Anselmus Rabiosus Reise durch Ober-Deutschland.

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Oesterreich.

? ? Zuweilen sagt auch ein leichtsinniger Scribent etwas Wahres.

Litterarische Monate.     
Wien, bey Johann Thomas Edlen
von Trattnern. 8. December 1776.
Seite 123. Denkw. v. Wien.   

Linz. Landcharte Oesterreichs. Von den schönen Linzerinnen.

Ja, es ist an dem ? Linz ist ein allerliebstes munteres Städtchen. Hier ist der Standpunkt, den man sich aussuchen muß, um die Lage Oesterreichs zu betrachten.

Der schöne, reine und lachende Himmel, der sich nach Wien hinab ergeußt, giebt dem Aug Stärke.

So weit sich mein Sehrohr erstreckt, werde ich eine ziemlich fruchtbare Flur gewahr. Wenig Städte und Dörfer ? destomehr Klöster und adeliche Häuser. Gesunde und wohlgestaltete Menschen. Jenseits der väterliche Donaustrohm, von dem uns Marsigli eine sehr vollständige und sehr prächtige Beschreibung gegeben.

Dieser Fluß, welcher wechselsweis von dem Blute der Saracenen, der Franzosen, der Engländer und Deutschen gefärbet worden, ziehet dem Haus Oesterreich, in dessen Schoß er fleußt, unendliche Vortheile zu. Sie bestehen in der Erleichterung der Truppentransports, der Munitions- und Lebensmittelzufuhr, und in der Handlung. ? Disseits die Safrangärten, welche wegen der Güte ihrer Gattung berühmt sind. Eine gelinde und freundliche Atmosphäre. Wohlthäthige Gesetze. Frugale Sitten. Eine holde Natur.

Dieser glückliche Himmel ists, unter welchem die schönen Linzerinnen wachsen. Zwar scheint es, daß man dieses Kompliment mehr ihrer Kleidertracht gemacht habe, als ihrer Person. Die meisten Mädchens sind klein. Aber ihre Bildung ist von griechischem Profil, und ihre Kleidertracht ist sehr interessant.

Um hievon mit Geschmack zu urtheilen, muß man in das eine halbe Meile vor Linz liegende Frauenzimmerkloster gehen. Hier befindet sich das Bild einer Oberösterreicherin in Lebensgrösse. ? Nichts vollkommeners hat man in der weiblichen Schönheit, in der Grazie des Wuchses und der Bildung eines Frauenzimmerkörpers, nichts prächtigeres in der Kleidung gesehen. Die Legende behauptet, weil das ganze Land von der Schönheit dieses Mädchens bezaubert gewesen wäre, so hätte sie ausdrücklich der Mutter Gottes ein Opfer damit machen wollen.

In der That scheint sie diese Höflichkeit mehr dem heiligen Antonius schuldig gewesen zu seyn, welcher der Schutzpatron von Oberösterreich ist.

Vom Strudel und Wirbel. St. Poelten. Neustadt.

Dicht an dem alten Städtchen Ips, wohin Herzog Ernst die schöne Magellone flüchtete, ist der berufene Donaustrudel. Man sagt, daß die Kaiserin Königin geruhet hätte, Vorschläge anzunehmen, diesen kritischen Fleck gänzlich wegzuräumen. Vermuthlich würde dieser, der berühmten Neigung jener großmüthigen Prinzessin für die Verbesserung des Wohlstands ihrer Staaten, sehr ähnliche Entwurf in der Geschichte ihrer glänzenden Regierung eine merkwürdige Stelle machen. Aber da die Gefahr nicht im mindesten Verhältnisse mit den Unkosten stehet, so zu dieser Unternehmung gehören, so ist zu vermuthen, daß es die Finanzkammer für keine ihrer convenablesten Operationen halten werde.

Der Strudel bey Ips ist ein unbedeutender Fleck, welcher durch die Schiffer und Bettelleute ins Geschrey gebracht worden. Diese, welche auf kleinen Nachen herbeyrudern, fodern den Reisenden ein Allmosen ab, gegen das Versprechen, bey einem gewissen Heiligen, welcher die dortigen Gewässer beschützt, vorzubitten. Allein, da sie den nämlichen Weg zu betreten haben, und ihre Böte ungleich gebrechlicher sind, als die Marktschiffe, für die sie sich interessiren wollen, so siehet man, daß sie nöthiger hätten, für sich selber besorgt zu seyn. ? Bey jenen ist es eine Schifferpolitik, den Strohm an einigen Orten verdächtig zu machen, um die Frachttaxen in ihrer Höhe zu erhalten.

Das Schrecken, welches sich in die Welt der Handwerkspursche verbreitet hat, hat das Publikum verführt. Man sagt den Schneidergesellen, die zu Regenspurg einschiffen, daß der Strudel ein ungeheurer Schlund sey, welcher die Schiffe, die sich ihm nähern, verschlinge ? so wie der Riese Gargantua. ? Wenn sie in Wien angelangt sind, so erzählen sie ihren Meistern und deren Frauen, daß sie die Gefahren des Colombs und des Ulysses überstanden hätten.

Diese, welche den Schiffbruch aus der Opera Dido kennen, zittern bey der Erzählung. Sie berichten es dem Autor, der bey ihnen zu Gast zu speisen pflegt. Er ermangelt nicht, es sich zu Nutze zu machen. So sind die Werke der Popowitsche, der Weiskern und anderer entstanden: Werke, die in dieser Art eben so viel werth sind, als die Fabeln des Herodots oder des Gullivers.

Die merkwürdigsten Städte ausser Wien und Linz, sind St. Poelten und Wienerischneustadt. Sie sind die Zufluchtsörter des unvermögenden Adels, und der Pensionisten, welche der Aufwand und die Theurung aus Wien verjagen. Deswegen haben sie eine Art von Hofton an sich. Sie haben ihre Gesellschaften, ihre Bälle und ihre Theater.

Als im Jahr 1761 jemand zu Wien den Satz aufwärmte, daß die Musen die Ruhe liebten, und daß die Zerstreuungen der Stadt der Natur der Studien widersprächen, so brachte man Wienerischneustadt in Vorschlag, um die Universität von Wien zu verlegen.

Man fieng an, im Ernste von diesem Entwurfe zu sprechen, als der Hof einen Vortrag erhielt, worinn ihm vorgestellt wurde, daß nach der Verfassung der Studien und des Geschmacks des heutigen Jahrhunderts, nicht genug wäre, wenn ein junger Gelehrter dasjenige besäße, wozu ihn die Wissenschaften ohnehin beriefen; sondern daß man, zum Beyspiel von einem Schüler der Polizeywissenschaft, des Finanz- und Handlungswesens, fordere, daß er Filet stricken, daß er ein Pas de deux aus dem Ballet Agamemnon tanzen, daß er Eau de la Marschalle ansetzen, und durch die Zähne reden könne. Sachen, die sich nirgends anders, als im Umgange mit der feinen Welt, lernen.

Sittliche Geschichte Oesterreichs unter der Regierung Marie-Theresens.

Je mehr sich ein Volk der natürlichen Simplicität nähert, desto leichter ist, dasselbe zu bilden. Diß ist der Zufall des Fohi, des Sesostris, des Con?Fut?Se, Karls des Großen, Muhammeds, Peters I, und anderer Männer, die sich durch die Gesetzgebung, oder durch die Bildung der Nationen berühmt gemacht haben.

In der Geschichte jeden Volks liegt ein Zeitpunkt, wo es zu einer allgemeinen Wirksamkeit erweckt wird.

Dieser Zeitpunkt bestimmt beydes, den Charakter und das Schicksal derselben. Ihn geschickt zu haschen, war das Verdienst jener Männer. Die Grundsätze, welche eine Nation zu dieser Zeit annimmt, haben ewige Eindrücke.

Solon und Brama lebten unter Völkern, wo sich die Gesetze nach den Sitten richten mußten, und nicht die Sitten nach den Gesetzen. Sie herrschten mehr durch Gründe als durch Zwang. Es lag ihnen nicht nur ob, gute Gesetze zu erfinden; sie mußten die Menschen geschickt zu machen suchen, denselben nachzuleben. Bey ihren Nachfolgern hat sich die Maxime geändert. Die Macht giebt Gesetze, und die Sclaverey erzwingt, sie anzunehmen. Wenn die Religion den Nachtheil, welchen dieser Wechsel der Bildung der Sitten zugefügt hat, nicht verbesserte, so wären die Menschen verlohren.

Ists möglich, der Codex austriacus, und der Codex Theresianus, die neuesten Gesetzsammlungen, die man in Oesterreich hat, enthalten nicht eine Zeile, welche würdig wäre, im Gesetzbuche Rußlands oder Sardiniens zu stehen? ? Ach, Sterbliche! ein gutes Gesetz ist ein Stück vom Steine der Weisen.

Nichts ist gewisser, als daß die Sitten mehr beytragen, die Denkensart und den Willen einer Nation zu bestimmen, denn die Gesetze selbst. Die Sitten bestimmen den Grad der Vernunft, des Witzes, der Beugsamkeit, der Großmuth, der Mäßigkeit, der Tapferkeit und der Gottesfurcht derselben ? Tugenden, wozu man das Gemüth nicht zwingen kan. Die Gesetze kommen erst sehr spät. Sie lehren uns nicht, was wir lieben, sondern was wir hassen sollen. Diß ist ihre Unvollkommenheit.

Sie erleuchten weder den Verstand noch das Herz. Der Codex, welcher mit dem unsterblichen Namen Marie-Theresiens pranget, athmet nicht eine Spur von dem Originalcharakter der Nation, von den Wirkungen des Clima, von dem angebohrnen Hange der Menschen zu Tugend und Laster, von der philosophischen Anschauungskraft eines Verbrechens, von der natürlichen Billigkeit, von dem Rechte der Menschen, welches vor dem Rechte der Gesellschaft hergieng.

Diese Erkenntnisse sinds, welchen man eine der neuesten und interessantesten Erfindungen im Reiche der Sitten schuldig ist. Die Errichtung der Normalschulen, welche in Oesterreich ihren Ursprung hat, ist die wichtigste unter allen Wohlthaten, die wir dem Jahrhunderte Marie-Theresiens schuldig sind; die schimmerndste Katastrophe in der merkwürdigen Geschichte ihrer Staaten.

Es war nicht wohl möglich, zu dieser Unternehmung zu gelangen, bis das Schicksal den Fall der Jesuiten vollführt hatte. Diß ist die Epoche der Nationalbildung Oesterreichs. Der Tag stund hinter den Ruinen der Jesuiterkollegien. Sobald jenes Idol gestürzt lag, und man versichert war, es würde sich von seinem Falle nicht mehr erheben, so ergrif man den Zeitpunkt.

Der erste Leitsatz, welcher dem Staate ins Gesicht fiel, war der Ausspruch des Agesilaus. »Was müssen die Kinder lernen?« fragte man den Weltweisen? ? »was sie als Erwachsene thun sollen« antwortete er. ? Bisher hatte man gerade das Gegentheil gelernt.

Die Staatsklugheit der vorigen Zeit war diesem Lehrsatze um so viel entgegengesetzt, als die Gesetze mehr auf die Macht und Bequemlichkeit des Staats abzielten, als auf die Bildung der Nation. Die Regierung Marie-Theresiens nähert sich der Weltweisheit der Alten um soviel, als man der Bildung der Nation den Vorzug vor dem ökonomischen Nutzen des Staats gegeben hat.

Provinzialcharakter (österreichischer.) Eine Probe aus der politischen Rechenkunst.

Wenn man von dem angebohrnen Charakter eines Volks reden will, so sollte man die Urkunden dazu allezeit ? nicht vom Lande ? noch weniger von der Stadt, sondern ? von dem Betragen ihrer Nationalen unter einem fremden Himmelsstriche, nehmen.

Man hat diese Gelegenheit in Ansehen der Oesterreicher selten. Der geringe Mann reist nicht viel aus: und was die Herrengattung betrift, welche man größtentheils zu Wien findet, so sind ihre Sitten so unbestimmt und so zusammengetragen wie ihr Geblüt.

Wenn man ihr Feld betrachtet, so fühlt man sich nicht zu einem günstigen Vorurtheil von ihrem Fleisse geneigt. Allein die Entvölkerung entschuldigt sie. Das junge Volk in Oesterreich läuft, sobald es die Beine tragen können, nach Wien, um die Livree anzuziehen, und in den Ställen, Kucheln und Zimmern zu dienen. Hier verfeinern sie ihre kleine Personen. Wenn sie wieder aufs Land zurückkommen, so haben sie Eckel an der Arbeit.

Die jungen Bauren scheuen sich, einem vornehm gewordenen Mädchen ihr Bett anzutragen. Der Bürgersmann verachtet sie zu sehr, um sie des seinigen zu würdigen. Diese ausgewechselten Nymphen bleiben also ledig sitzen, und opfern ihr zurückgebliebenes Antheil an der Bevölkerung dem heiligen Antonius auf.

Nach dem meisten Theile betrachtet ist der Oesterreicher von einem aufrichtigen, gutthätigen und beugsamen Naturell. Ihre Mädchens sind rund, lebhaft und munter wie die Rehe.

Ich habe mir die Sammlung der seit den letzten Jahren zu Wien in Druck gekommenen Bluturtheln weisen lassen, welche sich ein philosophischer Zuschauer mit ununterbrochener Aufmerksamkeit erworben hat. Aus derselben habe ich mir einen Auszug nach meiner Art gemacht.

Ein Jahr ins andere gerechnet finde ich 6¼ öffentliche Hinrichtungen in der Hauptstadt. Hiebey verhält sich die Nation zu den Ausländern 4¼ = 2.

Unter diesen 4 Subjekten, welche das Innland beyträgt, sind

Vergiftung, Meuchelmord, Rache, Mordbrennerey und andere Laster der höchsten und ausgesonnenen Bosheit 0.
Sodomie 0.
Kindsmord 1.
Diebsgriffe, Intriguen, umschweifendes Leben, und dergleichen Wirkungen des Elends und der Armuth 3.

Fortsetzung des Provinzialcharakters. Die Journalisten zu Wien.

Was die Kultur des Verstands unter den Oesterreichern anbetrift, so höre man einen ihrer Chronicker:

»Unser Verstand ist immer übel geleitet
»worden. Einst krochen wir unter der Tyran-
»ney der Jesuiten. Als diese fort waren, so
»kam zum Unglück die Schöngeisterey ? statt
»der Philosophie. Wir hatten noch gar nichts
»im Reiche der Wissenschaften gethan. Die
»Nation besaß nicht Eine eigene Erfindung.
»Wir kannten weder den Gebrauch der Mecha-
»nick, noch der Sittenlehre aus Grundsätzen.
»Die Naturkunde und die ausübende Geome-
»trie lagen noch im Traume.

»Einige unserer vaterländischen Genies
»wollten von der Geschichte, und endlich Sonnenfels. von
»der Handlung reden. Sie wurden von einer
»Reihe junger Leute unterbrochen, welche an-
»fiengen, Eklogen und Oden auf Flöten zu
»spielen. Der Haufe hieng sich an diese junge
»Spielleute. Man verließ die Weltweisheit.
»Es schlugen sich zwo leichtsinnige Schwe-
»stern Melpomene und Thalie. zu den Spielleuten: ihr Gefolge ist
»die Schaubühne. Nun ließ man die Nation
»tanzen, bis sie in Schweiß gerieth. ? ?
»? ? ? ? ? ? ? ? ?
»Der Tanz würde nicht aufgehört haben, wenn
»die Spielleute nicht von einer Furie gestöhrt
»worden wären, welche das Reich der Musen
»ausgespien hat. Kritik ist ihr Name. Ihre
»schmetternde Stimme unterbrach die Lust.
»Die Wissenschaften schöpften wieder einige
»Hofnung. ? Ach! sie waren noch zu jung,
»um zu wissen, daß diese Fremde von einem
»unverträglichern Naturell ist, als die Scherze
»und die Flöten.«

Das, was in dieser Allegorie Wahres liegt, ist, daß die schönen Künste und die Kunstrichterschaft für das Alter der Litteratur in Oesterreich zu frühe affigirt worden sind.

Vermuthlich sind es die heutigen Journale nicht, auf welche der Staat Aussichten macht. Die Policey zu Wien betrachtet ihre Verfassere, so wie man in Westphalen Schweinschauer hält, um das Vieh so zu Markt gebracht wird, zu examiniren, ob es gesund oder krank sey? Sie geben die Woche hindurch ein bis zweymal Nachricht von den wirklich grassirenden Krankheiten, von dem neuen Triebe, der angekommen ist, von der schlechten Waare, die auf dem Markte geht.

Statistick.

Die Policey ? in sofern ihr Grundsatz die innere Sicherheit des Staats ist ? eilt demselben in Oesterreich mit großen Schritten entgegen.

Unstreitig gründet sich die innere Staatssicherheit auf das Ansehen der obersten Gewalt, welches in der Güte der Gesetze und in dem Verhältnisse der Stände gesucht werden muß. In der That, der Hof hat eine der sichersten Maasregeln ergriffen, um die Reichthümer des Adels und der Klöster zu verflößen, die sich durch die Regierungen der Leopolde und Ferdinande anhäuften. Wo sind die Nachkommen des mächtigen Herzogs von Friedland? Im Spital. Der reiche Erbe des Grafen Czobor ladet sich, nach dem Beyspiele Henrich des Großen, bey seinen Freunden zu Gast. Die Klöster zu Mölck, zu Neuburg, zu Mariataferl dienen zu keinen Mastungsställen mehr.

Nirgendswo trift man vollkommenere Anstalten zu Begünstigung der Landökonomie an. Die Einschränkung der Geistlichkeit, die Abstellung der Frohndienste und die Verminderung der Feyertäge; die bey der Armee eingeführten Kapitulationen; die abgeschafte Jagdlust; die Errichtung der Ackerbaugesellschaften, und endlich das auf den möglichst mittlern Ertrag eingerichtete Steuerregulativ, sind so viel Linien, die sich in der Aufnahme des Ackerbaues, als einem Mittelpunkte, vereinigen.

Welch ein blühendes Feld eröffnete sie nicht der Handlung. Sie hat, wo möglich, noch übertreffendere Beförderungsmittel. Nichts ist vollkommener als die Landstrassen in den österreichischen Staaten. Sie verdienen mit Recht den Namen, so sie führen, Kayserstrassen. Das Monopol ist abgeschaft. Die Zünfte werden von dem Unsinne, der sie in ganz Europa drückt, gereinigt. Der Hof giebt jährlich einen baaren Beytrag zur Emporbringung des einheimischen Handels von 1,650000 Gulden.

Im Jahre 1775 ließ die Kayserin Königin, um den Fleiß und die Wandlung zu ermuntern, dem ganzen Kaufmannsstande zu Wien den Adel anbiethen. Es ist wahr, Alles lief herbey, Gewürzkrämer und Buchdrucker. Aber sie konnte nur Einen Baron Fries machen. Die Provinz war unendlich glücklicher. Böhmen, Tyrol, Steyermark, Kärnthen weisen einige Männer auf, deren Genie dem Staate Nutzen, und deren Reichthümer dem Vaterlande Ehre machen. Man kennt den Herrn von Strolendorf zu Klagenfurt. Er ist einer der nützlichsten und reichsten Bürgere der Monarchie. Seinem Fleisse hat man eine berühmte Stahlfaktorey, und einige andere wichtige Etablissements zu danken. Er hat dem Staate drey Enkel geschenkt, deren Erziehung den Ansprüchen des Vaterlandes entsprechen.

Fortgesetzte Statistick.

Die großen Hülfsquellen der österreichischen Monarchie bestehen im Staatskredit, im Kreislaufe des Geldes, und in der Geschicklichkeit der Finanzoperationen des gegenwärtigen Ministerii.

Wer sollte glauben, daß die Staatseinkünfte des Hauses Oesterreich heute zu Tag um 18¼ Millionen größer sind, als zu den Zeiten, wo der Hof noch die Kronen Spanien und Neapel, und die Goldgruben von Peru und Mexico mit seinen Ländern vereinigte? So wahr ist die Maxime, daß das Uebermaas der Kräfte nicht das Glück eines Staats macht, sondern der gute Gebrauch derselben.

Der unermeßliche Staatskredit, welchen der Wiener Hof hat, ist aus der Sicherheit seiner Operationen, und aus jener Redlichkeit entsprungen, welche zu allen Zeiten ein unterscheidender Charakter seiner Politik war. Die Verfeinerung der Bank, und die Abschaffung der Pachter hat ihn vermehrt; aber die Kriegsmacht und die Bildung der Armee in den heutigen Zeiten hat ihn über sich selbst erhoben.

Diejenigen, welche die österreichische Armeen noch unter dem Prinzen Eugen, unter dem Feldmarschall Khevenhüller, und selbst unter dem Feldmarschall Daun gekannt haben, sagen, daß nicht ein Schattenbild mehr von jenen Verfassungen vorhanden wäre. Sie erstaunen über den Anblick der Artillerie und der Bewegung der Truppen. Der Grad, worauf die Oekonomie gebracht worden, die Arsenale, die Manipulation der Kriegskanzley sind Erscheinungen, welche ihren Zeiten unbekannt waren.

Sie sind das Werk eines der größten Ministere, welche die österreichische Monarchie jemals gehabt hat. Die gegenwärtige Verfassung der Armee macht in der Staatsgeschichte dieses Hauses einen unterscheidenden Zeitpunkt, den man dem Feldmarschall Lacy schuldig ist. Diese Verbesserung, welche in die Operationen des Kabinets, und in die Wagschale der Unterhandlungen so viel Gewicht legt, wurde mit einem eben so großen Muthe ausgeführt, als sie entworfen war.

Vermöge des heutigen Zustandes der Armee und des Staatskredits ist Oesterreich, welches einst unter die Mächte vom zweyten Range gezählt wurde, auf die Stufe der ersten gestiegen.

Ach! welch ein Unglück! Man siehet keine unerschöpflichen Kriegskommissare mehr; man siehet nicht mehr aus Fleischhackern und Proviantbeckern gnädige Herren werden; man siehet keinen Liefranten mehr in einem sechsspännigen Postwagen fahren, und seine Tochter an einen Fürsten ausheyrathen. Diese Leute sinds, welche mit Beyhülfe eines Haufen Blechschmiede, Riemer, Büchsenschifter, Schneider und andere niederträchtige Geschöpfe eine große Masse Fluch zusammengetragen haben, so sie auf die Kriegsökonomien des Feldmarschall Lacy wälzen. Man lacht über die Unmacht dieser Elenden: unterdessen ergiebt sich, wie vielfältig die Schwürigkeiten waren, welche sich dem Feldmarschall in Weg stellten. In der That seine Unternehmung war keine gemeine Unternehmung. Der Feldmarschall wollte nicht nur neue Begriffe einführen, sondern, was noch ein kühnerer Entwurf ist, alte Vorurtheile abschaffen. ?

Wie schwer mußte es nicht halten, Leuten, die aus den Zeiten der Menzel und der Trenk vorhanden waren, beyzubringen, der Vorzug eines Officiers bestehe nicht in dem, daß er den Ermel zurückstreife, und der vorderste beym Einhauen sey; daß dieses höchstens das Verdienst eines Wachtmeisters oder Sergeanten wäre. Wie unbegreiflich mußten diesen Leuten nicht einige andere Lehrsätze der neuen Disciplin seyn: z. B. daß Gehorsam eine eben so militarische Tugend sey, als Tapferkeit; daß man, um Muth zu bekommen, nicht nöthig habe, eine Bouteille Tockayer zu trinken; daß ein Officier mit der Feder eben so gut umzugehen wissen müsse, als mit dem Degen; daß man als ein würdiger Officier bey einem Regiment eintreten und dienen könne, ohne sich mit den Kamraden zu schlagen; daß man aus der Gottesfurcht eines Officiers den Grad seiner Tapferkeit beurtheilen könne?

Ich würde noch sehr viel in dieser Materie anzuführen haben, wenn es erlaubt wäre, von einem Metier zu reden, wozu man nicht gehöret. Man hat zu eben der Zeit, wo der tollkühne und undankbare Pöbel zu Wien ihn verspottete, das Bildniß des Feldmarschall Lacy im Kabinette Friederichs III aufhängen sehen.

Von der Magistratur des kayserl. königl. Hofs: eine Ausschweifung.

Von den Unterhandlungen zu Münster an bis auf die wegen Schlesien, und von dieser an bis auf die heutigen, klaget man über den Stolz der österreichischen Ministere. Sollte er eine Folge des Systems seyn? Vielleicht war er bey Einigen ein Fehler der Erziehung. Die Erziehung des wienerischen Adels war einst unter den Händen der Jesuiten. Sie war mehr pedantisch, als menschlich. Der Hof fügte noch eine Maxime hinzu, welche der Verfeinerung der Sitten beym Adel sehr widerstrebte, das Verbot ausser Lands zu reisen.

Nichts destoweniger ist dieser vorgeworfene Stolz ein Gebrechen, welches seine Periode hatte. Es ist heut zu Tag nicht zu vermuthen, daß ein österreichischer Minister noch ein Schlesien wagen wird, um ein Bonmot anzubringen.

Man muß wünschen, daß ein anderer Vorwurf, den man den Ministern zu Wien macht, weniger wesentlich wäre. »Wollen sie die
»Langsamkeit unserer Expeditionen kennen ler-
»nen« sagte der verstorbene Reichshofrathspräsident, Graf Windischgräz, zum Preußischen Gesandten, »so lassen sie sich eine An-
»weisung auf fünfzig ... prügel geben, und
»sehen sie zu, wers ihnen unter einem Vier-
»teljahre auszahlt.« Dieser Einfall erschöpft alles, was man von der Verzögerung der Angelegenheiten zu Wien sagen kan.

Die Langsamkeit ist ein Stück vom deutschen Nationalgenie. »Sie wirkt, so sagt ein be-
»rühmter Schriftsteller, eben die Tugenden,
»deren Fehler die Flüchtigkeit der Behandlun-
»gen bey andern Staatsverwaltungen einge-
»führt hat: eine hinlängliche Ausreifung der
»Materie und Festigkeit im Urtheile.«

Ich gebe es zu. Diesem Charakter der Verzögerung hat man es vielleicht beyzumessen, daß unendlich verdrüßlichere Laster, die die Regierung anderer Staaten drücken, z. B. die Gewaltthätigung, die Erschleichung, die Zweydeutigkeit, der Widerruf von der österreichischen Magistratur entfernt geblieben.

Unterdessen glaube ich, daß noch ein anderes Mittel vorhanden ist, den Ruhm des Ministerii zu retten. Die Manipulation der Geschäfte ist größtentheils in den Händen einer Gattung Geschöpfe, die man Dikasterianten nennt. ? Diese Dikasterianten sind Wesen, welche in den öffentlichen Aemtern dienen, und deren Beschäftigung im Detail, im Protokolliren, Registermachen, Dekretiren bestehet. ? Ihre Fatuität ist ohnausstehlich. Die ansehnlichsten unter ihnen cultiviren einige Wissenschaften, wozu mehr Aufmerksamkeit als Genie erfodert wird. Die übrigen legen sich darauf, Maccaroni, Kupidons und liebenswürdige Pflastertreter zu machen. Man siehet, daß unter den Händen solcher Leute der Gang eines Geschäfts nicht gewinnen kan.

Unstreitig ist der deutsche Reichshofrath die vollkommenste Ministerschule in Europa. Auch weiß sich der Hof zu Wien dieses Vortheils sattsam zu bedienen. Das österreichische Staatssystem wird von einer Reihe Ministere in Bewegung erhalten, die aus dieser vortreflichen Pflanzschule herkommen, und an deren Spitze der Fürst Kaunitz, und die Grafen Lacy und Hatzfeld stehen.

Das Bild der Regierung Oesterreichs: in Rembrands Manier.

»Als man nach dem Tode des 1770 zu
»Wien verstorbenen königlich Sardinischen be-
»vollmächtigten Ministers, Grafen Canalis,
»seine Brieftasche eröffnete, so fand man fol-
»gende Schilderung der österreichischen Regie-
»rung, in französischer Sprache, von des Grafen
»eigener Hand.«

Eine Gewalt, die auf Ueberzeugung und Liebe gegründet ist ? nicht auf Macht und Furcht. Gesetze, die in bekannten und auf das allgemeine Beste zielenden Endzwecken ihren Grund haben ? aber doch mehr Verordnungen, als Gesetze. Eine edelmüthige Bemühung auf Seiten derjenigen, welche unser äusserliches Schicksal zu bestimmen haben, das natürliche und geoffenbarte Licht in seiner Klarheit zu erhalten. Viel Policey auf dem Papiere, aber nicht im Publikum. Versuche durch Ausbreitung der Wissenschaften und Beförderung der Nahrungsmittel dem Laster vorzubeugen, um es nicht bestrafen zu dürfen ? ein Regent, welcher sich der Gewalt, so er über das Gesetz hat, nur bedient, um dasselbe zu mildern und Gnade zu erzeigen. Delikatesse im peinlichen Verfahren ? zum Beweise der Unvollkommenheit der peinlichen Gesetze. Sicherheit des Eigenthums. Mehr Routine als Studium. Eine Beamtenlogik, worinn der Eigennutz das Augenmerk, und die Pflichten Mittel sind, diesen Zweck zu erreichen.

Landessitte und Gewohnheiten.

Die guten Tage sind selten bey einem Volke, welches größtentheils entweder unter Pfaffen oder Edelleuten lebt. Wenn sich der Oesterreicher einen guten Tag machen will, so geht er wallfahrten. Er versiehet sich mit seinem übrigen Geld, und geht nach Mariataferl, oder nach Mariazell, oder nach Marialanzendorf. Wenn er gebeichtet und seine Seele ausgesöhnet hat; so spricht er im Ruckwege von der Kirch im Wirthshause ein, und schwelgt, bis er nicht mehr kan. Es scheint, daß die Vorsicht selbst dafür sorge, einen Gebrauch, den man zur Last der Menschen erfunden hat, in ihr Vergnügen zu verkehren.

So lang noch die ordentlichen Caravanen an gewissen Festtägen auszogen, so schlug sich das Frauenzimmer sehr häufig hinzu. Es war eine Art von Lustparthie. Man unterhielt sich, man belustigte sich, man stiftete Bekanntschaft, und kehrte des Nachts zusamm im Wirthshaus ein ? ? ? ?

Eine Kirchfahrtbekanntschaft war eine so gesetzmäßige Sache, daß sich der Ehemann nicht darüber aufhalten konnte, ohne den Wohlstand der Kirchfahrt und die geheiligten Rechte derselben zu beleidigen.

Seitdem die Regierung diese Caravanen verbothen ? oder wenigstens eingeschränkt hat, so haben die Kirchfahrten viel an ihrer Annehmlichkeit verlohren. Es ist jetzt mehr nicht erlaubt, als für sich selbst zu wallfahrten. Die Heiligen befinden sich hiebey etwas in Verlegenheit. Ihre Sachwalter, die Mönche und die Gastwirthe, haben nicht ermangelt, nachdrückliche Vorstellungen zu machen. Allein man hat sie abgewiesen, weil in den Processen zwischen der Menschheit und den Heiligen die Verhandlungen peremtorisch sind.

Die Oesterreicher lieben zuweilen die gute Gesellschaft. Sie lassen keine feyerliche Gelegenheit vorbeygehen, ohne sich zu versammlen, und Gastmale zu geben. Bey diesen Gastmalen ist es eine festgesetzte Regel, daß allezeit ein Lustigmacher zugegen seyn muß. Hiezu wählt man gemeiniglich einen Franziskaner. Diese sind die geselligsten und witzigsten Geschöpfe in Oesterreich. Es wäre des Pinsels eines Petron würdig, ein Gastmal zu beschreiben, so wie es seyn solle, welches aus einem halben Dutzend Verwaltern und ihren Frauen, aus einem Dutzend Pflegern, Bräumeistern und Pachtbeständern, und einem Franziskaner, bestünde.

Nach der Regel setzt man den Franziskaner allemal zwischen die zwey furchtsamsten Frauenzimmer. Diese neckt er, zu ungemeiner Belustigung der ganzen Tafelgesellschaft, unaufhörlich mit Zweydeutigkeiten und verblümten Einfällen. Manchmal treibt man noch einen zweyten lustigen Kopf auf, den man dem ersten gegenüber setzt, um seinen Witz zu balanciren; alsdenn übertrift die Lustbarkeit sich selbst.

Litteratur.

Alle Bemühungen zu Erweckung des Nationalgenies würden ohne Beyhülfe der Litteratur vergebens seyn.

Ich bediene mich meiner Gewohnheit, den Ausdruck der Nation selbst anzuführen, wenn sie ein Urtheil über sich fällt, indem ich einen ihrer vornehmsten Schriftsteller reden lasse.

»Das Verzeichniß der Schriften (Grund-
»sätze der P. H. und F. Wissenschaft. IIter Theil.
»Vorrede.) auf die wir als ein National-
»eigenthum Anspruch machen können, ist mit
»Einem Blicke überschauet. ? ? ? ?
»? ? ? ? ? ? ? ? ?
»Vier Bücher also sind Alles, was wir in
»dieser Gattung aufweisen können, indessen an-
»dere Nationen in allen Theilen durch die vor-
»treflichsten Schriften belehret sind.

»Dieser Mangel hat vielleicht seine Ursache
»hauptsächlich in den Schwürigkeiten, zu den-
»jenigen Hülfsmitteln zu gelangen, welche die
»Speculationen der Schriftsteller veranlassen,
»leiten, und ihnen zum Grunde dienen müssen,
»wofern sie nicht bloß schwankende, und mei-
»stens unanwendbare Entwürfe bleiben sollen.

»Die Stärke der Bevölkerung, der Zustand
»der Handlung, des Manufakturwesens, der
»öffentlichen Einkünfte, die Nerven des Na-
»tionalkredits: alles diß ist in andern Staaten
»umständlich, entweder aus öffentlichen Regi-
»stern oder Tabellen bekannt, oder wird den-
»jenigen, die sich darüber unterrichten wollen,
»sehr gern mitgetheilt. Fähige Männer sehen
»es denn für ihre Pflicht an, dem Staate dar-
ȟber ihre Anmerkungen, ihre Erinnerungen
»nicht zu versagen. Auf diese Weise vereinba-
»ret gleichsam eine ganze Nation ihre Einsicht.
»Die Zahl ihrer Räthe ist gewissermaßen nicht
»kleiner, als die Zahl ihrer denkenden Pa-
»trioten.«

Man kan nicht vortreflicher reden. Vor einigen Jahren entwarf ein junger Gelehrter zu Wien ein periodisches Blatt, wodurch er dem Publico die vaterländischen Gesetze, in ihrer natürlichen Filiation, nach und nach bekannt machen wollte. Das Blatt schien nützlich zu werden. Allein der Edle von Trattner, ein Buchdrucker zu Wien, setzte sich dagegen. Er führte an, daß er ein persönliches Privilegium habe, die Sottisen der Nation zu verewigen. Man schlug das Blatt ab.

Warum bemühet man sich um den Einfluß der Philosophie und der Wissenschaften in den Geist der Nation? Die Schaubühne hat seine Bildung auf sich genommen. Sie ists, die allein herrschen will, die den Ton giebt, für welche Staatsmänner und Komödianten arbeiten.

Sie drängte sich dicht an das Verbesserungssystem, als die Güte Marie-Theresiens die Bildung der Nation beschlossen hatte; ich will nicht untersuchen, mit wie viel Verdienst. So viel ist gewiß, daß es zu Presburg, zu Prag, zu Ollmütz, zu Brünn, zu Gräz, zu St. Poelten, zu Linz, Schaubühnen giebt. Die Pensionisten, die bemittelten Inwohner besuchen diese Theater mit Vergnügen, und die Allmanachs von Gotha und Leipzig sprechen mit Nachsicht davon.

 


 

Niederbayern.

? ? Diese Reiche gleichen den Equipagen. Die Pferde sind das Volk: die Räder sind die öffentlichen Einkünfte. Die Kutsche ist das Land, worein sich die Ministere setzen, und spatzieren fahren lassen. Der Kutscher, der auf dem Bock sitzt, ist der Regent.

Abt St. Real.

Physik.

Wenn einst das Haus Oesterreich, so wie man sich zu Wien ins Ohr raunet, zum Erbe von Niederbayern gelangen wird, so wird es nicht der schlechteste Stein in der Krone desselben seyn.

Bayern ist von der Natur nicht stiefmütterlich behandelt worden. Auf dem Felsenberge, in einem der Gärten der Churfürsten, stehet die allegorische Statue Bayerns in Metall, unter dem Bilde eines Mädchens. Das Haupt mit Eichenlaub bekrönt, zum Merkmale des Gehölzes; an dem rechten Arm eine hangende Hirschhaut, den Reichthum an Wildpret; in der linken Hand eine Kornähre, den Ueberfluß an Getraide; zu den Füßen eine Salzscheibe und eine Biertonne, die vornehmsten Landeszeugnisse auszudrücken. Das Piedestal stellet den Donaufluß und die Viehzucht vor.

Das Mädchen selbst deutet vermuthlich die Vorzüge dieses Produkts, in Bayern, an.

Es ist wahr, die Zusammensetzung dieser Sinnbilder ist nicht von äusserst feinem Geschmack: aber man begnügt sich, daß sie von der Wahrheit selbst erfunden sind.

Bayern ist ungemein bevölkert, und schön bevölkert. Die Werbofficier zu Regensburg behaupten, daß sie sich getraueten, 6000 junge Mann in Bayern auszuheben, die im Alter, Wuchse und Schönheit alle unter Einer Linie stünden. Die bayerschen Officiere setzen hinzu, daß ihr Land wol 15000 zum Dienst fertige Mannschaft enthielte. Die bayerschen Bauren sind die schönsten Kerle in Oberdeutschland, und die Mädchens übertreffen ihre Nachbarinnen gegen alle vier Weltseiten.

Finanzpolitik. Eine Meynung vom Mauthwesen.

Man könnte den Ertrag des Churfürstenthum Bayern leicht bestimmen, wenn es erlaubt wäre, die Einkünfte grosser Herren zu kontrolliren. Sie sinds nicht, worüber man sich beschwert: die Ausgaben sinds ? man tadelt den Ueberfluß des Civiletats allhier.

Da die Handlung in diesem Lande nichts ist, so bestehen die Quellen der Finanz größtentheils in der Steuer. Sie ist die menschlichste und natürlichste unter allen Auflagen, weil sie ein Beweis der Freyheit und des eigenthümlichen Besitzes ist. Dann die Länder, die diese Vorzüge nicht haben, verdienen nicht einmal die Ehre, Steuer zu geben.

Die übrigen Einkünfte der Kammer fliessen aus dem Wasserzoll, den Pachtungen und tausend neuen Finanzerfindungen unseres Jahrhunderts, deren Namen eben so schwer zu bestimmen sind, als ihr Nutzen.

Die Bayern werfen dem Ministerio vor, daß es nichts könne, als Oesterreich nachäffen. ? Das Muster wäre nicht schlimm ? Wenn irgend eine Seite desselben falsch kopirt worden, so mag es die Mautheinrichtung seyn.

Man siehet nicht ein, welche Politik die Finanzkammer zu München verleiten konnte, ein Mauthsystem nach dem Beyspiel Oesterreichs zu errichten. Große Fehler sind nur für große Staaten. Die Mauth ist kein Cameralzweig, weil ihre Einkünfte zufällig und ungewiß sind. Ihre Natur ist der Strafe ähnlich. Sie ist nicht da, um in sie zu verfallen, sondern um sie zu vermeiden. Nie wird sie ein bewährter Finanzoperateur unter die nützlichen und wahren Cameralquellen zählen.

Eine Nation, die so arm an Handlungsstof für die Ausländer ist, wie Bayern; kurz, die keinen Aktivhandel hat; bey der der Luxus ein Charakter ist; die so vielerley Bedürfnisse vom Ausland nicht entbehren kan; deren natürliche Lage einem strengen Mauthgesetze durchaus widerspricht ? Diese errichtet eine Mauth. Es ist, den Durst von seinem eigenen Blute löschen.

Jede Mauth verzehrt sich selbst, indem sie die Consumtion vermindert. Sie ist eine Feindin mittelmäßiger Staaten, indem sie den Unterhalt der arbeitenden Klasse, welches die bedürftigste, und zu gleicher Zeit die nützlichste ist, erschweret! Durchgängig betrachtet, wäre zu wünschen, daß kein Staat jemals von der Erfindung der Mauth einigen Nutzen zu ziehen das Glück haben möchte. Die Erfindung der Mauth ist die Epoche der Schleichhändler, der Uebelthäter, der Galeeren, der Zuchthäuser und der Strickreuter.

Charakteristik.

Das Temperament der Bayern ist bey weitem nicht so menschlich, wie der Oesterreicher, ihrer Nachbarn. Der Bayer ist falsch, grausam, abergläubisch, und verwegen. Nirgendwo trift man mehr Räder, Galgen und Schergen an, als in Bayern. Hier sind die Landstrassen auf beeden Seiten mit Galgen bepflanzt, so wie sie in policirten Ländern mit Maulbeerbäumen bepflanzt sind.

Man muß gestehen, die Criminalgerechtigkeit des Landes ist scharf, kurz und exakt. Es ist ein Unglück, daß sie es zu seyn nöthig hat. Diese Gesetztugend scheint eine Folge vom Laster selbst zu seyn. Ohne die Schärfe der Gerichte, spricht der Postillion, der mich heute führte, würde unserm Churfürsten die Mütze auf dem Kopfe nicht sicher seyn.

Diese unglückliche Verfassung ist eine Folge der Nationalerziehung, und nicht des Clima. Die eine Hälfte des Pöbels bestehet aus Studenten, und dem, was aus dieser löblichen Pflanzschule entspringet ? Pfaffen, Schreibern, Musikanten, Gauklern, Landstreichern, Jägern und Wilddieben. Die andere Hälfte ist dem Feldbau überlassen. ? In der That, sie ist in allen Ländern die verehrenswürdigste und beste Hälfte.

Von bayrischer Art und Kunst.

Man kennt die dramatische Meisterstücke des Herrn Karl Edmund von Speckner, des heiligen römischen Reichs Ritters, Churfürstlich-Bayrischen Regierungsraths zu Burghausen, und Landrichters zu Schwobenhausen. Die deutsche Schaubühne zu München genießt, so wie ihre Schwestern, die Ehre, daß Ministere für sie arbeiten, und Barone unter ihren Akteurs sind.

Unterdessen befindet sie sich in nichts hierdurch gebessert. Sie ist gemüßigt, mit einem Buchhändler von Augspurg im Vertrage zu leben, um neue Stücke zu bekommen. Dieser Papierheld versiehet sie mit dem Ausschusse der Fabriken zu Hamburg, Wien und Berlin. Hieraus macht man zu München, so gut möglich, Probrollen, Forcerollen, Debitrollen.

Die Stärke der bayrischen Schauspieler bestehet im Gebrauche der Attributen, wie es die neue Dramaturgie nennt. Hierunter verstehet man das Schnupftuch, den Stock, die Colombinschürze etc. etc. Gleichwol haben sie einen der sinnreichsten Geste, den man seit sechs Jahren auf dem deutschen Theater erfunden hat, an sich gebracht.

Ich besuchte vorgestern das Theater. Gott ließ zu, daß man Darius gab. Ich war bey der trotzigen Gebärde des Schauspielers, welcher den Alexander vorstellte, erschröckt. Aber der Tod des Darius brachte mich in Verzweiflung. Er starb am Athemholen. ? Der Natur nach stirbt man am Aussenbleiben des Athem. Der Schauspieler hatte die Kunst der Neuern aufs feinste gebracht. Diese Kunst bestehet in einer heftigen Athmung, wobey der Schauspieler mit dem Munde gegen der Luft schnappt, so wie eine Forelle, die aus dem Wasser gesetzt wird. Diese Luftpompe kan man zu allen Leidenschaften brauchen, Entzücken, Wuth, Erstaunen, Liebe, Schmerz und Tod.

In Bayern haben die Gesetze sehr wenig für die Ausbildung des Verstands, und die Schulen noch weniger gethan. An der Spitze der Nationalignoranz stehen die Beamten und Geistlichen.

Die Universität zu Ingolstadt liegt in einen Winkel verworfen. Sie ist der Sitz einiger gelehrten Spinnen, welche ihr Gewebe hier trieben: das Sanctuarium der lateinischen Barbarey. Hieher floh die lateinische Sprache, als sie aus den benachbarten Theilen des gesitteten Deutschlands vertrieben ward.

Ueber sie erhebt sich die Akademie zu München, eine frühzeitige Geburt der Wissenschaften. In der That der elende Zustand der Sprache in Bayern hätte ein Meteor von dieser Art nicht vermuthen lassen sollen. Die Akademie giebt ihre besten Werke lateinisch heraus; dann die Sprache des Clima ist barbarisch. Die erste Akademie, womit man in Frankreich den Anfang machte, war eine Akademie für die Sprache ( lAcademie française.) Es scheint, daß man zuerst reden können müsse, bevor man sich ausdrücken will.

Die bayersche Akademie ist, wenn ich mich nicht irre, für die mathematischen, physikalischen und historischen Wissenschaften gestiftet. Ihr Zweck ist also so erhaben, als der Akademien zu Berlin und Petersburg. ? Sie besitzt wenigstens würdige Mitglieder. Aber ein Wurm, den sie von ihrer Geburt an im Busen trägt, nagt ihr am Leben. Ihre Kasse ist ein Zankapfel, worüber sich die Mitglieder theilen. Dieser unwürdige Streit vermindert den Ruhm der Akademie, und hat ihre Früchten bis itzo erstickt.

Ausser dieser Akademie besitzt Bayern noch eine Ackerbaugesellschaft. Sie ist eine Schule der Höflichkeit. Die Mitglieder bemühen sich, einander in wechselseitigen Complimenten wegen ihrer Talente zu übertreffen. Man liest die artigsten Sachen Injurien von besondrer Art: eine schwäbische Lokalbrochure. hievon im Druck. Erlauben sie, daß ich sie in Himmel erhebe: damit sie mich zum Halbgotte erklären, spricht Scapin zu Colombine.

Mitten unter einer Menge gothischer Denkmäler der Baukunst und Mahlerey in Bayern siehet man den Pinsel eines Assan herfürstrahlen. Diß ist in der Kirche des heiligen Nepomuck zu München; einer Kirche, die wegen der Geschichte und dem Wunderwerk ihres Baues Aufmerksamkeit erweckt.

Vom Hofe zu München. Eine rührende Anektode.

Wenn das Beyspiel eines tugendhaften Prinzen jemals so viel Kraft besäße, auf einen verderbten Hof zu wirken, so müßte es zu München seyn. Dieser Hof bestehet aus einigen Ministern von illustrem Rang. Die Nahmen der Grafen Baumgarten, Preysing, Berchem, Töring, in deren Händen die Staatsgeschäfte sind, werden von den Ausländern mit Ehrfurcht genennt. An sie schließt sich eine schimmernde Reihe Maitres, Kammerherrn und Generals.

Die untere Abtheilung hingegen wird von einer Menge Dienerschaft, Kanzleyverwandten, Pensionisten und Schmaruzern eingenommen, die sich, so wie an allen unglücklichen Höfen, als Insekten an das Brod des Regenten hängen, und es vergiften. Die Ausschweifungen, die Räncke, die Erpressungen dieses Hofpöbels sind unerträglich. Der Churfürst befindet sich mitten an seinem Hofe wie in einem Lande, in welches von allen Seiten die Feinde eindringen, und das in der Plünderung begriffen ist. Dieses Unglück blicket er mit Gelassenheit an.

Die Veränderung der Krone in Bayern ist, dem heutigen Anschein nach, unvermeidlich. Man sagt, daß Maximilian Joseph dieser Katastrophe mit einer bewundernswürdigen Grösse der Seele entgegen sehe. Die Hofchronik zu München behauptet, daß, um denselben vorzubeugen, das Ministerium dem Churfürsten vorgeschlagen hätte, sich von der Prinzessin, seine Gemahlin, zu trennen, und eine zwote Ehe einzugehen, zu deren Fruchtbarkeit das Land vielleicht einige Hoffnung schöpfen könnte.

Die Churfürstin wäre auch bereit gewesen, der Politick dieses heldenmüthige Opfer zu thun. Sie hätte ihrem Gemahl selbst Vorstellungen gemacht. Allein seine Zärtlichkeit wäre hierdurch beleidigt worden. Dieser tugendhafte Prinz hätte seine Gemahlin versichert, daß der Gedanke hieran seine Ruhe unterbreche, und er hätte den Ministern bey seiner höchsten Ungnade verbothen, jemals davon wieder zu reden.

Das Ministerium.

Woher kommt der heftige Hang zur österreichischen Regierung, welchen man unter den heutigen Bayern bemerkt? Ists Sympathie? ? Nichts ist so sehr verschieden, als die sittlichen Grundsätze beyder Nationen. ? Ists Grille? ? Die Kriege von 1740 veranlassen sie nicht. ? Völker! ihr habt keine gefährlichern Feinde, als wenn weise und gütige Regenten eure Nachbarn sind.

Die Bayern nennen die gegenwärtige Regierung, aus Abscheu, eine Ministerwirthschaft. ? Sie ist vielleicht die vollkommenste, die das Land jemals gehabt hat, und die es seiner Eigenschaft nach zu ertragen fähig ist. ? Unterdessen schreyet das Publikum über den Druck der Pachter, der Beamten, der Gerichtsdiener. In der That, diß siehet ein wenig asiatisch aus.

Aber sollte man die Klagen des Publici ohne Einschränkung annehmen müssen? So ist das Naturell der Menschen: bey einer guten Mahlzeit sind sie aufrührisch wie die Riesenkinder. Man schmälere ihnen die Suppe, so singen sie wie die Sirenen.

Nach der heutigen Spannung des Landesclima würde man schwerlich einen Nationalen in Bayern finden, welcher irgend eine Unternehmung einzuschlagen geneigt wäre, die vom Hofe aufgebracht ist. Ausserdem, daß die Speculationskraft nicht das herrschende Antheil eines Bayern ist, so würde ihm jenes Maas Ehrgeiz und Vaterlandsliebe fehlen, welches die vornehmste Triebfeder in Unternehmungen ist, deren Zweck aufs öffentliche Beste abzielt, und das man nur unter gebildeten Nationen antrift.

Bey einer solchen Situation hat der Staat oder der Minister, der ihn vorstellt, kein anderes Mittel übrig, als, selbst in den Entwurf zu treten, wenn er dem hohen Gefühl des Patriotismus entsprechen will. Bayern ist ein Beweis, wie nothwendig es ist, um eine ersprießliche Gestalt empor zu bringen, daß zuweilen diejenigen, so das Staatsruder führen, sich selbst vergessen, und das thun, was dem Hofe oder den Unterthanen zukäme.

Vermuthlich ist es auf diese Art geschehen, daß einige Grosse sich bey Fabriken, Pachtungen und andern öffentlichen Staatseinkünften interessirt haben. Der Pöbel, welcher in keinem Theile der Welt geneigt ist, von irgend einem Minister etwas Günstiges zu vermuthen, und dessen Gehirn leicht erschüttert wird, weil es nicht mehr als 6 Zoll in der Breite und 4½ Zoll in der Höhe hat, schreyet sie für unrechtmäßige Besitzer aus.

Gleichwohl ist es die heutige Regierung, welcher das Land unermeßliche Vortheile zu verdanken hat. Die Künste und die Wissenschaften erwachen. Die Hydra der Pfafferey ? ein noch weit grausameres und tyrannischeres Ungeheur als der Ministerialismus selbst ? wird zu Boden getretten. Die Kirchendisciplin nimmt ihren Anfang. Es bildet sich eine Art von Militaire. Die Baukunst, das gereinigte Schauspiel und die Manufakturen werden bekannt. Die Akademie der Wissenschaften zu München entstehet. Die Verbesserung der Schulen, und die Aufklärung der Kanzleyen schlagen Wurzel. Die Quellen der Staatseinkünfte werden aufgedeckt, und die Kanäle, wordurch sie fliessen, gesäubert. Man siehet öffentliche Belohnungen für Nationalverdienste und für Nationaltugenden bestimmt. ? In der That diß ist keine verächtliche Regierung.

Allein man predigt den Fischen. Ein Volk, welches einmal den Grundsatz angenommen hat, den Regenten als eine gleichgültige Person, und die Ministere als seine Feinde zu betrachten, ist zu keiner Achtung für sich selbst mehr fähig. Es wird in seinem Vaterlandseifer erkalten, und die Aenderung seines Schicksals von nichts mehr erwarten, als von der Aenderung der Regierung. Dieses Volk wird sein Heil in eine gänzliche Revolution, und seine Ruhe auf das Joch eines Fremden setzen.

Diß ist die Lage der Bayern. Der Hof zu München scheint keinen Zielpunkt seiner Politik mehr zu haben. Da die Regierung mit dem itztlebenden Churfürsten sich endigt, und das Land in den Besitz fremder Kronen kommt, so betrachtet der Hof den Regenten als einen Reisenden, welcher keine andere Angelegenheit hat, als sich während seinem Aufenthalte so gut möglich zu divertiren. Die Diener haben vielleicht noch einen Zielpunkt ? es ist der, sich die Zeit zu nütze zu machen.

München.

Wenn zu dem Vorzuge einer Stadt mehr nicht gehört, als schöne Gebäude, so verdient München schon diesen Rang. Gleichwohl hat dieser Ort noch einige andere Reize, welche ihn der Aufmerksamkeit würdig machen.

Er ist die Residenz eines der vornehmsten und liebreichesten Prinzen in Deutschland, und der Sitz einer Akademie der Musen. Man kan urtheilen ? die Versammlung eines zahlreichen und vermöglichen Adels hinzugesetzt ? daß ihm diese Verdienste hinlänglichen Stof mittheilen, die Lebensart und die Vergnügungen zu vermehren.

Auch herrscht der Luxus in seiner Art zu München, so wie er aller Orten herrscht, wo ein Hof ist, und wo die meisten Leute mehr leben, um Einkünfte zu verzehren, als zu gewinnen. Nirgendswo aber trägt er noch stärkere Kennzeichen seines gothischen Ursprungs an sich. Mehr Ueberfluß und Glanz in den Meubles und der Kleidung, als Geschmack und Zartheit. Man liebt hier die Verbrähmung. Ein Reisender, welcher von Wien kommt, wo die goldenen und silbernen Tressen ausser der Mode sind, weil es das Beyspiel eines der weisesten Regenten mit sich bringt, siehet ganz München für eine Schauspielergesellschaft an.

Der Pallast des Churfürsten ist der Residenz eines großen Prinzen würdig. Er enthält einen Schatz von Kostbarkeiten, Gemählden und Alterthümern. Der große Kaisersaal; der Geschlechtsaal; der Perspectivensaal; der Antiquitätensaal; die Hofkapelle; die silberne Orgel; das Antiquarium; das Bad; die Schatzkammer; die Kunstkammer; die Bibliothek; der Garten; das Turnierhaus, sind sehenswürdige Theile desselben. Der Hofbediente, welcher mich leitete, behauptet, daß die Tapezereyen der sogenannten Kleiderkammer auf zwölf Millionen Gulden geschätzt würden. Es ist möglich, ich zweifle aber, ob sie mein Freund Ephraim dafür in Kommission nähme. ? Man muß der Gasconade der Nation etwas zollen.

In der Schloßkirche zeigte man mir die Statue des heiligen Georgs mit seinem Pferd und Drachen von blankem Gold. Der Heilige ist dick mit Juwelen besetzt, und macht eine Miene, als ob er über das Projekt der heutigen Staatsklugheit gegen die Vermehrung der Kirchenschätze, spotte.

Unter den Schönheiten der Kunstkammer hat mir nichts beträchtlicher geschienen, als eine Figur von petrificirtem Palmenholz: obgleich der Stein, welchen Herzog Christoph in Bayern, 1420, von der Erde hob und zwölf Schritte weit schleuderte, ein Felse von 340 Pfund im Gewichte, nicht zu verachten ist.

Das Schwerd des tapfern Hanns von Fronsperg, mit der Haut seines Feindes überzogen, scheint einen zweyten Göthe herauszufordern, den Pendant zum Göz von Berlichingen zu liefern.

Die vornehmsten übrigen Merkwürdigkeiten sind: die Kirchen St. Anna, wo man Altäre von Rubens und Basseto findet; zu U. L. F. wegen dem Mauseläum Ludovici Bavarici, und bey den Theatinern, welche eine Scala sancta haben: das Graf Preisingische Palais; das Landhaus; und der Pallast der Akademie.

Man müßte sich länger in München aufhalten, als ich, um mehrere Merkwürdigkeiten anführen zu können. Das letzte, was mir aufs Aug fiel, war die Wachparade. Die Menge der Staabsofficiers ist so groß, daß die Bayern behaupten, wenn ein Feind vors Land käme, so könnte man ihn blos mit Generals aus dem Felde schlagen. Gleichwohl bestehen die Truppen des Churfürsten aus mehr nicht als 6 Infanterieregimentern und 3 Regimentern Pferde. Da die erstern nicht über 500, und die letztern blos 200 stark sind: so beträgt der ganze Etat 3600 Mann.

Diese Truppen haben weder Ordnung noch Exerciz, noch Reglement. Mag erhält weder die mindeste Uebereinstimmung im Maaße noch im Alter, noch in der Figur. Ihre Waffen sind vom ältesten Kalibre. Die Garde des Churfürsten ausgenommen, sind die bayrischen Truppen ? in Vergleichung der österreichischen, preußischen und rußischen Soldaten ? nicht mehr als Miliz.

Appendix.

Die künftigen Besitznehmer Bayerns treffen in der Landcharte des Churfürstenthums einen Erdbezirk an, welcher ihrer Aufmerksamkeit nicht unwürdig ist. Es ist das Erzbißthum Salzburg. Die bayrische Geschichte behauptet, daß dieses beträchtliche Land ganz zum Herzogthum Bayern gehöre, und daß es durch Schenkungen veräussert worden, deren Urkunden eben so zweifelhaft seyen, als das Testament der Gräfin Mathildis.

Eine Vermuthung, die sich durch die Politik des Salzburgischen Hofs selbst zu bestättigen scheint. Man weiß, daß dieser Hof festgesetzt hat, niemals einen Prinzen aus einem regierenden Haus in Europa in sein Kapitel aufzunehmen. Die Kritik erklärt diese Maxime so: daß man hierdurch aller Gefahr vorzubeugen suche, einen Prinzen aus dem Hause Bayern zu bekommen, der einst die Lande der Klerisey wieder mit dem Erbtheile seines Hauses verbinden möchte.

Dieser Undank, welcher in der Kirchengeschichte eine gewöhnliche Stelle ist, hat sich so weit erstreckt, daß die Erzbischöfe von Salzburg sich sogar in den Sitzungen der allgemeinen deutschen Staatsversammlung von der Seite Bayern getrennt, und zum österreichischen Kraise geschlagen haben.

Wenn das Haus Bayern keine gültigere Urkunden seiner Ansprüche hätte, so müßte es die Einförmigkeit des Clima, der Sitten und der Natur zwischen beyden Ländern seyn. Diese Eindrücke sind unauslöschlich, wenn man nicht einwenden will, daß die Kröpfe der Salzburger um 15 Unzen grösser sind, als die der Bayern.

Eine Reise über Land.

Von München nach Regensburg ist ein sehr unangenehmer Weg. Elende Strassen und schlechtbestellte Gasthöfe. Man kömmt durch das Städtgen Landshut. Diß ist eine considerable Festung, welche von einem Riesen mit einer Hellebarde vertheidigt wird, der sich über dem Thor angemahlt befindet.

In einem Städchen weiterhin wohnte ich einem Pferderennen bey, welche Art Spiele in Bayern gewöhnlich ist, und nicht weit von der englischen abweicht. Die Laufbahn betrug sechs Viertelmeilen auf der gewöhnlichen Landstrasse. Die Reuter hatten zwey Dörfer zu passiren, und noch eine große Strecke gepflasterten Weg bis zum Zielpunkt, welcher sich mitten im Städtchen befand. Die Pferde schlugen Feuer aus den Steinen, wie die Hengste des Peleus.

Mitten im Zielpunkte saß ein Frauenzimmer, welches der schönen Hippodamia Hippodamia, Prinzessin aus Argivien, wollte nur demjenigen ihrer Freyer ihre Hand geben, welcher seine Nebenbuhler im Pferderennen überträfe. Sie war bey dem Kampfspiele zugegen, und erkannte dem Pelops den Preis zu. ähnlich war. Sie war von den vornehmsten Herrn der Stadt umgeben, welche theils als Kampfrichter, theils als Eigenthümer der Pferde zugegen waren, und sie hielt den Preis in der Hand, der aus einem scharlachnen Brustfleck bestund. Die Jungen, welche auf den Mähren saßen, trieben scharf. Endlich sprengte eine hirschbraune Stutte die andern vor. Sie hatte den Preis schon zum fünftenmale gewonnen.

Man hat sich lang genug bemühet, den wahren Genie des lapidarischen Styls ausfindig zu machen. Die Franzosen haben diese Untersuchung einer eigenen Gesellschaft aufgetragen. Aber ich zweifle, ob weder die Akademie der Innschriften zu Paris, noch der Kardinal Cibo selbst, etwas Sinnreicheres erfunden haben, als folgende Entdeckung enthält.

Die Neugierde bewog mich, einige Augenblicke auf einem Gottesacker abzutretten, an welchem die Poststraße vorbeygehet, und der die Pfarrkirche eines dazu gehörigen Dorfs umzirkt. Hier fand ich unter freyem Himmel einen Leichenstein, worauf ich folgende unvergeßliche Worte las:

Unter diesem Stein

liegt begraben

weiland Eva Maria Steinerin, Lorenz Steiners,

bürgerlichen Steinmezenmeisters eheliche Hausfrau,

gebürtig von Steinach,

hat den 16. May 1741, frühe 4 Uhr,

dieses Stein- und Jammerthal verlassen,

und ihre Seele in Stein, woraus sie genommen ist, verwandelt.

Gott geb ihr eine ewige Ruhe
Und verleih ihr eine fröliche
Auferstehung.

?

Regenspurg.

Regenspurg ist eine finstere, melancholische, in sich selbst vertiefte Stadt. Kaum wird sie durch die Höfe der Gesandten, welche den deutschen Reichsconvent formiren, aufgehellet, daß man sich von einer Strasse in die andere finden kan. Nichts stellt ein lebhafteres Bild von dem schwermüthigen Reichsverfassungskörper vor, den sie verwahret, als sie.

Die Stadt ist eine Reichsstadt. Ihre Devise ist: Dannhirsche. Man muß wissen, daß jede Reichsstadt eine eigne Art lebendige Thiere unterhält, welche ihr zur Devise dienen. Hier sinds Dannhirsche. Diese Thierchen laufen in den Stadtgräben, und dienen zum Zeitvertreib des Magistrats. Sie sind so heilig, wie Schwäne des Apollo.

Da die Reichstagsgesandten, mit ihren Angehörigen, eine Art von einer eigenen Republik ausmachen, deren Bezirk sich kein Fremder nähern darf, so ist man in der Stadt von der Stadt verlassen.

Der vornehmste unter den Gesandten ist der kaiserl. Principalcommissarius. Der itzige ist der Fürst von Thurn und Taxis. Er führt einen vortreflichen Staat, und übertrift alle übrigen Gesandten eben so sehr im Prachte seines Hofs, als er sie am Stande und in persönlichen Vorzügen übertrift. Er würde vermöge der Anlage seines Charakters und der Hochachtung, welche ihm ganz Europa huldigt, der glücklichste Prinz von der Welt seyn, wenn seine Ruhe nicht von häuslichen Unannehmlichkeiten unterbrochen worden wäre.

Der zweyte Gesandte im Rang und im Staate ist der Freyherr von Erthal, kaiserlicher Commissarius.

Hierauf folgen, der Graf Neipperg, Gesandter von Böhmen, und die Gesandten der französischen und englischen Kronen.

Die übrigen Gesandten des Reichs verbreiten nicht viel Licht. Sie leben von der Charge: mit diesem Kapital ökonomisiren sie so sehr es Wohlstand, und die Würde ihrer Höfe zuläßt.

Ausser den Gesandten hält noch der Graf Palm ein Haus allhier, dessen Vater einer der reichsten Partikuliere in Deutschland war. In dem Pallaste desselben trift man eine sehr vollständige und sehr gelehrte Bibliothek an, welche dem Zutritte der Fremden eröfnet ist.

Der Hof des Bischofs von Regenspurg, eines vornehmen Reichsfürsten, macht sehr wenig Geräusche. Er bestehet aus einigen Geistlichen und Lakeyen, die ihre Zeit mit Litaneyen bey St. Emeran hinbringen.

Die alte Geographie zählte die Brücke, worüber man von der Stadt in den Erdkreis des Churfürsten von Bayern geht, unter die Wunderwerke Deutschlands. Sie ist stark, und völlig in lombardischem Styl. Allein die Geographie konnte sie, ungeachtet der Wunderstärke, welche sie ihr beylegt, doch nicht vor sehr beschwerlichen Ausbesserungen beschützen, die ihr der Eisstoß jedes Jahr zuziehet, und welche die Schatzkammer der Stadt Regenspurg sehr scheniren.

 


 

Oberschwaben.

Ich bin auch ein Mahler.

Annibal Carragio.

Augspurg.

Troja fuit! ? ? so seufzt man, wenn man sich zu Augspurg befindet. Diese Stadt, welche ehemals einen so schmeichelhaften Rang unter den europäischen Handlungsstädten hatte, ist sich nicht mehr ähnlich. Sie gleicht einem von der Abzehrung angegriffenen Körper, welcher mit sich selbst kämpft. Auswärts von einem mächtigen Nachbar, und innerlich von Nahrungsmangel gedrängt, ist sie ihr eigener Raub.

Die Häuser sind schön. Es sind welche darunter, welche sich in Rom und Genua auszeichnen würden. Aber sie sind öde und unbevölkert.

Es ist wahr, der Pöbel giebt sich alle Mühe, die Bevölkerung zu befördern. Nirgends werden mehr Bastarde erzeugt, als hier. Aber es ist, als wenn Juno einen Fluch auf die Werke ihres Enkels gelegt hätte. Die meisten sterben in der Geburt.

Die Stadt hat ihr meistes Ansehen den Fuggers zu danken, welches die berühmtesten Weber in Europa waren. Davon erhält sie noch den Charakter. Beym Eintritte spührt man sogleich den Weberaufzug und den Eintrag: die Enden stechen in allen Gassen herfür.

Augspurg ist eine Reichsstadt ? und diß ist keines der geringsten ihrer unglücklichen Schicksale. Es unterwirft sie dem Eigensinne ihres Nachbars. Der Churfürst von Bayern, welcher der Stadt Luft und Wasser versagen kan, beherrscht sie unumschränkt. Er betrachtet die Stadt wie einen Wechselbrief, auf den er ziehen kan, so oft ihm beliebt.

Die unbesonnenen Schritte, wodurch sich die Stadt bey verschiedenen Fällen das Mißvergnügen des österreichischen Hofs zugezogen, hat sie eines nachdrücklichen Schutzes von dieser Seite beraubt, und der Stolz, welcher sich in ihre Geschäfte mit andern Reichsstädten mischt, macht sie des Mitleids derselben unwürdig.

Die Künste, welche einige Zeit in Augspurg ihre Wohnung aufgeschlagen hatten, haben viel für die Stadt gethan. Man findet Meisterstücke in der Mahlerey und Bildhauerkunst, die unauslöschlich sind. Seit dem sie sich aber weggezogen haben, so ist die gröbste Barbarey an ihren Platz getretten. Nichts ist unerträglicher, als der Anblick der übermalten Kanonen, welche man im Rathause findet. Die Kanonen sind aus Bronze gegossen: um ihnen einen neuen Geschmack zu geben, lies der Magistrat die Läufe mit grüner Oelfarbe anstreichen.

Das Publikum theilt sich in drey Klassen, welche eben soviel Rangordnungen sind. Die Patrizier, die Kaufleute und der Pöbel.

Die Patrizier, welche einen Theil des hohen Magistrats ausmachen, zählen einige vornehme Geschlechter unter sich: die Stetten, die Welser, die Imhof, die Rehling. Aber da sie mit dem Geblüte ihrer Vorfahren das Gewerbe derselben verlohren haben, so kriechen sie mehrentheils in einer melancholischen Armuth, welche sie der Verachtung der Bürgerschaft aussetzt. Man muß sich nicht durch die Allmanachs von Augspurg irre machen lassen. Man wundert sich bey jedem Wappen, Herr auf Goldberg und Silberthal; Erbherr von Diamantbruch und Perlengrube, zu lesen. Aber diese glänzenden Güter gehören ihnen längst nicht mehr. Sie haben eben denselben Antheil daran, wie der König von Frankreich am Königreich Cypern, oder wie der türkische Kaiser an den Ländern der Sonne und des Mondes, welche diese Souverains in ihren Titeln haben.

Die Kaufmannschaft, welche nach dem Adel den zweyten Rang prätendiert, und deßwegen eine besondere Zechstube, dicht an der Patrizier ihre, hat, ist eigentlich der nahrhafte Theil des Publici. Ungeachtet es wenige unter ihnen giebt, die sich mit ihren Vorfahren, den Fuggers, den Rauners und den Welsers mehr in Vergleichung stellen können, so besitzen sie doch die Ansprüche derselben ganz. Sie halten ihre Equipagen, ihre Lusthäuser und sprechen im Hoftone.

Der Pöbel bringt sein Leben in Verwünschungen über die Obrigkeit, im allerschimpflichsten Müßiggange, und der verzweiflungsvollesten Armuth hin. Da das Geld in den Händen einiger vornehmen Familien ist: so ist der Rest des Publici ein Haufen Bettler, welcher um eine Kanne Bier herumtanzt.

Diß ist das Bild von Augspurg. ? Es ist noch nicht ganz.

Zu Augspurg ists, wo man den Drachen der Parität in seiner Lebensgröße sehen kan. Seit dem Religionsfrieden herrschen beyde Religionen, die katholische und die lutherische allhier, mit gleicher Stärke, nebeneinander. Diese Verfassung, welche eine von den Grundconstitutionen der Stadt ist, nennt man Parität. Sie würde verehrenswürdig seyn, wenn sie ein Product der Tugend, wenn sie aus dem Grundsatze der Toleranz und der Menschenliebe ? aus diesem unserm Jahrhunderte so heiligen, und so schönen Grundsatze ? geflossen wäre. Aber sie ist mehr nicht als ein Werkzeug der Politik; sie besitzt lediglich nichts von der Tugend ihres Namens.

Die Parität zu Augspurg erstreckt sich nicht nur auf das Ebenmaaß der Religionspartheyen, der Kirchengebräuche und des Gottesdiensts; sondern sie beziehet sich auf alle bürgerliche Einrichtungen, auf die Bedienstungen im Civil- und Militairetat, auf die Oekonomie der Republik, auf die Gleichheit der Stimmen in den Berathschlagungen des Senats: kurz sie ist ein Werkzeug, welches eine oder die andere Religionsparthie in jedem Falle bereit hält, eine politische Unternehmung zu hindern, oder zu betreiben.

Diese Parität ist so weit von ihrem wahren Charakter, dem Duldungsgeist, entfernt, daß jede von den zwo Religionsparthien alle Augenblick bereit ist, der andern den Hals zu brechen, wenn der Magistrat nicht in beständiger Wachbarkeit bliebe. In der That bey einer so unglücklichen Stellung des Publici kan man die Gränzen nicht genau genug hüten.

Das Gleichgewicht der Parität wird auf der einen Seite von dem Reichthum, auf der andern von der Bevölkerung erhalten. Die evangelische Parthie hat an ihrer Spitze die reichsten und mächtigsten Patrizier. Die Katholicken aber, deren Adel arm und unmächtig ist, sind desto grösser in der Anzahl.

Der Magistrat lebt, welches eine Ministerialtugend ist, die ihn verehrenswürdig macht, in einer patriotischen und erleuchteten Eintracht. Der Pöbel ist eine Furie, die man auf beyden Seiten an die Kette legen muß.

Es ist wahrscheinlich, daß die Parität in unendlich viel Fällen heilsamen und neuen Einrichtungen hinderlich gewesen ist. Die Vermehrung der Spitäler, und allgemeinen Zufluchtsörter des Elends: die Erweiterung der Zünfte; die Wahl der besten Subjekte zu Verwaltung des öffentlichen Wohls: die Ansiedelung einzelner Künstler: der Gebrauch der Arbeitstäge leiden darunter. Diese Krankheit ist so sichtbar, daß man behauptet, die evangelischen Religionsverwandten hätten in der Verborgenheit eitle eigene Nothkasse, um etwas, so auf ihre Seite gesucht wird, durch Bestechung zu unterstützen.

Die Vernunft des Publici mangelt gänzlich der Kultur. Da der Fleiß unter den Inwohnern erstorben ist, so geht die Kunst betteln. Die Büchercensur, eine Muse, welche hier auf einem Auge blind ist, verjagt den Tag. Der Kaufmannsgeist, dessen Regungen Geiz und Sparsamkeit sind, läßt die Litteratur darben; und die Policey vollendet die Barbarey, indem sie geschickten Leuten den Aufenthalt versagt.

Mitten in diesem Elende hebt sich ein Stolz aus der Seele der Inwohner herfür, der sie von der lächerlichsten Seite der Welt bildet. Unter den charakteristischen Untugenden des Publici zu Augspurg ist vornehmlich die Lästersucht. ? Es kan gar nicht anders seyn, sagt der Abt Coyer, die eine Hälfte dieser Nation muß sehr vollkommen, und die andere sehr lasterhaft seyn, weil sich die eine immer Mühe giebt, die andere zu verkleinern. ? Nichts ist weiter getrieben, als der Spott, den beyde Religionen über einander haben.

So oft man die Katholicken spotten will, so fällt man gemeiniglich auf die Bilder ihrer Heiligen und Heiliginin. Schlaget das Gesangbuch eines lutherischen Bürgers zu Augspurg auf, oder besuchet einem Patrizier in seinem Kabinet. Es ist nicht ein einiger von all den kleinen schwarzrockigten Herren, die am Predigtamte der Stadt gestanden sind, dessen Bild ihr nicht en taille douce, von Nilson oder Haid gestochen, antreffen werdet, und unten: M. Imanuel Christoph Fadus, Candid. Minist. Aet. XXVI, oder ? Frau Susanna Beata Fromännin, Helferin bey St. Jacob, geb. den 16. Jan. 1728, vermählt 18. Jul. 1747. hat Kinder erzeugt 19. ? Die Betschwestern und Hospitäler küssen diese Küpferchen mit Ehrfurcht, und die Kinder zeichnen ihre Lectionen im Katechismus damit.

Wenn ein Mahler den heiligen Georg, oder die heilige Walpurgis fünfhundert Jahre nach ihrem Tode abbildet, weil die ganze Welt ihre Namen kennet, und weil sich etwas in dem Leben dieser Personen befindet, woran die allgemeine Geschichte Theil genommen, so betrachtet man diese Bilder mit Selbstzufriedenheit. Aber wenn sich ein junger Geistlicher in einer unbekannten Stadt bey lebendigen Leib in Kupfer stechen läßt, weil er in zwey bis drey Predigten etliche loci communes gesagt hat, und wenn die Gemeinde diese Bilder im Wettstreite kauft, und in goldene Rahmen einfassen läßt, so weis man nicht, ob man mehr Mitleiden mit dem Hochmuthe des Heiligen, oder mit der Einfalt seiner Verehrer tragen soll.

So oft man die Evangelischen spotten will, so beziehet man sich zuerst auf die Frauen ihrer Geistlichen. Man muß gestehen, daß sich die Gemahlinnen des evangelischen Clerus in Augspurg sehr bescheiden aufführen. Wenn sie Gunstbezeugungen von ihren Herren erhalten, so verbergen sie solche in das Innere ihrer Schlafzimmer. Aber wenn man ein junges, lustiges Mädchen auf den Strassen, in den Kirchen und in den Gesellschaften herumflattern siehet, wie sie ein Domherrnkreuz an der Brust geheftet trägt, und zu jedermann spricht ? es ist vom Grafen *.... meinem Amanten; ich habe es ihm im Scherze geraubt: und wenn der Pöbel niederfällt, und dieses Kreuz an der verbulten Brust küsset, so wünscht man lieber den Domherrn verheyrathet, und das Kreuz bey einem Juden zu sehen. Gleichwohl ist es eine Anektode dieser Stadt.

Wenn die Jesuiten zu Augspurg einen Umgang mit ihren Schülern halten, so ist kein Lutheraner, den nicht das Lachen bis zum Ersticken drückt. Sehet da, die heilige Komödie! spricht man.

Die Katholicken zu Augspurg sind viel billiger, wenn die Kinder eben dieser Spötter an gewissen Festtägen des Jahrs, unter Anführung ihrer Schulmeister und Schulmeisterinnen, in Prozession in der Stadt herumziehen, mit Trommeln, Pfeiffen und einem Harlekin an der Spitze, der tausend lächerliche Sprünge und Geberden macht.

Der Ekel wird vollends aufs höchste getrieben, wenn man diese Prozession sich in einem Garten an einer Schenke endigen siehet, wo sich die Jugend lagert, und allen Arten von Ausschweifung überläßt. Nichts ist ärgerlicher, als der Anblick betrunkener Kinder.

Mich dünkt, ich befinde mich auf dem St. Morizplatze zu Augspurg. Auf der einen Seite gehet eine Prozession Jesuiterschüler, welche mit großer Mühe hölzerne Figuren wälzen, und einen traurigen Gesang dabey anstimmen. Auf der andern Seite ziehet eine Prozession lustiger Kinder mit Trommeln, Pfeiffen und Harlekinen vorbey, welche unabläßig jauchzen ? Jo Bache! Die Anführer von beyden Seiten versichern mich, daß es ein Kirchenfest bedeute. Was für einen Unterschied soll ich im Tadelhaften finden? ? Wenn man seine Gegner beschämen will, so muß man zum mindesten ihre Fehler nicht nachahmen, sondern sie übertreffen.

Ich würde ermüden, alle Anmerkungen zu wiederholen, welche man über den Stolz der Augspurger machen kan. Er ist eines theils die Wirkung vom Einflusse einer eingebildeten republikanischen Hoheit, welches die schwache Seite aller Reichsstädte ist; anderntheils wird er von einem eingebildeten Adel erzeugt. Von beyden Seiten macht er sie im höchsten Grade ungesellig: und der Mangel ihrer guten Lebensart allein beweißt schon, wie wenig Anspruch sie auf Adel machen können.

In der That, diese sogenannte Noblesse bestehet in einer Anzahl Kaufleute und Kramer. Hierunter sind einige, die durch ihre Einsichten und ihren Fleiß ihren Stand ehren: Schülin, Schwarz, Obwexer, Lieber. Der Geist der meisten übrigen erstreckt sich nicht viel über den Geist eines Theewrackers zu Amsterdam. Sie besitzen nichtsdestoweniger den Stolz der Kavaliere. Sie tragen Brillianten an den Fingern, und sprechen von der großen Welt: dann es giebt welche unter diesen gnädigen Herren, die jährlich zweymal zur Marktzeit nach Wien kommen, um unter den hölzernen Ständen in der Vognergasse und auf dem Kohlmarkte feil zu haben.

Die Vergnügungen der zwey ersten Klassen bestehen in der Gesellschaft, in einer Art Concert, und im Schauspiel. Zur Karnevalslustbarkeit kommt eine Redoute hinzu. Von dem Werthe der ersten kan man sich einen Begrif machen. Da ihnen alle Erziehung und der Gebrauch der guten Welt mangeln, so sind ihre Zirkel für einen Fremden nicht praktikabel.

Ich war in ihrem Concert, welches der Versammlungsort der schönen Welt ist. In der That sah ich eine Menge Stutzer, die einander die artigsten Verbeugungen machten. Nachdem ich einige Sinfonien abgewartet hatte, die ich für das Miserere des Allegri hielt, begab ich mich weg.

Der Magistrat fiel im vorigen Jahre auf den Entwurf ein Schauspielhaus zu bauen, um gegen die Jesuiten, auf deren Theater bisher die Schauspiele aufgeführt wurden, in keiner Verbindlichkeit mehr zu seyn. Man schickte einige Bauverständige nach München, um die Architektur des dasigen Schauspielhauses zu kopiren. Nach deren Zurückkunft fieng man das Werk an, und mittelst eines Aufwandes von 15000 fl. war es binnen sechs Monaten fertig. Kaum wollte die herbeygerufene Truppe ihre erste Vorstellung anfangen, so fand man, daß das Theater unbrauchbar sey. Die Baumeister hatten sich im Maasstabe verirrt. Es war weder Verhältniß in der Bühne, noch im Parterre. Die Fehler schienen unabhelflich zu seyn.

Dieses Schicksal war unvermeidlich bey einem Volke, welches zu viel Stolz besitzt, um Fremde zu Rath zu ziehen, und zu wenig Genie um etwas von selbst zu machen.

Nichtsdestoweniger spielte man fort. Der Augspurger, welcher nichts als Gelegenheit zum Müssiggange sucht, vergaß sich selbst, und setzte einige Zeit die Bierbank bey Seite, um das Schauspiel zu besuchen.

Die Ursachen der Nahrungslosigkeit der Stadt sind moralisch. Die Kaufmannschaft verabsäumt den ökonomischen Handel, um der Spekulation mit baarem Gelde anzuhängen. Diese Gattung Spekulation hat den Fehler, das sie das Publikum nichts nützt. Das Geld ist nur ein Zeichen der Reichthümer. Eine Million Zeichen aber machen keine Waare. Hier liegt der Grund zur traurigen Theurung, welche in Augspurg herrscht. Man hat Zeichen, aber die Waare selbst fehlt.

Die Augspurger athmeten dem Congresse 1760, entgegen, als einer Quelle, welche ihrem Elende abhelfen, und sie auf einige Zeit glücklich machen würde. Allein das Schicksal ordnete die Sachen anderst. Der Congreß unterblieb: und dis schenkte Europa den Frieden.

Nichts ist abgeschmackter, als die berühmte augspurger Tracht. Man sieht sie nur noch beym Bürgerstande: dann die Vornehmen tragen sich französisch. Die Kleidung der bürgerlichen bestehet in einem fischbeinenen Harnische, der die Brust einkerkert und den Bauch herfürpreßt. An diesem Harnische hängt ein Röckchen, welches bis an die Spitze des Knie gehet. Da die Natur den Augspurgerinnen keine Brüste und große Füße gegeben hat, so findet man nicht Ursache, eine Mode zu beneiden, wo für das Aug nichts zu gewinnen, und für die Tugend nichts zu verlieren ist.

Ich könnte meine Beschreibung schließen, wenn ich, nach soviel berührten Unvollkommenheiten, dem Verdienste nicht eine Forderung abzutragen schuldig wäre. Die Nahrung der Stadt bestehet, wie man weiß, in Nichts. Nichtsdestoweniger ist der Pöbel zahlreich. Die Zunft der Weber allein wird auf dreytausend geschätzt. Diese dreytausend Seelen wären verlohren gewesen, ohne die Großmuth eines sehr merkwürdigen und sehr erleuchteten Mannes. Seine Lebensgeschichte verdient in der Biographie der berühmten Partikuliere zu stehen. Ich übergehe sie anmit.

Johann Heinrich Herr von Schülin ist der Eigenthümer einer der berühmtesten und größten Cottonfabriken in Deutschland. Das Schicksal schien ihn nicht zu dieser Unternehmung bestimmt zu haben: dann er erlernte in seiner Jugend das Schmiedehandwerk: aber die Natur hat ihn zu einem großen Genie ausersehen. Von dem allgemeinen Elende gerührt, welches unter der Innwohnerschaft zu Augspurg, besonders aber unter den Webern, herrschte, entschloß er sich zur Anlage einer Cottonfabrik. Seine Unternehmung gleichet jenen Wassern, welche bey ihrer Quelle klein sind, sich aber hernach in unermeßliche Flüsse verändern. Die Natur begeisterte ihn mit allen Einsichten, die zu diesem Werke gehören. Binnen wenig Jahren errichtete er das vollkommenste und merkwürdigste Meisterstück einer Fabrik in Cotton und Indienne.

Man hätte glauben sollen, daß sich das Publikum beeifert hätte, diesem großmüthigen und patriotischen Manne Ehrensäulen zu errichten. Im Gegentheile beneidete man ihn. Man legte dem Aufkommen seiner Unternehmung tausend verhaßte Schwürigkeiten in Weg. Man wiegelte die Weber, die ihm die Erhaltung ihres Lebens zu danken hatten, indem er ihnen Arbeit und Brod verschafte, wider ihn auf. Diese Elenden, welche sich erinnerten, daß ihre Vorfahren einst den Attila mit seinen Hunnen vor Augspurg wegschlugen, rottirten sich, und vertrieben ihren Wohlthäter aus seinem Hause. Der Herr von Schülin sah sich soweit getrieben, daß er um das Wohl des Publici einen Prozeß mit dem Magistrate führen mußte. Sein überlegener Geist und der Verfall einer erleuchtetern Welt, erhoben ihn über alle Hindernisse. Er hat das Vergnügen, sein Werk in der vollkommensten Blüthe, und sich von eben denjenigen angebethet zu sehen, die ihn zuvor verfolgten.

In der That ist diese Cottonfabrik des Herrn von Schülin der einige ? oder wenigstens der vornehmste Gegenstand der Merkwürdigkeiten in Augspurg. Sie erzeugt die schönsten Werke der Kunst, der Einbildungskraft, und des Geschmacks. Ihre Cottone sind in ganz Europa bekannt.

Der Herr von Schülin lebt mit einem Prachte, der den Verdiensten eines großen Mannes gemäß ist. Er hat Millionen gewonnen, und er gibt dem Publikum davon Rechenschaft, indem er magnifique Gebäude aufführt, prächtige Equipagen unterhält, und einigen tausend Menschen Nahrung und Leben verschafft. Sein Haus ist beynahe das einige, welches die Honneurs zu Augspurg macht.

Wenn das Glück auf die Seite des Fleisses und des Verstandes tritt, so gönnt man seinen Lieblingen ihren Genuß. Der Herr von Schülin genießt ein Vergnügen, welches sich selten bey Unternehmungen befindet die ihre Größe blos dem Genie ihres Urhebers zu danken haben: er hat die Hofnung, daß sein Werk auf seine Nachkommen reichen wird. Er besitzt Söhne, welche die verdienstvollesten und wohlerzogensten Jünglinge von der Welt sind.

Umriß des Schwabenlands. Natürliche Geschichte von Oberschwaben. Nationalcharakter seiner Einwohner.

Von der Gränze Bayerns an, bis an die Spitze vom Elsas ist Alles Schwaben. Man nennt den Theil, welcher zwischen dem Herzogthum Würtemberg und dem Bodensee liegt, das obere Schwaben. Er bestehet aus tausend kleinen Völkern, wovon jedes seinen eigenen Herrn hat, und die in ihrer Kleidertracht, in ihren Gesetzen, in der Religion und in der Sprache eben so verschieden sind, als in ihren Regierungsformen.

In diesem Theile von Schwaben sind die Menschen von einer häßlichen Gestalt. Ihre Sitten sind arm und einfältig, und ihr Geist ist grob, sclavisch und träge. Der Feldbau wird blos von der Bevölkerung unterstützt, welche in ganz Schwaben ausnehmend ist. Die Künste haben in diesen Gegenden weder Feuer noch Heerd.

Die Fruchtbarkeit der Sonne allda ist verschieden: und die Nachbarschaft unterschiedener, sich oft widersprechender Gesetze hindert den Einfluß derselben in die allgemeine Aufnahme des Ackerbaues und der Haushaltungskunst.

Die Oberschwaben sind, unter allen Völkern Deutschlands, jenes, welches dem ursprünglichen Charakter der Regierungsform der alten Germanier am meisten ähnlich geblieben. Das Land bestehet aus einer Menge kleiner Völkerschaften, die ihre Wohnungen in Wäldern oder an Flüssen vertheilt haben, und als soviel Familien, unter ihren besondern Oberhäuptern leben. Diese Familien, wovon jede, ihrer Lage, ihrem Interesse und ihrer Einsicht nach, seine eigenen häuslichen Gesetze hat, sind bald Hierarchien, bald Republiken, bald Verbindungen, oder Alleinherrschaften ähnlich. Aus der Verschiedenheit solcher Herrschaften sind die Verfassungen entstanden, welche man unter den Namen der Reichsstädte, Prälaten, Ritterschaft, Burggrafen und Reichsfürsten versteht, und die man nirgends so zahlreich antrift, als in Schwaben.

Es giebt kein Volk auf dem Erdboden, so von seiner Gesetzeinrichtung, und von der politischen und physikalischen Eigenschaft seines Vaterlandes weniger unterrichtet ist, als die Oberschwaben. Sie wissen sehr wenig, ob der Staat ein gemeinschaftliches Oberhaupt hat, oder ob er vom Ungefähr regiert wird. Sie würden den Namen des Landesherrn nicht kennen, wenn sie ihn nicht zuweilen an der Spitze der Steuerpatente nennen hörten. Zur Unterdrückung gebohren, erhebt sich ihr Geist, welcher durch das Elend in der Unwissenheit, und durch die Unwissenheit im Elende erhalten wird, nicht von der Erde.

Die ausserordentliche Bevölkerung in Schwaben ist eine Folge der Frugalität, die einen allgemeinen Sittenzug der Nation ausmacht. Es giebt keine verliebtere Geschöpfe als die Schwaben. Sie begatten sich Sommer und Winter, und eine Schwäbin bringt gemeiniglich zwey Jungen, eines vorne im Jahr und eins hinten.

Diese Kinder wachsen unter der Hand der Vorsicht auf, wie die Pilsen. Wenn sie groß geworden, so werden sie von ihren Landsherren in die Dienste fremder Höfe verkauft, oder sie wandern kolonienweis aus. Nirgends ist das Uebel der Auswanderung, welches von der einen Seite durch die Länderprivilegien, und von der andern durch unverzeihliche Staatsfehler unterstützt wird, häufiger und stärker. Man hat Züge von Schwaben auf dem Wege nach Hungarn, nach Pommern, nach Astrakan gesehen, welche so wie die Bienenschwärme, oder wie die Züge der Kraniche, die Sonne verdunkelt haben. Es ist natürlich, daß die Menschen ihre Erhaltung anderwärts suchen, wo die Regierung keine Anstalten zur Nahrung macht. Die kleinen Staaten vieler schwäbischen Regenten gleichen verdorbenen Mägen, welche den Ueberfluß ausspeyen, den sie nicht verdauen können.

Eine schwäbische Anekdote.

Die Regenten der kleinen Staaten, welche den Strich von Oberschwaben längs dem Schwarzwalde hin, bewohnen, herrschen öfters wie die Nabas in Indien. Sie haben ihren Hofstaat, ihre Armeen, ihre Vezire, und ihre Serails.

Man erzählt von einem derselben, welcher seit mehr als fünfzig Jahren todt ist, und dessen Land sehr menschenlos war, daß er einen Thurm bauete, der aus 22 Zimmern bestund. Jedes dieser Zimmer wurde von einem Mädchen bewohnt. Wenn der Sultan geneigt war, sich ein Vergnügen zu machen, so lies er alle 22 Favoritinnin in einen Saal zusammenkommen, und theilte ihnen ein Tarockspiel aus. Die, welche der Paccat traf, erhielt den Dienst, und die zween höchsten Matadors hatten die Anwartschaft auf selbige Nacht.

Hierbey ließ es der Fürst nicht bewenden. Um die Politik eines morgenländischen Serails desto genauer zu erreichen, verheyrathete er die Töchter, so er mit diesen Mädchen erzeugte, an die Baschen, die Beamten seines Lands. In kurzer Zeit wurde der Staat von seinem eigenen Blute bevölkert. Der Fürst konnte sich am Ende seiner Regierung mit Recht einen Vater seiner Unterthanen nennen.

Pater Gaßner.

Die Religion ? die bey starken Gemüthern eine Tugend, in schwachen Seelen aber eine Krankheit ist ? hat den Aberglauben nach Schwaben verbannt. Die Abentheuren des Pater Gaßners sind noch ganz frisch. Dieser Mann, einer der berühmtesten Taschenspieler unsers Jahrhunderts, beschloß eine Komödie der Religion. Man muß gestehen, daß wenn er nicht zur rechten Zeit auftrat, so trat er wenigstens am rechten Orte auf. Während der Tag in allen übrigen Gegenden Europens hell leuchtete, überredete er mitten in einem Winkel von Schwaben, die Menschen, das er Wunder thun könne. Man floß aus Bayern, vom Rhein, und aus Franken im Strome herbey, sich an Krankheiten heilen, sich entzaubern, sich bekehren zu lassen.

Die Blendstücke des Pater Gaßners erhielten sich eine geraume Zeit. Endlich mischten sich andere Pfaffen seiner Religion darein. Sie behaupteten, daß er ein Betrüger wäre. Es war der Fall des Kommendanten zu Amiens: meine Herren, sagte er zu einer Truppe Komödianten, die ihn um die Erlaubniß gebethen hatten, ihre Schaubühne in der Stadt aufzuschlagen, ? sie haben mich ersucht, hier Komödien spielen zu dürfen: ihre Mitbrüder die Geistlichkeit setzt sich dagegen. Es ist mir leid einen Handwerksneid entstehen zu sehen.

Inzwischen bewog dieser Zufall den Künstler, die Scene zu ändern. Er gieng nach Bayern. Der Wechsel des Clima war ihm nicht günstig: und die Wunder hörten auf, zu wirken.

Ausschweifung über Niederschwaben.

Was jenseits der Diametrallinie, die man von Augspurg aus bis an den Rhein ziehet, liegt, das nennt man Niederschwaben. Hiezu gehören die Staaten des Herzogs von Würtemberg, die Reichsstädte Nördlingen, Halle, Heilbronn und die Marggrafschaft Baaden etc. In diesem Bezirke siehet es etwas lichter aus. Die Menschen sind besser gebildet. Das Land ist mit mehr Einsicht gebauet. Die Städte sind volkreicher und polizirter. Die Sitten sind zahmer; und die Wissenschaften haben schöne Früchte getragen.

Nichtsdestoweniger, wenn man diese Länder mit dem übrigen Theile Schwabens vergleicht, so findet man eine Einförmigkeit der Natur und der Lebensart der Inwohner, welche die Vermuthung zu bestätigen scheinet, daß nicht die Regierungsform, oder die Religion, sondern der Horizont, das meiste zum Nationalcharakter beytrage, und daß dieser Einfluß weit mächtiger ist, als alle übrigen.

Eine merkwürdige Urkunde hievon giebt der Aberglaube, welcher sich in ganz Schwaben unbeweglich festgesetzt hat. Dieses Land hat vor andern den Vorzug, daß der Blocksberg, dieser berühmte Mittelpunkt der Hexen, des Aberglaubens und des Unsinns, auf seinen Gefildern stehet. Es spuckt bis in die Universitäten und in die Kabinete. Die Universität zu Tübingen hat in ihren Rechtsrathschlagen (consil. Tubingens.) Processe verurtheilter Hexen verewigt, welche die Verhandlungen des Urban Grandier noch übertreffen.
In dem Gemeindeprotokoll des Städtchens Hechingen befindet sich ein fürstliches Ausschreiben vom 18. Febr. 1725 eingetragen, wodurch jedem Landmanne, der einen Kobolt, eine Nixe oder andere dergleichen Gespenster fangen, und lebendig oder todt einliefern würde, eine Belohnung von fünf Gulden beym Obristjägermeisteramte bestimmt wird.

Etwas weniges Politik.

Auf einer Reise nach Lindau, disseits den Schweizergränzen, traf ich in einem Dorfe ein Spiel an, wo sich die Männer im Säcketragen übten. ? Bedauernswürdige Menschen! Ihr fühlt also, daß ihr zu Eseln gebohren seyd! ? Dieses Sclavenspiel ist ein Beweis von der unglückseligen Verfassung dieser Gegend, welche in einem System von Lehnsherrlichkeiten, Real- und Personal-Leibeigenschaften, Zehend und Steuren bestehet, so undurchdringlich ist.

Vor allen Gesetzen bey Einrichtung der Gesellschaft scheint das Recht leben zu können, hergegangen zu seyn. Man war Mensch, ehe man Unterthan ward. Die Steuer ist, ihrer Natur nach, eine freywillige Aufopferung eines Theils unsers Eigenthums, um den andern Theil zu erhalten. Leibeigene aber haben kein Eigenthum. Ihnen etwas abfodern, ist, ihnen von dem Geschenke des Lebens entziehen, welches sie aus den Händen der diesen Natur empfangen.

Der Zehend, diese freyer Menschen unwürdige, von einem verächtlichen Volk erfundene, und von einem noch verächtlichern fortgepflanzte Anklage, ist ein eben so unheiliger, als grausamer Grif. Man ist kein Eigenthümer des Ackers mehr, wenn man es nicht von der Frucht ist. Die Staatskunst sollte in unserem Jahrhunderte erröthen, eines ihrer wichtigsten Hoheitsrechte, die Besteurung, in den Händen des Clerus zu sehen.

Man kan unmöglich an diese verhaßte Auflage denken, ohne den Einfall des berühmten Polizeyaufsehers Argenson, zu bewundern. Als einer von den elenden Schriftstellern zu Paris vor ihn gebracht wurde, so drohete ihm der Herr von Argenson, daß er ihn ins Zuchthaus schicken würde, wenn er fortführe, zu schreiben. ? Aber ich muß leben ? sagte der Autor ? das finde ich eben nicht für unumgänglich nothwendig ? versetzte der Policeyaufseher.

 


 

Wirtemberg.

Quo me, Bache, rapis tui plenum!

Horat.

Physik. Sitten. Statistik.

Hier gehts wunderlich zu.

Man behauptet, daß der Herzog Ulrich, einer der berühmtesten Regenten Wirtembergs, einst diese Worte über der Thüre seines Kabinets gefunden hätte. Der Herzog hätte den Urheber vermuthet, und auf der Stelle den Vers vollendet:

Kanzler Hans hilft auch dazu.

Durch dieses Impromtu hat der Herzog das Schicksal aller folgenden Regierungen seiner Nachkommen bestimmt.

Wenn der Zustand Wirtembergs, von welchem man in unsern Zeiten so viel gedacht, so viel vernünftelt und so viel gedruckt hat, bedaurenswürdig ist, so hat man es nicht seinem Clima zuzuschreiben. Es ist ein Charakter der Staatsform.

Niemals ist ein Land von der Natur günstiger behandelt worden, als dieses. Es hat reiche Fluren, Gebürge und Flüsse, welche von dem Einflusse einer gemäßigten und gütigen Sonne gepflegt werden. Das Temperament der Einwohner ist ein fleißiger Geist, frugale Sitten, und eine bescheidene Lebensart. Aber der Charakter der Regierung ist ? verwirrte Gesetze; Selbstmacht; ein beschwehrliches und unruhiges Parlament; Pachter; Soldaten; Steuren, und Rescripte.

Der Hof zu Stuttgart war einst einer der schimmerndsten in Europa. Jetzt ist er ganz philosophisch. Dieser Umschwung ist merkwürdig: aber er verdient Ehrfurcht, weil er ganz allein aus dem Umfange des Genie des regierenden Herzogs gefolgt ist.

Die Regierung des Herzogs Karl, eines der liebenswürdigsten Prinzen von Europa, macht in der Geschichte seiner Staaten eine sehr interessante Epoche.

Vor dem Regierungsantritte dieses Herren lag Alles in Barbarey. Die Gesetze waren dunkel und unvollkommen, die Regierung schwach, der Hof ohne Bildung und ohne Sitten, die schönen Künste abwesend: das Land wurde von einer Anzahl anarchischer Tirannen gepreßt, die Schulen schmachteten unter dem Zepter grammatischer Pedanten, in der verzweiflungsvollesten Unwissenheit. Wirtemberg war lange Zeit der Erdstrich, auf den die allgemeine Gährung des Verstandes und der Sitten, welche sich Europens bemeisterte, keinen Eindruck machte, der beym Glanze der Sonne blind blieb.

Mit der Regierung des Herzog Karls, steigt der Tag auf. Die Gesetze werden verbessert und in Zusammenhang gebracht. Die Regierung wird durch Anwendung geschickter Ausländer, durch die Einrichtung der Finanzen und durch Herstellung eines Corps der Armee, befestigt. Der Hof wird zu einem der prächtigsten in Europa gemacht. Die untergeordneten Tirannen des Volks werden vertrieben: man läßt das Land die Wohlthat der Selbstherrschaft schmecken. Die Künste werden herbeygerufen, beschäftigt, belohnt und ermuntert. Es wird ihnen eine Akademie eröfnet. Aus dem Schooße derselben sind die berühmtesten Künstler entsprungen, welche itzt zu Paris, zu Petersburg, zu Wien, zu Neapel, zu Mailand glänzen. Der Wirtembergische Hof versahe die stolzesten Höfe in Europa mit Virtuosen. Er war die Schule der le Jeune, der Noverre, der Jomelli, der Bayer.

Diß war das System des regierenden Hofs, als der Dämon der Länderzwietracht erwachte, und in die Wirtembergische Landschaft fuhr. Dieses Parlament, welches seit 84 Jahren eines von den unglückseeligsten Schicksalen Wirtembergs ausmacht, bestehet in einem Ausschusse der trotzigsten Köpfe der Nation. Sein System ist, die Unternehmungen und Absichten des Hofs in allen Stücken zu scheniren, und sich so viel möglich der Novität zu widersetzen.

Zum Unglück für die Nation ist das Daseyn dieser verhaßten Stelle nur allzufest gegründet. Tausend feyerliche Verträge, die von den Wirtembergischen Regenten beschworen, und von noch mächtigeren Regenten garantirt worden, versichern es. Man sagt genug, wenn man anführt, daß die Theologie an der Spitze derselben stehet, um den Hochmuth, die Unwissenheit, den Partheigeist und alle Fehler auszudrücken, welche eine parlamentarische Versammlung bilden. Ohne den großen Geist des regierenden Herzogs, und den Heldenmuth seiner Vorfahrere würde die Landschaft das aus dem Hofe gemacht haben, was der schwedische vor der ruhmvollen Thronbesteigung Gustav II, war.

Stuttgart. Die Militairakademie.

Stuttgart und Ludwigsburg sind die zwo merkwürdigsten Städte in Wirtemberg. Die erstere ist, wie man weiß, die Hauptstadt des Landes und der Regierung: die zwote ist ein Garten, der mit einigen Wohnungen besetzt ist. Sie war die Residenz des Hofs während den landschaftlichen Unruhen.

In Stuttgart ists, wo man den Zustand des Landes überblicken kan. Der allgemeine Geldmangel, welcher eine Folge der unglücklichen Irrungen ist, die zwischen dem Hofe und dem Land entstanden; die Niedergeschlagenheit des Publici, und die Philosophie des Hofs sind auffallende Gesichtspunkte.

Die Stadt Stuttgart hat keinen Antheil an den Wohlthaten der Künste genommen, während sie sich im Lande aufhielten. Sie bestehet aus einer Masse häßlicher Gebäude. Die Manieren und die Lebensart der Inwohner sind ungebildet. Die Stuttgarter verstehen die Regeln der Verbeugung, aber in den Regeln der Höflichkeit sind sie unwissend. Das Publikum ist ohne Polizey, und es hat niemals Nationalschauspiele hier gegeben.

Das Temperament der Inwohner ist zum Prachte und, wenn man will, selbst zur Schwelgerey geneigt. Aber da ihnen Jenes fehlt, was diese Neigungen beseelt, so begünstigen sie sich mit einer Sorte spießbürgerischer Galanterie.

Eine der interessantesten Katastrophen in der Regierungsgeschichte des Herzogs Karl ist das Erziehungsinstitut der Militairakademie. Diejenigen, welche es gesehen haben, behaupten, daß es eines der ergänztesten und merkwürdigsten Systeme dieser Art in Europa sey. Ihrem Berichte nach ist es aus dem Modell der Realschule in Berlin, und den adelichen Erziehungsstiftern zu Wien, Neapel, Braunschweig und anderer Staaten zusammengesetzt. Das Institut theilt sich in zwo Akademien, die Militairschule, und ein Notredam, welches ein Conservatorium fürs schöne Geschlecht ist.

Praxis und Wissenschaften.

Wirtemberg ist das Reich der Magister und der Schreiber. Die letztern sind eine Gattung Kunstverwandten, welche in Schreibstuben in den Städten und auf dem Lande tagwerken. Diese Schreibstuben sind der Lymbus der Wirtembergischen Beamten. Aus ihnen entstehen die Räthe beym Finanzwesen, die Oberamtleute, die Unteramtleute, die Steuereinnehmer, die Städtesyndiker und die Landverwalter. Zuweilen fourniren sie auch Furirs, Dragoner, und Wilddiebe.

Die Kunst dieser Leute bestehet in einer Praxis. Es ist nicht jene verehrenswürdige Erfahrenheit, welche ihre Handlungen durch besondere Grundsätze zu beweisen weiß. Die Wirtembergischen Schreibere sinds nicht, die den speciellen Zustand des Landes und der Städte kennen; auf die Folgen der Vorfälle und der Gesetze Acht geben, und die Vorurtheile der Gewohnheit einsehen; ob sie schon hierinn arbeiten. Sie sind politische Quacksalber, welche ihre Recepte so hingeben, wie sie solche gefunden. Sie reisen niemals ausser dem Bezirke ihrer Schreibstube, noch ihres Landes. Sie verbinden nicht die mindeste fremde Kenntniß mit ihrem Berufe. Sie lesen, noch bekümmern sich, was Andere gedacht und gethan haben. Für sie hat sich Aristoteles umsonst in Brunnen gestürzt.

Die Litteratur des Landes hat sich vor kurzem noch blos auf die wissenschaftliche Seite bezogen. Auf der Seite der schönen Gelehrsamkeit war nichts gethan. Volz und Le Bret wurden die Prometheus der Nation. Sie beriefen das Genie vom Himmel herab.

Nichts ist trauriger als der Zustand, worinn sich die Litteratur vor dieser Epoche befand. Ausser der Universität Tübingen besaß das Land kein Lyceum für die Musen. Es waren noch gewisse Kerker zu Maulbronn, Deckendorf etc. vorhanden, worinn man sie aufhielt. Aber diese sogenannten Klöster sind nicht die Tempel des Orpheus, des Apolls, der Pindars und der Horaze: sie sind einem Bilde gleich, worinn einige Druiden mitten im Winkel ihrer Höle, jungen Leuten die schöne Welt erklären.

Die Universität selbst war kaum mehr als eine Klopffechterschule der Theologie, der Rechtsgelehrsamkeit, der Pedanterey, des Schulgezänks und der Unwissenheit. Sie war noch bis aufs Jahr 1774 die Satire der Sachsen und der übrigen deutschen Nationen. Wirtemberg hat noch keinen einigen Geometer gebohren; dann Bilfinger war mehr Schuldiener in der Geometrie, als Genie. In der Physik und der natürlichen Geschichte ? diesen unserm Jahrhunderte schäzbaren Wissenschaften ? hat es niemand. Vergebens haben sich im Staatsrechte die Hofmänner, und Moser der Polygraph, herfürgethan: die Praxis der Staatsverwaltung, die Polizey- Finanz- und Handlungswissenschaften, haben dagegen niemand gehabt. Die römischen Rechte, ohne welche die Welt füglich bestehen könnte, genossen einen Lauterbach und Schweder. Die Arzneyschule schüttelte den Staub der Agrippa und der Galene. Die vaterländische Geschichte war glücklich genug, einen Sattler zu finden. Die schönen Sprachen, die Poesie, die Alterthümer, die Tonkunst und das ganze Gefolge der Grazien waren ausser der Gränze verwiesen. Eine gewisse Frau Weisensee, welche Reime im Styl der Gryphius und der Köhler schmiedete, vergleichet man Schwäbisch Magazin, 1777. ohne Beding den Corillen und der Laura Bassi.

Unter der herfürstralenden Regierung des erlauchten Karls hat sich die Universität Tübingen, und mit ihr die Litteratur in Wirtemberg, glücklich geändert. In der That, die Unruhen der Kriege unter den Regierungen der Prinzen, seiner Vorfahren, scheinen ihnen nicht erlaubt zu haben, ihren Blick auf die wohlthätigen Künste des Friedens zu werfen. Es war dem fruchtbaren Zeitpunkte Karls vorbehalten, den Genie der Nation zu erwecken, ohne ihre Tapferkeit zu entkräften.

Den Einfluß der Militairakademie abgezogen, tragen die Wissenschaften in Würtemberg schöne Blüte. Man hat an dem Lichte Theil genommen, welches sich am deutschen Horizont aus dem Mittelpunkte Frankreichs und Englands verbreitete; und das Genie ist nur noch um wenige Grade von der Mittagslinie des Landes entfernt.

Vornehmlich wird die Haushaltungswissenschaft, und das Finanzwesen in den Dikasterien des Landes und der Regierung kultivirt.

Unter den unglücklichen Folgen, welche die Reformation eingeführt, und die man der Verfolgung der Hugenotten, den Massacren in Irrland, und einem dreyssigjährigen Blutvergiessen an die Seite setzen muß, ist der Religionszwang keiner der geringsten. Er schadet beyden Partheyen in gleichem Grad. Vernünftige Staatskenner haben bewiesen, daß Italien, Frankreich, Oesterreich eben so viel Nachtheil von der Ausschliessung der Protestanten genießen, als Schweden, Dänemark und England in der Alleinherrschaft der protestantischen Religion empfinden. Das was bey grossen Staaten ein Unglück ist, ist in kleinen gewiß ein Laster.

Die Intoleranz, die soweit getrieben wird, daß man nach der Beobachtung eines weisen Schriftstellers Leben und Meynungen Sebaldus Nothankers., aus einem unorthodoxen Zuckerbecker ein Landesgravamen macht, und die in Wirtemberg durch das System der Landschaft geschützt wird, hat vor manchem geschickten Künstler die Brücke aufgezogen, oder sie hat vielmehr dem Lande selbst vor dem Eingange der Künste die Thore geschlossen.

Diese unpolitische Maxime hat in allen Gegenden, die sie beherrscht, der Aufnahme der Handlung, der Künste und der Wissenschaften geschadet. Man hat in Wirtemberg sehr rührende Beyspiele davon. Und die Aufnahme beyderley Religionen in die Militairakademie ist einer der größten und weisesten Gesichtspunkte des Stifters.

Unterdessen muß man mit Bedauren bemerken, daß sich viele nützliche Genies, welche unter dem Wirtembergischen Himmel gebohren sind, sobald sie ihre Bestimmung fühlten, expatriirt haben. Locke sagt, daß das Genie der Salniter der Seele sey, welcher, wenn er entzündet werde, mit Gewalt ausbreche und sich die Sphäre erweitere. Aber es giebt leider Sphären, welche an und für sich so viel niederschlagende Dünste enthalten, die den Flug eines einheimischen Genie lähmen; und in solchem Falle verläßt man sein Vaterland mit kaltem Blut.

Patriotische Phantasie.

Ich sann dem Schicksale Wirtembergs nach, als mich der Schlaf überfiel. Es schien mir, daß ich mich an dem Eintritte in ein Land befand, welches von einer schönen Sonne beleuchtet ward. Ein lüftiges Wesen voll Freundlichkeit näherte sich mir. Ich bin der Genius dieses Landes sprach er, ich werde dir die Merkwürdigkeiten desselben weisen: folge mir. Er faßte mich bey der Hand. Wir kamen durch eine schöne und wohlgebaute Landstraße, die zu beyden Seiten mit Bäumen besetzt war, welche Früchte trugen, auf einer großen Ebene an. Alle öffentliche Strassen dieses Lands, sagte er, sind so beschaffen, wie die gegenwärtige. Der Regent hat die Anlegung wohlbeschaffener Strassen für einen Vorzug des Landes angesehen. Man hat nicht geruhet, bis man die zu dieser Unternehmung benöthigte Kosten auftrieb. Da die Anschläge hierzu mit Weisheit entworfen waren, und eine genaue Ausführung versprachen, so hielt es nicht schwer, vermögliche Leute zu finden, welche dem Staate Geld vorschossen. Man bezahlte sie wieder von den Einkünften der Strasse. Dann der Vortheil, den man dadurch gewann, ist sichtbar. Unsere Strassen werden von den Reisenden gesucht, welche zuweilen andere Länder umfahren, um sich der unserigen zu bedienen. Diß erwirbt einen beträchtlichen Wegzoll, und zieht die Handlung in unsere Gegenden.

Voll Bewunderung über die Weisheit einer so guten Anstalt gelangte ich auf die Ebene. Blühende Fluren, deren Früchte viel vollkommener und schöner zu seyn schienen, als gewöhnlich, bedeckten die Erde. Zwischen denselben wandten sich Kanäle, woran man die Hand des menschlichen Fleisses erkannte, nach schiffbaren Flüssen. Eine unzählbare Menge Menschen wimmelte auf diesen Fluren, und auf diesen Kanälen.

Am Ende der Ebene lag ein marmorner Pallast. Mein Führer ließ mich denselben betreten. Diß ist der Pallast der Landwirtschaftaufsicht, sagte er. Hier in diesem Saale, wo das Bildniß des Landesvaters, als allgemeinen Haushälters der Nation, aufgestellt ist, halten die zur Aufsicht über die Aufnahme des Ackerbaues und der Feldwirthschaft bestellten Weltweisen ihre Versammlung und Berathschlagungen. In jenem Saale, dessen Decke mit der Geschichte des Saturns und der Ceres ausgemahlt ist, werden die Kunstwerkzeuge und Erfindungen aufbehalten, welche der menschliche Wiz bey allen Nationen zur Beförderung des Ackerbaues und der Oekonomie einführt. Dort auf der Gegenseite ist ein Saal mit chinesischen Gebräuchen ausgemalt, worinn man die öffentlichen Belohnungen der ökonomischen Tugend, und die Preise für den Feldbau und die Erzeugung austheilt. Im Pavillon des Pallasts wohnt die vom Regenten gestiftete Akademie des Ackerbaues und der Hauswirthschaft.

Meine Aufmerksamkeit war ausserordentlich, einen so vollkommenen Zusammenfluß nützlicher Gegenstände zu sehen. Der Schutzgeist des Landes führte mich in ein Kabinet. Hier wies er mir ein Buch, welches eben nicht von großem Umfange war. Diß ist, sagte er, die Sammlung der Gesetze für den Ackerbau. Sie sind nicht weitläufig. Dann, um die Natur zu verstehen, braucht man nur einfache Begriffe: und um der Menschlichkeit wohl zu wollen, sind nicht viel Worte nöthig. Lies. Ich fand folgende Betrachtungen, die in meinem Gedächtnisse unvergeßlich sind.

Der Ackerbau ist die Grundstütze und das Leben des Staats.

An dem Zustande der Felder kann man die Kräfte eines Staats erkennen.

Das wesentlichste Mittel zur Aufnahme des Ackerbaues ist die Bevölkerung.

Das Klostersystem und der Militairetat widersprechen der Aufnahme des Ackerbaues gänzlich.

Es ist kein ehrwürdigerer Stand als der eines Bauren.

Erziehet eure Kinder lieber zu fleissigen Feldmännern, als zu Schreibern, Rechtsgelehrten, Geistlichen und Künstlern.

Man schaffe die Frohndienste ab, weil sie den Fleis hindern und die Menschen erniedrigen.

Alle Feyrtäge, die den Genuß der Arbeit stöhren und den Müssiggang einführen, sind Gott nicht gefällig.

Der Nahrungsmangel ist das vornehmste Hinderniß der Bevölkerung.

Die Steur muß im genaumöglichsten Verhältnisse mit dem Ertrage stehen.

Ich erstaunte über eine Menge ähnlicher Begriffe, welche an Deutlichkeit und Kürze einander übertrafen. ? Es ist genug, sprach mein Führer. Laß uns weiter gehen.

Er führte mich auf einen Hügel, welcher sich hinter dem Pallaste der Landwirthschaftsaufsicht erhob. Sobald ich den Gipfel erreicht hatte, so eröfnete sich mir eine neue Aussicht in ein unübersehbares Thal. Dieses Thal war von einer Menge angenehmer Dörfer und vielen einzelnen Häusern bevölkert. Auf den zwischenliegenden Flächen waidete unzähliges Vieh, welches viel grösser und stärker war, als anderer Orten.

Die Menge dieses Viehes, sprach der Schutzgeist, welche du bewunderst, entstehet von der Vorsicht der Landwirthschaftspolicey, die die Raubthiere gänzlich ausgerottet hat, und von der Einrichtung einer Vieharzneyschule, so sich in einem jener einzelnen Häuser aufhält, welche du dort siehest.

Indem wir auf das nächstgelegene Dorf gehen, so muß ich dir sagen, daß die einzelnen Häuser, die hin und wieder, größtentheils an Flüssen, zerstreuet liegen, Fabriken sind, welche der Regent zum Vortheile der armen Landleute angelegt hat. Diese Fabriken beschäftigen den Ueberfluß der Bevölkerung, und verarbeiten die rohen Erzeugnisse des Feldbaues. Du siehest, daß sie, zufolge ihres Stofs, mit Vorsicht situirt sind, um entweder bey der Quelle des Produkts nahe zu seyn, oder sich im Mittelpunkte verschiedener Ortschaften zu befinden, denen sie Nahrung und Leben geben. Alle diese Werker stehen unter der Aufsicht der Handlungs- und Manufaktur-Akademie, die sich in der Hauptstadt aufhält.

Ich konnte die Klugheit solcher Einrichtungen nicht genugsam bewundern. Ich bemerkte, daß die Lage der Fabriken so weißlich ausgedacht war, daß jede nicht nur für sich selbst ihre Subsistenz hatte, sondern, daß sie auch vermittelst der Kanäle, welche das Thal durchkreuzen, eine immerwährende Correspondenz miteinander unterhielten. Z. B. in der Nähe einer Tongrube fand sich eine Ziegelhütte, oder eine Porzellanfabrik. Unweit einer Erzgrube war ein Eisenhammer: er schickte seinen Stof einer benachbarten Gewehrfabrik, und diese lies einen Theil desselben einer entlegeneren Nadelfabrik zukommen. Auf diese Art hiengen alle Fabriken zusammen. Sie schienen eine Maschine auszumachen, wovon jede Fabrik eine von den Springfedern war.

Gestehen sie mir, redete ich den Schutzgeist an, daß diese bewundernswürdige Situationen nicht natürlich sind. Die Dinge in einen solchen Zusammenhang zu bringen, muß sich die Natur ein Land besonders ausersehen haben, um Wunder zu thun.

Nichtsweniger erwiederte mir der Geist. Die Natur ist sich überall gleich. Vor zwanzig Jahren war all dieses noch nicht. Es ist ein Werk des menschlichen Fleißes, von dem Einflusse einer erleuchteten Regierung unterstützt. Der gesunde Willen des Landsherrn macht Alles möglich. Indem wir der Natur auf der Spuhre waren, und ihr die Wege bahnten, so eröfnete sie ihre Schätze von selbst. Eine Anstalt erleichterte die andere. So entstund der Zusammenhang eines Ganzen ohne Mühe.

Während dieser Unterredung erreichten wir das Dorf. Eine neue Scene meiner Aufmerksamkeit. An dem Gasthofe, wobey ich vorübergieng, sah ich eine Tafel angeschlagen, auf welcher mit großen Kennzügen die Taxe der Gastherberge von Obrigkeitswegen verzeichnet war. Diß geschiehet, belehrte mich der Schutzgeist, um der Fuhrleute und Reisenden willen, welche die Handlungsstrasse, so durch dieses Ort gehet, beziehen.

Ich weilte zuerst nach der Schule. Hier sah ich die Kinder währendem Unterrichte, den ihnen der Lehrmeister in den Lehren der Religion, der Wohlanständigkeit, der Sitten, der bürgerlichen Erkenntnisse, und der vaterländischen Gesetze gab, Händearbeit verrichten, stricken, nähen, klöpplen. Der Schutzgeist machte mich bemerken, daß nur ein kleiner Ausschuß Knaben zum Schreiben angeführt wurde. Diese Kunst, fügte er hinzu, ist nur wenigen auf dem Lande nöthig: ihr Unterricht aber macht viel an der, bey der Erziehung der Jugend so edlen, Zeit verlieren.

Von der Schule führte mich mein Begleiter in das öffentliche Versorgungshaus. Jedes Dorf, sprach er, hat ein dergleichen Haus. Dieses Haus dient dazu, dem unglücklichen Menschengeschlechte, welches Alters, oder Leibesgebrechen, oder zufälliger Krankheit halber zur Feldarbeit untüchtig ist, Zuflucht und Nahrung zu verschaffen. Die Gemeinde versiehet das Haus, auf ihre Speculation, mit Arbeit aus den Fabriken. Hiebey gewinnt dieselbe einen kleinen Beytrag zu Tragung der öffentlichen Lasten, und versorgt ihre Armen.

Ich konnte mich nicht enthalten, zu bemerken, daß ich seit meiner Umwanderung im Lande noch keinen Bettler gesehen hatte.

Dieses Ungeziefer, sagte der Schutzgeist, wächßt in der Pflanzschule des Müssiggangs und des Lasters auf, und ist der gewisseste Verräther eines übelbeschaffenen Staats.

Ich war in bewundernden Betrachtungen über die Reinigkeit der Gassen und die Bequemlichkeit der Häuser vertieft, als mich ein Haufe Reuter unterbrach, welche im Dorfe ankamen. Man sagte uns, daß es die Landpolizeykommission wäre, die auf ihrer gewöhnlichen Ronde begriffen sey. Diese Kommission, die sich in einem ewigen Kreislaufe drehet, bestund aus einem Gesetzverwalter, einem Arzte, einem Sittenaufseher, einem Schreiber und einem Gerichtsdiener.

Auf die Vorbitte des Schutzgeists gestattete man mir, dem Amte beyzuwohnen, welches die Landpolizeykommission hielt. Eine Obrigkeitsperson wurde ihres Dienstes entsetzt, weil sie einem Bürger hart begegnet war. Der Steuereinnehmer wurde gestraft, weil er die Beytreibung der Steuer bey einem Bürger ein Jahr lang hatte anstehen lassen, welches veranlaßte, daß die Schuldigkeit im zweyten Jahre so groß war, daß sie der Schuldner nicht, ohne sich wehe zu thun, abführen konnte. Eine Handlung der Unmenschlichkeit bey einem reichen Manne, gegen einer seinen Dienstbothen, wurde mit vierzehntägiger Arbeit im öffentlichen Versorgungshause belegt. Wegen dem Ungehorsam eines Kindes gegen seine Eltern empfieng der Schulmeister einen scharfen Verweis. Ein Trunkenbold wurde zum 24stündigen Kerker verdammt.

Während der Arzt von Haus zu Haus gieng, sich nach den herrschenden Krankheiten zu erkundigen, und den Leuten entweder Verordnungen aufzuschreiben, oder sie von dem Gebrauche der einfachen Arzneymittel zu unterrichten, visitirte der Gerichtsdiener die Gasthöfe, die Kramläden und den Kerker; der Schreiber aber den Zustand der öffentlichen Gebäude, Brunnen, Brücken, u. s. w.

Von dem Gefühle der Bewunderung durchdrungen bat ich meinen Begleiter, mich tiefer ins Land zu führen. Jedes Dorf, das ich berührte, enthielt einen eigenen Vorwurf des allgemeinen Besten. Hier traf ich ein Kornmagazin, auf Rechnung des Staats, an. Dort entdeckte ich eine Landhebammenschule. Jezt wies mir der Schutzgeist ein Waisenhaus. Im nächsten Dorfe war der Sitz der Bezirksfeuerversichrungskasse. So viel merkwürdige Marktflecken, so viel Züge der Staatsweisheit.

Wir hatten nur noch ein kleines Gehölze zwischen uns und der Hauptstadt. Vermuthlich, redete ich den Schutzgeist an, wird es in ihrem Lande einen Ueberfluß an Wildbrät, Hirschen von dem edelsten Schlage, und Fasanen geben, die im Geschmacke vortreflich sind? ? Es ist Alles niedergeschossen, erwiederte mir der Geist. Die Wildbahn ist bey uns gänzlich abgeschaft, und das Gewild wird wie Raubthiere behandelt, welche dem Unterthanen an seinem Brode schädlich sind. Unser Regent betrachtet die Jagdlust als einen grausamen, und der Gesundheit nachtheiligen Zeitvertreib, der der Beschäftigung eines Prinzen unwürdig ist. Wenn wir Leckerbissen auf unsere Tafeln haben wollen, so bekommen wir dessen von unsern Nachbarn, die damit zum Ueberflusse beschwert sind, gegen unser Mastvieh, unsere Fische und Manufakturen, in Menge.

Nunmehr war ich mit meinem Führer in der Stadt angelangt. Ein unermeßliches Gebäude, woran die Kunst all ihren Geschmack verschwendet zu haben schien, fiel mir sogleich ins Gesicht. Diß sagte der Geist, ist der Pallast des Staats. Ich werde dich von einem zum andern seiner Departements führen. Betrachte, und denke!

Ueber der Thüre des ersten Saales, in welchen wir traten, stunden die Worte: Polizey-kanzley. Eine Menge Beamten waren beschäftigt ihre Pflicht zu üben. Hier arbeitete ein Krais über der neuen Ausgabe des Landrechts. Diese neue Ausgabe sollte zum Vorläufer dienen von einem neuen Gesetzbuch, wordurch der Monarch seine Regierung zu verewigen beschlossen hatte. Das alte Landrecht war in den meisten Theilen unbrauchbar worden. Die Revolution der Einsichten, der Sitten, der Erziehung, des Clima, der benachbarten Regierungsverfassungen foderte eine Abänderung der Gesetze. Dann der Regent hielt dafür, daß kein Gesetz möglichst gut seye, wenn es nicht seinem Jahrhunderte angemessen ist. Allein da die Wahl der Gelehrten, welche zu diesem wichtigen Unternehmen erfodert wurden, nicht leicht war, so verzögerte sich die Ausführung der Sache. Der Regent glaubte, daß, ausser einigen vorzüglichen Rechtskundigen, noch eine Anzahl Philosophen und Naturkenner nöthig wären, weil bey der Gesetzverfassung sehr viel auf den gesunden Verstand ankommt.

An einem andern Tische befand sich eine Gesellschaft, welcher aufgetragen war, die Criminalordnung zu verbessern, und die Folter abzuschaffen.

Am dritten Tische übeten sich geschickte Männer über einem Vorschlag zur Verkürzung der Civilprozesse.

Der vierte war der Mittelpunkt einer Commission zu Verbesserung der Gymnasien und Landschulen, Einrichtung eines neuen Erziehungssystem, nach dem Muster der benachbarten Staaten, Gründung einer Normalschule, oder Modellschule für die Lehrer.

Im übrigen Raume des Saals wurden Ausfertigungen an das Polizeyamt der Hauptstadt, in Betref der öffentlichen Sicherheit, der Verschönerung, der Aufnahme der Stadt, geschrieben.

Aus dem Saale der Polizey führte mich der Schutzgeist in einen andern, welcher, zufolge der Ueberschrift, die Finanzkanzley war.

Zuvörderst fiel mir ein Mann ins Gesicht, welcher ein Pappier vor sich hatte, das sich die Staatskarte des Landes benennte. Diese Karte, welche mit dem genauesten Fleisse von den geschicktesten Gelehrten aufgenommen, und welche ein Kabinetsgeheimniß des Staats ist, enthält ausser den gewöhnlichen geographischen Verhältnissen des Landes eine zuverläßige Nachricht von den natürlichen Vorzügen desselben.

Sie ist der Richtpunkt bey den Entwürfen der Kammer, des Commerzkollegiums und der Kabinetskanzley. Die Beylagen, welche ihr angehören, sind die Populationstabellen, welche aus dem Verzeichnisse der Geburts- und Todtenlisten errichtet werden; die Conscriptionslisten, worinn man die Anzahl der Menschen und des Viehes findet; die Manufakturtabellen; und die Oekonomietabellen.

Und was für eine Karte haben sie hier in Händen? so fragte ich Einen, den ich an einem zweyten Tische in Betrachtungen vertieft sah. ? Es ist die Staatsbilanz, versetzte er, oder die jährliche Tabelle der allgemeinen Staatsausgaben und Staatseinnahmen und des Kassarests. Sie ist bey den Operationen des Kabinets und der Kriegskanzley unentbehrlich.

Indem erblickte ich einen Zirkel von mehr als sechs Männern. Ihr Fleiß zog meine Aufmerksamkeit an sich. Wir arbeiten, sagten sie, an dem Entwurfe zu einem neuen Rechnungsfuße: ein Gegenstand, der dem Lande höchstsnothwendig ist. Die bisherige Rechnungsmethode ist so verwirrt, so dunkel und so abgeschmackt, daß man eine eigene Vernunft braucht, sie einzusehen, um die seinige nicht zu verwirren. Das Leben eines Mannes ist kaum hinreichend, sie zu erlernen, um alle Probleme zu entwickeln, welche die Zunftmeister in dieser Kunst aufzugeben wissen. Wir sind der Meynung, daß eine Anwendung der gedoppelten Buchhaltung auf die Oekonomie das beste Muster sey, welches wir zu einem neuen Rechnungsfuße erwählen können; und wir haben gehört, daß diese Art Rechenfuß in andern erleuchteten Staaten mit glücklichem Erfolge eingeführt ist.

Ich verlies diese Männer, deren Beschäftigung mir sehr nützlich zu seyn schien, blos, um mich zu einem Kraise von anderen zu wenden, die nicht minder Emsigkeit verriethen. Sie beschäftigten sich mit der Verbesserung der Zünfte und der Handwerker. Wir trachten, sprachen sie, den Unsinn abzuschaffen, welcher sich in der Einrichtung der Zünfte befindet, und welcher dem Fortkommen der Handlung widerspricht. Indem wir ihre Zunftartikel umgiessen, die Lehrjahre abkürzen, die Meisterstücke aufheben, die Gesellenjahre einschränken, und tausend andere Mißbräuche abändern, welche dem Kunstfleisse und der Beförderung der Nahrungswege entgegen sind, so gedenken wir die gesunde Vernunft in ihren Verfassungen wieder herzustellen, und sie dem Staate nützlich zu machen.

Der dritte Saal war die Kriegskanzley. Hier wies mir Jemand den Etat der Armee, woraus ich genau sah, daß er mit den Kräften des Landes im Verhältnisse stund. Die Truppen schienen nicht vorhanden zu seyn, um auf Befehl zu warten, bis sie zum Dienste eines fremden Herren, dessen Interesse das Vaterland lediglich nichts angehet, zum Morden oder zur Schlachtbank angeführt werden, weil sie dieser Ausländer bezahlt hat, inmittelst aber ihr Leben im Müssiggange zuzubringen.

Es waren ihrer nicht mehr, als man zu Bewahrung der öffentlichen Sicherheit des Staats, zu Beschützung der Gesetze und der landesherrlichen Obermacht, und, auf den Nothfall zur Vertheidigung der Gränzen, zu bedürfen schien. Und da sie von dem allgemeinen Schaz bezalt wurden, so gehörten sie dem Vaterlande.

Sie waren immer so verlegt, das durch ihre Position zu gleicher Zeit das Land beschüzt, und überall die Consumption der Lebensmittel und der Umlauf des Geldes ausgebreitet wurde. Die eine Hälfte der Armee war beständig in Urlaub, wo sie das Land bauen half, sich in der Liebe zur Arbeit und in der Bewegung und Ausbildung des Körpers erhielt. Die andere Hälfte war beständig in Waffen.

Unter den Verordnungen, welche der Kriegsrath heute ausfertigen lies, waren folgende merkwürdig.

Der Staat wird führohinmehr keine andere als seine eigene Unterthanen zum Kriegsdienste zulassen. Die Ehre das Vaterland zu vertheidigen, ist zu wichtig, um sie Miethlingen zu überlassen.

Die Leibwache des Regenten wird fürohin blos aus Landeskindern bestehen. Es ist beleidigend, daß der Regent seine Person jemand Anders, als seinen Unterthanen anvertraue.

Die Aushebung der Rekruten zum Dienste des Vaterlandes wird künftig nach Anleitung der jährlichen Conscription, und nicht anders als mit Beyziehung der Civilvorstehere, geschehen.

Die Werbungen sowol für den Dienst des Hauses, als fremder Potentaten, sind ein für allemal gänzlich abgeschaft.

Zum Besten des Ackerbaues, worauf das wichtigste Wohl des Staats beruhet, sollen die Kapitulationen bey der Armee auf sechs Jahre eingeschränkt, und genau erfüllt werden.

Das Geld, welches der gemeine Mann währendem Urlaub für sich verdient, bleibt seiner Disposition nicht überlassen. Die Gemeinde, welche es für ihn eincassirt, wird der Compagnie davon Rechenschaft geben. Er ist gehalten, währendem Urlaub auf den Fus der Caserne zu leben. Der Ueberschuß, den die Compagnie in Verwahrung nimmt, wird ihm zu einem Sparhafen dienen, sich entweder loszukaufen, im Falle er die Kapitulationszeit nicht abwarten will, oder ein Kapital beyzulegen, womit er sich bey seiner Austretung ein Etablissement verschaffen kan.

Die Chefs und Officiers der Regimenter werden erinnert, den Soldaten weniger zu einer unnöthigen Uebung in Handgriffen und im Puze anzuhalten, als zum Gehorsam, zur Sparsamkeit und zum Fleisse im bürgerlichen Leben, welches seine künftige Bestimmung ist.

Es war nur noch ein einziger Saal für meine Betrachtung übrig. Ueber der Thür stund: Kanzley der Gelehrsamkeit. Diese Etiquette befremdete mich anfänglich. Aber ich war schon gewohnt, außerordentliche Dinge in diesem Lande zu sehen.

An den Saal gränzten verschiedene Kabinete, welche soviel Departements der Gelehrtenkanzley ausmachten. Sie folgten einander im Range.

Das erste war

Die praktische Philosophie.

Hierunter gehörte: Der Feldbau und die Oekonomiekunst. Die Handwerkskünste. Die Prachtkünste. Der Handel. Die ausübende Heilungswissenschaft. Die Wundarzneykunst. Die Hebekunst. Die Scheidekunst.

Das zweyte Departement war

Die Moral.

Die ihr untergeordneten Wissenschaften bestunden in der Rechtsgelehrsamkeit. Die Religionslehre. Die bürgerliche Politik.

Im dritten Departement wohnten

Die Staatswissenschaften.

Hiezu gehört: Die Polizey. Die Finanz. Die Handlungswissenschaft. Die Staatsklugheit. Das Staatsrecht. Die Staatsgeschichte. Das Völkerrecht.

Das vierte Departement enthält

Die theoretische Weltweisheit.

Und theilt sich in die Größenlehre. Die Naturlehre. Die Krankheitslehre. Das Natur- und Sittenrecht. Die Kriegswissenschaft. Die Philosophie der Religion.

Das fünfte Departement war

Der Geschichte

gewidmet.

Das sechste Departement gehört den

Schönen Künsten.

Die Tonkunst. Die Mahlerey. Die Bildhauerkunst. Die Alterthümer. Die Dichtkunst. Das Schauspiel.

Im letzten Departement behandelt man

Die Schulkünste.

Die Sprachen. Die Vernunftlehre. Die Schönheitslehre. Die Geschichte der Litteratur. Die Kritik.

Der Endzweck der Beschäftigungen dieser Kanzley war, die Wissenschaften von dem Vorurtheile abzusondern, sie der Regierung nuzbar zu mache, die verschiedenen Kanzleyen der Staatsverwaltung über die Gegenstände ihres Amtes aufzuklären, die Praxin der Wissenschaften zu gründen, und den Verstand und das Herz der Nation zu erleuchten. Bey welchem Volk Wissenschaft herrscht, bey dem ist auch Rath und Muth.

Als wir den Pallast des Staats verliessen, so besahen wir noch viel andere vortrefliche Gebäude, welche Einrichtungen zum öffentlichen Besten des Staats enthielten: die Akademie der Wissenschaften; die Handlungs- und Manufakturakademie; die Realschule, worinn die Muster von allen Erzeugnissen der vier Naturreiche, von allen Produkten der Kunst und der Erfindung gezeigt werden, und welche eine Erziehungsschule für die Handwerkspursche unterhält; die öffentliche Bank; das Pfandhaus zum Behuf der Bedürftigen, und auf Rechnung der Armenkasse gegründet. Das Intelligenzcomptoir; das große Versorgungshaus; das Magazin zum Vortheil arbeitloser Künstler und Handwerker; die Kriegsschule, das allgemeine Hospital, das Nationalschauspielhaus.

Indem mich mein Führer von der Einrichtung und den Gegenständen dieser Anstalten belehrte, so schlug eine große Glocke an, deren Ton sich über die ganze Gegend der Hauptstadt verbreitete, und welche das Herz auf eine besondere Art zu rühren schien. Man läutet, sagte der Schutzgeist, zur Audienz des Regenten. Laßt uns eilen, den Thron zu sehen, und Zeugen von der Austheilung seiner Weisheit und seiner Wohlthaten zu seyn.

Er führte mich in den Mittelpunkt der Hauptstadt, wo ich einen Pallast sah, der aus den Händen der Grazien gekommen zu seyn schien. Der Zufluß des Volks war eben nicht groß. Da der Regent sich mit dem Wohl seiner Unterthanen ununterbrochen beschäftigt, und da er keinen Tag vorbeygehen läßt, ohne einen Glücklichen zu machen: so ist die Anzal der Bittenden sehr gering.

Sobald sich der Fürst gezeigt hatte, so warf sich das Volk in den Staub. In diesem Augenblick verschwand mein Begleiter an meiner Seite. Ich sah seine Gesichtszüge in der Bildung des Regenten. Der Schutzengel des Landes war der Fürst selbst.

Das Schrecken, welches mir diese Verwandlung verursachte, und der Schmerz, den ich über den Verlust meines Gefährten empfand, erweckte mich. ? Wo ist die Stadt? wo ist mein gütiger Schutzgeist? wo ist der weise Regent? rief ich voll Betrübniß.

Mein Freund, Herr Freymut ein Eingebohrner Wirtembergs, dessen Bekanntschaft ich zu Lyon stiftete, überraschte mich mit seinem Besuche. Ich erzählte ihm meinen Traum. ? Hier, sagte er, sind alle diese Gegenstände, die sie verlohren haben, die wohlgebauten Landstrassen, die Fabriken, das neue Gesezbuch, die Gelehrtenkanzley u. s. w. Er wies mir einen Aufsaz, dessen Ueberschrift enthielt

Verlohrne Projekten

für

mein Vaterland.

 


 

Baaden.

Was ich gewünscht hab ich gesehen.

Gellert.

Vom Provinzialgeiste der Baader.

Wie lang wird man den Deutschen vorwerfen, daß sie keinen Nationalcharakter besäßen? Es ist wahr, wenn Tacitus wiederkäme, so würde er seine Geschichte ins Feuer werfen. Aber kann man ihnen den Provinzialgeist absprechen: jenen Sittenzug, woran sich ein Land von seinen Nachbarn unterscheidet? diese einzelne Proprietäten, wordurch ein Volk das andere im Fleisse, in der Mäßigkeit, in der Achtung für sich selbst, in der Liebe gegen seine Gesezze übertrift?

Dieß ist der Provinzialgeist der Baader. Man kan unmöglich den Fus in dieses Land sezen, so fällt einem die Betrachtung Marc-Aurels auf die Brust: Glücklich ist das Land, wo die Weltweisen Könige sind, oder die Könige die Weltweisheit treiben!

Der Karlsruher Hof.

Man weiß, daß während sich Seine regierende Durchlaucht mit den Vorwürfen der Antonine und der Usongs in ihrem Kabinette beschäftigt, so widmet die Prinzessin, seine Gemahlin, die Zeit, welche ihr von der Erziehung ihrer Kinder, oder von der Polizeyverwaltung ihres Hofs übrig bleibt, dem Briefwechsel mit auswärtigen Gelehrten, der Lektur, oder der Gesellschaft der Schöngeister, die sich an ihrem Hofe befinden.

Diese Prinzessin, die im Reiche der Unsterblichkeit einst an der Seite der Semiramiden und einer Sophie Scharlotte von Hanover blühen wird, hat ihren Hof zu einem Tempel gemacht, in welchem der Vestalinin heiliges Feuer unterhalten wird.

? ? um ihren Thron ? ? ?
Stehn Grazien und Musen. Ihren Tänzen
sieht sie oft zu. Sie werfen sie,
Nicht ohne Neid, mit ihren Lorbeerkränzen.

Diese Situation allein wäre hinlänglich ein Land weise, glücklich und beneidet zu machen. Allein seine regierende Durchlaucht hat noch mehr gethan. Eben diejenigen Kosten, welche sich andere Prinzen machen, Kunststücke in Europa aufzukaufen, hat der Marggraf aufgewendet, eine Sammlung Männer von Talent anzulegen.

Indem man solchergestalt dem Verdienste zu Karlsruhe die Thüre geöffnet hat, so haben sich fähige und geschickte Ausländer von allen Seiten eingefunden, und der Marggraf hat das Genie an seine Regierung geheftet.

Die Folgen hievon sind herrschendes Licht in der Staatsverwaltung, Resonnanz zwischen den Departements, ein thätiger, erleuchteter und wirkender Wetteifer unter den Dienern, Rath und That im Kabinete.

In der That der Karlsruherhof ist einer der ehrgeizigsten Höfe. Er besizt die Ambition, keine Schulden zu haben. Diß wäre hinlänglich, ihn von den Sitten Deutschlands zu unterscheiden. Allein er fügt noch die Kapriz hinzu, keine Prachtfeste, keine Opern, keine Kastraten, keine Tänzerinnen zu dulden. Diß ist zu viel.

Karlsruhe.

Die Stadt Karlsruhe ist, wie man weis, in einem regelmäßigen Geschmack erbaut. Ihre Straßen sind schnurgerecht, und die Häuser laufen unter einerley Geschoß. Die öffentlichen Pläze und die Lusthäuser verrathen den Wohlstand der Einwohner.

Karlsruhe ist einer der angenehmsten und reizendsten Ruhepunkte des Lebens. Die Nachbarschaft Strasburgs hat eine gewisse Verflößung in die Manieren und in die Lebensart der Innwohner gebracht, welche sie von dem grißgrämischen und spießbürgerischen Charakter der übrigen Schwaben entfernt. Der Umgang der Karlsruher ist ungezwungen, verbindlich und aufgeklärt. Es ist ? beynahe ? atheniensische Urbanität. Die Stutzer sind hier erträglich. Der vortreffliche Aether, welcher die Stadt umfleußt, hat den Geist und die Herzen der Einwohner mitgereiniget.

Der Pallast des Marggrafen ist ein würdiger Vorwurf der Bewunderung. Er enthält die vornehmste und unschätzbarste Gallerie in der Welt. Es ist eine lebendige Reihe geschickter, treuer und patriotischer Ministere.

Außer demselben verdienen die Palläste der Marggrafen Louis und Christoph, der Parck und andere öffentliche Prachtplätze Betrachtung. Und kein Theater!

Gelegenheitsdyatribe.

Also sollte die Entfernung der Schaubühne der Bildung des Publikums ? einem der vornehmsten Endzwecke der Polizey ? zuträglich seyn? So lang die Schaubühne sich begnügte, in Bescheidenheit bey dem ersten Endzwecke ihrer Einrichtung, dem Ergötzen des Publici zu beharren, so war sie berechtigt, auf den Schuz der Polizey Anspruch zu machen. Panem et Circenses ist der Wahlspruch aller Nationen. Allein seitdem sie die Etiquette verändert hat, seitdem sie, mit einem unausstehlichen Hochmut, den Titel einer Schule der Tugend und des Verstands annimmt; seitdem sie Königen den Ton geben will, wie sie sprechen, und den Ninons, wie sie lieben sollen: so hat sie sich der Verachtung würdig gemacht, womit ihr die Weltweisen begegnen.

Ich will nicht abgeschmackt werden, um die Gründe zu wiederholen, welche man in diesem wichtigen Prozesse angeführt hat. Die Feinde des Theaters mögen ewig gegen dasselbe schreiben: die Anhängere davon antworten durch eine Fluth von neuen Stücken, womit sie die Bühne überschwemmen.

Worüber streitet man so heftig? Ganz gewiß gereicht das Theater zur Erholung des Fleisses und zur Beschäftigung des Vergnügens: und es wäre nicht schlechterdings unmöglich, daß es etwas zu den Sitten beytrüge. Die Schaubühne ist ihrem Ursprunge nach ein Spiegel des Lebens: aber die heutigen Komödianten haben das Glas verdorben.

Die, so von der Religion der Schaubühne sind, geben vor, sie sey eine Art von moralischer Predigt. Erlauben sie, meine Herren, in keiner Religion kann man eine gute Predigt über einen schlechten Text halten.

Einer der gefährlichsten Nachtheile, den uns die Schaubühne, nach meiner Empfindung, zugeführt hat, ist, daß sie so viel Leute verführt, Komödien zu schreiben. Ein Mensch, der an der Landstrasse arbeiten oder öde Plätze umreissen könnte, schreibt dramatische Werke, und entzieht dem Staate zween gesunde Aerme. In der That der Kanal, wordurch die Sittenlehre womit uns das Theater gütigst bedient, ihren Weg nimmt, ist einer der beredtesten Gründe wider seinen angemaßten Nuzen. Zum mindesten siehet man an dem Beyspiele von Karlsruhe, daß ein Publikum vollkommen weise, glücklich und wohlgebildet seyn kann, ohne den Beytrag des Theaters.

Eine litterarische Anecdote.

Die Lieblingslitteratur der Marggräfin ist das Studium der Kunst. Man hat eine Anecdote von ihrem schönen Geist, welche, wenn man sie für wahrhaft anführen darf, der deutschen Nationalliteratur zum Stolze gereicht.

Vor einigen Jahren, so erzält man sie, besuchte ein junger französischer Duc auf seiner Reise durch Deutschland, den Karlsruher Hof. Man weis, daß dieser Herr, dessen Leidenschaft die Studien sind, mit der deutschen Sprache und den vornehmsten Schriftstellern unserer Nation bekannt ist. Nichtsdestoweniger behauptete er hartnäckig, daß die Deutschen keinen Namen aufzuweisen hätten, welcher mit den berühmten Genies der französischen Nation in diesem oder jenem Falle verglichen werden könnte.

Die Marggräfin besaß die Grosmut, sich ihrer Landsleute anzunehmen. Der Streit wurde lebhaft. Endlich foderte die Prinzessin den Duc auf, ihr die Namen von sechs französischen Genies zu geben, die er für unvergleichbar hielte.

Der Duc nahm eine Karte und schrieb darauf:

Die Marggräfin ergrief den Bleystift, und sezte gegen über:

Hierauf ersuchte der Duc, welcher über das Defi betroffen schien, die Prinzessin, die Aufforderung umzuwenden. Er erhielt folgende Namen:

Der Duc küste die Karte und erklärte sich für überwunden.

Zur Geschichte der deutschen Rentkammern.

Die Centrallandestugend in Baaden ist die Haushaltungskunst. Nirgendswo trift man weniger verlohrne Erdreich, Lustgärten, Teiche, Thiergärten, Fasanerien, Terassen, Alleen, an. Dieses ist, nach der Anmerkung des Lord Chesterfield, ein Merkmaal, woran man den Wohlstand eines Landes beurtheilen muß.

In der Kultur dieser Kunst, trägt der Fürst, so wie in allen übrigen Tugenden, seinen Unterthanen die Fackel voran. Man trift keine Rentkammer an, worinn mehr Licht, ein grösserer Geist der Ordnung und des Systems herrschet, als zu Karlsruhe. Als der Marggraf seine Regierung antrat, so war die Schazkammer nicht in den Umständen, worinn sie gegenwärtig ist. Es waren grosse Schulden von den Prinzen, seinen Vorwesern, vorhanden, welche die französischen Kriege verursacht hatten. Man erwartete ihre Tilgung von seiner Gerechtigkeit und Menschenliebe. Der Hof war in beträchtliche Appanagen engagirt. Die Provinz Baaden Baden, hatte damals noch ihre eigene Regenten. Sie lag in einem Abgrunde von Schulden. Der durlachische Hof, an welchen solche Provinz nach Erlöschung jener Linie fallen sollte, hatte in der hierüber errichteten Erbverbrüderung, die Bezahlung dieser Schulden übernommen.

Einen weniger entschlossenen Regenten würde eine solche Lage scheu gemacht haben. Vermöge der Weisheit des Marggrafen wurde eine der klügsten Finanzoperationen erfunden, diese Schulden zu tilgen. Die Bürgere jener benachbarten Staaten, bey denen nicht erlaubt ist, ungestraft reich zu seyn, schätzen sich itzt eben so glücklich, ihr vorräthiges Geld in die Rentkammer zu Karlsruhe niederzulegen, wie sich ein Premierminister zu .... oder .... schäzt, seine Reichthümer in die Bank zu Genua, oder Amsterdam zu flüchten.

Beschluß der Reise.

Der Ueberrest Schwabenlandes bestehet in einem Striche, der längs dem Schwarzwalde hinziehet. Er ist mit einer unzählbaren Menge kleiner Herrschaften, Staaten und Monarchien bedeckt, welche oft kaum so gros sind, daß ihr Erdkreis die Tabattiere des Regenten ausfüllt. Was man in diesen Gegenden beobachtet, ist ein Kontrast unfruchtbarer Ländereyen mit einigen wenigen angebauten Feldern; mageres Hornviehe, unwirthbare Waldungen, verfallene Schlösser, elende Bauerhütten, Amtleute und Bettler.


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