Addy der Rifleman

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Auf der Fährtensuche.

Am andern Morgen, es war noch vollständig dunkel, erstiegen mehrere Dutzend entschlossene, wohlbewaffnete Männer die Anhöhe, die am Abend zuvor der Schauplatz des kleinen Feuergefechtes gewesen.

Ein feiner Sprühregen sank wie ein Nebel nieder und einzelne starke Windstöße fuhren rauh und kühl über die Fluren.

Mit dem ersten Morgengrauen traten die Männer ein in den dichten Wald und bald hatten sie die Fährte der Indianer gefunden.

Die verstreut liegenden Spuren führten von der Stelle aus, wo letztere das geraubte Vieh preisgeben mußten, waldeinwärts und sprachen deutlich dafür, daß die Indianer so schnell wie möglich das Weite gesucht hatten. Dafür zeugten das oft gewaltsam durchbrochene wirre Gestrüpp und die Sprungweite der Fußstapfen, die in dem weichen Waldboden überall dort, wo die Fußeindrücke durch den nächtlichen, frischen Blätterfall nicht schon wieder bedeckt waren, mit voller Deutlichkeit vorlagen.

Die Indianer hatten ohne allen Zweifel einen großen Vorsprung. Es war daher nur wenig Aussicht vorhanden, sie einzuholen.

Gleichwohl bestanden alle Leute darauf, noch eine größere Strecke vorzudringen. War es doch möglich, daß sich die Rothäute irgendwo in ein Versteck zurückgezogen hatten, um sich dort zu einer neuen Untat vorzubereiten, und lechzte doch jeder einzelne Farmer danach, den verhaßten Räubern einen derben Denkzettel zu versetzen.

Die Männer machten sich also rüstig an die weitere Verfolgung, die zunächst ergab, daß die bisher regellos nebeneinander herlaufenden Fußstapfen auf einen schmalen westwärts führenden Waldpfad einbogen und sich zu einer einzigen Linie zusammenschlossen. Hier, auf dem einigermaßen gebahnten Wege kamen die Farmer nun rascher vorwärts und verfolgten die Fährte mit größter Energie wohl zwei Stunden weit, ohne jedoch den Feind zu Gesicht zu bekommen. Endlich verlegte ihnen ein Bach den Weg.

Als die Männer festgestellt hatten, daß jenseits des Gewässers der Pfad und die Spuren weiter liefen, erklärte Addy die fernere Verfolgung für nutzlos und riet zur Umkehr.

Davon aber wollten die wenigsten Farmer etwas wissen.

»Wir folgen ihnen,« erklärte einer, »und führte der Weg bis ans Weltende!«

»Dazu wünsche ich Euch die nötigen Siebenmeilenstiefel,« scherzte Addy und fügte, wieder sehr ernst werdend, hinzu: »Glaubt Ihr, daß ich von der Verfolgung abließe, wenn die mindeste Aussicht vorhanden wäre, das Gesindel vor den Lauf unserer Flinten zu bekommen?«

»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete ein anderer der Männer. »Aber wollt Ihr uns nicht erklären, warum Ihr die weitere Verfolgung absolut für aussichtslos haltet?«

»Das will ich Euch sagen,« erwiderte Addy. »Erstens führt die Fährte nach Westen, hält also die Richtung ein, von wo die Rothäute kamen, auf die Seen. Die Spuren tragen alle Anzeichen, daß die roten Schufte es sehr eilig hatten und das läßt darauf schließen, daß sie die Verfolgung als sicher annahmen.«

»Ihr seid also der Meinung, daß sie geradeswegs in ihre Dörfer zurückkehren?«

»Gewiß, dieser Ansicht bin ich. Es waren, nach allem zu schließen, ihrer nur wenige, die aus irgend einem Grunde einen heimtückischen Putsch wohl wagen mochten, unseren Büchsen aber nicht standhalten.«

»Und zweitens ? was wolltet Ihr noch sagen?«

»Zweitens,« erklärte Addy, »läßt ein Indianer, der sich auf Schleichwegen befindet, einen Wasserlauf, wie diesen Bach hier, niemals ungenutzt. Würden die Roten etwa die Absicht haben, einen Bogen zu schlagen, um vielleicht auf einem anderen Punkt ins Tal zu brechen, hätten sie sicherlich den Bach betreten.«

»Um die Fährte zu verwischen?«

»Ganz richtig, um die Fährte zu verwischen, den Bach hinauf- oder hinabzuwaten, um an einem geeigneten Punkt, der keine Fußeindrücke hinterläßt, wieder aufs Trockene überzutreten. Ihr seht aber, die Fährte führt jenseits des Wassers weiter.«

»Und wie groß schätzt Ihr die Entfernung, die sie jetzt voraus sein mögen?«

»Auf mindestens zwölf Meilen.«

»Das wäre viel!«

»Nicht zu viel für gute Läufer ? und,« setzte Addy mit einem bedeutungsvollen Lächeln hinzu: »nicht zu viel, wenn man berücksichtigt, daß sie die Lektion, die sie bei Oriskany erhielten, noch in frischem Gedächtnis haben. Das macht schnelle Beine.«

Die Farmer lachten. Sie sahen wohl ein, daß die Ansicht des Jägers viel für sich hatte, und machten kehrt.

Der feine Sprühregen schien inzwischen aufgehört zu haben, das monotone leise Rascheln in den Baumkronen war verstummt. Dafür fielen aus dem herbstlichen, aber immer noch dichten Laubdach des Waldes jetzt große, schwere Tropfen.

Mißmutig und ihrem Grolle weidlich Luft machend, wanderten die Farmer dahin.

Addy war ihnen eine gute Strecke gefolgt, rief aber dann bald Franzl an seine Seite. Die beiden verabschiedeten sich von den Männern, um, wie sie sagten, nach ihren Fallen zu sehen. Da ihr Jagdgebiet ganz nahe lag, fand man dies begreiflich.

Die beiden bogen alsbald links ab, während die anderen auf dem Waldpfade verblieben.

Addy und Franzl, rüstig ausschreitend, durchquerten den Wald.

Nach kaum halbstündiger Wanderung neigte sich derselbe einer Talsenkung zu und sie waren an Ort und Stelle.

Hier suchten sie entlang dem Ufer des Flusses ihre Fallen auf und fanden auch richtig einige Beute. Sie reinigten die Fanggeräte und setzten frische Köder auf. Sie nahmen alsdann das erbeutete Wild aus, banden es mit Weidenruten zusammen und beluden sich damit den Rücken. Dann schlugen auch sie die Richtung nach dem Mohawktal ein.

»Ich will Euch nur sagen,« begann Addy, nachdem sie geraume Weile stumm am Flußufer dahingeschritten waren, sich plötzlich nach seinem Hintermann umwendend, »daß ich zu diesem Umwege meinen guten Grund hatte.«

Franzl hatte soeben seine Maultrommel zwischen die Lippen geschoben und war im Begriffe gewesen, sich zur Kürzung des Weges eines vorzududeln. Sogleich aber ließ er das Instrument mit einer gewissen Virtuosität aus dem Munde in die flache Hand fallen und hing es über das rechte Ohr.

»Hab mirs leicht denkn können,« erwiderte er.

»Der Mann gestern am Waldausgang, der will mir seit dem Brande nicht mehr aus dem Sinn.«

»s is aa merkwürdi,« erwiderte Franzl, nachdenklich den Kopf schüttelnd. »Könntn leicht jetzt bei Tag herausfindn, wohin der Fred gestern so schnell verschwundn is.«

»Ihr seid also noch immer der Meinung, daß er es war?«

»Ka anderer,« entgegnete Franzl bestimmt, »i machet a jede Wett!«

In dem Gesichte des Jägers stieg etwas wie Wetterleuchten auf. Aber er sagte nichts, sondern stapfte, die Blicke auf den Boden geheftet, in dem früheren Tempo weiter. Franzl folgte.

So waren sie allgemach dem Waldausgang ziemlich nahe gekommen.

Mit einemmal hielt Addy an und betrachtete mit weit aufgerissenen Augen den Zweig eines Busches, der in Schulterhöhe quer über den schmalen Pfad hinwegragte.

Ein leiser Ausruf des Erstaunens rang sich dabei über die Lippen des Jägers.

»Was is?« fragte Franzl.

Stumm deutete Addy auf das dornige Aestchen, an dem ein Büschel brauner Haare haftete. Sie mußten, das war auf den ersten Blick klar, entweder von einem Wild oder von einem wollenen, menschlichen Bekleidungsstoff herrühren.

Die beiden unterwarfen das Büschelchen einer genauen Untersuchung und entschieden sich schon nach kurzer Beratung dafür, daß die Haare kein natürliches Produkt seien, sondern einer gefärbten wollenen Decke oder dergleichen angehört hatten.

Dann wandten sich Addys Blicke forschend dem Boden zu. Er schob mit dem Kolben seiner Büchse sachte das frisch gefallene, welke Laub beiseite.

Wieder kam ein leiser Ausruf über seine Lippen.

Die unter dem weggeschobenen welken Laub liegende Blätterschichte überdeckte hier nicht völlig den durchweichten Erdboden, ließ vielmehr da und dort einzelne kleine Flächen frei, und auf einer derselben war der ziemlich scharfe Abdruck einer menschlichen Fußbekleidung zu bemerken.

»Kennt Ihr diese Schrift?« fragte Addy seinen Begleiter.

Franz trat einen Schritt vor, bückte sich und besah die Fußspur. »Unser Tritt von gestern iss nit,« entschied er, »so a Schuhwerk kann nur vun an Rotn herrührn.«

»Das muß ein Blinder sehen,« bestätigte der Jäger und schob im Weiterschreiten mit der rechten Fußspitze vorsichtig noch mehr Laub beiseite.

Mit der Bloßlegung des Bodens zeigten sich auf dem Pfade immer mehr Fußspuren, die alle, wie sich nach und nach herausstellte, von der Seite her auf den Weg einmündeten und dann auf demselben talwärts weiterführten.

Bald gelangten die beiden unter eine Gruppe von Bäumen, die noch ziemlich stark belaubt waren. Hier war der Waldboden so ziemlich unbedeckt und an dieser Stelle hatten sie jetzt deutlich und klar die Abdrücke einer großen Anzahl Mokassins vor sich, die Addy als von etwa einem Dutzend Indianer herrührend schätzte.

»Die Sache wird immer interessanter,« bemerkte der Jäger. »Die Spuren scheinen genau nach dem Punkte zu führen, wo wir gestern aus dem Walde ausgetreten sind.«

Seine Annahme traf zu.

Schon nach kurzer Zeit waren sie, auf der Fährte weiterschreitend, am Waldrande angelangt. Dort aber wurde der Pfad, der von hier aus ziemlich steil zu Tal führte, steinig, die Spuren verschwanden.

»Kennt Ihr diese Schrift?« fragte Addy.

Es war klar, daß die Fährte entweder geradeaus talab oder seitlich entlang dem Waldrande führen mußte.

Addy gab der letzteren Richtung den Vorzug. Er winkte seinem Begleiter.

Die beiden überschritten eine kleine Strecke Wiesengrund, aber auch hier fanden sich keine Spuren, weil wahrscheinlich der während der Nacht niedergegangene Regen die Fußeindrücke vollkommen verwaschen hatte. Bald aber entdeckten sie unten am Fuße des Hügels, querlaufend über frisch gepflügtes Ackerfeld, eine tief ausgetretene Fährte.

Schnell sprangen sie die nur unbedeutende Berglehne hinab. Addy untersuchte nun hier die Fußstapfen, aber bald schon hielt er inne und schüttelte enttäuscht den Kopf.

»Nix ... und immer wieder nix,« sagte verdrießlich auch Franzl, als dieser auf eine längere Strecke die Fährte verfolgt hatte und immer nur Mokassinabdrücke vor sich sah.

»Merkwürdig genug,« gab Addy zurück.

»Offn gstandn,« bemerkte Franzl, »kunnts mi, wanns nix is, für den Fred nur freun.«

»Da bin ich ganz Eurer Meinung ? aber ich kann nun einmal den Argwohn, daß die Roten geführt wurden, nicht los werden.«

Da Franzl nichts entgegnete, sondern nur die Achseln hochzog, fuhr Addy zur Bekräftigung seiner Vermutung zu erklären weiter: »Ihr seht, es liegen auf der Strecke von hier bis zur Brandstelle mindestens ein halbes Dutzend Farmen. Muß man sich da nicht sagen: wenn die roten Schufte es nur aus purer Mord- und Habgier auf Raub und Brandschatzung abgesehen hatten, warum schlugen sie nicht, wo sies doch so viel bequemer hatten, die nächstliegenden Türen ein? Warum streichen sie den weiten Weg über die Aecker, noch dazu bei Nacht, dicht an allen diesen viel reicheren Farmen vorbei und wählen sich für ihre Schandtat just die unsere? Gibt das nicht zu denken?«

»Dagegn laßt si nix sagn,« stimmte Franzl bei, »aber,« fügte er mit einem Blick auf die Fährte hinzu, »wo bleibt dann der Stiefl, der si nit findn laßt. Solang wir den nit habn, is allweil no nix erwiesn.«

»Das ist eben der Haken,« versetzte Addy, wandte sich wieder der Fährte zu, verfolgte sie noch eine ziemliche Strecke, ließ aber wieder davon ab, und sich aufrichtend und auf seine Büchse stützend, sagte er: »Es gibt da nur noch eine Annahme.«

»Na ? und?« fragte Franzl.

»Ich will Euch sagen, daß die Roten von den Seen oben, wenn sie zu mehreren einen weiten Marsch antreten, die Gewohnheit haben, einige Reservemokassins mitzunehmen ? vielleicht kommt Ihr jetzt selber darauf.«

»Ihr glaubt, daßs dem Fred am End gar so an indianischen Schuhschlappn unterbundn habn? ? dös war nit schlecht!«

»Ich kann mir das wahrlich nicht anders zusammenreimen.«

»Wann das is,« versetzte Franzl lachend, »dann kunnt ma nach dem Stiefl lang suchn.« Und wieder ernst werdend, ja finster dreinblickend, setzte er hinzu: »Wißts was? I halt dafür, das Ding da führt zu nix, so viel hab i schon gsehn ... aber nüber gehn ma und haltn dem Fred d Faust unter die Nasn ... beichtn muß er ?« und des Franzls Gestalt reckte sich bei diesen Worten, als gäbe er sich von innen heraus einen förmlichen Ruck.

Addy mußte über die energische Ausdrucksweise seines Begleiters lächeln, war aber mit dessen Vorschlag ganz einverstanden.

Sogleich bogen sie links nach der Hauptstraße des Tales ein, überquerten dieselbe und waren schon nach kaum einer Stunde an Ort und Stelle.

Um das Herckheimersche Wohnhaus herum war es gegen früher sehr ruhig. Die Mehrzahl der grünen Fensterläden, die dem Hause einen so freundlichen Anstrich gaben, waren sogar geschlossen.

Die Besitzung war an einen ohnehin schon reich begüterten Anverwandten des verstorbenen Generals übergegangen, der die Aecker und Felder sofort in Bewirtschaftung nahm, die Verfügung über das Wohngebäude aber sich noch vorbehielt.

Einstweilen sollte Binche, die ehemalige Haushälterin des Dahingegangenen, dasselbe in stand halten und auch Fred war der Aufenthalt in demselben bis auf weiteres freigestellt.

Die beiden Männer hatten sich dem Hause bis auf etwa hundert Schritte genähert, als der Hofhund anschlug.

Sogleich ging im oberen Stock ein Fensterladen auf. Binche bog sich, freundlich grüßend, über die Brüstung.

Bis die beiden am Hauseingange anlangten, hatte sie denselben bereits geöffnet und inzwischen auch Zeit gefunden, sich ein schneeweißes Häubchen auf die dunklen Haarflechten zu setzen.

»Gott zum Gruß!« sagte sie schlicht und setzte, auf die verschlossen gewesene Haustüre weisend, gleichsam entschuldigend hinzu: »In jetziger Zeit muß man wieder vorsichtiger sein ? lieber sichs vorher bedenken, als später bereuen.«

»Da habt Ihr ganz recht, Binche,« entgegnete der Jäger. »Vorsicht kann niemals schaden. Ich fürchte überhaupt, daß es gut sein wird, wenn man auf den Farmen schon bald nachsieht, ob das Pulver trocken liegt und allenthalben daran denkt, die Türen zuzuhalten.«

»Ihr befürchtet also, daß wir wieder bösen Zeiten entgegengehen?« fragte besorgt Binche.

»Aengstigt Euch nicht,« erwiderte Addy. »Ist ja nur meine persönliche Meinung und bis jetzt glücklicherweise nichts als eine Vermutung.«

»Vermutung? Aber heute nacht das Feuer?«

»Nun ja,« entgegnete der Jäger achselzuckend, »das Feuer weist auf nichts Gutes; aber es ist damit noch lange nicht erwiesen, daß es der Ruf zum Streite wäre.«

»Ihr habt aber doch eben selbst zur Vorsicht gemahnt?«

»Allerdings, und die kann, wie ich eben sagte, niemals schaden. So viel ist gewiß, daß Thayendanegeas sehr rachsüchtig ist, und daß er uns für die bei Oriskany empfangenen Hiebe kaum die Friedenspfeife anbieten dürfte.«

»Also glaubt Ihr, daß er wiederkommt?«

»Wer kann das sagen? Den offenen Kampf scheut er, so viel ist sicher. Dieser Ansicht war auch der Oneida. Daran hindert ihn nicht allein der Respekt, den wir ihm beigebracht haben, sondern auch die Zahl seiner Krieger, die arg zusammengeschmolzen sein soll.«

»Was wäre aber dann der Grund Eurer Sorge?«

»Ihr seid ungemein hartnäckig, Binche,« entgegnete lächelnd der Jäger. »Nachdem ich bei Oriskany oben gesehen, wie wacker unsere Leute dreinzuschlagen wissen, habe ich Sorgen überhaupt nicht. Thayendanegeas aber wird Vergeltung suchen, das halte ich für ziemlich sicher. Daher wäre es immerhin möglich, daß er uns ab und zu mit einem Besuche, oder, daß Ihr mich recht versteht, mit dem sogenannten ?kleinen Kriege? beehrt.«

»Also die Farmen bei Nacht und Nebel überfällt, den roten Hahn aufs Dach setzt ? das Feuer gestern, es war ja schrecklich!«

»Ja es hat tüchtig aufgeräumt, alles ist dahin bei Rump und Stumpen; die beiden Knechte verschwunden, die Kathrin skalpiert ?«

»Entsetzlich!«

»Nur das Vieh, das die Schufte bereits auf die Höhe getrieben hatten, vermochten wir ihnen wieder abzunehmen.«

»Also noch ein Glück im Unglück ? und daß das just Eure Farm betroffen hat!«

Die Züge der beiden Männer wurden um einen Schatten ernster.

»Sagt, Binche,« fragte Addy, »wo steckt der Fred? Seinetwegen sind wir eigentlich hier; wir hätten ein ernstes Wörtlein mit ihm zu reden.«

»Da fragt Ihr mich zu viel. Schon seit acht Tagen war er nicht mehr im Hause.«

Fragend sahen sich die beiden Männer an.

»Und Ihr wißt nicht, wo er sich herumtreibt?«

»Er sagte nichts und ich fragte ihn nicht, als ich merkte, daß er wegging; wars in letzter Zeit doch etliche Male schon der Fall. ? Offen gestanden,« setzte Binche lebhaft hinzu, »bin ich herzlich froh, wenn ich ihn nicht um mich weiß, den finsteren, mürrischen Gesellen. Vordem, während der Krankheit des Herrn, wars, als ob er sich ganz gut machen würde; seit der Testamentseröffnung ist es aber völlig aus mit ihm.«

»Ihr habt auch keine Ahnung, wo er sich hingewendet hat?«

Binche verneinte.

»Könnt Ihr Euch auch nicht denken, wann er wiederkehrt?«

»Auch darüber wüßte ich nichts zu sagen. Das letzte Mal blieb er acht, vordem etwa vierzehn Tage aus.«

»Könnt Ihr Euch etwa vorstellen, Binche, was ihn zum Weggehen von hier bestimmen mag, was er etwa auswärts treibt?«

Binche zuckte die Achseln.

»Dann,« bat Addy nach einigem Bedenken, »seid so gut, und laßt es uns doch gleich wissen, wenn er sich wieder einfindet.«

»Ist die Sache so wichtig?« fragte Binche, und als sie merkte, daß Addy sich schon wieder zum Gehen wenden wollte, fügte sie hastig, fast bestürzt hinzu: »Nein, daraus wird nichts, ihr Männer seid ja allzeit durstig ? und ihr kommt von weit her ? man siehts an euren Stiefeln.«

Binche deutete mit einer energischen Handbewegung auf die neben befindliche Veranda und verschwand dann hinter der Haustüre.

»Eigentlich wollte ich Euch einen freien Augenblick verschaffen,« sagte treuherzig der Jäger zu Franzl, während sich die beiden an dem Tische der Veranda niederließen. »Denn es läßt sich doch annehmen, daß man selbst bei unbeabsichtigt gewesenem Besuch seiner Braut etwas zu sagen hat.«

»Dazu habn wir zwoa, wenn uns Gott ein langes Lebn schenkt, grade noch gnug Zeit,« versetzte Franzl. »Sagt lieber, was machn mit dem Fred?«

»Da fragt Ihr zu viel,« entgegnete Addy. »Ihm nachlaufen? Wer kann wissen, wo er steckt? Es wird nichts anderes übrig bleiben, als in Geduld zu warten, bis er wiederkehrt.«

»Und wann er wirklich a schlechts Gwissn hat, d Luntn riecht und net wieda kimmt?«

»Das hielt ich kaum für ein Unglück. Ich trage ihm, selbst wenn er schuldig wäre, schon um des Herckheimers willen, nichts nach. Die Talbewohner aber könnten dessen nur froh sein. Engländer von Geburt ist er, und der Apfel fällt nie weit vom Stamm. Mein Verdacht, daß er es mit den Johnsonschen hält, ist nicht von heute. Sollte er aber wiederkommen und es sich erweisen lassen, daß seine wiederholten Drohungen gegen uns beide keine leeren waren, daß er an dem gestrigen Vorfall irgendwie teil hat, gibt es, das schwöre ich Euch, schon um der allgemeinen Sicherheit willen, wenig Federlesens.«

Binche kam jetzt wieder aus dem Hause, in der einen Hand einen Weinkrug, in der anderen ein Körbchen. Geschäftig entnahm die junge Haushälterin dem letzteren zwei Zinnbecher und verschiedenes kaltes Fleisch und Brot. Sie legte von den Speisen vor und goß die Becher voll.

Die beiden Männer ließen sich nicht lange nötigen, sondern griffen ohne Umstände wacker zu.

»Nun, Binche, was sagt Ihr zu der niedergebrannten Farm?« fragte Addy, als er und Franzl auf den Tellern ziemlich aufgeräumt hatten und der größte Durst gelöscht war.

»Was soll man dazu sagen? Das Unglück ist nun einmal geschehen und Ihr müßt den Verlust eben wohl oder übel hinnehmen.«

»Ihr seid aber doch dafür, daß wir die Hütten wieder aufbauen?«

Etwas wie Schelmerei leuchtete aus des Jägers Augen. Binche bemerkte das und sah mißtrauisch zu ihm auf.

»Natürlich werdet Ihr das,« entgegnete sie und warf dann auch auf Franzl einen forschenden Seitenblick.

Dieser hatte sein Eßzeug bereits beiseite geschoben, zog jetzt seine Maultrommel hervor und flötete einen Dudler, als ob ihn das Gespräch der beiden anderen gar nichts anginge.

»Ob wir aber bis zum Frühjahr noch rechtzeitig fertig werden?« fragte Addy wieder.

»Warum gerade bis zum Frühjahr?« entgegnete Binche und fuhr, etwas verlegen lächelnd und wieder Franzl von der Seite her einen Blick zuwerfend, glättend mit den Händen über ihre Schürze. »Ihr werdets erleben, daß die Farm schon in etlichen Wochen schöner wie je zuvor dasteht.«

»Ei, das ginge aber schnell,« meinte, wirklich erstaunt, der Jäger.

»Je nun,« erwiderte Binche, »es war schon heute morgen davon die Rede, daß alle Farmer in und um Little Falls zusammenstehen werden, die Farm wieder herzurichten.«

»Na,« sagte Addy, »wenn das ist, dann erleidet die Hochzeit ja weiter keinen Aufschub.«

Franzl begann auf seiner Maultrommel jetzt gar mächtig zu rasseln. Gleichzeitig sprang Binche resolut von ihrem Sitze auf, erwischte ihn bei seinem mächtigen Haarschopf und rief halb ärgerlich, halb lachend: »Hats der schlechte Mensch richtig schon ausgeplaudert, diese Schwatzbase!«

Franzl machte eine arge Armesündermiene. Addy dagegen lachte herzlich über das kleine Unheil, das er mit seiner Bemerkung angerichtet hatte, und rief dann: »Ja, Binche, wenn Ihr ihn etwa verpflichtet habt zu schweigen, dann schüttelt ihn nur tüchtig!«

Diesen Rat befolgte nun Binche nicht. Sie gab ihrem Bräutigam nur schnell noch einen liebevollen Puff und sank dann, die Hände im Schoß faltend, halb schmollend, halb verlegen lächelnd, auf ihren Stuhl zurück.

»Das ging ja noch recht gnädig ab,« meinte Addy belustigt. »Es wäre für ihn aber auch gar zu hart, Binche, würdet Ihr ihm deswegen wirklich böse; er ist wahrlich nur zur Hälfte schuldig. Gestern, just vor dem Brande wars, da haben wir ihm drüben in der ?Fröhlich Pfalz? das große Geheimnis förmlich herausgepreßt.«

»Also am Wirtstisch sogar? Na, dann weiß es natürlich heute schon das halbe Tal,« entgegnete, sich sehr erbost stellend, Binche, und erhob wieder drohend die Hand gegen Franzl.

Dieser wich wie erschrocken zurück, rückte seinen Stuhl und begann, als er sich in sicherer Entfernung sah, den beiden auf seinem Instrumente einen Ländler vorzutrommeln.

»Ist das nicht ein recht schlechter Mensch?« wandte sich Binche an Addy. »Da bekomme ich zum Mann einen netten Gesellen. Erst schwatzt er, wo er nicht schwatzen soll, und da ich ihm jetzt die Leviten lesen will, spielt er mir eins zum Tanze!«

»Laßt es gut sein, Binche,« sagte Addy, nachdem er die beiden eine Weile still lächelnd betrachtet hatte. »Der böse Geselle scheint mir gerade der Rechte für Euch. Hat mich wirklich herzlich gefreut, als ich von Eurem Bündnis vernahm. Doch ? Binche ? da die Frage von der Farm schon angerissen ist, und da Ihr über kurz oder lang die Frau Pachterin werdet, so überlegt Euch, ehe wir an den Bau gehen, ob Ihr nicht noch besondere Wünsche habt.«

Binche versprach, sich zu besinnen und ihrem »Pachtherrn« etwaige Wünsche noch rechtzeitig mitzuteilen.

»Gegen den Pachtvertrag, den wir beide, Franzl und ich, bereits abgeschlossen haben, hättet Ihr nichts einzuwenden?«

»Höchstens,« entgegnete Binche lachend, »daß Ihr den Pachtschilling gar zu niedrig bemessen habt.«

»So wars nicht gemeint,« erwiderte abwehrend der Jäger. »Ich wollte eigentlich fragen, ob Ihr gegen die Farm selber kein Arg habt? Die heutige Nacht hats gelehrt, daß die roten Spitzbuben es ganz besonders auf sie abgesehen haben.«

»O,« rief Binche, »das müßte eine traurige Farmerin sein, die an der Seite ihres Mannes nicht ohne Angst und Bangen aushielte. Und Ihr selber bleibt ja auch bei uns, auf Eurem Ausgedingstübl.«

»Solchen tapferen Sinn lobe ich mir,« erwiderte schmunzelnd Addy. »Wenn aber, wie es scheint, die Farm eine Unglücksfarm ist ? gesetzt den Fall, wir beide sind über Feld, und just dann kämen gerade wieder einmal die Roten?«

»Dann wäre,« entgegnete Binche energisch, »solange eine gute Büchse und trockenes Pulver im Hause ist, auch noch nicht alles verloren.«

»Potztausend ? das nenne ich Mut haben,« versetzte belustigt Addy. »Versteht Ihr wirklich mit Pulver und Blei umzugehen?«

Statt jeder Antwort langte Binche nach des Jägers Büchse, die neben ihrem Sitz gegen die Wand gelehnt stand und erbat sich von ihm ein Zündhütchen.

Mit sicherem Blick hatte sie sofort ersehen, daß die Läufe geladen waren, und setzte nun mit kundiger Hand das Hütchen auf den einen Piston.

Jetzt sah sie sich nach einem Ziel um.

Etwa sechzig Schritte vom Hause entfernt, in dem nebenan liegenden Baumgute, hing an einer kurzen, auf diese Entfernung kaum sichtbare Leine ein topfartiges Gebilde nieder, das von einer üppig wuchernden Pflanze besetzt war, deren Ranken über den Rand des Behälters niederfielen.

Darauf zeigte Binche, zog den Hahn auf und legte den Schaft der Büchse an die Wange.

Sie zielte nicht lange, der Schuß krachte. Draußen flogen die Topfscherben sprühend nach allen Seiten.

»Brav!« rief bewundernd Addy. »Ein Sapperlotsfrauenzimmerchen, dieses Binche ? wird nicht nur eine brave Farmerin werden, auch eine Hausfrau, die in Zeiten der Not ihren Mann stellt!«

Franzl hatte, während sich die beiden anderen unterhielten, auf seiner Maultrommel unverdrossen weiter gedudelt. Als aber die Büchse an Binches Wange lag, da sperrte er seinen Mund mit einemmal so gewaltig auf, daß seine Musik mit einem sehr unmelodischen Ausklang plötzlich verstummte.

»Sakra,« schrie er, als er des Treffers gewahr wurde, »wo hast denn du das Schiaßn glernt?«

»I nun,« lächelte Binche, die noch rauchende Büchse an die Wand stellend, »wenn die Mannsleut in ihrer freien Zeit fast nichts anderes tun, als sich im Schießen üben, warum soll es denn eine Frauensperson bei Gelegenheit nicht auch ab und zu einmal versuchen?«

»Binche,« rief jetzt Franzl, sich erhebend und seiner Braut die Hand darbietend, »das kunnt ma gfalln ? so ein tapfres Weiberl, das kann i akkrat brauchn.«

»Es war ein Prachtsschuß,« erklärte Addy, »auf den sich jeder Schütze etwas einbilden könnte. Binche, das habt Ihr wirklich brav gemacht!«

Binche lächelte still vor sich hin, füllte die Becher, welche die beiden Jäger jetzt erhoben und auf das Wohl Binches zusammenklingen ließen.

»Nur schad is um das schöne Pflanzerl,« sagte dann Franzl, mit einem nochmaligen Blick nach dem Ziele.

Auch Addy sah hinaus.

Die Wurzeln der Pflanze hingen frei in der Luft. Sie waren zwar teilweise noch von Erde umgeben, ruhten aber nur noch in einer dürftigen Bastverschlingung, die an einer dürren und steif gewordenen, etwa fingerdicken Flechte von dem Geäste des Baumes niederhing.

Binche legte den Schaft der Büchse an die Wange, zielte nicht lange und der Schuß krachte.

»Man wird das Gewächs nur in einen neuen Topf setzen müssen,« sagte Addy, »und da es ziemlich hoch hängt, wollen wir dem Binche, zum Lohn für den schönen Schuß, das beschwerliche Niederholen ersparen.«

Er langte nach seiner Büchse, für die er von jeher eine besondere Liebe und Sorgfalt an den Tag legte. Ihr zierlich geschwungener Schaft war mit allerlei silbernem Zierat ausgelegt und die beiden Läufe von selten feiner Arbeit. Die Waffe hatte, zu damaliger Zeit noch eine Seltenheit, Perkussionszündung, die gegenüber anderen Flinten ein verhältnismäßig schnelles Feuern ermöglichte. Der Jäger rühmte an ihr, daß die Kugeln, beide Läufe zugleich abgeschossen, selbst auf größere Entfernung, stets in gleicher Höhe und auf Fingerbreite bei einander saßen.

Addy lud den abgeschossenen Lauf, machte sich schußfertig und prüfte den Stand der Sonne.

Er legte lächelnd an und im nächsten Augenblick war draußen die kaum fingerdicke Verbindung zwischen dem Baum und der Hängepflanze mitten entzwei, so daß die letztere mit dumpfem Aufschlag zur Erde niederfiel.

Die beiden anderen hatten das Beginnen des Jägers mit größter Spannung beobachtet und brachen jetzt, wie aus einem Munde, in laute Rufe der Bewunderung aus.

»Sakra, man sollts nit glaubn, daß so was überhaupt mögli is!«

»Ihr schießt einem ja, wenn es sein muß, eine Mücke von der Nasenspitze weg,« schrie Binche. »Nein so was!«

»Den schönsten Schuß, den i mein Lebtag gsegn hab!« rief Franzl ein ums andere Mal und warf Addy dabei fast neidische Blicke zu. Dann langte er nach seinem Becher, tat einen artigen Zug und sagte tief aufatmend: »Na, der Thayendanegeas, der soll uns nur kummn, wann er das Kuraschi hat ? bei uns brauchts ka Furcht, wann ma solchene Schützn und Schützinnn habn!«

Der kleine Krieg.

Der Winter regierte in diesem Jahre äußerst milde und es ging schon allgemach dem Frühjahr zu.

Schon die letzten Februartage hatten mit ihren warmen Sonnenstrahlen die Erde aus dem Banne von Schnee und Eis gelöst. Die Waldbäche schwollen und bereits streiften im Tale die beflügelten Frühlingsboten über die grünen Wintersaaten.

Oben am Saum der bewaldeten Höhen, zwischen welken Blättern und vergilbten Halmen, wagten sich schon die ersten Frühlingsblümchen hervor, freilich nur schüchtern und zaghaft, als trauten sie in ihren warmen, moosgepolsterten Bettchen dem mild niederflutenden Frühlingssonnenlichte so recht noch nicht.

Auch unter den Farmern wurde es lebendig. Schon früh am Morgen zogen sie alltäglich mit ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern hinaus auf Aecker und Felder, ihren Kulturen ganz besondere Sorgfalt zuzuwenden. Erhofften sie doch, da die Ernte des Vorjahres durch die kriegerischen Vorgänge erheblich geschmälert worden war, in diesem Jahre auf besonders günstige Erträge. Wie konnten sie ahnen, daß sie zum nicht geringen Teil bitter getäuscht werden sollten!

Wohl hatte im Herbste zuvor der Ueberfall der Farm im ganzen Tal die größte Aufregung, Erbitterung und die schwerwiegendsten Bedenken hervorgerufen. Aber der Rest der Herbsttage und die Wintermonate waren trotz der schlimmsten Befürchtung ohne weitere feindliche Beunruhigung vorübergegangen.

Fast die ganze Farmerschaft in und um Little Falls war dann damals zusammengetreten und hatte, trotzdem sich Addy in seiner Bescheidenheit gar gewaltig dagegen sträubte, mit hilfreicher Hand Schutt und Trümmer entfernt und das niedergebrannte Wohnhaus, den Stall und nötigen Kornschober binnen kurzer Zeit schöner und praktischer als zuvor neu aufgebaut.

Inzwischen waren viele Wochen vergangen und der Vorfall mittlerweile fast vergessen worden; die rege gewordenen Bedenken traten allgemach in den Hintergrund, man atmete wieder freier. Dazu war gleich damals nach dem Brande der Sicherheitsausschuß des ganzen Tales zusammengetreten und zu dem Beschlusse gelangt, die republikanische Regierung schleunigst um Hilfe zu bitten.

Da man sich in New York wohl bewußt war, welch ein starkes Bollwerk die tatkräftigen Deutschen am Mohawk gegen die englische Invasion für den um seine Unabhängigkeit kämpfenden Staat bildeten, und da man sich ferner angesichts der Bedeutung des Treffens bei Oriskany wohl auch zu Dank verpflichtet fühlte, kam man den Wünschen des Ausschusses rascher, als man es zu erhoffen wagte, entgegen.

Noch im November traf der Gouverneur des Staates ein, das Milizregiment neu zu organisieren. Dabei ergab sich leider, daß der Kampf bei Oriskany unter den waffenfähigen Männern so sehr aufgeräumt hatte, daß aus dem Rest der zuvor bestandenen Kompanien nur noch knapp deren sieben zusammengestellt werden konnten. Diese Miliztruppe reichte also für die Verteidigung des mehr als siebzig englische Meilen langen Mohawktals bei weitem nicht aus; sie konnte bei einem feindlichen Einbruche höchstens an einzelnen Punkten entscheidend eingreifen.

Die Regierung entschloß sich auf Drängen des Ausschusses daher, noch einige Kompanien des pennsylvanischen Regiments und einige Scharfschützenabteilungen dahin zu verlegen, die auf dem westlich gelegenen Fort Schuyler, dann auf dem Fort Dayton nächst German Flats, auf Herkimer unweit Little Falls und in dem am untersten Laufe des Flusses gelegenen Fort Hunter stationiert wurden. Das früher schon genannte, oberhalb Oriskany gelegene Fort Stanwix kam nicht in Betracht, denn es lag etwa dreißig Meilen westlich der letzten deutschen Ansiedelung, so daß es durch kleinere feindliche Kolonnen leicht umgangen werden konnte.

Diese Truppenabteilungen schienen im Verein mit den Milizen nun wohl hinzureichen, das Tal gegen einen offenen Einfall der Indianer zu sichern.

Da aber Addy beim Ausschuß nachdrücklich geltend machte, daß man sich nach seiner Ueberzeugung zunächst mehr auf einzelne hinterlistige, auf Raub und Brand abzielende indianische Einfälle als auf einen offenen Kampf gefaßt machen müsse, denen die über eine so große Fläche verstreuten Truppen mehr oder weniger doch ohnmächtig gegenüberständen, organisierte man auch noch einen regelmäßigen Kundschafterdienst, der durch eine Anzahl wohlerprobter und unerschrockener Grenzjäger, der sogenannten Rangers, verrichtet wurde.

Die Rangers hatten die Aufgabe, zu Fuß oder zu Pferde auf Schleichwegen weit hinaus die Umgebung der Ansiedelungen abzustreifen und jede Gefahr, die dem Tal drohte, unverzüglich einem der Fortskommandanten zur Kenntnis zu bringen.

Addy, der weit und breit jeden Weg und jeden Steg und die Kriegführung der benachbarten, feindlich gesinnten Indianer wie kein anderer kannte, übernahm es selbst, die Rangers auf weiten Streifungen in ihr Amt einzuführen.

Den Fortskommandanten wurde, um einer etwaigen Ueberrumpelung vorzubeugen, die Pflicht auferlegt, sobald sie eine Meldung erhielten, die Talbewohner sofort durch ein Notsignal auf den nahenden Feind aufmerksam zu machen. Erfolgte »ein« Kanonenschuß, so sollte er zunächst nur als Warnung dienen, und es blieb den Farmern überlassen, mit Weib und Kind und Kegel innerhalb der Mauern des alarmierenden Forts Schutz zu suchen. Erfolgte ein »zweiter« Schuß, so befand sich der Feind schon im Tale, und es war bereits gefährlich, nach dem Fort zu eilen; fiel auch noch ein »dritter«, so galt es als Zeichen dafür, daß die Talbewohner das betreffende Fort nicht mehr erreichen konnten.

Bisher hatten die Kanonen der kleinen Festungen geschwiegen. Da aber, eines Abends, etwa eine Stunde nach Einbruch der Nacht, gewahrte der Auslugposten auf dem Turm des Forts Dayton in der südöstlichen Ecke des Herkimer County eine verräterische Röte, und sogleich machte er davon Meldung.

In größter Eile kam der Kommandant des befestigten Platzes auf die Plattform gestiefelt, doch während er noch mit seinem gleich nach ihm herbeigeeilten ersten Offizier, Leutnant Woodworth, sich beriet, ob man es hier mit einem Unfall oder mit einem Einfalle der Indianer zu tun habe, donnerten schon auch von dem benachbarten, etwa sechs Meilen flußabwärts gelegenen Fort Herkimer schnell hintereinander zwei Kanonenschüsse.

Man konnte sich hier auf Dayton also vorderhand auf die Beobachtung des Vorganges beschränken, denn die Bewohner des Herkimer County waren gewarnt und die Besatzung des Nachbarforts würde ihre Pflicht tun.

Da hörten die beiden Offiziere auf der hart neben dem Fort vorbeiführenden Landstraße einen Reiter in schnellster Gangart dahersprengen, unten am Tore das Losungswort abgeben und Einlaß begehren. Gleich darauf wurde geöffnet und wenige Sekunden später stand der Reiter vor dem Kommandanten.

»Was bringen Sie?« fragte dieser.

»Sir,« meldete der mit Schweiß und Staub bedeckte Grenzjäger, »Addy sendet mich. Wir haben etwa achtzig Rothäute aufgespürt, die er durch irgend einen Kniff in ihrem Marsche hinhalten will; er bittet um ein Streifcorps von mindestens dreißig Mann, und zwar so schnell als möglich.«

»Hängt das etwa zusammen mit dem, was da unten vorgeht?« fragte der Kommandant und wies mit dem Zeigefinger nach der Brandröte in der Ferne.

Der Grenzjäger warf nur einen kurzen Blick in die angegebene Richtung und entgegnete: »Sir, es brennt, soviel ich sehe, jenseits des Flusses. Wir aber streiften auf dieser Seite, also nördlich von Dayton. Die Indianer kamen aus Nordwest und halten allem Anschein nach auf Little Falls. Uebrigens ? Sir ? hat Addy, wenn jener Brand dort auf die Roten zurückzuführen ist, diesen Vorgang förmlich vorausgesagt.«

»Nicht möglich!«

»Und doch. Die Rothäute, die wir beobachteten, ließen sich Zeit, und das erschien Addy verdächtig.«

»Das allein sollte einen Schluß erlauben?«

»Er erklärte, daß es ihn nicht wundern würde, wenn es in aller Kürze irgendwo in ganz entgegengesetzter Richtung zum Knallen käme. ?Das wird,? meinte er, ?aber nur ein kleiner Putsch sein, die Aufmerksamkeit abzulenken und die Kräfte unserer Leute zu zersplittern.? Die Roten aber, die wir vor uns hatten, das war seine feste Ueberzeugung, die dachten an einen sorglich geplanten Hauptschlag.«

»Dann, Leutnant Woodworth,« entschied der Kapitän, »lassen Sie uns keine Minute säumen.«

»Erlauben Sie, Kapitän,« fragte dieser, »daß ich selbst die Abteilung führe?«

»Das soll mir bei der Wichtigkeit der Sache sehr lieb sein,« entgegnete der Fortskommandant. »Nehmen Sie nicht nur dreißig, sondern vierzig Mann von den Pennsylvaniern und fahren Sie fest dazwischen; zeigen Sie, was Sie vermögen. Doch noch eins,« rief der Kapitän, als der Leutnant schon davoneilen wollte, »? jener Mann, den die Indianer und allenthalben auch die Talbewohner ?Addy, den Rifleman? nennen, wurde mir als ein äußerst findiger, ebenso vorsichtiger als tapferer Jäger und Grenzer geschildert; lassen Sie sich gesagt sein, auf seinen Rat zu achten, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.«

»Sehr wohl, Sir,« entgegnete der Leutnant, sprang dann hinab über die Treppe nach den unteren Räumen, zugleich tönte schneidend schrill seine Alarmpfeife.

Durch den kurz zuvor gemeldeten Brand waren die Mannschaften ohnehin schon in den Bereitschaftszustand versetzt, und so war die Besatzung fast augenblicklich unter Waffen.

Leutnant Woodworth wählte vierzig Mann, und schon nach wenigen Minuten marschierte er mit ihnen unter Führung des Rangers, der sein Pferd zurückließ, durch das Tor, dann quer über das Tal gegen die bewaldete Höhe.

Oben angekommen, führte der Grenzjäger die Abteilung trotz der tiefen Finsternis, die hier herrschte, etwa eine Stunde lang waldein und machte endlich Halt.

Auf den Wunsch des Rangers erhielten die Leute die Weisung sich niederzulegen und völlig lautlos zu verhalten.

Wohl eine Stunde lang lagen sie so, als plötzlich der heisere Schrei eines Nachtvogels dreimal hintereinander sich hören ließ, worauf der Grenzjäger in der gleichen Weise antwortete.

Es verging wieder einige Zeit, als derselbe Schrei in weit geringerer Entfernung hörbar wurde, und wieder gab der Grenzer denselben Laut.

Gleich darauf tauchte die hohe Gestalt Addys auf, der nach kurzem Grußwechsel den Leutnant bat, ihm mit seinen Leuten noch eine kleine Strecke zu folgen. Der Offizier gab die entsprechenden Befehle.

Addy übernahm die Führung der kleinen Truppe. Er ging etwa dreihundert Schritte in der von dem Grenzjäger zuvor verfolgten Richtung geradeaus, schwenkte dann aber links ab, und nun gings durch dick und dünn über eine stark abfallende Berglehne in ein enges Seitental nieder, auf dessen Sohle ein Wildbach dem Mohawk zueilte.

Hart an das Ufer dieses Gewässers sich haltend, stieg Addy mit dem Offizier und dessen Leuten talauf.

Obwohl es hier unten an dem Wildbache verhältnismäßig heller war als oben im Walde, war der Aufstieg auf dem kurz zuvor überschwemmt gewesenen, oft noch sehr weichen, dann wieder mit starkem Geröll überstreuten Boden recht beschwerlich. Im obersten Teil wurde das enge Tal noch unwegsamer, denn je höher man kam, um so mehr baute sich Terrasse auf Terrasse, über welche der angeschwollene Bach in geräuschvollen Stürzen talab sprang.

Endlich hielt der Jäger an einer Stelle, wo das Gewässer durch zwei mächtige, nebeneinander gelegte Baumstämme überbrückt war.

»Ein böser Weg da herauf,« brummte der Leutnant, als er, dicht hinter Addy einhersteigend, neben ihm angelangt war.

»Wir sind gleich an Ort und Stelle,« entgegnete Addy.

»Werden Sie uns links über diese Brücke führen?« fragte der Offizier.

»Nein, Herr, wir wenden uns rechts.«

»Rechts?« fragte der Leutnant einigermaßen erstaunt. »Das kann da oben aber doch nur dieselbe Anhöhe sein, auf der wir uns vordem, weiter rückwärts, befanden?«

»Allerdings.«

»Wozu lassen Sie uns dann aber erst in das Tal niedersteigen und führen uns über das halsbrecherische Geröll hier herauf? Das hätten wir oben geradeaus viel bequemer haben können.«

»Aus Gründen der Vorsicht.«

»Vorsicht?«

»Ja, Herr. ? Wir sind nahe am Feinde und dieser kann hier überall herum im Wald seine Späher haben. Würden Ihre Leute es vermögen, im dichten Wald lautlos vorwärts zu kommen, wären wir oben vorgedrungen. Ich mußte aber schon auf der kurzen Strecke, die wir oben zurückgelegt haben, die gegenteilige Ueberzeugung gewinnen, und da zog ich es vor, im Geräusche des Wassers Schutz zu suchen.«

Die nachsteigenden Leute drängten jetzt heran.

Addy bat den Leutnant, die äußerste Ruhe zu gebieten, dann führte er die Abteilung auf dem von der Brücke wegführenden Pfade rechts ab, einige hundert Schritte weit vollends hinauf auf die Höhe.

Hier wurde Halt gemacht. Die Leute durften sich jetzt niederlegen, doch sollten sie sich auch jetzt völlig geräuschlos verhalten.

»Was nun?« fragte der Leutnant mit gedämpfter Stimme, als Addy dem Grenzjäger einige Worte zugeflüstert hatte, der darauf verschwand.

»Je nun,« entgegnete der Jäger, indem er sich auf die Erde niederließ und den Offizier einlud, ein gleiches zu tun, »hier lassen Sie uns gemächlich die wenigen Stunden bis zum Tagesanbruch hinbringen. Trügt nicht alles, haben die Indianer die Absicht, Little Falls einen Besuch abzustatten und werden nach meinen bisherigen Beobachtungen ziemlich sicher durch dieses Tal zum Mohawk niedersteigen. Wir aber haben die Höhe hier oben im Besitze und das soll ihnen schlecht genug bekommen.«

»Wenn das ist, dann wird der Feind unten unsere Spuren aber sofort bemerken.«

»Tut nichts, Herr, wir stehen so, daß wir ihn mittlerweile bereits vor den Büchsenläufen haben, und wenn die Rothäute unsere Spuren auch gewahren, so hat das ebenfalls wenig zu sagen; im Gegenteil, je mehr sie denselben ihre Aufmerksamkeit schenken, ein um so besseres Ziel bilden sie für unsere Büchsen.«

»Seit wann beobachten Sie schon die Roten?«

»Seit dem vergangenen Morgen.«

»Und Sie haben dieselben hingehalten, sonst wären sie wohl schon heute abend ins Tal eingebrochen?«

»Allerdings, ich habe ihnen einen Schabernack gespielt, der ihnen obendrein einen Mann kostete.«

»Wie vermochten Sie das?«

»Da ist nicht viel darüber zu sagen, Herr. Sie kamen aus Nordwest und hielten zuerst auf German Flats, schwenkten dann aber mehr auf Little Falls ein. Da es ja immerhin sein konnte, daß sie noch am Abend in das Tal niederstiegen, sandte ich sofort den Ranger nach dem Fort, Lärm zu schlagen, um die Roten womöglich noch hier oben auf den Höhen, ehe sie ihren Anschlag auszuführen vermochten, zu fassen. Um diesen Zweck zu erreichen, war nötig, sie in ihrem Vormarsche aufzuhalten, und das war eine sehr einfache Sache. Sie zogen pfadlos durch den Wald, ich aber bog ihnen aus und folgte ihnen, um für das, was ich vorhatte, womöglich den Einbruch der Dämmerung abzuwarten. Als ich den günstigen Zeitpunkt für gekommen erachtete, pirschte ich an die roten Burschen heran und knallte ihnen eins in den Rücken. Eine halbe Minute später saß ich schon oben im Geäste einer dichten Baumkrone und da mochten sie nun lange nach mir suchen. Was ich aber bezwecken wollte, hatte ich erreicht. Die Rothäute kehrten zum größten Teile sogleich um, streiften den Wald weithin ab, fanden natürlich nichts, witterten aber Unheil und traten zu einer Beratschlagung zusammen. Mittlerweile war die Dunkelheit hereingebrochen. Ich stieg nieder von dem Baume, unterrichtete mich noch so gut ich konnte über den Verbleib des Feindes ? und da bin ich.«

»Wahrlich, das haben Sie gut gemacht. Sie sind ein kühner Mann!« versetzte der Leutnant.

Addy erwiderte nichts und der Offizier fragte über eine kleine Weile: »Sie haben inzwischen wohl schon gehört, daß heute abend wahrscheinlicherweise auch im Herkimer County Rote eingefallen sind?«

»Der Grenzer sagte mir bereits davon. Hätte ich das als sicher annehmen können, konnte ich mir den Schuß sparen.«

»Wieso das?«

»Weil die Indianer, die wir hier erwarten, dann kaum des Abends noch hier durch wären.«

»Woraus ziehen Sie diesen Schluß? Die Aufmerksamkeit im Tal war auf den Brand gerichtet und die Roten hätten dadurch leichteres Spiel gehabt.«

»Noch leichter wird ihnen der Ueberfall am kommenden Morgen. Thayendanegeas ist ein überaus schlauer Hecht. Er sagt sich, und nicht mit Unrecht, daß die Farmer und etwa auch die Schützen aus den Forts die Brandstifter heute abend kaum mehr verfolgen werden. Das Nachsetzen in den dichten Wäldern hätte bei Nacht auch wahrlich einen nur sehr zweifelhaften Erfolg. Morgen mit dem frühesten aber werden sich die erbitterten Milizmänner ganz sicher auf den Weg machen.«

»Glauben Sie wirklich, daß Thayendanegeas ein solch scharfer Rechner ist?«

»Er ist abgefeimt, durch und durch. Er sagt sich, daß er alle die Farmer, die morgen früh hinter den anderen Roten her sind, nicht gegen sich haben wird; ja er läßt sie durch jene Spießgesellen so gut es geht irre führen.«

Der Leutnant mußte die Stichhaltigkeit dieser Behauptungen zugeben und die beiden berieten noch über manche Frage, die der bevorstehende Zusammenstoß mit den roten Kriegern mit sich bringen konnte.

Endlich mahnte Addy den Offizier, daß er sich noch ein wenig Ruhe gönnen möge, was dieser anfänglich von sich wies, dann aber doch befolgte.

Mehrere Stunden vergingen. Ueber diese ganze Zeit hindurch lag über der bewaldeten Höhe tiefes Schweigen.

Ehe noch der junge Tag anzubrechen begann, weckte Addy den Leutnant.

Rasch ermunterte sich derselbe und die beiden gingen sofort daran, die Leute entlang dem Höhenrande so zwischen den dichten Büschen aufzustellen, daß jeder einzelne gut versteckt lag und doch einen ungehinderten Ausblick über das schmale Tal hatte, welches der Feind nach der Annahme des Jägers passieren würde. Die Leute wurden über das, was zu erwarten stand, unterrichtet, zugleich aber auch der strenge Befehl erteilt, daß erst auf das Zeichen des Leutnants geschossen werden dürfe.

Wieder verging einige Zeit. Allgemach begann es etwas zu dämmern und im Geäste der Bäume erhoben sich die ersten Vogelstimmen.

Da tauchte der Grenzjäger neben Addy und dem Leutnant auf und ersuchte im Flüsterton um äußerste Ruhe.

Sofort wurden die Leute in den Büschen durch Zeichen verständigt. Nicht der mindeste Laut ließ sich vernehmen, kein Aestchen rührte sich.

Auch der Grenzer, Addy und der Leutnant warfen sich jetzt platt auf die Erde nieder.

Wieder eine kurze Weile verging, da legte der Jäger seine Hand auf des Offiziers Schulter und zeigte in der Richtung, aus welcher der Feind erwartet wurde, empor in das Geäste der Bäume.

Das fröhliche Gezwitscher der Vögel oben in den Baumkronen war inzwischen erheblich lauter geworden, aber auch merklich unruhiger. Da und dort flog ein Vogel kreischend auf, dem alsbald andere folgten, die dann alle ängstlich das Weite suchten.

Bald darauf ließen sich leichte Tritte vernehmen, die immer mehr sich näherten. Welke Blätter rauschten, einzelne trockene Aestchen knisterten.

Jetzt mußten die Menschen ziemlich dicht heran sein. Man unterschied deutlich, daß es deren drei waren, dann entfernten sich die Tritte allmählich wieder.

Fragend sah der Leutnant auf Addy. Dieser gewahrte es und lächelte, indem er zugleich den Offizier durch eine entsprechende Handbewegung aufforderte, nach der Höhe jenseits des Tales hinüberzublicken.

Die Dämmerung war bereits so weit vorgeschritten, daß man auch dort einige dunkle Silhouetten gewahren konnte, die zwischen den Bäumen und Büschen dahinglitten.

Der Offizier verstand: die Roten waren vorsichtig und schickten auf beiden Höhen einige Leute voraus. Nun war es auch kaum mehr zweifelhaft, daß die Annahme des Jägers, die Indianer würden entlang dem Bache in das Tal niedersteigen, sich erfüllen würde.

Und in der Tat, die Schritte der vorausgehenden Späher waren noch nicht lange verklungen, als auf dem von hier aus sichtbaren höchstgelegenen Punkte des Tales einige Rothäute um die dort befindliche Biegung traten, gewissermaßen die Vorhut, denen kurz darauf etwa siebzig Mann folgten.

Jeden Augenblick schußbereit, beobachteten die im Hinterhalt liegenden Weißen die schlanken, dunklen, mit grellen Farben bemalten Gestalten, die flink und gelenkig, einer hinter dem anderen, jeder fast genau in die Fußstapfen des Vordermannes tretend, von Terrasse zu Terrasse herabstiegen. Dem Haupttrupp voraus ging ein Krieger, welcher weniger durch eine hervorragende Gestalt, als durch den reichgeschmückten sogenannten War-bonnet (Kriegshut) sich auszeichnete, der am Scheitel strahlenförmig mit Adlerfedern besetzt war, über den Rücken sich fortsetzte und fast bis zu den Knieen niederfiel. »Thayendanegeas!« hauchte Addy dem dicht neben ihm liegenden Leutnant ins Ohr, was dieser mit einem kaum merklichen Nicken des Kopfes beantwortete.

Die Mannschaften hatten sich bis jetzt musterhaft gehalten. Sie lagen bewegungslos in den Verstecken, alles schien nach Wunsch zu gehen. Binnen wenigen Minuten mußten die Indianer tief genug in das Tal niedergestiegen sein und dann saßen sie in der Falle.

Da, mit einmal ? die vordersten Rothäute waren noch nicht einmal bis zu dem schmalen Brückchen gelangt ? krachte dicht neben dem Leutnant ein Schuß. Wie mit einem Zauberschlage waren die Rothäute in der Einsattelung hinter den Bäumen verschwunden.

Fluchend sprang Leutnant Woodworth auf und es stellte sich heraus, daß einem Mann die Flinte ganz zufällig losgegangen war.

Auch Addy hatte sich erhoben und maß finsteren Blickes den Unglücksmenschen, der sich dem Offizier gegenüber lebhaft entschuldigte und dem seine Unvorsichtigkeit sichtlich schwer genug zu Herzen ging.

Es blieb nunmehr natürlich nichts anderes übrig, als das Feuer auf den Feind zu eröffnen, denn wenn auch durch den verfrühten Schuß der wohlvorbereitete Anschlag in die Brüche gegangen war, immerhin befanden sich die Weißen in der vorteilhafteren Stellung.

Der Leutnant gab also wohl oder übel dementsprechend seine Befehle, die Gewehrhahnen knackten und es richteten sich vierzig Büchsenläufe nach der Stelle, wo die Indianer verschwunden waren.

Der Feind vermied es aber natürlich sorgfältig, sich als Zielscheibe darzubieten. Die sehr üppige Vegetation, die auf beiden Seiten ganz nahe an den Wildbach heranreichte, bildete ein gutes Versteck und man sah daher nur ab und zu eine Rothaut flink von einer Deckung hinter die andere springen, so daß die vereinzelten Schüsse, die von oben her fielen, fast ohne Wirkung blieben.

Flink und gelenkig kamen die roten Krieger die Einsattelung herab.

Nach und nach wurde es unten zwar lebendiger, hier und dort tauchten unter den Bäumen und zwischen den Büschen dunkle Gestalten auf, doch die Rothäute blieben überall, wo sie sich eine Blöße geben mußten, nur auf Augenblicke sichtbar.

Aus allem ging hervor, daß Thayendanegeas das Gefecht nicht annahm und es wäre das angesichts der Notwendigkeit, einem unsichtbaren Feinde gegenüber bergauf vordringen zu müssen, auch wenig klug gewesen. Es schien vielmehr, daß er trachtete, sich mit seinen Kriegern im Schutze des Holzes nach dem Punkte oben zurückzuziehen, wo er um die Biegung herumgekommen war.

Des Jägers Plan richtete sich infolgedessen darauf, das, was er gegebenen Falles erst für später vorhatte, jetzt schon auszuführen, dem Feind nämlich den Rückweg zu verlegen, also den Talausgang oben zu besetzen, und er erbat sich zu diesem Zwecke von dem Leutnant einen Teil der Leute.

Bis Addy aber oben an der Biegung ankam, hatte sich bereits auch ein nicht unerheblicher Bruchteil der Rothäute die Berglehne entlang nach der Höhe geschlichen, sich dort festgesetzt und empfing die anrückenden Weißen mit lebhaftem Feuer. Da Addy infolgedessen gezwungen wurde, mit seinen Leuten hinter den Bäumen Schutz zu suchen, war die gegenseitige Gefechtsposition jetzt ganz von selbst gegeben.

Die Gegner befanden sich hier auf gleicher Höhe und auf fast ebenem Terrain im dichten Walde. Die Rothäute hatten überdies die Taleinsenkung zu ihrer Rechten, was den in der Einsattelung Aufsteigenden ermöglichte, ungesehen die Biegung zu passieren, eine Rechtsschwenkung zu vollziehen und den Weißen dann gerade entgegenzurücken, ein Manöver, das sie denn auch mit Geschick ausführten. Von Minute zu Minute gewann dadurch ihre Stellung an Ausdehnung, ihr Feuer wurde stärker.

Als der Leutnant hinten bald genug einsehen mußte, daß ihm die Rothäute unten allmählich alle entschlüpft waren, kam auch er mit seinen Leuten herbei und warf sich neben die hier bereits im Feuer stehenden Schützen.

Es entwickelte sich nun hinter den Bäumen hervor ein nachhaltiges Feuergefecht, das aber, da man sich beiderseits in guter Deckung befand, nur wenige Opfer forderte.

Die Haltung der Indianer war eine durchaus zuversichtliche, doch bezeigten sie wenig Lust zum Vorgehen.

Thayendanegeas schien sich offenbar vorerst darauf beschränken zu wollen, die Stärke des Gegners auszukunden.

Die kluge Zurückhaltung, die er sich damit auferlegte, bestärkte nun aber den tatendurstigen Leutnant in dem Vorhaben, seinerseits einen kräftigen Vorstoß zu wagen und er hätte ihn auch unverweilt ausgeführt, wenn nicht der Jäger im Hinblick auf die überlegene Zahl der Rothäute ganz entschieden widerraten haben würde; dagegen erbot sich der letztere, die feindliche Stellung zu umgehen, um die Indianer von der Seite her zu fassen. Der Leutnant war damit einverstanden. Gleich darauf verschwand Addy mit dem Grenzer und einigen der beherztesten Leute.

Es dauerte keine Viertelstunde, als auch von rechts her gegen die Indianer Schüsse fielen.

Diese Schüsse mußten gut gezielt sein, denn bald schon machte sich auf der ganzen Linie der Rothäute eine lebhafte Bewegung geltend. Deutlich war drüben beim Feinde eine befehlende Stimme zu vernehmen und gleich darauf begannen sich die Indianer Schritt für Schritt zurückzuziehen.

Dem konnte der Leutnant nun nicht widerstehen. Seine Leute zu mutigem Vorgehen anfeuernd, drängte er an ihrer Spitze ungestüm vor und es hatte dies in der Tat die Wirkung, daß die Rothäute noch weiter zurückgingen.

Dadurch waren die Pennsylvanier rasch auf gleiche Höhe mit Addy gelangt, der, als er die Uniformen vor seinem Büchsenlauf auftauchen sah, das Feuer einstellen mußte. Es blieb ihm, wenn er die Indianer auch fernerhin von der Seite her beschäftigen wollte, nichts anderes übrig, als ebenfalls vorzugehen, doch schien ihm dies nicht sonderlich zu gefallen, denn er schickte den Grenzer ab, den Leutnant zur Mäßigung zu ermahnen. Es sei keineswegs sicher, daß er geradeaus alle Rothäute vor sich habe, vielmehr anzunehmen, daß noch ein Teil derselben seitlich nächst der Einsattelung stecke; jedenfalls möchte er daran denken, seine linke Flanke bestmöglich zu decken.

Der Grenzer richtete die Botschaft getreulich aus, doch der Offizier hörte nur halb auf seine Vorstellungen. Er war mit seinen Leuten eben im besten Zuge und rückte den weichenden Rothäuten immer schärfer zu Leibe.

Da erschollen in den Reihen der Pennsylvanier vereinzelte Jubelrufe und es schien in der Tat, als ob das mutige Vorgehen des Offiziers von Erfolg gekrönt würde. Denn die Indianer, die in der letzten Minute auf eine Lichtung hinausgedrängt worden waren und fast panikartig über dieselbe hinwegliefen, hielten jenseits derselben plötzlich an, brachen grüne Zweige von den Bäumen und schwangen dieselben zum Zeichen der Ergebung über ihren Köpfen.

Dies ließ den Leutnant vollends alle Vorsicht vergessen. Er gebot dem Feuer seiner Leute Einhalt, ging auf die Rothäute zu und forderte sie in englischer Sprache auf, die Waffen abzulegen.

Ein riesiger Indianer legte denn auch seine Büchse und den Tomahawk sofort auf die Erde nieder und kam gemessenen Schrittes dem Leutnant entgegen, als schicke er sich an, mit ihm eine Unterhandlung anzuknüpfen.

Schon hatte dieser rote Mann sich dem Offizier bis auf zehn Schritte genähert, da knallten von links her schnell hintereinander mehrere Schüsse und gleich darauf brachen etwa dreißig Rothäute unter der persönlichen Führung Thayendanegeas mit gellenden Rufen aus dem Walde hervor, sich auf die Weißen stürzend.

Als die geradeaus haltenden Indianer dies gewahrten, warfen sie ihre Zweige von sich und gingen, ebenfalls ihren Kriegsruf anstimmend, gleich den anderen zum Angriff über.

Nur noch einzelne Schüsse vermochten die Weißen abzugeben.

Die Wilden stürmten wie eine Windsbraut daher und im Handumdrehen hatte sich das erbittertste Handgemenge entsponnen.

Auch die Mannschaften waren, dem Beispiel ihres Leutnants folgend, bereits frei auf die Lichtung hinausgetreten und hier, von zwei Seiten angegriffen, hatten sie nun einen schweren Stand.

Wohl fochten sie mit der größten Bravour und zahlten die Verluste, die sie im ersten Anprall erlitten hatten, blutig heim, doch sie waren im Handgemenge den an Zahl übermächtigen, flinken und geschmeidigen Gegnern bei weitem nicht gewachsen.

Als Addy, der das hereingebrochene Unheil beim ersten indianischen Kriegsruf sofort erriet, auf dem Kampfplatze erschien, lag die Hälfte der Pennsylvanier, darunter der Leutnant und der Grenzer, bereits erschlagen und der Rest der Weißen mußte sicherlich binnen kürzester Zeit unterliegen.

»Rette sich, wer kann!« schrie der Jäger, der das Verzweifelte der Situation sofort erkannte, und die Folge war, daß, wer es überhaupt noch vermochte, sich den unbarmherzig dareinwütenden Waffen der Indianer durch die Flucht zu entziehen versuchte.

Auch den wenigen Leuten, die der Jäger mit sich führte, rief derselbe zu, daß hier alles verloren sei, sie würden am besten ihr Heil in der Schnelligkeit der Beine suchen.

Nur er selbst blieb mit erhobener Büchse unweit des Waldrandes stehen, wie ein Fels in tosender Brandung.

Seine mächtige, weithin hallende Stimme hatte aber auch auf die Indianer eine unerwartete Wirkung ausgeübt.

Viele derselben, die bereits im Begriffe standen, den fliehenden Pennsylvaniern nachzusetzen, ließen davon ab und wandten sich jetzt gegen den Jäger.

Und seltsam, nicht eine einzige Rothaut erhob gegen denselben die Waffe, wohl aber hatten sie ihn binnen wenigen Sekunden in weitem Kreise umzingelt und starrten den Mann nun in völliger Untätigkeit wie etwas Wunderbares an, der denn auch stolz erhobenen Hauptes, ein Bild von achtunggebietender Ruhe, dastand.

Da trat der federgeschmückte Häuptling, den Addy kurz vor dem Kampfe dem inzwischen gefallenen Leutnant als Thayendanegeas bezeichnet hatte, aus dem Kreise.

Er ging Addy einige Schritte entgegen, betrachtete ihn geraume Zeit vom Kopfe bis zum Fuße und rief dann in fließendem Englisch, mit erhobener Stimme, halb zu dem Jäger, halb an seine Krieger gewendet: »Mögen sich die fliehenden Bleichgesichter nach ihrer Festung am Mohawk begeben und dort zu unserem Ruhme verkünden, daß die meisten ihrer Brüder hier erschlagen liegen.«

Dann wendete er sich in übertrieben würdevoller Haltung unmittelbar an Addy und fuhr fort: »Thayendanegeas und seine Krieger begrüßen es dafür mit großer Freude, daß an ihrer Statt einer der berühmtesten der weißen Mohawkkrieger ihr Gefangener ist.«

Gellende Jubelrufe erschollen rings im Kreise und mit wilden Bewegungen schwangen die Rothäute ihre Waffen.

Der Jäger ließ den Lauf seiner Kugelbüchse etwas sinken, besah eine Weile kaltblütig rings herum das tolle Treiben und senkte dann die Rohrmündung vollends.

»Das Bleichgesicht tut recht, es mag die Kugel in seiner Flinte sparen,« ließ, als die Freudenrufe der Indianer allgemach verstummt waren, Thayendanegeas sich wieder vernehmen. »Seine silberne Büchse soll von nun an nie mehr einem Huronenkrieger Schaden bringen.«

Auf den Wink des Häuptlings stürzten sich etwa ein halbes Dutzend Rothäute auf den Jäger, rissen ihm die Büchse aus den Händen, was er mit einem schmerzlichen Blick auf dieselbe, jedoch ohne jede Gegenwehr, geschehen ließ.

Noch mehr: er selbst langte nach seinem Jagdmesser, zog es vor und warf es Thayendanegeas, der mit seinen Kriegern inzwischen wieder in den Kreis der übrigen Rothäute zurückgetreten war, vor die Füße.

»Der berühmte weiße Mann vom Mohawk verzichtet selbst auf seine Waffen,« rief daraufhin verwundert der Häuptling und fügte nach einer kleinen Pause höhnischen Tones hinzu: »Er ist in Wahrheit das, was man von ihm bis zum Ontario hinauf behauptet: ein weiser Krieger, denn es ist das Klügste, was er unter diesen Umständen tun kann.«

»Spare deine Worte!« entgegnete Addy in der Sprache der Huronen verächtlich. »Ueber das Unglück eines Gefangenen zu spotten, das kann fürwahr nur einem Thayendanegeas, dem Häuptling der Huronen, beifallen.«

Blitzenden Auges maß ob dieser dreisten Gegenrede Thayendanegeas den Jäger.

»Es wäre besser deine Sache kurzweg zu sagen, was mit mir geschehen soll,« fuhr Addy fort, ohne sich durch das Wetterleuchten im Auge des Häuptlings aus seiner Ruhe bringen zu lassen. »Befändest du dich in meiner Gewalt, ich würde mit dir nicht viele Umstände machen!«

»Was könnte ?Addy, der Rifleman? mit Thayendanegeas vorhaben,« höhnte der Häuptling, »wenn so, wie er sagt, der Fall umgekehrt läge?«

»Du solltest deinen Lohn bei Heller und Pfennig empfangen, genau so, wie du ihn verdientest, denn ? laß dir sagen, Häuptling ? daß du nicht mehr derselbe bist, wie damals, als ich in deinem Wigwam die Friedenspfeife mit dir rauchte, den Hirsch und den Bären mit dir jagte ? ja, zu jener Zeit, da warst du noch ein tapferer und ehrlicher Jäger und Krieger!«

Ein Murren des Unwillens erhob sich rings im Kreise der Huronen und einzelne erhoben drohend ihre Waffen.

Doch Thayendanegeas gebot Ruhe, trat dem Gefangenen einige Schritte näher und sagte anscheinend gelassen: »Das Bleichgesicht hüte seine Zunge! War es nicht Addy, der weiße Jäger, der einst an den Feuern der Huronenkrieger willkommen geheißen wurde, und hat nicht dieser selbe weiße Mann dem Volke der Huronen ewige Freundschaft geschworen? Und wer ist es, der jetzt gegen mich und meine Krieger kämpft als einer der ersten unter den weißen Männern am Mohawk?«

»Halte ein, Häuptling, die Sache liegt denn doch ein wenig anders und deine Einfalt kann nicht so groß sein, daß du mich nicht verständest. Ich weilte zu jener Zeit auch in den Hütten der Oneidas, der Onondagas, der Senecas, kurzum, ich war ein gern gesehener Gast bei allen fünf Nationen; ich rauchte in gar vielen Dörfern die Friedenspfeife und tauschte den Wampungürtel. Ich und alle Weißen am Mohawk leben mit allen anderen Kriegern oben an den Seen in Freundschaft und Frieden, warum, weil auch sie uns ihre freundschaftliche Gesinnung treulich bewahren und sie würde auch dir und deinem Volke bewahrt geblieben sein, wenn du nicht selbst den Stab entzweigebrochen hättest. Der Zufall wollte, daß ich später am Mohawk meine Hütte aufschlug ? wer ist es, so frage ich, der die friedvolle Arbeit der weißen Männer dort immer stört? Bedrohst du nicht mich und meine weißen Brüder täglich, stündlich? Bin ich nicht ein Bleichgesicht, dem die heiligste Pflicht erwächst, im Kampfe zu seinen Stammesgenossen zu halten? Thayendanegeas, würdest du es verstehen, wenn ich an dich das Verlangen stellte, mit den Weißen im Bunde gegen dein eigenes Volk zu kämpfen?«

»Addy, der Rifleman, hat von jeher die Zunge zu seinem Vorteil zu führen gewußt und dreht und wendet auch jetzt wieder die Worte nach seinem Belieben.«

»Nun, was die Uebervorteilung, die Wortverdrehung und die Verwechslung der Begriffe anbelangt, edler Thayendanegeas, da bist du dann, wenn es sich um dein Interesse handelt, jeglichem weit und breit über. Zu deiner Entschuldigung mag gelten, daß dir die Johnsons stetig in den Ohren lagen, und daß sie in deinem Kopfe eine arge Verwirrung angerichtet haben. Sie wußten dir einen ungesunden Ehrgeiz einzupflanzen und deinen dir von jeher eigen gewesenen Egoismus zur eklen Habgier aufzustacheln. Sonst ließe es sich nicht begreifen, daß ein freier roter Mann wie du den Englishmen die erbärmlichsten Hundedienste leistet.«

Unwillkürlich zuckte Thayendanegeas bei den letzten Worten des Jägers jäh auf und erhob mit einem wilden Rufe das Kriegsbeil. Schnell aber besann er sich eines anderen und ließ die Waffe langsam wieder sinken.

So sehr er sich aber auch von diesem Augenblicke an bemühte, äußerlich Ruhe zur Schau zu tragen, man sah es ihm an, daß er die lodernde Glut des Zornes, die in ihm aufgestiegen war, nur mit der größten Anstrengung bemeisterte.

Mit einem Winke verwies er seinen Kriegern die Entrüstungsrufe, welche wieder im ganzen Kreise, gellend und wilder wie je, laut geworden waren.

Addy aber sah gelassen zu dem Häuptling hinüber, und ein leichtes Lächeln umschwebte seine Lippen, als er, wie unabsichtlich, eine lässigere Stellung annahm, die Arme über der Brust kreuzte und mit kühler Gelassenheit wieder das Wort nahm.

»Ja, die Zeiten und die Umstände ändern sich,« begann er, »und eben diese Umstände, sie machen den Menschen. Ich würde, Thayendanegeas, sehr wünschen, daß die Verhältnisse günstiger für dich gewesen wären, denn sie haben dich keineswegs zu deinem Vorteil verändert. Ich sehe wohl den Zorn in deinen Augen, aber das soll mich nicht hindern, so lange noch das Blut in meinen Adern kreist, zu sagen, was ich dir zu sagen wünsche. Ich weiß, was mir bevorsteht, denn ich kenne nur zu gut deine Grausamkeit, die ja bereits im ganzen Tryon County und weit darüber hinaus eine sprichwörtliche geworden ist. Ja, ich weiß es, du wirst mich an den Marterpfahl binden lassen und deine Krieger werden mir unter heulenden Freudengesängen die Fleischstücke von dem Leibe reißen. Du wirst dieser Unmenschlichkeit mit Wollust zusehen und nicht entfernt bedenken, daß du unter ausgesuchten Qualen einen weißen Mann dahinmordest, der, wenn du selbst ein anderer geblieben wärest, noch immer dein Freund sein könnte. Aber weil ich eben nichts anderes erwarte, so werde ich mir kein Blatt vor den Mund nehmen, ja, ich glaube freundschaftlich zu handeln und ein gutes Werk zu tun, wenn ich dir deine Fehler vorhalte, vielleicht, daß es dich zur Besinnung bringt ... vielleicht vermag es dich zu überzeugen, daß deine Wege nicht mehr die Wege eines ehrlich kämpfenden Kriegers, sondern diejenigen eines hinterlistigen Räubers, eines Brandstifters, eines Diebes, diejenigen eines bestochenen und erkauften Schurken geworden sind ...«

War schon während der Rede des Jägers die Zornesader des Häuptlings gewaltig angeschwollen und hatte aus seinen Augen ein unheilverheißendes Feuer geleuchtet, bei den letzten Worten vermochte er nicht mehr an sich zu halten ? mit einem gurgelnd tierischen Schrei sprang er gegen den Jäger an, durchwirbelte mit seinem Kriegsbeil die Luft und blitzend in den Strahlen der eben aufgehenden Sonne flog es pfeifend nach des Gefangenen Schädel.

Doch Addy hatte seinen Gegner nicht einen Augenblick außer Auge gelassen. Als der Wurf drohte, sank der Jäger blitzschnell auf das rechte Knie, beugte den Oberkörper etwas vor, legte sich dann mit dem Fluge der Waffe jählings nach rückwärts und fing so das Beil mit sicherer Faust an seinem Handgriffe ... in der Sekunde darauf fuhr es sausend zurück auf den Häuptling. Dies war von Thayendanegeas so wenig erwartet worden, daß er nur noch im letzten Augenblicke eine kleine Wendung zu vollziehen vermochte. Die Waffe fuhr dicht an seinem zur Seite gebeugten Kopfe vorbei, grub sich tief in seine Schulter und riß ihn durch die Wucht des Wurfes jählings zu Boden.

Dies alles war so plötzlich gekommen und spielte sich so rasch ab, daß die Rothäute zunächst gar nicht im klaren schienen. Vielleicht war es auch der kühne Wurf des Jägers, der sie in einer Weise verblüffte, daß sie sekundenlang an den Platz gebannt blieben. Erst als sich Addy die so geschaffene Lage zu nutze machte, sich rasch wendete, blitzschnell einige hinter ihm stehende Rothäute überrannte und dann in weiten Sätzen dem Walde zueilte, da brach unter ihnen ein unbeschreiblicher Tumult los; fast die ganze Schar machte sich jetzt auf und stürmte wutheulend hinter dem Jäger her.

Addy aber, den keine Waffe behinderte, war ein sehr guter Läufer und er hatte zudem einen nicht unerheblichen Vorsprung.

Mit der Schnelligkeit des gehetzten Wildes rannte er dahin, die flinkesten Läufer mit wilden Sätzen hinter ihm drein.

Er schlug sich, nicht ohne Absicht, stets in das dichteste Unterholz, das ihn mit seiner reichen Blätterfülle oftmals auf kleine Zeitspannen den Blicken seiner Verfolger entzog. Sein Vorsprung hatte auf diese Weise noch keine Einbuße erlitten, ja eine Weile schien es, als ob sich der Abstand zwischen ihm und den Indianern sogar vergrößere.

Das Geheul der hinter ihm herjagenden Rothäute verstummte allgemach, dafür aber entfalteten sie jetzt ihre ganze Energie.

Leicht und kaum den Boden berührend flogen sie dahin, durch das dichteste Buschwerk hindurch und allmählich rückten die Vordersten bedenklich auf.

Addy setzte seine ganze Kraft ein, doch waren einzelne seiner Verfolger ihm allgemach so nahe gekommen, daß ein sicherer Beilwurf ihn erreichen mußte. Doch sie wollten ihn wohl unverletzt in ihre Gewalt bringen, kein Tomahawk erhob sich. Dagegen wurde der Abstand jetzt von Minute zu Minute ein geringerer. Schon waren einige der schlanken dunklen Gestalten bis auf wenige Armlängen an ihn heran. Jetzt holte die vorderste Rothaut zu einigen gewaltigen Sprüngen aus und war im Begriffe, den Jäger im Genick zu fassen, als dieser im letzten Augenblick noch mit einer blitzschnellen Wendung nach rechts ausbog.

Während die Rothaut mehrere Meter nach vorn ins Leere schoß, jagte Addy in der neu eingeschlagenen Richtung weiter und war nach etlichen Sätzen am Rande der zuvor von den Schützen besetzt gewesenen Tallehne angekommen, die er nun, so steil sie hier war, in rasendem Tempo, auf Beinen und Gesäß, hinabschlitterte. Büsche rauschten, Aeste knackten, Steine rollten, er selbst überschlug sich einigemal, doch er kam in wenigen Sekunden glücklich und mit heilen Gliedern unten an.

Einen Augenblick hielt er in seinem tollen Jagen tief aufatmend inne und sah sich nach seinen Verfolgern um.

Da sprangen und fuhren auch sie schon zu Dutzenden die Berglehne nieder.

Jetzt galt es, entscheidend zu handeln, denn schon waren die vordersten Rothäute unten angekommen, ersahen ihn und sprangen mit Freudenrufen auf ihn ein.

Jetzt faßte die erste Rothaut zu ? da wendete sich Addy blitzschnell zur Seite, stieß hohnlachend den Kriegsruf der Huronen aus und war im nächsten Augenblick mit jähem Sprunge in der trüb dahinrollenden Flut des hoch angeschwollenen Wildbaches verschwunden.

Die Indianer standen einen Augenblick wie vom Donner gerührt, dann brachen sie in ein Wutgeschrei aus, das weithin den Wald durchgellte und sich hundertfältig an der gegenüberliegenden Bergwand brach.

Rasch erhoben sich einige Büchsen in der Richtung, in welcher der Kopf des Jägers voraussichtlich wieder erscheinen mußte, während die flinkesten der roten Leute, so schnell sie es vermochten, dem Ufer entlang liefen.

Da endlich tauchte der Kopf des Jägers auf.

Schüsse krachten und zischend durchfurchten einige Kugeln die Oberfläche des Gewässers.

Doch Addy verschwand sofort wieder wie eine Tauchente und ward erst weit unten wieder sichtbar, denn das reißende Wasser trug ihn mit größter Schnelligkeit talab.

Auch jetzt erhoben sich wieder mehrere Büchsen, Schüsse krachten und ein dichtgedrängtes Rudel der besten Läufer war noch immer dem Ufer entlang hinter dem Flüchtling her. Addy hatte unterdessen aber eine solche Entfernung zwischen sich und seine Verfolger gelegt, daß er es bereits nicht mehr für nötig hielt, unter dem Wasser Schutz zu suchen; mit kräftigem, regelmäßigem Ruderschlag durchschnitt er jetzt die Flut und kam dadurch noch schneller vorwärts. Immer weiter blieben die Rothäute zurück ? da wurde oben im Walde Trommelwirbel hörbar und aufblickend gewahrte er zu seiner größten Ueberraschung und Freude Uniformen und Waffen durch die Bäume schimmern. Das waren Scharfschützen und Leute vom pennsylvanischen Regiment. Nun gab es keine Gefahr mehr, jetzt konnte er sich als entronnen betrachten. ? Mit einigen kräftigen Armbewegungen arbeitete er sich an das Ufer und stieg ans Land.

Im nächsten Augenblick war Addy mit jähem Sprunge in der trüb dahinrollenden Flut des hoch angeschwollenen Wildbaches verschwunden.

*

Die Brandröte am Abend zuvor war in der Tat auf einen Ueberfall der Indianer zurückzuführen gewesen und hatte eine aus sieben Familien bestehende Niederlassung ungemein schwer betroffen. Es wurden dabei mehrere Personen getötet und skalpiert und ein Farmer, der den Rothäuten hartnäckigen Widerstand entgegensetzte, kam schließlich mit den Seinen in den Flammen des eigenen Hauses um.

Als die Bewohner von Little Falls und die weiter westlich davon gelegenen Ansiedler von German Flats durch die Kanonen des Herkimer Forts und durch Boten Kenntnis von dem Einfall erhielten, rotteten sie sich sofort mit Wehr und Waffen zusammen, den Ueberfallenen zu Hilfe zu eilen und den heimtückischen Feind zu vertreiben.

Bis sie aber zu Fuß und zu Pferde die oft stundenweite Entfernung nach der südöstlichsten Ecke des Herkimer County zurücklegten, hatten die Rothäute ihre blutige Arbeit bereits getan, mehrere Gefangene hinweggeführt, die Wohnhäuser und Kornschober angezündet und alles, was nicht niet- und nagelfest war, geplündert.

Als darüber nähere Nachrichten auf Fort Dayton eintrafen und bekannt wurde, daß nur etwa zwanzig Indianer den Ueberfall ausgeführt hatten, da war der Kommandant dieser Befestigung alsbald überzeugt, daß die abends zuvor durch den Grenzer übermittelte Botschaft Addys, daß von der anderen Seite größere Gefahr drohe, zuträfe. Noch in der Nacht zog er einige Milizen und aus dem Nachbarsort eine Scharfschützenabteilung an sich, verstärkte sie durch eine Halbkompanie der eigenen Pennsylvanier und gab dieser Truppe den Befehl, dem Leutnant Woodworth nachzurücken und diesen, wenn nötig, zu unterstützen.

Als diese kombinierte Abteilung dann auf der Höhe den Wald durchstreifte, kam ihnen ein flüchtender Kamerad mit der Hiobspost entgegen, daß der Leutnant und die Hälfte seiner Leute gefallen wäre, und der vernommene Trommelwirbel sollte den Zweck haben, dem Reste der Versprengten anzuzeigen, wo sie Schutz und Zuflucht fänden.

Addy, an das Land gestiegen, hatte sich zunächst geschüttelt wie ein nasser Pudel und erstieg dann schnell die Höhe.

Als auch er dem Führer der Truppe von der erlittenen Schlappe berichtete, ließ dieser seine Leute sofort vorrücken. Soweit man aber auch über das Gefechtsfeld hinaus die ganze Gegend abstreifte, es war keine Rothaut mehr zu erblicken.

Nach mehreren Stunden erst kehrte man auf die Stelle, wo der Kampf stattgefunden hatte, zurück, brachte den wenigen Verwundeten, die sich hier vorfanden, Linderung und bestattete in einem gemeinsamen Grabe die Toten.

Der Kampf im Schellsbusch.

Man hatte den Mohawk entlang die Kunde, daß Thayendanegeas durch Addy schwer verwundet worden sei, mit großer Genugtuung aufgenommen und erging sich schon in der Hoffnung, daß man nun wenigstens einige Zeit, vielleicht für immer, Ruhe haben werde; galt doch dieser Häuptling als die Seele aller dieser Einfälle.

Aber schon nach ganz kurzer Zeit sollten die Ansiedler bitter genug erfahren, daß sie sich, indem sie friedlichere Tage erhofften, gründlich getäuscht hatten. Schon in den darauffolgenden Wochen mehrten sich die Ueberfälle, und, man erkannte das bald, es lag System in der Sache.

Namentlich in den oberen, westlich vorgeschobenen Teilen des Tales folgten die Ueberrumpelungen so rasch aufeinander und derart, daß die dortigen Ansiedler ihre wenig geschützten Wohnungen und Farmen größtenteils aufgaben und nach den weiter östlich gelegenen Bezirken zogen.

Aber auch in den German Flats, die dichter bewohnt und durch das Fort Schuyler geschützt waren, donnerten eines Abends zwei Kanonenschüsse.

Sofort flüchteten sich die Talbewohner mit ihren schnell zusammengerafften Habseligkeiten ins Fort.

Dort war ein Grenzer mit der Nachricht eingetroffen, daß diesmal mehrere hundert Rothäute im Anrücken begriffen seien, und daß drei seiner Kameraden, die gleicherzeit mit ihm in der Richtung des anrückenden Feindes oben in den Wäldern streiften, von den Indianern abgefangen und auf der Stelle getötet wurden.

Kaum war die Dunkelheit hereingebrochen, da fielen die Rothäute schon ins Tal ein und kennzeichneten durch brennende Häuser den Weg, den sie nahmen, ohne indessen einen Angriff auf das Fort zu wagen, dessen Besatzung übrigens, wie schon der erste Versuch lehrte, zu schwach war, um dem Feinde offen gegenüber zu treten.

Schaurig rot glühte der Himmel die ganze Nacht hindurch und als die Indianer am anderen Morgen abgezogen waren, da zählte man dreiundsechzig niedergebrannte Häuser und siebenundfünfzig Scheunen. Es waren drei Mahl- und zwei Sägmühlen vernichtet und nicht weniger als 235 Pferde, 229 Stück Hornvieh, 269 Schafe und 93 Ochsen weggeschleppt worden. Dagegen waren glücklicherweise nur zwei Personen ums Leben gekommen.

Am anderen Morgen verfolgten etwa zweihundert schnell zusammengezogene Reguläre und ebensoviele Milizmänner den Feind. Es kam zu einigen blutigen Scharmützeln, doch vermochten diese Truppen den Rothäuten von dem Raube nichts mehr abzunehmen.

Man machte bei der Verfolgung nun auch noch obendrein die betrübende Erfahrung, daß an diesem Raubzuge nicht nur Huronen, sondern auch Onondaga- und Senecaleute teilgenommen hatten, und das konnte nur eine Verschlimmerung des ohnehin grausam genug geführten Grenzkrieges bedeuten.

Und bald fand sich hierfür die Erklärung, denn man erfuhr von einigen befreundeten Oneidaindianern, die kurz nach diesen Vorgängen im Tal auftauchten, daß Agenten der Johnsonschen Regierung den um die Seen wohnenden, sogenannten fünf indianischen Nationen eine Prämie von acht Dollar für jeden amerikanischen Skalp angeboten hätten.

Diese barbarische Maßnahme war natürlich nicht nur für die Huronen, sondern auch für die anderen Indianerstämme ein Reizmittel, verheerend in das Mohawktal einzubrechen, die schlimmsten Instinkte der Wilden zu entfesseln und den Grenzkrieg, welcher sich bisher nur auf die waffenfähigen Männer beschränkt hatte, zu einer grausamen, allgemeinen Metzelei zu steigern.

Eines Morgens zog Franzl auf schmalem Feldpfade, etwa eine Stunde nordöstlich des Fort Dayton, nach dem etwas abgelegenen sogenannten Schellsbusche.

Dort wohnte der Farmer Johann Christian Schell mit seiner Frau und sechs Söhnen und die waren stets gute Abnehmer seiner feilgebotenen Waren.

Franzl, der sich zwar auch mit der Landwirtschaft beschäftigte und fleißig der Jagd oblag, war seines Zeichens eigentlich ein Handelsmann.

Alljährlich, wenn der Winter nahte, oder wenn es dem Frühjahr zuging, machte er sich auf den Weg nach Albany, erhandelte dort von den holländischen Kaufleuten allerlei Winter- und Sommerbedürfnisse, mit denen er dann, schwere Päcke in einer korbartigen Tragvorrichtung auf dem Rücken schleppend, von Farm zu Farm hausieren ging.

So hatte er vor Jahren als Handschuhhändler in der deutschen Heimat das ganze Bayerland hausierend durchwandert, war auf seinen Zügen alljährlich auch nach der Pfalz gekommen und eines Tages von einer Emigrantengruppe, die sich jenseits des Atlantischen Ozeans goldene Berge versprach, überredet worden, sich ihnen anzuschließen. Wanderlustig wie er war und ledig jeglicher Verpflichtung, hatte er ohne langes Besinnen eingeschlagen, war mit ihnen hinübergesegelt über das große Wasser, und als ihm drüben nicht sogleich die gebratenen Tauben in den Mund geflogen kamen, hatte er den altgewohnten Hausierhandel wieder aufgenommen.

Stets munter und aufgeräumt, war er auf den Farmen ein gern gesehener Gast und vermochte durch seine launige Beredsamkeit manche Bäuerin zu beschwatzen, daß sie mehr einkaufte, als sie eigentlich beabsichtigt hatte, oder ihre Börse zur Zeit bestreiten konnte. Franzl gewährte dann aber auch gerne Kredit oder tauschte gegen seine Waren irgendwelche Wertgegenstände ein, und so hatten sich mit den Jahren zwischen ihm und den Farmen rege kaufmännische Beziehungen herausgebildet.

Jetzt freilich gedachte er selbst eine Farm zu übernehmen. Sein »Binche« hatte vor etlichen Wochen schon von ihr Besitz ergriffen und schaltete und waltete dort bereits als fleißige Hausfrau.

Er wollte nur noch auf einem letzten Wanderzuge alle die Verpflichtungen regeln, die reichlichen Rückstände, die ihm noch vom letzten Winter her da und dort zu gut standen, wenn möglich einziehen, um dann, wenn er über zwei Wochen Hochzeit halten und von der Farm Besitz ergreifen würde, einiges Betriebskapital in Händen zu haben.

Den Rücken schwer bepackt, die Büchse im Arm, oftmals sein Filzhütl zurückschiebend und sich die Schweißtropfen von der Stirn wischend, stapfte er einsam zwischen den Feldern und Baumgärten dahin.

Die Sonne stand fast im Zenith und sandte ihre Strahlen gar fühlbar zur Erde nieder.

Franzl gönnte sich eine kleine Rast, legte seine Bürde ab, warf sich ins Gras und begann seine Pfeife zu stopfen.

Nicht weit von seinem Ruheplatz stand ein Apfelbaum. Auf diesem fand sich, während Franzl müßig in dem Grase lag, ein kleiner Vogel ein, der hell und munter sein kurzes Liedel sang:

Tirili ? bin hie, bin hie,
Kiwitt, kiwitt,
Komm mit, komm mit. ?

Und Franzl, zu dem gefiederten kleinen Sänger aufblickend, stimmte alsbald täuschend dieselbe Weise an.

Verwundert, woher der Lockruf wohl käme, verstummte der Vogel, um dann aber bald nur um so lauter loszulegen.

Da unterbrach ein zweites Vögelchen dieses Duett, kam herbeigeschwirrt, eine Federflocke im Schnabel.

Das erstere hüpfte dem zweiten von Ast zu Ast entgegen, dann verschwanden beide hoch oben in der dichtbeblätterten Baumkrone.

»Aha ... aa Nestl baun ... Hochzeit machn?« lächelte Franzl, der im Anblick der kleinen traulichen Scene seine Pfeife hatte sinken lassen.

Da kamen die beiden Vögelchen fröhlich jubilierend aus ihrem Neste wieder hervor und hüpften flink von einem Zweig zum andern.

Franzl ließ auch jetzt wieder seine schönsten Lockrufe ertönen, aber die beiden kleinen Tiere hatten wohl keine Zeit, auf ihn zu achten.

Schwapp schwirrten sie davon, um neues Baumaterial für ihr Nest zu suchen und emsig heimzutragen.

Franzl blickte ihnen lange sinnend nach.

Befand er sich nicht ganz in demselben Falle? War nicht auch er dabei, noch einiges für sein Nest zusammenzutragen, das er dann mit diesen Mitteln für sich und sein »Binche« so recht traulich und später, so gut ers vermochte, weiter ausbauen würde?

In Gedanken verloren, spitzte er noch mehreremal seinen Mund, den melodiösen Ruf der Tiere nachzuahmen, doch die beiden Vögelchen ließen sich nicht wieder blicken.

Da störte mit einemmal der gelle Schrei einer weiblichen Stimme seine beschauliche Ruhe.

Aufspringend gewahrte er, wie eine Frau, etwa hundert Schritte von ihm entfernt, über den Acker lief, daß die Kittel nur so flogen, die Hände vor den Mund hielt und ein ums anderemal einen Namen rief.

Gleich darauf hörte er von fernher einige männliche Stimmen, und jetzt kamen aus den Büschen, die das Gut dem Walde zu umsäumten, ein starker, kräftiger Mann und vier junge Leute gelaufen, denen zwei Jungens im ungefähren Alter von acht Jahren zu folgen sich bemühten.

»Sakra,« schimpfte Franzl, »nu kann i mir scho vorstelln, was los is ... sans scho wieda da ... net amol a Pfeifn lassns aan stopfn ...«

Eilends steckte er die halbgefüllte Tabakspfeife in die Brusttasche, nahm seinen Tragkorb auf und lief, so schnell er es mit seiner schweren Bürde vermochte, nach dem Wohnhause der Farm, dessen helles Gebälk er bereits durch die Bäume schimmern sah.

Die Hälfte des Weges lag hinter ihm, als sich die Frauenstimme geller als je erhob.

Zur Seite blickend, gewahrte Franzl, daß etwa ein Dutzend Rothäute hinter den fliehenden Weißen einhersprangen und dieselben fast schon eingeholt hatten.

Sofort warf Franzl seinen Tragkorb ab und benutzte ihn als Deckung.

Sofort hielt Franzl an, legte die Büchse an die Wange, der Schuß krachte.

Das brachte die Indianer, die in ihrer Hast den Mann mit dem Tragkorb bisher wahrscheinlicherweise gar nicht bemerkt hatten, zum Stehen und die Fliehenden gewannen dadurch einen bedeutenden Vorsprung.

Franzl lud sofort wieder, schoß, doch vermochte er es nicht zu hindern, daß sich inzwischen zwei der Rothäute über die hinterdrein trabenden beiden Jungens hermachten, diese gefangen nahmen und dem Walde zuschleppten.

Nun eröffneten aber auch die Rothäute das Feuer und Franzl, dem die Kugeln bedenklich um die Ohren pfiffen, merkte es nur zu gut, daß das Schießen ihm galt.

Sofort warf er seinen Tragkorb ab, legte sich dahinter und benützte ihn so als Deckung.

So wechselte er mit dem Feinde mehrere Schüsse und seine Kugeln mußten wohlgezielt sein, denn die Rothäute wagten nicht näher zu kommen.

Inzwischen hatten die fünf Weißen das Wohnhaus erreicht, die Büchsen hervorgeholt und eröffneten jetzt auf die Rothäute von dort aus ein nachdrückliches Feuer.

Dies hatte zur Folge, daß sich die Indianer unter stetem Schießen, teils kriechend, teils von Baum zu Baum springend, nach dem Busche zurückzogen, aus dem sie hervorgebrochen waren.

Dadurch bekam Franzl Luft. Er raffte seinen Tragkorb vom Boden auf und seinen Oberleib damit schützend, lief auch er jetzt nach dem Blockhause.

Hier wurde er von den Farmersleuten kurz aber herzlich begrüßt. Seit man im Tal keinen Tag mehr sicher war, von den Rothäuten auf offener Straße überfallen zu werden, verstand es sich ganz von selbst, daß man sich in der Not gegenseitig unterstützte; da bedurfte es nicht vieler Worte, da gab es keine lange Danksagung.

Der alte Schell, der Franzl schon von weitem die schwielige Hand entgegengestreckt hatte, war ein derber und knorriger Mann. Trotzdem sein Haupt- und Barthaar schon reichlich Silberfäden aufwies, war er doch ein Bild von Frische, Gesundheit und strotzender Manneskraft.

Auch die Söhne waren kräftige, jugendliche Gestalten, gestählt durch harte Arbeit, die alle, man sah es jedem an, so jung sie noch waren, ihren Mann stellten.

Frau Schell war ebenfalls eine etwas derbe, doch recht sympathische Erscheinung.

Sie hatte zufällig durch ein Fenster des oberen Stockes geblickt, einige Rothäute aus dem Walde herabsteigen sehen und war dann gleich im Geschwindtempo hinausgelaufen, die Ihren, die sich arbeitend draußen auf dem Felde befanden, zu warnen und heimzurufen.

Jetzt stand sie auf demselben Platze und starrte durch die schmale Oeffnung in der Wand hinüber nach dem Walde, ab und zu verstohlen die Augen wischend. Waren es doch ihre beiden Jüngsten, ein Zwillingspaar, die nicht mehr mitgekommen waren vom Felde und von den Roten weggenommen wurden, und die beiden Jungen waren ihr besonders ans Herz gewachsen.

Während man sich auf Franzls Vorschlag noch beriet, ob man den Rothäuten nachsetzen sollte, um ihnen die beiden entführten Knaben wieder abzujagen, krachte dumpf und rollend das Alarmsignal vom Fort herüber, dem sofort ein zweiter Kanonenschuß folgte.

Es war das Zeichen, daß ein Ueberfall drohe, und zugleich die Aufforderung an die umliegenden Talbewohner, sich nach Dayton zu begeben.

Aber Vater Schell wollte, da sich die Indianer bereits in der unmittelbaren Umgebung der Farm gezeigt hatten, von einem Aufbruche dahin nichts wissen.

»Mein Haus ist stark und gut zur Verteidigung eingerichtet,« sagte er. »Wir sind sechs Mann und haben zehn Büchsen ? mein Weib wird, wenn es gilt, auch nicht fehlen. An Pulver und Blei ist kein Mangel. Sollen wir uns ins Ungewisse auf den Weg machen? Soll ich etwa noch eins von den Meinen verlieren? Nein, wir vertrauen auf Gott, auf unsere starken Arme und bleiben!«

Alle waren einverstanden und dabei blieb es.

Und in der Tat, das aus Balken errichtete Farmhaus war ausnehmend stark gebaut und mit mancherlei Einrichtungen für die Verteidigung gegen feindliche Angriffe versehen.

Die untere Balkenlage hatte außer einer Anzahl Schießlöcher, die nach allen Seiten hin reichlichen Ausschuß gestatteten, als einzige Oeffnung nur den Hauseingang, und der war durch eine starke, massive Tür verschlossen, die Vater Schell jetzt nicht nur verriegelte, sondern auch noch durch zwei innen vorgelegte Balken sicherte.

Rund um den oberen Stock zog sich auf allen vier Seiten ein Gang, der über den unteren Teil des Gebäudes vorragte. Er war aus starken Balken gefügt und stellte somit eine verhältnismäßig sichere Brustwehr dar.

Im Boden dieses Ganges befanden sich mehrere Löcher, welche die Abwehr des Feindes auch von oben her ermöglichten, sobald er den Versuch wagen sollte, die Eingangstür zu erbrechen oder das Haus in Brand zu stecken.

Das niedrige Stallgebäude, in dem sich einiges Vieh befand, lag dicht hinter dem Hause. Der einzige Eingang desselben war dem Wohngebäude zugekehrt, so daß er von diesem aus leicht beherrscht werden konnte.

Vater Schells erstes war nun, die Stalltür schließen zu lassen, dann zwei seiner Söhne oben auf den Gang des Wohnhauses zu schicken. Sie sollten sich dort oben so aufstellen, daß jeder derselben zwei Längsseiten des Hauses im Bereich seiner Büchse hatte, und daß sie beide das ganze umliegende Gelände zu überblicken vermochten.

Da Wald und Busch sehr nahe lagen und die Kulturen rings um das Haus außerdem stark mit Bäumen bestanden waren, erforderte dieser Auslug große Aufmerksamkeit.

Frau Schell erinnerte sich unterdessen, daß sie bereits das Mittagbrot gekocht hatte, das sie den Ihren auf das Feld bringen sollte.

Sie verschwand trotz ihrer Aufregung in einem als Küche dienenden Nebenraum des Erdgeschosses und kehrte mit einer dampfenden Schüssel zurück, die sie auf den schweren, rohgezimmerten Tisch des Hauptraumes stellte.

Sie legte eine Handvoll Holzlöffel daneben und nötigte, als die Männer nur wenig Neigung zum Essen bezeigten, noch zitternd am ganzen Leibe, zum Zugreifen.

»Du hast recht, man fühlt sich mutiger und ist zum Widerstand mehr fähig, wenn man etwas Ordentliches im Leibe hat ? wer weiß, was die nächsten Stunden bringen ...« meinte Vater Schell.

Also reihte man sich um den Tisch.

Der Alte sprach ein Gebet und man aß gemeinsam aus einer Schüssel, nachdem auf das Geheiß der Mutter der älteste Sohn zuvor noch für die beiden wachehaltenden Brüder einen Teil schöpfte und nach oben brachte.

Auch Franzl hatte sich mit an den Tisch gesetzt, zog seinen eigenen Löffel aus der Hosentasche und langte anfangs gleich den anderen wacker zu.

Wohl um die Ihren zum Essen aufzumuntern, war Frau Schell selbst mit gutem Beispiel vorangegangen und schöpfte Bissen um Bissen.

Da aber blieben ihre Blicke mit einemmal an zwei Löffeln hangen, die übrig geblieben waren und unbenutzt auf dem Tische lagen, und nun war es um die Ruhe, die sie seither so tapfer bewahrte, geschehen.

Eine dicke Träne brach sich Bahn aus den Augen der Mutter und rollte langsam über die Wange herab; die Brust der Farmerin hob sich krampfhaft und sie brach in herzbrechendes Schluchzen aus.

Alle hatten den langen Blick, den sie nach den beiden verwaisten Löffeln geworfen, aufgefangen und ihn sehr wohl verstanden.

»Beruhige dich, Rösche,« tröstete Vater Schell, »der Wille des Herrn mag geschehen und es ist geschehen ... mir müssen es in Demut hinnehmen ...«

Aber das Trösteramt stand dem Alten übel an; man merkte es an seiner Stimme, daß er nicht minder schmerzlich ergriffen war.

Ueber eine kleine Weile legte auch er seinen Löffel sachte auf die Tischplatte, schob ihn mit seiner schwieligen Faust langsam beiseite und eins ums andere folgte seinem Beispiele.

»Laßt enk die Sach net gar z nah gehn, Frau Schell,« unterbrach Franzl die entstandene schwüle Pause, »so was kann an s Herzl abdruckn, un das darf net sei, un dös is aa goar net nöti. No is net aller Tage Abend ? leicht habn unsere Scharfschützn jetzt schon die Rotn am Krawattl, un dann müssns die zwoa Buabn wieder hergebn. Dann, sag i; der Christl un der Martl san grod aa net auf n Kopf gfalln, san flink wie d Wieserln; kann mans wissn, obs net, kloa wies san, irgendwo durchschlupfn un n Weg nach der Farm findn? Laßt s enk net goar a so bekümmern, Frau ? vertraut auf n Gott Vota in Himmi drobn, der wird die Sach scho recht machn.«

Frau Schell ließ sich denn auch beruhigen. Sie trocknete mit dem Schürzenzipfel ihre Augen und sah Franzl für seine tröstenden Worte dankbar an. Ja, sie ließ sich sogar herbei, daß er ihr später seine Schätze vorlegen durfte, die zum großen Teil ihren Beifall fanden.

»Schaugts,« so pries er seine Herrlichkeiten vor dieser, »Strümpf hob i, a wundaschöne War ... woach sans, un warm haltns, daß ma sei Lebtag bumberlgsund bleibt ... Kalte Füeß habn, das hat dr Teuxl gsehn ... net woahr, die Strümpf san schön? ? Un da san Stoff von alln Artn, wie mans net bessa wünschn kundt ... fürn Vota un für die Buabn, farbecht, stark wie Eisn, absolut net zum derreißn. Aber i hab aa was Bsunders für die brave Hausfrau ... was? so a blaus Sunntagsgwandl tat enk net übl anstehn? Un da san Knöpf, Nadln, Fadn, was a Frau vom Haus allstündli brauchn kann, schöne farbene Bandln, Spitzn, un da schauts a mol die wundaschöne Haubn an!«

Mit einer kühnen Handbewegung setzte Franzl der Frau die Haube auf das volle, noch ganz dunkle Haar und reichte ihr aus seinem Korbe einen blanken Metallspiegel dar.

Noch mit Tränen im Auge betrachtete sie sich mit diesem Kopfputz, und selbst Vater Schell nickte beifällig, als er sein »Rösche« mit der wirklich gut kleidenden Haube geschmückt sah.

»Nun ja, wollen abwarten, ob uns die Roten überhaupt Zeit lassen, das eine oder andere näher anzusehen,« entschied Frau Schell, »für jetzt packt nur wieder ein, Franzl ... Das nächste ist, daß wir Haus und Hof hüten!«

»Das versteht si,« pflichtete Franzl bei. »Erst dischkrier ma mit die Rotn a Wörtl, nachdn mach ma unsrn Handl ferti!«

Franzl machte sich ans Einpacken, hatte aber noch lange nicht alle ausgekramten Gegenstände in den Tragkorb zurückgelegt, als oben auf dem Rundgang polterndes Getrappel sich hören ließ. Gleich darauf erschien einer der beiden jungen Söhne auf der Treppe und schrie: »Vater, sie kommen!«

Sofort stürzten die Männer nach oben, und richtig, vom Waldgelände her näherten sich teils kriechend, teils im Schutz der Bäume mehr als ein halbes Hundert Rothäute.

Eilends stellten sich Vater Schell, Franzl und die beiden ältesten Söhne hinter die Balkenwand des Ganges, während die beiden Jüngsten an den zwei hinteren Ecken der Galerie ihre Beobachtungen fortsetzen sollten, um, wenn von diesen Seiten her oder von rückwärts dem Hause eine Gefahr drohte, sofort Lärm zu schlagen.

Wurde hier oben der Ausblick durch zahlreiche Bäume auch beeinträchtigt, so war der Gesichtskreis im ganzen doch ein weit größerer als vom Erdgeschosse aus, und der alte Schell hoffte, daß es ihnen gelingen würde, die Angreifer in achtungsvoller Entfernung zu halten.

Gelang es den Rothäuten aber, in unmittelbare Nähe des Gebäudes vorzurücken, dann allerdings würden sie den Schwerpunkt der Verteidigung nach unten verlegen müssen.

Die vier Männer lagen im Anschlage. Frau Schell stand im Innenraum an einem großen Tische, auf dem vier Reservebüchsen und Munitionsbedarf lagen.

Die trübe Stimmung der Hausfrau war jetzt ganz gewichen. Aus ihren Zügen sprach Mut und Entschlossenheit.

Das umsichtige Weib hielt die nach dem Gange führende Türe offen und hatte auch die Läden der beiden seitlichen Fenster so weit geöffnet, daß sie die vier Schützen stets im Auge behalten konnte.

Draußen kroch der Feind zwischen hochragenden Feldfrüchten mit all der Geschicklichkeit, die der Rothaut eigen ist, heran, oder es tauchten einzelne dunkle Gestalten plötzlich auf Augenblicke auf, um flink wieder hinter einem Baumstamm oder sonst einem Gegenstande zu verschwinden. Noch waren sie von dem Farmhause gut hundertundfünfzig Schritte entfernt. Man beriet sich, wann wohl das Feuer am vorteilhaftesten zu eröffnen sei, und kam überein, den Feind auf etwa achtzig Schritte herankommen zu lassen.

Mit jeder Minute näherte sich derselbe mehr, und als die Rothäute auf der Farm keine Lebenszeichen wahrnahmen, wurden sie bald dreister; sie beschleunigten ihr Tempo.

Allgemach waren sie auf die Entfernung herangekommen, in welcher sie, der Verabredung gemäß, den ersten Kugelgruß empfangen sollten, und zugleich mußten sie einen frisch abgemähten Wiesengrund überqueren, auf dem nur einige wenige Bäume Deckung boten.

Jetzt gab der alte Schell das Zeichen und fast zugleich krachten vier Schüsse, deren jeder sein Opfer forderte.

Ein Wutgeheul brach draußen los, zugleich erhoben sich die Indianer dutzendweise, wahrscheinlich in der Meinung, daß die Belagerten erst laden müßten, und sprangen wieder ein Stück vor.

Aber das sollte ihnen übel bekommen. Denn Frau Schell war sofort, nachdem die ersten Schüsse gekracht hatten, zu den Schützen hinausgesprungen, hatte ihnen die abgeschossenen Büchsen abgenommen und frischgeladene in die Hände gedrückt.

Wieder knallten schnell hintereinander vier Schüsse, und das Geheul, das darauf antwortete, bewies den Weißen, daß sie gut gezielt hatten.

Jetzt feuerten aber auch die Rothäute.

Klatschend fuhren die Kugeln in die Balkenwand des Rundganges. Diese aber war stark und gut, so daß die Angreifer den Belagerten nichts anhaben konnten.

Frau Schell entwickelte nunmehr im Laden der abgeschossenen Büchsen eine bewundernswerte Geschicklichkeit, war flink im Zureichen der frischgeladenen Waffen, so daß die Männer hinter den kleinen schmalen Luken stets schußbereit lagen und so den Rothäuten übel mitspielten. Durch das schnelle Schießen mußte bei ihnen überdies die Meinung erweckt werden, daß sie es mit einer weit größeren Anzahl Verteidiger zu tun hatten, als sie wohl ursprünglich annahmen.

So war das Feuergefecht ein recht lebhaftes geworden und das Vorrücken der Indianer, die empfindliche Verluste erlitten, alsbald zum Stillstand gekommen.

Schon frohlockte Vater Schell, daß sich die roten Leute über kurz oder lang respektvoll zurückziehen würden.

Und in der Tat wandte sich ein großer Teil derselben wieder nach dem Busche, kamen aber schon nach kaum einer Viertelstunde wieder aus demselben hervor und nun gewahrten die Belagerten mit Schrecken, daß sich diese Leute nur zu dem Zweck zurückgezogen hatten, um sich mit einer Menge Reisigbündel zu beladen.

»Bis jetzt war die ganze Gschicht net unrecht,« meinte Franzl. »Daß s oba so viel Holz daherschleppn, dös will ma scho goar net gfalln!«

»Mir ebensowenig,« entgegnete, recht bedenklich geworden, der alte Schell.

»Was dagegn machn?« fragte Franzl.

»Wir müssen eben versuchen, auch dieser Gefahr möglichst entgegen zu wirken. Vor allem wird es, wenn es wirklich zu einem Sturmlauf auf das Haus kommen sollte, wohl am besten sein, wenn wir hauptsächlich die Bündelträger aufs Korn nehmen.«

»Dafür bin i aa, Vota Schell,« meinte Franzl. »Nur ka Holz net ans Haus herlassn. Wann das erst brennt, nachdn könn ma scho glei a unsa Testament machn.«

»Und dann,« meinte der Alte, »wäre es vielleicht richtig, wenn ich mit meinen beiden Aeltesten jetzt schon nach unten gehe; was sagt Ihr dazu?«

»Mir solls recht sein,« entschied Franzl, »i brauch enk net ? i will da herobn schon dermachn, was an rechtschaffn Menschn mögli is.«

»Ich lasse noch einen von meinen zwei Jungen, den Konrad, herkommen; ich denke, einer tuts jetzt dahinten mit dem Aufpassen ... und vergeßt auch nicht die Löcher im Fußboden für den Fall, als sich die Halunken bis an die Türe wagen.«

»Habs schon gsegn ? die Fuchslöcha, die vergiß i net ? i neid kan von die rotn Teufln, der da druntn steht, wann der Franzl da herobn is.«

Vater Schell ging nach hinten. Er rief seinen Konrad, einen frischen, blonden Jungen von etwa vierzehn Jahren, an Franzls Seite, der voll Kampfeseifer dahergerannt kam. Der Alte instruierte sodann auch den anderen Aufpasser, der jetzt, stetig hinter der Brustwehr auf und ab schleichend, ein um so größeres Terrain nicht aus den Augen zu lassen hatte.

Dann begab sich Vater Schell hinab zu den beiden Aeltesten, die dort hinter den Schießluken bereits Aufstellung genommen hatten, und auch Frau Schell ging, nachdem sie Franz und ihren Konrad noch mit Munitionsbedarf versehen hatte, mit ihren Reservebüchsen, Kugel- und Pulverbeutel nach dem Erdgeschoß.

Es war die höchste Zeit, daß alles wieder schußfertig an seinem Platze stand, denn schon waren die Bündelträger draußen bis an den freien Wiesengrund herangelangt und beim Uebersetzen desselben war ja die beste Gelegenheit, ihnen die Streitbarkeit der Belagerten bestmöglichst fühlbar zu machen.

Als die ersten Rothäute über die Wiese sprangen, krachten denn auch oben auf dem Gange und unten im Erdgeschoß rasch nacheinander die Flinten. Mehrere Indianer brachen mitten im Sprunge zusammen und blieben mit ihren Holzbündeln am Platze. Aber die Nachfolgenden rafften im Vorbeikommen das fallen gelassene Reisig wieder auf und die bereits weiter vorgedrungenen roten Leute eröffneten gegen das Farmgebäude mit einemmal ein solch starkes Feuer, daß durch den dicht vorgelagerten Pulverrauch entlang der ganzen feindlichen Stellung bald nichts mehr unterschieden werden konnte.

Wohl oder übel schwiegen die Flinten der Belagerten jetzt, denn was hätte es genützt, blindlings darauf loszufeuern.

Dafür aber trafen sie alle Vorbereitungen, einem etwaigen Sturme auf das Haus mit der Kugel im Laufe um so nachdrücklicher zu begegnen, und sie taten gut daran, denn plötzlich erhob sich ein wildes Kriegsgeschrei und sämtliche Rothäute, von denen etliche Feuerbrände schwangen, stürmten gegen das Wohnhaus.

Schlag auf Schlag krachten jetzt die Büchsen der Farmersleute und fegten manchen der Feinde hinweg.

Sie konnten es aber nicht hindern, daß die Mehrzahl der Rothäute bis in die unmittelbare Umgebung des Hauses vordrang, ja daß einige Verwegene bis an die Wand des Gebäudes gelangt waren, wo sie sich zwischen den Schießscharten dicht an die Balkenlage drückten, so daß ihnen vom Erdgeschoß aus mit der Flinte nicht mehr beizukommen war. Zum Glück führten diese Leute kein Holz mit sich.

Sobald aber die Indianer ihre Situation übersahen, begannen die hinter den nächsten Bäumen haltenden roten Männer den an der Wand des Hauses Stehenden Bündel um Bündel zuzuwerfen, und sofort gingen die letzteren an das Aufstapeln des Reisig, während einige andere mit ihren Kriegsbeilen gar mächtig die Türe bearbeiteten.

Aber diese verwegenen roten Leute hatten die Rechnung ohne die Wirte gemacht, denn Franzl und der jugendliche Konrad erinnerten sich, als sie die Gefährlichkeit der Lage erkannten, rechtzeitig der Löcher oben im Fußboden des Ganges. Sie senkten ihre Gewehrmündungen durch dieselben nieder, und wie ein Bombenschlag wirkte es unten, als dicht über den Köpfen fast gleichzeitig zwei Büchsenläufe sich entluden.

Schon war inzwischen Frau Schell mit frischgeladenen Reservebüchsen die Treppe emporgestiegen und versetzte dadurch die beiden Schützen in die Lage, sofort noch einige Schüsse folgen zu lassen.

Das hatte denn auch die Wirkung, daß die unten in ein unbeschreibliches Wutgeschrei ausbrachen, und daß alles, was noch heil war, heulend davonlief.

Die plötzliche Panik gerade derjenigen Leute, die schon gewonnen Spiel zu haben glaubten, das Haus in Brand zu stecken, dazu das heftige Feuer, das jetzt wieder ununterbrochen aus den Schießluken des Erdgeschosses hervorflammte, entmutigte aber auch die übrigen Rothäute derart, daß auch sie einer nach dem anderen Fersengeld gaben und erst weit hinten zu einem geordneten Halt sich wieder sammelten.

»Habts enkr Teil!« höhnte Franzl, als er auf allen Punkten die Roten laufen sah. »Ja, so a weiße Kopfhaut is schwer zum habn ? siebn Stuckln, das machet fufzig und sex Dollar ? für den, ders hat, a schöns Geld. ? Vorläufi is damit oba no nix!«

Auch die unten waren, als sie den Feind durch die Luken hindurch in vollem Davonlaufen sahen, in Jubelrufe ausgebrochen, worauf Franzl mit einem hellen heimatlichen Juchzer antwortete, aber mitten in dem Ruf jäh abbrach.

»Da schaug her,« sagte er, als er die Sprache wieder erlangte, mit dem Ausdruck jähen Erstaunens, und hielt seine Augen sperrangelweit auf eine etwa dreißig Schritte vom Farmhause entfernt stehende Ulme gerichtet. »Was is denn dös in dem Baam da obn für a Vogl?«

Hoch in den Aesten des Baumes, von Zweigen und Blättern nur halb verdeckt, hockte ein Indianer, dessen Glutaugen zu Franzl herüber funkelten.

»So, deine saubern rotn Brüderln san dir davonglaufn,« rief Franzl gut gelaunt zu der Rothaut hinüber. »Du arms Hascherl, du, dich hams im Stich glassn. ? Na, wart, dir werd i das Baamkraxln verleidn, du Spitzbua ? hasts auf eh nix anders als auf mi abgsegn,« und legte die Büchse an die Wange.

Aber in demselben Augenblick stieg drüben in der Ulme eine Rauchwolke auf und Franzl, der in der Ueberraschung über seine Entdeckung unvorsichtig genug war, statt sich hinter die Umrahmung der Galerie zu legen, den Schuß über die Brustwehr hinweg abzugeben, sank getroffen nieder.

»Sakra, hat mi der Malefizschlankl do derwischt,« schimpfte er und langte mit der rechten Hand tastend nach der linken Schulter. »Konradl, gibs eahm, eh er di oda an anders aa no unglückli macht!« schrie er dann seinem jugendlichen Nachbar zu, und da krachte auch schon des Jungen Büchse.

Aechzend schob sich Franzl bis zum nächsten Schußloch vor und sah, wie drüben auf der Ulme der Wilde bedenklich schwankte, seine Flinte fallen ließ und dann plötzlich von dem Ast, auf dem er hockte, herunterrutschte.

Da verließen ihn die Kräfte und jäh schoß er aus der Höhe durch das rauschende und brechende Geäste nieder auf die Erde und blieb dort bewegungslos liegen.

Indem er sich mit beiden Händen krampfhaft festhielt, machte er verzweifelte Anstrengungen, mit den baumelnden Beinen eine Stütze zu finden. Doch unmittelbar unter ihm befand sich nur dünnes Geäste, das bei jeder Berührung nachgab und dann wieder in seine alte Lage zurückschnellte.

So hing er wohl an vierzig Fuß hoch zwischen Himmel und Erde und mußte zudem schwer getroffen sein, denn schmerzhaft zuckte und wand sich sein ganzer Körper.

Da verließen ihn die Kräfte und jäh schoß er aus der Höhe durch das rauschende und brechende Geäste nieder auf die Erde und blieb dort bewegungslos liegen.

»Der arme Schlankl ? da hat ers,« sagte Franzl mit einem Anflug von Bitterkeit und wendete sich weg von dem Anblick. »Oba er hats ja net anders wolln,« beruhigte er sich. »Was braucht er aufizsteign? ? I dank schön ? hoch in die Baam un in da Luft umanand so a Stucker fufzig Wilde ? nachdn kinn ma da herobn glei zsammpackn!«

Da kam Frau Schell mit einem Trunk daher, ihn den Schützen als Erfrischung anzubieten, und erschrak nicht wenig, als sie durch ihren Konrad erfuhr, daß Franzl verwundet sei.

Sofort rief sie ihren Mann herbei. Der kam und entblößte ohne viele Umstände Franzls linke Seite.

Es stellte sich heraus, daß oben an der linken Schulter eine Kugel eingetreten war und das Schlüsselbein zerschmettert hatte. Glücklicherweise nahm das Geschoß den Weg nach oben und war über dem Rücken wieder ausgetreten.

»Nun,« sagte Vater Schell, »Ihr könnt noch von Glück sagen. Wäre die Kugel eine Handbreit tiefer dahergeflogen, wäre es Euch wahrscheinlich schlimmer ergangen.«

»Na,« erwiderte Franzl, »dann sa ma halt zfriedn mit dem, was ma habn, un ergebn uns in das unabwendbare Schicksal. Aber« ? meinte er, »der Teixl hats gsegn, a nette Bescherung is do, just jetzt, agrad vorm Hochzeitmachn.«

»Wann sollte die denn sein?« fragte Frau Schell.

»Heunt über vierzehn Tagn ... s Binche hat mir erst gestern botschaftn lassn, daß mi bestimmt erwart und daß alles schon gricht is.«

»Nun,« meinte Vater Schell, »die Wunde wird bald wieder heil sein. Die Hochzeit freilich, die werdet Ihr schon um etliche Wochen hinausschieben müssen ... Doch, Rösche, hurtig, hol Wasser und Linnenzeug ? wir wollen nicht unnütz die Zeit verplaudern, sondern schnell noch, so lange uns der Feind Ruhe gönnt, die Wunde auswaschen und einen Verband anlegen.«

Flink sprang Frau Schell davon und war mit dem Erwünschten gleich wieder zur Stelle.

Während nun der alte Schell vorsichtig die Wunde auswusch und verpflasterte, hielten seine Söhne unten und oben scharfe Wacht.

Fortgesetzt fielen hüben wie drüben einzelne Schüsse, doch hielten sich die Rothäute immer noch in der gleich respektvollen Entfernung.

Auf einmal aber erhob sich draußen wieder ein wildes Geschrei.

Sämtliche Rothäute waren wie mit einem Zauberschlage aus ihren Verstecken aufgesprungen und rannten wie wahnsinnig schnurstracks wieder gegen das Haus.

Das war so unerwartet und rasch gekommen, daß der Farmer, der sofort von Franzl abließ und aufsprang, noch nicht auf seinem Posten unten angekommen war, als auch schon die Rothäute am Hause anlangten.

Und es lag diesmal ebensoviel oder noch mehr Berechnung und System in ihrem Angriffe.

Während nämlich ein Teil der Roten sich daran machte, den Rest der umherliegenden Holzbündel aufzulesen und entlang der Balkenwand des Hauses aufzustapeln, hinderte ein anderer Teil die Belagerten insofern am Schießen, als sie die Mündungen ihrer Büchsenläufe von außen her in die Schießscharten steckten und blindlings in das Innere des Hauses schossen.

Einige andere Rothäute richteten ihr Feuer gegen die über ihnen befindlichen Bodenlöcher des Rundganges so heftig, daß die oben es nicht wagen durften, sich über den Schießluken blicken zu lassen.

Die Lage, namentlich für die unten im Erdgeschoß, war dadurch eine sehr üble geworden, denn wenn die Schüsse, welche die Indianer in das Haus abgaben, auch zum Glück nicht trafen, so konnten die Schützen an die Schießluken nicht oder doch nur schwer heran, und zudem füllten sich die Räume des kleinen Hauses bald dermaßen mit Pulverrauch, daß man kaum mehr die Hand vor den Augen sah.

Vater Schell zog es unter diesen Umständen vor, sich mit seinen beiden Söhnen nach dem Gang oben zurückzuziehen, in der Annahme, von oben her eher zum Schusse zu kommen.

Nur Frau Schell blieb, und sie kam, als sie in ihrer Erregung zunächst ganz planlos in den raucherfüllten Räumen umherrannte, plötzlich auf den glücklichen Einfall, das Küchenbeil zur Hand zu nehmen. Sie schlich sich mit diesem entlang den Wänden, und wo es durch die Schießluken hereinblitzte, oder wo sie einen Büchsenlauf zu entdecken vermochte, da sauste ihre Waffe mit kräftigem Hieb auf die Mündung der Schußwaffe nieder.

Die Rothäute waren außen nicht wenig verwundert, wenn sie auf diese Weise durch den eigenen Flintenkolben plötzlich einen gar derben Backenstreich empfingen.

Sie zogen unwillkürlich die Waffe zurück und brachen in ein Wutgeheul aus, wenn sie den Lauf nicht schlecht verbogen und dadurch das ganze Schießzeug als unbrauchbar geworden befinden mußten.

Diese wenig angenehmen Entdeckungen und das wütende Geschrei, das sie erhoben, hatte aber auch noch die andere Wirkung, daß es die Aufmerksamkeit derjenigen Rothäute auf sich zog, welche die Schußlöcher oben im Boden des Ganges zum Ziele erwählt hatten, und dadurch bekamen die dort befindlichen Weißen mit einemmal Luft.

Und Vater Schell und die Seinen gaben das, was sie einmal errungen hatten, nicht so leichten Kaufes wieder preis ? Franzl und die zwei Jüngsten luden ? und alsbald krachte Schuß auf Schuß von oben nieder.

Diesem nachhaltigen und wohlgezielten Feuer konnten die Indianer unten nicht mehr standhalten, und nun suchte sich einer nach dem anderen in Sicherheit zu bringen.

Nur eine grell bemalte, robust gebaute Rothaut mit dem Häuptlingszeichen in den dunklen Haarsträhnen, offenbar der Anführer der ganzen Bande, hielt hartnäckig aus.

Er hatte einen Hebebaum in die unter der Eingangstür befindliche Fuge eingesetzt und arbeitete mit herkulischer Kraft, die Türe aus den Angeln zu heben.

Das Werk wäre ihm auch ohne Zweifel gelungen, hätte nicht Vater Schell den Eingang gleich zu Beginn des Ueberfalles innen durch zwei vorgelegte Balken, die gegen feste eiserne Streben stießen, gesichert.

Jetzt sollte aber auch dieser verwegene Wilde seine Hartnäckigkeit schwer büßen.

Er bekam einen Schuß in den Oberschenkel, und mit haßerfülltem Blicke nach oben sank er in die Kniee.

Als Vater Schell dies gewahrte, sprang er auf, war hurtig über die Treppe hinab, hob die Balken an der Türe aus, entriegelte dieselbe, erfaßte mit eisernem Griff den Verwundeten und zog ihn ins Haus, worauf Frau Schell den Eingang schleunigst wieder schloß.

Diese augenblicklicher Eingebung entsprungene Tat war für die Belagerten in mehrfacher Hinsicht von größtem Werte.

Einmal errettete sie dieselben von weiterer Feuersgefahr, denn die Indianer hätten den nochmaligen Versuch, das Haus anzuzünden, sich wohl überlegt, da sie ihren Häuptling dann ja mitverbrannt hätten, zum anderen gab sie den Belagerten dessen reichliche Munition in die Hände, die um so erwünschter kam, als der Vorrat an Pulver und Blei schon bedenklich zusammengeschmolzen war.

Als die Rothäute ihren Führer in der Gewalt der Gegner und die Türe sofort wieder schließen sahen, erfaßte sie ein so gewaltiger Grimm, daß sie sofort einen neuen Sturmlauf unternahmen.

Ihr Häuflein war aber schon gar zu arg zusammengegangen, und das heftige Feuer, das sie empfing, nötigte sie schon auf halbem Wege, wieder umzukehren.

Sie zogen sich nunmehr in recht raschem Tempo in den Busch zurück.

Inzwischen war es Abend geworden. Die Sonne stand bereits tief im Westen und warf ihre letzten Strahlen auf die Stätte des Kampfes.

Endlich konnten die schwer bedrängt Gewesenen etwas aufatmen; doch versäumten die Männer darüber nicht, ihre Büchsen zu untersuchen und die unverhofft erhaltene Munition des Häuptlings unter sich zu verteilen, um jeden Augenblick für einen etwaigen erneuten Angriff gerüstet zu sein.

Zu bewundern war Frau Schell, welche kurz zuvor über Uebelkeiten geklagt hatte, die Aufforderung der Ihren, sich nach den gehabten Anstrengungen jetzt ein wenig Ruhe zu gönnen, aber energisch zurückwies. Im Gegenteil, sie verschwand in der Vorratskammer, aus der sie geschäftig das Beste, das dieselbe darbot, herbeischleppte, um den Männern Erfrischungen zuzuführen.

Während namentlich die Jungens wacker zugriffen, stimmte sie ein frommes Lied an, in das sofort auch die anderen und selbst der verwundete Franzl mit seinem hellen Tenor einfielen.

Dies wirkte auf sie alle dermaßen erhebend und ermutigend, daß sie die Müdigkeit, die ihnen die Aufregung und die ungewohnte blutige Arbeit verursacht hatten, vergaßen. Ja, die beiden Jüngsten verfielen in ihrer Freude über den Sieg nachher in eine förmliche Ausgelassenheit und johlten, lärmten und schrieen, soviel ihre jungen Kehlen es vermochten, und angesteckt davon, fielen auch die beiden älteren Söhne in dieses Konzert nach Kräften ein.

Diese spontane unwillkürliche Aeußerung aber erlöste die Familie, ohne daß sie darum wußte, endlich von aller Gefahr. Denn als Stunde um Stunde verrann und kein neuer Angriff erfolgte, entschloß sich Vater Schell, in Begleitung seines ältesten Sohnes nach dem nahen Busch zu schleichen, und es ergab sich, daß sowohl dort, als auch in den angrenzenden Waldesteilen keine Rothaut mehr zu sehen war.

Was lag näher, als anzunehmen, daß das Schreien und Lärmen der Belagerten beim Feinde die Befürchtung erregt habe, sie jubelten, weil Unterstützung aus dem Fort Dayton eingetroffen oder im Anzug sei, und in der Tat hatten die Indianer den Lärm auf der Farm in diesem Sinne aufgefaßt und sich dann schleunigst aus dem Staube gemacht.

Als Vater Schell und sein Begleiter mit dieser Kunde in das Farmhaus zurückkehrte, brach der Jubel erst recht los.

Es bedurfte geraumer Zeit, ehe der erneute Freudenausbruch wieder kühler Besonnenheit Platz gemacht hatte. Dann aber hielt man großen Kriegsrat und kam überein, daß es am besten sein würde, nach dem Fort aufzubrechen, um dort den Rest der Nacht zu verbringen, zumal Franzl dringend der Hilfe eines Wundarztes bedurfte.

Man machte sich über den gefangenen Häuptling her, um ihn zu binden, fand aber, daß seine Verwundung eine so schwere war, daß ein Fluchtversuch ganz ausgeschlossen schien.

Man ließ ihn also ohne Fesseln liegen, ja einer der Jungens wurde sogar beauftragt, aus dem Stall Streu herbeizuholen und ihm ein weiches Lager aufzuschütten.

Vater Schell verriegelte sodann sorgsam alle Fenster und schloß die Eingangstüre.

Man gab dem wenigen Vieh im Stalle Wasser, warf ihm reichlich Futter vor und machte sich dann vorsichtig auf den Weg.

Im Fort Dayton angekommen, erregte die Schilderung der tapferen Tat dieser einfachen, anspruchslosen Bauernfamilie gerechte Bewunderung.

Hier stellte sich auch heraus, daß fast die ganze Farmerschaft des County auf das Alarmsignal in das Fort geeilt war, daß die zur Zeit sehr schwache Besatzung in der Folge gerade genug zu tun hatte, die Flüchtlinge und die nächstliegenden Farmen vor den Feuerbränden der umherstreifenden Indianerhaufen zu schützen.

Man hatte dann wohl den ganzen Rest des Tags über von fernher Flintenschüsse vernommen, doch erst spät sich der Schellschen Familie auf der entlegenen Farm erinnert.

Um so größer war die Freude und die Anerkennung, die man den längst Aufgegebenen jetzt entgegenbrachte.

*

Just um dieselbe Zeit, als die Huronen sich anschickten, der Schellschen Niederlassung sich zu nähern, befand sich auch Addy im Schellsbusche.

Der Jäger hatte nämlich, Unheil witternd, schon mehrere Tage und Nächte ganz in der Nähe im Walde gestreift, die Annäherung mehrerer Indianerhaufen dann sehr wohl bemerkt und diese auch rechtzeitig durch einen ihm begegnenden Grenzer nach Fort Dayton melden lassen. Als es ihm zuletzt zur Gewißheit wurde, daß die Indianer es auf die Schellsche Farm abgesehen hatten, zog er sich voll Ingrimm zurück, denn er mußte sich sagen, daß er allein nicht im stande sei, dem ganzen Haufen entgegenzutreten. Er hoffte, daß der Kommandant des Forts so schnell als möglich eine kleine Schützenabteilung senden würde und dann sollte ihn nichts mehr abhalten, mit diesen Mannschaften den Farmersleuten zu Hilfe zu eilen.

Der Jäger zog sich also unbemerkt in den Wald zurück, hinauf auf eine kleine Anhöhe, von wo er den Busch unten einigermaßen überblicken konnte.

Er hörte die ersten Schüsse und ahnte nicht, daß diese mit seinem zufällig des Weges gekommenen Freunde Franzl gewechselt wurden.

Dann gab es eine längere Pause, bis endlich ein regelrechtes Feuergefecht unten bei der Farm sich entwickelte.

Addy schloß daraus, daß es dem alten Schell mit seinen tatkräftigen Buben gelungen war, sich noch rechtzeitig in das Haus zurückzuziehen und daß er entschlossen sei, den Wilden Widerstand entgegenzusetzen. Aus dem Knalle der verschiedenen Büchsen, davon ein Teil ihm, dem Jäger, entgegenschlug, dann aus dem wilden Zorngeheul der Indianer schloß er, daß es mit der Verteidigung der Farm vorläufig nicht schlecht stand.

Gleichwohl erwog er bereits den Gedanken, sich etwas näher an die Farm vorzuschleichen. Vielleicht ergab sich irgend ein glücklicher Umstand, der ihm ermöglichte, dennoch entscheidend einzugreifen.

Schon spähte er als Mann der Vorsicht um sich, ob die nächste Umgebung auch vollkommen rein sei und schickte sich an, im Schutze des Waldes nach dem Busch abzusteigen, als plötzlich klägliches Kindergeschrei an sein Ohr schlug.

Blitzschnell verschwand er hinter einem Baumstamm und gewahrte dann, vorsichtig spähend, kaum hundert Schritte seitwärts, zwei Huronen durch den Wald schreiten, jeder einen kleinen hemdärmeligen Buben vor sich hertreibend, die beide zwar gewaltig schrieen, aber durch Püffe und Schläge willfährig gemacht, mit ihren kurzen Beinchen tapfer waldeinwärts liefen.

Obwohl Addy die Angehörigen der Familie Schell nicht alle kannte, sagte er sich sofort, daß diese beiden Buben zu der Farm gehörten und durch irgend ein Mißgeschick in die Gewalt der Rothäute geraten seien.

Er selber aber, Addy, war durch diesen Vorgang in einen bösen Zwiespalt mit sich selbst geraten. Sollte er sein Vorhaben, sich der Farm zu nähern, jetzt noch ausführen und die beiden Knaben ihrem Schicksal überlassen? Lag nicht auch hier ein Gebot der Menschlichkeit vor, die beiden Kinder, die vielleicht die Augäpfel ihrer Mutter waren, den Rothäuten wieder abzunehmen? Was sollte er tun?

Nach klarer Erwägung mußte er sich sagen, daß die Annäherung an die Farm, solange nicht Hilfe vom Fort kam, einen doch nur sehr fragwürdigen Erfolg haben könne. Wurmte es ihn auch gewaltig, den Farmersleuten nicht helfen zu können, so lag es für ihn unter den obwaltenden Umständen doch näher, sich vorerst der Kinder anzunehmen. War ihm gelungen, diese zu befreien, dann konnte er ja immer noch auf seinen zuvor gefaßten Plan zurückgreifen; und vorläufig schien sich Vater Schell unten noch ganz wacker zu halten.

Also erhob er sich und schlich den beiden Indianern nach, die mittlerweile die beiden Buben auf die Schultern gehoben hatten und jetzt mit großer Schnelligkeit immer tiefer in den Wald eilten.

Endlich an einer Stelle, wo das Erdreich sich schon wieder etwas senkte und aus der Ferne das Geräusch eines fließenden Gewässers hörbar wurde, machten sie Halt.

Addy war ihnen wie ein Schatten gefolgt und, soweit es die Vorsicht zuließ, ihnen ziemlich dicht auf den Fersen geblieben.

Jetzt duckte er sich noch mehr hinter die Baumstämme und ließ sich dann bald ganz auf den Boden nieder, von Busch zu Busch auf allen vieren vorkriechend.

Was Addy vorausgesetzt hatte: daß die beiden Rothäute sich an dem Gewässer durch einen Trunk laben würden, war eingetroffen.

Unten am Bache hockten sie, sich mit den hohlen Händen Wasser in den Mund schöpfend.

Die beiden Knaben standen daneben und die eine Rothaut war menschlich genug, auch den Kindern von dem Wasser anzubieten.

Der eine Junge schlürfte aus der hingehaltenen Hand lang und tief, so daß der Hurone noch ein zweites Mal Wasser schöpfte.

Der andere Knabe jedoch, als er die dunkle Hand so unmittelbar vor seinem Gesichte sah, fing mächtig an zu schreien, stieß sie zurück, machte kehrt und begann davonzulaufen.

Oben unter den Bäumen, keine dreißig Schritte von der Gruppe entfernt, lag Addy, seine Doppelflinte zum Schusse erhoben, hinter einem dicken Baumstamme.

Als er den Jungen unten davonlaufen sah und gewahrte, daß dieser die Richtung auf sein Versteck nahm, senkte Addy die Mündung seines Flintenlaufes.

Den beiden Rothäuten schien der Fluchtversuch des kleinen Kerlchens anfangs vielen Spaß zu machen. Sie lachten und sahen dem kleinen Ausreißer grinsend nach.

Als der Junge aber hinter den Bäumen zu verschwinden begann, sprang die eine Rothaut auf und setzte hinter dem Flüchtling mit weiten Sprüngen drein.

Dieser Indianer, zumal in seiner Hast, konnte nicht bemerken, daß hinter einem Baume, an dem er unmittelbar vorüber mußte, Addy lag und daß sich der Jäger mittlerweile erhoben hatte.

Als die Rothaut hier vorüberschoß, fühlte sie plötzlich eine eiserne Faust an ihrem Nacken. Ein fürchterlicher Faustschlag und der rote Mann stürzte bewußtlos zu Boden.

Flink zog Addy zwei Lederriemen aus seiner Jagdtasche hervor und in wenigen Augenblicken lag sein Opfer an Händen und Füßen gebunden.

Nun schlich sich der Jäger wieder zurück hinter den Baum.

Unten stand die andere Rothaut und wartete auf den Kameraden.

Allem Anschein nach etwas unruhig geworden, starrte der rote Mann unablässig hinauf zu dem Punkte, wo der andere kurz zuvor verschwunden war. Wahrscheinlich hatte der Mann unten von dem Geräusche vernommen, das der Fall des Kameraden oben verursacht hatte, wußte es sich aber offenbar nicht zu deuten.

Endlich schien ihm die Sache doch zu lange zu dauern. Er stieß einen scharfen gellenden Ruf aus und als keine Antwort erfolgte, hob er den Jungen auf seine Schultern und kam ebenfalls die kleine Anhöhe heraufgeschritten.

Wäre dieser Mann gleich dem anderen unmittelbar vor dem Baume vorübergekommen, hinter dem der Jäger stand, hätte sich das Schauspiel von zuvor wahrscheinlich wiederholt. So aber lag, als die Rothaut die Höhe erreicht hatte, immerhin eine Entfernung von mehreren Schritten zwischen ihr und Addy.

Wie ein Bombenschlag wirkte es auf den Mann, als der Jäger, mit dem Büchsenkolben an der Wange, plötzlich hinter dem Baume hervortrat und dem Indianer ein donnerndes Halt zurief.

Der verhältnismäßig noch junge Indianer faßte sich aber rasch wieder. Schnell warf er den Knaben wie ein Stückchen Holz von sich und die Hand des jungen Kriegers erfaßte das im Gürtel steckende Kriegsbeil.

Da krachte des Jägers Flinte und lautlos brach der Hurone zusammen.

Dafür aber erhob sich weiter oben, tiefer im Walde, fast sofort ein klägliches Schreien und gleich darauf hub auch der Junge, der soeben von dem Indianer abgeworfen worden war, an, sich mit dem kräftigsten Jammergeheul bemerkbar zu machen.

Addy nickte befriedigt mit dem Haupte.

Wenn der Junge noch von solcher Lungenkraft war, dann konnte er durch den Fall keinen allzu großen Schaden erlitten haben.

Der Jäger lud zunächst den abgeschossenen Lauf seiner Flinte. Dann überzeugte er sich davon, daß der Kleine in der Tat im Vollbesitze seiner gesunden Glieder sich befand. Einige Hautschürfungen am Kopfe und den Armen abgerechnet, war eine Verletzung nicht zu entdecken.

Nun begann Addy in der freundlichsten Art, deren der eckige, fast rauhe Mann fähig war, auf den Jungen einzureden, und er hatte die Genugtuung, daß sich der Kleine bald beruhigte. Auch das Geschrei tiefer im Walde war mittlerweile verstummt und als sie dann zusammen nach dem Brüderchen suchten, da kam der kleine tapfere Mann ihnen schon entgegengestapft. Das Geschrei des zurückgebliebenen Bruders hatte ihn zur Umkehr veranlaßt.

Nun nahm Addy die beiden kleinen Helden an den Händen und wanderte mit ihnen quer durch den Wald dem Schellsbusche zu.

Ab und zu blieb der Jäger stehen und verwies die beiden kleinen Plappermäuler, die nach und nach ganz lebhaft geworden waren, zur Ruhe. Dann hörte man wohl in weiter Ferne lebhaftes Schießen.

Wie gerne wäre Addy schneller vorangeeilt, sich von dem Stande des Kampfes unten an der Farm zu überzeugen. Aber er konnte doch die beiden kleinen Menschenkinder, die er an den Händen führte, nicht im Stiche lassen.

So dauerte es geraume Weile, bis sie zu dem Punkte zurückgelangten, wo Addy die Entführung der beiden Knaben durch die Rothäute wahrgenommen hatte.

Als der Jäger endlich den Schellsbusch einigermaßen überblicken konnte, da überzeugte er sich, daß die Schießerei noch in vollem Gange war, daß dann aber plötzlich die Rothäute in schnellster Gangart dem Walde zuflüchteten.

Liebend umschloß Frau Schell ihre beiden wiedergekehrten Sprößlinge.

Nun stand es für ihn fest, daß die Huronen den kürzeren gezogen hatten, daß Hilfe aus dem Fort angekommen war und die Farm als gerettet betrachtet werden konnte.

Schnell lud er die beiden Knaben auf den Rücken und schlug sich seitlich in den Wald, den vom Busche herauftrabenden Rothäuten auszuweichen. Als er sich dann einigermaßen in Sicherheit fühlte, schlug er mit den beiden Knaben den Weg nach dem Fort Dayton ein.

Dort, nach verhältnismäßig langer Wanderung angekommen, standen die Gruppen der Menschen noch immer beisammen, die sich bei der Ankunft der Schellschen Familie gebildet hatten. Lebhaft schilderten die Söhne und der Vater den Soldaten und Farmersleuten die einzelnen Phasen des durchlebten Ereignisses. Nur Frau Schell, die sich nach den großen Erregungen und den fast übermenschlichen Anstrengungen des Tages jetzt recht müde fühlte, saß stilltraurig und in sich gekehrt etwas abseits. Sie trauerte um ihr Liebstes, um ihre beiden Buben.

Da öffnete sich plötzlich der Kreis der Soldaten, Männer und Frauen, und gleich darauf hingen zwei stramme, pausbäckige Knaben, die sich wie ein Ei dem anderen ähnlich sahen, hell aufjauchzend an ihrem Halse.

Die gute Frau, die sich heute als ein so kaltblütig tapferes Weib erwiesen hatte, war im ersten Augenblick so heftig erschrocken, daß sie einen Schrei des Entsetzens ausstieß und gar ungläubig auf die beiden Blondköpfe niedersah. Dann aber begannen die hellen Tränen aus ihren Augen zu tropfen und krampfhaft schluchzend umschloß sie liebend ihre beiden wiedergekehrten Sprößlinge.

Im Hintergrunde stand Addy, sah auf die Scene nieder, und eine seltsame Rührung sprach aus seinen verwetterten, sonst so ruhigen, fast harten Gesichtszügen.

Als ob er sich dessen plötzlich bewußt würde und sich dieser Wallung schäme, vielleicht auch um dem Danke der beglückten Mutter zu entgehen, schlich er sich heimlich von dannen.

Beim Wirt »Zur fröhlich Pfalz«.

Alljährlich um Bartholomäi, an einem fallweise zu erwählenden Sonntage, je nachdem die Ernte früher oder später fiel, ging es in und um Little Falls recht lebhaft zu. Man beging dann das sogenannte »Bockfest«, das namentlich von der Jugend immer mit Spannung erwartet wurde.

Es war dieses Fest seit vielen Jahren schon gefeiert worden, also bereits ein feststehender Gebrauch, über dessen Herkommen man sich nicht weiter die Köpfe zerbrach. Nur die ältesten unter den Talbewohnern wußten gelegentlich zu erzählen, daß es eine Anlehnung an eine althergebrachte Feierlichkeit der alten Heimat sei, und daß es schon von ihren Vätern begangen wurde.

Von weither versammelten sich an diesem Tage die Farmer mit ihren Frauen und erwachsenen Töchtern und Söhnen vor einem Gemeindezwecken dienenden, festlich geputzten Blockhause, wo ihnen von dem Festausschusse ein hauptumkränzter und reich mit bunten Bändern geschmückter Schafbock feierlich übergeben wurde.

Mit Jubel nahm man ihn in Empfang und führte ihn dann unter dem Vortritt von festlich gekleideten Trommlern und Pfeifern nach dem gewöhnlich unmittelbar neben dem Gasthause »Zur fröhlich Pfalz« gelegenen Festplatz. Auch dieses Gasthaus war bei dieser Gelegenheit mit bunten Fahnen und frischem Grün stets recht festlich herausgeputzt.

Hier wurde der Bock einer Anzahl von Festordnern übergeben, neben denen dann noch eine Reihe von Preis- und Zielrichtern für die mannigfaltigsten Spiele, wie: Wettlauf, Eiertänze, Wassertragen und andere in Amt und Würden standen, die sich auf ein bestimmtes Zeichen auf die für die Kampfrichter bestimmten Plätze begaben.

Während sich dann die Alten als Zuschauer rings um das abgesteckte Stoppelfeld drängten, das als Rennbahn diente, sammelte sich die Jugend fast ausnahmslos an dem einen Ende desselben und erwartete kampfeslustig die Zeichen zum Beginn der einzelnen Spiele.

Bald flogen dann abwechslungsweise die kräftigen, muskulösen Burschen und die frischen, derbknochigen Mädchen in bunten Röcken, mit flatternden Bändern geschmückt, durch die Ermunterungs- und Beifallsrufe des Zuschauerkreises zur äußersten Anstrengung angespornt, in schnellstem Laufe über das Stoppelfeld dem Ziele zu, sich die Palme des Sieges zu erringen.

Allgemeine Heiterkeit erregte stets der Wasserlauf, ein Rennen, in welchem die Mädchen einen auf dem Kopfe getragenen, mit Wasser gefüllten Kübel in möglichst raschem Tempo über die Bahn zu bringen hatten, wobei es natürlich manches komische Ungefähr und manche kleine Taufe abgab.

Der Siegerin in diesem schwierigen Rennen wurde gewöhnlich der Schafbock zugesprochen, während die anderen siegenden Mädchen und Burschen Preise zuerkannt erhielten, die aus allerlei Kleiderstoffen, Bändern und Spitzen bestanden.

Alsdann sammelte sich jung und alt vor der Festtribüne, wo die Preisverteilung stattfand, an die sich der gemeinsam ausgeführte Ringeltanz anschloß, an dem selbst die ältesten unter den Alten teilnahmen und sich eine kleine Weile herumschwenkten.

Dann ergoß sich der ganze Schwarm der Festteilnehmer über den Festplatz; wo auf einfachen Brettertischen die Spenden des Wirts »Zur fröhlich Pfalz« bereit lagen und für entsprechendes Entgeld zu erstehen waren: riesige, oft viele Fuß lange Blutwürste und ganze Tonnen des leckersten Apfelmuses, die zusammen das Leibgericht der Ansiedler bildeten.

War dann der durch die Wettkämpfe geschärfte Appetit gestillt und der ärgste Durst gelöscht, so sammelte sich die Jugend zum Tanzvergnügen, das gewöhnlich bis zum Einbruch des Abends hinhielt.

Allmählich war auch in diesem Jahre der Bartholomäitag herangekommen.

Die jungen Leute in und um Little Falls hatten allenthalben noch immer gehofft, daß das Fest zu stande kommen werde, aber die Alten schüttelten bei seiner Erwähnung mißbilligend die Köpfe.

Als der Zeitpunkt dann unmittelbar bevorstand, stellte sich denn auch heraus, daß nicht einmal der Festausschuß zu den nötigen Vorbereitungen zusammenzubringen war.

Die vielen räuberischen Einfälle, die bis in die letzten Wochen in erschreckend rascher Aufeinanderfolge das ganze Tal entlang, bald hier, bald dort stattfanden, hatten zu Verhältnissen geführt, daß bei den Alten neben dem Bestreben, Haus, Hof und Leben zu schützen, kaum ein anderer Gedanke aufzukommen vermochte.

Die Behauptung der Oneidaindianer, die, als sie im Tal bekannt wurde, gleich einem Schreckensrufe von Mund zu Mund ging, daß nämlich die kanadische Regierung eine Prämie von acht Dollar auf den Skalp der Krieger vom Mohawk ausgesetzt habe, bestätigte sich leider nur zu sehr. Die Rothäute wetteiferten nachgerade förmlich darin, sich diesen Judaslohn zu verdienen. Es war schon vorgekommen, daß einzelne Ansiedler, wenn sie ihre Farm auf Tage oder auch nur auf Stunden verließen, zurückkehrend ihre ganze Familie skalpiert vorfanden; die Wilden in ihrer Rachsucht und mordlustigen Habgier, sie schonten nicht Mütter, Greise und Kinder.

Dies erzeugte begreiflicherweise eine maßlose Erbitterung und die Ansiedler verfuhren, wenn sie einer feindlich gesinnten Rothaut habhaft zu werden vermochten, auch mit ihr nichts weniger als glimpflich.

So war man dahin gekommen, daß man auf den abgelegensten Gehöften täglich und stündlich auf einen Ueberfall gefaßt sein mußte, ja der Bauer arbeitete nur noch mit der Büchse über der Schulter auf dem Felde und schlief mit den Waffen neben sich, um stets zur Abwehr gerüstet zu sein.

Man hatte die Späher, welche bei Tag und Nacht die Wälder der Umgebung durchstreiften, durch die waffenfähige Jugend verdoppelt und verdreifacht, denn je länger dieser Buschkrieg dauerte, je mehr bildete sich unter ihr der kriegerische Geist, regte und wuchs ihr Wagemut, ja sie drängte sich jetzt förmlich zu diesem Dienste.

Zusammen mit den berufsmäßigen Grenzern taten sie es an Kühnheit, List und Planmäßigkeit den Rothäuten bald gleich, doch konnte alles dieses nicht hindern, daß die verschlagenen Indianer nächtlicherweile doch noch oftmals ihren Weg ins Tal fanden.

Dazu stellte sich immer unzweifelhafter heraus, daß die Rothäute über bedeutungsvollere militärische Maßnahmen fortlaufend unterrichtet sein mußten, Zusammenstöße mit den vorhandenen regulären Truppen sorgfältig vermieden und immer nur da hervorbrachen, wo man sie am allerwenigsten erwartet hatte. Das konnte nur auf Verrat einzelner unter den Republikanern verstreut lebender Tories, das heißt Anhänger der englisch-johnsonschen Sache, zurückzuführen sein, und es war infolgedessen das Mißtrauen der Farmer unter sich bereits auch in bedenklicher Weise rege geworden.

Addy war jetzt, in diesen Tagen der Not, in seinem Elemente und das Ausgedingstübel auf seiner Farm sah ihn nur selten.

Er war die Seele des rührigen und umsichtigen Späherkorps und er selbst Tag und Nacht in den Wäldern. Er roch es förmlich, wo wieder ein räuberischer Indianerhaufe im Anzug war und ruhte nicht, ehe er ihn nicht aufgespürt hatte, ihm entweder mit seinen Grenzern einen Hinterhalt zu legen oder die bedrohten Farmer rechtzeitig zu warnen. Er war für die Ansiedler förmlich ein lichter Punkt in dem Chaos der fortlaufenden Bedrohungen und steten Gefahren. Ueberall wurde er denn auch, er mochte zu irgend welcher Tageszeit oder des Nachts an eine Blockhütte pochen, mit Freuden willkommen geheißen, und wußte man ihn nur in der Nähe, fühlte man sich schon um vieles sicherer, denn der Knall seiner Büchse würde, dessen war man gewiß, jede Gefahr sofort anzeigen.

So stand es in den Tagen der Ernte und es galt, wie gesagt, bereits als ausgemacht, daß in diesem Jahre kein Bockfest stattfinden würde.

Gleichwohl fanden sich an dem Sonntage, an welchem unter anderen Umständen die Festlichkeit vor sich gegangen wäre, mehr Farmer als gewöhnlich im Gasthause »Zur fröhlich Pfalz« ein, war es doch in den letzten Tagen in und um Little Falls verhältnismäßig ruhig gewesen und die Ernte, soweit sie nicht von den Rothäuten auf dem Felde verwüstet worden war, zum größten Teil unter Dach gebracht.

Der kleine Schenkraum des Gasthauses faßte denn auch bald nicht mehr die Zahl der Gäste, so daß sich der Wirt gezwungen sah, auf einem geeigneten Platze vor dem Hause eine Anzahl einfacher Brettertische zu errichten.

Der Besitzer des Gasthauses hatte übrigens insgeheim wohl auch auf einen größeren Besuch an diesem Tage gerechnet, denn zur Ueberraschung seiner Gäste kündigte er das Vorhandensein des Festgerichtes an, das sonst am Bockfest üblich war, was allgemein mit Jubel aufgenommen wurde.

Bald hatten sich daraufhin an den Tischen größere und kleinere Gruppen niedergelassen, die sich, je nachdem die Gesellschaft groß war, eine bis mehrere Ellen lange Blutwurst geben ließen und sich eines Riesentopfes voll Apfelmus bemächtigten. Wohlgemut zogen die Männer ihre Messer und nun ging es an ein allgemeines Schmausen.

Die unverhoffte Spende des Wirts rief allgemach die beste Stimmung hervor, und die Art, wie die gute Laune dieser Leute zum Ausdruck kam, kennzeichnete so recht dieses eigenartige Völkchen. Alle diese Männer, sie sprachen laut und heftig. Diese lärmende Beredsamkeit wirkte aber keineswegs aufdringlich oder abstoßend, nein, sie war ganz anheimelnd. Wiewohl diese Leute nicht mehr völlig unverfälscht die Pfälzerzunge sprachen, so war der Grundton dieser Mundart bei allen doch noch unverkennbar. Und wie sie kräftig in ihrer Ausdrucksweise und allzeit fröhlich und ausdauernd bei der Arbeit waren, so trat bei ihnen auch der heimatliche Zug, selbst im Genusse eine gewisse Energie zu betätigen, in augenfälliger Weise hervor. Es war eine Lust zu sehen, wie die ungeheuren Würste unter den Messern und gesunden Gebissen dieser Männer mehr und mehr auf ihre Enden zusammenschrumpften, wie das Apfelmus schwand, wie dazu die Becher immer wieder neuer Füllung bedurften. Ja, sie waren ihrem ganzen Wesen nach immer noch die echten Pfälzer Bauernsöhne, denen das Blut rascher als den anderen Deutschen durch die Adern rollt.

Und die gute Laune erreichte ihren Höhepunkt, als ein Spaßmacher gar noch einen Bock herbeischleppte, der von den Männern natürlich mit lautem Hallo begrüßt wurde.

Das Tier war nicht wie sonst mit frischem Laub bekränzt und mit bunten Bändern geschmückt, sondern der Spaßvogel hatte es im Hinblick auf das verkrachte Fest scherzweise mit Strohwischen aufgeputzt.

Sofort erhob sich einer der Farmer, bestieg einen Tisch und parodierte in einer launigen Ansprache den Festakt, unter welchem der Bock sonst vom Ausschusse übergeben wurde, worauf man auch noch um die Tische herum den Festzug nachahmte.

Als die über diese Vorgänge mit kindlicher Freude erfüllten Farmer auf ihre Plätze zurückgekehrt waren, entspann sich eine lebhafte Auseinandersetzung über die Frage, was nunmehr mit dem Pseudo-Festbock geschehen solle, und da er von dem Manne, der ihn herbeigeschleppt hatte, frei zur Verfügung gestellt wurde, regte sich allgemein das Verlangen nach einem Wettspiel, bei dem das Tier den ersten Preis bilden sollte.

Man machte die verschiedensten Vorschläge und kam schließlich überein, ein Preisschießen zu veranstalten.

Sofort nahmen fast alle Anwesenden ihre Büchsen zur Hand und verfügten sich nach dem unmittelbar neben dem Gasthause befindlichen Scheibenstande.

Man nahm als selbstverständlich an, daß auch Addy und Franzl, die in Gesellschaft eines Quartiermeisters aus dem benachbarten Fort und einiger Rangers an einem seitlich gelegenen Tische saßen, an dem Vergnügen teilnehmen würden, die beiden lehnten aber dankend ab.

»Es sollte Euch sogar recht lieb sein, wenn ich nicht mittue,« scherzte Addy, als einer der Farmer sich ganz besonders bemühte, ihn zur Teilnahme zu bewegen, »denn sobald ich das Korn meiner Flinte vor dem Auge habe, kenne ich keinen Spaß und dann würde der Bock am Ende gar mein.«

»Nun wohl,« lachte der Farmer, »daß Ihr in solchem Falle ein arger Spielverderber seid, das ist so gut wie ausgemacht. Aber wer weiß, wie es heute werden würde, sagt man doch, daß Euer Schuß, seit Euch die Roten Eure Büchse abgenommen haben, nicht mehr so sicher sei wie vordem.«

»Das mag wohl sein,« entgegnete der Jäger und ein Schatten flog über sein Antlitz. »Wenn Ihr den besten Reiter, der jahrelang ein edles Tier geritten hat, plötzlich auf einen gemeinen Ackergaul setzt, ich will wetten, daß der trotz aller seiner Kunst auch nicht wie vordem vom Flecke kommt.«

»Das stimmt,« erwiderte der Farmer und setzte scherzend hinzu: »Da wird es wohl am besten sein, daß Ihr Eure Büchse so bald als möglich wieder holt.«

»Soll auch geschehen,« entgegnete Addy kopfnickend.

Der Farmer nahm diese Erwiderung natürlich nicht für bare Münze, lachte und ging.

»Wahrlich, der Rat, den der Mann Euch gab, ist leichter gesagt denn ausgeführt,« meinte der rundliche Quartiermeister.

»Warum?« versetzte Addy achselzuckend. »Glaubt Ihr, daß mir mit dem Wiederholen der Büchse nicht Ernst ist?«

»Das wohl,« entgegnete der andere, »weiß man doch, wie sehr Euch jenes Schießeisen lieb und wert war. Absicht und Ausführung sind aber ? mit Verlaub ? zweierlei Dinge; oft liegt eine ganze Welt dazwischen.«

»Das muß man billig zugeben,« entgegnete der Jäger, »soll mich aber weder in meinen Absichten, noch in meinen Hoffnungen auf ein gutes Gelingen im mindesten beirren.«

»Daran tut Ihr gut,« warf einer der Rangers, von seinen Kameraden schlechthin der ?Kanadier? genannt, ein. »Aber wer weiß, in welche Hände die Waffe inzwischen gelangt ist.«

»Sie befindet sich sicherlich noch immer in denjenigen, die sie mir damals oben im Walde abgenommen haben.«

»Die Behauptung hat viel für sich, aber darauf schwören, das könnt Ihr nicht.«

»Das gebe ich zu. Wie aber wollt Ihr das Gegenteil glaubhaft machen?«

»Je nun, die Roten verstehen von der Perkussionszündung so gut wie nichts, und allzeit auf ihren Vorteil bedacht, wie sie sind, wäre es leicht möglich, daß sie das wertvolle Schießholz gegen ein halbes Dutzend alter Flinten bereits weiter gegeben haben.«

»Da bin ich,« versetzte Addy, »anderer Meinung. Ich besaß die Büchse nämlich schon zu jener Zeit, als ich noch oben an den Seen streifte, und just Thayendanegeas und seine Leute waren es, die von jeher nach der Waffe geizten. Sie staunten dieselbe stets als etwas Wunderbares an und glaubten steif und fest an den Zauber ihrer Unfehlbarkeit. Und da könnt Ihr sagen, daß sie die Büchse, als sie unverhofft in ihre Hände geriet, schlechthin verhandelt hätten? Ich möchte im Gegenteil behaupten, daß sie dieselbe wie ein Heiligtum aufbewahren.«

»Mag sein,« versetzte der Quartiermeister, »wie und wann aber wollt Ihr ihnen diese Wunderbüchse wieder abnehmen?«

»Vielleicht früher als mans denkt!«

»Wieso das?«

»Je nun, die Roten haben in dem Achtdollarkrieg schon vieles Glück gehabt, und man muß gestehen, sie führen ihn nicht übel. Er ist nach ihrem Geschmack. Sie verstehen besser bei Nacht und Nebel den Feind hinterrücks zu überfallen, als ihm im offenen Felde standzuhalten. Die Erfolge aber, die sie bereits haben, werden sie, fürchte ich, noch kühner machen.«

»Ihr glaubt also, daß sich die Ueberfälle über kurz oder lang wieder mehren werden?«

»Ich befürchte es. Dazu kommt noch, daß sie uns in den letzten Wochen ? wenigstens hier herum ? ganz auffallend in Ruhe ließen, und das bedeutet nach meinem Dafürhalten erst recht nichts Gutes. Wenn das aber so weiter geht, so zähe und tapfer unsere Farmer sind, auf die Dauer können sie unter solchen Verhältnissen nicht bestehen.«

»Leider nur zu wahr, was Ihr da zuletzt gesagt habt.«

»Ja, und zuletzt würde doch noch alle Ordnung zerreißen, der letzte Mut sinken und die blühenden Fluren, sie würden sich wieder in eine Wildnis wandeln. So darf es nicht weiter gehen und hier kann nur mit durchgreifenden Mitteln geholfen werden.«

»Wollt Ihr uns das ?Wie? wissen lassen?« fragte einer der Rangers.

»Nichts einfacher als das,« entgegnete Addy. »Die Staatenregierung muß endlich eine größere Truppenmacht bewilligen, und die muß hinauf an die Seen, um die roten Leute ganz in derselben Weise, wie sie uns bekriegen, mit Feuer und Schwert zur Vernunft zu bringen.«

»Das wäre freilich das einzig Wahre und hieße das Uebel an der Wurzel fassen, denn mit Güte ist bei dieser roten Sippschaft nichts auszurichten. Ob aber die Truppenforderung endlich Berücksichtigung findet, das bleibt immer noch eine offene Frage. Soviel bekannt wurde, ist doch so oft schon darum gebeten worden.«

»Allerdings und leider umsonst. Wer aber den Herren, welche die militärische Leitung in Händen haben, deswegen einen Vorwurf machen wollte, täte ihnen unrecht, denn es gab in diesem Unabhängigkeitskriege bislang eben an allen Ecken und Enden zu kämpfen. Seit jüngerer Zeit ist aber im Süden so ziemlich Ruhe geschaffen, und nun werden die Herren schon aus purer Staatsraison endlich auch dem Norden mehr Gehör leihen müssen. Wir sind bisher gar zu stiefmütterlich behandelt worden.«

»Wahrhaftig, er hats verdient. Als es im Süden nacheinander schief ging, da waren wir es, hier im Norden, die die amerikanischen Waffen wieder zu Ehren und Ansehen brachten. Und zumal die deutschen Ansiedler hier oben haben sich nicht nur in diesem Kriege, sondern seit Jahrzehnten wunderbar gehalten und geschlagen.«

»Ja, sie sind aus einem besonderen Holze. Die Regierung muß das größte Interesse daran haben, daß dieses Kernvolk erhalten bleibt, und sie wird, nachdem die Engländer nachgerade auf allen Linien geschlagen sind, das unumgänglich Notwendige jetzt endlich auch betätigen. In wenigen Tagen schon tritt der Sicherheitsausschuß zusammen, um neue dringende Forderungen zu stellen. Die Regierung wird nicht umhin können, das Möglichste aufzubieten, um endgültig reinen Tisch zu machen.«

»Der Himmel gebe es, daß, was Ihr sagt, zu stande kommt. Aber was hat das, um auf das Frühere zurückzukommen, mit Eurer Wunderbüchse zu tun?«

»Glaubt Ihr,« entgegnete Addy, »daß ich, wenn es losgeht, müßig auf meinem Ausgedingstübel hocken bleiben werde? Mitnichten! Das wird mir die willkommene Gelegenheit bieten, meinem Freunde Thayendanegeas einen Besuch abzustatten, und dann muß er mir die Büchse wiedergeben.«

»Ihr sagt das,« rief lachend der Quartiermeister, »als ob sich das ganz von selbst verstände. Uebrigens soll der Häuptling, so heißt es, einigermaßen wieder zusammengeflickt sein.«

»So geht das Gerücht, und bewahrheitet es sich, wäre es mir gar nicht unlieb. Ich spare dann jeden Umweg und weiß, an wen ich mich meiner Büchse wegen zu wenden habe.«

»Kruzitürkn,« fuhr Franzl jetzt auf, der sich bisher schweigend verhalten hatte, aber der Auseinandersetzung aufmerksam gefolgt war, »wanns erst so weit is, da laßt si was derlebn!«

»Ihr seid dann natürlich auch mit von der Partie?« fragte der Kanadier.

»Und wann s Knödl n Guldn kost,« erwiderte der Sohn der Alpen mit Nachdruck, »der Franzl darf net fehln!«

»Seid natürlich schwer erbost, daß Euch der rote Schlingel die Schulter zerschossen hat?«

»Und das net schlecht,« entgegnete Franzl mit einem galligen Blick auf die Schlinge, in der er noch immer den linken Arm trug. »Den erstn von die saubern rotn Brüderln, den i derwisch, der wird so leicht net wieda aufn Baam aufisteign.«

Die Männer konnten sich bei dieser im vollen Brustton redlichster Absicht gegebenen Aeußerung eines Lächelns nicht erwehren.

»Dazu müßt Ihr aber,« meinte der Quartiermeister, »erst wieder heil sein ? was sagt der Wundarzt zu der Wunde, wird der Arm wieder recht?«

»Da feit si nix, wird si scho wieda machn.«

»Was aber wird Binche dazu sagen,« fragte Addy neckisch, »wenn Ihr nun demnächst die verschobene Hochzeit feiert und unter Umständen Eurem Weibe dann gleich wieder davonlauft?«

Franzl, der durch die Erinnerung an die erlittene Verwundung und durch den Umstand, daß er durch sie schon seit Wochen zur Untätigkeit gezwungen wurde, sichtlich in einen etwas gereizten Zustand geriet, zog die Augenbrauen finster zusammen und schickte sich zu einer geharnischten Antwort an, als sein Blick auf einen jungen Mann fiel, der soeben den Platz vor dem Hause betrat, sich etwas scheu umsah und dann an einem leeren Tische, der übrigen Gesellschaft den Rücken zuwendend, Platz nahm. Franzl sah dem jungen Menschen eine Weile überrascht zu, schnellte dann plötzlich von seinem Sitze auf und obwohl Addy ihn im letzten Augenblick noch zurückzuhalten versuchte, war er schon weg.

Er ging wie der Fuchs, der eine Beute beschleichen will, im weiten Halbkreis um den Tisch herum, schwenkte so ein, daß er dem neuen Gaste voll ins Gesicht zu sehen vermochte und pflanzte sich dann breitbeinig vor ihm auf.

»Da schauts her,« redete er ihn an, die Pfeifenspitze von dem einen Mundwinkel in den anderen schiebend, »? der Fred! ? s war net unrecht, wannst sagest, wo d auf amol herkimmst ? hab scho alle Hoffnung aufgebn, daß i di wieda amol sieh.«

Der solcherweise Angeredete war von dieser Begrüßung offenbar wenig erbaut, zumal in Franzls Worten ein lauernder, etwas spitz herausfordernder Ton lag.

Fred rutschte eine kleine Weile unruhig auf seinem Stuhl herum; ohne Zweifel wäre es ihm am liebsten gewesen, sich gleich wieder zu entfernen.

Franzl gewahrte das wohl und als er keine Antwort erhielt, fragte er nachdrücklicher: »Willsts also net wissn lassn, wo du di die ganze lange Zeit umananda triebn hast?«

Fred, der wohl fühlen mochte, daß es sich hier um mehr als bloße Neugierde handelte, setzte die Miene des Belästigten auf und entgegnete unwirsch: »Was geht das Euch an?«

Unter Franzls buschigen Augenbrauen hervor begann es zu blitzen.

Er sah den Dasitzenden eine Weile durchdringend an, als ob er ihm damit sagen wolle, »na, warte, so geht man mit dem Franzl nicht um«, und fauchte ihn dann in verhaltenem Grimm zwischen den Zähnen hindurch an: »Daß d mi net leidn magst, du Tropf, seit i dir damals die Watschn gebn hab, das nehm i dir net übel ? beileib net ?«

»Wenn Ihr so gut wißt, daß Ihr mir je weiter weg, je lieber seid,« unterbrach ihn hastig der andere, »warum seid Ihr dann nicht so gefällig und geht Eure Wege; warum laßt Ihr mich nicht ungeschoren?«

»Warum?« entgegnete Franzl, »dös werd i dir glei sagn ? weil wir zwoa a sehr a ernstes Wörtl mitnanda z redn habn. ? Du wirst wissn, daß s mir vorign Herbst mein Häusl anzündt habn ?«

»Da schauts her ? der Fred!«

»Aber das ist doch Eure Sache, was geht das mich an?«

Ohne diesen Einwurf zu beachten, fuhr Franzl fort: »? und just am selbn Abend, etliche Stundn eh die Rotn ihr Schandwerk verricht habn, is obn am Wald, wo s eina san, a Mann gsegn wordn, der dir zum Verwechsln ähnli ausgschaut hat.«

Fred wurde einen Schatten bleicher.

Wieder rutschte er unschlüssig auf seinem Stuhl hin und her und erhob sich endlich.

Das aber war nicht nach Franzls Geschmack. Er trat dicht an Fred heran, legte ihm den gesunden Arm schwer auf die Schulter und drückte ihn recht unsanft auf den Platz wieder nieder.

»Du entgehst mir net,« sagte er dabei und fügte, als jener aufs neue aufbrausen wollte, hinzu: »und das Schimpfirn, das laß schön bleibn. ? Wannst no oan Mucksa machst, schau, dann gehts da schlecht ? und da drübn san no mehra Leut, dies net leidn, daß d weggehst, wann der Franzl sagt, daß er di da habn will.«

Ein scheuer Blick, den Fred unwillkürlich zur Seite warf, belehrte ihn, daß man am anderen Tische drüben den Wortwechsel genau beobachtete.

Aber vielleicht aus eben diesem Anlaß gab er sich nicht zufrieden, hoffte möglicherweise dies sich zu nutze machen zu können und erwiderte mit erhobener Stimme: »Ihr wart von jeher ein ungehobelter Geselle! Ihr habt es nur darauf abgesehen, einen Streit vom Zaun zu brechen und mir noch andere Leute auf den Hals zu hetzen!«

Jetzt erhob sich Addy und trat raschen Schrittes näher.

Auch die übrigen Tischgenossen folgten dem Beispiele, ja man war auch auf dem nahen Schützenstande auf den Wortwechsel aufmerksam geworden und neugierig, was es wohl gab, kamen die Farmer herüber.

Inzwischen hatte Franzl eine ganze Weile zornigen Blickes seinen Gegner gemessen und fuhr dann jäh heraus: »Ob du mi für an feinen Herrn haltst oder net, dös laßt mi völli kalt ? oba so viel is gwiß, daß der unghobelte Gsell, für den du mi ausgibst, a rechtschaffns Gmüet und a reins Gwissn unterm Brustlatz tragt, was i von dir, du feina Herr, so leicht net behauptn kunnt. Und daß i mit dir Streit suech, dös bild dir nur ja net ein, im Gegnteil, i bin von Herzn froh, wann i nix mit dir z schaffn hab ? oba weil d akkrat da bist, mueß i di um der Wahrheit und Gerechtigkeit willn do fragn: denk amal a wengerl drüber nach, ob dir net einfallt, wer der gwesn sein kunnt, damals drobn am Wald, der die Rotn einagführt hat ins Tal, just zu meina Hüttn?«

Als die Farmer diese Worte vernahmen und ungefähr errieten, um was es sich hier handeln könne, bemächtigte sich ihrer eine gewaltige Erregung. Drohende Blicke richteten sich auf Fred.

Als dieser das gewahrte, erschien er einen Augenblick ganz geknickt, raffte sich aber sofort wieder auf und entgegnete in patziger Weise: »In Eurem Kopfe scheint es zu spuken und ich möchte jetzt endlich Ruhe vor Euch haben. Wie kann ich Auskunft geben, wenn es Euch irgend einmal beliebt, zur Nachtzeit Gespenster zu sehen!«

Nun war es mit der Geduld Franzls aus und er berichtete in erregter Weise den Farmern, wie er an jenem Abend mit Addy vom Biberfang heimkehrte, wie sie plötzlich auf einen Menschen stießen, der ihnen, als sie aus dem Dunkel des Waldes traten, anfänglich entgegengegangen, dann aber schleunigst ausgekniffen sei. Sie beide hätten in jenem Manne übereinstimmend Fred zu erkennen geglaubt, hätten ihn, da ihnen sein plötzliches Verschwinden auffallen mußte, zwar zu fassen versucht, es sei ihnen aber leider nicht gelungen. Wenige Stunden später ging die kurz zuvor ererbte Farm des Jägers in Flammen auf, und als sie am anderen Morgen die Fährte der Roten verfolgten, fand sich, daß dieselbe genau auf den Punkt führte, wo jener Mensch abends zuvor am Walde oben sich so sonderbar benommen habe. Bedenke man nun die Drohungen, die Fred wegen einer wohlverdienten Züchtigung gegen ihn und Addy wiederholt ausstieß, zusammen mit dem Umstande, daß an jenem Abend die Roten eine ganze Reihe Farmen, die in ihrem Weg lagen, unberührt ließen und just diejenige des Jägers überfielen und niederbrannten, so läge nichts näher, als die Vermutung, daß die Roten geführt wurden, daß hier eine Handlung der Rache vorliege. Auffallend sei außerdem, daß Fred seit jenem Tage verschwunden blieb; es spräche dafür, daß sein Gewissen sich regte, daß ihm der Boden zu heiß wurde; leider sei es ja Tatsache, daß man wiederholt schon die ebenso schmähliche als bittere Erfahrung habe machen müssen, daß sich einzelne Verräter im Tale befänden, und er behaupte nach allem diesem keckweg, daß es mit diesem Menschen da zum mindesten nicht sauber stünde.

Hatten die Farmer schon während der Erklärungen Franzls ihre Erbitterung in lauten Entrüstungsrufen kund getan, jetzt, nachdem sie den ganzen Sachverhalt erfahren hatten, war sie aufs höchste gestiegen. Mit den Rufen: »Nieder mit dem Verräter!« »Nieder mit dem Hunde!« »An den nächsten Baum mit ihm!« drangen sie stürmisch auf ihn ein, und es wäre um Fred zweifellos geschehen gewesen, hätte nicht Addy sein ganzes Ansehen, das er in dem Kreise der Farmer genoß, geltend gemacht, ihrem Beginnen Einhalt zu gebieten.

»Halt!« schrie er plötzlich, indem er dazwischen sprang und den bis in die Lippen erbleichenden Fred mit seinem eigenen Leibe deckte, »haltet ein! ? Ich fordere von euch, daß ihr diesem jungen Manne vorläufig kein Leids antut; es sollen vielmehr ordentliche Richter berufen werden, und was die zu Recht sprechen, das mag gelten!«

»Wozu die Umstände?« schrie ergrimmt einer der Farmer. »Die Sache liegt doch sonnenklar!«

»Sie spricht wider ihn, das gebe ich zu,« erwiderte Addy ruhig, aber fest. »Eure Gerechtigkeitsliebe aber muß Euch sagen, daß man da, wo die Ehre und das Leben eines Menschen auf dem Spiele steht, nicht nur den Kläger, sondern auch den Beklagten hören muß.«

»Aber Ihr selbst seid es doch, der den Fred des Verrates beschuldigt oder doch mindestens verdächtigt.«

»Ja, ich selbst bin der Hauptzeuge in der Sache, die von Franzl kurz zuvor geschildert wurde, und ich gebe unbedingt zu, daß der Verdacht, der auf diesem Menschen lastet, wahrscheinlich nur zu sehr begründet ist. Ich selbst war es, der die Fährte fand und aus den Umständen die Vermutung hergeleitet hatte, daß er es gewesen sein mußte, der die Roten zu der Farm führte, ja ? mehr noch ? daß er es war, der sie durch irgend welche Gegendienste zu dem Ueberfall anstiftete.«

»Wozu dann Eure Einsprache?«

»Weil man auf pure Verdachtsgründe hin die Menschen nicht an die Bäume knüpft. ? Hört mich an! Ihr alle seid durch das Unglück, das über eure oder eurer Nachbarn Farmen hereingebrochen ist und durch die Verrätereien, die ja leider Tatsache, wenn auch nicht immer nachweisbar sind, aufs tiefste erbittert. Das alles ist geeignet, euch die Ruhe zu benehmen und den klaren Blick zu trüben; es stimmt euch geneigt, mit allem bei dem leisesten Verdacht kurzen Prozeß zu machen. Ich begreife das, aber eben darum halte ich mich verpflichtet, zur Vorsicht zu mahnen. Auch hier, auf diesem Mann da, ruht ein Verdacht, aber, ich betone, nur ein Verdacht; es ist für seine Schuld bis jetzt ein unumstößlicher Beweis nicht erbracht; ich selbst habe die Fährte auf das genaueste untersucht und ich muß es daher wissen.«

»Wenn das ist,« wandte, schon etwas ruhiger geworden, ein anderer ein, »wie konnte Euer Partner dann den Mund so voll nehmen?«

Franzl, den dieser Einwand anging und dem die Wendung, welche die Angelegenheit nahm, überhaupt nicht recht zu behagen schien, wollte dem Manne antworten, aber Addy schnitt ihm rasch das Wort ab und sagte: »Derjenige, welcher hier als Kläger auftrat, führt, das wißt ihr alle, besser seine Büchse als seine Zunge. Einer der Wackersten und Tapfersten unter uns, ist er gleichwohl ein herzlich schlechter Diplomat, das hat er auch jetzt wieder bewiesen. Ich hatte mir von dem Zusammentreffen mit diesem Menschen da viel versprochen, hätte aber, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen, die Sache ganz anders angegriffen. Doch ist darum nichts verloren, denn einem schlechten Gewissen war noch allemal beizukommen, und wir wollen uns diesen Mann hier und sein Tun und Treiben noch recht genau besehen. Aber ich rate dringend, jetzt von jeder Ungesetzlichkeit abzulassen, zumal einem Menschen gegenüber, welcher wie dieser hier einstmals der Pflegebefohlene eines Mannes war, zu dem wir wie zu einem Vater aufblickten und dem wir noch weit über das Grab hinaus die größte Verehrung zollen. Wir wollen daher nicht vorschnell, wir wollen gerecht sein, schon um des Dahingegangenen willen!«

Diese letzten eindringlich gesprochenen Worte des Jägers wirkten.

Die Farmer ließen ab von Fred, der wie von einem schweren Alp befreit aufatmete.

Nur Franzl schien noch nicht entwaffnet. Sein Mißmut richtete sich aber nicht etwa gegen den Jäger, der ihm sein Angriffsobjekt gleichsam unter den Händen hinweg nahm, sondern war noch immer ganz auf Fred gerichtet, den er, keines Wortes mächtig, nach wie vor vom Kopfe bis zu den Füßen mit zornerfüllten Blicken betrachtete.

War es nun dies, was Fred reizte, war es das Gefühl der Genugtuung, daß selbst Addy seiner Sache nicht sicher schien, oder war es die feigen, niedrigen Naturen überhaupt anhaftende Charaktereigenschaft, nach überstandener Gefahr in Anmaßung und Prahlerei zu verfallen, genug, Fred, der kurz zuvor noch bleich und am ganzen Körper schlotternd dagestanden hatte, gewann jetzt, da er sich in verhältnismäßiger Sicherheit fühlte, seine ganze anfänglich betätigte sichere Haltung und die Zungenfertigkeit wieder.

»Mag mir eine Untersuchung drohen,« begann er ziemlich patzig, »ich habe sie nicht zu scheuen, im Gegenteil, sie soll mir sehr willkommen sein, um die hier erhobene Anschuldigung als eine durchaus hinfällige zu kennzeichnen, und ich stehe darum nicht an, sie jetzt schon als eine schwere Beleidigung von mir zu weisen. Insbesondere aber,« fügte er mit erhobener Stimme und mit einem Seitenblick auf Franzl hinzu, »ist die Art, wie mir dieser Mensch da entgegenzutreten wagte, eine solche, daß ich ihm das unmöglich dahingehen lassen kann!«

»Da schauts amol den frechn Schlingl an,« platzte Franzl los, seine Augen sperrangelweit aufreißend, und zugleich kam etwas wie Humor über ihn. »Du willst ebba goar habn,« lachte er, »daß i dir aa no wie a abgrichts Hundert schön abbittn soll?«

»Ja, Ihr habt den Streit vom Zaun gebrochen,« schrie giftig Fred, »Ihr in erster Linie habt mir in der lümmelhaftesten Weise diese Beleidigung angetan und das heischt Sühne!«

»So kimm!« polterte mit einemmal wieder ganz wild geworden Franzl, »? kimm ? i will dir die Sühne, die d habn willst, gebn ?« und krempelte sich, so gut es ging, mit der linken Hand den Aermel am gesunden Arm in die Höhe. »Wenn mir deine rotn Freunderln aa den Leib zerschossn habn, mit dir, du Spitzbue, werd i aa so no ferti!«

Durch diesen neuen Schimpf und durch einige höhnische Zurufe der Farmer gereizt, stellte sich wider Erwarten sofort auch Fred zum Kampfe bereit und schon wich man auf allen Seiten zurück, um den beiden Platz zu machen.

Da trat Addy vor.

»Schämt Ihr Euch nicht?« fuhr er Fred an. »Jetzt, da Euch ein schwerverwundeter Einarm gegenübersteht, der sich kaum zu rühren vermag, habt Ihr auf einmal Courage ? etwas, das man bislang umsonst an Euch suchte. Ist das Euer ganzer Mut?«

»Er selbst ist es, der mich zum Kampfe forderte,« schrie Fred mit vor Erregung heiserer Stimme, sein Messer ziehend.

»Kimm nur, kimm!« rief Franzl und duckte sich, mit der vorgestreckten einen Faust den Angriff erwartend, fast bis zur Erde nieder. »I fürcht di net mitsamt deinem Zahnstocherl!«

Laute Rufe des Unwillens erhoben sich, als die Farmer in der Hand Freds das Messer blitzen sahen. Schon krümmte sich dieser zum Sprunge, eine Blöße des Gegners erspähend, da sprang entschlossen der Jäger zwischen die beiden.

»Steckt Euer Eisen ein!« donnerte er Fred an. »Daß Ihr es wagt, einem bresthaften und waffenlosen Manne gegenüber das Messer gebrauchen zu wollen, kennzeichnet Euch so recht wieder. Steckt ein ? oder Ihr habt es mit mir zu tun!«

Wutschäumend und mit vorquellenden Augen starrte Fred den Jäger eine Weile an, steckte das Messer zwar ein, erhob aber lauten Einspruch gegen diese neue Vergewaltigung und schwur, nicht eher zu ruhen, bis der Schimpf, den ihm Franzl angetan, gesühnt sei.

Da trat der Wirt, der dem ganzen Vorgang bisher schweigend angewohnt hatte, vor und sagte zu Fred: »Wenn Euch damit so sehr ernst ist, so kann Euch leicht geholfen werden. Gebt mir Euer Einverständnis und ich will einen Zweikampf veranstalten, bei dem die Aussichten für beide Kämpfer ganz gleich sind.«

Fred sagte in seiner Erregung sofort zu.

Auch Franzl, darum befragt, erklärte sich einverstanden.

Der Wirt winkte den Jäger auf die Seite und die beiden besprachen sich eine Weile. Der erstere bat dann zwei Farmer zu sich und verschwand mit ihnen im Hauseingang. Addy kehrte auf seinen Platz zurück.

Obwohl aller Blicke voll Neugierde an dem Jäger hingen, nichts an ihm verriet, was nun kommen sollte.

Einige Minuten verstrichen, da endlich erschienen die beiden Farmer wieder und jeder derselben trug auf der Schulter ein Pulverfäßchen.

Sie setzten dieselben auf dem freien Platze vor dem Hause ab, während Addy gebot, das Feuer in den etwa vorhandenen brennenden Pfeifen achtsam zu wahren oder dieselben beiseite zu legen.

War schon dieses Gebot an und für sich geeignet, der Ueberraschung, die sich aller bemächtigt hatte, einen unheimlichen Beigeschmack zu geben, um so mehr erstaunte man, als auch der Wirt, und zwar mit einer Luntenleine, daherkam.

Er machte sich sofort über die beiden Pulvertönnchen, rollte dieselben etwa dreißig Schritte auseinander und stellte sie so auf die Stirnseiten, daß die Spunden nach oben kamen. Dann teilte er die Lunte angesichts aller Anwesenden in zwei genau gleiche Teile, öffnete die Faßspunden und führte je ein Ende der Brandleinen in die Oeffnungen ein. Darauf trat er einige Schritte vor, legte beide Lunten gerade aus, machte an den Enden Feuerzeug zurecht, und nun ersuchte er die beiden Kontrahenten, ganz nach Belieben auf dem einen oder anderen Tönnchen Platz zu nehmen, die Chancen seien zum Austrag ihrer Sache ganz gleich; man könne, nachdem die Lunten gleichzeitig in Brand gesetzt seien, nicht wissen, welches der Fäßchen zuerst in die Luft fliege. Wessen Brandröhre zuletzt zünde, sei natürlich Sieger und möge bedacht sein, sich noch rechtzeitig von seinem Sitze zu entfernen.

Hatte Fred von Anfang an den ganzen Vorgang mit höchstem Befremden verfolgt, jetzt, als er diese Aufforderung vernahm und allmählich begriff, um was es sich handelte, wurde er kreidebleich.

Aber auch Franzl erschien die Sache nicht unbedenklich, denn auch er verhielt sich zögernd und sah fragend zu dem Jäger hinüber.

Der aber blieb ebenso kalt wie der Wirt und schien also mit dem Ansinnen des letzteren ganz einverstanden.

Inzwischen hatten aber auch einige Farmer ihre Köpfe zu schütteln begonnen; etliche traten vor und machten geltend, daß man eine so grausame Sache denn doch nicht billigen könne.

Addy aber, von dem die Männer sonst sattsam gewohnt waren, daß er sich in solchen und ähnlichen Dingen stets von seinem guten Herzen und seinem Billigkeitsgefühl leiten ließ, zuckte gegen alle diese Einwände leichthin die Achseln, und als die beiden Gegner keine Miene machten, der Aufforderung des Wirts zu folgen, die Einsprachen der Farmer aber immer lauter und dringender wurden, entgegnete er: »Ich kann nichts dazu ? die beiden haben ihr Einverständnis gegeben ? es steht jetzt bei ihnen, ihren Mut zu beweisen und ihr Wort einzulösen.«

Da reckte sich Franzl auf, warf einen verächtlichen Seitenblick auf den neben ihm stehenden Fred und ging mit weiten Schritten zum nächsten Fäßchen. »Und wann s Knödl n Guldn kost,« knurrte er still für sich hin, setzte sich, zog aus der Tasche ein Stück Kautabak und schob es zwischen die Zähne.

War es nun, daß den Farmern Franzls Entschlossenheit imponierte, oder war es die Jammergestalt Freds, die ihren Spott reizte, kurzum, die Einwände verstummten, ja bei einzelnen schlug die bisherige Haltung mit einemmal in das gerade Gegenteil um. Laut riefen sie Franzl Beifall zu und höhnten den jungen Mann, der kurz zuvor noch sich so streitbar gebärdete und nun dastand, ein Bild der Angst und des Schreckens, entfärbt bis in die Lippen und bebend am ganzen Leibe. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Fred die ärgsten Schreier an und machte das Uebel dadurch nur noch schlimmer, denn der einmal erwachte Hohn dieser durch die fortgesetzte Kriegführung hart gewordenen Männer wirkte ansteckend und steigerte sich alsbald zu allgemeinen ernsthaften Aufforderungen, sofort auf seinem Fäßchen Platz zu nehmen.

Da kam plötzlich Bewegung in ihn. Wie ein Trunkener, der sich seiner Handlungen nicht bewußt ist, schwankte er auf das eine Pulverfäßchen zu und ließ sich auf demselben nieder.

Kaltblütig trat der Wirt zwischen die beiden Tönnchen, schlug Feuer und brannte zwei Kienspäne an. Den einen reichte er seinem Sohn und auf das gegebene Zeichen entzündeten sie dann gleichzeitig die beiden Brandröhren.

Zwei kleine Rauchwölkchen stiegen von der Erde auf und vernehmlich knisternd fraßen die Funken an den Lunten langsam weiter.

Flink sprangen der Wirt und sein Sohn beiseite und auch die Farmer zogen sich schleunigst auf eine größere Entfernung zurück.

Franzl zeigte eine erstaunliche Ruhe und beschränkte sich darauf, zu beobachten, in welchem Maße die Glut an den Lunten vorrückte.

Befriedigt nickte er mit dem Kopfe, als er sich nach und nach entschieden im Vorteil sah.

Nicht so Fred, der mit allen Zeichen des Entsetzens im Angesichte nichts als die eigene glimmende Lunte anstarrte, an welcher der Feuerfunke langsam aber stetig näher rückte. Schon war die Leine, soweit sie auf dem Boden gelegen hatte, bis auf ein nur noch ganz kurzes Stück abgebrannt, schon stand das leise knisternde Rauchwölkchen über dem Boden; die Spannung der Lunte hatte nachgelassen, sie senkte sich in demselben Maße der Außenwand des Fäßchens zu; jetzt kroch der Funke knisternd an dem Tönnchen empor. Da plötzlich stieß Fred, der ganz aschfahl geworden war, einen Schrei des Entsetzens aus, sprang auf und jagte wie von Furien gepeitscht von dannen.

Gemächlich kam der dicke Wirt herbeigeschritten, setzte sich auf den verlassenen Platz und lachte, daß er wackelte wie ein Stärkepudding.

Verwundert sahen das die Farmer und auch Franzl, der, als er seinen Gegner davonlaufen sah, sich ebenfalls recht rasch von seinem Tönnchen erhoben hatte.

Der Wirt erhob sich von seinem Sitze und stülpte das Fäßchen um.

Schon wollten die Besonnensten sich anschicken, dem Flüchtlinge nachzueilen, als der Wirt, noch immer lachend, rief: »Laßt sie laufen, laßt sie laufen, die feige Memme ? der Maulheld ist bestraft genug und wird so bald nicht wieder kommen!« und auch Addy winkte den Leuten, von der Verfolgung abzustehen.

Noch ganz umfangen von der atemlosen Spannung, in die sie durch die aufregende Scene versetzt worden waren, näherten sich die Farmer und brachen in ein wieherndes Gelächter aus, als der Wirt sich von seinem Tönnchen erhob, mit dem Fuße den Deckel wegstieß, das Fäßchen erfaßte und umstülpte, worauf aus demselben eine ganze Menge getrockneter Apfel- und Birnenschnitze zur Erde kollerten.

»Ja, was is denn dös?« schrie Franzl und starrte wie versteinert auf die auf dem Boden umherliegenden leckeren Früchte.

»Nichts für ungut, alter Junge,« sagte der Wirt, an ihn herantretend und ihm mit seiner derben Faust vertraulich auf die Schulter klopfend. »Nehmt es nicht krumm, daß wir Euren unbezweifelbaren Mut auf eine so harte Probe stellten. Aber sagt selber: wir konnten doch nicht zugeben, daß Ihr Euch, zumal in Eurem bresthaften Zustande, mit diesem elenden Wicht herumbalgt, und eine derbe Strafe, die mußte die feige Memme doch abbekommen.«

»Wann dös is,« meinte Franzl und strich sich mit dem Rücken der gesunden Hand über die Stirne, hinter der es allgemach lichter wurde, »? meintwegn ? gschegn is gschegn ? i hob nix dagegn ? wanns nur weiter ka Unglück net gibt, denn daß n habts laufn lassn, den schlechtn Menschen, dös will ma scho goar net gfalln. ? Und,« fügte er hinzu, indem er die Faust in der Richtung erhob, in welcher der andere davongegangen war, »? schad is do, daß ma net zsammekommn san ? i hätt eahms so aa net schlecht gebn!«


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