Addy der Rifleman

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An den Feuern der Oneidas.

Südlich von Ontario, mehrere Tagreisen von den westlichsten Ansiedelungen des Mohawktales entfernt, liegt ein ganzes System von kleinen und größeren Seen ausgebreitet, die einander sehr nahe gerückt, ja sogar vielfach durch Wasserläufe miteinander verbunden sind.

Sie erscheinen in dem dort befindlichen reizvollen Uebergangsgebirge wie langgestreckte, wasserausgefüllte Klüfte und erinnern mit ihrer malerischen Umgegend lebhaft an die Schweizer Alpenseen, nur daß die Berge jener Gegend nicht wie die gigantischen Gebirgsriesen Helvetiens bis in die ewige Schneeregion emporragen.

Aber wie dort umweht ein ungemein ansprechender, romantischer Hauch Berge und Gewässer und er verfehlt wohl nie auf den Besucher einen ganz eigentümlichen Reiz auszuüben.

An einem dieser von struppigem Buschwerk und üppigen Cottonbäumen umrahmten Seen, an einer stillen Bucht, lagen unweit des Ufers über ein halbes Hundert Indianerhütten, die bald einzeln, bald in Gruppen zusammenstanden. Ihr schmutziges Graubraun bildete einen malerischen Gegensatz zu dem tiefen saftgrünen Wiesengrunde, auf dem sie ausgebreitet lagen.

Alle diese Hütten waren von kegelartiger Form und in der Hauptsache durch ein nach oben schief und spitz zulaufendes Stangengerüst gebildet, das bei dem einen Zelt durch Leinwand, bei dem anderen durch Büffelfelle überspannt oder umhangen war. Da und dort kräuselten durch die oben offenen Spitzen dieser einfachen Behausungen kleine, dünne Rauchwölkchen.

Das Dorf war zur Zeit recht belebt; offenbar befand sich eben jetzt seine ganze Einwohnerschaft am heimatlichen Feuerherde.

Zwischen den Hütten umher wandelten in stolzer und gerader Haltung die Männer, oder sie lungerten einzeln oder in Gruppen vor ihren Wigwams, behaglich ihre Pfeife schmauchend.

Sie alle waren von mehr als Mittelgröße und durchaus wohlgestaltet. Ihre Kleidung bestand aus Lederhosen, reich mit Fransen besetzt, ihre Hemden waren meist aus Büffelfellen hergestellt, auf deren glatter Außenseite oft die übertriebensten Heldentaten in roher Ausführung aufgemalt standen.

Manche dieser Männer trugen überdies blaue Tücher über die Schulter geworfen, deren Knüpfenden nicht selten mit allerlei Stickerei oder auch mit reichlichem Perlenschmucke besetzt waren. Auf dem Haupte, über der niederwallenden Skalplocke, ragte der Kopffederschmuck, je nach der Würde des einzelnen eine oder mehrere Adlerfedern.

Von Zeit zu Zeit lüfteten sich hier und dort die Eingänge der Hütten, die durchweg einfach durch eine Art verschiebbaren Vorhang gebildet wurden.

Weiber mit Körben und krugartigen Behältern kamen und gingen. Offenbar waren sie damit beschäftigt, den Ihren das Abendbrot zu bereiten.

Diese Frauengestalten waren im Gegensatz zu den Männern kurz und gedrungen gebaut; unter den Augenbrauen hervor glänzten schwarze, durchdringend blickende Augen; ihr Wangenbein war ausnehmend hoch, die Lippen dick, doch nicht wulstig.

Die jugendlicheren Gestalten unter ihnen schritten wie die Männer leise und elastisch dahin, doch die älteren zeigten alle eine mehr oder weniger gebückte Haltung, wohl eine Folge ihres immerwährenden Hockens am häuslichen Herde.

Draußen auf dem Wiesengrunde, dem Strande zu, trieb eine einzelne, schlank und wohl gebaute Rothaut auf einem struppigen Pony allerlei Reitkünste. Bald führte der Mann auf kleiner Bahn eine Reihe kunstvoller Manegebewegungen aus, dann wieder sprengte er auf dem ausdauernden Tiere in weiten Kreisen mit größter Schnelligkeit daher, wobei er mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit den Tomahawk bald nach diesem, bald nach jenem Ziele schleuderte. Lang flatterte um seinen Kopf das schwarze strähnige Haar, dessen Enden zopfartig mit roten Tuchstreifen durchflochten waren; über der Skalplocke ragten drei Adlerfedern.

Auf dem Wiesengrunde trieb eine Rothaut allerlei Reitkünste.

Auch er trug, wie die anderen Männer alle, Leggins mit Fransen und Perlenstickerei verziert, Mokassins und ein Jagdhemd, doch hatte er über die Schulter togaartig eine rote Wolldecke geschlungen.

Er bot in seiner wilden Beweglichkeit ein überaus malerisches Bild, zugleich aber auch das Ansehen eines furchtbaren Kriegers dar.

Endlich ließ dieser Mann ab von seinem Treiben und trabte mit dem Tiere nach dem Dorf, wo er aus dem Sattel sprang. Er warf dem Pferde seine Decke über und leinte es auf der nahen Wiese an, wo noch mehrere andere Ponies sich umhertrieben.

Leichten Schrittes ging der Krieger nach einer der nächsten Hütten und ließ sich vor derselben auf die Erde nieder.

Es war der »Flinke Biber«, der noch junge Häuptling, den wir schon zu Anfang unserer Erzählung kennen gelernt haben. Er winkte einen schlanken, dunkeläugigen Knaben zu sich heran, ließ sich eine mit Federschmuck reich verzierte Pfeife aus seinem Zelt herbeibringen, füllte und entzündete den Inhalt. Gemächlich auf den einen Arm gestützt, den Blick träumerisch in die Ferne gerichtet, begann er behaglich zu schmauchen.

Die Sonne war jenseits des Sees über den Horizont bereits hinabgetaucht und vergoldete mit ihren letzten Strahlen nur noch die höchsten Bergspitzen.

Aber auch diese Feuer verglommen nach und nach und über das Dorf breitete sich allmählich nächtliches Dunkel.

Hier und dort trugen noch einige Weiber den Männern die Erzeugnisse ihrer Kochkunst zu und sie aßen auf freiem Platze vor ihren Hütten. Eine Stunde später aber war das Dorf in tiefster Ruhe.

Nur der »Flinke Biber« lag noch immer an seinem Platze, er schien noch kein Schlafbedürfnis zu verspüren. Er lockte einen keifenden Hund zu sich heran, begann auf ihn einzureden und mit ihm zu spielen.

Weit draußen auf dem See tauchten nacheinander mehrere weithin leuchtende Feuer fischender Indianer auf, rötlich glänzende Lichter, die aber erheblich verblaßten, als bald darauf über den Bergen der volle Mond sich erhob, die Landschaft mit seinem magischen Silberlichte übergießend.

Da ertönte durch die Stille der Nacht von fernher der heisere Schrei eines Vogels.

Der Häuptling fuhr jäh auf, stieß den Hund unsanft von sich und horchte.

Der Ruf wiederholte sich in ziemlich gleichen Zeitabständen noch zweimal. Beim dritten Schrei sprang der Indianer von der Erde auf und ging mit langen Schritten quer über die Wiese dem nahen Walde zu. Vorsichtig trat er unter die Bäume, und nun ließ auch er denselben Ruf vernehmen, worauf ganz in seiner Nähe geantwortet wurde.

Gleich darauf trat Addy, die Büchse im Arm, hinter einem Baumstamme hervor und streckte dem Häuptling die Hand entgegen, die dieser mit beiden Händen ergriff und an sich drückte.

»Was führen weißen Bruder zu den Feuern der Oneidas?« fragte er, und Erstaunen malte sich in seinen, vom Licht des Mondes erhellten, sonst so ernsten und ruhigen Gesichtszügen. »Addy kommen an die Seen, wenn weiße Krieger am Mohawk fast jeden Tag mit Inschen kämpfen?«

»Warum ich mit einemmal in dieser Gegend auftauche, das will ich dir wohl sagen, Oneida,« entgegnete der Jäger, »wenn du mir auf kurze Zeit deine Gegenwart schenken willst. Was mich aber ein weniges vom geraden Wege ab und heute just zu eurem Dorfe führt, ist nichts anderes als das Verlangen, dich, mein roter Bruder, einmal wieder zu sehen.«

Man hörte es dem Tonfall seiner Stimme wohl an, daß seine Worte sehr herzlich gemeint waren, und er mußte demnach eine große Zuneigung zu dem roten Mann im Busen tragen. Der Häuptling erwiderte jetzt noch viel inniger den Druck der Hand und schickte sich dann an mit seinem Gaste den Weg zum Dorfe anzutreten.

Als der Jäger diese Absicht merkte, versuchte er den anderen zurückzuhalten und sagte: »Weiß mein roter Bruder, was er zu beginnen im Begriffe ist? Wird es von dem Sachem und den Kriegern des Stammes gutgeheißen werden, wenn ein weißer Mann, der zur Zeit fast mit allen Nationen hier oben im Kampfe liegt, sich in diesen kritischen Tagen offen im Dorfe sehen läßt?«

Der »Flinke Biber« wehrte dieser Einwendung, zog den Jäger fast gewaltsam mit sich fort und erwiderte: »Nicht offen sehen, Vorsicht immer gut ? aber kommen, eben jetzt sehr gut sehen, wie groß Oneidafreundschaft für weiße Krieger.«

»Nun, wenn das ist, dann will ich nicht länger zögern, und von neuen Freundschaftsbeweisen seitens der Deinen zu vernehmen, das soll meinen Ohren Musik sein.«

Sie gingen nebeneinander den Hütten zu und währenddem erzählte der Häuptling, daß seit zwei Tagen schon ein Agent der Johnsonschen Regierung unter ihnen weile, der die Oneidaindianer wieder einmal zur Parteinahme wider die Weißen am Mohawk zu gewinnen suche.

»Und die Oneidas werden diesem Manne hoffentlich dieselbe ablehnende Antwort geben wie allen seinen Vorgängern?«

»Morgen, wenn Sonne über den großen Bergen stehen, dann Addy vernehmen, wie Oneidakrieger Antwort geben,« entgegnete der »Flinke Biber«.

Sie waren an dem Wigwam, an dem der Häuptling zuvor gelegen hatte, angekommen. Der Oneida schob den Vorhang zurück und bat den Jäger einzutreten.

In der Hütte war es finster. Nur von oben, in der Mitte des Zeltes, wo sich das offene Rauchloch befand, flutete ein matter Schein des Mondlichtes nieder.

Der Häuptling trat an den unter dieser Oeffnung befindlichen Feuerherd und entzündete an der Aschenglut einen Kienspan, den er durch kräftiges Umherschwingen rasch zur hellen Leuchte entflammte.

Jetzt erst ließ sich das Innere der Indianerbehausung übersehen.

An dem Stangengerüste, das den Hauptbestandteil des Zeltes bildete, befanden sich eine Menge rohgearbeitete Holznägel und daran hingen rings umher allerlei Jagdtrophäen, einige Fischereigeräte, des Häuptlings Büchse, mehrere Tomahawks, dazwischen das bevorzugte Jagdgerät des roten Mannes: Bogen und Pfeile.

Dem Eingang gegenüber, in der hintersten Ecke befand sich eine kistenartige, mit allerlei wunderlichen Figuren bemalte Truhe, das einzige Inventarstück, das auf die Bezeichnung eines Möbels Anspruch machen durfte und offenbar zur Aufbewahrung von Kleidungsstücken, vielleicht auch mit Rücksicht auf die Feuerstelle zur Bergung des Munitionsbedarfes diente.

Ueber dem Feuerherd hing an einer Kette von der Spitze des Holzgerüstes herab ein metallener Kochkessel. Der Erdboden war reich belegt mit Matten und einigen Tierfellen, deren mehrere übereinander geschichtet zugleich das Ruhelager bildeten.

Hier ließen sich die beiden nieder, und der »Flinke Biber« bot seinem Gaste von den vorhandenen Resten einen Imbiß an.

Addy lehnte indessen dankend ab, begann dagegen seinem Freunde in großen Zügen von den letzten Ereignissen im Mohawktal zu berichten. Er beklagte, daß die Ueberfälle durch die Indianer noch immer sehr zahlreich seien und nachgerade der ganze gesegnete Landstrich verwüstet würde; doch sei begründete Aussicht auf militärische Hilfe vorhanden, die schon in kurzer Zeit eintreffen könne und der Zerstörungswut der feindlichen Rothäute hoffentlich steuern würde. Er betonte, wie es erstaunlich sei, daß die Thayendanegeasleute und in neuester Zeit auch einzelne Banden der Onondagaindianer, der Senecas und Cayugas, alle Wege und Stege kennen, und daß sie gewöhnlich immer just da aus den Wäldern hervorbrechen, wo man ihnen für den Augenblick am wenigsten eine bewaffnete Macht entgegenzusetzen vermochte. Es sei auffallend, daß sie sich über die militärischen Maßnahmen fast immer unterrichtet zeigten, und vertrat die Meinung, daß das nur auf Verrätereien zurückgeführt werden könne. Ja, er sei nachgerade zu der Ansicht gekommen, daß unter den im Tale ansässigen Tories ein förmliches Komplott von Verrätern bestehen müsse, die mit den feindlich gesinnten Indianern in Verbindung ständen.

Er kam dann auf seine Farm zu sprechen, die unter Umständen vernichtet wurde, die damals seinen Verdacht auf eine bestimmte Person lenkte, aber es fehlten auch hier wie in vielen anderen Verdachtsfällen bestimmte Beweise. Als ihnen jener Mann unlängst in die Hände fiel, da hatte man ihn zwar ins Gebet genommen, aber unter gewissen Umständen leider wieder laufen lassen. Mit sichtlich großem Interesse verfolgte der Häuptling dann die Schilderung des Zweikampfes, den Franzl mit jenem Manne bestanden hatte, und der Oneida drückte zum Schlusse derselben lebhaft seinen Beifall aus.

»Ja,« versetzte der Jäger schmunzelnd, »das Singende Maul hat sich wie immer so auch bei dieser Gelegenheit ausnehmend tapfer gehalten und,« setzte er, wieder ernst werdend, hinzu, »es würde mir ungemein leid tun, wenn er den bei dieser Gelegenheit bewiesenen Mut auf elendigliche Weise hätte büßen müssen.«

»Was begegnen Singendem Maul?« fragte der Häuptling.

»Er ist,« antwortete der Jäger, »seit etwa acht Tagen einfach verschwunden. Er hatte bald nach jenem Zweikampfe seine Braut ? das Binche ? du kennst, Oneida, die ehemalige Wirtschafterin des an seinen Wunden verstorbenen Häuptlings der weißen Krieger ? heimgeführt; er hatte vordem schon meine Farm gepachtet und sich häuslich auf dem längst wieder neu erbauten Farmhause niedergelassen. Doch schon wenige Tage nach seinem Einzuge brach eine neue Katastrophe über die Farm herein. Sie wurde unter ganz denselben auffallenden Umständen wie ehedem von den roten Kriegern heimgesucht, insofern, als auch diesmal alle umliegenden Wohnhäuser verschont blieben und nur dieses eine in Brand gesteckt und geplündert wurde.«

»Da müssen Verrat, da müssen Rache des schlechten Mannes, der mit Singendem Maul kämpfen, im Spiele sein!«

»Gewiß, Oneida, das ist auch meine Meinung. Die Züchtigung, die jene feige, hinterlistige Kreatur empfing, die hat dieser Mann uns gewaltig übelgenommen und seine Rachegelüste loderten aufs neue auf. Ich möchte darauf schwören, daß kein anderer als er auch diesen neuen Ueberfall anstiftete.«

»Und wie gehen das zu mit Singendem Maul?«

»Er hat in jener Unglücksnacht, trotzdem er von einer vorher erhaltenen Verwundung kaum erst wieder hergestellt war, gekämpft wie ein Löwe; doch mußte er, da der Ueberfall gar zu plötzlich und unvermutet kam, der Uebermacht erliegen. Er sowohl als sein Weib, das gleich zu Beginn des Kampfes in die Hände der roten Krieger geriet, wurden hinweggeschleppt.«

»Das für Singendes Maul schlimm ? sehr schlimm,« bemerkte der Indianer und fragte dann: »Addy wissen, wo Inschen Singendes Maul hinführen?«

»Die roten Leute wurden verfolgt, aber wie immer viel zu spät; die Scharfschützen, die hinter ihnen her waren, kehrten unverrichteter Sache zurück. ? Ich befand mich in jener Nacht ziemlich weit vom Tatorte. Als ich dann davon erfuhr, machte ich mich ungesäumt mit drei der besten und erfahrensten Rangers auf die Fährte, folgte von Lagerfeuer zu Lagerfeuer und seit einigen Tagen weiß ich mit Bestimmtheit, daß die beiden Gefangenen nach den Dörfern der Thayendanegeasleute geschleppt wurden.«

»Mein weißer Bruder hat nun die Absicht, Singendem Maul und seiner Squaw den Skalp zu retten?«

»Ja, Oneida, ich will es wenigstens versuchen. Du weißt, daß ich das Singende Maul sehr liebe, und daß ich ihm Dank schulde ? du selbst hast es mitangesehen, wie mir dieser Mann bei Oriskany das Leben rettete, und ich will ihm nun, wenn ich es vermag, diese Schuld heimbezahlen.«

»Addy denken sehr gut. Wenn Addy Freund, dann sehr guter Freund ? aber retten sehr schwer,« bemerkte der Häuptling, der mit Anhören der letzten Mitteilungen sehr ernst und nachdenklich geworden war.

»Nun,« versetzte der Jäger, »ich will dennoch das Beste hoffen, darf ich doch annehmen, daß die beiden Gefangenen noch am Leben sind, und das andere, das wird sich finden!«

»Woraus schließen Addy, daß Singendes Maul und seine Squaw noch Skalp haben?«

»Erstlich ist es mir eine Beruhigung, daß ich inzwischen ziemlich deutliche Spuren sowohl von ihm als auch von seinem Weibe aufgefunden habe. Sodann war es, als ich von dem Ueberfall erfuhr, mein erstes, einen gefangenen Huronen springen zu lassen, der Thayendanegeas zwei seiner Häuptlinge für die Freilassung der beiden Weißen anbieten sollte. Den einen der beiden Huronen hatte ich selbst eines Tages am Schopfe gefaßt, der andere wurde gelegentlich eines Ueberfalles einer Niederlassung, bei der das Singende Maul jenen Schuß erhielt, niedergeschossen und gefangen genommen und ist inzwischen wieder gesundet.«

»Das sehr gut, das sehr gut; dann vielleicht Thayendanegeas Skalp noch nicht nehmen, dann vielleicht warten.«

»Ja, hoffentlich findet er den Vorschlag, den ich ihm machen ließ, der Ueberlegung wert; aber warten, bis es ihm gefällig ist, die Gefangenen auszutauschen, das dauert mir zu lange. Du begreifst, ich bezweckte mit dem Angebote lediglich, daß das Leben der beiden zunächst geschont werde; ich wollte Zeit gewinnen.«

»Das sehr gut; jetzt gehen und sehen, ob Thayendanegeas wirklich warten.«

»Ja, und mehr als das. Ich will sogar versuchen, ob ich die Befreiung der beiden nicht auch ohne die Zustimmung und gegen den Willen Thayendanegeas bewerkstelligen kann. Seine beiden Häuptlinge, die sollen ihm nachträglich nicht vorenthalten werden.«

»Warum aber hat dann Addy den Pfad nach den Huronendörfern verlassen, warum er hier die Zeit verschwatzen?« fragte der Häuptling.

»Du weißt sehr gut, Oneida, daß ich keinen Schritt breit von meinem Wege abgewichen wäre, wenn nicht die Umstände dazu angetan sein würden. Ich kann natürlicherweise auf einen Erfolg nur rechnen, wenn die Dörfer der Huronen leer stehen, wenn Thayendanegeas zu einem neuen Zuge aufgebrochen sein wird, und das kann, wenn alle meine Berechnungen stimmen, erst in einigen Tagen der Fall sein. Der Häuptling ist, wie ich nun sicher zu erfahren wußte, wieder leidlich hergestellt und gewillt, seine Krieger erstmals wieder persönlich zu führen. Er wird sich wundern, wenn derjenige, dem sein diesmaliger Zug hauptsächlich gelten soll, unterdessen seinem eigenen Wigwam einen Besuch abgestattet hat. Meine Rangers sind übrigens nicht untätig; sie liegen beobachtend auf verschiedenen Punkten oben in den Bergen und wissen, wo ich zu finden bin.«

Der »Flinke Biber« sah längere Zeit gedankenvoll vor sich hin und erhob sich dann. Er nahm mehrere der am Boden umherliegenden Matten und Tierfelle auf, bereitete zwei Lagerstätten und lud mit einer Handbewegung den Jäger ein, auf eine derselben sich niederzulassen. Geraume Weile sah er dann noch durch das Rauchloch empor zu den Sternen, dann steckte er den tief niedergebrannten Kienspan zwischen die Asche des Feuerherdes.

In der Hütte war es dunkel geworden, wenige Minuten darauf legten sich die beiden zur Ruhe.

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Am anderen Morgen fühlte sich Addy früh schon geweckt. Völlig munter stand der »Flinke Biber« an seinem Lager und winkte ihm.

Rasch erhob sich der Jäger und trat mit dem Häuptling hinaus in die frische Morgenluft.

Noch glänzten die Sterne am Himmel, nur im Osten über den Bergen zeigte sich, kaum bemerkbar, ein lichter Dämmerstreifen.

Geräuschlos glitt der Oneida den noch in völliger Ruhe liegenden Hütten entlang und führte seinen Gast nach der Mitte des Dorfes.

Auf einem großen, fast kreisrunden freien Platze angelangt, hielt er, schlug den Vorhang eines Wigwams zurück und bat den Jäger, hier so lange zu verweilen, bis er selbst ihn wieder hole.

Addy erklärte sich durch ein stummes Zeichen einverstanden; der andere verschwand.

Allmählich wurde es lichter und nun kam Leben in das Dorf.

Aus allen Hütten ergossen sich dunkle Gestalten und entfalteten eine rührige Tätigkeit, die, wie Addy durch eine schmale Spalte der Zeltwand bemerkte, darauf gerichtet war, die Festtagstoilette anzulegen. Es war also etwas ganz Besonderes im Werke.

Es dauerte denn auch nicht lange, da wurden an dem einen Ende des Dorfes Begrüßungsrufe laut, und jetzt kamen etwa ein Dutzend festlich geputzte Krieger, die Häuptlinge der Nachbardörfer, die ersichtlich die Strapazen eines größeren Marsches bereits hinter sich hatten, ernst und würdig auf den großen Platz geschritten.

Ein Rudel Knaben kam dahergerannt, die flink eine Menge Holzklötze herbeischleppten, die sie in gleichmäßigen Abständen im Umkreis des Platzes doppelreihig verteilten.

Inzwischen hatten sich auch die männlichen Insassen des Dorfes in vollem Festputz auf dem freien Raum eingefunden.

Man stand eine Weile in Gruppen beisammen, begrüßte sich, schwatzte und setzte sich dann.

Da wurde der Vorhang eines besonders großen Wigwams, der unmittelbar neben demjenigen des Jägers lag, zurückgeschlagen und zwei Männer traten in stolzer Haltung hervor, um sich ohne weitere Zeremonie auf zwei bevorzugten, bisher freigehaltenen Sitzen niederzulassen.

Der eine der beiden war in den besten Mannesjahren und trug wie alle übrigen kriegerischen Putz, nur daß seine Skalplocke reicher als bei den anderen mit prächtigen Adlerfedern geziert war. Es war Motuga, die Bärentatze, der erste kriegerische Anführer des Stammes.

Der andere, der ersichtlich die höchste Würde in dieser Versammlung einnahm, war bereits ein alter Mann mit schneeigem Haar. Sein narbendurchfurchtes Antlitz bewies, daß auch er einst ein großer Krieger gewesen sein mußte. Die prachtvolle schneeweiße Reiherfeder, die über seiner Skalplocke aufstieg, ließ jedoch erkennen, daß er jetzt die Würde des Sachem, das ist des obersten und höchsten Beherrschers des Stammes der Oneidas, bekleidete. Sein Putz war reicher als derjenige aller übrigen, die breite Brust nackt und mit kunstvollen Tättowierungen bedeckt; um den Hals trug er eine Kette von Muscheln, Tierzähnen, Münzen und blitzenden Glasperlen; um die Lenden hatte er einen Gürtel aus Otterfellen geschlungen; über die Schulter bis auf die Hüften hing ein kurzer, scharlachroter Mantel nieder; die kräftigen Oberarme dieses Mannes waren mit farbigen Bändern umwunden; seine Rechte hielt ein weiteres Zeichen seiner Würde umfaßt, eine uralte, mit reichem Schnitzwerk verzierte Kriegskeule.

Rings um den Kreis der Krieger hatten sich inzwischen eine Menge Weiber und die männliche und weibliche erwachsene Jugend des Dorfes eingefunden.

Der Sachem winkte, und tiefes Schweigen lag jetzt über der Versammlung.

Da trat auf einen zweiten Wink der »Flinke Biber« vor. Er nahm die auf einem Marderfelle inmitten des Kreises liegende große Pfeife des Stammes auf, entzündete dieselbe und blies den Rauch nach allen vier Himmelsrichtungen.

Mit feierlichem Ernste trat er dann vor den Sachem und reichte diesem die Pfeife dar.

Dieser tat einige Züge und gab sie dann an Bärentatze, der sie an den nach Rang und Würde nächstsitzenden Häuptling weiterreichte, bis endlich alle Häuptlinge und Krieger der Runde dieser Zeremonie genügt hatten.

Jetzt erhob sich der Sachem, ließ eine Weile seinen durchdringenden Blick über die Versammlung gleiten und begann dann mit gemessener, doch überallhin wohlvernehmlicher Stimme: »Wenn die vom Stamme der Oneidas von einem bissigen Hunde angefallen werden, so zögern unsere ruhmvollen Krieger nie, sich wider den Störer des Friedens zu erheben. ? Sie werden den Kriegspfad betreten und nicht eher ruhen, bis der räudige Hund erschlagen liegt. ? Die zahllosen Skalpe, die unsere Krieger an ihrem Gürtel tragen und die unzähligen Skalpe, die schon vordem ihre Väter trugen, beweisen das. ? Der Ruhm der Oneidakrieger ist unbestritten. ? Ihr Ansehen reicht von den Bergen, wo die Sonne emporsteigt, bis zu den Seen, in denen sie schwindet; es reicht vom Ontario bis zu dem fernen Vater der großen Flüsse.«

Der Sachem machte eine kleine Pause. Ein beifälliges Gemurmel ging währenddem durch die Reihen der Versammelten.

»Wohl zum drittenmal,« hub, als Ruhe eingetreten war, der Aelteste ernst und feierlich wieder an, »weilt, wie die Häuptlinge und Krieger des Stammes wissen, ein weißer Sendling der englischen Häuptlinge an den Feuern der Oneidas. Seine Zunge ist schnell wie die Zunge der Drossel, seine Sprache süß wie der Honig der Bienen; der Inhalt seiner Rede glatt und schlüpfrig wie der Schlangenfisch unter den Händen des Fischers. Er wagt es mit gleißenden Worten den Ruhm unserer Krieger zu schmälern ? er wagt es zu sagen, sie wären übel beraten, sie ließen vielen Ruhm sich entgehen.«

Rufe des Unwillens erhoben sich.

»Das Bleichgesicht fordert, daß die Oneidas teilnehmen sollen an den Kämpfen gegen die Weißen im Osten; es will, daß unsere Krieger ein Gefäß mit Wasser nehmen, es ausschütten auf die Erde und sagen: ?So soll fortan mit dem Blute der weißen Krieger am Mohawk verfahren werden.?«

Tiefes Schweigen ringsum.

»Das Bleichgesicht, das die englischen Häuptlinge an die Feuer unserer Dörfer entsendet haben, will, daß die Oneidakrieger den Kriegstanz beginnen und den bisherigen Freunden zum Zeichen des Krieges die Pfeile ihrer Köcher an den Eingang der Hütten heften. Es will, daß unsere Krieger ein Feuer anzünden, Wasser darauf gießen und dann sagen: ?So sollen alle Feinde der Engländer vernichtet werden.? Ich aber frage dagegen: was werden unsere weißen Freunde am Mohawk über die Oneidakrieger denken, wenn diese ohne Grund die Freundschaft brechen und plötzlich über sie herfallen?«

Wieder gaben die Krieger ihre Ansicht durch sehr energische Rufe des Unwillens kund.

Der Sachem schickte sich zu Fortsetzung seiner Rede an und tiefste Stille trat ein.

Langsam und feierlich, jedes Wort wägend und betonend, sagte er: »Das Bleichgesicht kommt nicht mit leerer Hand. Es ist sein Wunsch, daß die Oneidakrieger die Skalpe der weißen Männer mit nach Hause bringen und er sagt, daß die großen englischen Häuptlinge sie mit Gold aufwiegen würden. Ich aber sage: das Bleichgesicht kommt doch mit leerer Hand und die Oneidas sollen sie ihm füllen, denn die meisten der englischen Krieger und ihre Verbündeten liegen bereits erschlagen, ihre Macht ist gebrochen; die Oneidas sollen den Kriegspfad betreten, um ihnen wieder zu Ruhm und Ansehen zu verhelfen. Ich sage: daß unsere Krieger für jede gerechte Sache kämpfen, aber ich sage zugleich: es ist kein Ruhm zu kämpfen wider seine Freunde. Mag den anderen vom Bunde der Irokesen das Gold verführerisch in die Augen blinken, mögen sie dem betörenden Rufe der englischen Häuptlinge folgen ? ich aber sage: nie noch ist aus einem gefräßigen Beutelhund ein edler Panther geworden; nie soll man es erleben, daß aus einem Oneida ein Hurone oder ein Onondaga wird. Ich habe gesprochen, und nun rede, wer anderer Ansicht ist!«

Stürmische Beifallsrufe wurden rings im Kreise laut, als der Sachem endete und sich dann, auf seine Kriegskeule stützend, langsam auf seinen Sitz niederließ.

Wohl eine Minute lang wogten noch Rufe der Genugtuung über das Vernommene und der Verwünschungen wider das englische Ansinnen hin und her, da stand die imponierende Gestalt des Häuptlings zur Rechten des Sachems auf, gebot Ruhe und begann mit klangvoller, weithin hallender Stimme: »Rotjacke hat geredet und was der Sachem der Oneidas sagte, das hat auch dem, was Bärentatze im Herzen trägt, entsprochen. Die Worte haben auch bei den versammelten Häuptlingen und Kriegern lauten Widerhall gefunden ? doch ist einer, der noch zu sprechen hat, der stehe auf und tue es!«

Totenstille breitete sich über die Versammlung. Niemand erhob sich.

Da winkte der Sachem, ein alter Krieger stand auf und verschwand hinter den seewärts gelegenen Hütten.

Schon nach wenigen Minuten erschien er wieder und geleitete einen englischen Agenten in der Uniform der »Royal Greens« in den Kreis, der die Versammlung mit einem langen, forschenden Blick überflog, verbindlich nach allen Seiten grüßte, vor dem Sachem und den neben diesem sitzenden Häuptlingen sich aber mit vieler Förmlichkeit und Feierlichkeit verneigte. Ihm war ein Mann in grauer Jägerkleidung gefolgt, seinem ganzen Aussehen nach ein Mischling, dessen er sich als Dolmetscher bediente.

Als der Gruß des Agenten seitens der Häuptlinge durch würdevolles Neigen der Häupter erwidert war, winkte der Engländer seinem Dolmetsch und ließ durch diesen erklären: »Es ist mir eine große Ehre, den Auftrag erhalten zu haben, vor dem betagten weisen Oberhaupte und den ruhmvollen Häuptlingen der Oneidas zu erscheinen. Ich entledige mich der Pflicht, den Gruß der kanadischen Regierung zu überbringen, dem sie den Wunsch anschließt, daß die freundnachbarlichen Beziehungen, wie sie von jeher beiderseits gehegt und gepflegt wurden, so auch für alle Zukunft bestehen bleiben mögen.«

Als der Dolmetsch geendet hatte, erhob sich der Sachen und erwiderte: »Das Bleichgesicht als Abgesandter der großen englischen Häuptlinge ist in den Dörfern der Oneidas willkommen. Der Gruß, den es uns überbringt, wird nicht nur hier, sondern überall, wo die Oneidakrieger ihre Feuer anzünden, freudigen Widerhall finden; sie werden über die Versicherung freundschaftlicher Gesinnung stets glücklich sein.«

Rotjacke blies etliche Rauchwolken vor sich hin.

Der Sachem winkte dem »Flinken Biber«. Dieser entzündete wieder die große Pfeife des Stammes, die er Rotjacke darreichte.

Dieser setzte sie an den Mund, blies etliche Rauchwolken vor sich hin und übergab sie dem Engländer, worauf sie dann wieder nach Rang und Würde unter der ganzen Versammlung kreiste.

Als die Zeremonie zu Ende war, nahm der Engländer das Wort: »Ich bin sehr erfreut, solche Worte aus dem Munde des weisen Sachem der Oneidas vernehmen zu dürfen und werde dem kanadischen Gouverneur getreulich davon berichten. Doch sei mir erlaubt zu sagen, daß es ihn noch viel mehr freuen würde, wenn er seinem großen Könige mitteilen könnte, daß sich bald keine der ruhmvollen fünf Nationen der Irokesen mehr ausschließt, nicht nur nachbarlichen Frieden zu halten, sondern daß er sie alle an der Seite seiner Krieger sieht; er wäre glücklich, wenn auch das große Volk der Oneidas sich mit ihm verbündete, um gemeinsam ruhmvolle Taten zu vollbringen.«

Mit ruhiger Würde hörte Rotjacke den Dolmetscher an, wandte sich dann mit einigen Worten an die neben ihm sitzenden Häuptlinge, die kurz erwiderten und entgegnete dann: »Die Oneidas werden gerne jede Gelegenheit wahrnehmen, den englischen Häuptlingen ihre wohlmeinende Gesinnung zu beweisen und werden sich unter Umständen auch bereit finden lassen, den Bestrebungen ihrer weißen Nachbarn hilfreich beizustehen. Das Bleichgesicht wird aber, wenn wir fragen, worin jene Taten bestehen sollen, uns sagen, was wir längst wissen, was wir wiederholt schon abgelehnt haben.«

»Leider ist es so. Die Oneidas haben den Vorschlägen des Gouverneurs bisher immer nur ein taubes Ohr entgegengesetzt und doch würde es ihnen jetzt schon viel und später noch mehr zum Vorteil gereichen, wenn sie dieselben Wege, wie die Huronen, die Onondagas, die Senecas und Cayugas wandeln wollten.«

»Will das Bleichgesicht uns sagen, worin die Vorteile bestehen, die unsere Brüderstämme erreicht haben oder erreichen werden?«

»Das Glück im Kriege ist wechselvoll und leider sind in den letzten Jahren die Würfel wiederholt zu Ungunsten der englischen Truppen gefallen. Die Regierungen der verschiedenen Staaten haben in ihrem Jubel über die Siege der amerikanischen Waffen sich entschlossen, ihre lange gehegten Pläne zu verwirklichen, sich zu einem republikanischen Staatenbunde zusammenzufinden, und eine gemeinsame Regierung einzusetzen. Aber der große englische König wird dies nicht dulden, er wird neue Truppen senden. Die Zeit ist sicherlich nicht allzuferne, daß die zu Unrecht bestehende neue Regierung zunichte gemacht wird, wie auch einst diejenige der Franzosen zunichte gemacht wurde. Die Republik hat zwar auf den Schlachtfeldern die Siege zu verzeichnen, aber sowohl ihr Heer als auch ihre Finanzen befinden sich in einer traurigen Lage und verheißen eine trostlose Zukunft. In absehbarer Zeit muß das Blatt sich wenden und dann wird der große König von England allen jenen seinen Dank abstatten, die ihm beigestanden haben in den schweren Tagen der Heimsuchung ? allen jenen, die ihm jetzt helfen den Feind zu schwächen und den Boden für den bevorstehenden entscheidenden großen Schlag vorzubereiten.«

Der Engländer machte, um seinen Worten mehr Eindruck zu verleihen, eine kleine Pause und fuhr dann fort: »Aber schon jetzt sparen seine Vertreter nicht mit ihrem Lohne und die Häuptlinge eurer Bruderstämme sind darüber bereits des Dankes voll. Erlaube, weiser Sachem, daß ich nur einen solchen Beweis zu deiner ruhmreichen Krieger Kenntnis bringe, ein erst kürzlich an den kanadischen Gouverneur gelangtes Schreiben Conciogotchies, des Senecahäuptlings, in dem es heißt:

?Vater, wir wünschen, daß Du die Gabe unseres Läufers, enthaltend acht Bündel getrockneter und bemalter Skalpe, an den großen König sendest, auf daß er sie betrachte und durch ihren Anblick zu neuen Kriegstaten sich erfrischen werde, daß er die Treue, die wir bei der Vernichtung seiner Feinde gezeigt haben, daraus erkenne und damit er sich überzeuge, daß seine Geschenke einem dankbaren Volke gemacht sind.?«

Es wäre schwer zu sagen, was die nächstliegende Ursache war, die in der Versammlung jetzt eine minutenlange, für beide Teile gleich peinliche Stille entstehen ließ.

Schweigend und ruhig, wie aus Erz gegossen, saßen die kraftvollen Gestalten der Oneidakrieger da, das große feurige Auge mit der dunkelbraunen Iris teils erstaunt auf den Engländer, teils erwartungsvoll auf den Sachem gerichtet.

Sichtlich beklommen stand der Agent. Er hatte offenbar von dem verlesenen Schreiben einen ganz anderen Eindruck erwartet.

Plötzlich erhob sich Rotjacke, wies auf die schneeig-weiße Reiherfeder auf seinem Haupte und fragte: »Kennt das Bleichgesicht diese Kopfzier? Weiß es, was sie zu bedeuten hat?«

Der Agent verneinte.

»Wenn der weiße Mann auf meine Worte hören will, dann werde ich es ihm sagen.«

Der Engländer verneigte sich und ließ durch seinen Dolmetscher darum bitten.

»Die Sachems der Oneidas,« begann würdevoll der Alte, »tragen diese Feder schon seit vielen Menschenaltern. Sie ist das Zeichen der Verehrung für Hiawatha, den weisesten unter den Menschen. ? Das Bleichgesicht höre und wäge meine Worte. Die Oneidakrieger wohnten dereinst an der Seite der Huendas (Huronen) im Osten, die Cayugas und Senecas im Westen, die Hütten der Onondagas standen zwischen diesen vier Nationen aufgeschlagen. ? Da eines Tages kam ein Haufen wilder Krieger wie ein eisiger Sturm aus dem Lande des Nordens, der die nichts ahnenden roten Männer überfiel und ihrer viele erschlug. Wohl kämpften sie tapfer, aber keines der Völker war im stande, den fürchterlichen Feind zu bezwingen. Als dieser sich endlich nach einer anderen Gegend wandte, da kam aus lichten Höhen Hiawatha zur Erde herabgestiegen und lehrte den roten Männern den Wert und die Stärke der Freundschaft. Er riet den verwandten Nationen, eine Ratsversammlung ihrer weisesten Männer zusammenzuberufen, und sein Rat wurde gebilligt. Die angesehensten Krieger, gefolgt von ihren Weibern und Kindern, versammelten sich auf der Scheidelinie zwischen Wald und Wasser an den Ufern des Onondaga und harrten schweigend auf des weisen Mannes Ankunft. Da kam ein geheimnisvoller Kahn auf dem See angeschwommen und Hiawatha landete an dem kiesigen Gestade mit einem schönen, sanften Mädchen. Im selben Augenblicke erhob sich in der Luft, einem Winde gleich, ein seltsames Geräusch, am fernen Himmel erschien ein weißer Fleck, der wurde zu einem ungeheuren Vogel. Als die Ratsversammlung gewahrte, daß dieser auf ihre Weiber und Kinder herabzustürzen drohe, da flohen sie erschrocken von dannen, nur Hiawatha und seine Tochter, sie blieben. ?Halte still, mein Kind,? sagte er. ?Es wäre feig, der Gefahr zu entfliehen. Du wirst niemals durch die Flucht den Beschluß des großen Geistes abzuwenden vermögen.? ? Kaum hatte er gesprochen, da stürzte der riesenhafte Reiher mit ausgestreckten Schwingen herab auf das Mädchen und schmetterte es zu Boden. Sein Sturz war so heftig, daß auch der Vogel sich selber erschlug. ? Hiawatha, obwohl des Liebsten, das er besaß, beraubt, zuckte mit keinem Muskel. Er winkte den ältesten Kriegern, die kamen herbei und er schenkte jedem eine der weißen Federn. Alsbald waren Tochter und Vogel verschwunden.

»Hiawatha setzte sich auf einen bemoosten Stein und die Krieger harrten in achtungsvollem Schweigen. Er war bekleidet mit einem Mantel aus Wolfsfellen, ein weicher Pelz umhüllte die Brust. Seine Arme und Beine waren nackt und ohne Zieraten, aber an den Füßen trug er weiche Mokassins; die Mütze auf seinem Haupte war aus weichem Hirschfell geschnitten und geziert mit bunten Federn. So saß er und um ihn scharten sich die angesehensten Krieger und Räte der Stämme und lauschten auf seine Weisheit. Und als sie die Lehren verstanden hatten, erhob er sich, wies auf die Häupter der Nationen und rief: ?Ihr, die Huendas, die ihr unter dem Schatten des großen Baumes sitzet, dessen Wurzeln tief in die Erde reichen, dessen Aeste sich weit umher breiten, ihr sollt die zweite Nation und dem Aufgang der Sonne am nächsten sein, weil ihr kriegerisch und mächtig seid. Ihr, die Onondagas, die ihr eure Wohnungen am Fuße der großen Berge habt und von ihren Kämmen beschattet werdet, ihr sollt die dritte Nation sein, weil ihr der mächtigen Rede kundig seid. Ihr, die Cayugas, das Volk, das im offenen Lande lebt, sollt die vierte Nation sein, weil ihr die Kunst versteht, Mais und Bohnen zu pflanzen und Häuser zu erbauen. Ihr, die Senecas, das Volk, deren Wohnungen im dunklen Walde in der Nähe der untergehenden Sonne liegen und deren Heimat überall ist, ihr sollt die fünfte Nation sein, wegen eurer überlegenen List im Weidwerk. Ihr aber, Oneidas, die ihr euch gegen den Ewigen Stein, das Sinnbild der Weisheit, welcher nicht verrückt werden kann, lehnt, sollt die erste Nation sein, weil ihr immer weisen Rat zu geben wisset. Vereinigt euch, ihr fünf Nationen, und kein Feind wird euch etwas anhaben, kein Feind wird euch unterwerfen können! Der große Geist wird lächelnd auf den Bund der Freundschaft niedersehen, ihr werdet frei werden und glücklich sein. Bleibt ihr aber, wie ihr seid, so wird es kein wahres Glück für euch geben, man wird euch zu Sklaven machen, ins Verderben stürzen, ihr könnt vernichtet werden. Ihr werdet in dem Kriegssturm untergehen und eure Namen werden nicht mehr im Gedächtnisse guter Menschen leben, noch im Tanze und Gesang genannt werden.?

»Also sprach Hiawatha, und während er noch manchen weisen Rat gab, standen die Krieger da in Schweigen und Ehrfurcht. Dann ging er hinab zu dem kiesigen Wasserrande, den geheimnisvollen Kahn zu besteigen, köstliche Musik ertönte in der Luft gleich dem Gesange zahlloser Vögel, und er bezauberte die Sinne des staunenden Volkes. Langsam erhob sich der Kahn und stieg immer höher, bis er in den blauen Tiefen des Himmels verschwand. ? Hiawatha, der Weise, er war zurückgekehrt in die Heimat der großen, ewigen Jagdgründe.«

Rotjacke hatte erst langsam und leise gesprochen, allmählich aber war eine Art von Verzückung über ihn gekommen; immer mehr schwoll der Fluß seiner Rede, erhob sich der Laut seiner Stimme.

Jetzt stand er, auf seine Kriegskeule gestützt, in aufrechter Haltung, die dunklen Augen unter den dichten schneeigen Augenbrauen fast streng auf den Engländer gerichtet.

Dieser hatte sich die ganze lange Rede durch den Dolmetscher getreulich übersetzen lassen, erbat sich dann das Wort und erklärte, daß auch er von der Weisheit des Mannes, von dem der Sachem berichte, tief ergriffen sei. »Doch,« ließ er durch seinen Dolmetsch hinzufügen, »so sehr er auch die Oneidas zu dieser höheren Botschaft beglückwünsche, es gelinge ihm nicht, aus dem Vernommenen eine Antwort auf sein Anerbieten zu entnehmen, noch sonstwie das Gehörte mit dem übrigen, das ihn hierher führe, in Einklang zu bringen.«

Rotjacke nickte kaum merklich mit dem Haupte, wohl zum Zeichen, daß er den Einwand des Engländers begreifen könne und erwiderte dann: »Wenn das Bleichgesicht noch wenige Worte vernehmen will, dann wird ihm das mangelnde Verständnis kommen. ? Hiawatha war an jenem großen Tage zu seinem lichten Sitze emporgestiegen und die Weisen und Krieger unter den roten Männern begründeten das Bündnis unter den fünf Völkern. Sie nannten dasselbe den Bund der Irokesen und er war von da an unbesiegbar, bis der weiße Mann kam und bald durch List, bald durch die kriegerische Gewalt jene Stärke lähmte und endlich das Freundschaftsbündnis störte. Schon der Pfad der Franzosen war winkelig und blutig, aber sie wurden besiegt und zwar durch ihr eigenes Verschulden.

»Die Engländer schienen dem roten Manne anfänglich wohl zu wollen. Der Bund der fünf Nationen hatte sich denn auch dazu verstanden, für sie einen geraden Weg zu bahnen, aber eure Väter haben ihn später wieder schlecht und krumm gemacht. Wie käme es sonst, daß ihr mit euren eigenen weißen Brüdern in beständigem Kampfe lieget.

»Es wäre von da an Pflicht gewesen, daß sich die roten Männer wieder von euch zurückzögen. Schwer haben die Huendas es bereits gebüßt, daß sie das nicht getan, ja daß sie sich jetzt ganz und gar in eure Arme geworfen haben; sie sind kriegerisch, aber sie sind nicht weise; fast das ganze große Volk, dessen Wurzeln so tief in die Erde reichten, dessen Geäste sich so weit umher breiteten, liegt jetzt erschlagen.

»Auch die Onondagas, die Cayugas und die Senecas haben die Mahnungen Hiawathas vergessen, sind ein Volk um das andere ihre eigenen Wege gegangen, und endlich, um eures blinkenden Goldes willen, eure Sklaven geworden.

»Da verbleiben nur noch die Oneidas, das Volk der Weisen.

»Sie fühlen jetzt doppelt die Pflicht, an den Ueberlieferungen der Väter festzuhalten, die Oneidas wünschen keines anderen Volkes Sklaven zu werden; früher oder später werden sich die Augen derjenigen, die jetzt schlechte Wege wandeln, öffnen, sie werden ihre Verblendung bereuen und werden zurückkehren. Dann wird das Bündnis der Irokesen wieder aufleben, sie werden wieder mächtig sein und werden den Stürmen des Unrechts, von wannen es auch kommt, Einhalt gebieten. Die Oneidas werden daher auf jenem Standpunkt verharren, den ihnen die Weisungen und Verheißungen Hiawathas und ihre eigenen Erwägungen vorzeichnen; sie werden den Gedanken der Wiedergeburt des großen Bundes getreulich bewahren und in den endlosen Kämpfen keine Partei ergreifen; sie werden in Geduld warten, bis ihre verblendeten Brüder zur Einsicht gelangen und werden daher, wie sie den englischen Häuptlingen wohlgesinnt sind, so auch mit allen anderen Nachbarn versuchen, Frieden zu halten.«

Rotjacke hatte bei aller Energie, die in jedem Satze zum Ausdruck kam, äußerlich eine maßvolle, ja diplomatische Ruhe zu bewahren gewußt. Die Gebärden, mit denen er seinen Worten da und dort mehr Nachdruck verlieh, hatten etwas Imponierendes, Hoheitsvolles.

Die älteren Häuptlinge nickten ihm, als er endete, ernst zu, die jüngeren Krieger aber brachen in einen elementaren Beifallssturm aus.

Der Engländer, der kaum die Hälfte der Worte verstand, hatte das Ablehnende in den Aeußerungen und Gesten des Sachem doch längst erkannt und mit steigendem Mißbehagen verfolgt. Er hörte nur noch halb auf seinen Dolmetsch; er wußte bereits, daß seine Sache eine verlorene war.

Aber er war Diplomat genug, um den Häuptlingen noch eine Reihe verbindlicher Redensarten übermitteln zu lassen, dann erst kehrte er der Ratsversammlung den Rücken.

Die Krieger, die während dieser Erklärungen wieder mit feierlichem Ernst dagesessen hatten, ließen ihn, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, ziehen.

Erst als seine grüne Uniform zwischen den Hütten verschwunden war, erhob sich der Sachem und begab sich mit Bärentatze nach seinem Wigwam.

Nun standen auch die anderen von ihren Sitzen auf. Schweigend ging die Ratsversammlung auseinander.

Kurze Zeit darauf trat der »Flinke Biber« bei Addy ein, der hinter der Zeltwand hervor den ganzen Vorgang hatte übersehen und jedes Wort vernehmen können.

»Wie gefallen Addy Antwort, die Sachem weißem Krieger geben?« fragte der Häuptling in seinem gebrochenen Englisch.

Statt jeder Entgegnung erfaßte der Jäger mit beiden Händen fast stürmisch die Rechte des Indianers, schüttelte sie kräftig und drückte sie an sich.

»Er klug, er weise sprechen,« sagte der rote Mann, sichtlich erfreut über den Beifall seines weißen Freundes und hielt den Blick seiner Augen über die Schulter des Jägers hinweg, wie in weite Fernen gerichtet. Plötzlich zuckte er aus seinem Sinnen und sagte: »Aber nun nicht mehr hier im Wigwam, nun wie roter Mann im ganzen Dorfe sein, nun kommen,« und er winkte Addy, ihm zu folgen.

Sie traten hinaus auf den freien Platz und der »Flinke Biber« ging mit weiten Schritten voran, geradeswegs nach seinem Wigwam.

Dort erwartete die beiden ein von geschäftigen Squaws zubereitetes Mahl, wozu sich auch mehrere andere Häuptlinge und Krieger einfanden.

Die älteren unter denselben kannten Addy noch aus den Zeiten vor den Kriegen, als er hier oben an den Seen als Weidmann dem Hirsch und dem Bären nachstreifte und oftmals an den Feuern der Oneidas als gern gesehener Gast vorsprach.

Die jüngeren waren alle schon einmal aus irgend einer Veranlassung im Mohawktal gewesen und hatten es natürlich nicht versäumt, den streitbaren Rifleman, dessen Name bei Freund und Feind weit umher gerühmt wurde, aufzusuchen und kennen zu lernen.

Die lebhafte Unterhaltung, die sich alsbald entspann, drehte sich in der Hauptsache um das Ereignis des Tages. Die roten Krieger vernahmen aus dem Munde des Jägers mit Stolz und Genugtuung das Lob ihres Sachem, wobei Addy durchblicken ließ, daß schon die nächsten Zeiten für alle diejenigen, die seinen Landsleuten feindlich gesinnt wären, herbe Ueberraschungen bringen würden, und daß darum der Beschluß der Oneidas, sich in den gegenwärtigen Wirren neutral zu verhalten, mit Rücksicht auf das Kommende sehr klug und weise sei. Er erklärte, daß durch die letzten Siege der amerikanischen Waffen die Kriegsmacht der Engländer endgültig gebrochen sei, daß aber umgekehrt die Hilfsmittel der neuen amerikanischen Regierung noch lange nicht erschöpft wären. Das Zukunftsbild, wie der Agent es gemalt habe, sei ein ganz unhaltbares; bald schon würden sich die Oneidas davon überzeugen.

Erst spät abends verabschiedete sich Addy von dem gastlichen Wigwam und er mußte es sich gefallen lassen, daß ihm die roten Männer noch weit vor das Dorf hinaus das Geleite gaben. Seltsamerweise war von keinem derselben nach den Zwecken, die er verfolgte, gefragt worden.

Zuletzt verabschiedete er sich von dem »Flinken Biber«, der den Tag über immer schweigsamer und nachdenklicher geworden war.

»Was fehlt meinem roten Freunde, daß seine Zunge auf einmal wie gelähmt ist?« fragte der Jäger, indem er dem Häuptling die Hand zum Abschiedsgruß entgegenstreckte.

»Nicht fragen, nicht fragen,« antwortete der rote Mann mit ablehnender Kopfbewegung; »jetzt gehen; Addy noch vernehmen, warum »Flinker Biber« wenig sprechen.«

Er erwiderte kurz den Händedruck des Weißen, wandte sich rasch ab und kehrte in das Dorf zurück.

Das Singende Maul.

Der Jäger nahm seine Flinte unter den Arm und stieg gedankenvoll waldeinwärts, hinauf in die Berge.

Schon senkten sich die Schatten des Abends nieder und unter den weitverästelten Waldriesen wurde es rasch dunkel.

Bald aber stieg der Mond auf und goß sein Silberlicht über die Blätterwölbungen der Baumkronen, die, leise im Luftzuge erzitternd und hin und her schwankend, die Lichtwellen weiter trugen und die Finsternis unten in ein fahles Zwielicht wandelten.

Der Jäger erstieg raschen Schrittes mehrere Höhen, überquerte einige Täler und gelangte endlich gegen Mitternacht auf eine von wildragenden Zinken und Zacken umsäumte Einsattelung, die er überschritt, und bog gleich darauf zwischen die düsteren Schatten eines mächtigen Felsenwirrsals ein.

Hier kam er nur mühsam kletternd vorwärts, aber bald ebnete sich das Terrain und weitete sich zu einem Becken, das auf der einen Seite von einer fast senkrechten Steinwand umzogen war.

Dorthin lenkte Addy seine Schritte und stand endlich vor dem Eingang einer Felsenhöhle, aus deren Tiefen der schwache Schimmer eines Feuers ihm entgegenleuchtete.

Plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, tauchte eine schattenhafte Gestalt neben ihm auf.

»Seid Ihr es, Webster?« fragte der Jäger.

» Yes!« entgegnete eine sonore Stimme.

»Die beiden anderen, sind sie schon zurück?«

»Der Kanadier seit Einbruch der Nacht, Murphy kam vor einer Stunde.«

»Und sie wußten Neues zu melden?«

»Nichts. ? Sie haben beide den ganzen Tag auf den Höhen umhergelegen, konnten aber keine Rothaut entdecken.«

»Nun, dann laßt uns für heute der Ruhe pflegen,« versetzte Addy, »um morgen unserem Ziel wieder ein Stück näher zu kommen. Wie lange habt Ihr noch die Wache?«

»Noch eine Stunde, dann kommt der Kanadier an die Reihe.«

»Sagt ihm, daß mit dem frühesten geweckt werden muß; ich möchte jedenfalls noch vor dem Morgengrauen weiter.«

Der andere antwortete zustimmend.

Der Jäger trat in die Felsenhöhle ein und näherte sich der Feuerstelle. Unmittelbar hinter ihr lagen auf der platten Erde, unter den Kopf ein Bündel ausgerauftes Moos geschoben, die Büchse in Greifweite neben sich, zwei laut schnarchende Männer.

Auf jede Bequemlichkeit verzichtend, ließ auch Addy sich neben ihnen auf den steinigen Boden nieder und lag schon nach wenigen Minuten ebenfalls in tiefem Schlummer.

*

Als der Jäger am anderen Morgen die schlaftrunkenen Augen aufschlug, fuhr dem sonst so kaltblütigen Manne ein gewaltiger Schreck in die Glieder.

Unwillkürlich faßte er mit der einen Hand an das Messer im Gürtel, mit der anderen nach der Büchse.

In dem matten Schimmer, den die Glut des niedergebrannten Feuers über die nächste Umgebung verbreitete, sah Addy die kauernde Gestalt eines Indianers neben sich, die aber, als der Jäger schnell in eine kampfbereite Stellung sich zurückzog, unbeweglich hocken blieb.

Inzwischen aber hatte Addy die dunkle Gestalt an seiner Seite schärfer ins Auge genommen und nun entfuhr ein Ausruf des Erstaunens und der Freude seinen Lippen: »Du hier, Oneida?« rief er und fügte schnell hinzu: »Eigentlich soll ich mich darüber nicht wundern; nach deinem auffallenden Schweigen gestern hätte ich mir sagen können, was in deinem Kopfe umging, und daß du kommen würdest.«

Mühsam stieg Addy auf in das Felsenwirrsal.

»Ja, ?Flinker Biber? kommen,« versetzte der rote Mann trocken; »er gestern wenig sprechen, weil nachdenken, wo weißen Freund treffen ? jetzt da sein.«

Dies ist wieder einmal ein erstaunlicher Beweis deiner Findigkeit und im übrigen schön von dir gehandelt; es zeigt, daß du ein guter und treuer Freund bist ? ich werde dir das nie vergessen.«

»?Flinker Biber? sich sehr freuen, wenn Addy immer an roten Freund denken.«

»Ja, das werde ich, wahrhaftig und stetig. ? Aber, mein Lieber,« fügte der Jäger hinzu, indem er den Blick nachdenklich auf die glimmenden Reste des Feuers heftete, »da du jetzt hier bist, muß ich mich fragen, was dein Kommen bedeuten soll, und da muß ich mir sagen, daß du mir ohne Zweifel deine Dienste anbieten willst, und das steht wieder auf einem ganz anderen Blatte geschrieben.«

»Was will weißer Freund damit sagen?«

»Einfach, daß ich dein Anerbieten, obgleich es mir von größtem Werte sein würde, nicht annehmen darf.«

»Warum nicht annehmen? ? Addy suchen Singendes Maul und seine Squaw.«

»Allerdings, die beiden suche ich, und wenn ich mir jetzt sage, daß du gekommen bist, um mir dabei zu helfen, so wäre es vielleicht besser gewesen, ich hätte dir das überhaupt verschwiegen.«

»Warum schweigen, statt reden? ? ?Flinker Biber? weißem Freunde sehr gerne helfen.«

»Unter anderen Umständen könnte mir das nur recht und zugleich schmeichelhaft sein.«

»Besser, Addy nehmen Umstände wie sie sind, nicht wie sein können ? Addy suchen Singendes Maul ? suchen sehr leicht, finden aber sehr schwer; ?Flinker Biber? besser finden.«

»Davon will ich kein Jota bestreiten, denn daß deine Spürnase ihresgleichen kaum haben dürfte, das hast du eben jetzt wieder durch dein Kommen bewiesen. Aber, mein roter Freund, du bedenkst nicht, daß wir das Singende Maul und seine Squaw in den Dörfern der Huronen zu suchen haben.«

»Wenn Huronen Singendes Maul wegnehmen, dann nur bei Huronen finden.«

»Alles deutete darauf hin, daß die Thayendanegeasleute die beiden hinwegführten, aber eben darum wünsche ich, daß du dich wieder nach Hause begibst.«

»Warum weißer Freund ?Flinken Biber? nicht mitnehmen?«

»Weil eine Fahrt nach den Huronendörfern für dich die allergrößten Bedenken hat. Wir werden, da wir im ganzen nur vier Mann sind, auf unserer Suche selbstverständlich so vorsichtig und klug als irgend möglich sein, aber es könnte immerhin der Fall eintreten, daß wir den Huronen auf den Busch klopfen müssen, und das kann zu artigen Zusammenstößen führen. Was aber werden die Huendas über die Oneidas sagen, wenn sie einen ihrer Krieger bei mir sehen?«

»?Flinker Biber? sehr klug sein, keine Büchse sprechen.«

»Das sagst du. Unvorhergesehene Umstände können aber den Gang der Dinge ganz anders bestimmen, als du und ich es wünschen. Und dann vergiß nicht, daß du auch auf deinen eigenen Stamm, auf die Oneidas, die mit aller Welt Frieden halten wollen, Rücksichten zu nehmen schuldig bist. Was wird euer Sachem dazu sagen, wenn er eines Tages vernehmen muß, daß du in feindlicher Absicht in die Dörfer der Huronen eingedrungen bist und, je nachdem, den Frieden zwischen den beiden Nationen empfindlich gestört hast? Das wird er dir gewaltig verübeln; deine eigenen Stammesbrüder werden dich verleugnen und man würde dich ausstoßen aus deinem Volke.«

Der Häuptling sah eine Weile sinnend vor sich hin und sagte dann: »Addy vergessen Mataga ? ?Flinker Biber? Mataga nicht vergessen.«

»Kommst du schon wieder mit dieser alten Geschichte,« versetzte der Jäger und lachte laut auf. ? »War es nicht Menschen- und Christenpflicht, daß ich damals deine alte Mutter den Krallen jener Bestie entzog? Hast du nicht den kleinen Dienst, den ich nur durch den bloßen Zufall zu erweisen vermochte, inzwischen durch ungezählte Freundschaftsbeweise wett gemacht?«

Der Indianer antwortete durch eine Geste der Ungeduld, bemeisterte sich aber rasch und sah dann eine Weile stumm vor sich hin. Plötzlich zuckte er leise auf, krempelte hastig den Aermel seines Jagdhemdes empor, langte nach der rechten Hand des Jägers und entblößte auch diesem den Vorderarm.

Bei beiden Männern wurde eine völlig gleiche Tättowierung sichtbar, die in rohen Zügen die Gestalt eines Katzentieres vorstellte.

Ernst, fast feierlich zeigte der rote Mann auf die beiden Male und sagte: »Hier Puma, dort Puma ? hier Blut von weißem und rotem Mann zusammenfließen und dort Blut von weißem und rotem Mann zusammenfließen ? beide Arme ein Arm, beide Männer ein Mann. ? ?Flinker Biber? lieben sein Volk sehr, aber er vergessen nicht die Pflicht der Freundschaft.«

Der Jäger wollte entgegnen, doch der Häuptling erhob sich und wandte sich hinweg, als dulde er keine Widerrede, als wolle er damit sagen, sein Mitgehen sei beschlossene Sache, es sei unwiderruflich.

Auch Addy stand jetzt auf und sie traten beide nebeneinander hinaus vor die Höhle.

Der Tag begann bereits zu grauen und die drei Rangers, markige, kräftige Gestalten, erwarteten wenige Schritte vor dem Eingang marschbereit ihren Führer.

Der »Flinke Biber« aber schien in der Tat die Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Jäger als abgeschlossen zu betrachten. Er warf einen raschen Blick auf die nächste Umgebung, zeigte auf die jenseits des Beckens liegenden Felsenerhebungen und winkte dem Jäger, ihm dahin zu folgen.

Dort angelangt, erstiegen sie den höchsten Punkt und hatten nun weithin über das Land den prächtigsten Ausblick.

»Hier Mohawk,« begann der Oneida, südöstlich weisend, wo die aufgehende Sonne mittlerweile den ganzen Horizont mit brennend roten Strahlenbündeln übertaucht hatte und fuhr gleich darauf mit dem Finger nach Norden herum: »Dort kleine Berge, hinter ihnen große Berge ? dort hinter den großen Bergen Huronendörfer!« Er zeigte dann auf einige in dieser Richtung liegende Talgelände und erklärte weiter: »Dort Addy in den Wäldern liegen; dort warten, bis sehen, daß Huronen Kriegspfad betreten.«

Der Jäger nickte mit dem Haupte, zum Zeichen, daß dies seine Absicht sei.

»Das gut, das sehr gut,« erklärte der »Flinke Biber«. »Addy dort liegen bleiben, bis Inschen an ihm vorüber gehen. Dann mit weißen Männern Huronendörfer beschleichen.«

Wieder nickte der Jäger mit dem Haupte.

»Das gut,« fuhr der rote Mann in seinen Erklärungen fort. »Aber dort,« er zeigte westlich, wo ein großer Gürtel von Seen in nördlicher Richtung gegen das Wohngebiet der Huronen sich hinzog: »dort großes Wasser, dort viele Wasser, dort viel besser gehen, dort keine Späher; dort Weg sehr gut ? dort Mokassin keine Fährte lassen.«

»Da hast du recht,« versetzte der Jäger sichtlich angenehm überrascht, »im Wasser hinterläßt der menschliche Fuß allerdings keine Eindrücke. Und es scheint sogar,« fuhr er fort, nachdem er mit einem langen forschenden Blick das Seengebiet einer Prüfung unterzogen hatte, »daß der Weg über die Seen ziemlich dicht heran an die Dörfer der Huronen führt.«

»Er führen sehr gut, Wasser bis an die Hütten reichen. Dort Berge, viele Berge, hohe Berge; dort besser im Walde liegen, bis rote Krieger Dörfer verlassen; dann ihren Wigwam beschleichen.«

»Ihr roten Leute seid doch die geborenen Schlauköpfe und du weißt in diesem Falle obendrein mit dem Nützlichen das Angenehme zu verbinden.«

»Weg über Wasser besser, viel besser!«

»Jedenfalls bequemer, als das ganze Gebirge abzustiefeln. Was du vorschlägst, leuchtet ein; es würde sich nur fragen, wo wir ein geeignetes Fahrzeug herbekommen.«

»O, Kanoes genug. ?Flinker Biber? besorgen.«

»Wolltest du das, dann allerdings würde ich mich nicht lange besinnen und deine Hilfe hierfür in Anspruch nehmen.«

»Hugh!« erwiderte kurz der rote Mann und wandte sich sogleich dem nordwestlichen Berghange zu, um von dort nach einem engen Tal niederzusteigen, aus dem streckenweise der schmale weiße Silberstreifen eines ziemlich bedeutenden Wasserlaufes empor leuchtete.

Addy gab den Rangers ein Zeichen und alsbald folgten die vier Weißen.

Schon nach einer halben Stunde langten sie auf der Talsohle an, traten in einen dichten Wald ein und nach einer nochmaligen, kaum viertelstündigen Wanderung vernahmen sie Wasserrauschen.

Der »Flinke Biber«, der bislang schweigend und mit weit ausgreifenden Schritten vorangeeilt war, verlangsamte jetzt seinen Lauf und ließ den Jäger an sich herankommen. »Was Addy lieber?« fragte er. »Weg bis an das große Wasser durch Wald weit, aber gut. Weg auf Wasser schlecht, aber kurz.«

»Ich bin allemal für die Kürze,« entgegnete der Jäger, »vorausgesetzt in diesem Falle, daß dein Wasserweg einigermaßen fahrbar ist, und daß wir nicht Gefahr laufen, elendiglich zu ersaufen.«

»Wasser schlecht, aber sehr schnell ? kommen und sehen,« versetzte der Oneida und eilte wieder vorwärts.

Nach wenigen Minuten standen sie am Ufer eines dreißig bis vierzig Meter breiten Flusses, der mit reißender Schnelligkeit gurgelnd und brausend zu Tal jagte.

»Nun, die Sache sieht wenig einladend aus. Aber ich kenne dich als guten Steuermann; du wirst uns sicher führen.«

»?Flinker Biber? führen, ?Flinker Biber? gut führen.«

Auch die drei Rangers, alle drei Männer von Kühnheit, wagemutig und entschlossen geworden in den endlosen Kriegen, waren mit der Wasserfahrt einverstanden. Sie halfen sofort auch wacker mit, als der »Flinke Biber« und der Jäger daran gingen, zahlreich kreuz und quer umherliegende Baumstämme an das Ufer des Flusses zu rollen und zum Teil auf das erforderliche Maß zu kürzen, um daraus einen Floß zusammenzustellen.

Bald lagen die erforderlichen Stämme nebeneinander gereiht. Sie wurden dann durch natürliche Taue, welche die Männer den hier üppig wuchernden Schlinggewächsen entnahmen, zweckentsprechend untereinander verbunden.

Der »Flinke Biber« fertigte am hinteren Schmalteil des Fahrzeugs aus demselben Material mit geübter Hand eine mächtige Schlinge und steckte in dieselbe einen schaufelartig zum Steuerruder geformten, teils natürlich gebildeten, teils mit dem Beile zugehauenen Baumstamm.

Darauf wurde das nunmehr fertige Floß vollends zu Wasser geschoben und von den vier Weißen bestiegen; der Indianer stand bereits am Steuer.

Einen letzten Stoß gegen das Ufer, das Fahrzeug geriet ins Schwanken und schoß dann, von der Kraft der Fluten erfaßt, dahin auf den brausenden und schäumenden Wassern.

Diese Fahrt, hier in der Einsamkeit der unberührten Wildnis, war herrlich, aber nicht ungefährlich.

Wie eine grüne Laube wölbte sich von beiden Seiten nach der Mitte des Flusses die Fülle des üppigen Urwaldes und verbreitete an den schmalen Stellen ein zauberisches Halbdunkel.

Zwischen den mächtigen Baumstämmen ragten riesige Farne auf; allerlei Schlingpflanzen kletterten bis in das entlegenste Geäste der Bäume, von wo sie oftmals bis auf die Oberfläche des Wassers überhingen.

Aber einzelne der Waldriesen waren durch Altersschwäche oder irgend welche elementare Ereignisse auch zu Fall gekommen. Sie hatten sich in ihrem Sturze quer in den Fluß gelegt, wodurch sich manche nicht ungefährliche Stromschnelle bildete, so daß es bei der pfeilschnellen Fahrt der vollen Aufmerksamkeit und der ganzen Geschicklichkeit und Kraft des Steuermanns bedurfte, diesen Hindernissen immer noch im rechten Augenblick auszuweichen.

So jagten sie wohl eine halbe Stunde talab und erst allmählich veränderte sich das Bild. Die Ufer wurden höher, die Vegetation trat zurück, dafür zeigten sich aber jetzt im Flußbette unzählige Klippen, durch die tosend und brandend das Wasser sich seinen Weg bahnte, eine Menge gurgelnder Strudel und Sturzwogen bildend.

Wie aus Erz gegossen stand der Häuptling am Steuer, das Auge prüfend und messend voraus gerichtet.

Aber wie aus Erz gegossen stand der Häuptling am Steuer, das feurige Auge prüfend und messend voraus gerichtet, jetzt eine wohlberechnete leichte Schwenkung des Fahrzeuges vollführend, dann wieder das mehr als einfache Steuerruder mit gewaltigem Ruck herumwerfend, um die Gefahr des Augenblicks zu überwinden.

Endlich wurden die Ufer wieder etwas niedriger, traten weiter und weiter zurück und die Wasser zogen jetzt in ruhigeren Bahnen.

Die Männer erhoben sich auf den schwanken Planken, an die sie sich während der rasend schnellen Fahrt angeklammert hielten und schüttelten sich lachend das Wasser aus den Kleidern, das oft, kleinen Sturzseen gleich, über sie hereingebrochen war.

Der Wald schwand zu beiden Seiten und in nicht allzu großer Ferne wurde die grauneblichte Fläche eines großen Sees sichtbar.

Der »Flinke Biber« steuerte das langsam treibende Floß an einen von überhängendem Buschwerk bedeckten Ufereinschnitt, wo die Männer an das Land sprangen.

»Das nennt man eine Fahrt!« rief der Kanadier, sichtlich froh, daß er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. »Wette, daß wir in der einen Stunde einen vollen Tagesmarsch hinter uns gebracht haben.«

»Wenn marschieren,« erklärte der »Flinke Biber«, »dann ganze Zeit brauchen vom Morgen bis zum Abend.«

»Und willst du uns sagen, wo wir jetzt sind?« fragte Addy.

»Hier Oneidagebiet, hier sicher, nichts fürchten; aber besser, wenn Oneida weiße Krieger nicht sehen.«

»Wenn du das für geraten hältst, dann werden wir uns selbstverständlich möglichst unsichtbar machen.«

»Bleiben im Busch, gehen nicht an See; ?Flinker Biber? Kanoe holen.«

»Wann gedenkst du mit dem Fahrzeug wieder hier zu sein?«

»?Flinker Biber? sehr eilen, aber nicht vor Abend wiederkehren; erst wenn Nacht, dann kommen; dann gleich weiterfahren.«

Der Indianer wandte sich zum Weggehen, kehrte aber nochmals um und reichte dem Jäger seinen Bogen und ein Bündel Pfeile dar, womit er sich zu diesem Zuge wohl nicht ohne Absicht statt der Flinte bewaffnet hatte.

»Hier nehmen!« sagte er, »?Flinker Biber? wissen, Addy mit Büchse besser schießen, aber Wild auch mit Pfeil treffen. Wenn Hunger, am Flusse viele Vögel, im Wasser viele Fische, im Walde Hirsch; Büchse nicht sprechen lassen.«

Addy nahm die Schußwaffe dankend entgegen, worauf der Indianer in den Büschen verschwand.

»Ein guter Kerl, diese Rothaut,« meinte Webster, dem Ansehen nach der kräftigste unter den drei Grenzern. »Wir werden, soll uns gelingen, was wir vorhaben, gut tun, wenn wir uns den Burschen warm halten.«

»Ja, es ist ein prächtiger Mensch,« bestätigte der Jäger, und er schilderte den Genossen mehrere Züge aus seinem eigenen und dem Leben des roten Mannes, die dazu führten, eine dauernde, aufrichtige und wahre Freundschaft zwischen ihm und dem Oneida anzubahnen. Er verschwieg ihnen auch nicht sein Bedenken, daß die aufopferungsvolle Teilnahme an ihrem Vorhaben für den Indianer schlimme Folgen haben könne, worüber die etwas rauher angelegten und durch das Kriegshandwerk hart gewordenen Rangers freilich viel nüchterner und darum auch praktischer dachten.

Die Sonne wandte sich allgemach dem Zenith zu und die Männer empfanden das Bedürfnis für eine Magenstärkung zu sorgen.

Eingedenk der Mahnung des »Flinken Bibers« bediente sich Addy des Bogens und der Pfeile, um mit sicherem Schusse mehrere feiste Enten und einige andere genießbare Wasservögel zu erlegen, die dann von Murphy, der für heute die Aufgabe des Kochs zu übernehmen hatte, an niedrig gehaltenem Feuer kunstgerecht am Spieße gebraten wurden. Nach eingenommener Mahlzeit wurden für den Rest des Tages die Wachen eingeteilt. Da die kommende Nacht voraussichtlich geopfert werden mußte, ermahnte Addy die wachefreien Männer, der Ruhe zu pflegen.

Als es endlich Abend und dunkel geworden war, stellte sich der »Flinke Biber« wieder ein. Er verständigte Addy, der gerade die Wache hielt, daß es jetzt Zeit sei, ihm zu folgen.

Schnell wurden die Schläfer geweckt, die Reste der Mahlzeit zusammengepackt und das bereitliegende Boot bestiegen.

Es war ein geräumiges, aus Birkenrinde gefügtes, mit vier Schaufelrudern versehenes indianisches Kanoe.

Addy und die drei Rangers setzten sich auf die Ruderbänke, während der »Flinke Biber« wieder am Steuer Platz nahm.

Mit kräftigem Durchzug legten sich die vier Männer in die Riemen, während der Indianer ein fünftes Ruder mit etwas breiterem Blatt als Steuer handhabte.

Der Häuptling hatte schon zuvor sämtliche Ruderblätter mit Leinwandfetzen umwickelt und fast geräuschlos glitt daher das Fahrzeug den Fluß hinab bis zur Mündung, wo es sofort quer über den See nördlichen Kurs nahm.

Das Boot war, trotzdem es sich als sehr stabil erwies, ungemein leicht gebaut und hatte einen guten Fortgang.

Gleichwohl war Mitternacht längst vorüber, als endlich über dem Bug die gespenstischen Schatten des nördlichen Seeufers auftauchten.

Hier steuerte der »Flinke Biber« in einen schmalen Wasserlauf, verfolgte denselben noch eine kleine Strecke und ließ dann das Boot ans Ufer laufen.

»Weiße Männer viel rudern, weiße Männer gut rudern,« erklärte er. »Hier ruhen; wenn Tag kommen, wieder rudern.«

»Du hast bisher so viele Vorsicht beobachtet und du wolltest jetzt, da wir dem Huronengebiet mit jedem Ruderschlage näher kommen, morgen am hellen Tage weiter?« fragte einigermaßen erstaunt Addy.

»Oneidakrieger ?Flinken Biber? nicht mehr sehen, Huronendörfer noch sehr weit.«

»Und andere, den Weißen feindlich gesinnte rote Leute kämen uns hier nicht in die Quere?«

»Hier nirgends Inschen, hier ohne Gefahr bei Tag fahren. Wenn Huronendörfer nahe, dann wieder bei Nacht rudern.«

Addy, der die Gegend hier oben an den Seen zwar ziemlich genau kannte, aber über die derzeitigen Niederlassungen der Indianer, die ihre Wohnungen gar oft verlegten, natürlich nicht orientiert war, mußte sich mit dieser Erklärung wohl oder übel zufrieden geben. Uebrigens fühlte er sich keineswegs irgendwie beunruhigt, hatte er doch oft genug Gelegenheit gehabt, die Vorsichtigkeit seines roten Freundes kennen zu lernen.

Auch die Rangers brachten nach allem, was sie über das Freundschaftsverhältnis zwischen dem Jäger und dem roten Manne gehört hatten, seiner Führung volles Vertrauen entgegen. Zudem forderte er jetzt zu einer Rast auf und das war ihnen nach der anstrengenden und ungewohnten Ruderarbeit nur willkommen.

Nachdem der Indianer sich auch noch erboten hatte, für die nächsten Stunden die Wache zu übernehmen, suchte sich jeder einen Ruheplatz.

Bald nach Tagesanbruch weckte der »Flinke Biber« und neugekräftigt stieg man ins Boot.

Man verfolgte den schmalen und trägen Wasserlauf mehrere Stunden weit und endlich hatte man ihn hinter sich.

Vor den Blicken der Männer tat sich wieder eine weite Seefläche auf, die zwar nur etwa zwei Kilometer breit, ihrer Länge nach aber gar nicht zu übersehen war.

Die Ufer, die dicht bedeckt mit allerlei Farnen, Gräsern und moosüberwuchertem Steingeröll waren, darüber sich mächtige Weißeichen und herrliche Ulmen wölbten, boten ein überaus malerisches Bild dar. Ueber den Baumwipfeln zogen große Raubvögel, nach Beute spähend, ihre weiten Kreise; auf dem glatten Wasserspiegel aber trieben Tausende und aber Tausende Taucher der mannigfaltigsten Arten ihr Spiel. Große Entenscharen schwammen schlummernd umher, den Kopf nach rückwärts zwischen die Flügel gesteckt, darunter die farbenprächtige Wald- und die blendend weiße Schneeente. Entlang dem Ufer, im seichten Gewässer stand regungslos der langhalsige blaue Reiher ? das Ganze ein Bild des beschaulichsten, stillen Dahinlebens.

Sobald sich aber das Boot einer Gruppe dieser Wasserbewohner näherte, erhob sich alsbald ein schriller Warnungsruf. Die Taucher verschwanden im Wasser, die aufgeschreckten Enten stimmten ein ohrenbetäubendes Geschnatter an und nun zeigte sich erst recht der Reichtum des tierischen Lebens. Sofort erhoben sich unzählige Flügelpaare zu wilder Flucht und rauschten auf ihren farbenprächtigen Fittichen weiter hinaus in den See oder dem schützenden Walde zu.

Es war klar, daß an den Ufern dieses Sees dauernd keine Menschen weilten, denn sonst hätte sich hier das tierische Leben und Treiben nicht in dieser fast überreichen Weise und idyllischen Ursprünglichkeit erhalten.

Gleichwohl steuerte der »Flinke Biber« ziemlich dicht am östlichen Ufer, wohl in der Absicht, wenn sich dennoch eine Gefahr zeigen sollte, rasch in einer kleinen Bucht oder hinter überhängendem Buschwerk zu verschwinden.

Unter diesen Umständen, die gar viel Neues und Interessantes beobachten ließen und mitunter auch die Kraft des Bogens und des Pfeiles zu erproben Gelegenheit boten, schwand die Zeit den Ruderern rasch dahin und schon kurz nach Mittag gelangten sie an ein Wirrsal von Felseninseln, die, reichlich mit Humuserde bedeckt, einen üppigen Pflanzenwuchs aufwiesen. Aus den Rissen und Nischen der Felsenwände ragten reichbelaubte Bäume empor, die mit einem dichten Gehänge von allerlei Schlingpflanzen überzogen waren, das über die Felsenmauern hinweg oft bis in das Wasser niederhing. Ueberall wucherten üppige Blätterbüschel der seltsamsten Formen und Farben, wechselnd von mattem Grau bis zum brennendsten Rot; dazwischen sahen neugierig unzählige buntfarbige Blüten hervor.

Der »Flinke Biber« steuerte mitten hinein in dieses Inselchaos und legte, um den Rudernden wieder einige Erholung zu gönnen, an einer geschützten und leicht zugänglichen Stelle eines der kleinen Eilande an.

»Hier gut, hier sicher, hier bleiben bis Abend, dann wieder weiter fahren; Huronendörfer nicht mehr weit, dort hinter den Bergen,« erklärte er.

In der Tat erhoben sich zur rechten Seite des Sees, nur noch wenige Meilen entfernt, einige ansehnliche bewaldete Höhen und dahinter sollte also das erstrebte Ziel liegen.

Man suchte und fand bald eine munter sprudelnde Quelle, zog den Mundvorrat und die auf der Herfahrt ergatterte Jagdbeute hervor und suchte sich, den Umständen angemessen, bestmöglich einzurichten. Auch der »Flinke Biber« langte, als das Mahl bereitet war, wacker zu, zog sich aber bald in das Kanoe zurück, um, unterstützt von dem Jäger, sich der teilweise sehr nötig gewordenen Ausbesserung der Umwickelung der Ruderblätter zu widmen.

»Nun bald wissen, ob Singendes Maul und seine Squaw noch Skalp haben,« sagte der rote Mann, indem er an einem der Riemen emsig wand und schnürte.

»Ich hoffe, daß es so ist,« versetzte Addy. »Ich hoffe auch, daß ihre Befreiung gelingt.«

»Wenn klug sein, dann müssen gelingen.«

»Wie wir zu Werke gehen werden, das wollen wir von den Umständen abhängig machen. Zunächst bin ich dafür, daß wir uns jedenfalls in der kommenden Nacht noch an Ort und Stelle, das heißt auf den bestmöglichen Beobachtungsposten begeben, wenn du nicht etwa ein stichhaltiges Bedenken dagegen geltend zu machen hast.«

»?Flinker Biber? weißen Freund heute abend noch führen; er nichts einwenden ? heute noch an das Dorf schleichen; keine Zeit verlieren.«

»Dann aber, wenn wir so weit sind, wirst du die Freundlichkeit haben und uns unserem Schicksal überlassen.«

»Erst an den Bergen sein, dann darüber weiter reden.«

»Du willst mir schon wieder unter den Händen hindurchwischen, aber ich will dir sagen, daß es mein voller Ernst ist; du wirst dann umkehren; ich werde dann keinen Einwand mehr gelten lassen.«

»Ja, ?Flinker Biber? zurückkehren, über das Wasser zurück; aber jetzt noch nicht wissen wann; erst wenn Huronendörfer sehen.«

Der rote Mann sagte das mit einer solchen Bestimmtheit und Entschiedenheit, daß der Jäger, in der Befürchtung den Freund zu verstimmen, bei seiner Forderung vorläufig doch nicht mehr verweilen mochte.

Sie besprachen dann bei ihrer Arbeit noch manches. Darüber verging der Rest des Nachmittags, bis es endlich dunkelte. Sie weckten nun die Rangers, die sich inzwischen aufs Ohr gelegt hatten, man stieg ins Boot und mit neuen Kräften ging es weiter.

Obwohl das Fahrzeug völlig geräuschlos zwischen den Eilanden dahinglitt, kamen sie jetzt verhältnismäßig nur langsam vorwärts, denn der »Flinke Biber« beobachtete nunmehr die größte Vorsicht, nützte jeden Schatten und sondierte, ehe er eine der Inseln umsteuerte, zuvor genauestens jede Krümmung. Erst nach zweistündiger Fahrt hatten sie die kleinen Eilande hinter sich und ruderten von da an im offenen See entlang dem östlichen Ufer. Allgemach erschienen die dunklen Silhouetten der Berge, die sie zu erreichen hatten, höher und höher. Endlich bog das Boot in einen schmalen Wasserlauf von ziemlich starker Strömung ein. Noch einige hundert Schritte harter Arbeit dann steuerte der »Flinke Biber« an das Ufer.

Die vier Weißen sprangen an das Land und sahen nach ihren Waffen.

Der Indianer zog das Boot in einen kleinen Ufereinschnitt unter überhängendes Gesträuch und verwahrte unweit davon unter dichtem Gestrüpp die Ruder.

»Jetzt ?Flinkem Biber? folgen,« flüsterte dieser und trat hinab an das Ufer; die Weißen folgten seiner Aufforderung.

Um keine Fährte zu hinterlassen, gingen sie wohl eine Viertelstunde lang im seichten, ziemlich stark strömenden Uferwasser flußauf und bogen dann waldein in das Bett eines kleinen Bergbächleins, das sie noch eine ziemliche Strecke weit, fortgesetzt im Wasser stapfend, verfolgten.

Endlich stieg das Erdreich erheblich an und jetzt trat der »Flinke Biber« aufs Trockene.

Unmittelbar vor den Männern erhob sich ein einzelner kegelförmiger und reichbewaldeter Berg, den sie, durch dick und dünn ihren Weg bahnend, bis zur Spitze hinanstiegen.

Als sie den höchsten Punkt erreicht hatten und jenseits nach einem Lebenszeichen ausspähten, lag das ganze vorliegende Gelände still und dunkel.

»Das gut, wenn kein Feuer,« meinte der »Flinke Biber«. »Vielleicht Krieger Dorf schon verlassen, vielleicht schon auf dem Kriegspfade.«

Man verteilte die Wachen und legte sich dann zur Ruhe.

Am anderen Morgen, als kaum die erste Dämmerung sich zeigte, waren die Männer schon munter und spähten neugierig hinab in die Tiefe.

Ihre Erwartung wurde aber auf eine harte Probe gestellt, denn der ganze Talgrund bis weit hinaus in den See lag überdeckt von dichtem Nebel.

Erst als der glühend rote Sonnenball im Osten emporstieg, begannen die weißlichen Schleier sich zu zerteilen und zogen in langgestreckten Schwaden höhenwärts, wo sie allmählich zerflossen.

Jetzt tat sich vor den Augen der Männer eine ziemlich beträchtliche, von Busch und Wald besetzte Niederung auf, die, vom See her ansteigend, sich allmählich zu einem immer schmäler werdenden Talausläufer gestaltete und sich als enges Tal zwischen den östlichen Bergen verlor.

Unweit des Seeufers wurde eine große Anzahl Indianerhütten sichtbar, unter denen aber kaum die Hälfte als bewohnt gelten konnte. Der größere Teil derselben befand sich unleugbar in einem höchst verwahrlosten Zustande. An vielen hingen von den Wänden die Fetzen nieder; sie waren von Wind und Wetter größtenteils schief gelegt, manche schon ganz zusammengebrochen. Man konnte sehen, der langjährige Krieg und der große Menschenverlust hatten den Huronen schon übel mitgespielt.

Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachteten die Männer das Indianerdorf.

Ein leiser Ausruf entfuhr Addy und er wies mit dem Finger nach der Mitte des Dorfes, wo von einem durch seinen Umfang sich auszeichnenden Wigwam ein fast zwanzig Meter hoher, mit grellen Farben bemalter Pfahl sich erhob.

»Addy Totem wieder erkennen,« versetzte der »Flinke Biber« beifällig. »Totem zeigen viele Hirsche ? das Wigwam des Thayendanegeas!«

»Und der Bogen an dem Wappenpfahle fehlt!«

»Addy gutes Auge, Addy Falkenauge. Wenn Bogen und Pfeile an Totem hängen, dann Thayendanegeas in seinem Wigwam; wenn nicht hängen, dann fort über den See oder über die Berge.«

»Das Glück scheint uns gleich am ersten Tage günstig. Wenn der Häuptling fort ist, darf man billig annehmen, daß er auch den größten Teil seiner Krieger mitgenommen hat.«

»Das gleich sehen, das gleich sehen,« versetzte der »Flinke Biber«.

Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachteten die Männer das Dorf.

Einige Hunde schlichen schnüffelnd zwischen den Hütten umher; seitlich der letzteren weideten auf nahem Wiesengrunde einige Ponies.

Nach und nach wurde es auch in einigen Wigwams lebendig.

Kleine dünne Rauchwölkchen kräuselten aus den Rauchlöchern empor. Einige in buntfarbige Kittel gekleidete alte Weiber wurden sichtbar, kenntlich an ihrer gebückten Haltung und an ihrem watscheligen Gange.

Sie wandelten alle nach einem das Dorf durchschneidenden Rinnsal, Wasser zu schöpfen.

Fast eine Stunde verging, bis endlich zwischen den Hütten auch einige Krieger sichtbar wurden. Sie alle trugen das sogenannte, schon von weitem kenntliche Blanket der Engländer, die bei den Huendas beliebte blauweiße wollene Decke, togaartig um die Schulter geschlungen, und beschränkten sich darauf, zwischen den Wigwams auf und ab zu wandeln oder da und dort vor den Hütten sich auf die Erde zu lagern.

Bald galt es bei den oben auf der Lauer liegenden Männern als eine ausgemachte Sache, daß nur eine geringe Anzahl Krieger im Dorfe anwesend sei.

Sobald Addy und der »Flinke Biber« das erkannt hatten, gingen sie daran, einen Kriegsplan zu entwerfen, woran sich auch die drei Rangers, insbesondere der temperamentvolle Kanadier, beteiligten, der angesichts der schwachen Insassenschaft des Dorfes, die zudem wahrscheinlich nur aus älteren oder gar invaliden Kriegern bestand, vorschlug, sofort niederzusteigen und dasselbe kurzweg im Sturm zu nehmen.

Er stieß aber damit sowohl bei Addy als dem »Flinken Biber« auf entschiedenen Widerstand, zumal der letztere es sich trotz aller Einwendungen des Jägers auch jetzt nicht nehmen ließ, bei der beabsichtigten Befreiung der Gefangenen persönlich mitzuwirken.

So wurde denn der Niederstieg zum Dorfe auf die Zeit nach Einbruch der Dunkelheit verlegt und jedem einzelnen die zufallende Aufgabe möglichst genau vorgezeichnet.

Alle empfingen die bestimmte Weisung, daß man sich, ob man nun die Gesuchten gefunden habe oder nicht, nach vollbrachter Tat zu dem Kanoe jenseits des Berges zurückziehen und dort zusammentreffen werde, worauf dessen Lage durch den »Flinken Biber« von der Höhe aus nochmals genauestens gekennzeichnet wurde.

In der Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, erschien der Tag den in ihrem Versteck untätig liegenden Männern recht lang. Sie beschränkten sich darauf, die Vorgänge unten im Dorfe weiter zu beobachten, wodurch sich die Annahme vom Morgen her aber nur immer wieder bestätigte.

Endlich ging der Tag zur Neige; die Sonne tauchte jenseits des Sees hinab über den Horizont und in der Niederung wurde es rasch dunkel.

Addy gab das Zeichen und vorsichtig stiegen sie in der Finsternis des Waldes an der Berglehne nieder.

Auch die Rangers waren tüchtige Beschleicher; durch die jahrelange Kriegführung gegen die Rothäute hatten sie sich längst so geübt, daß sie den beiden anderen an Vorsicht und Gewandtheit nichts nachgaben. Geräuschlos glitten die Männer dahin; nur ab und zu raschelte ein aufgeschrecktes Kleintier durch die Farne, Gräser und Büsche.

Unten angekommen, wandten sie sich geradeswegs gegen das Dorf.

Bald tauchten die grauweißen Wigwams gespenstisch aus der Dunkelheit vor ihnen auf; da und dort stammten noch die Hüttenfeuer und ließen die Umrisse der im Innern sich bewegenden oder kauernden Gestalten als scharfe dunkle Silhouetten auf der Zeltleinwand erscheinen.

Etwa hundert Schritte noch vom Dorfe entfernt wurde Halt gemacht.

Der »Flinke Biber« hatte sich trotz der energischen Einsprache des Jägers den Versuch ausbedungen, das Versteck der Gefangenen auszukundschaften und zunächst allein in das Dorf zu schleichen. Erst nach seiner Rückkehr sollte, je nach den Beobachtungen, die er gemacht hatte, zu dem entscheidenden Schlage geschritten werden.

Beweglich gleich einer Schlange schlich der »Flinke Biber« gegen das Dorf und verschwand geräuschlos zwischen den Hütten.

Wohl eine Stunde verging und sie deuchte den wartenden Männern eine Ewigkeit.

Im Dorfe blieb es zwar ruhig, nichts verriet, daß der Oneida auf ein Hindernis gestoßen sei.

Gleichwohl bangten sie für ihn, lauschten mit angehaltenem Atem auf das geringste Geräusch, jeden Augenblick bereit, ihm auf das verabredete Zeichen zu Hilfe zu eilen.

Endlich tauchte ein Schatten hinter dem nächstgelegenen Zelte auf und langsam und vorsichtig nahte der Häuptling wieder dem Verstecke.

»Es sein gut so,« flüsterte er, ? »?Flinker Biber? weiße Squaw sehen, Singendes Maul hören; er blasen; aber er blasen nicht lustig, er blasen sehr traurig. ? ?Flinker Biber? weiße Squaw befreien, Addy das Singende Maul aus dem Dorfe holen.«

»Und zwar jetzt gleich, so meinst du doch?«

»Ja, jetzt gleich holen, nicht warten; jetzt im Dorf Feuer löschen, dann ganz dunkel; später Sonne der Nacht, dann nicht so dunkel.«

»Dann also los!« flüsterte der Jäger den Rangers zu. »Es bleibt bei dem verabredeten Plane ? frische Fische, gute Fische ? wir wollen keine Zeit verlieren!«

Sofort erhoben sich der Kanadier und Webster und schlichen rechter Hand in die Büsche.

»Das gut so,« flüsterte der »Flinke Biber«, hörte noch ein Weilchen den beiden nach und drückte sich dann dicht an den Jäger heran, dem er hurtig einige Leinwandfetzen um die Lederschuhe wand und daran festschnürte.

»So besser,« sagte er. »Im Dorfe alte Krieger, schlecht hören, aber so besser.«

Dann zog er ein Bündel hervor und entfaltete daraus einen blauweißen Blanket, den er dem Jäger um die Schultern warf.

»Das ?Flinker Biber? roten Kriegern wegstehlen, das für Addy sehr gut; wenn Singendes Maul haben, dann Huronen Blanket wieder erhalten.«

Dann nahm er dem Jäger auch noch den Filzhut vom Haupte und reichte ihn Murphy dar. Mit schnellem Griffe erfaßte er Addys ziemlich lange Haare, wand sie geschickt in die Höhe und band sie auf dem Hinterkopfe zu einem Knoten, so daß dieser einer Skalplocke glich. Der Oneida raufte sich flink eine der Adlerfedern vom eigenen Kopfe und steckte sie in des Jägers aufgebundenen Haarschopf.

So ausgestattet, konnte der Jäger in der Dunkelheit sehr wohl für einen Huronen gehalten werden.

Addy mußte lächeln, aber er sah wohl ein, daß ihm diese Metamorphose unter Umständen sehr zu statten kommen könne, und er drückte seinem roten Freunde dankbar die Hand.

Schweigend hielten die drei Männer: Murphy, der die Aufgabe hatte, hier zu verbleiben, im kritischen Fall einzugreifen und vor allem einen etwaigen Rückzug zu decken ? Addy und der »Flinke Biber« jeden Augenblick bereit aufzubrechen.

Da hörte man im Dorfe einen Hund heftig anschlagen, worauf sofort noch einige andere ziemlich heisere Köter zu bellen anfingen.

In der Richtung, in welcher der Kanadier und Webster verschwunden waren, wurde Pferdegetrappel vernehmbar, wilde Rufe folgten.

Diese beiden Weißen hatten sich plangemäß über die seitlich der Hütten auf der Weide befindlichen Ponies hergemacht und trieben dieselben zu Berge.

Jetzt wurde es im Dorfe lebendig; auch dort erschollen laute Rufe.

»Das guter Spaß,« sagte still lachend der sonst so ernste Häuptling. »Addy das gut machen. Hören wie Huendas auf Pferdediebe schimpfen?«

Die Verwünschungsrufe im Dorfe wurden lauter, die Bewegung, die das Dorf ergriffen hatte, immer lebhafter.

Jetzt hörte man in der Richtung, in der das Pferdegetrappel nur noch von fernher vernehmlich war, flüchtige Tritte eilen ? dann knallte ziemlich weit oben im Talgelände ein Schuß.

»Jetzt dürfte es an der Zeit sein,« flüsterte der Jäger dem »Flinken Biber« zu.

»Hugh!« erwiderte dieser leise und erhob sich.

Entschlossen huschten die beiden nach dem Dorfe, der Häuptling übernahm die Führung. Auch er hatte sich inzwischen ein Blanket übergeworfen und mußte in der herrschenden Dunkelheit unbedingt für einen Huronen gehalten werden. In diesem Bewußtsein ging er keck und frei auf das Ziel los; der Jäger folgte.

Wenn es eines gab, das die beiden mit Bedenken erfüllte, so war es, daß nach und nach an verschiedenen Punkten des Dorfes Kienfackeln entzündet wurden; doch drangen die beiden mutig weiter vor, war es ihnen bis jetzt doch noch immer gelungen, dem Fackellichte auszuweichen.

So waren sie verhältnismäßig rasch bis in die Mitte des Dorfes gelangt, wo der Häuptling im Schatten einer fast zusammengebrochenen Hütte stehen blieb und auf einen nur wenige Schritte von ihm befindlichen, innen erleuchteten Wigwam deutete.

»Dort weiße Squaw,« flüsterte er dem Jäger ins Ohr. »?Flinker Biber? sehen, wie mit Indianersquaw Maisbrot bereiten; ?Flinker Biber? weiße Squaw holen; vorher zeigen, wo Singendes Maul.«

Der Jäger nickte mit dem Kopfe zum Zeichen seines Einverständnisses, und rasch eilten die beiden weiter.

Da, als sie eben an der Hütte vorüber wollten, welche der Häuptling als den Aufenthaltsort der weißen Frau bezeichnet hatte, wurde plötzlich der Vorhang des Zeltes zurückgeschlagen und eine alte, schon bejahrte Indianerin, einen brennenden Kienspan in der Rechten hochhaltend, trat vor den Eingang.

Der »Flinke Biber« ging keck an ihr vorüber und sie ließ ihn ungehindert vorbei. Dem Jäger, der dicht hinter ihm herging, war die Gefahr, erkannt zu werden, sofort zum Bewußtsein gekommen, und er versuchte sich schnell noch seitwärts zu wenden, aber es war bereits zu spät. Das Unglück wollte es, daß die Alte in diesem Augenblick den brennenden Span hoch emporhielt, so daß sie dem Jäger unmittelbar in das Gesicht leuchtete. Sie fuhr betroffen zurück und brach sofort in ein kreischendes Geschrei aus. Zum Glück hatte sie in ihrem Schreck auch die Leuchte fallen lassen, die Addy sogleich mit dem Fuße zertrat, während seine rechte Hand blitzschnell die Gurgel des Weibes erfaßte. Mit einem Ruck hob er die Frau auf seine Arme empor und verschwand mit ihr im Eingang der Hütte.

Sofort war auch der »Flinke Biber« zur Stelle, der dem Weibe mit einem Erdklumpen, wie er ihn mit einem raschen Handgriffe schnell vor der Hütte aufraffte, energisch den Mund verstopfte.

»Nun Squaw, nicht mehr schreien,« flüsterte er nach kurzer, aber emsiger Arbeit, »jetzt hinlegen und binden.«

Schnell legte Addy das Weib auf den Boden nieder.

»Tut mir recht leid, verehrteste Madame,« sagte er dabei, »daß ich Sie so hart anfassen mußte, aber die Umstände entschuldigen den Menschen; seien Sie übrigens unbesorgt, es geht Ihnen nicht ans Leben.«

Der »Flinke Biber« hatte sich bereits niedergebeugt, um der Frau mit einem Lederriemen die Arme an den Leib und dann die Füße zusammen zu schnüren, während der Jäger sich nach dem Feuerherd wandte und an der Glut desselben einen der vorhandenen Späne entzündete.

Als die Leuchte einigen Schein verbreitete, gewahrte er im Hintergrunde des Zeltes, bis in die Lippen erbleicht, Binche kauern. In ihren Augen, die starr auf den Jäger gerichtet blieben, lag ein seltsames Gemisch von ungläubigem Staunen und Entsetzen.

»Erkennt Ihr mich nicht?« fragte Addy leise.

Jetzt ging ein Leuchten in dem erdfahlen und eingefallenen Gesicht der Gefangenen auf, aber noch immer sprachlos, streckte sie ihm nur ihre beiden Hände entgegen.

»Seid guten Muts,« ermunterte der Jäger, »nur noch einige Minuten und Ihr seid frei. Wir gehen jetzt, den Franzl zu holen. Der Oneida hier wird zu Euch zurückkehren und ihm sollt Ihr Euch ohne jedes Bedenken anvertrauen. Inzwischen verhaltet Euch mäuschenstille und ? es kann alles davon abhängen ? paßt mir ja gut hier auf die Alte auf!«

Er reichte Binche eines seiner Messer dar, womit sie sich sofort die Fußfesseln zerschnitt, dann stand sie rasch auf, kauerte sich neben die Indianerin und hielt in ihrem Eifer der ohnehin gebundenen Frau mit bedrohlicher Gebärde das Messer an die Gurgel.

Der »Flinke Biber« hatte der Alten vorsichtshalber schnell noch einen aufgerafften Zeuglappen in den Mund gestopft; er war fertig und erhob sich.

Der Jäger nickte Binche nochmals ermutigend zu und löschte den Span.

Die beiden lauschten eine kleine Weile, dann schlug der Häuptling den Vorhang am Eingang des Zeltes sachte zurück und sie traten ins Freie.

Draußen vor der Hütte war es still und dunkel. In der Ferne hörte man Hundegebell und ab und zu eine Büchse knallen. Offenbar war die ganze Dorfinsassenschaft aufgebrochen und hinter den vermeintlichen Pferdedieben her. Selbst die Weiber schienen die Hütten verlassen und sich zur Beobachtung des Vorganges außerhalb des Dorfes begeben zu haben. Man hörte auf der Bergseite in der Entfernung von einigen hundert Schritten eine Menge hellklingender Stimmen wirr durcheinander schreien; im Dorfe selbst aber war, außer der gebunden liegenden Frau, eine Squaw bisher nicht zu sehen gewesen.

So gelangten die beiden ungehindert an einer Reihe weiterer Hütten vorbei, bis der Häuptling plötzlich stehen blieb und auf einen innen erleuchteten Wigwam deutete. Der matte, durch die Leinwandhülle nach außen dringende Schimmer war stark genug, die schattenhafte Silhouette eines vor dem Eingang stehenden Kriegers erkennen zu lassen.

Dieser Mann stand, auf die Mündung seiner Büchse gestützt, und hatte augenscheinlich seine ganze Aufmerksamkeit dem in der Ferne sich abspielenden Vorgange zugewendet.

Addy legte dem »Flinken Biber« zum Zeichen, daß er verstanden habe, einen Augenblick die Hand auf die Schulter und schlich dann geräuschlos wie eine Katze um eine noch dazwischen liegende Hütte herum, so zwar, daß er nur wenige Schritte hinter dem Huronen zu stehen kam.

Plötzlich schnellte der Jäger wie aus dem Rohre geschossen, mit einem gewaltigen Sprunge aus der Dunkelheit hervor und erfaßte den roten Mann im Genick.

Der Widerstand des roten Mannes wurde schwächer und hörte zuletzt ganz auf.

Ein Ruck, ein Stoß und er hatte ihn zu Boden geworfen.

Der »Flinke Biber« ließ in diesem Augenblicke einen gurgelnden, Beifall ausdrückenden Laut vernehmen und verschwand.

Die Überrumpelung des Huronen war aber keineswegs als eine schon vollständige zu betrachten.

Der Indianer war zwar durch die Wucht des Angriffes, die ihn plötzlich aus dem Gleichgewichte brachte, wie ein Mehlsack zu Boden geschlagen, sammelte sich aber schnell und wehrte sich nun gewaltig.

Addy dagegen glaubte bereits gewonnenes Spiel zu haben, nahm infolgedessen die Sache etwas zu leicht und sah sich jetzt mit einemmal einem an Kraft ebenbürtigen Gegner gegenüber; zudem war der ihm ungewohnte Blanket, in den sich der rote Mann mit beiden Händen eingekrallt hielt, ungemein hinderlich.

Ein fürchterliches Ringen entstand, und obwohl Addy sich oben erhielt, so blieb es doch lange genug unentschieden, ob er seinen Gegner ohne Waffengewalt überwinden würde.

Endlich gelang es ihm, des Gegners Gurgel zu umfassen; der Widerstand des roten Mannes wurde schwächer und hörte zuletzt ganz auf.

Aber Addy traute dem Huronen nicht; mit dem ganzen Rest seiner Kraft ihn umfassend, schleppte er ihn durch den Eingang der Hütte.

»Ja, was is denn dös,« platzte hier eine Stimme in heller Verwunderung los, »ah ? da schauts her!«

Eine auf der Erde ausgestreckt daliegende Gestalt wollte sich jählings erheben, hatte aber in der Ueberraschung wohl nicht bedacht, daß sie gefesselt war, und sank ebenso schnell auf die unter ihr liegende Matte zurück.

Addy hatte die Lage der Dinge sofort übersehen und warf dem Sprecher, ohne den Huronen loszulassen, sein Messer zu.

Franzl, denn er war es, krümmte und wand sich einigemal gar mächtig auf dem Boden hin und her, schob sich auf diese Weise bis an das Messer heran, erfaßte es und säbelte dann sofort an den Armen und den Füßen die Fesseln durch.

»Helft mir den Roten da binden!« heischte der Jäger.

Das ließ sich Franzl nicht zweimal sagen.

Schnell nahm er die durchschnittenen Bastleinen auf, die er selbst um die Glieder getragen hatte, verknüpfte sie kunstgerecht, und in kürzester Zeit lag der Hurone, dem die Besinnung bislang nicht wiedergekehrt war, gebunden da.

»Nehmt dem Mann den Pulverbeutel!« gebot der Jäger, indem er einer seiner Taschen einen Leinwandknäuel entnahm und dann dem Indianer denselben in den Mund stopfte. »Draußen vor der Hütte findet Ihr seine Flinte ? Euer Weib ist, wenn nichts dazwischen kam, bereits gerettet.«

Franzl wollte des Jägers Hände erfassen und sich in Dankesbezeigungen ergehen, Addy schnitt ihm aber das Wort ab. »Schweigt! ? jetzt nicht; wir haben keine Zeit zu versäumen; folgt mir!«

Franzl versicherte sich, wie ihm geheißen, des Pulverbeutels und nahm draußen vor der Hütte die Flinte des roten Mannes an sich.

Unterdessen hatte der Jäger einige der Kienspäne, die auf dem Feuerherde umherlagen, sich beigesteckt und trat, den Eingang des Vorhangs sorgsam schließend, ebenfalls ins Freie.

Unweit ragte die Silhouette des Totem, das er schon in dem Verstecke am Berge oben beobachtet hatte, in die Dunkelheit der Nacht hinein; dahin lenkte er seine Schritte.

Es stand, wie er alsbald wahrnahm, nur wenige Armlängen entfernt von dem Eingang des Häuptlingszeltes.

Dort angelangt, legte er sein Ohr an die leinene Umhüllung, horchte eine Weile, aber kein Geräusch, keine Atemzüge ließen sich innen vernehmen.

Entschlossen lüftete er den Eingang und betrat, gefolgt von Franzl, den Raum.

Addy zog sofort Stahl und Schwamm hervor, schlug Feuer, entzündete Zunder und Kienspan und entfachte den letzteren durch kräftiges Umherschwingen zur Flamme.

Bald verbreitete der brennende Span so viel Licht, daß der Jäger die nächste Umgebung zu erkennen vermochte.

An den Wänden hingen verschiedene Jagdtrophäen, etliche Beile, Messer und sonstige indianische Gebrauchsgegenstände ? er leuchtete in alle Ecken, konnte aber das, was er suchte, zu seinem sichtlichen Verdrusse nicht entdecken. Kopfschüttelnd warf er den brennenden Kienspan zur Erde und zertrat ihn.

»Kommt, kommt schnell ?« gebot er seinem Begleiter.

Sie verließen die Hütte und betraten einen vor derselben liegenden, ziemlich geräumigen Platz. Jenseits desselben wurden die ungewissen, immerhin aber erkennbaren Umrisse eines großen, mindestens fünfzehn Meter im Durchschnitt messenden Zeltes sichtbar.

Addy erkannte in demselben den Medizinwigwam, und ein leiser Jubelruf kam über des Jägers Lippen.

Schnell hatte er den freien Platz, der ihn von dieser Hütte noch trennte, durchmessen, suchte nicht lange nach dem Eingange, sondern zog sein Messer, und schon im nächsten Augenblick war die Wandung des Zeltes durchschnitten; wußte er doch, daß dieser von den Indianern als geheiligt betrachtete Raum nur einer beschränkten Anzahl Krieger zugänglich und der Eingang daher stets sorgfältig verschlossen war.

Die beiden schlüpften durch das Loch hindurch, und auch hier entbrannte der Jäger sofort einen Kienspan.

Waren die Wände selbst des Häuptlingszeltes fast ärmlich erschienen, hier waren sie überreich mit Pelzwerk behangen und auch der Boden mit zum Teil sehr kostbaren Tierfellen bedeckt. In der Mitte befand sich ein schreiend rot angestrichenes, tischartiges Brettergerüst, bedeckt mit einer förmlichen Ausstellung getrockneter und über Stäbchen gespannter, blau, grün und rot bemalter Skalpe. Aus der Mitte des Gerüstes ragte bis zur Zeltdecke der Medizinpfahl empor und an ihm hing neben anderen Kriegstrophäen des Jägers silberverzierte Büchse.

Als Addy seine schmerzlich vermißte Waffe erblickte, konnte er wieder kaum einen Jubelruf unterdrücken. Er übergab Franzl rasch den brennenden Span, sprang einer Katze gleich mitten auf den Tisch, daß die Stäbe mit den Skalpen geräuschvoll durcheinander fielen, und hob die Büchse von dem Holznagel.

Obwohl Zeit und Umstände wenig dazu angetan waren, unterwarf er die glücklich wiedererlangte Waffe sofort einer kurzen Untersuchung, nickte befriedigt und sprang zur Erde.

»Nun aber fort, ehe uns die ganze rote Brut im Nacken ist,« flüsterte der Jäger Franzl zu, und wie die Füchse krochen die beiden zurück durch das Loch, schlichen einer Reihe Wigwams entlang und hatten das Dorf endlich im Rücken.

Addy hatte sich klugerweise entgegengesetzt dem Schauplatz der Tätigkeit der beiden Rangers, also seewärts gewandt und mußte sich dort verhältnismäßig sicher fühlen, denn nun ging es über das hier offene Gelände beflügelten Fußes der verabredeten Stelle zu, in einem Geschwindschritte, daß Franzl, dessen Glieder durch die wochenlang getragenen Fesseln einigermaßen steif waren, dem Jäger kaum zu folgen vermochte.

Sie erreichten nach längerem Laufe waldigen Grund und vernahmen endlich, nachdem sie auch hier noch eine ziemliche Strecke vorgedrungen waren, von fernher leises Wasserrauschen.

Addy hielt an, legte beide Hände an den Mund und ließ wie damals, als er bei seinem Besuche des Oneidadorfes vom Walde her die Aufmerksamkeit seines roten Freundes erregte, dreimal hintereinander den Schrei eines Vogels ertönen.

Sofort fand der Ruf sein Echo und nun pirschten die beiden in der durch diese Antwort gekennzeichneten Richtung weiter, bis sie endlich am Flußufer und an dem von überhängenden Büschen wohlverdeckten Kanoe standen. In demselben befanden sich bereits Murphy, Binche und der »Flinke Biber«, und sofort sprang auch Franzl in das Boot und feierte mit seinem jungen Weibe ein stilles, freudiges Wiedersehen.

Kaum hatte dann auch Addy in dem Fahrzeuge Platz genommen, als von fernher oben am Flusse das mit den Rangern verabredete Zeichen erklang, worauf der Jäger in kleinen Zeitabständen Antwort gab.

Erwartungsvoll sah man den beiden entgegen und machte unterdessen das Boot klar; der »Flinke Biber« saß bereits am Steuer.

Endlich raschelte es im nahen Ufergebüsche; keuchend langten die beiden an und waren mit einem Satze im Boote.

»Los!« rief fast atemlos der Kanadier und Webster, völlig sprachlos, fuchtelte verzweifelt mit den Armen.

»Was ists?« fragte hastig der Jäger.

»Wir haben die roten Hunde so lange als möglich an der Nase herumgeführt, aber jetzt ist die ganze Meute uns dicht auf den Fersen.«

Erschöpft sanken die beiden auf ihre Ruderbänke, und sofort legten sich Addy und Murphy in die Riemen.

In diesem Augenblick wurden in der Richtung, aus der die beiden Grenzer herbeigelaufen kamen, das Geräusch flüchtiger Tritte und menschliche Rufe laut, und gleich darauf stürzten etwa ein Dutzend dunkle Gestalten aus dem Walde hervor, die, als sie das eben abfahrende Boot erspähten, in ein wildes Geheul ausbrachen. Sofort sandten sie den Bootsinsassen einige Schüsse nach, ja einige der Wilden stürzten sich ins Wasser.

Aber das Fahrzeug war bereits einige Ruderlängen vom Ufer entfernt und sein Bug hatte die Strömung schon gewonnen. Noch einen Ruderschlag, dann ließen Addy und Murphy treiben, nahmen die Büchsen auf und feuerten ebenfalls.

Die Wilden verstummten nun zwar, aber man hörte es an dem Rascheln im Ufergebüsche und an dem klatschenden Geräusche im Wasser, daß sie dem Boote am Ufer und im Flusse folgten.

Unterdessen hatten sich auch der Kanadier und Webster ruderfertig gemacht, und nun legten sich auf die Aufforderung des »Flinken Biber« acht kräftige Arme in die Riemen.

Schon nach einigen lang und machtvoll durchgezogenen Ruderschlägen hatte sich die Entfernung zwischen dem Boote und den Verfolgern so erheblich vergrößert, daß man sich fürs erste vor weiterer Belästigung sicher fühlte.

Aber merkwürdigerweise, so sehr auch das Boot unter dem Druck der vier Riemen flußab flog, es hatte, jeder der vier Ruderer fühlte das, dennoch einen auffallend schweren Fortgang.

Auch der »Flinke Biber« schien es zu empfinden. Balancierend schob er sich auf dem schmalen Steuersitze immer höher, bis er auf demselben aufrecht stand, und spähte mit seinen Glutaugen entlang den Bordwänden.

Jetzt mußte er etwas entdeckt haben, denn mit Gedankenschnelle warf er Addy, der ihm als Schlagmann zunächst saß, den Steuerriemen zu, sprang zwischen den Riemenleuten hindurch und über die Ruderbänke hinweg nach dem Bug so ungestüm, daß das Boot dadurch bedenklich ins Schwanken geriet.

Dort hatte das scharfe Auge des Oneida trotz der Dunkelheit eine neben der Bugspitze auf dem Bord liegende Hand erspäht, die in diesem Augenblicke verschwand.

Aber der »Flinke Biber« war nicht geneigt, sich mit dieser Beobachtung zufrieden zu geben. In der nächsten Sekunde schon hatte er sein Messer gezogen, erfaßte es mit den Zähnen und verschwand in dem hochaufschäumenden Wasser.

Binche, über die der rote Mann hinweggesprungen war, erschrak heftig und kreischte laut auf.

»Ruhig Blut,« mahnte der Jäger. »Der Oneida muß irgend etwas entdeckt haben; er weiß, was er tut.«

Da tauchte der Kopf des Häuptlings, kenntlich an seinem Federschmucke, dicht neben dem dahintreibenden Boote auf, und gleich darauf wurde, etwa eine halbe Bootslänge voraus, ein zweites menschliches Haupt sichtbar.

Sofort tauchte der »Flinke Biber« wieder unter, zwei ? drei Sekunden vergingen, da ließ sich ein gurgelnder Schrei vernehmen und auch der andere Kopf war jetzt von der Oberfläche des Wassers verschwunden.

»Entsetzlich!« schrie Binche.

»Was sein muß, muß sein,« beruhigte der Jäger, »und für ihn sorgt nicht, er ist in seinem Element; er taucht und schwimmt wie ein Fisch; man nennt ihn nicht umsonst den ?Flinken Biber?.«

Noch einmal ließ sich ein Geräusch vernehmen, jetzt eine kleine Strecke hinter dem Boote. Es war, als ob eine suchende Hand plätschernd auf das Wasser schlage, dann wurde es still.

Mit angehaltenem Atem hatten auch die übrigen Bootsinsassen den Vorgang verfolgt und die Ruderer die Riemen schleppen lassen.

Plötzlich fuhr Franzl, der ganz vorn im Boot saß, mit einer Verwünschung vom Sitze auf. »Kruzitürkn,« schimpfte er, »merkts ös nix? Das Malefizschinakl is ja voll Wossa!«

Nun erst wurden auch die anderen gewahr, daß sie bereits über die Knöchel im Wasser standen, und Franzl, der in seinem Bereich sofort die Bootwand untersuchte, stellte fest, daß vorn, nahe dem Kiel, das Wasser über fingersdick einströme.

»Hat also doch noch so ein Schlingel das Boot erreicht und am Ende gar angebohrt,« knurrte der Jäger und kroch zwischen den anderen hindurch schleunigst nach vorne. »Sorgt vor allem, daß die Büchsen und die Pulverhörner trocken bleiben,« mahnte er, nahm den Hut vom Kopfe und versuchte mit diesem das Leck zu verstopfen. Aber bei dem vielleicht allzu kräftigen Bemühen, den Filz in das Loch zu zwängen, gab die offenbar von außen her mit einem scharfen Instrumente bearbeitete, ohnehin dünne Rindenwand nach und ein weiteres Stück brach aus, so daß das Wasser jetzt armsdick in das Boot strömte.

»Es nützt nichts,« entschied der Jäger alsbald, »wir müssen wohl oder übel ans Ufer,« und war flink wieder hinten am Steuer.

Sofort legten sich die beiden mittleren Back- und Steuerbordriemen ins Wasser, und das immer schwerer werdende Fahrzeug trieb langsam, die Strömung träge durchschneidend, ans linke Ufer.

Es war aber auch die höchste Zeit, daß es daselbst anlangte; das Wasser war in der letzten halben Minute im Boote bis an die Ruderbänke emporgestiegen. Und kaum waren die letzten Insassen auf dem Trockenen, da neigte sich der Bug des Fahrzeuges, füllte sich vollends und legte sich auf den Grund.

In diesem Augenblick tauchte der »Flinke Biber« aus dem Wasser auf. Er schien von der inzwischen eingetretenen Katastrophe keineswegs überrascht.

»?Flinker Biber? gleich merken, daß roter Mann an Kanu hängen; er Messer nehmen, er Kanu anbohren,« flüsterte er, schüttelte sich sachte das Wasser vom Leibe und winkte jedem einzelnen, etwas weiter in das Ufergebüsch zurück zu treten.

»Was aber nun?« fragte leise der Jäger, als sie sich, so gut es ging, verborgen hatten. »Sollen wir das Ding herausfischen und den Schaden wieder gut machen? Ich fürchte, die Huronen werden uns dazu keine Zeit lassen.«

»Kanu nicht holen,« entschied der »Flinke Biber«.

»Warum das?« fragte der Kanadier.

»Huronen gleich da sein ? Huronen angebohrtes Kanu nicht finden.«

»Aber, wertes Menschenkind,« versetzte der Kanadier, »die Huronen suchen nicht das Kanoe, die suchen uns ? und wo bleiben wir?«

»Huronen weiße Krieger hier nicht suchen, hier sicher,« entgegnete der »Flinke Biber«. »Huronen weiße Krieger dort suchen,« und deutete mit der Hand hinaus auf den See.

Wie zur Bestätigung dessen wurde das Geräusch von Ruderschlägen vernehmbar. Oben auf dem Flusse tauchte ein Boot auf und glitt keine vierzig Schritte von der kleinen Menschengruppe entfernt pfeilschnell die Strömung hinab; wenige Minuten später folgte ein zweites Fahrzeug.

»Sehen, wie ?Flinker Biber? recht haben,« flüsterte der Häuptling, als die beiden Boote im Dunkel der Nacht verschwunden waren. »Jetzt suchen und können lange suchen; der rote Mann, welcher Kanu anbohren, nicht mehr sprechen.«

»Da bleibt uns nichts übrig,« bemerkte der Jäger recht mißmutig, »als daß wir unseren Heimweg über die Berge nehmen.«

Man sah das Zutreffende dieser Bemerkung wohl ein, jeder einzelne aber erwog im stillen, daß das gegenüber der viel bequemeren und weniger gefahrvollen Seefahrt nur eine wenig verlockende Aussicht war, und der lebhafte Kanadier gab dem endlich auch ziemlich drastischen Ausdruck.

»Ja, sonst Weg über Wasser besser,« meinte der »Flinke Biber«, »aber jetzt Weg über Berge besser. Huronen jetzt sehr eifrig Bleichgesichter suchen; Huronen ganzen See absuchen; wenn Kanu nicht finden, dann auch an Ufer gehen und suchen.«

»Das dürfte nur zu wahr sein,« entschied der Jäger, »und da uns nichts anderes übrig bleibt, tun wir klug, wenn wir die Zeit, die unsere Verfolger auf dem See zubringen, möglichst nützen; wir müssen trachten, bis zur Entdeckung unserer Fährte eine möglichst große Strecke hinter uns zu bringen.«

»Hugh!« erwiderte der rote Mann und schlug sich, gefolgt von den anderen, sogleich in die Büsche.

Entronnen. Das Strafgericht.

Die aus der Gefangenschaft Erretteten und ihre Befreier waren dank dem pfadfinderischen Genie Addys und des »Flinken Bibers« glücklich quer durch das ganze zwischen dem Susquehanna und dem Mohawk liegende Indianergebiet ungefährdet hindurch gekommen und sahen eines Abends von der Höhe eines Bergrückens in der Entfernung von etwa zehn Meilen das Fort Schuyler vor sich, welches sie anderen Tages zu erreichen hofften, wo sie dann so gut wie geborgen waren.

Die Flüchtlinge hatten auf ihrer gefahrvollen Fahrt schon vom ersten Tage an viel Glück gehabt, denn daß sie nach ihrem Aufbruch am See von den sie verfolgenden Huronen nicht mehr belästigt wurden, verdankten sie sicherlich nur dem Umstande, daß in derselben Nacht noch ein heftiger Regen niedergegangen war, der ihre Fußspuren wahrscheinlich vollständig verwischte.

Dann, als sie in den Tagen darauf zahlreiche Indianerfährten kreuzten und dadurch die Gewißheit erhielten, daß das ganze Gebiet von roten Leuten durchschwärmt sei, hatten sie nur die unwegsamsten Täler, Schluchten und Wälder auf oft weiten Umwegen durchschlichen und dazu freilich fast die doppelte Zeit gebraucht, als die Durchquerung des Gebietes unter gewöhnlichen Verhältnissen beansprucht hätte.

Jetzt waren sie alle voll froher Hoffnung, daß die Mühsale ehestens ein Ende haben würden und auch Addy fühlte sich wesentlich erleichtert, was freilich bei ihm einen ganz anderen Beweggrund hatte.

Schwer lastete es bisher auf ihm, daß der »Flinke Biber« sich nicht bewegen ließ, in sein Heimatdorf zurückzukehren, sondern erklärte, seine weißen Freunde nicht eher zu verlassen, als er sie in voller Sicherheit wisse. Wie leicht hätte es zu einem Zusammenstoß mit feindlich gesinnten Indianern kommen und dies für seinen roten Freund dann verhängnisvoll werden können. Diese Befürchtung hatte den Jäger auf der ganzen Wanderung zu verdoppelter Vorsicht bestimmt und auch heute zuletzt noch bewogen, eine von der Talrichtung nach Fort Schuyler abseits liegende tafelartige Berghöhe zu erklimmen, um hier in einem verhältnismäßig sicheren, durch eine ringsum fast undurchdringliche Dickung geschützten Verstecke, nach aller Voraussicht ihr letztes Nachtlager zu halten.

Der Abendimbiß, ein von dem »Flinken Biber« erbeuteter Hirschziemer, war eingenommen worden und man war guter Dinge.

Franzl und Binche hatten zum soundsovieltenmal die näheren Umstände ihrer Gefangenhaltung schildern müssen, wobei sie ihren Zuhörern längst berichtet hatten, daß Fred bei dem Ueberfall der Farm ganz frei und offen die Führerrolle spielte; daß er im Thayendanegeasdorfe ungezwungen aus und ein ging und von dem Huronenhäuptling ungestüm die Pfählung der beiden Gefangenen verlangte, aber bei diesem, obwohl die Folterung gleich anfangs beschlossene Sache schien, später merkwürdigerweise keine Gegenliebe fand. Jetzt freilich wußten sie; daß das Angebot des Jägers, zwei Huronenhäuptlinge gegen sie auszutauschen, das Hinausschieben der sonst sicherlich unausbleiblichen Folterung bewirkt haben mußte.

Als es zu dunkeln begann, löschte man das in einer tiefen Erdsenkung entzündet gewesene Feuer und legte sich zur Ruhe, um mit Anbruch des nächsten Tages neugekräftigt die letzte Strecke, die sie vom sicheren Horte noch trennte, hinter sich zu bringen.

Addy und der Kanadier hielten die erste Wache. Die beiden hatten außerhalb der Dickung, der letztere im Rücken des kleinen Lagers, der Jäger aber in der Richtung auf das Fort ihren Standpunkt genommen.

Bewegungslos saß Addy da, die Büchse im Arme, aufmerksam in die Nacht hinaus lauschend.

Zu seiner Linken drang das sanfte Geräusch eines plätschernden Bergflüßchens aus dem Tal empor, eines schmalen, teilweise waldfreien Geländes, das als die natürliche Verbindung mit dem fernen Fort und den dahinter gelegenen German Flats gelten konnte.

Dieses Tal wurde zu beiden Seiten umsäumt von einer Reihe größerer und kleinerer Anhöhen, die sich in ihrer Richtung gegen den Mohawk River allgemach verflachten und jetzt nur zum kleinsten Teile in unbestimmten Umrissen sichtbar waren.

Tiefe Stille lag über der Landschaft, ab und zu nur ließ sich der Schrei eines in seiner Ruhe aufgestörten Vogels vernehmen.

Da plötzlich schien in weiter Ferne, kaum vernehmlich, ein Schuß zu fallen.

Addy legte sofort die Büchse über das Knie, hielt die Hände hinters Ohr und lauschte.

Kaum eine halbe Minute verging, da knallte es wieder, jetzt vernehmlicher, und ein leichtes Rollen zog hin über die vorliegende Kette der Höhen.

Ein dritter und vierter Schuß folgte und gleich darauf wurde andauerndes Büchsengeknatter hörbar.

Da tauchte schon der Kanadier neben dem Jäger auf und fragte: »Habt Ihr vernommen?«

Der Jäger bejahte stumm und bedeutete dem Grenzer durch eine Handbewegung, Schweigen zu beobachten.

Beide lauschten.

Wohl eine Viertelstunde lang hielt das Schießen an, dann fielen wieder nur einzelne Schüsse, endlich erstarb es ganz.

»Was haltet denn Ihr davon?« fragte der Kanadier, als geraume Zeit hindurch kein Schuß mehr erfolgt war.

Bewegungslos saß Addy da, die Büchse im Arme, aufmerksam in die Nacht hinaus lauschend.

»Was kann man sagen,« antwortete Addy achselzuckend. »Entweder ist irgend ein Haufen der roten Leute dem Fort zu nahe gekommen und der Kommandant hat ihnen durch einen Teil seiner Besatzung die Zähne weisen lassen, oder es ist eine größere Sache im Werk, auf die ich, wie Ihr wißt, schon lange warte.«

»Ihr hieltet es für möglich, daß die Kontinentaltruppen endlich angekommen wären und mit den Roten bereits aufzuräumen beginnen?«

»Ich halte es nicht nur für möglich, sondern sogar für wahrscheinlich. Ich hätte das Tal nicht vor Wochen verlassen mögen, wenn nicht schon damals dem Sicherheitsausschuß der Anmarsch der Truppen gemeldet gewesen wäre.«

»Dann könnte man also sagen, daß der Tag der Erlösung auf keinen Fall allzufern ist!« rief der Kanadier gedämpften Tones aus, fügte aber sogleich hinzu: »Aber was wird aus uns ? wenn da vorne gekämpft wird, just dort, wo wir durch müssen? Da können wir zuguterletzt noch in die schönste Zwickmühle geraten.«

»Allerdings können wir das; wir wollen aber hoffen, daß es sich ebensogut verhüten läßt.«

»Und was gedenkt Ihr unter diesen Umständen zunächst zu beginnen?«

»Die Sache liegt, sollte ich meinen, einfach genug, denn wir werden nicht so unklug sein, dem Löwen blindlings in den Rachen zu rennen. Unsere nächste Aufgabe wird daher sein, die unmittelbare Ursache der Schießerei kennen zu lernen, und da gäbe es zweierlei: entweder wir schleichen uns jetzt gleich durch Nacht und Nebel vor und sehen uns die Leute da vorn etwas näher an, oder wir halten unser Versteck hier oben für mehr wertvoll und warten mit Gemütsruhe den Anbruch des Tages ab.«

»Und wofür werdet Ihr Euch entscheiden?«

»Das werde ich überhaupt nicht. Es kann je nachdem unser aller Leben auf dem Spiele stehen, und ich halte die Sache daher für kritisch und wichtig genug, um auch alle anderen darüber zu hören.«

Man weckte die Schläfer und unterrichtete sie von dem Vorgefallenen.

Sie waren im ersten Augenblick nicht wenig darüber verdutzt, daß sich in letzter Stunde noch Schwierigkeiten ergeben sollten, allgemach aber gewann eine ruhige Beurteilung der Sachlage die Oberhand und man kam nach längeren Erwägungen überein, daß es, ehe man weiteres unternähme, jedenfalls besser sein würde, den Tag abzuwarten.

Mit dem Schlafe war es unter diesen Umständen natürlich vorbei. Die Männer lockerten die Verschlüsse ihrer Pulverhörner und untersuchten ihre Büchsen. Sie sahen mit der größten Spannung der Wiederaufnahme des Kampfes, der sich in der Ferne abgespielt hatte, entgegen, aber Stunde um Stunde verging, kein Schuß ließ sich vernehmen.

Endlich gegen Morgen klärte sich die bis dahin von Wasserdünsten erfüllt gewesene Luft und in der Ferne wurden eine Anzahl Feuer sichtbar.

Der »Flinke Biber« erklärte sie für indianische Rufzeichen. Addy ließ dies wohl gelten, war aber ebenso geneigt, sie für Lagerfeuer oder auch für die Lichter des Forts zu halten.

Die Lage der Dinge, die Erwartungen und Befürchtungen, die daran geknüpft wurden, zeitigten begreiflicherweise noch viele andere Vermutungen und die mannigfaltigsten Schlüsse wurden daraus gezogen, bis endlich der Tag graute.

Die Feuer in der Ferne verblaßten und die Konturen der Höhen traten allmählich schärfer hervor; man atmete auf; es war eine harte Geduldsprobe gewesen, jetzt aber konnten schon die nächsten Minuten irgend einen Aufschluß bringen.

Da legte sich zum größten Verdrusse der Flüchtlinge wie mit einem Schlage ein dichter Morgennebel über die Höhen und Täler.

»Da möchte man doch gleich mit einem Besen dazwischen fahren,« schimpfte der Kanadier. »Wären wir in der Nacht noch auf Kundschaft ausgegangen, wüßten wir jetzt längst, woran wir sind.«

»Wahrlich, es ist, als ob uns das Glück mit einemmal den Rücken kehren wollte,« brummte Webster. »Auch ich bin jetzt dafür, daß einige Mann sofort nach vorn gehen, diesem Hangen und Bangen ein Ende zu bereiten.«

Aber Addy war nicht der Mann, der sich durch augenblickliche mißliche Umstände von einer einmal festgehaltenen und für richtig befundenen Planmäßigkeit abbringen ließ, und war ganz entschieden dagegen; er vertröstete auf den Augenblick, als die Sonne sich bis zu einer gewissen Höhe erhoben habe, dann würde der Nebel schwinden.

Plötzlich hörte man wieder Büchsengeknatter, das von Minute zu Minute zunahm und nach den übereinstimmenden Behauptungen Addys und des Kanadiers gegen den vorigen Abend bedeutend näher gerückt schien.

Da die Aussicht total benommen war, bemächtigte sich jetzt eine große Beunruhigung der Männer, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit verfolgten sie mit dem Ohr die Entwickelung des Gefechtes, das heftiger und heftiger wurde.

Da endlich, eher als die Männer es erhofft hatten, hoben sich die weißen Schleier aus den Talgründen und zogen in gespenstigen Schwaden höhenwärts, wo sie unter der Kraft der Sonne nach und nach zerflossen.

Jede Minute brachte mehr Klärung, und jetzt gewahrten die Flüchtlinge am Ende des linksseitigen Tales in der Entfernung von etwa einer Meile, sowohl im Talgrunde als an den Hängen der Berge, in zwei fast gleichlaufenden Linien ein ums anderemal kleine Rauchwölkchen aufsteigen.

»Das Huendas!« rief der »Flinke Biber«, dessen scharfes Auge in der nähergelegenen Schützenkette trotz des bedeckten Terrains seine kämpfenden Rassegenossen erkannt hatte.

»Das stimmt, es sind Indianer und sie tragen den Blanket ? es sind also Thayendanegeasleute ?« bestätigte der Jäger und fügte gleich darauf hinzu: »Sie haben es mit Kontinentaltruppen zu tun; seht ihr dort zwischen den Büschen und Bäumen die Uniformen hervorleuchten?«

Jubelrufe erschollen, als auch die anderen die letztere Tatsache erkannten.

»Nun wird sich die Sache machen,« rief befriedigt Webster, »denn wenn nicht alles täuscht, zählen die Truppen mindestens doppelt so viele Büchsen.«

»Wir wollen es abwarten,« versetzte Addy, »und den Tag nicht vor dem Abend loben.«

Das Gefecht nahm an Heftigkeit zu. Schuß um Schuß fuhr in den beiderseitigen Reihen auf. Hüben wie drüben hatte sich über den Kämpfenden bereits eine langgezogene Rauchwolke gebildet. Mit einemmal schrie der Kanadier: »Sie weichen ? die Roten sie weichen!« und in der Tat, das Feuer ließ dort, wo die Indianer im Tal und an den beiderseitigen Berghängen lagen, fast plötzlich nach. Zugleich sah man eine große Zahl dunkler Gestalten mit hellen Decken das Flüßchen entlang laufen, dann in den bewaldeten Teilen des Talgrundes verschwinden.

Aber auch in der Schützenkette, wo einzelne Uniformen sichtbar gewesen waren, hatte das Feuern nachgelassen. Dafür sah man deutlich da und dort einzelne kleine Abteilungen in der Richtung des fliehenden Feindes aus ihren Stellungen hervorbrechen und dessen Verfolgung aufnehmen.

»Jetzt ist es einfach Menschenpflicht, den Roten den Weg zu verlegen,« schrie der hitzköpfige Kanadier, und schon schien Addy geneigt, dieser Aufforderung seine Billigung zu erteilen, als der »Flinke Biber« plötzlich rief: »Sehen ? dort Inschen ? viele Inschen zwischen Bergen hervorkommen ? das Onondagas!«

Und in der Tat, aus einem schmalen Seitental brachen mit einemmal wohl an dreihundert mit roten Tüchern geputzte Indianer hervor, die sich rasch über die ganze Talbreite ergossen und sich den inzwischen im vollen Vorstoß befindlichen Truppen ungestüm entgegenwarfen.

Ein erbitterter Kampf entwickelte sich, an dem auch die bereits in die Flucht geschlagen gewesenen Huronen wieder teilnahmen. Ein wogendes, wildes Getümmel und dichte Wolken Pulverdampfes füllten bald die ganze Talbreite.

Lange blieb es unentschieden, auf welche Seite der Sieg in dem Ringen sich neigen würde. Mit Bangen verfolgten die Männer hier oben den Gang des Kampfes, und Addy hatte längst erwogen, ob es nicht geraten sei, mit seinen paar Büchsen den Indianern in den Rücken zu fallen, um so vielleicht zur Entscheidung beizutragen. Um aber an Ort und Stelle zu gelangen, hätte es gewiß einer Viertelstunde des angestrengtesten Laufes über Stock und Stein bedurft und, das war klar, bis zu diesem Zeitpunkt war das Gefecht sicherlich entschieden. Er hätte somit, je nach dem Ausgange des Kampfes, sich und die Seinen ganz nutzlos geopfert. Und in der Tat ? mit Schrecken gewahrten es die Männer ? die Indianer schienen jetzt schon einen entschiedenen Vorteil errungen zu haben. Deutlich hörte man ihr Jubelgeschrei, und leider wurde es nur zu bald zur Gewißheit, daß die Regulären auf der ganzen Linie langsam zwar, aber entschieden zurückgingen.

Da aber wurde ganz im Hintergrunde auf einem Punkte, der sich von dem Versteck hier oben wie der Talschluß ausnahm, eine Truppenmasse sichtbar, die sich aus einer Einsattelung heraus mit größter Schnelligkeit auf ein Plateau niederwälzte und von dort aus ins Tal niederstieg.

Mit hellen Freudenausbrüchen begrüßten die Flüchtlinge diese unerwartete, gerade noch zur rechten Zeit eintreffende Verstärkung; nun war wohl kaum ein Zweifel mehr, auf welcher Seite schließlich der Erfolg sein würde und er bedeutete dann ja auch für sie die Rettung.

Jetzt gab es kein Halten mehr. Wie auf Verabredung stürmten die Männer nach vorn und auch Binche und der »Flinke Biber« folgten.

Durch dick und dünn ging es den geradeaus sanft abfallenden Bergrücken hinab und schon nach etwa einer Viertelstunde waren sie auf dem tiefsten Punkte angelangt.

Nun standen sie vor der Frage, ob sie die nächste Höhe emporsteigen, ihr folgen oder jetzt schon links in das Tal einbiegen sollten.

Bei ruhiger und besonnener Ueberlegung hätten sie sich sicherlich für das erstere entschieden, zumal sie auf der Höhe einen weiteren Gesichtskreis und zweifellos auch einen guten Ausschuß gewonnen hätten. Aber, einmal von dem Feuereifer ergriffen, dem Feinde so schnell wie möglich in den Rücken zu fallen, war ihnen das viel zu zeitraubend und nach kurzem Wortwechsel, in welchem Addy kaum mehr zur Geltung kam, bogen sie kühn und entschlossen links nach dem Talgrunde. Der Jäger vermochte nur noch schnell Binche und den »Flinken Biber« zu bestimmen, hier zurückzubleiben, und dann folgte auch er den anderen.

Auf der Talsohle angelangt, ging es im Geschwindtempo nach dem Kampfplatze, und mit jedem Schritt, den sie vordrangen, nahm das Getöse, das Schießen, das Jubeln der siegestrunkenen Wilden zu. Noch also schienen diese keine Ahnung davon zu haben, daß jenseits eine bedeutende Uebermacht im Anmarsche war und dachten nicht entfernt an die Möglichkeit, daß sie auch im Rücken angegriffen werden könnten.

Dies beflügelte die Schritte der Männer. Endlich hatten sie allem Anschein nach Büchsenschußnähe erreicht, und Addy, der an der Spitze lief, wandte sich seitlich, einen erhöhten Standpunkt zu gewinnen. Ihm nach hier folgend, hatten die Männer alsbald freien Ausblick über das ganze Gefechtsfeld. Die Roten waren wirklich im vollen Ansturm, die jenseitigen Truppen gingen rascher als zuvor, aber in voller Ordnung zurück. Sofort lagen Addy und die Seinen im Anschlag, die Büchsen krachten. Die Wirkung auf die roten Leute war eine unbeschreibliche. Als hätte eine Bombe unter ihnen eingeschlagen, fuhren sie herum und brachen, als sie der Gegner ansichtig wurden, in ihr wüstes Wutgeheul aus. Aber ihre Verblüffung ging in die heilloseste Verwirrung über, als in diesem Augenblicke auch auf der anderen Seite, wo sie den Feind bereits geworfen zu haben glaubten, frische Truppen sichtbar wurden, die in breiten Kolonnen im Sturmschritte daherliefen und sofort in das Gefecht eingriffen. Die im Zentrum stehenden Wilden, auf die Addy und seine Leute es hauptsächlich abgesehen hatten, ergriffen, von zwei Seiten ins Feuer genommen, in ihrer Panik sofort die Flucht, während die beiden Flügel noch standhaft aushielten.

Da geschah etwas Unerwartetes. Keine zwanzig Schritte über dem Punkte, wo Addy mit seinen Grenzern und Franzl Stellung genommen hatten, tauchte plötzlich ein Weißer zwischen den Bäumen auf, der sich erst ganz ratlos und verstört umsah, und dann wie ein aufgeschreckter Hase den Berg hinauflief.

»Habts n gsehn?« fuhr Franzl auf und starrte förmlich erschrocken und mit weit aufgerissenen Augen dem Manne nach.

»Faßt ihn ? es ist der Fred!« schrie Addy. »Dem keine Gnade, dem Verräter!«

Das weckte Franzl aus seiner starren Verwunderung. In der nächsten Sekunde schon stand er auf den Beinen und setzte, leicht wie eine Gemse, dem Fliehenden nach.

Kurze Zeit darauf erscholl oben auf der Höhe ein verzweifelter Schrei und wenige Minuten später lag Franzl schon wieder an seinem Platze.

Er nickte Addy, der fragend nach ihm herübersah, nur ganz kurz zu und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirne.

Inzwischen hatte sich das Bild vorn wesentlich verändert.

Das weichende Zentrum der Rothäute war durch Zuruf seiner Führer zwar zum Stehen gebracht worden und hatte den Kampf wieder aufgenommen, ja etwa zwei Dutzend der Onondagaleute, die hier standen, hatten sich unter der Führung eines Häuptlings auch gegen die Stellung Addys und seiner Rangers gewendet. Aber die letzteren befanden sich im Schutze der Bäume in bester Deckung, so daß die Schüsse, welche die roten Leute den Weißen an der Berglehne zugedacht hatten, nutzlos verpufften.

Mittlerweile war aber der Vorstoß der Regulären ein so nachhaltiger und gewaltiger geworden, daß jetzt auch die beiden Flügel der Rothäute ins Wanken kamen.

Schon sah man ganz links die an ihren roten Tüchern kenntlichen Onondagaleute mehr und mehr aus ihrer Stellung sich lösen und bald in heller Flucht das Tal zurücklaufen, was auch die Rothäute im Zentrum erneut mit sich riß.

Gleich darauf veränderte sich aber auch das Bild auf dem rechten Flügel der Wilden, denn ganz kurz darauf bekamen Addy und die Rangers auch die blauweißen Blanket der Huronen unmittelbar vor die Büchse.

Dieser Teil der roten Leute hatte dem Ansturm der Regulären am längsten standgehalten; nun aber gaben sie in der Schnellbeinigkeit, mit der sie zu entrinnen versuchten, ihren bereits fliehenden Stammesgenossen nichts nach.

Einer der letzten, der keine vierzig Schritte weit entfernt, den Büchsenlauf Addys passierte, weithin kenntlich an seinem überreich mit Adlerfedern geschmückten Kriegshut, war Thayendanegeas, der, als er sich plötzlich von einer ihm nur zu wohl bekannten Stimme angerufen hörte, unwillkürlich wie angewurzelt stehen blieb.

»Kennst du das Schießholz, das du mir vor nicht allzu langer Zeit abgenommen hast?« schrie ihm Addy von oben her zu.

Betroffen, ja entsetzt starrte der Häuptling zu dem Jäger empor, der triumphierend über dem Haupte seine silberverzierte Büchse schwang.

»Ja, edler Häuptling,« fuhr Addy fast heiter zu rufen fort, »ich war so frei, mir die Wunderbüchse auch ohne deine Erlaubnis aus eurem Medizin-Wigwam zu holen ? und wenn du jetzt nicht flink läufst, was dich deine Beine tragen, dann soll sie dir noch einen Abschiedsgruß sagen.«

»Kennst du das Schießholz, das du mir vor nicht allzulanger Zeit abgenommen hast?« schrie ihm Addy von oben her zu.

Einen wilden Ruf ausstoßend, stob Thayendanegeas davon, aber er kam nicht weit, eine Kugel aus der Büchse eines Regulären holte ihn ein und streckte ihn zu Boden.

Ein baumlanger Hurone, der neben dem Häuptling hergelaufen war, ersah das, sprang herbei, hob den Daliegenden auf die Schulter und rannte mit ihm weiter.

Keine fünfzig Schritte hinter ihnen trabten bereits mehrere Abteilungen der West-Virginia- und Connecticut-Regimenter daher und machten sich energisch an die Verfolgung des Feindes.

Dahinter kam ein Scharfschützencorps und zuletzt zwei Bataillone der kampfesmutigen Milizen, die eisenfesten deutschen Bauern, die nicht zu Hause bleiben wollten, als es galt, dem grimmigen Feinde, der unbarmherzig ihre Farmen und blühenden Fluren verwüstete und vernichtete, die längst verdiente Züchtigung zu teil werden zu lassen und hoffentlich ihn für immer in seine Schranken zurückzuweisen.

Mit lautem Hallo empfingen Addy, Franzl und die Grenzer die braven Streiter im Bauernkittel und die Mehrzahl derselben hielt an, als sie sahen, daß die Hauptarbeit längst getan war, und daß man ihrer zur Verfolgung des fliehenden Feindes nicht mehr bedürfe.

Nun gab es ein kräftiges Händeschütteln und Addy und seine Begleiter erfuhren jetzt den engeren Zusammenhang der Dinge.

Längst hatten die Greueltaten, welche die mit dem englischen Gouverneur verbündeten Indianer nicht nur entlang dem Mohawk, sondern auch am Oberlauf des Susquehanna verübten, im amerikanischen Volke die größte Entrüstung hervorgerufen und endlich auf Betreiben der verschiedenen Sicherheitsausschüsse den Kongreß bewogen, die Urheber jener Greuel, insbesondere die Huronen und Senecas, zu züchtigen.

Schon wenige Wochen darauf sammelte der mit dieser Aufgabe betraute General etwa dreitausend Mann starke Truppenabteilungen im Wyomingtal und marschierte mit ihnen den Susquehanna entlang, während ein zweiter Befehlshaber mit nahezu zweitausend Mann das Mohawktal heraufgekommen war, um sich mit dem ersteren weiter oben im Gebiete der fünf Nationen zu vereinigen.

Zur selben Zeit hatte sich Thayendanegeas mit Unterstützung von Onondagaindianern zu einem Einfalle größeren Stiles nach dem Mohawktal aufgemacht, um neue Schrecken und Verheerungen hervorzurufen, war aber durch die Rangers, die jetzt Tag und Nacht die Wälder der Umgebung zahlreich durchstreiften, rechtzeitig noch aufgespürt worden. Durch die Umsicht dieser tatkräftigen Leute war es auch möglich gewesen, diesmal jeden etwaigen Warner von ihm fernzuhalten, ja man täuschte den Huronenhäuptling durch verschiedene Manöver und ließ ihn ungehindert bis in die unmittelbare Nähe des Forts Schuyler gelangen; dort aber faßte ihn ein Teil der inzwischen in den Hinterhalt gelegten Truppen.

Schon am Abend zuvor hatte sich der Kampf entsponnen, und als dann heute am Morgen die Kontinentaltruppen, die das Mohawktal heraufmarschiert waren, unterstützt von einem Teil der organisierten Milizen, herbeieilten, war die Niederlage der Rothäute entschieden.

Mit großer Genugtuung berichtete man dies dem Jäger, rühmte dessen rechtzeitigen Eingriff, den man jenseits sehr wohl bemerkt hatte, und sprach mit froher Zuversicht von kommenden besseren Tagen, als die Unterhaltung der Männer mit einemmal durch Binche unterbrochen wurde, die, von niemand bemerkt, plötzlich neben ihnen stand und tränenden Auges Addy am Aermel zupfte. Erschrocken fuhr der Jäger bei ihrem Anblick herum. In der Hitze des Gefechtes und den Schlag auf Schlag sich aneinanderreihenden Vorgängen hatte er ihrer und seines roten Freundes ganz vergessen.

»Was ist geschehen?« fragte er.

»Kommt ? kommt schnell,« sagte sie nur mit halb erstickter Stimme und eilte, so schnell sie ihre Füße tragen konnten, talauf den Weg, den die fliehenden Rothäute und die Truppen kurz zuvor genommen.

Unheil ahnend, folgten Addy, Franzl und die Rangers.

Kaum hundert Schritte seitlich der Talsohle, ungefähr in der Nähe der Einsattelung, von der aus die Männer, ehe sie in den Kampf eingriffen, die Niederung betreten hatten, am Rande eines Gehölzes, da hielt Binche und deutete stumm hinter einen Busch.

Hier lag der »Flinke Biber«, die Augen geschlossen, das Jagdhemd mit Blut durchtränkt.

»Was ist geschehen?« fragte wieder Addy aufs höchste bestürzt, und betroffen und stumm sahen auch die anderen auf den Häuptling nieder.

»Ich habe ihn gewarnt,« schluchzte Binche, »aber er hörte nicht, er mußte sehen, was im Tal vorging ? plötzlich, als die Truppen anrückten, da sank er lautlos neben mir nieder.«

Schnell bückte sich Addy, lüftete dem regungslos Daliegenden das Jagdhemd und forschte nach der Wunde.

Da schlug der »Flinke Biber« die Augen auf; sein Blick irrte eine Weile hinauf in die Wipfel der Bäume und blieb dann auf dem Jäger haften.

»Weißer Freund hier ? das gut,« sagte er und sein Gesicht nahm einen fast verklärten Ausdruck an.

»Du bist verletzt, wie ist das möglich ? du hast dich zu weit vorgewagt?« fragte Addy.

Stumm nickte der sichtlich Schwerverletzte.

»Wie konntest du das ? das war sehr unklug!«

»Ja, ?Flinker Biber? nicht klug,« versetzte der Häuptling mit schwacher Stimme. »Weiße Krieger halten ?Flinken Biber? für Huenda ? ?Flinker Biber? sehen, wie weißer Mann schießen, aber schon treffen.«

»Du Unglücklicher!«

»Nicht unglücklich,« wehrte der Verwundete mit matter Gebärde, »?Flinker Biber? Freundschaft üben ? nicht unglücklich ? jetzt glücklich ? bald dort sein ?« er deutete mit der Hand zum Himmel auf, »? bei großem Geist ?«

Ein schmerzlicher Hustenanfall benahm ihm die Worte; sein ganzer Körper erzitterte; Blut quoll ihm aus dem Munde. Noch einmal schlug er die Augen auf, ein erlöschender Blick traf den Jäger, dann lag er ruhig und still.

Addy befühlte die von der tückischen Kugel durchbohrte Brust; das brave, treue Herz hatte ausgeschlagen.

*

Addy war durch den tragischen Verlust seines roten Freundes tief erschüttert; mit Tränen in den Augen bereitete er ihm die letzte Stätte.

Während Franzl, Binche und die Rangers mit den Milizen heimwärts zogen, folgte er den Kontinentaltruppen und bot dem Befehlshaber seine Dienste an, die dieser, da er von der Tüchtigkeit des Jägers längst gehört hatte, mit Freuden annahm. Addy entfaltete nun eine rührige Tätigkeit; sie sollte ihn über seine Trauer um den roten Freund hinwegbringen.

Addy leistete Führerdienste und leitete die Truppen mit all seiner Erfahrung, Findigkeit und Vorsicht sicher durch die Wildnis. Schon auf diesem Wege zersprengten sie größere und kleinere Indianerhaufen und vereinigten sich endlich bei Tiega-Point mit der vom Wyomingtal kommenden Kolonne. Hier aber begann erst der große Zug in den Westen und die Züchtigung der feindlich gesinnten roten Stämme. Die Truppen drangen bis an den Cayugasee vor, zerstörten im Laufe von drei Wochen dreiundvierzig Indianerdörfer und trieben ihre unglücklichen, von den Gewalthabern irregeleiteten Bewohner nach allen Windrichtungen. Nur die Oneidas blieben unangetastet in ihrem Besitze.

Mit diesem energischen Vorgehen endete der Krieg im Norden der Staaten. Noch brandeten zwar im Staate New York und weiter im Süden die Wogen des großen Kampfes bald mit weniger, bald mit größerer Heftigkeit, bis endlich im Jahre 1781 die amerikanischen Truppen bei Yorktown entscheidend siegten und damit die englische Macht auch dort endgültig gebrochen wurde. Die Bestürzung in London war groß und man erklärte, den Krieg fortsetzen zu wollen. Inzwischen aber hatten sich auch dort Parteien gebildet, die energisch protestierten, das Ministerium stürzten und die Kriegspartei zum Schweigen brachten.

Und nun zog wieder Ruhe und Friede im Mohawktal ein. Jetzt konnten die wackern deutschen Bauern, die in ihrer zähen Tapferkeit nicht nur für Haus und Hof, sondern für das ganze Land geblutet hatten, die Früchte ihrer Arbeit wieder genießen. Sie waren, als sie die Waffen gegen den König von England erhoben hatten, sich wohl bewußt, was ihnen bevorstand, aber sie erkannten die Befreiung von dem drückenden Joche der englischen Gouverneure als das einzig Gute, taten als wackere Männer das Ihre und nun war das Werk, wenn auch teuer erkauft, doch gelungen. Jetzt waren sie freie Bürger des freien jungen amerikanischen Staatenbundes.

Binche und Franzl führten fortan ein glückliches Leben und erfreuten sich bald einer stattlichen Zahl blühender Kinder und, dank ihrer Arbeitsfreude, eines zusehends sich mehrenden Wohlstandes. Addy machte an die Farm keine Ansprüche, stillschweigend blieb sie in der beiden Besitz. Die Pachtersleute hatten ihm zwar wiederholt einen hohen Kaufschilling und in späteren Jahren eine Rente angeboten, aber der Jäger wollte von all dem nichts wissen; er hatte nun einmal nur Sinn für seine Jagdflinte, nicht aber für den Besitz irdischer Güter.

Thayendanegeas war schwer verwundet worden, genas aber auch dieses Mal. Seines Bleibens oben an den Seen, in den bisher innegehabten Jagdgebieten, war natürlich nicht mehr; als der Feldzug zu Ende war, wanderte er mit den Johnsons nach Kanada.

Unter wenig glücklichen äußeren Umständen beschloß Addy sein tatenreiches Leben. Er zog in der Folge noch oft hinaus in die Wildnis und führte nach wie vor sein ungebundenes Jägerdasein. Er lebte nach dem Befreiungskriege noch 53 Jahre und starb erst am 5. April 1836 in Herkimer, wo er, als Franzl und Binche längst das Zeitliche gesegnet hatten, siech, gelähmt und fast bewegungsunfähig ? wohl eine Folge seiner vielen Kämpfe und seiner ungebundenen, an Mühsal und Entbehrungen reichen Lebensweise ? im Armenhause verpflegt wurde. Sein Grab liegt auf dem Friedhofe in der Nähe des Gerichtshauses und trägt die schlichte Grabschrift:

 

»Johann Adam Hartmann, geboren in Edenkoben in Deutschland, ein großer Patriot in unserem Befreiungskriege, starb er am
5. April 1836,
92 Jahre und 3 Monate alt.«

 


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