Carlotta. Erster Band

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Sechstes Kapitel

1. Juni.

Heute abend speiste Sebastian Pasquale mit mir. Antoinette vergaß ihre Götzendienerei und widmete ihr ganzes Denken und Handeln den Geheimnissen ihrer wahren Religion. Der großartige Erfolg ihrer Anstrengungen machte einen solchen Eindruck auf Pasquale, daß er mit seiner gewohnten Mißachtung der herrschenden Sitten darauf bestand, ich müsse Antoinette hereinrufen, damit er ihr seine Anerkennung aussprechen könne. Als sie erschien, stand er auf und machte ihr eine Verbeugung, als wäre sie eine Marquise aus der Zeit vor der Revolution.

»Das war eine Mahlzeit,« sagte er, seine Fingerspitzen küssend, »die man nicht sitzend, sondern knieend hätte einnehmen sollen.«

»Das haben Sie Heine gestohlen,« sagte ich, als das entzückte Geschöpf wieder verschwunden war. »Aber vor Antoinette taten Sie, als sei es Ihre eigene Weisheit.«

»Mein lieber Ordeyne, haben Sie je gehört, daß ein Mann einer Frau etwas Selbsterfundenes sagte?«

»In solchen Dingen sind Sie besser bewandert als ich,« sagte ich, und Pasquale lachte.

Es war mir ein Vergnügen, ihn wiederzusehen ? diesen Menschen voll übersprudelnder Lebenskraft, dem die Zeit nichts anhaben kann. Sowohl seine Glieder als sein Geist sind noch ebenso beweglich wie in seinen Knabenjahren. Ich verstehe gar nicht, wie er zu einer Würdigung der Vorzüge von Antoinettes Kochkünsten hatte gelangen können, denn während des ganzen Essens erzählte er mir sehr lebhaft von seinen höchst zweifelhaften Abenteuern in fremden Städten. Unter anderm scheint er auf dem Theater der bulgarischen Politik die Rolle eines jugendlichen Anführers gespielt zu haben. Auch von jener Wiener Tänzerin berichtete er. Meine eigene kleine Chronik, die ich ihm auf sein Drängen preisgeben mußte, war im Vergleich zu der seinigen wie die eines eingesperrten Kanarienvogels im Vergleich zu der eines Falken. Überdies kann ich mich nicht so aussprechen wie Pasquale, und über gewisse Dinge schweige ich lieber. Er begleitet seine Reden auch immer mit allerlei Gesten, und das ist meiner Natur ganz fremd. Judit würde sagen, er habe Temperament. Seine stolz aufgedrehten Schnurrbartenden reichen fast bis zu seinen blitzenden dunklen Augen. Noch ein andrer Unterschied zwischen uns besteht darin, daß ihm seine Kleider wie angegossen sitzen, während meine so faltig an mir herumhängen wie an einem Kleiderstock. Nie und nimmer könnte ich Abenteuer wie Pasquale erleben, wären auch die äußeren Umstände noch so wunderlich.

Und er hält sie noch für zahm! Himmel, wenn ich in Sofia auf einem Nest von geladenen Revolvern säße, so wäre es mir zu Mut, als ob alle Insassen eines Tollhauses auf mich losgelassen würden.

»Aber Menschenkind!« rief ich. »Was in aller Welt wollen Sie denn eigentlich?«

»Kämpfen will ich,« erwiderte er. »Die Erde ist zu alt und friedlich geworden. Das Leben ist blutleer. Wir brauchen Farbe, ordentliche rote Spritzer, ein gutes, gesundes Blutbad! Aderlässe!«

»Da brauchen Sie nur in ein Berliner Café zu gehen und den nächsten besten Leutnant, den Sie dort treffen, an der Nase ziehen!« rief ich. »Auf diese Weise werden Sie nach Herzenslust Blut zu sehen bekommen.«

»Alle Wetter!« rief er aufspringend. »Welch ein Lebenszweck für einen Mann ? die Ausrottung des preußischen Leutnants!«

Ich lehnte mich in meinem Fauteuil zurück ? es war nach dem Essen ? und lächelte über sein Ungestüm. Ein gewöhnlicher Mensch springt während der Verdauung nicht so herum.

»Sie wären als ein Uskoke glücklich gewesen,« sagte ich. (Ich bin eben mit dem Lesen dieser sittsamen Geschichte fertig geworden.)

»Wer ist denn das?« fragte er, und ich klärte ihn auf.

»Das Interessante an den Uskoken ist,« fügte ich hinzu, »daß sie eine Seeräuberbande des sechzehnten Jahrhunderts bildeten, der Geistliche, Mönche, Krämer, Frauen und Kinder, kurzum die ganze Einwohnerschaft von Segna als Mitglieder angehörten, die sogar am Gewinn teilnahmen. Die Leute von Segna waren aber auch fromm, und das Auslaufen der Piratenflotte zur Oster- und Weihnachtzeit wurde durch kirchliche Zeremonien gefeiert. Dann durchschifften sie die Meere, nahmen Kauffahrteischiffe weg, ermordeten die Besatzungen ? ihre einzigen Waffen waren Beile, Dolche und Arkebusen ? landeten an schutzlosen Ufern, plünderten Dörfer und entführten hübsche Mädchen, mit denen sie ihren heimatlichen Bestand an Weibern ergänzten. Wahrlich, sie müssen ein lebhaftes Völkchen gewesen sein!«

»Was für ein alter ?Brigant? Sie doch sind!« rief Pasquale aus, der während meiner Erzählung den Teppich neben seinem Stuhl aufmerksam betrachtet hatte.

Ich lachte. »Ist Ihnen niemals ein gewisser Dualismus unsrer Natur aufgefallen? Wir haben eine ursprüngliche oder alltägliche Natur ? ein Ding der Gewohnheit, der Überlieferung, der Verhältnisse ? und wir haben noch eine zweite Natur, die nach den verschiedensten Erregungen verlangt, sich aber mit den erreichbaren Genüssen ganz zufrieden gibt. Es gibt zartbesaitete Schriftsteller, die eine Art sekundärer Berserkerwut ihrer Natur damit zufriedenstellen, daß sie Bücher schreiben, deren Inhalt von Blut trieft. Ich kenne einen pater familias mit einer goldenen Brille auf der Nase, der der ruhigste, gutmütigste Mensch von der Welt ist, es aber für grausam hält, lebende Austern zu essen; dieser selbe Mann aber hat eine sonderbare Leidenschaft für Verbrechergeschichten und frönt dieser Leidenschaft, indem er sein Studierzimmer in ein musée macabre mit Reliquien von Mördern verwandelt. Mit dem Daumengelenk eines berühmten Verbrechers kann er raffiniert krankhafte Erregungen hervorrufen, während die Blutflecken auf dem Messer eines Meuchelmörders ihm die köstliche Wollust des Blutdursts gewähren. Auf dieselbe Weise verschaffen sich geborene alte Jungfern durchs Lesen überspannter Liebesgeschichten sozusagen einen Ersatz für den Genuß zarter Leidenschaften.«

»Gerade wie der philosophische alte Holzklotz Sir Markus Ordeyne aus dem da ...!« sagte Pasquale. Dabei griff er auf den Boden und hielt den verführerischsten roten Atlaspantoffel, den ich je gesehen habe, an der Spitze eines ungeheuerlichen Absatzes in die Höhe.

Voll tiefen Abscheus betrachtete ich das Ding. Ich hätte gern hundert Pfund gegeben, wenn es plötzlich verschwunden wäre. Sein rotatlaßnes Dasein war an und für sich schon tadelnswert, als Beweis aber für die Nähe einer Weiblichkeit geradezu kompromittierend. Wie kam es daher? Ich vermutete, daß Carlotta ins Wohnzimmer eingedrungen war und wie das Aschenbrödel den Pantoffel auf der Flucht verloren hatte, als sie mich vor dem Essen ins Haus kommen hörte.

Pasquale hielt den Pantoffel in die Höhe und sah mich spöttisch an. Ich mache gar keinen Anspruch auf Sittenstrenge, aber ein ungerecht des Diebstahls angeklagter Einbrecher ist viel empörter und entrüsteter über diese Beschuldigung, als es jeder andre tugendhafte Mensch wäre. Jetzt bedauerte ich, Pasquale nicht in den Klub zum Essen eingeladen zu haben, denn gerade Pasquale wollte ich nichts von Carlotta sagen. Tatsächlich sehe ich auch gar keinen Grund ein, warum ich sie all meinen Bekannten vorstellen sollte. Sie ist meinem Haushalt ja nur durch einen Zufall einverleibt worden.

Ich stand auf und klingelte.

»Der Pantoffel,« sagte ich, »gehört nicht mir und sollte wirklich nicht hier sein.«

Pasquale legte ihn in meine ausgestreckte Hand.

»Er muß an einen außerordentlich hübschen Fuß passen,« sagte er.

»Ich versichere Ihnen, mein lieber Pasquale,« erwiderte ich trocken, »ich habe den Fuß, dem er passen mag, noch nie gesehen.«

Das hatte ich auch wirklich nicht. Eine Reihe rosiger Zehen ist kein Fuß.

»Stenson,« sagte ich, als mein Diener erschien, »bringen Sie dies hier Fräulein Carlotta und sagen Sie ihr mit einer Empfehlung, sie hätte ihn nicht im Wohnzimmer liegen lassen sollen.«

Stenson, der gedacht hatte, ich klingelte um Whisky, war mit der Flasche und Gläsern hereingekommen. Als er das Präsentierbrett auf den kleinen Tisch niedersetzte, bemerkte ich, daß Pasquale mit offenbarer Neugier meines Dieners starres Gesicht betrachtete. Aber den Pantoffel erwähnte er nicht mehr. Von dem Whisky mit Sodawasser, den ich ihm einschenkte, nahm er einen großen Schluck, zwirbelte dann seinen stolzen Schnurrbart und brach plötzlich in ein schallendes Gelächter aus.

»Ich habe Ihnen noch nie etwas von der Gräfin Wentzel erzählt, und ich weiß auch nicht, warum sie mir jetzt gerade einfällt. Seit die Welt steht, ist so etwas nicht vorgekommen. Denken Sie sich, eine wirkliche, lebendige, aristokratische Gräfin mit vierundsechzig ?«

Und er erzählte eine äußerst skandalöse, erstaunliche, unglaubliche, aber höchst unterhaltende Geschichte, die mir indes bekannt vorkam.

Endlich sagte ich: »Das ist Zug für Zug eine Szene aus ? Lhistoire comique de Francion?.«

»Davon habe ich noch nie etwas gehört,« sagte Pasquale aufbrausend.

»Es war der erste französische Sittenroman, der ums Jahr 1620 erschien und von einem gewissen Sorel geschrieben wurde. Aber es fällt mir nicht im Traum ein, Sie des Plagiats zu beschuldigen, mein lieber Junge, das wäre abgeschmackt; mir fiel nur die lächerliche Übereinstimmung auf. Sie und die Gräfin und alle die andern führten nur eine dreihundert Jahre alte Posse wieder auf.«

»Unsinn!« sagte Pasquale.

»Ich werde sie Ihnen zeigen!«

Nachdem ich ein paar Augenblicke auf meinen Bücherständern gesucht hatte, fiel mir ein, daß das Buch im Eßzimmer sei. So ließ ich denn Pasquale allein und ging hinunter. Das Buch stand für gewöhnlich auf einem der obersten Bretter fast an der Decke. Mein Eßzimmer wird von einer verschleierten elektrischen Lampe, die über dem Tisch hängt, erhellt, die Wände liegen also in tiefem Schatten, und ich habe mich schon oft darüber geärgert, wenn ich rasch ein Buch holen wollte. Ich muß an der Decke noch einige Lampen anbringen lassen. Auf einem Stuhl stehen und Wachszündhölzer verbrennen zu müssen, um ein bestimmtes Buch zu finden, ist ebenso unwürdig als unbequem. Der Schein von vier nach und nach verbrannten Wachszündhölzern fiel nicht auf » Lhistoire comique de Francion«.

Es ärgert mich grenzenlos, wenn ich ein Buch nicht gleich finden kann. Ich wußte, Francion war auf einem der obersten Bretter, und lieber hätte ich die ganze Nacht mit Suchen verbracht, als unverrichteter Dinge wieder hinaufzugehen. Nun, jedermann hat solch eine harmlose Torheit an sich, und dies ist nun einmal die meinige. Ich muß wohl zwanzig Minuten auf der Bücherjagd gewesen sein. Ganze Stöße von Büchern zog ich heraus und leuchtete mit brennenden Zündhölzern dahinter, bis meine Hände ganz staubig waren. Endlich fand ich das Buch hinter einem Stapel zerrissener französischer Romane; im Triumph brachte ich es in den Lichtkreis am Tisch und schlug die fragliche Szene auf. Mit dem Daumen zwischen den Blättern kehrte ich ins Wohnzimmer zurück.

»Es tut mir leid, daß ?« begann ich, brach aber schnell ab. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Da, in die Sofaecke geschmiegt und sich mit Pasquale unterhaltend, als hätte sie ihn schon jahrelang gekannt, saß Carlotta.

Sie muß meine gerechte Mißbilligung auf meinem Gesicht gelesen haben, denn sie rannte zu mir her.

»Sie sehen, ich habe Fräulein Carlottas Bekanntschaft gemacht,« sagte Pasquale.

»Es scheint so,« erwiderte ich.

»Stenson sagte mir, du habest gewünscht, ich solle in meinen roten Pantoffeln ins Wohnzimmer kommen,« erklärte Carlotta.

»Da muß Stenson meinen Auftrag falsch ausgerichtet haben.«

»Willst du mich denn nicht haben, und soll ich wieder gehen?«

O diese Augen! Ich werde ihrer nachgerade überdrüssig! Ich zögerte und ? war verloren.

»Bitte, laß mich dableiben und mit Pasquale sprechen!«

»Herrn Pasquale,« verbesserte ich.

Sie wiederholte meine Worte mit glockenhellem Lachen, und meine Zustimmung voraussetzend, schmiegte sie sich wieder in die Sofaecke.

Seufzend nahm ich meinen alten Platz wieder ein; es wäre roh gewesen, wenn ich sie hinausgewiesen hätte.

»Hier ist es viel netter als in Alexandretta, nicht wahr?« sagte Pasquale ganz vertraulich. »Und Sir Markus ist doch auch viel besser als Hamdi Effendi?«

»O ja, Siir Markuus läßt mich tun, was ich will.«

»Fällt mir gar nicht ein. Das wäre noch schöner!« rief ich aus. »Das abgeschlossene Leben im Orient läßt dir die verhältnismäßige Freiheit, deren du dich in England erfreust, das heißt die Befreiung aus der früheren Einschränkung, übermäßig groß erscheinen.«

Wie mir scheint, mache ich immer Eindruck auf Carlotta, wenn ich recht lange volltönige Worte gebrauche.

»Wenn Sie über die Gartenmauer weg eine Liebschaft anfangen konnten, müssen Sie aber auch in Alexandretta ziemlich viel sich selbst überlassen gewesen sein.«

Offenbar hatte mich Carlotta der Mühe enthoben, ihr Hiersein zu erklären.

»Ich traf einmal unsern Freund Hamdi,« fuhr Pasquale fort. »Er war der höflichste alte Spitzbube, der jemals mit einer großen Nase und einem pockennarbigen Gesicht herumgelaufen ist.«

»Ja, ja!« rief Carlotta entzückt. »So sieht Hamdi aus!«

»Ob es wohl irgend einen anrüchigen Ausländer gibt, mit dem Sie nicht bekannt waren?« fragte ich etwas sarkastisch.

»Hoffentlich nicht!« rief er lachend. »Sehen Sie, vor etwa achtzehn Monaten bin ich in Aleppo in eine verdammt böse Patsche geraten und mußte mich aus dem Staub machen. Alexandretta ist der Hafen von Aleppo, und Hamdi ist dort eine Art Oberpolizeidiener.«

»Er ist sehr reich.«

»Das sollte ich meinen. Meine Unterredung mit ihm kostete mich tausend Pfund ? der glatzköpfige Schurke!«

»Er ist ein entsetzlich schlechter Mensch!« sagte Carlotta ernsthaft.

»Ich fürchte, Herr Pasquale ist der entsetzlich schlechte Mensch,« sagte ich belustigt. »Was hatten Sie in Aleppo angestellt?«

» Maxime debetur,« antwortete er.

»Die Engländer sind sehr schlimm, wenn sie nach Syrien kommen,« bemerkte Carlotta.

»Woher weißt du das?« fragte ich.

»O, ich weiß es,« erwiderte sie, das Kinn vorschiebend.

»Lieber Freund,« begann Pasquale, indem er sich eine Zigarette anzündete, »ich habe viel im Orient gereist und dabei eine beträchtliche Menge Abenteuer bestanden, und so viel ist sicher, was die orientalische Dame von wichtigen Dingen nicht weiß, ist auch des Wissens nicht wert. Ihr ganzes Leben, von der Wiege bis zum Grabe, besteht aus nichts anderm, als alle ihre Fähigkeiten, die sterblichen wie die unsterblichen, auf zwei wesentliche Fragen zu konzentrieren: Hunger und Liebe.«

»Was ist Liebe?« fragte Carlotta.

»Es ist der Grundfehler der Schöpfung,« erklärte ich.

»Das verstehe ich nicht,« klagte Carlotta.

»Niemand gibt sich die Mühe, Sir Markus zu verstehen,« sagte Pasquale munter. »Wir lassen ihn eben faseln, bis er selbst merkt, daß niemand zuhört.«

»Siir Markuus ist sehr klug,« verteidigte Carlotta ihren Herrn und Gebieter ernsthaft. »Den ganzen Tag liest er in großen Büchern und schreibt auf Papier.«

Ich habe seither darüber nachgedacht, ob das nicht ein so ironisches Urteil war, wie nur je eines gefällt worden ist. Bin ich klug? Wird man durch das Lesen in großen Büchern und das Schreiben auf Papier weise? Salomo sagt, die Weisheit wohne beim Witz und wisse guten Rat zu geben, des Klugen Weisheit sei, daß er auf seinen Weg merke, durch Weisheit und Klugheit werde man behütet vor dem fremden Weibe, vor einer andern, die glatte Worte gibt. Nun, ich bin vor dem fremden jungen Weib, das anfängt, mir glatte Worte zu geben, nicht behütet worden, mein Weg ist mir auch ganz und gar unklar, denn ich weiß nicht, was ich mit ihr machen soll. Damit, daß ich sie zu mir nahm, und überdies erlaube, daß sie sich abends in die Sofaecke schmiegt und meinen Gästen ihre roten Pantoffeln vorweist, habe ich der Klugheit den Laufpaß gegeben. Der einzige gute Einfall, den ich hatte, war der Gedanke, Carlotta das Maschinenschreiben lernen zu lassen, und der selbst ist unbrauchbar. Wenn die Philosophie des ausgezeichneten Verfassers der Sprüche richtig ist, kann ich mich wirklich keiner großen Weisheit rühmen, und keines der großen Bücher sagt mir, was ein Weiser getan hätte, wenn ihm Carlotta in den Anlagen des Embankments begegnet wäre.

Übrigens war meiner Ansicht nach meine eigene Weisheit durchaus kein passendes Unterhaltungsthema, und so lenkte ich die Unterhaltung in die alte Bahn zurück, indem ich Carlotta fragte, warum sie Hamdi Effendi einen entsetzlich schlechten Menschen heiße, worauf sie die überraschende Antwort gab:

»Meine Mutter hat es mir gesagt. Sie hat immer geweint. Sie hat sehr bedauert, daß sie Hamdi geheiratet hat.«

»Arme Frau,« sagte ich. »Hat er sie schlecht behandelt?«

»O ja?a. Sie hatte auch die Pocken, und dann war sie nicht mehr hübsch, und dann nahm Hamdi andre Frauen, und die mochte sie nicht leiden. Sie waren so dick und grausam. Sie hat immer zu mir gesagt, ich solle mich lieber umbringen, als einen Türken heiraten. Hamdi wollte mich vor zwei oder drei Jahren mit Mohammed Ali verheiraten, aber der starb. Als ich sagte, ich sei so froh ? (das scheint die gewöhnliche Redensart zu sein, mit der sie Unglücksbotschaften über ihre Bekannten entgegennimmt) ?, sperrte mich Hamdi in ein dunkles Zimmer ein. Dann sagte er, ich müsse Mustapha heiraten. Darum bin ich mit Harry durchgegangen. Siehst du? Oh, Hamdi ist entsetzlich schlecht!«

Durch diese Reden und andre Streiflichter, die Carlottas Erzählungen auf ihre Erziehung warf, kann ich mir ein Bild davon machen, wie ihre Mutter, das arme, hübsche, schwache Ding, dessen Gatte tot war und die ein Kind unter dem Herzen trug, dem verliebten Türken nur wenig Widerstand geleistet, sondern vielmehr unter dem ihr gebotenen Dach Zuflucht gesucht hatte. Auch in den vierzehn Jahren ihrer Gefangenschaft kann ich sie mir vorstellen ? ihre Enttäuschungen, ihr Herzeleid, ihre Verzweiflung. Kein Wunder, daß dieses Geschöpf, dem jegliche Charakterstärke abging, für ihre Tochter nichts weiter tun konnte, als sie ein bißchen Englisch, sowie die Anfangsgründe des Lesens und Schreibens zu lehren. Zweifellos hatte sie oft und viel über das europäische Leben und von der Freiheit und den Vergnügungen geplaudert, deren sich die Frauen dort erfreuten, aber seit ihrem Tod sind jetzt vier Jahre verflossen, und ihre Erzählungen leben nur noch als dunkle Erinnerungen in Carlottas Gedächtnis.

Daß sich Carlotta unter den ertötenden Einflüssen des Haremlebens die ererbte Lebhaftigkeit bewahrt hat, ist merkwürdig. Sie hat wirklich ein niedliches Kindermäulchen. Wie ein Hund fleht sie mit den Augen, ihr nettes Wesen ist wie das eines kleinen Mädchens, und sie hat nicht den stumpfen, seelenlosen, sinnlichen Blick der echten Türkinnen, den ich so oft in Kairo durch ihre durchsichtigen Schleier hindurch wahrgenommen habe. Diese Türkinnen haben keine anderen Reize als das Fleisch, und auch diesen nur für die Männer, die mit Frauen (die häßlichen natürlich ausgeschlossen) auch nur als soundsoviel Kubikinhalt belebten Urstoffes, belebter Materie rechnen, den Allah ihnen zur Befriedigung ihrer Lüste und zum Kinderzeugen zur Verfügung gestellt hat. Wie ein Engländer sich in eine Türkin verlieben kann, ist mir unfaßlich. Aber daß man sich in Carlotta verlieben könnte, verstehe ich recht gut. Sie hat ja wohl die vererbten Eigenschaften der Engländerin, aber sie sind in das erotische Fahrwasser gedrängt worden und haben sich zu einer Art teuflischer Hexerei entwickelt; ob sich aber Carlotta deren bewußt ist, dessen bin ich nicht ganz sicher. Trotzdem glaube ich nicht, daß sie eine Seele haben kann, im Gegenteil, ich bin jetzt zu dem Schluß gekommen, daß sie keine hat, und ich lasse mich nicht gern in meinen Überzeugungen beirren.

Aber etwas ist mir heute abend zum ersten Male aufgefallen, nämlich wie nüchtern die solide Einrichtung meines Zimmers ist!

Dieser Einrichtung habe ich früher nie einen Gedanken geschenkt. Erst jetzt, wo Carlotta in der Sofaecke thronte, natürlich nach Türkenart mit untergeschlagenen Beinen, und das Licht ein magisches Spiel mit dem Rot, Gold und Braun ihres Haares trieb, während sie vergnügt über Hamdis Schlechtigkeit plauderte, machte ich die verblüffende Beobachtung, welchen dekorativen Wert die Frau doch an und für sich hat.

Ich sehe, ich muß von der Gewohnheit abkommen, auf der Tangente meiner Betrachtungen von dem Zirkel der Unterhaltung abzuschweifen. Jetzt riefen mich Pasquales Worte zurück.

»Also Sie heiraten einen Engländer? Schon alles fix und fertig beschlossen? Was?«

»Natürlich!« rief Carlotta lachend.

»Haben Sie schon festgesetzt, wie er aussehen muß?«

Es entging mir nicht, wie der gewissenlose Don Juan sich instinktmäßig nach Pfauenart brüstete.

»Ich werde Siir Markuus heiraten!« erklärte Carlotta ruhig.

Weder als einen Scherz, noch als einen Wunsch, nein, als ganz gewöhnliche Feststellung einer Tatsache gab Carlotta diese Erklärung ab. Einen Augenblick herrschte verdutztes Schweigen. Pasquale, der eben ein brennendes Streichholz an seine Zigarette hielt, starrte mich an und ließ sich ruhig die Finger verbrennen; ich aber starrte sprachlos Carlotta an.

Eine solche Frechheit!

»Es tut mir leid, dir widersprechen zu müssen,« sagte ich endlich etwas herb, »aber das tust du nicht.«

»Ich werde dich nicht heiraten?«

»Oh!« sagte Carlotta mit enttäuschtem Ton.

Pasquale erhob sich, schlug die Hacken zusammen, legte die Hand aufs Herz und machte einen tiefen Bückling vor ihr.

»Wollen Sie statt diesem Mann von Stein nicht mich nehmen?«

»Mir ists recht,« antwortete Carlotta.

Ich packte Pasquale am Arm. »Ums Himmels willen, machen Sie keine Späße mit ihr! Sie hat etwa so viel Verständnis für Humor wie ein antidiluvianischer Höhlenbewohner. Jetzt meint sie, Sie hätten ihr einen ernsthaften Heiratsantrag gemacht.«

Pasquale verbeugte sich wieder.

»Hören Sie, was der Mann von Stein sagt? Er verbietet unsern Bund. Wenn ich Sie ohne seine Einwilligung heiratete, würde er mir bei lebendigem Leib die Haut abziehen, mich in kochendes Öl tauchen und mir seine ?Moral der Renaissance? vorlesen. Es kann deshalb wohl nichts aus der Heirat werden.«

»Soll ich ihn auch nicht heiraten?« fragte Carlotta und sah mich an.

»Nein!« rief ich. »Du sollst niemand heiraten. Du scheinst heiratswütig zu sein. So durch Zufall heiraten die Engländer nicht. Sie bedenken die Sache erst einige Jahre, und dann kommen sie auf anständige, gottesfürchtige, ehrliche Weise zusammen.«

»Sie heiraten langsam und bereuen schnell,« warf Pasquale dazwischen.

»Ganz recht,« sagte ich.

»Was wir eine Brautbettreue heißen,« meinte Pasquale.

»Ich sagte Ihnen doch, daß das arme Kind keinen Sinn für Humor hat,« entgegnete ich.

»Dann würde ich mich lieber umbringen als heiraten.«

»Du kannst niemand heiraten, Carlotta; solange du keinen Scherz verstehst,« sagte ich.

»Was ist ein Scherz?« erkundigte sich Carlotta.

»Herr Pasquale machte dir einen Heiratsantrag; er meinte es aber nicht im Ernst. Das war ein Scherz. Es war ungeheuer komisch, und du hättest lachen sollen!«

»Wenn mir also irgend jemand einen Heiratsantrag macht, muß ich lachen?«

»So laut du kannst,« antwortete ich.

»Ihr seid recht sonderbar hier in England,« seufzte Carlotta.

Da ich sie nicht unglücklich machen wollte, lächelte ich und sprach dann ihrem Verständnis angemessen mit ihr.

»Nun, nun, wenn du erst alle die englischen Sitten und Gewohnheiten gut gelernt hast, werde ich dir schon einen netten Mann verschaffen. Jetzt aber gehst du am besten zu Bett.«

Ganz getröstet zog sie sich zurück. Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, schüttelte Pasquale den Kopf und sah mich an.

»Verschwendet! Strafbar verschwendet!«

»Was?«

»Das!« antwortete er und zeigte auf die Tür, hinter der Carlotta eben verschwand. »Dieses Bündel sinnverwirrender Reize!«

»Das,« sagte ich, »ist eine mir auferlegte schreckliche Strafe, die ich nur mit Aufbietung meiner ganzen hochentwickelten Menschenfreundlichkeit ertragen kann.«

»Sie sollte Margarita heißen.«

»Warum?«

» Ante porcos,« war seine Antwort.

Pasquale hat ohne Zweifel einen feinen Witz, und ich bewundere diesen wie die meisten seiner glänzenden Eigenschaften auch gebührend, aber die Pointe dieser letzten Stichelei ist mir unverständlich. Heute nachmittag im Klub nahm ich einen unterhaltenden französischen Roman » Enfilons des Perles« in die Hand. Auf dem illustrierten Umschlag saß eine Reihe unbekleideter Mädchen in Austernschalen, und der Inhalt des Buches erklärte des Helden Ehrgeiz, aus diesen Perlen einen Rosenkranz zu machen. Also ich sei ein dummer Esel! Warum? Weil ich Carlotta nicht meinem Rosenkranz einreihe. In meinem ganzen Leben habe ich nichts so Ungeheuerliches gehört. Und zudem habe ich ja gar keinen Rosenkranz!

Hätte ich den französischen Roman lieber nicht gelesen. Wäre ich doch nicht hinuntergegangen, um seinen Vorgänger aus dem siebzehnten Jahrhundert zu suchen. Hätte ich doch Pasquale in den Klub eingeladen!

Und an all dem ist Antoinette schuld. Warum kocht sie nicht mittelmäßig, warum nicht weniger anregend? Alles kommt davon, daß ich eine Person im Haus habe, deren Seele im Kochtopf aufgeht.

 

1. Juli.

Fünf Wochen hat Carlotta jetzt unter meinem Dache zugebracht, und von einem Tag zum andern habe ich die unangenehme Aufgabe, Judit über sie aufzuklären, hinausgeschoben, und morgen kehrt Judit zurück. Ich weiß, es ist sonderbar, wenn ein philosophischer Junggeselle ein junges alleinstehendes Mädchen von angenehmem Äußeren seinem Haushalt einverleibt. Ob es sonderbar ist, daraus mache ich mir keinen Pfifferling. Io sonio. Aber die Frage, die mich gelegentlich bewegt, ist die: In welche Kategorie muß man mein Verhältnis zu Carlotta einreihen? Ich betrachte sie nicht als eine Tochter, noch weniger als eine Schwester, nicht einmal als die Schwester einer verstorbenen Gattin. Um mein Sekretär zu sein, ist sie zu unwissend; sie ist in ihrem Wissen vollständig negativ, geradezu ohne alle Begriffe. Mit dem, was sie weiß, könnte man keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Aber irgendwie muß ich sie doch einreihen. Ich muß sie doch für irgend etwas ausgeben können. Jetzt nimmt sie in meinem Haus den Platz einer hübschen (und kostspieligen) Angorakatze ein; und gerade wie eine Katze fühlt sie sich auch ganz mollig bei mir.

Eine Lehrerin, ein dickbackiges Mädchen, die, wie ich fürchte, ihre Stellung fast zu humoristisch auffaßt, kommt jetzt morgens, um Carlotta die Anfangsgründe einer guten Erziehung beizubringen. Als ich Fräulein Griggs engagierte, sagte ich ihr, sie müsse geduldig, bestimmt und vor allem konsequent sein, worauf sie erwiderte, diese Eigenschaften seien ihre Spezialitäten. Eine ihrer Schülerinnen sei eine junge Dame vom Alhambraballett, die genau die zu einem neuen »Coupé« passende Art von Bildung verlange. Fräulein Griggs lehrt Carlotta buchstabieren, Messer und Gabel führen und verbessert irrige Ansichten, wie zum Beispiel, daß der Himmel eine über die hübsche Platte Erde gestürzte Glasschale, Sonne, Mond und Sterne aber eine Art elektrischer Lampen seien, die man zur Beleuchtung von Alexandretta und Regents Park ins Weltall eingefügt habe. In der Religion werde ich Carlotta selbst unterweisen, wenn sie erst so weit vorgeschritten ist, daß sie meinem Unterricht folgen kann. Bis jetzt ist sie, wenn sie überhaupt etwas ist, Muhammedanerin, und sie glaubt fest an Allah. Meiner Meinung nach ist ein lebendiger Theismus für ein junges Mädchen in ihrer Lage vollständig genügend. Nachmittags geht sie mit Antoinette spazieren. Einmal stahl sie sich allein aus dem Hause; sie unterhielt sich eine Weile vorzüglich, verlor dann den Weg und wurde in großer Angst von einem Schutzmann heimgebracht. Was wohl der Schutzmann über sie gedacht haben mag? Die übrige Zeit des Tags verbringt sie mit Bilderansehen und Stickarbeiten. Sie arbeitet an einer großartigen Bettdecke, die ihr für mehrere Jahre harmlose Beschäftigung geben wird.

Wenn ich zu Hause bin, kommt sie jeden Abend eine Stunde ins Wohnzimmer, trinkt Kaffee mit mir und hört meiner belehrenden Unterhaltung zu. Diese Gelegenheit ergreife ich, sie für die tagsüber begangenen Fehler zu tadeln, oder sie für besonders gutes Betragen zu loben. Auch suche ich die ihr durch das vorzügliche Fräulein Griggs beigebrachte allgemeine Bildung zu vervollständigen. Es ist eigentlich sonderbar, aber nach und nach freue ich mich auf diese Abendstunden. Carlotta ist so lenksam, so natürlich. Wenn sie Leibweh hat, teilt sie es mir mit der anziehendsten Offenheit mit. Manchmal halte ich sie, um mit Pasquale zu sprechen, für ein Bündel sinnverwirrender Reize und vergesse, daß sie keine Seele hat. Doch ereignet sich beinahe immer etwas, das mich wieder daran erinnert. Wenn ich ihr Geschichten erzähle, ist sie überglücklich. Neulich erzählte ich ihr ganz feierlich das Märchen vom Aschenbrödel, worüber sie in Entzücken geriet. Das brachte mich auf den Gedanken, ihr Lambs »Erzählungen nach Shakespeare« zum Lesen zu geben. Während ich das noch überlegte und sie sich über das Gehörte freute, fragte sie plötzlich, ob ich eine türkische Erzählung hören wolle. Sie wisse eine Menge netter lustiger Geschichten. Als ich um eine bat, schmiegte sie sich in ihrer Lieblingsstellung in die Sofaecke und begann zu erzählen.

Aber ich erlaubte ihr nicht, die Geschichte zu beenden. Hätte ich das getan, wäre ich ein lasterhaftes Scheusal gewesen. Im Vergleich mit dieser Geschichte ist die ärgste von Scheherezades Erzählungen in der Übersetzung von Burton eine wahre Milchsuppe. Sie schien erstaunt, als ich ihr gebot, aufzuhören.

»Erzählen sich orientalische Damen öfters solche Geschichten?« fragte ich.

»O ja,« erwiderte sie mit offenbarer Verwunderung. »Es ist eine komische Geschichte.«

»Sie ist durchaus nicht komisch!« sagte ich. »Ein Mädchen wie du sollte von solchen Sachen überhaupt nichts wissen.«

»Warum denn nicht?« fragte Carlotta.

Ihre Fragen treiben mich immer in die Enge. Ich versuchte ihr eine Erklärung zu geben, aber das war sehr schwierig. Wenn ich ihr gesagt hätte, eines Mädchens Sinn müsse so rein sein wie eine taufrische Rose, so hätte sie mich nicht verstanden, ja wahrscheinlich hätte sie mich für einen Narren gehalten. Und ich möchte fast fragen, ob es für die fernere Laufbahn eines jungen Mädchens wirklich einen Wert hat, wenn sie so rein wie eine taufrische Rose ist. Um sehr mittelmäßig klavierspielen zu können, muß ein Mädchen viele Jahre lang ermüdende Übungen machen, aber die immerhin etwas wichtigere Fertigkeit, Kinder zur Welt zu bringen, muß sie sich ohne eine einzige vorbereitende Stunde aneignen. Die Schwierigkeit ist, wo die Linie ziehen zwischen dieser taufrischen, aber oft verhängnisvollen Unwissenheit und Carlottas Wissen. Ich halte das für ein sehr zartes und heikles Problem. Die mit diesem jungen Frauenzimmer in Verbindung stehenden Probleme scheinen wirklich endlos zu sein. Doch stören sie mich nicht so sehr, als ich erwartet hatte. Ich glaube wahrhaftig, meine hübsche Angorakatze würde mir jetzt sogar fehlen, wenn sie nicht mehr da wäre. Der Mann, der sich bei ihrem Anblick kalt abwenden könnte, müßte jedes ästhetischen Gefühls bar sein. Und sie hat tausend unschuldige Koketterieen und einschmeichelnde Gewohnheiten. Die Art, wie sie Schokoladebonbons zwischen ihre weißen Zähne steckt und zu gleicher Zeit mit einem spricht, ist geradezu hinreißend. Und sie muß auch Verstand haben. Heute abend zum Beispiel fragte sie, was ich schriebe. Ich erwiderte, eine Geschichte über die »Moral der Renaissance«.

»Was ist Moral und was ist Renaissance?« fragte Carlotta.

Dies ist bei näherer Überlegung wirklich eine tiefsinnige Frage. Philosophen und Historiker haben sich lebenslang umsonst abgemüht, sie zu beantworten. Ich merke, auch ich muß mir große Mühe geben, um sie einigermaßen verständlich zu erklären. So habe ich denn den ganzen Abend damit zugebracht, meine Einleitung umzuschreiben, damit die beiden Ausdrücke für mein Werk festgenagelt sind, und ich finde wirklich, daß sie dadurch gewonnen hat. Das danke ich Carlotta.

Das Kind vertilgt eine unglaubliche Menge Schokoladebonbons; das kann unmöglich gesund sein, und ich muß mich darum bekümmern.

 

2. Juli.

Ein Telegramm von Judit! Sie verschiebt ihre Rückkehr auf Montag. Ich habe mich danach gesehnt, die liebe Judit wiederzusehen, und bin nun sehr enttäuscht. Zugleich ist es aber auch ein Aufschub für die mit jedem Tag schwieriger werdende Erklärung. Um dieses Gefühls der Erleichterung willen hasse ich mich selbst.

Heute abend wurde ein Gesellschaftskleid für Carlotta gebracht, an dem einen ganzen Monat lang gearbeitet worden war. Wie ich mir habe sagen lassen, heißt das bei einer Londoner Kleiderkünstlerin fieberhafte Eile. Um dieses Ereignis zu feiern, nahm ich für heute abend eine Loge im Empiretheater und lud Carlotta ein, mit mir zu essen. Mrs. Mc Murray schickte ich auch eine Einladung.

Carlotta kam um halb acht Uhr nicht herunter. Als wir lange genug gewartet hatten, ging Mrs. Mc Murray hinauf in ihr Zimmer. Sie kam sofort zurück und brachte unter ihrem Schutz eine schüchterne, errötende, verlegene, unglückselige junge Dame, die augenscheinlich geweint hatte. Meine Freundin machte mir ein Zeichen, keine Notiz davon zu nehmen. Den Mangel an Heiterkeit bei dem Kinde schrieb ich der Aufgabe zu, sich zum ersten Male in ihrem Leben an einem zivilisierten feinen Eßtisch zu benehmen. Sie sprach kaum und aß kaum. Ich machte ihr Komplimente über ihr Aussehen; sie aber sah mich so flehentlich an, als hätte ich sie gescholten. Nach Tisch enthüllte mir Mrs. Mc Murray Carlottas Herzeleid! Sie hatte das arme Kind in Tränen gefunden. Niemals könne sie mir in einem so tief ausgeschnittenen Kleid unter die Augen treten, habe Carlotta gesagt. Ihre Schamhaftigkeit war aufs äußerste empört gewesen. Die europäischen Frauen könnten doch unmöglich die Gewohnheit haben, sich so schamlos vor Männern zu entblößen. Erst den runden Schultern und dem vollen Hals des Gastes gelang es, Carlotta zu überzeugen, und sie ließ sich, wenn auch noch immer in einem höchst unbehaglichen Zustand, doch von Mrs. Mc Murray ins Eßzimmer führen.

Als wir im Empiretheater in die Loge traten, führten gerade einige Luftkünstlerinnen ihre Bravourstücke vor. Bei ihrem Anblick stieß Carlotta einen Schrei des Entsetzens aus, sie wurde dunkelrot und wich bis an die Tür zurück. Bei Carlotta tritt immer die wahre Empfindung zu Tage. Sie war wirklich aufs äußerste entsetzt.

»Sie sind ja nackt,« flüsterte sie bebend.

»Ums Himmels willen, erklären Sie es ihr!« sagte ich zu Mrs. Mc Murray und flüchtete mich eiligst in den Wandelgang.

Als ich zurückkehrte, war Carlotta beruhigt. Erstaunt und entzückt folgte sie den Kunststücken einiger dressierter Hunde. Den ganzen übrigen Abend saß sie wie verzaubert da. Der Kleidermangel im Ballett veranlaßte sie allerdings, Mrs. Mc Murray erschreckte Blicke zuzuwerfen; doch Mrs. Mc Murray lächelte ihr beruhigend zu. Die Musik, das bunte Gewoge und die blendende Farbenpracht nahmen bald Carlottas Sinne vollständig gefangen, und als der Vorhang fiel, seufzte sie so tief auf, als erwachte sie aus einem Traum.

Beim Heimfahren fragte sie mich: »Ist es dort den ganzen Tag so? O bitte, laß mich dort wohnen!«

Ein wohlerzogenes achtzehnjähriges englisches Mädchen würde sich nicht ganz unbefangen in einem unbeschreiblichen Morgenkleid vor mir herumtreiben und ihre Zehen tanzen lassen, viel weniger würde sie mir abscheuliche Geschichten erzählen, aber sie trägt tiefausgeschnittene Kleider und betrachtet Damen in Trikot ohne eine Spur von einem schlüpfrigen Gedanken. Ich hatte also ganz recht, daß ich Carlotta sagte, England sei das verkehrte Alexandretta. Was hier unsittlich ist, ist dort sittlich und umgekehrt. Eine Sittlichkeit an sich gibt es überhaupt nicht. Ich bin sehr froh über diesen Vorfall, denn er zeigte mir, daß Carlotta nicht ohne die bessere Art weiblichen Instinktes ist.

Siebentes Kapitel

4. Juli.

Judit ist zurückgekehrt. Ich habe sie gesehen und ihr die ganze Geschichte von Carlotta erzählt.

Den ganzen Tag über war ich mir wie ein ehrbarer Mensch vorgekommen, der wegen Trunkenheit und schlechter Aufführung vor den Richter gebracht werden soll. Jetzt aber habe ich das peinliche Gefühl, mit einer Verwarnung entlassen worden zu sein. Ich bin unschuldig, aber soll es nicht wieder tun.

Gleich bei meinem Eintritt fiel mir Judit um den Hals und sprudelte eine Menge törichter Phrasen hervor, die ich, so gut ich konnte, erwiderte. Der ruhige See unsrer Zuneigung ist noch nicht oft von einem solchen Sturm heimgesucht worden.

»O wie froh bin ich, wie froh, wieder bei Ihnen zu sein! Wie habe ich mich nach Ihnen gesehnt, aber schreiben konnte ich es nicht. Ich habe gar nicht gewußt, daß ich mich nach irgend jemand so sehnen könnte.«

»Auch ich habe Sie ungeheuer vermißt, meine liebe Judit!« sagte ich. Sie sah mich einen Augenblick forschend an, dann sagte sie mit strahlendem Lächeln: »Es gefällt mir sehr an Ihnen, daß Sie nicht wie die Franzosen in einen Schwall des Entzückens ausbrechen. Ach, ich bin der Franzosen so müde! Sie sind mein guter englischer Markus, und so viel wert, als das ganze männliche Paris zusammen!«

»Besten Dank für das Kompliment,« sagte ich. »Aber Sie übertreiben sicher.«

»Mir sind Sie so viel wert, wie die ganze männliche Menschheit,« sagte Judit, indem sie sich neben mich aufs Sofa setzte, meine Hände festhielt und noch mehr törichte Sachen sagte. Als sich ihre Erregung etwas gelegt hatte, begann ich zu lachen.

»Sie haben in Paris die Kunst gelernt, in Ekstase zu geraten.«

»Vielleicht! Soll ich Sie darin unterweisen?«

»Sie müssen Mäßigung lernen, liebe Judit. Offenbar haben Sie in letzter Zeit etwas zu rasch gelebt, denn Sie sehen recht angegriffen aus.«

»Das sind nur die Folgen der Reise,« erwiderte sie.

Ich aber bin überzeugt, daß die ungewohnten Zerstreuungen daran schuld sind. Judit ist nicht kräftig, und so ist das späte Zubettgehen und das viele Herumrennen ihrer Natur nicht zuträglich. Sie ist magerer geworden und hat dunkle Ringe um die Augen. In ihrem Gesicht ist ein Zug, der sich sonst nur in Stunden körperlicher Ermüdung zeigt. Ich war gerade dabei, ihr das gründlich auseinanderzusetzen (es ist gut, wenn die Frauen jemand haben, der sie in solchen Dingen freimütig berät), als sie mich mit einer ungeduldigen Gebärde unterbrach.

»Schon gut, schon gut! Erzählen Sie mir lieber, was Sie inzwischen getrieben haben, Ihre Briefe waren nämlich sehr wenig ausführlich.«

»Leider bin ich eben ein schlechter Briefschreiber,« sagte ich.

»Ich las jeden Ihrer Briefe zehnmal,« war ihre Antwort.

Dankbar küßte ich ihr die Hand. Dann stand ich auf, zündete mir eine Zigarette an und ging im Zimmer umher. Judit strich ihr Kleid glatt und machte sich mit Hilfe der Sofakissen einen bequemen Sitz zurecht.

»Nun, was für Schandtaten haben Sie in den letzten Wochen begangen?«

Drunten auf der Straße spielte jetzt eben ein herumziehender Musikant den »süßen Traum der Liebe«. Hastig schloß ich das Fenster.

»Wie gräßlich!« rief ich. »Man sollte den Menschen aufknüpfen mitsamt seinem Instrument!«

»Was, haben Sie Nerven bekommen? Sollte es etwa das Zeichen eines bösen Gewissens sein?« fragte Judit mit ironischem Lachen. »Ja, ja, Sie suchen mir etwas zu verbergen; ich habe es gleich gemerkt.«

»Wirklich? Wie denn?«

»Durch den sechsten Sinn der Frau.«

Der Kuckuck hole den sechsten Sinn der Frau! Ich glaube, der hat sich wie die Barthaare einer Katze zur Ergänzung des mangelhaften Geruchsinns entwickelt. Er ist ebenso aufdringlich wie diese Barthaare und wie diese der Gegenstand unausstehlicher Selbstgefälligkeit. Judit setzte eine Miene richterlicher Strenge auf, und ich fühlte mich sofort auf die Anklagebank versetzt.

»Es hat sich etwas ereignet!« sagte ich verzweifelt. »Ein weibliches Wesen ist bei mir eingedrungen und hat seine Wohnung in Lingfield-Terrace Nummer 26 aufgeschlagen. Vor ein paar Wochen noch aß es mit den Fingern und glaubte, die Erde sei so flach wie ein Pfannkuchen. Ich fand es in den Anlagen des Embankments, unter der Terrasse des Nationalliberalen Klubs, und jetzt lebt es von Schokoladebonbons und dem ?Lesebuch für höhere Töchter?. Dieses Wesen ist achtzehn Jahre alt und heißt Carlotta. So!«

Da meine Zigarette ausgegangen war, warf ich sie verdrießlich in den Kamin. Judits angenommener Ernst hatte sich in einen wirklichen verwandelt. Sie saß ganz steif da und sah mich wie versteinert an.

»Was in aller Welt soll das heißen, Markus?«

»Genau das, was ich sage. Mir ist die Verantwortung für ein ebenso unverfälschtes und verblüffendes Naturkind wie Voltaires Huron aufgeladen worden. Es ist eine Engländerin, die aus einem syrischen Harem hierherkam; sie ist schön wie die Huri, an die sie glaubt, und unter die sich zu mischen sie jetzt unglücklicherweise verhindert ist. In kurzer Zeit werde ich ihr den Katechismus beibringen. Das Gesicht habe ich ihr auch schon gewaschen. Bitte, bemitleiden Sie mich, denn ich bin das unschuldige Opfer der seltsamsten Umstände.«

»Warum ich Sie bemitleiden sollte, sehe ich nicht ein,« sagte Judit.

Ich fühlte, daß ich Judit Carlottas Dasein nicht sehr taktvoll mitgeteilt hatte. Wenn zehnerlei Wege vor mir liegen, so wähle ich offenbar immer den falschen. Gerade das, was ich hatte vermeiden wollen, war eingetroffen: ich habe Judit gegen Carlotta eingenommen. Der Fluch Ismaels, der in ihrem ganzen Geschlecht noch fortlebt, ist erweckt: ihre Hand gegen jedes Weib, und jedes Weibes Hand gegen sie.

»Meine liebe Judit,« begann ich, »wenn eine böse Fee bestimmt hätte, daß ein gesundes Rhinozeros meine Hausgenossin werden sollte, dann würden Sie mir Ihre Teilnahme nicht versagt haben. Da mir aber das Schicksal einen Gast, der mir genau ebensoviel Verlegenheit bereitet, in Gestalt eines jungen Mädchens ...«

»Lieber Markus,« unterbrach mich Judit, »das gesunde Rhinozeros würde zwanzigmal mehr von Frauen verstehen als Sie.«

Dies ist meiner Meinung nach eine der dümmsten Bemerkungen, die Judit je gemacht hat.

»Aber, bitte, erzählen Sie mir zusammenhängend von der jungen Person, die Sie Carlotta nennen,« fuhr Judit fort.

Da erzählte ich ihr denn die Geschichte von A bis Z.

»Aber warum in aller Welt verheimlichten Sie mir es denn?«

»Ich mißtraute dem sechsten Sinn der Frau,« sagte ich.

»Der allereinfachste Sinn nicht nur der Frau, sondern auch der jedes andern Menschen hätte Ihnen gesagt, daß Sie sich da in eine sehr törichte Sache eingelassen haben.«

»Was hätten Sie an meiner Stelle getan?«

»Ich hätte sie sogleich aufs türkische Konsulat gebracht.«

»Sicher nicht, wenn Sie die Augen dieses Mädchens gesehen hätten.«

Judit schüttelte den Kopf. »Ein Mann ist doch wie der andre,« bemerkte sie.

»Im Gegenteil,« widersprach ich, »das, was das männliche Geschlecht vom weiblichen unterscheidet, ist gerade die größere Verschiedenheit der Charaktere; das ist einfach ein wissenschaftliches Faktum. Schon Darwin hat es festgestellt, und spätere Gelehrte haben es nachdrücklich bestätigt ? unter hundert Frauen ist der gemeinsame Faktor viel größer als unter hundert Männern. Unregelmäßigkeiten sind beim männlichen Geschlecht viel häufiger. Es gibt mehr männliche Scheusale.«

»Das will ich gern glauben,« sagte Judit.

»Dann geben Sie also zu, daß nicht ein Mann wie der andre ist?«

»Gewiß nicht. Ein Mann, er mag sein, wer er will, wird einem hübschen Gesicht und den Augen eines unreifen jungen Dings gegenüber zum völligen Narren.«

»Liebe Judit,« sagte ich, »das Ihrige ausgenommen, mache ich mir auch nicht einen Deut aus irgend einem hübschen Gesicht.«

»Machen Sie sich wirklich etwas aus dem meinigen?« fragte sie nachdenklich.

»Liebste,« sagte ich, mich neben dem Sofa auf ein Knie niederlassend und ihr die Hand küssend, »ich habe mich sechs Wochen lang danach gesehnt!« Und ich zählte die Wochen an ihren Fingern ab.

Da wurde sie aufgekratzt. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, finde ich, daß in den erwachsenen Frauen etwas anbetungswürdig Kindliches steckt. Ob ein Mann sie jemals verstehen kann? Ich habe Kinder (nicht viele, wie ich mit Vergnügen gestehe) vor Entzücken jauchzen hören, wenn man an ihren kleinen Zehen zupfte und dabei sagte: »Der ist ins Wasser gefallen« und so weiter; Judit jauchzte beinahe, als ich die Wochen an ihren Fingern abzählte. Sonderbar!

Eine Stunde verging, bis mir Judit alle ihre Pariser Erlebnisse berichtet hatte. Sie war mit sehr netten und sehr schlimmen Leuten zusammengetroffen. Es war ihr geschmeichelt und der Hof gemacht worden. Ein Künstler mit Schlapphut, sackähnlichen manchesternen Beinkleidern, lose geknüpfter Halsbinde und im allgemeinen schlecht sitzenden Kleidern aus der Zeit der Dreißigerjahre, hatte ihr ganz oben auf dem Eifelturm Liebeserklärungen gemacht.

»Und er sagte,« rief Judit lachend, »? partons ensemble! Comme on dit en Anglais ? fliegen Sie mit mir!? Darauf erwiderte ich: ?Auf dem Marsfeld würden wir dann jedenfalls vollkommen unkenntlich ankommen.? Er verstand den Witz nicht ? es war kostbar!«

Ich lachte, sagte aber sogleich: »Übrigens begreife ich nicht, wie es einem Spaß machen kann, mit Leuten Witze zu machen, die sie gar nicht verstehen.«

»Aber das ist ja gerade Ihre ganz besondere Art von Humor,« entgegnete Judit, »und ich habe es nur von Ihnen gelernt.«

Vielleicht hat Judit recht! Es ist mir schon aufgefallen, daß die Leute meine Witze nur sehr langsam kapieren. Ich muß wirklich ein recht lederner Geselle sein! Wenn sie mich nicht lieb hätte, könnte eine so geistreiche Frau wie Judit meine Gesellschaft sicher nicht eine halbe Stunde ertragen.

Allerdings glaube ich nicht, daß ich viel zum Humor der Welt beitrage, aber der Humor der Welt trägt viel zu meiner eigenen Unterhaltung bei, und manches, was mir sehr komisch vorkommt, erregt, wenn ich darauf aufmerksam mache, die Lachmuskeln der andern Leute gar nicht. Es wird wohl so sein, daß der einzelne Mensch, gerade wie jede Zivilisation, seinen eigenen Begriff von Humor hat. Wenn ich ein römischer Epikuräer wäre, anstatt ein englischer, so wäre ich einst beim Anblick eines beleibten christlichen Märtyrers, der von einem hungrigen Löwen in der Arena herumgejagt wurde, fast vor Lachen erstickt. Jetzt würde ich vor Entsetzen darüber in Ohnmacht fallen. Und ich habe auch wirklich stets das Gefühl, selbst grausam zu sein und mich an ähnlichen Begierden zu erfreuen, wenn ich über jenen armen Tiger auf Dorés wohlbekanntem Gemälde, der keinen Christen bekam, lächle. Dagegen reizt mich der Anblick eines vollblütigen gewöhnlichen Briten, der bei einer politischen Versammlung seine Gemeinplätze hinausbrüllt und vor lauter Anstrengung blaurot im Gesicht wird, stets zum Lachen, und doch hören ihm alle meine Nachbarn mit dem größten Ernst zu. Wiederum behauptet ein Feuilletonist, er werde vor lauter Vergnügen über Jane Austins Humor von wahren Lachkrämpfen befallen, während diese Schriftstellerin für mich die langweiligste aller Damen ist, die je das Triviale im Leben getreu wiedergegeben hat. Vor einer Reihe von Jahren ging ich einmal in Gehrock und Zylinder über die Putneybrücke; da gab ein vorübergehender Proletarier seinem Genossen einen Rippenstoß, und einen damals landläufigen Gassenhauer zitierend, sang er: »Er hat sie an, er hat sie an!« worauf beide in ein schallendes blödsinniges Gelächter ausbrachen. Wenn ich mich nun umgedreht und ? in noch so witziger Weise ? Carlyles ironisches Bild von einer nackten Hofgesellschaft ausgeschlachtet und zu ihnen gesagt hätte: »Es wäre noch komischer, wenn er sie nicht anhätte,« so wäre ich von ihnen in der ganz irrigen Meinung, ich wolle sie zum besten haben, ordentlich durchgewalkt worden. Und das bringt mich auf den Punkt zurück, von dem ich ausgegangen bin, nämlich zu meiner an Judit gerichteten Bemerkung über die Nutzlosigkeit, Witze vor Ohren zu machen, die sie nicht verstehen können.

Ich ging also auf ihre Entgegnung nicht ein.

»Und was war das Ende des Romans?« fragte ich.

»Er entlehnte zwanzig Franken von mir, womit er das Frühstück bezahlte, und dann zwang ihn sein zartes Gemüt de lannée trente, mein Dasein für immer aus seinem Gedächtnis zu streichen.«

»Hat er das Geld wirklich nicht zurückgegeben?« fragte ich.

»Als humoristischer Philosoph sind Sie köstlich!« rief Judit.

Judit liebt das Wort köstlich zu sehr. Sie wendet es bei allen passenden und nicht passenden Gelegenheiten an. Wir haben die reichste Sprache, die je ein Volk zusammengetragen hat, und benutzen sie, als wäre sie die ärmste. Unsern unermeßlichen Wortvorrat speichern wir zwischen den Deckeln der Wörterbücher auf und geben in unsrer Unterhaltung nur die abgenützten Kupfermünzen aus diesem Schatze heraus. Wir sind die Geizhälse in der Geschichte der Philologie. Wenn wir dann unsre Pfennige sparen und dafür die unechten Münzen des heutigen Slang ausgeben können, sind wir ebenso vergnügt, als wenn wir eines blinden Bettlers Dank für eine ihm in den Hut geworfene Spielmarke vernehmen.

Etwas Derartiges sagte ich, nachdem Judit wieder behaglich auf dem Sofa saß und ich auch das Fenster wieder geöffnet hatte, da der Bänkelsänger zum nächsten Wirtshaus weitergezogen war, so daß »der Liebe süßer Traum«, der auf mich wie ein Alpdrücken wirkte, nur noch gedämpft an mein Ohr schlug. Judit sah mich verschmitzt an, während ich am Fenster stand und die verhältnismäßig frische Luft, sowie die relative Stille genoß.

»Ich freue mich, zu sehen, daß Sie noch immer derselbe sind. Der Umgang mit der jungen Wilden aus Syrien hat Sie nicht im geringsten verändert.«

»Erstens wachsen in Syrien keine Wilden,« erwiderte ich. »Und zweitens: wie hätte sie mich ändern können?«

»Wenn jetzt in diesem Augenblick die Himmel sich vor Ihnen öffneten und ein neues Jerusalem auftauchte,« entgegnete Judit mit der ihrem Geschlecht eigenen Fähigkeit, etwas gar nicht zur Sache Gehöriges hereinzuziehen, »wären Sie imstande, eine ganz nüchterne Untersuchung über die bildliche Darstellung der Engel anzustellen.«

Ich saß auf dem Sofa und faßte sie an einem ihrer rosigen Öhrchen. Sie hat nämlich ganz reizende Ohren, und diese waren es auch, die mir damals in der römischen Pension vor allem andern ausgefallen sind ? die kleinen Ohren, das seidenweiche Blondhaar und die dunkelblauen Augen.

»Haben Sie diese eigentümliche Redeweise in Paris aufgeschnappt?« fragte ich.

Sie hatte die Dreistigkeit, zu behaupten, daß vielmehr ich ihr Vorbild sei, und daß sie finde, die Nachahmung sei ihr recht gut gelungen.

Ehe wir uns trennten, kam sie noch einmal auf Carlotta zurück.

»Bekomme ich das junge Ding nicht zu sehen?« fragte sie.

»Das hängt ganz von Ihnen ab.«

»O, mir persönlich ist die Sache vollständig gleichgültig, lieber Markus,« entgegnete sie mit einem hochmütigen Ausdruck, hinter dem die Frauen ihre unmäßige Neugier zu verbergen pflegen.

»Dann sehe ich nicht ein, warum Sie sie kennen lernen sollten,« erwiderte ich etwas boshaft.

»Ich würde ihr schon auf die Schliche kommen, und Sie dann darauf aufmerksam machen.«

»Worauf?«

Sie zuckte die Schultern, als ob es sich nicht lohnte, an einen solch dummen Menschen wie mich noch mehr Worte zu verschwenden.

»Bringen Sie sie einmal nachmittags zu mir,« sagte sie dann.

Habe ich klug daran getan, Judit mein Erlebnis zu beichten? Warum gebrauche ich das Wort »beichten«? Bin ich nicht weit davon entfernt, eine Schlechtigkeit begangen zu haben? Ich bilde mir im Gegenteil ein, einen Beweis musterhafter Nächstenliebe gegeben zu haben. Verlangte mich etwa nach einer jungen Wilden aus Syrien, die mein streng geregeltes Leben über den Haufen werfen würde? Judit macht sich das gar nicht klar. Es schwante mir ja wohl, daß sie dem armen Mädchen nicht ohne Vorurteil begegnen werde. Und diese Ahnung hat sich bestätigt. Hätte ich nur den Mund gehalten! Da sich Judit aus einem nur ihr bekannten weiblichen Grund beständig geweigert hat, auch nur einen Fuß in mein Haus zu setzen, hätte ihr Carlottas Dasein für immer verborgen bleiben können. Und warum auch nicht? Die Tatsache, daß das Mädchen mein Pflegekind ist, ändert an dem Markus Ordeyne, der mit Judit verkehrt, kein Jota. Dieser Gedanke ist geradezu absurd. Ach, wäre ich doch vorher klug gewesen! Dann hätte ich mir viel Ärger erspart.

Ich bekam einen Brief von meiner Tante Jessica mit einer Eintrittskarte zu einem Kostümball in den Empreßrooms. Das abgeschmackte Frauenzimmer!

»Komm gewiß! Es ist gar nicht recht von einem jungen Mann, ein Leben wie ein siebzigjähriger Einsiedler zu führen. Die Saison in London ist auf ihrem Höhepunkt, und du bist gewiß noch nicht zehnmal in Gesellschaft gewesen, obgleich dir mehr als hundert der besten Häuser offen stehen.« ? Wie mir der Ausdruck »die besten Häuser« zuwider ist! Wie viel oberflächliches und unwahres Wesen macht sich da breit! Wenn ich Zerstreuung haben wollte, würde ich lieber an einem »Mütterabend« teilnehmen oder ein ernstes englisches Drama sehen. ? O, ich kenne diese besten Häuser! Ob ich den und den Roman gelesen habe? Ob ich zum Ball bei Mrs. Dingsda gehe? Ob ich im Park reite? Ob ich den jungen Springinsfeld bei den Leibhusaren kenne, der die Lady Betty Soundso heiratet? Was ich von der Akademie halte? Als ob man betreffs der Akademie etwas anderes empfinden könnte, als Bedauern über die Verschwendung frischer Farben ? »Du mußt aufgerüttelt werden,« fährt meine Tante fort. Dummes Weib! Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, ist es das Aufgerütteltwerden. »Komm und iß mit uns (um halb acht Uhr) im Kostüm. Ich verspreche dir einen entzückenden Abend. Und bedenke, wie stolz die Mädchen sein werden, ihren beau cousin vorstellen zu können!« Et patiti et patita! Wieder werde ich daran erinnert, daß ich das alles meiner Stellung, meinem Rang verdanke. Gott bewahre mich! Mich wie ein Scheurenpurzler in einer Jahrmarktsbude herausputzen und in verpesteter Luft mit einer Menge unbekannter und uninteressanter junger weiblicher Wesen herumhüpfen! Das wäre die richtige Art, die Verpflichtungen der Baronswürde zu erfüllen, die der Fürst des Landes meinem Urgroßvater und nach ihm seinen Nachfolgern mit diesem Titel und Rang auferlegt hat. Da fällt mir ein, daß dieser Fürst der Prinzregent war, und daß mein Ahne ihm einst in Brighton allerlei Dienste leistete. Am Ende liegt doch eine bittere Ironie der Wahrheit in Tante Jessicas Vorschlag!

Und ein » beau cousin« wäre ich sicher! In welchem Kostüm ich ihrer Meinung nach wohl erscheinen sollte? Als Musketier? Oder als Troubadour in Pluderhosen, in einem blauen Atlasmantel, in langen weißseidenen Strümpfen und Schnallenschuhen? Mit einem griechischen Helm auf dem Kopf, wie Mr. Snodgraß auf Mrs. Leo Hunters fête champêtre?

Wenn ich nur ergründen könnte, warum Tante Jessica mich in ihr gesellschaftliches Jahrmarktgetriebe hineinziehen will? Sollten die armen Mädchen keine besseren Tänzer zu erwarten haben als mich? Dann sei ihnen der Himmel gnädig!

Erst vor vierzehn Tagen bin ich mit ihnen nach Hurlingham gefahren. Meine Tante und Gwendolin verschwanden auf unerklärliche Weise mit einem andern Herrn und ließen mich in einem kleinen Zelt als Doras Beschützer zurück. Anderthalb Stunden lang genoß ich die unverdünnte Dora. Die Dosis war zu stark und verursachte mir Kopfweh. Da ziehe ich die unverdünnte Carlotta vor.

Achtes Kapitel

5. Juli.

Ich nahm das Gabelfrühstück zu Hause ein und las nachher mit dem Schlaf kämpfend am offenen Fenster bis vier Uhr. Dann aber verlockte mich der herrliche Tag zum Ausgehen. Wohin? Ich dachte an Judit und die Hampsteader Heide; ich dachte auch an Carlotta und den Hyde Park. Das Gebrüll der ihr Vesper heischenden Löwen drang durch die stille Luft zu mir herüber, doch widerstand ich der großen Versuchung, allein mit meinen Gedanken in dem naheliegenden Zoologischen Garten spazieren zu gehen. »Nein, ich darf nicht vergessen,« sagte ich mir, »daß ich für Carlottas Erziehung verantwortlich bin, für die Tiere oder für Judit aber in keinerlei Weise.«

Wenn Judit und ich irgendwelche bestimmten Ansprüche aneinander stellten, ginge der ganze Reiz unsres Verhältnisses verloren.

So entschloß ich mich denn, Carlotta zu ihrer Ausbildung mit in den Park zu nehmen. Da würde sie sehen, wie sich wohlerzogene englische Damen im Freien benehmen; der Spaziergang konnte als Anstandsstunde für sie gelten.

Ich verachte die gesellschaftlichen Formen durchaus nicht, im Gegenteil, ich beobachte sie bis zu dem Punkt, wo sie als geoffenbarte Religion behandelt werden wollen. Mein Nachbar und ich einigen uns zum Beispiel über gewisse Gesetze des Benehmens, die uns beide in Stand setzen, ohne gegenseitiges Ärgernis miteinander zu verkehren. Ich willige ein, mein Taschentuch an die Nase zu halten, wenn ich in seiner Gegenwart niese, und er verpflichtet sich, seine schmutzigen Stiefel nicht an meinem Sofa abzuwischen. Um seine Frau nicht zu beleidigen, verspreche ich, meine abscheuliche Sittenlosigkeit vor ihren Augen zu verbergen, und um mir meine Ehelosigkeit nicht noch zu erschweren, verpflichtet er sich, diese seine Frau in meiner Gegenwart weder zu schlagen, noch zu küssen. Ich gehe darauf ein, wenn er mich einlädt, in einem despotisch vorgeschriebenen Anzug zu erscheinen: dadurch gebe ich mir das Gepräge einer gewissen Gesellschaftsklasse, und seine Gäste verkehren ohne weiteres mit mir; er aber gibt mir eine gut gekochte Mahlzeit, die mir mit dem geringsten Grad von Unbequemlichkeit für mich selbst präsentiert wird. Viele rühmen sich ihrer »Erhabenheit über die gesellschaftlichen Formen«, wie sie es zu nennen belieben; in Wirklichkeit aber schaffen sie sich nur einen Deckmantel für ihre Mißachtung der Gefühle und Ansichten andrer. Unter Bohème verbirgt sich nur zu oft Trägheit, Nachlässigkeit und Mittelmäßigkeit.

Ein korrektes gesellschaftliches Benehmen ist nur eine Frage der Erziehung. Deshalb möchte ich Carlottas »Gemüt« ? aus Mangel an einer näheren Begriffsbestimmung nenne ich es so ? etwas wie gesellschaftliche Bildung beibringen, das wird mir künftighin viel Ärger ersparen.

Carlotta wurde also gerufen.

»Carlotta,« begann ich, »ich will mit dir in den Hyde Park gehen und dir die vornehme englische Gesellschaft zeigen, die dort ihre elegantesten Toiletten und ihr feinstes Benehmen zur Schau trägt. Das mußt du auch tun.«

»Meinen besten Anzug?« rief Carlotta mit strahlendem Gesicht.

»Ja, deinen allerbesten. Beeile dich nur!« ermahnte ich sie lächelnd.

Rasch lief sie aus dem Zimmer, und in unglaublich kurzer Zeit erschien sie, ohne im mindesten zu erröten, mit nacktem Hals und nackten Armen in dem Gesellschaftskleid, das ihr am letzten Samstag so großes Entsetzen eingeflößt hatte.

Ich sprang jäh auf. Sie sah überraschend hübsch aus, ja, auffallend schön! Es fiel mir ordentlich schwer, ihr zu sagen, sie müsse das Kleid wieder ausziehen.

»Ist es nicht recht?« fragte sie, indem sie ein Mäulchen machte.

»Nein, ganz und gar nicht,« antwortete ich. »Die Leute würden sich entsetzen.«

»Aber am Samstag abend ...« fing sie an.

»Ich weiß, Kind,« unterbrach ich sie. »In einer Gesellschaft mußt du abends halbnackt herumlaufen, sonst giltst du kaum für ein anständiges junges Mädchen, aber bei Tag würde man das für gräßlich unanständig halten. Doch das werde ich dir ein andermal näher erklären.«

»Ich werde es nie begreifen!« sagte Carlotta.

An ihren Augenwimpern hingen zwei große Tränen, die beide zu gleicher Zeit über ihre Wangen herabrollten.

»Aber worüber weinst du denn nur?« rief ich entsetzt.

»Du bist nicht mit mir zufrieden,« antwortete sie schluchzend.

Die beiden Tränen fielen wie Regentropfen auf ihre Brust herab, und wie das Bild des heftigsten Kummers stand sie vor mir. Da tat ich etwas recht Törichtes.

Im Schaufenster eines Juweliers hatte ich vorige Woche eine sehr hübsche kleine goldene Brosche gesehen, die ich in der Absicht kaufte, sie bei Gelegenheit Carlotta als Belohnung für besonders gutes Betragen zu schenken. Jetzt nahm ich, um ihr zu beweisen, daß ich keineswegs ärgerlich über sie sei, die Spielerei aus meiner Schreibtischschublade heraus und legte sie ihr in die Hand.

»Ich bin so zufrieden mit dir, Carlotta,« sagte ich, »daß ich dir das gekauft habe.«

Noch ehe ich ausgesprochen hatte, und ehe ich wußte, was sie wollte, schlang sie die Arme um meinen Hals und herzte mich, gerade wie Kinder ihre Eltern liebkosen.

Noch niemals in meinem ganzen Leben habe ich eine so seltsame Empfindung gehabt, als in dem Augenblick, wo Carlottas kühle junge Arme mein Gesicht berührten, und ich den Veilchenduft einatmete, der von ihr ausströmte. Aber rasch entzog ich mich ihrer unziemlichen Dankesbezeigung.

»Das darfst du nicht tun,« sagte ich strenge. »In England dürfen junge Mädchen nur ihre Großväter umarmen.«

Carlotta riß die Augen weit auf, runzelte die Stirne wie ein Foxterrier und sah mich starr an.

»Aber du bist doch so gut gegen mich, Siir Markuus,« sagte sie schließlich.

»Hoffentlich sind noch viele Leute gut gegen dich, Carlotta,« entgegnete ich. »Wenn du aber fortfährst, deiner Anerkennung auf diese Weise Ausdruck zu geben, wirst du falsch beurteilt werden.«

Ich hatte meine Gemütsbewegung schon überwunden und lachte erleichtert auf. Aber Carlotta sah mich noch immer von der Seite an, und um ihre Lippen schwebte ein ebenso unergründliches Lächeln, wie um die der Monna Lisa.

»Wie wäre das, wenn sie mich falsch beurteilten?«

»Sie würden dich für ein gewissenloses Geschöpf halten,« entgegnete ich mit ernstem Blick.

»Hu!« rief Carlotta lachend und rannte plötzlich aus dem Zimmer.

Einen Augenblick später öffnete sich die Tür wieder; Carlotta trat ein, kam auf mich zu und zupfte mich am Ärmel.

»Komm und zeige mir, was ich anziehen soll, damit ich dir gefalle.«

Ich klingelte Antoinette und gab ihr die nötigen Anweisungen.

Mein Gott, das nächste Mal wird sie mich als Kammerjungfer benützen wollen! Carlotta gegenüber muß ich meine Würde wahren.

Der herrliche Nachmittag hatte eine Menge Menschen in den Park gelockt, und die freien Plätze waren gedrängt voll. Als wir an einem Kreuzweg ein Paar leere Stühle fanden, setzten wir uns und betrachteten nun die auf- und abwogende elegante Welt. Carlotta war seelenvergnügt und stellte unermüdlich Fragen. Woran ich sehen könne, ob eine Dame verheiratet oder ledig sei? Ob alle Damen Korsette trügen? Warum alle so glücklich aussähen? Ob ich den alten Herrn dort drüben für den Gatten des neben ihm stehenden jungen Mädchens hielte? Wovon wohl alle diese Leute sprächen? Ob ich nicht auch einmal mit ihr in einem so schönen Wagen spazieren fahren würde? Warum ich keinen Wagen hätte? Dann versank sie plötzlich in tiefes Sinnen, aber schon nach wenigen Augenblicken rief sie wie inspiriert: »Siir Markuus, ist dies der Heiratsmarkt?«

»Der ? was?« stieß ich heraus.

»Der Heiratsmarkt? Gestern habe ich in einem Buch davon gelesen. Ich mußte Miß Griggs daraus vorlesen ? von Tack? Thack?«

»Thackeray.«

»Ja?a. Dort werden junge Mädchen an die Männer verkauft, die Frauen wollen ?« Mit einer leisen, erschreckten Bewegung rückte sie ein wenig von mir weg. »Du bist doch nicht mit mir hergekommen, um mich zu verkaufen?«

»Was meinst du wohl, daß du wert seiest?« fragte ich sarkastisch.

Sie streckte ihre beiden offenen Hände aus und ließ dabei ihren Sonnenschirm auf das Hündchen ihrer Nachbarin fallen, daß der Köter zu kläffen begann.

»O viel, viel!« sagte sie in ihrer freimütigen Art. »Ich bin ja so schön!«

Ich hob den Sonnenschirm auf, verbeugte mich entschuldigend vor der Herrin des getroffenen Tieres und wandte mich wieder an Carlotta.

»Hör einmal, liebes Kind, du siehst allerdings ganz nett aus, aber eine Schönheit bist du keineswegs. Wenn ich dich hier verkaufen wollte, bekäme ich vielleicht eine halbe Krone für dich.«

»Zwei Schilling und six pence?« fragte die alles wörtlich nehmende Carlotta.

»Genau so viel. Aber in Wirklichkeit würde dich gar niemand kaufen. Dies hier ist kein Heiratsmarkt. Es gibt überhaupt keinen Heiratsmarkt. Englische Eltern verkaufen ihre Töchter nicht um Geld, das wäre abscheulich und unmöglich.«

»Dann war alles erlogen, was ich in dem Buche gelesen habe?«

»Erlogen von A bis Z,« sagte ich.

Der geniale Schatten des großen Satirikers wird mir hoffentlich diese Blasphemie verziehen haben!

»Warum druckt man Lügen in die Bücher?«

»Um die Wahrheit nachdrücklicher zu machen, damit sie die Oberhand gewinne.«

Das war eine zu harte Nuß für Carlotta. Sie schwieg einen Augenblick, um dann ganz betrübt zu dem zurückzukehren, was sie verstand.

»Ich hielt mich für schön,« sagte sie.

»Wer hat dir das weisgemacht?«

»Pasquale.«

»Pasquale hat keine Ahnung!« erwiderte ich. »Manche Männer halten alle Frauen, die nicht siebzig Jahre alt, zahnlos und triefäugig sind, für schön. Pasquale sagt das zu jedem weiblichen Wesen, mit dem er zusammenkommt. Er ist ein Lothario, ein Don Juan, ein Caligula, ein Faublas und ein Casanova.«

»Und er erzählt auch Lügen?«

»O ja, zahllose. Er hat mit Beelzebub, dem Vater der Lügen, einen Kontrakt für hundert Gros per Tag abgeschlossen.«

»Pasquale ist sehr nett, und er bringt mich zum Lachen, und ich habe ihn gern,« erklärte Carlotta.

»Das tut mir sehr leid,« erwiderte ich.

Das Hündchen, das an Carlottas Röcken herumgeschnuppert hatte, sprang ihr jetzt plötzlich auf den Schoß; doch mit einer raschen Handbewegung stieß sie das arme Geschöpfchen weit weg, als wenn es ein widerliches Insekt wäre.

»Carlotta!« rief ich ärgerlich, indem ich von meinem Stuhl aufsprang.

Die Damen, denen der Hund gehörte, eilten zu ihrem winselnden Liebling hin, und ihre erstaunten Blicke richteten sich durchbohrend auf Carlotta. Als sie dann den Hund aufhoben, hing eine Pfote jämmerlich herab. Carlotta stand auf, aber eigentlich nur, weil sie sah, daß ich ärgerlich war. Ich zog den Hut und sagte: »Es tut mir unendlich leid. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich den Vorfall bedaure. Hoffentlich ist das Hündchen nicht ernstlich verletzt? Mein Mündel, für die ich vielmals um Verzeihung bitte, ist Muhammedanerin, und für sie sind alle Hunde unrein. Bitte, schreiben Sie das Geschehene religiösen Motiven zu.«

Die Jüngere der Damen, die die Pfote untersucht hatte, sah lächelnd auf.

»Ihrem Mündel ist alles verziehen. Punch sollte nicht auf den Schoß fremder Damen springen, ob sie Muhammedanerinnen sind oder nicht. O, er ist mehr erschrocken als verletzt. Und ich,« fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu, »bin mehr verletzt als erschrocken, weil Sir Markus Ordeyne mich nicht mehr erkennt.«

Carlotta hätte also beinahe den Hund einer meiner Bekannten umgebracht, die ich leider nicht wiedererkannt hatte.

»Jetzt erkenne ich Sie aber,« sagte ich heuchlerisch. (Ich habe mich heute offenbar durch dick und dünn hindurchgelogen.) »Aber in der Bestürzung über den Unfall ?«

»Vorigen Winter waren Sie einmal mein Tischnachbar. Es war in Mrs. Ordeynes Hause, beim Gabelfrühstück,« unterbrach mich die Dame. »Sie unterhielten mich mit transzendentaler Mathematik.«

Jetzt erinnerte ich mich wirklich. »Und dieses Verbrechen hat mir seither schwer auf dem Gewissen gelegen.«

»Davon glaube ich kein Wort,« erwiderte sie lachend und entließ mich mit einer Verbeugung, worauf ich den Hut zog und wieder zu Carlotta trat.

Die Dame war Miß Gascoigne, eine kokette Busenfreundin meiner Tante Jessica. Und dieser unzuverlässigen jungen Dame hatte ich offen eingestanden, daß ich der Vormund einer schönen Muhammedanerin sei, deren religiöse Begriffe sie dazu brächten, Hunde umzubringen. Nun, von Tante Jessica werde ich etwas zu hören bekommen!

Schweigend ging ich mit Carlotta fort.

»Du bist böse auf mich,« sagte sie schluchzend.

»Jawohl, das bin ich. Du hättest das arme kleine Tier töten können. Es war sehr unartig und grausam von dir.«

Mitten auf der Promenade brach Carlotta in helles Weinen aus. Jetzt tropften die Tränen nicht so romantisch aus ihren Augen wie vor einer Stunde ? nein, jetzt war es eine wahre Tränenflut, ein wirklich herzbrechendes Kinderweinen mit fleißiger Benutzung des Taschentuchs.

Die in der Nähe sitzenden Damen betrachteten das weinende Mädchen durch ihre Lorgnetten. Vorübergehende drehten sich um und starrten ihr nach, ja, die ganze feingekleidete Menge schien nur ein einziger belustigter Blick zu sein. Im nächsten Augenblick fühlte ich, daß mir tadelnde Blicke zugeworfen wurden, die mich, so klar als nur Augen sprechen können, einen schlechten Kerl nannten, weil ich das arme junge Geschöpf, das auf Gnade und Ungnade in meiner Gewalt war, so öffentlich zum Weinen gebracht hatte. Für einen gleichmütigen Philosophen war das wahrlich eine reizende Lage. Stumpfsinnig schritten wir weiter; ich sah erregt vor mich hin, Carlotta weinte. Durch die Tücke des Schicksals war nirgend ein leerer Stuhl zu sehen, dagegen ungewöhnlich viele Leute. Ich hatte die Genugtuung, einen jungen Fant zu einem Mädchen sagen zu hören: »Der? Das ist Ordeyne ? der die Baronie geerbt hat ? verrückt wie ein Dingohund.«

Ich machte mich ja auf nette Art bekannt!

»Ums Himmels willen, hör doch auf zu weinen!« sagte ich. Plötzlich tauchte die Erinnerung an meine weit zurückliegende Kindheit vor meiner Seele auf, und ich fügte grimmig hinzu: »Wenn du nicht aufhörst, übergebe ich dich dem nächsten besten Schutzmann.«

Die Wirkung war wunderbar. Carlotta sah mich erschrocken an, schnappte nach Luft, ließ ihren Schleier wieder herunter, den sie zum Trocknen ihrer Tränen hinaufgeschlagen hatte, und verstopfte sogleich die Quelle ihrer Tränen.

»Einem Schutzmann?«

»Jawohl,« sagte ich, »einem großen, breiten, garstigen Schutzmann, der die Leute, die sich nicht gut aufführen, ins Gefängnis sperrt, ihnen ihre Kleider wegnimmt, das Haar abschneidet und ihnen nur Wasser und Brot vorsetzt.«

»Ich will nicht mehr weinen,« sagte sie, und unterdrückte ein Schluchzen. »Ist es böse, wenn man weint?«

»Jede von diesen Damen hier würde lieber an Magenweh sterben oder in ihrem zu fest geschnürten Korsett ersticken,« erwiderte ich ernst. »Komm, wir wollen uns dort drüben einen Sitz suchen.«

Wir stiegen nun über die niedrige eiserne Einfriedigung, drückten uns durch die zwei vorderen Menschenreihen hindurch und fanden ganz hinten, wo es leerer war, einige freie Stühle.

»Ist Siir Markuus noch immer böse auf mich?« fragte Carlotta, und der natürliche Klageton in ihrer Stimme hätte sogar die Büste Neros erweicht. Ich hielt ihr eine Vorlesung über Tierquälerei. Der Gedanke, daß man verpflichtet sei, auch gegen die niedere Kreatur freundlich zu sein, war ihr vollständig neu.

»Wenn nun der Hund alle seine Beine und Rippen gebrochen hätte ? wäre dir das nicht sehr zu Herzen gegangen?« fragte ich.

Sie verneinte es freimütig. Es sei ein häßlicher kleiner Hund gewesen, und wenn sie ihm recht weh getan hätte, um so besser. Was es denn schade, wenn ein Hund verletzt würde? Es tue ihr zwar jetzt leid, daß sie ihn weggeschleudert habe, weil er meinen Freunden gehöre und ich deswegen böse auf sie sei.

Natürlich war ich über diese gedankenlose Grausamkeit ihres Betragens empört, aber an meinem Zorn war doch auch die Angst vor dem öffentlichen Skandal schuld, sowie die Entdeckung, daß die Eigentümerin des malträtierten Geschöpfes mich kannte. Das ist ja gerade das traurige Schicksal der Erzieher der Jugend, daß sie sich heuchlerischerweise immer nur die erhabensten Beweggründe zuschreiben dürfen. Ich sprach mit Carlotta wie der gute Vater in »Robinson Hurtig« und förderte dabei so edle Gefühle zu Tage, daß ich schon nach einer Viertelstunde in den geborgten Federn von Tugend und Stolz glänzte. Wahrlich, ich hätte eine Schnecke an meine Brust drücken und eine Klapperschlange anreden mögen, wie Onkel Tobias einst die Fliege. Ich möchte wissen, ob es den Geistlichen nicht durch ein derartiges Verfahren gelingt, gut zu bleiben!

Die beruhigende Wärme bewußten Verdienstes versetzte mich wieder in gute Laune, und als sich Carlottas Hand in die meinige stahl und das Kind mich fragte, ob ich ihm verziehen hätte, erklärte ich großmütig, es sei alles vergeben und vergessen.

»Nur mußt du dir die Tränen abgewöhnen,« fügte ich noch hinzu. »Ein Weiser, namens Burton, sagt in seiner ?Anatomie der Schwermut? ? übrigens ein schönes Buch, das ich dir, wenn du sechzig Jahre alt bist, zum Lesen geben will ?: Eine weinende Frau muß so hoch eingeschätzt werden wie eine barfußgehende Gans.«

»Das war ein häßlicher alter Mann,« sagte Carlotta. »Die Frauen weinen, weil sie sich unglücklich fühlen. Die Männer sind nie unglücklich, deshalb weinen sie auch nie. Meine Mama hat immer geweint in Alexandretta ? aber Hamdi!« ? sie brach in ein hinreißendes trillerndes Lachen aus ? »du könntest eher eine Gans in Schuhen und Strümpfen herumgehen sehen, wie den gestiefelten Kater im Märchen, als Hamdi weinen! Hu!«

Eine halbe Stunde später beim Heimfahren brach Carlotta ein ziemlich langes Schweigen, das sie augenscheinlich zum Nachdenken angewendet hatte:

»Siir Markuus!«

»Ja?«

Wenn sie sich besonders einschmeicheln will, schmiegt sie sich wie ein zärtliches Kind an einen an.

»Als ich am Samstag mit dir essen durfte, das war so nett!«

»Wirklich?«

»O ja?a. Wann läßt du mich wieder mit dir essen, um mir zu zeigen, daß du mir verziehen hast?«

In einem Viktoriawagen läßt sich die oben erwähnte Art des Einschmeichelns besonders leicht ausführen.

»Heute abend darfst du mit mir essen,« sagte ich. Da zwitscherte Carlotta vor lauter Vergnügen.

Ich bemerke, daß sie nach und nach abendländisch wird.

 

8. Juli.

Auf eine sehr energische Aufforderung von Judit hin nahm ich Carlotta heute nachmittag mit nach Tottenham Mansions. Zuerst reichte ich der Dame des Hauses die Hand, dann drehte ich mich um und sagte: »Hier, liebe Judit, bringe ich Ihnen Carlotta.«

»Ich freue mich sehr, Sie zu sehen,« sagte Judit.

»Ich auch,« erwiderte Carlotta, die in der Höflichkeit nicht zurückstehen wollte.

Ganz korrekt, steif und bolzgerade saß die Kleine auf der Kante ihres Stuhls und gab auf Judits Fragen lauter einsilbige Antworten. Wenn sie in einem französischen Kloster erzogen worden wäre, hätte ihr Betragen nicht tadelloser sein können. Aber kurz vorher, ehe wir bei Judit eintrafen, hatte sie sich vor Lachen ausschütten wollen, weil ich ihr befohlen hatte, einen ganzen Klumpen gräßlicher Bonbons auszuspucken, den sie nicht kauen konnte und den ich ihr aus ihre Bitte mit meinen Fingern aus dem Mund nehmen sollte. Jetzt aber war Sainte Nitouche im Vergleich zu Carlotta eine Mänade. Judits fruchtlose Versuche, hinter diese Mauer von Zurückhaltung zu dringen, machten mir Spaß. Carlotta sagte zu allem »O ja?a« oder »o nei?n«. Eine bedeutende Unterhaltung wurde daraus allerdings nicht. Da aber Judits Interesse sich hauptsächlich auf Carlotta beschränkte, so hielt ich mich zurück. Endlich, nach einer Pause in dem abgehackten Gespräch, sagte Carlotta sehr höflich: »Mrs. Mainwaring hat ein schönes Haus.«

»Es ist nur eine kleine Wohnung. Möchten Sie sie sehen?« fragte Judit lebhaft und warf mir einen Blick zu, der deutlich sagte: »Sei ganz überzeugt, wenn ich sie erst für mich allein habe, werde ich sie schon ergründen.«

»Ich möchte es sehr gern,« sagte Carlotta und stand sogleich auf.

Ich öffnete den beiden die Tür und zündete mir dann eine Zigarette an. Als die Damen nach etwa zehn Minuten wieder erschienen, lächelte Carlotta höchst befriedigt, Judits Wangen aber waren stark gerötet.

Bei ihrem Anblick stieg ein sonderbares, mir bis jetzt ganz unbekanntes Gefühl des Mitleids in meinem Herzen auf, und ich kann diesen Eindruck nicht wieder loswerden. Ich sehe die beiden ? Judit und Carlotta ? immerfort nebeneinander stehen ? ein erbarmungswürdiger Gegensatz. Vom Fenster her schien das volle Licht auf die beiden Gestalten, und der dunkle Türvorhang bildete einen wirkungsvollen Hintergrund. Die eine prunkte in dem strahlenden Übermut der Jugend, in Gesundheit, Frische, Schönheit, eine eben zu voller Pracht entfaltete Blüte! Der andern aber war der Stempel der Sorge, der Erfahrung, die so viel Kummer mit sich bringt, aufgedrückt, und in ihren Augen wohnten die Gespenster entschwundener Jahre! Ja, Judit selbst sah aus wie ein Gespenst; sie trug ein weißes Pikeekleid, das an und für sich schon die Farbe von ihrem bleichen Gesicht, von ihren blassen Lippen und von der hellen lichtblonden Haarfülle gleichsam aufsaugte ? in dieser tiefen Blässe, die durch die roten Flecken auf ihren Wangen und durch ihre dunkelblauen Augen noch mehr hervorgehoben wurde, sah sie wirklich wie ein Geist aus.

Ich sah deutlich, sie hatte sich über irgend etwas geärgert.

»Ehe wir gehen,« sagte ich, »möchte ich noch etwas mit Ihnen besprechen. Carlotta wird wohl nichts dagegen haben.«

So traten wir denn ins Eßzimmer und ich ergriff Judits Hand, die trotz der Julihitze eiskalt war.

»Nun, meine Liebe,« fragte ich, »wie gefällt Ihnen meine junge Wilde aus Kleinasien?«

Judit lachte ? es war kein natürliches Lachen.

»Ist das alles, was Sie mir sagen wollten?«

Sie entzog mir ihre Hand und ordnete vor dem Spiegel über dem Kamin ihr Haar.

»Ich halte sie für ein sehr unbedeutendes junges Mädchen. Ja, ich bin enttäuscht. Da hatte ich nun etwas Originelles erwartet und mich darauf gefreut. Statt dessen ? wirklich, lieber Markus, sie ist bête à faire pleurer ? zum Weinen dumm!«

»Weinen kann sie allerdings.«

»O wirklich!« sagte Judit, wie wenn ihr bei diesem Ausspruch ein Licht über Carlottas Charakter aufgegangen wäre. »Und wenn sie weint, sind Sie selbstverständlich nach Männerart wie Butter an der Sonne und lassen ihr den Willen?«

Judit lachte von neuem.

»O, Judit. Sie haben keine Ahnung von der guten Disziplin, die in Lingfield-Terrace herrscht!«

Mit jenem verblüffenden Umschwung ihrer Stimmung, der ihr eigen ist, wandte sich Judit jetzt plötzlich zu mir und hielt mich an den Rockaufschlägen fest.

»Lieber Markus, die ganze Woche bin ich schrecklich einsam gewesen. Wann besuchen Sie mich wieder?«

»Wenn es Ihnen paßt, können wir den ganzen Sonntag miteinander auf dem Lande zubringen,« sagte ich.

Als ich mit Carlotta die Treppe hinabging, fiel mir ein, daß mir Judit die Ursache ihrer glühenden Wangen nicht mitgeteilt hatte.

»Ich habe sie gern,« sagte Carlotta. »Sie ist eine nette alte Dame.«

»Alte Dame! Aber um alles, was sagst du da? Sie ist doch eine junge Frau!« Ich war wirklich erschrocken.

»Puh!« sagte Carlotta. »Sie ist vierzig Jahre alt.«

»Durchaus nicht!« rief ich. »Sie ist viel jünger als ich.«

»Sie wollte es mir nicht sagen.«

»Hast du sie denn gefragt, wie alt sie sei?«

»O ja?a,« antwortete Carlotta. »Ich bin sehr höflich gewesen. Zuerst habe ich sie gefragt, ob sie verheiratet sei. Sie sagte ja. Dann habe ich gefragt, wo ihr Mann sei. Sie wisse es nicht, hat sie darauf gesagt. Das war komisch. Warum weiß sie es nicht, Siir Markuus?«

»Laß das,« sagte ich, »und erzähle weiter, wie höflich du warst.«

»Ich habe gefragt, wie viele Kinder sie habe. Sie sagte: ?Gar keine.? Ich habe gesagt, das sei schade. Und dann habe ich gesagt: ?Ich bin achtzehn Jahre alt, und ich will ganz bald heiraten und Kinder bekommen. Wie alt sind Sie?? Aber das wollte sie mir nicht sagen. Ich habe gesagt: ?Sie müssen so alt sein, wie meine Mama wäre, wenn sie noch lebte!? Dann habe ich noch allerlei gesagt über ihren Mann, was ich vergessen habe. O, ich bin sehr höflich gewesen.«

In Erwartung eines Lobes lächelte Carlotta mich an. Ich war entsetzt, unterdrückte aber einen Verweis, als ich mir klarmachte, daß Carlotta nach der Etikette eines Harems wirklich sehr höflich gewesen war.

Aber meine arme Judit! Jede dieser harmlosen Fragen muß sie getroffen haben, wie ein Messerstich eine empfindliche Stelle. Ihr jetziger Gatte ? ein bildschöner Schurke ? hatte sie zur Scheidung von ihrem ersten Manne vermocht, sie dann geheiratet, um sie nach zwei unglücklichen Jahren ganz gebrochen zu verlassen. Kinder? Durch Kinder würde sich ihr Leben freundlich gestaltet haben! Wußte ich doch, wie sehr sie sich darnach gesehnt hatte! Ihr Alter? Nur die ganz glücklich verheiratete Frau schlägt den herannahenden »Vierzig« ein Schnippchen; aber auch sie tut es nur, um sich mit der leidigen Tatsache zu brüsten. Und da sagt der lachende Jugendübermut: »Ich bin achtzehn ? wie alt bist du?«

Meine arme Judit! Auf dem Heimweg versuchte ich, Carlotta noch einmal den Unterschied zwischen dem Morgen- und Abendland klarzumachen.

»Siir Markuus,« sagte Carlotta heute abend beim Essen ? ich habe nämlich beschlossen, sie jetzt regelmäßig mit mir essen zu lassen, denn ich betrachte es als eine ganz angenehme Abwechslung, wenn ich ihr hübsches Gesicht vor mir habe und ihr unermüdliches Geplauder höre, ihr Geplauder, das ich, wie wir zu Carlottas großem Entzücken ausgemacht haben, durch ein Reiben meiner etwas hervorragenden Nase in den Grenzen des Schicklichen halte, um während Stensons Anwesenheit kein Ärgernis zu erregen. ? »Siir Markuus, warum hat Mrs. Mainwaring dein Bild in ihrem Schlafzimmer?«

Wie gut, daß Stenson in diesem Augenblick nicht im Zimmer war! Seine Abwesenheit rettete meinen Gesichtsvorsprung vor dem Geschundenwerden. Meine Erklärung lautete, in England sei es bei den Damen Sitte, die Bilder ihrer Freunde zu sammeln und sie zu Dekorationszwecken zu verwenden.

»Aber das Bild von dir ist so groß,« sagte Carlotta, indem sie ihre Arme übertrieben weit auseinanderstreckte.

»Ach,« antwortete ich, »das kommt nur daher, daß ich so schön bin.«

Carlotta lachte laut auf. Die unsägliche Komik dieses Witzes verleitete sie auch während der übrigen Mahlzeit zu so vielen lustigen Bemerkungen, daß sie ihre ursprüngliche taktlose Frage glücklich darüber vergaß.

Neuntes Kapitel

10. Juli.

Judit und ich verbrachten den festgesetzten Tag miteinander auf dem Lande. Wir kannten eine Haltestelle an einer gewissen Eisenbahnlinie, etwa anderthalb Stunden von der Stadt entfernt. Dort steigt man aus, bestellt sich im Dorfwirtshaus Schinken und Eier und begibt sich hierauf auf eine einsame Wiese mit großen einladenden Heuhaufen und hat dann Gelegenheit, auf waldigen Weiden alle diese Vergnügungen mit dem Rindvieh wiederzukäuen. Judit hat eine wahre Leidenschaft für Schinken, Eier und Heuhaufen. Mein eigenes Entzücken über alle diese Herrlichkeiten wird durch meine philosophische Gemütsruhe etwas gemildert.

Judit trug ein vergißmeinnichtblaues Waschkleid, das ihr zu ihrem blassen Teint gut stand und sah ganz hübsch aus. Als ich ihr das sagte, errötete sie wie ein junges Mädchen, und ich war froh, sie wieder bei guter Laune zu sehen. In den letzten Monaten war ihre Stimmung oft recht wechselnd gewesen, und das hatte die ruhige Oberfläche unsres Zusammenseins des öfteren getrübt. Aber heute zeigte sich auch nicht die Spur von »Temperament«. Sie war ganz die alte liebenswürdige, witzige Judit, wie ich sie von jeher am liebsten hatte, mit einem auf ihre eigene Rechnung hinzugefügten Anflug von Koketterie. Sogar von Carlotta sprach sie in freundlichem Ton. Schon lange habe ich keinen so genußreichen Tag mehr mit Judit verlebt.

Ich glaube nicht, daß sie mir mit Überlegung zu gefallen suchte, was ich ihr auch übelnehmen würde. Es gibt allerdings Frauen, die, nur um einem nichtsahnenden Manne zu gefallen, mit Blasen an den Füßen und einem engelhaften Lächeln auf dem Antlitz stundenlang neben ihm hergehen würden. Aber für so etwas ist Judit viel zu verständig.

Besonders angenehm war mir an diesem unserm Ausflug, daß Judit alle sentimentalen Anspielungen, zu denen sie in letzter Zeit und seit ihrer Rückkehr von Paris in verstärktem Maß geneigt war, vollständig unterließ. Dieser eitle Zeitvertreib, denn das ist es in der Tat, ist durch geistige Interessen verdrängt worden. Einer ihrer besten Freunde ist der Statistiker für Nationalökonomie, Willoughby, der, wenn er guter Laune ist, statistische Aufsätze mit bildlichen Darstellungen für bekannte Zeitschriften schreibt. So hat er zum Beispiel eine Reihe Männer gezeichnet, die die verschiedenen Nationen der Erde vorstellen sollen, Männer, deren Größe und Breite im Verhältnis zur Einwohnerzahl des jeweiligen Landes steht; darüber aber zeichnete Willoughby eine Reihe Schweine, deren Größe dann der Menge Schweinefleisches entspricht, die pro Kopf von den verschiedenen Völkern verzehrt wird. Für die merkwürdig beschaffenen Gemüter, die von Tatsachen leben (ich zum Beispiel könnte mich ebensogut von Eierschalen nähren), ist eine solche Art bildlicher Belehrung ganz besonders anziehend. Judit, die wie die meisten Frauen sowohl körperlich als geistig eine launenhafte Verdauung hat, machte es einen Riesenspaß, als sie erfuhr, wie viele Schweine ein Minister während seines Lebens verzehrt, und ein wie großer Teil der Erdoberfläche mit den in einem Jahr auf den Markt gebrachten Bürsten gescheuert werden könnte. Ich tadle sie darum ebensowenig wie um ihrer Vorliebe für Rettiche willen (die mir unausstehlich ist), und es ist damit durchaus nicht gesagt, daß sie keinen guten Geschmack habe. Im Gegenteil lobe ich sie dafür. Nun ist bei den Leuten, wie es scheint, der Appetit nach diesen gedankensparenden Weisheitspillen ? schlecht schmeckende Arznei in Gelatinekapseln, könnte man sie heißen ? gegenwärtig so groß, daß Willoughby sich nach einer Hilfskraft umsehen muß. Er hat Judit gebeten, seine Hilfsarbeiterin zu werden, und ich habe ihr heute zugeredet, das Anerbieten anzunehmen. Diese Arbeit ist für die gute Judit wie geschaffen; sie wird ihre Zeit vollauf in Anspruch nehmen und ihre Gedanken von der mir verhaßten Sentimentalität ablenken, und Judit selbst wird dadurch, vorausgesetzt, daß sie mir bei den Mahlzeiten nicht gar zu hartgesottene Tatsachen vorsetzt, zu einer um so angenehmeren Gefährtin.

Nur als ich sie beim Abschied küßte, hatte sie eine kleine sentimentale Anwandlung.

»Das ist der erste, Markus, in zwölf Stunden der erste,« sagte sie, allerdings sehr freundlich, aber doch vorwurfsvoll.

Aber ums Himmels willen, warum sollen sich denn zwei vernünftige Wesen beiderlei Geschlechts, die einen Vergnügungsausflug miteinander machen, immerfort küssen? Wenn doch nur der Apostel Paulus an jener berühmten Stelle, wo er sagt, daß jedes Ding seine Zeit habe, auch das Küssen erwähnt hätte, dann hätte er für alle Zeiten wirklich etwas praktisch Gutes bewirkt.

 

13. Juli.

Seit ich in den Besitz der Familiengüter (was nicht allzu viel heißen will) gekommen bin, habe ich heute nacht zum allerersten Male die durch Armut herbeigeführte Lähmung eines höheren Strebens gefühlt. Wenn ich reich wäre, würde ich die beiden nächsten Häuser kaufen, sie niederreißen und einen vierzig Fuß hohen Turm an deren Stelle bauen lassen. Ganz oben müßte ein durch einen Aufzug erreichbares behagliches Zimmer sein; in dieses Zimmer könnte ich mich dann zurückziehen, so oft es mich gelüstete, und ich wäre da vor allen Überfällen und Unterbrechungen, welcher Art sie auch sein möchten, vollständig sicher. Antoinettes einäugige Katze könnte nicht an der Tür kratzen, Antoinette selbst nicht unter dem Vorwand hauswirtschaftlicher Besprechungen hereinkommen und mich zu einem unnützen Schwatz verlocken, und ich selbst könnte Carlotta Trotz bieten, die nach und nach so zudringlich wird, wie der ganz eigentümliche Geruch der Konservenfabrik von Crosse & Blackwell. Ohne anzuklopfen, tritt Carlotta bei mir ein, betrachtet die Bilder in meinen illustrierten Werken, schlendert im Zimmer umher, raucht meine besten Zigaretten, trällert bald die eine, bald die andre Melodie, die sie von Drehorgeln aufgeschnappt hat, beugt sich über mich, um zu sehen, was ich schreibe, kaut ihre ewigen Bonbons dicht an meinen Ohren und lacht mich aus, wenn ich ihr bedeute, daß sie den Faden meiner Gedanken vollständig abgerissen habe. Natürlich stünde es bei mir, sie hart anzulassen und sie hinauszuwerfen. Aber das vergesse ich meistens, bis ich ? leider zu spät ? bemerke, welchen Wirrwarr sie in meiner Arbeit angerichtet hat.

Bis jetzt hatte ich freilich gedacht, wenn Fräulein Griggs Carlotta unter ihrer Aufsicht habe und Antoinette mitsamt ihrer Katze durch die Frühstückskartoffeln und -pflaumen in Anspruch genommen sei, dann sei meine Einsamkeit ungefährdet. Aber jetzt sehe ich wohl ein, es gibt keinen andern Ausweg, als den eben genannten Turm. Aber diesen Turm kann ich eben beim besten Willen nicht bauen. So bin ich also von jetzt an der Gnade und Ungnade von allem Katzenartigen und allem Weiblichen, das mit Schwanz oder Rock in meinem Wohnzimmer herumfegen will, rettungslos verfallen.

Ich war mit dem Ordnen meiner Notizen beschäftigt, da kam mir ein glänzender Gedanke über das Leben von François Villon und über den zeitgenössischen Hof von Cosimo de Medici. Schon war ich im Begriff, diesen Gedanken niederzuschreiben, als Stenson die Tür öffnete und meldete: Mrs. Ordeyne und Miß Ordeyne.

Meine Tante Jessica und Dora traten herein, meine Inspiration aber ging hinaus. Zurückgekommen ist sie seither noch nicht. Die Entschuldigungen meiner Tante und Doras Gewänder füllten das Zimmer. Ich solle den Überfall verzeihen; sie seien sich zwar wohl bewußt, daß sie mich in meiner Arbeit störten, hofften aber, es mache mir nichts aus.

»Ich wollte, Mama solle schreiben, aber sie wollte lieber selbst kommen,« sagte Dora mit ihrer lauten Stimme. Ich murmelte höfliche Gesellschaftslügen und lud die Damen zum Sitzen ein. Dora zog indes vor, stehen zu bleiben und sich mit weiblicher Neugier umzuschauen. Jedes weibliche Wesen scheint in einer Junggesellenwohnung stets den Blaubart zu wittern.

»Nein, was für schöne Zimmer du hast! Und wie viele Bücher! Man sieht ja gar nichts mehr von der Wand!«

Mit diesen Worten trat meine Cousine an die Bücherständer heran, wohl um Entdeckungen zu machen, während meine Tante den Grund ihres Besuchs erklärte. Irgend jemand, ich habe vergessen, wer, hatte ihr seine Jacht angeboten. Nun wollte sie eine Gesellschaft einladen und im Sommer eine Reise nach den norwegischen Fjorden machen. Die Dingsda, die Soundso, Lord Dieser und Fräulein Jene hatten versprochen, mitzugehen, aber sie braucht durchaus noch jemand, der den Hausherrn spielen könnte ? ich solle mir nur vorstellen: drei alleinstehende Damen in der Gewalt eines Schiffsführers. Ich stellte mir die Sache vor und beneidete den Schiffsführer nicht. »Ist es da nicht ganz natürlich,« flötete meine Tante, »daß ich mich in meiner Not an dich, das Familienoberhaupt, wende?«

»Ich fürchte nur, liebe Tante, daß meine Bekanntschaft mit Hausherren, die einen Schiffsführer im Zaum halten können, gleich Null ist. Ich weiß dir auch nicht einen einzigen vorzuschlagen.«

»Aber wer hat dich denn gebeten, einen vorzuschlagen?« entgegnete meine Tante lachend. »Du selbst sollst Mitleid mit uns haben.«

»Ich habe ? das größte Mitleid,« erwiderte ich, »denn bei stürmischer See werdet ihr alle schrecklich seekrank werden.«

In diesem Augenblick verließ Dora den Bücherständer, den sie eben untersucht hatte, und trat rasch näher.

»Ich möchte ihn schütteln!« rief sie. »Er tut nur so, als ob er dich nicht begriffe. Ich weiß wirklich nicht, was wir machen sollen, wenn er nicht mitgeht.«

»Du kannst es uns nicht abschlagen, Markus. Es wird eine ideale Fahrt werden ? die Jacht ist prächtig eingerichtet ? und die tiefblauen Fjorde ? und wir haben einen französischen Küchenchef. Du würdest uns wirklich einen großen Gefallen tun.«

»Komm, sage ja!« bat Dora.

Wenn das Mädchen doch keine so stürmische Juno wäre. Mit großen, handfesten Damen, die überdies eine laute Stimme haben, ist nicht leicht fertig zu werden. Meiner Tante dagegen, die ich mit Worten aus dem Konzept bringe, kann ich die Stange halten. Aber Dora versteht meine Satire nicht. Sie sagt mit lautem, kräftigem Lachen: »Ach Quatsch!« und damit zerschmettert sie mir die geistige Rüstung.

»Es ist außerordentlich freundlich von euch, an mich zu denken,« sagte ich zu meiner Tante. »Auch ist der Vorschlag sehr verlockend ? die Aussicht höchst anziehend ? aber ?«

»Aber was?«

»Ich habe so viele Verpflichtungen,« antwortete ich zaghaft.

Da stand meine Tante Jessica auf, lächelte mich nachsichtig an, wie wenn ich ein verwöhnter kleiner Junge wäre, und führte mich auf den Balkon, während sich Dora sittsam zu den Bücherständern im nächsten Zimmer zurückzog.

»Kannst du diese Verpflichtungen nicht rückgängig machen? Die arme Dora wäre untröstlich.«

Einen Augenblick starrte ich meine Tante und dann Doras breiten Rücken und ihre derben Hüften an. Untröstlich? Ich begreife nicht, wohin die gute Frau zielte. Wenn sie eine ordinäre Person wäre, die sich in die Gesellschaft eindrängen wollte, und dazu die Baronswürde in der Familie nötig hätte, könnte ich ihren Eifer, mich als ihren Adlatus vorzustellen, begreifen. Aber in ihrem Salon sind Leute mit Titel und Würden so gewöhnlich wie Teetassen. Und Doras Untröstlichkeit ?

»Wenn ich dabei wäre, würde ich sie zu Tod langweilen,« sagte ich endlich.

»Sie ist bereit, es daraufhin zu wagen.«

»Aber warum sollte sie ein Martyrium auf sich nehmen wollen?«

»Es ist noch ein andrer Grund da,« sagte meine Tante, die meine treffende Bemerkung nicht beachtete, sondern mir im Gegenteil einen ermunternden Blick zuwarf. »Ja, es ist noch ein andrer Grund vorhanden, der es wünschenswert für dich macht, daß du an dieser Seereise teilnimmst.« Und leise fuhr sie fort: »Vorige Woche bist du im Park mit Fräulein Gascoigne zusammengetroffen.«

»Eine sehr liebenswürdige und nette junge Dame,« warf ich ein.

»Ich fürchte, du bist ein bißchen taktlos gewesen. Die Leute tuscheln über dich.«

»Dann sind die Leute taktlos, nicht ich.«

»Aber mein lieber Markus, wenn du ein hübsches junges Mädchen als dein muhammedanisches Mündel vorstellst, es in die Londoner Gesellschaft einführst, und dieses Mädchen dann eine öffentliche Szene macht ? nun ? von was sonst sollten denn die Leute reden?«

»Sie könnten sich über die Prädestinationslehre oder über die Preise des Fischmarkts unterhalten,« warf ich höflich ein.

»Aber ich versichere dir, Markus, man spielte sogar auf einen Skandal an. Es wurde tatsächlich behauptet, das Mädchen wohne hier bei dir.«

»Ach, was wird nicht alles behauptet, Wahres und Falsches!«

Darin stimmte mir meine Tante mit einem Seufzer bei, und eine Zeitlang unterhielten wir uns über die Schlechtigkeit der menschlichen Natur. Aber dann sagte sie: »Ich dachte, wenn du dein Mündel zu uns brächtest und sie uns nach Norwegen begleitete, wäre dem Skandal die Spitze abgebrochen.«

Sie sah mich bei diesen Worten scharf an, und trotz ihres freundlichen Lächelns erkannte ich die Härte des alten Haudegens. Die Falle, in die sie mich locken wollte, war wirklich klug gestellt.

Ich ergriff ihre Hand, und mit vollendet vornehmer Haltung ? gerade wie der verbannte Vicomte im Liebhabertheater ? beugte ich mich vor und küßte ihr die Fingerspitzen.

»Teuerste Tante, ich danke dir von ganzem Herzen für deinen hochherzigen Glauben an meine Rechtschaffenheit und versichere dir, daß dein Vertrauen wohl begründet ist!«

Ein lautes, lustiges Lachen aus dem andern Zimmer unterbrach mich.

»Ihr beide haltet dort wohl eine Probe für eine Liebhaberaufführung!« rief Dora. Da ich eine uralte Studentenjoppe und gelbe maurische, vor Jahren in Tanger gekaufte Pantoffeln anhatte, und da mein Haar, dank meiner Gewohnheit, während der Arbeit mit den Fingern hindurchzufahren, kerzengerade in die Höhe stand, mag meine Erscheinung einem Zuschauer vielleicht nicht ganz so vornehm erschienen sein, wie ich mir eingebildet hatte. Doras Worte gaben mir übrigens Gelegenheit, meine Tante vom Balkon ins Zimmer hineinzukomplimentieren, wo Dora sich zu uns gesellte.

»Nun, hat Mutter gewonnen?«

»Liebe Dora,« sagte ich höflich, »wie kannst du nur denken, daß es sich hier um eine Überredung handeln könnte?«

»Das kann auf zweierlei Art aufgefaßt werden!« rief Dora. »Gerade wie Palmerstons: ?Lieber Herr, ich werde keine Zeit verlieren, Ihr Buch zu lesen?.«

Dora ist ein Affe.

»Verzeih, daß mich mein pedantisches historisches Gewissen zwingt, dich zu berichtigen: Es war nämlich Lord Beaconsfield.«

»Nun, dann hatte er es von Palmerston,« beharrte Dora.

»Kinder, zankt euch nicht,« mischte sich meine Tante ein in jenem zärtlichen mütterlichen Ton, der mir so besonders zuwider ist. »Markus wird sich überlegen, wie er sich mit seinen Verpflichtungen abfinden kann, und uns seinen Entschluß in ein paar Tagen kundtun.«

»Wann wollt ihr denn abreisen?« fragte ich.

»Sehr bald. Schon am zwanzigsten.«

»Ich werde euch meinen Entschluß rechtzeitig mitteilen.«

Als ich meine Besuche die Treppe hinuntergeleitete, hörte ich, daß am Ende des Ganges eine Tür geöffnet wurde. Mich umwendend sah ich Carlottas hübschen Kopf mit fest auf die Fremden gerichtetem Blick über dem Geländer auftauchen. Mit einer strengen Gebärde wies ich Carlotta zurück, und die beiden Damen verließen ahnungslos das Haus. Das Rollen ihres davonfahrenden Wagens klang mir wie Musik in den Ohren.

In demselben Augenblick stürzte Carlotta, Miß Griggs mit abwehrend erhobenen Händen hinter sich, aus ihrem Zimmer heraus.

»Wer diese eleganten Damen?« rief sie, mir eifrig die Hand auf den Arm legend.

»Wer sind diese eleganten Damen,« verbesserte ich sie.

»Wer sind diese eleganten Damen?« wiederholte Carlotta wie ein folgsamer Papagei.

»Freundinnen von mir.«

Dann kam die ewige Frage: »Ist sie verheiratet, die junge?«

»Fräulein Griggs,« sagte ich, »wollen Sie so gut sein und Carlotta klarmachen, daß eine junge englische Dame überhaupt nicht ans Heiraten denkt, bis sie richtig verlobt ist, und dann gehen ihre Gedanken nie weiter als bis zur Hochzeit.«

»Aber ist sie?« beharrte Carlotta.

»Wollte Gott, sie wäre es!« entfuhr es mir unvorsichtigerweise mit einem kurzen Auflachen. »Denn dann käme sie nicht am hellen Vormittag und hielte mich von der Arbeit ab.«

»O, sie will dich heiraten?« forschte Carlotta.

»Fräulein Griggs,« sagte ich, »Carlotta soll jetzt wieder an ihre Studien gehen.«

Damit ging ich die Treppe hinauf und seufzte nach dem schönen Turm mit dem Aufzug außen dran.

 

14. Juli.

Gegen neun Uhr kam Pasquale, als Carlotta und ich eben ein Kartenspiel machten.

Pasquale ist ein Zugvogel ohne festen Wohnsitz. Vor einigen Wochen gab er seine Zimmer in St. James auf und zog zu einem seiner Freunde, einem Schauspieler und Strohwitwer, der hier in der Nähe in St. Johns Wood-Road ein Haus hat. Warum Pasquale, der sich am liebsten im Strudel des Lebens herumtreibt, in diesem halb ländlichen Bezirk verbauern will, ist mir unverständlich. Er behauptet, er könne in St. Johns Wood besser denken! Ebensogut könnte ein Salm erklären, er könne in einem Teich besser singen! Die erste Folge unsrer Nachbarschaft ist übrigens die gewesen, daß er in letzter Zeit auf dem Heimweg öfters bei uns einkehrte und überdies meistens noch später als heute.

»O bitte, bleiben Sie ruhig sitzen und zerstören Sie das Bild nicht!« rief er. »Welch ein idyllisches Paar! Und was spielen Sie? Cribbage! Wenn ich hätte erraten sollen, welches Spiel Sie zur Unterhaltung nach dem Essen gewählt haben, so hätte ich auf Cribbage geschworen.«

»Es ist ein sehr hübsches Spiel,« sagte ich »und Cribbage ist überdies das einzige Spiel, das ich kann.« Karten sind mir nämlich zum Sterben langweilig. Das Schachspiel ebenso. Die Leute nennen ein solches Spiel einen geistigen Zeitvertreib, aber ich meine, wenn jemand Geistesgymnastik treiben möchte, dann gäbe es genug Probleme in dieser komplizierten Welt, mit deren Lösung er sich den Kopf zerbrechen könnte, und sicher mit mehr Nutzen für sich selber und für die Welt. Und was den Zeitvertreib anbelangt ? da behaupte ich, wenn sich zwei oder auch mehr gescheite Leute hinsetzen und Karten spielen, so ist das eine Beleidigung für ihre Unterhaltungsgabe. Doch diese Bemerkungen stehen in keinem Zusammenhang mit unserm Spiel, denn Carlotta ist ein Kind und braucht Unterhaltung. Cribbage hat sie mit erstaunlicher Schnelligkeit gelernt, und obgleich wir heute erst zum dritten Male spielten, als Pasquale kam, war sie auf dem Punkt, es mir zuvorzutun.

Ich wiederholte meine Bemerkung, Cribbage sei wirklich ein vorzügliches Spiel.

»Freilich, freilich!« rief Pasquale lachend. »Sogar ein altehrwürdiger Zeitvertreib. Philemon und Baucis haben es die letzten tausend Jahren tagtäglich gespielt. Spielen Sie nur weiter.«

Aber Carlotta warf ihre Karten auf den Tisch, setzte sich aufs Sofa und sagte, sie wolle lieber Pasquale zuhören. »Er sagt so komische Sachen!« rief sie.

Dann sprang sie vom Sofa auf und reichte ihm die Schachtel Schokolade, die stets in ihrer Nähe ist. Wie geschmeidig doch ihre Bewegungen sind!

»Pasquale sagt, du seiest sein Schulmeister gewesen und habest ihn manchmal mit einem dicken Stock geschlagen,« begann sie, sich mir zuwendend, während Pasquale sich einen Schokoladebonbon aussuchte.

Er war bei seiner Wahl täppisch, so daß die Schachtel Carlotta aus der Hand glitt, und der Inhalt auf dem Boden umherrollte. Auf Händen und Knieen lasen die beiden, unter viel Lachen und Flüstern, die Bonbons wieder auf.

Sonderbar, ich kann mich gar nicht erinnern, daß Pasquale je in Carlottas Gegenwart unsre gemeinsame Vergangenheit erwähnt hätte. Es lag mir auf der Zunge, zu fragen, wann er eigentlich diese Lügen erzählt habe ? denn in jener Schule hatten die Hilfslehrer gar nicht das Recht, den Stock zu gebrauchen, und als ich mein Amt dort antrat, war Pasquale schon in den oberen Klassen und dadurch keiner körperlichen Züchtigung mehr unterworfen. Aber als beide, von dem Umherkriechen unter dem Tisch erhitzt, aufstanden und Pasquale eine lustige Bemerkung machte, kam mir die Frage wieder aus dem Sinn.

Dies alles ist freilich nicht von Belang. Das Hauptereignis des heutigen mit Pasquale verbrachten Abends ist eine Entdeckung.

Ist es auch wirklich eine Entdeckung? Oder ist es nicht vielmehr das Werk des kalten Verstandes, der nach stichhaltigen Beweggründen sucht?

»Ein Wickelkind hätte das durchschaut,« sagte Pasquale. »Weiß Gott, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ginge ich mit auf die Jacht! Ich würde jedem weiblichen Wesen unverschämt den Hof machen, wie jener Herr in dem Lustspiel von Wicherly; ich würde mir ein Album anlegen für die mir geschenkten Haarlocken und würde alle die Damen hintereinander hetzen, bis sie sich wie Gift haßten, und am Schluß der Reise würde ich meine Verlobung mit Carlotta verkünden. Wenn dann alle zur Hochzeit kämen, würde ich das Album mit den Haarlocken als Hochzeitsgeschenk ?vom Bräutigam an die Braut? auf den am meisten in die Augen fallenden Platz im Zimmer legen. Zum Kuckuck, ich wollte der ganzen Bande ihre Lust für die Männerjagd schon vertreiben!«

Wenn ich nur wüßte, warum ich Pasquale etwas von der beabsichtigten Seereise gesagt habe! Wir saßen am offenen Fenster, lange nachdem Carlotta zu Bett geschickt worden war, und sahen den Vollmond über die Baumwipfel im Park hingleiten; jene auf die Sinne wirkende Luft einer warmen Sommernacht, die Geist und Körper in eine weiche, matte Stimmung versetzt, umgab uns. In einer solchen Nacht macht ein junger Lorenzo, wenn er zufällig seine Jessica neben sich hat, sich selbst zum Narren und verpfuscht sich dadurch sein ganzes Leben; und in einer solchen Nacht begeht ein zurückhaltender, verschlossener Philosoph die Torheit, seine Privatangelegenheiten mit einem Sebastian Pasquale zu besprechen.

Aber wenn er mit seinen Vermutungen recht hat, bin ich den erschlaffenden Einflüssen der Nacht sehr zu Dank verpflichtet. Ich bin vor den Gefahren, die mich umgeben, gewarnt worden, Gefahren, die meinen so klug ausgedachten, unbesteigbaren Turm dort in der Ecke des Regents-Parks in seinen Grundfesten erschüttern und ihn zugänglich machen würden. Eine Frau mit Heiratsabsichten wäre imstande, sich den Zutritt zu meinem Turmfenster per Luftballon zu erzwingen. Hat nicht meine Tante Jessica die Absicht, mich in theatralischer Weise auf einer Jacht zu entführen?

»Ist er erst auf dem Seeräuberboot, dann ist er der unsre!« ruft sie.

Aber der Mann geht nicht auf das Seeräuberboot. Er bleibt auf dem Land ? so weit vom Ufer entfernt als nur möglich. Auch läßt er sich nicht dazu verlocken, zum Beweis seines wahren Glaubens und seiner unbefleckten Sitten sein reizendes muhammedanisches Mündel mitzubringen. Meine lieben Verwandten mögen Carlotta für ein muhammedanisches Mündel, eine Huri oder eine babylonische Prinzessin halten, ganz wie sie wollen!

Pasquale wird wohl recht haben. Hunderterlei Kleinigkeiten, an die ich mich jetzt erinnere, beweisen es. Es fällt mir ein, daß auch Judit mich schon wegen meines schlechten Merks verspottet hat. Der einzige Zweck aller der Manöver meiner Tante Jessica ist, mich mit Dora zu verkuppeln! Und Dora? Ja ja: »Barkis ist willig«! Ich, Dora heiraten! Wenn ich nur daran denke, bricht mir der kalte Schweiß aus, als hätte ich ein Fiebermittel eingenommen! Sie würde den ganzen Tag lang auf meinen angegriffenen Nervensträngen spielen, und überdies falsch! In einem Monat wäre ich ein kompletter Narr. Da würde ich noch viel lieber Carlotta heiraten. Denn Carlotta ist wenigstens Natur ? Dora dagegen nicht einmal Kunst. Aber, bei allen Heiligen, warum sollte ich Dora heiraten? Und warum ? ausgenommen um Lady Ordeyne zu heißen ? sollte sie mich heiraten wollen? Ich habe nicht mit ihren jungfräulichen Gefühlen gespielt, und daß sie eine plötzlich aufgeschossene romantische Leidenschaft für mich hegen sollte, kann ich einfach nicht glauben. Meinetwegen mag sie so untröstlich sein wie Kalypso. Das wird ihr gut tun. Sie könnte ja eine kleine Novelle darüber in »die Sirene« schreiben.

Ich bin empört! Trotz ihres lauten Wesens, trotz ihrer strotzenden Gesundheit und trotz ihrer oberflächlichen Kenntnisse habe ich Dora bis jetzt für ein gutes Mädchen gehalten.

Aber gehen gute Mädchen auf die Männerjagd?

Gott erbarme sich! Darüber könnte man in der sauren Gurkenzeit einen Artikel in den »Daily Telegraph« schreiben!

Zehntes Kapitel

19. Juli.

Campsie, N. B. Hierher bin ich vor meinen seeräuberischen Verwandten geflohen. Hier suche ich Zuflucht in einem Pfarrhaus mitten auf einem schottischen Moor, von dem das Dorf eine halbe, und der Bahnhof dann noch weitere fünf Meilen entfernt ist. Hier kann ich Tante Jessica Trotz bieten.

Nach meiner Unterhaltung mit Pasquale verbrachte ich eine ruhelose Nacht. Mein Schlaf wurde durch Träume gestört, in denen Seeräuberboote die »Jolly Roger« verfolgten. Auf der Jolly Roger aber flossen Ruder und Ankerketten in einen grotesken Trauring und einen richtigen Liebesknoten zusammen. Ich wachte mit der Überzeugung auf, daß ich in London nicht sicher sei, solange die Jacht in englischen Gewässern kreuzte, und faßte den Entschluß, zu fliehen. Aber wohin?

Wirklich, die Götter müssen mir besonders gewogen sein! Der erste Brief, den ich öffnete, war von dem alten Simon Mc Quhatty, meinem jetzigen Gastfreund, einem Paten meiner Mutter, dem einzigen aller Sterblichen, der uns in den längstvergangenen trüben Tagen freundlich zur Seite gestanden hatte. Er schrieb, er sei alt und schwach, und Gevatter Tod stehe schon seiner wartend auf dem Moor draußen; aber ehe er zu ihm hinausgehe, möchte er Susans Jungen noch einmal sehen. Ich sei jeden Tag herzlich willkommen, und ein Telegramm vor meiner Abreise sei vollständig genügend. Sofort schickte ich Stenson mit einem Telegramm fort, das dem alten Freunde ankündigte, daß ich noch an demselben Tage mit dem Zweiuhrzuge abreisen würde. Meiner Tante Jessica aber schrieb ich einen höflichen Brief, in dem ich sehr bedauerte, ihrer freundlichen Einladung nicht Folge leisten zu können, weil ich unerwartet auf unbestimmte Zeit nach Schottland abberufen worden sei.

Mein alter Freund wird das Amt, dessen er in der schottischen »Freien Kirche« so treu gewaltet hat, bald niederlegen; das Pfarrhaus, in dem er seit fünfzig Jahren wohnt, ist nur einen Steinwurf von der ihn erwartenden Grube entfernt, und der Wohnungswechsel verursacht ihm daher keine Sorgen. Er wird auch fernerhin am Fuß seiner geliebten Hügel ruhen, die violette Moorlandschaft wird sich in alle Ewigkeit um ihn her ausbreiten, und der Duft von Ginster und Heidekraut wird ihn auch im ewigen Schlaf umwehen. Es steckt ein Stück von einem alten Heiden in dem alten Mc Quhatty, trotz Calvin und dem kleinen Katechismus. Es würde mich gar nicht wundern, wenn er jener Geistliche wäre, von dem erzählt wird, er habe auch für den »armen Teufel« gebetet. Als er das Pfarrhaus zuerst bezog, pflanzte er vor dem Eingang eine Eberesche, die mit ihm aufwuchs und die er wie ein menschliches Wesen innig liebt. Der alte Herr erzählt selbst, er habe mit dieser Eberesche oft sehr erregt über die verschiedenen Dogmen gestritten, und in Zeiten, wo er von schweren Zweifeln heimgesucht gewesen sei, habe sie ihre zarten Blätter bewegt und ihm zugeflüstert: »Gräme dich nicht, Mc Quhatty, unser Herrgott ist ein verständiger Mann.« Er versichert, daß diese Worte ganz deutlich vernehmbar gewesen seien, und ich habe ihn im Verdacht, daß er im tiefsten Grunde seines Herzens dem Glauben huldigt, alle Bäume, alle Bücher und alle murmelnden Bächlein könnten mit »Zungen reden«, gerade wie er auch der festen Überzeugung ist, es stecke in allem etwas Gutes.

Mc Quhatty ist ein grundgelehrter, schrulliger Scholastikus, und seine Unterhaltung zeichnet sich auch jetzt noch in seinem hohen Alter durch natürliche Kraft und Tiefe aus. Dadurch ist seine Gesellschaft in den fünf Tagen, die ich hier zugebracht habe, ebenso anregend gewesen als die frische Luft des Moorlandes. Wie wenige Menschen haben die Gabe, auf andre erfrischend und belebend zu wirken! Von allen meinen Bekannten ist Mc Quhatty der einzige, dem diese Gabe eigen ist; und doch hat eine launenhafte Vorsehung die Wohltaten dieser Gabe der Menschheit ein halbes Jahrhundert lang sorgfältig vorenthalten. Doch nein, einmal hatte Mc Quhatty in Campsie ein Genie entdeckt. Er tat alles, um es zu entwickeln, und schickte es dann mit Weisheit wohl ausgestattet nach Edinburg, damit es ein Dichter werde. Aber der arme Kerl trank zwei Jahre lang unaufhörlich Whisky, worauf er starb, so daß Mc Quhattys Liebesmühe umsonst gewesen war. Welchen geistigen Einfluß kann er zum Beispiel auf Sandy Mc Grath ausüben, einen Kirchenältesten, den ich am Sonntag beobachtet habe, während er den Hügel heraufkam. Ein alter Bock stand mitten auf dem schmalen Pfad und, ebenso eigensinnig wie sein Gegenüber, weigerte er sich, Platz zu machen. Während nun die beiden einander gegenüberstanden und sich böse ansahen, stieg der Gedanke in mir auf, ob wohl ihre Mütter es merken würden, wenn die beiden dort die Kleider wechselten und der Bock in feinem schwarzen Tuch, Mc Grath aber in einem Fell aufträte? Doch mein Wirt behauptet, ich sähe alles mit den Augen eines Engländers an; der schottische Bauer habe, wenn er nicht betrunken sei, einen guten Verstand und sei bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit stets zu einer theologischen Diskussion bereit.

»Aber ich muß allerdings gestehen,« fügte Mc Quhatty hinzu, »daß ich mich ebensogern mit meiner Eberesche unterhalte. Aus ihr schlagen nicht gleich bei dem allerkleinsten Schimmer von falscher Lehre die hellen Flammen heraus!«

Ich würde mit Vergnügen den ganzen Sommer bei meinem alten Freunde zubringen. Es kommt mir vor, als könne man die weltlichen Dinge nur von einer solchen weltabgeschiedenen Einsamkeit aus in der richtigen Perspektive und in ihrem wahren Verhältnis sehen. Da würde man entdecken, wie wichtig oder unwichtig im Weltall die Arbeit der fleißigen Ameise oder einer Blattlaus im Vergleich zu den Interessen eines englischen Taglöhners sind. Mit vollem Recht würde man den südafrikanischen Millionär, Sandy Mc Grath und den obengenannten Bock von einem Gesichtspunkt aus betrachten und sie auf ihren wirklichen niedersten Nenner bringen. Ja, man wäre sogar imstande, den Wert einer Geschichte der Moral der Renaissance festzustellen. Der Nutzen, den ich von einem längeren Aufenthalt hier haben würde, ist unberechenbar, aber meine neuen Pflichten rufen mich nach London und in die dortige aufregende und angreifende Atmosphäre zurück. Wenn ich fünfzig Jahre lang hier lebte, dann wäre mir wohl klar geworden, daß Carlotta auch nur ein einzelnes Körnchen in dem Wirbelwind menschlichen Staubes ist, dessen letzte Bestimmung im Immateriellen liegt. Da mich aber mein fünftägiger Aufenthalt hier noch nicht bis zu diesem Gipfel der Weisheit gefördert hat, sorge ich mich törichterweise um das Wohlergehen der Kleinen, und es drängt mich, das Triumvirat dort ? Miß Griggs, Stenson und Antoinette ? dem ich die Zügel der Regierung anvertraut habe, aufzulösen.

Vor vier Wochen noch hätte ich unter den gleichen Umständen das Schicksal geschmäht und Carlotta mit ihren rosigen Zehen und dem goldbraunen Heiligenschein ihres Haares in Acht und Bann erklärt. Aber nach und nach werde ich freundlicher gegen das Mädchen gesinnt und fühle reges Interesse für ihre geistige Entwicklung.

Eine innere Stimme, eine spottende, hohnlachende innere Stimme, mit der sich nicht streiten läßt, nennt mich einen Heuchler und sagt, das »Interesse an Carlottas geistiger Entwicklung« sei nichts als eine schöne, beruhigende, hochtrabende Phrase, die schon seit Jahrhunderten lange Reihen philosophischer Wächter weiblicher Jugend betrogen habe.

»Was machst du dir daraus, ob sie eine Seele hat oder nicht?« sagt diese Stimme. »Wenn sie nur bei Tisch angenehm plaudert und nachher mit dir Cribbage spielt!«

»Ja, zum Kuckuck, was mache ich mir daraus?«

 

21. Juli.

Carlotta holte mich am Bahnhof ab. Sobald sie mein Gesicht am Wagenfenster sah, ließ sie Stenson stehen und lief wie ein niedliches Wachtelhündchen den Bahnsteig entlang. Als ich ausstieg, hing sie sich an meinen Arm und hüpfte und tanzte vor Freude um mich her.

»Du freust dich also, daß ich wieder da bin, Carlotta?« fragte ich beim Heimfahren.

Sie schmiegte sich nach ihrer Gewohnheit wie ein Hündchen an mich an.

»O ja?a,« sagte sie mit ihrer süßen Stimme. »Ohne dich war der Tag Nacht.«

»Das ist die übertriebene Ausdrucksweise der Orientalen,« sagte ich. Aber es klang mir doch sehr angenehm in den Ohren, und der weiche Tonfall ihrer Stimme drang mir wie eine süße Musik mitten ins Herz.

»Ich liebe den lieben Siir Markuus!« sagte sie.

Einen Augenblick schlang ich meinen Arm um sie, wie um ein Kind.

»Du bist ein liebes kleines Mädchen, Carlotta. Das heißt,« fügte ich, mich meiner Pflichten erinnernd, hinzu, »wenn du brav gewesen bist. Ist das der Fall?«

»O so brav! Antoinette hat mich kochen gelehrt, und ich kann jetzt einen Reispudding machen. Kochen ist so nett. Ich habe den Geruch gern. Aber ich habe mich gebrannt. Sieh!«

Damit streifte sie ihren Handschuh ab und zeigte mir eine rote Stelle an ihrer Hand. Um sie zu heilen, drückte ich einen Kuß darauf; Carlotta aber lachte und war sehr glücklich. Und auch ich war glücklich. Etwas Neues, Frisches, Helles ist in mein Leben getreten. Stenson ist ein ausgezeichneter Diener, aber ich kann nicht sagen, daß sein starres Gesicht und sein tadelloser Gruß, die mich bisher an den Londoner Bahnhöfen empfingen, meiner Heimkehr einen besonderen Reiz verliehen hätten, obgleich sie mich sogleich an allerlei leibliche Bequemlichkeiten erinnerten. Carlottas Empfang erweckte ganz neue Gefühle in meinem Herzen. Ich sehe das Haus jetzt mit andern Augen an. Als ich mich zum Essen umkleidete, dachte ich mit Vergnügen: »Wie schön, daß ich jetzt nicht zu einer feierlichen einsamen Mahlzeit hinunterzugehen brauche, sondern als Gesellschaft meine schöne kleine Hexe dabei haben werde.«

 

22. Juli.

Carlottas Betragen scheint übrigens keineswegs einwandfrei gewesen zu sein. Miß Griggs berichtete mir, daß Carlotta meine Abwesenheit benützt habe, sich mit Parfüm zu übergießen ? eines der verruchtesten Verbrechen in unserm häuslichen Kodex. » Mulier bene olet dum nihil olet« lautet der über diesem Artikel unsres Gesetzbuches stehende Grundsatz. Als sie früher einmal dieses mein Gebot übertrat und in einer wahren Wolke von Ylang-Ylang im Wohnzimmer erschien, schickte ich sie sofort wieder hinauf mit dem Befehl, ein Bad zu nehmen und sich ganz frisch anzuziehen. Auch sagte ich, sie dürfe nicht eher wieder in meine Nähe kommen, als bis Antoinette sich verbürgt habe, daß keine Spur von Parfüm mehr an ihr hafte. Und ich erinnere mich noch sehr genau an Antoinettes Antwort: »O Monsieur, das ist unmöglich, denn das süße Lämmchen duftet nach Frühlingsblumen de son naturel.« Das ist nun allerdings wahr, und deshalb ist es bei ihr ein doppeltes Verbrechen, wenn sie Veilchenessenz gebraucht.

»Aber das ist noch nicht das Schlimmste,« fuhr Miß Griggs fort.

»Ich kann kaum glauben, daß es noch etwas Schlimmeres gibt, als sich seinen Nebenmenschen unangenehm zu machen,« erwiderte ich.

»Ausgenommen das ?sich zu angenehm machen?,« sagte Miß Griggs mit besonderem Nachdruck auf dem ?zu?.

Ich fragte, was sie damit meine.

»Ich habe entdeckt,« antwortete Miß Griggs, »daß Carlotta eine heimliche Liebelei mit dem Austräger des Spezereihändlers angefangen hat.«

»Ich bin froh, daß es wenigstens nicht der Metzgerknecht ist,« murmelte ich.

Miß Griggs kicherte dumm, wie wenn das ein Witz wäre. Auf meine ernste Bitte hin faßte sie sich indes und enthüllte die schreckliche Geschichte. Sie hatte Carlotta dabei überrascht, als diese dem Austräger eben eine Kußhand zuwarf. Auch hatte sie gesehen, wie er ein dreieckig zusammengefaltetes Briefchen zwischen Carlottas Finger schmuggelte, und Carlotta hatte sich entschieden geweigert, das Billett-doux herauszugeben.

»Wie ist die moderne Behandlungsweise junger Damen, die mit Austrägern kokettieren?« fragte ich Miß Griggs. »Zur Zeit der Renaissance hätte man sie auspeitschen können. Die kluge Margarete von Navarra pflegte ihre Tochter, Jeanne dAlbrecht, für viel geringere Abweichungen vom Pfade der Tugend eine Tracht Schläge zu verabreichen. Oder man hätte die Schuldige damals auch in ein Kloster schicken und in eine Zelle voller Ratten stecken können, oder sie auch zu einem Jahrmarkt mitnehmen, wo das Hauptvergnügen geröstete Austräger gewesen wären. Aber heutzutage ? was schlagen Sie vor?«

Das phantasiearme Geschöpf wußte gar keinen Vorschlag zu machen. Sie meinte, ich werde am besten wissen, was das richtige sei. Vielleicht wären vorbeugende Maßregeln wirksamer als Strafen. Aber was weiß ich von den in höheren Töchterschulen angewandten vorbeugenden Maßregeln? In seiner Anatomie spricht Burton mit Behagen von einer Blutentziehung hinter den Ohren. Auch führt er, wie ich mich erinnere, Hippokrates oder so jemand an, der erzählt habe, ein vornehmes Fräulein sei einmal von ihrer Neigung zum Kokettieren dadurch geheilt worden, daß sie drei Wochen lang unten am Rücken eine durchlöcherte bleierne Platte habe tragen müssen. Diesen Bericht teilte ich Miß Griggs mit, die sich aber nur sehr geringschätzig über den Vater der Arzneikunde aussprach.

»Auch verordnet er ? ob für dieses Gebrechen oder für etwas Ähnliches, weiß ich im Augenblick nicht gewiß ? man solle dem Missetäter die Fußsohlen mit Murmeltierfett und die Zähne mit Hundeohrenschmalz einreiben; desgleichen empfiehlt er dringend das Auflegen einer heißen Bockslunge auf die Stirn. Es tut mir leid, daß solche vorzügliche Heilmittel nicht mehr zeitgemäß sind. Sie erinnern stark an Rabelais. Statt der befriedigenden Mittel unsrer Vorfahren gebrauchen wir geschmacklose Pillen, die beim Nehmen gar keine Empfindung erregen, ja, sogar das Auflegen des guten alten heißen Senfteigs gehört der Vergangenheit an.«

»Aber was soll mit Carlotta geschehen?« fragte Miß Griggs ängstlich.

Das kann doch nur ein Frauenzimmer tun, einen Mann unterbrechen, wenn er gerade im Zuge ist, sich über einen ihm höchst interessanten Gegenstand gehen zu lassen.

Ich seufzte und antwortete ergeben: »Schicken Sie Carlotta zu mir.«

»Wieder einen Morgen verloren!« Mit diesen Worten trat ich an meinen Schreibtisch. Gerade vorhin hatte ich meinem Manuskript die von Macchiavel mit so großem Vergnügen erzählte Anekdote über Zanobi del Pino, eine Art Admiral Byng des fünfzehnten Jahrhunderts, einverleibt. Dieser Zanobi del Pino war eingesperrt worden und hatte nichts zu essen bekommen, als mit Schlangen bemaltes Papier, demzufolge er nach kurzer Zeit Hungers starb. Ein sehr treffendes Epigramm über den Humor der Renaissance hatte sozusagen an der Spitze meiner Schreibfeder gezittert, als mich Miß Griggs mit ihrem dummen Klatsch überfiel. Ich bin überzeugt, der Gemeinplatz, den ich nachher niederschrieb, entspricht durchaus nicht dem ursprünglichen Geistesblitz.

Carlotta trat ein. Sie richtete ihre großen dunklen Augen auf mich, verschränkte die Hände pflichtschuldigst auf dem Rücken und kam so bis zu meinem Schreibtisch her. In diesem Augenblick sah sie wie ein Bild der Unschuld von Greuze aus. Weniger als je glaubte ich an die Größe ihres Verbrechens.

»Weißt du, warum du hier bist?« fragte ich in strengem Ton.

Sie nickte.

»Also hast du dich wirklich mit dem jungen Menschen aus dem Spezereiladen eingelassen?«

Sie nickte wieder, und in meinem Herzen begann eine heftige Abneigung gegen den jungen Austräger aufzusteigen. Es war eine der demütigendsten Empfindungen, die ich je gehabt habe. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich das Individuum sogar schon gesehen ? ein dicker, rothaariger, sommersprossiger, unmöglicher Lümmel.

»Warum hast du das getan?« fragte ich.

»Er wollte mir den Hof machen,« antwortete Carlotta.

»Er ist ein Taugenichts!«

»Was ist ein Taugenichts?« fragte sie sanft.

»Ich gebe dir jetzt keinen Sprachunterricht,« bemerkte ich. »Weißt du, daß du dich ganz schrecklich unpassend aufgeführt hast?«

»Jetzt bist du böse auf mich?«

»Ja,« sagte ich, »furchtbar ärgerlich.«

Und das war ich auch. Ich hatte erwartet, Carlotta werde in Tränen ausbrechen. Aber keine Spur davon; sie sah mich nur mit wahrhaft irritierender Sittsamkeit an. In einer roten Bluse, einem grauen Rock und den roten Pantoffeln mit den unverschämt hohen Absätzen stand sie vor mir. Mein früheres Vorurteil gegen sie begann sich wieder zu regen. Wer so verführerisch aussah, konnte keinen Funken von Tugend in sich haben.

»Du solltest dich schämen,« sagte ich. »Ich bin oft nachsichtig wegen deiner mangelnden Kenntnis unsrer abendländischen Sitten; aber überall auf der ganzen Welt ist es tadelnswert, wenn eine junge Dame mit einem häßlichen rothaarigen Kerl aus niederem Stand kokettiert.«

»Er hat mir Datteln und ganz überzuckerte Früchte gegeben,« sagte Carlotta.

»Die er seinem Herrn gestohlen hat. Ich werde den Taugenichts ins Loch stecken lassen, und wenn du fortfährst, solche Geschenke, die sich dieser Mensch auf verbrecherische Weise verschafft, anzunehmen, kommst du auch ins Gefängnis, und das ist mir dann gerade recht.«

Carlotta behielt den höchst sittsamen, ehrbaren Ausdruck bei und zog ein schmutziges Stück Papier aus ihrer Rocktasche.

»Er macht Gedichte über mich,« bemerkte sie und reichte mir das Papier, das ich als das dreieckig zusammengefaltete Briefchen erkannte.

Mit spitzen Fingern nahm ich es aus ihrer Hand und überflog es. Ich habe schon viele mittelmäßige Verse gelesen ? nehme auch manchmal nach dem Tee in meinem Klub ein Schlammbad ? aber daß die englische Sprache einer solchen Verballhornung fähig wäre, hätte ich doch nicht für möglich gehalten. Es war abscheulich. Einen Gedanken enthielten überhaupt nur die beiden ersten Zeilen.

»Du bist ein lieblich Mädchen und auch gar zu nett,
Ich träum von deinem Antlitz bis auf das Totenbett ?«

In den Ohren des Tropfs soll das ein Vers sein! Ich zerriß das ekelhafte Stück Papier und warf es in den Papierkorb.

»Das Gefängnis wäre noch eine fürstliche Belohnung für ihn!« sagte ich. »In einem wirklich zivilisierten Land bekäme er die Bastonade und würde gehängt.«

»Ja, er ist verdammt schlecht,« sagte Carlotta ruhig.

»Himmlischer Vater!« rief ich. »Hat dich der Mensch sogar fluchen gelehrt? Wenn du dich noch einmal unterstehst, dieses gottlose Wort zu sagen, werde ich dich ernstlich strafen. Wie heißt denn der abscheuliche Kerl?«

»Pasquale,« sagte Carlotta.

»Pasquale?«

»Ja, ihm gefällt es, wenn ich ?verdammt? sage. O ? der andre? O nein, der ist zu dumm. Der sagt gar nichts. Er heißt Timkins. Mit dem spiele ich nur, er ist gar zu lächerlich. Der kann hingehen und sich umbringen; ich mache mir nichts daraus.«

»Laß jetzt nur den Timkins!« sagte ich. »Ich möchte über Pasquale Bescheid haben. Wann lehrte er dich das abscheuliche Wort?«

Ich glaubte, ein Erröten bei Carlotta zu bemerken, als sie ihre Augen jetzt auf die Spitzen ihrer roten Pantoffeln heftete.

»Ich bin spazieren gegangen, und an der Ecke ist er mir begegnet und hat mich heimbegleitet. Ist das unrecht gewesen?«

»Was hätte wohl der vortreffliche Hamdi Effendi dazu gesagt?«

Nach Frauenmanier umging sie die Frage.

»Ich hoffe, Hamdi ist tot. Glaubst du nicht?«

»Ich hoffe nicht. Denn wenn du dich so unartig beträgst, muß ich dich ihm zurückschicken.«

Unmerklich hatte sie sich immer näher an meinen Stuhl herangeschlängelt, so daß sie jetzt dicht neben mir stand und ich ihr diese letzten Worte geradezu mitten ins Gesicht sagte. Sie legte ihren Arm um meine Schulter ? das ist eine ihrer niedlichen Schmeichelgebärden.

»Ich will gut sein, sehr gut,« sagte sie.

»Das hast du auch nötig,« erwiderte ich und legte meinen Kopf zurück.

Sie muß einen weicheren Ton in meiner Stimme wahrgenommen haben. Sogar jetzt noch schäme ich mich fast, niederzuschreiben, was nun geschah. Rasch schob sie ihren andern Arm unter meinem Kinn durch, so daß ihre beiden Arme verbunden waren, und mich so in meinem Stuhl gefangen haltend, bückte sie sich nieder und küßte mich. Dann legte sie ihre Wange an die meinige.

Noch fühle ich den unbeschreiblich sanften, warmen Druck, obgleich sie schon vor mehreren Stunden zu Bett gegangen ist.

Der Mann, der Carlotta in diesem Augenblick hätte zurückstoßen können, wäre kein Mann gewesen, nein, nicht von Fleisch und Blut, von Stein hätte er sein müssen. Die Berührung ihrer Lippen glich dem Fall taufrischer Rosenblätter. Ihr Atem war duftig wie frischgemähtes Heu. Ihrem Haar, das meine Stirn streifte, entströmte Veilchenduft.

Ich schickte sie zu Miß Griggs zurück, und lustig lachend lief sie aus dem Zimmer. Für ihre schamlose Koketterie und gottlose Rede hat sie vollkommene Absolution erhalten. Noch schlimmer, sie hat ergründet, wie sie sich auch in Zukunft Absolution verschaffen kann. Die Hexe ist sich ihrer Hexenkunst bewußt geworden; und nachdem sie einmal mit dieser Macht gesiegt hat, wird sie sie bei der allernächsten Gelegenheit wieder anwenden. Ich bin von meinem erhabenen Standpunkt herabgestürzt, in meinen eigenen Augen sowohl, als in den ihrigen, und sie wird mich von jetzt an nur noch mit freundlicher Nachsicht betrachten; für sie bin ich nichts mehr als ein ehrlicher Timkins.

Was für eine Eselei war es, ihren Kuß zu erwidern.

Seither habe ich sie nicht wiedergesehen. Das Gabelfrühstück nahm ich im Klub ein, und nachher machte ich Mrs. Ordeyne und meiner Cousine Rosalie einen förmlichen Besuch in ihrem sonnenlosen Haus in Kensington.

Ein sonderbar lauer Empfang wurde mir dort zu teil. Rosalies Händedruck war noch nichtssagender als gewöhnlich, und bald nahm sie eine Gelegenheit wahr, mich mit ihrer Mutter allein zu lassen, die in eiskaltem Ton über das warme Wetter sprach. Sogar der Tee war womöglich noch kälter als sonst.

In Kensington-Gardens traf ich verabredetermaßen mit Judit zusammen, die ich dann nach Hause begleitete. Unterwegs erzählte ich ihr von dem frostigen Empfang.

»Mein lieber Herr,« sagte sie ? ich kann diese Anrede nicht leiden, denn Judit leitet damit immer eine unangenehme Bemerkung ein ? »Mein lieber Herr, Sie stehen jetzt ohne Zweifel in dem denkbar schlechtesten Ruf. Man glaubt Sie im Besitz eines Haushaltes, wie ihn Salomo hatte ? minus des ehrbaren Gegengewichts der Ehefrauen ? und Ihre frommen Verwandten sind mit allem Recht darüber entsetzt.«

Ich sagte, das sei doch ungeheuerlich. Judit aber entgegnete, ich hätte mir diese Verleumdung selbst zugezogen.

»Aber was kann ich dagegen tun?« fragte ich.

»Bringen Sie Carlotta irgendwo in einer Familie unter, was Sie gleich von Anfang an hätten tun sollen. Sogar ich, und ich bin durchaus nicht prüde, halte es für sehr unpassend, daß Sie das Mädchen allein bei sich im Hause haben.«

»Aber meine Liebe, Antoinette ist doch da,« sagte ich.

»A bah!« oder etwas Ähnliches, sagte Judit.

»Und Stenson. Wer Stenson sieht, kann an der untadeligen Anständigkeit seines Herrn nicht zweifeln.«

»Bei Ihnen könnte man aber doch die Geduld verlieren,« sagte Judit.

Nein, es hat ganz und gar keinen Sinn, mit ihr über Carlotta zu sprechen, und ich habe beschlossen, es nicht wieder zu tun.

Eine Zeitlang saßen wir unter den Bäumen und unterhielten uns über allerlei vernünftige Themata. Die Arbeit bei Willoughby macht Judit Freude. Den Morgen verbringt sie im Britischen Museum zwischen Blaubüchern und andrer Makulatur, und am Abend ordnet sie dann das gesammelte Material. Willoughby lobt sie über die Maßen.

»Etwas, über das Sie sich sehr freuen werden, muß ich Ihnen auch noch sagen,« fuhr Judit fort. »Wer, glauben Sie wohl, hat mich gestern besucht? Mrs. Willoughby. Ihr Mann möchte, daß ich den Juli und August mit ihnen in Nordwales, wo sie ein Haus gemietet haben, verbringe, um dort Mr. Willoughby bei seinem neuen Werk zu helfen, als Privatsekretärin nämlich. Doch ich sagte ihr, ich ginge nie in Gesellschaft. Ich habe ja die Dame da zum ersten Male gesehen; sie aber legte mir in der allerliebenswürdigsten Weise die Hand auf den Arm und sagte: ?Ich weiß alles, meine Liebe, und deshalb dachte ich, ich wollte selbst Herolds Gesandte bei Ihnen sein?? War das nicht sehr gut von ihr?«

Mit Tränen in den Augen sah mich Judit an.

»Lieber Markus, nicht wahr, ich bin keine schlechte Frau?«

»Meine Liebe,« antwortete ich tief gerührt, »Sie sind die beste Frau von der ganzen Welt. Mrs. Willoughby hat Ihnen durch ihren Besuch nicht etwa eine Gunst erwiesen, sondern sich vielmehr einen Anspruch auf Ihre unschätzbare Freundschaft erworben.«

»Ach, ein Mann kann gar nicht fassen, was das sagen will!«

Aber so vernagelte Dummköpfe, wie die Frauen sich einbilden, sind die Männer doch nicht. Ich bin mir vollständig klar darüber, was Mrs. Willoughbys Einladung für Judit bedeutet. Die Frauen scheinen eine krankhafte Genugtuung aus der Annahme zu schöpfen, daß ihr Geschlecht einem geheimnisvollen Zwang von Gefühlen und Beweggründen gehorche, den der gröbere Sinn des Mannes absolut nicht würdigen könne. Das Gefühl des Unverstandenseins gewährt einer Frau im tiefsten Innern einen wunderbaren Trost. Selbst eine Frau, die ganz glücklich verheiratet ist und deren Verstand ihr deutlich sagt, daß der Unterschied des Geschlechts durchaus keine Schranke bilde, die den Mann am vollständigen Verstehen des Weibes hinderte, selbst diese Frau behält sich immer noch gern ein kleines Winkelchen ihrer Natur vor, dem er, weil er ein Mann ist, ewig blind gegenüberstehen muß. Es gibt freilich auch Dummköpfe, die nicht einmal eine Tigerkatze oder einen professionellen Fußballspieler verstehen könnten, geschweige denn einen so gewandten Autothaumaturgisten ? das heißt einen Menschen, der sich selbst Geheimnisse vormacht ? wie eine Frau. Aber einem gescheiten Mann sollte es bei einiger Mühe nicht schwer fallen, das zu würdigen, was schließlich doch nur ein Standpunkt ist; denn was die Frauen von diesem Standpunkt aus sehen, verraten sie so unbedacht wie ein zweijähriges Kind. Ich habe früher schon gestanden, daß ich Judit nicht verstehe ? das heißt die Menge von Widersprüchen, aus denen ihr ego besteht ? aber das kommt nur daher, daß ich mir noch nie die Mühe gegeben habe, sie zum Gegenstand einer ganz genauen mikroskopischen Untersuchung zu machen. Eine solche wissenschaftliche Analysis wäre meiner Meinung nach eine Unverschämtheit gegen jede Dame meiner Bekanntschaft, ganz besonders aber gegen die, für die ich die innigste Freundschaft hege. Für einen anständigen Mann wäre es ebenso unpassend, über ihre geistigen Fähigkeiten Betrachtungen anzustellen, als über ihre durch die Kleidung verhüllten Körperteile. Der Reiz des menschlichen Verkehrs liegt zum großen Teil in der unbestimmten, absichtlich übersehenen anregenden Empfindung, daß der einzelne Mensch noch mehr Eigenschaften sein eigen nennt, als das körperliche oder geistige Auge auf den ersten Blick wahrzunehmen imstande ist. Aber, wie ich schon sagte, geschieht das absichtlich. Man weiß ja ganz genau, daß eine junge Dame unter ihren Röcken nicht in den schuppigen Fischschwanz einer Wassernixe ausläuft, sondern ein Paar gewöhnlicher Beine hat. Und ebenso gut weiß man, daß die Frau, die gewisse, genau bestimmte Lebenserfahrungen gemacht hat, auch eine gewisse bestimmte Reihe von Gefühlen zu eigen haben muß, welchen Ausdruck sie ihrem Gesicht auch immer zu geben beliebt. Es ist deshalb der reine Blödsinn, wenn Judit sagt, ich könne nicht verstehen, welchen Eindruck Mrs. Willoughbys Einladung auf sie mache.

Während wir so in Kensington-Gardens saßen und dann noch quer durch Hyde-Park bis zum Marble-Arch schlenderten, setzte ich Judit diese Ansichten gründlich auseinander. Sie hörte mir sehr aufmerksam zu, aber als ich zu Ende war, sah sie mich nur mitleidig, mit einem leisen Lächeln um die Lippen an.

»Mein lieber Markus,« sagte sie, »jeder Mann, er mag so wenig eingebildet sein, als er will, gibt sich in Beziehung auf sein Verständnis fürs weibliche Geschlecht einer kolossalen Täuschung hin. Jedenfalls meint er, er habe die wahre ?Theorie über die Frau? aufgestellt. Wir aber lachen euch aus, meine Herren, denn je mehr ihr darüber redet, desto mehr zeigt ihr eure schöne, fast künstlerisch zu nennende Unwissenheit. O Markus, Markus, wie können Sie daran denken, sich als einen Psychologen des Weiblichen aufzutun!«

»Und bitte warum nicht?« fragte ich etwas ärgerlich.

»Weil Sie jene gute, unmögliche, liebenswerte Persönlichkeit sind, die als Markus Ordeyne in der Welt herumläuft.«

Das war außerordentlich nett von Judit gesagt. Aber wirklich, das Weib ist, wie Mathew Arnold das Wort definiert: »Der ewige Philister«. Ihre erhabenste Charaktereigenschaft ist, »sich nicht überzeugen zu lassen«. Ich hatte meine Worte verschwendet.

Elftes Kapitel

3. August.

Etretat, Seine-Inférieure. Auf der Kasinoterrasse fiel heute abend mein Blick auf einen jungen Mann, der mich im Vorübergehen höchst sonderbar ansah. Obgleich mir sein Gesicht fremd war, rief es doch eine schlafende Erinnerung in mir wach. Was war es doch nur? Diese nutzlose Frage quälte mich stundenlang. Endlich, während der Vorstellung im Theater, schlug ich plötzlich auf mein Knie und sagte ganz laut: »Nun hab ichs.«

»Was?« fragte Carlotta erschrocken.

»Eine Fliege,« erwiderte ich. Carlotta lachte und beugte sich vor, um das Opfer zu sehen. Aber streng wies ich ihre Aufmerksamkeit auf die Bühne hin. Die Fliege, deren Summen ich ein Ende gemacht habe, war bildlich gemeint.

Der junge Mann war derselbe, der im Hyde Park auf mich gedeutet und zu seiner Begleiterin gesagt hatte, ich sei so toll wie ein Dingohund. Der Ausspruch war von dem Augenblick an, wo ich ihn gehört hatte, bis jetzt, wo ich mir aufs Knie schlug, meinem Gedächtnis vollständig entschwunden gewesen; aber jetzt verfolgt er mich wie ein geflügeltes Wort; unaufhörlich klingt er mir in den Ohren. Ich bin nur froh, daß ich in keinem Eisenbahnwagen sitze, sonst würden die Achsen ihn die ganze Nacht hindurch den Rädern vorsingen. Jetzt versuchen ihn die Wellen dort drüben, nur ein paar Meter von meinem Fenster entfernt, gegen die Steine am Ufer zu donnern. Ich frage und frage mich: »Warum wie ein Dingohund?« Wenn ich verrückt bin, bin ich es doch auf eine ruhige, melancholische Jean Jacques Rousseausche Art. Ich falle nicht rasend und mit Schaum vor dem Mund über lebende Wesen her.

Wahrscheinlich kommt der dumme Vergleich nur von dem Mißbrauch der Sprache her, der bei der halbgebildeten Jugend Großbritanniens im Schwange geht.

Und doch, wenn ich meinen gegenwärtigen Zustand betrachte, kommen mir Zweifel, ob ich noch bei gesundem Verstande bin. Fern von meinen Büchern, meinen Bequemlichkeiten und Gewohnheiten sitze ich hier, in einem kleinen französischen Seebad zweiten Rangs, und bin von dessen geistlosen Zerstreuungen so hingenommen, als ob es auf der weiten Welt keine andern Beschäftigungen gäbe, die der Aufmerksamkeit eines vernünftigen Mannes würdig wären. Und vier volle Wochen habe ich schon hier zugebracht!

Carlotta zu Gefallen trage ich ein rosa Hemd, weiße Beinkleider und eine Jachtmütze. Ich bestellte diese Sachen telegraphisch bei meinem Schneider in London und erhielt alles innerhalb einer Woche. Als ich das erste Mal in diesem verrückten Anzug die Treppe zum Kasiono hinaufsteigen wollte, starrte mich der Polizist so versteinert an, daß ich erschrocken davonschlich und mich zwischen den Fischerbooten am Strand versteckte. Carlotta jedoch war entzückt und sagte, ich sehe hübsch aus. Jetzt bin ich auch abgehärtet, andre Narren laufen ja ähnlich gekleidet umher. Aber hätte ich mir noch vor einem Jahre auch nur von der Möglichkeit träumen lassen, daß ich auf einer eleganten » plage« in weißen Beinkleidern, rosa Hemd und Sportmütze einherstolzieren würde? Ich glaube es nicht. Das sind Zeichen von irgend einer Art von Verrücktheit; ob in der Art eines Jean Jacques Rousseau, oder in der eines Dingohundes ist ziemlich einerlei.

Pasquale war die Hauptursache, die mich veranlaßte, Carlotta von London wegzunehmen. Er kam viel zu oft ins Haus, war viel zu vertraulich mit meinem kleinen Mädchen, das seine Redensarten mit Vorliebe aufschnappte. Sie ist in dem eindrucksfähigen Alter, wo junge Mädchen sich gar zu leicht von den Reizen eines so bestrickend liebenswürdigen Mannes wie Pasquale betören lassen. Wenn er als Gatte für Carlotta in Betracht kommen könnte, dann hätte ich nichts dagegen einzuwenden; ich würde dem Paare sogar meinen väterlichen Segen geben. Aber ich kenne meine Renaissance und ich kenne meinen Pasquale. Carlotta ist für ihn nichts weiter als wieder ein neuer Zeitvertreib, und dafür allein scheint der liebenswürdige Schwerenöter zu leben. Aber ich gebe nicht zu, daß ihr Herz von einem Cinquecentowolf in hochmoderner Kleidung gebrochen wird. Daß Carlotta ein Herz hat, nehme ich an, selbst wenn sie keine Seele besitzen sollte, über diesen letzten Punkt bin ich immer noch im Zweifel. Jedenfalls entschloß ich mich, Carlotta Pasquales Einfluß zu entziehen, sie in andre Umgebung zu bringen und ihr zu erlauben, sich ungezwungen unter den Menschen hier zu bewegen, damit sie sich zerstreut und vielleicht auch ihren Geist ausbildet.

Ich sehe, Carlotta füllt allmählich meine ganze Zeit aus. Nun, diese Beschäftigung ist ebenso nutzbringend wie das Sammeln von Briefmarken, das Golfspielen oder das Photographieren. Ich habe einen angenehmen Monat in diesem kleinen Badeort verlebt. Er liegt auf der von schroffen Klippen umgebenen Meeresküste, dicht am Eingang einer Felsenschlucht. Die sich etwa eine Viertelmeile in einem Halbkreis hinziehende Bucht ist an beiden Enden durch vorspringende Felsen abgeschlossen, die einen natürlichen Torbogen bilden. Die Hälfte des steinichten Strandes gehört den Fischern, ihren Booten und geteerten Kasten, in denen sie ihre Netze aufbewahren. Die andre Hälfte ragt steil empor und bildet eine Terrasse, auf der ein primitives Kasino steht; unterhalb dieser Terrasse sind die Badehäuschen. Wir wohnen in dem reinlichsten aller reinlichen französischen Gasthäuser. Es sind keine Läufer auf den Treppen, aber wenn jemand mit schmutzigen Stiefeln hinaufgegangen ist, taucht sogleich ein unermüdliches Hausmädchen aus den unteren Regionen auf und entfernt die hinterlassenen Spuren freundlich mit heißem Wasser und einer Bürste.

Carlotta und Antoinette haben nebeneinanderliegende Zimmer im Hauptgebäude. Ich dagegen bewohne in der Dépendance ein nettes, einfaches, sauberes Stübchen mit einem Balkon, von dem ich über das Felsentor, die Fischerboote und das Fischervolk hinweg weit hinaus aufs Meer sehen kann. Heute morgen sah ich vom Bett aus ganz draußen am Horizont unsre Kanalflotte.

Antoinette schwimmt in einem Strom des Entzückens, weil sie wieder in Frankreich ist. Carlotta versichert mir, das Lächeln auf Antoinettes breitem rotem Gesicht verschwinde nicht einmal nachts im Schlaf, sie, Carlotta, habe neulich zu ihr hineingeguckt, um nachzusehen. Wir beide haben unsern Spaß daran. Die gute Seele ist auf französische Unterhaltung aus wie eine halbverhungerte Henne auf ihr Futter. Drunten am Strand kennt sie jede Wäscherin, jede Fischerfrau, jede Marchande, jede Badefrau, jedes Dienstmädchen, und auch mit der ganzen männlichen Bevölkerung steht sie auf vertraulichem Fuß. Wenn wir drei zufällig einmal zusammen spazierengehen, dann ist es ein wahrer Triumphzug; denn von allen Seiten her werden wir mit Knicksen, grinsendem Lächeln und vertraulichem Kopfnicken begrüßt. Zuerst dachte ich, diese Ehrenbezeugungen gälten mir, aber ich wurde bald eines andern belehrt ? sie galten Antoinette. Es ist ihr eine Wonne, unsre Carlotta ihren Bekannten zu zeigen. Einmal kam ich dazu, wie sie in Carlottas Gegenwart eine bewundernde Zuhörerschaft mit einer sehr ins einzelne gehenden Beschreibung der physischen Vollkommenheiten dieser jungen Dame unterhielt ? einer Beschreibung, die sich durch auffallenden Mangel an Zurückhaltung auszeichnete. Der Glanzpunkt ihres Tages ist die Badestunde, wenn sie Carlotta von der Kabine zum Wasser begleitet, um ihr Peignoir und Espadrilles abzunehmen. Ehe sie ihre Pflegebefohlene vor dem eleganten Etretat enthüllt, wirft sie einen aufmunternden Blick um sich, als wolle sie sagen: »Meine Damen und Herrn, bereiten Sie sich auf die strahlende Gottheit vor, die ich Ihnen jetzt offenbare!« Carlotta ist allerdings in ihrem Badeanzug bezaubernd und freut sich über den Triumph, den ihre Schönheit feiert. Die Leute bleiben stehen und schauen ihr nach, und ich, in weißen Beinkleidern und rosa Hemd, auf einem Feldstuhl sitzend und eine Zigarre rauchend, kann einen behaglichen Stolz auf mein Eigentum nicht unterdrücken. Ich habe auch nichts dagegen einzuwenden, wenn sie triefend aus dem Wasser kommt und mich mit ihren nassen Fingern bespritzt; ja, ich mache ihr nicht einmal Vorwürfe, wenn sie ihren Fuß auf mein fleckenloses Knie setzt, um mir eine kleine, von einem Kieselstein herrührende Wunde auf ihrer rosigen Fußsohle zu zeigen.

Ihr Betragen ist bis jetzt tadellos gewesen. Mit meiner Erlaubnis hat sie die Bekanntschaft von zwei oder drei jungen Herren gemacht, die ihre Tänzer bei den Kasinobällen sind, und mit denen sie vor den Mahlzeiten auf der Terrasse hin und her schlendert. Bei Strafe der sofortigen Rückkehr nach London und meines ewigen Zornes habe ich ihr verboten, den Harem von Alexandretta zu erwähnen, denn junge Leute haben geradezu ein Genie, alles verkehrt aufzufassen. Carlotta ist einfach eine junge Engländerin, eine Waise (was ja wahr ist), und ich bin ihr Vormund. Natürlich sieht sie die Herren mit flehenden Augen an, zupft sie am Ärmel, hält sie an den Rockaufschlägen fest und verkehrt mit ihnen in den vertraulichsten Ausdrücken; aber diese Charaktereigentümlichkeiten kann ich so wenig ändern als ihre Gestalt. Carlotta ist eine geborene Kokette und überdies in der wonnigen Überzeugung befangen, daß sie der Gegenstand der Bewunderung jedes männlichen Wesens sei. Heute morgen sah ich, wie sie mit ihren Fingern eine Melodie auf dem Arm des alten Bademeisters spielte, während dieser sich anschickte, sie ins Wasser zu fahren, wobei mir auffiel, daß sein mahagonifarbiges Gesicht einen weichen Ausdruck annahm. Ganz ebenso würde Carlotta in ihrer unbeschreiblich kindlichen Art auch mit einem Steuereinnehmer oder Lumpensammler, oder selbst mit dem Erzbischof von Canterbury kokettieren. Aber eine ernstliche Unvorsichtigkeit hat sie nicht begangen, und ich bin genügend Herr und Meister, um Gehorsam zu erlangen.

Ich tue jedoch, als sei ich stets ihres Winks gewärtig, und es ist mir eine wirkliche Freude, diesem strahlenden Glück Vorschub zu leisten ? zu fühlen, wie sie sich auf meinen Arm stützt, und zu hören, wie sie mit ihrer süßen Stimme sagt: »Du bist so gut. Ich möchte dir einen Kuß geben.« Aber ich erlaube ihr nicht, mich zu küssen, nie wieder! »Siir Markuus, laß uns zu den kleinen Pferdchen gehen!«

Sie hat eine verzehrende Leidenschaft für » les petits chevaux«. Ich halte ihr zwar weise Reden über das Laster des Spielens, aber sie lacht nur, und schwach wie ich bin, stelle ich mich auf einen niedrigeren Standpunkt.

»Wozu denn? Du hast ja kein Geld?«

»O?o. Nur zwei Franken!« bittet sie und streckt ihre Hand aus.

»Nicht einen. Gestern hast du verloren.«

»Aber heute werde ich gewinnen. Ich habe in einem Laden etwas gesehen, etwas Wunderschönes, das ich dir schenken möchte.«

Dann fühle ich, wie sich ihre Hand in meine Rocktasche stiehlt, wo ich eben zu diesem Zweck immer etwas Kleingeld trage, gerade wie ein Pferdeliebhaber ein paar Zuckerstückchen für sein Lieblingspony. Mit einem Freudenschrei zieht Carlotta triumphierend ihre Hand aus meiner Tasche und weicht zurück. Aber schon im nächsten Augenblick nimmt sie meinen Arm und führt mich aus der kühlen Nachtluft in das heiße kleine Zimmer hinein, wo die Menschen dicht gedrängt um die neun im Kreise herumlaufenden Tierchen stehen.

»Ich werde auf fünf setzen ? ich setze immer auf fünf. Das fünfte ist so ein nettes, sauberes weißes Pferdchen.«

Sie setzt zwei Franken und beobachtet den Wettlauf der Pferdchen mit ängstlicher Spannung. Sie gewinnt! Sechzehn Franken fest in der Hand haltend, läuft sie auf mich zu.

»Sieh! Ich sagte dir ja, ich würde gewinnen!«

»Gut; nun komm und sei glücklich!«

Aber sie verzieht nur das Gesicht, und ehe ich es verhindern kann, läuft sie zurück und setzt abermals auf fünf. In zwanzig Minuten ist sie völlig ausgebeutelt und kehrt nun mit einem Ausdruck des tiefsten Jammers zu mir zurück. Sie ist sogar zu geknickt, um noch einmal ihr Glück in meiner Rocktasche zu versuchen. Ich führe sie hinaus und stelle ihre Glückseligkeit durch ein Glas Sodawasser mit Fruchtsaft wieder her. Die Limonade trinkt sie ohne einen Strohhalm; beide Ellbogen auf dem Marmortisch und das Glas in beiden Händen, schlürft sie das Getränk mit Hochgenuß in kleinen Schlückchen.

Und ich, Markus Ordeyne, ein äußerst zufriedener Philosoph von vierzig Jahren, sitze dabei und beobachte sie. Ein Dingohund könnte nicht so befriedigt sein, und ich behaupte ohne jedes Zögern, daß jener junge Mensch der hirnloseste seiner Art sein muß. Ich ertrage Dummköpfe im allgemeinen mit Würde, aber wenn ich diesen Kerl noch oft sehen muß, tue ich ihm sicher ein Leid an.

Nach dem Gabelfrühstück gingen wir auf den Gipfel der westlichen Klippe und lagerten uns in dem dichten, trockenen Gras. Niemals hat die Erde einen solch vollkommenen Nachmittag gesehen, einen Tag von tiefstem Blau und von strahlendstem Licht. Die ganze Luft war durchsichtig blau. Unter uns schlief der kleine Ort im Sonnenschein ? kaum ein Lebenszeichen ? nur wie Punkte sahen wir die Waschfrauen am Strand sich über weiße Flecken ? die zum Trocknen ausgebreiteten Wäschestücke ? beugen. Leise plätscherten die Wellen gegen die Steine am Ufer, wodurch das ultramarinfarbige Meer plötzlich einen federartigen weißen Saum erhielt. Ein paar weiße Segel unterbrachen das Blau der Bucht; einige helle Cirruswölkchen glänzten über unsern Häuptern; um uns her, oben auf den Gipfeln der Felsen waren grüne Weiden und satte Wiesen, weiter drinnen im Land schimmerten große Garbenbündel auf den Erntefeldern, und ringsum standen viele schöne Bäume.

Während wir auf dem Rücken zwischen Himmel und Meer im Grase lagen, war es mir, als seien wir vollständig allein auf der Welt. Carlotta und ich waren die einzigen Erdenbewohner. Träumerisch löste ich einen Bonbon um den andern aus seiner klebrigen Seidenpapierhülle, und Carlotta verzehrte sie alle.

Nach einiger Zeit beschlich mich eine unbezwingliche Müdigkeit, und bald darauf hatte ich ein eigenes Gefühl vollkommener Ruhe. Ich lag zwischen Moos und Veilchen. Halb im Traum verwunderte ich mich über diese Veränderung um mich her, und als ich endlich aufwachte, lag mein Kopf in Carlottas Schoß, beschattet von ihrem roten Sonnenschirm, während Carlotta selbst freudestrahlend in der prallen Sonne saß. Aber als ich schnell aus dieser unpassenden Stellung aufspringen wollte, lachte sie hell auf und hielt mich an der Schulter zurück.

»Nein, du darfst dich nicht bewegen. Du siehst so nett aus, und es ist so hübsch hier. Ich legte deinen Kopf hierher, damit er weich liegen sollte. Du hast ganz fest geschlafen.«

»Und ich bin abscheulich unhöflich gewesen,« sagte ich. »Ich bitte dich sehr um Entschuldigung, Carlotta.«

»O, ich bin nicht böse,« erwiderte sie lachend, und indem sie mich noch immer mit den Händen festhielt, brachte sie ihren Körper in eine bequemere Lage.

»Da, jetzt tue ich, als sei ich eine gute kleine türkische Frau.« Sie machte aus dem »Matin«, den ich mir in der luxuriösen Absicht, ihn nicht zu lesen, gekauft hatte, einen Fächer und fächelte mir Luft zu.

»So ließ sich Hamdi gewöhnlich von Ayescha fächeln, und dabei erzählte ihm Ayescha auch Geschichten. Aber mein Herr liebt die Geschichten seiner Sklavin nicht.«

»Entschieden nicht,« sagte ich.

Von Ayescha, einem niedlichen Stück Menschenfleisch, das, wie es scheint, seinen Eheherrn in einen verliebten Narren verwandelte, habe ich oft gehört, und ich fange an, Hamdi Effendi meine Verachtung zu teil werden zu lassen.

»Du sagst, sie seien unpassend,« fuhr Carlotta lachend fort; und damit meinte sie ihre Geschichten. »Deshalb will ich dir lieber ein türkisches Lied singen, das du nicht verstehst.«

»Ist es ein anständiges Lied?«

» Kim bilir ? wer weiß?« sagte Carlotta.

Sie begann ein melancholisches klagendes Liedchen mit viel Kehllauten, brach aber mitten darin ab.

»O, wie dumm das ist, gerade wie das türkische Tanzen auch. O, alles in Alexandretta war dumm. Manchmal meine ich, ich hätte Alexandretta oder Ayescha oder Hamdi nie gesehen. Ich meine, ich sei immer bei dir gewesen.«

Dies muß wirklich so sein, denn in der letzten Zeit hat sie nur ganz wenig von ihrem Leben im Harem gesprochen; sie spricht meist von den kleinen Tagesereignissen, und wir haben schon eine ganze Menge gemeinsamer Interessen. Ihr ganzes Leben wurzelt in der Gegenwart, die Vergangenheit ist nur ein verworrener Traum. Das Sonderbare an der Geschichte ist aber, daß sie ihre Stellung bei mir für eine ganz natürliche hält. Kein verlaufenes Kätzchen, das von einer freundlichen Familie ausgenommen wurde, könnte sich dieser weniger verpflichtet fühlen oder fester davon überzeugt sein, daß im Weltall alles für sein eigenstes und persönliches Wohlbefinden eingerichtet sei. Als ich sie vor einiger Zeit fragte, was sie getan haben würde, wenn ich sie auf der Bank in den Anlagen des Embankments ihrem Schicksal überlassen hätte, zuckte sie die Schultern und antwortete wie schon früher, sie wäre entweder gestorben, oder ein andrer netter Herr hätte sich ihrer angenommen.

»Meinst du denn, die netten Herren liefen nur so in London herum, um nach heimatlosen kleinen Mädchen zu suchen?« fragte ich bei dieser Gelegenheit.

»Alle Herren lieben schöne Mädchen,« erwiderte sie, und das brachte uns wieder auf die alte Streitfrage.

Heute nachmittag jedoch, da stritten wir uns nicht. Der Tag selbst verbot es. Meinen Kopf in Carlottas Schoß, schaute ich hinauf zum tiefblauen Himmel und hatte ein ganz seltsames Gefühl wahren Glückes. Bis jetzt habe ich mich dem Leben gegenüber mehr negativ verhalten. Ich habe mehr vermieden als aufgesucht, und aus dem Becher des Lebens habe ich nicht getrunken, weil ich nicht durstig war. Bei mir hieß es:

»Von fern dem Wettkampf zuzusehn
Mein Teil am Spiel des Lebens ist.«

Sogar mein Interesse für Judit war geteilter Natur. Ich bin wie Faust gewesen und hätte wie er ausrufen können:

»Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!«

Dann mag mich der Teufel holen und mit mir tun, was er will.

Nein, noch niemals habe ich die geringste Neigung verspürt, den Augenblick so anzureden und ihn wegen seines außerordentlichen Reizes zum Verweilen aufzufordern. Niemals, bis ? bis zum heutigen Nachmittag, wo der tiefe Sommerzauber dieses leuchtenden Tages von dem Liebreiz eines erwachenden Mädchenfrühlings selbst noch verzaubert war.

»Du hast drei ? vier ? fünf ? o, eine Menge grauer Haare!« rief Carlotta, indem sie sich über meinen Kopf beugte.

»Viele haben mit zwanzig Jahren schon graue Haare,« erwiderte ich.

»Aber ich habe keine.«

»Du bist auch noch nicht zwanzig, Carlotta.«

»Glaubst du, daß ich dann welche bekommen werde? O, das wäre schrecklich, denn niemand würde mich dann haben wollen!«

»Und ich? Bin ich denn der Gegenstand von jedermanns Mißachtung?«

»O du, du bist ein Mann, und für einen Mann ist es recht, er sieht dann sehr weise aus. Seine Frau sagt: ?Sieh, mein Mann hat graue Haare; er hat Weisheit. Wenn ich nicht gut bin, wird er mich schlagen, deshalb muß ich ihm gehorchen.?«

»Sie würde also nicht mit einem Nichtsnutz von zweiundzwanzig Jahren davonlaufen?«

»O nein,« entgegnete Carlotta, »so schlecht würde sie nicht sein.«

»Es freut mich, daß du denkst, das Gefühl für eheliche Pflichten sei ein unausrottbares Element der weiblichen Natur,« sagte ich. »Aber nimm einmal an, die Frau verliebte sich in den jungen Taugenichts.«

»Männer verlieben sich,« erwiderte Carlotta altklug. »Aber die Frauen verlieben sich nur in den Geschichten, in den türkischen Geschichten. Sie lieben ihre Ehemänner.«

»Du setzest mich in Erstaunen,« sagte ich.

»Ja?a,« sagte Carlotta.

»Aber in England verlangt die Frau, daß der Mann sie liebe, ehe er sie heiratet.«

»Wie kann sie denn das?« fragte Carlotta.

Diese Frage machte mich stutzig.

»Ich weiß es nicht,« antwortete ich, »aber sie tut es.«

»Wenn ich also in England heiraten will, dann muß ich den Mann vorher lieben? Da werde ich wohl ohne Mann sterben müssen.«

»Das glaube ich nicht,« erwiderte ich.

»Ich muß eben bald damit anfangen,« sagte Carlotta lachend.

Eine schlangenartige Bewegung ihres geschmeidigen jungen Körpers machte es ihr möglich, ihr Gesicht zu meinem herabzubeugen.

»Soll ich Siir Markuus lieben? Aber woher soll ich wissen, wann ich ihn liebe?«

»Wenn du einmal einsiehst, wie außerordentlich unschicklich es ist, diese Frage mit deinem gehorsamen Diener zu besprechen,« erwiderte ich.

»Wenn also ein Mädchen verliebt ist, dann spricht sie nicht darüber?«

»Nein, mein Kind. Wie ein Wurm an einer Knospe, so zehrt das Verheimlichen an ihren Pfirsichwangen.«

»Dann wird sie ja häßlich.«

»Allerdings,« antwortete ich. »Beschaue dich nur fleißig im Spiegel, und wenn du bemerkst, daß du häßlich wirst, dann weißt du, daß du verliebt bist.«

»Aber wenn ich häßlich bin, dann wirst du mich nicht mehr haben wollen?« wandte sie ein. »Es hat also keinen Zweck, mich in dich zu verlieben.«

»Du hast mehr Logik, als ich gedacht hätte,« sagte ich.

»Was ist Logik?« fragte Carlotta.

»Es ist das antiseptische Mittel, das die Bazillen der Unvernunft zerstört, worauf dann das wahre Glück lebendig werden kann.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte sie.

»Ich wäre ungeheuer erstaunt, wenn du es verstanden hättest,« entgegnete ich lachend.

»Wäre es dir recht, wenn ich heiratete und fortginge und dich verließe?« fragte Carlotta nach einer langen Pause.

»Eines Tages wird ja wohl irgend ein Glücksritter in einer Kutsche an dem Schloß vorfahren und meine Prinzessin entführen,« sagte ich mit einem Seufzer.

»Und das wird dir leid tun?«

»Liebes Kind,« antwortete ich, »an einem so schönen Nachmittag wie dem heutigen wollen wir lieber keine so fürchterlichen Sachen besprechen.«

»Würde es dir besser gefallen, wenn ich noch länger deine türkische Frau spielte?«

»Unendlich viel besser,« sagte ich.

Ach, der Tag ist vergangen! Ich habe den fliehenden Augenblick gebeten, zu verweilen, aber er lachte nur, schüttelte seine leichten Schwingen und flog weiter, in schwindelnder Eile der Ewigkeit zu.

Während wir noch im Grase lagen, fing neben uns eine Cikade zu zirpen an. Ich hob meinen Kopf ein wenig aus Carlottas Schoß und teilte langsam das hohe Gras, um nach dem lärmenden Störenfried zu sehen, und dank einem glücklichen Zufall fand ich ihn auch. Schnell winkte ich Carlotta zu mir, die sich vorbeugte, und nun beobachteten wir mit zusammengesteckten Köpfen und angehaltenem Atem das sonderbarste kleine Liebesdrama, das sich nur denken läßt. Da stand unser Heuschreck lustig und keck und bewegte seine Fühlhörner in ganz kavaliermäßiger Weise, während sich sein kleiner Brustharnisch ab und zu leidenschaftlich hob und senkte. Auf der Spitze eines Grashalms aber saß eine kleine braune Julia ? eine höchst zurückhaltende, verständige, vorsichtige Julia ? die aber augenscheinlich großes Interesse an Romeos Serenade nahm. Wenn er sang, drehte sie das Köpfchen auf die Seite und machte eine Bewegung, als wisse sie nicht recht, ob sie von ihrem Balkon herabsteigen solle oder nicht. Sobald aber Romeo innehielt, was er öfters tat, da er offenbar schüchtern und verzagt war, zog sie ihren Fuß wieder zurück und wartete, zuerst geduldig, dann sichtbar gelangweilt. Messer Romeo machte einen Sprung vorwärts und zirpte; Julia begann zu zittern. Erschrocken über seine eigene Kühnheit hielt er wieder an und machte einen Sprung zurück. Julia sah enttäuscht aus. Schließlich fing ein paar Meter entfernt ein andrer Heuschreck in helleren Tönen zu zirpen an, und ohne einen Laut oder einen Wink eilte Julia davon und ließ den trostlosesten kleinen Romeo von einem Heuschreck, den man je gesehen hat, zurück. Er machte noch einen verunglückten Versuch zu zirpen und hüpfte an die Stelle, wo die Treulose gesessen hatte.

Carlotta brach in ein lustiges Lachen aus und klatschte in die Hände.

»Ich bin so froh!«

»Sie ist das schamloseste kleine Frauenzimmer, das mir je vorgekommen ist!« rief ich aus. »Da singt er sich nun fast das Herz aus dem Leib um ihretwillen, und nur weil ein mit einer kräftigeren Stimme begabter Tunichtgut auf der Bildfläche erscheint, läßt sie unsern armen Freund im Stich. O, sie hat nicht mehr Herz als mein Stiefel, und es wird sicher ein schlechtes Ende mit ihr nehmen.«

»Er war ein rechter Narr,« entgegnete mein kluges Fräulein, und ihre dunklen Augen blitzten vor Lachen. »Wenn er sie haben wollte, warum ging er dann nicht hin und nahm sie?«

»Weil er ein Gentleman ist, ein Heuschreck von zartem, feinem Gefühl.«

»Hu!« lachte Carlotta. »Er war ein Narr, und es geschieht ihm recht. Sie wurde des Wartens müde.«

»Aha, du glaubst also an das eheliche Glück, wenn die Frau geraubt wird,« sagte ich und erklärte ihr dann die Heiratsgebräuche der Tataren.

»Jawohl,« sagte Carlotta, »das ist vernünftig. Und was für ein Spaß muß das für ein Mädchen sein! All das ? wie heißt man es doch gleich? ? den Hof machen, ist Zeitverschwendung. Mir gefällt es, wenn alles schnell geht, Zug um Zug ? oder auch ?«

»Oder auch, was?«

»? gefällt es mir, wenn ich nichts tue, nichts als in der Sonne liegen wie heute nachmittag.«

»Ja, ja,« sagte ich träumerisch, nachdem ich mich wieder neben ihr ins Gras geworfen hatte. »Wie heute nachmittag.«

Ich sitze an meinem Fenster und schaue auf den schmalen Strand, auf die hereingezogenen Fischerboote und auf die Netze, die dort zum Trocknen hängen, aber beim Sternenlicht nur undeutlich erkennbar sind. Ich höre das rhythmische Klagen der nahen Brandung, und es ist mir, als wiederhole sie bei jedem Aufwallen jenen blödsinnigen Ausspruch, der mir schon den ganzen Abend durch den Kopf gegangen ist. Aber warum soll ich verrückt sein? Weil ich meine Seele an der von Gott geschaffenen wunderbaren Herrlichkeit der Erde, des Meeres und des Himmels geweidet habe? Weil ich geduldet habe, daß sich mein Herz mit wahrhaft reiner Freude an dem vertrauten Umgang mit einer frischen duftenden Mädchenblüte erlabte? Weil ich mir einmal erlaubt habe, einen holden Traum zu träumen, der noch niemals auch nur durch den Schatten eines nicht vollkommen reinen Gedankens getrübt worden ist?

Weil ich mich wieder jung fühle?

Ich will mich in den Schlaf lesen, und zwar mit » La Dame de Monsoreau«, die ich mir aus der Leihbibliothek in der Rue Alphonse Karr geholt habe (der gelehrte Gartenkünstler ist der genius loci und der Pate meiner Hauswirtin). Mit Père Gorenflot will ich große Humpen leeren, mit Chicot, dem König der Hofnarren, auf halsbrecherische Abenteuer ausziehen, und zwischen dem tapferen Bussy und Henri Quatre will ich liebevoll spazieren gehen.

An diesem Buch ? und wäre es auch an nichts anderm ? erkenne ich die Güte der erhabenen Götter: sie haben uns müden Menschen den Dumas geschenkt.

 

Schluß des ersten Bandes.

 


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