Addy der Rifleman

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Eine Bubenschlacht.

Wer heute mit dem pustenden Dampfroß das im nordöstlichen Teile der Vereinigten Staaten von Nordamerika gelegene Mohawktal durcheilt, wird entzückt sein von der lachenden, ja oft sehr romantischen Schönheit der Landschaft.

Wild rauscht in den oberen Talgeländen der Fluß zwischen Felsenwänden dahin, oft nur Platz lassend für den Eisenbahnstrang und die Landstraße. Streckenweise treten dann wieder die malerischen Felsen oft weit zurück und setzen sich in grünenden Hügelgeländen fort. Dazwischen eingebettet liegen weitgestreckte Wiesen und Felder, überstreut mit einer Menge ländlicher Niederlassungen, schöne Farmen mit großartigen Kulturen.

Nur selten gewahrt das Auge größere, zusammenhängende Ortschaften und kleinere Städte, überall aber die Zeichen der Betriebsamkeit, der Sauberkeit und des Wohlstandes; selbst das armseligste Blockhaus entbehrt nicht das Gepräge trauter Wohnlichkeit.

Wenn dann der Reisende da und dort, entlang dem Flusse, die oft riesigen Schornsteine großartiger Fabrikanlagen gewahrt, die mächtige, schwarze Rauchwolken zum Himmel entsenden, dann muß er schon zu den Geschichtsbewanderten zählen, wenn er daran denken sollte, daß es kaum sechs Menschengeschlechter her sind, daß die ganze Strecke reichgesegneter Gefilde noch im Urzustande sich befand, besetzt mit mächtigen Wäldern, die noch keines Weißen Fuß betreten hatte, und daß es braven deutschen Bauern vorbehalten war, diese bis dahin unberührte Wildnis, dem gellenden Kriegsruf des Indianers ebenso wie französischen und englischen Einflüssen trotzend, mit Pflug und Büchse, Schritt für Schritt, in ein herrliches Kulturland umzuwandeln.

Es war an einem sonnigen heiteren Junitage des Jahres 1777, als vor einem ausnehmend solid gebauten Farmhause eben dieses Tales, in der heutigen Gemeinde Danube, eine Stunde etwa von Little Falls, plötzlich ein großes Kindergeschrei sich erhob, so daß die wenigen Bewohner erschrocken vor das Haus liefen.

Mitten auf der Straße, die hier fast unmittelbar an dem Wohnsitz vorüberführte, balgten sich ein Haufen Buben. Drei kleine Knirpse lagen am Boden, über welche eine ganze Bande größerer Knaben hergefallen und gerade in der besten Arbeit waren, die drei kleinen Jungen jämmerlich zu verpuffen und zu zerknüllen.

Auch ein kräftiger, stark gebauter Mann in den besten Jahren war, von dem Geschrei angelockt, vor das Haus getreten.

»Christian, gibs den großen Bengels,« rief er, als er die bedrängte Lage der drei Kleinen erkannt hatte.

Christian, ein noch junger Mensch und offenbar ein Knecht der Farm, ließ sich das nicht zweimal sagen. Erbost fuhr er in den Knabenhaufen und hatte die Raufbolde mit einigen wenig sanften Püffen bald auseinander gejagt.

»Was geht hier vor?« fragte der ältere Mann, der inzwischen nähergetreten war. »Schämt ihr euch nicht, ihr großen Lümmel, über die drei Kleinen herzufallen?«

»Da gibt es nichts zu schämen,« schrie frech ein ziemlich hoch aufgeschossener Junge mit strohgelbem Haarschopf in ausgesprochen deutsch-pfälzischem Dialekt, während sich seine Spießgesellen schleunigst in einige Sicherheit zu bringen suchten, sichtlich aber alle sehr vergnügt darüber waren, daß die drei kleinen Schelme ihre Dresche abbekommen hatten.

Die durchgeprügelten Knirpse erhoben sich jetzt mühsam vom Boden, legten die eine Hand über die Augen, die andere über die Verlängerung des Rückens und schrieen noch immer jämmerlich.

»Ihr Großen seid recht rohe Burschen. Ihr sollt euch schämen, an den kleinen Knaben da die Kraft eurer Faust zu erproben.«

»Wir können nichts dafür. Der Gottfried, der Schorschl und der Tom sind selber daran schuld. Wir haben ein Spiel gemacht; sie mußten Prügel bekommen.«

»Was habt ihr denn gespielt?« fragte der Mann den einen kleinen Burschen, ihn scherzhaft beim Ohrläppchen erfassend.

»Bourgoyne ...« antwortete stotternd und heulend der Kleine.

»Bourgoyne?«

»Ja ... Bourgoyne ... und Howe und Clinton!« wiederholten und ergänzten heftig schluchzend die beiden anderen Knirpse.

»Also Krieg?«

»Ja, General, wir haben Krieg gespielt. Der Große dort war Washington, und die anderen waren die Kontinentalarmee; sie nannten sich ?Söhne der Freiheit?.«

Der examinierende Herr, offenbar der Besitzer des Gutes, mußte jetzt unwillkürlich lächeln.

»Wie konntet ihr aber auch die Rollen der Engländer übernehmen?« fragte er gutmütig. »Das war eine große Dummheit von euch. Ihr mußtet wissen, daß Washington und die Söhne der Freiheit alles daran setzen würden, um euch tüchtig durchzubläuen.«

»Das wußten wir, aber wir mußten ? weil ? von den Großen es keiner sein wollte. Drei mußten es doch aber werden, sonst wäre das Spiel gar nicht zu stande gekommen.«

Der Mann, den die Jungen als General anredeten, erfaßte nun auch die beiden anderen Knaben nacheinander am Ohrläppchen und drehte ihre Köpfe so, daß sie ihm ins Gesicht blicken mußten. »Ich will euch etwas sagen,« begann er auf die drei armen Schelme einzureden. »Wenn Clinton, Howe und Bourgoyne Hiebe bekommen, so ist denen allemal recht geschehen. Und was folgert daraus? Daß man mit euch dreien, soviel ihr auch Prügel bekommen habt, eigentlich kein Mitleid haben kann. Darum merkt euch: wenn die Kameraden euch wieder einmal zu einem solchen Spiele haben wollen, sollt ihr euch niemals dazu hergeben, die Rolle der Englishmen zu vertreten, sondern euch allemal ? und das könnt ihr euch auch später fürs Leben merken ? auf die Seite der freien Bürger schlagen.«

Höhnisch lachten die großen Buben. Die drei Knirpse aber befühlten ihre Beulen und wischten sich mit dem Rockärmel die tränennassen Gesichter.

»Und ihr, ihr großen Lümmels,« wandte sich der General an die großen Knaben, »was wißt ihr denn von Clinton, Howe und Bourgoyne; was sind denn das für Leute?«

»Das sind englische Generale, die uns im Auftrag des Königs von England einen neuen Krieg ins Land tragen wollen,« erwiderte keck der Strohgelbe.

»Richtig! Und wie wollen die denn das machen?«

»Es heißt, daß sie mehr als 40 000 Mann mit sich führen. Clinton und Howe sollen im Süden vordringen, während man befürchtet, daß Bourgoyne die Hudsondistrikte und auch unser Mohawktal mit Krieg überziehen wird. Aber es soll ihm schlecht bekommen.«

»Weißt du das so genau? Wer sagte das?«

»Vater! Oberst Prescott hat ja bereits bei Bunkershill gesiegt und die Briten aus Boston hinausgeworfen; Washington hat es ihnen auch schon bei Trenton gezeigt. Da wird es unseren Milizbataillonen wohl auch gelingen, hier im Mohawktal mit ihnen fertig zu werden.«

»Brav, mein Junge! Du bist für dein Alter nicht schlecht unterrichtet. Wo hast du denn das alles erfahren?«

»Addy hat es uns erzählt, und er meinte auch, es könne an unserem endgültigen Siege nicht fehlen.«

»Warum ? wie begründete er das?«

»Weil das Recht auf Seite des Bundes der ?Söhne der Freiheit? ist, und das Recht muß zuletzt immer siegen.«

»Weißt du auch, was der Bund anstrebt? Hat euch das Addy auch gesagt?«

»Das wissen wir schon lange. Der König von England hat den Beschwerden des Bundes seit Jahren kein Ohr geliehen, und nun müssen wir uns selber helfen. Die Bürger im Tale des Mohawk, in Massachusetts, New York, Rhode Island und den anderen Staaten werden die britische Herrschaft abschütteln und einen freien und unabhängigen Staatenbund gründen.«

»Sehr brav, mein Junge. Wollte der Himmel und das Kriegsglück es fügen, daß wir dieses Ziel auch erreichen. Und weil ich sehe, daß euer Spiel vorhin kein leeres, ödes Kinderspiel war, vielmehr von jugendlicher, knabenhafter Begeisterung für unsere heilige Sache getragen, so sei euch die Tracht Prügel, die ihr den armen kleinen Schelmen verabreicht habt, hiermit verziehen. Eine kleine Strafe für den Rädelsführer muß aber doch sein. Sag an, du, mit dem dichten strohgelben Haarwisch ? kannst du gut laufen?«

»Das will ich meinen.«

»Wie lange brauchst du bis hinüber nach Little Falls?«

»Man rechnet eine Stunde. Wenn es aber gilt, dann bin ich in einer halben drüben.«

»Gut, du sollst mir eine Botschaft dort ausrichten, und hast du deine Sache gut gemacht und du kommst wieder hier vorbei, dann darfst du zur Belohnung deine Taschen mit den besten Aepfeln füllen.«

Der Strohgelbe grinste vor Vergnügen und wollte schon davonrennen, doch der General hielt ihn zurück.

»Weißt du denn bereits, was du drüben auszurichten hast?«

Der Junge drehte verlegen an seinen Daumen.

»Nur nie unüberlegt sein, mein Junge,« mahnte er. »Du suchst sofort den Wirt ?Zur fröhlichen Pfalz? auf, ihn selber, verstehst du? Du sagst ihm, sobald Addy vorspricht, soll er ihn sogleich herüberschicken, General Herckheimer hätte wichtige Dinge mit ihm zu bereden. Verstehst du?«

Der Junge nickte und war schon unterwegs.

Mittlerweile war eine Frauensperson, Binche, die Haushälterin des Generals, eine noch junge, stattliche Erscheinung, mit einem Körbchen voll Früchten zu der Gruppe getreten, den durchgebläuten drei Knirpsen ein kleines Pflaster auf die Wunden zu legen. Munter langten die drei Knaben zu und schlugen herzhaft ihre Zähne in die rotwangigen Aepfel und Birnen. Auf die Fürsprache des Generals erhielten dann auch noch die größeren Jungen eine kleine Spende, und nun zog die ganze Knabenschar schmausend und einträchtig von dannen.

Ernste Besorgnisse.

General Herckheimer war in seine ebenerdig gelegene, einfach, doch wohnlich ausgestattete Arbeitsstube getreten, noch immer ein Lächeln auf den Lippen, denn das kleine Erlebnis mit den Buben hatte seiner kernhaften Soldatennatur vielen Spaß gemacht.

Er durchmaß geraume Weile mit langen Schritten das Gemach, langte dann seine Lieblingspfeife von einem Nagel an der Wand, füllte sie mit Tabak und entzündete den Inhalt.

Die Türe öffnete sich. Binche, die Haushälterin, trat ein; sie brachte den Postbeutel.

Mit fast fieberhafter Ungeduld machte sich der General über denselben her, öffnete nacheinander etwa ein halbes Dutzend Briefe, durchflog ihren Inhalt ... unmutig schob er ein Schreiben nach dem andern von sich.

Mit umwölkter Stirne trat er an das Fenster und starrte, mächtige Rauchwolken vor sich herblasend, gedankenvoll hinaus in die Landschaft, auf die saftig grünen Wiesen, auf die wogenden reifenden Getreidefelder; hier und dort ragte der Giebel eines Farmhauses hervor aus wohlgepflegten Obstbaumgruppen; bläuliche Rauchwölkchen ringelten sich von den Dächern empor zum klaren Himmel; weit im Hintergrunde ein Saum herrlicher, dichtbestandener Wälder.

Ein tiefer Seufzer entstieg der Brust des sinnenden Mannes. Von allen Seiten dräuten die Wetterwolken des Krieges, und hier vor seinen Augen ein liebliches Bild des Friedens, das Ergebnis jahrzehntelangen Ringens, der schwer errungene Besitzstand redlich arbeitender, nie ermüdender deutscher Bauern.

Und er kannte und liebte diese fleißigen deutschen Ansiedler, und er kannte ihre Geschichte.

Es war schon über ein halbes Jahrhundert her, im Juli des Jahres 1722, als sich eine kleine Anzahl Pfälzer Familien erstmals in dieser ehemaligen Wildnis einfanden. Die um den Mohawk wohnenden Indianer zeigten sich auf Vermittelung der englischen Regierung geneigt, einen vierundzwanzig englische Meilen langen Landstrich abzutreten, ohne daß sie eine Gegenleistung forderten, weil sie, wie sie sagten, für ihre Bedürfnisse ohnehin Grund und Boden in Hülle und Fülle besäßen. Die Pfälzer besannen sich nicht lange und griffen sofort mit beiden Händen zu; sie baten an maßgebender Stelle, dieses Land vermessen und unter sich verteilen zu dürfen. Der englische Gouverneur Bournet, der die Deutschen, ihre Energie und Leistungsfähigkeit kannte, genehmigte die Bitte und verfügte, daß jede Person, gleichviel ob Mann, Frau oder Kind, hundert Acker erhalten solle. Nach dem darüber ausgestellten Bournetsfieldpatent machten davon vorläufig neununddreißig Familien Gebrauch. Diese kamen dadurch mit einem Schlage in ein verhältnismäßig sehr reiches Besitztum; denn rechnete man auf jede Häuslichkeit fünf Personen, und oft waren es deren noch mehr, dann hatten die Einwanderer also ohne jede Schwierigkeit je den Besitz von fünfhundert Acker erlangt, wozu auch noch die Benützung der bewaldeten Höhen kam, von denen das Tal überall umschlossen war.

Rüstig gingen die neugebackenen Grundbesitzer an die Arbeit und verwandelten das Mohawktal durch ihren Fleiß bald in einen blühenden Garten, in dem überall fröhliches Gedeihen, Zufriedenheit und Auskommen, ja binnen kurzer Zeit sogar Wohlstand und Ueberfluß herrschte. Der Haupterwerbszweig der Ansiedler war und blieb der Landbau. Viele aber betrieben in der ruhigeren Jahreszeit daneben her mit den umwohnenden Indianern noch einen einträglichen Handel, denen sie gegen wertvolles Pelzwerk Schießwaffen, Pulver und Blei und sonstige Bedürfnisse abließen.

Der wachsende Wohlstand zog in der Folge noch manche andere deutsche Emigrantengruppe an, die sich entweder im Tale selbst oder in den Nachbargebieten festsetzte. Allgemach war dadurch ein förmlicher Gürtel von Ansiedelungen entstanden, der einerseits die weiter östlich gelegenen holländisch-englischen Niederlassungen umsäumte, westlich aber weit hinein mitten in das Indianergebiet sich erstreckte.

Die Willfährigkeit der englischen Regierung war natürlich nicht ohne Eigennutz, ihr lag vielmehr ein wohlberechneter Plan zu Grunde: Die Deutschen, die jetzt gut zwei Drittel der Tallinie von Little Falls und German Flats (dem heutigen Herkimer, benannt nach General Herckheimer) bis Frankfurt inne hatten, sollten für die eigenen, englischen Niederlassungen gegen das etwaige Andringen der Franzosen, mit denen sich die Briten in die Herrschaft über den damaligen amerikanischen Norden noch teilten, ebenso gegen die Indianer einen starken Schutzwall bilden.

Und in der Tat, dauernde Ruhe und behagliches Gedeihen sollte diesen ersten Ansiedlern nicht beschieden sein.

Inzwischen hatten nämlich die englischen Gouverneure die guten Beziehungen zu den Rothäuten arg vernachlässigt, und die fünf indianischen Nationen (die Huronen, Onondagas, Cayugas, Senecas und Oneidas), welche damals die äußersten nördlichen und westlichen Breiten des Staates New York bewohnten, zeigten in der Folge eine bedenkliche Hinneigung zu den Franzosen, die ihre wilden Nachbarn und Bundesgenossen weitaus besser als die Briten zu behandeln wußten. Dazu kam noch das Bestreben der Engländer, den Handel, welchen die am St. Lorenz befindlichen französischen Stationen den Mohawk abwärts mit Albany lebhaft betrieben, nach Möglichkeit zu schmälern.

Dieses Rivalisieren der beiden Mächte führte schon 1744 zum Kriege und gipfelte in dem Bemühen, die fünf indianischen Stämme für sich zu gewinnen. Dadurch kam es allgemach dazu, daß die Rothäute bald von der einen, bald von der anderen Seite bestimmt wurden, den Kriegspfad zu betreten, und als das Kriegsbeil einmal ausgegraben war, kamen die grausamen Instinkte der Wilden bald zum vollen Ausbruch. Die Indianer kannten nur zu gut die Wohlhabenheit und den prächtigen Viehstand der Bewohner des Mohawktales; dieses reizte ihre Beutegier, und in der Folge mußte mehr als einer der Deutschen nicht nur seine Kühe, sondern auch seine Kopfhaut lassen. Mit der Zeit stiegen die Kriegswirren, und mit ihnen war die Unsicherheit im ganzen Tal so groß geworden, daß die weit auseinander liegenden Blockhäuser befestigt oder mindestens mit Schußlöchern versehen werden mußten. Der bisher friedlich und nur der Bestellung seiner Aecker und Felder lebende Bauer war nun auch zum Kriegsmanne geworden und ging und stand von da an nur noch mit der Büchse über der Schulter hinter seinem Pfluge. Erst als die Pläne der Franzosen im Jahre 1759 endgültig zunichte gemacht wurden und England die Alleinherrschaft zufiel, da gab es für einige Zeit wieder Ruhe.

Jetzt war das englische Interesse das allein maßgebende und die Bauern von Tryon County, welche die einstige Landschenkung nicht vergessen hatten, ordneten sich willig den neuen Verhältnissen unter. Die Verwaltung des mittlerweile neuernannten Gouverneurs Sir Wm. Johnson, der durch kluge Maßnahmen nach und nach auch die Indianer zur Vernunft zu bringen und für sich zu gewinnen wußte, war eine gute und trug viel dazu bei, wieder geordnete Zustände herbeizuführen.

Als aber dieser Gouverneur das Zeitliche segnete und das Gouvernement an seinen Sohn, den Obersten John Johnson, einen leidenschaftlichen und fanatischen Royalisten, überging, da mehrten sich schon wieder die Mißgriffe. Er begann nach einem System zu regieren, das den freiheitliebenden Bauern nicht gefallen konnte, und bald hatte die Unzufriedenheit gegen zahlreich eingetretene Bedrückungen nicht nur im Mohawktal, sondern auch in allen angrenzenden Distrikten breiten Fuß gefaßt. Die Bauern beriefen zwar einige Kongresse ein, faßten Resolutionen, baten und verhandelten, doch es blieb alles beim alten. Als dann aus Süd und Ost die Wogen der nahenden Revolution, welche nichts geringeres als die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten erstrebte, bereits auch hier im Mohawktal fühlbar zu werden begannen, da machten die Mehrzahl der Farmer aus ihrer Gesinnung, daß sie der englischen Regierung mehr als gram waren, kein Hehl mehr. Das wußte Oberst Johnson und gedachte, den Bauern die Köpfe so bald als möglich zurecht zu setzen, hatte er doch gegenüber den verhältnismäßig wenigen Ansiedlern leichtes Spiel, da die englische Regierung bereits mit aller Macht rüstete, die in den südlichen Kolonien bereits offen zum Ausdruck gelangte Rebellion mit einem Schlage niederzuwerfen. Schon war eine große Flotte unter Admiral Howe mit 40 000 Mann gelandet worden, die in drei Abteilungen in das Innere vordrang: General Clinton in die südlichen Provinzen, Howe in Pennsylvanien, General Bourgoyne in die nördlich und westlich vom Hudson liegenden Distrikte. Bereits hieß es entlang dem Mohawktal, Johnson fühle durch den Vormarsch Bourgoynes Rückhalt genug, und würde seine Kolonnen gar nicht erst abwarten, vielmehr mit verbündeten Indianern demnächst schon über die Niederlassungen hereinbrechen; sicher war, daß er mit einzelnen im Tal wohnhaften Anhängern der englischen Sache heimliche Beziehungen unterhielt. Es wetterleuchtete also schon wieder, und besorgt sah der Bauer nach seinem Schießeisen und dem Munitionsbeutel.

Aber die bedrohten Ansiedler hatten sich aus den vorangegangenen Kriegswirren auch manche gute Lehre gezogen. Die oft weit voneinander wohnenden Farmer hatten nämlich längst aus sich heraus einen Sicherheitsausschuß gebildet, und der blieb schon auf die ersten bedenklichen Nachrichten hin nicht untätig. Um Haus und Hof zu schützen bestand lange schon die Absicht, nötigenfalls auch als geschlossene Truppe dem Feinde entgegentreten zu können, und so organisierte man die vorhandenen Streitkräfte in vier Bataillone zu je zweihundert Mann, deren jedes durch einen Oberst kommandiert wurde; die ganze Streitmacht aber unterstellte man dem kriegserprobten General Nikolaus Herckheimer. Er, der einfache, schlichte Mann, wurde schon während des französischen Krieges im Jahre 1758 in der Miliz von Schenectady infolge seiner Tapferkeit zum Leutnant ernannt und verteidigte dann ein und ein halbes Jahr lang das später nach ihm benannte Fort Herkimer gegen die Indianer und Franzosen. 1775 wurde er auf den Vorschlag des Sicherheitsausschusses vom Konvent des Staates New York zum Oberst des ersten Milizbataillons und schon ein Jahr darauf zum Brigadegeneral sämtlicher Milizen des Mohawktals ernannt.

Das alles gab ihm, dem Mann, der jetzt mit umwölkter Stirne aus dem Fenster seiner Arbeitsstube hinausblickte, viel zu denken. Er fühlte nur zu gut den Ernst der Lage und schwere Sorgen bedrückten sein Herz.

Plötzlich wurde er aus seinem Sinnen aufgeschreckt. Heftiges Hundegebell ließ sich vernehmen, gleich darauf klang der Hufschlag eines Pferdes.

Der General hörte, wie dann draußen vor der Haustüre eine sonore Männerstimme nach ihm sich erkundigte, worauf Binche erschien und den Obristleutnant Jakob Klock, Kommandanten der ersten Milizkompanie, meldete.

Der General ging seinem Gaste bis auf den Hausflur entgegen, wo sich die Herren freundlich begrüßten, dann in das Zimmer traten und dort Platz nahmen.

»Ist der Oneida schon bei Euch gewesen?« war des Obristleutnants erste Frage.

»Ein Oneida? ? ich weiß von nichts.«

»Es hieß, Addy wäre heute mit Tagesanbruch von einer größeren Jagdstreife zurückgekehrt und hätte eine Rothaut mitgebracht, die nach Euch verlange, wichtige Meldungen zu überbringen.«

»Das träfe sich gut. Es ist noch keine halbe Stunde her, daß ich nach Addy schickte ... Dann wird er wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen und den Läufer mitbringen.«

»Das wäre mir lieb. Meine Zeit ist karg bemessen, und doch litt es mich auf diese Nachricht hin nicht länger zu Hause; ich wollte hören, was sich zugetragen hat. Was gibt es sonst Neues? Habt Ihr gute Nachrichten erhalten?«

»Schlecht, sehr schlecht steht es. Von Norden her lauter Hiobsposten. Vom Süden nur Absagen.«

»Wir können also auf keine Truppen rechnen?«

»Es ist nicht entfernt daran zu denken. Es wird mir unter dem üblichen billigen Ausdruck des tiefsten Bedauerns mitgeteilt, daß Washington zur Zeit keinen einzigen Mann, geschweige größere Truppenmassen entbehren könne. Es scheint, daß man im Kongresse neuerdings wieder mit schweren Sorgen zu kämpfen hat.«

»Das alte Lied, die alte Leier.«

»Und dennoch kann man den Leuten keinen Vorwurf machen. Der Kongreß meint es gut und redlich, er läßt es an Anstrengungen nicht fehlen; aber die Uneinigkeit des Südens gibt ihm noch immer mächtig zu schaffen. Die Partei der Loyalisten, die von der Losreißung der Kolonien nichts wissen will, bereitet immer wieder neue, fast unüberwindliche Schwierigkeiten; die Gelder fließen nicht.«

»Und doch hieß es erst vor wenigen Monden, daß jetzt Geld genug vorhanden wäre.«

»Allerdings. Aber, Ihr wißt, Papiergeld, das von dem Kongresse selbst herausgegeben wurde. Es ist ebenso bezeichnend als beklagenswert, daß diesem Gelde selbst von den Republikanern wenig oder kein Vertrauen entgegengebracht wird, so daß es jetzt schon nahezu entwertet ist.«

»Aber man hat doch damals, als die Briten bei Princeton geschlagen wurden, wirklich große Mittel flüssig machen können!«

»Man hat jene Mittel in der Begeisterung über die damalige plötzliche Opferfreudigkeit weit überschätzt. Ihr vergeßt, daß die Errichtung einer Nationalarmee von 88 Bataillonen Riesensummen verschlungen hat. Ich befürchte, es steht jetzt wieder bereits so schlimm, daß es Washington schwer werden wird, diese kaum errichtete Armee auf den Beinen zu erhalten.«

»Das wäre ein Unglück, ein großes Unglück!«

»Und es scheint leider nicht anders. Hier liegt ein Brief des Generals Schuyler, ein Schreiben, das eine einzige große Klage gegen den selbstsüchtigen Geist einzelner Staaten und gegen den verhängnisvollen Geldmangel bildet. Schuyler hat Berichte, daß es Washington bereits so gut wie an allem mangelt, daß ein ordentliches Paar Schuhe in seinem Lager bereits eine Seltenheit ist.«

»Dann wäre unsere Sache ja fast gar so gut wie verloren; dann ständen wir angesichts der englischen Truppenmassen unmittelbar vor dem Zusammenbruch!«

»Das fürchte ich nicht. Der Wagen ist schlecht geschmiert, aber er fährt doch. Washington wirft die Flinte so leicht nicht ins Korn; er ist zähe, er wird aushalten; er hat sich bisher trotz aller Schwierigkeiten noch immer zu halten gewußt.«

»Der Mann ist zu bewundern; der Schwierigkeiten wegen, die sich ihm entgegenstellen, doppelt zu bewundern!«

»Er ist ganz der Mann, wie wir ihn unter diesen mißlichen Umständen brauchen, und er soll auch uns hier oben am Mohawk als leuchtendes Vorbild dienen. Kann man uns keine Unterstützung leihen, so müssen wir uns eben, so gut es geht, selber zu helfen suchen.«

»Das ist leichter gesagt, als getan.«

»Und doch, es wird, es muß gehen. Unsere Miliz ist klein beisammen, aber gut. Wohin man kommt, überall Begeisterung für die große Sache, alles voll Kampfesmut.«

»Daran fehlt es allerdings nicht, aber ? Ihr versteht mich ? es gehört auch Pulver auf die Pfanne.«

»Wir werden mit den vorhandenen Mitteln gut haushalten; wir werden uns durchbeißen, so gut wir uns durchzubeißen vermögen. An Opferfreudigkeit hat es in schweren Zeiten entlang dem Mohawk noch nie gefehlt. Das Notwendigste wird sicher beschafft werden. Vergeßt nicht: die Begeisterung tut viel, die Sorge um Haus und Hof tut alles.«

»Möchtet Ihr recht behalten. Will nur wünschen, daß Ihr kein Wort zu viel gesagt habt.«

»Ich bin kein Prophet, weit davon entfernt; aber ich bin erfüllt von dem, wovon ein Führer erfüllt sein muß: vom Vertrauen zu seinen Leuten. Wir verfügen über etwas, das uns die Menge zum guten Teil ersetzt, wir verfügen über einen kernigen deutschen Menschenschlag. Unsere Farmer sind ganze Männer, sie sind mutig und zäh; sie sind gute Schützen und von jung auf mit der Waffe wohlvertraut. Es sind ja nur eine Handvoll Leute, aber ich hoffe, es wird sich Großes mit ihnen ausführen lassen. Wenn wir nicht durch die Uebermacht der britischen Söldnerheere einfach erdrückt werden, dann ist mir nicht bange, dann sollen die Englishmen einen harten Stein in dem Bissen vorfinden, der ihnen das Verschlucken sauer macht. Wer, wie unsere Bauern, mehr als ein halbes Jahrhundert hindurch so vielem Ungemach getrotzt hat, die werden, denke ich, auch dem neuesten Gewittersturm zu trotzen wissen und ihn überdauern.«

In diesem Augenblick schlugen wieder die Hunde an. Kurze Zeit darauf erdröhnten wuchtige Schritte im Hausflur.

Schnell erhob sich der General, selber die Zimmertüre zu öffnen.

Ein robust gebauter, hoher Dreißiger mit dunkelgebräunten, verwitterten Gesichtszügen erschien im Rahmen des Einganges. Auf seinem Kopfe saß schiefgerückt ein breitrandiger, verschossener Filzhut; der Oberkörper war bekleidet mit einem fransenbesetzten Jagdwams; die Beine steckten in ledernen Kniehosen und hohen Leggings; an der Seite trug er eine Jagdtasche und ein Pulverhorn.

»Gott zum Gruß!« sagte der Mann schlicht und einfach und streckte dem General die derbknochige Rechte entgegen, die dieser erfaßte und kräftig schüttelte. »War unnötig, daß Ihr mich habt rufen lassen; wäre ganz von selbst gekommen.«

»Da muß es wohl etwas Wichtiges sein, Addy ?« entgegnete der General, im Begriffe, eine darauf sich beziehende Frage zu stellen. Er führte diese Absicht aber nicht aus, denn ein großer, im schönsten Ebenmaß gebauter Indianer betrat mit stummem Gruß das Zimmer.

»Ah, noch ein Besuch ? hier haben wir ja auch den Oneida? ... Bereits habe ich von eurem gemeinsamen Eintreffen vernommen.«

»Ganz recht ? hier bringe ich Euch den ?Flinken Biber?, einen noch jungen Häuptling, aber schon hoch angesehen im Rate seines Stammes.«

Der General war zu dem Indianer getreten und auch der Obristleutnant hatte sich erhoben, den roten Mann zu begrüßen, der die wenigen schmeichelhaften Worte, welche die beiden Offiziere an ihn richteten, mit würdiger Gelassenheit, doch mit Höflichkeit entgegennahm.

»Welcher Ursache verdanke ich die Ehre des Besuches?« fragte der General, indem er Stühle anbot, Addy zugleich einen stummen Wink gebend, Pfeifen und Tabak umherzureichen, die in einem kleinen Wandschränkchen bereitstanden.

»Trafen uns draußen im Walde, wo unsere Wege oftmals kreuzen; diesmal jedoch nicht, wie mir scheinen will, aus bloßem blindem Zufall,« berichtete der Jäger, nachdem er dem Wunsche des Generals willfahrt und den Inhalt der eigenen Pfeife in Brand gesetzt hatte.

»Ihr seid auf der Jagd gewesen? Ihr hattet Glück?«

»Nicht der Rede wert und auch mein roter Freund hat seine Kugel noch im Laufe. Er war diesmal auf einer ganz anderen Fährte.«

»Ihr erregt unser Interesse; laßt hören!«

»Nun, alle Welt weiß, daß wir einer bösen Zeit entgegengehen, daß die Englishmen Ernst machen. Bereits soll ein großer Heerhaufe im Norden gerüstet stehen, um hereinzubrechen über unsere Fluren und Felder.«

»Die Wetterwolken ballen sich allerdings immer dichter; doch man muß sich sagen, daß der Weg von der kanadischen Grenze bis herab zum Mohawk reichlich weit ist.«

»Er ist weit, zugegeben; aber das Unglück, sagt man, schreitet schnell. Eine Frage: Weiß man schon von den Plänen der Briten, weiß man, welchen Weg Bourgoyne nehmen wird?«

»Sicheres ist nicht bekannt; doch will mir scheinen, daß sein Vormarsch zunächst den östlichen Hudsondistrikten gilt; eine unmittelbare Gefahr wäre für das Mohawktal dann also noch nicht vorhanden.«

»Und dennoch will mich bedünken, daß es hohe Zeit ist, auch hier allenthalben nach dem Rechten zu sehen. Wenn die britischen Heerhaufen auch noch ziemlich weit weg sind, der Oneida hier kann Euch sagen, daß die Arme der englischen Generale bereits hereinreichen in die benachbarten Wälder.«

Die beiden Offiziere fuhren erschrocken auf und sahen betroffen und fragend auf den Indianer.

Dieser saß still und gelassen auf seinem Stuhle, seine Glutaugen dem Inhalt seiner Pfeife zugewendet, den er soeben entzündete. Mächtig paffend erhob er das scharfgeschnittene Angesicht, dicht umwallt von langsträhnigen schwarzen Haaren. Oben auf dem Scheitel waren sie zu einem bänderdurchflochtenen Schopf zusammengebunden, aus dem die drei Häuptlingsfedern steil emporragten. Das wilde Aussehen des Mannes wurde noch gehoben durch ein vorn offenes, mit allerlei seltsamen Figuren besticktes Jagdhemd aus Büffelleder; seine Beine steckten in langen, reich mit Fransen verzierten Pantalons; im Gürtel trug er das Jagdmesser und den Tomahawk; über seinen Knieen lag die Büchse.

»Addy, mein weißer Bruder, sehr richtig sprechen,« versetzte, jedes Wort wägend und betonend, langsam der Häuptling. »Ueberall weiße Sendlinge auf den Wegen zu den Feuern der fünf Nationen.«

»Was wünschen die weißen Männer? Kann und will der Häuptling der Oneidas das sagen?« fragte der General. »Ich setze voraus, daß seine Zunge nicht etwa durch irgendwelche Versprechungen oder Rücksichten gebunden ist.«

Der Oneida machte auf die letztere Bemerkung eine abwehrende, fast verächtliche Gebärde und entgegnete: »Wenn mit weißen Freunden am Mohawk sprechen, dann Oneidazunge nie gebunden.«

»Das erkenne ich namens der weißen Männer vom Mohawk lebhaft und dankbar an. Unsere Krieger haben, wie das der Häuptling der Oneidas wissen muß, die Freundschaft der Krieger seines Stammes von jeher zu schätzen gewußt und werden sie auch fürderhin in Ehren halten. Die Oneidas hingegen wissen, daß sie gegebenen Falles auch auf die Freundschaftsdienste der Mohawkkrieger rechnen können.«

Der Häuptling nickte befriedigt mit dem federgeschmückten Haupte.

»Weiße Mohawkkrieger tapfer und gute Krieger; die Oneidakrieger sehr gut wissen: weiße Krieger vom Mohawk wahre und gute Freunde.«

»Da der Häuptling der Oneidas dies anerkennt, darf man wohl auch dessen sicher sein, daß die weißen Sendlinge an den Feuern seines Stammes das nicht gefunden haben, was sie suchten?«

»Nicht finden.«

»Und darf man wissen, worin ihre Wünsche bestanden?«

»Die Bleichgesichter sind gekommen, die Oneidas zu beschwatzen, daß sie Kriegstanz beginnen, daß Oneidakrieger weiße Skalpe holen an den Ufern des Mohawk.«

»Da haben wir die Bescherung!« platzte der Obristleutnant voller Entrüstung los. »Es ist schmachvoll! Statt ritterlich Mann gegen Mann zu kämpfen, scheuen sich die Briten nicht, ihr weites Gewissen ganz offen zu zeigen, verschmähen es nicht, die wildesten Instinkte der roten Leute zu entfesseln und auf die weißen Ansiedler loszulassen.«

»Ruhig Blut!« mahnte der General. »Eure Entrüstung ist ganz am Platze, doch Ihr werdet zugeben, daß sie uns nicht viel nützen kann; wir müssen uns vielmehr mit den Tatsachen abfinden und von Stund an selbst der schlimmsten Gefahr kalten Blutes ins Auge sehen. ? Was sagte ?Rotjacke?, der Sachem der Oneidas, zu diesem Ansinnen?«

Der »Flinke Biber« richtete den Blick seiner dunkeln Augen auf den Fragesteller, fast vorwurfsvoll.

»Kann der Häuptling der Mohawkkrieger sich die Antwort nicht selber geben? Haben weiße Krieger vom Mohawk schon einmal gesehen, daß der Büffel in einen räudigen Präriehund sich wandelt? ? Nie werden weiße Krieger erleben, daß aus einem Oneida ein Hurone wird!«

»Der Häuptling der Oneidas scheint nur sehr schlechte Botschaften für uns bereit zu haben. Soll das, was er soeben gesagt hat, etwa heißen, daß die Huronen der englischen Verführung bereits erlegen sind?«

Der »Flinke Biber« vollführte mit Kopf und Händen eine bejahende Gebärde, und Addy, der Jäger, sagte ergänzend: »Die Huronen sind räudige Hunde, sie sehen nur auf ihren Vorteil; sie sind zwar tapfere Krieger, aber sie folgen ohne Skrupel dem, der ihnen einen größeren Sündenlohn verspricht.«

»Und wie steht es mit den Senecas, den Cayugas und Onondagas? Weiß der Häuptling der Oneidas zu sagen, ob auch diese drei Nationen den britischen Sendlingen ein offenes Ohr entgegengebracht haben?«

Der Oneida zuckte die Achseln und entgegnete: »Der ?Flinke Biber? das nicht wissen. Er wird gehen, sich zu erkundigen.«

»Kann sich der Häuptling an den Feuern der Brüderstämme ohne weiteres einfinden? Hat das, nachdem die Oneidas den weißen Sendlingen eine Absage erteilt haben, nicht seine Bedenken?«

»Der ?Flinke Biber? wird und muß gehen; die Onondagas, Senecas und Cayugas werden ihn nicht sehen.«

»Ich verstehe. Der Häuptling der Oneidas wird die Dörfer umschleichen. Er hat auf ganz dieselbe Weise wohl auch die Huronen belauscht?«

Der »Flinke Biber« nickte stolz und selbstbewußt mit dem Kopfe und sagte dann: »?Rotjacke? ist klug und vorsichtig. Er nicht nur die weißen Sendlinge der britischen Häuptlinge nach Hause schicken, er auch die besten Krieger als Späher entsenden. Die Oneidas müssen wissen, was die Nachbarvölker beginnen werden.«

»Und hat der Häuptling der Oneidas beobachten können, wie weit die Vorbereitungen der Huronen gediehen sind, um den Kriegspfad zu betreten?«

»Huronenkrieger wachsam und klug. Aber das Auge der Oneidas durchdringt die Wände der Wigwams und die dichtesten Büsche. Der ?Flinke Biber? sehen ganze Tonnen Feuerwasser, er sehen ganze Tonnen Pulver. Das genug. Nicht wissen, wann Kriegspfad betreten. Aber wenn Feuerwasser trinken, dann bald die Wälder durchheulen werden.«

Der General wußte genug, und es wäre wohl auch als zudringlich und unhöflich erschienen, noch weitere Fragen an die Rothaut zu richten. Er zwirbelte eine Weile gedankenvoll an seinem Schnurrbart und sagte dann: »Nun, dann ist es allerdings hohe Zeit, daß auch wir nach unseren Pulvertonnen sehen. Es beunruhigt mich, daß die Munitionssendung aus Albany noch nicht angekündigt ist.«

»Sollte sie der Sicherheit wegen nicht den Weg über das Schenectadytal nehmen?« fragte der Obristleutnant. »Ihr selbst habt das angeordnet.«

»Der Umweg ist groß, das wohl. Der Transport könnte aber gleichwohl schon da sein. Es müssen ungesäumt einige verläßliche berittene Boten auf den Weg.«

»Diese Sache erscheint mir überaus wichtig,« warf Addy ein. »Man muß so schnell wie möglich vorwärts machen. Zudem wird es gut sein, die Boten zu ermächtigen, auf allen Stationen die kräftigsten Gäule zu requirieren. General, wollt Ihr mich damit betrauen?«

»Das wäre das beste, man könnte dann wohl am ruhigsten sein,« meinte Herckheimer. »Aber,« fügte er nach einigem Zögern und Sinnen hinzu, »für dich habe ich bereits nicht minder Wichtiges ? bist du von Stund an frei? ? oder hast du etwas vor?«

»Allerdings hatte ich etwas vor. Es sind erst heute einige Pelzhändler aus Albany eingetroffen. Die fürchten den Krieg und wollen, ehe das Wetter losbricht, daß ich sie hinüberführe nach dem Ontario.«

»Das träfe sich nicht übel. Gerade dahin wollte ich dich senden. Wenn die Briten bereits in den Wäldern der Rothäute herumschleichen, dann fürchte ich, daß uns die eine oder andere englische Kolonne bereits näher steht, als uns lieb ist. Wir wollen uns daher auf die gewöhnlichen Nachrichtenquellen nicht mehr allein verlassen, du sollst dich vielmehr selbst einmal umsehen im Norden. Du nimmst also außer deinen Pelzhändlern auch einige Grenzer mit; wählst selbst verläßliche, erfahrene Leute. Durch die kannst du mir, je nachdem es nötig wird, Nachrichten senden.«

Da reckte sich der Oneidahäuptling von seinem Stuhl und wandte sich Addy zu: »Wenn es meinem weißen Bruder gefällt, dann mit ihm gehen; ?Flinker Biber? sich nach den Dörfern der Onondagas begeben. Das fast derselbe Weg.«

»Natürlich, Oneida, dann gehen wir eine gute Strecke zusammen. Deine Spürnase, die jedes Bleichgesicht auf drei Meilen riecht, kann uns nur hochwillkommen sein.«

Der Indianer nahm die Schmeichelei gelassen hin. Der General lächelte.

»Nun, dann macht euch nur ungesäumt auf den Weg,« meinte der letztere. »Wir aber, Obristleutnant, wollen sogleich alle Kommandanten zu einer Besprechung zusammenrufen, um talauf und talab dafür zu sorgen, daß auf das erste Alarmzeichen jeder Mann auf dem Posten ist, daß bis dahin die Haubitzen bereit stehen und die Futter- und Munitionsbeutel ausreichend gefüllt sind.«

Die deutschen Fäuste bei Oriskany.

Mehrere Wochen waren vergangen; man schrieb den 6. August.

An diesem Tage befand sich Addy, der Jäger, auf einem schmalen Waldpfade des benachbarten Indianergebietes, wenige Meilen nur südöstlich des Forts Stanwix, welches zum Schutze der kolonisierten Gebiete vor Jahren schon errichtet worden war.

Dieser Pfad war ohne allen Zweifel nur durch den Wechsel des Wildes gebildet worden und führte in der Richtung von West nach Ost, also in fast gerader Linie auf die am Mohawkflusse liegenden deutschen Ansiedlungen.

Addy mußte es wohl sehr eilig haben oder diesen Wildpfad in allen Einzelheiten genau kennen, denn er stapfte trotz der Dunkelheit, die hier unter den Riesenbäumen des Urwaldes herrschte, und trotz der vielen Hindernisse, die sich ihm in den Weg legten, flott weiter.

Plötzlich hielt er an und betrachtete aufmerksam das Aestchen eines Strauches, das sichtlich erst vor kurzer Zeit geknickt und zu einer Art Trudenfuß geflochten worden war.

Ein leiser Ruf, halb der Ueberraschung, halb des Unmutes, dann bog der Jäger rechts ab und kroch eine Strecke weit durch das dichte Unterholz.

Schon nach kurzer Zeit gelangte er auf eine kleine Lichtung, die von dem Blätterdache einer einzeln stehenden riesigen Ulme beschattet wurde.

Addy trat hin zu dem Baume, erfaßte ein aus demselben vorstehendes totes Aststück und hob mit einem einzigen Ruck ein fast meterhohes Stück Rinde aus dem untersten Teile des Stammes; der Baum war hier zum größten Teil hohl. In dem Hohlraum, der nun im vollen Lichte vor den Augen des Jägers offen lag, lehnte eine Jagdflinte, daneben ein indianischer Munitionsbeutel.

Der Jäger musterte noch eine kleine Weile den Raum, und als er allem nach sonst nichts Besonderes zu entdecken vermochte, legte er das Rindenstück wieder vor. Es paßte mit seinem dichten Flechtenüberzug so genau auf den Stamm, daß selbst das geübteste Waldläuferauge ein solches Versteck hier nicht vermuten konnte.

Addy ging zurück an den Saum der Lichtung und warf sich hier im dichten Unterholz sichtlich etwas mißmutig auf die Erde nieder. Aufmerksam und doch mit einer gewissen Unruhe musterte er die Umgebung. Das Astzeichen auf dem Wildpfade und hier das Vorhandensein der Jagdflinte hatten offenbar ihren Eindruck auf den Jäger nicht verfehlt; und doch schien die Unterbrechung, die sein Marsch dadurch hatte erleiden müssen, ganz und gar nicht nach seinem Geschmacke zu sein.

Ueber eine Viertelstunde mochte er so dagelegen haben, als ein leises Knistern jenseits der Lichtung seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Gleich darauf tauchte die hohe Gestalt des »Flinken Bibers« zwischen den Büschen auf.

»Nun, da bist du ja, Oneida,« rief Addy gedämpften Tones, indem er sich schnell erhob. »Ich muß dir sagen, daß mir der Aufenthalt, zu dem du mich durch dein Zeichen gezwungen hast, nicht gerade erwünscht war.«

»Mein weißer Bruder wird eine andere Meinung haben, wenn er erfahren wird, warum ?Flinker Biber? den Zweig geknickt hat.«

»Daß etwas Besonderes vorgeht, ersehe ich daraus, daß du die Flinte abgelegt und dafür den Bogen eingetauscht hast. Jetzt sage mir aber vor allem, wie sieht es aus unten am Mohawk? Sind die Boten alle eingetroffen und bist du selbst auch bei unserem Häuptling gewesen?«

»Boten alle eintrafen; der Häuptling der weißen Krieger alle Nachrichten erhalten.«

»Nun, das beruhigt mich einigermaßen.«

»Er wissen, daß General Bourgoyne den Oberst St. Leger nach Fort Stanwix senden.«

»Er kennt also den Plan der Englishmen, das Fort zu nehmen; daß dann St. Leger über das Mohawktal herfallen soll, um sich unten an der Mündung des Flusses wieder mit Bourgoyne zu vereinigen?«

»Mein weißer Bruder mag ruhig sein; der Häuptling der Mohawkkrieger alles das wissen. Er bereits seinen Gegenplan fassen. Er alle seine Krieger zusammenrufen; er bereits marschieren nach Stanwix.«

»Ei, das sind ja wunderbare Neuigkeiten ? er wäre bereits auf dem Marsche? ? und nach Stanwix? ? Da sieht man, was sich alles begeben kann, wenn man einige Wochen seinem Wigwam fern geblieben ist!«

»Wo ?Addy? gewesen, daß weiße Krieger vom Mohawk schon lange nach ihm rufen?«

»Wo ich so lange war? ? Nun, du weißt, mein roter Freund, daß man draußen in den Wäldern, zumal in diesen kriegerischen Zeiten allerlei Abenteuer erleben kann. Und ich habe eines erlebt, das nicht von Pappe war. Ich wurde dadurch leider gezwungen, einen sehr weiten Umweg zu machen. Doch davon später. Sprich: warum marschiert General Herckheimer mit seinen Bauern nach dem Fort?«

»Er zählen seine Krieger, er haben nur wenig über tausend.«

»Aber das ist doch schon ein anständig großes Häufchen!«

»Oberst St. Leger haben ebensoviele weiße Krieger und über tausend Inschen.«

»Das sind allerdings erheblich mehr Köpfe. Doch vergiß nicht, Oneida, daß zwei deutsche Bauernfäuste mindestens für vier Huronen zählen!«

»Deutsche Krieger gute Krieger, Huronen schlechte, aber kluge Krieger.«

»Ich verstehe dich, Oneida. Du willst damit sagen, daß dieses Gesindel die große Tapferkeit, die ihm mangelt, durch Verschlagenheit und Hinterlist zu ersetzen weiß, und ich muß billig zugeben, Oneida, daß man damit rechnen muß.«

»Der Häuptling der Mohawkkrieger auch rechnen, er rechnen sehr gut.«

»Wie, Oneida, wie rechnet er?«

»Er sagen, wenn weiße Krieger vom Mohawk allein kämpfen gegen Englishmen und Inschen, dann sind es ihrer zu wenige; um erschlagen zu werden, sind es ihrer zu viele.«

»Das hast du sehr schön gesagt, Oneida; du mußt aber deutlicher sprechen, wenn ich dich verstehen soll.«

Statt jeder Antwort nahm die Rothaut zwei auf der Erde liegende Zweige auf und sagte: »Wenn beide Stäbe zusammen, dann ihnen nichts anhaben, aber einzeln jeden leicht brechen.«

»Das ist schon wesentlich verständlicher. Aber sage mir, wenn unsere Krieger unten am Mohawk den einen Zweig darstellen, was soll der andere Ast bedeuten?«

»Das sehr einfach. Der Häuptling der weißen Krieger lassen Inschen nicht erst in das Mohawktal. Er lassen zweihundert Krieger zurück am Fluß, er gehen mit den andern nach Stanwix; dort Oberst Gansevoort, er haben sechshundert Krieger; beide Häuptlinge dort zusammentreffen und zusammen kämpfen gegen Inschen und St. Leger.«

»Nun verstehe ich dich, Oneida, und ich muß zugeben, unser General rechnet nicht übel, zumal im Tal die meisten Früchte noch auf den Feldern stehen, und die braucht man sich durch die Mokassins der roten Leute nicht zertrampeln zu lassen. Nun verstehe ich auch, daß du mich in der wohlmeinendsten Absicht hier abgefaßt hast, und ich danke dir. Nun brauche ich nicht erst den weiten Weg an den Mohawk hinabzusteigen, sondern kann in Gemächlichkeit warten, bis unsre Krieger hier vorüberkommen. Wann glaubst du, daß das sein wird?«

»Können heute noch kommen; müssen schon sehr bald da sein.«

»Um so besser, um so besser, denn Geduldsproben, das weißt du, Oneida, die waren, wenn es nicht sein mußte, nie meine Sache. Uebrigens ließe sich die Zeit wohl auch ausfüllen damit, sich irgend ein probates Mittel gegen den knurrenden Magen zu verschaffen.«

»Mein weißer Bruder hat Hunger?«

»Natürlich habe ich Hunger. Zudem gewahre ich, daß auch dein Proviantbeutel schlaff ist wie eine nasse Windfahne; das kann ich nicht länger mitansehen.«

»Dann kommen«, sagte einfach der Oneida.

Er prüfte mit nassem Finger den Wind und schlug sich dann seitwärts in die Büsche. Addy folgte.

Die beiden Männer krochen geraume Weile geräuschlos durch das ziemlich dichte Unterholz und näherten sich wieder dem Wildpfade. Sie ließen denselben zu ihrer Linken, schlichen sich aber ziemlich dicht an demselben hin.

»Ich schlage vor, wir gehen vor bis an das Flüßchen.«

Der Oneida nickte stumm.

Noch eine Weile gings geradeaus, dann hörte man Wasserrauschen.

Der Boden senkte sich mit einemmale ziemlich stark.

Die beiden Männer krochen vor bis an den von Buschwerk dicht bestandenen Abhang und schoben hier das Gezweig sachte etwas beiseite.

Unten kam das Flüßchen zum Vorschein. Es bildete hier einen kleinen Katarakt, unmittelbar darunter einen ziemlich großen Tümpel.

Befriedigt nickte Addy mit dem Kopfe.

Aus dem Tümpel ragte das Geweih und die Nase eines Hirsches empor. Der Tag war heiß; das Tier hatte sich, offenbar um der Verfolgung durch die Mücken zu entgehen, in das Wasser geflüchtet.

Schon hob Addy die Doppelbüchse, doch da legte sich die Faust des Oneida auf dessen Schulter.

»Lassen das Schießholz; nicht wissen, wer im Walde!«

Der Oneida zeigte auf seinen Bogen, schon lag der Pfeil bereit zum Schusse.

Das Wild unten mußte unterdessen einen Laut erhascht haben. Plötzlich war es aufgefahren; es hatte damit den schlanken gelbroten Leib völlig freigegeben und sicherte nun ängstlich in der Richtung der beiden Jäger.

Da schnellte auch schon der Pfeil des Indianers vom Bogen. Das Tier unten im Wasser machte einen Riesensatz, gewann noch das Ufer, brach aber dort zusammen.

»Das hast du gut gemacht, Oneida, das hast du sehr gut gemacht,« lobte der Jäger.

»Besser, nicht Donnerbüchse; nicht wissen, wer im Walde.«

»Auch in dieser Beziehung magst du recht haben, Oneida; Vorsicht ist unter allen Umständen immer das beste.«

Die beiden Jäger liefen nun hinab an das Flüßchen. Der Oneida zog dem erbeuteten Wilde den Pfeil aus dem Leibe, reinigte ihn und übergab ihn wieder seinem Köcher. Dann zog er sein Messer und begann dem Hirsch kunstgerecht eine Keule auszulösen.

Addy, der untätig daneben stand, langte, so hoch er fassen konnte, nach einem unmittelbar neben ihm stehenden armsdicken Baumstämmchen, bog es zur Erde nieder und setzte sich auf den so geschaffenen Sitz.

»Es ist eine Freude, dir zuzusehen, Oneida; auch diese Arbeit verstehst du vortrefflich; ich muß gestehen, viel besser als ich.«

Der Oneida machte eine abwehrende Gebärde.

»Mein weißer Bruder immer Lob spenden; das nicht gut. Erzählen jetzt lieber Abenteuer.«

»Von welchem Abenteuer? ? Ah, richtig, ich hatte ja ganz vergessen! Du willst von dem Abenteuer hören, das mich auf dem Rückweg so lange hingehalten hat. Nun wohl, ich will dirs kurz erzählen. Als ich nämlich meine Kaufleute oben am See glücklich abgeliefert hatte, nahm ich meinen Weg in der Richtung über Boonville. Du weißt, man gelangt dabei an den Blaakfluß, und das schien mir besonders günstig, denn man kann entlang diesem Gewässer am leichtesten und sichersten nach dem Fort Stanwix gelangen. Zudem wußte ich auf diesem Wege einige Fallensteller, die mit den verschiedenen Storekeepers im Osten just in dieser Zeit immer mehr oder weniger in Verbindung stehen. Wir hatten ja über den Vormarsch der Englishmen bereits genug in Erfahrung gebracht, aber ich konnte von diesen Leuten immerhin noch einige bemerkenswerte Einzelheiten mitgeteilt erhalten. Gut also ? eines Tages traf ich auf eine Hütte, und der Besitzer derselben, früher ein braver Biberfänger, hatte zu meiner Verwunderung jetzt selber eine Bar eingerichtet. Als dieser Mann nämlich eines Tages den Fuß brach, quacksalberte er so lange an sich herum, daß eine vollkommene Steifheit des Beines zurückblieb. Da es mit dem Fallenstellen nun natürlich nichts mehr war, wollte er versuchen, ob er sich nicht mit seiner Bar und durch einigen Handel mit Fellen durchzubringen vermochte. Natürlich wollte ich dem beklagenswerten Mann einige Geldstücke zukommen lassen und ließ für uns beide eine gute Flasche Genever vorfahren. Als wir dann in der besten Unterhaltung standen, betrat ein himmellanger Hurone die Hütte, der nicht genug an seinem Kriegsputze, sondern auch noch ein Dutzend weißer Skalpe am Bändel hatte. ? Du weißt, Oneida, daß ich gegen diese Unsitte, solange nicht mein eigener Skalp in Betracht kommt, blutwenig einzuwenden habe. Als der rote Mann dann aber seinen Tabaksbeutel hervor zog, an dem neben dem gewöhnlichen Flitter auch ein getrocknetes Kinderhändchen zur angeblichen Verzierung angebracht war, da stieg mir ein faustdicker Knäuel auf im Halse.«

»Da mein weißer Bruder einen großen Zorn bekommen?«

»Ja, da packte mich der Zorn und der genossene Genever tat das übrige. Ich sagte dem aufgeblähten Menschen auf den Kopf zu, daß der Mord eines Kindes eine gemeine, eines anständigen Kriegers höchst unwürdige Schandtat sei. Ich forderte ihn auf, die Kinderhand sofort zu entfernen, widrigenfalls ich ihm, wie gebührlich, den Kopf waschen würde. Der Mensch hatte aber die Frechheit, mich noch obendrein zu verhöhnen, so daß mir zuletzt die Galle vollends überlief. Ich packte den Kerl, um ihn nach Gebühr durchzudreschen, doch der Mensch hatte seinen nackten Oberleib dermaßen mit Fett und Oel eingesalbt, daß meine Hände ihn nicht in der wünschenswerten Weise zu fassen bekamen. Gleichwohl mochte er die Kraft meiner Fäuste verspürt haben, denn er gab Fersengeld, lief wie besessen aus der Hütte und schwang sich auf sein Pony, das draußen vor dem Eingang angebunden stand. Im Davonreiten streckte er mir mit nicht mißzuverstehender Gebärde just jenen Körperteil zu, mit dem er als anständiger Mensch besser mit dem Rücken des Pferdes in Berührung geblieben wäre. Nun war aber auch das letzte Fädchen meiner Geduld abgerissen. Ich nahm meine Büchse und jagte ihm just auf jene Fläche, die er mir so unverschämt als Zielscheibe darbot, eine Kugel in den roten Leib.«

Der Oneida, sonst ruhig und würdig, lachte, daß ihm die hellen Tränen über die Backen liefen.

»Das gut, das sehr gut,« sagte er ein ums andre Mal, sich mit dem Handrücken die feuchten Wangen wischend.

»Findest du? Das freut mich, denn auch ich fand, daß das die gerechteste Strafe für den unverschämten Menschen war. Leider sollte die Sache aber noch ein für mich sehr unangenehmes Nachspiel haben.«

»Nun Huronen kommen?«

»Natürlich waren noch weitere Huronen in der Nähe, die, als sie den Knall meiner Flinte vernommen hatten, wie die Pilze aus der Erde schossen. Mit dem Genever war es natürlich vorbei. Ich mußte mich schleunigst auf die Beine machen.«

»Nun große Jagd, den weißen Mann einzuholen.«

»Natürlich. Ein ganzes Rudel setzte hinter mir her, doch, wie du siehst, umsonst. Wer Addy, den Rifleman, fangen will, muß eine sehr gute Spürnase und vortreffliche lange Beine haben.«

»Addy einen großen Bogen nehmen?«

»Ich mußte notgedrungen einen sehr großen Umweg machen. Als ich dann wieder einbog und mich Stanwix näherte, stieß ich bereits auf die Englishmen. Nun mußte ich nochmals zurück und im großen Kreis um das Fort herum. Daher der unliebsame Zeitverlust.«

Der Oneida war mit seiner Arbeit fertig.

Addy erhob sich und ließ das Baumstämmchen, auf dem er gesessen hatte, sachte in seine ursprüngliche Lage zurückgleiten.

Jeder der Männer nahm dann ein Stück des ergatterten Wildbrets an sich, worauf sie den kleinen Abhang wieder hinanstiegen.

Sie näherten sich so wieder dem Wildpfade und berieten währenddem, wo sie hier wohl am besten und sichersten ein Feuer entzünden könnten.

Als sie dann den Pfad betreten hatten und schon geraume Weile auf demselben weitergewandert waren, zuckte der Indianer plötzlich zusammen, warf sich auf den Boden und legte sein eines Ohr auf die Erde.

»Hörst du etwas, Oneida?« fragte leise der Weiße.

»Huronen!« flüsterte der rote Mann und erhob sich.

»Dann laß uns von dannen eilen, tiefer in den Wald hinein!«

»Hugh!« erwiderte als Zeichen seines Einverständnisses der »Flinke Biber« und beide verschwanden geräuschlos in einer unmittelbar hinter ihnen liegenden Dickung.

Sie hatten noch keine zwanzig Schritte zurückgelegt, als sich das Geräusch flüchtiger menschlicher Tritte vernehmen ließ.

Bewegungslos blieben die beiden stehen und sahen durch das Strauchwerk hindurch etliche Rothäute den schmalen Pfad entlang jagen.

»Späher,« flüsterte der Oneida, als das Geräusch der Tritte verklungen war.

»Sie hatten Eile und daher keine Zeit, unsre Spuren wahrzunehmen,« sagte stilllachend der Jäger.

»Huronen blinde Hunde!« entgegnete verächtlich der Rote.

»Du kannst recht haben. Ich finde indessen, Oneida, daß allein schon ihre Anwesenheit hier eine sehr bedenkliche Sache ist.«

»Sehr schlimm,« entgegnete die Rothaut. »Späher weit unten gewesen am Flusse, dort sehen weiße Krieger vom Mohawk, jetzt gehen und rufen Thayendanegeas.«

»Den Häuptling der Huronen? Der wäre so nahe schon hier, bei Stanwix? Das fehlte gerade noch!« knurrte der andere. »Wäre es wahr, bekäme die Rechnung des Generals unter Umständen ein arges Loch. Wie denkst du darüber, Oneida?«

»Sehr schlimm,« entgegnete dieser wieder. »Nicht wissen, ob Huronen schon hier, aber sicher bald da sein. Huronen nichts wissen wollen vom Kampfe gegen die Donnerbüchsen des Forts, sie viel mehr lieben den Krieg hinter den Bäumen des Waldes.«

»Wenn das wahr ist, was du vermutest, dann möge der Leibhaftige ihre Leiber mit gesottenen Flintenkugeln spicken,« schimpfte Addy.

»Mein weißer Bruder ebenso gut wissen wie ?Flinker Biber?, daß Huronen gute Gründe haben müssen, wenn sie wie die Hirsche laufen.«

Addy antwortete nicht, sondern drang beschleunigten Schrittes tiefer in das Dickicht.

Befleißigte schon er sich so unhörbar als möglich vorwärts zu kommen, völlig geräuschlos wie ein Schatten glitt trotz des dichten Unterholzes der Indianer neben ihm her.

Der Boden des Waldes stieg hier ziemlich stark an und wurde zuletzt sehr steil. Leicht und gelenkig erkletterten die beiden die Anhöhe.

Oben angekommen, stieg der Indianer, ohne des andern Einverständnis abzuwarten, an einer schlanken Ulme flink wie ein Eichhörnchen empor. Rasch folgte der andre. Im obersten Geäste des Baumes hatten sie nun völlig freie Aussicht weithin über die ganze Gegend.

Auf der einen Seite, in nordwestlicher Richtung, nur etwa drei englische Meilen entfernt, leuchteten auf unbedeutender Bodenerhöhung, beschienen vom Sonnenlichte, die Palissaden des Forts Stanwix herüber. Auf der entgegengesetzten Seite begrenzten die den obern Lauf des Mohawk umschließenden grünen Höhenzüge den Horizont. Am Fuße der Höhe aber, auf welcher sich die beiden befanden, führte ein Waldweg in der Richtung auf Oriskany, der westlichsten Niederlassung des Mohawktales, der bis auf etliche englische Meilen weit mit dem Auge zu verfolgen war. Nur auf eine kurze Strecke verschwand er und dort zog er sich schluchtartig zwischen zwei eng zusammengerückten Höhen hindurch, die beide, die östliche wie die westliche, mit dichtem Wald bedeckt waren.

»Hugh!« rief leise der Indianer und deutete nach Osten. »Dort der Häuptling der Krieger vom Mohawk,« und zeigte auf eine graubraune in steter Bewegung befindliche Masse, die jenseits der Schlucht, etwa noch eine Meile von ihr entfernt, gleich einer dünnen Riesenschlange auf dem Waldweg einherzog.

Leuchtenden Auges ließ auch der Jäger seine Blicke eine Weile auf der Truppe ruhen, plötzlich aber verfinsterten sich seine Züge. »Und was hältst du von der Rauchsäule, Oneida,« fragte er den Indianer, »die dort auf der Höhe nächst der Schlucht in die Luft emporsteigt?«

»Dort Huronen ? das sehr schlimm!«

»Warum sollen nun gerade Huronen das Feuer entzündet haben?«

»Späher ? Späher! Dort großes Feuer, auf den andern Bergen brennen kleines Feuer, überall Feuer; kleines Feuer rufen Thayendanegeas zu großem Feuer; sehr schlimm, wenn Mohawkkrieger die Feuer auf den Bergen nicht bemerken!«

»Das könnte unter Umständen verhängnisvoll werden für die Truppe, vielleicht just in jener Schlucht.«

»Wenn dort Huronen hinter den Bäumen des Waldes, dann sehr schlimm um Sache der weißen Männer.«

»Hugh!« rief leise der Indianer und deutete nach Osten. »Dort der Häuptling der Krieger vom Mohawk.«

»Glaubst du,« fragte der Jäger, »daß ein Mensch im stande ist, dem General von hier aus entgegenzulaufen, ehe er mit seinen Kriegern in die Schlucht dort eintritt?«

»Weg sehr weit, sehr weit!«

»Da hast du wieder einmal unzweifelhaft recht, Oneida, und zudem dürfte mancher Hurone hindernd dazwischen stehen. Aber das alles soll mich nicht abhalten, wenigstens den Versuch zu unternehmen.«

»Sehr gut, wenn Addy den Häuptling der Mohawkkrieger warnen; mein weißer Bruder müssen aber sehr eilen.«

»Natürlich muß ich das und ich darf mit dem Aufbruch keine Sekunde mehr säumen. Gehab dich wohl, Rothaut; laß dich bald wieder einmal sehen, hörst du?«

Der Indianer gab eine zustimmende Antwort, die der Weiße aber nicht mehr vernahm, denn er hatte sich bereits mit größter Schnelligkeit am Stamme niedergelassen. Von dort lief er mit der Eile eines gehetzten Wildes die dem Waldweg entgegengesetzt liegende Berglehne hinab und setzte, in der Niederung angelangt, seinen Lauf in der Richtung auf die Schlucht in größter Eile durch dick und dünn fort. Der Jäger wußte sich hier in verhältnismäßiger Sicherheit, lagen doch die auf den Höhen verstreuten Rauchsäulen alle jenseits des Waldweges.

Und weiter ging es.

Addy bemerkte mit Genugtuung, daß das Unterholz nach und nach dünner wurde; kam er doch jetzt schon leichter vorwärts. Bereits aber lief ihm der Schweiß von der Stirn, sein Atem begann zu keuchen.

Der Jäger glaubte noch während des Abstieges vom Baume bemerkt zu haben, daß die Spitze der Kolonne ihren Marsch unterbrochen hatte; blieben die Truppen nur noch einige Zeit aus irgend einem Grunde halten, dann hoffte er, die zwei Meilen noch rechtzeitig hinter sich zu bringen. Gelang ihm dies aber nicht, dann freilich konnte es schlimm genug werden. Hoffentlich würde der Kommandant so klug sein, die beiden Höhen sorgfältig auskundschaften zu lassen, ehe er es wagte, mit seinen Leuten in die Schlucht einzutreten.

Und wenn der General dieses dennoch unterließ? ? Doch nein, eine solche Unverzeihlichkeit war diesem erprobten Kriegsmann denn doch nicht zuzutrauen.

Aber aufs neue trieb das erhitzte Blut dem Jäger allerlei Befürchtungen zum Gehirn. Er vergrößerte seine Anstrengungen, seine Brust begann sich stürmisch zu heben und zu senken, seine Pulse hämmerten gewaltig. Doch mit unverminderter Kraft strebte er vorwärts.

Schon mußte er die Hälfte der Strecke hinter sich haben und jetzt kam er allgemach auf ein Gelände, wo ihm jeder Baum und jeder Strauch bekannt war; da würde er noch leichter vorwärts kommen.

Viel kam aber jetzt darauf an, ob die Rothäute beide Höhen, von welchen die Schlucht gebildet wurde, besetzt hielten. War die östliche frei, und das mußte sich bald zeigen, dann wollte er dicht an ihrem Fuße vorbei, andernfalls mußte er einen großen Bogen schlagen.

Schon lag der nach dieser Seite mäßig abfallende Hügel auf Büchsenschußnähe vor ihm, und jetzt hielt er geduckt hinter einem Baumstamm.

Er sah scharf hinauf auf die Höhe, beobachtete im Fluge jeden Baum, jeden Strauch, jede Erdfalte ... nichts verriet auf dieser Seite die Anwesenheit eines Feindes.

Addy berechnete, wie lange er gelaufen war und ob dagegen die Kolonne, wenn sie etwa doch weitermarschiert sein sollte, den Eingang der Schlucht schon erreicht haben könne.

Seine Rechnung fiel ungünstig genug aus.

Dies trieb ihn aufs neue zur äußersten Anstrengung. In wildem Laufe stürmte er vorwärts und erreichte kurz darauf den Fuß des Hügels.

Schon war er auch hier eine ziemliche Strecke vorgedrungen, als ihm plötzlich ein neuer Gedanke durch den Kopf schoß.

Wie, wenn er die Höhe erstieg und allein mit den Huronen anband, ob sie nun hüben oder drüben im Hinterhalte lagen? Nur wenige Schüsse über die Schlucht hinweg mußten den General warnen.

Schnell bog er ab und stieg die Anhöhe empor.

Schon hatte er die Hälfte derselben unter sich, ohne bisher auf einen Feind gestoßen zu sein, schon sagte er sich, daß sein Plan gelingen werde, als ihm plötzlich schwindlich und schwarz vor den Augen wurde.

Er hatte seinem Körper denn doch eine zu große Anstrengung zugemutet.

Er begann zu taumeln, seine Beine versagten mit einemmal den Dienst. Schwer schlug seine Schulter gegen einen Baumstamm. Mit einem Schmerzenslaute sank er auf die Erde und betäubt lag er eine Weile.

Endlich regten sich seine Lebensgeister wieder.

Auf die Kniee sich emporraffend, setzte er das Zündhütchen auf den Piston seiner Büchse, um sie dann sofort blindlings abzufeuern.

Als sei der Knall derselben im stande, ein hundertfältiges Echo hervorzurufen, krachten in diesem Augenblicke schnell hintereinander unzählige Schüsse und gleich darauf ließ aus Hunderten von rauhen Kehlen indianisches Kriegsgeschrei sich vernehmen.

Dies riß den Jäger aus seiner Betäubung vollends empor, und so schnell es seine Erschöpfung gestattete, erstieg er den Rest der Anhöhe.

Oben angelangt, bot sich ihm ein grausiger Anblick dar.

Der größere Teil der kleinen Streitmacht hatte die Schlucht, deren morastiger Boden nur durch einen Prügeldamm einigermaßen gangbar gemacht war, bereits passiert und war schon im Begriffe gewesen, auf dem Waldwege die jenseitige Talerweiterung hinanzusteigen.

Der General, kenntlich an seinem Schimmel, mußte unbegreiflicherweise allen voran die Schlucht durchritten haben.

In dem tiefsten Teil der Talsenkung, in der morastigen Schlucht, steckten die Gepäckwagen und jenseits derselben befand sich etwa noch der vierte Teil der ganzen Streitmacht.

Dort war es, wo die Indianer zuerst aus dem Walde des westlichen Berghanges hervorgebrochen sein mußten, den bereits jenseits angelangten Truppen den Rückweg zu verlegen und zugleich die Verbindung der Nachhut mit dem Hauptcorps abzuschneiden.

Zahlreich lagen jenseits der Gepäckwagen stumme Zeugen umher, daß hier ein kurzer, aber wütender Kampf stattgefunden haben mußte, und dem Ausgang der Talenge drängte sich ein dichter Menschenknäuel zu, aus dessen wildwogendem Gewirre verhältnismäßig nur wenige Bauernkittel zu unterscheiden waren.

Noch immer aber brachen ganze Horden fast nackter, teuflisch bemalter Wilden hinter den Bäumen des Abhanges hervor und stürzten sich mit gellendem Geheul auf ihre Opfer.

Mit düster glühenden Blicken, die blutlosen Lippen unmutsvoll aufeinander pressend, sah der Jäger nieder auf die grauenvolle Scene.

Er sagte sich, daß dort unten jegliche Hilfe umsonst sei, daß, wer nicht vermochte, durch die Flucht sich zu retten, unbarmherzig niedergemacht, daß diese ganze Nachhut aufgerieben würde.

Dann flogen seine Blicke hinüber zu dem Manne auf dem Schimmel, der mit kräftiger Stimme Befehle erteilte, die aber, da sie durch das Kampfgetöse und Kriegsgeheul vom andern Ende her übertönt wurden, nur von einem kleinen Teil seiner Truppe und auch hier oben auf der Höhe nicht verstanden werden konnten.

Jetzt gewahrte der Jäger zu seinem Schrecken unmittelbar unter sich vereinzelte Männer plötzlich zur Erde sinken.

Er erkannte sofort, daß auch die Hauptkolonne angegriffen wurde, daß sie einem unsichtbaren Feinde gegenüberstand, der es mit voller Berechnung unterließ, von der Büchse Gebrauch zu machen, vielmehr aus taktischen Gründen es vorzog, sich des geräuschlosen Pfeiles zu bedienen, der in der Hand des Wilden aber eine nicht minder mörderische Waffe ist.

Addy erriet unschwer, daß die Befehle des Generals nichts andres bezweckten, als seine Leute zunächst so rasch wie möglich aus dem Hohlwege herauszuziehen und sie weiter oben, wo das Tal sich erweiterte, zu sammeln, um sie dort im Walde in eine der feindlichen Stellung gleichwertige Stellung zu bringen.

Dies erkennend trat der Jäger entschlossen hinter dem Baumstamm, den er sich zur Deckung erwählt hatte, hervor und sprang in weiten Sätzen die steile Berglehne zu Tal. Er eilte den hier haltenden Offizieren und Mannschaften entlang und rief ihnen zu, man möge trachten, so schnell als möglich dem General nachzueilen, den oberen Ausgang der Schlucht zu gewinnen.

Schon sein Erscheinen bewirkte Wunder und benahm der Truppe einigermaßen die grenzenlose Verwirrung, in die sie durch den plötzlichen Ueberfall geraten war. Laute Freudenrufe schallten ihm entgegen und die einzelnen Unterbefehlshaber, die ihren Kopf vollständig verloren hatten, bemühten sich sofort, dem ergangenen Gebote gerecht zu werden.

Kaum aber hatte sich die Bewegung, die sich jetzt in der Kolonne geltend machte, erkennen lassen, als auch der bisher unsichtbare Feind seine Taktik änderte.

Plötzlich brachen, wie zuvor im untersten Teile der Schlucht, die Indianer gruppenweise aus ihren Verstecken hervor und stürzten sich mit gellendem Kriegsruf auf die Weißen.

Wohl an zehn Stellen entbrannte das erbittertste Handgemenge, und bald bildeten die Kämpfenden einen unentwirrbaren Menschenknäuel.

Die Bauern hatten indessen den ersten Schrecken, den das plötzliche Anstürmen und das geradezu teuflische Aussehen der bunt bemalten und fast nackten Rothäute auf sie ausübte, schnell überwunden und setzten jetzt dem Tomahawk ihr Messer oder den Kolben ihrer schweren Büchse entgegen.

Den kräftigen Widerstand, den die Indianer fanden, mochten sie wohl kaum erwartet haben.

Ihr markdurchdringendes Geheul ließ mit einemmal nach, verstummte endlich ganz, und nunmehr vollzog sich der mörderische Kampf unter einer geradezu unheimlichen Stille.

Brust an Brust rangen die Gegner und wehe dem Schwächeren, demjenigen, der sich eine Blöße gab; unbarmherzig senkte sich der kalte Stahl in seine Brust.

Mit der Kraft und dem Mute des Löwen stürzte sich Addy in das dichteste Kampfgewühl.

Gleich zu Anfang hatte er einem riesigen Wilden gegenübergestanden, und war geschickt dem Wurfe des Tomahawk ausgewichen. Er sprang mit einem Riesensatze gegen die Rothaut an und streckte sie mit einem einzigen Faustschlag nieder.

Schnell bemächtigte sich der Jäger des Kriegsbeiles, und dieses erwies sich in dessen Hand jetzt als eine furchtbare Waffe.

Aalglatt wußte er selbst im dichtesten Menschenhaufen den Waffen der Indianer auszuweichen, zugleich aber sauste die Spitze seines Beiles bald hier bald dort unbarmherzig auf ein Huronenhaupt nieder.

Vielen Kameraden, die in dem fürchterlichen Ringen bereits zu erlahmen drohten, rettete er auf solche Weise das Leben, und wo er in seiner umsichtigen und zugleich stürmischen Weise eingriff, da war der Kampf bald entschieden.

»Brav gemacht, Addy!« scholl es durch die Reihen, als der Rest der Wilden, durch den ungeahnten heftigen Widerstand der Bauern eingeschüchtert, nach und nach auf der ganzen Strecke sich zurückzog und des Jägers Tomahawk, gleichsam als Finale der schauerlichen Blutarbeit, hoch im Bogen hinter einigen Rothäuten herfuhr.

Doch es sollte noch schlimmer kommen.

Wohl gelang es jetzt der Kolonne, die Schlucht zu verlassen und die obere Talerweiterung zu gewinnen, doch hier oben hatte sich unterdessen zwischen dem vordersten Teil der Kolonne und dem Feinde ein Kampf entsponnen, der nicht minder mörderisch war.

Man befand sich hier offenbar der zum Glück etwas später eingetroffenen indianischen Hauptmacht gegenüber, die hinter den Stämmen des Urwalds hervor unablässig feuerte und mit unheimlicher Hartnäckigkeit von Baum zu Baum näher rückte.

General Herckheimer kämpfte in den vordersten Reihen und war darauf gefaßt, daß es binnen kürzester Frist zum Handgemenge kommen werde.

Er hatte längst erwogen, ob er nicht dem Feinde mit einem entschlossenen kraftvollen Angriff zuvorkommen solle, doch die kleine Schar der Getreuen, die um ihn versammelt geblieben war, ließ das als ein allzu großes Wagnis erscheinen, zumal man die Stärke der Gegner auch nicht schätzungsweise zu übersehen vermochte.

Um so mehr gereichte es Herckheimer zur Genugtuung, als jetzt die in der Schlucht zurückgebliebenen Leute Zug um Zug auf dem Kampfplatz eintrafen.

Er erteilte sofort die geeigneten Befehle, die Streitmacht in der vorteilhaftesten Weise zu postieren, und war, um einem etwaigen Sturmlauf des Feindes kräftig zu begegnen, bemüht, sie angemessen zusammenzuschließen.

Derjenige, dem der verhältnismäßig glückliche Ausgang des Kampfes in der Schlucht in erster Linie zu danken war, Addy, verließ, um den Abzug der Kameraden zu decken, mit einigen der streitbarsten Männer als letzter die Talenge.

Die verloren gewesene Ordnung war jetzt schnell wieder einigermaßen hergestellt, wußte doch der General durch Ruhe und Umsicht seine Leute zur höchsten Energie zu entflammen.

Er hatte Befehl gegeben, durch eine seitliche Schwenkung der Flügel die Flanken der Stellung zu decken, und hatte auch den Rücken der Stellung in geeigneter Weise sichern lassen.

Inzwischen waren aber die Rothäute wieder erheblich vorgerückt und schossen in der Entfernung von kaum noch dreißig Schritten.

Aber die Bauern waren unterdessen ruhiger geworden. Im Schutze von Bäumen stehend, teils flach auf dem Boden liegend, nahmen sie das Feuer des grimmen Feindes jetzt mit Kaltblütigkeit auf.

Wo irgend ein federgeschmückter Kopf oder ein nackter braunroter Leib sich blicken ließ, da mußte er seine Vorwitzigkeit empfindlich büßen.

Der General war wie immer auch jetzt wieder im vordersten Treffen. Bald da, bald dort Anordnungen treffend, feuerte er seine Leute zugleich zum hartnäckigsten Widerstand an. Es war ihm klar, hier gab es nur noch eine Rettung: Kampf und Widerstand bis zum Aeußersten.

Das feindliche Feuer wurde immer lebhafter, es nahm von Minute zu Minute zu. Der Kugel- und Pfeilregen wurde binnen kurzer Zeit so heftig, daß auch der General es für geraten hielt, hinter einem Baumstamm Schutz zu suchen.

Herckheimer war dadurch neben einen wenig kriegerisch aussehenden jungen Mann zu stehen gekommen und sagte demselben einige ermunternde Worte.

Im Begriffe, sich von ihm wieder abzuwenden, tauchte hinter einem Busche plötzlich ein baumlanger Hurone auf, der mit wildem Kriegsrufe und geschwungenem Tomahawk nach vorn stürmte, den frei dastehenden General ersah und auf diesen losstürzte.

Der junge Mann, der neben Herckheimer hinter dem Baum am Boden kauerte, hielt die Büchse im Anschlag. »Schieße ? gib es ihm!« schrie der General dem jungen Menschen zu.

Ein Leichtes wäre es dem Schützen gewesen, den Wilden niederzuknallen. Statt aber das Gebot zu befolgen, stieß er einen Schreckensruf aus und machte sich feige davon.

Mindestens ein halbes Dutzend Büchsenläufe richtete sich auf den Indianer.

Der General gewahrte es und ein schmerzliches Lächeln umspielte seine Lippen.

Doch hier war keine Zeit zu verlieren, es galt zu handeln ? den Säbel zur Abwehr ausgelegt, erwartete Herckheimer festen Fußes den Wilden.

Dieser hielt in seinem Laufe an, das Kriegsbeil mit mächtigem Schwunge zum Wurfe erhoben.

Alles dies hatte sich in nur wenigen Sekunden abgespielt. Doch jetzt, in diesem kritischen Augenblicke, richtete sich mindestens ein halbes Dutzend Büchsenläufe auf den Indianer, und von ebensoviel Kugeln durchbohrt brach dieser, das Beil zur Erde fallen lassend, zusammen.

Ein vielstimmiges »Bravo« der Leute ringsum lohnte die befreiende Tat.

Dem jungen Schützen aber, dem der General vergeblich die Aufforderung zum Schießen zugerufen hatte, sollte eine sofortige Lektion für sein feiges Verhalten nicht erspart bleiben.

Wenige Schritte nur hinter ihm stand zur selben Zeit ein mittelgroßer, gedrungen gebauter Mann im grünen Jägerrock, hirschledernen Kniehosen und grünen Wadenstrümpfen. Auf seinem Kopfe saß, keck auf das linke Ohr geschoben, ein kleines, verschossenes, graues Filzhütchen, von dem ein buschiger Gemsbart emporragte und eine grüne Troddel niederhing. Das ganze Aussehen des Mannes ließ schließen, daß er ein Kind der deutschen Alpen war.

Dieser hatte den Vorgang mit angesehen und sofort die Büchse gegen den Huronen erhoben, hatte aber, da der General zuletzt fast genau in derselben Linie stand, keinen sichern Abschuß.

Sofort ließ der Mann die Mündung seiner Büchse sinken und war im Begriffe, dem Bedrohten mit dem Messer in der Faust zu Hilfe zu eilen, als der Hurone bereits zur Erde sank.

In diesem Augenblick wollte der feige Ausreißer an diesem Manne vorbei, doch der erwischte den jungen Menschen flink am Rockkragen und drehte ihn mit einem einzigen gewaltigen Ruck so herum, daß er dicht vor ihn zu stehen kam.

»Feige Hundeseele, du!« schrie der Grünrock, und ein Ausdruck von unbeschreiblicher Verachtung malte sich in seinen verwetterten Zügen. Unwillkürlich erhob er die Hand zum Faustschlage ... der andere zuckte zusammen und streckte die Hände zur Abwehr vor. »Hundling,« knurrte der Grüne grimmig wieder, »sollt man dich net glei derschlagn?« und versetzte dem jungen Menschen in wachsender Entrüstung von der Seite her einen so derben Fußtritt, daß dieser zur Erde schlug und von der Wucht des Stoßes noch etliche Schritte weiter kollerte. Ohne sich nach dem Niedergestoßenen umzusehen, sprang der erzürnte Mann nach vorn.

Aber der Strafe für das feige Verhalten schien es für Fred, wie man den jungen Mann im Mohawktal ziemlich allgemein nannte, noch nicht genug zu sein.

Kaum hatte er sich nämlich mühsam aufgerappelt, als er plötzlich Addy gegenüberstand, der ihm breitbeinig den Weg vertrat.

Der Jäger war in dem Augenblicke, als der Wilde auf den General zusprang, hinter den Bäumen hervorgetreten und hatte den Vorfall gerade noch mit angesehen.

»Laßt mich!« schrie der Feigling, als auch Addy drohend die Faust erhob.

»Wahrlich, du hast das rechte Wort getroffen,« erwiderte der Jäger, plötzlich ganz gelassen werdend, und ließ den Arm langsam sinken. »Ich will dir nichts anhaben, denn dich zu berühren, das hieße meine Hand beschmutzen und dir, du feige Hundeseele, zu viel Ehre antun.«

Sprachs und eilte weiter.

Rasch schlüpfte der junge Mensch hinter den nächsten Baumstamm. Aus den grünlichen, heimtückischen Augen folgte dem Jäger ein Blick voll Haß und Tücke.

Inzwischen hatte sich die Heftigkeit des Kampfes auf der ganzen Linie noch erheblich gesteigert. Die Büchsen knallten ununterbrochen.

Es lag über den Kämpfenden eine eigentümliche Schwüle. Allgemein fühlte man, daß es binnen kurzem zu einem entscheidenden Schlage kommen müsse. Wohl forderten die wohlgezielten blauen Bohnen der Bauern unter ihren Gegnern viele Opfer, doch hielt das die Rothäute nicht ab, noch immer von Baum zu Baum vorzurücken, oder platt in die Erdfalten gedrückt sich vorzuschleichen. Dadurch hatte sich das Feuergefecht bereits auf die Entfernung von zwanzig und fünfzehn Schritten verringert, ja oft standen sich die Gegner nur auf zehn oder noch weniger Schritte gegenüber.

Da erscholl des Herckheimers gewaltige Stimme. Er gebot, daß seine Leute untereinander mehr Fühlung behalten und so viel als möglich trachten sollten, sich noch enger zusammenzuschließen.

Addy, der inzwischen den General begrüßt und sich ihm zur Verfügung gestellt hatte, rannte als sein freiwilliger Adjutant ungeachtet des heftigsten Kugel- und Pfeilregens unablässig die Reihen entlang, den entlegeneren Abteilungen die Befehle des Kommandierenden zu überbringen und da und dort selbständig einzugreifen, um die oft noch recht kriegsungewohnten jüngeren Leute auf Vorteile oder fehlerhafte Positionen aufmerksam zu machen. Längst war ihm der Hut vom Haupte geschossen und seine Stirne von einer blutgetränkten Binde umschlungen.

Da schien es mit einemmal, als ob das Beispiel des Wilden, der es kurz zuvor auf den General abgesehen hatte, zur rechten Zeit aber noch niedergestreckt worden war, auf die Rothäute ansteckend gewirkt habe.

Addy befand sich um diese Zeit in der vordersten Schützenlinie, als dicht neben ihm ein Mann seine Büchse abschoß. Deutlich sah der Jäger drüben im Unterholz eine Rothaut zusammenbrechen, aber in demselben Augenblick erhob sich noch keine zehn Schritte weit, wie aus der Erde gewachsen, ein Hurone, setzte mit einem Sprunge durch die Rauchwolke, die noch vor dem Schützen lag, und zerschmetterte dem Unglücklichen mit einem wuchtigen Hiebe seines Tomahawks den Schädel.

Mit Gedankenschnelle legte Addy den Kolben seiner Büchse an die Wange, und auch dieser rote Krieger hatte zum letztenmal sein Mordbeil geschwungen.

Aber nicht nur hier, auf der ganzen Gefechtslinie schienen die Indianer jetzt diese Taktik zu befolgen.

Hatte einer der Weißen hinter einem Baum hervor seine Büchse abgefeuert, lief ihm, ehe er Zeit fand den Lauf wieder zu laden, plötzlich eine Rothaut entgegen, und wehe dem Schützen, wenn er sich der furchtbaren Waffe des Indianers nicht erwehren konnte.

Und es war erschreckend. Auf der ganzen Linie, wohin man blicken konnte, kam es jetzt zu solchen Einzelkämpfen; der Tomahawk wütete fürchterlich.

Aber dank der Einwirkung des tapfern, umsichtigen Jägers, der mit beispielloser Beweglichkeit bald hier bald dort war und sofort erkannt hatte, daß ein wohlberechnetes System in dieser Kampfesart lag, begriffen die Bauern vom Mohawktal bald, wie sie dieser Kampfesweise des Feindes zu begegnen hatten. Nur noch mit dem Messer in der Faust oder zwischen den Zähnen feuerten sie ihre Büchsen ab, wichen dem anstürmenden Feinde, der mitten in die zurückgebliebene Rauchwolke hineinsprang, geschickt aus und zahlten so ihre anfänglichen Verluste blutig heim.

Da machte sich plötzlich im Zentrum der Stellung eine besonders stürmische Bewegung geltend.

Ein Schimmel sprengte wie toll geworden zwischen den Bäumen umher und richtete durch sein ungebärdiges Umherschlagen unter den Schützen, die hier dicht gedrängt nebeneinander lagen, die größte Verwirrung an.

Es war des Generals Reitpferd. Das Tier hatte eine Kugel empfangen und raste in seinem Schmerze blindlings gegen die Urwaldstämme, bis es sich endlich die Stirne schwer verletzte und dann keuchend zusammenbrach.

Kaum hatten die Indianer den Vorgang wahrgenommen, als sie aufsprangen und mit verdoppelter Wucht hier vordrängten, unverkennbar in der Absicht, sich die augenblickliche Verwirrung nach besten Kräften zu nutze zu machen.

Der General gewahrte zuerst die Gefahr und stürzte sich mit dem blanken Säbel in der Faust den Indianern entgegen. Die Warnungsrufe des tapferen Mannes brachten seine Leute schnell wieder zur Besinnung, ja das mutige Beispiel begeisterte sie dermaßen, daß sie sich mit Todesverachtung dem stürmenden Feinde entgegenwarfen.

Ein fürchterliches Ringen entstand.

Wuchtig durchpfiff die Schneide der Kriegsbeile die Luft, aber ebenso nachdrücklich und hageldicht fielen die Hiebe der Büchsenkolben.

Mehrere Minuten lang wogte der Kampf hin und her, allgemach aber neigte sich das Zünglein der Wage zu Ungunsten der Rothäute, und sie mußten sich, wollten sie nicht völlig niedergeschlagen werden, in ihre Stellung zurückziehen.

Ein kurzer Stillstand trat an dieser Stelle jetzt ein, einer jener Augenblicke, in welchen Freund und Feind, bis zur Erschöpfung mitgenommen, nach Atem ringen, und die Büchsen schwiegen.

Da stieg plötzlich drüben, wo die Indianer im Holze verschwunden waren, eine einzelne kleine Rauchwolke auf, ein scharfer Knall folgte und fast gleichzeitig sank General Herckheimer auf das linke Bein.

Die nächststehenden Leute hatten das wohl bemerkt und liefen eilends herbei, dem Verwundeten hilfreich zur Seite zu stehen, doch der General winkte energisch ab, stützte sich auf die Schulter des Grünrocks, der gerade dicht neben ihm stand, und humpelte mit dessen Unterstützung etliche Schritte zurück.

Gegen einen alten Baumstamm gelehnt, gab Herckheimer, als sei nichts geschehen, mit lauter Stimme den Befehl, den Kampf, unbeirrt um seine Person, sofort wieder aufzunehmen.

Dieser einzelne Schuß war aber überhaupt das Signal zur Wiederaufnahme des Feuergefechts gewesen, und sofort entspann sich auf beiden Seiten wieder das lebhafteste Büchsenknallen. Trotzdem unterließen es die Leute der nächsten Umgebung des Generals nicht, ab und zu einen besorgten, forschenden Blick nach ihm hinüberzuwerfen, und bald hatte sich unter den Bauern die Kunde von der Verwundung des geliebten und verehrten Führers von Mund zu Mund weiter gesprochen. Von allen Seiten schickten die Unterbefehlshaber Boten, sich nach seinem Befinden zu erkundigen, die er aber sämtlich in seiner kurzen barschen Weise damit abfertigte, daß es sich nur um eine unbedeutende Schramme handle; die Hauptleute sollten zusehen, daß sie sich die roten Teufel so weit als möglich vom eigenen Halse hielten, das wäre viel wichtiger.

Auch Addy kam in seiner vorsichtigen Weise, die ihn nie verließ, herbeigesprungen, suchte Schutz hinter einem benachbarten Baum und knurrte von dorther den Verwundeten in einer Tonart an, die überraschen mußte und nur unter der Voraussetzung einer gewissen Vertraulichkeit zwischen den beiden möglich sein konnte.

Der General lächelte gutmütig. »Wo bleibt,« fragte er, »der Respekt, den du dem Oberstkommandierenden schuldig bist?«

»Respekt?« versetzte der Jäger. »Ihr wißt es wohl, daß ich es nie daran mangeln ließ.«

»Du hast mich eben jetzt in einer Weise angefahren, als wenn du der General und ich der Adam Hartmann wäre.«

»Soll man das nicht,« brauste der Jäger auf, »wenn Ihr Euch frei hinstellt, als schössen die Roten mit Preiselbeeren?«

»Du willst doch nicht, daß ich es etwa machen soll wie der Fred?«

»Für Witze ist Zeit und Gelegenheit schlecht gewählt,« entgegnete ernst der Jäger. ? »Ich will Euch etwas sagen. Ihr habt die heilige Pflicht, uns aus dieser unseligen Patsche herauszuhauen, ja noch mehr, zum Siege zu führen. Da ist meine Meinung, daß der Mann, dem diese Aufgabe obliegt, nicht ins erste Treffen, sondern ein gut Stück hinter die Front gehört. Und damit Punktum!«

»Und ich sage dir, daß du deine Weisheit für dich behalten sollst, denn wo ich hingehöre, das will und kann nur ich beurteilen.«

»Auch jetzt seid Ihr noch zu weit vorn,« versetzte der Jäger hartnäckig. Er wollte seinen Worten die Tat sogleich folgen lassen und schickte sich an, den General zu umfassen, um ihn weiter zurückzuführen.

Dieser aber drängte Addy unsanft von sich und gebot fast rauh: »Laß das! Ich weiche keinen Schritt von hier ? ich will dem Feinde ins Gesicht sehen. Damit ebenfalls Punktum!«

Erst glitt es wie Unmut über des Jägers Züge, dann aber blickte er mit einem seltsamen Gemisch von Aerger, Liebe und bewunderndem Stolz zu dem stattlichen Manne auf.

»Sagt, wie steht es eigentlich mit der Wunde?« fragte der Jäger über eine Weile.

»Es ist nichts!«

»Das glaube wer will!«

»Es ist nichts!« verwies ihn noch einmal fast ärgerlich der General.

»Aber ich sehe doch das helle Blut aus Euren Hosen rinnen!«

»Dann sieh nach,« entschied nach einigem Bedenken Herckheimer. »Aber, laß dir gesagt sein, gewahrst du mehr als eine Schramme, dann erzähle es nicht jedem, der es wissen will!«

Der Jäger zog sein Messer, schlitzte dem General ohne weiteres von unten her die Pantalons auf und entdeckte, daß etwa sechs Zoll unter dem Knie eine Kugel in das Bein eingedrungen war, die den Knochen offenbar total zerschmettert haben mußte. Addy konnte nicht begreifen, wie der Verwundete so kaltblütig von einer Schramme sprechen und so standhaft auf dem andern Fuß auszuhalten vermochte. Der Jäger hielt es für geraten, selbst dem General die Schwere der Verwundung zu verheimlichen, aber er bat ihn wieder mit eindringlichen Worten, eine bequemere und geschütztere Stellung aufzusuchen, doch Herckheimer wollte von diesem Ansinnen nichts wissen.

Vorn tobte der Kampf unterdessen in seiner ganzen Heftigkeit weiter und mit seinen Glutaugen den Gang des Gefechtes beobachtend, teilte der Verwundete mit unverminderter Energie und kraftvoller Stimme nach rechts und links wieder eine Reihe von Befehlen aus.

Addy hatte inzwischen aus seiner Jagdtasche einen Leinwandfetzen hervorgezogen und machte sich daran, dem verwundeten Bein einen Verband umzulegen, der wenigstens das Blut stillen sollte. Doch der Jäger hatte dabei einen recht schweren Stand, denn ganz hingenommen von dem Gang des Kampfes stand der General nie still und zuckte nur dann zusammen, wenn er sich so weit vergaß, auch das lahmgeschossene Bein gebrauchen zu wollen.

Die Büchsen donnerten währenddem unablässig, und wieder war eine große Anzahl Indianer in rascher Aufeinanderfolge ungestüm gegen die Schützen vorgesprungen, worauf sich, wie zuvor, wieder furchtbare Einzelkämpfe entwickelten.

So viele Opfer dieses Ringen von Mann zu Mann aber auch forderte, Herckheimer sah es mit freudiger Genugtuung, die braven Bauern hielten wacker stand. Fast heiteren Antlitzes zog er den Tabaksbeutel hervor und stopfte mit Gemütsruhe seine kurze Pfeife. Als Addy mit seinem Samariterdienste fertig war, bat er diesen um Stahl und Schwamm.

Aber dieses letzte ungestüme Vorgehen der Rothäute war im Grunde nur eine Finte; das scharfe und wachsame Auge Herckheimers hatte das noch rechtzeitig erkannt.

Während nämlich ein großer Teil der roten Leute in der vordersten Front kämpfte, zog sich die kleinere Hälfte auf dem Boden schleichend und kriechend langsam zurück und verschwand in den weiter hinten liegenden Dickungen.

Addy hatte inzwischen aus seiner Jagdtasche einen Leinwandfetzen hervorgezogen und machte sich daran, dem verwundeten Bein einen Verband umzulegen.

Herckheimer witterte darin eine neue Gefahr. Er sagte sich, daß die Indianer des heftigen Widerstandes, den sie in der Front fanden, müde seien, daß sie offenbar versuchen wollten, die Stellung zu umgehen. Kurze Zeit darauf sah man auch wirklich weiter hinten kleinere Abteilungen roter Leute auftauchen, die bald rechts, bald links auseinandereilten. Der General gab sofort die entsprechenden Befehle.

Als dann eine halbe Stunde später die Rothäute tatsächlich zu ganzen Haufen die Stellung von rückwärts anzugreifen begannen, fanden sie die Deutschen bereits so eng zusammengezogen, daß sie einen Kreis bildeten und so in enggeschlossenen Schützenketten dem grimmigen Feinde tapfer nach allen Seiten die Stirne darboten.

Als der Kampf diese Wendung genommen hatte, war es noch früh am Tage, kaum erst Mittag.

Bisher hatte die Sonne freundlich vom Himmel niedergeleuchtet, nun aber wurde es unter den mächtigen Kronen des ziemlich dichten Waldes mit einemmal fast abendlich dunkel.

In der Hitze des Kampfes hatten es die wenigsten bemerkt, daß allmählich eine dunkle Regenwolke aus Ost heraufgezogen kam, die jetzt finster und drohend im Zenith stand. Schon fielen die ersten schweren Tropfen, und nach wenigen Minuten zeigte Jupiter Pluvius sein unfreundlichstes Gesicht. Der Regen goß in Strömen.

»Eine nette Bescherung,« sagte Herckheimer, an den Jäger gewendet, der sofort den Verschluß seines Pulverhorns untersuchte und das Schloß der Büchse sorgsam unter die Achselhöhle schob.

»Das ist es, General. Aber der Regen spielt den nackten Teufeln drüben mindestens ebenso übel mit wie uns, und wir haben eine Weile Ruhe.«

In der Tat erstarb das Büchsengeknatter und das Kriegsgeschrei der Wilden mit einemmal fast ganz, goß es jetzt doch vom Himmel, daß man keine drei Schritte zu sehen vermochte.

»Wir wollen die Pause nützen,« wendete der General über eine Weile sich wieder an den Jäger. »Nimm deine Augen in die Hand, mach schnell eine Runde und sieh zu, daß die Kompanieführer ihre Leute dazu anhalten, Pulver und Pfannen trocken zu halten. Sodann sollen sie sich für den Augenblick vorsehen, wenn der Tanz wieder losgeht. Ich lasse sie bitten, hinter jeden Baum nicht einen, sondern zwei Mann zu stellen ? du verstehst: der eine schießt ? springt die Rothaut dann an, hat der andere die Kugel noch im Laufe.«

»Dieser Plan ist gut, General, er soll den Roten übel genug bekommen!«

»Sag den Hauptleuten ferner, sie sollen sich um ebenso viel Raum, als durch die Doppelstellung der Leute erübrigt wird, noch dichter zusammenschließen, keine Lücke lassen! Sag ihnen, wenn sie danach fragen sollten, daß ich ganz munter bin!«

Im nächsten Augenblick war Addy verschwunden.

Herckheimer tat einige tiefe Züge aus seiner Pfeife und rief dann den hinter dem nächsten Baum stehenden Mann herbei; es war der Grünrock.

»Na, Franzl,« redete der General den Mann an, »wie kommt es, daß du nicht ganz vorn bist?«

»Der Addy hat mir extra auftragn, daß i um Euch bleibn soll, und wien i sieh, könnt Ihr mi ja ganz gut brauchen.«

»Na, dann nimm meinem Schimmel dort den Sattel ab und bringe ihn hierher; das lange Stillstehen macht mich müde.«

Der Mann gehorchte. Er brachte den Sattel, den er zu Füßen des Stammes auf das Moos legte und war dann dem Verwundeten behilflich, sich auf dem so geschaffenen Sitze niederzulassen. Das ging nun recht schwer und der Grünrock fragte: »Gstehts ? s hat Enk fest packt?«

»Ach was,« entgegnete Herckheimer, »ein ordentliches Pflaster drauf und die Geschichte wird sich schon wieder machen.«

Der General strafte aber seine Worte Lügen, denn er wurde jetzt mit einemmal um einige Schatten bleicher. Schien er auch von großer Willensstärke und nicht minder großer Widerstandskraft zu sein, der starke Blutverlust hatte seinem Allgemeinbefinden ohne Zweifel doch hart zugesetzt. Er schauerte einigemal merklich zusammen und dies entging nicht dem Grünrock. Zögernd zog dieser ein Schnapsfläschchen aus seiner Brusttasche und bot dem General zu trinken an. »Er is zwar net vom bestn,« sagte er, »aber er is a net schlecht, er macht schön warm ? i denk, a Schluckl kunnt Enk bei dem Malefizregn net schadn.«

Ohne Umstände langte der General zu. »Auf deine Gesundheit, Franzl,« entgegnete er und nahm einen artigen Schluck. »Wenn du wieder mal an meiner Farm vorüberkommst, dann bring deine größte Flasche mit, ich will dir den Trunk von meinem besten ersetzen ? vorausgesetzt, daß uns die Roten überhaupt hier von der Stelle lassen.«

»Dös war net übl,« grollte der Grüne.

»Glaubst du, daß wir ihrer noch Herr werden?«

»Und ob! ? Hieb kriegns ? könnts Enk drauf verlassn.«

Der General lächelte und legte zum Schutz gegen den Regen die Hand über den Kopf seiner brennenden Pfeife.

Es goß jetzt in Strömen.

Von dem dichten Blätterdach der Bäume und von den Hüten und Kleidern der Männer troff und rieselte das Wasser bereits in kleinen Bächlein.

Aber es dauerte nicht lange, da wurde es schon wieder etwas heller. In nicht allzu langer Zeit mußte das Wetter vorüber sein.

Da kam Addy wieder herbei und meldete, daß die gegebenen Befehle sofort ausgeführt würden.

Der General ließ sich sodann von dem Jäger Bericht über den Gang des Gefechtes in der Schlucht erstatten.

Addy schilderte kurz und knapp die Vorgänge und konnte am Schlusse die etwas unwirsche Bemerkung nicht unterdrücken, daß er sich nicht wenig gewundert habe, die Brigade überhaupt in die Schlucht eintreten zu sehen. Man hätte doch, meinte er, mindestens die beiderseitigen Höhen zuvor genau auskundschaften müssen.

»Da hast du ganz recht,« entgegnete der General, »und an dieser Unvorsichtigkeit bin leider ich schuld.«

»Ihr?« fragte erstaunt der Jäger. »Dann muß ich schon sagen, daß ich das dem kriegserfahrenen General Herckheimer nicht zugetraut hätte.«

»Und doch ist dem so,« entgegnete dieser. »Es liegt das, möchte ich sagen, in meinem Charakter ? du weißt, daß ich mir immer zunächst alles genau besehe und mir überlege, was für und wider zu sagen ist.«

»Dann mußtet Ihr aber zweimal zu dem Schlusse kommen, daß der Vormarsch ohne vorherige Sicherung im höchsten Grade gewagt war.«

»Das sagte ich mir auch, aber mein Bedenken und Erwägen gefiel den andern nicht und ich kann es ihnen auch nicht übelnehmen, warum, weil mir diese solide Vernünftigkeit, das bedächtige Ueberlegen oft den Schein des Schwankenden gibt.«

»Dann habt Ihr Euch also überstimmen und drängen lassen?«

»Die Truppen, die zum größten Teil noch ungeübt sind, brannten vor Begierde, sich mit dem Feinde zu messen und fanden an den neugebackenen Offizieren manchen Fürsprecher. Du weißt es vielleicht noch nicht, daß ich einen Boten nach Stanwix sandte, weil mein Plan war, zusammen mit dem Oberst Gansevoort dem Feinde entgegenzutreten. Es schien mir das auch um deswillen geboten, weil die Besatzung des Forts zu schwach war, um sich einer überlegenen Macht gegenüber auf die Dauer zu halten. Als ich meine Bedenken gegen den weiteren Vormarsch geltend machte und darauf bestand, mit dem Vorrücken zu warten, bis von Stanwix das verabredete Signal gegeben sei, da warf man mir vieles vor, sogar Mangel an Entschiedenheit und Patriotismus.«

»Wer war es, der das wagte?«

»Allen voran Oberst Fischer, der die Nachhut führte.«

»Nun, dann hat er es schwer genug gebüßt,« bemerkte der Jäger.

»Ich fürchte es auch,« versetzte Herckheimer. »Nach deiner Schilderung kann von denen, die hinter den Gepäckwagen waren, kaum ein Mann mehr übrig sein.«

Stumm und mit dem Ausdruck tiefer Trauer im Antlitz sah der General vor sich nieder.

Langsam hob er dann wieder sein Haupt und fuhr wie im Selbstgespräch weiter: »Aber was nützte es, die Schreier hatten die Mehrzahl der Leute für sich und ich mußte widerwillig und gegen meine Ansicht, nur um den Ungehorsam schon im Keime zu ersticken, den Befehl zum Vorrücken geben.«

Addy wollte sich zu einem Einwand anschicken, doch Herckheimer winkte energisch ab.

Der Himmel hatte sich inzwischen aufgeklärt und der Regen nachgelassen. Schon fielen wieder die ersten Schüsse.

Die Bauern standen oder lagen jetzt dicht gedrängt, kampfesmutig und entschlossener denn je; fühlte doch jeder die nahende Entscheidung.

Das Feuer der Indianer wurde mit jeder Minute lebhafter und die Bauern blieben die Antwort nicht schuldig.

Und wieder verfolgten die roten Krieger alsbald die Taktik, daß sie, sobald der Gegner den Lauf abgefeuert hatte, auf diesen mit erhobenem Kriegsbeil einsprangen.

Doch jetzt zeigte sich die Wirkung der Herckheimerschen planmäßigen Anordnung.

Sobald der eine Schütze hinter dem Baum hervorgeschossen hatte, legte der zweite Mann an, und die heranspringende Rothaut, die sich ihres Opfers bereits sicher wähnte, mußte ihren Wagemut schwer büßen.

Es kam infolgedessen jetzt nur selten mehr zu den wilden verzweifelten Einzelkämpfen. Die Rothäute fielen jetzt schon im Ansprunge massenhaft, so daß das schmale Terrain, das zwischen den Gegnern lag, von Leichen und Verwundeten, die im letzten Todeskampfe sich wanden, bald förmlich übersät war und allmählich ließen in demselben Maß, wie die Bauern mit jedem niedergestreckten Feind an Zuversicht gewannen, die wütenden Angriffe der Indianer nach.

Schon fühlten sich die Deutschen als die Herren des Gefechtsfeldes und begannen bereits da und dort in laute Jubelrufe auszubrechen, als plötzlich im Norden der Stellung englische Uniformen sichtbar wurden, die das fast schon verstummt gewesene Feuer der Indianer mit verdoppeltem Nachdruck aufnahmen.

Sofort erkannten der General und seine Leute, daß sie es mit einer Abteilung des Johnsonschen Regiments »Royal Greens« zu tun hatten, von welchem sie wußten, daß eine große Anzahl der Mannschaften aus ehemaligen Bewohnern des Tals, ja sogar aus Verwandten und ehemaligen Freunden angeworben waren.

Zeigten die Bauern vom Mohawktal schon den grimmigen Rothäuten eisern die Stirne, so entbrannten sie beim Anblick der Grünröcke zur höchsten Wut. Der ehemalige, dann größtenteils ausgewanderte Nachbar hielt ja zur Sache der kanadischen Regierung; er war ein Verräter; sie verabscheuten und verfolgten ihn darum mit ihrem ganzen Hasse.

Eine durch nichts mehr niederzuhaltende elementare Bewegung machte sich mit einemmal in den Reihen der Farmer geltend. Das Zielen und Schießen dauerte ihnen viel zu lange.

Zornglühend sprangen sie hinter ihren Deckungen hervor, drehten die Büchsen herum und stürmten mit hochgeschwungenen Kolben auf die Royalisten los.

Schon die Wirkung des ersten Ansturmes war eine gewaltige. Die Grünröcke fielen massenweise, dann aber kam es zu einem erbitterten Handgemenge, in welchem die Bauern vom Mohawk mit ihren Büchsenkolben und Messern wie die Löwen kämpften.

Brust an Brust rangen die Gegner und nichts vermochte mehr den zornentbrannten Deutschen stand zu halten.

Mitgerissen und bald voran im dichtesten Kampfgewühl fochten Addy und Franzl.

Der erstere stand unversehens einem feindlichen Offizier gegenüber, dessen hell gebietende Stimme anfeuernd und ermutigend selbst den gellen Schlachtruf der Indianer übertönte.

»Das ist, irre ich nicht, Oberst Cox,« fauchte Addy. »Und der hat mir jetzt gerade lange genug gebrüllt.«

Mit diesen Worten sprang der kühne Jäger auf den Offizier ein und erfaßte ihn bei der Gurgel.

Mit fast übermenschlicher Kraft hob Addy den leichten Mann mit einem einzigen Ruck seiner eisernen Faust in die Höhe und schüttelte ihn so kräftig, als halte er nur ein kleines Kind in seinen Händen.

Da kam dem Obersten mit gezückter Waffe plötzlich ein zweiter Offizier von der Seite her zu Hilfe und fast schien es, als ob es diesmal um den Jäger geschehen sei.

In diesem kritischen Augenblick tauchte aber plötzlich Franzl in dem wirren Menschenknäuel auf und, die Gefahr ersehend, in welcher Addy stand, schlug er mit einem einzigen wuchtigen Hiebe seines Büchsenkolbens den Offizier nieder.

Inzwischen war der Kriegsruf der Indianer so ziemlich verstummt, das Gefecht jetzt außer allem Zweifel entschieden.

Noch aber kämpften vereinzelte dichtgedrängte Gruppen in schrecklichem Handgemenge einen fürchterlichen Kampf.

Da vernahm man plötzlich aus der Richtung des Forts Stanwix heftigen Kanonendonner, und der Rest der Engländer, der Mehrzahl ihrer Führer beraubt und fürchtend, auch im Rücken angegriffen zu werden, stob in wilder Flucht in die Tiefe des Waldes.

Nicht enden wollende Jubelrufe erhoben sich nun unter den tapferen deutschen Bauern von Tryon County, die sich nunmehr nach einem fast beispiellosen schweren Kampf als die Herren des Schlachtfeldes betrachten konnten.

Der Held vom Mohawk.

Es war wenige Tage nach dem blutigen Gefechte bei Oriskany, als vor einem umfangreichen Farmhause in Little Falls, das damals nur aus wenigen nebeneinander liegenden Gebäuden bestand, mehrere Männer um einen runden Tisch in eifrigem Gespräch beim Becher saßen.

Das Wohngebäude der Farm, hinter dem sich noch eine Anzahl Kornschober und ein umfangreicher Scheibenstand mit Kugelfang erhoben, war zwar nur einstöckig und nur aus schwerem Balkenwerk erbaut, trug aber trotzdem den Stempel traulicher Wohnlichkeit, die durch die etwas kriegerisch aussehende Palissadenumgürtung allerdings einigermaßen beeinträchtigt wurde.

Ueber dem Hauseingang prangte weithin sichtbar ein weißüberstrichenes, viereckiges Holzschild, auf dem in großen schwarzen Buchstaben die Worte »Gasthaus zur fröhlich Pfalz« aufgemalt standen.

Eine junge hübsche Maid mit lustigen Blauaugen und hängenden Blondzöpfen, des Wirts Töchterlein, trippelte unter den Gästen umher. Sie hatte soeben frischen Stoff gebracht.

Die Männer nickten dem Mädchen freundlich zu, erhoben die zinnernen Becher und ließen sie zum Umtrunk kräftig zusammenklingen.

»Ja es war eine haarige Geschichte da oben bei Oriskany,« rief ein stämmiger Mann, mit dem Arm in der Schlinge, seiner Umgebung zu, als er den Becher wieder klirrend auf den Tisch gesetzt hatte. »Wahrlich, ich hätte es zu Beginn des Kampfes, als die roten Teufel immer wieder wie aus der Erde wuchsen und wie die wilden Bestien auf uns losfuhren, nie geglaubt, daß wir das Gesindel noch in die Pfanne hauen würden.«

Eine junge hübsche Maid, des Wirts Töchterlein, brachte frischen Stoff.

»Ihr habt recht,« bestätigte ein anderer, der den Kopf mit einem blutbefleckten Linnen umwunden trug. »Zumal ganz zu Anfang, in der Schlucht, hat es windig genug ausgesehen. Wo man nur hinsah, überall blitzten die Beile der Rothäute in der Luft und ? heillos! ? kein Mann von uns wußte, woran wir eigentlich waren. Ein Glück, daß Addy zur rechten Zeit dazwischen fuhr und uns zur Besinnung brachte.«

»Ein prächtiger Mensch, dieser Adam Hartmann« (»Addy«, englische Verniedlichung, Kosename für »Adam«), nickte ein weißhaariger, zitteriger Alter, der natürlich zu Hause geblieben war, aber jetzt die Schilderungen der Bauern, die das Gefecht mitgemacht hatten, mit dem größten Interesse verfolgte. »Man möchte fast glauben, daß er mit dem Leibhaftigen im Bunde steht und unverletzbar ist. Ueberall, wenn es gilt, sieht man ihn voran. Aber weder Pulver und Blei, noch die Schneide eines Messers können ihm was anhaben.«

»Und wie er das machte, wie er mit dem Beil, das er einem baumlangen Huronen abgenommen hatte, immer in das dichteste Gewühl fuhr, das muß man gesehen haben,« betonte der vorige Sprecher. »Und nichts als Umsicht ist es, sage ich. Sein scharfes Auge macht es, seine Geschmeidigkeit, seine Kraft und Gewandtheit.«

»Natürlich ist es das,« bestätigte der Alte. »Ihr werdet doch nicht glauben, daß ich noch in meinen alten Tagen dem Aberglauben zugeschworen habe? ? Doch sagt,« fügte er hinzu und rieb sich mit dem Daumen an der Stirne, »wie lange mag es her sein, daß der Adam jetzt im Tale ist?«

»Im nächsten Frühjahr wird gerade das fünfte Jahr um sein, rechne ich.«

»Das dürfte stimmen ? stimmt,« bestätigten mehrere der Männer.

»Und wer er eigentlich ist und was er für ein Handwerk getrieben hat, ehe er als junger Bursch von drüben herüber kam übers große Wasser, das hat man noch immer nicht erfahren?« fragte wieder der Alte.

»Dös kunnt i enk woll sagn,« hub Franzl, der Grünrock an, als alle anderen Männer schwiegen.

»Na dann los! Kennt Ihr seine Geburtsstätte?«

»Er is aus der Nähe des Rheins her ? wenn ich recht weiß, aus Edenkobn.«

»Und wißt Ihr, was er für ein Handwerk getrieben hat?«

»So viel i erfahrn hab, hat er dort die Rotgerberei derlernt.«

Dröhnendes Lachen der ganzen Tafelrunde.

»Woll, woll ? wahr is!« versicherte Franzl.

»Der Adam ein Rotgerber?« schrieen mehrere der Bauern und sahen Franzl in einer Weise an, als seien sie der Meinung, er hätte einen schlechten Witz zu machen sich erlaubt.

Doch der blieb ernst. »Gwiß is,« versicherte er. »Der Addy hat mirs bein Jagn doch selber vazählt!«

»Nun dann ists kein Wunder,« riefen lachend mehrere der Männer, »daß er den Roten das Fell so gründlich zu gerben versteht!«

»Und,« fragte der Alte wieder, indem er sich mit seinen schwieligen, zitternden Fingern eine Lachträne aus den Augen wischte, »wißt Ihr auch zu sagen, warum ihm sein Handwerk nicht gefallen hat, warum ers nicht drüben zünftig weiter getrieben?«

»Dös kann i enk aa sagn,« versetzte Franzl, indem er das Mundstück seiner Tabakspfeife von dem einen Mundwinkel in den andern schob. »Der Adam hätt die Rotgerberei so leicht nit aufgebn, denn er hat damit a schöns Stückl Geld verdient. Oba er hat danebn no a andere Passion triebn. Eines schönen Tags is ihm nemli das Malör passiert, daß er just da n Hirsch zur Streckn bringt, wos agrad verbotn war.«

»Aha,« riefen die Männer und nickten verständnisinnig mit den Köpfen.

»Der Hirsch,« berichtete Franzl weiter, »hat ihn sakrisch gfreut. Drauf oba is der Förster daherkummn und dös hat a damisch schieche Gschicht gebn.«

»Der Förster hatte ihn abgefaßt und er hätte ins Loch spazieren müssen?«

»Natürli,« bestätigte Franzl, »und weil dem Adam der grüne Wald und der freie Himmel drüber besser gfalln hat als das finstre Löchl, hat er sich bedacht, obs nit gscheiter wär, sich beizeitn nach einer Gegend zmachn, wos aa ka schlechte Jagd, oba no ka Verbot net gibt.«

»Da hat ihm also der Jäger von jung auf im Leibe gesteckt,« bemerkte lächelnd ein großer Schnauzbart.

»Hab mirs doch gleich gedacht,« meinte der Alte, »daß so etwas dahinter steckt, weil er von der Landwirtschaft absolut nichts wissen will. ? Doch sei dem wie es sei, wir wollen alle froh sein, daß wir nächst unserem Herckheimer einen solchen Mann im Tale haben; ich kann nur jedem raten, den Addy nach besten Kräften warm zu halten. ? Aber ihr alle, ihr Mannen, ihr habt euch da oben bei Oriskany wahrlich mannhaft gehalten ? Gott vergelt es euch, euren Kindern und Kindeskindern! ? Wenn der Rote wieder hereingekommen wäre ins Tal, bös würde es ausschauen um das, was wir mit unserer Hände Arbeit der Erde abgerungen haben. Also Achtung vor so wackeren Männern, die uns mit Leib und Blut vor dem Schlimmsten bewahrt haben. Hellauf müßte jetzt dem ganzen Mohawk entlang der Jubel klingen, wenn ? ja wenn,« fügte der alte Mann stockend und mit unsicher gewordener Stimme hinzu, »der Sieg nicht gar so teuer erkauft wäre. ? Ihr wißt es, Mannen, kaum eine Farm wird sein, in der man nicht um einen Toten oder Verwundeten trauert. ? Wer weiß,« seufzte er und eine Träne rollte über seine gefurchte, runzelige Wange, »ob mein Tochtermann, der Rudolf, mit dem Leben davonkommt.«

»Wer wird denn glei flennen, Gerlachbauer,« ließ Franzl gutmütig-derb sich vernehmen. »Es wird si scho wieda machn. Der Rudl is gsund und kräfti ? warts etliche Wochn und er is wieda völli munta.«

»Wills Gott,« nickte der Alte, sah eine Weile sinnend in den zum Trunk erhobenen Becher und fragte dann: »Und wie geht es heute dem Herckheimer? Ihr, Franzl, Ihr müßt es ja wissen.«

»Guat gehts,« antwortete dieser und drückte mit dem Daumen in seiner Pfeife die Asche nieder, »guat! Sein größter Schmerz is, daß der Addy bald wiedakehrt.«

»Er brennt wie wir alle darauf, zu wissen, was zuletzt oben bei Stanwix noch vorgegangen ist?«

»Versteht sich! Und mi wirds mei Lebtag net weni reun,« knurrte Franzl, »daß i net dabei war.«

»Stund Euch ja frei ? konnte sich doch jeder melden!«

»Hat sich was!« entgegnete Franzl, schob den Hut von einem aufs andere Ohr und begegnete dem Sprecher mit Blicken des Unwillens. »Der Addy wollt partout, daß ich dem Herckheimer nit von der Seitn geh.«

»Na ja, das war wohl auch nötig.«

»Natürlich. Addy wollte einen verläßlichen Mann an der Seite des Verwundeten wissen, der ihn in dem allgemeinen Trubel sicher und gut nach Hause brachte ? doch, sehe ich recht, ihr Männer,« unterbrach sich jäh der Redner, »? sieht man nicht dort oben einen ganzen Haufen Mannsleute aus dem Walde hervorkommen?«

Wie elektrisiert sprangen die Männer von den Sitzen und richteten ihre Blicke talauf.

In der Tat kamen auf einem schmalen Waldwege wohl ein halbes Hundert Männer dahergewandert, die, als sie sich bemerkt sahen, mit lauten Jubelrufen ihre Büchsen über den Köpfen schwangen.

»Guat is gangn,« jauchzte Franzl und stieß einen Juchzer aus, so hoch und heftig, daß sich seine Stimme überschlug. »Schad nix,« beschied er sich und lief, von der Mehrzahl der Farmer gefolgt, den Männern entgegen.

An ihrer Spitze marschierte Addy, der Jäger, und an einer Seite hielt sich, leichtfüßig und stumm einherschreitend, der »Flinke Biber«.

»Sieg ? Sieg auf allen Linien!« schrie schon von weitem Addy den Herantrabenden jubelnd entgegen, die diese Nachricht mit erneuten, jauchzenden Freudenrufen beantworteten.

Man begrüßte und schüttelte sich gegenseitig die Hände, dann ging es an ein stürmisches Fragen.

Die Angekommenen aber waren, das sah man ihnen an, von Strapazen hart mitgenommen; ihre Zungen klebten an dem Gaumen.

Sie strebten denn auch vor allem dem Wirtshaus zu, und erst als sie dort einige Erfrischung zu sich genommen hatten, da erst wurde der eine und andere gesprächig.

Nun erfuhren die Frager, was die Angekommenen zuvor nur in abgerissenen Worten andeutungsweise hingeworfen hatten, daß nämlich die Engländer auch vor Stanwix nochmals aufs Haupt geschlagen worden waren, und nun kannte der Freudenausbruch der Männer keine Grenzen mehr.

Laut aufjubelnd umarmten sie sich und Addy mußte es sich gefallen lassen, daß er fast erdrückt wurde.

Nur der Oneidaindianer stand stumm an einen Baum gelehnt, die Büchse im Arm, und ließ die dunklen Glutaugen gleichmütig über die bewegte Scene gleiten.

Als der erste Freudentaumel vorbei war, ging es wieder an ein lebhaftes Fragen nach den Einzelheiten, aber die wenigsten ließen sich halten, denn sie strebten nach Hause zu kommen, warteten doch dort seit vielen Tagen bangend Weib und Kind.

Die einen zogen denn auch sogleich die Straße weiter, andere verschafften sich Pferde, wieder andere setzten über den Fluß, denn weit verstreut lagen die einzelnen Farmen.

Auch Addy schlug sich seitwärts, drängte es ihn doch, dem General so schnell als möglich Bericht zu erstatten, und hatte er ihm doch von dem Kommandanten in Stanwix, Oberst Gansevoort, eine wichtige Botschaft zu überbringen.

Als man den Jäger trotzdem fast gewaltsam zurückhalten wollte, verwies er auf den Oneida, der, wie er sagte, besser noch wie er die Ereignisse zu beobachten Gelegenheit gehabt habe.

Nun zog man den »Flinken Biber« an den Tisch und bot ihm zunächst einige Erfrischungen an. Doch der rote Mann nahm nur von dem dargereichten Tabak und entschied sich für ein Glas Feuerwasser.

»Na, wie wars?« fragte Franzl, als der Oneida seine Pfeife in Brand gesetzt hatte. »Auch mitgholfn?«

Der Grünrock hob zugleich die Faust, um seiner Frage durch eine unverkennbare Geste etlichen Nachdruck zu verleihen.

»Nein ? nicht kämpfen,« entgegnete der Oneida, die Büchse zwischen den Beinen zurechtschiebend, »aber sehen, wie weiße Männer vom Mohawk schon am ersten Tage kämpfen. ? Nicht gut, daß zwischen Bergen marschieren.«

»Das war freilich eine große Dummheit. Also hast du schon den Kampf in der Schlucht mitangesehen?«

»?Flinker Biber? Kampf sehr gut sehen; Männer vom Mohawk und Huronen ?Flinken Biber? nicht sehen. Sehr gut sehen, wie mit Inschen, dann mit Englishmen kämpfen; sehr gut sehen, wie das ?Singende Maul? sehr brav kämpfen.«

Die Farmer brachen in eine Lachsalve aus, denn der eben verliehene Ehrentitel gebührte keinem andern als Franzl, der, wie sie alle wußten, seine Mußestunden nicht selten dazu benutzte, die Maultrommel zu spielen.

Franzl machte im ersten Augenblick ein etwas verdutztes Gesicht. Er verschluckte aber rasch die kleine Wallung, die ihm die unverhoffte Ehrung verursacht hatte, und lachte schließlich selber mit.

Der Rote ließ sich durch das kleine Intermezzo in seiner Ruhe nicht im mindesten stören. Er nahm einen Schluck von dem inzwischen herbeigebrachten Feuerwasser und fuhr dann fort zu erzählen: »?Flinker Biber? sehen, wie Kampf zu Ende gehen, sehen, wie Männer vom Mohawk verwundete Krieger auflesen und forttragen; sehen, wie Addy mit hundert Kriegern den Englishmen und Inschen folgen.«

»Er war fest hinter ihnen drein und hat ihnen noch übel mitgespielt?«

»Nein, Addy nicht fest hinter ihnen her, er nicht kämpfen; er klug, er ganz im stillen folgen; Inschen und Englishmen nicht merken, daß ihnen folgen.«

»Ah ? er hatte sein Plänchen. Die Royal Greens zogen sich aber doch durch die Wälder auf ihre vorherige Stellung zurück?«

»Ja, gehen nach Stanwix; gehen sehr schnell, laufen was ihm können; dort finden dann eine sehr böse Ueberraschung.«

»Wieso das?«

»Der Häuptling der weißen Krieger schicken schon zwei Tage ehe er in der Schlucht kämpfen, Boten an Oberst Gansevoort nach Stanwix, daß werden kommen; er Zeichen verabreden, dann mit ihm zusammen kämpfen. Gansevoort merken, daß Huronen und Englishmen den Mohawkkriegern entgegengehen; er schicken zweihundertfünfzig Mann; er wollen den weißen Kriegern vom Mohawk helfen; er wollen St. Leger im Rücken fassen. Aber Stanwixkrieger nicht finden St. Leger; dann zurückmarschieren und nehmen sein ganzes Lager.«

»Das Lager von St. Leger?«

»Ja, nehmen Lager von St. Leger und Stanwixkrieger dabei sehr brav kämpfen; nehmen alles was ihm finden; nehmen Donnerbüchsen und Fahnen; nehmen Pulver und Blei und nehmen Geschenke für Huronen.«

»Die St. Leger als Belohnung für die Indianer bestimmt hatte?«

»St. Leger führen mit sich sehr viele Geschenke für Inschen; Stanwixkrieger aber nehmen alle; Stanwixkrieger nehmen auch Decken von Inschen; Inschen nackt kämpfen; Inschen zurückkommen, nichts mehr finden, Inschen nichts mehr besitzen.«

»Bravo!« riefen die Männer. »Das ist dem Gezücht zu gönnen; das ist der gerechte Lohn für ihre hündischen Dienste, die sie den Engländern in gewinnsüchtiger Absicht leisteten.«

»Huronen schlecht,« fuhr der Oneida fort, »Huronen sehr schlecht, Huronen geschehen ganz recht. ? Dann Nacht kommen, werden sehr kalt; Inschen keine Decken; Verwundete sehr frieren; viele sterben.«

»Und Addy mit unseren Leuten, wo blieben die?«

»Addy warten, bis ganz dunkel, dann schleichen ganz nahe an Inschen und Englishmen; dort bleiben versteckt im Walde.«

»Er wollte den Englishmen erst am andern Morgen den Denkzettel geben?«

»Addy großer Krieger, kluger Krieger. Er zählen nur hundert Büchsen, aber er nehmen Stellung, daß St. Leger glauben, er haben vor sich alle Mohawkkrieger. Am andern Morgen Englishmen noch schlafen. Addy aber wecken Englishmen. Er schießen fürchterlich auf St. Leger. Gansevoort das hören, er schießen aus dem Fort mit Donnerbüchsen. St. Leger schnell verlieren allen Mut; Englishmen alle verlieren den Mut; dann alle davonlaufen.«

»Brav gemacht!«

»Das läßt sich hören!«

»Da werden wir jetzt wohl für einige Zeit Ruhe haben!«

»Mohawkkrieger bekommen sehr viel Ruhe, Huronen jetzt nicht mehr Freunde von Englishmen.«

»Warum das?«

»Huronen sich fürchterlich ärgern, daß nichts mehr besitzen; daß Englishmen lassen Stanwixkrieger das Lager nehmen. Huronen sich schnell rächen; nehmen noch in der Nacht alles Gepäck von englischen Offizieren; nehmen heimlich alle Boote von Wood Creek und fahren fort auf dem Wasser.«

»O,« lachten die Männer, »das ist noch das beste an der Sache, daß sich die beiden Freunde zuguterletzt selber in die Haare gerieten.«

»Auch englische Offiziere jetzt sehr schlecht sprechen von Huronenkrieger. Früher große Freundschaft, jetzt viele Feindschaft.«

»Das könnte uns nur recht sein, aber ? Pack schlägt sich, Pack verträgt sich; morgen vielleicht schon schließt Thayendanegeas, wenn ihm die Engländer irgend welche Vorteile bieten, einen neuen Vertrag. Was meinst du, Roter?«

»Thayendanegeas zu allem fähig; Huronen sehr viele Krieger verlieren, das den Mohawkkriegern nicht vergessen.«

»Damit willst du sagen, daß wir ihnen bei Oriskany harte Verluste zugefügt und einigen Respekt eingeflößt haben?«

»Huronen jetzt sehr großen Respekt vor Mohawkkrieger; mit Mohawkkrieger nicht mehr offen kämpfen.«

»Das soll doch nicht etwa heißen, daß uns die Huronen in Zukunft mit Besuchen auf Schleichwegen beehren werden? Das wäre ja noch viel schlimmer,« bemerkte einer der Männer.

Der »Flinke Biber« zuckte die Achseln und sagte: »Huronen sehr rachgierig; jetzt aber nicht Schleichweg, nicht Kriegspfad betreten; jetzt Tote beweinen.«

»Ja, sie müssen schauderhaft gelitten haben ? zuletzt, das weiß ja jeder von euch ? sah man ja fast nur noch lauter Grünröcke.«

»Ja, Inschen große Verluste,« erklärte der Rote, »fast alle Häuptlinge tot; sehr viele Krieger tot; viele später sterben. Squaws sehr heulen, wenn heimkommen in ihre Dörfer.«

Der Oneida fuhr von seinem Sitze auf und richtete den Blick forschend in die Ferne.

Ein Reiter im einfachen Bauernkittel, mit einem zweiten ledigen Pferd am Zügel, sprengte die Landstraße herauf.

Dieser Reiter hatte es sehr eilig, denn als er an dem Gasthause vorübergaloppierte und die Männer ihm die Frage zuriefen, was es gäbe, da schenkte er ihnen kaum Gehör. »Zum Wundarzt!« rief er im Vorbeireiten nur schnell über die Achsel zurück und sprengte im schärfsten Tempo weiter.

Die Männer wußten, daß es einer der Großknechte des Herckheimerschen Gutes war, und nicht geringe Aufregung bemächtigte sich jetzt ihrer.

»Es wird doch nicht eine Wendung zum Schlimmen eingetreten sein?« fragte bestürzt der eine und andere, und ihre Befürchtung war leider nicht unbegründet.

General Herckheimer hatte nämlich während und nach dem Treffen bei Oriskany die Schwere seiner Verwundung mit dem größten Heroismus verleugnet, und groß war daher die schmerzliche Ueberraschung zunächst seiner engeren Umgebung, als sich nach seiner Nachhausekunft herausstellte, daß das Bein unterhalb des Knies total zerschmettert sei.

Allgemein aber wurde die Bestürzung, als schon am andern Tag die Kunde wie ein Lauffeuer durch das ganze Tal ging, daß die Amputation des Beins unumgänglich sei, und es gab wohl keinen Talbewohner, der nicht aufs schmerzlichste von dem herben Geschicke ergriffen wurde, das den tapferen Mann betroffen.

Man mußte es unter diesen Umständen dann noch als ein Glück preisen, als der Wundarzt später erklärte, daß die schwere Operation gut von statten gegangen sei ? freilich würde der General leider zum Stelzfuße ?, daß aber nach menschlicher Voraussicht die Heilung eine durchaus normale werden würde.

Und jetzt sollte auch diese plötzlich in Frage gestellt sein? Das wäre des Unglücks doch zu viel gewesen.

»Zum Wundarzt!« rief der Mann im Vorbeireiten schnell über die Achsel zurück und sprengte im schärfsten Tempo weiter.

»I kanns nit glaubn,« fuhr Franzl jäh auf. »Heunt morgn noch war er ja völli frisch und munta.«

»Er hat sogar noch, wie Ihr selber erzähltet, Briefe geschrieben?«

»Hab ihm Feder und Tintn bringn müssn und das Schreiberzeug im Bett eigenhändi zrecht gricht. Und ös wißts, der Herckheimer muaß scho recht guat aufglegt sein, wenn er nach der Federn greift.«

»Die Schreiberei war nie seine Sache, das ist kein Geheimnis.«

»Hab ihn dann gfragt, wies mit der Wundn steht. Glacht hat er und gsagt, daß es mit m Marschiern wohl für alle Zeitn vorbei sei; er würd von jetzt an nur noch wie die großn Herrn hoch zu Roß auf seinen Farmen herumreitn. Aber« ? stockte Franzl ? »i hab von Anfang an zu dem Pflasterschmierer s rechte Vertrauen net ghabt.«

»Zum Wundarzt?«

»Z wem sonst? Man hats dem Menschn förmli angsehn, daß er seiner Sach net sicher war ? i versteh nix vom Doktern und nix vom Amputiern, aber nach meim Dafürhaltn hat er an dem Knochn herumgsablt, daßs a wahre Schand is.«

»Das hat auch,« bestätigte der Schnauzbart, »seine Haushälterin jedem, der es wissen wollte, erzählt. Sie behauptete, es wäre mehr Blut geflossen, als ein Mensch überhaupt besitzen könne; gewiß hätte der Wundarzt vor dem Schneiden die Blutgefäße nicht stark genug unterbunden.«

»So viel is gwiß, ganz richti wars nit,« schimpfte Franzl und warf ein Geldstück so heftig auf den Tisch, daß es hoch aufsprang und zu Boden rollte. Er langte dann nach seiner Büchse, grüßte kurz und schlug mit weiten Schritten den Weg nach dem Herckheimerschen Gute ein.

Dieses lag, wie dem Leser bereits bekannt, etwa eine Stunde weit von Little Falls entfernt. Schon von weitem leuchteten dem Besucher die weißen Mauern und die grünen Fensterläden des Wohnhauses freundlich entgegen. Es lag inmitten eines herrlich bestandenen Baumgutes und zeichnete sich vor den Wohnhäusern der Nachbarfarmen durch das Gepräge der Wohlhabenheit des Besitzers besonders aus. Zu beiden Seiten des Hauseinganges hatte es sogar den Luxus zweier von zierlichem Holzwerk umsäumter Veranden, an denen das Auge nur eines, den Schmuck der sonst üblichen Geißblatt- oder Weinlaubranken vermißte.

Dieser Mangel aber hatte seinen guten Grund. Man konnte und durfte auch hier mit Rücksicht auf eine etwa notwendig werdende Verteidigung dem Erdgeschoß die freie Aussicht nicht benehmen.

Aus dem gleichen Grunde waren auch die vier kleinen Ecktürmchen und das Erdgeschoß auf allen vier Seiten des Hauses zahlreich mit Schießscharten versehen.

Als Franzl daselbst anlangte, traf eben auch der Großknecht mit dem Wundarzte ein.

Der letztere betrat sofort das Haus, während der Knecht den beiden stark erhitzten Pferden Decken überwarf und sie dann nach dem Stalle führte.

Unter dem Hauseingang traf Franzl auf Binche, die Haushälterin, die, heftig schluchzend, mit dem Schürzenzipfel die Augen wischte. Neben ihr an die Wand gelehnt stand derselbe junge Mann, dem Franzl im Gefechte bei Oriskany den Fußtritt versetzte.

Dieser junge Mensch war eine nichts weniger als sympathische Erscheinung. Die grünlichen Augen unter der niedrigen Stirne lagen auffallend nahe bei einander. Das Gesicht war bartlos und geistlos flach. Es entbehrte aber gleichwohl nicht eines gewissen Ausdruckes listiger Verschlagenheit.

Der Blick, der den Eintretenden streifte, verhieß diesem wenig Gutes.

»Wie stehts, Binche (Philippine)?« fragte, ohne dem jungen Manne Beachtung zu schenken, Franzl die Weinende.

»O, schlecht,« schluchzte diese. »Ich fürchte, er machts nicht mehr lange.«

»Was is gschehn? Er war ja heunt morgn noch ganz munta!«

»Nichts ist geschehen ? die Wunde hat ganz von selber zu bluten angefangen ? schon vor einer halben Stunde glaubte ich, es ginge aus.«

Ohne lange zu fragen, ob es gestattet sei, ging Franzl nach dem Krankenzimmer.

Hier traf er auf mehrere männliche und weibliche Verwandte des Generals, die alle, tiefe Trauer in den Mienen, schmerzlich bewegt das Krankenlager umstanden.

Herckheimer lag bleich und mit eingefallenen Wangen von einer Ohnmacht umfangen, die der Wundarzt durch blutstillende und belebende Mittel zu bekämpfen suchte, wobei ihm Addy mit Handreichungen eifrig zur Seite stand.

Fast schien es, als ob alle diese Bemühungen erfolglos sein sollten, als Herckheimer plötzlich die Augen aufschlug, den matten Blick eine Weile auf der Zimmerdecke umherirren, dann auf seinen Verwandten ruhen ließ. Ein leichtes Lächeln glitt dabei um seine blutleeren Lippen.

»Es ist gut, daß ihr da seid,« sagte er über eine Weile mit matter Stimme, »es ist ? denke ich ? gerade die rechte Zeit ? zum Abschiednehmen.«

»Laß das, Nikolaus,« entgegnete ein stattlicher, silberhaariger Alter, der dicht an das Bett herantrat und seine Hand auf diejenige des Generals legte. »Laß das; im Himmel wohnt ein Gott; er ist gnädig, wir wollen die Hoffnung, daß uns dein Leben erhalten bleibt, noch lange nicht aufgeben.«

Wieder lächelte Herckheimer.

»Es wird umsonst sein,« sagte er. »Der liebe Gott im Himmel, er wird mich nicht auf der Erde lassen wollen, er wird mich zu sich nehmen ? ich fühle es.«

Stumm standen die Männer; die Weiber begannen zu schluchzen.

»Es ist wohl schon spät am Tage?« fragte der Kranke nach einer längeren Pause.

Addy, auf den der fragende Blick des Verwundeten gefallen war, nickte bejahend.

»Ja, es will Abend werden,« sagte der General still für sich hin und ein Seufzer entrang sich seiner Brust.

Er versuchte den Kopf ein wenig zu heben und sagte, als ihm Addy das Kopfkissen etwas höher gebettet hatte, mit fester Stimme: »Laßt uns die wenige Zeit noch nützen ? Adam berichte, was gibt es Neues?«

»Herr, Ihr sollt Euch ruhig verhalten,« mahnte der Wundarzt, »jede Erregung wird Euch schaden.«

»Laßt das,« wehrte Herckheimer. »Gönnt mir doch die wenigen Minuten. Ich werde mich nicht mehr erregen, das kann ich Euch sicher versprechen. ? Ihr seht ja, ebenso wie ich dem Feind fest ins Auge gesehen habe, so sehe ich auch dem Tode ruhig entgegen. ? Also, Adam ?«

»Ein Bote mit einem Brief ist angekommen.«

»Von wem?«

»Vom General Schuyler.«

»Vom Schuyler ?? Dann brich den Brief auf ? lies ihn.«

Addy tat wie ihm geheißen, entfaltete das Schreiben und las mit bewegter Stimme:

 

»Soeben habe ich Ihren gestrigen Brief erhalten. Ihre und Ihrer wenigen Mitkämpfer Tapferkeit, welche eine so überlegene Anzahl Wilder zurückschlug, macht Ihnen große Ehre. Ich habe Ihnen vor drei Tagen einige Kontinentaltruppen zugesandt, eine andere Abteilung marschiert heute ab, und da die Miliz auch herbeieilt, so hoffe ich, Ihnen bald fernere Verstärkungen zuschicken zu können. Ich wünsche Ihnen eine glückliche und schnelle Heilung Ihrer Wunden.

Philipp Schuyler.«

»Demnach scheint es im Norden und unten am Hudson nicht allzu schlecht zu stehen ? hoffentlich gelingt es Schuyler, das Fort Eduard zu halten. ? Und das Lob, das er uns spendet ? daran gebührt dir ein redlich Teil, Adam.«

»Wir wollen davon nicht reden,« meinte Addy und faltete das Papierblatt wieder zusammen. »Wir haben ein jeglicher unsere Schuldigkeit getan. Wir wollen nur wünschen, daß der Wunsch am Schlusse des Briefes recht bald zur Wahrheit wird.«

»Ja, der Wunsch am Schlusse ? er ist gut gemeint von dem Schuyler,« versetzte Herckheimer, ? »aber, ich fürchte, er wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.«

Wieder versank der Kranke in Nachsinnen und was seinen Geist beschäftigte, mußte friedsam freundlicher Natur sein, denn der Ausdruck seines bleichen Antlitzes war fast heiter.

Niemand wagte das Schweigen zu unterbrechen. Alle Anwesenden blieben still und stumm. Nur vom offenstehenden Nebenzimmer her tickte leise der Schlag einer Standuhr.

Plötzlich sagte der Kranke: »Die Zeit eilt ? Adam ? höre auf mich ? ich habe mit dir noch ein ernstes Wort zu reden. ? Du bist als einer der wackersten Männer im ganzen Tal wohlgelitten ? aber,« fuhr Herckheimer, nachdem er eine kleine Pause gemacht hatte, weiter, »du bist ein unsteter Geselle. Ich fürchte, wie dich der Wind eines Tages von ungefähr in das Tal hereingeweht hat, so möchte es sein, daß du plötzlich wieder gingest. Das ? Adam ? möchte ich verhüten. ? Du wirst noch mehr von mir hören ? dann, wenn ich nicht mehr bin ? der Gedanke, dich an uns zu fesseln, hat mich von jeher beschäftigt, er ist nicht von heute. Versprich mir jetzt ? dem sterbenden Herckheimer ?, daß du der Unsere bleiben willst, daß du den Unsern, die, wie ich wohl weiß, nachgerade auch dir ans Herz gewachsen sind, stets mit Rat und Tat an die Hand gehen wirst. Sie brauchen einen starken Mann mit deiner Erfahrung um sich, von deiner Umsicht, deinem Mute und deiner Entschlossenheit, denn wer weiß, was die Zeiten bringen. Du bist übrigens doch auch schon ein reiferer Mann, bist beliebt, könntest es zu Besitz und Ansehen bringen, und ? glaube mir ? eine feste Scholle unter den Füßen könnte dir wahrlich nicht schaden.«

Addy war sichtlich zu sehr bewegt, um mit Worten antworten zu können. Der wetterharte Mann wischte mit dem Handrücken über die Augen, erfaßte dann sachte, als fürchte er etwas zu zerbrechen, des Verwundeten Hand und umschloß sie mit sanftem Drucke.

Die lange Rede hatte Herckheimer sichtlich geschwächt. Ermattet ließ er den Kopf tiefer in das Kissen sinken.

Plötzlich aber erhob er das Haupt wieder etwas und mit einem unbeschreiblichen Ausdruck im Antlitz sagte er: »Seid still ? ganz still ? ? es kommt ? ich fühle es, es kommt ? ? gebt mir noch ein weiteres Kissen unter den Kopf ? und ? die Bibel.«

Man entsprach schnell seinem Wunsche.

Herckheimer erfaßte das schwere Buch mit zitternden Händen und blätterte darin nicht lange.

Die Anwesenden sanken auf die Kniee nieder, dann las er:

»Herr strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm ... denn deine Pfeile stecken in mir, und deine Hand drücket mich ... Mein Herz bebt, meine Kraft hat mich verlassen, und das Licht meiner Augen ist nicht bei mir ... Und muß sein wie einer, der nicht höret, und der keine Widerrede in seinem Munde hat ... Aber ich harre, Herr, auf dich; du, Herr, mein Gott, wirst erhören ... Verlaß mich nicht, sei nicht fern von mir ... Eile mir beizustehen, Herr, meine Hilfe ...«

Mit den letzten Worten des Psalms sank Herckheimers Stimme fast zur Tonlosigkeit herab, das Buch entfiel den fast durchsichtig gewordenen Händen. Mit einem friedsamen Lächeln im Antlitz war der Held vom Mohawktal sanft entschlummert.

*

Während ein graubärtiger Alter etwa fünfundzwanzig Ruten südöstlich vom Herckheimerschen Wohnhause das Grab schaufelte, hatte die Kunde von dem Tode des geliebten Führers wie ein Lauffeuer durch das ganze Tal ihren Weg genommen und überall die tiefste Trauer erweckt.

Von allen Richtungen kamen die Farmer, jung und alt, zu Fuß und zu Pferde, um dem allverehrten Manne und tapferen Kommandanten der Milizen das letzte Geleite zu geben.

Als einer der letzten trat Addy an den Rand der Grube vor, entblößte sein Haupt und stand lange im stillen Gebete.

Es war eine imposante Versammlung von wetterfesten Männern, sonst fröhlich in der Arbeit, fröhlich im Genusse, wacker im Streite mit dem grimmigen Feinde, heute aber stumm und still, voll tiefer Trauer an dem Rande der feuchten Grube stehend, in die sie ihren Besten versenkten.

Wußten sie doch, was sie an ihm verloren hatten, was sie ihm seit Jahren an Dank schuldeten, zuletzt noch durch seinen frischen Wagemut, den mordgierigen Feind nicht erst zu erwarten, sondern aufzusuchen, ihm keck die Stirn zu bieten; kannten sie doch alle sein edles Beispiel, wodurch er die Männer zur höchsten Hartnäckigkeit entflammte und ein ohne sein Verschulden unglücklich eingeleitetes Treffen, das fast schon eine Niederlage war, in einen Triumph wandelte.

Mancher unter ihnen beweinte seit jenem Gefecht den Sohn, den Bruder oder Vater. Ihr Herz krampfte sich zusammen und die Zornesader schwoll ihnen, wenn sie daran dachten, daß es dem Feinde früher oder später wieder einmal gefallen könnte, mit rauher Hand in ihre friedvolle Arbeit einzugreifen. Wehe ihm, wenn er es wagen sollte!

Addy stand gesenkten Hauptes, krampfhaft den Lauf seiner Büchse mit beiden Händen umklammernd, jäh zusammenschauernd, als die erste Erdscholle dumpf auf den Deckel des versenkten Sarges niederfiel.

Als einer der letzten trat er an den Rand der Grube vor, entblößte sein Haupt und stand lange im stillen Gebete.

Als er sich dann mit einem letzten Abschiedsgruß abwendete, fiel sein Blick in die Ferne; er umdüsterte sich und blieb unwillkürlich an den Bergen im Westen haften, wo wenige Tage zuvor Ströme von Blut geflossen waren.

Aber nicht allein im ganzen Mohawktal war die tiefste Trauer eingekehrt, sie nahm ihren Weg weit hinein ins Land. Ueberall erkannte man die Bedeutung des Treffens bei Oriskany und pries die Wendung, welche dadurch die bisher unglücklich geführte nördliche Campagne genommen. Ja, sogar der Kongreß der Vereinigten Staaten trat alsbald zusammen und sprach dem treuen heimgegangenen Patrioten in einem offiziellen Schreiben den Dank der Staatenregierung aus und dekretierte zugleich fünfhundert Dollar, ihm ein Denkmal zu setzen, das indessen heute, nach mehr als hundert Jahren, dem tapferen Sohn des Pfälzer Bauern noch nicht errichtet ist.

Wohl aber traten die Farmer in und um Little Falls zusammen und setzten einen einfachen weißen Gedenkstein auf das Grab, auf dem die Inschrift zu lesen steht:

»General Nikolaus Herckheimer,
gestorben am 14. August, zehn Tage nach der Schlacht von Oriskany,
in welcher er die Wunde erhielt, die seinen Tod herbeigeführt hat.«

Der rote Hahn.

Fast ein Vierteljahr war ins Land gegangen. Auf den Farmen entlang dem Mohawk begann man wieder freier aufzuatmen.

Jetzt kannte man auch den Plan, welcher der englischen Invasion nach den Gebieten des Hudson und Mohawk zu Grunde gelegen hatte, bis ins einzelne.

General Bourgoyne, der schon Ende Juli nach dem Süden aufgebrochen war, hatte die Absicht, sich mit dem von New York heranrückenden General Clinton zu vereinigen, und sie beide wollten dann nichts Geringeres bezwecken, als die Neu-England-Staaten von der unter Washington stehenden Freiheitsarmee und jede Verbindung mit dem Kongreß abzuschneiden.

Aber es war, dank den treffsicheren Büchsen und sehnigen Fäusten der Milizen, doch anders gekommen.

Als im Mohawktal durch Addy die Nachricht bestätigt wurde, daß Bourgoyne den Marsch von St. Johns aus in der Tat angetreten habe und den Oberst St. Leger mit mehr als tausend Huronen unter Führung ihres Häuptlings Thayendanegeas auf das Mohawktal loslassen würde, da war es Herckheimer sofort klar, daß es zunächst auf den Fall des Forts Stanwix abgesehen sei. Dies mußte unter allen Umständen vereitelt werden, denn mit der Einnahme dieses befestigten Punktes war der Weg für St. Leger bis hinab an die Mündung des Flusses so gut wie frei und das blühende Tal dann der Vernichtung preisgegeben.

Nun, der Leser weiß ja bereits, daß Herckheimer sich mit seiner Brigade sofort dem Feind entgegenwarf, um ihn nicht erst an den Mohawk gelangen zu lassen.

Das blutige Treffen, zu dem es dann bei Oriskany kam, aus dem Zusammenhang der Geschichte gerissen, kann ja keineswegs als ein großes kriegerisches Ereignis bezeichnet werden, doch waren die Folgen unter allgemeinen Gesichtspunkten betrachtet geradezu unberechenbare. Hätte General Herckheimer nicht den Entschluß gefaßt, den Feind aufzusuchen und wäre es ihm nicht gelungen, ihm eine entscheidende Niederlage beizubringen, würden weitaus überlegene Streitkräfte ins Mohawktal hereingebrochen sein. Und wer kann sagen, wie sich die Dinge entwickelt hätten, wäre es St. Leger gelungen, bis an die Mündung des Flusses vorzudringen und dort den Milizen, die sich eben anschickten, den Bourgoyneschen Kolonnen entgegenzutreten, in die Seite zu fallen. Die tapferen Bauern vom Mohawk hatten also nicht allein für Haus und Hof gekämpft, ihre Weiber und Kinder vor dem Tomahawk und dem Skalpmesser bewahrt, sondern für das ganze Land geblutet und damit den Weg zur Begründung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten nach besten Kräften geebnet.

Und noch einmal, wenige Wochen nach dem Treffen bei Oriskany, gab es im Mohawktal die größte Bestürzung.

Man erfuhr, daß Bourgoyne neben mehreren größeren Indianerhorden über 9000 Mann verfügte, mit denen er sich zunächst gegen das nördlich des Mohawk gelegene Fort Eduard wandte. Der amerikanische General Schuyler, der um jene Zeit dieses Fort besetzt hielt, vermochte der anrückenden Uebermacht nicht zu widerstehen und zog sich über den Hudson nach Saratoga zurück, indem er zugleich alle auf dem Fluß vorhandenen Schiffe zerstörte und dem Feind auch sonst viele Hindernisse in den Weg legte.

Nichtsdestoweniger lag die Gefahr, daß feindliche Truppen, diesmal von Norden und Osten her ins Tal brechen würden, aufs neue nahe und man beruhigte sich erst, als die Nachricht eintraf, daß die amerikanischen Milizen einem Teil der Bourgoyneschen Truppen in der Nähe von Bennigton eine empfindliche Niederlage beigebracht hatten.

Bourgoyne fand nämlich auf seinem Vormarsche so viele Schwierigkeiten vor, daß es um die Verproviantierung seiner Truppen bald recht herzlich schlecht stand. Da er wußte, daß die Amerikaner in Bennigton große Vorräte an Nahrungsmitteln und Kriegsmaterial gesammelt hatten, sandte er eine größere Kolonne seines Heeres unter dem Kommando des Obersten Baum dahin.

Mittlerweile hatten sich aber auch in diesem Distrikte einzelne Indianerhaufen sengend und mordend eingefunden und dadurch den zahlreichen Kolonisten die Büchse in die Hand gedrückt. Sie ließen Haus und Hof im Stiche, fanden sich unter Oberst Stark zu einer wohlorganisierten, wohl an 13 000 Mann starken Miliztruppe zusammen, und diesen streitbaren Männern war es gelungen, den Engländern den schweren Schlag bei Bennigton beizubringen. Bourgoyne hatte an diesem Tage den Verlust von nahezu 700 Mann, darunter viele Offiziere, mehrere Geschütze und sonstige Kriegsbeute, zu beklagen.

Selbstverständlich hatten auch diese Kolonisten nicht versäumt, ehe sie Haus und Hof verließen, alle Lebensmittel und das vorhanden gewesene Vieh zu verstecken, zu vernichten oder unbrauchbar zu machen. Dadurch wuchsen für Bourgoyne die Schwierigkeiten.

Gleichwohl ging er über den Hudson und nach mehreren kleineren, aber heftigen Kämpfen kam es am 7. Oktober zur Entscheidungsschlacht, die mit einer derartigen Niederlage der Engländer endete, daß sie sich völlig erschöpft wieder auf Saratoga zurückzogen.

Aber die Amerikaner wollten das Eisen schmieden, so lange es heiß war. Sie folgten Bourgoyne auf dem Fuße und setzten ihm unter der Führung des mittlerweile zur Unterstützung herbeigeeilten Generals Gates so hart zu, daß sich der englische Oberbefehlshaber endlich zur Kapitulation genötigt sah.

Nun atmete man im ganzen Nordosten der heutigen Vereinigten Staaten freier auf. Jetzt durfte man hoffen, daß die Kriegswirren ein Ende hatten, daß die drückende und darum verhaßte englische Herrschaft so gut wie abgeschüttelt war.

Nun war man auch im Mohawktal wieder guten Mutes, zumal inzwischen die schlimmsten Wunden bereits vernarbt waren und die so sehr bedroht gewesene reiche Ernte glücklich in den Kornschobern lag. Voll Zuversicht zog der Farmer hinaus zur Wintersaat auf Felder und Aecker, die, kurz zuvor noch in allen Farben prangend, sich mittlerweile zu einem eintönigen Rostbraun gewandelt hatten. Nur oben auf den Höhen leuchteten die immer noch üppigen Laubgewölbe der Wälder in den buntesten, ja oft feurig roten Farbentönen. Aber auch das dichte Unterholz mit seinem wirren Blättergeranke zeugte davon, daß der Herbst voll hereingebrochen war, wandelte sich doch auch dieses bereits zum buntesten Farbenchaos und bot, wenn an heiteren Tagen der Sonne Strahlen sich darüber ergossen, in seinem Brennen und Leuchten ein Bild von zauberischer Schönheit dar.

Mitunter ward das Wetter aber auch schon recht trübe und ein kühler Nord ging über die Höhen und Fluren. Dann wurde es oben im Walde lebendig in dem wirren Geäste. Die welken Blätter lösten sich und sanken wirbelnd zur Erde, als seien sie eins ums andre von einer unsichtbaren Hand vom mütterlichen Zweige gebrochen.

Aus einem engen Seitentale, unweit Little Falls, sandte munteren Laufes ein Flüßchen seine Wasser zum Mohawk nieder.

Doch wenn man das entlegene Tal, das selten eines Farmers Fuß betrat, höher emporstieg, wurde der Lauf des Flusses, trotz des Wasserreichtums und des erheblichen Gefälles, mehr und mehr träge.

Hier fanden sich in dem oft zwanzig Meter breiten Flußbett quer im Halbbogen Dämme gezogen, die auf der Stromseite eine fast senkrecht abfallende, zwei bis drei Meter hohe Wand, stromauf aber eine Böschung bildeten.

Diese merkwürdigen, immer wiederkehrenden Bauwerke bestanden in der Hauptsache aus mehr oder weniger starkem, in den Grund des Flusses versenktem Knüppelholz, das durch Lehm und Erde zu einem festen Bollwerk verdichtet war.

Die Dämme trugen gewöhnlich am untersten Punkte des Halbrunds eine oder mehrere Einsenkungen, aus denen nur dünn und spärlich das obere Stauwasser abzulaufen vermochte.

Ober- wie unterhalb dieser Flußdurchquerungen ragten eine Menge wirr durcheinander liegender, backofenartiger Hügel aus dem Wasser empor, alle ebenso wie die Dämme aus abgeschälten Holzstücken, Erde, Lehm und Sand zusammengeschichtet.

Durch diese eigentümlichen, unverkennbar durch künstliches Zutun in den Fluß verstreuten Bauwerke wurde dieser zu einer förmlichen Kette von Stauwasserteichen umgebildet.

Es war an einem heiteren, klaren Nachmittage, die Sonne neigte sich schon stark dem Horizonte zu, da tauchte an einem dieser Dämme, mitten im Flusse, ein kleiner dunkler Punkt auf, der sich geräuschlos, doch mit großer Schnelligkeit dem Ufer zu bewegte.

Dort erhob sich bedächtig ein dunkelhaariger, verhältnismäßig breiter Kopf mit stumpfer Schnauze und kleinen beweglichen, schwarzen Augen, dem langsam ein kurzer, dicker Hals, dann ein fast meterlanger, gedrungener Leib folgte.

Das wollhaarige Tier, den Schwanz noch im Wasser hängen lassend, sicherte eine Weile, erstieg dann mit seinen kräftigen Beinen vollends das Ufer und verschwand in dem hier unmittelbar bis an den Fluß heranreichenden Waldesdickicht.

Nun wurde es mit einemmal im ganzen Flusse lebendig.

Da und dort erschienen wohl ein Dutzend dunkle Punkte, schossen ans Ufer, Tiere wurden sichtbar, ganz ebenso gestaltet wie das vorige, sicherten und stiegen ganz ebenso und mit der gleichen Vorsicht ans Land.

Kaum waren alle diese langgestreckten dunklen Tiergestalten einige Minuten in dem Walde verschwunden, als ein vielstimmiges, seltsam schnarrendes Getöse hörbar wurde, dem bald hier, bald dort, schnell aufeinander das jähe ächzende Krachen brechender Baumstämme folgte. Wieder über eine Weile erhob sich ein eigentümliches Geräusch, als ob mit emsiger Geschäftigkeit Zweig um Zweig von den Stämmen abgerissen, zernagt und zermürbt würde. Es nahm bald darauf wieder einen andern Charakter an. Es schien, als ob unsichtbare Geister schwere Holzstücke vorbei an knisternden und knackenden Büschen und über das dürre Laubwerk am Boden zu schleifen bemüht seien.

Plötzlich zwei Schüsse, deren Knall hundertfältig in dem engen Tal wiederhallte.

Lebhaftes Rascheln in dem dürren Laube entstand. Entlang dem Ufer klatschten schnell hintereinander jäh daherschießende dunkle Leiber in den Fluß; das Wasser rauschte auf, dann ward es unter den Bäumen und über dem Flusse wieder einsam stille.

»Hoiho ? ein Prachtsbursche,« ließ sich über eine kleine Weile eine sonore, männliche Stimme vernehmen, der sofort eine zweite antwortete: »Auch der meine is net übel!«

Addy und Franzl tauchten am Ufer des Flüßchens auf. Sie hatten hier auf dem Anstand gelegen und jetzt trat einer zu dem andern, jeder einen feisten Biber in den Händen.

Die beiden Jäger betrachteten gegenseitig ihre Beute, junge, jedoch völlig ausgewachsene Exemplare, mit sehr schönen, weichhaarigen, glänzenden Fellen.

Als die beiden gegenseitig ihre Befriedigung geäußert hatten, gingen sie auf eine kleine Lichtung zurück, wo noch mehrere erlegte Biber zwischen einer Anzahl Fallen umherlagen.

Die Jäger warfen die Beute zum übrigen und begannen, die Fanggeräte mit frischen Zweigen zu beködern, worauf sie dieselben schweigsam und unter aller Vorsicht größere und kleinere Strecken weit hinauf und hinab an den Fluß trugen und dem Wasser entlang an einer Reihe von Anstiegen aufstellten.

Darüber war mehr als eine Stunde vergangen und im Walde wurde es mittlerweile ziemlich dunkel.

Da ließ sich unten am Flusse ein schriller, eigentümlicher Pfiff vernehmen, worauf weiter oben ein zweiter in derselben Weise antwortete.

Kurz darauf fanden sich die beiden Jäger wie zuvor auf der Lichtung zusammen, wo jeder mit der Hälfte der erbeuteten Tiere sich bepackte. Sie schlugen dann auf einem schmalen, sonst kaum begangenen Weidmannspfade den Weg nach dem Mohawktal ein.

Schweigend wanderten sie dahin.

Der Boden war moosig und weich und die Schritte der beiden Wanderer daher kaum vernehmbar. Ab und zu nur streiften die Füße welke Blätter oder es berührten die Schultern leise knisternde Zweige.

So gingen sie fast schon eine Stunde.

Es war inzwischen stockfinster geworden, man sah kaum die Hand vor den Augen; nur der geübte und erfahrene Waldläufer vermochte unter diesen Umständen, des Zieles und des Weges sicher, hier vorwärts zu kommen.

Endlich lichteten sich über den beiden die Baumkronen, es wurde etwas heller. Man konnte jetzt wenigstens die allernächste Umgebung unterscheiden und in der Ferne, offenbar unten im Tal, wurden bereits einzelne Lichter sichtbar.

Die beiden Jäger waren im Begriffe aus dem Walde herauszutreten, als Addy plötzlich stehen blieb und seine rechte Hand auf des andern Schulter legte.

Etwa zwanzig Schritte von ihnen senkte sich der Pfad mit einemmal ziemlich steil dem Tal zu.

Dort war die dunkle Silhouette einer menschlichen Gestalt sichtbar geworden, die, solange die beiden im Schatten der letzten Bäume beobachtend stehen blieben, ihren Standpunkt ebensowenig veränderte.

Mit angehaltenem Atem lauschten sie.

Geraume Weile verhielt sich der Fremde untätig, plötzlich aber ließen sich leichte, hellklingende Schläge vernehmen; kleine Funken sprühten auf im nächtlichen Dunkel.

Der Mann dort schlug offenbar mit Stahl und Schwamm Feuer an, um sich seine Tabakspfeife zu entzünden.

Die beiden Jäger hatten also zweifellos einen Talbewohner vor sich. Was aber mochte diesen, zu so später Stunde noch hier oben an den Wald führen?

Die beiden traten vor und der andere, sie gewahrend, kam schnell einige Schritte näher, prallte aber schon in halber Entfernung wie erschrocken zurück und lief dann leichtfüßig von dannen.

Dieses kam den beiden so unerwartet, mußte ihnen aber doch derart auffallen, daß sie wie auf Verabredung beide unwillkürlich ihre Beute abwarfen und dem Mann, der sie allem Anschein nach erkannt hatte, sich aber dennoch so sonderbar verhielt, nachsetzten. So sehr sie aber auch eine Strecke weit liefen, dann die ganze nähere Umgebung aufs genaueste absuchten, der Ausreißer war und blieb verschwunden.

»Merkwürdig,« ? sagte Addy, nachdem sie sich entschlossen hatten, von der Suche abzulassen und nach dem Waldrand zurückzukehren, ihre dort abgelegte Bürde wieder aufzunehmen ? »wenn der Mensch gleich davongelaufen wäre, würde ich mich über ihn nicht wundern.«

»So aber,« stimmte Franzl bei, »sieht er uns, geht uns entgegn und erst als er merkn mueß, daß ers mit harmlosn Leutn z tun hat, lauft er davon. Möcht man nit akkrat glaubn, daß der Mensch a schlechts Gwissn hat?«

»Das möchte man allerdings glauben,« versetzte Addy, ? »und wenn mich mein Auge nicht ganz getäuscht hat ?«

»? Könnts der Fred gwesn sein,« ergänzte der andere.

»Nun, da haben wirs ? es kam Euch also auch so vor?«

»Drauf schwörn wullt i nit ? s is heunt verflixt dunkl.«

»Aber Ihr gebt zu, der Mann hatte ganz des Freds schmale Figur, seinen Gang, beim Laufen die schlenkernden Armbewegungen ? was kann der Bursche zu dieser späten Stunde hier oben zu suchen haben?«

Sie erwogen im Weiterschreiten noch lange diese Frage, ohne zu einer annehmbaren Schlußfolgerung zu gelangen und waren endlich in Little Falls angekommen, wo sie nach des Tages Strapazen, einer Erfrischung bedürftig, in das »Gasthaus zur fröhlich Pfalz« eintraten.

Hier saßen in dem Schenkraum mehrere Farmer, welche die Eintretenden mit Hallo begrüßten und lebhaft interessiert deren Beute besichtigten.

Die beiden lehnten ihre Büchsen neben die Flinten der bereits Anwesenden und ließen sich Erfrischungen vorsetzen. Man trank ihnen zu und bald war das lebhafteste Gespräch im Gange, der Mann oben am Walde vergessen.

Addy oder Adam Hartmann, wie er eigentlich hieß, genoß im Kreise dieser Leute, das merkte man an allem, das größte Ansehen. Er war zwar keineswegs ein amüsanter Gesellschafter, seine Beteiligung an der Unterhaltung war sogar eine recht dürftige, er traf aber, wenn es galt, Rede und Antwort zu geben, stets den Nagel auf den Kopf. Und wie man in dem hier versammelten kleinen Kreise seiner Person die größte Aufmerksamkeit entgegenbrachte und seinem Urteile immer die größte Bedeutung beilegte, so war das im ganzen Tal der Fall. Er mochte auf seinen weiten Streifungen an die Türe irgend einer Farm pochen, überall sah man ihn gern, überall behandelte man ihn mit der größten Achtung, überall bedurfte man seines Rates und brachte ihm die weiteste Gastfreundschaft entgegen.

Dieses sein Ansehen und seine Beliebtheit gründeten sich in der Hauptsache auf die vielen Verdienste, die er sich durch Umsicht, Unerschrockenheit und Tapferkeit unter diesen Leuten erworben hatte, ermangelte aber auch nicht gewisser materieller Gründe.

Man wußte, daß er ehedem unter allen Indianerstämmen oben an den Seen herumgekommen war, in manchem Wigwam übernachtet hatte, und daß er auf diese Weise die Sprachen der Roten, ihren Charakter, ihre Gebräuche und Sitten wie kaum ein anderer kannte.

Als er vor Jahren im Tal plötzlich auftauchte, hatte er daher anfänglich oftmals als Dolmetscher dienen müssen und war dann nach und nach durch die regen Handelsbeziehungen, die man mit den Rothäuten unterhielt, zu einem geradezu unentbehrlichen Ratgeber und Vermittler geworden.

Nur eine Eigenschaft gab es, die man an ihm lieber nicht gesehen hätte, und das war seine ungebundene, geradezu indianerhafte Lebensweise und seine Leidenschaft für die Jagd, die ihn nie lange an einem Platze litt.

Mit einer gewissen heimlichen Freude hatte man es daher im ganzen Tal begrüßt, als kurz nach dem Tode Herckheimers bekannt wurde, daß derselbe dem Adam Hartmann eine kleine, doch gut bestellte, unweit Little Falls gelegene Farm testamentarisch vermachte. Man erblickte darin eine letzte liebende Fürsorge des Generals für das Gemeinwohl, denn sie bezweckte offenbar nichts anderes, als den unsteten Jäger dem Tal zu erhalten und ihn durch diese Schenkung seßhaft zu machen.

Diesem Gegenstande galt die Frage eines sichtlich auf der Durchfahrt begriffenen Mannes, der sich mitten aus der Unterhaltung heraus ganz unvermittelt an Addy wandte und fragte: »Sagt, ist es wahr, was man sich von Farm zu Farm erzählt, daß Euch die Erbschaft keine Freude macht?«

Dem Jäger kam die Frage sichtlich recht ungelegen und er würgte lange an den Worten, ehe er entgegnete: »Freude macht sie mir, das sei ganz ehrlich zugegeben, warum, weil sie aus der Hand eines Mannes kommt, den ich verehrte, wie den eigenen Vater.«

»Und weil die Erbschaft zugleich eine Ehrung für Euch selber ist,« warf ein anderer der Männer ein.

»Laßts Euch gesagt sein,« entgegnete Addy, »daß ich nicht wüßte, womit ich eine solche Ehrung verdient hätte. Die Dienste, die ich gelegentlich dem verstorbenen General und dem einen oder anderen Farmer leistete, die wollen nicht berechnet sein; und wenn ich ab und zu den Roten gegenüber fest auf den Füßen stand, so galt es doch in erster Linie meiner eigenen Haut.«

»Das ist Eure Meinung und wir alle wissen, daß es Eure ehrliche Meinung ist; das ändert aber nicht, daß man darüber den ganzen Mohawk entlang doch etwas anders denkt.«

»Nun wohl, ich kann den Menschen das Denken nicht verbieten,« entgegnete Addy und setzte, sichtlich jedes Wort sich abringend, hinzu: »Zudem hat die Geschichte noch einen bösen Haken.«

»Die Erbschaft?«

»Ja, die Erbschaft.«

»Das wäre?« fragten mehrere der Männer fast zugleich.

»Herckheimer war Witwer, er hatte zwar keine Kinder, zahlreich aber sind seine Verwandten.«

»Ihr wollt doch nicht damit sagen,« rief einer der Farmer, »daß die Euch die Erbschaft neiden?«

»Das will ich damit allerdings nicht gesagt haben,« gab der Jäger stockend zu, »doch immerhin ? genau so viel wie Herckheimer mir zugedacht hat, entgeht den anderen.«

»Man sollte es nicht glauben,« warf der an den Tisch herantretende dicke Wirt geräuschvoll ein, »daß ein Mann wie Ihr, in jeder Hinsicht durchgesotten und durchgebraten, in solchen Dingen weich wie eine Pflaume ist. Was kann es sein, wenn die Herckheimersche Sippe statt mit 1900 Acker, jetzt mit deren 1650 zufrieden sein muß?«

»Die Herckheimerschen sind jetzt alle im stattlichsten Besitze,« erwiderte Addy, »wer könnte das leugnen; aber doch ist einer, der bei der Teilung gar zu schlecht weggekommen ist.«

»Etwa der Fred?«

»Ja gewiß, der Fred ? nach meiner Meinung durfte er mehr erwarten.«

»Diesem Wicht das Wort zu reden,« wendete sich ein großer, schnauzbärtiger Mann polternd an Addy, »habt Ihr wahrlich die allerwenigste Veranlassung.«

»Hat er wieder einmal irgendwo seinen Schnabel gewetzt?« fragte der Jäger.

»Und das nicht übel,« bestätigte der andere. »Er kann den Fußtritt, oben bei Oriskany und das, was Ihr, Adam, ihm damals angetan, nicht vergessen; es soll, behauptete er, Euch und dem Franzl noch teuer zu stehen kommen.«

Addy sowohl als Franzl lachten belustigt und beide schickten sich zu einem Einwand an, aber da fragte schon der auf der Durchreise befindliche Farmer in der Fuhrmannsjacke, der dem Gespräch diese Richtung überhaupt gegeben hatte: »Erlaubt, wer ist der junge Mann eigentlich, von dem man sehr viel Uebles, aber niemals Gutes hört? Wie kam der Herckheimer zu diesem Menschen?«

»Das kann ich Euch sagen,« erwiderte Addy, als alle anderen schwiegen. »Herckheimer war im Jahre 1758 Leutnant der Miliz und verteidigte, als damals die Franzosen und Roten es auf die German Flats abgesehen hatten, durch mehr als anderthalb Jahre das unweit davon liegende Fort.«

»Dasselbe Fort,« warf einer der Farmer ein, »das, wie wir ja alle wissen, seither seinen Namen führt.«

»Ganz richtig. Als er dann nach der langen Belagerung endlich Luft bekam, unternahm er manche Streife durch das umliegende Gebiet und tief hinein in die Wälder, den Roten das Wiederkommen zu verleiden. Eines Tages nun, als er eines ihrer Lager überrumpelte und gewaltig unter ihnen aufräumte, da fiel ihm eine weiße Frau, wie es hieß, eine Engländerin, mit einem kleinen Kinde in die Hände.«

»Das war jener Fred?«

»Allerdings, das war jener Fred. Die Mutter des Kindes hatte von den Rothäuten schon manche Folterqual erdulden müssen, war sterbenskrank und machte nicht mehr lange.«

»Wer der Vater des Kindes war, das weiß man nicht?«

»Das erfuhr man nie. Kurzum, die sterbende Frau bat den damaligen Leutnant flehentlich, sich ihres Kleinen anzunehmen, und er versprach ihr, für das Kind zu sorgen. Herckheimer, obwohl zu jener Zeit Junggeselle, hat auch redlich Wort gehalten. Er nahm das Kind zunächst mit sich ins Fort und gab es der Frau eines Unteroffiziers in Pflege. Als er bald darauf heiratete und ohne Kinder blieb, da nahm er es zu sich ins Haus.«

»So ist es. Herckheimer hat an dem Racker sehr edel gehandelt. Das Kleine schien auch ganz prächtig zu gedeihen und er sowohl als seine Frau hatten ihre große Freude an ihm.«

»Ganz richtig. Als der Bengel dann aber über die zehn Jahre hinaus war, da zeigte er allmählich sehr schlimme Eigenschaften: der Junge zitterte vor jeder ungewöhnlichen Erscheinung, blieb ohne jede Energie, verhielt sich gegen seine Kameraden bösartig, war heimtückisch und wußte den Alten gelegentlich gar frech zu belügen. Als weder Ermahnungen noch Prügel fruchteten, wurde es dem Herckheimer zu bunt und er übergab ihn in Albany einem Zuchtmeister.«

»Diese Zucht scheint aber nicht besonders angeschlagen zu haben?«

»Darüber besteht kein Zweifel. Sie hat schon darum nicht recht angeschlagen, weil der Zufall wollte, daß jener Zuchtmeister noch eine Anzahl andere Zöglinge hatte, durchaus Söhne von Engländern oder doch mindestens Loyalisten.«

»Dadurch hatte er politische Ansichten kennen gelernt, die denen des Generals, der doch ein überzeugter und begeisterter Anhänger der Befreiungssache war, direkt entgegenstanden.«

»Das hat der Fred und unangenehm genug war bei des jungen Mannes Rückkehr des Pflegvaters Ueberraschung.«

»Das gab natürlich eine Entfremdung.«

»Nun, der Riß war ja ohnehin schon da. Herckheimer hat sich aber, soviel man weiß, gleichwohl immer noch redliche Mühe gegeben, dem Fred den Kopf wieder rein zu fegen.«

»Und Ihr glaubt, es ist ihm gelungen?«

»Es scheint so, oder aber der Fred wäre ein vollendeter Heuchler und Duckmäuser.«

»Eine verschlossene, finstere Natur, das ist er.«

»Na ja, vielleicht ist das die Schuld jenes Zuchtmeisters. Ich fürchte, jene Dressur war keine allzu glückliche; sie war vielleicht eine viel zu strenge.«

»So viel ist richtig: pfeift der Haselstock gar zu oft, erreicht man nicht selten das genaue Gegenteil von dem, was man erreichen will. Man treibt die Jugend gleichsam mit Hieben auf Abwege.«

»Ihr könnt recht haben. Was den Herckheimer aber am meisten an dem jungen Mann verdrossen hat, ist: daß er sich neben allen anderen wenig schätzenswerten Eigenschaften immer mehr als ein erbärmlicher Feigling entpuppte.«

»Na ja, das wars, was der tapfere Alte am wenigsten vertragen konnte.«

»Und das wird wohl der Hauptgrund gewesen sein, daß er den jungen Menschen, je mehr er heraufwuchs, immer weniger leiden mochte.«

»Na, dann ist es aller Ehren wert, daß er ihm überhaupt ein Legat hinterlassen hat!«

»Ich gebe es zu und jedem anderen jungen Mann würde es reichen, um sich damit einen Besitz zu erringen. Beim Fred aber ist nicht entfernt daran zu denken, mangelt ihm doch auch der haushälterische Sinn und die rechte Freude zur Arbeit. Ich bin überzeugt, er wird das Geld binnen kurzer Zeit zwecklos vergeudet haben. Was ihm allein hätte nützen können, wäre eine unveräußerliche Farm, die, durch den rechten Mann bewirtschaftet, ihm eine auskömmliche Rente hätte abwerfen können.«

»Und nun wollt Ihr, Addy, ihm schnell die Eure überlassen?« fragte etwas spöttisch der dicke Wirt.

»Das nicht; allein schon deshalb nicht, weil es gegen den Willen des Erblassers wäre. Aber ich sage ungescheut, daß mir der Fred gerade darum, weil er schlecht geraten ist, recht leid tut. Läge der Fall anders und wüßte ich ihn durch Ueberlassung der Farm auf den rechten Weg zu bringen, wahrlich, ich besänne mich keinen Augenblick.«

»Demnach scheint Euch also doch blutwenig an dem Besitztum zu liegen und womöglich werdet Ihr es gar nicht antreten?«

»Das, was Herckheimer mit der Schenkung beabsichtigte, verstehe ich wohl, aber eben darum sei es mir erlaubt, zu sagen, daß sie höchst überflüssig war. Denn wenn ich ihm an seinem Totenbette versprochen habe, im Tal meinen dauernden Wohnsitz zu nehmen, so bedurfte das nicht erst einer materiellen Stütze ? ich betrachte mein gegebenes Versprechen als einen heiligen Schwur und unverbrüchlich werde ich ihn halten.«

»Brav von Euch!« riefen die Farmer, hoben ihre Becher und tranken Addy zu.

Dieser stieß mit den anderen an, nahm einen kräftigen Schluck und sagte dann: »Auch die Farm werde ich behalten, wenngleich ich die Fallenstellerei und die Jagd nicht aufgebe.«

»Wie aber wollt Ihr Zeit finden; das Stück Land zu bewirtschaften?«

»Das werde ich überhaupt nicht, sondern mir nur eine Stube ausbedingen, alles andere aber und das Bewirtschaften einem anderen überlassen.«

»Also die Farm verpachten ? habt Ihr schon einen Pächter?«

»Nicht nur einen Pächter, sondern, wie ich mit allem Grund vermute, auch schon eine Pächterin.«

Franzl, der sich an der ganzen Unterhaltung nicht beteiligt, sondern sich darauf beschränkt hatte, auf einer mächtigen Maultrommel, die er zwischen den Lippen hielt, ganz leise ab und zu einige Akkorde zu flöten, ließ jetzt auf dem Instrumente einen lustigen Dudler los, schob es dann über sein linkes Ohr, langte nach einer neben ihm an der Wand hängenden Gitarre und hub an in unverfälschtem Aelplerdialekte zu singen:

Franzl langte nach der Gitarre und hub an zu singen.

Was braucht denn a Jager?
A Jager braucht nix
Als an Beutl voll Pulva
Und a Blei und a Büchs.

Kennt n Punkt auf da Scheibn,
Hat Augn wie a Luchs
Und, die Rotn, die wissns,
Das Pirschn vom Fuchs.

Er halt nix vom Reichsein,
Er halt nix aufs Geld,
Sein sicheres Büchserl
Is ihm alls auf da Welt.

»Bravo!« zollte Addy dem Sänger lauten Beifall, »mir ganz aus der Seele gesungen. ? Der Franzl,« fügte er dann, still in sich hineinlachend, hinzu, »er kennt ihn gut, den Punkt auf der Scheibe,« indem der Jäger sich in bezeichnender Weise selbst auf die Brust deutete.

»Das konnte man sich eigentlich an den Fingern abzählen,« bemerkte beipflichtend der polternde Schnauzbart, »daß Ihr das Jagen nicht lassen werdet und wahrlich, es läßt sich verstehen, wenn ein Mann wie Ihr nicht mit einemmal die Büchse in die Ecke stellen will ? genug, daß Ihr entschlossen seid, das Herumzigeunern auf ein bescheidentlich Maß zurückzuführen.«

»Und wer ist denn der Mann, dem Ihr die Farm übergeben werdet, wenn man danach fragen darf?«

Stumm deutete Addy auf Franzl, der, als alle Blicke sich auf ihn richteten, den wortlosen Hinweis des Jägers mit Kopfnicken bestätigte.

Mit Freuderufen und mit Glückwünschen wurde diese Neuigkeit begrüßt.

»Wo aber bleibt die Pächterin? Ihr, Franzl, seid doch unbeweibt?«

»Da gibt es am Ende gar eine Hochzeit?«

Da Franzl die Antwort schuldig blieb, sondern nur geheimnisvoll vor sich hinlächelte, sah man fragend auf Addy.

Der Jäger bemerkte das wohl, sah wiederum fragend auf seinen Pächter und sagte zögernd: »Ich weiß nicht, ob ich aus der Schule schwatzen darf ...?«

Franzl nickte lächelnd zu.

»Nun, dann sei es nicht länger verschwiegen,« hub Addy an. »Ihr wißt ja, daß Philippine, Herckheimers Haushälterin, jetzt ihrer seitherigen Aufgabe los und ledig ist ...«

»Das Binche?!« schrieen die Farmer wie aus einem Munde.

»Ja, das Binche,« bestätigte Addy, und Franzl schlug auf der Maultrommel, so laut es auf seinem geliebten Leibinstrumente zuwege zu bringen war, einen melodiösen Raßler. Dann langte er wieder nach der Gitarre, oder vielmehr nach der »Zupfgeign«, wie er dieses Instrument mit Vorliebe nannte, schlug einige Akkorde und begann wieder zu singen:

I gstehs enk, ihr Leutln,
Das »Binche« ghört mein,
Und wann i das sag,
So werds aa so sein.

Und s »Binche« is sauba,
Is liab und net stolz,
Mag d Dirndln net leidn,
So steif wie a Holz.

Hat tiefblaue Augn,
Die stehn ihr guat an,
Wann i Blauveigerln sieh,
Denk i alleweil dran.

Hat schneeweiße Zahnerln,
Da lachts, wanns mi sieht.
Und sie kunnt mi aa beißn,
Das tuts aber nit.

Beifällig nahmen die Männer die Schnadahüpfeln des Aelplers hin und ließen dann die frisch gefüllten Becher auf das Wohl des neuen Pächters und der zukünftigen Pächterin hell zusammenklingen.

In die beste Laune versetzt, blieben die Farmer noch geraume Weile zusammen, trieben allerlei Kurzweil und tranken dabei zur Freude des Wirts und zur Ehrung des Tagesereignisses auf gute Pfälzer Art »als noch n Schoppe«.

Endlich aber langten die Männer nach den Büchsen und brachen auf, den Heimweg nach den verschiedenen Farmen anzutreten.

Gemächlich schlenderten sie in kurzer Entfernung von dem gastlichen Blockhause dahin, als Addy plötzlich stehen blieb und durch Zuruf auch die anderen dazu veranlaßte.

»Täusche ich mich ? oder ist dort drüben nicht eine ganz eigentümliche Helle?« fragte er und deutete mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger in das Dunkel der Nacht.

Mehrere bestätigten dies, andere stellten es wieder in Abrede.

Plötzlich schlug in der bezeichneten Richtung eine Feuerlohe auf, verbreitete weit um sich einen hellen rötlichen Schein und jetzt gewahrte man deutlich eine große Rauchwolke vom dunklen Giebel eines Daches zum Himmel emporsteigen.

»Feuer!« schrieen die jetzt sehr erregt gewordenen Männer und berieten, wo dasselbe etwa sein könnte und wie sie am schnellsten an Ort und Stelle kämen.

Da kam Franzl, der sich in der Schenkstube des Blockhauses noch etwas verweilt hatte, herbei. Kaum ersah auch er, durch den lebhaften Meinungsaustausch der andern darauf aufmerksam gemacht, das Feuer, als er bestürzt ausrief: »Adam ? s is unser Hüttn!«

»Wahrlich,« ließ sich vom Blockhause her die Stimme des Wirts vernehmen, »Adam, macht Euch auf die Beine, man hat Euch den roten Hahn aufs Dach gesetzt!«

Nun kam Bewegung in die Männer und sie liefen, wie auf Vereinbarung, sämtlich querfeldein über die Aecker der Brandstelle zu. Das Erdreich war hier frisch gepflügt, daher weich und schlüpfrig, so daß sie bis an die Knöchel einsanken. Bald aber gelangten sie auf einen ihnen allen bekannten Feldweg und jetzt kamen sie schneller vom Flecke.

Inzwischen war die Feuersäule zur Riesenlohe emporgewachsen, die weithin das Tal erleuchtete und von allen Seiten kamen jetzt Männer und Weiber, oft nur notdürftig bekleidet, von den Nachbarfarmen herbeigeeilt, den von dem Brande Betroffenen hilfreich beizustehen.

Und immer höher schlugen die Flammen und darüber wogte, sich mächtig schiebend und dehnend, eine gewaltige Rauchsäule.

Es war kein Zweifel, auch die Kornschober der Farm, in denen noch ein reichlicher Teil der letzten Ernte aufbewahrt lag, mußten vom Feuer ergriffen sein.

Im Näherkommen hörten die Männer nun auch das Brüllen des Viehs, aber nicht auf der Brandstelle, sondern mehr im Hintergrunde, weiter dem Walde zu.

»Männer, habt acht!« schrie jetzt Addy. »Nichts übereilen! Fast will mich bedünken, wir haben es hier mit den Roten zu tun.«

»Und wann s Knödl n Guldn kost,« schrie Franzl, »s wird grettet, was zu rettn is,« und sprang wie ein junges Füllen allen andern voran.

Endlich waren sie an die brennenden Gebäude bis auf etwa zweihundert Schritte herangekommen. Immer mächtiger schlugen die Feuersäulen aus den Scheunen empor, weithin die Umgebung fast taghell erleuchtend, ein schaurig schönes Schauspiel.

Da tauchte eine Rothaut hinter den brennenden, Scheunen auf und sprang, als sie die dahereilenden Männer gewahrte, leichtfüßig der dahinter liegenden bewaldeten Höhe zu.

Jetzt war es klar: man hatte es richtig mit einem räuberischen Ueberfall der Indianer zu tun und mit derben Verwünschungen machten sich bei dieser Wahrnehmung die Farmer Luft.

»Laßt uns den Kopf beisammen behalten,« mahnte Addy, als einige der Bauern zornentbrannt auf die brennenden Gebäude losstürzen wollten, »dort ist keine Rothaut! ? Laßt brennen! ? Es ist nichts mehr zu retten. ? ? Hört ihr das Vieh brüllen? Sie wollen es wegschleppen, die roten Schurken; dort oben im Walde haben wir sie zu suchen!«

Kaum fünfhundert Schritte von der Farm entfernt, wurde das Tal von einem nicht sehr hohen, aber ziemlich steil ansteigenden, oben bewaldeten Hügelgelände umsäumt, und obgleich viele der Männer, die dem Brandplatze zugeeilt waren, ihre Waffen zu Hause gelassen hatten, folgten sie doch alle sofort dem Gebot des Jägers.

In vollem Laufe bogen sie rechts ab und wo nur auf ihrem Wege an den Hecken und Umzäunungen ein derber Knüttel zu erhaschen war, nützten die Unbewaffneten die Gelegenheit und griffen wutentbrannt zu.

Noch befanden sie sich in dem Lichtkreise der brennenden Gebäude und dieses machte sich auch der Feind alsbald zu nutze.

Schnell nacheinander zuckten auf der Höhe kleine Feuergarben auf, Büchse um Büchse knallte und zischend fuhren die Kugeln über die Köpfe der Bauern.

Dies hielt die Farmer aber nicht ab, ihren Lauf fortzusetzen, nur nutzten sie jetzt auf die Mahnung des Jägers vorsichtig die bedeckteren Teile des Geländes.

Schuß um Schuß fiel unterdessen, doch die Indianer zielten in dem ungewissen Licht schlecht; die niedergesandten Kugeln blieben daher ohne Wirkung.

Endlich hatten die ersten Farmer den Fuß der Anhöhe erreicht und zwischen dem Buschwerk hindurch stiegen sie vorsichtig bergan.

Nun verstummte das Büchsenfeuer, um so lauter aber hörte man das Brüllen und Blöken der Tiere.

Entschlossen stiegen die Farmer aufwärts, als plötzlich über ihnen in den Büschen das Geräusch brechender Aeste und Zweige sich vernehmen ließ; schwere Tritte stampften den Boden, daß die Erde weithin zu erbeben schien.

»Achtung!« schrieen die Männer.

Wild brüllend setzte ein Stier mit steilgestelltem Schwanze in gewaltigen Sprüngen zu Tal, dem fauchend und schnaubend mehrere schwere Ochsen, eine Anzahl Kühe, Schafe und einige Pferde folgten.

»Juh! Das Vieh hätt ma!« jauchzte Franzl, als die Tiere in ihrem tollen Rasen an den Farmern vorüber und den Berghang hinab waren.

»Laßt uns aber dennoch nach dem Diebsgesindel sehen,« schrie Addy, und rüstig erstiegen die Männer den Rest der Anhöhe.

Oben angekommen, war aber vom Feinde nichts wahrzunehmen. Die Farmer pirschten zwar bis an den Waldrand vor, traten auch an mehreren Stellen in die tiefe Dunkelheit unter den Bäumen ein, stießen aber hier weder auf einen Widerstand, noch ließ sich weit und breit der mindeste Laut vernehmen.

Die Indianer, deren es verhältnismäßig nur wenige gewesen sein mochten, hatten bei der energischen Verfolgung wahrscheinlich die Unmöglichkeit eingesehen, das geraubte Vieh wegzuführen und, wohl wissend, daß die Bauern nicht mit sich spaßen ließen, es vorgezogen, Fersengeld zu geben.

Als die Farmer sich davon überzeugt hatten, ließen sie von der Verfolgung ab, denn tiefer in das Gehölz einzudringen, erschien bei der herrschenden Dunkelheit ebenso nutzlos als gefahrbringend. Sie traten daher des Grolles voll den Rückweg an und jetzt bot sich ihnen in der Tiefe bei den brennenden Gebäuden eine bewegte Scene dar.

Auf dem Brandplatze hatte das Feuer inzwischen an seiner Mächtigkeit erheblich eingebüßt. Die Dächer des Wohnhauses und der Scheuern waren verschwunden, so daß nur noch die rauchgeschwärzten Trümmer der Seitenwände emporragten und an ihnen leckten und züngelten die flackernden Feuerzungen. Noch aber waren die Flammen groß genug, daß eine weite Fläche rings um die brennenden Gebäude fast taghell erleuchtet wurde.

Hier jagten eine Anzahl erst später herbeigeeilter Farmer zu Fuß und zu Pferde hinter den Tieren her, die von der Anhöhe herab geradeswegs auf die brennenden Gebäude ihren Lauf genommen hatten und, so oft sie auch aus der unmittelbaren Nähe der Flammen vertrieben wurden, nach ihren Ställen suchend, immer wieder blindlings auf die brennenden Stallungen eindrangen.

Hätte es nicht an allem gemangelt, so wäre es den Männern sicherlich gelungen, die Tiere einzufangen und festzubinden. So aber waren weder Stricke noch Ketten vorhanden; die unbändig gewordenen Tiere wußten sich immer wieder frei zu machen und die Jagd begann dann von neuem.

Erst als Addy mit seinen Leuten herbeikam, gelang es mit vereinten Kräften und unter vielen Mühen, den wutschnaubenden Stier, die Ochsen, Kühe und Pferde zu bewältigen und aus dem Bereich des Brandplatzes wegzuführen.

An den Gebäuden gab es bald nichts mehr zu retten. Schon waren das Wohnhaus, sowie die daneben liegenden Korn- und Heuschober fast bis auf den Grund niedergebrannt. Das Feuer hatte so ziemlich ganz nachgelassen, doch stieg aus dem glühenden Aschenhaufen, der von den massenhaft verbrannten Futter- und Getreidevorräten verblieben war, noch immer eine starke Rauchwolke auf zum nächtlichen Himmel.

Unweit der Brandruinen des Wohngebäudes saß auf einem umgestülpten Karren, die Ellbogen auf das Knie und das Kinn auf die Hände gestützt, düster auf die prasselnden und qualmenden Trümmer blickend, der Herckheimersche Dienstmann, der die Farm bislang bewirtschaftet und verwaltet hatte.

Addy gewahrte den Mann und ging zu ihm hin. »Es konnte allem Anschein nach nichts gerettet werden?« fragte er ihn.

»Nichts!« gab jener heiseren Tones zur Antwort.

»Alles verloren ? meine Ersparnis, meine Waffen!«

»Auch gar nichts von Eurem persönlichen Besitz?«

»Alles verloren ? meine Ersparnis, meine Waffen, meine Kleider!«

»Das ist freilich bitter,« bemerkte der Jäger, setzte nach einigem Ueberlegen aber tröstend hinzu: »Laßt Euch raten, Mann, den Kopf deswegen nicht hängen zu lassen; Ihr wißt, daß die Farm jetzt mein ist und daß ich ihren Besitz demnächst antreten werde.«

»Was kann das mir nützen?« entgegnete etwas unwirsch der andere.

»Ihr sollt entschädigt werden ? wir haben jetzt im Herbst und den Winter über Zeit genug, die Hütten wieder aufzubauen. Wenn Ihr mir dabei helfen wollt, soll mirs lieb sein. Ich dagegen will dafür sorgen, daß Ihr keinen Verlust zu beklagen habt.«

»Herr, das wäre Almosen!«

»Was fällt Euch ein ? mir will es ganz scheinen, als wäre es kein blinder Zufall, daß sich die roten Schufte just meine Farm für ihre Zerstörungslust ausgesucht haben ? der Brand galt sehr wahrscheinlich meiner Person und Ihr sollt darunter nicht leiden. Uebrigens wollen wir diese Sache für heute ruhen lassen, wir können ja ein andermal darüber reden. Sagt lieber, wie das alles gekommen ist.«

»Da fragt Ihr wahrlich zu viel ? ich kann höchstens sagen, wie es mir erging.«

»Erzählt uns das!«

Der Großknecht würgte ein wenig in der Kehle, begann dann aber zu berichten: »Es wird etwa drei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit gewesen sein, die beiden Knechte schliefen schon und auch die Kathrin lag längst zu Bett. Ich sah im Hause noch nach dem Rechten und schickte mich eben an, gleichfalls die Nachtruhe aufzusuchen, als es mir mit einemmal wie Rauch in die Nase stieg. Ich witterte sogleich Unheil und durchstöberte alle Winkel und Ecken. Als ich im Wohnhause nichts entdecken konnte, sah ich nach den Scheunen und Ställen.«

»Von dort wird wohl der Rauch gekommen sein?«

»Ja, da wirbelte er schon empor von den Firsten. Zum Glück hatte ich den Fensterladen der Wohnstube nicht geöffnet, sondern sah vorsichtshalber durch ein Schußloch. Gleich darauf polterte es gar gewaltig gegen den Fensterladen. Ich langte nach der Büchse und schlug Lärm, aber die Kathrin im oberen Giebelraum, die war nicht zu erwecken. Dagegen wurde es jetzt im Stalle, wo die Knechte schliefen, lebendig. Geschrei scholl herüber, das Vieh wurde laut und ich wußte jetzt sattsam, woran ich war.«

»Ihr habt die Roten an der Arbeit gesehen?«

»Das nicht, aber ich fühlte förmlich, daß so etwas vor sich ging. Ich schüttete natürlich sofort Pulver auf die Pfanne und gedachte denen draußen das Einsteigen mächtig zu versalzen. Als ich inzwischen aber gewahr wurde, daß vor dem Fenster wirklich mindestens ein halbes Dutzend roter Teufel standen, besann ich mich eines andern. Schnell stellte ich das Licht in die hinterste Ecke der zweiten Stube und schloß die Tür so weit, daß nur ein kleiner Lichtschimmer durchdrang. Ich aber stellte mich hinter eine Truhe neben dem Fensterladen. Gleich darauf krachte der Flügel in Stücke und wie die wilden Tiere brachen die Roten einer um den andern in die Stube. Sie schossen eine Weile im Dunkeln umher, gewahrten dann den Lichtschein und stürzten heulend nach dem zweiten Raum. Darauf aber hatte ich meinen Plan gebaut, darauf hatte ich nur gewartet. Schnell erhob ich mich, war mit einem Satze durch das Fenster und lief nun, was die Beine vermochten.«

»Recht so,« riefen einige der inzwischen herzugetretenen Farmer, welche den größten Teil der Schilderung noch mit angehört hatten. »Auf diese Weise habt Ihr Euch ganz klüglich aus der Schlinge gezogen; es blieb Euch füglich nichts anderes übrig.«

»Was sollte ich machen?« fragte der inzwischen ganz munter und gesprächig gewordene Großknecht. »Am liebsten, das dürft Ihr mir wohl glauben, hätte ich die ganze Sippschaft über den Haufen geschossen. Aber, sagt selbst, was ist einer gegen sechse? Es konnte mir schlecht ergehen, denn wie viele befanden sich noch im Stall und in den Kornschobern!«

»Habt ganz recht getan, Christian,« bestätigte ein Mann mit einem derben Knüttel über der Schulter, »und Ihr könnt noch obendrein von Glück sagen.«

»Und wo blieb die Dienstmagd, wo blieben Eure beiden Knechte?« fragte Addy.

Christian zuckte die Achseln. Seine Augen umdüsterten sich und blieben fragend an dem qualmenden Trümmerhaufen haften.

Da ließen sich jenseits der Brandruine laute Rufe vernehmen.

Die Farmer umspannten fester die Schäfte ihrer Büchsen und liefen nach der andern Seite.

Hier stand an einem schmalen, der Bewässerung dienenden Graben ein Menschenhaufen beisammen, der sich in derben Verwünschungen erging und mit einem menschlichen Körper zu schaffen machte, der anscheinend aus dem Graben gezogen wurde und nun bewegungslos am Uferrande lag. Da das mittlerweile dem Erlöschen nahe Feuer bis zu dieser Stelle nur noch wenig Licht verbreitete, war es hier ziemlich dunkel. Schon aber eilte ein junger Bursche mit einem brennenden Holzscheite vom Brandplatz herüber und nun entrollte sich im flackernd rötlichen Schein dieser Leuchte ein grausiger Anblick.

Blutüberströmt lag da eine junge weibliche Gestalt, die Hände krampfhaft ineinander gerungen, das Antlitz schmerzverzerrt, der obere Teil des Kopfes ledig der Haupthaare.

»Kathrin!« ? hauchte mehr als daß er es sagte, der mittlerweile ebenfalls herbeigeeilte Großknecht, und dieser Mann, der dem Tode so oft schon ins Angesicht geblickt haben mochte, bedeckte die Augen mit seinen schwieligen Fäusten.

Der Anblick des unschuldigen Opfers indianischer Grausamkeit ließ jetzt selbst die lautesten Farmer verstummen. Finster und scheu sahen sie nieder auf die vor ihnen liegende jugendliche Gestalt, die, noch so jung, in der Blüte ihrer Jugend dem unbarmherzigen Skalpmesser verfallen mußte.


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