Böhmerwaldskizzen

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Vorwort

Vorliegende Skizzen sind teilweise in Feuilletonform in der Prager »Politik« erschienen, somit einem Teile unseres heimischen, geehrten Publikums vielleicht noch einigermaßen erinnerlich.

Von vielen Seiten hierzu aufgefordert, habe ich mich nach manchem Zögern, nach vielen innerlichen Kämpfen entschlossen, diese Skizzen in Buchform der Öffentlichkeit zu übergeben. Ich habe dieselben einer gründlichen Revision unterzogen und alles entfernt, was auch nur im Entferntesten geeignet gewesen sein könnte, einen Misston hervorzurufen.

Mir stehen politische Tendenzen fern; meine lieben Leser werden mich aber überall dort finden, wo es gilt, in diesen bewegten Zeiten, wo unselige Verhältnisse getrennt haben, was lange vereinigt war, ein Wort des Friedens zu sprechen. Ich zweifle nicht, dass auch nach dieser Nacht des Kampfes und der Feindschaft eine tröstende Morgenröte besserer Zeiten aufgehen wird, wo die lange Entfremdeten einander ohne Hass ins Antlitz blicken werden. Ich will nicht sagen, dass sie nahe ist, diese schönere Zeit, aber sie wird kommen; gebe nur Gott, dass sie nicht zu spät komme, wenn die materiellen Verheerungen, welche dieser endlose Kampf bereits jetzt angerichtet, unsere engere und weitere Heimat unheilbar geschädigt haben werden.

Was ich in diesem Buche schildere und erzähle, ich habe es mit gelebt; dies muss jedermann fühlen, der es einigermaßen aufmerksam liest. Ich bin ein treuer Sohn meiner heimatlichen Wälder; ich liebe ihre raue Natur und ihr einfaches, biederes Volk mit der ganzen Kraft meiner Seele, und nichts wird imstande sein, dieses Gefühl in mir ertöten oder abzuschwächen.

Dieses Buch hat keinen streng wissenschaftlichen Zweck, auch keine wissenschaftliche Anlage; vielleicht aber findet der Ethnologe, der Kulturhistoriker da und dort ein Körnlein, das für ihn nicht ganz wertlos ist.

Der Böhmerwald hat bereits eine bedeutende Literatur; man muss die Arbeit und teilen und >Jedem das Seine< zuweisen; ich habe mir die Aufgabe gestellt, nicht bloß den freundlichen Leser zu unterhalten ? in wie weit mir dies gelungen, muss ich seinem Urteile anheimstellen ?, sondern vor allem dem weiteren Publikum zu zeigen, wie bei uns mit einer rauen, oft unbarmherzigen Natur gekämpft werden muss, um ihr das tägliche Brot abzuringen; ihm die charakteristischen Typen vorzuführen, welche dieser Kampf zeitigt und erzieht; es aufmerksam zu machen auf manchen versteckten Winkel unseres wenig gekannten Gebietes; ihm von früheren Zeiten und Verhältnissen zu berichten, die vielfach besser waren als die heutigen.

Man wird mir vielleicht den Vorwurf machen, dass ich die Dinge etwas zu subjektiv ansehe. Betrachten wir denn nicht alle die reale Welt durch die Gläser unseres individuellen Temperamentes und unserer jeweiligen Stimmung?

Manches, was ich schildere, mag heute anders sein, denn mehr als einen Eindruck habe ich von meiner Jugend her fest bewahrt, und ob er, wenn ich ihn heute wieder bekäme, in derselben Weise wirken würde wie damals, muss ich natürlich dahingestellt lassen.

Die Wahrheit ist mir stets heilig gewesen; niemand wird mich des Gegenteiles zeihen können.

Ich widme dieses Buch in erster Linie allen Bewohnern des Böhmerwaldes, mit denen ich fühle, deren Freude und deren Leid meine Freude und mein Leid sind.

Ich widme es den Armen und Niedrigen unter ihnen, deren schwielige, von heiliger Arbeit harten Hände ich gedrückt habe.

Ich widme es dem Höchsten von ihnen, dem hochherzigen Fürsten, in dessen Hand so viele Geschicke liegen, möge er ihnen ein Vater sein in guten und bösen Tagen.

Ich widme es meinem ganzen böhmischen Land und allen seinen Bewohnern ohne Unterscheid der Nationalität und des Glaubens, allen denen, die ein Herz haben für unsern Wald und sein Volk und bitte sie, diesem Volk ihre Sympathie zu bewahren.

Ich widme es dem weiteren deutschen Leserkreis und würde mich glücklich schätzen, mich geehrt fühlen, wenn es mir gelänge, eine freundliche, sympathische Saite anzuschlagen, einen gleichklingenden Widerhall zu finden.

So übergebe ich denn mein anspruchsloses Buch getrost der Öffentlichkeit. Mögen seine Schicksale sich wie immer gestalten, ich finde meine Beruhigung und meinen Lohn in dem Bewusstsein, Gutes gewollt und ein Wort des Friedens gesprochen zu haben; das Publikum wird mein Streben hoffentlich nicht verkennen und demselben Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Gelingt es mir, meinen heimischen Bergen und meinem engeren Stammvolke auch nur einige edle Herzen zu erwecken, so habe ich meine Aufgabe gelöst.

Zum Schluss sage ich der Firma Carl Maasch (Herrenmühle) in Pilsen für die nette Ausführung des Büchleins meinen besten Dank.

Omni lecturo salutem!

Der Verfasser
Pilsen, im Juli 1890.

 

Böhmerwaldskizzen

Erstes Kapitel

Allgemeines ? Eisenstein ? Hartmanitz ? Stubenbach und die Renommisten ? Eine Wilderergeschichte

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Wenn ich dich zuerst nach Eisenstein führe, lieber Leser, so folge ich einer eingewurzelten Gepflogenheit: ich muss dich an dem einzigen Punkte absetzen, wo die Bahn das Herz unseres Waldgebirges berührt. Und, bei Gott, er ist schön, dieser Punkt! Sowie der eilende Zug das Angeltal verlässt, bist du mitten drinnen zwischen den hohen, düsteren Berghäuptern; grünende Matten laden dich ein, zerstreute Hütten in mannigfaltigen Gruppierungen künden dir eine neue Welt und neue Verhältnisse. Du siehst rechter Hand den zerrissenen Grat des Osser, des Beherrschers dieser Regionen: du hast ihn und den größten der Riesen des Böhmerwaldgebirges eigentlich schon viel früher gesehen, schon im mittleren Angeltal, wo das Volk sie gut kennt und häufig seine Blicke ihren oft in Wolken gehüllten Gipfeln zuwendet. Das Volk nennt sie poetisch: Prsa matky Bo?i ? Brust der Mutter Gottes.

In Eisenstein also setze ich dich ab, nachdem du lange Minuten durch die Eingeweide des ehrwürdigen Spitzberges gefahren.

Aber lange bleibe ich nicht. Meine Fahrten haben großenteils einen retrospektiven Charakter, und hier gibt es nur wenig mehr, was an die vergangenen Zeiten erinnert ? ein totaler Umschwung aller Verhältnisse.

Ich bitte mich recht zu verstehen. Es ist schön hier, unvergleichlich schön. Die Menschen vermochten der Natur ihren ewigen Reiz nicht zu rauben ? aber das Typische des Böhmerwaldes, seine erhabene, heilige Ruhe, die Poesie seiner rauschenden Fichtenwälder, ach, es ist von hier verschwunden auf immer!

Du wirst in Eisenstein und am Spitzberg Komfort finden, lieber Leser ? allerdings einen verhältnismäßigen Komfort, denn ein Touristenland wie die Schweiz und das Salzkammergut ist der Böhmerwald nicht. Aber es wird dir an nichts fehlen, wenn du nur einigermaßen bescheiden bist. Gelüstet es dich nach diesem Komfort, willst du ihn in keiner Weise missen, vermagst du den Umgang mit Menschen deiner Sphäre nicht zu entbehren, so bleibe getrost hier, es wird dir hier gefallen, die Spaziergänge und auch die weiteren Touren werden dir Abwechslung genug bieten. Grüße mir den Teufelssee, an dessen ewig melancholischen Gestaden ich in meiner Jugend so oft geweilt in träumerischen Gedanken, in Zeiten, wo der Wald noch ohne Pfad war, wo das Holz am Boden faulte und der schrille Schrei eines Raubvogels, das Hämmern eines einsamen Spechtes allein die hehre Stille unterbrach. ? Pilgere zum Schwarzen See und zur Seewand und bade deine Blicke in der dunklen sagenreichen Flut. Besteige den hohen Arber und den Osser ? die Pfade sind bequem, du findest allenthalben Wegweiser, du bist nicht aus der Welt, denn Schritt für Schritt begegnest du lachenden Gesellschaften, fröhlichen Herren und hübschen Damen.

Eine Literatur besteht heute über Eisenstein und Umgebung, eine Literatur, allen Dankes wert, und es hieße dem Schwarzen See in Gießkannen Wasser zutragen, wollte ich sie vermehren.

Wir müssen klaren Pakt miteinander machen, lieber Leser. Wir sind vielleicht verschieden in unserer Anschauung der Natur, der Dinge und der Menschen. Wir sind verschieden und haben doch beide recht. Wir sehen beide die reale Welt vor uns, wie sie steht und lebt, aber wir betrachten sie durch Gläser, gefärbt durch unser verschiedenes Temperament und unsere individuelle Natur und Veranlagung.

Eines vielleicht habe ich voraus vor dir. Ich bin ein Kind dieser Berge, ein Sohn dieses Volkes; ich habe in seiner Mitte meine goldene Jugend verlebt, ich habe mich mit ihm gefreut und mit ihm gelitten, ich kenne den Schlag seines Herzens und den Pulsschlag der Natur, die, wenn auch rau und unwirtlich, mir doch eine liebende Mutter gewesen ist, die man um so teurer hält, je ärmlicher sie ist.

Mir geht es in Eisenstein immer wie einem alten Mann, den ich da kenne. Wir vermögen das neue Leben und Treiben mit dem, was früher war, nicht zusammenzureimen. Wir sagen uns: es ist schön hier, aber kein Böhmerwald. Es sind gewiss auch liebe, gute Menschen aus der Fremde hierhergekommen, aber unsere Typen sind gegangen. Sie ruhen unter der Hand des Allerbarmers in stillem Schlaf, oder sie haben sich den neuen Verhältnissen angepasst. Die es nicht vermochten, blicken scheu und stier auf all das Neue; sie können es nicht begreifen, es ist ihnen, als schwanke der heimische Boden unter ihren Füßen.

Wir denken nicht anders, als dass der alte Kirchturm mit uns die gleichen Ideen hat, denn er scheint Gehirn zu haben in seiner Mohnkopfkuppel. Sie muss sich von den neuen Menschen ähnliche Gedanken machen wie wir von den modernen Fichten- und Tannenbeständen, die sie »Wald« nennen; uns scheint das eine Blasphemie.

Die wenigen hohen Bäume, die man geflissentlich hier stehenließ als Schaustücke aus einer vergangenen, auf Nimmerwiedersehen entschwundenen Zeit, sie schütteln bedächtig und traurig ihre dunkelgrünen Äste, als gedächten sie der Hekatomben ihrer gemordeten Brüder und Genossen.

Wer Eisenstein vor 20 Jahren gesehen, der wird sich vielleicht wundern über den Fortschritt; wer hier am Busen der Natur gelebt, der wird sich eines tief wehmütigen Gefühls nicht erwehren können.

Du besteigst auf bequemem Pfad das graue Haupt des hohen Arbers und die vielzackige Krone des Ossers; du segnest vielleicht im Geist die wohlwollenden Hände, welche diese Pfade geebnet haben durch dichtes Gestrüpp, durch zersetzende Nässe und über hartes, zerklüftetes Gestein. Ich gebe dir vollkommen recht, aber, siehst du, ich zöge es vor, wenn es noch so wäre wie sonst ?

Und dann noch etwas: die Neuzeit nivelliert. Die Reisenden haben es jetzt bequem, und man braucht seiner Liebe zur Natur keine Opfer mehr zu bringen: die gefällige Maschine enthebt uns aller Unbequemlichkeit und setzt uns mitten hinein in die Freistätten der Natur. Freistätten? Sie haben vielfach aufgehört, es zu sein, seit sie so leicht zugänglich sind. Die Maschine fragt nicht, sie bringt gleichgültig die sonderbarsten Kostgänger des Herrn, die uns den Genuss verleiden; sie bilden eine sonderbare Staffage der Gegend. Nicht einmal die hallenden Schläge der Axt hörst du mehr, denn sie haben schon alles umgehauen, die praktischen Menschen, was einst dastand; dafür kannst du unter Glockengeläute des gewissermaßen nur mehr als künstlerische Staffage dienenden Weideviehes folgende Gespräche belauschen.

»Woher beziehen Sie den Moschus?« ? »Was heißt beziehen, erzeugen ihn selber.« ? »Kennen Sie G. H. Schwarzstein in Podebrad? Ist er gut?« ? »Für 10 000 fl. ist er immer gut; wollen Sie ihm mehr kreditieren, so ist das Ihre Sache, ich tus nicht.« ? »Papa, das ist der Urwald, nicht wahr?« fragt ein bleichsüchtiger Backfisch einen gelbsüchtigen Herrn, auf dem der Aktenstaub noch zu liegen scheint, der wie grauer Novemberreif seinen borstigen Schnauzbart überzieht. »Ja, mein Kind, das ist der Urwald«, sagt zerstreut der Papa und denkt der Akten, deren nimmer endender Stoß sich während seines achttägigen Urlaubes zu doppelter Höhe aufgetürmt haben wird. »Ja, das ist der Urwald«, bestätigt der Fremdenführer, ein etwa fünfzehnjähriger Bursche in veritablen Stiefeln, der schon solche Fortschritte in der Zivilisation gemacht hat, dass er mit innerer Beschämung der Zeiten gedenkt, wo er die ersten drei Finger seiner Rechten als Schnupftuch verwendete, wogegen jetzt der Rockärmel zu dieser wichtigen Funktion avanciert ist: Der »Urwald« aber besteht aus einem kaum zehnjährigen Bestand, der kümmerlich fortvegetiert, weil ihm alljährlich der Frost die Triebe wegbrennt und die Aufforstung im Böhmerwalde ohne den Schutz höherer Bäume nur mühsam vonstattengeht.

Doch welche Klänge erschallen andächtig und hehr an dein Ohr? Du bist eine Stunde lang über kahles Gestein dahin gewandelt, welches dich lebhaft an die gesegneten Fluren des Karstes erinnert; nur die sich überall zwischen dem grauen Gestein durchschlingenden, sich verfilzenden weißen Baumwurzeln erzählen dir eine traurige Märe von entschwundenen Zeiten. Da erhebt sich an der Krümmung des Weges knorrig und zum Teil rindenlos eine einsame Knieföhre. Ein einfaches Marterbild hängt daran, denn hier hat vor Jahren ein wütender Stier den Hirten zu Tode gestoßen. Vier Herren stehen hier und zwei Damen. Sie blicken den Baum andächtig an, der sie an Größe kaum überragt, und hinunter ins Tal tönt die Weise:

»Wer hat dich, du schöner Wald,
aufgebaut so hoch da droben.«

Du nahst, und einer der Herren unterbricht das schöne Lied, grüßt dich höflich und sagt: »Erlauben

Sie mal, mein guter Härr, gäht da der Wäg nach Eisenstein? Würden wir keinen Sumpf zu passieren haben?«

Noch ehe du ihm antworten kannst, wirft er einen zufriedenen Blick auf seine wasserdichten Stiefletten und seine ledernen Gamaschen, und nachdem du ihm die gewünschte Aufklärung gegeben, zieht er wieder höflich den Hut, und das Lied wird fortgesetzt.

Was soll man dann für Gedanken haben am Schwarzen See? Man wäre geneigt zu glauben, dass die schöne Nixe ohne Fischschweif, die ihn der Sage nach zu ihrem Wohnsitz auserkoren und die sich den Menschen nicht mehr zeigt, seit sie wegen einer unglücklichen Liebe der Welt grollt, gelockt durch die Neuheit der Erscheinungen, empor tauchen werde aus ihrem Kristallpalast tief unten in der schwarzen Flut, um bei dem erwähnten Moschuserzeuger ihren Bedarf an Moschus, Patschuli und Opopanax zu decken. Die holde Blonde schafft sich dann wohl auch eine moderne Tournüre an, die zu ihrer Erscheinung passen wird wie die Kieselwege zum Arber.

Brechen wir auf gegen Süden. Eine Wasserscheide, dann eine weite melancholische Hochebene voll mooriger Gründe, von zahlreichen Bächen durchflossen. Wir sind auf dem Plateau von Hurkental. Im Sommer gehen hier schauerliche Gewitter nieder; die vom Blitz zerschlissenen Telegraphenstangen längs der Bezirksstraße geben Kunde von diesen Kämpfen der Elemente. Im Winter aber fegen die Stürme darüber weg, und die grauen Schwaden gefrieren zu stechenden Eisnadeln. Ungeheure Schneemassen schüttet der Himmel herab, die liegenbleiben bis spät in den Mai hinein.

Die Schlote der Spiegelgießereien der »böhmischen Hütte« rauchen wie vor Dezennien, ich deut es nicht anders. Vor fünfzig Jahren rauchten sie geradeso, und damals war hier eine bessere, gemütlichere Zeit. Meine Blicke wenden sich nach rechts und gewahren das Kirchlein hoch oben am Berg über einer freien blumigen Lehne und die hohe Gruftkapelle daneben. Darin ruhen, in sonniger, luftiger Höhe, die Gebeine derer, die einst der Industrie hier Bahn brachen und zum Segen der ganzen Gegend wurden.

Es ist die Gruft der Familie Abele, und wer diese ausgezeichneten Menschen gekannt hat, wird ihrer voll Liebe, Pietät und Wehmut gedenken, wie ich es hier tue.

Das war ein Leben zur Zeit der Abele! Der alte, freundliche Pfarrer, der uns auf Verlangen die Gruft öffnet, wird davon zu erzählen wissen. Die herrschten hier wie Fürsten, aber es war ein lebensfroher Hof, voll lieblicher Feste, gastlich für jeden, der, wes Landes er sein mochte, die geräumige Flur des Herrenhauses betrat. Weilte doch selbst Erzherzog Stephan längere Zeit hier und war hier glücklich unter den glücklichen Menschen. Da kam das Verhängnis, und der Glanz der Familie Abele erlosch: ihre Epigonen sind verschwunden und wurden zerstreut nach allen Richtungen der Windrose.

Hinter Hurkental teilt sich die Straße; die linke Abzweigung führt nach Hartmanitz, rechts geht es nach Stubenbach.

Was sollen wir in ersterer Stadt tun? Die Gegend bietet nichts Besonderes, und von Merkwürdigkeiten wüsste ich nichts zu berichten, außer dass sich hier eine Art Preiselbeerbörse etabliert hat, die, wie jedes Verkehrsinstitut, ihre Schwankungen hat. Die entholzten Höhen und Lehnen der Umgebung bringen unglaubliche Mengen dieser säuerlichen Frucht hervor, und aus ziemlicher Ferne noch bringt man sie hierher, massenhaft, Fuhr auf Fuhr. Je nach Angebot und Vorrat steigen und sinken die Preise oft mit erstaunlicher Schnelligkeit. Die Abnehmer kommen aus vieler Herren Ländern; soweit ich unterrichtet bin, stellt Sachsen das Hauptkontingent.

In neuester Zeit verblasst übrigens auch diese Spezialität der Stadt Hartmanitz, und auch an anderen Orten entstehen Börsen, besonders seit Schüttenhofen durch die Transversalbahn in den Weltverkehr mit einbezogen wurde.

Ob wohl das Kasino der Gutsbesitzer der Schüttenhofener Umgebung noch in Hartmanitz existiert? In meiner Jugendzeit ging es hier hoch und lustig her; doch das Schicksal und die neuen Verhältnisse haben grausame Lücken in diese Gesellschaft gerissen. Ein trauriges Kapitel!

Du aber, lieber Leser, lass Hartmanitz links liegen und folge mir nach Stubenbach und von da dann weiter. Zuerst musst du einen wasserreichen Bach überschreiten, der sich aus den zahlreichen Gewässern bildet, welche die moosige Hochfläche von Hurkental entstehen lässt, und den Abflüssen einiger Seen. Es ist der Kieslinger, einer der beiden Quellflüsse der Wotawa; braun sind seine Wasser, wie die aller Böhmerwaldflüsse, aber klar und rein. In ihn steigen die fast mythisch gewordenen Lachse empor; ob sie wohl wieder kommen werden wie früher? Wenn dies ja geschieht, so ist es das Verdienst des Herrn Marcuzzi in Schüttenhofen, der die bedeutendste künstliche Fisch- und speziell Lachszucht in ganz Böhmen betreibt.

Mit dem Stand der Edelfische hat es hier überhaupt seine Schwierigkeiten. Die Holzflößerei ruiniert die Brut, die Bauern fischen am meisten zur Laichzeit, weil da die Fische am leichtesten zu fangen sind, und das Fischereigesetz hat gute Wege. Sie schwinden hin, die rotgetupften, munteren Bewohner der Gebirgsbäche, mit den Wäldern des Gebirges, und wenn die Wälder ausgehauen sein werden, wird auch die letzte Forelle verschwinden. Vor 15 bis 20 Jahren kosteten die Forellen 2 kr. per Stück, heuer bekommt man sie in Eisenstein kaum um 50 kr.

Doch weiter fort unseres Weges. Abwechslungsreich läuft er fort im Tal und über sanfte Höhen, zwischen grünen Wiesen und dunklen Fichtenwäldern, lauter jungen Beständen; Hochwald bekommst du keinen zu Gesicht, geschweige denn Urwald. In etwa zwei Stunden bist du in Stubenbach. Hier lass es dir wohl ergehen, denn du bist an der Grenze der zivilisierten Welt angelangt. Ja, Stubenbach ist ein zivilisierter Ort, zwar ohne Sommerfrischler, aber du findest vorzügliche Gasthöfe, und wenn du das Glück hast, mit dem Herrn Oberförster Lenk bekannt zu werden, so bist du beneidenswert. Ich habe selten ein gastlicheres, gemütlicheres Haus gefunden und eine freundlichere, liebenswürdigere Hausfrau.

Hast du Glück, so kann es sich ereignen, dass du den Abend im Theater zubringst. Ob dich aber die lustigen Stücke freudig stimmen werden, muss ich dahingestellt lassen. Mich stimmte die Vorstellung und das, was ich danach sah und hörte, traurig, recht traurig. Im Tanzsaal eines Gasthauses war die Bühne errichtet, und lange Bretterbänke harrten des Publikums. Es ging recht gemütlich zu in diesem Parterre; die Herren rauchten, ließen sich ihr Bier in den Saal tragen und neben sich auf die Sitzbank stellen. Der Vorhang ging auf; ein junges Mädchen trat auf die Bühne. Das Stück sollte lustig sein, und die gemalten Rosen auf den Wangen sahen so traurig aus und vermochten die Furchen des Grames und der Not nicht zu verdecken, die in dieses jugendliche Antlitz gegraben waren. Der Direktor und zugleich Vater der jungen Schauspielerin gab den Liebhaber. Seine Truppe bestand aus seiner Frau, zwei Töchtern, einem Sohne und zwei ferneren Mitgliedern. Wenn es gut ging, nahmen sie 2-3 Gulden ein, gewöhnlich 50 kr. bis einen Gulden; gleich nach der Vorstellung teilten sie.

Als ich am Morgen nach der Vorstellung die Kirche besuchte, sah ich dort die Heldin von gestern; sie stellte einen Strauß von ihr verfertigter künstlicher Blumen auf den Altar und verließ still das Gotteshaus. Ob der Allbarmherzige die Tränen gezählt hat, die auf die roten und weißen Rosen gefallen waren?

In Stubenbach lebt alles mittelbar oder unmittelbar vom Fürsten Schwarzenberg; so weit dein Auge reichen mag, lieber Leser, gehören ihm die Wälder; die Brettsägen und die Holzschwemmen sind gleichfalls sein Eigentum. Auf Schwarzenbergischem Grund liegt auch der schöne See in stiller Waldeinsamkeit, dessen Besuch ich dir empfehle. Er ist schon seit längerer Zeit mit Schleusen versehen, und wenn ihn im Frühjahr die Hunderte von Wasseradern, die von den Bergen und aus den höher liegenden Mooren ihm zuströmen, bis an den Rand mit Wasser füllen, dann werden die Schleusen geöffnet, und die braune, brausende Flut erfüllt den ihm entströmenden Seebach und treibt ungeheure Scheitholzmassen dem Kieslinger zu, der sie der Wotawa überantwortet.

Einst war ich im Winter hier, schon vor vielen Jahren. Ungeheure Schneemassen lagen auf den Bergen und brachen fast die Äste der alten Fichten. Damals wars noch viel wilder hier, und die hohen Bäume standen dicht gedrängt da, nicht einzeln, wie jetzt. In Begleitung eines alten Hegers war ich hinausgegangen in den Wald, um einige »Kwitscholen« ? so nennen sie hier die Krammetsvögel oder Wacholderdrosseln ? zu erbeuten. Wir waren glücklich gewesen und kehrten eben mit wohlgefüllten Weidtaschen heim. Ein eigentümlich fahler Nebel hatte sich über Wald und Tal gesenkt, und in glitzernden Nadeln hing sich die gefrorene Feuchtigkeit auf die Zweige der Bäume, die Haare des Lodenrockes meines Begleiters, auf unsere Schnurrbärte und alle Gegenstände. Es war totenstill um uns herum; der Böhmerwald hat ohnehin verhältnismäßig wenig Vögel, und auch im Sommer singt und trällert es weniger in Wald und Busch als drunten im flachen Land; im Winter jedoch, besonders gegen Abend, wird die Stille geradezu unheimlich. Da ertönte plötzlich ein leiser, flötender Gesang, dann noch einer ganz nahe und schneller, als ich es zu schreiben vermag, zehn- und hundertstimmig in die kalte Winterluft hinein.

»Was ist das?« wandte ich mich verwundert an den grauen Waldmann.

Dieser stand regungslos da, und all sein Blut war aus dem wettergebräunten Gesichte gewichen. »Gott sei uns gnädig, Herr«, sprach er endlich leise und deutete nach einer hohen Fichte, »sehen Sie dahin: da sitzen die Pestvögel, das ist nichts Gutes.« Ich blickte nach der bezeichneten Richtung hin, richtig, da saßen sie, dichtgedrängt auf allen Zweigen, fast purpurn hob sichs ab vom blendenden Schnee. Ich erkannte die Vögel auf den ersten Blick an der Farbe und dem immerwährenden nickenden Schopf, denn ich hatte sie schon ausgestopft gesehen. »Pestvögel?« fragte ich verwundert. »Das sind ja Seidenschwänze.« ? »Nennen Sie sie, wie Sie wollen. Herr, das sind Pestvögel; dieses Jahr wird unglücklich für uns ausfallen.«

Ich wusste von den schönen nordischen Gästen so viel, dass sie nur in manchen Wintern in unsere Gegenden kommen; mitunter vergeht eine lange Reihe von Jahren, ehe man ihrer wieder ansichtig wird. Kommen sie aber, so erscheinen sie in zahllosen Scharen. Dies seltene Erscheinen der Vögel, das besonders in strengen Wintern beobachtet wurde, hat sicher die Aufmerksamkeit der Landbewohner auf sich gelenkt; was aber oben im höheren Gebirg in schneereichem Winter zuweilen geschieht, davon will ich ein andermal sprechen. ? »Schießen Sie nicht, Herr!« flehte der Alte, als ich anlegte. Schießen Sie nicht; aus dem Blute der erschossenen Vögel entsteht die Pest; es ist schon schlimm genug, dass sie da sind.«

Ich tat dem Alten zu Willen, und wir setzten unseren Heimweg fort. Ein ziemlich starker Wind erhob sich und schüttete den Schnee herab auf uns, und die alten Fichten knarrten und stöhnten ein trauriges Lied. Der Alte sprach kein Wort mehr, und mich fröstelte, trotzdem ich vom raschen Gang erhitzt war. Die Dämmerung sank herab über den hohen Bergrücken im Westen, und leise klang das Angelus herüber aus Stubenbach.

Als im Frühjahre die Holzschwemme losging, gabs ein Unglück; ein Mann verlor beim Abstoßen der Scheiter das Gleichgewicht und stürzte in die brodelnde, gurgelnde Flut. Weit unten fand man die schrecklich verstümmelte, unkenntlich gewordene Leiche. Im Hochsommer wurde der älteste Sohn des alten Hegers von bayerischen Wilddieben erschossen. Mehrere Kinder starben, was übrigens alljährlich geschah, doch diesmal fiels auf. Der alte Mann selbst wurde krank und siechte lange; er erholte sich zwar wieder, seine frühere Rüstigkeit erlangte er jedoch nicht mehr und ging in Pension. Düster brütend, saß er stundenlang auf der Ofenbank, stützte die Ellbogen auf die Knie, bedeckte mit den Händen das Gesicht und murmelte: »Die Pestvögel, die Pestvögel!«

So fand der Aberglaube neue Nahrung und Bestätigung; doch dass in den langen Jahren, in denen die Seidenschwänze nicht erschienen, auch manches Unglück geschah, darüber dachte niemand nach.

Du wirst gut schlafen in Stubenbach, lieber Leser; du bist ja tüchtig ausgeschritten den ganzen Tag über, und die Gebirgsluft zehrt und macht müde. Wie könnte es bei diesem Reichtum an Ozon auch anders sein? Du kannst übrigens von Glück sprechen, wenn du einen schönen Tag gefunden hast, denn ein voll kommen schöner Tag, an dem es nicht regnet, ist hier eine Seltenheit, wenn man etwa vom September absieht. Ich habe immer lächeln müssen über die armen Ausflügler, die im Juni und Juli herkamen, und doch hätte ich sie eigentlich bedauern sollen. Diese enttäuschten Gesichter! Wie nasse Hühner unter dem Schupfendach sammeln sie sich in den Wirtshäusern, trocknen ihre Kleider und werfen wehmütige Blicke auf ihr zerweichtes Schuhwerk und ihre in der Nässe schief getretenen Absätze. Ich sehe ihn noch vor mir stehen, den armen Prager Hausherrnsohn, der bis hierhergekommen war, um den Urwald zu sehen. Da steht er am Fenster, ein Bild unsäglichen Jammers, und trommelt gelangweilt auf die Scheiben. Ich kenne ihn aber, den Herrn. Gott wird ihm eine glückliche Rückkehr schenken, und er wird jahrelang in seinen Stammlokalen von der Sumava (? so heißt auf böhmisch der Böhmerwald ?) renommieren, von seinen Abenteuern und Fährlichkeiten erzählen und berichten, was er alles gesehen. Und doch hat er gar nichts gesehen als einen grauen Himmel, graue Wolken und Nebel und in Grau gehüllte Sprösslinge eines ganz jungen Bestandes, den man nicht einmal mit dem Namen Wald bezeichnen kann. Das sah er am ersten Tag seines Hierseins und kehrte dann zurück unter das schützende Dach des Wirtshauses. Der bräunliche Saft, der seinem durchweichten Hutfutter rieselnd entquoll, versah sein zartes Antlitz mit einer Art energischer Kriegsbemalung, und seine vom Regen recht schlaff gemachten Manschetten erfüllten ihn mit Wehmut. Am zweiten Tag kam er nur bis zur ersten Sägemühle, wo er auf mooriger Wiese ein zartes Bouquet weißer Sumpfparnassien pflückte, worauf er abermals durchnässt heimkehrte. Am dritten Tag ging er schon gar nicht aus und ließ den Regen fein staubend, aber laut prasselnd, wie er eben kam, herabfallen; diesmal wurde nur sein Magen gründlich nass von dem vielen Biere, über welches er weidlich schimpfte, das er aber doch trank. Am vierten Tage fuhr er endlich unter strömendem Regen in geschlossener Extragelegenheit nach Eisenstein, wo er den nächsten Zug benützte, um dem Böhmerwald mit seinen erhabenen Schönheiten sanglos adieu zu sagen.

In Prag dagegen behauptete er unausgesetzt: »To Vám byla krása! Tam se musíte podívat!« (Das war schön! Dahin müsst ihr schauen!) ? und seine Freunde beneiden ihn. Die Parnassien, das einzige, was er mitgebracht, presst er sorgfältig, steckt sie hinter Glas und Rahmen und teilt dem oder jenem unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit mit, er habe sie von einer ländlichen Schönen erhalten, deren Herz er im Sturm erobert. Einige hingeworfene Worte, ein beredtes Schnalzen mit der Zunge seinerseits, die eigene Phantasie bemeldeter Freunde malt diesen ein reizendes Bild jugendfrischer, gesundheitstrotzender Landmädchenschönheit vor ihr geistiges Auge, und sie beneiden ihn wieder.

Weil ich gerade von einem Renommisten gesprochen, so kann ich nicht umhin, meinen geehrten Lesern ein ergötzliches Histörchen mitzuteilen, das sich vor vielen Jahren gerade in Stubenbach zugetragen hatte.

Zuvor aber muss ich bemerken, dass Stubenbach so ziemlich der Hauptort für die Auerhahnjagd ist. Alljährlich zur Balzzeit, im März und April, finden sich viele Kavaliere hier ein, diesem interessanten Sport zu huldigen. Da kam an einem wie gewöhnlich sehr weinerlichen Junitage zwar kein Kavalier, aber dafür ein possierliches Männchen, von kleiner Statur wohl, jedoch mit mächtig entwickelten Dreschwerkzeugen, die nicht einen Augenblick ruhten. Das Männlein, dessen Possierlichkeit durch seinen komischen Anzug noch gehoben wurde, nahm abends sans façon Platz am Herrentische und legte nun mit einer Zungenfertigkeit los, welche die Stammgäste geradezu verblüffte. Es schnarrte, knatterte, gellte, grölte förmlich durch die sonst so stillen Räume, und noch dazu in den hier nie gehörten Klängen des reinsten Berliner Dialekts. Was er alles erzählte, ist unmöglich wiederzugeben, drei Foliobände würden es nicht fassen. In der Hauptsache wars Jägerlatein. In allen Weltteilen hatte der Kleine gejagt, und dabei passierte es ihm, dass er Elefanten und Flusspferde in Brasilien, Walrosse in Zentralafrika, Jaguare in Sibirien und Kolibris vielleicht im Monde in unzähligen Scharen erlegte. Seine Erzählungen begleitete er mit drastischen Gebärden und bald hoheitsvollen, bald tief mitleidigen Blicken auf seine sprachlosen Zuhörer, die ihn übrigens kaum verstanden und sich anfangs vor Verwunderung kaum fassen konnten. Er hielt nur dann und wann inne, um prüfenden Blickes den Eindruck seiner Worte zu ermessen. Die anwesenden Jäger hätten sehr einfältig sein müssen, wenn sie den Kauz nicht bald durchschaut hätten. Wie dieser Nimrod schließlich dazu gekommen war, dass er Handlungsreisender wurde ? denn er erzählte ihnen, er sei auf dem Wege nach Mader, um dort Resonanzböden für Pianos, Violinen und Gitarren einzukaufen ?, darüber vergaß er zu berichten, wohl aber sprach er mit großer Verachtung von dem böhmischen Resonanzholz und schwur, dass das sibirische ungleich besser sei.

Eine der seltenen und kurzen Pausen, die der Fremde seinen Zuhörern gönnte, benützte einer der Jäger, um ihn zu fragen, ob er schon Auerhähne gejagt habe. »Ich habe deren, meine Herren, mehr jeschossen, als Sie alle in Ihrem janzen Leben jesehen haben«, lautete die bescheidene Antwort, und nun gings von neuem los, bis endlich das Bier seine Wirkung tat und der Elefantentöter das Zimmer auf einige Augenblicke verlassen musste. Seine Abwesenheit machten sich die Jäger zunutze, steckten plötzlich die Köpfe zusammen, und an ihrem teuflischen Lächeln konnte man wohl merken, dass ein geheimer Plan geschmiedet wurde. Das verdächtige Flüstern und Lachen wiederholte sich, sooft der Spreeathener das Zimmer verließ, was, beiläufig sei es gesagt, ziemlich oft geschah. Schließlich wurde der Wirt ins Vertrauen gezogen, und gegen 10 Uhr abends verließ einer der Jäger die Stube, machte sich bei den Geflügelställen etwas zu schaffen und verließ mit einem umgehängten, anscheinend ziemlich schweren Sacke das Haus.

Als nach wiederholten vergeblichen Bemühungen endlich wieder einer der Jäger zum Wort kam, lud er den Fremden ein, an der morgen früh stattfindenden Auerhahnjagd teilzunehmen, es sei gerade die richtige Balzzeit. Wohlgemerkt, es war im Juni. Der Berliner Nimrod war gleich dabei, und die Jäger versprachen, ihn zeitlich zu wecken, um die richtige Jagdzeit nicht zu versäumen. Die Aussicht, zeitlich geweckt zu werden, war dem Fremden offenbar nicht sehr angenehm, denn er bemerkte, bei ihm zu Hause falle die Balzzeit in den August und es würden die Auerhähne besonders in den Nachmittagsstunden geschossen. »Das kann bei Ihnen wohl der Fall sein«, bemerkte einer der Jäger, »doch wird Ihnen wohl nicht unbekannt sein, dass wir hier im Gebirge einen anderen Meridian haben als bei Ihnen in der Ebene, und nach dem Meridian richtet sich ja die Balzzeit des Wildes.« Dieses Argument war zu überzeugend, als dass sich dagegen etwas hätte einwenden lassen, und so blieb es denn bei der Verabredung. Die Jäger stellten sich nunmehr sehr schläfrig, und einer nach dem anderen verschwand, so dass schließlich der Fremde niemanden mehr hatte, dem er seine Abenteuer hätte erzählen können, und es deshalb vorzog, gleichfalls seine Lagerstätte aufzusuchen.

Noch graute der Morgen nicht, als an der Zimmertüre des Fremden geklopft wurde. Die Jäger waren erschienen, ihn zu wecken; einer von ihnen stellte ihm ein hübsches, bereits geladenes Doppelrohr zur Verfügung, an dem der bewährte Weidmann indes manches auszusetzen fand. Unter unausgesetztem Geklapper der unermüdlichen Dreschwerkzeuge ging das Ankleiden vor sich, und dann gings fort dem Walde zu. Ein feiner Regen rieselte herab, und die Dunkelheit war vollkommen, man hätte den dichten Nebel buchstäblich schneiden können. Die Jäger in ihren Stulpstiefeln und Lodenröcken hatten von der Feuchtigkeit verhältnismäßig wenig zu leiden, umso mehr der durchaus nicht balzjagdmäßig gekleidete Preuße. Anfangs ging das Mundwerk des Fremden noch gut, nach und nach jedoch schwand seine Mitteilsamkeit, und endlich schwieg er ganz. Über Stock und Stein führte der Weg, über Sümpfe und angeschwollene Bäche; bald stolperte sein Fuß über eine tückische Baumwurzel, bald versank er tief in den schlammigen Grund oder geriet in ein wohl gefülltes Wasserloch, wobei sich jedes Mal ein scharrender Schwernotsfluch seiner keuchenden Brust entrang. So gings fort wohl zwei Stunden lang; er merkte nicht, dass man ihn eigentlich fortwährend im Kreise herumgeführt hatte und dass er keine Viertelstunde von Stubenbach entfernt war.

Da fing der Tag im Osten zu grauen an, eine förmlich schmutzige Dämmerung ergoss sich über den Wald, und deutlicher und immer deutlicher hoben sich die dunkelgrünen Wipfel der Fichten aus dem Dunkel der Nacht ab. Gerade war der Fremde wieder ausgeglitten im triefenden Heidekraut, das sich wie Schnüre um seine Füße schlang; um nicht zu fallen, fasste er den Ast einer jungen Fichte, die sich bog und dann zurückschnellte, ihn mit einer förmlichen Wasserflut überschüttend. »Millionenschockschwere Not!« ? »Sachte, keinen Laut mehr! Wir sind zur Stelle!« flüsterte der eine der Jäger. »Er balzt!« flüsterte ein zweiter. Die ganze Gesellschaft stand still und horchte. In der Tat, ein seltsamer Ruf erscholl wie aus hoher Luft herab. »Haudrihaudrihaudri!« kollerte es. »Tiau! Tiau! Tiau!« antwortete es aus der Tiefe.

Im Nu waren die Kautschukverhüllungen von den Schlössern herunter, die Hähne gespannt. Mit angehaltenem Atem pirschte man sich vorsichtig näher; so lang der Ruf dauerte, gings vorwärts, dann stand jeder wie angewurzelt; wohl keuchte der Fremde etwas laut, einmal überkam ihn sogar ein Hustenanfall; der Auerhahn war jedoch offenbar sehr feurig gestimmt in seiner Brunst, denn er »balzte« fast ununterbrochen und nahm nicht die geringste Notiz von dem doch ziemlich lauten Geräusch. Da deutete einer der Jäger nach dem Wipfel einer mäßig hohen Fichte. Richtig, da saß er; die Umrisse eines großen Vogels traten hervor. »Haudrihaudrihaudri!« erscholl es abermals, dann folgte ein eigentümliches Pusten. »Schießen Sie!« flüsterte ein Jäger. Ein gewaltiges Jagdfieber hatte den Spreeathener erfasst. Bilder unsterblichen Ruhmes, der ihm hier winkte, mochten seine Phantasie umgaukeln, denn das Gewehr zitterte in seinen Händen, als er anschlug. Einige erwartungsvolle Sekunden folgten, dann krachte ein Schuss durch die tiefe Stille des Waldes. »Getroffen!« riefen die Jäger. »Ich fehle nie«, sprach der Berliner, das Rohr bei Fuß nehmend und einen triumphierenden Blick auf seine Begleiter werfend. In der Tat musste der Hahn gut getroffen sein, obgleich er nicht herabfiel; ohne Zweifel war er im Geäste hängengeblieben. Dafür regnete es förmlich Federn; schwarz, weiß, rot, in allen Farben rieselten sie herab, an allen Bäumen hingen sie und bedeckten das Preiselbeer- und Heidegestrüpp. Wo nur der arme Hahn so viel Federn hernahm? ? In diesem Augenblick erklangs unten im Dickicht am Fuße der Fichte: »Tiau, tiau, tiau« ? und oben mächtig und zornig: »Haudrihaudrihaudri.« ? »Was ist nun das?« fragte der Preuße und lief dem Dickicht zu. Diesmal brachen die Jäger in ein unbändiges Gelächter aus. Hervor aus dem Dickicht rumpelte, an einen Strick angebunden, eine Truthenne, und oben kollerte abermals ihr dort festgebundener Gemahl.

Der Nimrod stand einen Augenblick starr vor Verblüffung; dann fasste ihn namenlose Wut, sein ganzer kleiner Körper zitterte, und seine Mienen spielten wie die eines boshaften Affen. »Det is eene janz niederträchtige Jemeinheit!« polterte er. »So ne Fopperei für mir? Die Foljen werden Sie sehen; ich werde Ihnen bei unserer Jesandtschaft klagen«, und so cum et sine gratia weiter. »Das können S tun«, sagte endlich einer der Jäger, »und vergessen S a die Feder net, mit die mir Ihna s Gewehr gloden hoben. An ondres Mol ober lackieren S ondre Leut an als uns. Jetzt schaun S ober, dass mit uns hoamkommen, sonst vergengen S Ihna noch in die Filzen.« ? Der Rat war gut, und trotz seiner Entrüstung musste das Männchen den Jägern folgen.

Es zappelte denn auch in einiger Entfernung hinterdrein her, und hätte die Sonne geschienen an jenem denkwürdigen Morgen, sie hätte wohl gelacht über diese durchnässte, über und über beschmutzte, keuchende Jammergestalt.

Eine halbe Stunde später rollte ein halbgeschlossener Marterkasten die unendlich schlechte »Straße« gegen Mader entlang; am Herrentisch des bewussten Gasthauses aber herrschte durch Wochen hindurch unbändige Heiterkeit. Die preußische Gesandtschaft ließ glücklicherweise nichts von sich hören, was diese Lustbarkeit hätte trüben können. Es ist ein reines Glück, dass Stubenbach nicht am Kamerun liegt.

Auer- und Birkhühner gibt es noch ziemlich viele in den Stubenbacher Forsten; auch das Haselhuhn ist nicht gerade selten. Dafür nimmt das sonst so häufige Rehwild an Zahl sehr ab. Die Wildschützen, die herüberkommen aus Bayern, welches Bockbier erzeugende Land auch an diesem Artikel überreich ist, den es besonders nach Böhmens Grenzgebieten exportiert; die Wildschützen sorgen schon dafür, dass das Wild nicht überhandnimmt. Wohl zerbrach sich das Forstpersonal gar oft den Kopf, wie diesem Unfug zu steuern wäre; doch alles erwies sich bis jetzt als fruchtlos. Streifungen mit und ohne Gendarmerie sind immer problematisch; die Kerle haben feine Nasen und sind unter Umständen verwegen genug, wenn sie in die Enge getrieben werden. Die Geschichte des Böhmerwaldes hat über diesen Punkt manch blutiges Blatt aufzuweisen. Ich kann nicht mehr mit Sicherheit angeben, ob sich die Geschichte, die ich erzählen werde, im Stubenbacher oder in einem anderen Revier des Böhmerwaldes zugetragen hat, denn es ist wohl ein halbes Jahrhundert ins Meer der Ewigkeit geflossen, seit sie sich ereignet. Ich habe sie übrigens von glaubwürdigen Leuten gehört und zweifle nicht, dass sie wenigstens in ihren Hauptzügen wahr ist. Die Geschichte ist in ihren Einzelheiten so unheimlich, zeigt so viel von der Bestie, die in jedem Menschen schlummern soll, dass sie an die Indianerkämpfe im fernen Westen Nordamerikas erinnert.

Da war damals ein Förster, der es mit seinem Amte sehr streng nahm. Er war den Wildschützen Tag und Nacht auf den Fersen und entwickelte die List eines Indianerhäuptlings auf dem Kriegspfade, wenn er in der Verfolgung seiner geschworenen Feinde begriffen war. Die eisernen Stäbe der Gerichtsgefängnisse der Kreisstadt mochten wohl oft verzweifelt gerüttelt worden sein von den ihrer Freiheit beraubten Gebirgssöhnen; aber die Haft dauerte nicht ewig, und kaum war einer eingeliefert, als dafür ein anderer freigelassen wurde, der natürlich seine frühere Tätigkeit von neuem aufnahm. So glich die rastlose Mühe des pflichteifrigen Försters einer wahren Sisyphusarbeit, die ihm weniger Lohn als furchtbaren Hass eintrug. Da geschah es eines Tages, dass er im Walde, weit entfernt von jeglicher menschlichen Wohnung, von seinen Feinden überfallen wurde. Sie überwältigten ihn und schlugen ihn halb tot; dann knebelten sie ihn und hingen ihn an den Füßen an eine junge Fichte, die sich unter seinem Gewichte tief herunterbog, so dass sein Kopf in einen Ameisenhaufen zu liegen kam. Daraufhin entfernten sich die Unmenschen, wünschten ihm höhnisch einen guten Morgen und überließen ihn seinem Schicksale. So hing er denn da in namenloser Qual, unfähig, sich zu bewegen, und durch den Knebel am Schreien gehindert. Die grausamen kleinen Tiere begannen ihr Werk. ? Gott hatte Mitleid mit dem Gemarterten. Ein Weib, das auf der Pilzsuche begriffen war, entdeckte ihn, band ihn los und eilte in das Forsthaus um Hilfe.

Lange lag der Förster krank darnieder, sein Geist drohte in ewige Nacht zu versinken; endlich siegte seine kräftige Konstitution, aber Haar und Bart war weiß geworden, weiß wie gefallener Schnee, obgleich er im besten Mannesalter stand, und sein Gemüt finster wie die Nacht.

Als er nach langen Wochen zum ersten Male die rostig gewordene Büchse vom Nagel herab nahm und über die Schulter warf, äußerte er: »Nun geht es los. Ich kenne die Burschen alle. Ich habe fortan nur einen Lebenszweck.« Mit diesen Worten trat er ins Freie und ging strammen Schrittes dem Walde zu, in dem er verschwand; am Abend kam er heim. So tat er jeden Tag. Eines Abends leuchtete ein dämonisches Feuer in seinem Blick. »Einer«, sprach er und wies auf den glänzenden Kopf eines gelben Messingnagels, den er in den Büchsenkolben eingeschlagen hatte. Einige Tage darauf versammelte sich ein Schwarm krächzender Raben auf einer eng umschriebenen Stelle des Urwaldes, und als die Holzhauer, durch das eigentümliche Benehmen der schwarzen Gäste aufmerksam gemacht, der Stelle zueilten, fanden sie eine halbverweste Leiche, deren leere Augenhöhlen grauenhaft gegen Himmel starrten.

So gings nun weiter. Die Gefängnisse der Kreisstadt beherbergten ihre früheren Insassen nicht mehr, aber bald da, bald dort fand man im Wald und im Moos einen Toten, auch wohl tief versteckt im Dickicht ein Skelett, mitunter auch gar nichts, trotzdem man den Häusler X. oder den Knecht Y. drüben in Bayern vermisste. Dort zog überhaupt Jammer ein unter die steinbeschwerten Dächer der Waldhäuser. An dem Büchsenkolben des Försters jedoch mehrte sich Nagel auf Nagel, sein Auge war sicher, seine Hand zitterte nicht, und der Wald war verschwiegen.

Wohl durchschwirrten mancherlei Gerüchte die Luft, aber die Justiz hatte es nicht eilig damals, und die Beweise waren schwer zu erbringen gewesen. Als aber des Geredes immer mehr wurde, versetzte man den Förster weit fort in ein anderes Land. Die Gefängnisse der Kreisstadt erhielten nun wieder ab und zu einen Kostgänger von der Grenze oder aus Bayern. Von dem Förster aber hörte man nichts mehr.

Zweites Kapitel

Die künischen Freibauern ? Rehberg ? Gasbeleuchtung und Soldatenpresse

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Wir verlassen Stubenbach, sonst sehen oder hören wir noch manches in diesem Regenwinkel Europas, was uns aufhält, und wir kommen nicht weiter.

Langsam aufsteigend geht der Weg gegen Süden, über Kruhberg nach Neubrunn, das hoch oben steht am Gebirgsrücken, der die Wasserscheide bildet zwischen Kieslinger und der Wydra, dem zweiten Quellfluss der Wotawa. Links hinunter eröffnet sich die Aussicht gegen Großhaid, das noch vor kurzem zur Gemeinde Rehberg gehörte.

Das Vieh weidet so ruhig unten im Tal, und der Schall seiner Glocken klingt so traut herauf durch die klare Luft, so tiefer Friede liegt über der Landschaft, dass man meinen möchte, es könne keine Kämpfe geben in diesem stillen Erdenwinkel. Der Schrei eines Raubvogels, der aus hoher Luft hernieder tönt, reißt dich aus deinen Gedanken; er kündet anderes als Frieden.

Jäh biegt ein Fußsteig nach links ab; ehe du ihn betrittst, stößt dein Fuß gegen ein etwa klafterlanges Brett, einige andere liegen nebenher. Wie kommen sie her, diese Bretter, auf die Straße? Warum lässt man sie hier faulen? Denn tatsächlich sind welche dabei, die schon im Zerfalle begriffen sind. ? Ihr Vorhandensein, lieber Freund, kündet dir an, dass du im Herzen des Böhmerwaldes bist. Einem alten Gebrauche zufolge werden hier die Bretter, auf denen die Toten gelegen sind, neben den Weg, besonders an Kreuzwege gelegt; hier bleiben sie, bis sie zerfallen, ein Memento mori für die Vorübergehenden. Die Leute wissen zumeist, wer auf ihnen gelegen; schweigend bekreuzen sie sich und gehen vorüber. Arger Frevel wäre es, sie fortzutragen oder gar sie zu irgendeinem profanen Zwecke zu benützen.

Der Steffen Toni unten im Tal war ein wüster Geselle; von ihm erzählen noch die alten Leute, obgleich er lang, lang schon unter dem Rasen liegt. Eine gewöhnliche Bauerngeschichte ists, wie man deren zu Dutzenden in den Kalendern lesen kann; ich werde sie daher nur kurz berühren.

Am Allerseelentage wettete er, er werde eines der Bretter heimtragen und darauf schlafen; Brett sei Brett, ob man Brot darauf schlichte oder einen Toten. Lachend verließ er das Wirtshaus, und fort stürmte er in die finstere Novembernacht, ob auch den plötzlich entnüchterten Gästen vor Grauen die Haare zu Berg standen und nur zwei besonders beherzte es wagten, ihm in respektvoller Entfernung zu folgen. Heulend fegte der Sturm über Moor und Heide, und stöhnend bogen sich die hohen Fichten des damals noch unberührten Urwaldes unter seinem Wehen. Blaue Lichter tanzten im Moor, und warnend erscholl der Schrei eines Nachtvogels: »Tus nit! Tus fit!« Der Toni aber fasste keck ein Brett und lud es auf den Rücken; in diesem Augenblicke wars, als löste sich ein weißer Ballen aus dem finsteren Grün des Waldes, er wuchs und wuchs und glich endlich einem riesigen Haufen flatternder weißer Linnen. Von fern bemerktens die zwei und flohen, so schnell sie die Füße trugen. Dem Toni aber wurde mit einem Male das Brett so schwer, dass er es kaum tragen konnte. Er sah wohl nichts, doch sauste es plötzlich hinter ihm drein, wie sturmgepeitschte Segel. Grauen erfasste ihn; er wollte das Brett wegwerfen, doch, o Schrecken! er vermochte es nicht, es saß wie festgewachsen.

Die Angst trieb ihn vorwärts, so schnell er konnte, und immer rauschte es hinter ihm drein. So kam er atemlos an der Kapelle unten im Tal vorbei. »Heilige Jungfrau, verzeih meinen Frevel und erlöse mich!« flüsterten in namenloser Angst in inbrünstigem Gebet seine bebenden Lippen. Es war nach langer Zeit zum ersten Mal, dass er betend den Namen der Hochgebenedeiten aussprach. Da fiel das Brett von seinen Schultern, und stille wards um ihn herum. Er aber sank in die Knie und betete lange.

Dann ging er heim. Am anderen Tag lag das Brett wieder dort, wo er es genommen hatte. Von dieser Zeit an war der Toni wie ausgewechselt: der frömmste Mensch in der ganzen Gemeinde. Die Toten sind heilig und alles, was bestimmt ist, ihr Andenken zu wahren.

Steil geht der Weg hinab über den »Dürren Berg«, an mächtigen Steinhalden vorbei ins Tal. Erst ziemlich tief unten, gegen den klaren Stillseifenbach zu, betritt man den Wald. Drüben erhebt sich hoch und steil ein anderer Berg, mit ziemlich jungem Wald bewachsen. Das ist der »Brennte Berg«. Vor Jahren bedeckte ihn dichter, undurchdringlicher Urwald. Da häuften sich an seinen Hängen in zahlloser Menge Schlangen und jegliches Geschmeiß. Der »Schlangenkönig« erkor sich ihn zur Residenz.

Der Schlangenkönig war, wie die Leute erzählen, eine ganz ungeheure Schlange, mit der verglichen die größten Pythons und Abgottschlangen reine Blindschleichen sind. Er trug eine goldene Krone und erschien dann und wann zu nicht geringem Entsetzen der Holzhauer und Viehhirten, in Begleitung einer zahllosen Suite größerer und kleinerer Nattern.

Da fasste der damalige Richter des königl. Freigerichtes, Stadler Anteil erster Teil, im Einvernehmen mit dem Oberrichter zu Seewiesen einen heroischen Entschluss, um die Gegend von der Schlangengeißel zu befreien: während einer lang anhaltenden Dürre ließ er den Berg von allen Seiten umstellen; mächtige Haufen trockenen Reisigs, Stroh und Moos wurden aufgetürmt und dann angezündet. Der Brand teilte sich dem Walde mit, und bald standen einige hundert Joch Urwald in Flammen. Wochenlang brannte es fort, und als endlich das Feuer erlosch, stand kein Baum mehr an sämtlichen Lehnen. Die Schlangen hatten ihren Untergang in den Flammen gefunden, wohl auch ihr König; denn man hat nichts mehr von ihm gesehen. Wo nur seine Krone hingekommen sein mag; denn bis zum heutigen Tag fand man sie nicht, trotzdem man nicht aufgehört hat, sie zu suchen. Der Berg aber, gedüngt von der vielen Asche, überzog sich bald mit neuem, üppigem Anflug, und heute bedeckt ihn abermals ein schöner gemischter Wald.

Der Boden, wo du jetzt wandelst, lieber Leser, ist geschichtlich interessant; du hast ihn schon in Kruhberg betreten, dann aber wieder verlassen: du befindest dich nämlich hier auf ehemaligem »künischem« (königlichem) Freigebiet. Dieses Gebiet umfasst acht Gemeinden des sogenannten königlichen Waldhwozd, welche sich bis zum Jahre 1848 bedeutender Privilegien zu erfreuen hatten. Es waren dies die Gemeinden St. Katharina, Hammern, Eisenstraß des jetzigen Neuerner, Seewiesen, Künisch Heidel, Stadeln des Hartmanitzer, Stadler Anteil oder Rehberg und Stachau des Bergreichensteiner Bezirkes. Mit Ausnahme der südlichsten dieser Gemeinden, Stachau, die fast ganz böhmisch ist, sind die übrigen sämtlich deutsch. In den nördlichen dieser Gemeinden, die dem Verkehr mit der übrigen Welt mehr erschlossen sind, hat sich die Erinnerung an die früheren Privilegien schon ziemlich verwischt, in den südlichen, namentlich in Rehberg und Stachau, ist sie jedoch noch sehr frisch geblieben. Letzteres führt im Gemeindesiegel noch immer die Worte: Královská frejrychta Stachovská.

Über dem Ursprung dieser Gemeinden schwebt manches Dunkel, das vielleicht nie gelichtet werden wird. Ich will mich vorderhand über diesen Gegenstand in keine weiteren Erörterungen einlassen, da ich nicht imstande war, mir Quellen darüber zu verschaffen, und die verschiedenen Traditionen denn doch zu unhaltbar sind. Doch will ich die Sache nicht als aufgehoben, sondern bloß als aufgeschoben ansehen und werde nicht ermangeln, bei einer späteren Gelegenheit auf diese Frage zurückzukommen. Der Privilegien gab es mancherlei. Im Wesentlichen waren es folgende: Die Gemeinden waren frei, die Insassen niemandem untertan. Sie verwalteten sich autonom und stand einer jeden ein Richter, der sogenannte Freirichter, vor; darum führte auch jede Gemeinde den Namen königl. Freigericht. Als obere Instanz fungierte der gleichfalls frei gewählte Oberrichter von Seewiesen. Dieser sowie die Richter der einzelnen Gemeinden waren einfache, schlichte Bauern, von denen man keine weitere Gelehrsamkeit forderte; kam es doch häufig genug vor, dass diese Magistratsperson weder lesen noch schreiben konnte.

Abgaben zahlten diese Freibauern keine; der Ertrag ihrer Wälder reichte aus, um die Gemeindeauslagen zu bestreiten; desgleichen waren sie vom Militärdienst befreit, doch hatte der Richter das Recht, ein fremdes oder ein heimisches Individuum, das sich als gemeinschädlich erwies, einfach bei Nacht und Nebel abfassen und ohne weiteres nach Pisek abführen zu lassen, wo es, wenn diensttauglich, auf 14 Jahre unters Gewehr musste.

Dieses bedenkliche Recht des Richters ist wiederholt zu Willkürakten missbraucht worden, denn seinem Ermessen lag es ob, zu entscheiden, wer gemeinschädlich sei. Ich werde übrigens gleich ein Beispiel erzählen.

Jagd und Fischerei war frei, wahrlich nicht zum Vorteil der ersteren, denn Rehe gabs nie viele in den Gemeindewäldern, umso mehr Raubzeug.

Die Freibauern hatten auch das Recht, eine gewisse Anzahl Vieh den ganzen Sommer über in den fürstlichen Waldungen weiden zu lassen. Noch heute werden Ochsen, Stiere und Jungvieh zu Johanni in die Wälder getrieben und verbleiben dort bis Michaeli. Freilich besteht der Trieb nicht mehr zu Recht und ist es der gute Wille des Fürsten Schwarzenberg, der es gestattet.

Für diese und andere Rechte, die ich hier übergehe, hatten die Insassen der Freigerichte die Pflicht, die Grenze gegen etwaige feindliche Einfälle zu verteidigen und sich nötigenfalls dem Kommandanten der kaiserl. Grenzjäger ? einem nunmehr aufgelösten, streng militärisch organisierten Finanzaufseherkorps ? zur Verfügung zu stellen.

Es mochte gegen Ende der dreißiger Jahre sein, als eines schönen Tages der Sohn eines armen Häuslers, der, wenn ich nicht irre, in Wien studierte, zu den Ferien nach Rehberg kam. Besagter Student ?nennen wir ihn Georg ? war ein aufgeweckter junger Mann, voll Laune und lustiger Streiche; kam er abends ins Wirtshaus, so gabs gewiss eine Haupthetze. Eine solche kam auch am Abend vor dem 15. August ? dem »großen Frauentag«, wie die Leute diesen Tag nennen ? zustande. Auf diesen Tag fällt das Kirchenfest, und da muss es ja ohnehin lustig zugehen. Im Gasthaus bei der Kirche saßen die Gemeindehonoratioren ? der Richter natürlich auch mit ?, und Georg ließ seine Witze springen. Gespräch hin, Gespräch her, ich weiß nicht, wie man auf die Gasbeleuchtung zu reden kam, die damals erst hie und da in Einführung begriffen war. Der Richter, der über das Wesen dieser . Neuerung, die er in seiner Weisheit a priori in den schärfsten Ausdrücken verdammte, nicht die blasseste Ahnung haben mochte, denn er hatte in seinem Leben neben dem damals gebräuchlichen Buchenspan höchstens eine Unschlittkerzenbeleuchtung gesehen, sprach konsequent »Goasbeleuchtung« (Goas = Geiß, Ziege). Das war ein Lichtstrahl für Georg. Er band dem Richter ungeheure Bären auf, sprach von satanischer Tierquälerei, so dass der Richter auf den Gedanken kommen musste, man verbrenne unglückliche Ziegen bei lebendigem Leibe. Diesem Gedanken gab er auch zu nicht geringem Ergötzen des anwesenden Schullehrers und des Kaplans Ausdruck, und weiß Gott, wie lange der Spaß gedauert hätte, wenn nicht ein zufällig eingetretener Grenzjäger, der wahrscheinlich in dieser Gesellschaft sein Licht leuchten lassen wollte, den Richter aufgeklärt hätte. Als dieser sich gefoppt sah, geriet er in namenlose Wut. Ein Hagel von Schimpfworten und Drohungen ergoss sich über das Haupt des Studenten, der sich zwar bemühte, den Erbosten zu besänftigen, indem er die Sache als einen unschuldigen Scherz darstellte, endlich aber, als der Richter in seinem Toben immer weiter ging und immer gröber wurde, auch die Geduld verlor und diesem entgegendonnerte: »Es ist ohnehin eine Schande für das ganze Gericht, einen Richter zu haben, der nicht einmal schreiben kann und dem sein Weib die Hand führen muss, wenn er unter irgendetwas seinen Namenszug setzen will.«

Das war wahr, und jedermann wusste es, obgleich der Richter stets sorgfältig bemüht gewesen war, diesen kleinen Mangel seiner Befähigung vor den Augen seiner Gemeindeangehörigen zu verhüllen.

»Das ist eine ganz niederträchtige Lüge von diesem Lausbuben!« brüllte er.

»Beweiset sie, Richter, schreibt mal Euren Namen vor uns allen auf«, höhnte Georg.

Damit hatte er dem Fasse den Boden ausgeschlagen. Einen Moment hatte es den Anschein, als wolle sich der Richter auf den Verächter seiner Autorität stürzen; er bezwang sich jedoch, nahm Stock und Hut und verließ mit einer Drohung auf den Lippen die Gaststube.

Einige der Gäste lachten, andere schüttelten bedenklich den Kopf; die Gesellschaft trennte sich erst spät in der Nacht.

Der Frauentag verging in gewohnter Weise und noch zwei oder drei Tage. Da kam eines Abends atemlos ein Bauer in Georgs Elternhaus. Der Student machte sich eben zum Ausgehen fertig.

»Georg!« rief der Bauer. »Georg, wart einen Augenblick; ich habe dir etwas mitzuteilen. Heut Nacht sollst du abgefasst werden; mach, dass du fortkommst. Der Richter hats auf dich abgesehen.«

Dem jungen Mann war der Gebrauch des Soldatenpressens nicht unbekannt; dennoch zweifelte er einen Augenblick. Er war doch nicht gemeinschädlich; einen solchen Gewaltakt würde der Richter doch nicht wagen.

»Wo willst rekurrieren?« fragte der Bauer. »Ich kann dir nur raten, augenblicklich zu fliehen. Du kennst den Richter nicht. Wenn er dir auch die »Goasbeleuchtung« verziehe, das schenkt er dir niemals, dass du ihn als schreibunkundig hingestellt hast.«

Georg entschloss sich zur Flucht. Er wählte die verstecktesten Pfade und erreichte binnen einer Stunde das Bergreichensteiner Gebiet, wo die Macht des Richters aufhörte.

Es war höchste Zeit gewesen. Als die Nacht hereinbrach, wurde es im Wald um das einzeln stehende Haus lebendig. Einige Bauern und zwei Grenzjäger umstellten das Haus. Der Richter und zwei Begleiter öffneten die nur angelehnte Türe ? hier wird nichts zugesperrt ? und traten ohne Umstände ein.

»Wo ist Georg?« fragte er den Alten, der ihm mit einem brennenden Buchenspan entgegentrat.

»Er ist fortgegangen; wohin, weiß ich nicht«, lautete die Antwort.

»So? Fortgegangen? Wir werden sehen.«

Das ganze Haus wurde in allen seinen Winkeln durchstöbert; selbst das Heu wurde übereinandergeworfen, natürlich ohne Erfolg. Fluchend entfernte sich endlich der Richter; Georg war offenbar gewarnt worden. »Ich werde dich schon noch kriegen!« murmelte er.

Er bekam ihn indessen nicht; denn Georg hatte in Hurkental bei den Abeles eine Zuflucht gefunden. Als etwa vier Wochen später der Richter nach Seewiesen ging, begegnete er dem Rebellen, der ihn höflich grüßte. Da der junge Herr Abele mitging, musste der Richter noch gute Miene zum bösen Spiel machen und den Gruß erwidern. Solange indessen seine Herrschaft währte, wagte Georg es nicht, das Gebiet des erbitterten Dorfpotentaten zu betreten.

Wir werden uns einige Tage hier aufhalten, lieber Leser, denn hier gibt es noch manches, was dich interessiert, Gegenwärtiges und Vergangenes. Ich empfehle dir das Gasthaus des Herrn Weber oder das des Herrn Hoffmann bei der Kirche, du wirst dort nicht schlecht aufgehoben sein, wenn du nicht zu große Ansprüche machst. Bescheiden musst du allerdings sein, denn du bist hier an der Grenze der bewohnten Welt, tief drinnen in der alten Sumava.

Drittes Kapitel

Der Borkenkäfer und die »Käferzeit« ? Die Schachtelei ? Ein Spaß ? Annamirls Größenwahn ? Schnee und Pest ? Die Vincenzsäge und Unterreichenstein

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Das Jahr 1870 brachte eine Katastrophe, welche alle Verhältnisse änderte: die Borkenkäferkalamität, von welcher wir gelegentlich noch sprechen werden. Diese Kalamität betraf den ganzen Böhmerwald und schädigte unser Nachbarland Bayern ebenso sehr wie Böhmen. Wer in den Jahren 1872 bis 1874 unser Gebirge berührte, dem mussten die schrecklichen Verheerungen dieses entsetzlichen Waldfrevlers auffallen. Grün und dunkel standen sie heute da, die herrlichen Fichten: da fingen sich die Nadeln an den Spitzen zu röten an, zuerst oben, dann allgemach immer weiter herab. Schließlich wurden sämtliche Nadeln rot und begannen abzufallen. So weit das Auge reichte, ganze Bestände, alt und jung, alles nahm diese verhängnisvolle Rostfarbe an, auch das grüne, üppige Moos, das von den herabfallenden Nadeln buchstäblich begraben wurde. Ein ungemein trauriger Anblick!

Hin und wieder ragte eine grüne Buche oder ein breitblättriger Ahorn aus diesem Meer von Rot und wiegte leise das dicht behängte Haupt, wie trauernd um die sterbenden Genossen.

Tag und Nacht hallten die Axtschläge, loderten die Flammen empor, widerhallte Fels und Berg von dem Knallen der Peitschen der Fuhrleute und dem Dröhnen der über die Hänge zu den Wasserläufen und Schwellen hinpolternden Stämme. Ein ungewohntes Leben in diesem stillen, menschenleeren Dome der Natur!

Fürst Schwarzenberg und die Stadtgemeinde Bergreichenstein wandten sich an die Regierung um Hilfe; es ist mir nicht mehr genau erinnerlich, wer um Militär bittlich wurde. Hilft ja doch das Militär bei allen allgemeinen Katastrophen, bei Bränden, Überschwemmungen und dergleichen, und das war doch eine allgemeine Not von ganz imminenter Qualifikation. Baron Koller soll dem Bittsteller geantwortet haben, dass das Militär zu ganz anderen Dingen da sei als zum Abrinden von Baumstämmen.

Da die einheimischen Arbeitskräfte durchaus nicht ausreichten, sah man sich gezwungen, italienische Arbeiter zu Hilfe zu rufen, welche auch zu Hunderten erschienen.

Die »Käferzeit«, wie die Leute jene unglückselige Epoche nannten, brachte momentan viel Arbeit und viel Geld in dem Böhmerwald. Die Arbeiter wurden gut gezahlt, die Bauern bekamen Geld für die Stämme, wenn diese auch zu einem wahren Spottpreis bezahlt wurden; denn früher brachten sie dieselben gar nicht an, da erst die Not zwang, Wege zu bahnen. Auch verdienten sie viel Geld für gestellte Bezüge. Die Unmasse geschlagenen Holzes lockte die Holzhändler heran, die sich da sammelten wie Geier um ein totes Tier; kurz, es entstand ein nie dagewesenes Leben. Mancher Bauer sah in einem Monate mehr Geld als früher in seinem ganzen Leben. Man muss heutzutage lächeln, wenn man hört, wie die Leute die »Käferjahre« als eine Art goldenen Zeitalters preisen, wo es allen so gut ging. Eine Folge dieses Geldzuflusses wieder war es, dass die Wirtshäuser gute Geschäfte machten, dass sie sich vermehrten wie Pilze nach einem Regen, dass ein unerhörter Übermut und eine kopflose Verschwendung Platz griffen.

Die Leute gewöhnten sich an die üppigen Sonn-und Feiertage, und als das Holz aufgearbeitet, verfrachtet und fortgeschwemmt war und der Verdienst aufhörte, fiel es ihnen schwer, zu ihrem früheren Leben zurückzukehren, zumal die Wälder devastiert waren und keinen Ertrag mehr abwarfen. So wurden denn »Bankgelder« aufgenommen, Wucherschulden kontrahiert, und jetzt ist der Katzenjammer da. Ein Hof nach dem andern wird verkauft, die Bettler nehmen überhand, und der Auswanderer wird Legion. Der vorige Winter hat Illustrationen hierzu in Fülle geliefert.

Da die frühere Regierung einsah, dass für den Böhmerwald doch etwas geschehen müsse, so entsendete sie den Herrn Hofrat Exner aus Wien, über dessen Enquete seinerzeit viel geschrieben und geredet worden ist. Ich zolle hier der persönlichen Liebenswürdigkeit und dem guten Willen des Herrn Hofrates meine volle Hochachtung, bin auch überzeugt, dass die zu Bergreichenstein und zu Wallern errichteten Fachschulen sich in der Zukunft segensreich erweisen werden ? doch gut Ding will Weile ?, wir sind ein wenig stark konservativ und gar so abgeschieden vom Weltverkehr.

Doch ich bin ein einfacher Feuilletonist und will mich in keine weiteren Erörterungen über diese Dinge einlassen, mir genügt es, sie angedeutet zu haben.

Ich führe dich, lieber Leser, wieder in den Wald, und zwar zuerst in die sogenannte Schachtelei; ein Marsch von etwas über einer Stunde führt dich von der Rehberger Kirche aus in die tiefe Schlucht, welche der südliche Quellfluss der Wotawa sich zwischen den gewaltigen Urgebirgsmassen ausgehöhlt hat. Die schroffen Hänge links und rechts sind zum Teil noch von schönen Wäldern bestanden, in welchen der Borkenkäfer und die Axt allerdings schon große Lücken gerissen haben. Unten braust der Fluss meilenweit hörbar, seine klaren Wellen schäumend und brüllend an den zahllosen mächtigen Felsblöcken brechend, die sein Bett ausfüllen. Die braune, an tiefen Stellen purpurschwarze Flut scheint aufgelöst in silbernen Schaum, die mächtigen Geröllstücke sind oft kugelförmig abgeschliffen und sonderbar ins Innere hinein ausgewaschen, wie etwa die Salzachöfen oberhalb Golling in der Nähe des Pass Lueg. Man kann sich keinen Begriff machen von dem Toben und Brüllen der Wasser, wenn im Frühjahr das Bett des Flusses gefüllt ist und die oberen Schleusen geöffnet werden zum Zwecke des Scheiterholztriebes. Das Bild ist überwältigend in seiner großartigen Schauerlichkeit.

Mit langen Spießen bewaffnet, folgen die Holzknechte zu beiden Seiten des Flusses den treibenden Scheitern, um diejenigen abzustoßen, die das Wasser an den Strand wirft. Schmal und gefährlich ist der Pfad, an dem nassen Ufergestein haftet kaum der suchende Fuß, und wehe dem Unglücklichen, den ein Fehltritt in den kochenden Brodel schleudert. Er findet wohl kaum Zeit zu einem Hilferuf. Alljährlich ereignen sich solche Unfälle und vermehrt sich die Zahl der Opfer der Wotawa, die der Volksglauben auf neun jährlich festsetzt. Ich glaube eher, dass die Zahl zu niedrig als zu hoch gegriffen ist, denn auch unter den Flößleuten sucht sich der Fluss alljährlich seine Opfer, namentlich in seinem oberen Lauf, wo die Flöße häufig genug zerschellen.

Die Schachtelei zieht sich wohl anderthalb Stunden weit von der sogenannten Bruckmühle bis gegen die Bifurkation der Wydra unterhalb Mader hinauf. Das Tal, häufig zur Schlucht eingeengt, folgt den mannigfachen Windungen des Flusses und eröffnet mit jedem Kilometer Weges neue, ungeahnt romantische Perspektiven. Links erhebt sich schroff und steil der Schlösselberg, dessen Gipfel von mächtigen, zinnenartig sich türmenden Granitblöcken gekrönt wird, die, selbst aus nächster Nähe betrachtet, einer alten Ruine gleichen und dem Berg sowie den dahinter sich weithin erstreckenden Forsten und den spärlichen Ansiedelungen darin den Namen Schlösselwald gegeben haben. Rechts ist der Abfall weniger steil und führt eine Strecke längs des Ufers eine gebahnte Straße. Hier, lieber Leser, bist du im Waldgebiet der königl. freien Goldbergstadt Bergreichenstein angelangt, ein Gebiet, das reichlich 9000 Joch Waldung in sich schließt, den mächtigen Antigel, an dem du vorüber musst, um in die »Gefilde« zu gelangen, mit inbegriffen.

Tief unten, im Tal der Schachtelei, stand vor Jahren ? ich habe es noch gesehen ? ein einfaches, morsches Holzkreuz. Eine fromme Hand hatte es hier aufgestellt, wohl zwanzig Fuß über den tosenden Wassern, zum Dank der gütigen Vorsehung, die schützend hier gewaltet.

Hoch oben am Schlössel hatte sich eine Gesellschaft übermütiger Bauernburschen eingefunden, die hinabsahen in die wohl dreihundert Meter tiefe Schlucht. Die untergehende Sonne vergoldete die Kuppeln der Berge, unten im Tale lag bereits graue Finsternis. Der matte Schein eines Feuers drang herauf zu der johlenden und lärmenden Schar. Einige Holzknechte hatten es unten angezündet und bereiteten sich daran ihren Schmarren. Müde von des Tages Anstrengung, lagerten die armen Teufel im Grase.

»Höre, Hannes«, sprach oben einer, »wie wäre es, wenn wir von hier ab einen tüchtigen Stein herabrollten? Die sollten Füße kriegen, die da unten.«

»Lass das, Sepp«, warnte der Angeredete, »du könntest einen erschlagen; sie haben dir ja nichts getan.«

Andere mischten sich ins Gespräch. Der tolle Einfall, die unten lagernden, nichts ahnenden Holzknechte durch einen hinab gerollten Stein zu erschrecken, fand Beifall, und trotz der Warnung der Besonnenen schritt man sogleich zur Ausführung. Ein wohl zehn Zentner schwerer, loser Block lag hart am Rande; sie brauchten sich bloß anzustemmen, und er musste hinab rollen, unaufhaltsam, alles zermalmend.

Und sie stemmten sich an. Langsam neigte sich der Stein, rutschte einen halben Schuh weit und blieb dann wieder liegen; eine Baumwurzel hatte ihn festgehalten. Umsonst. Die rüden Gesellen schoben und drängten ihn weiter. Abermals machte der Stein eine Wendung, dann noch eine, dann einen Sprung, dann noch einen ? und krachend sauste er hinab den Hang, junge Bäume abknickend, kleine Steine loslösend, prasselnd wie ein Hagelwetter, donnernd, sausend.

Da blickten die Männer unten auf ? ein vielstimmiger Schrei des Entsetzens gellte durch die Luft. Der Stein war im Fallen gegen die Felsen geprallt und hatte sich in drei oder vier Trümmer zerschellt, die nun, jedes für sich donnernd, in Sätzen, kleines Gestein wie eine Lawine mit sich fortreißend, talab polterten. Entsetzen lähmte die bedrohten Holzknechte; um ihre Köpfe knatterte es gleich einem platzenden Schrapnell. Es war ein wahres Wunder, dass keiner verletzt wurde. Die aber, die oben so mutwillig die Gefahr über sie beschworen, flohen entsetzt, als sie sahen, was sie angerichtet.

Die durch den wunderbaren Schutz der Vorsehung Geretteten richteten das erwähnte Kreuz unter dem Felsen auf, das lange Jahre da stand, bis es endlich morsch wurde und zerfiel; ein kaum noch bemerkbarer Holzstumpf ist das einzige, was davon übriggeblieben. Die es aufgestellt, sind alle schon dahingeschieden, und die Epigonen haben darauf vergessen.

Das Annamirl (Anna Maria) war ein bildsauberes Kind, drall und rot, schwarzäugig und lustig wie nur ein echtes Gebirgskind. Dem schlanken Sepp aus den Talhäusern, der eigentlich ein armer Teufel war, aber arbeiten konnte wie nicht leicht ein zweiter, hatte sies angetan, denn er liebte sie rein zum Rasendwerden. Und sie? Nun, sie liebte ihn eigentlich auch, aber sie wusste es nicht so recht, denn sie war eine rechte Evastochter, der es wohltat, wenn zwanzig Männer schier verrückt hinter ihr drein waren, eine veritable Dorf-Celímene nach Molieres Schlag. Nur war der Sepp kein Misanthropentypus, der sich gegen die Extravaganzen seiner angebeteten Schönen aufgelehnt hätte, sondern, so unbändig und tollkühn er sonst sein mochte, ihr gegenüber ein willenloser Sklave, der imstande gewesen wäre, ihr die Anbeter selbst zuzuführen, nur um durch ein freundliches Lächeln des Dankes belohnt zu werden.

Wer konnte sagen, was für Gedanken und Träume durch das Köpfchen der kleinen Waldkokette zogen; so viel jedoch ist gewiss, dass ihr eine Art Größenwahn die Sinne verrückte. Försterin am Antigel, in Pürstling oder sonstwo zu werden, das schien ihr ein königliches Glück, dem sie sogar den Sepp geopfert hätte. Und warum sollte so eine Herrlichkeit nicht zu erreichen sein? Berichteten nicht die vielen Märchen, welche die alte Nal (Großmutter) am Spinnrad erzählte, von Bauerndirnen, die Königinnen geworden waren? Warum sollte sie nicht Försterin werden? Sauber genug war sie ja! Und da kam einer, der sie wohl so hoch erheben konnte, ein Jägerbursch aus dem Fürstlichen; der sagte ihr allerhand Schönheiten, und schmuck war er auch. Wenn er auch noch einige Zeit warten musste, es konnte doch nicht fehlen. Und prüde war das Annamirl auch nicht; blieb er einmal aus, so wusste sie, wo er zu finden war, und sie fand ihn auch. Der Sepp aber, der schlich nach; er dachte so bei sich, dass die Sache vielleicht übel enden könnte, denn er traute einmal den Jägern nicht, und gar dem! Der gerade hatte einmal auf einen Burschen geschossen, der nichts getan, als dass er eine Fichte anpechelte (anhieb, um das herauslaufende Pech zu sammeln). Wegen einer Fichte! Die faulten damals zu Hunderttausenden im Walde!

Da wurde der Jägerbursch wirklich Förster, freilich irgendwo drinnen in m Wald, weit von jeder menschlichen Gesellschaft. Förster im Wald ? das heißt, acht Monate des Jahres ein förmlicher Arrestant. Doch Förster wurde er, und das Annamirl hatte es kaum erfahren, als sie ihm entgegeneilte. Die Zeit war gekommen, wo er seine feierlichen Schwüre einlösen sollte. Er löste sie sonderbar ein, indem er das arme Annamirl buchstäblich fortjagte. Gebrochen an Leib und Gemüt eilte sie hinab in die Schachtelei. »Die Schand! Die Schand!« ? jammernd rang sie die Hände. Das Wasser rauschte, es war tief, tief, es verdeckte die Schande und schwemmte sie fort. »Heilige Maria, du liebe Frau!« ? es brauste auf, und die schönen schwarzen Haare tauchten empor über den silbernen Wirbeln. ? Da sprang eine dunkle Gestalt mit mächtigem Satz auf einen gewaltigen Block mitten im Wasser und bückte sich tief hinab. Und es gelang. Der treue Sepp hatte der Wydra ihr Opfer entrissen, ehe der schäumende Strudel es forttrug. Mit Lebensgefahr brachte er die Ohnmächtige an sicheren Stand und gab sie dem Leben zurück.

»Ach, Sepp! ach, Sepp! hättest du mich sterben lassen. Er hat mich verführt!«

Und der Sepp drückte die Gerettete an sein Herz. »Dir soll deine Ehre wiedergegeben werden. Werde mein Weib! Wir bringen uns redlich durch.«

Sie aber wurde sein Weib, und sechs Söhne und ebenso viele Töchter entsprangen dieser Ehe. Als sie herangewachsen, halfen sie alle dem Vater bei der Arbeit, und die vielen Kinder wurden ihm zum Segen. Alle halfen verdienen, und Sepp, der arme Holzhauer, kaufte den schönsten Bauernhof in der Gemeinde. Annamirl aber blieb ihm ein treues Weib. Jetzt sind beide schon tot, und die Söhne und Töchter prozessieren um das Erbteil, zerstückeln es so viel als möglich und genießen die Segnungen der Freiteilbarkeit der Bauerngüter.

Erinnere dich dieser Geschichten, lieber Leser, wenn du einmal in die Schachtelei kommst; sie sind wahr. Versäume aber ja nicht, dieses Tal zu besuchen; im Sommer läufst du keine Gefahr. Nur lass die Heidel- und Preiselbeeren lieber in Ruhe, das rate ich dir, denn hier gibt es ziemlich viel Kreuzottern, und alle Jahre kommen Unglücksfälle vor. Die betreffen aber nur beerensuchende Weiber und Kinder, und wenn auch eins davon manchmal gebissen wird, darum sinken oder steigen die Preise an der Preiselbörse zu Hartmanitz noch nicht.

Ich kann, lieber Leser, die Schachtelei mit dir noch nicht verlassen, ohne einige allgemeine Bemerkungen daran zu knüpfen. Dies ganze Tal ist völlig unbewohnt, ebenso die Hänge, ein Bild weiter, herrlicher Einsamkeit, in feierliche Ruhe gehüllt, die nur das Brausen des Flusses, das Zwitschern einzelner Vögel und das ferne Läuten des weidenden Viehes unterbricht.

Obs wohl immer so war?

Ich vermags dir nicht zu künden, lieber Leser; ich weiß bloß, dass diese Gegenden vor 20 und mehr Jahren noch viel öder waren, dass die Fichten höher und dichter standen und dass noch weit weniger Leute sich hierher verirrten. Keine Überlieferung, nicht einmal eine Sage gibt Kunde, dass einst Menschen hier wohnten.

Vor einigen Jahren nun wurde hier irgendwo gegraben, und da kam man auf auffallend zahlreiche Knochenreste; man fand auch Waffenstücke, Sporen u. dgl. Ich habe nichts von allem dem gesehen, vermag also nicht einmal Vermutungen aufzustellen.

Nach der Beschreibung der Leute scheinen jedoch die gefundenen Gegenstände dem 17. Jahrhunderte anzugehören. Ich bemerke hier bloß, dass es ja eine bekannte Tatsache ist, dass nach der Schlacht am Weißen Berge, respektive nach der blutigen Einnahme von Pisek und Prachatitz, das evangelische Bekenntnis sich am längsten in der Schüttenhofner Gegend erhalten hat; um es hier gänzlich auszurotten, wurde eben das Kapuzinerkloster in Schüttenhofen gegründet. Wäre es nicht möglich, dass die Ausrottung dieses Glaubensbekenntnisses auch hier nicht ohne Kämpfe bewerkstelligt wurde? Wer sagt uns, ob nicht vielleicht die Reste der Flüchtigen, die sich in die stillen Urwälder an der Wydra zurückgezogen, hier von ihrem Schicksal ereilt und niedergehauen worden oder durch ein Naturereignis ums Leben gekommen sind? Wie schauerlich die entfesselten Kräfte der Natur hier im Gebirge oft hausen, dessen habe ich bei Erwähnung der Borkenkäferkalamität schon gedacht. Ich will an dieser Stelle noch von einem anderen Ereignis berichten, das sich tief meinem Gedächtnisse eingeprägt hat.

Wenn du, lieber Leser, bei der großen Holzsäge des Herrn Bubenicek, genannt Vincenzsäge, die Wydra überschreitest, so gelangst du nach Erklimmen der Höhen am rechten Ufer des Flusses in die Häusergruppe Hirschenstein, die wieder einen Bestandteil der großen, aus zerstreuten Ortschaften bestehenden Gemeinde Ziegenruck bildet. Die Insassen derselben waren nicht mehr »künisch«, sondern Untertänige der Stadt Bergreichenstein.

Einzelne Ortschaften dieser Gemeinde nun waren während eines strengen Winters zu Anfang der fünfziger Jahre ? ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahre dies gerade war ? der Schauplatz entsetzensvoller Begebenheiten.

Auf einen milden, ausnahmsweise lang dauernden Herbst hatte plötzlich ein unerhört schneereicher Winter eingesetzt. Es war, als wäre des Schneefalls kein Ende; bald kams herab, ruhig, unheimlich, geräuschlos, in mächtigen Flocken, »in Leintüchern«, sagten die Bauern, endlos fort, die Bäume mit ungeheurer Last bedeckend, so dass die Äste brachen; dann erhoben sich wieder arge Stürme, die den lockeren Schnee klafterhoch zusammenstöberten. Dann taute es, fror von neuem, schneite wieder, endlos, als fiele der ganze Himmel, in ein einziges großes Leichentuch verwandelt, herab, die tote Erde zu verhüllen.

So wurden einzelne Ortschaften buchstäblich eingeschneit; die Leute mussten mit unendlicher Mühe förmliche Tunnels graben, um nur zu den Brunnen und zu den Ställen zu gelangen.

Eingeschneit! Denke darüber nach, lieber Leser. Ein Kind wird krank. Keine Möglichkeit, einen Arzt, eine Arznei zu holen! Ein alter Mann stirbt: die Tröstungen der Religion mussten ihm versagt bleiben; drei ? vier Wochen liegt die Leiche im Hause! Wo ist der Weg, nach Unterreichenstein zum Pfarrer zu gelangen? Unmöglich! Klafterhoch liegt der Schnee; Wände von Schnee türmten sich auf; tiefe Schlünde sind verschüttet, und betritt sie der eilende Fuß, so sinkt er hinab mit der trügerischen Decke in ein kaltes, taubes Grab!

Und wo Brot hernehmen? Es sei bemerkt, dass die Bauern hier oben lange nicht genug Getreide für ihren Bedarf haben. So wars auch in jenem Jahr in Ziegenruck. Als das vorrätige Korn zu Ende ging, griff man zum Hafer und dann zu verschiedenem Hintergetreide voll Lolch und Raden. Ein giftiges Brot!

So gings drei lange, lange Monate hindurch. Keine Seele war während dieser Zeit aus den verschneiten Ortschaften herausgekommen, ebenso wenig fand ein Fremder Zutritt. Da kam endlich im Feber das Tauwetter, und unendliche Fluten schmutzigen Wassers stürzten herab vom Gebirge, die Wotawa füllend und weiter unten im flachen Land verheerend und zerstörend.

Und zugleich mit den Fluten des Hochwassers kamen erst unbestimmte, dann immer greifbarere Nachrichten von einer schrecklichen Epidemie oben in den Bergen, von Hungersnot und Wahnsinn.

Eine ärztliche Kommission begab sich hinauf.

Hohläugige Gesichter starrten aus den Fenstern und Türen, zu Skeletten abgemagerte Gestalten schwankten wie Phantome der Kommission entgegen. Und was die Häuser und Hütten in ihrem Schoße bargen, das zu sehen ließ selbst den abgehärtetesten Ärzten die Haare zu Berge steigen.

Da war keine Wohnung ohne Leiche; in mancher lagen drei, vier. Man müsste die Feder Edmondo de Amicis haben, um dieses namenlose Entsetzen zu schildern.

Die Bauern hier oben scheinen das Fenster für eine Art Tor zum Janustempel zu halten, das unter keiner Bedingung geöffnet werden darf, so dass im Winter eine Bauernstube hier oben dem Innern einer Eskimohütte gleicht, voll Unreinlichkeit, voll Dampf, die Temperatur eines Schwitzbades!

Das alles, die schlechte Nahrung, die Unmöglichkeit ins Freie zu gelangen, hatte eine Art Hungertyphus erzeugt, ein bösartiges, exanthematisches Fieber fauligen Charakters, das Opfer um Opfer verlangte. Der Überlebenden hatte sich eine Art Stumpfsinn bemächtigt; sie nahmen sich oft nicht einmal die Mühe, die Leichen aus dem Zimmer zu schaffen, wo sie dann in dieser Treibhausatmosphäre ihrer Zersetzung verfielen! In anderen Fällen hatte man sich damit begnügt, die Verstorbenen vor oder hinter das Haus zu tragen, soweit der Schnee es gestattete, und dort ließ man sie liegen.

Lieber Leser, du erinnerst dich vielleicht eines Bildes, welches eine Szene aus der Pestepoche in Wetljanka an der Wolga veranschaulicht, wie Kosaken mit verbundenem Mund Häuser und Gerätschaften verbrennen, um der Ansteckung Einhalt zu tun. Ähnliches musste hier geschehen. Fast alle Einrichtung, namentlich Betten und Strohsäcke, wurde verbrannt, die Häuser mussten in- und auswendig neu getüncht werden.

Die Ärzte taten, was in ihren Kräften stand. Kollekten wurden überall eingeleitet, und ganze Wagenladungen frischer Lebensmittel wurden heraufgeschafft. Die Stadt Schüttenhofen und die Gutsbesitzer der Umgebung erschöpften sich in Wohltaten. Möge hier, nach langen Jahren, dankbar des Guten gedacht werden.

Doch fort, lieber Leser, mit diesen grausigen Bildern; kehre mit mir zurück zur goldtragenden Wydra und folge mir talab. An dem Punkte, etwa dreiviertel Stunden unterhalb der Schachtelei, wo die Wydra mit dem von Nordwest kommenden Kieslinger sich vereinigt, steht die bereits erwähnte große Brettsäge des Herrn Vincenz Bubenicek. Der alte, freundliche Herr, der jedem seine Tür gastlich öffnete, ist tot! Ich will hier von meinen persönlichen Gefühlen des Dankes für alles Liebe, was ich hier genossen, nicht weiter reden, kann jedoch nicht umhin, ganz objektiv einige Worte über die Bedeutung und Geschichte dieses Industrialetablissements, das leider heute stillsteht, einzufügen.

Herr Bubenicek war mit dem einstigen Smichower Bürgermeister Herrn Fischer der erste, der einen direkten Holzhandel aus dem Böhmerwalde mit Hamburg ins Leben rief. Er war es, der die seither so bedeutende Holzflößerei auf der Wotawa in Schwung brachte, zu welchem Zwecke er den Fluss zwischen seiner Säge bis Unterreichenstein hin regulieren ließ, eine Leistung, von deren Schwierigkeit man sich nur dann einen Begriff machen kann, wenn man den Fluss vor derselben gesehen hat. Dieselben gewaltigen Felsenmassen erfüllten ihn einst, die wir bereits in der Schachtelei kennengelernt haben. Jetzt ist er für Flöße befahrbar, muss jedoch bei niedrigem Wasserstande durch Schwellen gespeist werden. Gefahr- und mühelos ist freilich die Fahrt keineswegs.

Wer in Prag den Bubenicekschen Holzgarten kennt, wird sich eine Idee machen können von der einstigen Ausdehnung und Bedeutung dieses Geschäftes. Hunderte von Menschen fanden hier oben in diesen armen Gegenden direkt oder indirekt Beschäftigung und Erwerb.

Seit einer langen Reihe von Jahren pflegte der alte Herr den Sommer mit seiner Familie hier zuzubringen, und da fehlte es an fröhlichen Gästen nicht. Er selbst aber war geehrt und geachtet wie ein Vater von der ganzen Bevölkerung an beiden Ufern des Flusses bis weit hinein ins Land.

Ich weiß mich aus meiner Jugend auf den ehemaligen Kompagnon des Herrn Bubenicek, Herrn Löw, zu erinnern. Der hatte einst einen polnischen Burschen, einen gar drolligen Kauz, dessen sonderbares böhmisch-polnisches Sprachkonglomerat uns mitunter zu unbändiger Heiterkeit stimmte. Einst war ich Zeuge von folgendem Gespräch zwischen Herrn und Diener, das gegen 7 Uhr Abend an der Türe des Pferdestalles geführt wurde.

Der Herr: Dal jsi k??m obrok?

Der Diener: Co jest obrok, wielmo?ny pane?

H.: Zrát

D.: ?raé? Barka niemluwi obrok, kiedy dawa prosiçntom ?

H.: To se ?íká jen u ko??. Dal jsi jim tedy ?rát?

D.: Co bych dal? Kiedy kohut zaspiewa, jakwielmo?ny pan kazal. Je?èe niezapiel do teraz.

H.: I ty zpropadený hlupáku! Ráno má? konì krmit, kdy? kohout zazpívá a ted je sedm hodin vecer.

D.: Tak, tak, to jen ráno. A ve?er, to nietrzeba ?eka??

H.: Ty jsi ukrutný osel!

D. (mit tiefer, demütiger Verbeugung): Tak jest, wielmo?ny panie!

Der Herr: Hast du den Pferden obrok gegeben?

Der Diener: Was ist »obrok«, sehr geehrter Herr?

H.: Fressen

D.: Fressen? Barka sagt nie obrok, wenn sie den Schweinen was gibt.

H.: Das sagt man nur bei Pferden. Hast du ihnen also zu fressen gegeben?

D.: Warum denn? Wenn der Hahn kräht, wie der gnädige Herr befohlen hat. Noch hat er nicht gekräht.

H.: Du verfluchter Dummkopf! Morgens sollst du die Pferde füttern, wenn der Hahn kräht, jetzt ist es sieben Uhr abends.

D.: So so, nur morgens. Und am Abend nicht warten?

H.: Du bist ein großer Esel!

D. (mit tiefer, demütiger Verbeugung): Ja, gnädiger Herr.

Es muss sich aber niemand denken, dass der betreffende Scapin ein beschränkter Mensch war. Im Gegenteil, er war ein sehr aufgeweckter Bursche und treu und ehrlich; er hatte aber eine förmliche Manie, unter allen Umständen die sonderbarsten Ausreden bei den Haaren herbeizuziehen, wenn er bei irgendeiner Vernachlässigung betroffen wurde.

Doch weiter, lieber Leser. Wenn wir schon bei der Vincenzsäge sind, so wollen wir einen kleinen Abstecher nach Unterreichenstein machen. Das Wotawatal ist reizend und höchst romantisch. Die obere Partie führt den nicht sehr einladenden Namen »Schelmergasse«; ich konnte nicht dahinterkommen, woher dieser Name hergeleitet ist. Die Bezirksstraße, die uns jetzt bequem weiterbefördert, führt uns an interessanten, ruinenhaft geformten Felsenwänden vorüber; die Herstellung der erwähnten Straße war eine zwingende Notwendigkeit für den immer reger werdenden Verkehr, da der Weg unten im Tal geradezu gefährlich war.

So geschah es vor etwa 20 Jahren, dass ein Bauer aus Rehberg, der mit seinem ziemlich schwer beladenen Wagen des Weges daherfuhr, von einer plötzlich hereinbrechenden Überflutung erfasst wurde. Mit großer Not gelang es ihm, sich und das eine Pferd zu retten, das andere ertrank und wurde samt dem Wagen von den rasenden Wellen fortgeschwemmt.

Unterreichenstein liegt ungemein reizend tief unten im Tale am rechten Flussufer: links erhebt sich die große Glasfabrik Klostermühle. Es waren hier auch schönere Zeiten, solange die alte Frau Gerstner, verwitwete Lötz, noch waltete. Eine brave, energische und dabei einfache Dame, welche die umfangreiche Fabrik allein mit seltener Umsicht leitete. Drei hoffnungsvolle Söhne waren ihr erblüht: sie alle starben dahin im besten Mannesalter, und einsam blieb die alte Frau zurück, die jeder segnet, der sie gekannt. Im hohen Alter zog sie sich zurück und übergab das Geschäft ihrem Enkel. Heute deckt sie die Erde. Herr v. Spaun, der heutige Besitzer, macht uns Ehre. Auf der Pariser Weltausstellung machten seine Erzeugnisse geradezu Furore. Er ist wohl der erste in unserem Waldgebirge, dessen Brust der Orden der Ehrenlegion schmückt.

Dies Unterreichenstein liegt so geschützt von allen Seiten, dass kein kalter Wind es berühren kann. Es ist merkwürdig, was für herrliches Obst hier gedeiht, selbst Weintrauben kommen zur Reife, ganz im Gegensatz zu dem kaum drei Kilometer entfernten Bergreichenstein, dessen einziges und edelstes Obst ? wie böse Zungen behaupten ? Vogelbeeren sein sollen.

Als ich vor Jahren einst in Sachsen reiste, fragte mich ein biederer Bewohner dieses höflichen Landes, wo ich wohl zu Hause sei. »Im südlichen Böhmen«, antwortete ich. »Nu, erlauben Sie mal, da muss ja schon ein warmes Land sein; da reifen wohl schon die Apfelsinen im Freien?« 0 Apfelsinen des Böhmerwaldes, ihr harzreichen Fichtenzapfen, auch die Papageien fehlen euch nicht, die zur Staffage dieses südlichen Bildes gehören, die grünen und roten Kreuzschnäbel, die im Dezember brüten.

Hier unten im Tale tritt auch eine Erscheinung auf, die man oben in den Bergen fast ganz vermisst: der Kretinismus, oder doch wenigstens die entschiedene Neigung zum Blähhals, eine Erscheinung, die uns so ernüchternd entgegentritt in der herrlichen, majestätischen Alpennatur Salzburgs und der Steiermark. Wie grausam werden da die bezaubernden Bilder von lieblichen, gesundheitsstrotzenden Sennerinnen vernichtet! Du lieber Gott, Poesie und Wirklichkeit! Böse Zungen gibt es überall; die der umliegenden Gebirgsortschaften spotten der braven Reichensteiner, indem sie behaupten, dass etwa alle zehn Jahre hier ein Freudenfest abgehalten wird, wenn nämlich wieder einmal ein Unterreichensteiner Stadtkind den Rock des Kaisers anzieht; doch sei dies unter zehn Fällen neunmal der Sohn eines Zugewanderten.

Mein lieber, guter Pfarrer Cimrhanzl, auch dich deckt bereits die Erde, mein treuer Freund, den das Schicksal hierher schlug! Geschmäht haben sie dich und verfolgt, weil sie dein goldenes Herz nicht kannten. Drei, vier Stunden weit musste er gehen, wenn ein Sterbender ihn rief, in Sonnenbrand und tiefem Schnee, in peitschendem Regen und heulendem Wind, bis seine armen Füße erlahmten und ihn nicht mehr trugen. Möge unsere Erde dir leicht sein und deine Pfarrkinder deiner in Liebe gedenken, wie ich es hier tue.

Doch lang wollen wir ja nicht hier bleiben, lieber Leser; besieh dir die Glasfabrik in Klostermühle, und du wirst unsere Industrie achten lernen, dann aber lass uns umkehren ins Gebirge, nach Rehberg, von wo aus wir noch manchen interessanten Ausflug machen können. Es gibt ja hier nicht viel zu sehen, und die Halden an den Berglehnen, die dir kahl entgegenblicken, sind taubes Gestein, das kein Gold mehr enthält, wie in früheren Jahrhunderten, wo es lebhafter hier zugehen mochte als heutzutage, gleichwie in dem benachbarten Bergreichenstein, das einst König Johann dem Luxemburger 500 bewaffnete Bergknappen zur Verfügung stellen konnte.

Wirf noch einen Blick hinauf aufs »Klapperl« ? so heißt der hohe Berg im Nordost ? und komm. Links von der Straße, die du gegen Rehberg hin einschlägst, steht auf hoher Steinwand ein hölzernes Kreuz. Diese Wand lenkte einst ein furchtbares Gewitter von der Stadt ab auf sich, und Schlag auf Schlag fuhren die Blitze daran hinunter. Zum Andenken an dieses Gewitter stellte man dort dieses Kreuz auf.

Viertes Kapitel

Aberglauben ? Kinitz-Tetau und Mader ? Sommergäste im Wald ? Urwaldreste ? Der alte Holzhauer und seine Erlebnisse

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Wir sind nun wieder in Rehberg, lieber Leser, und müssen ein wenig ausruhen von den gestrigen Strapazen. Du kannst dich ein wenig umsehen und dir diese oder jene Geschichte erzählen lassen; treuherzig werden dir die guten Leute entgegenkommen, aber gut aufpassen musst du, denn der Dialekt ist ein wenig holperig und dem Fremden schier unverständlich.

Da werden sie dir erzählen von der Wilden Jagd, die nächtlich bald hoch in den Lüften, bald tief unter der Erde dahinsaust; doch ist die Auffassung eine andere als die in Bürgers »Wildem Jäger«. Kein Horn tönt, keine Peitsche knallt, kein Horrido und Hussassa, sondern einfach zwei Hunde jagen, des einen Laut ist »klar«, der des anderen »grob« ? so sagen wörtlich die Leute. Es gibt hier wenige Menschen, welche diesen Spuk nicht gehört hätten; besonders im März und November macht er sich bemerklich. Wer um jene Zeit draußen war im weiten Wald, der wird in der Tat eigentümliche, bellende, klagende, kreischende Laute zu hören bekommen, und mag er auch frei von Vorurteilen und Aberglauben sein, er wird sich eines gewissen Gruselns nicht erwehren können, selbst wenn er sich zehnmal sagt, dass die verschiedenen Eulen, deren Stimmen sich an den Felswänden brechen, die Urheber davon sind.

Erzählen werden sie dir vor der alten Fuchtel dort hinten in den Einbauern von Kinitz-Tetau, die ? eine böse, übelgesinnte Hexe ? es versteht, denjenigen, so bei ihr in Ungnade gefallen, allerhand Ungeziefer auf den Leib zu schicken. Bemeldete Dame ist die Königin aller Wanzen, Schaben etc., die, gehorsam ihren Befehlen, die von ihr Bezeichneten furchtbar martern und sie nicht eher verlassen, als sie hierzu den Abberufungsbefehl erhalten. Eine Kleinigkeit ist imstande, den Zorn der Gefürchteten zu erregen. So gerieten vor einiger Zeit die Mädchen aus der Spunddreherei in Innergefild in nicht geringe Aufregung, weil sie ihr einen Milchtopf zerbrochen hatten. Keine wollte sich zur begangenen Untat bekennen, und jede schob die Schuld auf die andere. Da sprach die in ihrem Eigentum Geschädigte die verhängnisvolle Drohung aus, ihnen allen jene einsilbigen Tierchen zu schicken, welche zur Erfindung des Kammes geführt haben mögen, und siehe da! ? kreideweiß geworden, gestand die Schuldige und ersetzte den Schaden.

Dass Wälder und Filze von dämonischen Wesen belebt sind, von denen einige selbst bei hellem Tag ihren frechen Spuk treiben, ist selbstverständlich. Auf den gefürchtetsten dieser Unholde, den »Viehscheuch«, werde ich im Laufe meiner Erzählungen noch zurückkommen. Als im heurigen Frühling die Missionäre hier oben predigten, donnerten sie unter einem gegen den schändlichen Aberglauben und gegen das berüchtigte Fensterin. Die guten Patres! Gelingt es ihnen, den Aberglauben und die feige Gespensterfurcht auszurotten oder doch zu beschränken, so wird das Fensterln immer ärger, und verleiden sie den Burschen Letzteres und leiten sie zu stillbeschaulichem Leben an, so nähren sie den Aberglauben.

Doch es ist Zeit, lieber Leser, dass wir zum Rachel aufbrechen; wir müssen uns hübsch zeitlich auf die Beine machen, auch für Mundvorrat sorgen, denn der Weg ist weit, und die Wohnungen der Menschen sind fern. Träfest du auch Holzhauer oder Hirten, lieber Leser, ihre Kost würde dir kaum behagen, so gern die guten Leute mit dir ihr Letztes teilen würden. Der Schmarren ist ganz gut, aber so fett, dass man einen Holzhauermagen haben muss, um ihn zu verdauen. Das Brot ist schwarz und oft bitter, das Rauchfleisch so hart, dass es vielleicht Funken geben würde, schlüge man Stahl daran.

Der Weg führt uns an dem fürstl. Schwarzenbergschen Forsthaus Schätzenwald vorbei über den ziemlich wasserreichen Kanal, der die Wydra mit dem Kieslinger verbindet, zunächst nach Kinitz-Tetau. Sieh dir diese Hütten gut an, lieber Leser, die längs des Weges in mehr oder minder großen Entfernungen stehen; unscheinbar sind sie und klein, auch ist das Innere nicht eben einladend, aber interessant ist ihre Bauart dennoch. Luft und Licht scheinen nicht zu den Bedürfnissen dieser bescheidenen Hinterwäldler zu gehören, wenigstens haben die Fenster kaum einen Quadratschuh Flächenraum und gleichen verglasten Fluglöchern eines Taubenschlages. Obendrein sind sie von innen so sinnreich verrammelt, dass es wohl niemandem gelänge, sie zu öffnen, ohne sie dabei zu zerbrechen. Menschen und Tiere teilen den Raum im Innern, der Rauch des Sparherdes entweicht gerade durch die Türe, und das Dach wird durch schwere Steine ? bayerische Schindelnägel nennt man sie spottweise ? vor den Wirkungen der entsetzlichen Äquinoktialstürme geschützt.

Diese Kinitz-Tetauer Einbauern sind wohl die primitivsten Naturkinder unseres ganzen Waldgebirges, roh und unreinlich, doch ehrlich und gefällig. Die meisten sind Holzhauer und waren in früheren Jahren Kohlenbrenner, ein Geschäft, das seit der Borkenkäfermisere im Niedergange begriffen ist.

Auf bequemer Straße geht es nach Mader. Da klingt auch ein Lied aus nicht lange entschwundenen Zeiten an dein Ohr, ein fröhlich Lied von frischem Treiben, das einst hier herrschte. Jetzt ist es still und ruhig geworden. Die großen Resonanzholzsägen stehen, denn die astlosen Urwaldfichten, aus denen die Resonanzblätter einzig und allein hergestellt werden können, sind selten geworden. Vor 20 und 25 Jahren, als der alte, biedere Biennert hier noch waltete und der lustige Hicke, sein Schwiegersohn und Nachfolger, da konnte man sie hier noch zu Hunderten sehen, die gefällten Riesen des Urwaldes, und 600 bis 700 Jahresringe konnte man zählen, bis die Ringe so dicht wurden, dass auch das Zählen aufhörte, und doch waren die Stämme bis ins Mark kerngesund!

Es gibt ein Wirtshaus hier mit 4 oder 5 Betten, lieber Leser! ? auch Bier, veritables gutes Bier, eine höchst angenehme Abwechslung in die ewige Milch. Herz, was willst du noch mehr!

Sonst ists noch ziemlich ruhig hier, und Typen, wie sie in Eisenstein, Prachatitz, Hohenfurt und wie sie alle heißen, die fashionable gewordenen Böhmerwald-Luftkurorte, vorkommen, sind hier denn doch noch eine große Seltenheit. Du hast also, lieber Leser, nicht sonderlich zu fürchten, dass bemeldete vier Betten in Anspruch genommen sein könnten und du gezwungen wärest, nach dem zwei Stunden entfernten Außergefild einen kleinen Abstecher zu unternehmen, um dort zu übernachten und dann früh wieder in aller Gemütlichkeit hierherzukommen, eine Befürchtung, die ein vielgelesenes Böhmerwaldbuch ausspricht. Wenn es dir aber passierte, dass du hier keine Unterkunft fändest, so wüsste ich wirklich keinen anderen Rat, außer du zögest es vor, irgendeine verlassene Holzhauerhütte im Walde zu beziehen und auf dem Mooslager deine Ermüdung auszuschlafen, wie ich es wiederholt getan habe. Sogar unter freiem Himmel bin ich einmal geblieben, und nicht einmal ein herannahendes Gewitter hat mich zu bewegen vermocht, eine der bewohnten Bauernhütten aufzusuchen, denn in dieser Atmosphäre kann nur ein Eingeborener leben.

Ich sagte dir, lieber Leser, dass du Typen à la Eisenstein hier schwerlich zu sehen bekommst: doch halt, es könnte doch passieren. Ich sah zwar keine, aber ein Holzhacker erzählte mir erst voriges Jahr eine unterhaltende Geschichte darüber.

Er entwarf eine ziemlich detaillierte Schilderung von zwei »herrisch« gekleideten Persönlichkeiten, die unweit von Mader ganz unversehens mitten im Walde, als er eben bei seiner Arbeit beschäftigt war, an ihn herantraten. Beide waren leicht gekleidet, der eine trug einen Jägerhut mit Gemsbart und Schildhahnfeder, die Beschuhung war ebenfalls nur eine ganz leichte, und der Mann entwarf eine ebenso drastische als komisch wirkende Beschreibung der lieblichen Schinakelstiefletten. Nach der Beschreibung schien mir der eine der beiden Fremden Sems kraushaariger Nachkommenschaft anzugehören. »Wird wohl ein Jude gewesen sein?« äußerte ich. »A Jud? Dös glaub i nöt, i hob wohl in mein Leben grod zwoa Juden gesehen, den Schleml von Rehberg, aber der ist rothaaret gewesen; a so hat dasöll (derselbe) nöt ausgschaut; der Schwarzkopf von Langendorf, der monnigsmol affa (herauf) kimmt, is a af der routen Seiten.«

Die beiden Fremden nun kamen also auf den Holzhauer zu und forderten ihn auf, sie auf den Rachel zu führen. Vergebens stellte der Mann ihnen vor, dass es schon ziemlich spät am Nachmittag, dass der Weg beschwerlich und ihr Schuhwerk untauglich sei und die Entfernung wenigstens 4 Stunden betrage. Die beiden Herren erklärten, sie seien gut zu Fuß, versprachen ihm zwei Gulden für seinen Dienst und äußerten die Absicht, im Rachelhaus zu übernachten. So gings denn vorwärts durch pfadlosen Wald und Filz. Bereits nach einer Viertelstunde klagten beide Herren über Nässe in den Füßen, und nach einer weiteren halben Stunde hingen nur mehr einige Fetzen aufgeweichten, formlosen Leders daran.

»Ich habe es Ihnen gesagt«, sprach A., »da haben Sie die Bescherung; Sie wollten gehen.« ? »Ich?« replizierte B. »Haben nicht Sie gesagt, dass Sie schon zweimal am Arber oben waren, dass der Rachel nicht so hoch und mithin leichter zu besteigen sei?« ? Eine Zeitlang währten diese gegenseitigen Vorwürfe, und vielleicht wäre Feindschaft und grimmer Hader daraus entbrannt, wenn nicht A. auf einen Gedanken gekommen wäre, der ihren Ergüssen eine andere Richtung gab: »Verschonen Sie mich mit Ihren Vorwürfen«, sprach er und neigte seinen Mund an das Ohr seines Begleiters, »ich glaube, der Kerl führt uns absichtlich in den Sumpf hinein, um uns zu berauben, oder er kennt den Weg selbst nicht.« ? »Sie können recht haben«, flüsterte B., trat auf den Führer zu, packte ihn am Arm und sprach: »Höret, Mann, jetzt führt uns sogleich aus dem Walde, widrigenfalls Ihr sehen sollt, mit wem Ihr es zu tun habt. Da Ihr selbst den Pfad nicht kennt, so ist es eine Unverschämtheit von Euch, Fremde führen zu wollen.« Der arme Holzhauer war ebenso erstaunt als betroffen; der Fremde schien ihm seiner Kleidung nach ein Mann von Bedeutung und Macht. Er bemerkte in aller Unterwürfigkeit, dass er ja den Herren Vorstellungen gemacht hatte über den weiten Weg und den sumpfigen Boden. Und wo sollte er sie aus dem Wald herausführen? Es gab ja keinen Pfad, nur knietiefen Moder und Sumpf, umgestürzte Bäume, undurchdringliches Dickicht. Und langsam gingen die Herren auch, kaum eine halbe Meile hatten sie zurückgelegt, wo er eine ganze hinter sich gehabt hätte. Wenn er doch schon im Rachelhaus wäre, aber dahin waren noch gute zwei Stunden seiner Gangart. Und die Fußbekleidung der Herren! Gott erbarme dich! Unmöglich, unmöglich, die kommen nicht weiter. Dabei steckten sie fortwährend die Köpfe zusammen; das bedeutete nichts Gutes! Wenn die ihn etwa gar bei Gericht anzeigten! Jetzt, wo es die Herren in der Stadt so scharf auf die Einbauern in Kinitz-Tetau hatten, seit dieser unglückliche Six einen alten Mann, der bei ihm im Ausgeding lebte, ermordet hatte. Den zwei Herren würden sie bei Gericht gewiss Glauben schenken, wenn sie angeben, dass er sie berauben wollte, nicht aber ihm, dem armen Holzhauer. Wie hatte der Herr mit dem goldenen Kragen doch gesagt bei der Kommission am Orte der Mordtat »Ihr seid doch ein niederträchtiges, gottloses Gesindel hier oben im Walde!« hatte er gesagt. Und die dunklen Kerkermauern im fernen Pisek, woher immer nur Unheilvolles kam und über welches er so viel von Soldaten, aus der Haft entlassenen Abgeurteilten und anderen Unglücklichen gehört hatte, ach, wie drohend bauten sie sich auf vor seinem geistigen Auge!

»Herr«, sagte er zu mir, als er mir die ganze Geschichte erzählte, »ich hätte weglaufen können, und sie wären dagestanden im Walde. Aber wer würde das tun! Die wären ja elend umgekommen in den Filzen, denn ihr Lebtag hätten sie den Rückweg nicht gefunden. Das wäre ja doch eine Sünde gewesen.« Und als sie ihn von neuem drängten, fasste er sich ein Herz und erklärte, es sei unter diesen Umständen unmöglich, weiterzugehen, so mir nichts, dir nichts heraus aus dem Walde könne er sie jedoch auch nicht führen, da dieser sich meilenweit nach rechts und links hin ausdehne, es bleibe somit nichts übrig, als umzukehren nach Mader. Die Fremden schimpften und drohten, aber der Holzhauer machte entschlossen kehrt, und sie mussten ihm nach. Da hörten sie Schritte hinter sich, kräftige Schritte, und binnen wenigen Minuten hatte sie ein großer, grobknochiger, verwittert aussehender Mann eingeholt, in hohen Stiefeln, schwarzen Lederhosen und brauner Jacke, der zwei schwere Päcke am Rücken trug. Wie tanzend sprang sein Fuß von Baumwurzel zu Baumwurzel, von Stein zu Stein. Die grauen Augen sahen erstaunt hervor unter den dunkeln, buschigen Brauen, als er der Fremden ansichtig wurde, und etwas wie Hohn blitzte über seine bronzefarbigen, wetterharten Züge. Ich kanns hier dem Leser verraten: es war der bayerische Schwärzer, genannt der lange Hiesel, der mit einer Ladung »Brisil« (Brasilschnupftabak) und Zigarren seines einsamen Weges gezogen kam.

»Grüß di Gott, Wastl«, sprach der Bayer, »was hast denn da für zwee Milirahmgsichter afgsteckt?«

Der Holzhauer erwiderte den Gruß und berichtete kurz, was die Herren vorhatten und wie er jetzt mit ihnen auf der Rückkehr begriffen sei.

Da mischte sich der Herr mit der Schildhahnfeder ins Gespräch, beschuldigte den Führer auch dem Schwätzer gegenüber der Unkenntnis des Weges oder irgendwelcher böser Absichten und forderte ihn auf, ihre Führung zu übernehmen, wogegen er ihm die dem Holzhauer versprochenen zwei Gulden anbot.

Da richtete sich der Bayer hoch auf, seine gewaltigen Fäuste ballten sich drohend, und dann ergoss sich eine Flut unwiedergeblicher Schimpfworte wie Pistolengeknall aus seinem Munde. »Oh, ös schlechten Sakra ös, ös miserablichten, hoarlousen (schamlosen) Lumpen! Betrüegen wollts ös den armen Wastl, ös dolkerten Stadtaffen ös! Dos sog i dir, Wastl, dass du sie do losst im Filz, dö elendigen ...« Und so gings fort mit wenig Grazie in infinitum.

Die Wirkung dieser Apostrophation, deren drastische Eloquenz mit den entsprechenden Gebärden begleitet war, ist eine niederschmetternde gewesen. Mit schlotternden Knien beteuerten die beiden Fremden, es sei ihre Absicht nicht gewesen, den Wastl um den bedungenen Lohn zu bringen, es sei alles ein Missverständnis.

Der Hiesel dagegen wandte sich verachtungsvoll ab und knurrte bloß gegen den Wastl hin: »Nimm mir den einen Pack ab, ich komm heut schon von Grafenau, und trag mir ihn, weißt ohnehin wohin, die zwei Gulden gib ich dir, dass du nicht zu kurz kimmst, und dö zwee, dö sollen hin werden do im Filz, die Mucken fangen eh (ohnehin) schon an, zammfressen solls dos Gflügel.«

Doch der ehrliche Wastl ließ sich nicht überreden. »Sie müssten hier elend umkommen«, sprach er, »und das möcht ich nicht auf meine Seele laden, selbst wenn sie mir die zwei Gulden nöt geben täten.«

»Bist dein Leben lang ein Rindvieh gewesen«, sagte der Bayer verächtlich, und wirsts a bleiben!« Damit wandte er sich zum Gehen, und bald verhallte sein langer, kräftiger Schritt hinter den moosbedeckten Fichten des Urwaldes.

Der Wastl aber brachte die zwei nach etwa einstündigem Marsch nach Mader zurück, wo sie in einem desolaten Zustand anlangten. Von ihren Schnabelstiefletten war so gut wie nichts zurückgeblieben, und mit wunden, geschwollenen Füßen hielten sie ihren Einzug, gar demütig gestimmt und Verzweiflung im Herzen über die so kläglich gescheiterte Rachelexpedition. Da sie keine zweite Fußbekleidung mitführten und absolut keine Bauernstiefel und auch keine Holzschuhe vertrugen, so erbarmte sich ihrer eine mitleidige Seele in Gestalt einer Bäuerin und verfertigte ihnen aus alter Packleinwand ein Paar nicht eben salonmäßig aussehender »Potschen«, in denen sie sich dann und wann dem erstaunten Volke zeigten, bis nach einigen Tagen ihre Füße geheilt waren und sie ? immer noch in letzterer Fußbekleidung ? auf einem Ochsenkarren nach Außergefild fuhren, wo sie sogar einen Schuster fanden, der sie mit einigermaßen praktikablem Schuhwerk versah. Was weiter mit ihnen geschah, vermag ich nicht anzugeben.

Der ehrliche Wastl aber bekam seine zwei Gulden, mit denen er sich königlich belohnt dünkte. »Es sind keine Fremden mehr dagewesen«, hat er mir erzählt, »aber wenn ihrer hundert kämen und man mir das Dreifache bieten würde, ich übernähme keine Führung mehr. Die Ängste, die ich damals ausgestanden, vergesse ich in meinem Leben nicht mehr. Ins Kriminal möchten sie einen noch bringen, die Stadtherren, die herkommen und von unseren Wäldern nichts verstehen. Man möchte doch denken, sie müssten das aus den schönen Büchern wissen, mit den roten Deckeln und den Goldbuchstaben drauf, die sie immer mithaben und wo, wie sie sagen, alles drinsteht.«

Auf denn, lieber Leser; es hat zwar ein wenig gestürmt, geblitzt und geregnet, aber einige Tropfen Wasser mehr oder weniger in diesem vollgesogenen Schwamm, der selbst nach vierwöchentlicher Dürre noch immer Wasser genug hat, die sollen uns nicht abhalten. Schinakelstiefel aus Kalb- oder gar Ziegenfell hast du ja nicht an, wie die Herren A. und B., deren werte Bekanntschaft wir das vorige Mal gemacht haben, und mit guten Juchten kannst du die Partie schon riskieren. Einen Mann müssen wir uns auf jeden Fall mitnehmen, damit er unseren Proviant trage, denn da oben würdest du dich vergeblich nach einer Restauration umsehen, und von Heidelbeeren kannst du doch nicht leben, die machen den Mund und die Zähne schwarz und würden dir das Aussehen eines betelkauenden Malaien verleihen, ganz abgesehen davon, dass möglicherweise keine zu finden wären ? auch keine Preiselbeeren, was zum Beispiel im vorigen Jahre der Fall war, ein Umstand, der wieder eine große Hausse auf der Preiselbörse zu Hartmanitz zur Folge hatte. Mit den Frühlingsspätfrösten muss eben gerechnet werden. ? Wir brauchen nicht weit zu gehen, um in den Wald zu gelangen, wir gehen eigentlich immerfort im Walde, aber meist ists junger Anflug; die Stämme aber, die da modern zu Hunderten und Tausenden, einzeln und in Haufen übereinandergeworfen, mit Moos, Flechten und dichtem Heidel- und Erikagestrüpp überwuchert und von Myriaden von Pflanzenwurzeln wie mit unlöslichen Stricken verbunden, die künden dir eine kaum entschwundene Zeit, wo der Urwald in all seiner Pracht und tiefdüstern Majestät über den Häuptern der Menschenwürmer rauschte, deren Fuß diese stille Einöde betrat. Noch kannst du ihn sehen, lieber Leser, freilich nur beschränkte Strecken, aber doch Urwald, und eine Idee kannst du dir machen, wies hier einst auf viele Quadratmeilen weit aussah. Nur musst du von der Straße abbiegen und dich mit einem guten, des Weges unfehlbar kundigen Führer seitwärts schlagen. Wohl sickert das braune Wasser unter deinen Tritten hervor, wohl sammelt es sich in tiefschwarzen Lachen, die du sorgfältig umgehen musst, denn sie sind oft trügerisch tief; wohl stolpert dein zagender Fuß über gewaltige, wie Riesenschlangen sich windende Wurzeln; ich will aber hoffen, dass dir kein sonderliches Unglück zustößt, und wenn du ein Naturfreund bist, so wird dir für den mühseligen Marsch ein königlicher Lohn.

Du musst dir nicht denken, lieber Leser, dass im Urwald die Bäume dicht, Stamm an Stamm, stehen; im Gegenteil, die hohen alten Fichten stehen in ziemlicher Entfernung voneinander, und nur das auf den toten Riesenleibern empor wuchernde Gestrüpp und Jungholz bildet oft undurchdringliche Dickungen. Der alte Baum braucht Luft und Licht für sich und lässt in seiner nächsten Umgebung keinen Nebenbuhler aufkommen; erst bis er dereinst hinsinkt von der Gewalt des Sturmes, wenn einmal seine Wurzeln morsch sind und ihn nicht mehr tragen, dann wird sich einer der Jünglinge, die aus seinem Samen hervorgegangen, nach hartem Kampf ums Dasein erheben und seinerseits die aufstrebenden, minder begünstigten Genossen rücksichtslos verdrängen. Die Natur will den Kampf, das selbstsüchtige Ringen. Otetoi, que je my mette!

Welch verschiedene Typen in Wuchs und Aussehen! Ein düsteres Graugrün bedeckt die Stämme, und von den dunkelgrünen Zweigen hängen weiße, graue und braune Flechten, bald schlangenartig sich krümmend, herab, bald ineinander verwachsend und breite Wände bildend. Gewaltige Farren entwachsen dem ewig nassen Boden und heben sich straußartig vom dunklen Moos ab. Gespenstisch ragt da einer der Riesen gegen den Himmel empor; seine Nadeln sind längst abgefallen, sein Stamm ist rindenlos; so starrt er da, eine stehende Leiche, und weiß wie Silber erglänzt der nackte Stamm im Mondeslicht. Je weiter hinauf man steigt gegen den Kamm, desto niedriger werden die Fichten, die indes noch immer einen gewaltigen Umfang haben. Nach und nach übergeht der Fichtenwald in verkrüppelte Knieföhren, die, vielfach ineinander verschlungen, längs des sumpfigen Bodens hinkriechen. Auch ein Urwald, jungfräulich und unentweiht, denn wohl keines Menschen Fuß hat je den grundlosen Boden zu betreten gewagt.

Doch ich eile voraus; so hoch oben sind wir noch nicht. Eine tiefe, feierliche, fast beklemmende Stille herrscht im Urwalde. Nur selten ertönt die Stimme eines Vogels, das leise Piepen des hier nirgends fehlenden Goldhähnchens, der nicht unmelodische Gesang des im strengen Winter brütenden Kreuzschnabels, dem keine Kälte, kein Schneesturm etwas anzuhaben vermag. Zuweilen ertönt das hässliche Krächzen eines Raben oder hoch in den Lüften der raue Schrei des Habichts. Sonst ists still. Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, damit wir unsere Tour vor Nacht vollenden. Zurück also zur Straße. Da wirst du, lieber Leser, zu einer Lichtung kommen, und da wirst du Rauch aufsteigen sehen zwischen den Bäumen, und Stimmen wirst du hören und Laute, die dir die Anwesenheit von Menschen künden.

Richtig, da stehen sie zwischen den Bäumen, die wenigen Holzhauerhütten, die der Mensch hier gebaut in der herzbeklemmenden Öde. Du bist in Josefstadt, lieber Leser; denn diesen Namen hat man der nur sporadisch und zeitweise bewohnten Kolonie gegeben. Welchem Josef zu Ehren mag dieser Name gegeben worden sein? Niemand kann dir Auskunft geben, und deine Phantasie hat einen weiten Spielraum.

Es ist nicht lustig hier oben, lieber Leser, für die, welche jahrein, jahraus um ihre Existenz ringen und kämpfen müssen, im Schweiße ihres Angesichts, in verzehrender Sommerglut, in des Winters eisigem Wehen, von Gefahren und unheimlichem Schreck umdroht.

Da fällt er mir ein, der alte, eisgraue Mann dort unten in Schlösselwald, der bis zu seinem 70. Jahre hier in den Wäldern gearbeitet, über dessen ehrwürdigen Scheitel nun bald ein Jahrhundert dahin gerauscht sein wird. Einen Sohn hatte der alte Mann, dem er ein besseres Los, ein weniger mühevolles Leben bereiten wollte. Gedarbt hat er bei schlechtem Brot und hartem Käse, und gearbeitet hat er Jahr um Jahr, um den Sohn studieren lassen zu können, ein schier wahnsinniger Gedanke hier oben. Ein Auge schlug ihm ein Holzsplitter aus, er aber arbeitete unverdrossen weiter, und alle Monat machte er sich auf den Weg nach dem fernen Klattau, um dem Sohn sein Erspartes zu bringen. Und wie musst ers oft erringen, das blutig verdiente Geld! ? Da gingen sie einst ihrer vier in den Wald, ihrer Arbeit nach. Es war ein schauerlicher Wintertag; mit eisigem Regen gemischt und vom Südweststurm gepeitscht, fiel der Schnee herab und überzog, sogleich gefrierend, Boden und Bäume mit einer glasigen, schlüpfrigen Masse. Den ganzen Tag arbeiteten die Männer in dem schauerlichen Wetter, und als die Dämmerung hereinbrach und der Sturm und Schneefall immer heftiger wurde, sahen sie plötzlich, dass es unmöglich war, den mehrere Stunden weit entfernten häuslichen Herd zu erreichen. Auf solche Eventualitäten ist man indes gefasst und hat durch Errichtung höchst primitiver, aus rohen Balken zusammengefügter Hütten, auf die man in vielen Orten im Walde stößt, für sein notdürftiges Obdach und eine Zufluchtsstätte gegen Wind und Regen gesorgt. Solche Hütten haben als ganze Einrichtung ein sich rund um die Wände ziehendes Mooslager und einen Feuerherd in der Mitte, damit die Leute sich wärmen und ein Mahl bereiten können. ? Eine solche Hütte nun suchten die vier Männer auf, konnten aber über die Wahl derselben nicht schlüssig werden. Der erwähnte alte Mann mit noch einem Genossen fassten den Beschluss, die nächste derselben, die etwa eine Viertelstunde weit entfernt war, aufzusuchen, während die beiden Übrigen es vorzogen, sich zu trennen und eine etwas fernere zu beziehen, die ihrer Ansicht nach besser geschützt war.

Die beiden ersteren erreichten glücklich ihre Zufluchtsstätte und ließen sich darin häuslich nieder. Aber trotz des mächtigen Feuers, das sie anzündeten, konnten sie sich nicht erwärmen, denn der Wind blies durch die schlecht zusammengefügten Balken, und durch die Risse des Daches tropfte allenthalben der eisige Regen. Vergebens kauerten die beiden eng zusammen, es war nicht möglich, hier auszuhalten.

So beschlossen sie denn, die ungastliche Hütte zu verlassen und die beiden anderen Männer in ihrer Behausung aufzusuchen. Es mochte bereits zehn Uhr abends sein. Hinaus gings in die grauenhafte stürmische Nacht; schauerlich heulte die Windsbraut in den Kronen der hundertjährigen Urwaldfichten, in den tiefen Schluchten der Berge. Wohl zagte der Fuß, wohl standen die Haare zu Berge, denn all die finstern Geschichten über die geheimnisvollen Wesen des Waldes wurden aufgeregt in den Gedanken der einsam dahineilenden Männer; aber was war zu tun? Fort mussten sie, da gabs keinen anderen Ausweg.

Nach einer mühseligen Stunde erreichten sie ihr Ziel. Schon von weitem fiel es ihnen auf, dass die Türe angelweit offenstand, durch welche der Schein des mächtig lodernden Herdfeuers herausfiel, gespenstisch tanzende Schatten im Walde erzeugend.

Da traten sie ein. Welch entsetzlicher Anblick! Da lag ausgestreckt auf seinem Lager der eine, kalt und starr, die gläsernen Augen weit geöffnet, während der andere, halb sitzend am Boden, die Faust wie zur Abwehr geballt, dahockte, regungslos, wie ein versteinertes Bild. »Hannes! Wenzel!« Keine Antwort ? die beiden waren tot ? und zur Tür herein blies der Wind, am Herd knisterte die Flamme. ? Was war geschehen? Die es hätten sagen können, ihr Mund war stumm in alle Ewigkeit.

»Sie können doch nicht erfroren sein, Franzel?« meinte der Jüngere. »Hier ists doch wärmer als in der ersten Hütte.«

»Das war nichts Rechtes«, sagte der Ältere, mein Gewährsmann, »Gott soll uns schützen, komm zurück, besser erfrieren, als von den unreinen Geistern der Nacht ...« Er vollendete den Satz nicht, bekreuzte sich und murmelte: »Herr Jesus, steh mir bei in meiner Not ...«

Und fort gings wieder über Stock und Stein, durch Schnee und Regen in den Wald hinein. Betend brachten sie die Nacht in der ersten Hütte zu, und wenn die tödliche Ermüdung ihnen die Augen zu schließen drohte, da rüttelten sie sich gewaltsam empor aus den schmeichelnden Banden, die sie zu umstricken drohten.

Am anderen Tage ließ das Unwetter nach, und die beiden Männer eilten hinab nach Kinitz-Tetau, Hilfe zu holen und das Geschehene zu berichten. Von dort aus brach man auf und holte die beiden Leichen.

Der alte Franzel aber arbeitete weiter im Walde oben, und als der Monat zu Ende war, eilte er mit dem ausbezahlten Lohn hinunter nach Klattau zu seinem studierenden Sohne. So tat ers jahraus, jahrein, bis sein Sohn die Universität bezog. Da halfen die Abeles, an die sich jeder wandte, der Hilfe brauchte, und aus dem Sohne des armen einäugigen Holzhauers wurde ein angesehener Herr. Oft forderte der dankbare Sohn den greisen Vater auf, zu ihm in die Stadt zu ziehen und bei ihm seine alten Tage in Ruhe zu beschließen; der Alte jedoch war hierzu nicht zu bewegen. Er wäre, von Heimweh verzehrt, gestorben in den steinernen Häusern der Stadt, fern von seiner Ofenbank und seinen Kienspänen, der alte Holzhauer mit dem weißen Haupt, der so viel gearbeitet und so viel erfahren hatte in seinem langen Leben.

Jetzt sitzt er still da, und wenn seine Enkel reden von der harten Arbeit und den Gefahren dabei, da blitzt sein einziges Auge hell auf, und er denkt der Jugend und der schönen Wälder da oben. Es ist gut, dass er nicht mehr hinauf kann, die Verwüstungen des letzten Dezenniums würden, wenn er sie sähe, sein altes Herz brechen.


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