andere.

?Auf den Hundstod will ich hinauf,? sagte Mentel, ?will mich auf ein Gamsel anpürschen ? da heißt?s früh beim Zeug sein, wenn Du?s verwinden (ihnen den Wind abfangen) willst!?

?Das kann sein und kann nicht sein auch,? entgegnete der Schwärzer wieder. ?Besser ist besser; jetzt bleibst einmal bei uns, damit Du uns nit verrathen kannst. ??

Mentel wollte Einwendungen machen, aber im nämlichen Augenblick war er von rückwärts gepackt und der Stutzen ihm aus der Hand gerissen. Der andere Schwärzer hatte ihn unbemerkt umgangen und Beide hielten ihn nun lachend fest. ?Gieb Dich, Wildschütz, gieb? Dich,? rief der Eine, ?es ist nit soweit gefehlt, wenn Du bei Schwärzern bist ? aber halt? Dich ruhig, wenn Du nicht meinen Schnitzer zwischen den Rippen haben willst!?

Leises Pfeifen tönte jetzt gegenüber von den Bergen herab; es war ein schrillender, schwirrender Ton, wie jener der Wassernatter, wenn sie Nachts den Kopf aus dem Graben oder dem nassen Grase hebt. ?Sie sind da!? flüsterte es. ?Die Tyroler sind?s!? und bald tauchte unter den Latschen und Felstrümmern eine ziemliche Anzahl wilder geschwärzter und bewaffneter Gestalten empor und drängte sich im Knäuel zusammen. Von den steilen Bergwänden aber stieg eine Reihe von Männern in breitkrempigen Pinzgauer Hüten herab, schwere Anhängsäcke auf dem Rücken, in der einen Hand den Bergstock, in der andern das Rohr des über die Schulter hängenden Stutzens.

Sie traten zu den Anwesenden; sie begrüßten einander, aber kein lautes Wort wurde gewechselt; unter halblautem Flüstern und beim Schein einer kleinen Laterne legten die Einen ihre Ladung ab, die Andern schickten sich an, sie aufzunehmen. Die Schnapsflasche ging dabei fleißig in der Runde herum, um Jene nach der ausgestandenen Mühe zu erquicken und Diese zur neuen Arbeit zu stärken.

Eben wollte man sich, lautlos wie man gekommen war, trennen, als eine wilde Stimme gebieterisch von einer nahen Höhe herunter rief: ?Halt, Ihr Kerls! Diesmal haben wir Euch ? Keiner rührt sich von der Stelle, oder er wird niedergeschossen!?

Ein einziger Schrei antwortete dem Ruf. ?Die Grünen!? hieß es, und ?Lichter aus!? und im Augenblick war von den Schwärzern nichts mehr zu sehen, nichts war zu hören, als das Knacken der aufgezogenen Hähne an den Gewehren.

?Gebt Euch gutwillig,? rief es wieder. ?Legt die Stutzen nieder ? Ihr seid umringt!?

Kein Wort wurde erwidert; als einzige Antwort knallte ein Stutzen nach der Richtung hin, von welcher das Rufen kam. Verdoppelt, verdreifacht kam der Knall von allen Seiten zurück, und eine überlegene Schaar von Jägern, Grenzwächtern und Gensd?armen stürzte rings auf die Ueberfallenen ein. Viele davon hatten sich im ersten Augenblick zerstreut und kletterten im Schutze der Nacht die Felsen hinan oder unter den Latschen dahin, die Zurückgebliebenen setzten sich mit dem Muthe der Verzweiflung und Todesverachtung zur Wehre, Jedem winkte noch die Möglichkeit des Entrinnens, Jedem schien ein rascher Tod wünschenswerther als eine lange, schwere entehrende Strafe. Ein wildes, blutiges Handgemenge entstand; der hing würgend an der Kehle des Andern, der hatte seinen Feind zu Boden gerungen und trachtete, ihm den Schädel an den schroffen Felskanten zu zerstoßen; der Eine hob die losgeschossene, in der Nähe nicht mehr brauchbare Büchse, um mit dem Kolben niederzuschmettern, ein Anderer hielt den Gegner um die Mitte und suchte ihn in das Flußbett der Wimbach hinabzuschleudern ? dazwischen knallten die Stutzen, den Fliehenden nach und von ihnen zurück; Geschrei der Kämpfenden mischte sich in den Wehruf der Verwundeten und Stürzenden, und wie erfreut rollte der Wiederhall des Getöses an den nächtlichen Felswänden des Gebirges dahin.

Die Schwärzer unterlagen zuletzt; sie waren in der Minderzahl, und die Grenzwächter, denen der Anschlag verrathen gewesen, hatten ihre Vorkehrungen zu bestimmt und zu sicher getroffen. Alle Zugänge waren bewacht; es waren die Wenigsten, denen zu entrinnen gelungen war; die Meisten stöhnten verwundet, gebunden und geknebelt am Boden; die Angreifer hatten weniger gelitten ? sie waren im Eifer über das Gelingen bemüht, zuerst den glücklichen Fang zu ordnen und zusammenzupacken, dann luden sie ihn den Gefangenen auf und begannen den Rückzug.

Auch Mentel war unter den Entronnenen. Als gewandter Jäger und wohlbekannt mit der Oertlichkeit hatte er im raschen Laufe einen Felszacken erreicht, jenseits dessen ein kleines schmales Thälchen anging und sich eine Strecke weit an der östlichen Seite des Steinbergs hinzog. Dort durfte er für den Augenblick einen sichern Versteck und bei Tagesgrauen einen nur Wenigen bekannten Ausweg hoffen, der in die Ramsau hinunterführte. Ein kühner Sprung mit eingesetztem Bergstock trug ihn in die Tiefe, doch erreichte er nicht das Ende des Abhanges: das Steingeröll, durch sein Aufspringen gelockert, machte sich los und riß ihn kopfüber eine beträchtliche Strecke hinab. Mit zerrissener Jacke, blutenden Händen und zerschundenem Gesicht raffte er sich wieder auf und eilte durch das Thälchen bis zu einer verlassenen Kohlstätte und Hütte. Er riß, da sie verschlossen war, mit kräftigem Ruck die rußigen Breter auseinander, stieg hinein und verwahrte von innen sorgfältig die Lücke. ?Diesmal,? sagte er vor sich hin, indem er sich auf die Streu im Winkel niederwarf, ?diesmal bin ich hart am Erwischtwerden angestreift ? da hat?s gegolten!?

Während dieser Vorgänge war Quasi durch die Ramsau im Dunkel der Erlen und Ahorn an der Ach dahingelaufen und hatte bald den Einschnitt erreicht, wo die Wimbach, nachdem sie sich durch die Klamm gestürzt und gedrängt, sich mit ihr vereinigt. Er flog die rasigen Hänge hinan und bog eben auf der Schneide nach dem Waldsaume ein, wo ihm am obern Ende der Klamm der Lauerposten angewiesen war. Vergebens hatte er sich überall nach dem vorangeeilten Gefährten umgesehen und war emsig daran, mit einer aufgerafften Kohle sich das Gesicht zu schwärzen. Da hielt er an und horchte hoch auf: die Schüsse krachten herüber aus dem Wimbachthal.

?Teufel,? rief er, ?die sind richtig mit den Grünen zusammengetroffen ? Da geht?s scharf her ? Schuß auf Schuß ? Da kann ich auch nichts mehr helfen dabei ? es ist gescheidter, wenn ich auf mich selber denke ??

Er untersuchte das Schloß seiner Büchse, lüftete in der Lederscheide das Messer, das er in der Tasche trug, und huschte unter den ersten Bäumen abwärts gegen den Ausgang der Klamm zu. In dem tiefen Rinnsal dachte er die Straße und die jenseitigen Höhen erreichen zu können, wo wenigstens für den Augenblick nichts mehr zu fürchten war. Eben wollte er sich an das Rinnsal hinunterlassen, als er, noch einmal die freien Hänge überblickend, von draußen her ein Blinken zu bemerken glaubte, das ihm verdächtig schien. ?Da wär? ich schön angekommen,? murmelte er, ?das ist ein Bajonnet, was dort so blitzt ? da stehen Gensd?armen ? ich will gleich in die Klamm hinein, da bin ich am sichersten ??

Der Gedanke war schnell ausgeführt; er huschte den engen Waldpfad hinab und betrat den schmalen, in die Felswände eingetriebenen Holzgang, unter welchem die sturzeswilde Wimbach schäumt und brandet und donnert. Obwohl das Gebrause den Hall seiner Tritte verschlang, schritt er doch nur behutsam vor, und spähte stehenbleibend vor sich und hinter sich. Ueber der grabesfinstern Schlucht begann schon der Morgen zu grauen, und bei dem fahlen Scheine, der davon oben durch den Spalt und die Bäume drang, erkannte er schon den quer über dem Hauptkessel angebrachten Steg. Dort war sein Ziel erreicht; unter dem Stege, wenig erhoben über dem rasenden Gewässer, wußte er ein Felsstück, in welchem eine Höhlung ausgewaschen war, groß genug ihn aufzunehmen und sicher vor jedem Späherauge. Er warf keinen Blick nach dem Wassersturze oder zu den zahllosen Quellen, die auf dem schwarzen Felsgrunde wie graue gespensterhafte Gewänder niederwallten ? schon wollte er den Geländerbalken erfassen, als er zurücksprang und sich mit angehaltenem Athem gegenüber platt an die Wand drückte.

Er hatte eine dunkle Gestalt gesehen, die ihm entgegen um die Felsecke bog. Es war zu spät; auch der Kommende hatte ihn bereits bemerkt. Es war Gaberl, der Jäger, der die Klamm zu durchstreifen hatte, während die Uebrigen mit den Gefangenen und ihrer Beute das Bergsträßchen oben durch den Wald dahin zogen.

?Halt!? tönte es Quasi entgegen, und da er nichts erwiderte, krachte ein Schuß durch den brüllenden Schlund, und die Kugel schlug hart neben dem Burschen an?s Gestein. Er wollte vorstürzen, denn jetzt war er im Vortheil gegen den Angreifer, der sich verschossen hatte, aber dieser war beinahe so schnell wie seine Kugel: er stand vor ihm, hielt ihn am Halse und drängte ihn an die Wand mit der Kraft des Bären, der seinen Raub umschlingt und erdrückt. Der Bursche wand und drehte sich unter den Eisenfingern des Jägers; die Jacke zerriß ihm über dem Ringen und er zerriß sich das Gesicht an den scharfen Knöpfen des Gegners, daß ihm das Blut herunterrieselte. ?Wehr? Dich wie Du willst,? keuchte der Jäger, ?ich hab?s immer gesagt. Du gehst mir einmal ein ? ich kenn? Dich doch, wenn Du auch nichts redst ? lebendig lass? ich Dich nimmer aus!?

Quasi schwieg, aber er wehrte sich und rang noch wilder als zuvor; es gelang ihm, eine Hand frei zu machen ? blitzschnell hatte er sie in der Tasche, und ebenso rasch taumelte der Jäger mit einem schwachen Aufschrei, ihn loslassend, zurück.

Des Jägers Kniee knickten ein, er schwanke dem Geländer und dem Abgrunde zu ? Quasi warf keinen Blick nach dem Verwundeten zurück und rannte den Felsensteig hinauf in den Wald.


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