Carlotta. Erster Band

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Erstes Kapitel

Aus Gründen, die ich später angeben werde, sitze ich hier in Verona, um das ganz absonderliche Abenteuer zu erzählen, das ich erlebt habe. Ich will die kurzen Notizen meines Tagebuchs, das offen vor mir liegt, erweitern und ausführen, und beginne mit einem vergnügten Maientag vor sechs Monaten.

 

20. Mai.

London. Heute ist die siebente Wiederkehr des Tages meiner Befreiung aus der Gefangenschaft. Mit einem Seufzer unbeschreiblicher Erleichterung will ich dieses Tages in meinem Tagebuch immer gedenken. Sieben lange glückliche Jahre bin ich jetzt von dem erniedrigenden Einfluß der Abcschützen und der Einmaleinsschüler befreit. Es gibt freilich Leute, die die modernen englischen Jungen anregend und die alten Ägypter unterhaltend finden. Das sind die geborenen Schulmeister, und bei Schulmeistern heißt es wie bei den Poeten: nascuntur, non fiunt. Als was ich geboren bin, das kann ich nicht ergründen. Jedenfalls nicht als Schulmeister, und die vielen in der Tretmühle der Schule verbrachten Jahre haben mich auch zu keinem gemacht. Sie verwandelten mich nur in einen Automaten, der von mir selbst gefürchtet, von den Kollegen geuzt und von den Schülern manchmal gutmütig geduldet worden war.

Heute vor sieben Jahren bekam ich den Brief vom Rechtsanwalt. Die Briefe trafen gewöhnlich gerade vor Beginn der Schule ein; so öffnete ich ihn denn im Schulzimmer und, von Schrecken überwältigt mußte ich mich niedersetzen. Er brachte die Nachricht von dem gräßlichen Massensterben in meiner Familie und betäubte mich geradezu. Die Klasse mußte an meinem totenblassen Gesicht gesehen haben, daß sich irgend etwas ereignet hatte, denn ihrer sonstigen Gewohnheit ganz entgegen blieb sie, dreißig Schüler an der Zahl, in unerschütterlicher Ruhe sitzen und wartete auf den Beginn des Unterrichts. Soviel ich mich erinnern kann, warteten diese Jungen die ganze Stunde hindurch. Nach Verlauf dieser Zeit begab ich mich in mein Zimmer. Im Kreuzgang hörte ich einen der vor mir herlaufenden Knirpse einem andern zurufen: »Bombensicher, er hat s große Los gewonnen!«

Als er sich umwandte, bemerkte mich der Junge; er wurde feuerrot, ich aber lachte laut hinaus, denn der Ruf des Jungen war wie ein Posaunenton aus dem siebenten Himmel an mein Ohr gedrungen. Ja, ja, ich hatte das große Los gewonnen! Nie wieder mußte ich den Jungen quadratische Gleichungen beibringen! Für immer durfte ich diesen verhaßten Mauern und den noch verhaßteren Spielplätzen den Rücken kehren! Und ich verließ mein Gefängnis nicht, um meine Knechtschaft wo anders wieder zu beginnen, wie das schon ein- oder zweimal der Fall gewesen war. Ich war frei. Ich konnte in den Sonnenschein hinausgehen und meinen Nebenmenschen ohne das beständige demoralisierende Gefühl der Unzulänglichkeit ins Gesicht sehen. Ich war frei! Aber bis zu dem Ruf jenes Knirpses war mir das noch nicht klar geworden. Die Zähne klapperten mir vor freudiger Erregung.

Glücklicherweise hatte ich während der zweiten Stunde keinen Unterricht zu geben, und ich brauchte einen großen Teil dieser Zeit, um mich zu fassen. Vollständig ruhig sprach ich dann bei meinem Rektor vor. Es war ein wohlbeleibter, pausbäckiger Mann mit einem kreisrunden Körper, einem kreisrunden Gesicht und einer kreisrunden goldenen Brille auf der Nase. Er sah ganz aus wie eine Figur aus dem dritten Buch des Euklid. Aber seine Augen glänzten wie Glasstückchen in der Sonne.

»Nun, Ordeyne?« fragte er, von Briefen an Eltern der Schüler aufsehend.

»Ich möchte Sie um meine Entlassung bitten,« sagte ich. »Und ich möchte Sie bitten, mich sogleich zu beurlauben.«

»Nun, nun, so schlimm steht es doch wohl nicht,« sagte er freundlich.

Ich sah ihn einen Augenblick verständnislos an.

»Ja, ich weiß wohl, daß Sie eine oder zwei schwierige Klassen haben,« fuhr er fort.

Unter dieser mich schwer kränkenden Vermutung zuckte ich zusammen.

»O, es hat nichts mit meiner Unzulänglichkeit zu tun,« warf ich ein.

»Was ist es denn sonst?«

»Mein Großvater, zwei Oheime, zwei Vettern und ein Diener sind vor ein paar Tagen im Mittelmeer ertrunken,« antwortete ich ruhig.

Später ist mir erst die Ungeheuerlichkeit dieser Ankündigung klar geworden, die denn auch meinen Rektor bis zur Sprachlosigkeit überwältigte.

»Ich spreche Ihnen meine innigste Teilnahme aus,« sagte er schließlich.

»Ich danke Ihnen,« erwiderte ich.

»Ein entsetzliches Unglück. Kein Wunder, daß es Sie aus der Fassung gebracht hat. Entsetzlich! Sechs Menschenleben. Drei Generationen einer Familie.«

»Das ist es ja gerade. Drei Generationen unsres Geschlechts sind wie weggefegt, und ich bin nun das Haupt der Familie.«

In diesem Augenblick trat die Gattin des Rektors ins Zimmer, die Morgenzeitung in der Hand. Als sie mich sah, eilte sie aus mich zu: »Haben Sie schlimme Nachrichten erhalten?«

»Ja. Steht es in der Zeitung?«

»Ich wollte es eben meinem Manne zeigen. Es ist ein außergewöhnlicher Name, und ich hätte gern gewußt, ob es Verwandte von Ihnen seien.«

Ich verbeugte mich zustimmend. Der Rektor las die Stelle, die ihm seine Frau mit dem Daumen andeutete; dann sah er mich an, wie wenn die See auch mich verwandelt hätte.

»Ich hatte keine Ahnung ?« begann er. »Wie, ja ? dann sind Sie ja jetzt Sir Markus Ordeyne!«

»Es klingt blödsinnig, nicht wahr?« sagte ich mit einem Lächeln. »Aber ich glaube, es ist wirklich so.«

Und dann ward ich von der Gefangenschaft erlöst. Das entsetzliche Unglück erschütterte mich zwar tief, aber es wäre reine Heuchelei, wenn ich behaupten wollte, daß ich persönlich um die Verstorbenen getrauert hätte. Ich hatte keinen von ihnen gekannt und bin überzeugt, der Diener war noch der Beste von allen. Mein Großvater und meine Oheime hatten mein Dasein vollständig ignoriert gehabt. Nicht einer von ihnen hatte zu einer Zeit, wo ein einziger freundlicher Händedruck so viel wie alles gewesen wäre, meiner verwitweten Mutter in ihrer Bedürftigkeit eine hilfreiche Hand gereicht.

Sie scheinen keine liebenswürdige Rasse gewesen zu sein, diese Ordeynes. Welcher Art mein Vater, der jüngste Sohn, gewesen war, weiß ich nicht, denn er starb, als ich erst zwei Jahre alt war, aber meine Mutter, eine etwas strenge puritanische Frau, sprach von ihm gerade so, wie sie von dem Propheten Joel gesprochen hätte, wenn dieser ein persönlicher Bekannter von ihr gewesen wäre.

Heute vor sieben Jahren bin ich ein freier Mann geworden!

Da ich mich mit aller Welt versöhnt fühlte, besuchte ich heute nachmittag meine Tante, Mrs. Jessica Ordeyne, die es mir nicht nachträgt, daß ich den Platz eingenommen habe, den eigentlich ihr Gatte und nach diesem ihr Sohn hätte erben sollen. Sie hat sich eher vorgenommen, mich zu adoptieren, meinen Ehrgeiz auf den richtigen Weg zu leiten und mir meine Pflichten als Haupt der Familie vorzuhalten. Wenn ich mich nicht adoptieren lasse, allem Plänemachen aus dem Wege gehe und keine Pflichten anerkenne, so ist das keinesfalls einem Mangel an gutem Willen ihrerseits zuzuschreiben. Sie ist eine wohlkonservierte Weltdame von fünfundfünfzig Jahren, die, als die chemischen Haarfärbemittel aufkamen, anfing, ihr Haar zu färben, und jetzt nicht neugierig genug ist, dieses Verfahren aufzugeben, um zu sehen, welche Farbe dann entstehen könnte.

Ich wollte, ich könnte sie liebhaben, aber ich kann es nicht. Sie schnurrt, doch eines Tages wird sie kratzen, das fühle ich. Heute empfing sie mich gnädig.

»Endlich, mein lieber Markus! Wußtest du nicht, daß ich schon seit Ostern hier bin?«

»Nein, leider nicht,« sagte ich, was auch ganz wahr war. »Warum hast du es mir nicht mitgeteilt?«

»Ich würde dich zu Tisch eingeladen haben, aber du kommst ja nie. Und dir eine Karte mit meinem jour fixe zu schicken, das fällt mir nicht ein. Es wäre doch nur eine Briefmarkenverschwendung.«

»Du hättest mir ja ein freundliches nichtssagendes Briefchen schreiben können,« bemerkte ich.

»Damit du gesagt hättest: ?Warum plagt mich die einfältige Person mit ihren dummen Briefen?? O ich kenne die Männer!« erwiderte sie mit schlauem Ausdruck.

Ja, das hätte ich auch wirklich gesagt, und da ich kein geriebener Lügner bin, konnte ich nur schwach lächeln. Es ist mir nie so recht behaglich bei Tante Jessica. Ich bin nämlich keine Persönlichkeit, die es besonders mit ihr verstünde, denn ich gehöre nicht in ihre luxuriöse Welt, und selbst wenn ich mir das wünschte, wovor mich Gott in Gnaden bewahren soll, so würden mir meine Mittel nicht einmal den notwendigen Aufwand erlauben. Mein Onkel, der die Absicht gehabt hatte, den verblaßten Glanz des Titels in seiner früheren Pracht wiederherzustellen, hat als ein Gründer verschiedener Gesellschaften ungeheure Reichtümer angehäuft, während ich, auf den der Titel jetzt gekommen ist, mit dem verblaßten Glanz vollständig zufrieden bin. Mit meiner Tante habe ich kaum einen Gedanken, geschweige denn irgend eine Geschmacksrichtung gemeinsam, und deshalb muß ich ihr in der Tat äußerst langweilig sein. Aber sie verbirgt ihren Verdruß unter einer strahlenden Miene und will mir weismachen, daß ihr meine Besuche unaussprechliches Vergnügen bereiteten. Ich möchte nur wissen, warum.

Mir gegenüber spielt sie stets den weisen Mentor, und sie möchte mich auch gern bemuttern. Aber das ärgert mich; ein Mann von vierzig Jahren braucht durchaus keine Ratschläge von einer ältern Frau, der jeglicher Verstand abgeht. Ich glaube, es gibt Frauen, die fest überzeugt sind, durch ihr Geschlecht schon mit allen geistigen Eigenschaften begabt zu sein. Heute hat meine Tante die Heiratsfrage aufs Tapet gebracht. Ich müsse heiraten. »Warum denn?« lautete meine Antwort. Sie meinte, daß sei die Pflicht eines jeden Mannes.

»Von welchem Standpunkt aus?« fragte ich. »Lediglich von dem der Vermehrung der menschlichen Rasse, oder von dem eines überflüssigen Frauenzimmers, das gerne versorgt sein möchte? Im ersten Fall ist meine Meinung die, daß es schon viel zu viel Menschen auf der Welt gibt, im zweiten aber bin ich, wie ich fürchte, nicht selbstlos genug.«

»Bist du komisch!« sagte meine Tante lachend.

Ich kam mir ganz und gar nicht komisch vor.

»Aber Spaß beiseite,« fuhr sie fort, »du mußt heiraten.« ? Meine Tante hat eine Art, auf ihre Worte einen Nachdruck zu legen, der einem auf die Nerven geht. ? »Weißt du wohl, daß der Titel erlischt, wenn du keinen Sohn hinterläßt?«

»Und wenn auch!« rief ich. »Wer wird sich auch nur einen Deut darum kümmern?«

Ich fange an, des Titels überdrüssig zu werden. Zuerst machte er mir Spaß. Jetzt aber ist es mir, als sei er droben im himmlischen Gerichtshof registriert und dort mit allerlei heiligen Vorschriften verwahrt. Erst neulich verlangte ein mir gänzlich unbekannter Pfarrer, ich solle einen Wohltätigkeitsbazar eröffnen, und soviel ich erraten konnte, hatte er seine Vorschriften direkt vom allmächtigen Gott erhalten.

»Ach, jedermann würde sich darum kümmern!« rief meine Tante aufrichtig empört. »Es wäre fürchterlich, und du bist es ebensogut deinen Nachkommen als deinen Vorfahren schuldig. Außerdem,« setzte sie ganz unvermittelt hinzu, »sollte ein Mann in deiner Stellung auch dieser Stellung gemäß leben.«

»Und das tue ich aufs Tüpfelchen, ich lebe doch durchaus meiner Stellung gemäß.«

»Jetzt tust du, als ob du mich nicht verstündest. Du mußt Geld heiraten.«

Ich lächelte und schüttelte den Kopf. Aber meine Tante liebt es offenbar nicht, wenn ich lächle und den Kopf schüttle, denn ich sah ein Flackern in ihren Augen.

»Nein, meine liebe Tante, ein ausgesprochenes Nein. Geld wäre sehr wenig herzerfreuend. Wenn ich es küßte, wäre es kalt, wenn ich es umarmte, wäre es scharf und hart, was mir weh täte, und wenn ich irgend eine Gefühlsäußerung aus ihm herausbringen wollte, würde es nur klirren.«

»Was willst du denn sonst?«

»Nichts. Aber wenn es durchaus etwas sein müßte, dann möchte ich wirkliches Fleisch und Blut.«

»Kannibale!« sagte meine Tante.

Darauf mußten wir beide lachen.

»Aber du kannst Fleisch und Blut im Überfluß haben und noch Geld obendrein, wenn du dich nur darum umtun wolltest,« fuhr meine Tante fort.

Wie gerufen traten in diesem Augenblick meine beiden Cousinen Dora und Gwendolin ins Zimmer und unterbrachen die Unterhaltung. Es sind das zwei lustige Mädel mit frischen Gesichtern im Anfang der Zwanziger. Sie reiten, schießen, radeln, tanzen und spielen Golf, die ältere schreibt überdies kleine Erzählungen für Zeitschriften. Da ich alles dies nicht tue, halten sie mich zweifellos für ein minderwertiges Geschöpf. Wenn sie mir eine Tasse Tee reichen, erwarte ich beinahe, daß sie mir über den Kopf streichen und »guter Hund!« zu mir sagen. Ich bin groß, mager, vorgebeugt, häßlich, kurzsichtig, habe eine Habichtsnase und erfreue mich durchaus nicht des kecken Benehmens der lustigen Börsenjobber, mit denen sie jeden Tag verkehren. Diese jungen Damen flößen mir eher einen gewissen Schrecken ein, und sie haben überdies einen ganzen Haufen äußerst oberflächlicher Kenntnisse von allem unter der Sonne aufgestapelt, wovon sie mit Vorliebe kleine Proben zum Besten geben. Dies verwirrt mich und macht mir die Unterhaltung schwierig.

Da ich Dora seit ihrer Rückkehr von Rom, wo sie den Vorfrühling zugebracht hat, noch nicht gesehen hatte, fragte ich etwas ängstlich nach ihren Eindrücken von dort, und ehe ichs mich versah, lauschte ich einem Vortrag über die Peterskirche. Sie teilte mir mit, daß die Kirche von Michelangelo erbaut worden sei, worauf ich bemerkte, einiges Verdienst daran müsse doch auch Bramante zugeschrieben werden, ganz abgesehen von Rosselino, Baldassare Peruzzi und den beiden San Gallos.

»O,« sagte meine junge Dame mit einer prächtigen Miene der Überlegenheit, »der Dom wurde ganz allein nach Michelangelos Entwurf gebaut, die andern haben nachher nur daran herumgepfuscht.«

Nach diesem trefflichen Schuß ins Schwarze machte ich mich auf und davon.

Um mich zu trösten, schlug ich Michelangelos edlen Brief über Bramante auf.

»Man kann nicht leugnen,« heißt es da, »daß Bramante ein ebenso ausgezeichneter Meister der Architektur war, als nur je ein Künstler von der ältesten Zeit bis auf die Gegenwart. Er legte den ersten Stein von Sankt Peter nicht planlos, sondern klar, präzis und hellsehend, und er legte rundum alles auf eine Weise frei, daß nicht der kleinste Teil des Palastes beeinträchtigt wurde. Der Bau ist ein herrliches Kunstwerk geworden, wie man heute noch sehen kann, und wer immer von dem oben genannten Plan Bramantes abgewichen ist, wie San Gallo, der ist von der Wahrheit abgewichen.«

Michelangelo war San Gallo nicht hold, und er mochte auch Bramante nicht ? der zwanzig bis dreißig Jahre älter war als er ?, aber dadurch ist die Anerkennung der Arbeit des älteren Meisters um so großmütiger.

Daran herumgepfuscht! Es ist zum Lachen!

 

21. Mai.

Den ganzen Vormittag habe ich am offenen Fenster gearbeitet.

Ich bewohne ein kleines Haus in Lingfield Terrace auf der nördlichen Seite von Regents Park, und mein Wohnzimmer im ersten Stock liegt nach Süden. Die letzten Tage sind warm und sonnig gewesen, und die Ulmen und Platanen auf der andern Seite der Straße strotzen allmählich in einer üppigen grünen Pracht, wie wenn sie sich an dem goldenen Wein des Frühlings wahrhaft berauscht hätten. Meine großen Balkontüren stehen weit offen, und draußen auf dem Balkon kriecht ein dreieckiges Stück Sonnenschein näher und näher herbei. Ich habe meinen Arbeitstisch dicht ans Fenster gerückt und schreibe eifrig an dem ersten Teil meiner »Geschichte der Moral der Renaissance«, zu der ich die vorbereitenden Notizen vollständig beisammen habe. Ein wonniges Gefühl von vollständiger Weltabgeschiedenheit erfüllt mich. Drüben über den Baumwipfeln zeigt sich in der Ferne ein rötlicher Schimmer, und darunter liegt London mit seinen Kämpfen und seinem Elend, seiner Schlechtigkeit und Eitelkeit. In zwanzig Minuten könnte ich, wenn ich wollte, mitten darin sein, und dann auch ebenso mitten drin im Kampf, ebenso unglücklich und so von Schlechtigkeit und Eitelkeit durchdrungen, wie irgend ein andrer Mensch in London. Ich könnte an der Börse spekulieren, das unlautere Spiel der Politik betreiben oder meinen wertvollen Titel unter den jungen Damen der Londoner Gesellschaft zum Verkauf ausbieten. Meine Tante Jessica sagte mir einmal, ganz London liege mir zu Füßen, aber ich bin ganz zufrieden, wenn es ruhig da liegen bleibt; es jagt mir denselben nervösen Schrecken ein wie eine wilde Brandung, deren Wogen sich hochaufspritzend am Ufer brechen. Wenn ich mich darauf hinauswagte, würde ich hin- und hergeschleudert werden, an den Felsen zerschellen und zu Grunde gehen. Da beobachte ich lieber alles aus einer gewissen Entfernung. Wenn ich etwas mehr Unternehmungslust hätte, könnte ich vielleicht etwas leisten; aber ich fürchte, ich bin nur ein Tagedieb in dem großen Weltgetriebe; doch anstatt mich auf den Schutthaufen zu werfen, hat mich ein gütiges Schicksal bis heute beschirmt, ja es hat mich vielleicht als Merkwürdigkeit in seinem eigenen Museum unter Glas und Rahmen aufgestellt, und ich fühle mich ganz glücklich unter diesem Schutz.

Ich wurde unterbrochen, Antoinette, meine Köchin und Haushälterin, kam und sagte, es sei ihr sehr leid, daß sie mich stören müsse, aber sie wolle nur fragen, ob ich Sauerampfer gern esse. Sie habe eben du veau à loseille zum Gabelfrühstück machen wollen, und da habe Stenson (mein Diener) gesagt, das sei abscheuliches Zeug und Monsieur würde keinen Bissen davon essen.

»Antoinette,« sagte ich, »gehen Sie und sagen Sie Stenson, in eben dem Maße, als er für meinen äußeren Menschen sorge, sorgten Sie für meinen inneren, und in Beziehung auf diese beiden Arbeitsfelder hätte ich ein unbeschränktes Vertrauen in euch beide.«

»Aber ißt Monsieur gern Sauerampfer?« fragte Antoinette ängstlich.

»Ja, sogar leidenschaftlich gern,« antwortete ich; und Antoinette verschwand triumphierend.

Welche unendliche Sorgfalt die Französinnen doch für das Innere ihrer Herren haben! Bisweilen ist es mir geradezu rührend. Ich habe tatsächlich schon öfters die appetitlichsten Leckerbissen, die ich nicht essen konnte, ins Feuer geworfen, nur um Antoinettes Gefühle nicht zu verletzen.

Vor drei Jahren traf ich sie in der kleinen Herberge eines Städtchens an der Loire, wo sie Köchin war, und da sprach sie nach den Mahlzeiten immer so rührend über die Kochkunst, daß sich bald eine innige Freundschaft zwischen uns entspann. Dann war plötzlich irgend jemand Geld weggekommen, und Antoinette wurde unter dem Verdacht des Diebstahls ohne weiteres entlassen. Ich hatte einen bestimmten Verdacht gehabt, wer der Dieb sei ? ein Verdacht, der sich später als richtig erwies ? und hatte Antoinette empört verteidigt.

Aber Antoinette, die aus einem etwa achtzig Meilen entfernt liegenden Dorfe stammte, war fremd und verlassen; ich war ihr einziger Freund, und das Ende vom Liede war, daß ich ihr vorschlug, mit mir nach England zu kommen, ins Land der Freiheit, nach der Zufluchtstätte der Unterdrückten und Mißhandelten, um dort meine Haushälterin zu werden. Unter Tränen lächelnd willigte sie ein. Und das Lächeln verbreitete sich über ihr ganzes dickes Gesicht, so daß sich da kleine Furchen bildeten für die großen dicken Tränen, die unerwartet an verschiedenen Stellen heruntertropften. Antoinette, deren einziger Sohn als Soldat in Madagaskar gefallen war, stand ganz allein auf der Welt. Obgleich ihr Mann tot war, hatte sie das Gesetz doch nie als Witwe anerkennen wollen, denn sie war nie verheiratet gewesen, und deshalb weigerte es sich auch, ihren einzigen Sohn vom Militärdienst freizulassen. » On ne peut être jeune quune seule fois, nest-ce pas, Monsiseur?« sagte Antoinette zur Beschönigung ihres früheren Fehlers.

»Und Jean-Marie,« fügte sie hinzu, »war ein ebenso tapferer Mensch und aufopfernder Sohn, als wenn der Heilige Vater uns selbst getraut hätte.«

Ich streckte abwehrend die Hand aus und sagte, daß sei mir ganz einerlei. Von den della Scalas, die viele Generationen hindurch die höchsten Herren von Verona gewesen seien, habe kein einziger von allen seinen Vater in anderer Weise gehabt. Selbst Wilhelm der Eroberer ?

» Tiens!« rief Antoinette getröstet. »Und er wurde Kaiser von Deutschland ? er und Bismarck.«

Antoinettes Kenntnisse in der Weltgeschichte sind recht primitiv, und ich habe nicht versucht, sie weiter auszubilden.

Als ich mein Opfer fremdländischer Tyrannei nach Lingfield Terrace brachte, fiel Stenson beinahe in Ohnmacht. Er ist der korrekteste aller englischen Kammerdiener, und ich glaube, sein einziges Laster ist ein Akkordeon, auf dem er in meiner Abwesenheit getragene Choralweisen spielt. Als er sich wieder erholt hatte, fragte er mich ehrerbietig, wie er und Antoinette sich denn gegenseitig verständlich machen sollten. Ich erklärte ihm, entweder müsse er Französisch lernen, oder er müsse Antoinette das Englische beibringen. Sie haben dann wohl ein gräßliches Kauderwelsch erfunden, mittels dessen sie offenbar einen ganz freundschaftlichen Verkehr pflegen. Ab und zu sind sie verschiedener Ansicht, wie zum Beispiel heute über mein Verhältnis zu veau à loseille, aber im ganzen ist ihr Verhältnis recht einträchtig, und sie erhält ihn bei guter Laune. Natürlich, der Weg zum Herzen geht durch den Magen!

Mein Pflichtgefühl, das durch den gestrigen Besuch bei meiner Tante Jessica rege geworden war, leitete meine Schritte heute nach dem Haus der andern Tante, Mrs. Ralph Ordeyne. Diese, eine eifrige Katholikin, ist von ganz andrer Art als ihre Schwägerin; und seit jenem furchtbaren Unglück beschäftigt sie sich noch mehr als zuvor mit den Angelegenheiten ihrer Religion. Sie bewohnt ein düsteres Häuschen in einer sonnenlosen Nebengasse von Kensington. Ich traf nur meine Cousine Rosalie zu Hause, die mir mit lauwarmem Wasser bereiteten Tee gab, von der letzten Kunstausstellung sprach, die sie nicht gesehen, und von einem neuen Roman, von dem sie nur oberflächlich reden gehört hatte. Trotz aller Anstrengung gelang es mir nicht, etwas Leben in die Unterhaltung zu bringen. Ich glaube, sie hat für nichts Interesse; selbst über Farm Street sprach sie nur in gleichgültigem Ton.

Ich bedaure sie von Herzen, denn sie ist dreißig Jahre alt, mager, farblos, busenlos ? ich möchte sagen leidenschaftslos ? die geborene alte Jungfer. Sie hat niemals heißen Tee getrunken, nie im Sonnenschein gesessen und nie herzlich hinausgelacht. Ich erinnere mich, daß ich einmal, als ich gar nichts mehr zu sagen wußte, die alte Geschichte von Theodor Hook erzählte, der einen ihm unbekannten protzig aufgeputzten Menschen auf der Straße mit der höflichen Frage anredete, er möge ihm doch zu wissen tun, ob er in ihm etwas Besonderes vor sich habe. Ohne ein Lächeln hatte sie mir erwidert: »Ja, es ist erstaunlich, wie unhöflich manche Leute sein können!«

Und ihre Paten haben ihr den Namen Rosalie gegeben! Die meinigen hätten mich ebensogut Herkules oder Puck nennen können!

Sie sagte mir, ihre Mutter wolle mich in der nächsten Woche einmal zu Tisch einladen, wenn ich frei sei. Ich wählte den Donnerstag. Komischerweise esse ich gern dort, obgleich wir auf dem formellsten Fuß miteinander stehen und immer noch »Sir Markus« und »Mrs. Ordeyne« zu einander sagen. Aber Mutter und Tochter sind beide wirklich feine Damen, und deren trifft man sehr wenige unter der heutigen Frauenwelt.

Um sechs Uhr kam ich nach Hause und fand ein Telegramm auf mich wartend.

»Leider kann ich Sie nicht zu Tisch bitten. Die Köchin ist in einer unmöglichen Verfassung. Kommen Sie später. Judit.«

Ich muß gestehen, daß mir bei dieser Nachricht ein Seufzer der Erleichterung entfuhr. Obgleich ich Judit sehr lieb habe und sie wegen ihrer häuslichen Widerwärtigkeiten von Herzen bedaure, verstehe ich doch nicht, warum sie das trunksüchtige Weibsbild in ihrer Küche behält. Wenn es etwas gibt, was die Frauen durchaus nicht verstehen, so ist es die Wahl, die Leitung und die Behandlung der Dienstboten. Ein Mann versteht das viel besser. Doch dies nur nebenbei; in Wirklichkeit hat mich Antoinette für die Kochkunst von Judits Köchin verdorben. Es entfuhr mir also ein kleiner Seufzer der Erleichterung, und ich rief Stenson, um ihm mitzuteilen, daß ich zu Hause speisen würde.

Ein großes Bücherpaket von einem Antiquar kam während des Essens an, und unter anderem enthielt es die neun Bände von Pietro Gianones Istoria Civile del Regno di Napoli, ein Werk, das ich schon längst hätte haben sollen. Es ist dem »allermächtigsten und siegreichen Fürsten Karl VI. dem Großen, von Gott gekrönten Kaiser der Römer, König von Deutschland, Spanien, Neapel, Ungarn, Böhmen, Sizilien und so weiter« gewidmet. Gibt es auf der weiten Gotteswelt wohl eine lebende Seele, die auch nur einen Funken von Bewunderung für diesen »allermächtigsten und siegreichen, von Gott zum Kaiser und König des größten Teils von Europa gekrönten Monarchen« fühlte (der der meisten seiner Ansprüche durch den Vertrag von Utrecht verlustig ging)? Wir erinnern uns dieses Menschen nur gelegentlich der Pragmatischen Sanktion, sonst aber hat seine Persönlichkeit auch nicht die geringste Spur in der Weltgeschichte hinterlassen. Und doch kriecht am 12. Februar 1723 ein außerordentlich gelehrter, scharfsinniger und bilderreicher Geschichtschreiber vor diesem Mann am Boden und unterschreibt sich selbst als: »Eurer Heiligen Kaiserlichen und katholischen Majestät demütigster und untertänigster gehorsamster Vasall und Sklave Pietro Gianone.« Welche unbarmherzigen Urteilssprüche werden über solche einst ungeheuren Berühmtheiten gefällt! In Gianones bewunderungswürdiger Einleitung lesen wir: » il celebre Arthur Duck, il quale oltro a confini della sua Inghilterra volle in altri e più lontani Paesi andav rintracciando l uso e l autorità delle romani leggi ne nuovi domini de Principi cristiani; e di quelle di ciascheduna Nazione volle ancora aver conto: le ricercò nella vicina Scozia, e nell Ibernia: trapassò nella Francia, e nella Spagna; in Germania, in Italia, e nel nostro Regno ancora: si stese in oltre in Polonia, Boemia, in Ungheria, Danimarca, nella Svezia, ed in più remote parti

Es war ein verflixt guter Kopf, dieser berühmte Engländer Arthur Duck. Er hat nicht allein eine gelehrte Abhandlung geschrieben: De Usu et Auth. Jur. Civ. Rom. in Dominiis Principum Christianorum, sondern war auch noch Ritter, Parlamentsmitglied, Kanzler der Londoner Diözese und eine Autorität im Gerichtshof. Gianone erstirbt mehrere Seiten lang in Ehrfurcht vor diesem Wunder, das er liebevoll »Arturo« nennt, wie wenn ein andrer »Raffaelo« oder »Giordano« sagt. Und jetzt, wer weiß noch etwas von Sir Arthur Duck?

Zweites Kapitel

22. Mai.

Ich möchte wissen, ob ich jetzt glücklicher wäre, wenn ich »in den schönen Tagen, wo ich einundzwanzig war«, eine Dachkammer bewohnt und »die Stunden des Elends« durchgemacht hätte, mit der erwarteten Belohnung » dune folle maîtresse, de francs amis et lamour des chansons« und dabei fröhlichen Herzens meine sechs Treppen hinaufgesprungen wäre. Ich habe sehr bescheiden gelebt, das ist wahr, aber ich war doch nie in Sorge um meine nächste Mahlzeit, und ich habe jederzeit die Annehmlichkeiten der besseren Stände genossen. Nie hat »Lisette ihren Schal als Vorhang vor meinem Fenster« aufhängen müssen. Heute wünsche ich ab und zu fast, es möchte so gewesen sein. Ich habe nie von Berühmtheit, Liebe, Vergnügungen, Tollheiten geträumt, noch »mein ganzes Leben in einem Augenblick ausgekostet«, wie der Sänger jenes unsterblichen Liedes; die schwierigen Augenblicke kamen mir im Gegenteil immer wie ein ganzes Leben vor.

Und jetzt, wo ich vierzig bin, ist es »um eine Woche zu spät«. Zechbrüder, die ich glücklicherweise nicht habe, würden mich mit ihrer unerträglichen Herzlichkeit verrückt machen; ein einziges Mal habe ich einen Abend im Savage Club zugebracht. Und was » la folle maîtresse« anbelangt als angenehme Beigabe zu meinem Dasein, so gehört sie für mich ins Reich des Unfaßbaren.

»Woran denken Sie?« fragte Judit.

»Ich überlege, welche Resultate der Grundsatz ? dans un grenier quon est bien à vingt ans? in meinem Fall gehabt hätte,« erwiderte ich der Wahrheit gemäß; denn dieser Gedanke war mir eben durch den Sinn gegangen.

Judit lachte.

»Sie in einer Dachkammer! Sie haben ja nicht einmal Temperament!«

»Nein, wahrscheinlich nicht, es ist mir aber noch nie aufgefallen. Béranger hat das in seiner Liste der zu erwartenden Entschädigungen ausgelassen.«

»Und das ist der Unterschied zwischen uns,« fügte Judit nach einer Pause hinzu. »Ich habe Temperament, Sie nicht.«

»Sie halten das hoffentlich für eine große Annehmlichkeit.«

»Es ist zehnmal unangenehmer als ein Gewissen, ja es ist geradezu ein Unglück für einen.«

»Warum sind Sie dann so stolz darauf?«

»Sie würden es nicht verstehen, auch wenn ich es Ihnen sagte,« erwiderte Judit.

Ich stand auf und trat ans Fenster; gedankenvoll schaute ich in den Regen hinaus, der auf die schmale, unerfreuliche Straße heruntergoß. Judit wohnt in Tottenham Mansions, nicht weit von Tottenham Court Road. Im Erdgeschoß befindet sich eine Wirtschaft, und an Sommerabenden kann man, am geöffneten Fenster sitzend, die gesundheitförderlichen Ausdünstungen von Bier und Whisky genießen und den süßen unmelodischen Liedern von herumziehenden Musikanten zuhören. Als meine neuen Vermögensverhältnisse mir gestatteten, meiner lieben Judit gerade soweit unter die Arme zu greifen, daß sie in eine behaglichere Wohnung ziehen konnte, hatte sie die Wahl unter den zahllosen Wohnungen von ganz London. Warum sie gerade auf diesem abscheulichen Haus bestand, habe ich nie verstehen können. Und die Wohnung ist nicht einmal besonders billig; die Tatsache, daß sie über einer Wirtschaft liegt, scheint im Gegenteil die Miete zu erhöhen. Judit sagte, ihr gefalle die Form des Türklopfers und der Wasserhahn des Badezimmers. Ich habe eine dunkle Ahnung, daß diese irgendwie im Zusammenhang mit dem Temperament stehen müssen.

»So oft wir einen Ausflug miteinander machen wollen, scheint es zu regnen. Dies ist das vierte Mal seit Ostern,« bemerkte ich.

Wir hatten einen einfachen Ausflug aufs Land geplant gehabt, da es aber in Strömen goß, waren wir daheim geblieben.

»Vielleicht will uns le bon Dieu dadurch seine Unzufriedenheit kundtun,« sagte Judit.

»Warum sollte er unzufrieden sein?« fragte ich.

Statt einer Antwort zuckte Judit die Schultern, und plötzlich schauderte sie zusammen.

»Ich bin halb erfroren.«

»Mein liebes Kind!« rief ich. »Warum haben Sie denn kein Feuer angezündet?«

»Als ich neulich Feuer gemacht hatte, sagten Sie, es sei erstickend heiß.«

»Aber damals war wunderschöner Sonnenschein gewesen, Sie unlogisches Frauenzimmerchen!« rief ich, indem ich in meiner Tasche nach einer Zündholzschachtel suchte.

Ich rieb ein Zündholz an, und um das Feuer anzuzünden, mußte ich mich neben ihrem Stuhl auf dem Boden niederlassen. Sie streckte ihre Hand aus ? sie hat zarte weiße Hände mit schlanken Fingern ? und berührte leicht mein Haar.

»Wie lange kennen wir uns nun?« fragte sie.

»Ungefähr acht Jahre.«

»Und wie lange wird es so weitergehen?«

»Solang es Ihnen gefällt,« sagte ich, ganz mit dem Feuermachen beschäftigt.

Judit zog ihre Hand zurück; ich aber kniete auf dem Teppich vor dem Kamin, bis das Flackern und Knistern des Holzes mich von dem Erfolg meiner Bemühungen überzeugte.

»Das ist ein famoser Rost,« sagte ich vergnügt, während ich mir einen behaglichen Lehnstuhl heranzog.

»Ja, ein ausgezeichneter,« antwortete sie in vollständig gleichgültigem Ton.

Lange war es ganz still im Zimmer. Für mich ist das einer der größten Reize des menschlichen Verkehrs. Geht nicht auch die Sage, Tennyson und Carlyle hätten die angenehmsten Abende ihres Lebens am Kamin sitzend, in ununterbrochenem Schweigen und in Tabaksrauch gehüllt, miteinander verbracht? Das muß wie eine Nokturne von goldenem Nebel auf einem Bild von Whistler gewesen sein.

Ich bot Judit eine Zigarette an, aber sie schlug sie mit einem Kopfschütteln aus. Nachdem ich mir dann selbst eine angezündet hatte, lehnte ich mich in den Stuhl zurück und beobachtete ihr Gesicht, das mir im Halbprofil zugewandt war. Die meisten Leute würden Judit unschön nennen, ich aber kann mir nicht ganz klar darüber werden; sie ist das, was man eine »negative Blondine« nennt ? das heißt, sehr schönes Haar (es ist von wunderbarer Fülle und eine ihrer Schönheiten), blasse Gesichtsfarbe und tiefblaue Augen. Ihr Gesicht ist mager, ein wenig abgehärmt ? das Gesicht eines Weibes, das gelitten hat. ? Schon wieder das Temperament! ? In diesem Augenblick, wo sie in die laut knisternden Flammen schaute, waren ihre Mundwinkel etwas herabgezogen. Ihre Figur ist schlank, aber graziös, und sie hat sehr hübsche Füße. Der eine davon guckte etwas unter dem Rock hervor, und ein Pantöffelchen baumelte auf seiner Spitze, bis es schließlich herunterfiel. Ich wußte, daß das kommen würde, Judit hat eine wahre Leidenschaft für die allerkleinsten Pantoffel ? ungefähr einen Zoll breit Oberleder (ich halte es wenigstens für Leder). Ich hob das niedliche Ding auf und steckte es wieder an ihren Fuß.

»Werden Sie das in acht Jahren wohl auch noch tun?« fragte Judit.

»Meine Liebe, da ich es in den letzten acht Jahren achttausendmal getan habe, werde ich es wohl in den nächsten acht auch noch tun,« erwiderte ich lachend. »Sie wissen, ich bin ein Gewohnheitsmensch.«

»Sie könnten heiraten, Markus.«

»Gott soll mich bewahren!« rief ich.

»Irgend ein hübsches junges Mädchen!«

»Hübsche junge Mädchen sind mir widerwärtig, und ich würde mich ebensogern mit einem Baby in einem Kinderwagen unterhalten.«

»Die Mädchen, die am meisten Anziehungskraft auf die Männer ausüben, sind nicht in erster Linie die, mit denen Sie sich am liebsten unterhalten, mein Freund,« sagte Judit.

Ich zündete mir eine neue Zigarette an, dann sagte ich etwas erregt: »Ich glaube, das weibliche Geschlecht denkt an nichts andres als ans Heiraten! Erst vorgestern hat mich meine Tante Jessica damit geplagt. Als ob sie das etwas anginge!«

Judit lachte leise und nannte mich einen dummen Kerl.

»Warum?« fragte ich.

»Weil Sie kein Temperament haben.«

Das war eine törichte Antwort, denn es hatte gar nichts mit der Sache zu tun. Als ich ihr dies aber sagte, erwiderte sie, sie sei so viel älter als ich und habe den ewigen Zusammenhang aller Dinge erkannt. Doch da erlaubte ich mir, ihr vorzuhalten, daß sie mehrere Jahre jünger sei als ich.

»Wie oft hat wohl Ihr Herz zum Zerspringen geschlagen? Mit wirklichen, wilden, atemlosen Schlägen ? die ganze Ewigkeit in einer Stunde?«

»Das ist von Blake,« murmelte ich.

»Jawohl, aber beantworten Sie meine Frage.«

»Es ist eine törichte Frage.«

»O nein, wenn Sie das nächste Mal ein weibliches Baby in einem Kinderwagen sehen, dann ziehen Sie ehrfurchtsvoll den Hut vor ihm ab.«

Ich glaube, ich bin ein Stümper im Wortgefecht.

»Und wenn Sie wieder eine Köchin dingen wollen, liebe Judit,« erwiderte ich, »dann rate ich Ihnen, lieber einen Mann zu nehmen.«

Sie wurde dunkelrot, und ich erging mich in Entschuldigungen; ihre verwundete Empfindsamkeit verlangte eine zarte Behandlung. Die Situation war etwas sonderbar; sie hatte sich nicht gescheut, die innersten Schwächen meines Charakters anzutasten, als ich aber beim Parieren einer ihrer äußeren einen Schlag versetzte, war sie so tief gekränkt, daß ich mir wie ein ganz gemeiner Kerl vorkam. Ich glaube, wenn Lisette wirklich jenen Vorhang vors Fenster gehängt hätte, dann hätte ich etwas mehr von der weiblichen Natur kennen gelernt. Aber Judit ist das einzige weibliche Wesen, dem ich in meinem Leben näher getreten bin, und manchmal frage ich mich, ob ich sie überhaupt jemals ganz kennen werde. Als ich ihr das einmal sagte, antwortete sie: »Wenn Sie mich liebten, würden Sie mich auch kennen.« Wahrscheinlich hat sie recht. Denn aufrichtig gesprochen: ich liebe Judit nicht. Doch ich habe mich an sie gewöhnt. Sie ist eine Lady aus guter Familie und wohlerzogen, auch hat sie eine umfassende Bildung und interessiert sich mit wirklichem Verständnis für die Renaissance, ja sie ist sogar eine feinere Kennerin der venezianischen Malerei als ich und sie hat mir damals in Italien zuerst die Augen geöffnet für die Schönheiten der Bilder von Palma Vecchio, die er als großartiger Kolorist in seiner zweiten Periode nach Giorgiones Art malte. Judit ist in jeder Beziehung eine angenehme und unterhaltende Gefährtin. Wenn ich tiefer forschen und bis auf den Grund des menschlichen Instinkts gehen soll, dann entdecke ich, daß sie für mich ? so hat es der Zufall gewollt ? das ewig Weibliche vorstellt, das das Männliche ergänzen muß, um ein normales Dasein herzustellen. Aber in Beziehung auf das »zieht uns hinan« ? nein! Das würde mich nicht hinreißen, nicht aus meiner Sphäre hinausbringen. Ich wäre nicht imstande, für irgend ein weibliches Geschöpf, das jemals diesen Planeten glänzender als seine Brudersphären gemacht hat, eine unsterbliche Dummheit zu begehen.

Ich verstehe Judit nicht, aber das hat nicht viel zu bedeuten; es gibt vieles, was ich nicht verstehe, in erster Linie zum Beispiel, wie ein begabter Jongleur, der die Energie seines Lebens darauf verwendet, ein Queue und drei Billardkugeln auf seiner Nasenspitze tanzen zu lassen, sich selbst beurteilen mag. Aber ich weiß, daß Judit mich versteht, und darin liegt der Vorteil, den ich von unsrer Freundschaft habe. Sie mißt bis zu einem lächerlichen genauen Grad die Tiefe meiner Zuneigung ab, ja, sie ist in der Tat eine unvergleichliche Frau! Viele Menschen verlangen, daß sich Zuneigung als verzehrende Leidenschaft zeige ? Judit hat durchaus nichts Theatralisches an sich.

Heute aber kam sie mir etwas empfindlich, verdrießlich, nervös vor. Sie brach auch noch einen andern angenehmen Zauber des gegenseitigen stillen Verstehens, das uns, nachdem das Einverständnis wiederhergestellt war, umfangen hatte, indem sie mich plötzlich beim Namen rief.

»Ja?« antwortete ich fragend.

»Ich möchte Ihnen etwas sagen. Aber versprechen Sie mir, daß Sie nicht ärgerlich werden wollen.«

»Meine liebe Judit,« sagte ich, »mein großer kaiserlicher Namensbruder, in dessen Meditationen ich von jeher einen unaussprechlichen Trost gefunden habe, sagt: ?Wenn etwas Äußerliches dich ärgert, dann werde dir klar darüber, daß es nicht die Sache selbst ist, die dich erzürnt, sondern deine Auffassung davon, und dieser Auffassung sollst du dann sogleich den Abschied geben!? Ich verspreche Ihnen also, meiner ganzen Auffassung Ihrer unangenehmen Mitteilung den Abschied zu geben und nicht ärgerlich zu werden.«

»Von allen Leuten, die sich in Gemeinplätzen ergehen, ist mir Markus Aurelius noch der Allerwiderwärtigste,« sagte Judit.

Ich lachte. Wie angenehm war es doch, hier vor dem Kamin zu sitzen, in dem das Feuer in lustigmenschlicher Weise gegen den drückenden Einfluß der düsteren Welt draußen protestierte, und dabei Judit zu necken.

»Das verstehe ich recht gut,« erwiderte ich. »Ein Mann saugt die Tröstungen der Philosophie ein, eine Frau tröstet sich mit der Religion.«

»Ich kann weder das eine noch das andre,« erwiderte Judit, indem sie sich mit einer raschen Bewegung umdrehte und mit übertriebener Heftigkeit ihren Rock glatt strich. »Wenn ich es könnte, würde ich nicht fortgehen.«

»Fortgehen?« wiederholte ich.

»Ja. Sie dürfen mir nicht böse darüber sein. Ich habe keine Köchin ?«

»Nach dem heutigen Gabelfrühstück würde das niemand glauben.«

Nebenbei bemerkt, die betrunkene Köchin ist gestern mit Sack und Pack fortgeschickt worden, nachdem sie soweit nüchtern geworden war, um auf den Beinen stehen zu können.

»Und deshalb ist es eine passende Gelegenheit,« fuhr Judit, meine Schmeichelei überhörend, fort. Und das war ganz richtig von ihr, denn sobald ich die Schmeichelei ausgesprochen hatte, überfiel mich die peinliche Überzeugung, daß Judit selbst die französischen Garköche der Tottenham Court Road in ihrer Sonntagsruhe gestört habe, um mich mit Nahrung zu versorgen.

»Ich kann die Wohnung ohne weiteres abschließen. Beim Beginn der Londoner Saison fühle ich mich ohnedies immer unbehaglich. Ich weiß wohl, daß das töricht ist,« fuhr sie schnell fort. »Wenn ich Ihren gräßlichen Markus Aurelius ertragen könnte, wäre ich weiser. Der übrige Teil des Jahres ficht mich nicht an; aber während der Saison ist alles in der Stadt ? Leute, die ich früher gekannt und bei denen ich verkehrt habe ? wir begegnen uns auf der Straße, und sie schneiden mich ? das tut weh ? und deshalb will ich irgendwo hinreisen und allein sein. Wenn ich der Einsamkeit überdrüssig bin, kehre ich zurück.«

Mit einer ihrer raschen, graziösen Bewegungen sank sie neben meinem Stuhl nieder und ergriff meine Hand.

»Seien Sie barmherzig, Markus, und sagen Sie, daß Sie mich verstehen.«

»Ein gedankenloser Egoist bin ich den ganzen Nachmittag gewesen, Judit!« rief ich. »Aber ich wußte nicht ? ja ja, ich verstehe Sie.«

»Wenn Sie es nicht täten, dann wäre alles aus zwischen uns.«

»Zweifeln Sie nicht,« sagte ich sanft, indem ich ihr die Hand küßte.

Ich war in Judits Leben getreten, als sie dies mit achtundzwanzig für vorüber und abgetan hielt und sich in einer kleinen Pension in Rom begraben hatte. Wie lange ihre Geduld vorgehalten hätte, kann ich nicht sagen. Was geschehen wäre, wenn die Verhältnisse anders gewesen wären, darüber nachzugrübeln ist vollständig wertlos. Nun aber glitten wir zwei auf dem Meere des Lebens einsam dahintreibenden Menschenkinder zu einander hin und blieben beisammen, aus dem einfachen Grunde, weil kein Zwang da war, der uns wieder hätte trennen wollen. Sie kümmerte sich nicht um das Urteil der Welt, ihr sogenannter »guter Ruf« war längst flöten gegangen, und ich, ein einsamer Fremdling in einer Welt der Schatten, warum hätte ich die einzige warme Hand zurückstoßen sollen, die mir gereicht wurde? Es war, wie ich diesen Nachmittag zu ihr gesagt hatte: Warum hätte le bon Dieu unzufrieden sein sollen? Ich mache ihm das Kompliment, zu behaupten, daß er eine weitherzige Gottheit sei.

Als der Umschwung in meinen Vermögensverhältnissen eintrat, sagte Judit: »Wie gut, daß ich nicht mehr frei bin! Wenn dies der Fall wäre, würden Sie mich heiraten wollen, und das wäre unser Unglück.«

Welch einen scharfen Verstand die gute Judit doch hat! Die Ehre hätte den Antrag verlangt, aber die Annahme des Antrags wäre uns zum Verhängnis geworben.

Das Heiraten hat zwei Seiten: Die eine Seite ? ein gesellschaftlicher Kontrakt ? ein quid von Schutz, Versorgung, Stellung und Ähnliches für ein quo der verschiedenen Dienstleistungen, die je nach Bedürfnis mit dem Satz » de mensa et thoro« ausgedrückt werden können, die andre Seite: Das einzig mögliche Dasein zweier Menschen, deren leidenschaftliche gegenseitige Zuneigung ein vollständiges Aufgehen ihrer beiden Existenzen in ein gemeinsames Leben verlangt. Von diesem leidenschaftlichen Begehren aber bin ich noch niemals erfaßt worden. Der alles wie in einen Wirbelwind hineinreißenden Macht, die dieses Begehren entfaltet, stehe ich ebenso erschreckt gegenüber wie der Stadt London oder dem unergründlichen Meere. Auf einem deutschen Kirchhof habe ich einmal eine Grabschrift gelesen, die lautete: »Ich werde erwachen, wenn Christus ruft mich, doch jetzt will ich schlafen, denn müde bin ich.« Hat die menschliche Seele jemals ihr Verlangen nach Ruhe treffender ausgedrückt? Ich glaube, mit diesem Toten hätte mich die innigste Freundschaft verbinden können; wie ich liebte auch er die Ruhe und den kühlen Schatten, aber zu seinen Lebzeiten sind ihm diese beiden Güter nicht zu teil geworden. Vielleicht erreiche auch ich den Frieden nicht, nach dem ich mich sehne, aber jedenfalls werde ich auch nicht infolge einer wahnsinnigen Leidenschaft für ein Weib mein ganzes Leben auf den Kopf stellen.

Was dann die sozial-kontraktliche Seite anbetrifft, so wünsche ich mir gar keine bessere Haushälterin als Antoinette, und da ich keine Gesellschaften gebe, brauche ich auch keine Dame zum Repräsentieren; und schließlich, ich habe auch keine a priori-Sehnsucht, die Bevölkerung zu vermehren. »Wenn Kinder nur durch eine Tat der reinen Vernunft zur Welt gebracht würden, sagt Schopenhauer, »würde dann wohl die menschliche Rasse weiterexistieren? Würde der Mensch nicht viel eher so viel Mitgefühl mit dem kommenden Geschlecht haben, daß er ihm die Last des Daseins ersparen würde, oder jedenfalls es nicht kalten Blutes auf sich nehmen wollte, ihm diese Last aufzubürden?« Wenn ich nur infolge einer Vernunftheirat Kinder in die Welt setzte, würde ich ihnen also die Last des Daseins kalten Blutes auferlegen ? ich stimme mit Schopenhauer überein.

Und die entsetzlichen Fesseln einer solchen Ehe! Sollte ich in einer Woche hundertsechsundachtzig Stunden lang, von denen jede Stunde mit einem obligatorischen Austausch von Verpflichtungen, Interessen, Opfern jeder Art überladen ist, in der innigsten körperlichen und geistigen Gemeinschaft ein Wesen um mich haben, das nicht ganz »der Bruder meiner Gedanken und die Schwester meiner Träume« wäre ? nein, niemals! Au grand non, au grand jamais!

Judit ist ein unübertreffliches Wesen, aber sie ist für mich nicht ganz der Bruder meiner Gedanken und die Schwester meiner Träume, ebensowenig als ich das für sie bin.

Aber die Kameradschaft, die sie mir angedeihen läßt, ist für mich wie Essen und Trinken, und meine Zuneigung befriedigt ein Bedürfnis in ihrer Natur. Eine zarte, verständnisvolle Wechselwirkung gibt unserm Bund die Weihe. Die Ehe aber, wenn sie möglich wäre, würde uns wirklich verhängnisvoll werden. Unser angenehmer, ungenierter, von Stürmen unbewegter Verkehr ist uns beiden ideal.

Ich möchte nur wissen, warum sie dachte, ihre Absicht, auf einige Zeit zu verreisen, könne mich ärgern?

Diese Idee enthält das Recht einer Einsprache, die mir widerwärtig ist. Von all den abscheulichen Situationen, in denen sich ein anständiger Mann einer Frau gegenüber vorstellen kann, ist mir die eines türkischen Paschas am verächtlichsten. Aber die Frauen trauen einem Mann diese Gesinnung nur selten zu.

Ich küßte Judits weiße Hand, die meinen Arm berührte, und bat sie, doch ja nicht an meinem Verstehen zu zweifeln; da brach sie in Tränen aus.

»Ich mache doch Ihren Weg nicht schwieriger, Judit?« flüsterte ich.

Sie unterdrückte ihre Tränen, und ein heller Schein trat in ihre Augen.

»Sie? Sie machen ihn ja nur immer glatter und ebener.«

»Wie eine Dampfwalze,« sagte ich.

Lachend sprang sie auf und zog mich lustig in die Küche hinaus, wo ich ihr beim Teemachen helfen sollte. Meine ganze Hilfe bestand jedoch im Anzünden des Gases unter dem Wasserkessel. Danach lehnte ich mich an den Anrichtetisch und sah mit wahrem Herzklopfen zu, wie Judit auf reizend weiblich unbeholfene Art Butterbrote zurecht machte. Einmal, als die blanke Klinge ihrer Handfläche gefährlich nahe kam, hielt ich unwillkürlich den Atem an.

»Ein Mann würde es nie so machen,« sagte ich vorwurfsvoll.

Sie ließ die Brotscheibe ruhig auf den Teller fallen und reichte mir Brotlaib und Messer.

»Machen Sie es auf Ihre Weise,« sagte sie lächelnd mit verstellter Demut.

Ich tat es auf meine Weise ? und schnitt mich in den Finger.

»Das ist ein infames Messer!« rief ich. »Aber es war richtig geschnitten.«

Judit erwiderte nichts, sondern verband ruhig meinen Finger und nahm dann gelassen das Messer wieder in die Hand, genau wie die wohlerzogene Dame in jener Ballade, aber ihr Lächeln ärgerte mich.

»Und dabei haben Sie mir immer noch nicht gesagt, wohin Sie zu reisen gedenken.«

»Nach Paris, zu Delphine Carrère.«

»Haben Sie nicht gesagt, Sie brauchten Einsamkeit?«

Ich kenne Delphine Carrère ? sie ist die beste Frau der Welt und die treueste Seele, die es je gegeben hat, die einzige von Judits früheren Freundinnen, die über Judits flöten gegangenen guten Ruf vollständig hinweggesehen hatte. Aber der Gedanke, daß man in Delphines Wohnung gesellschaftliche Zurückgezogenheit finden könnte, wäre mir nie im Traum eingefallen. Doch Judit erklärte mir ihren Plan.

»Delphine malt den ganzen Tag, und bei Nacht ist sie aus. In ihrem Atelier kann ich sie unmöglich stören, denn sie muß fürchterlich fleißig sein ? und nachts mit ihr herumschwärmen, das tue ich sicher nicht; ich werde also meine Tage und meine Nächte für mein ?zurückgezogenes und nachdenkliches Ich? zur Verfügung haben.«

Ich schwieg, aber ich bin ziemlich fest überzeugt, daß Judit, so wie sie nun einmal ist, sich in dem ungeheuer leichtlebigen Paris sehr wohl fühlen und von Herzen gern mitmachen wird. Sie hat die aufrichtigsten Vorsätze, niemand kann aufrichtiger sein als Judit, aber sie täuscht sich über sich selbst. Ihr in dem Glauben befangenes Ich, nun bald zurückgezogen und nachdenklich zu werden, saß in diesem Augenblick auf der Seitenlehne eines Fauteuils und rauchte mit unverstellter Freude an den guten Seiten des Lebens eine Zigarette. Der zwischen ihren blonden Haaren in blauen Ringeln aufwärts schwebende Rauch glich, wie ich ihr aus dem minderwertigen Gemütszustand des befriedigten Mannes heraus sagte, Weihrauch, der durch den Nimbus eines Heiligen zieht. Sie tat, als sorge sie sich um meinen verletzten Finger, weil da der Lebenssaft meines Verstandes herausfließen könnte. Nun, ich bin überzeugt, daß das » recueillement« (dieses wundervolle französische Wort, für das es in andern Sprachen kein gleichbedeutendes gibt, bedeutet die Sammlung der Seele als ein Zurückziehen auf sich selbst) der Rue Boissy dAnglais, die glücklichste Täuschung ist, in der Judit je befangen gewesen war. Ich freue mich darüber, ja ich freue mich. Ihr Temperament ? ich habe mich mit diesem Leid ausgesöhnt ? verlangt die Zerstreuung, die London ihr nicht gewährt.

»Und wann wollen Sie abreisen?« fragte ich.

»Morgen.«

»Morgen?«

»Warum nicht? Ich habe Delphine heute vormittag telegraphiert. Da ich doch ausgehen mußte, um zum Frühstück einzukaufen (meine Vermutung scheint also richtig gewesen zu sein), dachte ich, ich könne ebensogut mit dem Omnibus vollends nach Charing Cross fahren und das Telegramm aufgeben.«

»Aber wann wollen Sie denn packen?«

»Das habe ich schon heute nacht getan, vor vier Uhr bin ich nicht zu Bett gegangen. Ich habe mich überhaupt erst entschlossen, nachdem Sie gestern weggegangen waren,« fügte sie, einer eventuellen Frage meinerseits zuvorkommend, hinzu.

Es ist doch besser, daß wir nicht miteinander verheiratet sind, denn diese plötzlichen Entschlüsse würden mich ganz aus dem Geleise bringen. Mein Gemütszustand wäre der einer Henne beim Anblick eines Automobils. Wenn ich eine Reise antrete, dann überlege ich mir am liebsten alles schon vierzehn Tage vorher ganz genau. Man muß seine Seele auf die neuen Verhältnisse stimmen, muß sich für die einzelnen Tage angenehme Pläne ausdenken, muß die Genüsse, die da entweder in dem geheimnisvollen Dunkel des Unbekannten, oder in dem willkommenen Licht des Vertrauten vor einem stehen und auf einen warten, schon im voraus genießen. Die Übergänge von einer Szene zur andern, die im Geist so außerordentlich fein abgetönt werden können, liebe ich ganz besonders. Der Mann, der an einem schönen Morgen in seiner Londoner Wohnung aufwacht, sich den Schädel reibt und sagt: »Was soll ich heute tun? Potztausend! Ich will nach Timbuktu abreisen,« ist für mich ein ganz unverständliches, unvollkommenes Wesen. Es geht ihm jegliches ästhetische Gefühl ab.

Aber Judit zu sagen, daß ihr das ästhetische Gefühl abgehe, das wage ich nicht. Ebensogut hätte ich sie anklagen können, silberne Löffel zu stehlen. Ich sagte, ich würde sie sehr vermissen (was auch gewiß so sein wird), und versprach, ihr jede Woche einmal zu schreiben.

»Und Sie,« sagte ich, »werden eine Menge Zeit übrig haben, um mir die Geschichte eines ?zurückgezogenen und nachdenklichen Ichs? zu erzählen, jetzt aber wollen wir irgendwo miteinander zu Mittag essen.«

Als ich nach Hause kam, fand ich eine Visitenkarte auf dem Korridortisch.

Mr. Sebastian Pasquale.

Es tut mir leid, daß ich um Pasquales Besuch kam, habe ich ihn doch seit zwei oder drei Jahren nicht mehr gesehen. Er ist ein anziehender junger Mann, interessant zu studieren. Ich will ihn bald einmal zu Tisch einladen, denn es ist gemütlicher hier als im Klub.

Drittes Kapitel

24. Mai.

Es ist etwas geschehen. Etwas Phantastisches, etwas Unbegreifliches. Jetzt werde ich mich über nichts mehr verwundern. Wenn eine Hexe auf einem Besenstiel zu meinem Fenster hereinritte und mir eine Vorlesung über die vierte Dimension halten wollte, so würde ich den Besuch als etwas ganz Natürliches betrachten.

Stundenlang bin ich in diesem mit Büchern angefüllten Zimmer auf und ab gegangen und habe mich gefragt, ob die Welt oder ich verrückt geworden sei. Bisweilen mußte ich lachen, denn die Sache ist einfach lächerlich. Bisweilen aber verfluchte ich die Unverschämtheit, daß die Sache überhaupt vorgekommen ist. Einmal stolperte ich über einen Band Muratori, der auf dem Boden lag, und stieß ihn zornig mitten durchs Zimmer. Dann aber hob ich ihn auf und weinte über den verdorbenen Einband.

Die Frage ist: Was in aller Welt soll ich tun? Warum hat Judit auch gerade diese Zeit wählen müssen, ihr Haus zuzuschließen und sich nach Paris zurückzuziehen? Warum hatte mein Rechtsanwalt gerade diesen Morgen zum Unterschreiben seiner dummen Dokumente festgesetzt? Warum kam ich drei Stunden zu spät? Warum bin ich über das Themse-Embankment gegangen? Und warum, o warum setzte ich mich auf eine Bank in den Anlagen unter der Terrasse des Nationalliberalen Klubs?

Der gestrige Tag war einer der friedlichsten und glücklichsten meines ganzen Lebens. Ich arbeitete zufrieden an meinem Werk und plauderte mit Antoinette, die mit der Bitte, eine Katze halten zu dürfen, zu mir gekommen war.

»Was für eine Katze?« fragte ich.

»Vielleicht kann Monsieur die Katzen nicht leiden?« forschte sie ängstlich.

»Bei den alten Ägyptern wurde die Katze als eine Gottheit verehrt,« bemerkte ich.

»Aber diese Katze, Monsieur, hat nur ein Auge,« sagte sie in atemloser Hast.

Ich unterhalte mich lieber mit Antoinette, als mit dem ganzen Lehrerkollegium von Girton.

Wenn sie eines Morgens erwachte und entdeckte, daß sie eine Seele hätte, würde sie es für eine Krankheit halten.

Am Nachmittag ging ich in Regents Park spazieren, und als ich da Mrs. Murrays neunjährigem Söhnchen begegnete, in Begleitung eines Dienstmädchens, um das ein dämlicher Kerl in einem steifen Hut herumscharwenzelte, nahm ich das Kind mit mir in den Zoologischen Garten. Unterwegs erzählte es mir mit größter Freude, seine deutsche Erzieherin liege an einem furchtbar schlimmen Hals zu Bett, und deshalb habe es keine Stunden. Der dämliche Kerl dort sei Millys Bekanntschaft, und bei dem ekelhaften Getue, das die beiden miteinander verführten, werde es einem ganz übel. Nachdem er dann alles gegessen hatte, was zu essen da war, und auf allem nur möglichen geritten war, fuhr ich mit ihm in die Wellingstraße und setzte ihn bei seinen Eltern ab. So ein paar mit einem Kinde verbrachte Stunden, das ganz glücklich, ganz artig ist, sind mir ein großer Genuß. Und der Genuß wird noch intensiver im Gefühl der Dankbarkeit dafür, daß das Kind nicht das meinige, sondern das eines andern ist.

Am Abend hatte ich dann etwas gelesen und über mein glückliches Los nachgedacht. Die Jahre der Schule mit ihrer Sklaverei haben in meiner Erinnerung schon etwas von ihrer Bitterkeit eingebüßt, und manchmal frage ich mich, ob ich sie auch wirklich erlebt habe. Jetzt hatte ich keinerlei Sorgen auf der Welt und keinen Wunsch, den ich mir nicht hätte erfüllen können. Ich dachte an Judit, dann an Pasquale. Und es machte mir Spaß, irgend eine Gestalt der Renaissance zu finden, von der Pasquale die Wiederverkörperung sein könnte. Der junge Olgiati, einer der Mörder des Gian Galeazzo Sforza, schien mir dafür zu passen. Von den vielen hundert britischen Jünglingen, mit denen ich während der Zeit meiner Sklaverei zu tun gehabt hatte, ist Pasquale der einzige, der mich, nachdem er zum Mann herangewachsen war, aufgesucht hat. Und doch waren wir überhaupt nur ein paar Monate zusammengewesen, und zwar in jenem ersten Jahr, das ich die Lehrlingszeit des mir so widerwärtigen Berufs nennen möchte. Er war damals in der sechsten Klasse und nur drei oder vier Jahre jünger als ich, und der tollste, ausgelassenste und diabolischste, unbeliebteste Junge der ganzen Schule. Der Lehrkörper, dem gezwungenerweise das Konventionelle immer heilig sein muß, konnte ihn nicht ausstehen. Ich allein hatte etwas für ihn übrig, und ich glaube, daß meine merkwürdige Leidenschaft für das italienische Cinquecento etwas mit dieser Zuneigung zu tun gehabt hat. Im Äußeren ist er genau so englisch wie ich, denn er ist von einer englischen Mutter in England erzogen worden, aber es gibt Tausende von Hindus, die britischer aussehen als er. Heute nachmittag haben mir die Murrays schreckliche Dinge von ihm erzählt. Als er einmal für eine hartherzige Wiener Tänzerin glühte, hatte er ihren Kutscher sinnlos betrunken gemacht, sich selbst in dessen Livree geworfen und war nach der Vorstellung mit der Dame in später Nacht in die Vorstadt hinausgefahren. Was eigentlich geschehen ist, wußten die Murrays nicht; aber er habe in Wien ordentlich Haare lassen müssen. Und doch hat dieser inkonsequente Libertin das folgende vor meinen Augen getan: In dem strengen Winter 1894 gingen wir beide miteinander Piccadilly hinunter. Es hatte gefroren und war bitter kalt. Ein vor Kälte zitternder armer Tropf, dessen häßliche rote Zehen aus seinen Schuhen herausguckten, verkaufte Zündhölzer auf der Straße. »Nein, das kann ich nicht mitansehen!« rief Pasquale. Damit sprang er in eine langsam vorüberfahrende Droschke, zog eilig seine Stiefel aus, warf sie dem versteinerten Bettler zu und fuhr in Strümpfen nach Hause. Ich stand mit gemischten Gefühlen auf dem Bürgersteig und sah zu, wie der Empfänger inmitten einer Gruppe höchst interessierter Zuschauer die kleine, wohlgeformte Sohle an seinem Riesenfuß maß, die Stiefel dann mit einem Grinsen unter den Arm steckte und mit ihnen zum nächsten Pfandleiher wanderte. Wenn Pasquale ein ebenso mitleidiger Brite gewesen wäre, hätte er vorher überlegt und dem Mann dann einen Sovereign zugeworfen. Aber er überlegte nicht vorher; das war mein Pasquale des Cinquecento. Und ich liebte ihn dafür.

Wie ich schon angedeutet habe, ging ich gestern abend als das befriedigtste aller menschlichen Wesen zu Bett. Und als ich heute morgen erwachte, drückte mich absolut nichts, als höchstens die Verabredung mit meinem Rechtsanwalt. Die Sonne schien und eine Drossel sang lustig in der großen Ulme vor meinen Schlafzimmerfenstern. Der Baum schien zu lachen; er schüttelte sein Blättergewand wie eine Frau ihren Staat, indem er mir zuflüsterte: »Sieh, wie schön grün ich nach dem Sonntagregen bin!« Antoinettes einäugige schwarze Katze (ein abscheuliches Biest) kam mir im Flur entgegen und begrüßte mich mit gekrümmtem Rücken leutselig in ihrer neuen Residenz. Auf meinem Frühstücktisch fand ich ein Exemplar der ersten Ausgabe von Cristoforo da Costàs » Elogi delle Donne Illustri«. Ich hatte Lord Carnford, der mir vollkommen fremd war, mit größter Schüchternheit gebeten gehabt, mir die hohe Gunst zu erweisen, mich in diesem zu den Schätzen seiner Bibliothek zählenden Buche etwas nachschlagen zu lassen; und da hatte er es mir nun mit der großartigen Höflichkeit eines Gelehrten zugeschickt, damit ich das Buch nach Belieben benützen könne.

Höchst menschenfreundlich und leutselig gestimmt, machte ich mich vormittags auf den Weg zu meinem Rechtsanwalt. Ich kam um drei Uhr dort an, denn ich hatte mich bei einem Antiquar aufgehalten und unterwegs gefrühstückt. Nachdem das unleserliche Dokument unterschrieben war, ging ich das Embankment entlang spazieren. Als ich unter der Hungerfordbrücke durchging, fühlte ich mich etwas erhitzt und müde, und die hübschen Anlagen luden mich gar freundlich zum Ausruhen ein. Ich schlug einen schattigen Pfad ein und ließ mich auf einer bequemen Bank nieder. Außer mir saß nur ein schwarzgekleidetes weibliches Wesen auf der Bank. Da ich mich jedoch nicht für schwarzgekleidete weibliche Wesen interessiere, nahm ich keine Notiz von ihr und versenkte mich in den Anblick des wohlgepflegten Rasens und der Blumenbeete, der grünen Bäume, die die wenig hübsche Surreyseite des Flusses verdecken, sowie in die Rückseite des Standbilds von Sir Bartle Frere. Da mir ein fortgesetztes Anstarren dieses Herrn durchaus nicht zur Erbauung gereichte (eine Statue, die einem den Rücken zukehrt, ist der langweiligste Gegenstand, den Menschen je gemacht haben), zog ich ein in braunes Leder gebundenes Buch aus der Tasche, das ich in einem Groschenstand ergattert hatte: Suite de lhistoire du Gouvernement de Venise ou lHistoire des Uscoques, par le Sieur Houssaie, Amsterdam MDCCV.« Die ganze gelehrte Geschichte eines vergessenen Volkes für einen Groschen! Die Uskoken waren ursprünglich Dalmatiner, die sich zu Segna an der Adria niederließen und die schändlichste Piraten- und Desperadokolonie des sechzehnten Jahrhunderts in ganz Europa wurden. Ich blätterte in den stockfleckigen Seiten, sog den scharfen, dumpfigen Geruch ein und dachte unwillkürlich: »Wie viel mit dem Herzblut des Schreibers erkaufte Gelehrsamkeit, wie viele Millionen Stunden harten geistigen Kampfes sind gänzlich verschollen bis auf den Moderduft, der gelegentlich einem gelehrten Bibliophilen in die Nase steigt!«

Während ich so dachte, fiel mein Auge immer wieder auf den oft wiederholten Namen der Frangipani, der einstigen Herren von Segna. Ihre Taten sind in der landläufigen Weltgeschichte ausgelöscht, aber ihr Name hat sich zu einem sinnlichen Duft verdichtet, der sich vielleicht in den billigen Parfümfläschchen der Jahrmarktbuden wiederfindet. Unwillkürlich mußte ich über dieses sonderbare Geruchsassociation lächeln, und ich überlegte eben, ob wohl irgend ein gegenwärtig lebendes menschliches Wesen das Buch dieses Sieur Houssaie gelesen haben möchte, als ein leichter Stoß gegen meinen Arm, ein Stoß, wie ihn etwa ein vernachlässigter Terrier seinem Herrn mit der Pfote versetzt, mich in die Wirklichkeit zurückrief. Ich wandte mich rasch um und sah in zwei samtene, flehende, klagende, braune Hundeaugen, die nicht einem Terrier, sondern dem vorhin nicht beachteten schwarzgekleideten weiblichen Wesen neben mir gehörten.

»Wollen Sie mir, bitte, sagen, was ich tun soll?«

Ich sah sie starr an. Nein, sie sah durchaus nicht so aus, wie ich mir nach dem halb unbewußten Blick, den ich kurz zuvor auf sie geworfen hatte, dieses schwarzgekleidete weibliche Wesen vorgestellt hatte; es war nämlich ein ganz junges, außerordentlich hübsches Geschöpf. Gleich beim ersten Blick fielen mir die Augen, das üppige goldbraune Haar und ein kindlich verzogenes Mäulchen auf. Aber die ganze Erscheinung hatte ein unordentliches, zerzaustes Aussehen, an dem wohl der etwas unsolide Anzug schuld war. Überdies waren ihre Hände ? sie hatte keine Handschuhe an ? des Waschens höchst bedürftig.

»Was ein so junges Mädchen wie Sie nicht tun sollte, ist, Herren an öffentlichen Orten anzureden.«

»Dann muß ich sterben,« erwiderte sie hilflos, indem sie von mir wegrückte.

Sie hatte einen ganz merkwürdigen fremden Akzent. Ich sah sie noch einmal an, und zwar diesmal etwas kritischer, und nun entdeckte ich, warum sie so zweifelhaft aussah. Die ganze kleine Person steckte in einem schwarzen Kleid, das viel zu groß für sie war. Da und dort, aber an den unpassendsten Stellen, waren große Falten mit Stecknadeln zusammengesteckt, so daß der Schmuck der Taille ? schwarzer Samt und Jetschnallen ? nur ein sonderbares Kuddelmuddel bildete. Ganz instinktmäßig stieg der Gedanke in mir auf: Dieses Kleid hat sich vor vielen Jahren eine ältliche dicke Jüdin, die mit getragenen Kleidern handelte, als Staatskleid für die Synagoge machen lassen. An der Mädchengestalt da vor mir sah es geradezu abgeschmackt aus. Ebenso abgeschmackt war ihre Kopfbedeckung, ein Monstrum von einem schwarzgarnierten Hut, von dem eine billige abgeknickte Feder herunterhing.

Die Fremde warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, wandte ihn aber sogleich wieder ab. Dann zuckte sie die Schultern und begann zu schluchzen. Meine Mutter hatte einmal ein Dienstmädchen gehabt, das immer in dieser Weise schnüffelte, ehe es zu weinen begann. Ich wußte nicht, was tun. Steinern und ungerührt sitzen zu bleiben, während dieses ungeheuerlich angezogene Frauenzimmerchen weinte, vermochte ich nicht, aber fortgehen und sie da sitzen lassen, das konnte ich auch nicht. Jetzt sah sie mich wieder an. Nein, diese glänzenden flehenden Augen waren kaum menschlich ? ich kapitulierte.

»Weinen Sie nicht, sondern sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann,« sagte ich.

Sie rückte ein paar Zoll näher.

»Harry möchte ich wiederfinden,« antwortete sie. »Ich habe ihn verloren.«

»Wer ist Harry?« fragte ich selbstverständlich.

»Es ist mein künftiger Mann.«

»Wie heißt er weiter?«

»Das habe ich vergessen,« sagte sie, die Hände ausstreckend.

»Kennen Sie sonst jemand in London?« fragte ich.

Sie schüttelte traurig den Kopf. »Und ich bin so hungrig.«

Ich sagte, es gebe ja Gasthäuser in London.

»Aber ich habe kein Geld,« entgegnete sie. »Kein Geld und« ? auf ihr Kleid deutend ? »nichts als dies. Ist es nicht greulich?«

»Es ist ganz entschieden nicht sehr kleidsam,« gab ich zu.

»Nun, was soll ich anfangen? Sagen Sie es mir, dann werde ich es tun. Wenn Sie es mir nicht sagen, muß ich sterben.«

Nachdem sie die Verantwortung für ihr Leben so auf meine Schultern abgeladen hatte, lehnte sie sich ruhig auf der Bank zurück. Ich wußte nicht, was ich mehr bewundern sollte, ihre kalte Sicherheit, oder den stoischen Mut, mit dem sie dem Tod entgegensah.

»Ich kann Ihnen etwas Geld geben, womit Sie ein paar Tage leben können,« sagte ich. »Aber Harry aufzufinden, ohne seinen Namen zu kennen ?«

»Schließlich bin ich gar nicht so sehr darauf aus, ihn zu finden,« sagte diese erstaunliche junge Person. »Auf dem Dampfschiff habe ich immerfort in meiner Kabine bleiben müssen. Zuerst bin ich froh gewesen, denn das Schiff ging auf und ab, hin und her, und ich habe gedacht, ich muß sterben, denn ich bin krank gewesen; aber nachher ist es mir besser gegangen ?«

»Aber woher kommen Sie denn?« fragte ich.

»Von Alexandretta.«

»Was taten Sie dort?«

»Ich bin auf einem Baum gesessen und habe über die Mauer ?«

»Welche Mauer?«

»Die Mauer von meinem Haus ? von meines Vaters Haus. Er war zwar nicht mein Vater, aber er hat meine Mutter geheiratet. Ich bin eine Engländerin.« Diese letzte Tatsache brachte sie mit großem Nachdruck vor.

»Wirklich?« fragte ich.

»Jawohl. Vater, Mutter ? beide Engländer. Er ist Vizekonsul gewesen. Er ist gestorben, ehe ich geboren wurde. Dann hat sein Freund Hamdi Effendi meine Mutter genommen und sie hat geheiratet. Verstehen Sie?«

Ich mußte gestehen, daß dies nicht der Fall war. »Aber wo kommt nun Harry herein?« fragte ich.

Sie sah überrascht aus. »Kommt herein?« wiederholte sie.

Ihr englischer Wortvorrat war offenbar sehr beschränkt, und ich stellte meine Frage anders.

»O,« sagte sie etwas lebhafter. »Er ist oft an der Mauer vorbeigegangen, und ich habe mit ihm gesprochen, wenn uns niemand gesehen hat. Er ist sehr hübsch gewesen ? viel hübscher als Sie.«

»Ist es möglich?« erwiderte ich ironisch.

»O ja,« erklang ihre Antwort mit vollkommenem Ernst. »Er hat einen Schnurrbart gehabt, aber der ist nicht so lang gewesen.«

»Nun gut. Sie sprachen also mit Harry. Und was dann?«

In ihrer unschuldigen Weise berichtete sie mir ihre Geschichte, eine erbauliche Geschichte, die so alt ist, wie die Kreuzzüge: eine abendländische Verkleidung, von dem teuren Harry in einem Trödelladen gekauft, ein Seil, eine mitternächtliche Flucht, ein Billett für die Überfahrt auf einem englischen Schiff; dann werden die Anker gelichtet und die Liebenden sind frei auf dem wogenden Ozean. Wirklich eine äußerst erbauliche Geschichte. Ich machte plötzlich ein sehr ernstes Gesicht und fragte ohne alle Umschweife: »Flunkern Sie mir das nicht alles vor, junge Dame?«

Sie fuhr zusammen, ja, sie sah ganz verblüfft aus.

»Meinen Sie, ob ich lüge? Nein, nein, es ist alles wahr. Warum sollte es denn nicht wahr sein? Wie wäre ich denn sonst hierhergekommen?«

Diese Frage war nicht zu beantworten. Ihre Geschichte war ebenso unglaublich wie ihr Anzug, der dennoch Wirklichkeit war. Ich sah ihr tief in die großen, unschuldigen Augen. Ja, sie hatte mir die Wahrheit gesagt. Eine Weile plauderte sie noch weiter, und was ich erfuhr, ist folgendes: Ihr Stiefvater Hamdi Effendi ist ein türkischer Beamter. Sie hat ihr ganzes Leben in einem Harem verbracht, und aus diesem ist sie mit dem hübschen jungen Engländer durchgegangen.

»Und was soll ich nun anfangen?« fragte sie weiter.

Ich sagte, sie müsse mich eine Weile überlegen lassen. Für gewöhnlich trifft man ja keine entführten Haremstöchter in den Anlagen unter der Terrasse des Nationalliberalen Klubs. Dies war wirklich ein höchst verblüffendes Ereignis für mich. Ich sah mich um. Während der letzten zehn Minuten schien ganz und gar nichts geschehen zu sein. Ein blasser junger Mann, den ich schon bei meinem Eintritt bemerkt hatte, las auf der nächsten Bank noch immer in einer schmutzigen roten Zeitung. Die Tauben und Sperlinge hüpften unbekümmert umher. An der Reihe Droschken, die ich durch das Laubwerk gerade noch unterscheiden konnte, lehnten die Kutscher in verdrossenen Stellungen. Sir Bartle Frere wandte mir gleichgültig den Rücken zu, ohne jegliches Interesse für diese Geschichte. Von jeher habe ich dem Charakter dieses Mannes nicht recht getraut.

Welchen Rat sollte ich nur geben? Das Beste wäre, den verdammten Harry ausfindig zu machen. Ich fragte das Mädchen, auf welche Weise sie ihn verloren habe. Es scheint, er hat sie in Southhampton ans Land gebracht, nachdem er sie während der ganzen Überfahrt kaum angesehen hatte, und sie hierauf mit dem strengen Befehl, sich nicht von der Stelle zu rühren, bis er sie abhole, in einen Eisenbahnwagen gesetzt, um dann zu verschwinden.

»Hat er Ihnen ein Billett gegeben?«

»Nein.«

»Was für ein abgefeimter Spitzbube!« rief ich aus.

»Ja, ich mag ihn auch gar nicht,« sagte sie.

Wie es ihr gelang, an dem Billettkontrolleur in Vauxhall vorbeizukommen, konnte ich nicht genau herausbringen. Allem nach hatte sie ihm auf ihre vertrauensselige Art gesagt, Harry habe das Billett, und als sich in dem Zug kein Harry fand und er mit dieser Nachricht zu ihr zurückkehrte, hatte sie ihre Samtaugen flehentlich auf ihn gerichtet, und der gefühlvolle Kerl hatte sich erweichen lassen. In Waterloo hatte ihr jemand gesagt, sie müsse jetzt aussteigen, und sie hatte widerstandslos gehorcht. Sie war dann aus dem Bahnhof hinaus und über die Brücke gegangen, bis sie schließlich in den Anlagen des Embankments landete. Dann hatte sie mich gefragt, wie sie Harry wiederfinden könne. Es war wirklich eine lächerliche Ähnlichkeit zwischen ihr und Thomas à Beckets Sarazenenmutter, die in London weinend ihren Gilbert sucht. Das Allerlächerlichste aber an der Ähnlichkeit war, daß sie den Namen des Menschen nicht wußte.

»Übrigens, wie heißen Sie denn?« fragte ich.

»Carlotta.«

»Carlotta? Und wie weiter?«

»Ich habe sonst keinen Namen.«

»Aber Ihr Vater ? der Vizekonsul ? hatte doch einen?«

Sie runzelte die Stirn in tiefem Nachdenken.

»Ramsbotham,« sagte sie schließlich triumphierend.

»Miß Ramsbotham ? nein, nein, das geht nicht,« unterbrach ich sie. »Solch eine Anrede ist vorsündflutlich, sprachwidrig und unendlich abgeschmackt. Ich kann mich ihrer nicht bedienen und muß mir deshalb die Freiheit nehmen, Sie einfach Carlotta zu nennen.«

»Aber ich habe Ihnen doch gesagt, daß das mein Name sei,« sagte sie in naiver Unschuld.

»Und der meinige ist Sir Markus Ordeyne. Man nennt mich Sir Markus.«

»Siir Markuus,« sagte Carlotta.

Die Tatsache, daß sie mit einem Mitglied des Adelstandes redete, schien ihr durchaus keinen Eindruck zu machen.

»Ganz recht,« sagte ich. »Und jetzt, Carlotta,« fuhr ich fort, »müssen wir in allererster Linie nach Harry fahnden. Er hat vielleicht den Zug verfehlt, ist mit einem späteren nachgekommen und späht jetzt auf dem Waterloobahnhof überall nach Ihnen aus. Sollten wir keine Spur von ihm finden, will ich mit Ihnen zum türkischen Konsul gehen und Sie dort absetzen; von dort aus wird man Sie wohlbehalten nach Alexandretta zurück bringen. Der gute Hamdi Effendi ist ohne Zweifel außer sich über Ihr Verschwinden und wird Sie mit offenen Armen empfangen.«

Ich sagte dies lediglich aus Höflichkeit und Wohlwollen.

Sie aber sprang auf, wurde kreideweiß, riß ihre großen Augen weit auf, öffnete ihren Babymund, fiel mitten in den Anlagen auf die Kniee nieder und hob die gefalteten Hände flehend empor.

»Um Gottes willen, stehen Sie auf!« rief ich, indem ich sie eiligst auf die Bank neben mich zog. »So etwas dürfen Sie nicht tun. Im Handumdrehen wird ganz London um uns versammelt sein und uns anstarren.«

Die kleine Szene hatte auch wirklich schon den bleichen jungen Mann aus seiner Lethargie aufgeweckt, und er legte die schmutzige rote Zeitung auf seine Kniee. Ich hielt Carlotta am Handgelenk fest. Sie aber schluchzte in abgerissenen Worten: »Sie dürfen mich nicht zurückschicken ? Hamdi würde mich umbringen ? o bitte, schicken Sie mich nicht zurück ? er wird mich zu einer Heirat mit seinem Freund Mustapha zwingen ? Mustapha hat nur zwei Zähne ? und er ist siebzig Jahre alt ? und er hat schon eine Frau ? ich bin nur mit Harry gegangen, um Mustapha zu entwischen. Hamdi würde mich umbringen, er würde mich prügeln, ich müßte Mustaphas Frau werden.«

So viel brachte ich aus den wirren Reden des vor Angst fast unzurechnungsfähig gewordenen Geschöpfs heraus.

»Aber der türkische Konsul ist Ihr natürlicher Beschützer,« sagte ich.

»Sie können nicht so grausam sein,« schluchzte sie.

Der Kehllaut, mit dem sie das »r« in grausam rollte, ließ das Beiwort als empörende Barbarei erscheinen. Und dabei richtete sie ihre verflixten Augen auf mich.

Ich möchte wissen, ob es je einen größeren Narren gegeben hat als mich, denn ich versprach ihr mit meinem Ehrenwort, daß ich sie nicht dem türkischen Konsul ausliefern wolle.

Dann nahm ich eine Droschke und fuhr mit ihr nach dem Waterloobahnhof. Unterwegs sagte sie wieder, sie sei sehr hungrig, und ich gab ihr am Büfett etwas zu essen. Für hartgekochte Eier und Limonade schien sie eine Leidenschaft zu haben. Harry aufzufinden lag ihr aber offenbar nicht besonders am Herzen, denn sie plauderte die ganze Zeit über die Einrichtungen am Schenktisch. Die Bierhähne machten ihr besonders Spaß. Sie bat mich, ein Glas Bier zu bestellen (ein Getränk, das ich verabscheue), nur um noch einmal zu sehen, wie es eingeschenkt wird, und sie brach darüber in lustiges Lachen aus. Die flotte, aber nicht mit Einbildungskraft begabte Kellnerin stierte Carlotta erstaunt an, und die zwei oder drei herumstehenden Biertrinker starrten sie auch an. So war ich froh, als wir den Bahnsteig erreicht hatten.

Hier aber verfolgte uns eine Gruppe Straßenbummler, die sich im Kreis um uns aufstellten, als wir bei einem Eisenbahnbeamten stehen blieben und ihn um seinen Rat fragten. Das schöne junge Mädchen mit den großen Augen und dem goldbraunen Haar war in ihrem unkleidsamen Anzug ? noch nie habe ich eine abgeknickte schwarze Feder frecher hin- und herschwanken sehen ? allerdings ein Anblick, der das Herz des Londoner Straßenbummlers mit Erstaunen erfüllen mußte. Und vielleicht wurde das Widersinnige ihrer Erscheinung dadurch, daß sie sich in meiner Gesellschaft befand, noch vermehrt. Ich weiß, ich bin groß, mager und unschön; aber zu meinem Trost weiß ich auch, daß ich tadellos anständig aussehe. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die wir erregten, war indes jedenfalls mir am peinlichsten von uns beiden. Ruhig und unbeirrt wie das Schicksal erwiderte Carlotta die Blicke der Umherstehenden und schien nur etwas ärgerlich über meine Anstrengungen, Harry zu finden. Mitten in einer ernsten Beratung mit dem Stationsvorstand bat sie mich um einen Penny, den sie in einen Bonbonsautomaten stecken wollte, an dem sie vorher einen kleinen Jungen mit Erfolg hantieren gesehen hatte. Doch ich schlug es ihr kurz ab und wandte mich wieder an den Stationsvorstand, als mich ein wieherndes Gelächter aufs neue unterbrach: Carlotta hatte wie das Äffchen eines Orgeldrehers mit ausgestreckter Hand und bittenden Augen den Jungen bewogen, ihr das klebrige Stück Zucker zu überlassen, und war eben im Begriff, es in den Mund zu stecken.

»Ich will morgen früh wiederkommen,« sagte ich rasch zu dem Vorstand. »Sollte der Herr indessen nachfragen, dann bitten Sie ihn um seinen Namen und seine Adresse.«

Dann nahm ich Carlotta beim Arm, und einen ganzen Schweif Zuschauer hinter mir, setzte ich sie in die erste beste Droschke.

Von Harry nirgends eine Spur. Kein hübscher junger Mann wartete betrübt am Bahnhof. Niemand hatte sich in Gegenwart der Beamten das Haar gerauft und sie um Auskunft über ein verlorenes, in schäbiges Schwarz gekleidetes weibliches Wesen angefleht. Kein Harry war zu entdecken. Es war also keine Notwendigkeit mehr vorhanden, dem britischen Publikum noch länger eine Gratisvorstellung zu geben.

»Fahren Sie los!« rief ich dem Kutscher zu. »Fahren Sie wie der Gottseibeiuns!«

»Wohin?«

Ich rang nach Luft. Wohin, wohin? Der Kopf schwirrte mir.

»Fahren Sie einstweilen einmal nur zu!« befahl ich.

Der philosophische Droschkenkutscher hielt mich nicht für einen Narren, denn er knallte lustig mit der Peitsche. Als wir den steilen Abhang hinuntergefahren waren und den Bereich des gräßlichen Bahnhofs hinter uns hatten, atmete ich etwas freier und fand mein Gleichgewicht wieder. Carlotta aber leckte an ihren klebrigen Daumen und wischte sie an ihrem Kleide ab.

»Wohin fahren wir?« fragte sie.

»Über die Waterloobrücke.«

»Was haben Sie vor?«

»Dich irgendwo abzusetzen,« sagte ich grimmig, sie unwillkürlich mit »du« anredend. »Aber wo, davon habe ich noch keine Ahnung. Es gibt eine Herberge für verlorene Hunde, eine Herberge für verlaufene Katzen und ein Fundbureau auf der Polizei, aber da du weder ein Hund, noch eine Katze, noch ein Regenschirm bist, kann keiner von diesen Orten in Betracht kommen.«

Die Droschke erreichte inzwischen den »Strand«.

»Soll ich nach Osten oder Westen fahren?« fragte der Kutscher.

»Nach Westen,« sagte ich aufs Geratewohl.

Während wir in langsamem Schritt den »Strand« entlang fuhren, war ich die Beute einer Reihe quälender Gedanken. Neben mir saß ein hilfloses, heimatloses junges weibliches Geschöpf ohne Angehörige, ohne Geld, schön wie eine Göttin und unerfahren wie ein neugeborenes Kind. Was in aller Welt sollte ich mit ihr anfangen? In heller Verzweiflung sah ich sie an, doch sie erwiderte meinen Blick mit einem zufriedenen Lächeln, gerade wie wenn wir alte Bekannte wären und ich sie eingeladen hätte, irgendwo mit mir zu Mittag zu essen. Der ungewohnte Londoner Lärm und Umtrieb machten nicht mehr Eindruck auf sie als vielleicht auf ein kleines Hündchen, das einen gütigen Herrn gefunden hat.

»Wie wäre es, wenn ich dir etwas Geld gäbe, dich hier absetzte und dich allein ließe?« fragte ich.

»Dann würde ich sterben,« sagte sie fatalistisch. »Oder ich würde vielleicht einen andern freundlichen Herrn finden.«

»Ich möchte wissen, ob du so etwas wie eine Seele hast?« sagte ich.

Sie strich über ihr Kleid. »Ich habe nur dies ? und es ist sehr häßlich,« bemerkte sie. »Ich möchte gern ein rosa Kleid.«

Wir fuhren nun über Trafalgar Square und ich sah auf der großen Uhr, daß es ein Viertel vor sechs war. Nein, in alle Ewigkeit konnte ich nicht mit ihr in London herumfahren. Außerdem, um halb acht wartete mein Essen auf mich.

Warum, ach warum war Judit nach Paris gereist! Wäre sie hier gewesen, dann hätte ich Carlotta in Tottenham Mansions abgesetzt und wäre mit leichtem Herzen zu meinem Essen und Cristoforo da Costà zurückgekehrt. Judit hätte Carlotta riesig unterhaltend gefunden. Sie hätte ihren Körper gewaschen und ihr Temperament analysiert. Aber Judit ist »in der Zurückgezogenheit« bei Delphine Carrère und hat mich allein gelassen, um die Last des Lebens und Verantwortlichkeit für Carlotta auf mich zu nehmen.

Der Wagen fuhr langsam den Waterlooplatz hinauf. Einen Augenblick dachte ich an meine Tanten als mögliche Helfer in der Not, verwarf aber den Gedanken sogleich wieder. Ich dachte auch an eine Polizeistation, ein Hotel, meine Rechtsanwälte (zu spät), an eine möblierte Wohnung, ein Spital. Meine Seele war in einem schmerzlichen Wirrsal.

»Wo wohnst du?« fragte Carlotta.

Ich sah sie an und stöhnte. Ja, das war der einzige Ausweg.

»In der Nähe vom Regents Park,« antwortete ich, wohl wissend, daß sie durch diese Auskunft kein bißchen klüger wurde.

Durch die Klappe in der Decke gab ich dem Kutscher jetzt meine eigene Adresse an.

»Ich werde dich nun mit mir nach Hause nehmen und heute nacht bei mir behalten,« sagte ich streng. »Meine ausgezeichnete französische Haushälterin wird dich versorgen. Und es soll gewiß nicht die Schuld der aufgebotenen vereinigten Polizei von Großbritannien sein, wenn dein nichtswürdiger Liebster nicht aufgefunden wird.«

Sie legte ihre schmutzige kleine Hand, die sich weich und kühl anfühlte, auf die meinige.

»Du bist böse auf mich. Warum?«

Ich entfernte ihre Hand.

»Das darfst du nicht wieder tun,« sagte ich. »Nein, ich bin durchaus nicht böse auf dich. Aber ich hoffe, du bist dir bewußt, daß dieses Ereignis von einzig dastehender Art ist.«

»Was ist einzig dastehender Art?« fragte sie, über das lange Wort stolpernd.

»Etwas, was nie zuvor geschehen ist, und was, wie ich zu Gott hoffe, nie wieder Vorkommen wird.«

Ihr Gesicht war mir zugewandt. Ihre Unterlippe zitterte ein wenig, und der Hundeblick trat wieder in ihre wunderbaren Augen.

»Du wirst gut zu mir sein,« sagte sie in ihren kindlichen einsilbigen Wörtern, von denen jedes mit einer langen Pause dazwischen sorgfältig ausgesprochen wurde.

Ich hatte das Bewußtsein, mich wie ein Grobian benommen zu haben, seit ich sie am Waterloobahnhof in den Wagen gesetzt hatte. Meine schlechte Laune verschwand, und ich lachte.

»Wenn du artig bist und tust, was ich sage,« erwiderte ich.

»Siir Markuus ist mein Herr, und ich bin seine Sklavin,« war ihre überraschende Antwort.

Dann machte ich mir klar, daß sie ja von Hamdi Effendi erzogen worden war. Etwas Gutes ist doch schließlich an der Haremserziehung.

»Ich freue mich, das zu hören,« sagte ich.

Sie schloß die Augen, und ich sah jetzt, wie müde sie war. Ich glaubte, sie sei eingeschlafen, und starrte gerade vor mich hin, während ich mich mit der Lösung der schwierigen Frage abquälte. Da wurde plötzlich der Wagenschlag heftig aufgerissen, und wenn ich Carlotta nicht zurückgehalten hätte, wäre sie auf die Straße hinausgesprungen.

»Sieh, sieh!« rief sie in großer Aufregung. »Dort! Dort steht Harrys Name!«

Und sie deutete auf einen dicht vor uns herfahrenden Metzgerkarren, aus dem in großen Buchstaben »E. Robinson« geschrieben stand.

»Wir müssen anhalten,« fuhr sie fort. »Er wird uns sagen, wo wir Harry finden.«

Ich brauchte die ganze Zeit vom Oxford-Circus bis Portman-Square, um sie zu überzeugen, daß es in London viel tausend Leute mit dem Namen Robinson gebe, und daß die Wahrscheinlichkeit, der Metzgerkarren könne einen Schlüssel zu Harrys Ermittlung abgeben, recht schwach sei.

In der Baker Street fragte sie müde: »Ist es noch weit bis zu deinem Haus?«

»Nein,« sagte ich ermutigend, »nicht sehr weit.«

»Aber man kann viele Tage lang durch die Straßen von London fahren, und dann kommen immer wieder Straßen und immer wieder Häuser. Das hat man mir in Alexandretta gesagt. London ist so groß wie der Mond, nicht wahr?«

Bei diesem Ausspruch fühlte ich mich unglaublich erleichtert. Sie war also doch eines Gedankens fähig. Ich hatte schon angefangen, mich zu fragen, ob sie nicht am Ende nur halb zurechnungsfähig sei. Die Tatsache, daß sie lesen konnte, hatte mich auch schon riesig gefreut.

»Viele Stunden lang, ja,« verbesserte ich. »Aber nicht viele Tage lang. London kommt dir also sehr groß vor?«

»O ja,« antwortete sie, indem sie sich mit der Hand über die Augen fuhr. »Es dreht sich mir alles im Kopf herum. An einem andern Tag wirst du mit mir durch diese wunderbaren Straßen fahren, aber jetzt bin ich zu müde. Ich bekomme Kopfweh davon.«

Dann schloß sie die Augen und öffnete sie erst wieder, als wir vor Lingfield-Terrace anhielten. Mein erster Eindruck von ihrer beschränkten Zurechnungsfähigkeit hatte sich bedeutend gemildert. Sie ist im Grunde gar nicht so unvernünftig. Wenn Boadicäa wieder ins Leben zurückgerufen und plötzlich an Charing-Cross abgesetzt würde, so würde ihr geistiger Zustand nicht weit von dem eines Blödsinnigen entfernt sein. Und doch war Boadicäa in ihrer eigenen Umgebung eine ganz vernünftige und begabte Dame gewesen.

Mein bewunderungswürdiger Diener Stenson öffnete die Tür und ließ uns eintreten, ohne mit der Wimper zu zucken. Selbst wenn ich mit einem wahren Ungeheuer zum Essen erschiene, würde er doch kein unpassendes Erstaunen an den Tag legen. Der unerschütterliche Gleichmut des wohlgeschulten Dieners hat meine ganze Bewunderung; er ist der Schutzengel seiner Selbstachtung. Ich befahl ihm, Antoinette ins Wohnzimmer zu rufen.

»Antoinette,« sagte ich, »diese junge Dame hat die ganze Reise von Kleinasien, wo der Apostel Petrus so viele Abenteuer zu bestehen hatte, bis hierher zurückgelegt, ohne die Kleider zu wechseln.«

» Cest-y Dieu possible!« rief Antoinette.

»Machen Sie ihr ein gutes warmes Bad zurecht, und vielleicht sind Sie auch so gut und leihen ihr die Leibwäsche, die euer Geschlecht zu tragen pflegt. Sie bringen sie dann ins Gastzimmer, denn sie wird hier übernachten, und sorgen für ihr allgemeines Wohlbefinden.«

» Bien, Msieur,« sagte Antoinette, indem sie Carlotta äußerst verblüfft betrachtete.

»Und diesen Hut nebst Kleid stecken Sie in den Kehrichteimer.«

» Bien, Msieur

»Und da das Fräulein sich totmüde fühlt, weil sie ohne Aufenthalt von Kleinasien hierhergereist ist, soll sie so bald als möglich zu Bett gehen.«

»Der arme Engel!« sagte Antoinette. »Aber wird sie nicht mit Monsieur zu Mittag essen?«

»Ich denke nicht,« erwiderte ich trocken.

»Aber die jungen Entchen, die ich für Monsieur in der Pfanne habe?«

»Wenn sie nicht gebraten würden, hätten sie Enten werden können.«

» Oh la la!« murmelte Antoinette halblaut.

»Carlotta,« sagte ich, mich an das Mädchen wendend, das sich demütig auf einen geradlehnigen Stuhl gesetzt hatte, »geh jetzt mit Antoinette und tu, was sie dir sagt. Sie spricht nicht Englisch, aber sie ist es gewohnt, sich andern Leuten verständlich zu machen.«

» Mais, moi parler français un peu,« sagte Carlotta.

»Dann wirst du Antoinettes Herz gewinnen, und sie wird dir ihre feinste ? Gute Nacht,« sagte ich plötzlich. »Ich wünsche dir eine angenehme Ruhe.«

Sie ergriff meine ausgestreckte Hand, und zu meiner großen Bestürzung zog sie sie an ihre Lippen. Mit einem gerührten Glanz in den Augen sah Antoinette zu.

»Der arme Engel!« wiederholte sie.

Etwas später gab ich Stenson kurzen Aufschluß über das Vorgefallene. Das war ich meinem guten Ruf schuldig. Dann ging ich hinauf und kleidete mich zum Essen um. Das bin ich meiner Ansicht nach Stenson schuldig. Es war schon acht Uhr vorüber, als ich mich zu Tisch setzte, aber Antoinettes junge Entlein waren ausgezeichnet und gereichten mir einigermaßen zum Trost nach all den Widerwärtigkeiten des Tages. Als ich eben die letzte Ausgabe der Westminster Gazette auseinanderfaltete, um mir damit das Ruhestündchen nach dem Essen zu versüßen, trat Antoinette ins Zimmer und berichtete von meinem Schützling.

Sie sei jetzt fest eingeschlafen, die arme Kleine. Ach, wie todmüde sie gewesen sei! Sie habe einen Teller Suppe gegessen, ein Stückchen Fisch und einen Pfannkuchen. Aber sie sei schön, sanft wie ein Lamm und habe eine Haut ? » on dirait du satin«. Ob Monsieur das nicht bemerkt habe?

Ich antwortete mit übergroßem Nachdruck: »Nein, ich habe es nicht bemerkt.«

»Monsieur betrachtet lieber das Innere seiner Bücher,« sagte Antoinette.

»Sie verdienen es gewöhnlich auch mehr,« erwiderte ich.

Antoinette gab hierauf keine Antwort, aber ich sah ein weibliches Beben um ihre dicken Lippen spielen.

Für die Nacht war das Mädchen also jetzt ganz gut untergebracht, und ich atmete erleichtert auf. Morgen würde die Polizei dann schon die Spur des verschwundenen Harry auffinden. Der Umstand, daß Carlotta sich seines Geschlechtsnamens zu entsinnen wußte, erleichterte die Sache sehr. So zündete ich mir denn eine Zigarette an und öffnete die Westminster-Gazette.

Einige Augenblicke später starrte ich mit Schrecken und Entsetzen auf die Zeitung.

Harry war gefunden, es war kein Zweifel möglich, Harry Robinson, der jüngere Teilhaber der Firma Robinson & Kompanie von Mincing Lane. Jetzt wäre es vollkommen überflüssig, die Hilfe der hohen Polizei anzurufen; Harry hatte sich nämlich in dem South Western Hotel zu Southhampton erschossen.

Im Laufe des Abends las ich den Zeitungsbericht immer wieder von neuem. Nein, es herrscht kein Zweifel mehr, es ist derselbe Harry.

Die Wege der Menschen sind unerforschlich. Da ist nun ein junger Mann, der ein Mädchen aus ihrem orientalischen Harem herauslockt, sie in abscheuliche Kleider steckt, auf ein Schiff schmuggelt, wo er sie sozusagen unter Schloß und Riegel hält, sich wenig oder gar nicht um sie kümmert, sie ohne einen Groschen Geld und ohne ein Billett in den Londoner Zug setzt, und dann hingeht und sich eine Kugel durch den Kopf schießt. Wie konnte man das verstehen?

Mit Harry habe ich keine Spur von Mitleid. So ein grüner egoistischer Korinthenhändler! Vor einem Jahre schon hätte er sich erschießen sollen! Der Kerl hat aufs gewissenloseste gehandelt. Und wie, meint er wohl, soll ich Carlotta die Nachricht beibringen? Seine Selbstsucht ist wirklich gräßlich. Da liegt er nun, ganz behaglich tot im South Western Hotel, während Carlotta buchstäblich keinen Fetzen anzuziehen hat, nachdem ihre gräßlichen Besitztümer dem Kehrichteimer überantwortet worden sind. Wer, denkt er wohl, wird Carlotta Nahrung und Obdach gewähren und ihr ein rosa Kleid schenken? Was, bildet er sich ein, soll aus dem armen verlaufenen Geschöpf werden? In meinem ganzen Leben habe ich noch nie von einem zynischeren Selbstmord gehört.

Stundenlang bin ich in meinem Zimmer hin und her gelaufen, bald lachend, bald fluchend, bald den Einband meines kostbaren Muratori mit Fußtritten malträtierend und mich fragend, ob ich oder die Welt verrückt geworden sei. Denn eines ist mir vollständig klar ? Carlotta ist hier, und hier muß sie bleiben.

Obgleich die wohlgeordnete Ruhe meines Lebens darüber in die Brüche gehen wird, so viel ist sicher, ich muß Carlotta adoptieren.

Es gibt nichts andres.

Viertes Kapitel

25. Mai.

Soll ich in den Verdacht kommen, eine Schar Odalisken in Nummer 20 der Lingfield-Terrace zu beherbergen?

Verleumdung und Übertreibung wandern selbst auf der nördlichen Seite von Regents Park Arm in Arm umher. Wenn diese beiden heute morgen Carlotta an meinem Fenster erspäht hätten, dann wären sie zum Fünfuhrtee bei meiner Tante Jessica erschienen und hätten Mrs. Ralph Ordeyne vor der Kapelle abgefaßt. Die Frage ist: Soll die Wahrheit ihnen zuvorkommen? Ich glaube nicht. Jede Familie hat ihr nicht zu unterdrückendes, unmögliches, unpraktisches Mitglied, ihr enfant terrible, das jederzeit in der besten Absicht gerade das Unrichtige tut. Die Wahrheit ist das enfant terrible der Tugendhaften. Das eine Mal treibt sie ihnen das Blut in die Wangen und bringt sie in Verlegenheit, das andre Mal prahlt sie wie ein frecher Lügner, und ein drittes Mal stammelt und stottert sie wie ein erwischter Dieb. Man kann nie wissen, wie die Wahrheit sich benimmt, und deshalb will ich sie meine Verwandten nicht besuchen lassen.

Als Carlotta heute morgen an meiner Balkontür stand, war ich allerdings sehr in Angst, die beiden oben genannten alten Damen könnten gerade vorübergehen. Carlotta sieht, in einem dunkelrotseidenen, am Hals offenen, unverkennbar aus Paris stammenden Morgenrock, der sich an jede weiche Rundung ihres Körpers anschmiegt, geradezu unanständig schön aus. »Wo in aller Welt hat sie dieses Kleid herbekommen?« fragte ich mich vom Standpunkt der Moralität aus. Später erfuhr ich, daß es der höchste Stolz und die größte Freude Antoinettes war. Einst, in längst vergangenen Tagen, als sie femme de chambre bei einem Stern der caféconcerts war, hatte es dessen Körper umhüllt. Antoinette hatte den abgelegten Staat des erloschenen Sterns ? er hatte in den Siebzigerjahren geglänzt ? alle die Jahre her wohlverwahrt aufgehoben, und jetzt verklärte das unsterbliche Teufelszeug die kleine Carlotta. Diese war jetzt auch fleckenlos rein gewaschen. Ein Aroma, das ihr keine Seife und kein künstlich hergestelltes Parfüm hätte geben können, entströmte, wenn sie sich bewegte, ihrem Körper. Ihr goldbraunes Haar war prächtig geordnet. Ich betrachtete ihre Arme, die aus den weiten Ärmeln des leuchtenden Kleidungsstücks bis an die Ellbogen hervorschimmerten: die Haut war wie Seide. » Et sa peau! On dirait du satin«. Zum Kuckuck mit Antoinette! Carlotta hatte überdies die Keckheit, barfuß herunterzukommen. Ihre Zehen waren eine Offenbarung von rosiger ungeahnter Herrlichkeit.

Ich wiederhole, sie ist unanständig schön. Ein kleines Ding von achtzehn Jahren (wie ich höre, ist das ihr Alter) hat kein Recht, mit einer Schönheit zu prangen, die sonst der siebenundzwanzigjährigen Frau zukommt. Sie sollte einfach und hübsch ausgestattet sein, wie es ihrer kindlichen Entwicklungsstufe angemessen gewesen wäre. Sie paßte so gar nicht zwischen meine nüchternen Bücher, und ich betrachtete sie nicht ganz ohne Groll. Das Exotische ist mir immer widerwärtig, und ich ziehe die Geranien den Orchideen vor. Auf meinem Balkon steht eine ganze Reihe Geranienstöcke. Zwar ist es meinen von Stenson und Antoinette unterstützten Bemühungen noch nicht gelungen, sie zum Blühen zu bringen; und doch sehe ich die anspruchslosen samtenen Blätter gern. Carlotta ist eine leuchtende Orchis und irritiert die Netzhaut meines Auges.

So zartfühlend als ich konnte, machte ich Carlotta mit dem traurigen Ereignis bekannt. »Ich habe Nachricht von Harry,« sagte ich ernst. Sie sah indes nur lebhaft auf und fragte, wann er komme.

»Leider wird er wohl gar nicht kommen,« antwortete ich.

»Wenn er nicht kommt, kann ich hier bei dir bleiben?«

Ihre Augen verrieten eine gewisse Ängstlichkeit. Trotz aller Anstrengung konnte ich eine ironische Bemerkung nicht unterdrücken und sagte: »Wenn du dich herablassen willst, als ein Familienglied unter meinem bescheidenen Dach zu wohnen.«

Doch Ironie war bei ihr verlorene Liebesmühe. Sie stieß einen leichten Freudenschrei aus und streckte mir mit strahlenden Augen beide Hände entgegen.

»O, wie froh bin ich, daß er nicht kommt! Ich mag ihn gar nicht mehr. Es ist viel schöner bei dir zu bleiben.«

Ich nahm ihre beiden Hände in die meinigen; kein Sterblicher hätte etwas andres tun können.

»Hast du darüber nachgedacht, warum du Harry wohl nicht wieder sehen wirst?«

Sie schüttelte ihr schönes Köpfchen, neigte es auf die Seite und zog die Stirne kraus wie ein aufmerksamer Terrier.

»Ist er tot?«

»Würde dir das ein großer Schmerz sein?«

»Nein,« sagte sie nachdenklich.

Dann sagte ich, ihre Hand loslassend und mich abwendend: »Harry ist tot.«

Eine Weile stand sie ganz still da, die Augen auf ihre rosigen Zehen gerichtet, die unter dem Morgenkleid hervorsahen, dann drang ein tiefer Seufzer über ihre Lippen, und sie sah mich holdselig an.

»Ich bin so froh darüber.«

Dies ist alles, was sie über den unglücklichen jungen Mann zu sagen beliebte. Sie war so froh! Und sie hatte nicht einmal gefragt, woran er gestorben sei. Die Tatsache war ihr genug. Harry ist tot. Er ist aus ihrem Leben verschwunden, wie der Sonnenschein des gestrigen Tages oder wie eine nichtige, vergängliche Trödelware. Wenn ich ihr gesagt hätte, unser gestriges Droschkenpferd habe den Hals gebrochen, hätte sie es nicht kaltblütiger aufnehmen können. Ja, sie ist froh! Harry war nicht nett zu ihr gewesen. Er hatte sie in die Kabine hineingepufft, wo sie seekrank geworden war, und ihr noch verschiedene andre Unannehmlichkeiten auferlegt. Ich dagegen, ich hatte sie mit Luxus umgeben und sie in rote Seide gekleidet. Sie hatte Harrys Kommen eher mit Angst entgegengesehen. Als sie erfuhr, daß sein Auftauchen unwahrscheinlich sei, fühlte sie sich sehr erleichtert. Sein Tod hatte das Unwahrscheinliche zum Unmöglichen gemacht. Damit war die Sache abgeschlossen. Sie war so froh!

Und doch, während ihrer kurzen Verbindung mußte es irgend eine zärtliche Episode gegeben haben. Auf ihrer Flucht von dem Harem nach dem Schiff hatte er sie gewiß geküßt. Ihr junges Blut hatte beim Anblick seines schönen Gesichts rascher geklopft!

Welche Art von einem mythologischen Wesen beherberge ich bei mir? Ist sie überhaupt aus Hamdi Effendis Harem gekommen? Ist sie nicht eher ein seltsames Meerweibchen, das auf das Schiff geklettert ist und den unglückseligen Jungen verzaubert, ihm die Seele ausgesogen und ihn in den Tod gejagt hat? Oder ist sie ein Vampyr? Oder ein Kobold? Oder eine Waldnymphe? Oder ein Salamander?

Eines aber ist sicher, sie ist kein Menschenkind.

Wenn nur Judit hier wäre, um mir zu raten! Und doch, ich habe das unbehagliche Gefühl, daß Judit mir mit einer gewissen ihr eigenen Heftigkeit den einzigen Weg, den ich nicht einschlagen kann, raten würde, nämlich Carlotta zu Hamdi Effendi zurückzuschicken. Aber ich kann mein Wort nicht brechen, lieber, viel lieber würde ich Carlotta den schönen Hals brechen.

Bis jetzt habe ich noch nicht an Judit geschrieben, und beiläufig gesagt, ich habe auch noch keinen Brief von ihr erhalten. Delphine hat sie natürlich in den gesellschaftlichen Strudel hineingezogen, und Judit schämt sich, mir mitzuteilen, welch eine Illusion ihr Gedanke an ein zurückgezogenes Leben gewesen war. Wenn ich doch mein Leben nur halb so sehr zu genießen vermöchte als Judit!

»Ich habe Mademoiselle adoptiert,« sagte ich vormittags zu Antoinette. »Wenn sie nach Kleinasien zurückkehrte, würden sie ihr einen Strick um den Hals binden, sie in einen Sack stecken und ins Meer werfen.«

»Das wäre sehr schade,« sagte Antoinette eifrig.

» Cela dépend,« sagte ich. »Aber jedenfalls ist sie nun einmal hier, und hier bleibt sie.«

»Aber hat Monsieur auch daran gedacht, daß der arme Engel in diesem Fall Kleider und Toilettegegenstände und dies und jenes und andres mehr braucht?«

»Und Schuhe, um ihre frechen Zehen zu verbergen,« fügte ich hinzu.

»Es sind die schönsten Zehen, die ich je gesehen habe!« rief Antoinette in einfältiger Bewunderung. Carlotta hat die alte Person schon ganz behext.

Ich setzte nun meinen Hut auf und ging nach Wellington-Road, um mich mit Mrs. Mc Murray zu beraten. Gott sei Dank, daß ich vorgestern ihren kleinen Jungen in den zoologischen Garten genommen und ihm dort die andern Tiere gezeigt und dadurch ein Mutterherz gewonnen habe. Mrs. Mc Murray wird mir jetzt aus der Not helfen. Unglücklicherweise war sie nicht allein, als ich ankam, vielmehr saß ihr Gatte, der bei einer Morgenzeitung angestellt ist, eben beim Gabelfrühstück. Er ist ein mächtiger Hüne mit einer roten Bartwildnis und einem donnernden Lachen, das wie die Baßnoten einer Orgel erdröhnt. Seine übergroße Männlichkeit, was Fleisch, Bart und Baßstimme anbelangt, überwältigt einen nicht muskulösen, glattrasierten Menschen mit einer Tenorstimme, wie ich einer bin, einigermaßen. Mrs. Mc Murray ist ganz im Gegenteil ein kleines, fröhliches, umtriebiges Frauchen.

Ich erzählte meine erstaunliche Geschichte von Anfang bis zu Ende, die von seiten Mr. Mc Murrays durch viele »Ho ? oo ? oo ? oo!« unterbrochen wurde.

»Sie haben gut lachen,« sagte ich. »Aber wenn einem ein mythologisches Wesen aus dem Olympiodorus fürs ganze Leben aufgehalst wird, dann ist das kein Spaß.«

»Olymp??« begann Mc Murray.

»Ja,« fuhr ich ihn an.

»Bringen Sie sie heute nachmittag, wenn dieser herzlose Bär in seinen Klub gegangen ist, dann will ich die nötigen Einkäufe mit ihr machen,« sagte Mrs. Mc Murray.

»Aber liebe gnädige Frau!« rief ich in höchster Verzweiflung. »Sie besitzt nur ein einziges Gewand, und das ist ein Morgenrock von entsetzlicher Verderbtheit, der einst einer Tänzerin des zweiten Kaiserreichs gehört hat. Und überdies ist sie auch barfuß.«

»Dann werde ich selber zu Ihnen kommen, um zu sehen, was sich machen läßt.«

»Und beim Himmel, das werde ich auch tun!« rief Mc Murray.

»Das wirst du nicht tun,« entschied seine Frau.

»Glauben Sie, daß hundert Pfund genügen würden, um ihr alles Notwendige zu kaufen?« fragte ich.

»Hundert Pfund!« Die kleine Dame stieß einen Freudenschrei aus, und ich glaube, sie wäre mir am liebsten um den Hals gefallen. Mr. Mc Murray aber ließ seine Hand schwer wie einen Schmiedehammer auf meine Schulter fallen.

»Mensch!« brüllte er. »Wissen Sie auch, was Sie tun? Eine ehrbare Gattin und Mutter einer Familie mit hundert Pfund in der Tasche in die Londoner Konfektionsläden schicken? Meinen Sie denn, sie werde künftig noch einen Gedanken für ihr Haus und ihren Eheherrn übrig haben? Haben Sie im Sinn, meinen häuslichen Frieden zu untergraben, mich dem Trunk in die Arme zu jagen und meine ganze Häuslichkeit zu Grunde zu richten?«

»Wenn Sie das noch einmal tun,« sagte ich, indem ich meine Schulter rieb, »dann gebe ich ihr zweihundert.«

Als ich nach Hause zurückkam, saß Carlotta nach türkischer Art auf einem Sofa, rauchte eine Zigarette (die sie sich selbst von meinem Vorrat genommen hatte) und blätterte in einem Buche. Dieses Zeichen von literarischem Geschmack überraschte mich. Aber ich entdeckte bald, daß es der zweite Band meiner Edition de luxe von Louanders » Les Arts Somptuaires« war, zu dessen Platz auf dem Bort rein weiblicher Instinkt sie geleitet haben mußte. Ich kündigte ihr Mrs. Me Murrays bevorstehenden Besuch an. Ganz entzückt von dieser Aussicht sprang sie jäh auf und schleuderte mein wunderschönes Buch weit von sich auf den Boden (es ist in feinstes Kalbleder gebunden und enthält mehrere hundert ausgezeichnet kolorierte Kupferstiche). Ich hob es zärtlich auf und legte es auf meinen Schreibtisch.

»Carlotta,« sagte ich, »das allererste, was du hier zu lernen hast, ist, daß Bücher in England kostbarer sind als neugeborene Kinder in Alexandretta. Wenn du sie auf solche Weise umherstößt, wirst du sie ermorden, und man wird dich hängen.«

Dies dämpfte ihre frohe Erregung. Ich ließ ihr Zeit zum Nachdenken, und sie stand demütig, bußfertig da, während ich auf ihre Kleidung zu sprechen kam.

»Kurz und gut,« schloß ich, »du wirst wie eine wirkliche Dame gekleidet werden.«

Sie öffnete das Buch bei einem sehr bunten Bild » France XVI. Siecle ? Saltimbanque et Bohémienne«, und deutete auf eine Bänkelsängerin. Diese junge Person trug über einem leuchtend roten Unterkleid, dessen Ärmel bis an die Handgelenke gingen, ein grünes, mit goldenen Tressen verbrämtes Überkleid, das an den Ellbogen und um die Mitte von roten Streifen festgehalten wurde. Auf dem Kopf hatte sie einen Efeukranz, in den weiße und rote Nelken gesteckt waren.

»Ich bekomme ein Kleid wie dieses,« sagte Carlotta; und bebend fragte ich mich, wie weit wohl Mrs. Mc Murrays Farbensinn entwickelt sein möchte. Dann versuchte ich, Carlotta freundlich zu erklären, wie wenig wünschenswert ein solches Kleid in London für die Straße wäre. Aber über den Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten, und ich sah, daß sie nur halb überzeugt war. Ihr Gefühl für das, was wirklich schön ist, muß erst ausgebildet werden.

Gehorsam ist sie in hohem Grad. Ich sagte: »Geh jetzt ein wenig zu Antoinette,« und so vergnügt wie ein Kind trollte sie sich davon. Ich werde ihr ein Wohnzimmer einrichten lassen müssen, denn hier kann ich sie nicht immer haben. Für den Augenblick muß sie ihre Mahlzeiten auch in ihrem eigenen Zimmer einnehmen. Was würde der untadelige Stenson dazu sagen, wenn ich mich mit ihr an den Tisch setzen wollte, solange sie diesen unanständigen Morgenrock trägt! Außerdem teilt mir Antoinette mit, daß das arme Lamm nach orientalischer Sitte mit den Fingern esse. Ich weiß, was das heißt, da ich einmal in Kairo bei einer ägyptischen Gesellschaft war und selbst dampfende Fleischstücke aus einer Hammelkeule herausgerissen habe! Pfui! Aber da Carlotta wahrscheinlich noch niemals in Gesellschaft eines Mannes eine Mahlzeit eingenommen hat, so wird sie die Verbannung von meinem Tisch nicht kränken. Gerade wie im Gefühl für das Schöne muß sie natürlich auch in den christlichen Tischgewohnheiten unterrichtet werden, wie noch in vielen andern Dingen auch.

Mrs. Mc Murray erschien mit einem Maßband, einem Bleistift und einem Notizbuch.

»Zuerst will ich sie von Kopf bis zu Fuß messen. Dann gehe ich und kaufe ihr einen vollständigen Straßenanzug, und morgen werden wir dann den ganzen Tag miteinander in den verschiedenen Läden verbringen. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich einen Teil der hundert Pfund auf die Miete eines Privatwagens verwendete?«

»Nehmen Sie einen Sechsspänner, liebe gnädige Frau!« rief ich. »Carlotta wird um so vergnügter sein.«

Nun rief ich Carlotta und stellte die Damen einander vor. Zu meiner Überraschung war Carlotta ganz unbefangen und lud den Besuch mit der größten wohlerzogenen Höflichkeit ein, sie in ihr eigenes Zimmer zu begleiten.

Als Mrs. Mc Murray ins Wohnzimmer zurückkam, hatte sie einen Ausdruck im Gesicht, der mit keinem andern Wort als mit »unbeschreiblich« beschrieben werden kann.

»Lieber Sir Markus, wie denken Sie sich das künftige Schicksal des jungen Geschöpfs? Was soll aus ihr werden?«

»Sie soll Maschinenschreiben lernen,« sagte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend, »und dann eine schöne Kopie meiner ?Moral der Renaissance? anfertigen.«

»Ja, sie würde wirklich eine schöne Kopie der ?Moral der Renaissance? liefern,« erwiderte Mrs. Mc Murray trocken.

»Ist denn die so sehr schrecklich?« fragte ich erschrocken. »Ich weiß wohl, der Morgenrock ?«

»Vielleicht hat der etwas damit zu tun.«

»Dann kleiden Sie sie ums Himmels willen in Braun und Grau und lauter dunkle Farben. Schneiden Sie ihr das Haar ab und schließen Sie ihre Kleider mit einer Reihe Knöpfe auf dem Rücken.«

Mrs. Mc Murrays Augen blitzten.

»Das wird morgen der Glanztag meines Lebens!«

Als Mrs. Mc Murrays Einkäufe ankamen, schlief Carlotta schon, wie mir Antoinette mitteilte. Ich bin froh, daß sie an frühes Zubettgehen gewohnt ist. Sie scheint einen sehr vergnügten und gut ausgefüllten Nachmittag mit der Besichtigung eines Stoßes französischer illustrierter Witzblätter, die meiner ausgezeichneten Haushälterin gehören, verbracht zu haben.

Ob wohl französische Witzblätter gerade das richtige sind, ihr einen Begriff von der abendländischen Bildung beizubringen? Darüber muß ich mich informieren. Auch muß ich über meine Absichten bezüglich ihres künftigen Schicksals ernsthaft mit ihr reden. Da aber meine Ansichten durch das rote Gewand verwirrt werden könnten, will ich warten, bis sie anständig angezogen ist. Ich werde wohl gewisse Stunden festsetzen müssen, wo ich mit Carlotta belehrende Unterredungen führen werde. Ich werde ihre Seele, von der sie doch immerhin einige Spuren zeigt, zu entwickeln suchen. Den übrigen Tag muß sie sich selbst für Unterhaltung sorgen. Ihre anerzogene orientalische Zurückgezogenheit macht diese Aufgabe leicht, denn ich wette darauf, Hamdi Effendi kümmerte sich blutwenig darum, womit sich die Damen seines Harems die Zeit vertrieben. Dabei fällt mir ein, daß er sicher Carlotta nicht erlaubt hat, sich es in seinem eigenen, für ihn allein bestimmten Wohnzimmer bequem zu machen, und ich will Carlotta nicht zu rasch europäisieren. Das türkische Erziehungssystem hat entschieden seine Vorteile.

In gewisser Beziehung ist mir dies tröstlich. Wenn ich sie nur als ein menschliches Wesen anerkennen könnte! Aber wenn ich daran denke, wie unempfindlich sie sich bei der Nachricht von dem Tode des armen Harry zeigte, dann sinkt mir der Mut. So ein Wesen würde dich mit einem Transchiermesser im Schlaf erstechen, ohne eine Spur von Reue zu empfinden, und wenn du schriest, würde sie lachen. Nimm zum Beispiel ihre schnöde Undankbarkeit gegen den guten Hamdi Effendi, der sie aufnahm, ehe sie geboren war, und sie ihr Leben lang als Tochter behandelt hat. Nein, ihr ganzes geistiges Auftreten ist von der Art jener Damen, die den heiligen Antonius besucht haben ? in ihren freien Augenblicken, wenn sie gerade nicht bei einer Versuchung tätig waren. Ich glaube nicht, daß Carlottas Vater ein englischer Vizekonsul war. Gewiß war er der Teufel.

Was sie Mrs. Mc Murray erzählt hat, das möchte ich wohl wissen!

Heute nacht habe ich mir die Sache lange überlegt. Die gute Mrs. Mc Murray irrt sich. Wie auch immer die Moral der Renaissance beschaffen gewesen sein mag, die damaligen Persönlichkeiten waren entschieden Charaktere. Sie waren entweder teuflisch schlecht, oder engelhaft gut. Der Renaissanceitaliener hatte nichts Rohes, nichts, was gegen den guten Ton verstieß. Die Frauen waren willensstark. Jene Geschichte von Katharina Sforza in der Zitadelle von Forti, die Machiavelli und Muratori erzählen, möchte ich sehr gern glauben. »Übergebt Euch, sonst erschlagen wir Eure Kinder, die wir als Geiseln bei uns haben!« schrieen die Belagerer. ? »Tötet sie nur, ich kann andere gebären, die sie rächen werden!« Dies ist die Sprache einer Riesennatur. In meiner Seele regt sich eine Art Begeisterung für diese Frau, obgleich eine solche Dame eine recht wenig wünschenswerte Gehilfin wäre für einen so sanftmütigen Mann, wie ich einer bin.

Und dann ist da auch Bonna, die Frau, um deren Schicksal willen ich die höchste Autorität, nämlich Cristoforo da Costà studieren wollte. In meinem Kapitel von heute abend habe ich sie geschildert. Ein Condottiere Namens Brunoro reißt bei einem Einfall in ein Dorf ein Bauernmädchen zu sich aufs Pferd. Sie kämpft wie ein Soldat an seiner Seite. Brunoro wird durch Alfonso von Neapel gefangen genommen und schmachtet zehn Jahre lang im Kerker. Und zehn Jahre lang wandert Bonna von einem europäischen Hof zum andern, von Fürst zu Fürst, über Meere und Gebirge, unermüdlich, unerschütterlich, mit dem Feuer des Himmels im Herzen und dem Mut der Hölle in der Seele, um die Befreiung ihres Mannes zu erflehen und zu verlangen. Nach zehn langen Jahren gelingt es ihr. Und dann heiraten die beiden. Welcher Art mögen wohl Bonnas Gefühle gewesen sein, als sie mit ihm vor dem Altar stand? Der alte Geschichtschreiber berichtet das nicht; aber des Himmels Glanz muß ihr ganzes Wesen durchflutet haben, als jenes Glöckchen ertönte, das verkündigte, daß die Hostie erhoben und ihre Liebe in alle Ewigkeit gesegnet sei. Und dann geht sie mit ihm und kämpft in der alten Weise noch fünfzehn Jahre lang an seiner Seite. Als er fällt, stirbt sie vor Heimweh nach ihm binnen einem Jahre. Porcelli sieht sie im Jahr 1455. Brunoro ist ein alter schielender, gelähmter Mann, Bonna eine kleine verschrumpelte, gelbliche alte Frau, mit dem Köcher über der Schulter, dem Bogen in der Hand; ihr graues Haar ist vom Helm bedeckt, und sie trägt große Soldatenstiefel. Ein unaussprechliches Pathos liegt über den beiden verwitterten, verkrüppelten, grotesken Gestalten, von denen jeglicher Zauber männlicher Vollkraft und Schönheit abgestreift ist, und zugleich ergreift einen eine unendliche Ehrfurcht bei dem Gedanken an die heilige Verbindung dieser unbesiegbaren und leidenschaftlichen Seelen. Ich möchte wohl wissen, warum diese Geschichte nicht als einer der großen Liebesromane der Weltgeschichte auf uns gekommen ist?

Elemente wie diese beherrschten die Moral der Renaissance.

Aber ich nehme Mrs. Mc Murray zu ernsthaft, und es ist wirklich keine schlechte Idee von mir, Carlotta das Maschinenschreiben erlernen zu lassen.

Fünftes Kapitel

26. Mai.

Heute morgen Brief von Judit erhalten.

»Lachen Sie mich nicht aus,« schreibt sie; »der Weg nach Paris ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Ich konnte wirklich nichts dafür. Delphine schlang ihre langen Arme um mein ?zurückgezogen und nachdenklich sein wollendes Ich? und trug es fort ? und da ist es nun mitten drin im Strudel. Besuche in den Gemäldeausstellungen, Mittag- und Abendgesellschaften, Theater und Bälle folgen einander Schlag auf Schlag. Und wenn Sie mich auslachen, muß ich Ihnen das demütigende Geständnis machen, daß ich alles in vollen Zügen genieße.«

Sie auslachen, die Gute! Ich bin nur zu froh, daß sie ihr Winterkleid der Reue von der Hitze der Pariser Sommersaison verzehren lassen kann. In dem unfreundlichen London hat sie so gar wenig Vergnügungen. Mache dein Herz reich, meine Liebe, und sammle Vorrat für die kommenden langweiligen Monate! Ich aber, ich freue mich, nicht in dem Bereich von Delphines langen Armen zu sein. Aber ich muß Judit gleich schreiben und ihr von Carlotta erzählen. Doch nein, ich warte lieber, bis ich etwas mehr von ihr berichten kann. Im Umgang mit Frauen ist Vorsicht geboten. Man ist nie ganz sicher, ob sie nichts weiter sind als Gänse, oder aber die verwickeltsten Wesen der ganzen Schöpfung. Möglicherweise sind sie eine so wunderliche Mischung von beidem, daß man im gegebenen Augenblick nie weiß, welche von den beiden Naturen man berührt, die einfache oder die verwickelte. Ist nicht vielleicht das Bild: Eva in der Mitte zwischen dem unschuldigen Apfel und der verführerischen Schlange, die tiefsinnigste Allegorie? Ich muß wirklich Carlotta etwas näher kennen lernen, ehe ich Judit unbedenklich mit ihrem Dasein bekanntmachen kann.

Jedenfalls ist Carlotta jetzt nicht mehr wie eine Odaliske des zweiten Kaiserreichs gekleidet, und Mrs. Mc Murray hat sie von den bedauernswerten Geschmacksverirrungen der französischen Gauklerin des sechzehnten Jahrhunderts errettet. Meine vortreffliche Freundin lieferte gestern abend um halb acht Uhr ihre erschöpfte Pflegebefohlene, der der Kopf wirbelte, glücklich ab und versicherte mir, ihre Aufgabe sei ganz leicht gewesen, und ihre Erwartungen, die sie auf den Tag gesetzt, seien alle in Erfüllung gegangen. »Es war mir gerade, als ziehe ich eine Puppe an,« erklärte sie strahlend.

Wahrlich ein erhebender Zeitvertreib für eine Frau in gesetzten Jahren! Diesem Gefühl verlieh ich jedoch keinen Ausdruck, denn mit Recht hätte sie mich dann den undankbarsten aller Menschen geheißen. Carlotta sei hinter ihr hergelaufen, so berichtete Mrs. Mc Murray weiter, wie eine aufgezogene Puppe, die sie mit all dem Staat ausgesteuert habe, dessen sie habhaft werden konnte. Augenscheinlich habe die Luft der großen Läden wie ein Betäubungsmittel auf Carlotta gewirkt. Wie in einem Traum habe sie sich bewegt, und die Lust zum Auswählen sei dadurch gelähmt gewesen. Die einzigen Gegenstände, nach denen ihr Herz in einem hellen Augenblick verlangt habe ? und zwar mit plötzlicher leidenschaftlicher Begierde ? seien ein Paar rote Schuhe mit hohen Absätzen und ein billiger roter Sonnenschirm gewesen. »Sie können sich gar nicht vorstellen,« sagte Mrs. Mc Murray, »was es heißt, all das einzukaufen, was eine Dame nötig hat.«

Ich erwiderte, daß ich eine ehrfurchtsvolle Abneigung vor transzendentaler Philosophie hätte.

»Von einem Stecknadelbrief bis zu einem Theatermantel,« fuhr Mrs. Mc Murray fort.

»Ich fürchte, liebe Mrs. Mc Murray, daß ein Theatermantel nicht die äußerste Grenze weiblicher Bedürfnisse ist,« sagte ich. »Wenn es doch so wäre!«

Darauf erklärte mich Mrs. Mc Murray für zynisch und verließ mich.

Heute morgen unterbrach mich Carlotta in meiner Arbeit.

»Wird Siir Markuus in mein Zimmer kommen und all meine hübschen Sachen ansehen?«

In einer Sommerbluse und einem glatten Rock sah sie so bescheiden aus als nur irgend eine Maid in St. Johns Wood. Den Kopf neigte sie ein wenig auf die Seite. In dem Augenblick hatte ich ganz väterliche Gefühle und willigte nachgiebig ein.

Menschenworte sind nicht imstande, all die Menge von den in diesem Zimmer aufgestapelten Putz- und Modewaren zu beschreiben. Wo keine Kleidungsstücke prangten, lag alles voller Pappschachteln und Packpapier. Antoinette stand in einer Ecke und betrachtete die Beute mit einem Lächeln seliger Dummheit. Ich schritt zwischen den raschelnden Papieren und den Pappschachteln hindurch und stand stumm wie ein Fisch vor all diesen Geheimnissen. Carlotta probierte Hüte auf, sie zeigte mir Lackschuhe, sie brachte Blusen und Unterröcke herbei, bis mir die Augen übergingen; jetzt aber schwenkte sie etwas in der Hand.

»Sag mir, ob ich das tragen muß. Mrs. Mc Murray sagte, alle Damen trügen es. Aber wir tragen es nie in Alexandretta, und es tut weh!«

Mit rührendem Ausdruck umspannte sie ihre Taille und sah mich mit ihren großen flehenden Augen an.

» Il faut souffrir pour être belle,« sagte ich.

»Aber bei Mademoiselles Figur ist das ja Unsinn!« rief Antoinette.

»Es ist eine Schande, daß ich über solche Angelegenheiten meine Meinung abgeben soll,« sagte ich von oben herab. Und das war es auch. Aber indem ich so meine Würde wahrte, machte ich Eindruck auf Carlotta.

Mit charakteristischer Offenheit breitete mein junges Fräulein allerlei Sachen, Volants, Stickereien, Bänder, durchsichtige Stoffe, vor mir aus, die der gewöhnliche Mann sonst nur durch die Schaufenster betrachtet, wenn eine philosophische Stimmung ihn veranlaßt, über die unergründliche Eitelkeit des weiblichen Geschlechts Betrachtungen anzustellen.

» Les beaux dessous!« hauchte Antoinette.

»Ganz derselbe Ausruf wurde zweifellos von einer entzückten Gürtelmagd ausgestoßen, als sie die derben leinenen Hemden der Damen des Heptameron sah,« murmelte ich.

Unwillkürlich mußte ich daran denken, in welcher Beziehung doch die Dinge dieser Welt zu einander stehen. Jene Gürtelmagd trug ohne Zweifel einen hänfenen Greuel auf ihrem Körper. Wenn Carlottas feine Toilettentorheiten an dem ausgelassenen Hof der Königin von Navarra erschienen wären ? ich möchte wohl wissen, ob wir heute jene ergötzlichen Geschichten zu lesen hätten?

Da Antoinette kein Schriftenglisch versteht und Carlotta nicht eine blasse Ahnung hat, von was ich rede, bin ich Herr der Unterhaltung. Carlotta trat ans Kamin und kam mit einer klebrigen Masse süßen Zeugs zwischen den Fingern zurück.

»Will Siir Markuus davon? Es ist Nougat!«

Ich lehnte ab.

»O,« sagte sie bitter enttäuscht. »Es ist aber gut!«

In den Augen dieses einfältigen Geschöpfs liegt etwas, dem ich nicht widerstehen kann. Sie steckte mir das abscheuliche Stück einfach in den Mund ? ich konnte es nicht in die Hand nehmen, denn es war viel zu klebrig ? und leckte sich lachend die Finger ab. Mit einem Gefühl von gefährdeter Würde ging ich wieder an meine Arbeit.

 

29. Mai.

Ich ließ Carlotta sagen, daß ich heute nachmittag mit ihr ausfahren wolle. Sie solle sich um drei Uhr bereit halten. Es wird gut für sie sein, wenn sie meine Begleitung als eine seltene, hochzuschätzende Begebenheit betrachtet. Für gewöhnlich wird sie mit Antoinette ausgehen ? vorerst wenigstens ? wie gestern auch.

Um drei Uhr meldete Stenson, der Wagen sei vor der Tür.

»Gehen Sie hinauf und rufen Sie Mademoiselle,« befahl ich.

In ein paar Minuten kam sie herunter. In meinem ganzen Leben bin ich noch nie so erschrocken! Und ich verlieh meiner Bestürzung in den verschiedensten Sprachen Ausdruck. Noch niemals, weder auf der Bühne, noch sonstwo, habe ich eine solche Erscheinung gesehen! Carlottas Wangen waren ganz weiß gepudert, ihre Lippen granatrot, ihre Augenwimpern und Augenbrauen schwarz geschminkt. In den Ohren trug sie große vergoldete Ohrringe. Sie betrat das Zimmer mit triumphierendem Ausdruck, als wolle sie sagen: »Sieh, wie entzückend ich bin!«

Mein erschreckter Blick machte sie verwirrt und als ich ihr befahl, hinaufzugehen und sich sauber zu waschen, weinte sie.

»Ums Himmels willen, weine doch nicht!« rief ich. »Sonst siehst du aus wie ein Regenbogen.«

»Ich wollte dir gefallen,« schluchzte sie.

»Nur die gewöhnlichsten Tänzerinnen schminken ihre Gesichter in England,« sagte ich, splendide mendax. »Und du weißt, was die in Alexandretta bedeuten.«

»Sie kamen zu Aziza-Zazas Hochzeit,« schluchzte Carlotta hinter ihrem Taschentuch. »Aber alle unsre Damen schminken sich, wenn sie hübsch aussehen wollen. Und das häßliche Ding, das mir weh tut, habe ich angezogen, nur um Siir Markuus zu gefallen.«

Ich wurde mir bewußt, daß ich roh gewesen war. Sie muß Stunden auf ihre Verschönerung verwendet haben. Aber so hätte ich sie nicht auf die Straße nehmen können, denn sie sah wie Jesebel aus, die, wie Carlotta, ohne Schminke eine außerordentlich schöne Person gewesen sein soll.

»Carlotta, Carlotta,« sagte ich. »England wird dir jedenfalls wie das verkehrte Alexandretta vorkommen. Was dort unrecht ist, ist hier recht und umgekehrt. Wenn du mir gefallen willst, dann lauf und wasche dich, und vor allem nimm diese barbarischen Ohrringe ab.«

Sie ging und blieb ein Weilchen weg. Dann kehrte sie ängstlich zurück: die Schminke sei mit Wasser nicht wegzubekommen. Ich klingelte nach Antoinette, aber Antoinette war ausgegangen. Da es für Stenson eine zu zarte Angelegenheit gewesen wäre, holte ich aus meinem Zimmer einen Topf Vaseline, und da Carlotta nicht wußte, wie sie es anwenden sollte, reinigte ich sie eigenhändig. Sie jauchzte vor Wonne, und die Sache kam ihr außerordentlich vergnüglich vor. Ihre Gefühle sind leicht beweglich, und ich kann nicht leugnen, daß mir die Sache auch Spaß machte. Aber ich habe ihr gegenüber eine verantwortliche Stellung und bin nur begierig, wozu ich mich das nächste Mal hergeben werde.

Die Fahrt nach Richmond war mir ein großer Genuß. Wir tranken Tee im Star und Garters-Hotel, und ich fühlte mich nicht wenig erleichtert, als ich sah, daß Carlotta anständig aus der Tasse trank, und nicht wie ein Kätzchen von der Untertasse leckte. Sie war viel aufgeweckter als bei unsrer ersten Fahrt am Dienstag. Die Straßen sind ihr bekannter geworden, und der Verkehr verursacht ihr keine Kopfschmerzen mehr. Wie ein Kind von zehn Jahren stellt sie die naivsten Fragen. Ein großer Gardeoffizier, der uns begegnete, erregte ihr besonderes Entzücken. Etwas so Schönes habe sie noch nie gesehen. Ich fragte sie, ob es ihr recht wäre, wenn ich ihr einen als Spielzeug kaufte?

»O, willst du, Siir Markuus?« rief sie, indem sie entzückt nach meiner Hand faßte. Ich glaube wahrhaftig, sie meinte, es sei mir Ernst; denn als ich sagte, es sei nur ein Scherz, schmollte sie vor Enttäuschung und erklärte, es sei unrecht, zu lügen.

»Ich freue mich, daß du einige Grundlage von Moral hast,« sagte ich.

Während der Fahrt fiel mir ein zu fragen, wie sie sich die Schminke und die Ohrringe verschafft habe. Ganz vergnügt erzählte sie, Antoinette habe ihr das nötige Geld dazu gegeben. Mit Antoinette muß ich ein ernstes Wort reden. Ihr Benehmen gegen Carlotta gleicht schon mehr einem Götzendienst. Die unausbleibliche Folge davon ist Demoralisation, und Carlottas Magen wie auch der meinige werden schwer darunter zu leiden haben. Carlotta werde ich übrigens ein kleines Taschengeld geben.

Während wir Tee tranken, sagte sie plötzlich: »Ist Siir Markuus nicht verheiratet?«

»Nein,« sagte ich. Und sogleich fragte sie: »Warum denn nicht?«

Der Teufel scheint alle Leute anzufeuern, mich das zu fragen.

»Weil Frauen eine unerträgliche Last sind!« antwortete ich.

Ein sonderbares Lächeln huschte über Carlottas Gesicht. Es war ein so wissendes Lächeln wie das der Mrs. Quickly in den »Lustigen Weibern von Windsor«.

»Dann ?«

»Hier nimm noch einen von diesen Kuchen,« sagte ich schnell. »Sie haben außen Schokolade und sind ganz mit Creme gefüllt.«

Sie biß hinein, lächelte auf eine andre selige Art und vergaß meine Heiratsangelegenheiten. Ich aber war erleichtert, denn wer weiß, was Carlotta mit ihrer orientalischen Erziehung noch hätte sagen können!

 

31. Mai.

Heute hatte ich eine sonderbare Unterredung. Zu meiner Überraschung kam nämlich der Vater des unglückseligen Harry Robinson zu mir. Meine erste Frage war eine ganz natürliche: Wie war es möglich, daß er mich in Verbindung mit dem Tod seines Sohnes brachte? Wie kam er dazu, in mir den Beschützer des jungen türkischen Mädchens zu suchen, in deren Interesse er mich aufzusuchen vorgab? Doch bald war die Sache aufgeklärt. Die Polizei, für die das Auffinden Carlottas nach meinen Abenteuern in Waterloo eine leichte Sache gewesen war, hatte ihm die nötige Auskunft erteilt. Daß die Zeitungen so magere Berichte über die Untersuchung des Todesfalls brachten, hatte mich einigermaßen erstaunt. Die geheimnisvolle Dame, für die der Verstorbene in Alexandretta ein Billett gekauft hatte und mit der er hier an Land gekommen war, wurde zu meiner großen Beruhigung gar nicht erwähnt. Die Untersuchung schien sehr oberflächlich geführt worden zu sein und der Richter sich mit dem gewöhnlichen Urteilsspruch »Momentaner Irrsinn« begnügt zu haben. Dies alles berührte ich so zart als nur möglich.

»Es gelang uns, die Sache zu vertuschen,« sagte mein Gast, ein alter Mann mit grauem Bart und sorgenvollem, nachdenklichem Gesicht. »Ich selbst habe einigen Einfluß, und die Verwandten seiner Frau ?«

»Seiner Frau!« rief ich aus. Es wird mir schwerer als je, der Menschen Tun zu verstehen! Der Kerl war tatsächlich verheiratet!

»Ja,« seufzte der alte Mann, »das eben würde einen schrecklichen Skandal gegeben haben, denn ihre Verwandten sind einflußreiche Leute. Gott sei Dank, wir konnten die Sache vertuschen, und seine arme Frau wird nie etwas davon erfahren. Mein Junge ist tot, und keine öffentliche Untersuchung der ganzen Angelegenheit würde ihn ins Leben zurückrufen.«

Ich murmelte einige teilnehmende Worte.

»Der arme Junge muß den Verstand verloren gehabt haben, als er das Mädchen beredete, mit ihm durchzugehen. Aber mein Sohn hat sie ins Unglück gestürzt,« ? er biß die Zähne zusammen, wie wenn die Sünde des Jungen ihm in die Seele schnitte ? »und so muß ich für ihr Fortkommen sorgen.«

»Über diesen Punkt dürfen Sie ganz beruhigt sein,« sagte ich. »Er schmuggelte sie sofort an Bord und scheint ihr nachher kaum noch ein Wort gegönnt zu haben. Das ist eben das Verrückte an der Geschichte.«

»Ist das wahr?«

»Ich setze mein Leben dafür zum Pfand,« sagte ich.

»Woher wissen Sie es?«

»Offenherzigkeit ? ja ich kann sagen, eine geradezu peinliche Offenherzigkeit, ist eine der Eigentümlichkeiten der jungen Dame.«

Der Mann sah sehr erleichtert aus. Ich machte ihn hierauf mit Carlottas Schicksalen bekannt und erzählte, welche Rolle ich in den letzten Tagen dabei gespielt hatte.

»Dann,« sagte er, »will ich das Kind wieder in seine Heimat zurückschicken. Ich will sie selbst hinbegleiten. Da es meine Pflicht ist, das von meinem Sohn begangene Unrecht wieder gutzumachen, kann ich nicht zugeben, daß Sie noch länger belästigt werden.«

Ich erklärte ihm, wie schrecklich es sei, in Hamdi Effendis Klauen zu fallen, und erwähnte mein gegebenes Versprechen.

»Ja, was ist dann zu machen?« fragte er.

»Wenn sich gute Menschen fänden, die bereit wären, sie in ihre Familie aufzunehmen und christlich zu erziehen, würde ich sie diesen mit dem größten Vergnügen überlassen. Was ich am allerwenigsten in diesem Haus brauchen kann, ist ein müßiggehendes, unselbständiges Frauenzimmer. Aber Philanthropen sind selten. Wer wird sie zu sich nehmen wollen?«

»Es tut mir leid, aber dazu werde ich kaum imstande sein.«

»Es kam mir nie in den Sinn, Ihnen so etwas zuzumuten,« sagte ich. »Ich wollte nur den einzigen Ausweg zeigen, der außer meiner Vormundschaft übrig bleibt.«

»Gern, nur zu gern möchte ich etwas zu ihrem Unterhalt beisteuern,« sagte Herr Robinson.

Doch ich lehnte dieses Anerbieten dankend ab, denn selbstverständlich konnte ich das nicht annehmen. Ebensogut hätte ich den Mann meine Gasrechnung bezahlen lassen können.

»Ich weiß von einem sehr netten Heim in einem Kloster, das von den ?Kleinen Schwestern der heiligen Brigitte? geleitet wird,« sagte er, auf den Busch klopfend.

»Wenn die heilige Brigitte selbst dort wäre, würde ich mit Vergnügen zustimmen. Diese Heilige hat nämlich eine große Anziehungskraft für mich. Sie konnte einst Wunder wirken. Als ein witziger irischer Häuptling ihr einst so viel Land bewilligte, als ihr Mantel bedecken könne, befahl sie vier ihrer Nonnen, je einen Zipfel zu ergreifen und nach Norden, Westen, Süden und Osten zu laufen, bis der Mantel mehrere Morgen Land bedeckte. Aber das Zeitalter der Wunder ist vorbei, und ich fürchte, den armen ?Kleinen Schwestern? würde über Carlotta das zarte Herz brechen. Sie ist ein außergewöhnliches Geschöpf.«

Ich hätte den Vorschlag immerhin in Betracht ziehen sollen, aber es kommt mir fast vor, als litte ich an chronischer Entzündung meines logischen Denkvermögens. Dieses empört sich geradezu bei dem Gedanken, daß Carlotta und die Kleinen Schwestern der heiligen Brigitte jemals zusammenpassen könnten.

»Wie sieht sie wohl aus?« fragte der alte Mann neugierig.

»Würde es Ihnen peinlich sein, sie zu sehen?« fragte ich.

»Allerdings,« erwiderte er leise. »Aber vielleicht brächte es mich meinem unglücklichen Jungen näher. Er scheint so weit weg zu sein.«

So klingelte ich denn und ließ Carlotta rufen.

»Vielleicht täten Sie besser, nicht zu sagen, wer Sie sind,« schlug ich vor.

Als Carlotta eintrat, stand er auf und sah sie an ? ach, so gedankenvoll!

»Carlotta,« sagte ich, »dies ist ein Freund von mir, der dich kennen lernen möchte.«

Verlegen trat sie näher und streckte schüchtern ihre Hand aus. Augenscheinlich wollte sie sich sehr gut betragen. Ich dankte dem Himmel, daß sie jenen unglücklichen Versuch mit Puder und Schminke vor mir und nicht vor diesem Fremden gemacht hatte.

»Gefällt ? gefällt es Ihnen in England?«

»O sehr ? sehr gut. Jedermann ist so freundlich gegen mich. Es ist ein hübsches Land.«

»Das beste Land der Welt, um darin jung zu sein,« sagte er.

»Ist es das?« fragte Carlotta mit der Unschuld eines Kindes.

»Ja, das allerbeste.«

»Aber ist es nicht auch gut, wenn man alt ist?«

»Im Alter ist kein Land gut,« sagte der alte Mann seufzend und verabschiedete sich dann.

Unter der Haustüre wandte er sich mit den Worten an mich: »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Sir Markus. Sie erweckt eigenartige Gefühle in mir. Solch süße Unschuld habe ich nicht erwartet. Um meines Sohnes willen würde ich sie bei mir aufnehmen ? aber seine Mutter weiß nichts davon ? nur daß der Junge tot ist. Sie würde es nicht überleben.«

Und dem alten Mann liefen die Tränen über die Wangen herab.

»Unter meinem Dach soll ihr kein Leid widerfahren,« sagte ich, seine Hand ergreifend.

Carlotta, die mich im Wohnzimmer erwartete, sah mich bestürzt an.

»Siir Markuus?«

»Ja?«

»Muß ich ihn heiraten?«

»Wen heiraten?«

»Diesen alten Herrn. Ich muß, wenn du es befiehlst. Aber ich möchte ihn lieber nicht heiraten.«

Ich brauchte eine ganze Weile, um mir ihren orientalischen Gedankengang klarzumachen. Nur unter der Voraussetzung einer eventuellen Verlobung wird im Orient eine Frau einem Mann gezeigt. Ich glaube, solch ein heilsamer Schrecken ist für Carlottas Erziehung nützlich.

»Weißt du, wer der alte Herr war?« fragte ich.

»Nein.«

»Er war Harrys Vater.«

»O!« sagte sie mit einer Grimasse. »Dann tut es mir leid, daß ich so nett gegen ihn war.«

Was zum Kuckuck soll ich mit ihr anfangen?

Eine Viertelstunde lang hielt ich ihr einen Vortrag über die moralische Seite ihrer Lage. Aber der Erfolg davon war nur, daß sie glaubte, ich sei schlechter Laune. Meine Teilnahme an Harrys Schicksal war sehr groß, und ich unterließ es deshalb, ihr mitzuteilen, daß er ein verheirateter Mann gewesen war, als er sie aus Alexandretta weglockte.


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