Carlotta. Zweiter Band

----------




Zwölftes Kapitel

30. September.

Bei Antoinette stimmt irgend etwas nicht. Das Essen, das sie uns diesen Abend vorsetzte, war beinahe ungenießbar. Bei Stenson stimmt auch irgend etwas nicht, denn er spielt jetzt seine geistlichen Trauermelodieen auf der Concertina, während ich zu Hause bin; aber das dulde ich nicht. Bei der Katze stimmt auch irgend etwas nicht. Wie eine verdammte Seele läuft sie im Hause herum und beschnuppert alles. Heute abend sprang sie tatsächlich auf den Eßtisch, sah mich mit ihrem einen Auge, in dem der Jammer von zweien konzentriert war, an und miaute mir herzbrechend ins Gesicht. Im Hause stimmt irgend etwas nicht ? meine Federn wollen nicht schreiben, meine Bücher sehen aus wie Totenbeine in einem Beinhaus, und das Manuskript meiner »Geschichte der Moral der Renaissance« liegt wie ein staubiges Denkmal der Unzulänglichkeit aller menschlichen Bestrebungen auf meinem Schreibtisch. Und bei mir selbst stimmt auch irgend etwas nicht.

Judit ist eben von ihrem Aufenthalt bei den Willoughbys zurückgekommen, und auch bei ihr stimmt irgend etwas nicht. Ich habe sie heute abend besucht, und da war sie in recht wechselnder Laune und sehr zum Widerspruch aufgelegt. Sie behauptete, ich sei langweilig, aber ich entgegnete, wenn die ganze herbstliche Natur draußen von Regen überschwemmt sei, könne der Mensch unmöglich guter Laune sein.

»In diesem Zimmer hier mit dem hellen Feuer und den zugezogenen Gardinen gibt es keinen greulichen Regen und keinen Herbst ? ausgenommen in unsern Herzen!« sagte Judit.

»Warum in unsern Herzen?« fragte ich.

»Was Sie für ein Wortklauber sind!« rief Judit empfindlich. »Wäre ich doch katholisch!«

»Warum?«

»Weil ich dann in ein Kloster gehen könnte.«

»Gehen Sie lieber zu Delphine Carrère.«

»Jetzt bin ich seit einem Tag zurück, und Sie wollen mich schon wieder loswerden,« rief sie mit rascher Frauenlogik.

»Meine liebe Judit, ich möchte Sie ja nur glücklich und zufrieden sehen.«

»Hm!« sagte sie.

Ihr Pantoffel, der wie gewöhnlich auf ihrer Fußspitze wippte, fiel zu Boden. Ich muß gestehen, dieses Mal kam mir das Ereignis nur halb zum Bewußtsein, weil meine Gedanken mit ganz andern Dingen beschäftigt waren.

»Sie heben mir nicht einmal mehr meinen Schuh auf,« sagte sie.

»Ich bitte tausendmal um Verzeihung!« rief ich aufspringend; aber schon war sie meiner Absicht zuvorgekommen. Schweigend starrten wir noch eine Weile ins Kaminfeuer; dann erklärte Judit, sie sei müde, und ich ging sehr frühzeitig meiner Wege.

An der Haustür bemerkte ich, daß ich meinen Regenschirm oben gelassen hatte; ich stieg also die Treppe noch einmal hinauf und klingelte. Nach einer Weile sah ich durch die Glasscheibe, daß Judit sich der Tür näherte, aber ehe die Tür geöffnet wurde, drehte sie das Licht im Flur aus.

»Markus!« rief sie ziemlich erregt, als sie mich sah, und trotz des an der Tür herrschenden Dunkels glaubte ich in ihren Augen Tränenspuren wahrzunehmen. »Sie kommen wieder?«

»Ja, um meinen Regenschirm zu holen.«

Sie sah mich einen Augenblick an, lachte dann, faßte mit den Händen nach ihrem Hals, wandte sich rasch um, nahm meinen Schirm, drückte ihn mir in die Hand, schob mich zur Tür hinaus und schloß mir diese vor der Nase zu. Aufs äußerste erstaunt ging ich die Treppe wieder hinunter. Was Judit nur haben mag? Heute abend sagte sie, alle Männer seien grausam. Nun, ich bin ein Mann, also bin ich grausam. Dies ist eine vollkommen logische Schlußfolgerung. Aber inwiefern bin ich denn grausam?

Ich ging zu Fuß nach Hause. So ein Gang, selbst beim abscheulichsten Regenwetter, ist ganz dazu angetan, einen niedergedrückten Menschen etwas zu trösten. Keine unnatürliche Lustigkeit verhöhnt einen. Der Geist ist in Harmonie mit dem aufgeweichten Weltall. Es ist ganz gut, wenn in der ganzen Welt alles zu ein und derselben Zeit nicht stimmt.

Ich habe meine durchnäßten Kleider mit Schlafrock und Pantoffeln vertauscht. Auf meinem Schreibtisch liegt ein mit steifer, kindlicher Handschrift überschriebener Brief. Er ist von Carlotta, die seit vierzehn Tagen bei den Mc Murrays in Cornwall ist. So lang sind mir noch selten vierzehn Tage geworden. Wie ein dummer Schuljunge habe ich die Tage bis zu ihrer Rückkehr, die übermorgen stattfindet, gezählt. Der Brief fängt an: »Siir Markuus lieb!« Diese Orthographie ist ein alter Scherz von uns beiden, die Wortstellung aber ist ihre eigene sinnreiche Erfindung. »Mrs. Mc Murray sagt, ich solle dich fragen, ob du mich noch eine Woche entbehren könntest. Sie will mir feine Manieren beibringen, und sie sagt, ich habe dem Oberpriester hier ? ja so, hier muß man Pfarrer sagen, jetzt weiß ichs wieder ? großes Entsetzen eingejagt, weil ich ohne Hut mit einem netten kleinen jungen Vikar spazieren gegangen bin, und als es angefangen hat, zu regnen, seinen Hut aufgesetzt habe. Natürlich ist uns dann der Pfarrer begegnet. Aber ich habe mit dem kleinen Vikar nicht kokettiert. O nein! Ich sagte ihm, er dürfe mir nicht den Hof machen, wie der junge Mann vom Spezereihändler, und ich sagte ihm auch, du würdest ihn prügeln, wenn er Gedichte an mich machte. Du siehst, ich bin sehr brav gewesen. Und liebster Siir Markuus, ich möchte gar zu gerne heimkommen, aber Mrs. Mc Murray sagt, ich müsse hier bleiben, und sie bekommt bald ein Baby, und ich bin sehr vergnügt und artig, und Mr. Mc Murray erzählt so komische Geschichten, daß ich lachen muß. Aber meinen liebsten Siir Markuus liebe ich doch am allermeisten. Gib Antoinette und Polyphem (die einäugige Katze) zwei gute Küsse von mir. Und hier ist einer für Siir Markuus von seiner Carlotta.«

Wie kann ich es abschlagen? Aber ich wollte, sie wäre wieder hier!

 

1. Oktober.

In der letzten Nacht konnte ich nicht schlafen, und am heutigen Tage habe ich nichts gearbeitet. Die Renaissance ist in die Eiszeit zurückgewichen, und an dieser habe ich, was ihre Menschen betrifft, auch nicht das geringste Interesse. So habe ich denn im Klub Zuflucht gesucht. Wie ist es nur möglich, daß ein alter nüchterner Gelehrtenklub ein so unruhiger Platz ist? Ponting, ein eigensinniger alter Herr vom Corpus-College, setzte sich zu mir an den Frühstückstisch und hielt Reden über Nationalökonomie und über das Golfspiel. Ich aber legte bei allen diesen erhabenen Thematen eine höfliche Unwissenheit an den Tag. Er versicherte mir, daß ich körperlich und geistig viel kräftiger wäre, wenn ich jene studierte und dieses spielte; dabei klopfte er sich auf seine schmale Brust und gab sich ein sehr überlegenes Ansehen. Ich fürchte, Ponting macht es wie die meisten Leute hier, er studiert das Golfspiel und spielt mit der Nationalökonomie. In ruhigeren Augenblicken kann ich Ponting gut ertragen. Aber heute ließ mich seine Prahlerei, er habe auf dem Spielplatz von Westward eine Golfpartie gewonnen ? in sieben ? siebzehn ? siebzig ? wer zum Kuckuck kann das behalten ? ganz kalt, und seine unreifen Ansichten über Nationalökonomie machten mir geradezu Magenweh.

In Gedanken versunken ging ich Piccadilly hinunter und stand da plötzlich meiner trübseligen Cousine Rosalie in ihrem trübseligen Kleid gegenüber. Sie nickte mir nur hastig zu und wäre an mir vorübergegangen, wenn ich sie nicht aufgehalten hätte. Ihr bleiches Gesicht richtete sich kläglich nach oben, und die sonst ausdruckslosen Augen schauten angstvoll umher. Ich war in grausamer Stimmung.

»Warum weichst du mir aus, als hätte ich die Pest?« fragte ich sie.

Sie murmelte, sie habe mir nicht ausweichen wollen, sie sei nur in großer Eile.

»Das glaube ich nicht,« erwiderte ich. »Natürlich haben böse Zungen dir gesagt, ich sei ein schlechter, gottloser Mensch und täte unerhörte Dinge, und wie ein gutes kleines Mädchen scheust du dich jetzt, mit mir zu sprechen. Wenn du diese bösen Zungen wieder siehst, so sage ihnen, ich ließe sie grüßen und sie seien boshafte Gänse.«

Damit zog ich meinen Hut und befreite Rosalie von meiner schrecklichen Gegenwart. Erbittert ging ich weiter, während ein abscheuliches Gefühl der Wut in mir aufstieg; meine Gedanken eilten zu meiner Tante Jessica, die ich für das Betragen ihrer Nichte verantwortlich machte, und eine wahre Kampfbegier trieb mich, sie zu besuchen. Nach einer Fahrt von zwanzig Minuten befand ich mich in ihrem Empfangszimmer. Ich traf sie allein; die Mädchen waren auf dem Lande. Sie empfing mich mit eisiger Kälte, und als ich der Hoffnung Ausdruck gab, daß die Fahrt auf der Jacht angenehm verlaufen sei, antwortete sie kurz: »Ja, außerordentlich angenehm!«

»Geht es Dora gut?« fragte ich, indem ich mir alle Mühe gab, ein Lächeln zu unterdrücken, das als eine Anspielung auf das gebrochene Herz hätte aufgefaßt werden können.

»Danke, es geht ihr ganz gut.«

Da eine solche abgehackte Unterhaltung durchaus nicht nach meinem Geschmack ist, schwieg ich jetzt höflich und forderte dadurch meine Tante zum Sprechen auf.

»Ich bin erstaunt, Markus,« sagte sie schließlich, »daß du Dora erwähnst.«

»Wirklich? Darf ich fragen warum?«

»Kann ich offen reden?«

»Bitte sehr.«

»Ich habe gehört, daß du mit deinem Mündel in Etretat gewesen seiest.«

»Nun?« fragte ich.

» Verbum sat,« lautete die Antwort meiner Tante.

»Und du hast also Mrs. Ralph und Rosalie von meinem Sommerausflug erzählt und ihnen zu verstehen gegeben, daß ich ein wahrer Ausbund von Lasterhaftigkeit sei? Meinen tiefstgefühlten Dank dafür! Ich bin soeben Rosalie auf der Straße begegnet; sie schreckte vor mir zurück, als sei ich die verkörperte Todsünde.«

»Daß du das in ihren unschuldigen Augen auch bist, daran zweifle ich gar nicht,« antwortete meine Tante. Das milde Lächeln, mit dem sie sonst meine Exzentrizitäten zu beurteilen pflegte, war verschwunden; kalt und teilnahmlos schaute sie mich an.

»Ich freue mich zu erfahren, was für liebevolle Verwandte ich habe,« sagte ich.

»Ich bin ja eine Weltdame,« erwiderte meine Tante heftig, »aber wenn solche Dinge ganz öffentlich vor den Augen der guten Gesellschaft vor sich gehen, dann erscheinen sie mir unmoralisch.«

»Aha,« sagte ich, indem ich aufstand. »Hier heißt es: Tu, was du willst, aber laß dich nicht erwischen.«

Mit einer Neigung des Kopfes stimmte meine Tante diesem Ausspruch bei.

»In Wirklichkeit aber,« rief ich erregt, »habe ich sowohl öffentlich als im geheimen nur Gutes getan, und deshalb bin ich jetzt sittlich entrüstet, daß man es mir als Schlechtigkeit auslegt.«

Ich sah meine Tante bei diesen Worten fest an, konnte aber in ihren Augen nichts als vollkommenen Unglauben lesen; ja, ich bin überzeugt, diese Frau wäre schwer enttäuscht gewesen, wenn ich ihr meine gänzliche Unschuld auf der Stelle hätte beweisen können.

»Adieu,« sagte ich.

Eisigkalt reichte sie mir die Hand und klingelte dann dem Mädchen. Einen Augenblick nachher ? ich glaube wirklich, sie folgte einer freundlichen Regung ? hielt sie mich an der Türe zurück und sagte in weichem Ton: »Du bist so wunderlich und unberechenbar, Markus. Nicht wahr, du tust keinen übereilten Schritt?«

»Was meinst du damit?« fragte ich wutbebend.

»Daß du nicht etwa die Sache durch eine Heirat mit diesem jungen Frauenzimmer wieder gutzumachen suchst?«

»Also nicht etwa eine anständige Frau aus ihr zu machen?« fragte ich zornig.

»Ganz richtig,« antwortete meine Tante.

Da fuhr plötzlich der Satan in mich und rührte alles, was an Unruhe, Zorn und Sehnsucht in mir angehäuft war, wie in einem Kessel, der, wie ich annehme, mein Herz war, wild durcheinander; und die Folge davon war eine Explosion. Mit erhobenen Händen trat ich einen Schritt vor, daß meine Tante erschrocken zurückwich.

»Bei allen Heiligen!« rief ich. »Meine Seele gäbe ich darum, wenn ich sie heiraten könnte!«

Und wie ein Blinder stolperte ich zum Haus hinaus.

Von dem Augenblick an, wo mich diese strahlende Offenbarung blendete, bis zum gegenwärtigen Augenblick, ist mein Herz nur noch von einem unaussprechlich großen Wunsch erfüllt.

Wenn ich sage, ich liebe Carlotta, so ist das gerade, als spräche ich vom Niagara als von einer einfachen Quelle. Herz, Sinn und Verstand, mein ganzes Wesen sehnt sich nach ihr. Der Duft ihres Haares umweht mich, die süßen Töne ihrer Stimme erfüllen mein Ohr, ich schließe die Augen und fühle ihre Rosenlippen auf meinen Wangen, ihre bezaubernden Bewegungen tanzen mir vor den Augen.

Ich kann nicht mehr ohne sie leben. Bis zum heutigen Tag war das Haus schon einsam genug ? nur der Schatten eines Heims. Aber ohne sie wäre von jetzt an mein Leben ganz öde und leer. Jetzt weiß ich es, in diesen letzten vierzehn Tagen hat sich mein Herz nur immerfort nach ihr gesehnt, ich wußte es nur nicht. Ich möchte auf meinen Balkon treten und meine Hände nach dem Süden ausstrecken, wo sie jetzt weilt, meine Stimme erheben und sie leidenschaftlich zurückrufen. Es gibt keine noch so unerhörte Torheit, die ich heute nacht nicht begehen könnte; der tollste Dingohund, wenn er fähig wäre, den Zustand, in dem ich mich befinde, zu begreifen, könnte neue Arten der Tollheit von mir lernen.

Es ist jetzt zwei Uhr, und ich muß schlafen gehen. Ich nehme meinen Epiktet mit, von dem man erwarten könnte, daß er kaltes Wasser auf das glühendste Liebesfeuer gieße. Kaum habe ich das Buch aufgeschlagen, da finde ich auch schon den trostreichen Denkspruch: »Ein reizendes Mädchen und ein Anfänger in der Philosophie streiten gegeneinander mit ungleichen Waffen!« Er verlacht mich, der kaltblütige Pädagoge! Sein Buch fliegt mitten durchs Zimmer! Aber recht hat er; ich bin erst ein Abcschütze in der Philosophie. Keine Rüstung, mit der mein Verstand mich auszustatten fähig wäre, könnte mich vor Carlotta schützen; ich habe keine Kraft zuzuschlagen; ich bin hilflos.

Großer Gott! ? bin ich denn wirklich verrückt? Ist nicht im Gegenteil diese Stunde die vernünftigste meines Lebens? Wie ein Automat habe ich gelebt vierzig Jahre lang; jetzt plötzlich erwache ich und fühle, daß ich ein Mann bin. Es ist mir gleichgültig, ob ich schlafe oder nicht. Ich fühle mich jung; wunderbar, herrlich jung! Und ich bin erst zwanzig Jahre alt! Da ich noch nicht gelebt habe, bin ich auch noch nicht alt geworden. Das Leben hat sich gleichsam in Musik verwandelt, in eine wilde, tolle »Aufforderung zum Tanz« von einem Erzengel Namens Weber. Ich breche in lautes Lachen aus. Polyphem, der mich von Carlottas Sofaecke aus mit seinem einen Auge ironisch beobachtet, springt auf den Boden und tanzt in wilden Sätzen wie ein Kobold durchs Zimmer. He, alter Junge ? läßt die Musik auch in deinen Adern das Blut schneller kreisen? Komm, wir wollen diese Nacht feiern! Zum Teufel mit dem Schlaf! Wir wollen in den Keller gehen, eine Flasche Pommery holen und auf das Leben, auf die Jugend und auf die Liebe mit allen ihren Freuden und Wonnen trinken. Polyphem miaut vergnüglich und tanzt um mich herum. In dem Dunkel des Kellers glänzt sein Auge wie ein Stern, und aus seinem Schnurren klingt unaussprechliches Entzücken. Meine Hand streichelt ihm den Rücken, und da sprühen feurige Funken heraus. Wir gehen die stillen Treppen wieder hinauf, ich aber trage eine Flasche Sekt und einen Milchtopf ? denn auch du sollst schwelgen, Polyphem! Und da ich vergessen habe, ein Näpfchen mitzubringen, sollst du ein Trinkgefäß bekommen, wie noch nie eine Katze je eines gehabt hat. Aus einer alten kostbaren Schale, die das Wappen der Este von Ferrara trägt, darfst du trinken, aus einer Schale, über die sich Lukrezia Borgia freute, als die Welt noch jung war. Schade, daß Katzen keinen Sekt trinken! Heute nacht hättest du dich wie ein Bacchus betrinken müssen! Wir trinken ? und in der Stille der Nacht bilden die Laute, die Polyphem beim Lecken der Milch hervorbringt, den Baß zu den zarten Elfentönen des Pommery im Sodawasserglas. Ha, ihr Zwillingsbrüder, die ihr uns diesen paradiesischen Trank liefert, ich frage wie Omar, ob ihr etwas kaufen könntet, was nur halb so köstlich wäre, wie das Naß, das ihr verkauft? Autos für Madame Pommery und Kuchen für die kleinen Grenos? Ich will in euch keine gewöhnlichen Sterblichen sehen mit Zylinderhüten, Regenschirmen und andern Abzeichen der Solidität. Viel eher seid ihr segenspendende Halbgötter, Castor und Pollux des Weins, Traumwesen, die aus den himmlischen Gefilden des Unendlichen das flüssige Gold der Lebensfreude gießen.

Wenn ich nur ein paar Worte auf dieses Telegrammformular kritzelte, so wäre Carlotta morgen abend hier! Aber nein! Was ist eine Woche! Mit Blei an den Sohlen wird sie zu einer Ewigkeit ? eilt sie aber auf schillernden Taubenflügeln dahin, dann währt sie nur einen Augenblick. Und überdies muß ich mich erst selbst an meine Jugend gewöhnen. Ich muß ihre Torheiten ergründen, muß die Sprache ihrer Weisheit lernen. Wir müssen uns miteinander beraten, Polyphem, wie wir diese mit veralteten modrigen Gedanken erfüllten Zimmer in ein strahlend schönes, von unendlicher Liebe erfülltes bräutliches Gemach verwandeln können! Ein Hoch auf die Zauberin!

Ihr Atem ist es, der, von den himmlischen Zwillingen destilliert, meinen Lippen aus dem Glase entgegenschäumt. Meine Seele würde ich willig daran geben, wenn ich sie heiraten könnte ? sagte ich so? Das hieße so viel, als sie um einen einzigen roten Heller kaufen. O, die Seele des Weltalls würde ich verpfänden, um einen einzigen Kuß von ihr!

Ich fasse Polyphem bei den Vorderpfoten und lasse seine Hinterfüße baumeln; aber ganz unbekümmert um mein Tun leckt er sich ruhig weiter sein Maul und wirft mir nur ab und zu einen höhnischen Blick zu. Auch beim Trinken bleibt er ganz nüchtern ? wie schade! Aber auf irgend eine Weise muß er doch zur Begeisterung animiert werden können! »Was kümmere ich mich um Mensch oder Teufel, Polyphem!« rufe ich laut.

? Que je suis grand ici! mon amour de feu
Va de pair cette nuit avec celui de Dieu!
?

»Meinetwegen magst du sagen der Vers sei nicht richtig, die erste Strophe habe eine Silbe zu wenig, und Triboulet habe colère statt amour geschrieben. Du bist eben von jeher ein langweiliger, pedantischer Naseweis gewesen, Polyphem! Ich aber sage amour ? Liebe ? hörst dus? Wenn du willst, kann ich dir den Vers auch übersetzen:

?Hier bin ich groß! Und diese Nacht
Erreicht mein Liebesfeuer Göttermacht!?

»Jawohl, ich bin ein Dichter, wenn du mich auch mit deinen Hinterpfoten noch so sehr kratzest, Polyphem.

»Hier! Leere deinen Milchtopf, und ich will meine Flasche austrinken. Der Wein duftet nach Hyazinthen; er ist eine Offenbarung. Ihr Haar duftet nach Veilchen, aber das zarte Odeur der Hyazinthen war es, das ihren nackten Armen entströmte, als sie diese um meinen Hals schlang; ? et sa peau, on dirait du satin.? Carlotta ist in dem Wein, Carlotta mit ihrem ganzen Zauber, ihrem Lachen und ihrer Jugend, und ich trinke auf Carlotta!

» Quo me rapis Bacche plenum tui?«

»Ja, in einem solchen Traumland bin ich noch nie gewesen! Du gähnst, Polyphem? Du hast Langeweile, mein einäugiger Freund?« Ich gieße ihm den Rest aus meinem Glase in den Hals. Hustend und prustend springt er davon, ich aber lege mich in meinem Stuhl zurück und breche in ein unauslöschliches Gelächter aus.

 

2. Oktober.

Um sechs Uhr wachte ich auf und schlich mich fröstelnd in mein Bett; den ganzen Tag hatte ich rasende Kopfschmerzen. Ich erkenne, daß Pommery und Greno durchaus keine Halbgötter sind, sondern nur Lieferanten von einer Art Alkohol, und daß es äußerst unklug ist, wenn man morgens um zwei Uhr, nur mit einem einäugigen Kater als Zechkumpan, eine Flasche davon trinkt.

Aber ich bereue nichts. Wenn ich heute nacht Torheiten begangen habe ? um so besser. Ich sträube mich nicht länger gegen das Unvermeidliche, da das Unvermeidliche die Krone und Freude aller irdischen Dinge ist. Denn, um die nüchterne Wahrheit zu gestehen ? ich liebe Carlotta unaussprechlich.

 

6. Oktober.

Morgen kehrt sie zurück. Antoinette und ich haben einen feierlichen Willkomm geplant. Die gute Seele hat das Haus mit Blumen gefüllt; sie hat eigenmächtig in Stensons Pflichten eingegriffen, hat Möbel, Bücherrücken und Silber blank gerieben, hat frische Gardinen aufgehängt und überall dermaßen geputzt und gescheuert, daß ich es kaum mehr wage, einen Schritt zu machen oder mich irgendwo niederzulassen, vor lauter Angst, ich könnte den fleckenlosen Glanz meiner Umgebung trüben.

»Aber eines haben Sie vergessen, Antoinette,« bemerkte ich spöttisch. »Sie haben keine Rosenblätter auf die Haustürschwelle gestreut.«

»Für unsern süßen Engel möchte ich die Schwelle am liebsten mit meinem eigenen Körper bedecken, damit ihr Fuß darüber wegschritte, wenn sie eintritt,« sagte Antoinette.

»Rosenblätter wären das freilich kaum!« murmelte ich.

Antoinette lachte. »Und Monsieur! O, der macht es ebenso. Was haben Sie nicht alles gekauft! Neue Gardinen in Mademoiselles Zimmer, einen neuen Toilettetisch, silberne Bürsten und Kämme, und ich weiß nicht, was alles noch ? gerade wie für die Toilette einer Fürstin! Und die rosaseidene Eiderdaunendecke? Regardez-moi ça! Monsieur wird nicht mehr sagen, ich allein verzöge den süßen Engel.«

»Monsieur,« erwiderte ich in Ermanglung einer besseren Antwort, »wird das sagen, was Monsieur beliebt.«

»Dazu hat Monsieur das Recht,« sagte Antoinette ehrerbietig, aber mit einem nicht mißzuverstehenden Augenzwinkern.

Hat die schlaue Alte am Ende Verdacht geschöpft? Vielleicht sind meine Vorbereitungen für Carlottas Rückkehr doch etwas zu auffallend gewesen, denn das Wohnzimmer unten ist in der Tat ins Boudoir einer Dame umgewandelt. Ich habe furchtbar viel zu tun gehabt während dieser letzten glücklichen Woche. Aber mag die Alte sich wundern, was kümmerts mich? Es wird nicht mehr lange dauern, da werde ich zu ihr sagen: »Antoinette, jetzt gibt es bald eine Hochzeit!«

Dann muß ich mich aber in acht nehmen, sonst drückt sie mich in der Freude ihres Herzens an ihren umfangreichen Busen.

Dreizehntes Kapitel

7. Oktober.

Auf dem Bahnsteig der Paddington-Station traf ich Sebastian Pasquale. Da ich seit Ende Juli nichts mehr von ihm gesehen oder gehört hatte, dachte ich, er sei, seiner Gewohnheit getreu, wieder in die weite Welt hinausgezogen. Offenbar sehr erfreut trat er auf mich zu und streckte mir gleich beide Hände entgegen, was er sich im Ausland angewöhnt hat.

»Lieber alter Ordeyne! Wer hätte gedacht, daß ich Sie hier treffe? Welcher Wind bläst denn Sie hierher?«

»Ich erwarte Carlotta mit dem Schnellzug von Plymouth.«

»Die schöne Carlotta? Wie geht es ihr? Was tut sie denn in Plymouth?«

Mitten in meiner Erzählung zog er seine Uhr heraus.

»Alle Wetter! Ich muß machen, daß ich auf den andern Bahnsteig komme, um meinen Zug nach Ealing noch zu erreichen. Ich trieb mich hier herum, um die übrige Zeit totschlagen. Es macht mir Vergnügen, die Züge hereinfahren zu sehen ? das Funkeln und Rauchen, das Brausen und Zischen der teuflischen Maschine ? und dann die Verwandlung ihrer glatten Wände in menschenausspeiende Rachen! Ich muß dabei an den Hades denken. Und eigentlich ist das Ganze kein schlechtes Bild von ihm ? dem modernen Hades: eine Eisenbahnbrücke führt jetzt über den Styx, Charon trägt eine Dienstmütze mit goldener Tresse, und der Bahnsteig hier könnte den Ort vorstellen, wo die verdammten Seelen ankommen.«

Sie vergessen, daß Carlotta hier ankommt,« sagte ich.

Er warf den Kopf zurück und lachte übermütig.

»Gut, dann ist hier die Bahnstation ?Goldenes Tor? von der Erden-, Hades- und Olympuseisenbahn, wenn Ihnen das lieber ist. Ich aber muß mit einer Zweigbahn fahren, um in Ealing mit einer schönen Herzogin zusammenzutreffen ? ja, mit einer echten und gerechten Herzogin. Sie können es mir glauben.«

»Warum sollte ich es bezweifeln?« fragte ich.

Stenson, den ich des Gepäcks wegen mitgenommen hatte, kam heran und legte die Hand an seinen Hut.

»Der Zug wurde soeben signalisiert, Sir Markus!«

Nach einem zweiten Blick auf seine Uhr reichte Pasquale mir die Hand.

»Es tut mir leid, daß ich keine Zeit habe, die Schöne zu begrüßen, aber ich komme bald und mache ihr meine Aufwartung. Ich bin eben erst nach London zurückgekehrt. A rivederci

Ein kurzer Gruß, und weg war er. Die Ankunft des Zugs, Carlottas stürmische Begrüßung, meine Freude, als sie sich in der Droschke wieder an mich anschmiegte, während sie mir ihre Erlebnisse erzählte, und der vergnügte Abend daheim ? alles das ließ mich Pasquale vergessen. Aber sonderbar ist es doch, daß ich ihn auf dem Bahnsteig traf!

Carlotta und ich trennten uns auf der Treppe, um uns zum Essen umzukleiden. Einen Augenblick darauf klopfte es an meine Tür. Als ich öffnete, stand Carlotta glückselig und wonnestrahlend da, in der einen aufgehobenen Hand die silberbeschlagene Bürste und in der andern den Handspiegel.

»O mein liebster Siir Markuus! Ist das für mich? Alles für mich?«

»Nein, für Antoinette,« sagte ich.

»O ?!«

Lachend zog sie mich am Arm in ihr Zimmer hinein und machte die Tür hinter mir zu.

»O, alles ist so schön, so schön, und ich sterbe, wenn ich dir keinen Kuß geben darf.«

»Du mußt unter allen Umständen am Leben bleiben!« rief ich lachend, und diesesmal wies ich sie nicht zurück. Aber meine Arme umschlangen ein Kind. Wie ein Blitz durchzuckte mich diese Offenbarung ? wie ein Blitz, dem ein heftiger Schmerz folgte ? und sie verwandelte mein leidenschaftliches Verlangen in ein gütiges Wohlwollen.

Nachdem Carlotta mich losgelassen hatte, lief sie an die offenen Schubladen des neuen Toilettentisches, in denen allerlei kleine Schmuckstücke lagen, die ich für sie gekauft hatte.

»Nun,« sagte ich, »für diesmal bist du noch vom Untergang gerettet. Die nächste drohende Todesgefahr ist jetzt der Hunger. Ich gewähre dir noch eine Viertelstunde Zeit.«

Sie erschien bei Tisch in einem tief ausgeschnittenen Kleid, um den Hals sowohl Halsband als Anhänger und in der Hand ? als ein echtes Kind ? den silbernen Spiegel. Ich glaube, sie hat diesen mit ins Bett genommen, gerade wie ein Kind von sieben Jahren sein Spielzeug mitnimmt. Jedenfalls behielt sie ihn den ganzen Abend bei sich und bewunderte sich so unverhohlen darin, wie die sagenhafte Wassernixe in ihrem See.

Im Lauf des Abends wollte sie mir den entzückenden Türkis an ihrem Anhänger zeigen. Um ihn meinen kurzsichtigen Augen nahe genug zu bringen ? sie bildet sich nämlich ein, ich sei ohne Brille fast blind ? neigte sie den Hals weit vor, und ganz unbefangen saß sie plötzlich auf meinem Knie. Ihr dunkler, warmer Teint paßt zu ihrem üppigen braunen Haar, und die weiche Haut ihres Halses und ihrer Arme glänzt wie Seide. Ach, und sie duftet nach Hyazinthen ? jetzt weiß ich es gewiß, und es gibt nichts auf der Welt, was die Sinne eines Mannes mehr erregen könnte! Meine Finger, die den Türkis hielten, zitterten, als sie zufällig Carlotta berührten ? aber sie blieb ganz unbefangen. Und überdies blickte sie in den Spiegel.

»Neben dem Türkis sieht meine Haut ganz weiß aus ? o in Bude ist ein Fräulein gewesen, die hat ein goldenes Medaillon getragen, das lag auf einem so dürren Hals ? man konnte die Knochen zählen. Ich bin froh, daß ich keine Knochen habe. Bei mir ists ganz weich ? fühle nur!«

Und meine Hand ergreifend, drückte sie meine Fingerspitzen in das feste junge Fleisch ihres Halses.

»Jawohl,« sagte ich mit belegter Stimme, »dein Türkis kann da sehr angenehm schlafen. Ich will ihn küssen, damit er dir Glück bringt.«

Sie lachte hell auf vor Freude. »Ich glaube nicht, daß jemand das Medaillon des Fräuleins in Bude geküßt hat. Sie war zu mager und zu alt; gewiß ist sie schon dreißig Jahre alt gewesen. Jetzt aber,« fügte sie hinzu und hob den Anhänger in die Höhe, »mußt du auch die Stelle küssen, wo er liegen soll!«

Ich sah ihr einen Augenblick tief in die Augen, die, als Carlotta mich zögern sah, einen rührenden Ausdruck annahmen.

»O ?,« sagte sie vorwurfsvoll.

Ich weiß, ich bin ein Narr. Ich weiß, Pasquale würde mich mit Sarkasmen überschütten. Ich weiß, daß ich Carlotta mit all ihrem Liebreiz hätte an mich ziehen können ? daß sie mein gewesen wäre für immer und ewig. Wenn ich sie weniger leidenschaftlich liebte, dann hätte ich mit einem leichten Scherz ihren frischen Hals geküßt. Aber sie küssen ? mit dem heißen Verlangen, das ich im Herzen trage ? das wäre eine Schmach für sie gewesen.

Ich stellte sie auf den Boden, stand auf und wandte mich mit gezwungenem Lachen ab.

»Nein, liebes Kind,« sagte ich, »das würde sich nicht schicken.«

Als ich diese banalen Worte ausgesprochen hatte, mußte ich noch lauter lachen als zuvor, und Carlotta, die es für einen Scherz hielt, lachte hell und munter mit.

»Wie küßt man denn auf schickliche Art?«

Ich ergriff ihre Hand und führte sie mit einer tiefen Verbeugung in altfränkischer Weise an meine Lippen.

»So,« sagte ich.

»O?o,« meinte Carlotta, »das ist sehr langweilig.« Und Polyphem auf den Arm nehmend drückte sie ihr Gesicht in seinen Pelz. »Ich möchte lieber so geküßt werden.«

»Der Mann, den du liebst, wird es ohne Zweifel so machen.«

Sie machte ein schiefes Gesicht.

»O, dann muß ich noch lange warten.«

»Das ist nicht nötig,« erwiderte ich, indem ich ihre Hand ergriff und ernsthaft fortfuhr. »Meinst du nicht, du könntest einmal einen Mann wirklich lieben, so daß du ihm dein ganzes Herz und all dein Sinnen und Denken weihen würdest?«

»Ich würde jeden netten Mann heiraten, den du mir auswählst,« antwortete sie.

»Ganz einerlei, wer es wäre? Jeder wäre dir recht?«

»Natürlich,« sagte Carlotta.

»Und du könntest jeden, der dich heiraten wollte, gerade so küssen, wie eben jetzt den Polyphem?«

»O, es müßte natürlich ein netter Mann sein ? nicht wie Mustapha.«

Mit einem Seufzer wandte ich mich ab und zündete mir eine Zigarette an, während Carlotta sich in die Sofaecke schmiegte und ihr Gesicht und das Halsband in dem silbernen Spiegel betrachtete. Dann plauderte sie mit der Katze, die ihr auf den Schoß gesprungen war und sich mit gekrümmtem Buckel an ihr rieb.

Als ich Carlotta so vergnügt und glücklich sah, verschwand über dem glücklichen Gedanken, daß mein Haus jetzt nicht mehr einsam sei, das leise Gefühl von Traurigkeit, das mich vorhin ergriffen hatte, und Carlotta und ich verbrachten einen sehr vergnügten Abend miteinander.

Aber jetzt, wo ich allein bin, fühle ich, wie leer mein Herz geworden ist. Ich komme mir vor wie ein halbverhungerter Mensch, der an einem bestimmten Orte kräftige Nahrung zu finden hofft, aber statt dessen nichts vorfindet als ein paar Stückchen feines Backwerk, die ein wahrer Hohn auf seinen Hunger sind.

 

14. Oktober.

Eine Woche ist vergangen. Ich habe sie hauptsächlich dazu verwandt, um ihre Liebe zu werben.

Doch jetzt frage ich mich: »Ist sie am Ende nicht doch nur ein Kind, und ist diese meine Liebe nichts als eine monströse Leidenschaft?«

Was soll ich tun? Das Leben fängt an, mir zur Qual zu werden. Wenn ich sie fortschicke, verzehre ich mich in Sehnsucht nach ihr, wenn sie dableibt, wird nur Öl ins Feuer gegossen. Ihre Liebkosungen werden mich noch verrückt machen. Es wäre roh von mir, wenn ich sie zurückstieße ? sie will geliebkost sein; es ist ihr fast unmöglich, mit mir zu sprechen, ohne mich dabei anzurühren, ohne sich über mich zu beugen, und so habe ich fortwährend das Gefühl ihrer Nähe. Sie behandelt mich mit der Unschuld eines zärtlichen Kindes, als wäre ich vollständig geschlechtlos. Meine glücklichsten Stunden verbringe ich mit ihr an öffentlichen Plätzen, in Theatern und Restaurants, wo ihr ungetrübtes Vergnügen sich in meinem Herzen widerspiegelt.

Ein Herr Stuer, der gleich nebenan in der Avenue-Road wohnt, gibt ihr jetzt Klavierstunden. Vielleicht kann die Musik zu ihrer Entwicklung beitragen.

 

21. Oktober.

Carlotta zu Gefallen habe ich mich allmählich an das viele Ausgehen gewöhnt, das mir früher so sehr zuwider war. Pasquale ist auch ein paarmal mit uns gegangen. Gestern abend gab er Carlotta zu Ehren ein Abendessen im Hotel Continental. Die anwesenden Damen forderten Carlotta auf, sie zu besuchen. Sie sollte auch wahrscheinlich einigen Umgang haben, und ich werde wohl mit ihr in Gesellschaft gehen müssen. Die Damen gehören den halbgebildeten Kreisen an, wo man den großen Mangel an Geist und die angeborene bürgerliche Solidität durch eine gewisse Lebhaftigkeit zu verbergen sucht. Trotz Pasquales übersprudelnder Lebhaftigkeit und Carlottas begeistertem Entzücken fühlte ich mich nicht in meinem Element, sondern saß still und bedrückt dabei.

Meine Arbeit ruht; Carlotta ist mein Leben; ich fürchte, es geht abwärts mit mir.

Heute nachmittag besuchte ich Judit, die ich seit Carlottas Rückkehr nur ein- oder zweimal gesehen hatte. Judit ist unglücklich. Obgleich ich ihr meine Knechtschaft nicht gebeichtet habe, ist ihr weiblicher Scharfsinn doch sicherlich in die tiefste Tiefe meines Geheimnisses eingedrungen. Bis jetzt ist der Verkehr zwischen Judit und mir frei von heftigen Gemütsbewegungen gewesen; es war eine wahre Freundschaft, die durch einen angenehmen Gefühlsaustausch versüßt wurde. Und doch verzehrt sich Judit jetzt fast vor Eifersucht auf Carlotta; ihr Selbstgefühl ist tief verwundet und ihr Verhalten ist derart, daß mir zu Mute ist, als hätte ich ein grausames Spiel mit ihr getrieben. Aber, liebste Judit, ich bin doch nur ein Mann gewesen. »Das ist ganz dasselbe,« höre ich sie antworten. ? »Doch nicht, meine Liebe, ich habe in meinem ganzen Leben nie zuvor ein Weib geliebt, und da ich aus dieser Tatsache niemals ein Geheimnis machte, habe ich mich auch keines Verrats schuldig gemacht. Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich Ihnen offen von dieser neuen Liebe erzählen. Aber wie könnte ich jetzt schon davon sprechen? Wie könnte ich mit irgend einem lebenden Wesen darüber reden?«

Manchmal versuche ich mir einzubilden, ich sei der Panurgos, der sich mit einem pantagruelischen Freund berät. »Ich liebe Carlotta und möchte sie heiraten,« sage ich. ? »Dann heirate sie,« sagt Pantagruel. ? »Aber,« versichert der arme Panurgos, »sie würde sich gleich morgen ohne weiteres mit mir trauen lassen, ganz einerlei, nach welchem Ritus, ob in der Kirche oder auf dem Standesamt.« ? » Mariez-vous doncques de par dieu,« erwidert Pantagruel. ? »Aber ich wäre ein Schuft, wenn ich mir ihre Unschuld und ihren Gehorsam zu nutze machte.« ? »Dann heirate sie nicht.« ? »Aber ich kann ohne sie nicht leben,« ruft Panurgos verzweifelt aus. »Ich bin wie verhext. Wenn ich sie nicht heirate, verzehre ich mich in Sehnsucht nach ihr.« ? »Dann heirate sie in Gottes Namen!« sagt Pantagruel. Und ich bin durch seine Ratschläge nicht allein um nichts klüger geworden, sondern ich habe nur die ganze Wirrnis meiner törichten Gefühle spöttischen Augen preisgegeben.

 

23. Oktober.

Allmählich sehe ich ein, daß jener junge Mann mit seinem einfältigen Vergleich einen durchdringenden Scharfsinn bewiesen hat. Unter der sanften Melancholie meines Wesens, die an J. J. Rousseau erinnert, erkannte er, daß ich möglicherweise einmal in eine wahrhaft tierische Wut ausbrechen könnte. Ein vernünftiges Wesen ist niemals von einer so unheimlichen Konzentration der Gedanken, von einer so glühend heißen Leidenschaft, die überdies noch von Tag zu Tag zunimmt, besessen.

Ich glaube, ich muß einen Irrenarzt zu Rate ziehen.

 

25. Oktober.

Heute nachmittag ging ich zu Judit, mehr um ihr einen Beweis meiner unveränderten Freundschaft zu geben, als um in ihrer Gesellschaft Trost zu suchen. Während wir Tee tranken, sprachen wir vom Wetter, von Büchern und von Judits statistischen Arbeiten. Die Unterhaltung schleppte sich so hin, doch waren wir ganz unbefangen. Als die Dämmerstunde herbeigekommen war, trat eine lange Pause ein. Schließlich brach Judit das Schweigen, indem sie, ohne mich anzusehen, fragte: »Wann verbringen wir wieder einmal einen Abend miteinander?«

»Wann Sie wollen, liebe Judit.«

»Morgen?«

»Morgen kann ich leider nicht.«

»Haben Sie denn morgen etwas ganz Besonderes vor?«

»Ich will mit Carlotta ins Empiretheater gehen.«

»Ach so,« sagte Judit kurz; und nun trat eine neue lange Pause in der Unterhaltung ein, während der ich mich höchst unbehaglich fühlte.

»Es wäre sehr nett von Ihnen, lieber Markus, wenn Sie mich zum Mitgehen aufforderten,« sagte Judit schließlich.

»Mit Carlotta und mir?«

»Warum nicht?«

»Meine Frage war nur die Folge meines ungeheuren Erstaunens,« antwortete ich. »Ich glaubte, Carlotta sei Ihnen nicht angenehm.«

»Im Gegenteil, und ich würde mich freuen, sie näher kennen zu lernen. Die Menschen, für die Sie sich interessieren, sind auch für mich interessant.«

»Dann,« sagte ich, »wird Ihr Kommen uns beiden die größte Freude bereiten.«

»Ich habe schon lange keinen so recht vergnügten Abend mehr verlebt.«

»Nun, wir wollen vor der Vorstellung irgendwo dinieren, und nachher noch zu Abend essen. Also die ganze Skala der Lustbarkeiten. Toute la lyre! Und,« fügte ich hinzu, »Ihre geliebte Veuve Cliquot soll auch nicht fehlen.«

»Das wird ja reizend werden,« sagte Judit höflich.

Ja, Höflichkeit war heute der Hauptfaktor ihres Benehmens: eine kühle Zurückhaltung, mit der sie einem gewöhnlichen Bekannten andeuten würde, daß sie sich müde fühle. Hat sie sich wohl mit dem Unvermeidlichen abgefunden und will sie das auf eine liebenswürdige Weise bekunden, indem sie uns ins Theater begleitet? Wie gerne möchte ich das glauben; aber dieses Vorgehen läßt sich mit ihrem sonstigen unlogischen Tun, das sie »ihr Temperament« zu nennen beliebt, gar nicht recht zusammenreimen. Ich stehe vor einem Rätsel.

Als ich mich verabschiedete, sah sie mich lächelnd an, und da durchrieselte mich plötzlich ein kalter Schauder; das war nicht das Lächeln eines weiblichen Gesichts, sondern das Grinsen einer Maske. Und es war gar nicht mehr Judits Gesicht. Nein, von dem morgigen Abend verspreche ich mir nicht viel Vergnügen.

Auf Carlottas Anregung hin schrieb ich ein paar Worte an Pasquale und lud ihn ein, uns zu begleiten. Seine munteren, witzigen Einfälle werden unserm Fest einen Schimmer von Lustigkeit verleihen, und Carlotta wird alles für bare Münze nehmen.

In der letzten Zeit habe ich wiederholt an die hoffnungslose Leidenschaft Alphonsos des Großmütigen von Neapel denken müssen, von der Papst Pius II. in seinen Kommentaren berichtet, denn die Liebesaffairen andrer erwecken allmählich ein fast krankhaftes Interesse in mir, und ich kann es nicht lassen, Vergleiche anzustellen. Wenn diese andern die Qual überlebt haben ? warum sollte ich es nicht auch können? Doch Alphonso sehnte sich nach Lukrezia dAlagna, einer keuschen, wunderschönen, eiskalten Statue, die ihn liebte, während ich das heißblütige junge Wesen begehre, das mein wäre, wenn ich nur die Hand danach ausstrecken wollte, das mich aber nicht mehr liebt, als den ersten besten Schutzmann, der ihr auf seinem Dienstgang zunickt. Nein, ich kann Carlotta nicht an mich reißen. Ein Etwas, das stärker ist als meine Leidenschaft, bildet eine unübersteigliche Schranke. Ich liebe Carlotta mit Leib und Seele, und meine Seele schreit nach jener Seele, die der Allmächtige vergessen hat, als er dieses Mädchen fürs Leben ausstattete.

Heute abend erhielt ich einen Brief von dem Herausgeber der »Quarterly Review«. Er schreibt, er wäre mir sehr dankbar, wenn ich ihm einen Artikel über die Renaissance schreiben wollte, dem ein deutscher, ein russischer und englischer Versuch, die Familie Borgia weißzuwaschen, als Vorwurf dienen solle. Vor einem halben Jahr hätte mich diese schmeichelhafte Aufforderung mit Genugtuung erfüllt. Aber was sind mir heute die weißgewaschenen Borgias oder die würdigen Bürger im Lesezimmer des Athenäums, die über meine Schilderung der harmlosen Giftmorde dieser liebenswürdigen Familie einnicken würden? Sie sind nur Spott und Hohn für ein wundes Gemüt.

Während ich schreibe, höre ich die Tür knarren. Ich schaue auf. Da steht Carlotta in einem hastig übergeworfenen vorne offenen Morgenkleid, mit aufgelöstem Haar und nackten Füßen, die rosig unter dem Schlafrock hervorschimmern.

»O Siir Markuus lieber, ich bin so erschrocken!« Damit lief sie auf mich zu, und als ich von meinem Stuhle aufstand, ergriff sie die Aufschläge meines Rockes.

»Was gibt es denn?«

»In meinem Bett ist eine Maus.«

In diesem Augenblick kam mir Polyphem zu Hilfe, der vom Sofa herabsprang und seinen Rücken an Carlottas Füßen rieb.

»Nimm die Katze mit und sag ihr, sie solle die Maus umbringen,« sagte ich. »Und nun geh augenblicklich wieder zu Bett.«

Ich muß sie ziemlich angefahren haben, denn ihre großen, unschuldigen Augen sahen mich vorwurfsvoll an.

»Da, nimm die Katze und geh!« wiederholte ich. »Du darfst nicht herunterkommen, wenn du so aussiehst.«

»Und ich dachte, ich sähe hübsch aus,« sagte Carlotta, indem sie einen Schritt näher trat.

Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch und heftete die Augen auf mein Papier.

»Du siehst wie eine Huri aus, die wegen schlechten Betragens aus dem Paradies verbannt worden ist.«

Carlotta brach in das ihr eigene glockenhelle Lachen aus.

»Hu! Siir Markuus ist entrüstet!« Und Polyphems Nase an ihrem Gesicht reibend, lief sie davon.

Ich frage mich, ob wohl der Teufel schwachsinnig geworden ist, ob er die Jahrhunderte durcheinandermengt und mich irrtümlicherweise für einen Heiligen des Mittelalters hält. Vielleicht für den Paphnutius, der auch von einer Verführerin heimgesucht wurde. Wie heißt es doch in der Legende? Um sie los zu werden, steckt er seine Hand ins Feuer und läßt sie verkohlen. Daraufhin fällt die Verführerin tot um. Er betet ? und sie erwacht wieder zum Leben und wird eine Nonne. Nein, Messer Diavolo, ich bin kein Paphnutius. Ich will mich nicht selbst zum Krüppel machen, ich will auch nicht, daß Carlotta tot umfällt, und ich kann auch nicht beten, um eine pietistische Auferstehung in Szene zu setzen. Ich bin nur ein moderner törichter Mann, dem die Versuchung fast den Verstand geraubt hat, und der kaum weiß, was er redet oder schreibt.

Für gewöhnlich bin ich nicht abergläubisch, aber heute nacht habe ich das Vorgefühl kommenden Unglücks. Ruhelos wandere ich in meinem Zimmer umher. Auf dem Kaminsims stehen drei Photographieen in silbernen Rahmen: Judit, Carlotta, Pasquale. Was jedes von diesen dreien an Spottlust in sich trägt, scheint jetzt in der Stille der Nacht geisterhaft um die Bilder zu schweben und mich zur Zielscheibe zu machen. Draußen saust der Herbststurm durch die Bäume; es klingt wie das Klagen einer ganzen Legion verlorener Seelen. Horch! Messer Diavolo selbst scheint mit lautem Hohnlachen vorbeizureiten.

Vierzehntes Kapitel

26. Oktober.

Ich habe es ja geahnt, daß Unheil drohte. Ohne Grund reitet Messer Diavolo nicht mit lautem Geschrei an den Fenstern der Leute vorbei, die er quälen will. Und Photographieen einen lebendigen Spottgeist einflößen, das tut er auch nicht für nichts und wieder nichts.

Wir speisten im Trocadero. Carlotta hat ihre Freude an der Musik und an dem babylonischen Durcheinander, an den betäubenden Düften, an dem Lärm und Tumult und an dem strahlenden Lichterglanz ringsumher; sonst hätte ich ein ruhigeres Hotel gewählt, wo die Kellner lautlos hin- und hergehen und die Wände in ruhigem Schatten liegen, wo nichts als die gedämpfte Unterhaltung der anwesenden Freunde das Gemüt vom Genuß der Tafelfreuden abzieht. Aber in diesen mit überladenem Luxus ausgestatteten Palästen ist das betäubte Gehirn nicht mehr fähig, Eindrücke durch die Geschmacksnerven aufzunehmen, und man ißt gedankenlos wie ein Hund. Aber das kümmert Carlotta nicht. Mit neunzehn Jahren ging es mir vielleicht ebenso, und auch heute machte es mir nichts aus, denn mein Gemüt war von anderen Gedanken in Anspruch genommen; und hätte ich auch mit Lucullus selbst gespeist, die Gerichte wären mir fade vorgekommen.

Wenn der Psalmist ausruft: »Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest!« Dachte er dabei auch an die Frau? Oder überließ er sie unbedingt Charles Darwin und seiner Theorie der geschlechtlichen Zuchtwahl? Oder hielt er sie in der guten alten orientalischen Weise für zu unwichtig in den Augen der Gottheit? War das letztere der Fall, so zeigte sich der Prophet als sehr kurzsichtig, und der Urquell der menschlichen Tränen blieb ihm verborgen.

So oft ich Judit ansah, tat mir das Herz weh. Seit langer Zeit hatte sie nicht so jung, so frisch und ätherisch schön ausgesehen. Sie trug ein kornblumenblaues Kleid, das ihren blauen Augen einen noch dunkleren Schimmer verlieh. In ihrem üppigen flachsblonden Haar saß ein blauer Falter ? ihre ganze Erscheinung war gleichsam ein harmonischer blauer Akkord. Mit kunstfertiger Hand hatte sie ihren Wangen einen zarten rosa Hauch verliehen. Das Kleid selbst schien wie aus Mondschein gewoben ? ich glaube, der Stoff wird Chiffon genannt ? und es wogte ihr um Brust und Arme wie die Wellen eines Märchensees. Ja, wie eine unirdische Undine sah sie aus, ein Wesen aus Meeresschaum und Wasserlilien; ein Hauch aus einer andern Welt schien auf ihrem Gesicht zu liegen, und der verlieh ihr eine wunderbare Schönheit. Ich weiß gar wenig von den Frauen, eigentlich nichts als was diese letzten traurigen Monate mich gelehrt haben; aber das weiß ich: unter diesem zarten Liebreiz sind Stunden angstvoller Gedanken und verzweifelnder Hoffnungen versteckt. Selbst der raffinierteste weibliche Scharfsinn hätte keinen größeren Gegensatz zwischen dem Äußeren dieser Frau und dem ihrer Rivalin hervorbringen können, und mit unendlicher Feinheit hat Judit es verstanden, diesen Gegensatz durch das Ahnenlassen ihrer seltenen geistigen Eigenschaften in höchstem Maße hervorzuheben. Ich weiß, daß es so war, denn ich weiß, es bedeutete eine Herausforderung, einen hingeworfenen Fehdehandschuh, das Anrufen eines Gottesurteils ? und das tat mir bitter weh. Es war mir zu Mut wie Dathan und Abiram, die die Hand an das Allerheiligste gelegt hatten (denn bei Gott! die Seele einer Frau ist etwas Heiliges) und ich wünschte in jenem Augenblick, daß die Erde sich auftue und mich verschlinge.

Wir hatten uns an einem Tisch in der Mitte des großen Saals niedergelassen, wie irgend eine beliebige Gesellschaft von vier Personen, und unterhielten uns zuerst über gleichgültige Dinge. Ein ruhiges Eckchen fern von der Musik ist nicht nach Carlottas Geschmack.

Zur Zeit der Schreckensherrschaft begannen die großen Diners in der Conciergerie immer mit einer Unterhaltung über die neuesten Mittel gegen Migräne oder über den modernsten Schnitt eines »Paniers«. Nachdem sich Pasquale eine Weile mit Judit über das Reisen unterhalten hatte, wandte er sich plötzlich an mich und fragte: »In welchem Jahre kehrte ich doch von Abessynien zurück, Ordeyne?«

»Das habe ich vergessen. Ich weiß nur noch, daß Sie mir das häßliche Ding mitbrachten, das in meinem Vorplatz hängt, und das Sie einen ? dulcimer? nannten.«

» Gage damour,« sagte Judit lächelnd.

Pasquale lachte und drehte seinen stolzen Schnurrbart.

»Ich erhielt es von einer süßen Maid und nannte es deshalb einen ? dulcimer?; aber sie sang nicht vom ?Berg Abora? dazu. Wenn ich mich nur an die Jahreszahl erinnern könnte!«

»War es nicht anno 1894?« sagte Judit ruhig.

Pasquale, der bis vor einer halben Stunde keine Ahnung von Judits Dasein gehabt hatte, konnte ein diskretes Erstaunen nicht unterdrücken.

»Ich glaube, Sie haben recht. Ja, es stimmt wirklich. Aber wie konnten Sie das wissen?«

»Durch Sir Markus Güte,« erwiderte Judit freundlich, »sind Sie mir ein alter Bekannter. Jetzt gleich aus dem Stegreif könnte ich Ihnen mit Leichtigkeit eine nette kleine Liste von allen Ihren Abenteuern ? nein, ich will nicht behaupten, von allen ? aber mit den ganz genauen Daten aufsetzen. Für solche Sachen habe ich nämlich ein sehr gutes Gedächtnis.«

»Ja,« rief ich, um der Unterhaltung eine andre Wendung zu geben, »erzählen Sie Mrs. Mainwaring nichts, was der Vergessenheit anheimfallen soll. Tatsachen sind ihre Leidenschaft. Sie schreibt wundervolle Artikel, in denen es so von Zahlen wimmelt, daß sich einem alles im Kopf herumdreht; und diese Artikel läßt sie dann in den gelesensten Zeitschriften unter dem Namen des Statistikers Willoughby drucken. Erlauben Sie mir, Pasquale, Sie einem statistischen Gespenst vorzustellen.«

Aber Pasquales schlaues italienisches Gehirn schenkte mir nur eine halbe Aufmerksamkeit. Mir standen die Schlüsse, die er aus Judits Bemerkungen zog, klar vor der Seele, und ebenso klar erkannte ich auch, was Judit ihm hatte andeuten wollen. An diesem Abend scheine ich wirklich mit einem sechsten Sinn begabt gewesen zu sein.

»Ordeyne,« sagte Pasquale, »Sie sind ein Heimtücker, der Urgroßvater aller Heimtücker ?«

»Hu!« rief Carlotta, die diesen Teil unserer Unterhaltung wieder verstand.

»Warum haben Sie mich denn Mrs. Mainwaring nicht im Jahr 1894 vorgestellt? Da habe ich mir nun seit zwanzig Jahren eingebildet, ich sei mit diesem Manne in innigster Freundschaft verbunden, und doch hat er während dieser ganzen Zeit Sie mir gegenüber auch nicht ein einziges Mal erwähnt.«

»Siir Markuus sagt, Pasquale sei ein Schlingel,« bemerkte Carlotta mit schlauer Miene, nachdem sie einen Schluck Orangenwasser genommen, welch scheußliches Getränk sie mit Vorliebe zu ihren Mahlzeiten trinkt.

Pasquale warf seinen schönen Kopf zurück und lachte, wie nur ein so privilegierter Libertin, wie er einer ist, lachen kann, und Judit lächelte dazu.

»Kindermund und so weiter,« sagte ich entschuldigend.

»In allem Ernst,« wandte sich Pasquale jetzt an Judit, »ich hatte keine Ahnung, daß Ordeyne mit irgend jemand so eng befreundet sei.«

Mit einer graziösen Bewegung ihrer Schultern wandte sich Judit zu mir.

»Wir waren aber doch sehr gute Freunde, nicht wahr, Markus?«

»O ja?a,« fiel Carlotta ein. »Mrs. Mainwaring hat das Bild von Siir Markuus in ihrem Schlafzimmer, und in unserm Wohnzimmer steht ein Bild von Mrs. Mainwaring. Haben Sie es nicht gesehen? O doch! Sie haben es nur nicht erkannt, Pasquale. Mrs. Mainwaring ist heute abend so sehr hübsch, viel hübscher als auf der Photographie. Ja, Sie sind sehr hübsch! Anstatt Ihrem Bild möchte ich Sie gleich selbst auf den Kaminsims stellen.«

»Darf ich mich Carlottas Ausspruch anschließen, liebe Judit,« sagte ich in der Absicht, die Taktlosigkeit der Kleinen zu beschönigen, denn ich sah, daß in Pasquales Augen ein vielsagender Blitz aufleuchtete. Judits Wangen färbten sich plötzlich mit natürlichem Rot; sie hatte offenbar den Wunsch gehabt, ein altes Recht auf mein freundschaftliches Verhältnis zu ihr geltend zu machen; daß es aber mit solchen intimen Einzelheiten, wie zum Beispiel mit dem Aufstellen meines Bildes, begründet wurde, war nicht nach ihrem Geschmack.

»Ich bin Ihnen beiden unendlich verbunden!« erwiderte Judit in der feinen Liebenswürdigkeit, womit sie Komplimente entgegenzunehmen pflegt. »Aber,« fuhr sie, sich zu Pasquale wendend, fort, »wir sind von Abessynien sehr weit abgekommen.«

»Und dafür auf Sir Markus Kaminsims! Wie wärs, wenn wir da blieben?«

»Da stehen Sie und ich und Mrs. Mainwaring,« sagte die alles buchstäblich nehmende Carlotta. »Mein Bild steht in der Mitte und ist das größte; es wurde sehr groß gemacht ? so groß,« fügte sie hinzu, indem sie ihre Arme übertrieben weit ausstreckte. »Ich hatte dieses Kleid an.«

»Mr. Pasquale und ich müssen jetzt auch größere Rahmen bekommen, Markus, sonst werden wir eifersüchtig,« sagte Judit. »Wir beide müssen uns zusammentun.«

»Ja, wir wollen ein Schutzbündnis miteinander schließen!« rief Pasquale lachend.

»Meinetwegen auch ein Trutzbündnis, wenn Sie wollen,« erwiderte Judit.

Es mag von dem Lichtergefunkel hergekommen sein, aber ich möchte darauf schwören, ich habe die beiden rasche Blicke miteinander wechseln sehen.

Pasquale wandte sich alsdann sofort mit einem Scherz an Carlotta, und Judit fing mit mir eine Unterhaltung über unsern früheren Aufenthalt in Rom an. Aber als wir eben im besten Zug waren, lehnte sie sich plötzlich vor, und mit einer fast unmerklichen Bewegung des Kopfes deutete sie auf die beiden andern.

»Meinen Sie nicht, die beiden würden ein schönes Paar abgeben?« sagte sie leise. »Beide jung und zum Malen hübsch; es würde manche Schwierigkeit lösen.«

Ich sah mich um: Carlotta, den Ellbogen auf dem Tisch, das Kinn in der Hand, schaute Pasquale tief in die Augen, genau so, wie sie in meine geschaut hatte. Ihre Lippen waren in jener halb kindlichen, halb sinnlichen Weise verzogen, die unwiderstehlich zum Küssen reizt.

»Tun Sie es, und ich liebe Sie,« hörte ich sie sagen.

O, dieses Vogelgezwitscher, diese schmelzenden Augen, diese Lippen! Und o, die verrückte fürchterliche Leidenschaft, die mir Herz und Verstand verzehrt und mich so entnervt, daß ich mir wie ein von der Liebsten verschmähter Schneider aus dem vorigen Jahrhundert vorkomme. Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer war ? der Eifersuchtsanfall oder der darauf folgende Anfall von Selbstverachtung. In diesem Augenblick sprang plötzlich mit lautem, schrillem Ton eine Saite, und die Musik verstummte jäh. Dieser Augenblick schien auf uns alle, mit Ausnahme von Carlotta, die sich herrlich unterhielt, einen magnetischen Einfluß auszuüben; unsre drei Persönlichkeiten schienen auf einmal wie in Schwingung versetzt zu sein und heftig gegeneinander zu stoßen. Ich war mir bewußt, daß Judit mich durchschaute, daß Pasquale Judit durchschaute, und daß zwischen diesen beiden eine Art Seelendraht funktionierte. Der Kellner bot mir Rebhühner an; da wandte Pasquale sich rasch von Carlotta ab und seiner Nachbarin zur Linken zu.

»Meinen Sie nicht, wir sollten auf Fausts Gesundheit trinken?«

Überrascht fuhr ich zusammen. Hatte ich denn nicht selbst den Vergleich gezogen?

»Auf Faust?« fragte Judit verständnislos.

»Ja, auf unsern Freund Faust, der mir gegenübersitzt,« sagte Pasquale, indem er seinen Champagnerkelch erhob. »Hat er sich denn nicht aus einem mageren ältlichen Bücherwurm in einen jungen lustigen Elegant verwandelt? Früher konnte man ihn kaum zu einem höchst soliden Diner aus seiner Zelle herauslocken, und jetzt ? hat er Ihnen schon von seinen Ausschweifungen im letzten Monat erzählt, Mrs. Mainwaring?«

Judit lächelte. »Waren Sie der Mephistopheles dabei?«

»Was ist Mephistopheles?« fragte Carlotta.

»Der Teufel ist es,« erwiderte Pasquale, »der Sir Markus wieder jung machte.«

»O, das bin ich,« rief Carlotta, in die Hände klatschend. »Er liest nicht mehr in seinen großen Büchern. O, ich habe mich so gefürchtet, als ich zuerst kam.« (Ich muß gestehen, sie hat ihre Angst recht gut zu verbergen gewußt.) »Er war so weise und las und schrieb immerfort; ich hielt ihn für fünfzig Jahre alt. Aber jetzt ist er gar nicht mehr weise, und vor zwei oder drei Tagen hat er gesagt, ich hätte ihn wieder zu einem fünfundzwanzigjährigen Manne gemacht.«

»Wenn Sie in dem Tempo weitermachen, wie Sie angefangen haben,« bemerkte Judit in ihrem liebenswürdigsten Ton, »dann wird er im nächsten Jahr bis zu den Tragkleidern und der Milchflasche heruntergekommen sein.«

Carlotta hielt diese Bemerkung für einen guten Witz und brach in ein fröhliches Lachen aus. Aus Höflichkeit lachte auch ich über Judits bittern Sarkasmus und versuchte, das Gespräch in andre Bahnen zu lenken; aber Pasquale ließ sich nicht um seinen Toast bringen.

»Dieses Glas unserm lieben Freund Faust! Möge er mit jedem Tag jünger und immer jünger werden!«

Wir stießen miteinander an; Judit aber seufzte, als sie ihr Glas hinstellte.

»Das ist auch wieder einer der vielen Vorteile, die ein Mann vor der Frau voraushat. Wenn er seine Seele dem Teufel verkauft, kann er bares Geld dafür verlangen. Eine Frau dagegen wird mit Wechseln abgespeist, die bei Verfall nicht eingelöst werden.«

Ich widersprach dieser Behauptung. Die Ironie dieses so peinlichen Festmahls lag in der gezwungenen Fröhlichkeit, die wir, um den Schein zu wahren, aufrecht erhalten zu müssen meinten. Die gesellschaftlichen Formen sind etwas Erbärmliches!

»Haben Sie jemals gehört, daß irgend eine Frau bei einem solchen Handel ihre Jugend wieder erlangt hätte?« fragte Judit mit einer gewissen Heftigkeit.

»Wie die Frauen es stets versuchen, den Droschkenkutschern etwas abzuzwacken, so versuchen sie es auch, den Teufel nicht voll zu bezahlen; aber der ist ihnen überlegen.«

»Ach, ich fürchte, die guten alten Zeiten, wo ein schlauer Handel noch etwas eintrug, sind vorüber,« sagte Pasquale. »Der Seelenmarkt ist überfüllt, und für die armen Seelen wird nicht mehr bezahlt als für alte Knochen.«

»Er redet so dummes Zeug; ich verstehe ihn gar nicht,« klagte Carlotta und legte ihre Hand auf meinen Arm.

»Man nennt das unechten Cynismus,« sagte ich, »und wir sollten uns eigentlich alle miteinander schämen.«

»Wovon sprechen Sie am liebsten?« fragte Judit sanft.

»Von mir selbst ? das tut doch jedermann,« antwortete Carlotta.

Diese Bemerkung brachte uns zum Lachen, und eine Zeitlang unterließen wir alle Sticheleien. Aber später, beim Kaffee, als die Musik einen amerikanischen Marsch herunterlärmte, und Carlotta und Pasquale sich über irgend etwas neckten, rückte Judit näher zu mir her.

»Sie haben meine Frage, die sich auf die beiden dort bezog, noch nicht beantwortet, Markus!«

Meine Finger zitterten, als ich mir eine frische Zigarette anzündete.

»Er ist nicht der Mann, dem man das Schicksal eines Mädchens anvertrauen könnte.«

»Und ist sie das Mädchen, auf das ein Mann das Glück seines Lebens bauen könnte?«

»Das weiß nur Gott,« sagte ich grimmig.

Nein, es war keine vergnügte Gesellschaft! Wie sehnte ich mich danach, der Abend möchte zu Ende und Carlotta wieder glücklich bei mir daheim sein! Eine sonderbare Angst vor dem Empiretheater hatte sich meiner bemächtigt. Als wir ankamen, war das erste Ballett schon fast zu Ende. Sobald wir Platz genommen hatten, stützte Carlotta beide Ellbogen auf die Logenbrüstung und wendete ihre ganze Aufmerksamkeit der Bühne zu. Pasquale unterhielt sich mit Judit, und da ich ein paar Augenblicke allein sein wollte, verließ ich die Loge und ging nachdenklich im Wandelgang des ersten Rangs auf und ab. Die Zuschauer beugten sich entweder vor und folgten der Aufführung, oder sie saßen mit vollen Gläsern an den kleinen Marmortischen im Hintergrund. Das bunte, vergoldete, mit Tabaksrauch und Menschen angefüllte Theater kam mir plötzlich ganz unwirklich und die Bühne nur wie ein Luftgebilde vor. Ich fragte mich, warum ich, ein Geschöpf der wirklichen Welt, mich hier befände, und ich fühlte einen wahnsinnigen Drang, allem hier zu entfliehen, hinaus auf die Straßen zu laufen und fortzuwandern, immer weiter und weiter, weg von dieser Welt. In diese närrischen Gedanken versunken ging ich im Wandelgang hin und her, als ich plötzlich mit einem andern Spaziergänger zusammenstieß, und dieser Zusammenprall brachte mich wieder zu mir selbst. Der andere war ein ältlicher, dicker Orientale mit einem roten Fez auf dem Kopf. Er hatte eine lange Nase, kleine listige Augen und das ganze Gesicht voller Pockennarben. Ich erging mich in Entschuldigungen, die er wohlwollend aufnahm. Jetzt kam es mir auch endlich zum Bewußtsein, wie unhöflich und äußerst sonderbar mein Benehmen gegen meine Gäste war; ich ging daher rasch in die Loge zurück und schob meinen Stuhl an Judits Seite.

»Sie haben uns einen entzückenden Abend bereitet,« sagte sie lächelnd.

»Wer ist entzückend? Pasquale?« fragte ich, gedankenlos scherzend.

»Sie sind grausam,« flüsterte Judit, und ich sah, daß ihre Augenlider nervös zuckten.

Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen stieg, weil ich mir die Bedeutung meiner Worte nicht besser überlegt hatte. »Verzeihen Sie mir!« war alles, was ich herausbrachte, worüber Judit lachte, aber ohne Heiterkeit. Ich versank in Schweigen. Auf der Bühne folgte eine Nummer der andern. So oft der Vorhang herabgelassen wurde, lehnte sich Carlotta mit einem beseligten Seufzer zurück und nickte mir strahlend zu.

»Erinnerst du dich,« sagte sie zu mir, als der Vorhang wieder einmal fiel, »wie du zum ersten Mal mit mir hierher gingst und ich sagte, ich möchte immer hier bleiben? War ich aber damals dumm!«

Sie wandte sich wieder der Bühne zu; doch plötzlich sprang sie auf und taumelte in den Hintergrund der Loge zurück, indem sie zugleich mit dem Ausdruck höchsten Entsetzens hinausdeutete.

»Hamdi ? er ist dort unten ? er hat mich gesehen!«

Ich eilte zu ihr hin und legte meinen Arm um sie.

»Was fällt dir ein, liebes Kind!« sagte ich.

Aber Pasquale, der sich im Theater umgesehen hatte, rief: »Alle Wetter, sie hat recht! Ich würde den alten Halunken noch nach tausend Jahren im Tartarus wiedererkennen. Dort ist er.«

Ich trat vor und schaute hinab. Die erste Person, auf die mein Auge im Parkett fiel, war mein dicker, gemütlicher Orientale, der unsre Loge mit unbeweglichem Gesicht betrachtete.

»Das ist Hamdi Effendi, zweifellos,« sagte Pasquale.

Als ich wieder zu Carlotta trat, ergriff sie meinen Arm leidenschaftlich.

»O, führe mich fort, Siir Markuus, führe mich fort!« jammerte sie kläglich. Mein armes Kind war totenblaß und zitterte vor Angst. Wieder legte ich meinen Arm um sie.

»Es kann dir nichts geschehen, Liebste,« sagte ich beruhigend.

»O, Siir Markuus lieber, bring mich nach Hause,« rief Carlotta.

»Gut!« sagte ich und half ihr den Mantel anziehen. Dann entschuldigte ich mich bei den beiden andern und bat sie, doch ruhig dazubleiben.

»Nein, wir gehen alle zusammen,« sagte Judit gefaßt.

»Und bilden eine Leibwache!« rief Pasquale lachend.

Carlotta hing sich fest an meinen Arm, als wir die Loge verließen; und nun eilten wir durch den Wandelgang und die Treppe hinunter.

Aber im Vestibül schnitt uns Hamdi Effendi, der unsre Absicht wohl erraten hatte, den Rückzug ab. Carlotta drückte sich noch dichter an mich heran.

»Entschuldigen Sie, Monsieur, aber ich möchte Sie bitten, mir einige Minuten zu gewähren, damit ich betreffs dieser jungen Dame ein paar Worte mit Ihnen sprechen kann,« sagte er in äußerst höflichem Ton und im denkbar schlechtesten Französisch.

»Diese Notwendigkeit sehe ich nicht ein,« sagte ich.

»Verzeihung, aber diese junge Dame ist türkische Untertanin und meine Tochter. Mein Name ist Hamdi Effendi, Polizeipräfekt in Aleppo, und ich wohne im Hotel Metropol.«

»Ich freue mich unendlich, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte ich. »Mademoiselle hat mir oft von Ihnen erzählt ? aber soviel ich weiß, waren sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter Engländer, somit ist sie weder Ihre Tochter, noch türkische Untertanin.«

»Das werden wir schon sehen,« entgegnete der höfliche Orientale. Er richtete nun einige hastige türkische Worte an Carlotta, die bebend in derselben Sprache antwortete.

»Unglücklicherweise willigt Mademoiselle nicht ein, mich zu begleiten,« übersetzte er lächelnd. »Deshalb werde ich mich leider gezwungen sehen, sie ohne ihre Einwilligung mitzunehmen.«

»Wenn Sie das tun, Hamdi Effendi,« sagte Pasquale in leichtem Gesprächston, aber mit einem so häßlichen Zug um den Mund, wie ich noch keinen gesehen hatte, »dann bringe ich Sie ohne weiteres um.«

Mit einer höflichen Verbeugung wandte sich Hamdi an Pas quäle.

»Ach, Sie sinds, Monsieur Pasquale. Es war mir doch, als müßte ich Sie kennen.«

»Dazu haben Sie auch allen Grund,« sagte Pasquale.

»Ich habe Sie vom Gefängnis errettet.«

»Und ließen sich bestechen.«

»Ums Himmels willen!« rief Judit. »Sprechen Sie nicht so laut, sonst gibt es eine Szene!«

Ein paar Leute standen neugierig umher, und ein riesengroßer Aufsichtsbeamter in Uniform beobachtete uns mit mißtrauischem Blick. Ich hielt Carlotta mit fester Hand und schob sie in den Schutz einer Palme, neben der wir zufällig standen.

»Madame hat recht,« meinte Hamdi. »Wir können diese Bagatelle ebensogut wie Gentlemen besprechen.«

»Nun, dann schwöre ich als ein echter und gerechter Gentleman, daß ich Sie umbringe, sobald Sie diese junge Dame nur berühren!« sagte Pasquale.

»Es kommt mir eher vor, als ob der Herr da und nicht Sie mein Haus seines Schatzes beraubt habe,« sagte der fette Türke mit einer graziösen Handbewegung gegen mich. »Es sei denn,« fügte er hinzu, und ich werde den abstoßenden schielenden Blick in dem dicknäsigen pockennarbigen Gesicht nie wieder vergessen, »es sei denn, daß Monsieur Ihnen die Verantwortlichkeit abgenommen hätte.«

Einen Augenblick war ich sprachlos. Doch Pasquale stellte sich rasch vor mich hin.

»Kaltes Blut, Ordeyne.«

»Mein Herr,« sagte ich, »ich fand diese junge Dame ganz hilflos auf der Straße in London. Sie ist meine Frau und folglich britische Untertanin; Sie können sich also jetzt mitsamt Ihren infamen Insinuationen zum Teufel scheren, und zwar je schneller, desto lieber.«

»Oder wir werden Ihnen miteinander den Garaus machen,« fügte Pasquale hinzu.

Wieder wechselte Hamdi ein paar türkische Worte mit Carlotta, und dann lächelte er mit derselben glatten Höflichkeit wie vorher, » Au revoir, Mesdames et Messieurs!« Und mit einer artigen Verbeugung steuerte er auf die Tür zu, die zum Parkett führte. Sobald die Spannung vorüber war, riß sich Carlotta von mir los und packle Pasquale am Arm.

»O töten Sie ihn, töten Sie ihn, töten Sie ihn!« flüsterte sie in leidenschaftlichem Ton.

Pasquale machte sich sanft von ihr los und zog ein Zigarettenetui heraus.

»Kaum nötig, er wird ohnehin bald genug sterben.« Und sich an mich wendend fügte er hinzu: »Kein gesundes Organ in seinem ganzen Körper. Außerdem, wenn gemordet werden muß, so ist das Sir Markus Angelegenheit.«

»Von einem Mord ist überhaupt nicht die Rede,« sagte ich unangenehm berührt. »Und sprechen Sie doch nicht in dieser empörenden Weise vom Tode des elenden Menschen.«

Als Carlotta, deren Arm ich wieder genommen hatte, sah, daß ich zornig war, schaute sie mich erschrocken an und wurde ebenso plötzlich fügsam, als sie vorhin leidenschaftlich geworden war. Jetzt wandte ich mich an Judit.

»Können Sie mir verzeihen ?« begann ich. Aber beim Anblick ihres Gesichts überlief mich ein kalter Schauder. Es war totenblaß, hart und entstellt; die Lippen waren fest zusammengekniffen, das zarte künstliche Rot auf ihren Wangen stach grell hervor, und ihr Gewand ? dem Wellenschaum auf einem sommerlich glänzenden Meer gleich ? sprach dem Winter auf ihrem Gesicht Hohn.

»Ich habe nichts zu verzeihen,« erwiderte sie lächelnd, aber mit eisigem Ton. »Wir sind hierher gekommen, um die Freuden eines Variétés zu genießen, und ich habe meine Rechnung gefunden. Gute Nacht. Vielleicht ist Mr. Pasquale so freundlich, mir für einen Wagen zu sorgen.«

»Wenn Sie gestatten, werde ich Sie nach Hause begleiten,« sagte Pasquale.

Beim Abschied reichten wir uns die Hände, als ob nichts geschehen wäre, so gleichgültig, als wären wir fernstehende Bekannte. Auf dem Heimweg wurde nicht viel gesprochen. Carlotta schmiegte sich innig an mich an und hielt sich an meinem Arm fest. Sie weinte. Warum, weiß ich nicht, aber es schien ihr Trost zu gewähren. Ich küßte ihre Lippen und ihr Haar.

Zu Hause angekommen, schob ich das Sofa ans Kamin ? es war eine rauhe Nacht, und Carlotta ist so empfindlich gegen Kälte wie eine tropische Pflanze ? und setzte mich neben sie.

»Hast du gehört, was ich zu Hamdi Effendi gesagt habe ? daß du meine Frau seiest?«

»Aber das war doch nur eine Lüge,« antwortete sie in ihrer unverblümten Art.

Meine Liebkosungen und mein Zureden, sowie das Gefühl des Geborgenseins, nebst einer Tasse französischer Schokolade, die die über unsre frühe Rückkehr und über ihres Lieblings Jammer höchst erstaunte Antoinette als sicherstes Trostmittel in aller Eile besorgt hatte, hatten Carlotta nach kurzer Zeit ihre gewohnte Heiterkeit zurückgegeben. Auch Polyphem schnurrte beruhigend in ihrem Schoß.

»Heute abend war es eine Lüge,« sagte ich. »Aber in ein paar Tagen wird es, wie ich hoffe, Wahrheit sein.«

»Willst du mich heiraten?« fragte sie, sich Plötzlich aufrichtend und mich verwundert ansehend.

»Wenn du mich haben willst, Carlotta.«

»Ich tue, was Siir Markuus sagt. Willst du mich morgen heiraten?«

»Das wird kaum möglich sein,« antwortete ich. »Aber ich werde sicherlich keine Zeit verlieren. Wenn du erst meine Frau bist, haben weder Hamdi Effendi noch der türkische Sultan den geringsten Anspruch auf dich. Niemand kann einem Engländer seine Frau entreißen.«

»Hamdi ist ein Teufel,« sagte Carlotta.

»Wir brauchen uns nicht um ihn zu kümmern,« erwiderte ich.

»Hast du je eine so häßliche Tonne gesehen?«

Woher sie diese gelegentlichen Kraftausdrücke hat, weiß ich nicht; aber in ihrer fremdartigen, abgehackten Sprechweise lauten sie zu komisch. Ich mußte lachen, und Carlotta, Polyphem auf den Boden werfend und sich an mich anschmiegend, lachte mit. Die Katze sah uns voller Verachtung einen Augenblick an; dann streckte sie sich, als habe sie Carlotta aus freiem Antrieb verlassen, und entfernte sich würdevoll.

»Hamdi ist ein Schwein und ein Elefant und ein großer fetter Truthahn,« sagte Carlotta.

»Wenn alle Welt schön wäre,« rief ich aus, »würden wir die Schönheit gar nicht mehr schätzen! Dann würde ich gar nicht bemerken, wie schön meine Carlotta ist.«

In ihrer impulsiven Art legte sie ihre Hände auf mein Knie, beugte sich vor und sah mich strahlend an.

»O, ist das dein Ernst?«

»Du bist das lieblichste und anziehendste Wesen auf der weiten Welt, Carlotta.«

»Jetzt bin ich sicher, sicher, sicher!« rief sie glückselig. »Das hast du noch nie gesagt, Siir Markuus lieber, und ich muß dich dafür küssen.«

Doch mit meiner Hand auf ihrer zarten Schulter hielt ich sie zurück.

»Nur wenn du versprichst, mich zu heiraten.«

»Natürlich,« antwortete Carlotta.

Sie sagte das so gedankenlos und leichten Herzens, als hätte ich sie zu einem Spaziergang aufgefordert. Und jene sonderbare Ahnung durchzuckte mich aufs neue. Ach, in diesen letzten Zeiten wahnsinniger Leidenschaft hatte ich mir die Szene gar oft ausgemalt, wo ich ihre bebende Schönheit in meinen Armen halten, wie der von ihrer Persönlichkeit ausströmende Duft meine Sinne berauschen und wie ich ihr in glühenden Worten das Lied meiner Leidenschaft vorsingen würde. Aber die Götter haben es anders beschlossen. Der Verlobungskuß einer Quäkerin hätte nicht keuscher sein können. Die Glut in meinen Adern erlosch, und das Lied erstarb mir auf den Lippen.

Wer und was ist sie ? sie, die ich liebe? An manchen Tagen haben mich ihre Augen angeblitzt, als wolle sie mich reizen und locken wie eine böse Hexe, und ihre Glieder haben mich mit dem Zauber des Venusberges umgarnt, so daß ich alle meine Kraft zusammennehmen mußte, um ihr zu widerstehen. Aber heute, wo ich den größten Schritt wage und sie bitte, mein eigen zu werden bis ans Ende unsrer Tage, da willigt sie sofort ein wie ein unwissendes Kind und richtet damit die Schranke ihrer Unschuld zwischen uns auf. Ach, wann werde ich bis zur Seele in ihr dringen?

Aber jacta est alea. Die Ereignisse des heutigen Abends haben unser Schicksal beschleunigt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Hamdi nicht die Macht, Carlotta meinem Schutz zu entreißen, und diese Heirat wäre als Mittel für Carlottas Sicherheit also unnötig. Ich habe zwar keine Ahnung von den internationalen Gesetzen für derartige Fälle, aber jedenfalls ist Carlotta durch die Heirat durchaus sicher. Keine Macht der Erde kann sie mir dann entreißen. Großer Gott! Schon bei dem Gedanken, sie könnte für immer aus meinem Leben scheiden, bricht mir der kalte Schweiß aus. Ohne sie ? Kind, Zauberin, Irrwisch ? mag sie sein, was sie will, wie könnte ich ohne sie weiterleben!

Der Wunsch meines Herzens wird in Erfüllung gehen. O ich sollte zittern vor Freude und jugendlichem Feuer! Ich sollte singen und lachen. Tausend glückliche Torheiten sollte ich begehen im Überglück der Liebe! In jenes glückliche Land müßte ich mich versetzt fühlen, das die Liebenden in den Märchen zum Schluß stets erreichen.

Statt dessen sitze ich hier vor dem verlöschenden Feuer, ebenso wie ich gestern auch hier saß, und das Gefühl kommenden Unheils bedrückt mich. Carlottas Unschuld allein ist es nicht, die die Schranke zwischen uns aufrichtet; was die Schranke unübersteigbar macht, ist Judits bleiches Antlitz!

Judits bleiches Antlitz wird mich heute nacht im Traum noch verfolgen!

Fünfzehntes Kapitel

27. Oktober.

Das Leben macht mir keine Freude mehr, es ist mir gründlich entleidet. Heute behauptete Judit spöttisch, ich hätte überhaupt noch nie gelebt, und ich konnte nicht anders, als ihr recht geben, indem ich mit bitterem Herzeleid der guten alten Zeiten gedachte. Wenn das leben heißt, wenn einem der Verstand über den Haufen geworfen und mit Füßen getreten wird, daß die Glut einer törichten Leidenschaft einem das Herz verzehrt, daß die Seele von Gewissensbissen gefoltert wird ? ja, dann lebe ich wahr und wahrhaftig ? aber dann würde ich viel lieber tot sein und die leichteren Qualen des Fegfeuers erdulden.

Anders geartete Menschen gewöhnen sich daran, wie der Aal ans Geschundenwerden. Sie sagen mea culpa ? verflucht ? oder »Kismet«, je nach ihren verschiedenen Ansichten, und gehen getröstet ihrer täglichen Hantierung nach. Wie sehr beneide ich sie! Ich habe diese raffiniert ausgestattete Folterkammer, die man Leben nennt, jetzt betreten; aber beim ersten Anziehen der Daumenschrauben schreie ich laut auf, und sobald die eiserne Jungfrau Miene macht, mich zu umarmen, falle ich in Ohnmacht.

Wahrhaftig, ich könnte einen Schurken wie Cäsar Borgia beneiden! An einem einzigen schönen Sommernachmittag konnte dieser Mensch einen Freund ermorden, dessen Witwe verführen, die Waisen um ihr Erbe bringen, dann befriedigt zum Abendessen nach Hause gehen, und nachdem er sich an Musik etwas erlabt hatte, so fest schlafen, wie jemand, der seine Ruhe wohl verdient hat. Was für Geschöpfe sind doch die andern Menschen? Für mich sind sie jedenfalls ein unergründliches Geheimnis. Und ich schreibe ? oder vielmehr habe geschrieben ? eine sittengeschichtliche Abhandlung über die verschlagenste Generation der Menschheit, die je existiert hat! Ein eitler Narr bin ich, jawohl, der absolut nichts versteht. So wenig ich feststellen kann, ob zuerst die Henne oder das Ei da war, ebenso wenig kann ich den friedlichen Schlummer dieses unerhörten Schurken von fünfundzwanzig Jahren erklären. Ich habe weder einen Mord, noch eine Verführung, noch einen Raub auf dem Gewissen, und doch konnte ich letzte Nacht nicht schlafen und bezweifle, ob ich heute nacht schlafen werde. Es ist mir zu Mut, als müßte ich jahrhundertelang wach bleiben, während eine Ratte immerfort an meinem Eingeweide nagt.

Wie unglücklich sah Judit aus, als ich sie heute vormittag besuchte! So unglücklich, wie ich noch nie ein weibliches Wesen gesehen habe! Weg war die sorgfältige Koketterie von gestern, weg die ruhige Schelmerei der vergangenen Jahre, weg war die Judit, die ich gekannt habe, und an ihrer Stelle stand eine hohläugige Frau, die an Türen rüttelte, die für alle Zeiten versperrt sind.

»Ich habe mir gedacht, daß Sie heute morgen kommen würden. Dieses Restchen Vertrauen hatte ich noch in Sie.«

»Ihr Gesicht hat mich die ganze Nacht hindurch verfolgt,« sagte ich. »Ich mußte kommen.«

»So, das ist also das Ende vom Lied?« sagte sie hart.

»Nein, es bezeichnet nur den Übergang von einem unklaren Verhältnis zu einer so treuen und warmen Freundschaft, als sie nur je ein Mann einer Frau angeboten hat.«

Mit einem verächtlichen Achselzucken wandte sich Judit ab und rief: »O sprechen Sie nicht so! Ich kann Ihnen kein Brot geben, aber hier ist ein hübscher runder geschliffener Stein! Freundschaft! Was soll eine Frau wie ich mit Freundschaft?«

»Habe ich Ihnen je viel mehr gegeben?«

»Gott weiß, was Sie mir gegeben haben!« rief sie bitter und starrte zum Fenster hinaus in das trübe Wetter, auf die schmutzige Straße. Ich trat zu ihr und legte meine Hand auf die ihrige.

»Um Gottes willen, Judit, sagen Sie mir, was ich tun kann!«

»Was geschehen ist, ist geschehen!« murmelte sie durch die Zähne. »Wann haben Sie sie geheiratet?«

Mit kurzen Worten erklärte ich ihr die Sachlage. Hierauf sah sie mich lange und durchdringend an, starrte dann wieder zum Fenster hinaus und hörte kaum auf das, was ich sagte.

»Meine Absicht war, Ihnen die ganze Geschichte zu erklären,« fügte ich hinzu. »Deshalb bin ich so früh hergekommen.«

Sie schwieg. Ich ging in dem wohlbekannten Zimmer, das mit so vielen lieben Erinnerungen an vergangene Jahre erfüllt ist, ein paarmal auf und ab. Das Klavier dort haben wir zusammen ausgewählt. Das Bild hier ? die gekrönte Madonna von Botticelli aus den Uffizien ? habe ich ihr in Florenz geschenkt. Miteinander haben wir ganz London durchstöbert, bis wir endlich den Chippendale Bücherschrank fanden, auf dessen Brettern Bücher stehen, die ein Band zwischen uns gebildet haben, desgleichen auch alte Zeitschriften, die kurze Beiträge von mir enthalten. Ein unechter japanischer Drache aus Fayence, ein unkünstlerisches, aber ihrem Herzen teures Ungeheuer, wegen dessen ich sie oft geneckt hatte, grinste mich vom Kaminsims verzeihend an. Noch nie ist es mir so deutlich zum Bewußtsein gekommen, wie eng dieses Wohnzimmer mit all meinen Gewohnheiten verbunden ist. Wieder blieb ich neben Judit stehen.

»Ich kann Sie nicht ganz verlassen, liebe Judit,« sagte ich sanft. »Ein Teil von mir ist mit diesem Zimmer unzertrennbar verknüpft.«

Ein unglückliches Lachen entrang sich ihren Lippen.

»Ein Teil!« rief sie, indem sie sich mir plötzlich voll zuwandte. »Sind Sie einfach dumm oder entsetzlich grausam?«

»Ich bin dumm,« antwortete ich. »Warum schlagen Sie meine Freundschaft aus? Was uns verbunden hat, ist doch kaum mehr gewesen; unser Innerstes hat es nie berührt, und das hatten wir uns ja von Anfang an vorgenommen. Die Worte ?Ich liebe dich? sind nie zwischen uns gefallen! Wir haben unsern Vertrag treu gehalten. Und jetzt, wo die Liebe in mein Leben tritt ? und Gott weiß, wie sehr ich dagegen gekämpft habe ? was verlangen Sie von mir?«

»Und was verlangen Sie von mir?« fragte Judit tonlos.

»Verzeihen Sie mir, daß ich das alte Band löse, und trauen Sie mir zu, daß ich auch das neue zu einem angenehmen für Sie machen werde.«

Sie gab keine Antwort, sondern starrte nur immer wie versteinert zum Fenster hinaus. Plötzlich schauderte sie zusammen und ging zum Kamin hin, vor dem sie sich auf einen Schemel niedersetzte. Ängstlich, verwirrt, bedrückt blieb ich am Fenster stehen.

»Markus!« rief sie schließlich leise, und ich folgte ihrem Ruf. Sie deutete auf einen Stuhl, und ohne mich anzusehen, begann sie zu sprechen.

»Sie sagten vorhin, ein Teil von Ihnen sei mit diesem Zimmer verknüpft. Aber für mich ist es nicht ein Teil, nein, ganz sind Sie in diesem Zimmer. Wo ich gehe und stehe, sind Sie bei mir. Für mich sind Sie der Anfang und das Ende des Lebens, ich liebe Sie mit verzehrender Leidenschaft. Ich bin erregbar und habe Schiffbruch erlitten, weil ich mir einbildete, einen Mann geliebt zu haben. Aber, Gott ist mein Zeuge, Markus, Sie sind der einzige Mann, den ich je geliebt habe! Wie ein Hauch vom hohen Himmel herab kamen Sie zu mir ins Fegfeuer, und von der Zeit an sind Sie der Himmel für mich gewesen. Für Sie war es nur ein Spiel ? für mich aber ?«

Ich fiel neben ihr auf die Kniee nieder. Jedes ihrer leisen halbgeflüsterten Worte durchdrang mich wie ein glühendes Eisen. Gestern abend hatte ich die Botschaft, die mir ihr bleiches Gesicht enthüllt hatte, ungläubig aufgenommen. Ich hatte unser vergangenes Leben an meiner Seele vorüberziehen lassen, und die Botschaft erschien mir unberechtigt ? sie konnte nicht aus dem tiefsten Innern kommen; es kam mir ganz und gar unmöglich vor ? und jetzt ? jetzt war das Unmögliche zur unleugbaren Tatsache geworden!

»Kein Spiel, Judit ?«

Sie streckte die Hand aus, um mir Schweigen zu gebieten ? die Worte erstarrten mir auf den Lippen. Was hätte ich sagen können?

»Ja, für Sie war es ein angenehmes Gefühl, wenn Sie so wollen, für mich der bitterste Ernst. O, auch ich war eine Närrin. Sie haben mir allerdings nie gesagt, daß Sie mich liebten, aber ich hatte es doch geglaubt. Sie waren nicht wie andre Männer; die große Welt der Frauen, die Leidenschaften, alles war Ihnen fremd ? Sie waren ein Mann von geistigen Interessen, waren zurückhaltend ? Sie sahen alles in einem Ihnen eigenen besonderen Lichte an. Ich war mir bewußt, daß schon die kleinste Fessel Sie gedrückt hätte, deshalb ließ ich Ihnen vollständige Freiheit ? auch wenn mein Herz noch so heiß nach Ihnen verlangte. Ich stellte keine Forderungen, und Ihren philosophischen Analysen unsres Verhältnisses stimmte ich willig bei. Sie haben eine wunderliche Art, über alles und jedes zu moralisieren ? es ist, als wären Sie ein von allem losgelöster, außerhalb des Weltalls stehender Geist ? aber ich machte mir nichts daraus. Ich lachte über Sie ? o nein, nicht unfreundlich, sondern liebevoll, glücklich, siegessicher. Ja, ich war eine Närrin. Aber welche liebende Frau ist das nicht? Es war mir, als sei ich für Sie alles, was Sie brauchten, und war zufrieden, sicher. Die kleinsten Liebesbeweise wurden groß in meinen Augen. Wenn Sie nur mein Ohr berührten, so war mir das mehr, als mir die Umarmung eines andern Mannes je hätte sein können. Von einem einzigen Kuß zehrte ich wochenlang ? Ihnen war dieser Kuß nicht mehr wert als eine Zigarette. Ach, ach,« flüsterte sie leise, »wäre ich doch tot!«

Mit entstellten Zügen und fortgesetzt ins Feuer starrend, hatte sie dies alles leise und eintönig gesprochen, während ich neben ihr am Boden kniete. Ich murmelte nichtssagende Entschuldigungen, wurde mir aber dabei schmerzlich bewußt, daß jegliche Redensart, mag sie lauten, wie sie will, absolut wertlos ist, wenn man ein Herz gebrochen hat.

»Haben Sie denn nie gemerkt, daß ich Sie liebe?« fuhr Judit in demselben leisen, bittern Ton fort. »Für was für eine Frau hielten Sie mich eigentlich? Ich habe Ihre Unterstützung angenommen, um in dieser Wohnung leben zu können. Meinen Sie denn, das wäre mir möglich gewesen, wenn ich Sie nicht geliebt hätte? O, ich sollte meinen, es wäre an tausenderlei Dingen zu merken gewesen.«

Da das Feuer allmählich niedergebrannt war, griff Judit nach der Kohlenschaufel; mechanisch nahm ich sie ihr aus der Hand und legte wie sonst immer, Kohlen nach. Ein langes Schweigen entstand. Judit blieb vor dem Feuer sitzen, ich aber trat ans Fenster. Es hatte zu regnen angefangen; drunten auf der Straße leierte eine Drehorgel einen schrecklichen Gassenhauer herunter, und jeder einzelne von diesen schrillen Tönen ging mir durch Mark und Bein. Als mich die Frau des Orgelmannes, eine schlumpige Italienerin, am Fenster entdeckte, grinste sie zu mir herauf und machte die landesübliche leichtverständliche bettelnde Handbewegung. Sie hatte ein blaues Mal am Auge, das wahrscheinlich von dem kakophonischen Teufel herrührte, aber sie lachte wie ein fröhliches Naturkind. Bei Männern meines Standes sind die Augen der Frauen freilich vor blauen Mälern sicher, doch das ist nur eine Frage der Sitten. Bin ich deshalb vielleicht ein weniger roher Mensch, als der sauertöpfische Kerl dort unten an der Orgel?

Plötzlich hörte ich ein Schluchzen; ich wandte mich um und sah Judit, bitterlich weinend, das Gesicht in den Händen vergraben, auf ihrem Stuhle sitzen.

»Judit ?«

Sie schlang ihre Arme um meinen Hals.

»Ich kann dich nicht lassen, ich kann nicht, ich kann nicht!« rief sie leidenschaftlich.

Und zum ersten Mal in meinem Leben bin ich Zeuge davon gewesen, wie eine Frau, die vollständige Beute ihrer Leidenschaft, in lautes ungezügeltes Weinen ausbrach; es klang schrecklich ? wie der Schrei eines zum Tode verwundeten Tieres.

Schwerbedrückt von Schuldbewußtsein, wagte ich sie kaum anzusehen, als ich mich verabschiedete. Sie hatte ihre Fassung wieder erlangt.

»Versprich mir eins, Markus, tu mir einen einzigen Gefallen,« sagte sie mit bebenden Lippen und ließ ihre kalte Hand in meiner ruhen. »Bleib heute weg von ihr. Nach allem, was ich heute morgen gesagt habe, wäre es mir unerträglich, wenn ich euch beide glücklich und zärtlich beisammen wissen müßte. Scham und Qual würden mich umbringen. Darum laß heute mich allein in deinen Gedanken sein; traure ein wenig um die Tote. Das ist alles, was ich von dir verlange.«

»Das hätte ich auch ohne deine Bitte getan,« erwiderte ich. Damit küßte ich ihr die Hand und verließ sie.

Als ich in tiefe Gedanken versunken aufs Geratewohl eine kleine Strecke gegangen war, wurde ich mir plötzlich bewußt, daß ich Pasquale gegenüberstand, der mit mir redete.

»Kommen Sie von Mrs. Mainwaring? Da will ich eben hin, um ihr ihr Opernglas zurückzubringen, mit dem ich gestern nacht durchgegangen bin. Welches ist ihre Nummer? Ich habe sie vergessen. Ich wollte mich eben im Vorbeigehen in Lingfield-Terrace danach erkundigen, hörte aber, daß Sie schon ausgegangen seien.«

»Nummer siebzehn,« antwortete ich mechanisch.

»Sie sehen nicht gut aus, lieber Freund,« sagte er. »Ach, Sie werden sich doch wegen gestern abend keine Sorgen machen? Der edle Hamdi wollte uns ja nur ins Bockshorn jagen.«

»Das glaube ich auch,« stimmte ich bei.

»Sie haben es ihm aber auch heimgegeben! Offen gestanden, ich hätte Ihrer Einbildungskraft das gar nicht zugetraut! Hamdi war einfach vernichtet! Er konnte nicht mehr!«

»Allerdings ? er konnte nicht mehr!«

»Geschieht ihm recht,« sagte Pasquale. »Er ist der ärgste Spitzbube und gehört schon lange an den Galgen.«

»Ganz recht,« sagte ich, »er gehört schon lange an den Galgen.«

Pasquale packte mich am Arm.

»Sind Sie ein Mensch oder ein Phonograph? Was ist denn eigentlich mit Ihnen los?«

Ich glaube, es stieg etwas wie Neid in meinem Herzen auf, Neid auf das fröhliche Lachen in Pasquales hübschem dunklem Gesicht und auf die sorglose Grazie des jungen Mannes, der unter seinem triefenden Regenschirm, ohne Überzieher ? der meinige war bis ans Kinn zugeknöpft ? in einem tadellos sitzenden blauen Sergeanzug und in fleckenlosen weißen schwedischen Handschuhen wie ein junger Prinz vor mir stand.

»Was ist denn los?« fragte er noch einmal lustig.

»Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, mein Frühstück hat mir nicht geschmeckt, und jetzt regnet es abscheulich.«

Während ich noch sprach, ließ er mich stehen und schoß wie ein Pfeil über die Straße. Verwundert sah ich ihm einen Augenblick nach und ging dann langsam auch auf die andre Seite der Straße. Er sprach mit einer abgezehrten, schlecht gekleideten Frau, die ein riesiges Bündel, ungefähr dreimal so groß und breit als sie selbst, neben sich auf dem schmutzigen Pflaster stehen hatte und ihre eine Hand auf ihre keuchende Brust drückte.

»Das wollen Sie den ganzen Weg nach South Kensington tragen?« hörte ich ihn beim Näherkommen rufen.

»Jawohl, Herr,« antwortete die Frau.

»Das darf nicht sein, ich erlaube es nicht! Da! Nehmen Sie!«

Unwillkürlich, damit er ihr nicht an den Kopf flog, griff die Frau nach Pasquales Regenschirm, den dieser ihr zuwarf. Aber die Verwunderung, mit der sie seine Worte angehört hatte, verwandelte sich in wirkliche Bestürzung, als sie ihn nun das ungeheure Bündel aufheben und damit die Straße entlang schreiten sah. Erschreckt sah sie mich an.

»Es ist Wäsche darin,« sagte sie.

Pasquale hielt an, sah sich um und machte ihr ein Zeichen, daß sie ihm nachkommen solle. Den Regenschirm mit silbernem Griff fest in der Hand haltend, folgte sie ihm stumm, und ich bildete die Nachhut. Die ganze Szene hatte sich so schnell abgespielt, daß auch ich ganz verwirrt war. Die wenigen Leute, die bei dem Regen unterwegs waren, starrten uns mit offenem Munde nach. Ein krummbeiniger Mensch in Manchesterbeinkleidern machte einen unzüchtigen Witz. Da setzte Pasquale sein Bündel nieder.

»Soll ich Euch eins hinter die Ohren geben, daß Ihr die Engel im Himmel singen hört?« fragte er.

»Nein,« knurrte der Mann und machte sich davon.

»Das freut mich,« bemerkte Pasquale, indem er das Bündel wieder aufnahm; und unser Zug setzte sich aufs neue in Bewegung.

Zum Glück fuhr jetzt eben eine Droschke vorbei. Pasquale rief sie an, stopfte das Bündel hinein und hielt dann die Tür für die zögernde und verwirrte Frau offen, als ob sie jene echte Herzogin von Ealing wäre.

»Sie sagten, Ordeyne,« bemerkte Pasquale, als der Kutscher mit drei Schilling und seiner merkwürdigen Fracht davongefahren war. »Sie sagten, Ihr Frühstück habe Ihnen nicht geschmeckt?«

Trotzdem mir das Herz so schwer war, mußte ich jetzt lachen und den Mann liebhaben. Seine Handlungsweise hatte etwas phantastisch Ritterliches gehabt, etwas geradezu Erhabenes durch die Verachtung des Althergebrachten, etwas Launenhaftes, Abenteuerliches, Unvermutetes; ja etwas Göttliches lag in seinem grimmigen Mitleid und etwas Unwiderstehliches in der Art, wie er mich dann angeredet hatte. Während des ganzen langen traurigen Tages ist dieser Auftritt der einzige Lichtblick gewesen.

Ich habe mein Versprechen gehalten, habe im Klub zu Mittag gegessen und versucht, im Lesezimmer die langen Stunden totzuschlagen. Es war meine Absicht gewesen, heute morgen die nötigen Vorbereitungen für meine Heirat zu treffen, aber nach der Unterredung mit Judit hatte ich nicht das Herz dazu; so verschob ich es auf morgen. Der heutige Tag sollte ein Tag der Trauer sein, und ich habe ihn in Sack und Asche verbracht; für den von mir begangenen schweren Fehler habe ich schwer Buße getan. Carlotta ist zu Bett und schläft. Antoinette sagte, sie habe sich sehr früh niedergelegt, weil sie heftiges Kopfweh gehabt habe. Kein Wunder ? armes Kind!

Vorhin fühlte ich ein heißes Verlangen, in ihr Zimmer hineinzugucken, um mich zu überzeugen, daß sie nicht krank sei ? Kopfweh ist der Vorläufer von so vielen Krankheiten. Aber ich gedachte meines Versprechens und hielt mich zurück. Ihre süße Stimme hätte mich an ihre Seite gerufen, ihre Arme hätten sich um meinen Hals geschlungen und ich ? hätte Judit vergessen!

Sechzehntes Kapitel

28. Oktober.

Heute morgen stand ich spät auf. Als ich zum Frühstück herunterkam, war Carlotta schon in ihre Klavierstunde gegangen.

Ich fuhr dann gleich zu meinem Rechtsanwalt in den Temple, um alles Nötige betreffs einer sofortigen Heirat anzuordnen.

Als ich um ein Uhr zurückkam, trat mir im Flur Stenson entgegen.

»Entschuldigen Sie, Sir Markus, aber Mademoiselle ist noch nicht zurückgekommen.«

Ich verbrachte eine Stunde mit angstvollem Warten. Noch nie war Carlotta so lange ausgeblieben. Um zwei Uhr endlich ging ich zu Herrn Stuer in die Avenue-Road ? es ist ein Gang von fünf Minuten.

Sich noch die Lippen wischend, trat er in das Zimmer, wohin ich geführt worden war.

»Ich bedaure, Sie stören zu müssen, Herr Stuer,« sagte ich. »Aber ich möchte Sie bitten, mir Auskunft darüber zu geben, wann Miß Carlotta heute vormittag von Ihnen weggegangen ist.«

»Miß Carlotta ist heute gar nicht hier gewesen,« antwortete er.

»Aber es ist doch ihr Tag?«

»Jawohl, um zehn Uhr; aber sie ist nicht gekommen. Um elf Uhr hatte ich einen andern Schüler. Sie hat noch nie eine Stunde ausfallen lassen.«

Rasch eilte ich nach Hause zurück, voller Hoffnung, daß Carlottas lachendes Gesicht mich dort empfangen und ihr Anblick die fürchterliche Angst, die mir noch immer das Herz zusammenkrampfte, zerstreuen werde.

Keine Carlotta war da!

Den ganzen schrecklichen Tag hindurch ? keine Carlotta!

Nie wieder wird eine Carlotta da sein!

Ich fuhr zur Polizeistation.

»Welche Vermutungen haben Sie?« fragte der Inspektor.

Ach, es war mir nur zu klar! Jeder andre, außer mir selbst, würde Carlotta hinter Schloß und Riegel gehalten und eine Wache vors Haus gestellt haben! Jeder andre hätte sie nicht aus den Augen gelassen, bis die Trauung vollzogen gewesen wäre und er Hamdi mitsamt seinen Häschern wieder sicher in Alexandretta gewußt hätte!

»Eine Entführung hat stattgefunden!« rief ich aufgeregt. »Der verschlagenste Schurke von ganz Asien hat sie zwischen Lingfield-Terrace und der Avenue-Road gefangen genommen, in einen geschlossenen Wagen geworfen, geknebelt und Gott weiß wohin entführt! Er ist der Polizeipräfekt von Aleppo, heißt Hamdi Effendi und wohnt hier im Hotel Metropole!«

Der Inspektor verhörte mich, aber Gott mag wissen, was ich antwortete. Ich sah die ganze Szene vor mir ? den wartenden Wagen ? die menschenleere Straße ? mein Herzensliebling, schön wie eine duftige Blume im grauen Morgenschein, kommt fröhlich des Wegs daher ? ein plötzlicher Überfall, ein Kampf, und der Wagenschlag wird eilig zugeworfen ? das ganze ist das Werk weniger Sekunden. Mir schwindelte bei dieser Vorstellung.

»Sie sagen, er habe gedroht, Ihr Mündel zu entführen?« fragte der Inspektor.

»Ja, und einer meiner Freunde drohte ihm dann, ihn umzubringen. Gott gebe, daß er seine Drohung jetzt wahr macht!«

»Seien Sie vorsichtig, Sir Markus,« sagte der Inspektor lächelnd; »denn wenn jetzt ein Mord verübt wird, sind Sie schon zum voraus der Mitschuld verdächtig.«

Ich gab ihm zu verstehen, wie wenig mich das kümmern würde. Für mich kam jetzt nur eines in Betracht, Carlotta wiederzuerlangen, sie, das Licht und der Inhalt meines Lebens! Der Inspektor fragte nach dem Namen meines Freundes. »Sebastian Pasquale.« ? »Und seine Wohnung?« ? »Ist ganz in der Nähe, in St. Johns-Wood-Road.«

»Das Beste, was Sie tun können, Sir Markus,« sagte der Inspektor, »ist, Herrn Pasquale aufzusuchen und mit ihm nach dem Polizeiamt zu kommen. Zwei Köpfe sind vielleicht besser als einer. Wir werden uns indessen mit dem Hauptamt in Verbindung setzen und die nötigen Erkundigungen in der Umgegend einziehen.«

Ich fuhr nach St. Johns-Wood-Road, und erfuhr dort zu meinem Schrecken, Pasquale sei in der vorigen Woche ausgezogen. Alle seine Briefschaften würden in seinem Klub in Piccadilly abgegeben. So fuhr ich denn in den Klub. Ach, wie ist es nur möglich, daß sich die Menschheit seit Jahrtausenden als Hauptbeförderungsmittel mit dem Pferd hat begnügen können! Welche verzweifelten Qualen habe ich hinter dieser vergrößerten Schnecke erduldet! Ich stürzte in den Klub! Herr Pasquale sei heute gar nicht dagewesen, hieß es. Nein, er wohne nicht im Hause, und es sei gegen die Statuten, die Privatadresse eines Mitglieds mitzuteilen.

»Aber es handelt sich um Leben und Tod!« rief ich.

»Wenn ich offen reden soll,« erwiderte der Portier, »so ist Herrn Pasquales einzige ständige Adresse die seines Bankiers. Wir wissen gar nicht, wo er jetzt ist.«

In großer Eile schrieb ich ein paar Worte nieder: »Hamdi hat Carlotta entführt. Ich bin halb verrückt. Wenn Sie mich lieben, helfen Sie mir! O Gott, Freund, warum sind Sie nicht zur Stelle?«

Ich gab dem Portier das Billett, und in langsamem Trab ging es dem Polizeiamt am Scotland-Yard zu. Der Kutscher war empört über die Verwünschungen, die ich ihm wegen seines langsam dahinschleichenden Pferdes an den Kopf warf. Es war ein dreiviertel Vollblut, einer der schnellsten Traber in London.

»Es rennt ja förmlich und läßt alles hinter sich!« rief der Kutscher.

»Ja, weil alles stillsteht, oder sich rückwärts bewegt, oder auf dem Kopf steht,« antwortete ich.

Ich zweifle nicht daran, daß er mich für toll hielt ? toll wie ein Dingohund! Ach! Bei der Erinnerung an jene Worte, an den Sommer und den Sonnenschein ging mir ein Stich durchs Herz. Dann murmelte ich vor mich hin: »Errette meine Seele aus der Hölle und meinen Liebling aus der Gewalt dieses Hundes!« Welches Hundes? Nicht aus der des Dingohundes! Heute bin ich wahrhaftig nicht imstande, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen!

Endlich hielt ich vor dem Polizeiamt! Ich ging durch mehrere Gänge und befand mich schließlich in einem ganz gewöhnlichen Zimmer, wo vor einem Schreibtisch ein Beamter saß, der mich eine halbe Stunde lang höflich auf die Folter spannte. Ich sollte Carlotta beschreiben ? nicht in der bilderreichen Sprache, die allein eine Ahnung ihres Liebreizes hätte hervorrufen können, sondern in den geschäftsmäßigen Ausdrücken eines Polizeiberichts. Was sie angehabt habe? Einen Hut, Jacke, Rock, Schuhe? Natürlich trug sie Handschuhe, vielleicht auch einen Muff. Durch solch selbstverständliche Kleinigkeiten ungeduldig gemacht, beschrieb ich sie genau. Aber die Pracht ihres goldbraunen Haares, ihre großen dunkelbraunen Augen, die beweglichen ausdrucksvollen Lippen, die ganze berückende Mischung von Botticelli und dem Venusberg, der süße Wohllaut ihrer Stimme ? alles das langweilte die hohe Polizei. Man fragte nach der Farbe ihrer Hutfedern, nach dem Stoff ihres Kleides, nach ihrer Größe in prosaischen Zentimetern, nach der Nummer ihrer Handschuhe und ihrer Stiefel.

»Aber, woher soll ich denn das wissen?« rief ich verzweiflungsvoll.

»Vielleicht könnte einer Ihrer Dienstboten die nötige Auskunft geben,« antwortete der höfliche Beamte. Wenn es sich um den Verlust eines Regenschirmes gehandelt hätte, hätte er den Fall nicht mit gefühlloserer Gemütsruhe behandeln können!

Ein Wunder geschah! Als ich eben an Stenson schrieb, er solle diese Einzelheiten von Antoinette erfragen und dann sogleich herkommen, trat ein Polizist ein und meldete, mein Diener sei draußen. Mein Herz begann vor Freude lauter zu schlagen. Sicher hatte Stenson meine Spur bis hierher verfolgt, um mir zu sagen, daß Carlotta gerettet sei. Aber der erste Blick, den ich auf sein Gesicht warf, machte dieser überschwenglichen Hoffnung ein Ende. Er war mir hierher gefolgt, das war allerdings richtig, aber nur um zu fragen, ob seine Aussagen nicht etwa von Nutzen sein könnten.

»Ich habe mir eine große Freiheit genommen, Sir Markus,« sagte er, sich entschuldigend. »Und wenn ich zu weit gegangen sein sollte, werde ich natürlich das Zimmer sofort wieder verlassen. Aber bei derartigen Unglücksfällen sind gar viele Kleinigkeiten, die, wie ich aus Erfahrung weiß, nur die Dienerschaft kennt, von größter Wichtigkeit.«

Es kann nicht anders sein, es muß ein Buch geben, das mindestens zehntausend Seiten umfaßt, und »Der vollkommene Kammerdiener« betitelt ist. In diesem Buch sind dann alle möglichen und alle unmöglichen Fälle des häuslichen Lebens behandelt, und Stenson, dieser Prachtkerl, hat alles auswendig gelernt. Er tat seinen ciceronischen Ausspruch mit dem Ernst einer Pappfigur auf dem Puppentheater eines Kindes.

»Können Sie mir den Anzug der jungen Dame beschreiben?« fragte der Beamte.

»Ja, ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, ganz genaue Kenntnis von jeder Einzelheit des Anzugs zu erhalten, in dem Mademoiselle Carlotta diesen Morgen das Haus verlassen hat.«

Ich war von keiner Bedeutung mehr ? Stenson war der Mann nach dem Herzen des Inspektors. Ein paar lebhafte Fragen führten zu dem gewünschten Resultat: Eine dunkelrote Toque mit einer grauen Stutzfeder, eine weinrote Zuavenjacke und ein mit schwarzen Litzen garnierter Rock, eine dunkelblaue Bluse, eine einfache goldne Brosche ? (das Schmuckstück, das ich ihr schenkte, als sie zum ersten Mal ihre Arme um meinen Hals schlang) ? vorn am Halskragen, eine Silberfuchsboa, sowie ditto Muff, Glanzlederstiefel und braune Glacéhandschuhe.

»Besondere Kennzeichen oder Merkmale?«

»Eine kleine Narbe auf der linken Schläfe,« sagte Stenson.

Gott steh mir bei! Der Mann hat fünf Monate lang Tag für Tag im Bannkreis von Carlottas magischer Schönheit gelebt, und das einzige, was ihm als charakteristisch auffiel, ist die kleine Narbe ? (sie war als Kind auf einer Marmortreppe ausgeglitten und gestürzt) ? der einzige Schönheitsfehler, wenn etwas so wenig Sichtbares überhaupt ein Fehler genannt werden kann.

»Mademoiselle hat auch ein winziges Muttermal hinter ihrem rechten Ohre,« fuhr Stenson fort.

Immer höher stieg Stenson in den Augen des Inspektors, der ihm seine aufrichtige Ehrerbietung zu teil werden ließ; jedes Wort, das das inspirierte Geschöpf sprach, schrieb die Feder des Inspektors eifrig nieder. Und als der Quell der Inspiration versiegt war, wandte sich Stenson in seiner stets gleichbleibenden, vollkommen respektvollen Art an mich.

»Soll ich jetzt nach Hause gehen, Sir Markus, oder haben Sie mir noch etwas zu befehlen?«

Ich schickte ihn fort, und er verschwand. Der Inspektor lächelte befriedigt. »Jetzt können wir die Sache in die Hand nehmen,« sagte er. »Es ist nur schade, daß Herr« ? er sah in seinen Aufzeichnungen nach ? »Herr Pasquale im Augenblick nicht erreichbar ist. Er hätte uns von großem Nutzen sein können.«

Er stand auf. »Nun werden wir hoffentlich die Spur der jungen Dame bald haben. Eine so genaue Personalbeschreibung wie diese ist unschätzbar.«

Er reichte mir das von ihm ausgefüllte gedruckte Formular. Trotz meines Jammers hätte ich über die Albernheit dieses Mannes, der sich einbildete, diese phantasiearme, schablonenhafte, auf fünfhunderttausend junge Mädchen in London passende Beschreibung könnte auch nur im geringsten ein Bild von Carlotta geben, beinahe laut hinausgelacht.

»Das ist alles schön und gut,« sagte ich, »aber das erste, was geschehen muß, ist, des türkischen Teufels habhaft zu werden.«

»Sie können sich darauf verlassen, daß sogleich die eingehendsten Nachforschungen angestellt werden.«

»Und was kann ich einstweilen tun?«

»Das Beste, was Sie tun können, Sir Markus, ist, jetzt nach Hause zu gehen und alles uns zu überlassen. Sobald wir die leiseste Spur haben, werden wir Ihnen Mitteilung davon machen.«

Höflich bekomplimentierte er mich damit zur Türe hinaus, und nach wenigen Minuten wandelte ich in dem dämmrigen Herbstnachmittag auf dem Themse-Embankment hin und her, wie eine verlorene Seele an den Ufern des Phlegethon. Es war mir, als hätte ich die Sonne noch nie gesehen und sollte sie auch nie mehr zu sehen bekommen; ohne Zweck trieb ich der Ewigkeit entgegen.

Ich kam an einem Gitter vorbei. Durch den Nebel hindurch konnte ich eine riesige Gestalt wahrnehmen, die mir bekannt vorkam. Es war die Statue von Sir Bartle Frère; ich befand mich also in den Anlagen unter der Terrasse des Nationalliberalen Klubs. Hier an dieser Stelle war ich damals mit Carlotta zusammengetroffen. Aus den tropfenden Bäumen schien mir das Echo der Worte entgegenzutönen, die hier gesprochen worden waren, damals, als die Blätter in hellem Grün leuchteten. »Wollen Sie mir, bitte, sagen, was ich tun soll?« Ich strengte meine Augen an, um die Bank zu sehen, auf der ich damals gesessen hatte, und meine Augen hatten mich zum besten und verwandelten einen Flecken auf dem Ende der Bank in die geisterhafte Gestalt Carlottas. Der Kummer überwältigte mich, und in diesen Kummer mischte sich tiefe Reue, daß ich das liebe Wesen an jenem schönen denkwürdigen Maientag so hart angelassen hatte.

Ich ging um die Ecke bei White-Hall-Place und schaute in die einsamen Anlagen hinein; die Bänke standen leer, die Bäume waren kahl und »die Vöglein schwiegen«. Seufzend wandte ich mich ab und ging auf die andre Seite der Straße.

Jetzt hatte ich das Hotel Metropole erreicht. Die großen Tore standen einladend offen, und von der Straße aus konnte man das hell erleuchtete prächtige Vestibül sehen. Hier also wohnte der Erzteufel, der mir mein Leben geraubt hatte. Wutbebend blieb ich einen Augenblick unter dem Tor stehen; ja, ich muß einige Sekunden lang die Besinnung verloren gehabt haben, denn ich kann mich nicht erinnern, daß ich eingetreten oder die Stufen hinaufgegangen wäre ? wurde mir aber plötzlich bewußt, daß ich am Bureau nach Hamdi Effendi fragte. Nein, er sei nicht abgereist, lautete die Antwort, er sei im Gegenteil höchst wahrscheinlich im Hotel. Der Page, der mit meiner Karte abgeschickt wurde, um ihn zu suchen, rief eine Nummer. Wie unangenehm sind mir doch diese großen Karawansereien, in denen man wie in einem Gefängnis nur eine Nummer ist. Wollte der Himmel, hier wäre wirklich ein Gefängnis, und dies wäre Hamdi Effendis Nummer darin gewesen.

Plötzlich richtete sich ein hagerer junger Mann aus seinem Stuhl auf, und mir die Hand reichend, begrüßte er mich mit großer Herzlichkeit. Verständnislos starrte ich ihn an. Er sagte, wir hätten uns in Etretat kennen gelernt. Jetzt endlich tauchte aus den Tiefen eines früheren Daseins seine Gestalt auf, und ich erinnerte mich seiner dunkel als eines jungen amerikanischen Blumenarrangeurs, der mir stets lange Reden über die ewigen Gesetze des Vorwärtskommens gehalten hatte. Ich reichte ihm die Hand und sprach die Hoffnung aus, daß es ihm gut gehe.

»O ja, es geht flott, flotter als je. Ich fühle mich nie wohler, als wenn ich bis über die Ohren im Geschäft stecke. Ihr hier in diesem lieben alten schläfrigen Land habt niemals Eile. Hier genehmigen sich die Leute noch ein Gabelfrühstück; das ganze Frühstück, zu dem man in New York Zeit hat, besteht aus einem Plasmonzeltchen, das man im Straßenbahnwagen rasch verschluckt.«

Er fuhr fort, mir mit gellender Stimme hochtrabende Gemeinplätze in die Ohren zu schreien, auf die ich nur ab und zu ein paar gleichgültige Worte erwiderte. Jedem andern menschlichen Wesen wäre der verzweiflungsvolle Zustand, in dem ich mich befand, sicher aufgefallen; nur allein dieser junge, fahrige, an nichts weiter als an den Dollar denkende Dekorateur aus New York merkte nichts.

»Raten Sie mal, wie oft ich, seit wir in Etretat zusammen gewesen sind, über den großen Bach gefahren bin? Viermal!«

O du geduldiges Meer!

»Und wie steht es bei Ihnen? Geht es immer noch piano, piano mit den Büchern und auch sonst?«

»Ja, mit den Büchern und auch sonst,« erwiderte ich.

Jetzt kehrte der Diener zurück und meldete Hamdis sofortiges Erscheinen.

»Und wie geht es der reizenden jungen Dame, Ihrem Mündel, Fräulein Carlotta?« fuhr mein Quälgeist fort.

»Jawohl,« antwortete ich eilig, »eine reizende junge Dame. Sie brachten ihr manchmal Bonbons. Ist es Ihnen auch schon aufgefallen, daß die Vorliebe für Süßigkeiten einen Einfluß auf den Charakter ausübt? Auch die Zähne leiden darunter. Deshalb haben alle Amerikanerinnen schlechte Vorderzähne.«

Ich muß mit der Schlauheit des Fuchses begabt sein, der, wie man sagt, seine Verfolger von der Fährte ablenkt, indem er einen Haken schlägt. Die Gelehrten nennen diesen Kunstgriff, aufs Rhetorische angewendet, eine ignoratio elenchi. Der Patriotismus meines jungen Freundes wurde dadurch zu einer feurigen Verteidigung der Schönheit seiner Landsmänninnen aufgestachelt. Ich sah mich indessen in dem prächtig ausgestatteten Vestibül um und überlegte, aus welcher von den vielen Türen ringsum der Gegenstand meines Hasses wohl heraustreten würde, hörte also nur mit halbem Ohr dem Redefluß des jungen Amerikaners zu.

»Ich glaube, Sie erwarten jemand?« bemerkte er mit durchdringendem Scharfblick.

»Nur einen langweiligen Bekannten,« sagte ich. »Es tut mir leid, daß sein Kommen unsre interessante Unterhaltung beenden wird.«

Jetzt öffnete sich die Tür des Lifts, und wie der Teufel aus der Versenkung erschien Hamdi.

Er sah meine Karte an, sah mich an und verbeugte sich höflich.

»Ich wußte nicht, mit wem ich die Ehre haben würde,« sagte er in einem schauderhaften Französisch. »Womit kann ich Sir Markus Ordeyne dienen?«

»Was haben Sie mit Carlotta gemacht?« fragte ich, indem ich ihn fest und durchdringend ansah.

Sein ordinäres, pockennarbiges Gesicht nahm einen harmlos fragenden Ausdruck an.

»Carlotta?«

»Jawohl, Carlotta,« sagte ich. »Wohin haben Sie sie gebracht?«

»Sprechen Sie deutlicher, Monsieur,« erwiderte Hamdi. »Verstehe ich recht, so ist Lady Ordeyne verschwunden?«

»Sagen Sie mir, was Sie mit ihr angefangen haben?«

Seine schlauen Züge wurden jetzt satanisch, und seine große fleischige Nase bewegte sich wie der Gesichtsvorsprung von einem der Teufel des Orcagna.

»Was ich mit ihr angefangen habe, Monsieur?« sagte er mit einem scheußlichen Grinsen. (O, die Worte fehlen mir, um die ganze Häßlichkeit dieses Gesichts zu beschreiben!) »Gesetzt den Fall, ich hätte Mylady wirklich entführt, so wären Sie doch gewiß der letzte, dem ich ihren Aufenthaltsort verraten würde. Sie sind sehr naiv, Monsieur. Ich habe mir immer sagen lassen, daß England das Land der arkadischen Unschuld sei ? so grundverschieden von meinem eigenen verruchten, gottlosen Vaterland ? und jetzt ?« er zuckte nachsichtig die Schultern ? » jen suis convaincu

»Höhnen Sie nur, Hamdi Effendi!« rief ich kochend vor Zorn. »Aber die englische Polizei werden Sie gewiß nicht arkadisch finden!«

»Ach, Sie waren also auf der Polizei?« sagte der aalglatte Schurke. »Sie waren in Scotland ? Scotland-Place ? Scotland ? nimporte. Von dort wird die Sache untersucht? Besten Dank für die freundliche Warnung.«

»Warnung!« schrie ich wutschnaubend.

»Ach so, es soll keine Warnung sein?« sagte er, seine lymphatische Hand aufhebend. »Dann, Monsieur, haben Sie wahrscheinlich eine Unvorsichtigkeit begangen, die Ihnen Ihre Freunde von Scotland-Place kaum verzeihen werden. Einen guten Polizeibeamten gäben Sie nicht, Monsieur ? ich bin nämlich selbst Polizeibeamter und muß es darum wissen.«

Ich trat einen Schritt auf ihn zu, doch wich er vor mir zurück, indem er rasch einen Blick auf die einladend offenstehende Türe des Aufzugs warf.

»Hamdi Effendi!« rief ich. »Beim lebendigen Gott, wenn Sie mir meine Frau nicht zurückgeben ?«

Das Wort erstarb mir auf der Zunge. Schnell wie der Blitz war Hamdi in den Aufzug getreten, hatte dem Diener einen Wink gegeben, die Tür war zugefallen ? und da stand ich und konnte nur noch gegen Hamdis nach oben verschwindende Stiefel die Fäuste ballen.

In Italien habe ich einmal eine Katze mit einer halb betäubten Fledermaus spielen sehen, die von der Katze erhascht worden war, weil sie matt am Boden hingeflattert war. Die Katze kauerte nieder, tätschelte ihre Beute, ließ sie ein wenig los, tätschelte sie wieder und setzte sich auf, um sich zum Sprung bereit zu machen. Da flog die Fledermaus plötzlich pfeilschnell in die Luft.

Wie jene Katze der Fledermaus nachgeschaut hatte, mit ganz demselben Ausdruck verblüfften Erstaunens sah ich jetzt dem Aufzug nach. Es war unbeschreiblich lächerlich und verlieh meiner Tragödie einen possenhaften Zug. Plötzlich ertönte ein schallendes Gelächter, und als ich mich umsah, erblickte ich den in einen tiefen Lehnstuhl gesunkenen Amerikaner. Als eine Zielscheibe des Spottes entfloh ich aus dem Vestibül des Hotels.

Nun bin ich wieder zu Hause. Ich sitze an meinem Schreibtisch, gehe ruhelos im Zimmer hin und her, trete hinaus auf den Balkon in die scharfe Luft und schaue auf die dunkle, einsame Straße hinunter. Ob denn nicht endlich eine Nachricht kommt! Verflucht sei meine Torheit, die mich das Hotel Metropole betreten ließ! Der verwünschte Türke hatte mich in seiner Hand, er verhöhnte mich nach Herzenslust und ? Carlotta ist in seiner Gewalt! Wenn ich an ihre Angst denke, dann zittere ich an Leib und Seele. In ein Zimmer eingeschlossen, ist sie irgendwo in dieser Riesenstadt. Mein Gott! Wo kann sie sein?

Die Polizei muß sie finden. London ist nicht das mittelalterliche Italien, wo Frauen, den Gesetzen und der Regierung zum Trotz, auf offener Straße geknebelt und in unzugängliche Felsennester gebracht werden konnten. Immer und immer wieder sage ich mir vor, daß Carlotta zurückkommen müsse, daß das besonnene Arbeiten der englischen Polizei sie wieder in meine Arme führen werde, daß meine Todesangst höchstens zwei bis drei Tage dauern könne, daß die heute morgen angekommene und jetzt vor mir liegende Heiratserlaubnis nicht, wie es jetzt den Anschein hat, nur ein ironisches Dokument sein wird, und daß wir in höchstens acht Tagen lächelnd auf diesen unheilvollen Tag zurück- und mit freudigen Herzen vorwärts in die Zukunft schauen werden.

Aber jetzt, am späten Abend, fühle ich mich sehr einsam. »Einsamkeit,« sagt Epiktet, »ist ein gewisser Zustand eines hilflosen Menschen.« Ja, ich bin hilflos; meine ganze Hilfe liegt in der Weisheit dieser Bücher; aber die ganze Weisheit von allen diesen unzähligen Büchern, die alle Wände meines Zimmers von oben bis unten bedecken, kann mir nicht den allerkleinsten praktischen Beistand gewähren. Ach, wenn doch nur Pasquale, der Mann der Tat, des schnellen Verständnisses, hier wäre! So bleibt mir nichts übrig, als meine Hoffnung auf die erprobte Arbeit der phantasiearmen Maschine zu setzen, die Carlottas Spur mit Hilfe der Narbe auf ihrer Schläfe und dem kleinen Muttermal hinter ihrem Ohre finden will.

Und einstweilen fühle ich mich sehr einsam. Der einzige Mensch, an den ich mich wenden möchte, Mrs. Mc Murray, ist noch immer in Bude. Soviel ich weiß, erwartet sie in der allernächsten Zeit ein Kleines und will über ihr Wochenbett in Cornwall bleiben. Ihren Mann aber möchte ich nicht aufsuchen, selbst wenn er nicht so tief in seiner nächtlichen Arbeit auf seinem Zeitungsbureau steckte. Er ist mir zu gewaltig. Judit ? zu ihr kann ich nicht mehr gehen. Und obgleich sich Antoinette, das arme Ding, heute fast die Augen ausgeweint, und Stenson durch sein ganzes Betragen respektvolle Teilnahme bewiesen hat, kann ich mir doch nicht bei meiner Dienerschaft Rats erholen. Aber ich habe die einäugige Katze in die Arme genommen und mein Gesicht in ihren Pelz gedrückt, auf dieselbe Stelle, worauf Carlotta damals ihr Gesichtchen gepreßt hat. »So möchte ich geküßt werden!« O mein Liebling, mein Liebling, wärest du jetzt hier, ich würde dich so küssen!

Ich stieg die Treppe hinauf und ging in ihrem Zimmer umher, das Antoinette heute abend wie gewöhnlich für sie zurechtgemacht hat. Die Bettdecke ist zurückgeschlagen, ihr Nachthemd, ein Ding so fein wie ein Spinnweb und mit kirschroten Schleifen geschmückt, liegt ausgebreitet auf dem Bett. Am Fußende stehen die bekannten roten Pantoffeln mit den hohen Absätzen, und über einem Stuhl hängt das Morgenkleid. Sogar die messingene Heißwasserkanne steht im Waschbecken ? und das Wasser ist noch heiß. Daß die törichte Frau im Stockwerk über mir zudem hell wach ist und auf ihren Liebling wartet, dessen bin ich ganz sicher. Ich küßte das Kissen, auf dem Carlottas Kopf die letzte Nacht geruht hatte, und aus dem mir noch ihr Duft entgegenströmte. Dann ging ich mit einem unterdrückten Schluchzen wieder hinunter in mein eigenes Zimmer Es ist zu beachten, daß ich erst nachträglich in Verona die früher gemachten Notizen meines Tagebuchs weiter ausführe. M. O.. Wieder sitze ich hier an meinem Schreibtisch, und damit mich die Ungewißheit nicht wahnsinnig mache, trage ich die Ereignisse kurz in mein Tagebuch ein. In glatten, dürren Worten ausgedrückt, scheinen sie fast unglaublich.

Plötzlich ertönte ein scharfes, nervenerschütterndes gellendes Läuten an der Hausglocke.

Ich fliege die Treppe hinunter ? Nachricht von Carlotta! Carlotta selbst wird mir zurückgebracht! Das Herz klopfte mir zum Zerspringen vor lauter Freude. Ich war fest überzeugt, sobald ich die Tür aufmachte, würde sich Carlotta lachend, weinend, schluchzend in meine Arme stürzen.

Ich öffnete die Tür. Ach, nur ein Polizeibeamter in Zivil steht draußen.

»Sir Markus Ordeyne?«

»Ja.«

»Wir haben richtig die Spur der jungen Dame gefunden. Sie hat London mit dem Kontinentalexpreßzug um zwei Uhr zwanzig Minuten von der Viktoriastation aus verlassen und zwar in Begleitung von Mr. Sebastian Pasquale.«

Siebzehntes Kapitel

1. November.

Fünf Tage ist es her, seit der Schlag gefallen ist, und erst jetzt fange ich an, mich zu erholen; erst jetzt kommt mir der fürchterliche Schmerz zum Bewußtsein.

Wie im Traum bin ich umhergegangen. Verschwommene Gesichter und Stimmen wie aus weiter Ferne begrüßten mich im Klub. Meine Augen überflogen unzählige Druckzeilen, ohne daß ich eine Silbe davon verstanden hätte. Ich zwang mich zu einer mechanischen Arbeit, indem ich ganze Stöße von kurzen Notizen für mein Geschichtswerk abschrieb, aber ich tat es, ohne daß mein Verstand sich auch nur mit einer Spur von Verständnis daran beteiligt hätte. Päpste, Fürsten, Künstler sind eine Kategorie von lose zusammengestellten Namen, die bei mir weniger Gedankenassoziationen hervorrufen als die Namenreihen des Londoner Adreßbuchs. Blöde habe ich ins Feuer oder auf die tropfenden Zweige der Bäume vor meinem Fenster gestarrt. Von Jammer betäubt, wanderte ich durch die Straßen ? im zoologischen Garten suchte ich Trost.

Eine freundliche braune Bärin bittet dort ganz menschlich um Kuchen, und durch mein fleißiges Füttern entspann sich eine Art Freundschaft zwischen uns. Müßig stehe ich vor dem Käfig, dessen Bewohnerin eine eigenartige Teilnahme für mich zu hegen scheint. Sie legt den Kopf auf die Seite, sieht mich mit schmachtenden braunen Augen an, und sich auf die Hinterbeine niederlassend, streckt sie bittend die Tatzen durch die Gitterstäbe. Gerade so bat und flehte Carlotta. Ich habe über die Gnosis und Seelenwanderung Betrachtungen angestellt. Carlotta als ein gewöhnliches menschliches Wesen mit einer unsterblichen Seele hat gar nicht existiert; was ich von ihr kannte und liebte, war nur das Gaukelbild einer weiblichen Gestalt, in der ein Urgeist wohnte, der dazu verdammt war, sich immer wieder einen neuen Aufenthaltsort zu suchen. Nur der zögernde Schatten dieser menschgewordenen luftigen Hülle war es, der auf der Viktoriastation gesehen wurde. Jener mir verhängnisvoll gewordene Geist, der keinen irdischen Gesetzen unterworfen ist und von unerklärlichen Mächten getrieben wurde, hat sich in der kleinen braunen Bärin verkörpert, die sich jetzt so seltsam, so zärtlich ? mit Carlottas Augen, mit Carlottas Bewegungen ? vor mir gebärdet. Gestern bat ich diese Carlotta, doch zu mir zurückzukehren. Ich sagte, das Haus sei so leer, selbst die Zimmer hätten Sehnsucht nach ihr. O ich flehte mit heißer Leidenschaft, und die Augen vor mir sahen mich so schmelzend an, daß ich schon glaubte, ihr Herz sei gerührt. Aber da kam plötzlich ein anderer Besucher herbei, das Geschöpf stieß einen winselnden Klagelaut aus und streckte die Tatzen heraus, um Kuchen zu erbetteln, und als ich das sah, war ich ganz sicher, daß ich in der Bärin Carlotta vor mir hatte.

Schweigend habe ich den Schlag hingenommen; bis jetzt habe ich niemand etwas davon erzählt, und ich habe auch keine Erkundigungen eingezogen. Wenn ein Mann von seinem besten Freund betrogen und von dem Mädchen, das er liebte, verlassen worden ist, sind Zeit und Einsamkeit die einzigen Tröster. Und bei wem sollte ich Trost suchen? Ich hatte zu wenig Verkehr mit meinen Verwandten, und sie machen sich nichts aus mir.

Nicht eine Zeile kam von Carlotta. Ebenso leichten Herzens und ohne Gewissensbisse, wie sie einst Hamdi Effendi verlassen hat und mit dem armen Jungen gegangen ist, der sie von Alexandretta weglockte, ebenso leichten Herzens ist sie auch von mir geschieden. Ich möchte wohl wissen, ob sie, wenn sie jetzt die Nachricht von meinem Tod bekäme, auch sagen würde: »Ich bin so froh!«

Ob die Flucht von den beiden vorher geplant war, oder ob Pasquale ihr auf dem Weg nach Avenue-Road aufgelauert und ihr dort vorgeschlagen hat, mit ihm zu gehen, davon habe ich keine Ahnung. Aber es ist auch gleichgültig. Sie ist fort ? das ist die einzige schreckliche Tatsache, die Bedeutung für mich hat. Keine Erklärungen, keine Bitten um Verzeihung könnten meinen Schmerz lindern. Wenn sie anders wäre, dann könnte ich sie vielleicht hassen ? aber so vermag ich es nicht. Wie könnte man ein Wesen hassen, das weder ein Herz noch eine Seele hat? Aber lieben kann man es ? Gott weiß wie blind! So habe ich Carlottas Zimmertür abgeschlossen und den Schlüssel an mich genommen. Es soll ganz unberührt bleiben, ganz genau so, wie sie es verlassen hat ? und ich traure um sie wie um eine Verstorbene.

Was Pasquale anbetrifft ? wenn mein Charakter dem seinen ähnlich wäre, würde ich ihn durch halb Europa verfolgen, und dann würde einer von uns beiden den andern umbringen. In einer Hinsicht gleicht er Carlotta, er ist nämlich jedes sittlichen Gefühles bar. Wie ließe sich sonst dieses Rätsel lösen? Wie könnte man sonst seine rasch auflodernde Ritterlichkeit gegen jene schwindsüchtige Waschfrau mit dem schwarzen Verrat, den er in jenem Augenblick schon gegen mich geplant haben mußte, in Einklang bringen? Ich wußte ja wohl, daß er schon viele betrogen hat, daß ihn keinerlei Rücksicht auf Ehre und Freundschaft von irgend etwas zurückhielt, sobald eine Frau im Spiel war. Aber ich hatte doch geglaubt ? aus welchem Grund, weiß ich nicht, abgesehen von meiner eigenen unerhörten Eitelkeit ? daß er vor mir eine besondere Achtung habe, ja, ich war wirklich des Glaubens gewesen, dieser Wolf werde aus einer gewissen Idiosynkrasie heraus meinen Schafstall für heilig halten. Wenn irgend ein Zweifel an seiner Treue in mir aufsteigen wollte, so schämte ich mich darüber, und so habe ich ihm mein Lamm ohne Zögern in den Rachen geworfen. Und während er mein Vertrauen so schamlos täuschte, suchte ich armer Mann verzweiflungsvoll seine Hilfe, um meinen Liebling der Gewalt jenes Türkenhundes zu entreißen!

Ich hatte das Gefühl, daß ich Hamdi Effendi eine Abbitte schuldig sei; es ist nur recht und gut, wenn ich mitten in dieser possenhaften Tragödie, in der ich eine Rolle spiele, auch noch ab und zu den Anstand wahre. Aber ist nicht Hamdi Effendi für das moralische Unrecht, das ihm zugefügt worden ist, schon reichlich entschädigt durch die große Freude, die er empfunden haben muß, während er mich mit seinen Spöttereien auf die Folter spannte? Trotz meines tiefen Kummers bin ich mir, wenn ich an jenen lächerlichen, demütigenden Mißgriff im Hotel Metropole denke, durchaus bewußt, daß ich unter tief verletzter Eitelkeit leide.

 

2. November.

Heute erhielt ich die Nachricht vom Tode des alten Simon Mc Quhatty. In den wenigen hellen Augenblicken der letzten Tage hatte ich wiederholt daran gedacht, seine freundliche Gegenwart aufzusuchen. Jetzt hat ihn Gevatter Tod über das Moor hinweggeführt.

 

3. November.

Antoinette brachte mir diesen Morgen einen großen, an Carlotta adressierten Karton. Der Bote, der ihn gebracht hatte, wartete unten.

»Ich wollte nur Monsieur fragen, ob ich die Sendung zurückgehen lassen soll,« sagte sie, mit den Tränen kämpfend.

»Nein,« sagte ich, »lassen Sie das Paket hier.«

Aus der Geschäftsadresse ersah ich, daß der Karton einiges Pelzwerk enthielt, das ich vor vierzehn Tagen für Carlotta bestellt hatte ? das arme Kind fror so sehr in unserm kalten Klima.

»Aber, Monsieur,« begann Antoinette, »der arme Engel ?«

»Braucht die Sachen vielleicht im Himmel,« sagte ich.

Die gute Alte starrte mich an.

»Wir wollen es wie die alten Ägypter machen, Antoinette,« sagte ich. »Diese legten Nahrungsmittel, Wein, Kleider und allerlei Kostbarkeiten in die Gräber der Abgeschiedenen, damit deren Schatten in alle Ewigkeit sich daran erfreuen möchten. Wir müssen uns einbilden, daß hier ein Grab sei, denn in London kann man keine Pyramide errichten, obgleich es eine unendlich große Wüste ist. Das kleine Zimmer droben im zweiten Stock bildet das Allerheiligste, wo der mit süßen Spezereien einbalsamierte und in endlos lange leinene Binden gewickelte Körper in tiefem Schweigen ruht.«

»Aber Mademoiselle ist doch nicht tot!« rief Antoinette schaudernd. »Wie kann Monsieur so etwas sagen! Es ängstigt mich, wenn Monsieur so spricht!«

»Es ängstigt mich auch, Antoinette,« erwiderte ich ernsthaft.

Als Antoinette sich entfernt hatte, trug ich den Karton mit dem Pelzwerk die Treppe hinauf, stellte ihn uneröffnet auf Carlottas Bett und schloß beim Hinausgehen die Tür wieder zu.

 

9. November.

Ich habe einen großen Entschluß gefaßt. Diese ganze letzte Woche habe ich damit verbracht, der Sachlage fest in die Augen zu sehen, und heute nacht, wo ich nicht schlafen konnte, kam ich zu einem Entschluß, der als die endgültige, unwiderrufliche Lösung der Frage vor mir steht. Da ich aber dem nächtlichen Entschluß nicht recht traute, weil das Gehirn durch nervöse Schlaflosigkeit überaus erregt wird, habe ich diesen ganzen Tag hindurch, wo ich bei klarem Verstande war, die Sache noch reiflicher überlegt.

Ich habe das Herz eines Weibes gebrochen; die leidenschaftliche Hingabe eines Weibes, das mir teuer gewesen ist, habe ich zurückgestoßen, einer Frau von großangelegtem Charakter, einer Frau von scharfem Verstand, die meine auserwählte Gefährtin, mein ebenbürtiger Genosse auf allen nur erdenklichen geistigen Gebieten gewesen war, einer feinfühlenden, edelgesinnten Dame in dieses Wortes buchstäblicher Bedeutung. Der Himmel mag wissen, was eine Frau Liebenswertes an mir finden kann! Wenn ich in den Spiegel sehe, so erblicke ich ein hageres Gesicht mit einer Habichtsnase, dem der Stempel der Unbedeutendheit für immer aufgedrückt zu sein scheint, ein Anblick, bei dem sich meiner maßloses Erstaunen bemächtigt, und doch bleibt die Tatsache bestehen, daß mir, dem Unliebenswürdigen und Unwürdigen, das unschätzbarste Gut zu teil wurde, die Liebe einer Frau. Ich erinnere mich, wie lustig Pasquale über diese Wertschätzung lachte. Er meinte, Frauenliebe sei so billig wie ein Haufen Spielsand für die Kinder, und zu nichts weiter zu gebrauchen, als Sandkuchen daraus zu backen. Der verfluchte zynische Schurke! »Sie müssen immer im Auge behalten,« sagte er bei einer andern Gelegenheit, »daß ein Mann, und wenn er auch häßlich wäre wie die Sünde, aller Wahrscheinlichkeit nach eben doch angenehm gefunden wird. Noch immer hat die ?Schöne? unerwartete Reize im ?Tier? gefunden, und das wird so bleiben bis zum jüngsten Tag.«

Aber ich bin eben ein ganz armes, häßliches Tier, ohne jegliche Aussicht, jemals in einen Prinzen verwandelt zu werden; ein gewöhnliches, schwerfälliges, schulmeisterliches Tier; ein betörtes, kurzsichtiges, verächtliches Tier! Und doch hat mich Judit geliebt! Aber anstatt den Göttern auf den Knieen für dieses Gnadengeschenk zu danken, stieß ich es zurück und wurde verrückt vor heißem Verlangen nach etwas unendlich Geringerem, nach Carlottas Kinderlippen und ihrem goldbraunen Haar. Ich habe Judits Herz gebrochen, und dieses Verbrechen will ich sühnen.

Das Verbrechen sühnen! Wenn ich mir den Sinn dieser Worte klarmache, überkommt mich heiße Scham! Mir ist, als sei das, was ich mir zu tun vorgenommen habe, eine sehr herbe Buße! Ja, in eine solche Gefahr gerät man, wenn man sich wie ich angewöhnt hat, stets in Gleichnissen zu denken. Diese Gewohnheit hat mir meine unbestimmten, schiefen Ansichten vom Leben, von mir selbst und von meiner Umgebung beigebracht. Wenn ich einem jungen Mann einen Rat zu geben hätte, würde ich sagen: »Lerne klar denken!« ? Sühnen, jawohl! Ich will zu ihr gehen und ihr beichten. Sagen will ich ihr, daß diese schreckliche Einsamkeit meine Seele vernichte. Niederknieen will ich vor ihr und sie anflehen, mir mit der großen Güte einer echten Frau ihre Liebe wieder zu schenken, meine Gehilfin und Gefährtin zu sein, die ich lieb und wert halten werde, bis der Tod uns einst scheidet. Sie wird ein wenig Mitleid mit mir haben, denn ich habe schwer gelitten, und ich will herzliches, aufrichtiges Mitleid mit ihr haben; dann wird unser gemeinschaftliches Leben auf der Basis aufgebaut werden, wo es heißt: tout comprendre cest tout pardonner; und dann werden wir in Wirklichkeit ein gemeinsames Leben führen. Wie oft habe ich von oben herab über ihre Angst vor der Einsamkeit gelächelt. Der Himmel möge es mir verzeihen! Damals kannte ich deren Schrecken noch nicht. In den ersten Tagen, als ich noch ganz betäubt war, hat mir die Einsamkeit Trost gewährt, aber jetzt umgibt sie mich wie eine geheimnisvolle und furchteinjagende Macht. Meine Seele schreit nach menschlicher Gegenwart in meinem Hause, und in meinem Herzen muß ein weibliches Wesen wohnen.

Der Welt zum Trotz wollen wir wie Mann und Frau miteinander leben. Mögen die Moralprediger uns verdammen ? es soll uns nicht anfechten; für Judit wird es in sozialer Beziehung wenig Unterschied machen, und was mich betrifft ? habe ich denn nicht so wie so schon der öffentlichen Meinung ins Gesicht geschlagen? Habe ich nicht in meiner Tante Jessica Augen bereits das öffentliche Gewissen verletzt, und schließt mich meine Base Rosalie nicht mit einem Schauder in ihr laues Gebet ein?

Wenn ich ihnen nun wirkliche Ursache gebe, mich zu verdammen, so werden sie weder klüger, noch besser, noch betrübter sein. Und wenn die Baronswürde beim Erlöschen einen schlechten Geruch hinterläßt, so weiß wenigstens ich genau, daß dieser Geruch viel besser ist als der, den dieser Titel hatte, als mein Urgroßvater für die Dienste, die er seiner kgl. Hoheit dem Prinzregenten geleistet hat, damit belohnt wurde. Dies ist die einzige Art, wie ich Judit Genugtuung geben kann, und es ist der einzige Weg, auf dem ich Trost finden kann. Wir werden reisen: Italien, Judits geliebtes Italien ruft mich. Wahrscheinlich werden wir uns in Florenz niederlassen. Dieses Haus hier, das mir wie die Wohnstätte von Verrückten vorkommt, werde ich aufgeben. Durch die reine, zarte Liebe meiner Judit wird mein Herz von der verderblichen Leidenschaft gereinigt werden, und schließlich wird der Friede wieder darin einkehren.

Ich habe Carlottas Bild aus dem Rahmen herausgenommen und ins Feuer geworfen; zur Strafe für ihre Hexenkünste habe ich sie verbrannt, und mit Genugtuung sah ich die Flammen um das Bild herumzüngeln und daran hinauflecken. Der letzte Blick, den sie mir gleichsam noch zuwarf, ehe die Flammen ihr Bild verschlangen, hatte noch den alten unendlichen Reiz; die wahrhaft teuflische Zauberkraft war von dem grellen gelben Lichtschein so gesteigert, daß mich brennendes Verlangen nach ihr ergriff und ich am ganzen Körper zitterte.

Aber jetzt ist das vorbei, und ich bin fertig mit Carlotta. Wenn sie sich einbildet, ich werde mich hinsetzen und warten, daß mich der Wind, der über den Primrose-Hill dahergezogen kommt, ebenso verrückt machen soll wie einst den Gastibelza, ?lhomme à la carabine? in Viktor Hugos Gedicht, dann täuscht sie sich gewaltig. Von dieser Stunde an, das schwöre ich, existiert sie nicht mehr für mich ? ich will essen und schlafen und lachen, als ob sie nie gelebt hätte. Polyphem liegt behaglich auf Carlottas altem Sofaplätzchen und betrachtet mich mit seinem sardonischen Auge. Er ist ein böses, ungläubiges, spöttisches Tier, das vor ein paar hundert Jahren mit samt seiner früheren Herrin verbrannt worden wäre.

Jetzt, wo ich diesen meinen unwiderruflichen Entschluß gefaßt habe, kann ich wieder vernünftig denken und bin ruhiger geworden.

Morgen gehe ich zu Judit.

Achtzehntes Kapitel

10. November.

Ich mußte zweimal klingeln, bis Judits Dienstmädchen die Korridortür öffnete.

»Mrs. Mainwaring ist jetzt eben beschäftigt, Sir Markus.«

»Fragen Sie, ob ich drinnen auf sie warten könne, da ich ihr etwas Wichtiges mitzuteilen hätte.«

Das Mädchen ging hinein und ließ mich im Vorplatz stehen ? etwas, was mir in Judits Wohnung noch nie passiert ist ? kehrte aber fast augenblicklich zurück und sagte, ihre Herrin lasse mich bitten, im Eßzimmer einen Augenblick zu warten. Ich trat ein. Auf dem Tisch lag ein Durcheinander von Papieren, die zu ihrer statistischen Arbeit gehörten, und eine Menge seidener und leinener Stoffreste. Eine Schreibmaschine stand auf dem einen Tischende, auf dem anderen eine Nähmaschine. Auf dem Schreibtisch drüben am Fenster, mitten zwischen einer Menge von Briefen und Rechnungsbüchern, prangte eine große Schale mit prachtvollen weißen und gelben Chrysanthemen. Ein aufgeschlagener Band Dante lag umgedreht auf der Tischecke. Es tat meinem Herzen wohl, diese für Judit so charakteristische, mir so vertraute und bekannte Unordnung zu sehen. »Sie wehrt sich tapfer gegen ihren Kummer,« sagte ich mir. »Keine ihrer gewöhnlichen täglichen Beschäftigungen ist unterblieben, trotz allem hat sie sich ihren gesunden Menschenverstand erhalten.« Wie sehr fühlte ich mich wegen meines eigenen Mangels an Selbstbeherrschung beschämt.

Ich wollte mich eben von dem Durcheinander auf dem Schreibtisch abwenden, als mein Auge auf einen Briefumschlag fiel, der eine französische Marke trug und von Pasquales unverkennbarer Handschrift überschrieben war. Da ein Brief darin zu sein schien, nahm ich ihn nicht in die Hand, um ihn genauer zu untersuchen. Ein Blick genügte, mich zu vergewissern, daß der Brief von Pasquale war. Warum steht er mit Judit in Briefwechsel? Verwirrt ging ich ein paarmal im Zimmer auf und ab. Enthielt der Brief eine Rechtfertigung, eine Beichte, eine Bitte? Beschwor er sie darin, sich als meine Freundin für ihn zu verwenden, damit ich ihm verzeihe? Es gibt nichts Aufregenderes, als wenn man im Briefwechsel einer Freundin zufällig auf ein Geheimnis stößt, das einen selbst betrifft. Man darf keinen Versuch machen, tiefer in die Sache einzudringen, ebenso wenig als man einem Freunde silberne Löffel stehlen darf. Die Feststellung, daß man die Sache bemerkt habe, ist schon allein eine Indiskretion, und gar Vermutungen darüber anzustellen, wäre eine unverzeihliche Unverschämtheit. Aber trotzdem ich sonst jegliche Art von Neugier verabscheue, hier beunruhigte mich Pasquales große, flotte, in die Augen fallende Handschrift doch.

Judit trat herein. Sie sah fast noch ebenso angegriffen und sorgenvoll aus wie bei meinem letzten Besuch, und in ihren Augen lag ein eigentümlicher Ausdruck.

»Es tut mir leid, daß ich Sie warten lassen mußte,« sagte sie, indem sie mir eine kalte Hand reichte.

Ich führte die Hand an meine Lippen.

»Um Sie zu sehen, Judit, hätte ich gern den ganzen Tag gewartet,« erwiderte ich.

»Ach wirklich?«

Sie lachte sonderbar.

»Wenn ich jetzt mit einer banalen Redensart käme, wäre es eine Beleidigung,« antwortete ich. »Ich habe viel durchgemacht, seit ich Sie das letzte Mal gesehen habe.«

»Ich auch,« sagte Judit; »mehr als Sie sich denken können. Nun,« fuhr sie fort, als ich den Vorwurf mit einem langsamen Kopfnicken hinnahm, »was haben Sie mir denn so Wichtiges zu sagen?«

»Sehr viel,« erwiderte ich. »Doch haben Sie ja offenbar schon erfahren, was vorgefallen ist, denn ohne es zu wollen, sah ich dort drüben einen Brief von Pasquale.«

Sie warf einen schnellen Blick auf den Schreibtisch und sah dann wieder mich an.

»Ja,« erwiderte sie, »er ist in Paris.«

Ihre gelassene Art verblüffte mich.

»Hat er Ihnen nichts mitgeteilt?«

»Möchte Sir Markus den Brief vielleicht lesen?« fragte sie ironisch.

»Sie wissen recht wohl, daß ich das nicht will,« antwortete ich.

Wieder lachte Judit, und mit nervösen Fingern ballte sie ihr Taschentuch in einen kleinen Knäuel zusammen.

»Verzeihen Sie mir,« sagte sie. »Es macht mir Freude, wenn ich ab und zu einmal den grand seigneur in Ihnen sehe, denn das erinnert mich an glücklichere Tage. Aber was Pasquale betrifft ? er teilt mir nur mit, daß er meinen Auftrag nicht ausführen könne. Als er mich neulich abends nach Hause begleitete, erzählte er mir von seiner bevorstehenden Reise nach Paris, und ich bat ihn dann, mir etwas Kosmetik zu besorgen ? carmin Badouin, wenn Sie es genau wissen wollen. Ich muß mich jetzt schminken, wenn ich mich auf der Straße sehen lassen will, das gestehe ich ganz offen.«

»Dann wissen Sie also nichts von Carlotta?« rief ich.

»Von Carlotta?«

»Sie ist an dem Tag, nachdem ich Sie zuletzt gesehen habe, mit dem doppelzüngigen, verfluchten, teuflischen Schurken durchgegangen.«

Judit sah mich einen Augenblick an, dann schloß sie die Augen, wandte den Kopf ab und legte ihre Hand aus den Tisch. Mein Zorn gegen den Elenden loderte heiß auf. Wie hat er es wagen können, mit diesem Verrat auf dem Gewissen, Briefe über carmin Badouin an Judit zu schreiben? O, ich kann mir die schnoddrigen, liebenswürdigen Redensarten, in denen der Kerl seine kostbare Epistel verfaßt haben mochte, lebhaft vorstellen! Und ich kann mir auch vorstellen, wie Carlotta, sich über seine Schulter beugend, liest, was er schreibt, in die Hände klatscht und zwitschert: »O, das ist sehr komisch!«

Nachdem ich Judit ? die regungslos am Tische saß, während ich in dem kleinen Zimmer auf und ab schritt ? die Geschichte in kurzen Umrissen erzählt hatte, streckte sie mir mit noch immer abgewandtem Kopf die Hand hin und sagte mit leiser Stimme, wie sehr, sehr leid ihr das tue. Ihre Stimme klang so wahr und treu, daß mein Herz voll froher Anerkennung ihres redlichen Charakters rascher klopfte und ich die mir dargebotene Hand innig drückte.

»Gott segne Sie, Judit!« rief ich innig. »Ja, Gott segne Sie für Ihre wohltuende Teilnahme! Bemitleiden Sie mich, aber nur als einen, der die Schrecken des Deliriums überstanden hat. So wie ich jetzt vor Ihnen stehe, will ich nicht bemitleidet werden. Ich bin hierhergekommen, um Ihnen, liebe Judit, wenn möglich, ein gewisses Maß von Freude, vielleicht von Glück zu bringen.«

Sie riß sich von mir los, und der entsetzte Ausruf: »Markus!« unterbrach meine überschwengliche Rede. Sie wich zurück, so weit, bis eine große Ecke des Eßtisches zwischen uns war, und von da starrte sie mich an, als ob meine Worte die fürchterlichen Ausbrüche eines Wahnsinnigen gewesen wären.

»Markus! Was wollen Sie damit sagen?« rief sie mit unnatürlich schriller Stimme.

»Ich will damit sagen ? will sagen ? daß ?die Liebe, erst drei Tage alt, nach drei Tag Leid lag tot!? Kaum aus der Wurzel hervorgesprossen, ist sie auch schon verdorrt, und ich habe sie mitten durchs Herz gespießt wie ein Vampyr in ungeweihter Erde begraben. Zu Ihnen, Judit, bin ich zurückgekehrt, um in aller Demut Ihre Verzeihung und Ihre Liebe zu erflehen, um Ihnen zu sagen, daß ich anders geworden bin, um Ihnen alles, was ich in dieser Welt mein eigen nenne, anzubieten, und Sie zu bitten, es anzunehmen, um Ihnen mein ganzes Leben in täglicher stündlicher Hingabe zu weihen. Mein Gott, mein Gott!« rief ich. »Glauben Sie mir denn nicht?«

Schwer lehnte sich Judit an den Tisch, mit starrem, entsetztem Blick. Ihre Lippen zuckten, ehe sie die Worte herausbrachte: »Ja, ich glaube Ihnen, denn Sie haben mich noch nie belogen.«

»Aber um des Himmels willen,« rief ich. »Warum sehen Sie mich denn so an?«

Sie zitterte und konnte offenbar irgend etwas nur mit äußerster Anstrengung unterdrücken; ob ein bitteres Lachen, ob einen empörten Ausruf, oder einen leidenschaftlichen Gefühlsausbruch, ich weiß es nicht.

»Sie fragen warum,« sagte sie unsicher. »Weil Sie der Engel mit dem flammenden Racheschwert zu sein scheinen.«

Bei diesen Worten kam die Reihe an mich, erstaunt auszusehen.

»Rache?« wiederholte ich. »Welches Unrecht haben Sie mir oder sonst einem lebenden Wesen je angetan? Kommen Sie, liebe Judit,« und um näher bei ihr zu sein, setzte ich mich auf die Ecke des Tisches dicht neben die Schreibmaschine und neigte mich zu ihr hin. »Wir wollen den Dingen gerade in die Augen sehen. Wenn je ein Mann eine Frau nötig gehabt hat, so ist das jetzt bei mir der Fall; ich kann nicht mehr allein leben, von jetzt an müssen wir ein Heim haben. Um das Urteil der Welt brauchen wir uns auch nicht einen Deut zu kümmern. Und wenn Sie irgend etwas gegen meinen Vorschlag einzuwenden haben sollten, dann wollen wir es ruhig miteinander besprechen.«

Judits schlanke Gestalt zitterte wie eine bis zum Springen angespannte Saite, und ihre Stimme bebte.

»Ja, wir wollen es ruhig besprechen, aber nicht hier. Wenn ich Sie hier mitten in meinem täglichen Leben, zwischen Schreib- und Nähmaschine, sehe, werde ich nervös. Kommen Sie mit ins Wohnzimmer; dort finden wir eine Atmosphäre der Ruhe« ? ihre Stimme klang wie ein halbersticktes Schluchzen ? »der Sabbatruhe.«

Schnell glitt ich vom Tisch herunter und legte meinen Arm um sie.

»Sagen Sie mir, Judit, was fehlt Ihnen?«

Sie stieß mich heftig weg und trat zurück.

»Nichts! Sie wissen doch, was eine Frau unter nichts versteht? Kommen Sie mit ins Wohnzimmer!«

Ich öffnete die Tür, ließ sie vorausgehen, und folgte ihr durch den Flur. Nachdem Judit ins Wohnzimmer eingetreten war, wurde ich einen Augenblick an der Tür zurückgehalten, weil die Klinke, die schon seit Monaten locker war, nicht recht schließen wollte. Als ich mich dann umdrehte und auch schon ein paar Schritte gemacht hatte, blieb ich plötzlich wie angewurzelt stehen.

Wir waren nicht allein. Dort vor dem Kamin, die Hände auf dem Rücken, und mit wohlwollend auf mich gerichtetem Blick, stand ein Mann in geistlicher Tracht. Er sah auffallend, fast gesucht geistlich aus: sein Rock war von ungewöhnlicher Länge; seine Stiefel hatten auffallend dicke Sohlen; eine große weiße Halsbinde, die die Ecken eines Umlegkragens ganz verdeckte, ließ darauf schließen, daß der Mann ein Sektenprediger war. Braune Backenbärtchen zierten das im übrigen glattrasierte, blühende Gesicht, und ein Kranz brauner Haare umgab eine leuchtende Glatze.

Ich starrte diesen mir vollständig unerwarteten Herrn ein paar Sekunden lang erstaunt an, dann aber, nachdem ich meine Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte, drehte ich mich fragend nach Judit um.

»Sir Markus,« sagte sie, »darf ich Ihnen meinen Mann, Mr. Rupert Mainwaring vorstellen?«

Ihren Mann! Dieser von Wohlwollen triefende Sektenprediger ihr Mann! Aber der berückende Liebhaber, der ihr die Augen geblendet hatte, der liederliche Schurke, durch den ihr Leben Schiffbruch gelitten hatte, wo war der? Obgleich aufs höchste verblüfft, brachte ich doch eine höfliche Verbeugung zu stande; aber meine Bestürzung blieb unbemerkt, da Judit plötzlich mit einem sonderbaren Laut, der sich in schrilles, krampfhaftes Lachen auflöste, durchs Zimmer rannte, die Tür aufriß und wieder hinter sich zuschlug. Ich hörte noch, daß sie auf dem Flur krampfhafte Schreie ausstieß, dann wurde wieder eine Tür zugeschlagen, und die darauf folgende Stille sagte mir, daß sie sich in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen habe. Ohne mich um die Anwesenheit des neuen Ehegatten zu kümmern, klingelte ich, und das Mädchen, das bei Judits Geschrei aus der Küche herbeigekommen war, trat sogleich ein.

»Sehen Sie nach Ihrer Herrin, sie ist krank,« sagte ich.

Das Mädchen eilte wieder hinaus, und der Pfarrer und ich schauten einander an.

»Ich bedaure sehr, daß ich zu einer so schlecht gewählten Zeit kam,« sagte ich, »und hoffe, Sie ein anderes Mal näher kennen zu lernen.«

»O bitte, gehen Sie nicht!« rief er. »Meine Frau ist nur etwas angegriffen und wird sich bald wieder erholen. Bitte, entschuldigen Sie sie. Und außerdem möchte ich auch etwas mit Ihnen besprechen.«

Damit bot er mir einen Stuhl an ? meinen eigenen Stuhl, den bequemen, breiten Empirestuhl, den ich vor Jahren Judit zum Geburtstag geschenkt hatte, den Stuhl, in dem ich beständig gesessen hatte. Er benahm sich wie der Herr des Hauses, wie ein sehr höflicher Gentleman. Die Situation war wirklich höchst seltsam. Irgend ein witziger Dämon muß sie sich ausgedacht haben, um die fröhliche Stimmung der erhabenen Götter beim Nachtisch noch zu steigern. Ich ließ mich auf den Stuhl nieder und rieb mir die Augen. War dieser braunbärtige, glatzköpfige geistliche Herr denn ein wirklicher Mensch? O ja, das Augenreiben zerstörte keine Sinnestäuschung. In Fleisch und Blut stand er vor mir und betrachtete mich noch immer wohlwollend ? es war entsetzlich.

Daß der schurkische Ehemann, den ich in irgend einem europäischen Sündenpfuhl untergegangen wähnte, Judit böswillig verlassen hatte, diese Tatsache hatte die Grundlage, die Berechtigung zu dem Verhältnis zwischen Judit und mir gebildet, ja, sie hatte es geradezu sanktioniert. Und jetzt begann dieser ehrwürdige achtbare Mann da vor mir, seine Frau zu entschuldigen und mir meinen eigenen Stuhl anzubieten! Die Bemerkung Judits, im Wohnzimmer werde ich Sabbatruhe finden, fiel mir wieder ein, und ich mußte die Seitenlehnen meines Stuhls umklammern und mich aufs äußerste zusammennehmen, um nicht ebenso nervös wie Judit zu werden.

Wenn Judits Gatte als der schlechte Kerl, der er einst war, zurückgekommen wäre, so hätte ich das schon als einen schweren Schlag empfunden. Das Scheitern aller meiner Pläne für Judits Glück hätte mich zwar tief erschüttert, aber es wäre doch wenigstens etwas Natürliches gewesen. Ihn aber in der Gestalt eines Sektenpredigers auftreten zu sehen; als Vertreter der Menschenklasse, zu der Judit am allerwenigsten paßt, das, ich wiederhole es, kam mir mehr als ungeheuerlich vor.

»So viel ich weiß, Sir Markus,« begann der Herr, indem er bedächtig die Schöße seines unendlich langen Rockes auseinanderschlug und sich neben mich setzte, »sind Sie ein sehr intimer Freund meiner Frau.«

Ich murmelte, ich sei allerdings seit einigen Jahren mit Mrs. Mainwaring bekannt.

»Da kennen Sie ohne Zweifel auch ihre unglückliche Lebensgeschichte.«

»Sie hat ab und zu davon gesprochen.«

»Dann werden Sie ebenso erstaunt sein wie Judit, mich hier zu sehen. Und nun möchte ich Ihnen, als Vertreter von Judits Freunden und von der ganzen Gesellschaft mit allem, was drum und dran hängt, die Versicherung wiederholen, die ich schon Judit gegeben habe, die Versicherung, daß ich diesen Schritt nicht getan habe, ohne zuvor ernstlich gebetet und den allmächtigen Gott um Rat und Beistand angefleht zu haben.«

Ich bin nichts weniger als fanatischer Pietist, aber wenn jemand leichtfertig von »Gottes Rat erflehen« spricht, so empfinde ich das als eine Geschmacklosigkeit, und so ließen mich die in frömmelndem Ton ausgesprochenen Worte vollständig kalt.

»Ohne Zweifel haben Sie einen triftigen Grund, wieder in Judits Leben zu treten,« sagte ich steif.

»Jawohl, den triftigsten, den es gibt,« erwiderte er, indem er einen seiner braunen Backenbärte streichelte. »Ich bin ein Christ.«

Der Mann gefiel mir immer weniger.

»Darf ich fragen, ob das auch der Grund war, warum Sie ihr in allen diesen Jahren ferngeblieben sind?«

»Ich verdiene Ihren Hohn,« sagte er. »Zu jener Zeit war ich in der Sünde befangen, und ich verdiene deshalb jede Demütigung, die mir auferlegt wird. Inzwischen aber habe ich Gnade bei Gott gefunden. Ich fand sie nachmittags um drei Uhr am achten Januar achtzehnhundertund ?«

»Das Jahr tut nichts zur Sache,« unterbrach ich ihn.

Die Kehle schnürte sich mir zusammen, der Mann war ein Heuchler, wie er im Buch steht. Mit ruchlosen Absichten auf Judits kleines Kapital war er hierhergekommen; ich sah es an seinen zum Himmel erhobenen Augen!

»Es wäre mir recht,« fuhr ich schnell fort, »wenn Sie zu dem Punkt kommen wollten, den Sie mit mir zu besprechen wünschen, und der, wie ich annehme, Mrs. Mainwaring betrifft. Jetzt, wo sie sich mit den Verhältnissen ausgesöhnt hat und es ihr gelungen ist, ihr Leben bis zu einem gewissen Grad befriedigend und behaglich zu gestalten, jetzt tauchen Sie plötzlich auf und treten als Störenfried dazwischen. Sie haben offenbar die Absicht, mir Ihre Gründe für diesen Schritt auseinanderzusetzen ? aber was Gottes Gnade damit zu tun hat, kann ich wirklich nicht einsehen.«

Er sprang auf und breitete beide Hände so abgeschmackt salbungsvoll aus, wie nur je ein begeisterter englischer Prophet.

»Alles hat diese Gnade damit zu tun! Sie ist der Anfang und das Ende, das Mark und der Kern, die Wurzel und die Krone der ganzen Angelegenheit. Die Gnade Gottes ist es, die mir mitten in dem lasterhaften Treiben, dem ich mich ergeben hatte, ein Halt! zurief. Sie hat mich vom Weg der Sünde hinweg auf heilige Pfade geführt. Ja, die Gnade Gottes ist es, die mich aus dem, was ich war, zu dem gemacht hat, was ich heute bin; sie, die Gnade Gottes, hat mich hierhergeführt, damit ich auf meinen Knieen die Frau um Vergebung anflehe, der ich so schweres Unrecht angetan habe. Jawohl, die Gnade Gottes und seines Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi, ist es, die mir an jenem Januarnachmittag in einem hellen Licht erschienen ist, gerade wie einst dem Saulus von Tarsus! Die Gnade Gottes hat alles damit zu tun!«

»Mr. Mainwaring,« unterbrach ich ihn, »solche Reden sind entweder Blasphemieen, oder ?«

Doch er ließ mich nicht ausreden, sondern wiederholte das Wort mit schriller Stimme.

»Blasphemieen! Aber, mein Herr, wofür halten Sie mich denn? Halten Sie denn das alles für einen gottlosen Scherz? Sehen Sie denn nicht, daß es mir heiliger Ernst ist? Kommen Sie mit mir und sehen Sie, wo ich lebe« ? er packte mich beim Arm, als ob er mich auf der Stelle mit sich fortziehen wolle ? »dort unter den Armen in Hoxton. Sie werden kaum wissen, wo Hoxton ist ? ich wußte es auch nicht, als ich noch ein so behagliches Leben wie Sie führte ? jene Wüste voll düsterer Verzweiflung, wo kaum die natürliche Sonne dieser Welt, noch viel weniger aber das göttliche Licht hinscheint. Kommen Sie mit mir und urteilen Sie selbst, ob ich die Wahrheit spreche oder lüge!«

Jetzt drängte sich mir die Überzeugung auf, daß dieser Mann wirklich aus seinem innersten Herzen heraus so gesprochen hatte, daß er fast erschreckend aufrichtig gewesen war.

»Ich muß Sie wegen meines anscheinenden Zweifels an Ihrer Aufrichtigkeit um Verzeihung bitten,« sagte ich. »Sie müssen es meiner vollständigen Unkenntnis der Ausdrücke sektiererischer Frömmigkeit zu gute halten.«

Er sah mich einen Augenblick sonderbar an, sagte dann aber mit einem freundlichen Lächeln und in dem ruhigen Ton des Weltmanns: »Vor vielen Jahren hatte ich das Vergnügen, Ihren Großvater, den seligen Herrn Baron, zu kennen. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie mich sehr an ihn erinnern.«

Noch nie ist eine Bitte um Entschuldigung taktvoller und liebenswürdiger aufgenommen worden. Einen kurzen Augenblick war der noch nicht wiedergeborene galante Rupert Mainwaring wieder zum Vorschein gekommen, und ich sah, was ihn einst so anziehend gemacht haben mußte.

»Bitte, setzen Sie sich,« sagte er in ernsterem Ton, »und erlauben Sie mir, Ihnen einiges zu erklären.«

Und nun erzählte er mir seine Geschichte. Es sei gut, wenn sie ein Fremder ? ich ein Fremder in diesem mir so vertrauten Zimmer! ? kennen lerne, meinte er, und er stelle es mir ganz frei, sie öffentlich bekannt zu machen ? ein öffentliches Bekanntwerden sei gerade das, was er ernstlich anstrebe. So weit ich mich noch erinnern kann ? in meinem Kopfe drehte sich, während ich zuhörte, alles wie ein Mühlrad im Kreise herum ? gebe ich im folgenden seine Erzählung kurz wieder: Mr. Mainwaring war ein sündhafter Mensch gewesen ? nicht nur in dem unbestimmten kirchlichen Sinn, sondern im tatsächlichen wirklichen Ernst. Mit Ausnahme der wenigen Verbrechen, die ins Zuchthaus oder an den Galgen führen, hatte er jede nur erdenkliche Schlechtigkeit begangen: er trank, war ein Libertin, ein Falschspieler und auf den Rennplätzen berüchtigt. Zu Genossen wählte er sich die Dirnen und Schurken der vornehmen Welt. Judit hatte er von ihrem ersten Manne weggelockt, der sich so darüber grämte, daß er bald darauf an gebrochenem Herzen starb. Dann hatte er Judit geheiratet, sie aber um einer Kellnerin willen verlassen, die er dann auch wieder sitzen ließ. Er hatte sich, wie er selbst sagte, »im Schlamm der Sünde gewälzt«, und war, wie ich immer gehört hatte, einer der größten Schurken, die auf freiem Fuß umherlaufen. Eines Tages war er einem hübschen jungen Mädchen nachgegangen, und diese hatte ihn in eine Erweckungsversammlung geführt. Er beschrieb nun diese Versammlung so lebhaft, daß ich, wenn mein konsterniertes Gemüt überhaupt noch neuer Regungen fähig gewesen wäre, durch den neugeborenen Geistlichen jetzt gleich aus zweiter Hand hätte bekehrt werden können. Er wiederholte einzelne Stellen aus der Predigt, sprang auf, gestikulierte mit den Armen und donnerte mir die Gemeinplätze des Heilsarmeechristentums so entgegen, als habe er eine ganz erstaunliche theologische Entdeckung gemacht. Der Auftritt war frappierend; es war lächerlich, aber es war auch unbeschreiblich peinlich. Schließlich wischte er sich den Schweiß von Stirne und Glatze. Dann fuhr er fort: »Ehe die Versammlung zu Ende war, lag ich neben dem Mädchen, das ich hatte verführen wollen, betend auf den Knieen. Ich verließ das Haus als ein bekehrter Mensch, erfüllt von Gottes Gnade und fest entschlossen, fortan mein Leben dem Dienste Jesu Christi zu weihen und verlorene Seelen für ihn zu retten. Wie ein Kleid fielen meine alten sündhaften Gewohnheiten von mir ab. Ich bereitete mich auf den geistlichen Stand vor und bin jetzt Prediger an einer kleinen Missionskirche in Hoxton. Ja, Gottes Wege sind unerforschlich, Sir Markus.«

»Das ist die allgemeine Annahme,« lautete meine einfältige Antwort.

»Sie wundern sich ohne Zweifel,« fuhr er fort, »warum ich nach meiner Bekehrung so viel Zeit verstreichen ließ, bis ich mich mit meiner Frau in Verbindung setzte? Ich hatte mir aber selbst eine Prüfungszeit auferlegt und wollte meiner Sache in Beziehung auf den Willen Gottes ganz sicher sein. Eine solche Prüfung meiner Willenskraft war von höchster Wichtigkeit, davon hing es ab, ob ich die Kraft haben würde, mit meinem ganzen künftigen Leben, so weit es sich um die Dinge dieser Welt handelte, zu brechen und das zu sühnen, was ich an Judit verbrochen hatte. Und jetzt bin ich hier, um meiner Frau ein christliches Heim anzubieten.«

Mit offenem Munde starrte ich den Mann an.

»Und Sie glauben nun, daß Judit mit Ihnen nach Hoxton gehen und dort als Ihre Frau mit Ihnen leben werde?« fragte ich ohne Umschweife.

»Warum nicht? Sie ist doch meine Frau.«

Ich stand auf und wandelte erregt im Zimmer umher. An diese Möglichkeit hatte ich in meiner Bestürzung noch gar nicht gedacht.

»Warum nicht, Sir Markus?« wiederholte er.

»Weil Judit durchaus nicht die Frau dazu ist,« sagte ich voller Verzweiflung. »Ihr gefällt Hoxton nicht, und sie wäre in einer Missionskirche ebensowenig an ihrem Platze als ich bei einem Reiterangriff.«

»Gott wird sie tauglich dazu machen,« sagte er ernst. »Bei ihm ist kein Ding unmöglich.«

»Aber sie hegt ernste philosophische Zweifel an seinem persönlichen Dasein,« rief ich.

Er lächelte prophetisch und schob ihre Zweifel mit einer Handbewegung beiseite.

»In dieser Hinsicht bin ich nicht bange,« bemerkte er.

»Aber es ist ja ganz widersinnig,« wandte ich noch einmal ein und brachte neue Gründe vor. »Judit sehnt sich nach den Vergnügungen und Freuden der Welt, die ihr das Leben infolge Ihrer Aufführung schuldig geblieben ist. Sie liebt elegante Toiletten, Zigaretten, Wein und hunderterlei andere Dinge, die im Hause eines Sektenpredigers in Acht und Bann getan werden.«

»Meine Frau wird die Wonnen und Freuden der Gottseligkeit kennen lernen,« erwiderte der fanatische Mann. »Die Mittel zu einer hübschen, aber einfachen Toilette werden ihr gewiß nicht vorenthalten werden, und niemand weiß besser als ich, wie leicht es einem wird, dem Wein- und Tabakgenuß zu entsagen.«

»Sie scheinen in der Tugend ebenso rücksichtslos zu sein, wie Sie es im Laster waren.«

»Ich muß Christo Seelen zuführen,« antwortete er.

»Das kann ich aber nicht für den richtigen Weg dazu halten,« erwiderte ich.

»Sir Markus,« sagte er mit einem festen, durchdringenden Blick, »bitte, vergessen Sie nicht, daß ich Sie in Beziehung auf die Führung meines Amtes nicht um Rat gebeten habe.«

»Wie Sie sich Ihrer Gemeinde gegenüber benehmen, ist mir vollkommen gleichgültig!« rief ich. »Aber ich kann nicht ruhig zulassen, daß Judit zeitlebens in eine ärmliche Kirche eingesperrt werden soll. Ihr Vorschlag erinnert mich an die Sienesen, von denen die Sage erzählt, daß sie ihren siegreichen General, dem sie mehr Dank schuldig waren, als sie ihm je darbringen konnten, hängten, nur um ihn zur Belohnung nach seinem Tod als Heiligen verehren zu können. Aber gegen eine solche Art Heiligsprechung von Judit lege ich Protest ein, und auch Judit selbst wird dagegen sein; Sie scheinen Judit gar nicht mit in Betracht zu ziehen. Sie ist Herrin ihrer Handlungen, und sie hat ihren eigenen Willen. Nein, nein, sie wird ihre angenehme Wohnung in Tottenham-Court-Road nicht aufgeben, um in Hoxton zu leben, und sie wird unter solchen Bedingungen nicht zu Ihnen zurückkehren.«

Er lächelte nachsichtig und hielt mir die Hand hin, um anzudeuten, daß unsre Unterhaltung zu Ende sei.

»Doch, sie wird, Sir Markus.«

Hat es jemals einen solchen Torquemada gegeben! Ich achte die Religion, ich achte dieses Mannes tiefe Überzeugung und glaube, daß er wirklich bekehrt ist; ja, ich kann sogar seinen langen Rock und die langen braunen Seitenbärte, die bei einem so glänzenden Weltmann wie Rupert Mainwaring eine wohlerwogene tägliche Kreuzigung des Fleisches sein müssen, achten, aber ich verabscheue die Daumenschrauben und die Folter zur Ehre Gottes, die er ganz vergnügt bei Judit anzuwenden gedenkt.

»Warum können Sie denn die arme Frau nicht in Ruhe lassen?« fragte ich, ohne seine Hand zu beachten.

»Ich tue meine Pflicht gegen Gott und gegen sie,« sagte er.

»Und der Erfolg ist eine Nervenkrise.«

»Die wird vorübergehen.«

»Adieu,« sagte ich. »Wir könnten noch tausend Jahre miteinander sprechen und würden einander doch nicht verstehen.«

»Entschuldigen Sie,« erwiderte er mit der größten Freundlichkeit. »Ich verstehe Sie vollkommen.«

Er begleitete mich ins Eßzimmer, wo ich Hut und Schirm gelassen hatte, und öffnete dann höflich die Flurtür. Als sich diese hinter mir schloß, hatte ich die größte Lust, sie wieder aufzustoßen und vor seinen Augen Judit mit Gewalt fortzuführen. Aber ich muß wohl feige sein, denn im nächsten Augenblick befand ich mich auf der Straße, wo ich meinen Regenschirm wie ein feuriges Schwert schwang und alle möglichen ritterlichen Taten zu vollbringen schwur, die, wie ich in meinem Herzen wohl wußte, doch nie vollbracht werden würden.

In Tottenham-Court-Road winkte ich einem Omnibus, auf dessen Dach ich stieg, obgleich ein feiner Regen niederrieselte. Ich habe keine Ahnung, warum ich es tat, denn ich kann dieses ausgesucht unbequeme Verkehrsmittel nicht ausstehen und wußte auch gar nicht, wohin ich wollte. Aber der Omnibus war doch ein Beförderungsmittel, das mich von Tottenham-Court-Road wegbrachte, hinweg von dem hochwürdigen Rupert Mainwaring und hinweg von mir selbst. Oben auf dem Omnibus war ich der einzige Fahrgast. Der Regen rieselte herab, leise, anhaltend, durchdringend ? ich mußte laut lachen.

O, ich erkannte die Ironie des Schicksals, die von Anbeginn der Zeiten dazu bestimmt ist, den Pechvogel an jeder Straßenecke in seinem Laufe zu hemmen!

Neunzehntes Kapitel

11. November.

Gestern nacht schrieb ich einen langen Brief an Judit, worin ich sie beschwor, die längst verwirkten Ansprüche ihres Mannes nicht anzuerkennen, sondern sich mit mir fürs ganze Leben zu verbinden. Dabei war ich so boshaft, zu denken, daß dies Mr. Rupert Mainwaring ganz recht geschehe.

Wenn jemand fromm geworden ist und dem Sekt entsagt hat, so macht er durch diese Tatsache das Unrecht, das er in unbekehrten Tagen seinen Nebenmenschen zugefügt hat, nicht wieder gut. Mr. Mainwaring hat eine Strafe, die ihm bis jetzt in merkwürdig geringem Maße zu teil geworden zu sein scheint, wohl verdient; denn wohlgemerkt, wenn er auch dort draußen in Hoxton ganz aufrichtig in Sack und Asche Buße tut, so ist das für ihn in seiner begeisterten Stimmung doch keine eigentliche Strafe. Judit dagegen verdiente eine Entschädigung, die nur ich allein ? aller herkömmlichen Sitte und den Gefühlen des hochehrwürdigen Rupert Mainwaring zum Trotz ? ihr zu bieten imstande bin.

In diesem Vorgehen sah ich auch tatsächlich die einzige Möglichkeit, Judit vor der wahnsinnigen Zumutung zu retten, sich Mr. Mainwaring und dem Anachoretenchristentum in die Arme zu werfen, wodurch ihr doch ihr ganzes späteres Leben zur unerträglichen Qual werden müßte. Sie war in der Lage der Andromeda, ich in der eines gar nicht heldenhaften Perseus, der sie von dem Ungeheuer befreien sollte, dem Ungeheuer, dessen Schlupfwinkel die kleine ärmliche Missionskirche in Hoxton ist.

Ich schrieb den Brief in einem Anfall der tiefsten Abspannung, wo das Gemüt nur schwacher Regungen fähig, das Empfindungsvermögen wie gelähmt ist. Heute aber ist mir ganz anders zu Mut; meine Nerven haben sich wieder etwas erholt, und da ist es mir, als habe sich in das Verhältnis zwischen Judit und mir etwas Gemeines, niederträchtig Tragisches eingeschlichen.

Zu meiner großen Überraschung brachte mir Judit heute abend ihre Antwort selbst. Dies war das erste Mal, daß sie mein Haus betrat, und das erste, was sie sagte, nachdem sie ihren Blick mit einem ausdrucksvollen Lächeln durchs Zimmer hatte schweifen lassen, bezog sich auf diese Tatsache.

»Es ist fast genau so, wie ich es mir ausgemalt habe ? und ich habe es mir ausgemalt. Können Sie sich wohl denken, wie oft?«

Sie war ruhiger, wenn auch nicht glücklicher. Der verstörte Ausdruck ihres Gesichts hatte sich in den der Resignation verwandelt. Ich sah, daß sie fror, und zog einen Lehnstuhl dicht ans Kamin heran. Mit einem müden Seufzer sank sie hinein und ich kniete neben ihr nieder. Dann zog sie die Handschuhe aus und legte mir ganz wie früher eine Hand auf den Kopf. Diese Berührung tat mir unendlich wohl; es war mir, als wären wir nun endlich im ruhigen Hafen gelandet.

»Nun sind Sie doch zu mir gekommen, Judit,« flüsterte ich.

»Ja, mein Lieber, aber nur, um Ihnen zu sagen, daß ich nicht zu Ihnen kommen kann.«

Mein Herz wurde schwer.

»Warum?« fragte ich.

Nun ergab sich ein kleines Wortgefecht. Nach Frauenart brachte Judit nur halbe Gründe vor, deren Unzulänglichkeit ich ihr sofort bewies. Ich wiederholte ihr die Gründe, die ich in meinem Brief angeführt hatte, aber sie stellte ihnen Andeutungen und unklare Anspielungen entgegen. Und zum Schluß zerhieb sie den Knoten, indem sie sagte: »Ich kehre wieder zu meinem Mann zurück.«

Jäh sprang ich auf, und mein Mund sprach das eben Gehörte mechanisch nach. Judit aber wiederholte es mit so schmerzlichem Nachdruck, daß es mir wie das Läuten der Totenglocke tönte, die das unwiderrufliche Ende anzeigt; ich konnte nichts mehr sagen.

»Ehe wir scheiden, muß ich Ihnen noch ein Geständnis machen, Markus,« sagte sie. »Bei mir hat sich nämlich plötzlich ein Gewissen entwickelt, zu dem ich allerdings von jeher Anlage gehabt habe.«

»Immer, immer sind Sie die beste und teuerste Frau für mich gewesen,« rief ich.

»Und doch habe ich Sie betrogen. In jenem Brief hatte mir Pasquale seine Flucht mit Carlotta mitgeteilt. Ich hatte Sie belogen ? aber ich war in einem Zustand, der an Wahnsinn streifte.«

Ich stützte meinen Ellbogen auf den Kaminsims und sah auf sie hinunter. Sie sah so zart und zerbrechlich aus wie eine Meißner Porzellanfigur, einer schlechten Handlung vollständig unfähig. Da ich stumm blieb, fuhr sie fort: »Es war nicht meine Absicht gewesen, Pasquale in die Hände zu arbeiten, Gott weiß es ? und doch habe ich es getan. Erinnern Sie sich an jene schreckliche Nacht und an unser Gespräch am folgenden Morgen? Ich bat Sie, Carlotta jenen ganzen Tag zu vermeiden ? unsre tote Liebe zu betrauern. Ich wußte, daß Sie Ihr Versprechen halten würden. Sie haben ein außerordentlich feines Ehrgefühl; wenn alle Männer Ihnen glichen, ach, dann wäre die Erde hier schon ein Paradies!«

»Das in wenigen Wochen schon wegen allgemeiner Unzulänglichkeit zu Grunde gehen würde,« murmelte ich bitter.

»Es gäbe dann keine Gemeinheit, keinen Verrat und keine niederträchtigen Schliche mehr. Ach, Markus, Sie müssen mir verzeihen. Ich war am Rande der Verzweiflung angekommen und kämpfte um mein Lebensglück. Einen letzten schwachen Versuch wollte ich noch machen ? ich schickte Sie aus dem Weg und ging selbst hierher, um mit Carlotta zu sprechen. Unterbrechen Sie mich nicht, Markus. Lassen Sie mich ausreden! Ich traf Carlotta etwa hundert Schritt von hier auf der Straße, und wir gingen zusammen in den Regents Park. Dort setzten wir uns auf eine Bank, und ich erzählte ihr unsere ganze Geschichte; ich sagte ihr, daß ich Sie liebe, und bat sie, Sie freizugeben. Ich glaube nicht, daß sie mich ganz verstand, Markus. Während ich sprach, lachte sie und bombardierte ein Hündchen mit Kieselsteinen. Da gewann ich mein Gleichgewicht wieder; ich ließ sie dort sitzen und kehrte, von Scham überwältigt, tief gedemütigt in meine Wohnung zurück. Daß Pasquale in Carlotta verliebt war, wußte ich, denn er hatte es mir an dem vorhergehenden Abend gesagt und mich gefragt, auf welche Weise ihre Heirat mit Ihnen noch zu verhindern wäre. Der Erklärung, die Sie Hamdi Effendi gegeben hatten, schenkte er keinen Glauben. Aber Carlotta gegenüber habe ich Pasquale nie erwähnt; ich habe ihr nie zu verstehen gegeben, daß außer Ihnen noch jemand da sei, der sie gern haben wolle. So weit wenigstens habe ich treu zu Ihnen gehalten, Markus. Zwei oder drei Tage nachher kam Pasquales Brief. Und ich erwartete Sie ? in übermächtiger Freude! Ich wußte, Sie würden zu mir kommen, und ich war so verrückt zu glauben, die Zeit werde alles heilen ? Sie würden vergessen ? die schönen vergangenen Tage würden wieder auferstehen ? und ich könnte Sie dann lehren, mich zu lieben. Aber da, ganz plötzlich, ohne ein Wort der Warnung ? das war von jeher seine Art gewesen ? erschien mein Mann. Und nachher kamen Sie und boten mir Zuflucht und Trost an. O, und da war es mir, als träte der Racheengel mit seinem feurigen Schwert vor mich hin! Denn ich hatte Ihnen ein Unrecht zugefügt, hatte Sie um Ihr Glück gebracht. Wenn ich bei Carlotta nicht den Gedanken erweckt hätte, Sie zu verlassen, so wäre sie nie davongelaufen. Wenn ich das nicht getan hätte, oder wenn Sie mich geliebt hätten, Markus, dann wäre mir vielleicht alles in einem andern Licht erschienen. Ich fange an, an Gott zu glauben und seine Hand in allem zu erkennen. Ich könnte nicht zu Ihnen kommen und als Ihre Frau mit Ihnen leben, Markus; Gründe, die sogar stärker sind als meine Liebe zu Ihnen, verbieten es mir. Unser vereintes Leben wäre kein so angenehmes inniges mehr, wie es unser Verhältnis bisher immer für mich gewesen ist. Wir sind am Scheideweg angelangt, und ich muß meinem Manne folgen.«

Ich fühlte, daß Judit recht hatte. Wenn sie ihr Temperament nicht gerade zu einer unverantwortlichen Handlung hinreißt, hat sie ein außerordentlich feines Gefühl für die absolute Wahrheit.

»Am Scheideweg?« sagte ich. »Jawohl, aber können Sie nicht am Kreuzweg verweilen? Können Sie nicht Ihr bisheriges Leben weiterführen ? und uns beide, Ihren Gatten und mich, als gute Freunde betrachten?«

»Rupert braucht mich,« antwortete sie hastig. »Er ist in großer Seelennot. Weil er seiner selbst noch nicht sicher ist, hat er sich in diesen religiösen Fanatismus gestürzt. Wir haben heute noch einmal lange darüber gesprochen. Vielleicht kann ich ihm helfen.«

»Ist er es auch wert, daß Sie ihm Ihr Leben opfern?«

Sie beantwortete meine Frage nicht sogleich, sondern stützte den Kopf in die Hand und schaute nachdenklich ins Feuer.

»Er ist bösen Leidenschaften unterworfen,« begann sie endlich. »Das Trinken und die Frauen, sie haben ihn hauptsächlich heruntergebracht. Während unsres kurzen Ehestandes habe ich diese Hölle kennen gelernt. Er sagt, wenn er wieder falle, dann sei er in alle Ewigkeit verloren. Er glaube an handgreifliche Höllenqualen für die verdammten Seelen, an das ewige Feuer, an Teufel und Ofengabeln. In mir allein sehe er seine Rettung. Ich muß zu ihm, aber wenn mir die Missionskirche einmal ganz unerträglich ist, dann werde ich mich auf einige Tage zu Delphine Carrère flüchten, um meine Nerven wieder zu beruhigen.«

Was hätte ich sagen sollen! Die Schrecken der Einsamkeit lagerten sich um mich her. Ich hätte ihr ja wohl von meiner Not vorschwatzen und ihr das Herz mit meinem bemitleidenswerten Klagen zerreißen können. Cui bono? Ich kann vor Frauen nicht jammern ? übrigens vor Männern auch nicht. Wenn ich allein bin, dann kann ich fluchen und schwören, kann den Termagant spielen und in einer Privatvorstellung den Tyrannen noch übertyrannen. Aber vor andern ? nein. Ehe mein Urgroßvater sich des Baronstitels würdig erwies, war er sicherlich auch schon ein Gentleman gewesen.

»Aber bei diesen Besuchen werden Sie dann kaum ein ?sich selbst lebendes, nachdenkliches Ich? sein können,« sagte ich.

Sie lachte, aber das Lachen wurde zu einem Schluchzen.

»Wissen Sie das noch? Es ist freilich noch nicht sehr lange her, doch kommt es mir vor, als sei es vor vielen vielen Jahren gewesen.«

Wir stellten noch allerlei moralische Betrachtungen an, wie es arme Sterbliche zu tun pflegen, die sich etwas Schweres zu sagen haben, es aber gern noch einige Augenblicke hinausschieben möchten. Judit besah sich meine Bücherständer, entdeckte viele von den Büchern, die sie einmal von mir entlehnt gehabt hatte, und begrüßte sie nun als alte Freunde.

»Hat Benvenuto Cellini immer hier gestanden?«

»Jawohl,« antwortete ich, indem ich die Hand über die Bücherreihe gleiten ließ. »Er steht unter seinen Zeitgenossen, in seinem Jahrhundert; anderswo würde er sich nicht glücklich fühlen.«

»Und Ihre Geschichte ? wie weit sind Sie damit?«

Ich zeigte ihr den Stoß fertigen Manuskripts; sie sah ein paar Bogen an, legte sie aber hastig wieder hin und wandte sich ab.

»Ich kann nicht lesen, jetzt nicht, Markus!«

Dann blieb sie vor ihrem eigenen Bild, dem einzigen, das noch auf dem Kaminsims stand, stehen.

»Bitte, geben Sie es mir zurück.«

»Warum denn?« fragte ich.

»Es wäre mir lieber ? ich möchte nicht, daß Sie es verbrennten.«

»Es verbrennen! Das Letzte, was mir von Ihnen geblieben ist?«

Mit tränenfeuchten Augen sah sie mich an.

»Sie sind gut, Markus ? nach allem, was ich Ihnen gesagt habe, hegen Sie keine bitteren Gefühle gegen mich.«

»Warum sollte ich? Weil Sie wie Don Quichote handeln? Weil Sie aus Idealismus ein Martyrium auf sich nehmen?«

»Haben Sie nicht gehört, was ich über Carlotta sagte?«

»Liebe Judit!« war alles, was ich erwidern konnte.

Jetzt ist sie fort. Wir küßten einander zum Abschied ? es war ein Kuß der Erinnerung und der Entsagung! Werden wir uns je wiedersehen?

Dunkelheit umgibt mich, ich bin müde, müde und möchte, daß ich schlafen könnte, wie jener Mönch von Heisterbach, um als alter Mann mit der leidenschaftslosen Entsagung eines Greises wieder zu erwachen; oder noch besser, ich möchte gar nicht mehr erwachen. Solche arme Narren wie ich sind am besten tot.

Ich schaue zurück und sehe meine ganze Philosophie widerlegt; alle meine schönen Ansichten liegen am Boden, wie Puppen, aus denen das Sägemehl herausgelaufen ist. Mit einer ebenso grausamen als selbstgefälligen Unwissenheit habe ich Judit in all diesen Jahren beurteilt. Mit meiner Weisheit ist es wirklich nicht weit her gewesen, und deshalb will ich jetzt nicht über sie urteilen.

Hätte ich Judit mit heißer erotischer Leidenschaft geliebt, dann hätten uns alle bekehrten Schufte der ganzen Christenheit nicht trennen können.

Und daß sie ? das arme Ding ? mit Carlotta gesprochen hat, was macht das? Was sagte sie von Carlotta? Sie habe gelacht und ein Hündchen mit Kieselsteinen bombardiert.

O mein Gott!

 

12. November.

Bei meiner jetzigen Lebensweise werde ich verrückt. Ich will die Aufsicht über das Haus Stenson und Antoinette übergeben und ins Ausland gehen. Ich habe an Verona gedacht. Ein Ort ist mir so lieb wie der andere, wenn es nur nicht dieses Haus hier ist ? das Haus des Todes, des Wahnsinns und des Verbrechens. Außerdem liegt Verona in Italien, und dort habe ich stets Frieden gefunden.

Ich will meine Tollheit beichten. Dieses Buch enthält die Geschichte meiner Irrtümer ? die vollständige Ausgabe des Possenspiels, das zu spielen die erhabenen Götter mich berufen haben. Gestern abend dachte ich, der Vorhang sei gefallen, aber ich hatte mich getäuscht. Hört mich an und macht es wie ich, wenn ihr könnt ? lachet!

Ich hatte mir vorgenommen, heute fleißig zu sein, denn ich bin eigentlich kein Tagedieb und erwerbe mir durch meine Arbeit das Recht zu leben. Wenn ich einmal mein Geschichtswerk herausgebe, dann wird die Welt, so wenig das Buch an und für sich auch wert sein mag, doch um etwas reicher werden. Und ich erkläre hiemit feierlich: Meine Beschäftigung war in den letzten Jahren viel bedeutender, viel edler als damals, wo ich mir meinen Unterhalt durch die Sklaverei in der Schule verdiente, wo ich den Kindern den nutzlosesten, traurigsten, einseitigsten Zweig der Wissenschaften beibringen mußte, den Zweig, womit Pädagogen in ihrer Verblendung den Geist von viel Tausenden ihrer Mitmenschen gelähmt und deren Leben ruiniert haben ? nämlich die elementare Mathematik. Auf der ganzen weiten Welt gibt es nicht einen einzigen Menschen, für den die Kenntnis des Binomischen Lehrsatzes oder die Dreiecksgesetze von größerem praktischem Wert wäre als die Kenntnis des Choctaw, der Cabala oder des Buches von Mormon ? es sei denn, daß dieser Mensch ein Mathematiker von Profession wäre, dann könnte er sich meinethalb in dem Alter, wo der Jurist die Gesetzeskunde und der Arzt die Anatomie zum Gegenstand eingehenden Studiums macht, damit beschäftigen. Mit dem Gefühl der Scham und Herabwürdigung sehe ich zurück auf die Tage, wo ich um des kärglichen täglichen Brotes willen meinen Verstand dazu hergab, mit diesem höchst geringwertigen leblosen Gegenstand den eindrucksfähigen Kindern wertvolle Stunden zu verderben, die mit so vielen schönen und bedeutenden Dingen hätten ausgefüllt werden können. Es heißt freilich, durch die Mathematik werde der Verstand geübt, und die Knaben würden zum Denken angehalten. Aber das ist nicht der Fall. In Wirklichkeit ist die Mathematik nur ein trockener Lehrstoff, der sich dem Lehrgang einer Schule leicht einfügt. Ihre Unantastbarkeit erspart dem Erzieher unendlich viel Mühe, und den Hauptvorteil bietet sie unverständigen akademisch gebildeten jungen Leuten, die sich durch den Unterricht in diesem Fach einen unrechtmäßigen Unterhalt verdienen und hinwiederum andre befähigen, ihrerseits das kommende Geschlecht darin zu unterrichten. Ach, ich bin heute nacht verrückt ? warum habe ich mir diese Tirade gegen die Mathematik gestattet? Offenbar mußte ich mir irgendwie Luft machen, das sehe ich jetzt ein. Ich sagte, ich erwürbe mir mein Recht zu leben, denn ich sei kein Tagedieb, und diesen Ausspruch muß ich aufrecht erhalten. Mit seiner vie sentimentale erzwingt sich der Mensch keine Achtung, nicht einmal Selbstachtung, und nach dem, was ich heute getan habe, muß ich den oben genannten Anspruch auf Achtung mit aller Gewalt festhalten, weil ich ihn auf einem andern Gebiet verwirkt habe.

Ich verbrachte also den Tag in ununterbrochener Arbeit. Aber am Abend, da überkam mich heiße Sehnsucht nach ihr! Ach, eine ganze Kleinigkeit war schuld daran! Antoinette, die die unregelmäßigen britischen Zuckerstücke nicht ausstehen kann, hat einen Laden aufgespürt, wo sie den alleregalsten Würfelzucker des ganzen Kontinents kaufen kann, und von diesem bringt sie mir zu meinem Kaffee nach Tisch. Zerstreut tauchte ich die Ecke eines Zuckerstückchens in den Kaffee und schaute zu, wie die braune Flüssigkeit den weißen Kristallzucker durchzog. Da durchzuckte mich die Erinnerung an Carlotta. Sie hatte diese Gewohnheit gehabt. Bis der Zucker ganz durchsättigt war, hielt sie ihn mit ihren Fingern in den Kaffee, und steckte ihn dann hastig, damit er nicht zerschmelze, in den Mund. Zerschmolz er aber doch, dann brach sie in ein herzliches Gelächter aus und rieb eifrig den Flecken von ihrem Kleid, und in all meinen Rocktaschen wurde Jagd auf mein Taschentuch gemacht, damit sie ihre rosigen Fingerspitzen daran abwischen könnte. Wie die Kinder in Frankreich nannte sie das tropfende Zuckerstückchen » un canard«. Es war freilich nur etwas Gewöhnliches, aber mit einem Schlag standen mir die vieltausenderlei zarten, törichten, liebenswürdigen Vertraulichkeiten vor Augen, die Carlottas berückenden Reiz ausgemacht hatten.

Ja, ich weiß, daß keine Sprache der Welt irgend ein Wort hat, das die kindische Torheit eines Mannes, den ein in Kaffee getauchtes Stückchen Zucker verrückt macht, richtig ausdrücken könnte.

Es gibt eine französische Redensart, die man aber weder bei Lamartine, noch bei Chateaubriand oder sonst einem der höflichen, gefühlvollen Dichter findet: » avoir les sangs tournés de quelquun.« So geht es mir. » Jai les sangs tournés delle.« Irgend jemand hat einmal irgendwo irgend etwas über die Leidenschaft eines vierzigjährigen Mannes gesagt ? das muß mit dieser französischen Redensart zusammenhängen.

Ich schob meinen Kaffee unberührt auf die Seite, und sehnsuchtsvoll, ach so sehnsuchtsvoll vergrub ich meinen Kopf in den Händen. Das Heimweh nach ihr überwältigte mich; Stunden vergingen, ich rührte mich nicht. Als die Dienstboten zu Bett gegangen waren, schlich ich mich hinauf in Carlottas Zimmer, das genau so geblieben war, wie es Antoinette in jener Nacht, wo sie noch hoffte, als nichts mehr zu hoffen war, für sie hergerichtet hatte. Hier brach ich zusammen; der Himmel weiß, was ich tat.

In blinder Wut, Gott verfluchend und mit dem Wunsche, sterben zu können, kehrte ich ins Wohnzimmer zurück. Das Feuer war fast erloschen, und mechanisch ergriff ich das Schüreisen, um es wieder anzufachen. Ohnmächtiger Zorn drohte mich zu überwältigen, mir wurde alles rot vor den Augen, und eine abscheuliche Lust zu morden, überkam mich ? unter einer Menge höhnischer Teufel stand ich ganz allein. Als ich mich zum Feuer niederbückte, fühlte ich ein Kratzen auf meiner Schulter. Mit einem Schrei fuhr ich zurück und erblickte vor mir auf dem Kaminsims ein schwarzes, einäugiges Ungeheuer, das mich mit dem Ausdruck durchtriebenster Bosheit betrachtete. Ehe ich wußte, was ich tat, hatte ich aus voller Kraft schon das Eisen auf den Kopf des Tieres niedersausen lassen, und im nächsten Augenblick lag es tot zu meinen Füßen.

Finis coronat opus.

 

22. November.

Verona. »Die Geschichte der Moral der Renaissance« habe ich aufgegeben. Das Manuskript mit seinen Eselsohren und dem staubigen Stoß Notizen liegt dort drüben auf einem Haufen in einer Ecke des Zimmers, in dem ich fröstelnd neben einem kleinen Ofen sitze. Das Zimmer mit seinen Marmorfliesen ist sehr groß, kalt, unbehaglich und erinnert an »die weiten Hallen des Todes«. Seit acht Tagen bin ich hier. Ich dachte, hier Ruhe finden, die Luft Italiens wieder einatmen zu können. Bei den Meisterwerken eines Girolamo dai Libri und Cavazzola sollte mein Herz wieder frei und leicht schlagen, und beim Anblick der blauen, mit Burgen gekrönten Berge, die jene Künstler so gerne malten, sollte mein Empfinden dem ihren ähnlich werden. In dieser Stadt vergangener Zeiten würde ich, das hatte ich mir alberner Weise eingebildet, Regents Park vergessen und mein Gemüt auf das Leben stimmen können, das einst ihre engen Straßen erfüllt hatte.

Aber ich habe nichts gefunden als Einsamkeit. Heute stand ich vor dem verstümmelten Fresko von Morone, das vor sechs Jahren mein ganzes Entzücken gewesen war ? jetzt haßte ich es mit grundlosem Haß. Die Madonna strafte die von Girlanden umgebene Inschrift: » Miseratrix virginum Regina nostri miserere«, Lügen und begrüßte mich mit einem unbarmherzigen Lächeln. Der unbekannte Märtyrer zu ihrer Linken schaute mit harter Gleichgültigkeit gerade aus, und der heilige Rochus sah mit seinen sehr in die Augen fallenden Pestbeulen übertrieben dick aus. Das Bild war mehr als unbedeutend; es war beleidigend und trieb mich aus der Gemäldesammlung fort. Draußen verhüllte ein grauer Nebel die Berge, und ein feiner durchdringender Regen rieselte vom Himmel herab. Ich schlich nach Hause und schlug zum fünfzigsten Male, seit ich hier bin, meine Geschichte der Moral der Renaissance auf. Mit einem endgültigen Fluch warf ich sie in die Ecke.

Ich hasse das Werk. Keine Bohne gebe ich für die Renaissance oder für ihre Moral! Ihre Menschen halte ich für eine pestilenzialische Herde von Farbenklecksern, Reimschmieden, Halsabschneidern und Buhlerinnen; ihre ????? hat den Schmelz der Schönheit eingebüßt und ein gemeines freches Ansehen angenommen. Sie beleidigen mich durch ihre geräuschvolle Großtuerei, durch ihren Hang zu den sinnlichen Lebensgenüssen, hauptsächlich aber, weil sie mich stets an Pasquale erinnern. Und doch hatten sie ? vor Jahren ? einen großen Eindruck auf mich gemacht. Damals füllten sie die graue Öde meines Lebens mit Tönen und Farben! Woher kommt dieser Wechsel?

Aus mir selbst! Ich selbst bin mir ein Gegenstand quälenden Interesses geworden, ich selbst komme mir viel malerischer vor, als so ein gutmütiger Bummler des Quattrocento in Verona, der zum traurigsten und langweiligsten Schatten eines Gespenstes verblichen ist. Nur ich allein existiere noch! Das lautet wie die kolossale Einbildung eines Geisteskranken, aber der Himmel weiß, daß es das nicht ist. Wenn du in deinem ganzen Kiefer rasende Zahnschmerzen hast, wenn dir Ohren, Augen und Gehirn davon weh tun, ist da nicht für dich dein Kopf das ganze Weltall? Bist du dir in diesen Stunden der Qual nicht selbst das wichtigste aller Geschöpfe? Und niemand nimmt dir das übel! Tadle mich deshalb nicht ob dieser meiner Stunde moralischen Zahnwehs.

In längstvergangenen Tagen bin ich das Opfer einer sonderbaren Sinnestäuschung gewesen. Ich schmeichelte mir, das einzige Wesen auf der Welt zu sein, das keine Rolle in der Komödie des Lebens zu spielen habe. Wie der geisteskranke König von Bayern saß ich allein in dem großen Zuschauerraum und betrachtete mit geringer Aufmerksamkeit die mir ziemlich kläglich scheinende Aufführung. In meiner einsamen Loge hielt ich mich für ganz sicher. Aber ich hatte nicht mit den erhabenen Göttern gerechnet, deren Schatten die stillen leeren Reihen füllen und die einen Sterblichen in ihrer Mitte eifersüchtig betrachten. Ohne jegliche Warnung wurde ich von meinem Sitz gerissen, auf die Bühne geschleudert, und ehe sich meine geblendeten Augen an das Rampenlicht gewöhnen konnten, war ich schon in ein unerträgliches Drama verwickelt. Ich war ganz unvorbereitet, konnte meine Rolle nur unvollständig, überhörte meine Stichwörter und stolperte, wie alle Dilettanten, über meine eigenen Füße. Und doch war der dumme Mummenschanz ganz aus dem Leben gegriffen. Mitten unter dem Lachen der stillen, schattenhaften Götter wollte ich von der Bühne fliehen. Ich kam nach Verona und finde nun, daß ich auch hier noch immer meine Rolle weiter spiele. O, ich habe immer Theater gespielt, ja, schon von meiner Geburt an; der Zweck unsres ganzen Daseins ist ja doch, die erhabenen Götter mit unsern Theatervorstellungen zu unterhalten. Die Welt ist die Bühne, und das sternbesäte Weltall der unermeßliche Zuschauerraum.

Eine Gnade haben die erhabenen Götter den Mitgliedern ihrer Schauspielertruppe gewährt: Jeder kann jeden Augenblick endgültig abtreten. Und ich fühle, daß für mich dieser Augenblick nahe ist. Ein letzter Monolog, und dann kann ich wie Bajazzo mit einem Seufzer sagen: La comedia è finita ? das Spiel ist aus! ? und der Rest ist Schweigen. Jedenfalls will ich meine eigene Geschichte erzählen. Meine Geschichte der Moral der Renaissance mag in ihrer Ecke liegen bleiben und verfaulen, während ich mich mit einem viel wichtigeren Gegenstand beschäftige, mit der »Moral des Markus Ordeyne«. In vielen ereignislosen Jahren ist es mir eine liebe Gewohnheit gewesen, kurze Einträge in mein Tagebuch zu machen, aber ich habe mich nie ausführlich darin ausgesprochen; bis jetzt hatte ich das auch gar nicht nötig. Aber nun, wo Judit und Carlotta mich verlassen haben, wo mein einziger Freund, Pasquale, für immer aus meinem Leben ausgeschieden ist, und sogar der teilnehmende Polyphem durch meine mörderische Hand in die Ewigkeit getrieben wurde, fühle ich das unwiderstehliche Verlangen, mich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben vollständig und endgültig auszusprechen. Es soll mein Schwanengesang sein. Was nachher daraus wird, ist mir gleichgültig.

Und wenn das letzte Wort geschrieben ist, dann gehe ich in die Pinakothek und stelle mich vor das Fresko von Morone. Lächelt mir dann Miseratrix virginum Regina noch immer zu, so soll mir das ein Wink und ein Zeichen sein. Dann werde ich in diese Marmorhöhle zurückgehen und meine Abschiedsvorstellung geben. Theatralisch-künstlerisch soll alles zugehen ? das verspreche ich feierlich ? und die erhabenen Götter in ihrer Loge werden zweifellos ihre innige Freude daran haben.

*


Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren