Bekannte und unbekannte Historien von Rübezahl

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68. Rübezahl erweiset seine Liberalität im Kegelspiel.

Es soll einmal aus Böhmen ein Fleischer seinen Knecht übers Gebürge geschickt haben, damit er eine ausstehende Schuld einmahne und die Barschaft mit sich brächte, wie er denn auch das Geld, als vierzig Taler, soll empfangen und sich darmit dem Wege anvertrauet haben. Wie er aber im Wandern begriffen gewesen und seine Straße bei der Schneekippe vorbei genommen, siehe, da soll er ungefähr eine Kompagnie junger Bursche in der Nähe vermerket haben, welche ein großes Geld aufs Kegelspiel zwar gesetzet, doch gar lose und ohne Ernsthaftigkeit drumb gekugelt haben, welches den Wandersknecht Wunder genommen, und daher gewünscht hat, daß er möchte interessieret sein, so wollte er ohn allen Zweifel ein Großes erhalten und mit darvonbringen. Und indeme tritt einer aus der Gesellschaft zu ihm, präsentieret ihm die Gelegenheit und Freundschaft, daß, wenn er Lust hätte mitzuspielen, er gar willig in den Orden solle mitaufgenommen, auch zur beliebten Zeit wieder demittieret werden. Was geschicht? Der Kauz läßt sich gefallen mitanzutreten, und trifft ihn gleich das überlassene Glück, daß er anfänglich mit seinem eigenen Zehrgelde wacker was von Reichstalern und Dukaten erhält, also, daß der Mut ihm immer mehr und mehr wächset, ferner anzuhalten und sich zu bereichern. Aber es verändert sich das Blatt bald darauf, also, daß er das Gewonnene nacheinander wieder verspielet und er endlich seines Meisters eingefordertes und mit sich geführetes Schuldgeld beim Kopfe gekriegt und aufs Spiel gesetzt hat, doch immer darbei hoffende, er werde wieder gute Glücksblicks kriegen und mit solchem angegriffenen Gelde lustig fischen. Aber vergebens, die vierzig Taler waren miteinander draufgegangen, und der Schöps war endlich aller Mittel entblößet gestanden, hatte sich in dem Nacken gekrauet und nicht gewußt, wie er zu seinem Gelde wieder kommen möchte; doch hatte er flugs mit dem ungerechten Haushalter ihme diese faule Rechnung gemacht, daß er sich bei seinem Meister vor einen Samariter wolle ausgeben, prätendierende, daß er da oder da unter die Mörder geraten, welche ihn ausgezogen und umb die Pfennige gebracht hätten. Da tritt nach dem Verlust der unerkannte Rübezahl alsbald zu dem melancholischen Fleischersknechte, sprechende. Siehe, mein Kerl, das Geld haben wir dir mit Recht abgewonnen, aber damit du endlich deinem Schaden wieder beikommest, siehe, da hast du von diesem Spiel drei Kegel, welche die Art an sich haben, daß sie dich nicht werden verlieren lassen; verliere du sie nur nicht und sacke sie fein ein in deinen Ränzel, und wenn du zu Hause kommest, so laß du dir sechs andere darzu machen, welche ebenso aussehen als diese, hernach fange darmit an zu spielen, so wirst du gar leicht zu deinem Gelde wieder kommen, das glaube ungezweifelt! Was sollte der albere Tropf machen? Er lässet ihm den Vorschlag gefallen, nimmt die unansehnlichen Kegel vor die lange Weile mit und passieret eine Ecke darmit über das Gebürge. Aber, wie er so eine halbe Stunde gegangen, da wird ihme der Plunder so schwer, daß er nicht darmit weiter fortkommen kann und notwendig sich niedersetzen muß, sich zu erleichtern und das schwere Zeug von sich zu tun; da er denn die zwei schweresten Kegel aufs Feld hingeworfen und den leichtesten bei sich behalten hat und darmit nach Hause gegangen ist. Nach vollendeter Reise kommt der ehrliche Vocativus in seines Meisters Haus, fängt an, sich heftig zu beklagen, wie ihn die Räuber umb alles gebracht hätten und also die eingeforderte Schuld aufm Wege in die Pülze gegangen sei; darmit sich auch der Meister hat müssen zufrieden geben und den Notzwang für unvermeidlich halten. Endlich, wie sich der Knecht also losgeschwatzt, ist er auf seinen Boden gegangen, hat den Ränzel abgeleget, den Kegel herausgelanget und im lachenden Mute solchen unters Bett geworfen, ihn dennoch etwan hoffende darzu anzuwenden, daß er acht andere wolle darzu drehen lassen und solche zum Spielen gebrauchen, als darzu er nicht allein ohne das eine unersättliche Begierde getragen, sondern auch vom Rübezahl (welchen er zwar bis dato hieran noch nicht erkannt gehabt, sondern dennoch der fremden Person einen festen Glauben zugemessen hatte) darzu veranlasset worden durch die Verheißung des unausbleiblichen Wohlergehens. Was geschicht? Es kommt, wie dem Bauren das Aderlassen, diesem Abenteurer endlich das Kegelspiel wieder an, gehet derenthalben auf seinen Boden und scharret vor die lange Weil seinen unter das Bett geworfenen Kegel hervor, und wird gewahr, daß aus dem Holze ein klares Gold geworden. Hierüber verwunderte er sich über die Maßen, doch zweifelt er noch in etwas, obs richtig Gold sei und gehet derentwegen hin zu einem, der einen Probierstein gehabt und läßt ihn streichen. Nachdem er aber die Gewißheit erhalten, soll der Kerl über die Maßen aus dem Grunde lustig geworden sein, daß er nunmehr seinem betrogenen Herrn mit dem Kegel ein überflüssiges Genügen leisten könne für das verspielte Geld; gehet derowegen freiwillig zu seinem Herrn und entdecket ihme den ganzen alten Verlauf, wie er umbs Geld gekommen und wie er nunmehr stattlich wieder darzu gekommen sei, präsentieret darneben solchem seinem Herrn den ganzen Kegel, daß er sich daran erholen möchte. Aber der Herr hatte so aufrichtig gehandelt, daß er den Kegel bei dem Goldschmiede für 200 Taler verkauft, einhundert Taler darvon vor sich behalten, das andere hundert aber seinem Knechte zugewendet hat.

 

69. Rübezahl wird ein Kartenkrämer.

Ein Doppler soll vor Jahren im Zweifelmute aufs Gebürge gegangen sein, verhoffende, es werde sich Rübezahl gegen ihn freigebig erzeigen: wie es denn auch geschehen, daß er ihme begegnet, ihn einen Kameraden genannt und mit einer Karten begabet hat. Doch soll der Geist bei solcher Verehrung dieses ausgedungen haben, daß der Doppler alle Blätter wohl aufheben müßte und keines darvon verlieren: sintemal es alsdenn geschehen würde, daß er ein treffliches Aufnehmen und Glück haben sollte. Noch weiter müßte er auch solche Karte nicht einmal wegwerfen, wenn sie gleich alt geworden und abgenützet wäre; sondern sollte Blatt für Blatt nehmen und einzeln beim Tabakschmauchen ans Licht anzünden, verbrennen und die Pfeife damit anstecken. Was geschicht? Der Spieler nimmt allen guten Rat fleißig in Acht und gewinnet anfänglich viel Geld damit: bis sie nach Verlauf der Zeit beschmutzt worden, daß er sich geschämt, ferner damit zu doppeln oder sie einen ehrlichen Menschen für die Nase zu legen. Derentwegen hat er auch den letztern Bericht beobachtet und bei seinen Tabakschmauchen die Pfeifen mit den Blättern angefangen anzuzünden: dabei sich dieses zugetragen, daß aus den Papier allemal viel Tropfen geschmolzenes Gold gefallen, welches er, wie er klüger geworden, in einem Gefäße mit Wasser aufgefangen und beigeleget hat.

 

70. Rübezahl verehret einem ein prächtiges Brettspiel.

Es soll einer vorweilen trefflich gedamet haben, das Aus und ein oder Tick-Tack spielen können: deme soll der Rübezahl zur Belohnung ein Brettspiel geschenket haben, darbei berichtende, daß es wohl müßte aufgehoben werden, wenn es dermaleins ersprießlich sein sollte; nichts destoweniger aber dürfte er drinnen nach aller Beliebung spielen. Aber was geschicht? Es verleuret der verführte Mensch über solches Spielen sein Hab und Güter, daß er auch die Asche nicht einmal auf seinem Herde zu eigen behält; drüber er denn in Verzweiflung gefallen und sich hat erstechen wollen. Doch damit seine Rache nicht außen bliebe, so soll er ihme erstlich vorgenommen haben, dem Rübezahl zu Trotze das Brettspiel in tausend Stücke zu zerschlagen und darnach mit Feuer zu verbrennen. Indem er gleich drüber begriffen ist und sein Mütlein dran kühlet, auch eine Galgenfrist dran suchet und nunmehr die äußersten Bretter zuquetschet gehabt, siehe, da wird er innen, daß die Steine sich verwandelt gehabt: nämlich aus den weißen waren lauter dicke Taler geworden, aus den schwarzen dicke Goldstücke, deren eins leichte zwanzig Taler gegolten. Wie er solchen unverhofften Schatz gehoben, hat er sein Ermorden anstehen lassen und sich eines bessern bedacht. Doch damit die zuquetschten Bretter noch in etwas weiter dafür leiden möchten, so hat er solche ins Feuer geworfen; welche aber nicht haben zerbrennen mögen, sondern ineinander geschmolzen sein, bis ein großer Klumpen Silber draus geworden, der leichte bei zweihundert Reichstaler wert gewesen. Hiemit hat er sich wieder aufgeraffet, Buße getan und sein gegenwärtiges Gut besser in Acht genommen. Das heißt gedamet; erstlich alles verloren, hernach alles gewonnen!

 

71. Rübezahl schläget den Ball.

Es hat mir ein alter Fuhrmann aus Schlesien für wahrhaftig beigebracht, wie vor zehen Jahren sein Sohn nebenst andern Knaben aus Fürwitz auf dieses Gebürge gegangen wären, in Willens habende, droben ein wenig mit dem Ball zu spielen. Wie sie in den Gedanken fortgehen und nunmehr hinauf gewesen, da treffen sie eine andere Partei eben mit dem Balle spielender Knaben an: diese allbereits im Werk Begriffende rufen den vorigen zu, daß sie mit anstehen sollten und sich unter sie teilen, damit die Versammlung desto größer würde. Hierauf lassen sich die Ankömmlinge belieben und spielen mit, und treiben diese Kurzweil bei drei Stunden lang, da sie Begierde kriegen, wiederumb nach Hause zu eilen. Immittelst sprechen die andern, sie sollen doch noch ein wenig verziehen, sie wollen jetzt umb ein paar Bälle spielen, vielleicht könnten sie solche gewinnen. Was geschicht? Das Spiel gehet wieder an, jene verlieren, und diese bringen die beiden Bälle davon, welche sie zu sich stecken, von den Übrigen und Verbleibenden Abschied nehmen und mit davon nach Hause wandern. Wie solches geschehen, da berühmen sie sich gegen ander Mitschüler, wie sie auf dem Gebürge gewesen wären und ein paar hübsche Bälle gewonnen hätten: drauf ziehen sie solche heraus und befinden, daß es klar Gold gewesen.

 

72. Rübezahl spielet mit Schnippkäulchen.

Noch eben der vorige Kutscher schwatzte hierauf, daß von den gedachten Knaben andere wären angereizet worden, ebenfalls ihr Heil zu versuchen und zuzusehen, ob sie auch was gewinnen könnten. Hierauf waren sie nicht minder auf selbiges Gebürge gegangen und hätten Schnippkäulchen zu sich gestecket. Wie sie nunmehr hinaufgeraten, da war ihnen desselbigen gleichen eine andere Rotte erschienen, so auch mit den Schnippkäulchen zu tun gehabt. Zu solchen, wie sie begehret werden, machen sich die Ankommende ohne Hindernüsse hin, setzen ihre Kügelein zu und gewinnen anfänglich eine große Anzahl damit. Hiemit aber waren sie noch nicht vergnüget gewesen, sondern hatten gedacht, es würde sich wohl noch was Besseres finden, daß sie bespickter davongehen könnten. Unterdessen wäre es aber geschehen, daß sie wieder verloren hätten und nur bei der Anzahl geblieben wären, so sie hinaufgebracht hatten, womit sie auch waren gezwungen worden, herunterzugehen, weil die Zeit verlaufen und es schier zum Abend sich angelassen. Wie sie nun zu den Ihrigen wiederumb geraten waren, fangen sie ihr Unglück unwissend an zu beklagen und jene vorzuziehen, daß sie vor diesen lustig prosperieret hätten, sie aber jetzund nicht ein Dreck gewonnen hätten. Auf diese Wörter begehren jene zu sehen, was sie denn hinauf- und heruntergebracht. Da zeucht ein jeder seine vermeinete Zahl der Schnippkäulchen herfür und zeiget sie auf Begehren; aber kaum hatten sie die Faust aus dem Schiebesack bekommen, da befinden sie, daß es eitel Goldknöpfe gewesen, und auf diesen Schlag weit mehr gewonnen hatten als die vorigen.

 

73. Rübezahl hat seine Kurzweil mit denen Spielleuten.

Es kommen vier Spielleute aus Böhmen über das Gebürge zur Sommerszeit, so kommt ein Kavalier mit zwei Pferden geritten. Sie sitzen und ruhen. Er fraget, was sie dar machen? Sie sagen, sie wären Spielleute, hätten sich verzehret; wenn er ihnen wollte was spendieren, so wollten sie ihme ein Lustiges machen. Er sagt ja, sie sollten immer aufspielen. Sie machen etliche lustige Stücklein. Sein Pferd, das lässet vier Pferdäpfel fallen, weil der Spielleute vier gewesen waren; so sagt er zu ihnen, da soll ein jedweder einen mitnehmen und diesmal vorliebnehmen. Reitet von ihnen weg. Die guten Leute sehen das Honorarium an. Drei lassen ihren Apfel liegen, der vierte nimmt seinen mit, hat Papier bei sich und steckt solchen zu sich. Wie sie in die Herberge kommen, ist es an einem Sonntage, da sind viele Gäste alldar. Sie müssen aufwarten, verdienen etwas Geld. Wie es Feierabend wird und die Gäste weg sind, zählen sie, was sie verdienet haben. Da sagen die andern drei, er solle doch seinen Apfel auch hergeben. Dieser spricht: O der Apfel wird wohl nicht der schlimmst sein! Zeucht solchen heraus, so ist er ganz schwarz und schwer. Er schabet mit dem Messer drein, so ist es purlauter Gold. Seine Kompanen erschrecken, daß sie ihre nicht behalten; gehen zurücke, finden aber nichts.

 

74. Rübezahl bekränzt einen Musikanten.

Ein Studente aus Schlesien, allhier einer von meinen gewesenen Kollegen, schwatzet mir vor, wie vor diesen ein gelehrter Bursche mit seiner Laute aufs Gebürge gegangen sei, in Willens, dem Rübezahl eine Musik zu bringen, alldieweil er, seinem Einbilden nach, gemeinet, er wäre einer von den besten Lautenisten und möchte also wohl ein gut Trinkgeld zur Belohnung, nach seiner Wohlgesonnenheit, darvon bringen. Wie er nun auf dem Gebürge etwas war förder gegangen, da hatte er in der Nähe einen herrlichen Palast gesehen. Da hinzu war er genahet, hatte seine Laute zur Hand genommen und allgemählich ein bißchen aufgespielet; drüber ein vornehmer Mann daraus gekommen, ihn angesehen und gefraget, was seine Intention wäre? Darzu der erschrockene Stimper geantwortet: Sein Diener, Monsieur! ich bin wohlmeinend hieher gekommen, dem Herrn eins aufzumachen und meine Kunst hören zu lassen. Mit welchen Worten er gleich seinen Futterkorb bei der Kartause gekrieget und eins hergeleiert hat. Bald drauf, wie der Rübezahl ein wenig zugehört hatte, hat er sich umgekehret und aus seinem Schlosse etliche andere Musikanten herausgepfiffen, die sich flugs hervorgefunden und über alle Maßen auf ihren Lauten gespielet haben, also, daß sich der vorige Musikant selber hat müssen schämen, daß er sich vorher berühmet gehabt, etwas Sonderliches in seiner Kunst zu leisten, welche doch in Gegenhaltung der andern nichts gewesen und schier gelautet hat, wie man Dreck mit Peitschen hiebe. War also nicht allein betrübt geworden, sondern hatte sich auch schämend auf die Hinterfüße gemacht und heimlich darvonschleichen wollen. Wie es der Rübezahl gemerket, soll er ihm zugeredet haben, sprechende: Guter Kerl, damit du deine Mühewaltung nicht umsonst angewandt habest, so marschiere hin zu jenem Baume, da wirst du viel Kränze hangen sehen; darvon nimm nur einen und keinen mehr, und gehe darmit deiner Wege und lerne hinführo ein Bessers! Und hiemit hat er sein Brabeum geholet und, nach dem gegenwärtigen Augenschein, den besten Kranz runtergelanget, welcher aber der schlechteste gewesen, dem andern Bedünken nach, wie er ihn in der Hand gehabt; doch war er gleichwohl darmit zufrieden gewesen und darvongegangen. Wie er ihn aber in der nächsten Herberge betrachtet, da hat er gesehen, daß es lauter Gold und Edelsteine gewesen.

 

75. Rübezahl lässet ihm den Bären tanzen.

Es hatte Rübezahl einige Tage stürmisch Wetter bekommen, daß er also mittlerweil schlechtes Vergnügen gehabt; sobald die rauhe Luft vorbei und das Gebürge wiederumb helle und angenehm wurde, satzte er sich auf sein Pferd und ritte spazieren. Kaum war er eine viertel Meile geritten, so wurde er unverhofft drei Männer von ferne gewahr, welche einen Bären an der Kette bei sich führten. Er hielte still und argwohnete, diese Kerl würden gewiß den Bären aus seinem Gehäge gefischet und mit ihn davon wandern wollen; da diese aber allmählich näher herzukamen, sahe er, daß es Polacken waren, die zuzeiten ihren Gewinst durch dieses abgerichtete Tier suchen. Bei ihrer Herannäherung fragte er sie sofort mit einer starken Anfrage: Wo kommt ihr her, und wo wollt ihr hin, daß ihr über das Gebürge reiset? Die Polen hielten ihn für einen vornehmen Herrn, machten ihm sofort ihre tiefe Reverenz und sagten: Wir kommen über Hohe-Elb aus dem Johannesbad zurücke und gedenken, noch ins Warmbad zu reisen und von dannen wieder über Schweintz und Breslau in unser Vaterland. Habt ihr geneigte Liebhaber im Johannesbad gefunden? fragte Rübezahl weiter. Sie machten darauf wieder Komplimente und sprachen: Es ist gar schlecht gewesen, denn der Liebhaber waren wenig; wir haben allda fast mehr verzehrt als erworben. Das ist nicht gut, versetzte unser Junker Rübezahl. Seid ihr denn im Kuckucksbad nicht gewest? Sie sagten: Nein; denn dasselbe ist uns unbekannt, wir sind itzt das erstemal so weit ins Gebürge geraten. Rübezahl sprach: Ihr würdet gewiß da Verdienst gehabt haben und seid so nahe vorbeigereist. Wohlan, weil ihr Geld zu verdienen suchet, und daß euer Weg übers Gebürge nicht umsonst sei, so lasset sehen, was denn euer Bär vor Künste kann. Alsobald griffen zwei von ihnen zu ihren Schalmeien und bliesen aus allen Kräften, daß die Bäume zitterten; der dritte machte inmittelst den Bären fertig, tanzte und tummelte sich mit ihm herumb, bis zuletzt der Bär nicht mehr von der Stelle wollte. Rübezahl saß auf seinem Klepper und hatte sein inniges Vergnügen, sagte endlich zu dem Tanzmeister: Es ist genug; folget mir nach bis zu meiner Wohnung, ich muß euch was zugute tun. Sie folgeten ihm getrost, bliesen zuweilen, daß es in die Wälder und Täler erschallete. Wie sie nun allda anlangten, ließ Rübezahl sofort von dem besten Branntewein fürtragen (denn er wußte, daß sie davon besondere Liebhaber sein); den trunken sie auf des milden Gebers gutes Vergnügen aus. Rübezahl war es seine größte Lust, daß denen Polacken der Branntwein so glatt zu Halse ging. Nach diesem langete er aus seinem Säckel drei Timpfe herfür und beschenkte sie damit, wovor sich diese polnische Herren auf das allerhöflichste bedankten, und darauf alle drei aus ihren Schalmeien bliesen, daß alles Wild im Gebürge dadurch rege ward; und hierauf nahmen sie Abschied. Rübezahl ließ sie begleiten bis an den Weg, der sie ins Warmebad und zuerst auf das nächste Dorf führte. Kaum waren sie eine Meile fortgereist, da wurden sie linker Hand unten am Berge eine Baude gewahr, dahin richteten sie ihren Marsch; und weil sie bekamen, was sie verlangten, blieben sie da dieselbe Nacht. Sobald sie sich niedergesetzet, fingen sie sofort von ihrem gehabten Abenteuer an zu schwatzen, und erzählten es danach dem Wirt, wie sie unverhofft auf dem Gebürge ein Glück gehabt hatten. Und nachdem sie ihm den ganzen Verlauf erzählet, merkte ers bald, woher es komme, wollte aber nicht viel dazu reden, sondern sagte zu ihnen: Weiset mir das Geld! Sobald der eine Pol seinen Timpf herfürzog und ihn der Wirt besah, siehe, so war es kein Timpf, sondem ein doppelter Louis dor. Der Polack erschrak, wiese solche seinen Kameraden, die ihre Timpfe auch herausbrachten und mit Freuden sahen, daß auch ihre Timpfe zu Louis dor geworden, und mußten gestehen, daß der Wirt wahr geredet, denn derlei Art Geld war ihnen bekannt; nur wunderten sie sich, wie solches in das Gebürge kommen. Es war nachdenklich genug, allein der Wirt sagte: Laßt ihrs immer gut sein; wo diese gewesen sind, werden wohl mehr sein! Die Polen machten sich hierauf recht lustig, pfiffen und soffen, bis einer hie, der ander dort lage und die Nacht hindurch schnarchten. Sobald der Tag angebrochen und es im Hause wieder rege wurde, rafften sich unsere guten Polacken auch auf. Sie machten ihrem milden Geber noch im Gebürge eine Musik, bedankten sich guter Herberge und reiseten darauf über Antoniwald ins Warmebad. Wohin sie weiter kommen sind, hat man nicht erfahren.

 

76. Rübezahl agieret einen Lautenisten.

Es hat sich Anno 1642 begeben, daß ein Studiosus Quasimodogenitus Lustes halben über das Riesengebürge hat reisen und gehen wollen. Unterwegs aber hat er, damit er die Zeit verkürzete, mit Fleiß die Laute zur Hand genommen und eines und das andere Buhlliedchen (seiner verlassenen Kammerkätzchen zu Gefallen) drauf gespielet oder geschlagen, und ist in solchen guten Gedanken eine ziemliche Weile fortgegangen. Was geschicht aber? Indem er so einsam fortschleichet, da kömmt ihm der Rübezahl in Gestalt eines andern Studenten entgegen und bittet ihn, daß er doch die Laute ein wenig übergebe, er sollte auch hören, was seine Musik vermöchte. Hierauf gibt voriger Student dem unerkannten Rübezahl das Instrument über. Der Rübezahl ingegen spielet anfänglich gar lieblich und anmutig. Doch wie sie im Gehen zu einen an dem Wege stehenden Baume nahen, da lässet er seine Stückchen sehen, indem er mitsamt der Laute in geschwinder Eil sich auf solchen Baum schwinget und zugleich im Spielen zwar fortfähret, doch unverschämte Lieder anstimmet, worüber der arme Studente nicht allein erschrocken, betrübet, sondern auch bald im Zorn ist erhitzt geworden und den Rübezahl alle Schlapperment an Hals gewünschet, sagende, er solle ihm die Laute wieder heruntergeben, oder er wolle anders mit ihm spielen. Darauf soll der Rübezahl die begehrte Laute heruntergeworfen haben, und darneben einen greulichen Knall mitangefüget, welcher vorgekommen, als wenn die Laute in tausend Stücke zerfiele, da sie doch, wie der Studente zugesehen, ist unversehrt befunden worden. Es ist aber alsobald bei dieser Begebnüsse der schnakische Rübezahl verschwunden und der Studente hat lernen bescheidener reisen: da er hernach für ein Buhlenlied einen christlichen Gesang hat begonnen auf seiner Laute zu schlagen.

 

77. Rübezahl hilft einem armen Mann einen Schlitten Holz herunter aus dem Gebürge fahren.

Ein armer Bauersmann hatte sich ein wenig Holz im Gebürge zusammengemacht, in Meinung, solches bei guter Schneezeit bequem herunterzubringen. Da nun der Winter in Ermangelung des Schnees dasselbe Jahr schlecht war wußte er sich keinen Rat; der Winter war strenge, daß er also mit seinem Weib und Kindern große Kälte ausstehen mußte. Er sahe sich genötiget, etwas aus dem Busche zu holen, es sei so viel als ihm möglich. Wie er nun allda angelanget, stund er ein wenig und suchte seinen Kummer hinter den Ohren zu stillen; denn er wußte nicht, wie er das Holz den Berg hinunterschaffen sollte. Wie er mit solchen Grillen sich plagte, siehe, unverhofft kommt ein Mann mit einem Schlitten getrost auf ihn zugezogen, der ihn sofort frägt, wie es ihm geht und obs auch Schnee gnug hat, Holz herunterzuschleppen? Der gute Mann antwortete ihm: Nein, der Schnee ist heur schlecht, ich weiß nicht, wie ich mein bißchen Holz herunterbringen will, wo kein Schnee mehr kommt. Rübezahl sagte: Oho, wenn ich nur viel hätte! herunterzubringen getraute ich mirs schon; kommt, weiset mir, wo es stehet! Als sie hinkamen, sprach er: Ihr habt dem Holz keine gute Stelle gegeben; allein wollt Ihr mirs etliche Schritte herüberwerfen, will ich es Euch den Berg helfen herunterfahren. Der Bauer sprach: Das will ich gerne tun; wollet Ihr mir helfen, so geschiehet mir ein sonderlicher Gefallen, denn ich habe zu Hause gar kein Holz, Weib und Kinder sind mir halb erfroren; wenn Ihr nur nicht zu viel vor Eure Mühe verlangt: Hülfe wäre mir vonnöten, denn ich bin ein armer Mann. Rübezahl versetzte: Wir werden es schon miteinander machen; werfet nur frisch herüber, ich will für Euch und hernach für mich aufladen. Sobald er des Mannes Schlitten vollgepackt, half er ihn damit auf den Weg; nachdem er das Holz zu seinem herzugeworfen, hieß er den Mann fahren, soweit er könnte, er wollte ihn bald nachkommen. Der Mann tat, wie er ihm gebot. Rübezahl lud also das über den Stein geworfene Holz auf seinen Schlitten, segelte damit den Berg hinunter, daß der Mann erstaunte, wie er ihn vorbeikommen sahe. Rübezahl lachte und sagte: Sehet, so müßt Ihr aufkasten und fahren; sonsten lohnets nicht der Mühe, es so weit herunterzuholen. Der Mann dankete ihm gar sehr und bat, daß ers ihm auch vollends nach Hause helfen wollte. Er besann sich ein wenig, sagte drauf: Weil es nahe am Dorfe ist, kann es schon geschehen; ziehet, ich will nachschieben! Drauf brachten sie des Mannes Schlitten zuerst nach Hause. Der Baur sagte zu seinem Weibe, die sich über ihres Mannes baldige und glückliche Wiederkunft sehr erfreuete, sie sollte nun geschwind eine warme Stube machen, es würde nicht gar lange sein, so würde er mehr Holz bringen. Sie tats. Inmittelst gingen diese beide und brachten den andern Schlitten auch herzugeschleppt; Weib und Kinder freueten sich, da sie sahen das viele Holz ankommen. Der Mann nötigte seinen Mithelfer darauf ins Haus und in die Stube; er ging endlich hinein. Er sahe, daß bei den guten Leuten wenig mochte zum besten sein; drum ließ er sich mit dem guten Willen begnügen. Der Mann trug auf, was seine Wenigkeit vermochte, und bat, daß er sagen wollte, was er ihm vor seine Mühe gäbe. Rübezahl sagte: Gebet, was Euch dünket recht zu sein, Ihr werdets ja verstehen; doch sehe ich wohl, Ihr bedürfts selbst. Der Mann gab ihm drei Groschen, sagte, mehr hätte er nicht, sonst wollte er ihm gerne mehr geben; denn er wüßte, daß ers verdient hätte. Damit war auch unser dienstfertiger Rübezahl zufrieden. Die Leute hatten zwei Kinder: die warme Stube hatte sie hinter dem Ofen weggetrieben, die liefen in der Stube herum und machten ihm Zeitvertreib. Das eine Kind, so ein munter Knab, gefiel unseren guten Rübezahl dermaßen, daß er stets auf sein Tun Acht hatte; griff darauf in seine starke Ficke und sagte zu ihm: Komm her, schau! hier will ich dir ein paar Knippkäulchen schenken, spiele damit! Der Knabe war beherzt, griff vor Freuden zu und sprang damit herum. Der andre aber wollte nicht kommen, doch schmiß Rübezahl ihm einen zu, weil er sahe, daß er traurig wurde, damit er sich mit seinem Bruder freuete. Hierauf nahm er Abschied von ihnen, zog mit seinem Schlitten immer dem Gebürge zu; der Mann gab ihm ein Feldweges das Geleite und kehrte wieder zu seiner Hütte. Nach einer guten Weile, als die Eltern mit den Kindern wegen der Käulchen halben ihre Freude hatten und eines davon besahen, wurden sie innen, daß es pur gediegen Gold war. Sie waren dessen froh und sehr benötigt, konnten eine gute Weile davon haushalten. Sein Nachbar, deme es dieser Mann vertrauet, gedachte selbiges Glück auf solche Art auch zu erlangen, ging aus nach Holz; es wollte aber keiner zu Hülfe kommen, mußte also seinen Schlitten ledig wieder zu Hause schleppen.

 

78. Rübezahl wird zu Gevatter gebeten.

Ein verzweifelter Schöps, der umb alles das Seinige kommen war und in der Bierkanne abgebrannt wäre, wenn er seine Magensglut nicht stets gedämpfet und ohn Unterlaß mit Bier geleschet hätte, solcher verzweifelter Kerl bekehrete sich dermaleins und wünschete, daß ihm der liebe Gott doch aufs neue etwas bescheren möchte; so wollte er gemacher tun, eingezogener und ratsamer leben. Ja, er bat Tag und Nacht, daß er doch ein Kindchen möchte kriegen, alldieweil er gehöret, daß damit zugleich Segen erlanget würde: denn, spricht man, bescheret Gott ein Häsichen, so bescheret er auch ein Gräsichen. Und indem kömmt seine Frau in die Wochen; drauf er ausgehet, in Willens, die drei ersten Leute, so ihm begegnen würden, zu Gevattern zu bitten. Und unter solchen Vorhaben kömmt ihm auch der unerkannte Rübezahl vor, den er als einen Reisefertigen anredet und einen mündlichen Gevatterbrief zustellet. Drauf solcher sich bedanket und entschuldiget, daß er zwar selber nicht stehen könnte; doch damit seine Gegenwart nit gänzlich außenbliebe, so wollte er ihme hiermit ein Denkmal übergeben haben: und löset drauf sein Knie- oder Hosenband ab, zur künftigen Windelschnur. Weiter schenket er ihme auch sein Schurzfell, darein er das Kind wickeln sollte lassen. Mit dieser Verehrung schlendert der Vater nach Hause und bringet seinen Weib und Kinde mit, was er bekommen. Indem er aber die Windel aufschläget, da war sie umb und umb voll lauter böhmische Groschen gesticket gewesen; die Schnur aber hatte nach der Reihe anderthalbhundert Dukaten an sich gehabt. Das laßt mir ein Patengeschenke sein, damit man ein Baur-Kindelbier ausrichten kann; und noch etliche Pfennige übrig behalten!

 

79. Rübezahl gibt einen Hochzeitgast.

Einsmals reitet er selb dritte aus und kommt in ein Dorf, da haben zwei arme junge Leute Hochzeit. Nun ist es an etlichen Orten Brauch, daß die Braut mit ihren Gästen in die Schenke zum Tanze gehet. Dieser bittet den Bräutigam, er wolle ihm vergönnen, mit seiner Braut einen Ehrentanz zu tun. Der Bräutigam lässet es ihm zu. Unter dem Tanz verehret er der Braut zwei rote Bänder und bindet ihr solche umb die Hand, verehret auch dem Bräutigam ein Stück Geld, eines Talers groß. Er bleibet über Nacht mit seinen bei sich habenden zween Reutern in der Schenke, bezahlet alles, was er verzehret. Der Wirt bestellet aber bei dem Bräutigam, er solle ihm die Ehre tun und ihn zum Frühstücke bitten; er kommt aber nicht, sondern reitet fort. Wie die Gäste nun wieder zusammenkommen, weiset er ihnen das Geschenke. Sie sehen es alle an, wissen aber nicht, was es ist. Als der Pfarrherr auch hinkommt, so weiset er ihme solches auch. Wie er es in die Hand nimmt, so ist es, da es zuvor weiß wie ein Taler gewesen, ein schöner Portugaleser. Die Braut weiset ihre zwei roten Bänder. Als sie der Pfarrherr auch in die Hand nimmt, so sind es zwei schöne Armbänder. Das war ein gut Geschenk vor arme junge Eheleute!

 

80. Rübezahl beschenket die H. drei Könige.

In Böhmen ist vor vielen Jahren der Brauch gewesen, welcher auch noch ist, daß die Böhmen mit dem Sterne, Josepho, Maria und dem Kindlein Jesu über das Gebürge gegangen. Es sind nicht nur Knaben gewesen, als man hier in Städten im Brauch hat, sondern Männer, welche sich deren Sachen beflissen haben. Einsmals gehen sie auch über das Gebürge bei rauhem Winter, kommen auch in ein Wirtshaus, bitten den Wirt umb Herberge, weil es später Abend gewesen. Er lässet sie hinein. Die Jungfrau Maria, als ein kleiner Knabe, ist sehr erfroren. Der Wirt machet ihr bald ein warm Bier, daß sie sich erholen kann. Es kommen andere Gäste hinein, zehren umb ihr Geld; sie lassen ihnen Komödien spielen, welches dem Wirte wohl gefiele. Frühmorgens mußten sie solches dem Wirte allein spielen; der verehret einem jedweden drei Groschen, der Jungfrau Mariae aber sechs Groschen und dem Kindlein einen Reichstaler; lässet sie also fort und lässet ihnen den Weg durchs Gebürge weisen. Wie sie in die erste Herberge kommen, so erzählen sie es und weisen das Geld, was ein jeder empfangen, sind dessen froh; wie sie es aber anschauen, so sind die Groschen alle Dukaten, und der Reichstaler, welchen er dem Jesu-Kindlein verehret, ist ein Portugaleser gewesen. Einer aber unter ihnen, der auch drei Groschen bekommen, und zu Dukaten worden sind, der saget, das hätte gewiß der Rübezahl getan, und bald Gutes bald Böses von ihme geredet. Als er einen von seinen drei Groschen, welche zu Dukaten geworden, verwechseln wollte, ist er ein Groschen vor und nach geblieben, wie auch die andern zween Dukaten. Die andern haben ihn ausgelachet. Dieses ist seine Strafe gewesen.

 

81. Rübezahl bescheret einem Bauren Karfunkelsteine.

Ein schlesischer Studente erzählete mir folgendes: wie nämlich ein Bauersmann aufs Gebürge gangen sei, Holz zu fällen, welches er auch, dem Vornehmen nach, glücklich verrichtet hat. Wie er aber endlich müde drüber geworden, soll er sich droben auf eines Schäfers Seite und sein Ohr niedergeleget und ein wenig ausgeschlummert haben. Nachdem er aber wieder erwachet, soll er neben sich einen schönen glänzenden Felsen erblickt haben, der ihme nach seinem Kälberverstande auch ein wenig behaget; derentwegen er seine Axt gefasset und etliche Stücke heruntergeklopfet hat, in Willens, solche mit sich zu nehmen und seinen jungen Päntschen zu geben, damit sie Spielwerk hätten (indem er solche glänzende Steine für die lange Weile ein wenig besser geschätzet als die gemeinen Feldsteine). Wie er also nach Hause gekommen, übergibt er seinen Kindern die mitgebrachten Steine, welche auch darmit spielen, bis bald ein Jubilierer des Ortes gereiset und solche gesehen hat. Da soll dieser Reisender vom Bauern gefraget haben, was er für die Steine begehre, er wolle sie ihm abhandeln. Der Bauer soll sich gewundert und gefragt haben, was er mit dem Quarge wollte machen; es wären ja nur Steine, die vielleicht nicht viel besser möchten sein als die andern auf der Gasse. Der Jubilierer hat weiter gesaget, er möchte nur etwas fordern, er wollte ihm gerne Geld dafür geben. Drauf soll der Bauer für die lange Weile gesprochen haben: Je, habt Ihr des Geldes zu viel, so gebt mir sechs Groschen, so möget Ihr den Dreck mitsamt dem Heil hinnehmen! Hierauf hat der Jubilierer gesaget: Hier habt Ihr sechs Taler. Wer war allhier froher gewesen als sie alle beide?

 

82. Rübezahl verwandelt sich in einen Esel.

Ich weiß mich zu entsinnen, daß ich einsmals mit einem Manne geredet habe, welcher aus der Fremde gekommen und sonderlich in Ost-Indien sich lange aufgehalten hatte. Dieser sagte, daß er einsmals des Nachtes gereiset hätte, und nachdem er müde gewesen, sich beim Mondenscheine nach etwas umgesehen, drauf er sitzen und ruhen möchte; da habe er gemeinet, es läge nicht ferne von ihm ein Klotz oder Block, worauf er sich alsbald niedergelassen. Doch ist er hernach inne geworden, daß es eine greuliche dicke Schlange gewesen, indem es sich gereget und fortgekrochen. Diesem Betruge soll auch der Rübezahl einmal ziemlich nachgekommen sein; indem etwan ein Glaser so über das Gebürge gegangen und über die schwere Last des Glases, so er aufn Puckel gehabt, müde geworden und sich ebenmäßig nach einem Sessel umgeschauet, worauf er ein wenig ausruhen möchte. Was geschicht? Der Rübezahl, als ein schlauner Geist und gedankenkündiger Gast, verstehet des Glasers Verlangen und verwandelt sich drauf in einen runden Klotz, den der Glaser im Wege nicht lange hernach antrifft und mit frohen Mute auf solchen sitzen gehet. Doch währet diese Freude auch mit dem ermüdeten Glaser nicht lange: sintemal, da er im besten Ruhen ist und auf kein Arges oder Hinterlist Besorgung träget, der runde Klotz sich freiwillig unter dem Glaser so geschwinde wegwälzet, daß der arme Kerl mitsamt dem Glase zu Boden schläget und alle Scheiben in etzliche tausend Stücklein zerbricht. Nach diesem Fall hat sich der Mann wieder in die Höhe gericht und zwar nach dem Blocke sich weiter nicht umgesehen, als welcher sich schleunig aus dem Staube gemacht und in etwas anders verwandelt hat, wie wir hernach hören werden. Doch hat selbiger betrübter Glaser bitterlich angefangen zu weinen und seinen Schaden, den er ungefähr erlitten, beseufzet; ja, er ist auch zugleich in etwas mit weiter fortgegangen. Da ist ihm bald der verstellete Rübezahl in eines Menschen und zwar Reisenden Gestalt erschienen, fragende: was er doch so weine und worüber er Leid trage. Drauf hat der befragte Glaser den ganzen Handel von vorne an erzählet. Wie er nämlich allhier auf einem Blocke gesessen, in Willens habend, etwas auszuruhen, da wäre er von solchem mitsamt dem Glase heruntergeschlagen und hätte alles Glas, das ihme wohl acht Taler kostete, zerbrochen; ja, er wüßte nicht, wo er sich wieder erholen sollte und diesen Schaden auswetzen oder ersetzen. Hierauf hat der mitleidende Rübezahl ihme endlich zugeredet, er solle sich zufrieden geben: er wolle selber helfen, daß er in kurzen zu allen Verlust wiederumb gerate und auch wohl noch Profit erhalte. Nämlich, er hat weiter gesagt und den Possen entdecket, daß er es gewesen: als welcher sich zuerste in den Block verwandelt und hernach fortgewälzet hätte. Doch solle er nur guts Muts sein. Er, der Rübezahl, wolle sich ferner in einen Esel verwandlen: solchen sollte der Glaser mit sich führen und unter dem Gebürge einem Müller verkaufen, doch nach überkommenen Gelde sich wieder davonmachen. Was geschicht? In Eile wird Rübezahl in einen Esel verwandelt; drauf setzt er sich, der Glaser, nach überkommene Parol, getrost, reitet solchen vom Gebürge herunter und präsentieret ihn einem Müller, bietet ihn auch feil vor zehen Taler und bekömmt darauf bald neune, weil der Esel dem Müller so sehr wohlgefallen. Der Glaser aber hat solches Geld ohne Säumung eingestecket und ist seines Weges fortgegangen. Was den Calvinischen oder reformierten Esel weiter belanget, so ist solcher damaln in einem Stall getan oder gesperret worden, in welchem des Müllers Knecht ihn hernach besuchet und Heu zu fressen vorgeleget; darzu er auf bileamsche Eselsweise angefangen zu reden und gesprochen: Ich fresse kein Heu, sondern lauter Gebratens und Gebackens. Wie der Knappe diesen eruditum Asinum so ungewöhnlich apulesieren mit Bestürzung gehöret, ist er flugs davongelaufen, als wie ihm der Kopf und der Arsch brännte und hat seinem Herrn diese neue Post gebracht, daß er einen sprachkündigen Esel hätte. Solches nimmt den Müller auch nunmehr Wunder und eilet flugs zum Stalle, zu dem Gesellen, zuzuhören. Aber sobald er aufsiehet, ist er verschwunden, und hat den guten Müller umb neun Taler betrogen; doch welcher zuvor vielleicht anderen Leuten so viel Werts Mehl abgestohlen hat. Hat also der Rübezahl hierinnen Abrechnung gehalten.

 

83. Rübezahl zerschlägt einen Haufen Töpfe.

Im Anfange des Frühlings war ein Jahrmarkt in einer schlesischen Stadt, darauf zog auch unter andern eine Töpfersfraue mit einem ganzen Wagen voll Töpfe hin. Solche hörete unterwegens zum erstenmal den Storch klappern. Da fing sie an nach dem alten Aberglauben zu sagen: Ho, ho, ich werde dies Jahr ein Haufen Töpfe machen. Solches hörete bald der Rübezahl und sprang auf den Wagen los, sagende: Nein, gutes Weib, du hast die Töpfe schon gemacht; ich will sie jetzund alle zubrechen, damit du ja, so du welche machen willst, Anlaß habest, umzukehren und neue zu machen. Und indem sprang er unter die Töpfe herumb wie ein unsinniges Pferd, schlug und zerschmetterte sie alle miteinander und ließ das Weib mit dem leeren Wagen davonfahren; welches denn nicht ohne Heulen und Schreien geschahe, daß sie ihren Markt so elendiglich verscherzet hatte. Und also meinete das Weib, es wäre nunmehr mit ihre Kerms alles aus, und wünschte nur allein, daß sie den Kopf nicht verlüre, weil sie so erbärmlich umb das Topfzeug gekommen wäre. Indeme sie also Jammer schlaget, da siehet sie vor sich vom Wagen herunter und erblicket einen ziemlichen Beutel voll Geld; darüber sie wieder froh wird und ihres vorigen Leides vergisset, weil sie jetzt mehr gewonnen als vorher verloren hat. Das heißt Markt gehalten auf dem Wege und die zerbrochene Töpfe teurer losgeworden als die ganzen!

 

84. Rübezahl vexieret einen Junkern.

Im Jahre 1532 hat einer von Adel, ein rechter Tyrann und Wüterich, einem seiner Untertanen oder Bauren auferlegt, er solle ihm eine überaus große Eiche ausm Walde mit seinen Pferden und Wagen heimführen, mit heftiger Betrauung höchster Strafe und Ungnade, da er solches nicht tun und solchen Befehl nicht nachkommen werde. Der Bauer sahe, daß es ihm unmüglich war, seines Junkern Befehl zu verrichten; ist mit Seufzen und großer Klag in den Wald gangen. Da kömmt zu ihm der Rübezahl in eines Menschen Gestalt und fragt, was die Ursache sei solches seines Herzeleids und Kümmernüs. Demselbigen erzählet der Bauer den ganzen Handel nacheinander. Der Rübezahl spricht, er soll guts Muts und unbekümmert sein, und nur wiederumb heim zu Hause gehen, denn er wohl die Eiche seinem Junkern oder Lehnherrn balde und ohne Verzug in seinen Hof führen wollte. Als nun der Bauer kaum recht heimkommen war, nimmt der Rübezahl die große ungeheure schwere Eiche samt ihren dicken und starken Ästen und wirft sie dem Edelmann für seinen Hof, und vermacht und versperret ihm mit dem Stamme und großen ungeheuren Ästen dermaßen das Tor, daß er weder aus noch ein hat kommen können. Und dieweil die Eiche härter als Stahl worden war, also, daß sie auf keinerlei Weise und Wege, auch mit ganzer Gewalt nicht, könnte zerhauen oder zerschlagen werden, hat der Edelmann aus unvermeidlicher Not an einem andern Orte im Hofe müssen durch die Mauren brechen und einen Tor nicht ohne große Beschwerung und Unkosten machen und zurichten lassen.

 

85. Rübezahl ist ein Sämann.

Ein unbillicher Schösser hatte vor vielen Jahren von einem notdürftigen und armen Manne etliche Scheffel feines Getreide zur Auspfändung wegnehmen lassen, in Willens, solches auf seinen Acker zu streuen, dazu er aber einen neuen Knecht bedurft gehabt hat, weil der vorige gleich entlaufen gewesen. Was geschicht? Der Rübezahl als ein heimlicher Rächer gibt sich für einen verständigen Knecht aus, stellet sich in vielen untergebenen Geschäften getreu und fleißig, und überkommet auch also das Korn vom Schösser auf dessen Acker zu säen. Immittelst bringt er aber das anvertrauete Getreide dem notleidenden Manne wieder hin, welchem es vorher geraubet war. Hingegen aber gebrauchet er sich allerhand Unkrautssamen und bestreuet damit die begehrten Gründe oder Äcker; kehret zu seinem Herrn dem Schösser, wie recht, verrichtete mehr Arbeit und hielt sein versprochenes Halbjahr im Dienste aus, nach welchem er, gleichsam als ein getreuer Diener, seinen rechtmäßigen Abschied begehrte und erlangte. Hierauf nahete es sich auch endlich zu solcher Zeit hin, da das Korn hervorkömmt, wächset und reifet. Siehe, da hat der Schösser lauter Disteln zu ernten und keinen guten Kornhalm zu erwarten. Ei, wie bestand allhier der geizige Matz? Wie Butter an der Sonnen. In seinem Kopfe war es nicht anders beschaffen, als daß er trefflich schön Getreide vom Acker wollte nehmen lassen; aber Gott hatte durch den Rübezahl die vergeblichen Gedanken in folgende Antwort verzehret: Dorn und Disteln soll er dir tragen, es mag dir Hudler behagen oder nicht, so muß ich es dir doch sagen, dich mit dieser Strafe plagen, dein Gewissen nagen und dir ein verdientes Hauskreuz schlagen.

 

86. Rübezahl wird ein Holzhacker.

Einsmals soll dieses Betrügnis zu einem Bürger in Hirschberg, der einen Tagelöhner bedürftig gewesen, angekommen sein; hat seine Dienste zum Holzhacken präsentieret und vor die Bemühung nicht mehr als nur eine Hucke Holz gefordert. Dieses alles heißet der Hauswirt gut, gehet den Vorschlag ein und zeiget ihm etliche viel Fuder, darbei gedenkende, er wolle ihm noch etliche Mitgehülfen zugesellen. Aber hierzu spricht der Rübezahl: Nein, es ist unnötig; ich will es alles selber wohl alleine bezwingen. Darauf redet ihn der Herr noch ferner an, fragende: wo er denn die Axt habe? Sintemal er keine bei dem gedungenen Knechte vermerkte. Darauf antwortete der Rübezahl: Ich will bald eine kriegen. Und erwischte hiemit sein linkes Bein, zog solches mit dem Fuße aus den Lenden heraus und hieb, wie er toll und rasend wäre, wider drauf erfolgende Verhinderung alles Holz in einer Viertelstunde gar kurz und in kleine Scheite; dazu sich sein ausgerissener Fuß viel tausendmal hurtiger als die schärfste Axt erzeigete. Immittelst aber rief der Hauswirt immer, was er rufen konnte (weil er flugs Unrats vermerkte), daß der abenteuerliche Hacker einhalten sollte und sich aus dem Hofe packen. Der Rübezahl aber sagte immer: Nein, ich will nicht aus der Stelle weichen, ehe ich mein Holz klein gemacht habe und mein Lohn davon trage. Und unter solchem Gezanke ward der Rübezahl gleich fertig, steckte sein Bein wieder hinein (indem er vorher nur auf dem einen nach Storchsmanier gestanden) und sackete alles geschlagene Holz über einen Haufen auf seinen Buckel (es waren aber bei vier Klafter) und spazierete für allen Hänger zur selb beliebten Belohnung hiemit davon, ließ den Wirt schreien und wehklagen, so viel er immer wollte. Worumb aber? ist denn dieser Geist so unbillich und schadhaftig? Nein, sondern Gott verhängte ihm, die Ungerechtigkeit bisweilen an den boshaftigen Menschen zu strafen. Nämlich, der gedachte Wirt hatte das vorige Holz aus der Ferne durch etliche arme Bauren zu sich fahren lassen, umb ein gewisses Lohn, welches aber der meineidische Mensch, leider! den bedienten und den darauf wartenden Bauren nicht gehalten hat, indem er sie nur mit der Nase herumgeführet und das Maul geschmieret hat. Ferner soll man auch darauf gehöret haben, daß dieser Rübezahl sein entführetes Holz den abgewiesenen Bauren einzeln vors Haus geworfen habe, es ihnen verehret und etlichen die Sache dabei nebenst der Rache erzählet haben.

 

87. Rübezahl wird ein Drescher.

Unter andern kurzweiligen Beginnen, so der Rübezahl vorgenommen, ist auch dieses vorgelaufen: daß er nämlich auf eine Zeit sich in einen Drescher verstellet hat und in dergleichen Habit zu einem Bauer in die Scheune gekommen ist, sagende, ob er seiner bedürfe, so wollte er ihm helfen das Korn ausdreschen. Was geschicht? Sie dingen miteinander und werden eins, daß der Bauer dem unbekannten Rübezahl vor die begehrte Mühe und Tageslohn zu Ende so viel Korn mitgeben will, als er immer auf einmal aufsacken kann. Drauf schlägt der Rübezahl lustig mit aufs Korn los und hilft einen Tag oder etliche wacker dreschen, bis die bestimmte Zeit aus ist. Da begehrt der Rübezahl seinen Abschied, und weil der Bauer ihm so viel mitzunehmen versprochen hatte, als er auf einmal tragen könnte, so sackt er die ganze Scheune mitsamt dem Bauer und Korn auf seinen Puckel und 30 Bundschuch; denn so weit hab ich es nur gehöret und habe es von unterschiedlichen glaubwürdigen Personen nicht ausführlicher erfragen können; derentwegen ich es auch als ein gewissenhaftiger Analista oder Historicus nicht länger habe zerren in Andichtung wollen. Freilich kann sonsten gar wohl ein kurioser Mensch anhalten und fragen, was denn weiter draus geworden sei. Ob der Rübezahl richtig ohne Betrug mit der Scheune darvongemarschieret und wohin er damit geraten sei? ob er vielleicht nach seiner Schneekippe damit hingewandert und desjenigen Baurens (von welchen wir oben gesagt) Korn in solcher abladen und schütten lassen?

 

88. Rübezahl macht Würste.

Vorweilen soll ein Hausmann etliche Schweine haben schlachten lassen und einen Schlächter darzu gedünget haben, Würste daraus zu machen und das übrige auf eine andere Art zu gebrauchen. Hierzu soll sich aber in verborgener Gestalt der Rübezahl gefunden haben, der für alle seine Mühe vom Wirte nichts mehr begehret als nur so viel Würste, so viel er in einer Mahlzeit bezwingen möchte. Der Hausmann lässet ihme die Kurzweile schon gefallen, gedenkende, daß es so eben viel nicht sein könnte, was der Schlächter fressen würde: und übergibet also das Sauwerk dem gedungenen Abenteurer. Dieser machet sich hurtig drüber her, verfertiget seine Arbeit aufs allerbeste, und wie die Würste nunmehr auch alle gekochet gewesen, da spricht er zum Hausherrn, daß er fast hungrig wäre und seine Würste, dem Verlaß nach, gerne jetzund aufschmausen wollte. Wohlan, sagt jener, friß, daß du satt wirst. Und hiemit setzte sich der Rübezahl bei alle vier große Kessel und fraß über die anderthalb hundert Würste ohne einige Abwehrung in seinen unersättlichen Magensabgrund hinein. Drüber der Hausherr teils erstarret, teils auch aus Zorn ergrimmet wird und einen großen böhmischen Ohrlöffel hervorsuchet, den unverschämten Wurstfresser damit abzuschmieren; wie es denn Rübezahl auch geschehen lässet und gleichsam etliche harte Püffe ausstehet, ja sich so zudreschen lässet, daß er für gestellete Herzensangst vier große Scheißhaufen nacheinander im Hause, für die vier ausgefressene Kessel, hinsetzet und davonläufet. Lasset mir das eine Wurstkomödie (a comedendo) sein. Wie denn, Komödie? Lief es doch gar elende ab: es möchte vielmehr eine Tragödie sein. Nein, das Beste steckt noch darhinter! Es ist der Herr noch nicht so sehr beschissen worden, wie du wohl meinest. Denn wie der Knecht den Unflat wegreimen müssen, da hat er unter alle Haufen etliche Dukaten gefunden; und eine Stunde hernach hat er der Herre selber alle seine Würste nach der Reige ringsumher in den Garten an die Wände gar zierlich aufgehängt gefunden, also, daß es zu ein recht Wurstgaudium hinausgelaufen. Und warumb sollte es denn nicht, nach diesem Verlauf, eine Komödie können genennet werden?

 

89. Rübezahl säuft ärger als eine Schindersau.

Rübezahl kommt in einer bekannten Stadt zu einem Bierbrauer, fragende, wieviel er wohl Geld von ihm nehme, daß er sich recht satt trinken möchte. Der Brauer fordert einen Reichstaler, vermeinende, wenn er einen halben Taler versoffen, würde er nicht mehr auf den Füßen stehen können; lässet ihn nur zum Possen in das Brauhaus gehen, aus der Bütte, worinnen ein ganz Gebräue Bier gestanden, mit einer Kanne so lange schöpfen und trinken, bis er gnug hätte. Als Rübezahl dieses erlanget, säufet er so viel heraus, daß es schon über die Hälfte hinweg kommen; worüber dem Wirt angst und bange worden, ihn wollen hinweg schlagen. Als er aber ihn allein nicht zwingen können, laufet er in das Vorderhaus, seine Knechte zu Hülfe zu nehmen. Ehe sie aber kaum ins Brauhaus kommen, ist das Bier alle hinweg und der Kerl auch nicht mehr zu finden. Welches den Leuten so wunderlich vorgekommen, daß sie nicht gewußt, was es zu bedeuten hätte.

 

90. Rübezahl führet Wurzeln und Kräuter zu Markte auf einen Karrn oder Ziegenbock.

Viele Seltenheiten hat oft gedachter Berggeist die Zeit zu passieren angegeben. Einsmals wollte er in einer nahe am Gebürge gelegenen Stadt reisen, und wußte eigentlich nicht, was er darinnen fürnehme zu verrichten. Dahero entschloß er bei sich, Wurzeln und Kräuter hineinzufahren, solche vor Rüben, Möhren und Kohl, als wann ers von Liegnitz heraufgebracht, zu verkaufen. Als er nun ein gut Teil der Kräuter beisammen hatte, mangelte ihm ein Schiebkarren, damit ers fortbringen könnte; ging derohalben bei dem nächsten Dorf zu einer Herde, holete ihm einen stattlichen Ziegenbock und band demselben einen Korb voll seiner Ware auf dem Puckel; fassete ihn darauf bei den Hinterbeinen und trabete also mit ihm nach der Stadt zu. Unterwegs erwischte er einen Bären, den band er feste an des Bocks Hörner, daß er mitziehen mußte. Sobald sie das Stadttor erreicht hatten, hub Rübezahl an, seine Waren auszurufen; da denn die Leute, so solches höreten, stehen blieben und den Ausrufer ansahen und endlich fragten, was er da habe; denn sie konnten ihn nicht recht verstehen, weil er heiser schrie. Bisweilen fing der Bock an zu meckern und reckte die Zunge heraus, daß es recht possierlich anzusehen war, denn dieser mochte seiner Last zu tragen genug haben; gleichwohl wollte dieser Kräuterbaur seine Ware los sein. Als er nun nebst einem Gefolge die Gasse hinauffuhr und nahe an den Markt kam, begunnte er wieder zu rufen und zu schreien; darauf eilte viel Volks herzu, daß sie sehen möchten, was er da hätte. Mit dieser Manier, und weil dieser Mann seine Sachen wohl zu loben wußte, auch sonst guten Kauf gab, wurde er sie bald los. Nun wäre er auch gerne seinen Karren los gewesen, es wollte sich aber kein Käufer dazu finden; sagten: Es ist ein alter böser Karrn, Ihr mögt ihn immer weggeben. Rübezahl sagte: Das laß ich wohl bleiben; sehet, ihr guten Leute, was dies noch vor ein guter brauchbarer Karren ist! Setzte sich damit auf den Bock und ritte als ein stolzer Reiter immer zum Tore hinaus. Ein jeder, der es mitansahe, verwunderte sich über diese possierliche Reiterei, sonderlich über den Bären, der sich tummeln mußte, daß er vor Angst nicht wußte, wohin. Nachdem nun dieser fort war und die Leute ihre gekaufte Sachen recht besahen, wurden sie gewahr, daß anstatt der Küchenspeise sie allerhand rare Wurzeln und Kräuter bekommen hatten; womit sie endlich gar wohl zufrieden waren, indem sie ihr ausgelegtes Geld dreifach daraus wieder löseten.

 

91. Rübezahl kauft einem Bauren Korn ab.

Es hat unlängst ein Bauer seinen Wagen ziemlich mit Korn beladen, und solches über das Gebürge führen wollen, etwan in Böhmen es zu verkaufen. Unterwegens aber, nämlich auf dem Gebürge, kömmt der Rübezahl zu ihm in Gestalt eines Hauswirts. Fraget, was er aufgeladen. Der Bauersmann antwortet: Ich habe Korn, solches gedenke ich loszuschlagen und Geld dafür zu machen. Rübezahl fraget weiters, ob ers ihme nicht verkaufen wolle, so wolle er ihm geben, was er begehre. Drauf antwortet der Bauer (welcher flugs verspürete, es müsse Rübezahl sein, ließ sich aber nichts darbei merken, weil er wohl wußte, daß ihm nichts widerfahren würde, wenn er es gut würde meinen und machen; ja, er bildete sich bald ein, daß er noch wohl einen großen Schatz darvonbringen möchte): er wolle es ihm gar gerne überlassen und begehrte auch nichts zu fordern; er möchte bekommen, was es sein würde. Drauf heißt der Rübezahl ihn mitfahren. Und nachdem sie ein wenig fürter gekommen, präsentieret der tausendkünstliche Rübezahl etwan eine Behausung: darin muß der Bauer hineinfahren und das Korn abwerfen. Hernach führete er ihn in einen tiefen Keller, woraus er mit diesem Bauren alle Kornsäcke voll (so der Rübezahl geschwinde, ich weiß nicht mit was, angefüllet hatte) hilft tragen und auf den Wagen laden, welche er zum Rekompens lieferte, darbei sagende: er sollte damit nach Hause fahren, doch solle er nicht etwan einen Sack aus Vorwitz auflösen; er solle vielmehr, wenn er nicht aufn Wege könnte fortkommen, einen ganzen Sack unaufgebunden abwerfen. Was geschicht? Der Bauer fähret in frohem Mute fort, und der Rübezahl hilft auch eine Meile fortschieben, weil die Last allgemählich sich bezeigete schwer zu sein. Doch gehet endlich der Rübezahl darvon und läßt den Bauer alleine fahren: welcher zwar eine Weile kann fortkommen, hernach aber bestecken bleibet, indem die Pferde durchaus nicht aus der Stelle den Wagen vor Schwerheit bringen mögen. Da fänget der Bauer an abzuladen und wirft nach empfangenen Befehl gehorsamlich einen Sack herunter, und fährt mit den andern fort. Doch ist er abermal kaum einen Steinwurf förder geraten, da wird er nochmaln genötiget, weil das Viehe anfänget zu schwitzen, einen neuen Sack hinwegzuräumen. Worauf er dann wieder befindet, daß der Wagen in etwas erleuchtert geworden; fähret also von dannen. Doch geschiehet es abermal nicht lange hernach, daß er den dritten, vierten und fünften Sack nacheinander vom Wagen stürzen muß und zuletzt nur einen behält: womit er denn gewiß gedenket nach Hause zu kommen. Aber es gerät auf die vorige Art auch mit diesem Sack, sintemal er ebenmäßig dem Viehe zu schwer wird, daß er auch feste aufm Wege stecken blieb. Drüber ergrimmete endlich der gute und also geizige Bauer und fluchte aus Ungeduld etliche tausend Teufel auf den Rübezahl los, daß er ihn nunmehr so sehr betrogen hätte; steiget auch aufn Wagen und will gleichwohl endlich wissen, was im Sacke ist: löset ihn auf und findet lauter schwarz Zeug, das etwa wie Kohlen ausgesehen hat. Solches schüttet er alles miteinander auf die Erde und fähret mit dem einen ledigen Sacke nach Hause. Wie er aber daheime ist und ihm die Grillen in Kopf kommen wegen Verlust des Korns und der Säcke, da nimmt er diesen letzten Sack noch einmal für und will ihn recht ausstauben, damit er nicht schwarz bleibe. Aber was geschicht? Da fallen aus solchem Sacke haufenweise viel Körner gediegen Goldes; darüber der Bauer lustig wird, die Körner zusammensammelt und nach dem Wert gar viel über den Verlust prosperieret befunden, bedaurende, daß er es alles aus dem letzten Sacke geschüttet und nicht etwan ein halb Maß drinne behalten habe, welches vielleicht jetzo lauter Gold wäre. Aber in diesen Gedanken ist der einfältige Schöps wohl betrogen geworden: sintemal ich meines Achtens dafür halte, daß wohl nichts mehr in allen Säcken als diese vermeinte übergebliebene Körnlein gewesen sein: indem den übrigen Raum, zweifelsohne, der Rübezahl mit seinen Gesellen wird aufgeblasen und beschweret haben; ja, welcher Rübezahl auch bis zuletzte in dem äußersten Sacke kann verharret und das eingeladene Gold richtig verwahret haben, damit es der Bauer nicht verschütte.

 

92. Rübezahl kauft einem einen Ochsen ab.

Ein Verkäufer hatte vor diesem etliche Stücke Rindvieh über das Gebürge gejaget: darüber war der Rübezahl zu Maße gekommen und hatte etliche Ochsen gefeilschet und sich auch umb ein Gewisses mit dem Manne verglichen. Zur Zahlung aber hatte der abenteuerliche Geist dem Verkäufer lauter Reichstaler gegeben, welche nach rechter Besichtigung, welche etliche Stunden hernach geschehen, meistenteils geschnittene Scheiben von trockenen Rüben waren. Hierüber erschrak der Besitzer aus der Maßen sehr und gedachte, daß er gar gewiß in allem betrogen wäre. Aber wie er eigentlicher seinen Schiebesack ausschüttet, da findet er nicht wenig Körner gediegen Goldes darunter: womit er überflüssiger bezahlet war, als wenn er bei den rechten Talern verblieben wäre. Das lasset mir einen Rübezahl sein, welcher sich mit Rüben bezahlet und auch seinem Creditori wider Hoffnung dadurch Vergnugsamkeit leistet!

 

93. Rübezahl kaufet Hopfen.

Es soll vor Jahren ein Hopfenkäufer oder Verkäufer über das Gebürge mit seinem Karrn gezogen sein, da ihme der Rübezahl begegnet, den Hopfen gefeilschet und den Mann hat mit sich fahren heißen. Indem nun der Handel geschlossen, fällt dem Verkäufer alsobald ein, daß es der Geist und Beherrscher des Gebürges sein würde; darumb stellete er sich desto williger, fuhr gern mit und setzte es gänzlich in des Rübezahls Beliebung, was er ihm für den gelieferten Hopfen geben würde. Wie nun also die Ware abgetragen, da sagte der Rübezahl: Weil du so willig gewesen, so sollst du zur Dankbarkeit diese Belohnung empfangen. Hierauf gab er ihme einen Zaum, daran, wie es damals schiene, ein eisernes Maulgebiß. Solchen nahm der Hopfenmann auf und bedankte sich gar sehr für dasselbige Geschenke, gedenkende: es wird wohl besser werden. Und indeme scheiden sie beide voneinander, und fuhr der Mann seine Wege. Wie er eine Ecke fürüber geraten, da beschauete er seinen Zaum mit Verwunderung und guter Hoffnung, ob er vielleicht möchte zu Golde geworden sein. Aber er war noch wie vor ledern und eisern, welches den geizigen Manne wundernahm, sein Glück bedauerte, seinen Hopfen verlustig schätzte und sich betrogen hielte: da er meinete, es wäre nunmehr Hopfen, Malz und alles verlohren; welches er so ofte gedachte, als er den Zaum aus seinen Schiebesacke mit besserer Hoffnung vergeblich hervorzoge: bis er endlich aus Verdruß bewogen ward und den Zaum für allen Kuckuck über den Wagen warf und also betrübt nach Hause fuhr, ohne Hopfen und ferner Hoffen. Aber siehe, was geschiehet? Wie er sein Pferd ausgespannet und den Karrn unter das Dach schieben wollte, da siehet er den vorigen Zaum an das Hintergestelle des Wagens hangen und schauet, daß das vorige Eisen nunmehr lauter Silber gewesen, welches leichte drei-, ja viermal so viel gegolten als sein verlustig geschätzter Hopfen wert gewesen.

 

94. Rübezahl kaufet Sachen für wunderliche Schafskäse.

Es wird erzählet, wie daß man von den schlesischen warmen Bade bei eine Meile gehen müsse, ehe man recht auf das Gebürge gerate; hernach soll sich auch das Gebürge selbsten bei eine Meile erstrecken, ehe man nach der hohen Elbe komme: von welchem Orte noch eine Meile restieren soll, ehe und bevor man ins Böhmerland gerate. Es soll aber die hohe Elbe ein bewohnter Ort und sehr altes Dorf sein, drinnen es lauter kleine Leute gebe, welche sich nur von Viehzucht ernähren, kein Geld haben, sondern Ware für Ware geben. Solcher Gelegenheit und dieses alten Kaufhandels sollen sich etliche Kauf- und Handelsleute bedienen, welche von hier hinaus für jene Leutchen unterschiedliche Waren mit sich nehmen und solche teils mit Käse, teils mit Leder, Vieh und andern Sachen verstechen. Es sollen sich aber weniger sechse kaum getrauen, daselbsten hin und her zu gehen. Unter diese gedachte Kaufmannschaft soll es sich einmal begeben haben, daß der Rübezahl sich in einen solchen kleinen Bergmann verwandelt und einen herannahenden Kaufmann angepacket habe, oder in selbigem Dorfe, auf gewöhnliche Manier, Ware für Ware geboten. Nämlich, der Handelsmann hatte Strümpfe und Hüte gehabt, dafür hat der Rübezahl ihm eine ansehnliche Anzahl Schafskäse präsentieret; wie sie denn auch ihres Kaufes darbei einig geworden sein. Und nimmt also der Rübezahl die Ware zu sich, gehet hiemit davon; der Kaufmann aber stecket seine Käse ein und wandert auch hiemit davon. Aber wie dieser zu seiner Wohnungsstadt kömmt und die Käse besichtiget, da siehet er, daß es lauter Käseförmichte, runde und dünne Schachteln gewesen sein, in welchen ersten er nur Feldsteinichen und kleinen Sandgries angetroffen hat; drüber er in Zorn ergrimmet und alle Schachteln zum Haus hinausgeschüttet hat. Aber was geschicht? Es schleppen sich die vorübergehenden Kinder mit den gefundenen und auf den Mist geworfenen Schachteln; davon auch endlich eine des Handelsmannes sein Töchterlein bekömmt und ins Haus bringet, auch dem Vater und der Mutter solches Dingelein zur Verwunderung zeiget. Drüber soll der Vater gesprochen haben: Ei, wirf das Ding weg, es ist Augenverblendung, und bin damit vom Gespenst betrogen worden! Die Mutter aber soll hingegen gesprochen haben: Ei, lasset es doch von mir aufmachen, damit ich auch sehe, was drinne steckt. Nach diesen Worten soll sie flugs, wider des Vaters Willen, das Schächtlein eröffnet haben und fast eine Hand voll gediegen Goldes drinnen gefunden haben. Über welches Gesichte und Geschichte sie sich sämtlich verwundert, daß nämlich die eine Schachtel sich so ungefähr wieder angefunden und seine Ware bezahlet gemacht habe. Haben hierbei weiter suchen lassen, ob auch in den übrigen Schachteln, so noch draußen im Miste gelegen sein, etwas von Golde stehe, das sich der Mühe verlohnete. Aber da ist niemand mehr zu Hause gewesen, weil es der ungeduldige Kaufmann vielleicht verscherzet hat, indeme er aus Ungebühr alle Schachteln mit Fluchen und Schelten weggeschüttet gehabt.

 

95. Rübezahl verblendet etliche Tuchhändler.

Aus Halle hat mir folgendes ein glaubwürdiger Kürschner erzählen lassen: daß etwan vor dreißig Jahren drei Tuchhändler über das Riesengebürge gereiset, da sie unterwegens der Rübezahl freundlich angepacket und bescheiden gefraget hat, was ihr Gewerbe wäre und wohin sie gedächten? Drauf sie sämtlich geantwortet: Wir haben Tuch feil und wollen solches in Böhmen bringen. Worauf der Rübezahl begehret, daß sie ihme ihr Tuch weisen möchten, weil er es auch bedürftig wäre und gerne darvor zahlen wollte, was recht und billich sei. Auf solche inständige Anhaltung soll ein jeder sein Paket aufgemachet haben: da auch der Rübezahl alsobald von einem jedweden etliche Ellen Tuch gekauft und abgehandelt gehabt, nämlich von einem vor zwölf, vom andern vor sechzehen, vom dritten vor zwanzig Taler, welches Geld er ihnen, dem Scheine nach, an baren guten Dukaten bezahlet hat; damit sie davongewandert und ihren Weg weiter haben wollen fortsetzen. Aber siehe, was geschicht? Wie sie förder gekommen und ungefähr, ich weiß nicht aus was Ursachen, die empfangene Münze besichtigen wollen, da befinden sie miteinander, daß die vermeineten Dukaten waren lauter Zahlpfennige gewesen: worüber sie erschrecken, den Weg wieder zurückenehmen und nach dem vorigen Ort wieder hintrachten, da sie gleichsam waren vervorteilet geworden. Wie das geschehen, da treffen sie an solcher Stelle eine Kutsche an mit sechs Pferden, drinnen vornehme Personen gesessen (es war aber des Rübezahls sein Gespüke gewesen); von solchen lenket sich einer über den Schlag heraus und erfraget von den herzunahenden Kaufleuten, was sie begehreten. Diese sprachen: Wir haben vor kurzer Weile allhier an diesem Orte einem vornehmen Herrn Tuch verkaufet, dafür wir zwar unserer Meinung und Augenschein nach Dukaten empfangen haben; aber wie wir sie hernach zum andernmal betrachtet haben, da sind wir innen geworden, daß es Zahlpfennige gewesen. Der Rübezahl antwortet: Weist mir doch das Geld! Aber wie sie es herausziehen, da waren es nicht noch Zahlpfennige gewesen, sondern wieder Dukaten geworden; die der Rübezahl zu sich genommen, und drauf also geredet hat: Wie ist es denn mit euch, könnet ihr denn nicht sehen, was Gold oder Messing ist? Ihr sehet es ja selber mit euren Augen, daß es gute Dukaten sein! Doch weil ihr solches Geld nicht wollet: sehet, so will ich euch Reichstaler geben. Welches er denn auch getan und die Kaufleute damit befriediget hat hinweggehen lassen. Aber wie sie damit von neuem eine Ecke fürder geraten und aus Kuriosität das Geld noch einmal beschauet haben, da ist ihnen fürgekommen, wie sie anstatt der Taler nur Scherben hätten. Drüber sie zum andernmal bestürzt geworden sind und nicht minder sich auf den Rückweg gemachet haben, den vorigen Betrieger zu suchen und besser Geld zu holen. Drauf es denn geschehen, daß sie abermal an vorige Kutsche gekommen; draus der Bekannte hergegucket, sie angeredet und ihr neues Anliegen zu entdecken begehret. Deme sie denn auch flugs erzählet haben, wie ihr Geld zu lauter Scherben sei geworden, daß sie noch einmal für etwas Bessers austauschen oder ihr Tuch wiedernehmen wollten. Denen aber der Rübezahl ernstlich geantwortet: sie sollten sich vacken; er hätte sie einmal bezahlet und wollte ihnen gar miteinander nichts weiters geben. Sie sollten nur nach Hause gehen und sich unbekümmert lassen, er hätte sie nicht betrogen, es würde schon gut werden. Aber hiemit haben sie sich nicht wollen abweisen lassen, sondern demütig angehalten umb Verbesserung. Und sonderlich hat einige dergleichen Veränderung gebeten ein alter Mann unter ihnen, der kläglich vorgewendet: er möchte ihn doch nicht betriegen, er hätte zu Hause so und so viel kleine Kinder, die noch unerzogen wären; zu deme hätte er auch sonsten nicht viel übriges, er möchte sich doch seiner erbarmen und seinen Schaden nicht begehren. Drauf der Rübezahl abermal nichts anders gesprochen, als daß er sollte zufrieden sein, ihn ungehudelt lassen und nur nach seiner Heimat gehen; er hätte keinen betrogen, es würde schon gut werden und sich zuletzt ausweisen. Und hiemit hatten die Kaufleute ihr Abtritt müssen nehmen, welche doch aber alle und jede nach abgelegete Reise in ihrer Behausung befunden haben, daß die gedachten Scherben gute und gültige Reichstaler gewesen: drüber sie wieder erfreuet geworden, und sonderlich, weil sie sich besonnen, daß sie ihr voriges Tuch sehr teuer losgeworden wären und mehr nicht alleine begehret, sondern auch empfangen hätten als sonst von irgendeinem andern. Merke du aber, daß diese Verteurung und unbillicher Kaufschlag vielleicht die Ursach kann gewesen sein, daß sie der Rübezahl eine Weile geäffet und die Augen verblendet gehabt. Doch gnug.

 

96. Rübezahl läßt ein Kleid machen.

Etwan vor sieben Jahren ist nach Liebenthal zu einem Schneider der Rübezahl in Gestalt eines fremden Junkers hingekommen und hat ihme von schönem Tuche ein Kleid zuschneiden lassen, welches er umb eine gewisse Zeit hat wollen abholen lassen. Aber was geschicht? Wie erstlich der Schneider das Kleid zuschneidet, da leget er das Tuch doppelt, gedenkende: es werde solches der Edelmann nicht merken. Zum andern tauschet der listige Vogel das Tuch aus und tut zum Kleide eine andere Gattung hin, und verfertiget davon das bedungene Kleid, welches er auch dem Edelmanne, wie darnach geschickt wird, folgen lässet, wiewohl der Schneider das Macherlohn nicht zugleich mitbekommen hat, sondern nur die Versprechung auf die und die Zeit, da es der Edelmann selber hat überreichen wollen. Was geschicht? Der Schneider meinte zuerst, er habe trefflich gefischet und wolle nunmehr das gestohlene Gewand sehr wohl zum eigenen Nutz anwenden; aber wie ers recht beschauet, da war es eine große Decke von Schilf, darein die Kaufleute ihre Ware zu packen pflegen. Vors andere nahete auch die bestimmte Zeit heran, da der Edelmann hat abzahlen wollen. Siehe, da trägt es sich unverhofft zu, daß der Schneider eine nötige Reise über das Riesengebürge vornehmen muß. Wie er aber nunmehr unter Weges gewesen, da kömmt in aller Herrlichkeit der Rübezahl auf einer großen Ziegen hergetrabet und hat ihm eine Nase selber gemacht über einer halben Ellen lang (wie ich dieses von eben des Schneiders gewesenen Gesellen einen ausführlich habe gestecket und heimlich erzählet bekommen; denn ihn selber würde der Kuckuck wohl nicht geritten haben, daß er diesen Possen zu eigener Beschimpfung mir würde narrieret haben) und in solcher Positur schnurgleich auf Meister Hansen losgezuckelt, welchen die verwandte Ziege etliche Mal mit bebender Stimme angemöckert hat und gleichsam den Meister willkommen auf ihre Art genennet hat. Der Rübezahl hat nicht minder seiner Wörter geschonet, sondern vielmal geschrien: Glück zu Meister, Glück zu Meister! Wollet Ihr Euer Macherlohn für mein Kleid holen, das Ihr mir vergangen zugeschnitten und ich jetzt gleich am Leibe habe? Immittelst möckert die Ziege ihr Meister, Meister immerfort. Der Schneider aber erschrak, wie sehr er auch vorher über den seltsamen Foltesierer gelächelt hatte; und gedachte nunmehr gar wohl, daß er für seine Diebesstückchen würde den verdienten Lohn überkommen. Darauf höhnete ihn der Rübezahl meisterlich aus und zog ihn mit dem vermeinten Diebstahl des Tuches wacker durch, sagende: Wie stehets, Bruder, haben wir nicht was zu schachern? Hastu nicht neulich was gepfuschert und von einer und der andern Sache etliche Stückchen abgezwackt oder hinter den Ofen geworfen und gesprochen: das soll der Teufel haben. Oder hastu nicht etwas nach den Mäusen geworfen und etliche feine Bißchen erübriget? Der Schneider aber verstummete und sprach nichts. Darauf fuhr der Ziegenbereiter noch weiter fort und sagete: Gehe, du Hudler, und gebrauche dich fortan mehr deiner Nadel zum enge nähen und nicht weite Stiche zu tun, als deiner Fäuste zur Abzwackung. Laß den Leuten das ihrige und nimm ihnen weder von den übrigen Knöpfen oder Seide und andern übergebenen Sachen hinfüro nichts mehr; bleibe und halte dich an dein prätendiertes Macherlohn, das du Lumpenhund hoch genug steigern kannst. Und suche deinen Vorteil nicht mehr an ungebührlicher Unterschlagung, oder ich will dich nach diesem übel zuschlagen und ärger willkommen heißen, als dieses Mal geschehen ist! Darauf zuckelte er mit seiner großen Ziegen und langen Nasen immer davon und ließ den Schneider stehen. Doch tate er ihm dieses noch fürder zum Schabernack an, daß, sooft hernach der Schneider eine Ziege hat möckern gehört, er stets gemeinet habe, es rufe ihm ein Mensch und sagte Meister, Meister; wie es denn auch soll geschehen sein, daß dieser Schneider aus unrecht hören einmal zum Ziegenbocke hingegangen sei, fragende: Herr, wollt Ihr ein Kleid zuschneiden lassen? Da ihm der Bock zur Antwort gegeben hat: puff! Nämlich, er stieß ihn mit den Hörnern in die Rampanien, daß es puffte.

 

97. Rübezahl hütet Schafe.

Anno 45 dieses Seculi sind zwei Metzger aus Böhmen in Schlesien über das Gebürge gegangen, da haben sie in der Nähe einen Hirten mit wackern großen und fetten Schafen weiden gesehen. Weil sie nun im Wandern darauf bedacht gewesen, daß sie ein Stück oder etliches kleines Viehes verschaffen und nach Hause bringen möchten, siehe, so gehen sie in solchen Gedanken nach den erblickten Schäfer hin und handeln umb ein Dutzend Hämmel: drüber sie auch endlich eins worden und das Geld eilens bar zahlen, weil sie gar wohlfeil denen Verkäufern angekommen und gedeuchtet hatten. Nach geschehener Handlung verlassen sie den Coridonischen Rübezahl und treiben ihre Hämmel immer für sich hin. Aber wie sie eine Ecke fortgeraten waren, da trägt es sich zu, daß ein fremder Hund hinter sie hergesprungen kömmt; nach solchem sehen sich die alberne Schöpse umb und wollen sich für den anfallenden Straßenröckel ihrer Haut wehren. Aber wie sie sich rücklings umsehen, da fehlet erstlich der befürchtende Hund; als sie sich aber wieder vorwärts wenden, da mangeln die Hammel, und sind aller Sachen beraubet, indem sie auch hierüber ihre vorige Barschaft dem Rübezahl zugewendet hatten. Nach erfahrnem Betrug fangen die Metzger greulich an zu schmälen und auf den Vervorteiler zu schelten, da der Rübezahl sich alsobald nicht faul hat finden lassen, sondern die diebischen Lästerer unerhört ausgepanzerfeget und höhnisch durchgezogen hat. Unter andern sprechende: Ihr schlimme Hudler, euch ist gar recht geschehen, daß ihr anjetzo ein wenig von eurer Schinderei eingebüßet habt; wer hat euch geheißen, daß ihr im Verkaufen die Leute übersetzen sollet, daß ihr die Beine vor Fleisch mit verkaufet und in eure Würste lauter Blut und Schweiß einfüllet, welches ihr Schelme und Lästerbuben kaum selber fresset, wenn euch auch schon die größte Hungersnot betreffe. Warumb leget ihr vorteilhaftigen Lümmel allerhand Lümmelwerk, Leber und Lunge und allerhand Quark, zu guten Fleische, daß ihr es nur miteinander los werdet und den Leuten Gut- und Böses beischmieret? Traun, von diesen Hammeln sollt ihr wohl keinen ungebührlichen Pfennig sammeln; von meinen Schafen sollt ihr euch nichts verschaffen. Geht, ihr Bauerflegel, und gebet, was das Fleisch wieget: verkaufet dem Lunge, der Lunge haben will, und demselben Fleisch, der lauter Fleisch begehret; die Beine und das Blut, das fresset ihr Galgendiebe selber in den Hals hinein und betrüget keinen redlichen Menschen damit! Bishero die Ausfensterung des Rübezahls, welche ich von einem Metzgerjungen, der damals bei den Lästerern gewesen, eigentlich vernommen habe (und von sie umb all die Wunden sonsten wohl nicht würde erfahren haben, so ferne es mir ihr Schafmatz nicht verständiget hätte). Wo sind aber die Lästerer geblieben? Wo sie nicht fortgegangen sein, so stehen sie noch da und werden vielleicht von dem Rübezahl noch ein wenig drüber geprügelt; wie ich mich denn bedünken lasse, daß ich gleich eines Ochsen Stimme höre, der sich über die Schläge beklaget.

 

98. Rübezahl karniffelt einen Bäcker was ab.

Anno 1658 soll der schlesische Wundergeist nach Hirschberg gegangen sein und allda bei einem berüchtigten Bäcker allerhand Gattungen Brot eingekauft haben, welches der leichtfertige Geselle miteinander über die Maßen sehr hatte aufschwellen oder blähen lassen und mit den hineingetanen Hefen unbillicher Maßen in die Höhe getrieben und locker gemacht hatte. Von dieser Materie nimmt der verstellete Rübezahl die betrüglichsten Stücke zu sich und verschaffet gleich zur Stunde ein Gewerbe, daß der Bäcker über das Gebürge dieselbe Zeit reisen mußte. Wie nun dieser Bäcker gleich auf des Rübezahls seinen erkorenen Platz geraten, siehe, da kömmt der Rübezahl in voriger Gestalt mit seinen Semmeln und andern eingekauften Brote herfür, präsentieret darneben einen gedeckten Tisch und heißt den gegenwärtigen Bäcken niedersitzen: fänget allerhand Diskurs mit dem Ölgötzen an und fraget auch endlich von ihm: obs müglich sei, weil man das Gewissen an einen Nagel hängen könne, daß man auch die Seele ins Brot zu backen vermöchte? Darauf erstarrte der ihm übel bewußte und nunmehr bestürzte Bäcker-Kuntze; und konnte kein Wort hervorbringen, weil er sich mit gegenwärtigem Brote in seinem sündhaftigen Herzen überzeuget befand. Rübezahl aber hingegen fing weiter an, und indem er die Semmeln aufbrach und die hohlen Löcher zeigete, sprach er: Siehe, in diesen Klüften steckt deine Seele; in dieses Brot hastu sie hineingebacken. Und weil du mir nunmehr dein Brot verkaufet hast, so hastu auch zugleich deine Seele drinnen verkaufschlaget, verhandelt und verhudelt. Darauf stellte er sich ungebärdiger und tastete den Bäcker bei der Kartause an, sich erzeigende, als wollte er ihn hinwegreißen oder gar in Stücken zerreißen, wiewohl er ihn nur was druckte, Maultaschen austeilete und so viel harte Schläge zubrachte, als der Übeltäter große Löcher im Brote hatte aufquellen lassen. Drüber denn der Bäcker greulich zu schreien begunnte und mit einem Schwur beteurete, daß er sein Lebenlang nicht mehr das Brot so vorteilhaftig und betrüglich backen wollen, sondern es derber kneten, dichter und an sich selber größer machen gesonnen wäre. Hierauf ließ er den Brotdieb laufen, sagende: Wo du dich nicht besserst, so will ich dich auf eine andere Art zausen.

 

99. Rübezahl verkehret seine Handschrift.

Ein unbillicher Wucherer brachte in ein bekanntes Städtchen ein Fuder Korn gefahren, welches er mitten auf dem Markte zu kaufen stellete. Hiezu kam der Rübezahl gegangen, gab sich für einen Ratsherrn aus und handelte das Korn an sich, ließ es auch in sein Haus fahren und zahlete dem Verkäufer etwas Geld drauf; vor das übrige wurden sie eins, daß der Ratsherr auf eine gewisse und benamte Zeit zahlen wollte, mit einer verfertigten Handschrift, die er überreichete und in Gegenwart noch anderer Personen vom Verkäufer verlesen ließ und mit nach Hause gab. Was geschicht? Wie die Zeit verlaufen war, da kömmt der Kornhändler mit seiner Handschrift aufgezogen und tat Ansuchung wegen des gestundeten Geldes. Hierzu sprach der Ratsherr: Ja, was die Handschrift vermag, so Ihr bei Euch habet, leset sie wieder ab! Siehe, da war die Sache ganz verkehrt, und kam dieses heraus, daß sich der Verkäufer anmeldete, als wäre er dem Ratsherrn 40 Taler schuldig, die er jetzt zahlen müßte und gerne wollte. Hierüber erschrak der geldgeizige Wucherer; doch mußte er, weil er sich mit seinen eigenen Wörtern geschlagen und gefangen hatte, die Zahlung leisten, sich gewonnen geben und eine würkliche Buße tun wegen seines Schindens und Schabens, so er an andere Unnützigere ausgeübet gehabt.

 

100. Rübezahl betrieget einen Pferdekäufer.

Etwan Anno 1631 hat es sich begeben, daß Rübezahl einen Roßtäuscher angetroffen, welcher übers Gebürge zu wandern vorgehabt. Solchem beut er einen stattlichen Gaul zu verkaufen. Und als er die Bezahlung empfangen und der Käufer nun aufgesessen war und seinen Weg wiederumb anheim reiten wollt, hat ihm der Rübezahl gewarnet und vermahnet, er solls beileibe nicht eilends ins Wasser reiten; darob sich dann der Käufer verwunderte und desto begieriger ward, die Ursache zu erfahren, warumb doch nur der Roßtäuscher ihm verboten, das Pferd ins Wasser zu reiten, und darumb desto sehrer zum Wasser geeilet, den Gaulen zu tränken und zu schwemmen. Nachdem er aber mitten ins Wasser kommen, wird er gewahr, daß er auf einem Bündel Stroh sitze. Derowegen er dann in großem Zorn und Ungeduld wieder umkehret und seinen Vorkäufer, den betriegerischen Roßtäuscher, in seiner Herberge suchet. Der Roßtäuscher, als Rübezahl, wird gewahr, daß sein Käufer, den er so meisterlich betrogen hatte, herzukömmt und ihn suchen will, strecket sich derowegen die Länge lang auf die Bank und tät, als ob er schliefe. Der Käufer, als er in die Stuben kömmt und siehet seinen Verkäufer auf der Bank liegen und schlafen, ergreift er ihn bei einem Schenkel und zuckt ihn; indem er aber etwas desto sehrer und ungestümer rucket, daß er vom Schlaf soll aufwachen, hat er ihm den Schenkel, als ihm gedaucht, ausm Hintern gerissen: dessen er dann gar sehr erschrocken, hat das Bein an die Erde geworfen und ist zur Stube hinausgelaufen, und hat Pferde und Geld fahren lassen und entbehren müssen.

Hie ist aber zu merken, daß der Rübezahl auf seinem gedachten Berge eine Losierung präsentieret hat, wohinein er den andern Roßtäuscher geführet: welcher auch nicht anders gedacht, weil er unbekannt, als wie es eine rechte Behausung wäre, derentwegen er auch wiederumb dahin gegangen. Merke weiter, daß etliche diese Geschichte auch von D. Faust vorgegeben.

 

101. Rübezahl äffet einen schacherhaftigen Jüden.

Es war ein Jüde aus Polen. Der wird von einem vornehmen Weiwoden nach Prage geschickt, er sollte sechs schwarze Stuten und zwei Hengstpferde kaufen. Der Jüde reiset nach Prage, bekommet schöne ungerische Pferde der Gattung; unter anderen trifft er ein türkisch Pferd an, welches ein Apfelschimmel gewesen, und 400 Taler darvor gegeben. Der Jüde muß über das Gebürge reisen, kömmt in ein Wirtshaus. Da hat der Wirt einen schönen Hengst, einen Rappen, der gefällt dem Jüden wohl; er fragt den Wirt, ob er nicht mit ihme auf seinen Apfelschimmel tauschen wollte, und was recht wäre, wollten sie miteinander ehrlich handeln. Der Jüde sagt dem Wirte, was ihn sein Hengst kostet. Der Wirt saget, wenn er ihm noch so viel auf seinen Rappen wollte zugeben, so wollte er ihm ihn lassen. Dem Jüden gefället das Pferd, weil es seiner anderen Pferde Farbe gehabt, bietet ihme 200 Reichstaler zu. Endlich kommt es so weit, daß der Jüde ihme, dem Wirt, 300 Taler auf sein Pferd noch zugibt. Der Jüde ist froh, denkt ein Großes aus diesem Pferde zu erhalten. Er reiset nach Hause, weiset seinem Weiwoden das Pferd, welcher auch freudig drüber gewesen; lässet es in einen sonderlichen Stand ziehen, lässet ihm gut Futter geben. Das Pferd stehet einen Tag, den andern auch. Auf den dritten Tag, als er in den Stall kömmt, so ist das Pferd weg und nicht mehr als sein Schwanz angebunden; in der Mitten ist ein großer Knoten gewesen, darinnen 200 Dukaten gesteckt, welches sie alle mit Verwunderung angeschauet. Der Weiwode nimmt diese 200 Dukaten zu sich, gibt dem Jüden hundert Taler: er soll zurückeziehen und von dem Wirte erfahren, was es vor eine Beschaffenheit möchte haben. Der Jüde zeucht aus, hat weder Wirtshaus noch Wirt gefunden, kömmt also mit leeren Händen wieder heim. Jedoch hat er noch nicht alles darben müssen.

 

102. Rübezahl verkaufet Schweine.

Es ist mir für gewisse erzählet worden, wie daß Rübezahl einmal etliche Schweine oder Säue, ich weiß nicht aus was Materie, zugerichtet habe, und solche in der Nähe zu Markte getrieben und einem Bauren verkauft; doch mit dem Bedinge, daß der Käufer die Schweine ja nicht sollte ins Wasser treiben. Doch was geschicht? Wie solche Schweine einsmals sich sehr im Kote besudelt hatten, da hat dennoch der Bauer, ungeachtet des Verbotes, sie zur Schwemme getrieben: da denn gedachte Schweine alle zu Strohwischen geworden sein und also aufn Wasser emporgeschwommen. Der Käufer mußte also mit dem Schaden dahingehen; denn er wußte nicht, wie das zugegangen wäre, oder wer ihm die Schweine zu kaufen gegeben hatte.

 

103. Rübezahl verkaufet Betten.

Es hat mir unter andern Sachen ein guter Freund von Liebenthal geschrieben, daß vor diesem der Rübezahl in einem böhmischen Städtlein einer reichen Frauen etliche Betten verkaufet habe, in Gestalt eines ausländischen Händlers: welche die gedachte Matron mit ziemlichen Gelde an sich gebracht und in ihr Haus hat tragen lassen. Nach etlichen Tagen hat sie ihrer Magd befohlen gehabt, die geschacherten Betten in die Luft zu tragen und zur Sonnen: Siehe, da wird befunden, daß es alte Kohlsäcke gewesen, mit Kuhfladen angefüllet. Drüber ist die Magd mitsamt der Frau erschrocken und hat den Quark ins vorbeifließende Wasser geworfen.

 

104. Rübezahl verkaufet Bienenstöcke.

Unlängsten ist es geschehen, daß dieser schalkische Geist zu einem Schenken oder Kretzschmar eines Dorfes nicht weit unter dem Gebürge hingekommen ist, hat mit sich etliche Bienstöcke auf dem Wagen dahergeführet und dem Wirte verkauft. Aber wie Rübezahl weggewesen und der frohe Gastwirt seine Ware zum andernmal eigentlicher im Garten, da er sie hingesetzet, beschauen wollen, siehe, da ist lauter Menschendreck in den Körben geschmieret gewesen, und vor die Bienen hat er Käfer, Fliegen und ander Ungeziefer angetroffen: darüber der betrogene Schenke zwar erboßet worden ist, dennoch aber nichts draus hat machen können (wenn er auch schon seinen Fetzer in tausend Stücken zerstoßen hätte). Und auf solche Art hat der gute Gastwirt schlechte Leckerbißlein bekommen, welche er den Säuen hat müssen fürwerfen.

 

105. Rübezahl hat Schuhe und Stiefel feil.

Auf was für eine Art der böse Feind Anno 1661 bei Zerbst im Sommer seine Kleiderbude aufgeschlagen hat und allerhand Gattungen von jetzigen üppigen Prachten, als weiten Hosen, schlotterten Stiefeln, weiten Zobelmüffen etc., feilgehabt hat, auf solche Art soll auch der Rübezahl auf einen Jahrmarkt Stiefeln und Schuh zu verkäufen gebracht haben, darzu jedermann flugs Beliebung getragen und bekommen, weil sie auf neue Manier und allmodisch gemacht gewesen. Ja, es haben die hoffärtigen Leute die feilgehabte Sachen schier in einem Hui weggekaufet; teils haben ihre Schuhe und Stiefel flugs angezogen, teils haben sie versparet zu künftigen Hochzeiten. Aber wie sie die Sache recht besehen, da hat ein jedweder für die Schuhe einen weichen Kuhfladen an; anstatt der Stiefel ist eine Rinde oder Borke von eichenen und andern Bäumen in einem dergleichen Kuhmiste gestackt antroffen worden.

 

106. Rübezahl hat Barücken feil.

An einem andern Orte soll dieser Possenreißer in der Messe eine Bude präsentieret haben von lauter Barücken; dazu gleichfalls die stolzen Laßdünkel in Menge gegangen sein und die exhibierte Ware eingekaufet haben. Aber wie sie den Schaden besehen, da hat einer ein Geniste von Stroh, der ander ein Gerüste von Pferdehaaren oder Eselsschwänzen, und so fortan. Ei, das heißt einen berücken und sich mit fremden Haaren schmücken!

 

107. Rübezahl verkaufet Buttermilch.

Auf eine Zeit bekamen zwei Messerschmiede-Gesellen in Schmiedeberg ihren Abschied, und noch eher, als sie es vermutet, resolvierten also miteinander, in Meißen übers Gebürge zu reisen. Wie sie nun auf dem Kamm waren gegen die Kuppe und fast das Reisen satt hatten, dabei nicht geglaubet, vom Wirtshause so weit entfernet zu sein, indem sie keines sehen konnten, wie sehr sie sich auch darnach umsahen, satzten sich also auf einen weit herum sehenden Hügel nieder und langeten aus ihrem Säckel herfür, was sie Gutes mitgenommen, und speiseten, wünschten dabei einen kühlen Trunk. Kaum hatten sie ihr Anliegen vergessen, so wurden sie einen Mann gewahr, der trug zween Krüge in Händen. Da er sich zu ihnen nahete, fragten sie ihm, was er da Gutes trüge. Dieser sagte: Buttermilch. Das ist gut, sagten diese durstige Wanderer. Fragten aber, ob er solche verkaufe; so wollten sie ihm ein Krügel voll abkaufen. Der Mann sagte: Ich verkaufe sie wohl; aber wenn ich ein Krügel voll verkaufe, lohnts der Mühe nicht, daß ich weiter gehe. Wohl, sagte einer dieser Gesellen, so ein Schwabe war, wir behalten sie beide; Bruder, sagte er, nimm du einen und ich auch einen. Griffen darauf zum Säckel und bezahlten die Milch. Wie nun der eine getrunken und absetzte, bedaucht ihn, er hätte nichts Nasses bekommen, sahe seinen Kameraden an: der trank auch, dem war auch also, als hätte er nicht getrunken. Der Mann nahm die Krüge und ging seitwärts über den Berg seinen Weg. Wie er ein wenig fort war, sagte der Schwabe zu seinem Gefährten: Bruder, wie hat dir die Milch geschmeckt? Der antwortete: Ich kann dirs nicht sagen; mir ist, ob hätte ich nicht getrunken. Der sagte gleich: Mir ist auch also, wir sind beide betrogen; aber ich leide es nicht, ich will ihm nacheilen; er muß mir das Geld wiedergeben, oder ich schmeiß ihm den Puckel voll. Lief, was er konnte, dem Manne nach, schrie: Freund, steht stille! Der Mann aber tät, als hörete er ihn nicht. Wie sehr dieser ihm nachlief, mochte er ihn doch nicht erreichen, ob er gleich nahe an ihm war; bis dieser vor Müdigkeit sich setzen mußte und ausruhen. Wie sich der gute Mensch recht umsahe, hatte er den Mann und seinen Gefährten verloren; mußte sehen, daß er mit Kummer und Mühe wieder zurücke kam, vergaß gerne des Geldes vor die Buttermilch.

 

108. Rübezahl wird ein Gürtler.

Ein Kannegießer schwatzte mir für, daß er einen Schäferknecht gekannt habe, der auf dem Gebürge einen Gürtel gefunden, welchen er flugs für Freuden über seinen Leib gespannet und damit fürder gestolzieret war. Drüber es sich zugetragen, daß der Gürtel dem Schafmatzen trefflich zu kneipen angefangen, also daß er sich nicht besinnen können, wo es immer herkommen möchte, weil er den Gürtel ziemlich lose umgeleget und ihn endlich noch weiter machet: welches aber dennoch nicht hilfet, sondern den Tölpel viel ärger und schmerzlicher drucket oder klemmet, daß er den Gürtel gar muß vom Leibe nehmen und in der Hand behalten. Wie dieser aber solchen Fund in seiner Faust, wegen vermerklicher Schönheit, mehr und mehr admirieret, da schläget der Gürtel umb sich und zukrabetzschet den Kerl, daß er viel ärger springet als ein Tanzpferd. Drüber er zu laufen beginnet und den Gürtel für allen Kuckuck von sich wirft, welcher aber den Narren nicht verlassen will, sondern wie eine Schlange hinter ihm her springet, bis er ihn abermal bei den Schafpelz erhaschet und Hosen und Wammes in tausend Stücken zerreißet. Doch solches zwar darumb, weil dieser Mausekopf solches Kleid vor etlichen Tagen einem andern listig weggestohlen gehabt.

 

109. Rübezahl wird ein Balbiersgeselle.

Es soll vor kurzer Zeit ein hochtrabender Laßdünkel gewesen sein, deme kein Bader oder Feldscherer den Bart hat können nach Wunsch recht aufsetzen, indeme er bald dieses, bald jenes daran getadelt hat. Solche Gelegenheit soll darauf der Rübezahl in Acht genommen und sich einsmals für einen Balbiersgesellen ausgegeben haben. Zu welchem der Bartreformierer gelanget und sich aufs neue von ihm, als von einem fremden Gesellen, hat wollen auf eine frische Mode putzen lassen; welches auch geschehen, aber auf diese Art: daß der stolze Kerl bald darauf unwissend seinen Bart nicht mehr umb das Kinn, sondern auf den rechten Backen gehabt, die beiden Zwickelbärte aber an alle beiden Seiten der Nasen; da er sie hernach sein Lebelang behalten und nicht hat können wegbringen, wie viel er auch dran hat scheren lassen. Ei, ei! wie muß der Kerl ausgesehen haben? Wie muß der Bart kauderwelsch gestanden sein?

 

110. Rübezahl betrieget eine Kränzmacherin.

Ein Krämer erzählet mir auf vergangene Messe, wie daß ein stolzes und naseweises Mägdchen einsmals aus Vorwitz auf das Gebürge gegangen, daselbsten allerhand schöne Blumen (so auf den Angern wachsen) gepflücket, einen Kranz geflochten, ihrem Liebsten zum Präsent mitzubringen. Was geschicht? Wie der Kranz verfertiget gewesen, welchen sie wacker weit und groß gemacht, da hat sie ihn in ihren Korb geleget und ist damit nach Hause gekehret. Aber wie sie ihre verhoffte Freude damit erwecken will und ihrem Buhlen damit beschenken, da befindet sie, daß die wohlriechenden Blumen lauter Schweindrecker oder Sauküttel gewesen; damit sie einen trefflichen Gestank und Schimpf eingeleget. Doch war dennoch solcher Possen letztlich zur Freude und Ergetzlichkeit geworden, wie man ungefähr befunden, daß des Kranzes Bügel oder Reif, welchen sie auch auf dem Gebürge aus einem Reise geschnitzelt, Silber gewesen. Eine wunderliche Sache, daß dem guten Mägdchen die Finger nicht flugs auf dem Berge davon gestunken, wie sie ihn gewunden gehabt. Aber hievon weiß diese Geschichte nichts.

 

111. Rübezahl ist ein Vogelfänger.

Auf eine andere Zeit sein etliche vornehme Herren über das Riesengebürge gezogen, und wie sie fast weit hinaufgeraten, haben sie in der Nähe einen Vogelsteller samt unterschiedlichen aufgestellten Netzen angetroffen, welcher allbereit schon gar viele und mannigfaltige Gesang- und sonsten lieblich anzuschauene Vögel in seinen Vogelbauren an einem besonderen Orte stehen gehabt, wie er denn auch noch vielmehr getötete und zum Essen bequemliche Vögel darneben in Bündeln liegen gehabt hat. Da sind alsbald gedachte reisende Herren angereizet worden, von den geschaueten Vögeln eine Anzahl zu erkaufen, und sind ohne Säumen zu dem Steller flugs selber auf den Herd hingefahren, haben lebendiger und totgemachter Vögel ein ziemlich Haufen genommen und dem Fänger bezahlet, sind auch mit davongefahren und hatten im nächstfolgenden Quartier eine köstliche Mahlzeit daraus machen zu lassen bei sich beschlossen: wie sie denn eine schöne Lust von den lebendigen zu genießen ihnen gleichfalls eingebildet hatten. Aber siehe, wie sie eine Ecke vom vorigen Vogelorte weggefahren waren, da sehen sie erstlich, was sie vor ihr Geld bekommen hatten. Nämlich, die Vögel waren nichts anders als Pferde- und Schweinedreck; die Vogelbauren waren ein geflochtenes schlechtes Werk von Gesträuchen und kleinen Reisern. Wie sie miteinander diesen Betrug verspüret, haben vorige Herren sich selber aus der Maßen müssen auslachen, und haben den ganzen Weg durch also eine unverhoffte Materie zu scherzen und die Zeit zu verkürzen erlanget. Der Rübezahl aber hat hingegen etwan ein Dukaten prosperieret, welchen er zu seinem Schatz zweifelsohne wird geleget haben, und künftig von jenem wird bekommen und gefunden werden, der seine Residenz einnehmen und ihn davon vertreiben wird.

 

112. Rübezahl ist ein Bratenwender.

Zu Reichenbach soll einsmals eine vornehme Gasterei angestellet worden, da der Koch etliche Spieße voll Rebhühner, Enten, Gänse und ander Federviehe in der Küche auf dem Herd gehabt, umgewandt und gebraten hat: davon er aber endlich, wegen einer wichtigen Sache, vom Hauswirte ist weggerufen worden. Unterdessen macht sich unversehens der Rübezahl in selbige Küche mit etlichen andern Spießen voll Ratten und Mäuse, leget solche über die vorige Spieße und wendet sie lustig bei dem heißen Feuer herumb, daß des Ungeziefers Fett haufenweise auf die Rebhühner und andere gebraten Gevögel herunterträufelt: bis endlich der rechte Koch sich wiederumb eingestellet hat; da der Rübezahl verschwunden ist, ließ die gebraten Mäuse etc. hinter sich auf die angestellte Gasterei. Friß nun Gebratens, wer da will! Ich begehre kein Bißlein davon.

 

113. Rübezahl wird ein Rattenfänger.

Man lieset, daß vorweilen zu Hameln ein Mäusefänger sich angegeben, den Leuten Pulver verkauft und das Ungeziefer aus der Stadt gebannet habe. Auf diesen Schlag soll auch der Rübezahl in Mähren es versucht haben. Nämlich, er hat den Leuten auch eingebildet, wie er ein besonders Pulver habe für die Ratten, damit wollte er alles Ungeziefer ausrotten. Was geschicht? Die Leute messen ihm Glauben zu, geben ihm viel Geld zu lösen, legen das Pulver in ihre Behausungen hin und befinden, indem der unerkannte Rübezahl noch bei ihnen gewesen, daß unmäßige Mäuse und Ratten darbei tot liegend ereignet haben; darauf sie denn solches Ungeziefer (wie es der Rübezahl ausdrücklich geboten, indem hierdurch die gänzliche Ausrottung aller Ratten und Bemausung aller Mäuse gewißlich verhanden wäre) alles gesammlet und auf einen Haufen mitten auf dem Markt zusammengetragen haben, und nach etlichen Tagen, wie der Rübezahl sich aus dem Staube gemacht hatte, mit Feuer zu verbrennen gesonnen gewesen sein. Da seind den verblendeten Leuten erstlich die Augen geöffnet worden, daß solche Mäuse nichts anders als kleine Erdklößer, runde Stücklein Holz, Steine und ander betrügliches Werk gewesen, welches sie sämtlich auf dem Markte bei den vermeinten Mäusehaufen versammlet gesehen und sich darüber endlich geschämet haben. Ja, es geben auch noch wohl andere gar dieses für, daß der mäuseköpfichte Rübezahl sich in selbe Zeit über den Haufen, in Gestalt eines Bischofs von Mainz Hattonis, präsentieret habe und teils im Schweben, teils im Überwegfliegen grausamlich gelachet und die anwesende Rotte über die falschen Ratten verspottet und schabernacket habe. Noch andere wollen den Ausgang dieser Historie so vorbringen: daß der Rübezahl umb ein gewisses Geld alle Ratten und Mäuse aus der Stadt wegzupartieren versprochen habe; darauf es auch soll geschehen sein, daß aus allen Winkeln und Ecken das Ungeziefer so häufig zu ihm gelaufen sei, an ihm hinangekrochen und mitten auf dem Markte, da es soll geschehen sein, dichte besetzet oder mit sich gleichsam umb und umb verposamentieret habe. Darbei soll allgemählich der Rübezahl immer mehr und mehr gewachsen sein, damit die Mäuse gleichsam alle an ihm Raum finden oder sich einzeln an ihn setzen könnten, bis er endlich zu einem sehr großen und hohen Turm geworden, da er auch von den Fußsohlen an bis zum Halse hinauf allenthalben dichte voll Mäuse und Ratten gehänget und nur den bloßen Kopf frei gehabt. Wie er nunmehr also alles Ungeziefer angepackt gehabt, da soll er damit fortgewandert sein und sich außerhalb der Stadt (wie ist er aber zum Tor hinausgekommen? Resp. Da siehe du zu, o Tor! Vielleicht ist es da her ergangen, wie mit dem trojanischen Pferde; wiewohl es auch kann geschehen sein, daß er mit seinen nunmehr langen Stampen über die Tor hingeschritten hat, aber fein sachte, damit ja keine Maus verzettelt worden) begeben haben und allda verschwunden sein. Zum Wahrzeichen soll noch heutiges Tages im selbigen Städtchen derjenige Markt der Mäusemarkt heißen, wie er bei uns der Naschmarkt genennt wird.

 

114. Rübezahl bauet einen Turm.

An einem gewissen Orte hatte es sich begeben, daß die Bürger gerne einen hohen Turm in ihre Stadt haben setzen wollen; darzu sie denn auch einen vornehmen Baumeister zu dingen bedacht waren. Hierüber findet sich der Rübezahl an, gibt sich für einen trefflichen Künstler aus, als der einen herrlichen Turm in der Länge auf der platten Erde bauen wollte und solchen hernach ohne Mühe und Schaden in die Höhe richten könne. Diesen Vorschlag gehen die begierigen Bürger ein; der Rübezahl machet sich mit seinen mitgebrachten Gesellen über das Werk und verfertiget einen aus der Maßen prächtigen Turm, und richtet ihn auch nach diesem auf, nimmt dafür ein großes Geld und hebet sich davon. Wie die Bürger nun nach der Verblendung ihrer Augen besser mächtig wurden, siehe, da war ihr vermeinter Turm ein langer Hauhockel oder Schuber, welchen sie alsobald anzündeten und aus dem Wege zu räumen vornahmen. Aber hierüber befand sich abermal der Rübezahl, lachete und höhnete die Neugeborne von Schilde aus, und befahl: daß sie ihr Stallvieh bringen sollten, daß sie den Turm auffressen, aus vorhandenen Mangel des wenigen Futters. Bis soweit ist mir diese Geschichte erzählet worden; hat nun ein ander was mehrers davon gehöret, dem will ich es Dank wissen, so ferne er mirs völliger avisieret und kommunizieret.

 

115. Rübezahl betreuget viel, die nach der Vogelstange schießen.

Ein Sattlersgeselle plauderte mir für, wie ihme ein alter Greis in Böhmen nachfolgende Schwänke erzählet hätte: daß nämlich an einem Orte die Bürgerschaft einen Vogel von der Stange hätten wollen abschießen, darzu sie denn flugs nach Johanni die Praeparatoria gemacht und den hölzern Vogel in die Höhe gebracht hätten. Wie dieses geschehen, da wäre schleunig ein großer Regen eingefallen, also daß die Leute ihre vorgenommene Lust etliche Tage hätten müssen weiter aufschieben und den Vogel unterdessen im freien Felde stehen lassen. Mittlerweile soll der Rübezahl den hölzern Vogel abgezogen haben und sich, an dessen Statt, auf die Spitze gesatzt han: drüber es denn gut Wetter geworden und die Bürger ihr Schießen vorgenommen. Indeme sie nun aber drüber hergewesen und ihre Pfeile nach den Vogel hingeballestert, da waren solche alle in den Vogel stecken geblieben, die ihn getroffen hatten, bis daß endlich die Schützen mit großer Verwunderung alle ihre Pfeile losgeworden, indem keiner nicht wieder hat wollen herunterfallen. Wie nun endlichen der letzte Schoß geschehen und gar kein Pfeil mehr war übrig gewesen, da war der Rübezahlische Vogel mit allen angepackten Pfeilen davongeflogen; und hatte den Herren Schützen die Frage hinterlassen, wer nunmehr unter sie den Vogel abgeschossen hätte und König geworden wäre?

 

116. Rübezahl verwandelt sich in ein Rad.

In Schlesien soll ein Fuhrmann bei einem Wagner ein Rad bestellet haben, welches er auch, nachdem es fertig gewesen, soll abgeholet haben. Wie er aber unterwegens gewesen, solches Rad, nach Gewohnheit, einzeln fortzurollen, da soll es sich begeben haben, daß er drüber müde geworden, das Rad an einen Baum gelehnet, und sei darbei nieder zur Erden gefallen und entschlafen. Immittelst soll der Berggeist diesen Possen gestiftet haben, daß er das rechte Rad weggenommen und sich in Radsgestalt dafür hingestellet hat. Wie hernach der Fuhrmann aufgewachet und sein Rad weiter fortrollen wollen, so soll es erstlich sich nicht haben wollen lenken lassen; drüber er, auf Fuhrmannsweise, zu fluchen und zu sakramentieren angefangen: drauf das Rad wie der Henker alleine weggelaufen, deme der erschrockne Fuhrmann kaum folgen können, wiewohl er sich im Rennen so stark angegriffen, als er je vermocht hat. Endlich aber soll das Rad allgemählich ein wenig gemacher getan haben und sachter gelaufen sein, also, daß der Kerl es hat ereilen können und auf seine vorige Weise angegriffen hat. Wie er aber ein wenig fürder gekommen, soll das Rad sich niedergeleget, den Kerl über sich hergezogen haben und mit ihm nach seinem Losament geflogen sein, da es verschwunden und den Kutscher allein im Sumpfe gelassen.

 

117. Rübezahl hänselt einen losen Fuhrmann.

Rübezahl kommt zu einem Fuhrmanne, welcher nach Hirschberg zu fahren in Willens, bei deme er sich angegeben und umbs Fuhrlohn gedinget. Als sie aber kaum eine Viertelmeil Weg miteinander gefahren, wollen die Pferde nicht einen Schritt von der Stelle gehen; da ihn der Fuhrmann heißen absteigen, welches er zu tun sich geweigert, vorgebende, weil er hätte Geld gegeben, müßte er auch dafür fahren. Als aber der Fuhrmann mit Ungestüm auf ihn zugelaufen, in Willens, ihn herabzureißen, hat er sich furchtsam gestellet und ist auf der andern Seite des Wagens geschwind heruntergesprungen. Hierauf haben zwar die Pferde ein zwölf Schritt den Wagen von dem alten Ort gerücket, aber bald wieder stille gehalten. Der Fuhrmann wird zornig, schlägt auf die Pferde immer los, bis Rübezahl machet, als wenn alle beide mitten voneinander springen. Worüber dem Fuhrmann so angst worden, daß er alsbald zurückgelaufen, seinem Wirte das Unglück angemeldet und gebeten, er möchte ihm doch seine Pferde so weit leihen, daß er den Wagen wieder zurückbringen und sich ein paar andere Pferde kaufen könnte. Wie nun der Wirt und andere Leute mehr (so es gehöret) mit dem Fuhrmanne hinauskommen, stehen die zersprungenen Pferde wieder am Wagen ganz ohne Schaden und Mängel, aber der Wagen ganz abgeladen, daß der Fuhrmann die Ware mit großer Mühe und Beschwerd hat müssen auf dem Felde aufladen, und ist endlich mit seinen eigenen Pferden an bestimmten Ort gelanget.

 

118. Rübezahl agieret einen hurtigen Fuhrmann.

Rübezahl kommt mit einem Wagen und sechs Pferden, als ein Landkutscher, nach Hirschberg, losieret in dem besten Wirtshause, worinnen ein reicher Herr losieret, der gewartet, bis er möchte Gelegenheit bekommen, nach Prage zu reisen. Wie nun Rübezahl mit zu Tische sitzet, fragt ihn jetzt gedachter Herr, wo er in Willens wäre hinzufahren? Worauf er antwortet: Nach Prage. Welches dem Herrn sehr lieb gewesen; hat mit ihm das Fuhrlohn gedinget, auch bald früh des andern Tages sich auf den Wagen gesetzet und fortgefahren. Wie es nun zum Abend kommen, meinte der gute Herr, er würde bald zu Prage sein; aber er ist betrogen worden und bei Rom in Italien sich befunden. Da ist er gezwungen worden, soweit ihm sein Geld gereichet, wieder mit der Post in Deutschland zu ziehen, den übrigen Weg aber bis nach Prage sich mit Betteln zu bringen.

 

119. Rübezahl zeiget einen unrichtigen Weg.

Ein glaubwürdiger Bürger und Kürschner zu Halle hat mir durch einen andern beibringen lassen, wie er vor etlichen Jahren selbdritte auf dem Riesengebürge gewesen, da er am Wege gezweifelt und sich nicht hat können mit seinen Gefährten zurechte finden. Derentwegen er denn von einem andern Mann (der ihm ungefähr und unverhofft, doch gewünscht begegnet -- es wars aber niemand anders als der possierliche Rübezahl gewesen) sich erkundiget und gefraget hat: wohin die richtige Straße gehe, daß man an jenen Ort gelangen möge? Drauf soll jener Verführer-Geistmann sie umb einen Berg zu gehen angewiesen haben, sprechende: Folget nur diesen Weg und gehet allda zur Rechten hinumb, so werdet ihr nicht irren. Hierauf gehen die Wanderer den an die Hand gegebenen Weg und geraten nach Herumschweifung schier eines ganzen Tages wieder an den vorigen Ort, da sie vorher gewesen: allwo sie in eine Schenke die Nacht verweilet und den folgenden Morgen drauf erstlich von rechten Leuten sind auf den gewissen Weg gebracht worden. Aber gnug.

 

120. Rübezahl verstellet sich in eine adeliche Dame und Bauernkerl.

Es soll, nicht vor langer Zeit, geschehen sein, daß ein vornehmer Junker über das Riesengebürge geritten und nunmehr seinen Weg fast verrichtet gehabt und bis auf einen wenigen Rest schier über das Gebürge hinübergewesen, da er endlich, weil es sich zum Abend angelassen, in eine Schenke oder Wirtshaus, so von dannen eine Viertelmeile entfernet gewesen, einzukehren gesonnen gewesen. Aber was geschicht? Wie er auf die bevorstehende Herberge gedenket und seines Weges immer fortreitet, da siehet er nicht gar weit vor sich hingehen eine adeliche schönbekleidete Dame, welche an der linken Seiten einen Bauersmann bei sich gehabt. Auf solches Paar verstellete Leute (denn Rübezahl ist drunter verdecket gewesen) siehet der gedachte Junker ohn Unterlaß, wendet die Augen, teils wegen der vermeinten Schönheit, teils wegen das bedünkende ungleich spazierende Paar, nicht davon und reitet ihnen immer nach, immittelst hoffende, sie und er sein auf einem und zwar dem rechten Wege und werden bald in eine Herberge zusammen kommen. Wie solche Einbildung ein ziemliches gewähret hatte und der Abend je mehr und mehr herangetreten war, und dieser Edelmann dennoch das Paar Volkes nicht hatte abreiten können, wie geschwinde er sich gezauet: siehe, da geschiehet es, daß die Adeljungfer mit dem Bauerskerl gleichsam hinter ein Gebüsche kommet und allda verschwindet. Indem aber schaut der forttrabende Edelmann für sich nieder und wird gewahr, daß er nunmehr auf eine hohe Klippe verführet gewesen; davon er gleich für sich hinunter fast bis auf den Abgrund gesehen, auch so tief, als solcher gewesen ist, hinuntergestürzet wäre, so fern er nur noch ein wenig fortgeritten sollte sein. Nach dieser Begebnüsse ist er erstlich fast inne geworden, daß er betrogen gewesen und aus betöreter Unvorsichtigkeit von dem Rübezahl in Abwege verleitet worden. Da er dann mit großer Not und andere besorgte Gefahr zu tun gehabt, daß er endlich wiederumb auf den rechten Weg geraten und nach langer Zeit erstlich in die gewünschte Herberge gekommen ist.

 

121. Rübezahl schwängert eine Obristin.

Im abgewichenen dreißigjährigen deutschen Kriege soll es geschehen sein, daß eine Obristin in einer Kutsche über das Riesengebürge gefahren, samt andem Mitgefährten. Es soll ihr aber unterwegens not getan haben, allein von der Kutsche herunterzusteigen und hinter einem benachbarten Busche, salva Venia zu melden, ihren Behuf zu tun, mittlerweile denn die Kutsche immer allgemählich ein wenig fürder gefahren ist. Was geschicht? Wie jene Frau vermeinet, allein zu sein, da war ihr plötzlich ein stattlicher Kavalier übern Hals gekommen, hätte sie freundlich angeredet und genötiget, mit zu spazieren in seinen Palast: drauf die Frau sich stets entschuldiget und ihre Reise vorgewandt gehabt, daß sie nämlich ihre Leute nicht möchte verlassen, die Zeit versäumen oder sie in Bekümmernis stecken. Aber wie dem allem? Es hatte die Frau sich mögen entschuldigen, so viel sie vermocht, so hatte doch der Rübezahlische Kavalier sein komplimentösisches Anhalten und Ersuchen nicht aufgeben wollen, sondern sie endlich schier gezwungen, mitzuwandern. Drauf ihr die verlassene Kutsche aus dem Gesichte geraten, darzu denn auch ihr Schreien und Rufen nichts geholfen und sie also nicht überhin gekunnt, sich loszumachen, sondern hatte notwendig in des erschienenen Kavaliers Beliebung einwilligen müssen. War derentwegen mit ihm gegangen und hatte, nach einem kurzen Wege, ein herrliches Schloß angetroffen, das so prächtig und künstlich war gebauet gewesen, daß sie ihr Lebtage kein bessers gesehen. Es hatte sie gedeucht, wie allenthalben lauter Edelgesteine versetzt wären. In dem herrlichen Gemache, da sie war introduziert worden, da war es alles magnifik erschienen. Es waren die raresten Traktamenten auf der Tafel gestanden; so hätte es auch an Pagen und Dienern nicht gefehlet, die sie aufs schönste akkommodieret hatten. Weiter waren auch flugs zugegen gewesen die lieblichste Musiken von den ergetzlichsten Instrumenten, und was sonsten zu fürstlichen Panqueten möchte gewünscht werden. In diesem präsentierten Gemach hatte sich die Obristin müssen niederlassen, und zwar bei der angerichteten Tafel an die vornehmste Stelle, darzu sich denn in Eil ander köstliche Herren gesellet, sie charisieret und mit den anmutigsten Gesprächen, nebenst den schmackhaftigsten Speisen, ergetzet, bis drüber der Abend und folgends die Nacht eingebrochen, da der erste Plagiarius oder räuberische Rübezahl in vorig-angenommener Kavaliersgestalt zu ihr getreten, sie genötiget, zu Bette zu gehen und die Nacht über in seinem Schlosse zu ruhen. Was hatte die gute Obristin draus wollen machen? Wie sie vorher über Macht und Willen gegessen, also hatte sie itzund auch sich müssen in die Schlafkammer führen lassen, da sie die prächtigsten Betten und ein aus der Maßen fast königliches Nachtlager angetroffen, in welches sie sich geleget, und die ganze Nacht über wunderliche Grillen gemacht hat, weil sie aus großer Bestürzung nicht gewußt, wie ihr geschehen, wo sie wäre und wo ihre Leute logiereten. Hierauf war zur Mitternacht der kavalierische Rübezahl für ihr Bette gekommen, hatte seine Dienste präsentieret und sie teils bittlich, teils zwingend dahin bemächtiget, daß sie in seinen ehebrecherischen Willen sich hatte müssen ergeben: es soll ihr aber dabei alles sehr kalt vorgekommen sein, wie sie selber es nicht in Bedenken genommen hat, hernach über einer Tafel solches zu erzählen, bei Anwesenheit vieler hoher Offizierer. Wie endlich die Nacht schier vergangen, und es in die Morgendämmerung geraten, da soll der Kavalier abermal zu ihr gekommen sein, sie genötigt haben, aufzustehen, sich anzuziehen und nach ihren Leuten sich verschaffen zu lassen. Hierauf war sie in eine kostbare Kutsche gesetzt worden, und hatte sich der ausgemundierte Rübezahl zu ihr gesetzt, und hatten nebenher viel Trabanten gehabt, und waren also in weniger Frist durch dergleichen Kutscherei an einen Ort gekommen, da der Rübezahl hatte lassen stille halten, sie aufs schönste heißen austreten, welches denn, wie es geschehen, sie flugs zu ihren Leuten versetzt hatte, indem ihre Kutsche hart dabeigestanden; die vorige aber war in einem Hui mit allem Plunder verschwunden. Drauf sie zu den Ihrigen gegangen, ihre Verführung referieret und sich trefflich hungrig befunden hatte, also, daß die Leute in selbigen Losament ihr bald was zu essen hatten müssen anrichten; nach welchem Losament sich solche verlorne Kutsche hingemacht gehabt, wie die Obristin verloren gewesen, und die Bedieneten sie noch immer hin und wieder auf dem Gebürge gesucht hatten.

 

122. Rübezahl buhlet mit einem Weibe.

Ein Kaufmannsweib in Schlesien hat es eine lange Zeit im Gebrauch gehabt, daß, wenn der Mann in seinem Handel und Geschäften über Land gereiset und abwesend war, sie einen besonderlichen Buhlen und Beischläfer pflegte einzulassen. Derowegen hat sichs begeben, daß auf eine Zeit der Kaufmann abermal wegen seines Handels und Kaufmannschaft ferner über Land gezogen: da ist der Rübezahl in Gestalt ihres gewöhnlichen Buhlens bei Nacht zu ihr gekommen. Und als er nun der Wollust gnugsam gepflogen und sich wohl ersättiget, hat er des Morgens frühe einer Elster Gestalt an sich genommen, hat sich auf den Keller gesetzt und seine Beischläferin mit diesen Worten gesegnet: Dieser ist dein Buhle und Beischläfer gewesen. Und ist also in einem Hui, ehe er kaum ausgeredet, verschwunden und hernach niemals wieder zu ihr kommen.

 

123. Rübezahl wird ein Feuermäurkehrer.

Über dem Gebürge in einem benachbarten böhmischen Städtchen ist es vor Jahren geschehen, daß der Rübezahl in Gestalt eines Feuermäurkehrers sich hervorgetan hat und zu einem vornehmen Manne ins Haus gekommen, seine schwarze Kunst zu praktizieren. Nun, der Wirt des Hauses läßt sich den Vorschlag gefallen und tut Anstellung, daß der gegenwärtige Rauchstörer eine gewisse Feuermäur im Hause besteigen sollte. Darauf macht sich der Rübezahl zur Esse hinein, raspelt und kratzet, als wenn er das ganze Losament über einen Haufen reißen wollte, also, daß auch nicht wenig Steine herunterpurzelten. Und solches treibet er so lange, bis er sich endlich aufs höchste hinaufgeschoben und gestöbret hatte. Da setzt er sich geschwinde mit seiner langen Stangen, schmutzichten Kappen und teufelsmäßigen schwarzen Gesichte oben auf die Feuermäur, schreiet, wie er toll und unsinnig wäre, zwar nicht auf anderer Feuermäurkehrermanier, sondern führet ungewöhnliche Wörter, nämlich: der Wirt im Hause wäre ein Hahnrei, und wer es sonsten nicht wüßte, der hörte es jetzund von ihm, wie auch von den andern Wetterhähnen, welche nach diesen täglich, vermöge der Winde, kirren sollen und dem Hauswirte zum Reigen ihren Schall anstimmen. Nach solchen und andern Reden ist er davongeflogen und hat die ganze Feuermäur, soweit sie über das Dach herausgestanden ist, abgebrochen, auf seinen Rübezahlischen Puckel gesacket und an jenen Ort mit sich dahingetragen, wo er, vor etlichen zwanzig Historien, die angepackte Scheune hin versetzet hat. Von welcher mir allhier einer berichtet hat, daß er den Ort wußte, welcher mir damals unbekannt gewesen.

 

124. Rübezahl zeichnet einen Pamphilum.

Ein Feuermäurkehrer, wie er vergangen meinen Ruß ausfegete, kunnte mir erzählen, daß er in seiner Wanderschaft in Schlesien erfahren hätte, wie einsmals ein Jungferfischer und wankelmütiger Löffelknecht sich zwar mit vielen redlichen Mägden hin und wieder verlobet, geschleppet und in der Leute Mäuler habe bringen lassen, aber sie alle und jede nur geäffet, bei der Nase herumbgeführet, auch wohl gar zu Falle gebracht und darnach habe sitzen lassen. Dieser betrüglicher Galan wäre einsmals über das Riesengebürge gezogen, da sich unterweges eine wohlgestaffierte Dame zu ihm gefunden, die lange anfänglich mit ihm geschwatzt und endlich immer näher und näher zum Propo gekommen, bis sie ihme ihre Liebe zu verstehen gegeben; darbei bittende: daß er sie nur nicht betriegen und foppen wollte, wie er mit seinen vorigen Damen gehandelt, darumb sie wohl wüßte. Und wenn er sie von Herzen meinete (hat sie weiter fortgeredet), so sollte er ihr drauf einen Kuß liefern, und was sie für seltsame Reden mehr geführet, dadurch sie ihn auf ihre Seite zu bringen gesonnen gewesen. Worüber aber endlich dem Venusritter übel gedauchtet und Unrichtigkeit vorgekommen, derentwegen er sich denn geweigert und den begehrten Kuß versaget, gedenkende: daß er sein Lebetage noch kein Mägdchen betrogen hätte, wie sie erwähnete. Hierauf hat sie ihme eine Maulschelle gegeben, dabei sprechende: Leug, du Schelm, daß du schwarz wirst! Wie er denn auch drüber nach dem alten Sprichworte schwarz geworden; darneben sie verschwunden ist und er hernach die Schwärze sein Lebetage nicht hat können von den Backen bringen.

 

125. Rübezahl gibt sich für eine Hure aus.

An irgendeinem Orte ist ein sehr geiler Hengst gewesen, welcher einer züchtigen Jungfer sehr nachgegangen ist und nicht von sie hat ablassen wollen. Diese Ränke hat der Rübezahl ausgekundschaftet und sich in die Gestalt der Jungfer hervorgetan, an den Ort gefüget, da jener Hurenschelm seine Liebste gesuchet hat, und mit dem Kerl die Sache abgeredet und sich verglichen, die folgende Nacht zusammenzukommen. Was geschicht? Wie der geile Schöps sich zu seiner Klunten ins Bette machet, da trifft er ein verfaultes Pferd an, das der Rübezahl vom Schindanger hingeführet hatte; in solches fällt der Hurer hinein und trifft noch weiter einen Haufen Schweineigel drinnen an, welche ihn den Liebeskützel wacker gesalzen und zuzauset haben und die venerische Lust gebüßet. Ei recht so! Also sollte man allen Ganymeden und Sardanapalis tun.

 

126. Rübezahl tauschet ein Pferd und Kleid aus.

Es soll ein Rittmeister im schwedischen Krieg mit Fleiß aufs Gebürge geritten sein mit seinem besten Pferde und Habite, hoffende, es werde sich Rübezahl ihm auch gütig erzeigen, also, daß er ein wackers Kleinod darvontrage. Und indem er in solchen Gedanken forttrabet, da war ihm ein wackerer Kavalier mit einem noch schönern Gaule und Kleidung entgegengekommen, darüber sich der Rittmeister gefreuet. Weiter war auch solcher ausgemundierter Rübezahl mit seiner Anrede nicht faul gewesen, sondern hatte flugs dem Rittmeister gefraget, sprechende: Glück zu, Bruder, woher? Haben wir nicht was umzusetzen mit Pferd und Kleide? Der Rittmeister hat geantwortet: Wohlan, ich komme aus Schlesien und will mich allhier ein wenig erlustieren; was des Herrn Bruders angebotenen Tausch belanget, so bin ich fertig umzusetzen. Und hiermit hat sich ein jeder ausgezogen, die Kleider und die Pferde verwechselt. Darmit ist Rübezahl abwegs anderswohin geritten; der Rittmeister aber war mit frohlockendem Mute wieder umgekehret und hatte nach seinem Quartiere zu getrachtet. Wie er aber kaum von der Schneeküppe wieder heruntergewesen, da war er inne geworden, daß er, anstatt die erhaltenen köstlichen Kleider, lauter Laub von den Bäumen umb sich gehabt, anstatt des Pferds aber hat er einen großen Prügel unter sich gehabt; darmit hatte er wie ein Halunke hereingefortisieret und hatte sich seines Tausches von Herzen geschämet, indem er auch einen Bauren umb bessere Lumpen, umb den Rump zu tun, hat anreden müssen.

 

127. Rübezahl hütet der Pferde.

Im verwichenen dreißigjährigen gewesenen Kriege soll der Rübezahl sich wie ein Pferdeknecht oder -junge gebärdet haben, soll auf einem besonderen Platze an der Heerstraße gelegen, oben auf dem Riesengebürge, ein ziemlich Koppel schöner Wallache in der Weide gewartet und bei sich gehabt haben, und solches zwar etliche Tage nacheinander, bis es die Soldaten und damaligen Schnapphähne erfahren, so drunten nicht weit vom Gebürge ungefähr ihr Quartier gehabt; die sich nicht säumen, sondern eine gute Beute zu ertappen gedenken: derentwegen sich ein Tropp aufmachet und des Wegs hinauf nach den gesehenen Pferden trachtet, welche sie alle (ungeachtet der heftigen Vorbitte des Rübezahlischen Hüters) rauben und unter sich teilen, auch nebenst ihren mitgebrachten Pferden weg nach Hause reiten wollen. Aber was geschicht? Wie sie damit zu Kehre gehen und schier eine Ecke von der Weide fürder gekommen waren, da beißen und reißen die Pferde so unerhört sehr, daß die Reuter gezwungen sein geworden, solches ungebändiges Vieh mit Ruten und Prügel wacker zu züchtigen und herdurchzukarbatschen. Aber je ärger und mehr sie draufgeschmissen, je weher hat es ihnen selber getan, also daß große Striemen und Beulen auf ihren Schultern waren aufgelaufen gewesen, daß sie nicht gewußt, woher es käme und was das zu bedeuten gehabt. Doch waren die gestohlenen Pferde darauf ein wenig weiterzugehen veranlaßt worden, da sie eine neue Mode der Widerspenstigkeit vorgenommen, nämlich sie sollen alle haben angefangen zu hüpfen und zu tanzen, und zwar solches auf einer Stelle rund in einem Kreise herumb, schier dreier Stunden lang: da die Soldaten nolentes volentes alle mit ihren Pferden haben herumgemußt, bis sie getaumelt und aus entstandenem großem Schwindel herunter auf die Erde gefallen, ihre Pferde gestorben und die tausenden drüber verschwunden sein. Siehe, da hat es wohl Hengste geheißen: Hic jacet in dreckis, qui modo Reuter erat. Ei mein Kerl, stiehl nicht mehr! Laß einem jedweden das Seinige, so bleibet dir auch das Deinige.

 

128. Rübezahl wirbet Soldaten.

Es ward mir in diese Leipzigsche Ostermesse Anno 1662 referieret: wie daß Rübezahl im verwichenen teutschen Kriegswesen sich an einem Orte für einen Werber ausgegeben und unterschiedliche Landsknechte bekommen, denen er auch einzeln ein richtiges Geld auf die Hand gegeben, mit drei Pferden versorget und mit ausbündigem Gewehre, dem Scheine nach, ausgemundieret gehabt. Drauf denn endlich der Tag angebrochen, da er mit sie hat fortmarschieren wollen, wie er nunmehr eine begehrte Anzahl besessen. Da reiten sie sämtlich in angestellte Ordnung fort, geraten auf das Gebürge und werden eine Kompagnie Feinde ansichtig, die der Rübezahl aus den anwesenden Bäumen den verblendeten Augen präsentieret. Hierüber reizet sie der Rübezahl an, daß sie sollen getrost sein, tapfer draufgehen, die Mauseköpfe fällen und mit ihnen die erste Beute davonbringen. Hierüber geben sie den Pferden die Sporen und setzen immer im frischen Mut an ihren vermeinten Feind: stechen, hauen und schießen, daß es dellert; also daß sie vermeinen, wie sie den Feind gänzlich niedergeleget und stattlichen Raub erhalten. Aber wie sie sich recht umsehen, da ist ihr Kommendant (der gewesene Rübezahl) verschwunden; der zermetschte Feind seind lauter Büsche, die sie mit ihrem Prangen und Knütteln zerquetschet; ihre gedachte Pferde, drauf sie gesessen, waren alte Esels- und Ochsenköpfe gewesen, dran die beinerne Gerippe noch gehangen. In solcher Positur hatten sich alle Narren betroffen und einander trefflich selber auslachen müssen, wie sie die Vorstellung inne geworden. Das Beste war gewesen, daß sie unverletzt davongekommen, freiwillig abgedanket worden und einen guten Heldenmut etliche Tage dabei umsonst gehabt.

 

129. Rübezahl verführet etliche Musketierer.

Des weitern soll im dreißigjährigen Kriege ein Werber etliche reisende Bursche angepacket und sie zu Soldaten gemachet haben, damit er über das Gebürge zu reisen gesonnen; welches aber nicht füglich ohne Wegezeiger und Boten hat geschehen mögen, sintemal er der Straßen nicht kundig gewesen. Und derenthalben hat er sich nach einen Leiter umgetan: darzu sich der Rübezahl hat unwissend gebrauchen lassen, welcher auch drauf eine gute Weil die Soldaten geführet, endlich aber die losen Hudler wacker verführet hat, und zwar also. Nämlich: er ist immer vorne angegangen, bis er endlich sich schleunig in einen großen Baum verwandelt (nachdem er sie schon allbereit auf Irrwege geführet), daran die nachfolgenden Soldaten, butz, butz, mit ihren Köpfen gelaufen und wie dumme Ochsen herumgefallen sein; darauf sie ihrem Leibe kein Rat gewußt, woher sie kommen und wohin sie gedächten. Sie sind auch eine lange Zeit herumgeschweifet, und nachdem sie keinen Menschen ertappen mögen oder auf den richtigen Steig geraten können, da haben die geworbene und mit Zwang zum Soldatenwesen gebrachte Landesknechte aus Desperation einen Anlaß genommen, ihren Werber und Offizier an den Baum zu hängen. Wie solches geschehen, da haben sie gar bald in der Nähe einen Polen ersehen, zu welchen sie gegangen sein, und wiederumb zurechte gekommen.

 

130. Rübezahl schläget etliche Soldaten zu Boden.

Es erzählet mir ein ander schlesischer Bote, daß es sich gleichfalls im dreißigjährigen gewesenen teutschen letzten Kriege gegeben hätte, daß ihrer sieben Reuter von den kaiserlichen Völkern aus Friedeberg geritten und auf das benachbarte Gebürge zu mausen ausgemarschieret wären: da sie denn einen Mann in einer Kaleschen ersehen, dafür drei Pferde wären gespannet gewesen. Zu solchem sollen sie in vollem Sporenstreiche hingetrabet sein und den Mann angefallen haben, in Willens, ihn zu plündern. Was geschicht? Sie zerren den Mann zum Wagen heraus, welcher dann trefflich bittet, sie sollen ihn doch passieren lassen, er wäre ein guter armer Kerles und hätte sonsten nicht so gar sehr viel übrig. Aber es hatten alle diese bewegliche Wörter keine Statt gefunden, sondern waren schlechter Dinges fortgefahren, ihn zu berauben. Drüber ergreifet der Mann (nämlich der Rübezahl) einen von den Reutern und schläget die übrigen greuliches Dings damit ab, daß sie verwundet hatten müssen davonreiten; da es denn geschehen, daß sie wiederumb in Friedeberg in ihr Quartier geraten und zweene ihrer Kameraden vermisset haben, da sie nicht gewußt, wo sie geblieben sein, und nach diesem auch gar keine Nachricht davon erhalten haben. Das heißet gemauset und zweene verhauset, denen Rübezahl die Kolbe gelauset und auf seiner Klausen gewisse mit den andern Hängern verschmauset hat. So muß man auf Partei gehen und gescharmisieret, da eine Partei oder Teil sich verlieret, die andere wacker wird abgeschmieret, welche der Rübezahl erbärmlich zieret und hübsch scharf schieret. Doch gnug.

 

131. Rübezahl versteckt sich in einen Geldbeutel.

In vorigen Kriegsläuften hatte ein Kommissarius sehr viel Geld von den armen Leuten in einem Flecken extorquieret und war nunmehr mit davongegangen. Siehe, da kömmt unterwegens dem Commissario in seinem Säckel ein Knaspeln und Raspeln an, welches ihm so angst und bange macht, daß er nicht weiß, wo aus noch ein. Er kriegte seinen Säckel hervor, besichtigte ihn und fand dennoch nichts mehr drinnen als sein geraubtes Geld; drauf stecket er den Beutel wieder zu sich. Wie dieses kaum geschehen, siehe, da fängt es auf die vorige Manier wiederumb an zu rasen und den Geldgurgel zu ängsten, daß er den Sack wieder hervorkriegt, und solches nacheinander etzliche Mal, wie er ihn denn auch so vielmal wiederumb zu sich steckete: bis daß er endlich gezwungen ward, ihn von sich zu werfen. Wie dieses geschehen, da brachte der Rübezahl den ergriffenen Beutel wiederumb zu den armen Leuten und erfreuete sie hiermit aufs beste.

 

132. Rübezahl prediget als ein Dorfpräzeptor.

Es begibt sich einsmals, daß Rübezahl zu einem Dorfpriester an einem Freitage in Gestalt eines armen Studenten kommen und umb eine oder drei Nacht Herberge anhält, so ihme denn auch nicht versaget worden. Als nun die Essenszeit herbeikommen, der Tisch gedecket und die Speisen aufgesetzt worden, heißet ihn der Priester nebenst seinen eigenen Leuten mit sitzen, bittende, mit der wenigen Speise vorlieb zu nehmen; worauf er sich nicht lange bedacht, sondern alsbald hinzugesessen, da denn über dem Essen viel Diskurs vorgelaufen, unter welchen auch dieses gewesen: da ihn der Priester gefraget, was er studieret, er geantwortet Theologiam und sich darneben gerühmet, wie er in zwei Stunden eine gute Predigt verfertigen und alsbald vorrichten könnte. Weil denn nun der Priester ein guter fauler Geselle war, denkt er bei sich: Wenn dem also wäre, wolltest du ihm freien Tisch geben und alles Gutes erzeigen, damit er mein Substitut sein könnte. Spricht ihn alsbald an, umb die folgende Sonntagspredigt zu verrichten, welches Rübezahl mit Hand und Mund versprochen, ihm auch zu mehrerm Glauben von Stund an die Disposition der Predigt vorgesaget, also, daß der Priester nicht anders gemeinet, es wäre ein so gelehrter Studiosus. Des Sonntags nun, als er auf die Kanzel kommet, hebet er so stark an zu predigen, als wenn viel hundert Menschen schrien, daß alle, so in der Kirche gewesen, aus Furcht und Erschröcknis haben müssen herauslaufen, welchen er im weißen Chorrock nachgefolget und etliche von denselben weidlich umb den Kirchhof gejaget, bis er endlich den Rock ausgezogen, solchen hinweggeworfen und seinen Weg weiter vorgenommen.

 

133. Rübezahl lässet sich für eine Wehmutter gebrauchen.

Auf einem Dorfe hatte ein Bauersknecht mit des Schulzen Tochter nahe zubehalten; als sie nun beide verspüret, daß gar gewiß was Junges drauf folgen würde, sind sie gleichsamb gezwungen worden, solches ihren Eltern anzuvermelden, so denn ihnen anfänglich trefflich hart zugesprochen und höchlich verwiesen, aber hernach dahin getrachtet, wie in kurzer Zeit die Hochzeit möchte angestellet werden, damit sie nicht den Leuten in die Mäuler kämen. Sind also inner drei Wochen zusammen getrauet worden. Als etwan nach zehen Tagen die Mutter hat eines Kindes genesen, kommt ein alt Weib für das Haus, und fraget, ob es nicht ihr und des Mannes Belieben wäre, sie wollte sich für eine Wärterin und Hebamme gebrauchen lassen. Welches denn endlich beiderseits gefallen. Als die Geburtsstunde herzugenahet, hat der Mann etliche seiner Anverwandten und nahen Nachbarnweiber gebeten, sie möchten doch bei seines Weibs Erlösung verbleiben. Wie nun die Frau das rechte Kind bekommen, bringt die Hebamme (als Rübezahl) zuwege, daß ihrer noch neunzehn folgen, worüber alle erschrocken, daß sie nicht gewußt, wo sie alle Kinder hintun sollten. Werden hierauf Sinnes, den Priester holen zu lassen, welcher, als er in die Stube kommen, die Kinder mit Verwunderung noch alle beim Leben gesehen; als er aber eines nach dem andern wollen anrühren, sind sie zu Kinderpoppen worden, bis er endlich das recht ergriffen und mit vielem Seufzen und Gebet zur Taufe gehoben. Gleich aber, als das Kind getauft worden, ist die alte Hebamme wieder fortgegangen und soll noch wiederkommen.

 

134. Rübezahl stellet sich, wie er krank wäre.

Es hat mir der Breslauer Bote erzählet, wie ein Wundarzt des bewußten Ortes gereiset und einen kranken Menschen unterwegens angetroffen hätte, welcher ihn erbärmlicherweise nach Hülfe angeschrien und seine Unpäßlichkeit weinend geklagt gehabt. Hierüber hat sich der Medikus erbarmet, ist zum Patienten hingelaufen und hat ihm etliche mit sich genommene Remedia überreichet, die der krankgestellete Rübezahl auf- und angenommen und zu allen Dank erkannt hat. Damit er aber dem Arzte auch seine Wohlgewogenheit würklich entdeckete, so hat er sich gestellt, als wollte er wohl von Herzen gern für die erzeigete Guttat sich dankbarlich erzeigen, aber es fehle ihm leider das Vermögen; dennoch aber, damit er so viel verehrete, als er hätte, so wollte er ihme hiemit ein gefunden Messer und Gabel geben, so er vor diesem irgendwo auf dem Wege angetroffen. Dieses hat der Medikus zu sich genommen und, damit er ihn nicht verschmähet, freundlich akzeptieret, und davongewandert; bis er endlich zum Wirtshause geraten, da er eingekehret, Essen begehret und in lachendem Mute hierzu sein verehrtes Messer herausgezogen: welches jetzund nicht mehr Stahl und am Handgriffe beinern gewesen, sondern ganz gülden und mit Edelgesteinen besetzt ist angetroffen worden. Sehet, solches culter muß ein cultor medicinae haben, wenn er es mit seinen Patienten machet, daß es zu leiden ist oder solcher vielmehr nichts leiden darf.

 

135. Rübezahl machet ein schnakisches Testament, stirbet darauf und lebet noch.

Als in einer bekannten Stadt im Gebürge Jahrmarkt gewesen, ist Rübezahl mit einem Schubkarrn, auf demselben einen Kasten habende, als ein anderer Krämer hinein kommen, in ein Wirtshaus gegangen, den Wirt umb ein eigen Kämmerchen angesprochen, damit seine Sachen vor allen Dieben möchten versichert sein. Wie er dieses von dem Wirt erlanget und schon auf ein anderthalb Tage darinnen gewesen, stellet er sich trefflich krank, heißet den Wirt und Wirtin zu sich kommen, reichet ihnen den Schlüssel zu seinem Kasten, den er mitgebracht, und befiehlet, die inliegenden Sachen alle zu beschauen, ob ein Schade darzu geschehen; da sie denn mit Verwunderung Geld, silberne Löffel, Becher und schöne seidene Ware gefunden. Als er nun siehet, daß es den Leuten so wohl gefallen, spricht er, es wäre nun, allem menschlichen Ansehen nach, seine Todesstunde kommen, hätte auch weder Weib noch Kind noch andere Anverwandten, und wäre dies sein größter Kummer, wie er möchte ehrlich zur Erde bestattet werden. Drauf der Wirt geantwortet: Wenn Ihr mir von Euren Sachen etwas bescheidet, will ich Euch aufs Höchste (hiesigem Brauch nach) begraben lassen. Rübezahl befiehlet hierauf, die fünfzig Dukaten, so oben gelegen und gut Geld gewesen, herauszunehmen und sie zu seinem Begräbnüsse zu gebrauchen. Der Wirt hat kaum den Kasten wieder zugeschlossen, hebet Rübezahl einen Gall an zu speien, sperret das Maul auf und stirbet. Der Wirt, welcher nebenst der Frauen zwar anfänglich erschrocken, aber nachdem sie zum Bette getreten und gesehen, daß er recht verschieden, hat mit Ehestem, als er gekönnet, ihn begraben lassen, vorwendende, es wäre sein naher Freund gewesen. Wie nun alles verrichtet und der Sarg von den Totengräbern soll ins Grab gelassen und verscharret werden, hebet der Tote an zu singen:

So lasset mich nun hier schlafen,
Und gehet heim eure Straßen,
Wer weiß, ob ich nicht ehr aufsteh,
Als die mit mir zu Grabe gehn.

Wie dieses die Totengräber hören, laufen sie darvon, zeigen es dem Rate an, welcher den Sarg eröffnen lassen, darinnen ein groß stinkend Hundsaas gelegen, und wußte niemand, wie es hiemit zugegangen. Der Wirt denket nach verrichteter Leichbegängnüs einen großen Schatz zu finden, nimmt den Schlüssel, schleußt den Kasten auf: worinnen aber nichts als alte Hundsknochen und Säuborsten gelegen. Das heißt rechtschaffen betrogen!

 

Nachwort.

Der Berggeist Rübezahl ist uns allen schon in früher Kindheit bekannt geworden. Zu den ersten Märchen, die wir uns erzählen ließen, gehörten auch solche vom Rübezahl, und als wir dann unsere Lust am Wunderbaren aus Büchern selber befriedigen konnten, gab man uns den Musäus, und in seinen Volksmärchen fanden wir gleich zuvorderst die »Legenden vom Rübezahl«. Wir lasen sie, wenn uns auch die Zwischenbemerkungen des Erzählers störend vorkamen und die literarischen Anspielungen unverständlich blieben, mit warmem Anteil und wachsender Spannung, wußten nun auch den Namen des Rübezählers aus seiner Liebesgeschichte mit der Prinzessin Emma zu deuten und bekamen eine lebendige Vorstellung von der Sonderbarkeit dieser Geisteserscheinung. Noch etwas später, und wir begegneten in der Kunst eines Ludwig Richter und Moritz von Schwind dem Berggeist, je nach der Auffassung des Künstlers und der Situation seines Bildes bald als struppigem Riesen, bald als freundlichem Alten, aber doch immer uns menschlich ansprechend und einen künstlerisch geschlossenen Eindruck auf uns zurücklassend.

Nun, einen so sympathischen, uns harmonisch anmutenden Rübezahl finden wir bei dem Leipziger Magister Johannes Prätorius nicht. Der gehörte noch dem roheren Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges an Johannes Prätorius hieß eigentlich Hans Schultze und war zu Zethlingen in der Altmark 1630 geboren. Er studierte und lebte aber in Leipzig, wo er auch 1680 starb. Seine Hauptwerke liegen sämtlich auf volkstümlichem Gebiete, sind aber im ganzen heute ungenießbar. und stand so dem grobianischen Geschmack viel näher als der kultivierten Kunst seiner Nachfolger. Er stand aber auch um so viel näher der Quelle, wenn man bei der Rübezahl-Sage von solcher sprechen kann, und besaß nach dem Urteil der Brüder Grimm trotz aller Gelehrsamkeit »den Sinn für Sage und Aberglauben, der ihn antrieb, beide unmittelbar aus dem bürgerlichen Leben selbst zu schöpfen«. Ja, ihm verdanken wir überhaupt die erste Aufzeichnung der Rübezahl-Sagen, die uns ohne ihn wohl nie überliefert worden wären; denn auf ihn gehen unmittelbar oder mittelbar alle späteren Darsteller dieses Stoffes in Dichtung und bildender Kunst zurück, und auch die Sagenforschung fußt auf ihm in dieser Beziehung. In der Fassung des Prätorius erscheint uns also der Rübezahl ursprünglicher.

Ganz ursprünglich freilich auch nicht mehr. Man merkt es dem Magister an, daß er nur zu gern ein Tröpfchen eigene Weisheit in die uns kredenzte Schale mischt, und gelegentlich hat ers ja auch bekannt, viele Geschichten sogar erfunden zu haben. Wer will aber heute noch die Spreu von dem Weizen sondern! Auch hat sich Prätorius an der Überlieferung nicht allein versündigt: die Überlieferung selbst ist mitschuldig. Denn an den Rübezahl-Büchern des Prätorius haben noch andere mitgearbeitet, und offenbar nicht nur die einzelnen Personen, die er in seinen Geschichten namhaft macht, sondern wohl auch ganze Stände oder Innungen, die hinter anderen in Rübezahl-Historien berücksichtigten Ständen nicht zurückbleiben wollten.

Was heißt aber überhaupt echt bei den Sagen vom Rübezahl? Wo will man die Grenze ziehen, wenn man nicht die erste schriftliche Fixierung als solche ansieht? Es gab zu Prätorius Zeiten und vor ihm noch keine Grimms, die unmittelbar aus der mündlichen Quelle hätten zu schöpfen verstanden, und zu Zeiten der Brüder Grimm gab es wohl keine mündliche Überlieferung der Rübezahl-Sagen mehr.

Ob überhaupt einmal die Gestalt Rübezahls in der Volksphantasie lebendig umging? Auch wer dem Prätorius gar nicht trauen wollte, müßte sich davon doch überzeugen lassen. Schon durch des schlesischen Dichters Martin Opitz Zeugnis, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts den »Bergmann Rübezahl« kennt und ihn als »Riesengott« anruft. Ausführlicher ist Kaspar Schwenckfeldt, der in seiner 1607 erschienenen »Hirschbergischen Warm Bades Beschreibung« bemerkt, daß Rübezahl eine der Ursachen sei, um deren willen »der Riesenberg weit von ferne beschrien« sei; die Anwohner gäben vor, »er sei Herr und Besitzer der Metallen und Schätze, so in diesem Gebürge verborgen liegen, derowegen bis anhero niemand derselben teilhaftig werden und genießen können, weil sie der Riebenzahl besessen, ungern von sich lasse«. Weiterhin erzählt Schwenckfeldt sogar einen besonderen Fall, wo Leute bei Schreiberhau aufs Gebirge kommen und Schätze durch einen Zauberkreis heben wollen: da »erzeiget sich der Riebenzahl, aber mit einem so erschrecklichen Ungewitter, welches etliche Tage gewähret, und ein großer Schnee und erschreckliche Kälte erfolget sind, daß sie dadurch zerstreuet, kaum lebendig sind herabkommen, ja etliche die Füße darüber erfröret haben. Das ist ihre Ausbeute gewesen.« Ist das nicht im Stile des Prätorius und ein Entlastungszeugnis für ihn? Noch weiter zurück liegt das Zeugnis des Chronisten Simon Hüttel, der in seiner Chronik von Trautenau 1576 ein Hochwasser im Aupatal erwähnt und dazu bemerkt: »die Kaisrischen Holzknecht und Schwaher (Postillione) sagten, Rübenzagel habe die Klaussen geschlagen und ihren Klaussemeister auch mit ertränkt«. -- Schon durch diese Belegstellen ist erwiesen, daß Rübezahl in der Tat zu Prätorius Zeiten im Volksmund eine Rolle gespielt hat.

Die verschiedenen Namensformen in den angeführten Stellen geben Anlaß zur Frage nach der ursprünglichen Form und der Bedeutung des Namens. Viel ist darüber geschrieben worden, und schon unser Leipziger Magister hat in seinem »Satyrus Etymologicus« (1668) nicht weniger als 100 Ableitungen anzuführen gewußt. Sie sind natürlich sämtlich unhaltbar, viele geradezu abenteuerlich. Auf diesen philologischen Spieltrieb gehen auch die in unseren Geschichten vorkommenden Beinamen Rübezahls zurück: der Riphäische ( montes Riphaei = Riesengebirge), der Ronzival (als angeblicher Abkomme des Adelsgeschlechtes Ronsevall), der Caballierische und der Corydonische Rübezahl. -- Auch die Deutung Rübezähler ist dabei, die Musäus mit anderer Begründung in seiner ersten Legende wieder aufgenommen hat Nach Prätorius zählte Rübezahl aus Geiz täglich die Rüben auf seinem Felde, nach Musäus bekanntlich, um eine Forderung der Geliebten zu erfüllen. --. Die heutige Namensform hat zu dieser Erklärung verführt, ist aber selbst nur ein volksetymologisches Produkt, gebildet, als das Volk die frühere Namensform nicht mehr verstanden hatte. Diese frühere Form ist nach den wohl noch heute gültigen Ergebnissen von Zachers Untersuchung über »Rübezahl und seine Verwandtschaft« In den »Mitteilungen der Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde«, Jahrg. 1903, Heft X, S. 33 ff. -- als »Riebezagel« anzusetzen, wovon der Bestandteil »zagel« (später verkürzt zu »zahl«) nur wortverstärkend zu dem eigentlichen Namen »Riebe« hinzugefügt ist (wie etwa heute in gleicher Bedeutung »schwanz« bei »Affenschwanz«). Das Wort »Riebe« aber macht den eigentlichen Namen des Geistes aus und ist uns noch heute in Orts- und Personennamen erhalten geblieben Nach Zacher z. B. Ribhain im Taunus und, mit anderer Schreibung, Riewenheiwet b. Niedersachswerfen, Rübenau im Erzgebirge. --. Ist man sich in der sprachlichen Herleitung auch nicht ganz einig, so ist doch anzunehmen, daß das Wort ursprünglich nur die hervorstechende Eigenschaft einer Gottheit bezeichnet »freigebig«, wenn es dem niederdeutsch, »rive« -- »rauh«, wenn es dem althochdtsch. »hriob« entspricht. und erst allmählich zur Bezeichnung der Gottheit selbst geworden ist. Das vielfache Vorkommen von Namenzusammensetzungen mit dem Wort »Riebe« in den verschiedensten Gegenden deutschen Sprachgebietes weist darauf hin, daß das Wort kein Eigenname des schlesischen Gespenstes, sondern die allgemeine Bezeichnung irgendeiner Gottheit war. Erst in der Verbindung mit »Zagel« ist das Wort zum Eigennamen unseres Rübezahl geworden.

Nach dieser sprachlichen Deutung des Namens ist also Rübezahl deutscher, nicht slawischer Herkunft. Die Beziehungen, die er zu den Slawen hat, erklären sich zur Genüge aus den geschichtlichen und geographischen Verhältnissen. Vom sechsten bis zwölften Jahrhundert beherrschten die Slawen das Gebiet des Riesengebirges; die danach einwandernden Deutschen brachten den Glauben an Rübezahl wohl schon mit, übernahmen aber manche Züge und Geschichten von Gottheiten der slawischen Bevölkerung. Einen Beleg für diese Annahme der Verpflanzung des Rübezahl-Glaubens aus anderen deutschen Gegenden nach dem Riesengebirge bietet die von Zacher in seiner erwähnten Untersuchung angeführte Stelle aus der »Tiroler Chronik« des Matthias Burglechner vom Jahre 1619, wo gelegentlich der Erwähnung von unterirdischen Bergmännlein auch gedacht wird der »Histori von dem Geist Ruebzagl genannt, so sich vor Jahren bei dem Goßleberischen (Goßlarischen) Perckwerch und daselbst herumb am Harz, in dem Herzogtumb Praunschweig aufgehalten hat«; danach erst habe er sich »in die Schlesj begeben, auf ein ringhaltiges Kupfer Perckwerch, heißt das Riesengepürg«.

Erst im Lauf der Jahrhunderte hat die Rübezahl-Sage die Gestalt angenommen, die wir jetzt kennen. Die Gottheit sank in dem christlichen Zeitalter zur Koboldfigur herab, und der Name wurde in der Verbindung mit »zagel« zum Schimpfnamen. Alte mythologische Vorstellungen von anderen germanischen und auch slawischen Gottheiten wurden in das Bild verwoben, dann auch Züge vom Teufel und später Stücke von den Helden beliebter Volksbücher auf Rübezahl übertragen. So tritt er denn auch als Nachtjäger auf an Stelle des wilden Jägers Wotan, so übt er Zauberstücke wie Faust und der Rattenfänger von Hameln und ahmt dem Eulenspiegel seine derben Streiche nach; in den Abbildungen aber erscheint er stets mit dem Bocks- oder Pferdefuß, damit der Leser ja an seine teuflische Verwandtschaft erinnert wird.

Diese Bilder stammen übrigens nicht aus dem Prätorius, sondern aus dem etwas später erschienenen Buche »Bekannte und unbekannte Historien von dem abentheuerlichen, weltberufenen Rieben-Zahl, welche von Prätorio, Schwencken und anderen bewährten Skribenten mehr sind geschrieben worden«. Auch die im Prätorius nicht enthaltenen Geschichten Nr. 2, 22, 75, 77, 90, 107 sind daher entnommen. Im übrigen aber konnten für die Wiedergabe der Rübezahl-Sagen in ihrer ältesten Gestalt nur die betreffenden Bücher des Leipziger Magisters in Betracht kommen, nämlich die drei Teile der »Daemonologia Rubinzalii Silesii« (Leipzig 1662 ff.) und der »Satyrus Etymologicus« (1668).

Aus diesen Sammlungen ist verwertet worden, was reizvoll oder in irgendeiner Beziehung charakteristisch ist. Eine neue Anordnung der Geschichten machte schon der Umstand notwendig, daß sie verschiedenen Büchern entnommen werden mußten; es sind nun die Stücke verwandten Inhalts möglichst zusammengestellt worden, während die Anordnung des Ganzen auf eine sinngemäße Entwicklung bedacht war. Die Rechtschreibung ist zur Erleichterung für den ungeübten Leser modernisiert worden, der Lautstand aber möglichst unangetastet geblieben; daß sich sächsische und schlesische Laute kreuzen, liegt an der Überlieferung schlesischer Sagen durch den sächselnden Magister. Wo sich dieser mit seiner Gelehrsamkeit allzusehr breit macht, sind ihm die geilen Schößlinge seiner Magisterweisheit beschnitten worden. Wesentliches ist aber an der Überlieferung nicht geändert, auch ist nichts gemildert worden. Die Zoten und Grobianismen entschuldige man mit dem Zeitgeschmack und danke im übrigen dem Prätorius für den Eifer, mit dem er die Geschichten von Rübezahl gesammelt und uns so erhalten hat.

F. B.

 


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