Charlotte Löwensköld

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Die Frau Oberst

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In Karlstadt lebte vorzeiten eine Frau Oberst, namens Beate Ekenstedt.

Sie war aus dem Geschlechte Löwensköld von Hedeby und folglich eine geborene Freiin; sie war sehr liebenswürdig und sehr hübsch und sehr gebildet, und sie konnte Gedichte machen, die genau so ausgezeichnet waren wie die von Frau Lenngren.

Sie war klein von Gestalt, hatte aber eine sehr gute Haltung wie alle Löwenskölds. Dabei hatte sie ein höchst interessantes Gesicht und wußte jedermann schöne und angenehme Dinge zu sagen. Über ihrer ganzen Erscheinung lag ein romantischer Schimmer, und wer sie einmal gesehen hatte, konnte sie nie wieder vergessen.

Frau Beate Ekenstedt war immer ausgesucht gut gekleidet und auch stets auffallend schön frisiert; wo sie auch hinkam, immer hatte sie die schönste Brosche und das geschmackvollste Armband und den strahlendsten Brillantring. Sie hatte auch die kleinsten Füße, die ein Mensch haben kann, und ob es nun Mode war oder nicht, so trug sie doch jederzeit kleine Goldbrokatschuhe mit hohen Hacken.

Frau Beate Ekenstedt wohnte im vornehmsten Haus in Karlstadt, und das lag nicht zwischen den andern Häusern in engen Gassen, sondern am Ufer des Klarelfs, so daß die Frau Oberst von ihrem eigenen kleinen Zimmer aus auf den Fluß hinaussehen konnte. Sie pflegte auch zu berichten, daß sie in einer Nacht, als heller Mondschein auf dem Flusse lag, dicht unter ihren Fenstern den Neck auf einem Stein sitzen und auf seiner goldenen Harfe habe spielen sehen. Und niemand kam es auch nur in den Sinn, daran zu zweifeln, daß sie richtig gesehen hatte. Warum sollte auch der Neck nicht ebenso gut, wie so viele andere, der Frau Oberst Ekenstedt ein Ständchen darbringen wollen?

Alle vornehmen Reisenden, die nach Karlstadt kamen, pflegten Frau Beate Ekenstedt ihre Aufwartung zu machen. Sie waren auch sofort ganz begeistert von ihr und meinten, es sei doch hart für sie, in einer solchen Kleinstadt begraben zu sein. Es ging das Gerücht, Bischof Tegnér habe Frau Beate besungen, und der Kronprinz habe gesagt, sie besitze den Scharm einer Französin. Ja, und sogar General von Essen sowie noch andere aus der Zeit Gustavs III. mußten zugeben, daß die Festessen bei Frau Oberst Ekenstedt unvergleichlich gewesen seien, sowohl hinsichtlich der Speisen wie der Bedienung und der Unterhaltung.

Frau Beate Ekenstedt hatte zwei Töchter, Eva und Jacquette. Es waren nette und liebe Mädchen, und sie würden in der ganzen Welt bewundert und umschwärmt gewesen sein; in Karlstadt jedoch hatte niemand Augen für sie. Hier wurden sie von ihrer Mutter gänzlich in den Schatten gestellt. Wenn sie auf einem Ball erschienen, so liefen sich die jungen Herrn die Beine ab um einen Tanz mit der Mutter; Eva und Jacquette aber saßen als Mauerblümchen an den Wänden, und, wie schon gesagt, brachte nicht nur der Neck vor dem Ekenstedtschen Hause Ständchen, doch niemals sang jemand unter dem Fenster der Töchter, sondern nur immer unter dem der Frau Oberst. Junge Poeten machten Gedichte an B. E.; aber keinem fiel es ein, auch nur ein paar Strophen an E. E. oder J. E. zusammenzuschmieden. Böse Zungen behaupteten, ein Leutnant habe einmal um die kleine Eva Ekenstedt angehalten, aber einen Korb bekommen, weil die Frau Oberst meinte, er habe einen schlechten Geschmack.

Die Frau Oberst hatte auch einen Oberst, einen prächtigen, tüchtigen Mann, der überall, wohin er gekommen wäre, die größte Wertschätzung gefunden hätte, ausgenommen in Karlstadt. In Karlstadt verglich man den Herrn Oberst mit der Frau Oberst, und wenn man ihn an der Seite seiner Frau sah, die so strahlend, so ungewöhnlich, so reich an Einfällen, so prickelnd lebhaft war, dann meinte man, er sehe aus wie ein Dorfschulze. Die Gäste in seinem Hause hörten kaum hin, wenn er etwas sagte; es war, als sähe ihn überhaupt niemand. Davon war indes keine Rede, daß die Frau Oberst auch nur einem von all den Herren, die sie umschwärmten, die kleinste unziemliche Annäherung gestattet hätte. Ihr Wandel war ohne Tadel; aber ihren Mann aus seinem vergessenen Winkel hervorzuziehen, daran dachte sie allerdings nie. Sie glaubte wohl, es sei ihm lieber, unbemerkt zu bleiben.

Aber diese scharmante Frau Oberst, diese gefeierte Frau Oberst hatte nicht nur einen Mann und zwei Töchter, sie hatte auch noch einen Sohn. Und diesen Sohn liebte sie; ihn bewunderte sie, ihn stellte sie bei jeder Gelegenheit ins hellste Licht. Die Gäste im Hause Ekenstedt durften sichs nicht einfallen lassen, ihn zu vernachlässigen oder links liegen zu lassen, falls sie sich Hoffnung machten, ein andermal wieder eingeladen zu werden. Andererseits darf aber auch nicht geleugnet werden, daß die Frau Oberst Ursache hatte, stolz auf ihren Sohn zu sein. Er war nicht nur begabt, sondern hatte auch ein liebenswürdiges Wesen und ein ansprechendes Äußere. Er war weder dreist noch aufdringlich wie andere verzogene Kinder. Er schwänzte die Schule nicht und spielte seinen Lehrern keine bösen Streiche. Er war romantischer veranlagt als seine Schwestern. Ehe er das achte Jahr vollendet hatte, konnte er schon richtige nette Gedichtchen machen. Öfters erzählte er auch seiner Mutter, er habe den Neck spielen hören und die Elfen auf den Voxnäswiesen tanzen sehen. Er hatte feine Züge und große dunkle Augen, ja, er war seiner Mutter echtes Kind in jeder Beziehung.

Obwohl er das ganze Herz der Frau Oberst ausfüllte, konnte man doch nicht eigentlich sagen, daß sie eine schwache Mutter sei. Zum mindesten mußte Karl Artur Ekenstedt arbeiten lernen. Sie stellte ihn höher als alle anderen Lebewesen; aber gerade darum durfte er auch nur mit den besten Zeugnissen, die zu erreichen waren, vom Gymnasium heimkommen. Und eins wurde von jedermann bemerkt: solange Karl Artur in einer Klasse war, lud die Frau Oberst nie einen seiner Lehrer zu sich ein. Nein, niemand sollte sagen können, Karl Artur bekäme seine guten Zeugnisse, weil er der Sohn der Frau Oberst Ekenstedt sei, die so ausgesuchte Festmahlzeiten gab. Seht, das war der Stil der Frau Oberst!

In seinem Abgangszeugnis vom Gymnasium in Karlstadt hatte Karl Artur die allerbeste Nummer, gerade wie Erik Gustav Geijer seinerzeit. Und das Studentenexamen zu Upsala war für Karl Artur das gleiche Kinderspiel wie für Geijer. Die Frau Oberst hatte ja den kleinen rundlichen Professor Geijer oft gesehen und ihn wohl auch als Tischherrn gehabt. Gewiß war Professor Geijer begabt und berühmt; aber sie mußte doch immer denken, Karl Artur habe einen geradeso hellen Kopf, er könne wohl auch noch einmal ein berühmter Professor werden und es so weit bringen, daß der Kronprinz Oskar und der Landeshauptmann Järta sowie die Frau Oberst Silfverstolpe nebst allen den übrigen Berühmtheiten in Upsala seinen Vorlesungen lauschen würden.

Im Herbst 1826 kam Karl Artur auf die Universität nach Upsala. Und in diesem ganzen Semester, sowie auch in allen den folgenden Jahren, schrieb er jede Woche einmal nach Hause. Und keiner seiner Briefe wurde vernichtet, Frau Beate hob sie alle auf. Sie las sie für sich immer wieder durch, und an den gewohnten Sonntagnachmittagen, wenn die Familie zusammenkam, pflegte sie den letztangekommenen vorzulesen. Und das konnte sie auch. Es waren Briefe, auf die sie mit Recht stolz war.

Frau Beate hatte die Verwandtschaft halb und halb im Verdacht, diese habe erwartet, Karl Artur werde sich etwas weniger vorzüglich zeigen, wenn er einmal von Hause weg sei. So war es Frau Beate ein Triumph, den Verwandten vorzulesen, wie Karl Artur billige möblierte Zimmer mietete und wie er, um zu Hause essen zu können, Butter und Käse selbst auf dem Markt einkaufte, wie er Schlag fünf Uhr morgens aufstand und zwölf Stunden täglich arbeitete. Und alle die ehrerbietigen Wendungen, die er in den Briefen gebrauchte, und alle die Ausdrücke von Bewunderung, die er an seine Mutter richtete! Für kein Geld hätte es sich Frau Beate nehmen lassen, dem Dompropst Sjöborg, der mit einer Ekenstedt verheiratet war, und dem Ratsherrn Ekenstedt, dem Onkel ihres Mannes, sowie den Basen Stake, die auf dem Markt in dem großen Eckhaus wohnten, vorzulesen, daß Karl Artur, der nun draußen in der Welt lebte, noch immer der Überzeugung war, seine Mutter wäre eine Dichterin ersten Ranges geworden, wenn sie es nicht für ihre Pflicht gehalten hätte, für Mann und Kinder zu leben. Nein, nicht um alles in der Welt hätte sie dieses Vorlesen unterlassen mögen, sie tat es ja viel zu gern. Sosehr sie auch an alle möglichen Arten von Huldigung gewöhnt war ? diese Worte konnte sie nicht lesen, ohne daß sich ihre Augen mit Tränen füllten.

Aber den größten Triumph feierte die Frau Oberst doch gegen Weihnachten, als Karl Artur schrieb, er habe das Geld, das ihm sein Vater nach Upsala mitgegeben, nicht aufgebraucht, sondern er bringe noch etwa die Hälfte davon wieder mit. Da waren der Dompropst und die Ratsherrn geradezu verblüfft, und die längste der Basen Stake schwur, so etwas sei noch nie dagewesen und werde auch niemals wieder vorkommen. Ja, Karl Artur war ein Wunder, darin stimmte die ganze Familie überein.

Gewiß fühlte sich die Frau Oberst vereinsamt, als Karl Artur den größten Teil des Jahres auf der Universität zubrachte; aber ihre Freude an den Briefen war doch zu groß, als daß sie wünschen konnte, es möchte anders sein. Wenn er eine Vorlesung des großen neuromantischen Dichters Atterbom gehört hatte, konnte er sich unglaublich interessant über Philosophie verbreiten; und wenn ein solcher Brief kam, dann konnte Frau Beate noch stundenlang von all der Größe träumen, die Karl Artur erreichen würde. Sie zweifelte gar nicht daran, daß er so berühmt werden würde wie Professor Geijer. Ja, vielleicht wurde er sogar ein ebenso großer Mann wie Karl von Linné. Warum sollte er nicht ebenso weltberühmt werden können? Oder warum sollte er nicht ein großer Dichter werden ? ein zweiter Tegnér? Ach, ach, niemand kann so ausgiebig bei Tische schwelgen, wie der, so sich in Gedanken ein Festmahl gibt!

In allen Weihnachts- und Sommerferien kam Karl Artur heim nach Karlstadt, und sooft Frau Beate ihren Sohn wiedersah, erschien er ihr männlicher und schöner. Aber sonst war er in keiner Weise verändert. Er zeigte sich immer gleich liebevoll gegen seine Mutter, gleich ehrerbietig gegen seinen Vater und gleich munter und scherzhaft gegen seine Schwestern.

Zuweilen konnte die Frau Oberst auch ungeduldig werden, als Karl Artur Jahr für Jahr in Upsala weiterstudierte, ohne daß irgendein Fortschritt bemerkbar gewesen wäre. Von allen Seiten wurde ihr jedoch versichert, daß Karl Artur, wenn er das große Staatsexamen machen wolle, dazu recht ausgiebig Zeit brauche, bis er fertig sein könne. Sie solle nur überlegen, was das heißen wolle, ein Examen abzulegen und Zeugnisse zu erhalten, und zwar in allen Fächern, die an der Universität gelehrt würden, in Astronomie, Hebräisch und Geometrie. Das wolle alles seine Zeit haben. Die Frau Oberst sagte, das sei doch ein fürchterliches Examen, und darin gab man ihr recht, meinte aber, man könnte es doch nicht ändern, nur um Karl Arturs willen.

Im Spätherbst 1829, als Karl Artur im siebenten Semester in Upsala war, schrieb er zur größten Freude der Frau Oberst, er habe sich nun zu einer lateinischen Prüfung angemeldet. Es sei ja kein so besonders schweres Examen, schrieb er, aber doch ein wichtiges, denn man müsse im Lateinischen durchaus bewandert sein, wenn man zum großen Examen zugelassen werden wolle.

Karl Artur machte nicht viel Aufhebens von dieser schriftlichen Arbeit. Er sagte nur, es wäre gut, sie hinter sich zu haben. Er habe sich ja freilich nicht eingehender mit dem Lateinischen befaßt als viele andre auch, aber er dürfe doch wohl hoffen, gut durchzukommen.

In diesem Brief äußerte er auch, dies werde in diesem Semester das letztemal sein, daß er seinen lieben Eltern schreibe. Sobald ihm der Ausfall des Examens bekannt sei, wolle er sich auf den Heimweg machen. Und am letzten Tage des November hoffe er bestimmt, seine Eltern und Schwestern wieder in seine Arme zu schließen.

Nein, Karl Artur hatte gewiß nicht viel Wesens aus der lateinischen Prüfung gemacht, und darüber war er recht froh, denn, kurz gesagt, ? er fiel durch. Die Professoren erlaubten sich tatsächlich, ihn durchfallen zu lassen, obwohl er in seinem Abgangszeugnis von Karlstadt in allen Fächern die beste Examensnummer gehabt hatte.

Karl Artur war eigentlich viel mehr entsetzt und überrascht, als gedemütigt. Er konnte auch seine Ansicht darüber, daß seine Art, die lateinische Sprache zu behandeln, viel für sich habe, nicht ändern. Gewiß war es sehr ärgerlich, als Unterlegener heimzukommen; aber er glaubte doch, seine Eltern, oder wenigstens seine Mutter, würden einsehen, daß seine Niederlage in gewissen Spitzfindigkeiten ihren Grund habe. Die Professoren in Upsala wollten wohl zeigen, daß sie größere Anforderungen stellten als das Gymnasium zu Karlstadt, oder sie hatten es vielleicht als Beweis von allzugroßem Selbstbewußtsein aufgefaßt, daß Karl Artur keine lateinischen Vorlesungen besucht hatte.

Die Reise von Upsala nach Karlstadt nahm mehrere Tage in Anspruch, und Karl Artur hatte sicherlich sein Mißgeschick schon vergessen, als er am dreißigsten November in der Abenddämmerung durch das Osttor in seine Heimatstadt einfuhr. Er war sogar ganz zufrieden mit sich selbst, weil er genau an dem Tage heimkam, den er angegeben hatte. Er malte sich aus, wie seine Mutter nun am Salonfenster stehen und nach ihm ausspähen werde, während die Schwestern den Kaffeetisch richteten.

In derselben guten Stimmung fuhr Karl Artur durch die ganze Stadt, bis er aus den engen, winkeligen Gassen hinauskam und den Fluß, sowie an dessen rechtem Ufer das Ekenstedtsche Haus erblickte. Aber um alles in der Welt, was war denn darin los? Das ganze Haus war hell erleuchtet und lag so strahlend da wie eine Kirche am Weihnachtsmorgen. Und Schlitten, dicht besetzt mit in Pelze gehüllten Menschen, glitten an ihm vorbei, und zwar alle seinem Vaterhause zu.

»Sie müssen daheim ein großes Fest feiern,« dachte er, und dieser Gedanke war ihm gar nicht angenehm. Er war ja von der Reise müde und würde nun keine Zeit zum Ausruhen haben, sondern mußte sich umziehen und den Gästen bis Mitternacht Gesellschaft leisten.

Doch plötzlich wurde er unruhig.

»Wenn nur Mama nicht ein Fest veranstaltet hat, um meine lateinische Prüfung zu feiern!«

Er befahl dem Kutscher, am Nebeneingang zu halten, und stieg dort aus, um nicht mit den Gästen zusammenzutreffen.

Ein paar Minuten später wurde die Frau Oberst gebeten, sich ins Zimmer der Haushälterin zu begeben, um Karl Artur zu begrüßen, der soeben dort angekommen sei.

Frau Beate war in großer Sorge gewesen, ob Karl Artur auch rechtzeitig zum Fest erscheinen werde, und sie war überglücklich, als seine Ankunft gemeldet wurde. Rasch eilte sie zu ihm.

Aber Karl Artur begrüßte sie mit strengem Blick. Er schien nicht zu sehen, daß sie ihm die Arme entgegenstreckte. Ja, er machte nicht einmal Miene, sie zu begrüßen.

»Was geht hier vor?« fragte er. »Wozu ist gerade heute die ganze Stadt hierher eingeladen?«

Da war keine Rede mehr von »geliebten Eltern«. Karl Artur bezeugte nicht die geringste Freude über das Wiedersehen mit seiner Mutter.

»Ich dachte mir, wir wollten eine kleine Feier haben, nun du das schreckliche Examen hinter dir hast,« sagte Frau Beate.

»Du hast wohl gar nicht mit in Rechnung gezogen, daß ich auch durchfallen könnte,« versetzte Karl Artur. »Aber ich bin tatsächlich durchgefallen.«

Die Frau Oberst stand ganz bestürzt da.

Nein, der Gedanke, Karl Artur könnte durchfallen, wäre ihr allerdings niemals in den Sinn gekommen.

»An und für sich hat es auch gar nichts zu sagen,« fuhr Karl Artur fort. »Aber braucht es denn gleich die ganze Stadt zu wissen? Du hast wohl alle die Leute eingeladen, Mama, um meine Triumphe zu feiern?«

Die Frau Oberst stand noch immer wie aus den Wolken gefallen da.

Seht, sie kannte ja die Karlstädter! Diese hielten Fleiß und Sparsamkeit wohl für große Vorzüge bei einem Studenten, aber es war ihnen nicht genug. Sie erwarteten auch Preise von der schwedischen Akademie und Disputationen, die so glänzend waren, daß alle die alten Professoren unter ihren Bärten erbleichten. Die Karlstädter erwarteten geistreiche Improvisationen bei den Nationalfesten und Einladungen in die literarischen Kreise, zu Professor Geijer oder zu dem Landeshauptmann von Krämer oder zu der Frau Oberst Silfverstolpe.

So faßten die Karlstädter es auf; aber in Karl Arturs bisheriger Laufbahn hatten sie noch nichts von Glanz und Auszeichnung entdecken können, was seine hervorragende Begabung bewiesen hätte. Ja, das vermißten die Leute. Frau Beate wußte es nur allzugut, und wenn nun Karl Artur endlich eine Probe seiner Kenntnisse abgelegt hatte, so meinte sie, es könne nichts schaden, wenn man etwas Klimbim darüber machte.

Aber daß Karl Artur durchfallen könne, damit hatte sie freilich nicht gerechnet.

»Niemand weiß etwas Bestimmtes,« sagte sie endlich nachdenklich. »Niemand außer den Leuten im Hause. Die andern haben nur gehört, es handle sich um eine freudige Überraschung.«

»Dann mußt du dir nun eine solche ausdenken, Mama,« versetzte Karl Artur. »Ich will jetzt auf mein Zimmer gehen und komme nicht zu Tisch herunter. Nicht, daß ich mir einbildete, die Karlstädter nähmen es besonders tragisch, daß ich durchgefallen bin; aber ich will ihr Mitleid nicht sehen.«

»Aber was sage ich nur den Leuten?« klagte die Frau Oberst.

»Das überlasse ich ganz dir, Mama,« erwiderte Karl Artur. »Ich gehe jetzt hinauf. Die Gäste brauchen ja gar nicht zu wissen, daß ich da bin.«

Aber dies war doch zu schmerzlich und ganz unmöglich. Da sollte die Frau Oberst an der Tafel sitzen und geistreich sein, und dabei sollte sie denken müssen, daß ihr Sohn nun traurig und verstimmt in seiner Stube hockte. Sie sollte ihre Augen nicht an ihm weiden dürfen ? nein, das war zu bitter für die Frau Oberst.

»Liebster Karl Artur, du mußt zum Essen herunterkommen. Es fällt mir schon noch etwas ein.«

»Was wird dir denn einfallen?«

»Das weiß ich jetzt noch nicht. ? Doch, nun hab ichs! Du wirst ganz zufrieden damit sein. Es soll kein Mensch auf den Gedanken kommen, das Fest sei deinetwegen angeordnet worden. Versprich mir nun, daß du dich gleich umziehst und herunterkommst.« -

Es war ein durchaus gelungenes Fest. Unter all den vielen glänzenden und wohlgelungenen Festen im Hause Ekenstedt war dies eines der erinnerungswürdigsten.

Beim Braten, als der Champagner herumgereicht wurde, kam auch wirklich die Überraschung. Der Herr Oberst erhob sich und bat die Versammelten, mit ihm auf das Wohl des Leutnant Sten Arcker und seiner Tochter Eva zu trinken, deren Verlobung er hiermit bekanntmachen wolle.

Das gab einen Jubel!

Der Leutnant Arcker war ein armer Kerl, ohne viel Aussichten auf Beförderung. Man wußte allerdings, daß er schon lange für Eva Ekenstedt geschwärmt hatte, und weil die Töchter Ekenstedt wenig Bewunderer aufzählen konnten, hatte sich die ganze Stadt lebhaft für die Sache interessiert. Aber man hatte immer geglaubt, die Frau Oberst werde dem Leutnant einen Korb geben.

Später sickerte es allerdings doch durch, wie das mit der Veröffentlichung zusammenhing. Aha, die Frau Oberst hatte die Verlobung zwischen Eva und Arcker nur zugegeben, damit niemand merken sollte, daß die den Gästen ursprünglich zugedachte Überraschung ins Wasser gefallen war!

Aber da war niemand, der die Frau Oberst darum weniger bewundert hätte. Im Gegenteil! Man sagte nur, niemand verstünde es besser, sich schweren und überraschenden Lebenslagen anzupassen als die Frau Oberst Ekenstedt.

 

2

Wenn sich jemand etwas gegen die Frau Oberst von Ekenstedt hatte zuschulden kommen lassen, so erwartete diese stets, daß der Missetäter kommen und sie um Verzeihung bitten werde. Wenn diese Zeremonie überstanden war, dann vergab sie alles von ganzem Herzen und war nachher ebenso freundlich und zutraulich wie zuvor.

Während der ganzen Weihnachtsfeiertage hoffte sie, Karl Artur werde sie um Verzeihung bitten, weil er an jenem Festabend, an dem er von Upsala gekommen war, so hart mit ihr geredet hatte. Sie fand es ja verständlich, daß er sich in der ersten Hitze hatte hinreißen lassen; aber sie konnte nicht begreifen, daß er sein Unrecht gar nicht einzusehen schien, obwohl er inzwischen Zeit genug zum Nachdenken gehabt hatte.

Aber Karl Artur ließ die Weihnachtsfeiertage vorübergehen, ohne ein Wort des Bedauerns oder der Reue zu äußern. Er unterhielt sich wie gewöhnlich mit Einladungen und Schlittenpartien und war daheim liebenswürdig und aufmerksam. Aber er sagte die paar Worte nicht, auf die Frau Beate wartete. Unbemerkt von den andern richtete sich eine unsichtbare Mauer zwischen Mutter und Sohn auf, und so kamen sie einander nicht mehr richtig nahe. Mangel an Liebe oder zärtlichen Reden war auf keiner Seite zu bemerken, aber das trennende Etwas war dennoch vorhanden.

Als Karl Artur wieder nach Upsala zurückgekehrt war, hatte er nur noch den einen Gedanken, seine Niederlage wieder gutzumachen. Wenn die Frau Oberst eine schriftliche Abbitte erwartet hatte, so sah sie sich getäuscht. Karl Artur schrieb nur noch über seine lateinischen Studien. Jetzt hatte er bei zwei Dozenten lateinische Vorlesungen belegt, ging auch Tag für Tag in die Hörsäle und war außerdem noch Mitglied eines Vereins, in dem man sich in lateinischen Disputationen und im Reden übte.

Er schrieb die hoffnungsvollsten Briefe heim, und die Frau Oberst antwortete in dem gleichen Geist. Aber dennoch war sie seinetwegen ängstlich. Er war unartig gegen seine eigene Mutter gewesen und hatte sie nicht um Verzeihung gebeten. Dafür blieb doch am Ende die Strafe nicht aus.

Nicht, daß sie ihrem Sohne diese Strafe gewünscht hätte. O nein, sie flehte zu Gott, er möchte ihm dieses kleine Vergehen nicht zurechnen, sondern alles vergessen sein lassen. Auch versuchte sie ihrem Herrgott zu erklären, daß alles ihre Schuld gewesen sei. »Ich allein bin dumm und eitel gewesen und wollte mit seinen Fortschritten prahlen,« sagte sie. »Nicht er verdient Strafe, sondern ich allein.«

Trotzdem fuhr sie fort, in jedem Briefe nach den Worten zu suchen, nach denen sie sich so sehr sehnte. Da aber diese Worte nie kamen, wurde sie immer unruhiger. Sie hatte das Gefühl, daß Karl Artur niemals Glück in seinen Arbeiten haben könne, solange er ihre Verzeihung nicht erhalten hatte.

Eines schönen Tages gegen Semesterschluß erklärte die Frau Oberst, sie wolle nach Upsala reisen und ihre gute Freundin Malla Silfverstolpe besuchen. Die beiden hatten einander im letzten Sommer bei den Gyllenhaals auf Kavlås getroffen und sich da so eng befreundet, daß die gute Malla Frau Beate gebeten hatte, im Winter nach Upsala zu kommen, damit sie die Bekanntschaft ihrer literarischen Freunde mache.

Ganz Karlstadt stand auf dem Kopfe, weil die Frau Oberst eine solche Reise gerade während des Tauwetters unternehmen wollte. Hier hätte der Oberst die Erlaubnis verweigern müssen, das war die allgemeine Ansicht. Aber der Herr Oberst war ans Jasagen gewöhnt, und so reiste die Frau Oberst ab.

Die Reise war schrecklich, ganz wie die Karlstädter vorausgesagt hatten. Mehrere Male blieb der Wagen im Schmutze stecken, so daß er mit Stangen wieder herausgehoben werden mußte. Einmal brach eine Feder und ein andermal die Wagendeichsel. Doch die Frau Oberst kämpfte sich durch. Klein und schwach war sie, aber tapfer und lustig, und Gastwirte und Roßknechte, Schmiede und Bauern, mit denen sie zu tun hatte, wären durchs Feuer für sie gegangen. Es war, als wüßten sie alle, wie notwendig es war, daß sie nach Upsala kam.

Natürlich hatte die Frau Oberst zwar Frau Malla Silfverstolpe ihre Ankunft angekündigt, nicht aber Karl Artur, ja, sie hatte Frau Silfverstolpe gebeten, ihn nichts davon wissen zu lassen. Sie fände es so nett, ihn zu überraschen, schrieb sie.

Als Frau Beate bis nach Enköping gelangt war, gab es einen neuen Aufenthalt. Es waren nur noch ein paar Meilen bis Upsala, aber ein Rad war losgegangen, und ehe dieses wieder befestigt war, konnte man nicht weiterfahren. Frau Beate war in schrecklicher Unruhe. Sie war ungewöhnlich lange unterwegs gewesen, und die lateinische Prüfung konnte jeden Tag stattfinden. Und sie fuhr doch nur nach Upsala, um Karl Artur Gelegenheit zu geben, sie zuvor noch um Verzeihung bitten zu können. Sie war überzeugt, daß ihm keinerlei Studien und keine Vorlesungen helfen könnten, ehe dies geschehen war. Er würde unfehlbar wieder durchfallen ? ganz unfehlbar.

Sie hatte keine Ruhe in dem Zimmer, das der Gastwirt ihr angewiesen. Unaufhörlich lief sie die Treppe hinunter und über den Hof, um nachzusehen, ob der Schmied das Rad noch nicht gebracht habe.

Auf einem dieser Gänge sah sie ein Gefährt mit einem Studenten auf der Bank neben dem Kutscher in den Hof einfahren, und der Student, der nun heruntersprang, das war ja ? nein, sie konnte ihren Augen nicht trauen ? das war ja Karl Artur!

Er trat auf seine Mutter zu, schloß sie aber nicht in seine Arme, sondern ergriff ihre Hand, drückte sie an seine Brust und schaute mit seinen schönen, träumerischen Kinderaugen tief in die ihrigen.

»Mama,« sagte er, »vergib mir, daß ich an jenem Winterabend so häßlich zu dir war, als du das große Fest gegeben hast, um meine lateinische Prüfung zu feiern.«

Ach, das war fast ein zu großes Glück, um Wirklichkeit zu sein!

Frau Beate machte ihre Hand frei, schlang die Arme um Karl Artur und küßte ihn, wieder und immer wieder. Sie verstand nichts, sie wußte nur, daß sie ihren Sohn wiederhatte, und fühlte, daß dieser der glücklichste Augenblick ihres Lebens war.

Dann zog sie ihn mit sich ins Haus, und nun kam die Erklärung.

Nein, er hatte seine Arbeit noch nicht gemacht, die Prüfung sollte am nächsten Tage stattfinden. Aber trotzdem war er auf dem Wege nach Karlstadt zu ihr.

»Du Närrchen,« sagte sie, »wolltest du in vierundzwanzig Stunden nach Karlstadt und wieder zurück reisen?«

»Nein,« versetzte er, »ich hatte alles aufgegeben; aber ich wußte, dies müßte durchaus geschehen. Ohne deine Verzeihung wäre mir doch nichts geglückt.«

»Aber, mein Junge, dazu hätte es doch nur des allerkleinsten Wörtchens in einem Briefe bedurft.«

»Das habe ich dunkel und unklar während des ganzen Semesters gefühlt,« fuhr Karl Artur fort. »Ich war ängstlich; alle Zuversicht hatte mich verlassen, ohne daß ich merkte, weshalb. Erst heute nacht ist mir ein Licht darüber aufgegangen. Ich hatte das Herz verwundet, das mit so viel Liebe für mich schlägt. Es war mir klar, daß ich nicht mit Erfolg arbeiten könnte, bevor ich nicht meine Mutter um Verzeihung gebeten hätte.«

Die Frau Oberst saß am Tische. Die eine Hand legte sie über ihre Augen, die voll Tränen standen, die andere streckte sie ihrem Sohn entgegen.

»Das ist wunderbar, Karl Artur,« sagte sie. »Sprich weiter!«

»Nun ja,« begann er. »Neben mir wohnt ein anderer Värmländer, namens Pontus Friman. Er ist ein Pietist und verkehrt nicht mit andern Studenten, deshalb war ich noch nie mit ihm in Berührung gekommen. Aber heute in aller Frühe ging ich zu ihm auf sein Zimmer und sagte ihm, wie es um mich stehe.

?Ich habe die liebevollste Mutter, die man haben kann,? sagte ich. ?Aber ich habe sie verletzt und nicht um Verzeihung dafür gebeten. Was soll ich nun tun??«

»Und was antwortete er?«

»Er sagte nur: ?Fahr schleunigst zu ihr!? Ich erklärte ihm, dies wäre mein heißester Wunsch, aber morgen müsse ich pro exercitio schreiben, und meine Eltern würden ein solches Versäumnis gewiß nicht billigen. Friman wollte aber nichts davon hören.

?Reise schleunigst!? sagte er. ?Denk an nichts als an eine Versöhnung mit deiner Mutter! Gott wird dir helfen.?«

»Und dann bist du abgereist?«

»Ja, Mama; ich reiste, um mich dir zu Füßen zu werfen. Aber kaum saß ich im Wagen, da kam ich mir auch schon unglaublich albern vor. Ich hatte die größte Lust, wieder umzukehren; und das wußte ich ja wohl, deine Liebe würde mir verzeihen, auch wenn ich noch ein paar Tage in Upsala bliebe. Aber ich fuhr dennoch weiter. Und Gott half mir. Ich fand dich hier; zwar weiß ich nicht, wie du hierhergekommen bist, aber seine Hand muß dich geführt haben.«

Tränen benetzten das Antlitz von Mutter und Sohn. War es denn nicht ein Wunder, das ihretwillen geschehen war?

Sie fühlten, daß eine liebende Vorsehung über ihnen waltete; und auch die Größe der Liebe, die sie verband, empfanden sie stärker als je zuvor.

So saßen sie eine Zeitlang beisammen in dem Wirtszimmer. Dann schickte die Frau Oberst Karl Artur nach Upsala zurück und trug ihm auf, die gute Malla Silfverstolpe zu grüßen und ihr zu sagen, daß aus dem Besuch der Mutter für dieses Mal nichts würde.

Denn der Frau Oberst lag rein gar nichts daran, nach Upsala zu kommen. Das Ziel ihrer Reise war nun erreicht. Sie wußte jetzt, daß Karl Artur die Prüfung bestehen werde. So konnte sie ruhig heimkehren.

 

3

Ganz Karlstadt wußte, daß die Frau Oberst religiös war. Sie ging in den Gottesdienst genau so regelmäßig wie der Pfarrer, und an den Werktagen hielt sie morgens und abends eine kleine Andacht mit ihrer ganzen Hausgenossenschaft.

Sie hatte auch ihre Armen, die sie nicht nur an Weihnachten mit Gaben bedachte, sondern auch während des ganzen Jahres. Verschiedenen bedürftigen Schuljungen gab sie Mittagessen, und die alten Weiber im Armenhause pflegte sie am Beatentage mit einer großen Kaffeevisite zu erfreuen.

Aber keiner Seele in Karlstadt und am allerwenigsten der Frau Oberst selbst kam der Gedanke, daß es Gott unangenehm sein könne, wenn sie mit dem Dompropst und dem Ratsherrn und der ältesten ihrer Basen Stake an den Familiensonntagnachmittagen ein freundliches Spielchen Boston machte. Und niemandem fiel es auch nur im Traum ein, es könnte eine Sünde sein, wenn die jungen Damen und Herren, die sich bei Obersts einzustellen pflegten, in dem geräumigen Salon ein kleines Tänzchen machten.

Weder die Frau Oberst noch irgendein anderer Karlstadter hatte jemals ein Wörtchen davon gehört, es sei verdammenswert, an einem festlichen Mittagessen ein Glas guten Wein zu reichen oder, ehe es geleert wurde, einen Tischgesang anzustimmen, den meistens die Wirtin selber gedichtet hatte. Auch war keinem bekannt, daß der liebe Gott Romanlesen und Theaterbesuch übelnehme. Die Frau Oberst liebte es auch, Liebhabertheater ins Werk zu setzen und selbst dabei mitzuwirken. Es wäre ihr eine große Entbehrung gewesen, auf dieses Vergnügen verzichten zu müssen. Sie war ja wie für die Bühne geschaffen, und die Karlstadter pflegten zu sagen, wenn Frau Torslöw nur halb so gut spiele wie Frau Beate Ekenstedt, so könne man sich nicht wundern, daß alle Stockholmer in sie vernarrt seien.

Aber Karl Artur Ekenstedt war noch einen ganzen Monat in Upsala zurückgeblieben, nachdem er die schwierige lateinische Arbeit glücklich vollendet hatte, und während dieser Zeit war Pontus Friman sein hauptsächlichster Umgang gewesen. Friman aber war ein aufrichtiger, strenger und beredter Anhänger der pietistischen Richtung, und Karl Artur konnte sich seinem starken Eindruck nicht entziehen.

Von einer tatsächlichen Erweckung oder Bekehrung war zwar keineswegs die Rede; aber jedenfalls genügte es, ihn über die weltlichen Freuden und Vergnügungen, die er daheim fand, zu beunruhigen.

Es ist leicht zu verstehen, daß gerade damals ein unbeschreiblich warmes, vertrauliches Verhältnis zwischen Mutter und Sohn bestand, und so sprach Karl Artur auch freimütig mit Frau Beate über alles, was ihm Anstoß erregte. Und seine Mutter kam ihm auf alle mögliche Weise entgegen. Da es ihn betrübte, sie Karten spielen zu sehen, schützte sie am nächsten Familienmittag Kopfschmerzen vor und ließ den Herrn Oberst ihren Platz am Bostontisch einnehmen. Denn daß der Dompropst und der Ratsherr um ihre Partie gebracht werden sollten, das war ganz undenkbar.

Und da Karl Artur das Tanzen nicht mehr leiden konnte, so unterließ sie auch dies. Als wie gewöhnlich am Sonntagabend die Jugend sich einfand, erklärte sie, sie sei nun fünfzig Jahr alt und fühle sich wirklich zu betagt, um noch zu tanzen. Als sie dann aber die enttäuschten Gesichter sah, wurde sie gerührt und setzte sich an den Flügel, um ihnen selbst bis nach Mitternacht zum Tanze aufzuspielen.

Karl Artur brachte ihr Bücher, die sie lesen sollte, und sie nahm sie dankbar entgegen und fand sie schön und erbaulich.

Aber immer nur so feierliche pietistische Bücher zu lesen, das brachte die Frau Oberst doch nicht fertig. Sie war eine gebildete Frau und in Fühlung mit der Weltliteratur, und so begab es sich eines Tages, daß Karl Artur Byrons Don Juan zwischen den Andachtsbüchern fand, in denen Frau Beate las. Ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich ab, und seine Mutter fühlte sich besonders gerührt, weil er keinen Vorwurf äußerte. Am folgenden Tage packte sie alle ihre Bücher in eine Kiste und stellte sie auf den Speicher.

Nein, es war ganz deutlich, die Frau Oberst versuchte so entgegenkommend zu sein, als es in ihrer Macht stand. Sie war ja klug und einsichtsvoll und wußte, daß es nur eine vorübergehende Schwärmerei bei Karl Artur sei, die mit der Zeit schon wieder verschwinden würde, und zwar um so sicherer, je weniger Widerstand er fände. Auch war es glücklicherweise Sommer; alle vermöglichen Karlstadter waren verreist, große Gesellschaften waren daher ganz von selbst ausgeschlossen. Man belustigte sich mit unschuldigen Wanderungen durch Gottes freie Natur, oder mit weiten Ruderpartien auf dem schönen Klarelf, mit Beerenpflücken und Gesellschaftsspielen im Freien.

Gegen Ende des Sommers sollte nun auch Eva Ekenstedt mit ihrem Leutnant Hochzeit machen, und die Frau Oberst war wirklich etwas bange, wie das ablaufen würde. Sie fühlte sich gezwungen, eine großartige, prächtige Hochzeit auszurichten.

Denn das war ganz klar, wenn Evas Hochzeit nicht mit allem Pomp und Staat gefeiert wurde, dann hieß es wieder, die Frau Oberst habe eben kein Herz für ihre Töchter.

Glücklicherweise schien jedoch ihr bisheriges Entgegenkommen einen beruhigenden Einfluß auf Karl Artur gehabt zu haben. Er setzte nicht nur den zwölf Gängen bei Tisch nebst Sandtorten und Konfekt keinen Widerstand entgegen ? nein, er protestierte nicht einmal gegen den Wein und die andern Getränke, die von Göteborg bezogen wurden. Auch hatte er nichts gegen die Trauung im Dom einzuwenden, noch gegen die Girlanden, mit denen die Straßen, durch die der Brautzug kam, geschmückt wurden, und ebensowenig gegen die Pechfackeln am Flusse hin. Er nahm sogar selber an den Vorbereitungen teil und arbeitete gerade wie jeder andere Sterbliche im Schweiße seines Angesichts, Kränze zu binden und Fahnen aufzustecken. Nur an einer Sache hielt er unwandelbar fest, nämlich daß bei der Hochzeit nicht getanzt werden sollte. Und das hatte ihm Frau Beate auch versprochen. Sie glaubte, ihm dieses weitgehende Entgegenkommen schuldig zu sein, da er sich so geduldig in alle anderen Anordnungen gefügt hatte.

Der Oberst und die Töchter hatten es mit schwachen Einwendungen versucht. Sie meinten, man wisse ja gar nicht, was man dann mit allen den jungen Offizieren und den jungen Karlstadter Mädchen anfangen solle, die man eingeladen hatte und die natürlich erwarteten, die ganze Nacht hindurch tanzen zu dürfen. Aber die Frau Oberst entgegnete, mit Gottes Hilfe werde es doch ein schöner Abend werden, und die Leutnants und die jungen Mädchen sollten in dem Garten spazierengehen, die Regimentsmusik anhören, die Raketen gen Himmel steigen sehen und den Widerschein der Pechfackeln auf dem Wasser bewundern. Sie glaubte, all dieses werde so wunderschön sein, daß niemand andere Vergnügungen vermisse. Und sicherlich sei dies eine würdigere Einweihung des jungen Ehestandes, als in einem Ballsaal herumzuhüpfen.

Der Oberst und die Töchter fügten sich wie gewöhnlich, und so blieb der Familienfriede ungestört.

Am Hochzeitstage war alles bereit und in Ordnung. Nichts ging schief. Man hatte mit dem Wetter Glück, und die Trauung in der Kirche nebst den vielen Reden und den Trinksprüchen bei Tische wickelten sich glatt ab. Frau Beate hatte ein schönes Hochzeitskarmen gedichtet, das bei Tisch gesungen wurde; die Musikkapelle des Värmlandregiments war im Anrichtzimmer aufgestellt und blies bei jedem neuen Gang einen flotten Marsch. Die Gäste fanden, daß alles reichlich und festlich zuging, und waren in der muntersten und behaglichsten Stimmung, solange die Mahlzeit währte.

Nachdem man aber vom Tisch aufgestanden und der Kaffee getrunken war, überfiel die ganze Gesellschaft eine eigentümliche, unwiderstehliche Lust zum Tanzen.

Die Mahlzeit hatte nämlich um vier Uhr begonnen, und da alles so ausgezeichnet eingerichtet war und auch die Aufwärter und das Gesinde den Anordnungen genau nachgekommen waren, hatte sich das Festessen nicht länger als bis sieben Uhr hingezogen. Es war wirklich sonderbar, daß zwölf Gänge mit allen den Tischreden, Fanfaren und Festkarmen nur drei Stunden in Anspruch genommen hatten. Die Frau Oberst hatte gemeint, man würde bis acht bei Tische sitzen, aber diese Hoffnung hatte sich nicht erfüllt.

Also, es war erst sieben Uhr, und vor Mitternacht ging man nicht auseinander, davon konnte keine Rede sein. Die Gäste wurden bedenklich, wenn sie an die vielen öden Stunden dachten, die noch vor ihnen lagen.

»Wenn wir doch tanzen dürften!« seufzte alles im stillen; denn die Frau Oberst war so vorsichtig gewesen, ihre Gäste im voraus davon in Kenntnis zu setzen, daß nicht getanzt werden sollte. »Womit können wir uns denn unterhalten? Es ist ja entsetzlich, stundenlang sitzen und ohne sich zu rühren schwatzen zu müssen!«

Die jungen Mädchen betrachteten ihre leichten hellen Kleider und ihre weißseidenen Schuhe. Alles war aufs Tanzen eingerichtet. Und wenn man einmal so gekleidet war, dann kam die Tanzlust ganz von selbst. Man konnte einfach an nichts anderes mehr denken.

Die jungen Offiziere vom Värmlandregiment waren ja auch als Ballkavaliere sehr gesucht. Im Winter wurden sie zu so vielen Bällen eingeladen, daß sie deren beinahe überdrüssig wurden und man sie nur mit Mühe und Not zum Tanzen bringen konnte. Während des Sommers aber hatten keine großen Tanzfestlichkeiten stattgefunden, und so waren die Herren Leutnants ausgeruht und bereit, einen ganzen Tag durchzutanzen, wenn es sein mußte, und sie sagten auch, sie hätten noch selten so viele hübsche Mädchen beisammen gesehen. Und was war das auch für eine Einrichtung, junge Offiziere und junge Schönheiten einzuladen und sie nicht miteinander tanzen zu lassen?

Aber nicht nur die Jugend vermißte den Tanz. Auch die alten Damen und Herren fanden es schade, daß die Jugend sich nicht bewegen durfte und man nicht zusehen konnte. Die beste Musik von ganz Värmland stand zur Verfügung. Hier war der herrlichste Tanzsaal. Warum in aller Welt sollte man nicht ein Tänzchen machen?

Die gute Beate Ekenstedt war doch bei aller Liebenswürdigkeit immer ein wenig selbständig. Sie dachte wohl, mit ihren fünfzig Jahren könne sie nicht mehr mittanzen, und darum sollten nun auch ihre jungen Gäste nur herumsitzen und die Wände zieren.

Die Frau Oberst sah und hörte und merkte, daß alle Welt mißvergnügt war, und für eine so vorzügliche Wirtin wie sie, die allezeit gewöhnt war, jedermann vergnügt und zufrieden bei ihren Festen zu sehen, war dieser Zustand unsäglich bitter, ja unerträglich.

Sie wußte, daß am nächsten Tag und noch an vielen, vielen folgenden Tagen die Ekenstedtsche Hochzeit besprochen und als Beispiel der größten Langweiligkeit, die man jemals hatte mitmachen müssen, herangezogen werden würde.

Nun setzte sich Frau Beate zu den Alten. Sie entfaltete ihre ganze Liebenswürdigkeit, erzählte ihre besten Geschichten und hatte die glänzendsten Einfälle. Aber ach, sie zündeten nicht! Man hörte ihr kaum zu. Da war keine noch so alte und langweilige Frau unter den Gästen, die nicht dachte, wenn sie einmal das Glück haben sollte, eine Tochter zu verheiraten, so sollte ganz gewiß alt und jung tanzen dürfen.

Die Frau Oberst machte sich an die Jugend. Sie schlug Gesellschaftsspiele im Garten vor. Aber man starrte sie nur an. Spiele im Freien bei einer Hochzeit! Wäre sie nicht die Frau Oberst Ekenstedt gewesen, man hätte ihr ins Gesicht gelacht.

Als das Feuerwerk abgebrannt wurde, boten die Herren den Damen den Arm, und man spazierte hinunter ans Flußufer. Aber die jungen Paare schlichen nur so dahin und hoben kaum die Augen hoch genug, um die Raketen steigen zu sehen. Sie wollten nun eben für das Vergnügen, wonach sie sich sehnten, keinen Ersatz anerkennen.

Der Vollmond stieg empor, wie um das glanzvolle Schauspiel noch zu verschönen. An diesem Abend erschien er nicht wie eine Scheibe ? nein, nein, er rollte am Himmel herauf rund wie ein Ball, und ein witziger Kopf behauptete, er sei aufgeschwollen vor lauter Verwunderung darüber, so viele stattliche Offiziere und so viele schöne junge Mädchen da unten mit düsteren Blicken in das Wasser hineinstarren zu sehen, gleich als gingen sie mit Selbstmordgedanken um. Halb Karlstadt stand draußen am Gartenzaun, um die Pracht mitanzusehen. Sie sahen die jungen Leute langweilig und mißvergnügt herumschleichen und meinten, dies sei doch die kümmerlichste Hochzeit, die sie jemals geschaut hätten.

Die Kapelle des Värmlandregiments tat ihr Bestes. Aber da die Frau Oberst verboten hatte, Tänze zu spielen, weil sie fürchtete, die Jugend sonst nicht mehr im Zaume halten zu können, waren nicht genügend Programmnummern da, und die einzelnen Stücke mußten immer wiederholt werden.

Es wäre nicht recht, wenn man behaupten wollte, die Stunden schlichen dahin. Nein, die Zeit stand einfach still. Die Minutenzeiger auf allen Uhren bewegten sich in demselben langsamen Tempo wie die Stundenzeiger.

Vor dem Ekenstedtschen Hause lagen auf dem Fluß ein paar große Kähne, und auf einem dieser Kähne saß ein musikliebender Schiffer und spielte eine Bauernpolka auf einer quietschenden selbstgemachten Fiedel.

Aber alle die armen Menschen, die sich in dem Ekenstedtschen Garten herumquälten, konnten diesen Tönen nicht widerstehen, denn es war doch jedenfalls Tanzmusik, und eiligst schlichen sie sich durch die Gartenpforte hinaus, und im nächsten Augenblick sah man, wie sie sich auf dem teerigen Deck einer Klarelfschute in der Bauernpolka schwenkten.

Die Frau Oberst bemerkte die Flucht und das Tanzen sehr bald, und es war ihr klar, daß man die feinsten Mädchen von Karlstadt nicht auf einem schmierigen Frachtboot tanzen lassen durfte. Sie ließ die jungen Leute sofort auffordern, wieder hereinzukommen. Aber sie hatte gut Frau Oberst sein, selbst der jüngste Leutnant dachte nicht daran, Order zu parieren.

Da gab Frau Beate Ekenstedt das Spiel verloren. Jetzt war sie Karl Artur so weit entgegengekommen, als man es verlangen konnte. Jetzt hieß es, das Ansehen des Hauses Ekenstedt zu retten. Sie befahl die Regimentsmusik herauf in den großen Saal und ließ eine Anglaise spielen.

Gleich darauf stürmten auch schon die Tanzlustigen die Treppe herauf, und nun wurde getanzt. Das wurde ein Ball, wie man noch keinen gesehen hatte. Alle die vielen, die vorher gewartet hatten und vor Sehnsucht fast vergangen waren, suchten jetzt die verlorene Zeit wieder einzuholen. Das war ein Drehen und Wenden und Stapfen und Pirouettieren! Da gab es keine Müden und Unwilligen. Selbst das häßlichste und langweiligste Mädchen blieb nicht sitzen.

Auch die Alten konnten nicht stille sitzen, und das schlimmste war, die Frau Oberst selber ? ja, man stelle sich das vor! ? die Frau Oberst, die nicht mehr tanzen und auch nicht mehr Karten spielen wollte, die ihre weltlichen Bücher auf den Speicher geschafft hatte ? diese Frau Oberst konnte auch nicht mehr stille sitzen. Leicht und luftig schwebte sie im Tanze umher, und sie sah ebenso jung ? nein, noch jünger aus als ihre Tochter, die Braut. Die Karlstadter waren ganz glücklich, daß sie ihre fröhliche, scharmante, geliebte Frau Oberst wiederhatten.

Und die Freude schlug immer höhere Wogen; die Nacht war schön und lebensvoll geworden, und der Fluß schimmerte im Mondenschein, und alles war, wie es sein sollte.

Aber der beste Beweis dafür, wie stark der Zauber der Fröhlichkeit das ganze Haus beherrschte, war wohl, daß sogar Karl Artur mitgerissen wurde. Plötzlich konnte er gar nicht mehr verstehen, was Böses und Sündhaftes daran sein sollte, wenn man sich mit andern jungen und sorglosen Menschen nach der Musik im Takte wiegte. Es war doch nur natürlich, daß Jugend, Gesundheit und Frohsinn einen solchen Ausdruck fanden. Wenn er es jetzt noch für eine Sünde gehalten hätte, würde er auch nicht getanzt haben. Aber an diesem Abend kam ihm alles kindlich, lustig und unschuldig vor.

Doch gerade, als Karl Artur mitten in der Anglaise mittanzte, blickte er zufällig nach der offenen Saaltür, und in der Türöffnung sah er ein bleiches, von schwarzem Haar und Bart umrahmtes Antlitz, sowie ein Paar große, sanfte Augen, die in schmerzlicher Verwunderung an ihm hingen.

Er hielt mitten im Tanze inne. Erst glaubte er ein Gespenst zu sehen; dann erkannte er jedoch seinen Freund Pontus Friman, der ihm versprochen hatte, ihn in Karlstadt zu besuchen, und nun gerade an diesem Abend angekommen war.

Karl Artur trat aus der Reihe der Tanzenden und eilte dem Angekommenen entgegen, und dieser zog ihn wortlos mit sich hinab ins Freie.

Die Werbung

Schagerström hat einen Heiratsantrag gemacht! Der reiche Schagerström auf Groß-Sjötorp.

Nein, ists möglich, Schagerström war auf Freiersfüßen gegangen?

Ja, es ist wahrhaftig wahr, Schagerström hat um ein Mädchen geworben.

Aber wie in aller Welt ist das denn gekommen, daß Schagerström einem Mädchen einen Antrag gemacht hat?

Nun, die Sache ist die: In der Propstei von Korskyrka war ein junges Mädchen, namens Charlotte Löwensköld. Sie war etwas verwandt mit dem Propst und diente der Frau Propst als Gesellschafterin, und außerdem war sie mit dem Hilfsgeistlichen in der Propstei verlobt.

Aber was hat sie denn mit Schagerström zu tun?

Nun, Charlotte Löwensköld war ein frisches, frohes, offenherziges junges Mädchen, und in dem Augenblick, wo sie ihren Fuß auf die Schwelle der Propstei setzte, ging es wie ein frischer Hauch durchs ganze Haus. Der Propst und seine Frau waren alt und gleichsam zu ihren eigenen Schatten geworden; aber Charlotte flößte ihnen neues Leben ein. Der Vikar aber war dünn wie ein Zwirnsfaden und so fromm, daß er fast nicht zu essen und zu trinken wagte. Den Tag über versah er seinen Dienst, und nachts lag er vor seinem Bett auf den Knien und beweinte seine Sünden. Er zählte sich schon zu den Verlorenen; aber Charlotte Löwensköld hinderte ihn daran, sich vollends ganz aufzureiben.

Aber was hat dieses alles mit ? -?

Man muß wissen, daß der Vikar, als er zum erstenmal in die Propstei von Korskyrka kam, ganz frisch ordiniert und mit allem, was zu seinem Dienst gehörte, noch ganz unbekannt war. Da half ihm Charlotte Löwensköld, sich zurechtzufinden. Sie hatte ihr Lebtag in einem Pfarrhause gewohnt und war mit allem in Betracht Kommenden auf dem laufenden; nun lehrte sie den Vikar sowohl Kinder taufen als auch im Kirchengemeinderat das Wort führen. Und dabei verliebten sie sich ineinander und waren nun schon fünf Jahre verlobt.

Aber auf diese Weise kommen wir ja ganz von Schagerström ab ...

Eine ganz hervorragende Eigenschaft von Charlotte Löwensköld war, daß sie für andere alles so gut einzurichten und anzuordnen verstand. Kaum war sie also mit dem Vikar verlobt, als sie auch schon heraushatte, daß seine Eltern mit der Wahl dieses Berufes gar nicht einverstanden waren. Sie hätten es viel lieber gesehen, wenn ihr Sohn sich den Magistertitel erworben hätte, um dann auf den Lizentiaten und Doktor der Philosophie zu studieren. Er war auch wirklich fünf Jahre in Upsala gewesen, hatte dann das Kandidatenexamen dort gemacht, und im siebenten Jahr wäre er Magister geworden ? aber gerade da hatte er umgesattelt und das theologische Examen gemacht. Seine Eltern waren wohlhabend und ein wenig ehrgeizig. Es war ihnen nicht lieb, ihren Sohn eine so anspruchslose Laufbahn einschlagen zu sehen. Seit er Geistlicher geworden war, hatten sie ihn beständig mit Bitten bestürmt, doch noch weiter in Upsala zu studieren; aber dazu war er nicht zu bewegen gewesen. Charlotte Löwensköld sah wohl ein, daß er mit einem höheren Examen weit bessere Aussichten auf Beförderung haben würde, und so schickte sie ihn nach Upsala zurück. Und da er der ärgste Büffler war, den man sich vorstellen kann, so war er in vier Jahren fertig gewesen. In dieser Zeit hatte er nicht nur das Lizentiatenexamen gemacht, sondern auch seinen philosophischen Doktor.

Aber was in aller Welt hat Schagerström damit ...

Charlotte hatte sich die Sache so ausgerechnet: Wenn ihr Verlobter nur erst promoviert hätte, dann würde er sich um eine Stelle als Lektor an einem Gymnasium bewerben, mit der ein so ansehnliches Gehalt verbunden wäre, auf das sie hätten heiraten können. Und sollte er unbedingt Pfarrer werden wollen, so konnte er nach einigen Jahren, wie es der Brauch war, auf ein großes Pastorat befördert werden. Dies war die Laufbahn des Propstes von Korskyrka und noch vieler anderer gewesen. In diesem Falle ging es jedoch nicht so, wie Charlotte sichs ausgedacht hatte, denn ihr Verlobter wollte sofort Geistlicher werden und die gewöhnliche Pfarrerlaufbahn einschlagen. Deshalb kehrte er noch einmal als Vikar nach Korskyrka zurück. Und obwohl er Doktor der Philosophie war, verdiente er noch nicht einmal so viel wie ein Stallknecht.

Ja, aber Schagerström ...

Es ist ja begreiflich, daß Charlotte Löwensköld, die nun schon fünf Jahre auf ihren Verlobten gewartet hatte, damit nicht zufrieden war. Doch freute sie sich, als er nach Korskyrka zurückgeschickt wurde. Er wohnte in der Propstei, so sah sie ihn täglich, auch war sie der Ansicht, sie werde ihn schon noch dazu bringen können, Lektor zu werden, wie sie ihn auch dazu gebracht hatte, seinen Doktor zu machen.

Aber bei dem allem hören wir ja gar nichts von Schagerström!

Nun ja, weder Charlotte Löwensköld noch ihr Bräutigam hatten das allermindeste mit Schagerström zu tun. Er gehörte einer ganz andern Art von Menschen an. Sein Vater war ein hoher Beamter in Stockholm, er selbst war reich und hatte dazu noch die Tochter eines värmländischen Hüttenbesitzers geheiratet, die Erbin von so vielen Bergwerken und Grubenfeldern, daß ihre Mitgift auf mehrere Millionen geschätzt werden konnte. Zuerst hatte Schagerström in Stockholm gewohnt und nur in den Sommermonaten die Bergwerke im Värmland besucht; aber nachdem seine Frau in den ersten Jahren im Wochenbett gestorben war, hatte er sich ganz nach Groß-Sjötorp bei Korskyrka zurückgezogen. Er betrauerte seine Frau aufs tiefste und vermißte sie überall und konnte es nicht ertragen, irgendwo zu wohnen, wo er mit ihr zusammengelebt hatte. Er zeigte sich auch kaum je bei einer Gesellschaft, aber, um die Zeit doch herumzubringen, übernahm er die Verwaltung der vielen Gruben; das Herrenhaus auf Groß-Sjötorp baute er um und verschönte es, so daß es der prächtigste Sitz im ganzen Kirchspiel wurde. Ganz einsam war er aber nicht; er hielt sich eine große Dienerschaft und lebte wie ein Grandseigneur; Charlotte Löwensköld wußte wohl, daß sie ebenso leicht das Siebengestirn vom Himmel herabholen und in ihren Brautkranz flechten könnte, als Schagerströms Frau werden.

Nun gehörte Charlotte Löwensköld zu den Menschen, die immer gleich sagen, was ihnen durch den Kopf geht. Und eines Tages bei einer Gesellschaft in der Propstei, wozu viele Gäste gebeten waren, wollte es der Zufall, daß Schagerström mit seinem prächtigen schwarzen Viererzug und dem betreßten Lakaien auf dem Bock neben dem Kutscher am Hause vorüberfuhr. Natürlich sprang alles an die Fenster, um Schagerström nachzusehen, solange noch ein Schimmer von ihm zu erhaschen war. Als er ganz verschwunden war, wandte sich Charlotte Löwensköld an ihren Verlobten, der weiter zurück im Zimmer stand, und rief so laut, daß alle Anwesenden es hören konnten: »Das sag ich dir, Karl Artur, so lieb ich dich auch habe ? wenn Schagerström um mich anhält, nehm ich ihn!«

Jedermann wußte recht gut, daß Charlotte niemals Schagerström bekommen konnte, und so lachten alle herzlich. Und der Bräutigam lachte mit, denn das wußte er, Charlotte hatte diesen Ausspruch nur getan, um die Gäste zu belustigen. Sie selber sah aus, als ob sie über das, was ihr so herausgefahren war, bestürzt wäre; aber es war doch nicht ganz sicher, ob sie nicht einen kleinen Hintergedanken dabei gehabt hatte. Sie wollte vielleicht den guten Karl Artur ein wenig aufrütteln und ihm den Gedanken an das Lektorat nahelegen.

Schagerström war noch tief in seine Trauer versenkt und dachte an keine zweite Ehe. Aber durch seine Arbeit, die ihn mit vielen Menschen in Verbindung brachte, bekam er bald allerlei Bekannte und Freunde, die ihm zuredeten, sich wieder zu verheiraten. Er lehnte es ab, da er viel zu unliebenswürdig und langweilig sei, als daß ihn irgendein Mädchen haben wollte, und legte den Versicherungen des Gegenteils auch keinen Wert bei. Eines Tages kam indes die Rede doch wieder auf diese Sache, und zwar bei einem großen geschäftlichen Mittagessen, woran Schagerström gezwungenerweise teilnahm, und als er in gewohnter Weise abwehrte, erzählte einer seiner Nachbarn aus Korskyrka von dem jungen Mädchen, die ihrem Verlobten den Laufpaß geben wolle, wenn Schagerström um sie werben würde. Es war eine sehr muntere Mittagsgesellschaft, man lachte herzlich über die Geschichte und behandelte sie als einen lustigen Scherz, genau wie in der Propstei.

Um die Wahrheit zu sagen, so hatte Schagerström schon oft die Schwierigkeit, ohne Hausfrau auszukommen, empfunden; aber er liebte die Verstorbene noch immer, und schon der Gedanke, ihren Platz von einer andern ausgefüllt zu sehen, flößte ihm Widerwillen ein.

Bisher hatte er sich immer eine Ehe nur mit einer Frau denken können, die genau so wäre wie seine Verstorbene. Aber nachdem er die Geschichte von Charlotte Löwensköld erfahren hatte, schlugen seine Gedanken eine andere Richtung ein. Wenn er z.B. eine Verstandesheirat einginge, wenn er sich mit einer einfachen Person verbände, die weder den Platz der Verstorbenen in seinem Herzen noch die hohe soziale Stellung, die er kraft seines Reichtums und seiner Familienverbindungen einnahm, beanspruchen würde ? auf diese Weise wäre ihm eine neue Ehe als etwas Annehmbares erschienen. Damit würde der Heimgegangenen kein Abbruch geschehen.

Am folgenden Sonntag fuhr Schagerström zur Kirche und besah sich das junge Mädchen, das neben der Frau Propst in dem Kirchenstuhle saß. Sie war einfach und anspruchslos gekleidet und sah nicht viel gleich. Aber das machte nichts. Ganz im Gegenteil. Wäre sie eine blendende Schönheit gewesen, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, sie zu heiraten. Die Tote sollte nicht glauben dürfen, die neue solle sie auf irgendeine Weise ersetzen können.

Während Schagerström nun in der Kirche saß und Charlotte Löwensköld betrachtete, malte er sich aus, wie sie sich wohl benehmen würde, falls er wirklich an der Propstei vorfahren und sie fragen würde, ob sie Herrin auf Groß-Sjötorp werden wolle. Sie hätte es sich ja niemals träumen lassen können, daß er um sie anhalten würde; aber gerade deshalb hätte er gern ihr Gesicht gesehen, wenn die Sache Ernst würde.

Auf der Heimfahrt malte er sich die Erscheinung Charlotte Löwenskölds in kostbare, schöne Gewänder gekleidet aus. Da wurde ihm plötzlich eines klar: In den Gedanken an eine zweite Ehe hatte sich etwas Verlockendes eingeschlichen. Es hatte etwas ungemein Romantisches, das ihn in keiner Weise unangenehm berührte; nämlich ein armes Mädchen, das ja an so etwas gar nicht denken konnte, mit Glück zu überschütten. Sobald sich aber Schagerström darüber klar war, machte er seine Gedanken von dieser Sache los und wies sie von sich wie eine Versuchung. Er hatte immer in der Vorstellung weitergelebt, seine Gattin sei nur für kurze Zeit von ihm gegangen, und er wollte ihr bis zu ihrer Wiederkehr treu bleiben.

In der Nacht sah Schagerström seine verstorbene Frau im Traum, und beim Erwachen war sein Herz ganz von der alten Liebe erfüllt. Die Erwägungen auf dem Heimweg von der Kirche erschienen ihm nun ganz und gar hinfällig. Seine Liebe lebte, und es war keine Gefahr, daß das einfache junge Mädchen, das er zu seinem Weibe zu machen geplant hatte, das Bild der Verstorbenen aus seinem Herzen verdrängen könnte. Er brauchte einen tüchtigen und klugen Kameraden zu seiner Gesellschaft und seinem Wohlbefinden. Bisher hatte er noch keine passende Haushälterin mieten können und auch in der Familie niemand gefunden, der sein Hauswesen geleitet hätte. So sah er keinen andern Ausweg als eine Heirat.

Er fuhr also noch am gleichen Tag in großer Gala an der Propstei vor. Da er in all den Jahren ganz zurückgezogen gelebt hatte, war auch sein Besuch in der Propstei bisher unterblieben, und es brachte keine geringe Aufregung hervor, als der große Landauer mit dem schwarzen Gespann vorfuhr. Man führte Schagerström in die gute Stube, und da saß er nun und plauderte mit dem Propst und dessen Frau.

Charlotte Löwensköld hatte sich auf ihr Zimmer geschlichen; aber nach einer Weile erschien die Pröpstin bei ihr und bat sie, herunterzukommen, um ihnen Gesellschaft zu leisten. Herr Schagerström sei ja gekommen, und es sei langweilig für ihn, nur mit zwei so alten Leuten zu plaudern.

Die Frau Propst erschien etwas erhitzt und doch auch feierlich zugleich. Charlotte sah sie groß an, fragte aber nichts. Sie band ihre Schürze ab, wusch sich die Hände, strich ihr Haar glatt und legte einen reinen Kragen um. Dann folgte sie der Frau Propst; aber wie sie gerade im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, wandte sie sich um und band sich die große Schürze wieder vor.

Kaum war sie in den Salon getreten und hatte Schagerström begrüßt, als sie auch schon gebeten wurde, sich zu setzen, worauf der Propst eine kleine Ansprache an sie richtete. Er machte viele Worte und sprach lange über die Freude und das Wohlbehagen, das sie in der Propstei um sich verbreitet habe. Sie sei ihm und seiner Frau eine liebe Tochter gewesen, und sie würden sich nur ungern von ihr trennen. Aber da nun ein solcher Mann wie der Herr Grubenbesitzer Gustav Schagerström sie zu seiner Frau begehre, dürften sie nicht an sich selber denken, sondern müßten ihr raten, ein solches Anerbieten, das besser sei als alles, was sie erwarten könne, nicht von sich zu weisen.

Der Propst erwähnte mit keinem Wort, daß sie schon mit dem Vikar verlobt war. Sowohl er als seine Frau waren schon lange gegen diese Verbindung und wünschten nichts sehnlicher, als sie aufgehoben zu sehen. Ein armes Mädchen wie Charlotte Löwensköld konnte sich doch nicht an einen Mann hängen, der es einfach ablehnte, sich einen anständigen Lebensunterhalt zu verschaffen.

Charlotte hatte zugehört, ohne sich zu rühren, und da der Propst ihr die Zeit zu einer passenden Antwort lassen wollte, begann er eine stattliche Rede an den Herrn Hüttenbesitzer Schagerström über seine prächtigen Güter, seine Tüchtigkeit, seinen ehrbaren Lebenswandel und sein Wohlwollen gegen seine Untergebenen.

Der Propst hatte schon so viel Gutes über Schagerström gehört, daß er ihn, obwohl er jetzt seinen ersten Besuch in der Propstei machte, bereits als Freund betrachtete und glücklich war, das Geschick seiner jungen Verwandten in dessen Hände zu legen.

Schagerström beobachtete die ganze Zeit über Charlotte Löwensköld, um zu sehen, welchen Eindruck seine Werbung auf sie machte. Er sah, wie ihr Rücken sich steifte und sie den Kopf zurückwarf. Dabei stieg Farbe in ihre Wangen, ihre Augen verdunkelten sich zu einem tiefen Blau. Dann zog sich ihre Oberlippe zu einem spöttischen Lächeln empor.

Schagerström war bestürzt: so, wie er Charlotte Löwensköld jetzt sah, war sie eine Schönheit, und zwar eine Schönheit, die weder bescheiden noch anspruchslos genannt werden konnte.

Seine Werbung hatte augenscheinlich einen tiefen Eindruck auf sie gemacht; ob sie aber glücklich oder mißvergnügt war, das wagte er nicht festzustellen.

Er brauchte indes nicht lange im Zweifel zu sein. Sobald der Propst mit seiner Rede fertig war, ergriff Charlotte das Wort.

»Ich möchte wissen, ob der Herr Hüttenbesitzer Schagerström gewußt haben, daß ich verlobt bin,« sagte sie.

»Gewiß, selbstverständlich,« entgegnete Schagerström; doch ehe er noch etwas hinzusetzen konnte, fuhr Charlotte fort:

»Wie können sich dann der Herr Hüttenbesitzer unterstehen, um mich anzuhalten?«

Gerade so sagte sie. Sie gebrauchte Worte wie »unterstehen«, obwohl sie zum reichsten Mann in Korskyrka sprach. Sie hatte ganz vergessen, daß sie nur eine arme Gesellschafterin war, und fühlte sich als das altadlige stolze Fräulein Löwensköld.

Der Propst und seine Frau fielen vor Entsetzen fast von ihren Stühlen, und auch Schagerström sah ganz verdutzt aus. Aber er war ein Mann von Welt und wußte sich in heikle Lagen zu finden.

Er trat auf Charlotte Löwensköld zu, nahm eine ihrer Hände zwischen die seinigen und drückte sie warm.

»Mein liebes Fräulein Löwensköld,« sagte er, »Ihre Antwort vermehrt nur die Verehrung, die ich für Sie empfinde.«

Dann verbeugte er sich vor dem Propst und seiner Frau und verhinderte sie durch seine Gebärde, etwas zu äußern und ihn an seinen Wagen zu begleiten. Sowohl sie wie Charlotte wunderten sich über die Würde, die über dem abgewiesenen Freier lag, während er das Gemach verließ.

Wünsche

Es ist wirklich ganz zwecklos, wenn ein Menschenkind sich hinsetzt und sich etwas wünscht.

Wenn es nicht das mindeste dazu tut, um dem Menschen, nach dem es sich sehnt, näher zu kommen ? dann hat es doch wirklich gar keinen Zweck, nur stillzusitzen und zu wünschen.

Wenn ein Menschenkind weiß, daß es unbedeutend und häßlich und arm ist, und begreift, daß der, den es gewinnen möchte, mit keinem Gedanken an sie denkt, dann mag sie sich mit ihren Wünschen verlustieren, soviel ihr der Sinn danach steht.

Wenn dieses Menschenkind überdies verheiratet und eine ehrbare Frau ist, dazu einen kleinen Hang zum Pietismus hat und nichts in der Welt sie zum Unrecht zu verlocken vermag, so hat es gar nichts zu sagen, wenn sie allerlei Wünsche hegt.

Wenn sie zum Überfluß auch noch alt ist, ganze zweiunddreißig Jahre, und er, an den sie denkt, nicht mehr als neunundzwanzig, wenn sie ferner ungewandt und schüchtern ist und in Gesellschaft nichts aus sich zu machen versteht, wenn sie dazu die Frau des Organisten ist, dann mag sie von morgens bis abends hinsitzen und sich wünschen. Das kann ja keine Sünde sein, und es kann auch zu nichts führen.

Wenn sie auch denkt, die Wünsche anderer seien wie leichte Frühlingswinde, die ihrigen aber wie gewaltige Stürme, die Berge versetzen und die Erde aus ihrer Bahn werfen könnten, so weiß sie genau, daß dies nur Einbildungen sind. In Wirklichkeit vermögen die Wünsche nichts, weder jetzt noch in der Zukunft.

Sie muß zufrieden sein, daß sie in dem Kirchdorf wohnt, dicht am Wege, so daß sie ihn beinahe alle Tage an ihren Fenstern vorbeigehen sehen und ihn jeden Sonntag predigen hören kann, daß sie ferner ab und zu in die Propstei eingeladen wird und im gleichen Zimmer mit ihm sein darf, obwohl sie vor lauter Schüchternheit kein Wort an ihn zu richten wagt.

Sonderbarerweise besteht aber doch ein kleiner Zusammenhang zwischen ihm und ihr. Davon hat er indes wohl gar keine Ahnung, und sie hat auch nicht davon zu sprechen gewagt. Aber vorhanden ist dieser Zusammenhang jedenfalls.

Ihre Mutter war ja doch jene Malwina Spaak, die früher Haushälterin auf Hedeby bei Baron Löwenskölds, seinen Großeltern mütterlicherseits, gewesen war. Als Malwina fünfunddreißig Jahr alt war, hatte sie sich mit einem armen Landwirt verheiratet und sich von da an in ihrem eigenen Hause mit Arbeiten und Weben geplagt, wie früher in fremden Häusern. Aber sie war immer in Verbindung mit den Löwenskölds geblieben. Diese waren zu ihr auf Besuch gekommen, und sie war oft zu langem Aufenthalt in Hedeby gewesen, um bei der Herbstbackerei und dem Frühjahrshausputz zu helfen, und das hatte einen Glanz auf ihr Leben geworfen. Ihrer Tochter hatte sie von klein auf die Zeit auf Hedeby aufs eingehendste geschildert, hatte ihr von dem verstorbenen General erzählt, der nun dort spukte, und von dem jungen Baron Adrian, der dem Ahnherrn zur Ruhe im Grabe hatte verhelfen wollen.

Die Tochter hatte wohl gemerkt, daß ihre Mutter in den jungen Baron verliebt gewesen war. Das war an der Art, wie sie von ihm sprach, leicht zu erkennen. Wie gut war er gewesen, und wie schön! Und seine Augen hatten einen gar träumerischen Ausdruck gehabt, und jede seiner Bewegungen war von unbeschreiblicher Anmut gewesen!

Wenn die Mutter Baron Adrian in dieser Weise schilderte, hatte die Tochter stets gedacht, sie übertreibe. Einen jungen Mann, wie die Mutter hier schilderte, gab es in der ganzen Welt nicht.

Aber jedenfalls hatte sie ihn nun gesehen. Kurz nach ihrer Verheiratung mit dem Organisten und ihrem Einzug in Korskyrka hatte sie ihn eines Sonntags die Kanzel besteigen sehen. Er war ja freilich kein Baron, nur der Vikar Ekenstedt, aber er war der Neffe des Baron Adrian, den Malwina Spaak geliebt hatte, und er war ebenso schön und knabenhaft weich und ebenso zart und fein wie jener. Sie erkannte die großen träumerischen Augen wieder, von denen die Mutter berichtet hatte, sowie auch das freundliche Lächeln.

Als sie ihn sah, war es ihr, als habe sie ihn durch ihre Wünsche herbeigezogen. Immer, immer hatte sie sich danach gesehnt, einmal einen Mann zu sehen, auf den die Beschreibung ihrer Mutter paßte, und nun hatte sie ihn vor Augen. Sie wußte wohl, daß Wünsche machtlos sind, aber sie fand es doch wunderbar, daß er gekommen war.

Er beachtete sie gar nicht, und am Ende des Sommers verlobte er sich mit der hochnäsigen Charlotte Löwensköld. Im Herbst kehrte er nach Upsala zurück, um seine Studien fortzusetzen. Ach, nun war er für immer aus ihrem Leben verschwunden! Sie konnte nicht anders denken. Wenn sie sichs auch noch so sehr wünschte, er würde doch nicht zurückkehren.

Aber nach fünf Jahren sah sie ihn an einem Sonntag abermals die Kanzel besteigen. Und abermals war es ihr, als habe sie ihn herbeigewünscht. Er aber gab ihr keinerlei Veranlassung zu solchen Gedanken. Wieder beachtete er sie in keiner Weise, und immer noch war er mit Charlotte Löwensköld verlobt.

Sie hatte Charlotte nie etwas Böses gewünscht, dafür konnte sie die Hand zum Schwur auf die Bibel legen, ab und zu aber hatte sie doch gehofft, Charlotte würde sich in einen andern verlieben, oder einer ihrer reichen Verwandten würde sie zu einer langen Reise ins Ausland einladen, wodurch sie auf eine angenehme Weise von dem jungen Ekenstedt getrennt würde.

Da sie als Frau des Organisten ab und zu in die Propstei eingeladen wurde, war sie zufällig auch an jenem Tage dort, als Schagerström vorbeifuhr und Charlotte sagte, sie würde ihn nehmen, wenn er um sie anhalte. Seitdem war ihr sehnlichster Wunsch gewesen, Schagerström möchte um Charlotte werben; und dieser Wunsch konnte doch nichts Unrechtes sein! Jedenfalls hatte er nicht das geringste zu bedeuten.

Denn wenn Wünsche eine Macht hätten, dann sähe es wohl etwas anders aus in dieser Welt. Man bedenke nur, was schon alles gewünscht worden ist! Was sich die Menschen schon Gutes gewünscht haben! Wie viele sich schon gewünscht haben, frei von Sünde und Krankheit zu sein! Wie viele gewünscht haben, dem Tode zu entgehen! Nein, das wußte sie wohl, wünschen konnte man unbeschränkt; Wünsche haben keine Macht.

Aber eines schönen Sommersonntags sah sie tatsächlich Schagerström in die Kirche kommen, und siehe, er wählte auch seinen Platz so, daß er Charlotte, die im Pfarrstuhle saß, sehen konnte. Nun wünschte sie auch, Schagerström möge Charlotte schön und anziehend finden. Von ganzer Seele wünschte sie das. Es war doch kein Unrecht gegen Charlotte, wenn sie ihr einen reichen Mann wünschte!

Nachdem sie Schagerström in der Kirche gesehen hatte, wurde sie den ganzen Tag über das Gefühl von einem bevorstehenden Ereignis nicht los. In der Nacht lag sie wie im Fieber und wartete darauf, daß etwas geschehe. Und so war es auch am folgenden Vormittag. Sie saß am Fenster und konnte nicht arbeiten, sondern wartete nur mit gefalteten Händen auf das, was kommen würde.

Sie meinte, sie müsse Schagerström vorbeifahren sehen. Aber es begab sich etwas noch viel Wunderbareres. Mitten am Vormittag, so zwischen elf und zwölf Uhr, machte ihr Karl Artur einen Besuch.

Man versteht, daß sie selig und erschrocken, zugleich aber auch von Schüchternheit überwältigt war.

Sie wußte nicht, was sie gesagt hatte, um ihn zu grüßen und ins Zimmer hereinzubitten. Jedenfalls saß er bald in dem besten Lehnstuhl ihres kleinen Salons, und sie saß ihm gegenüber und starrte ihn an.

Sie hatte gar nicht gewußt, daß er so jung aussah, wie sie ihn nun in der Nähe fand. Sie wußte ja alles, was seine Familie betraf, ja sie wußte auch, daß er im Jahre 1806 geboren war und nun also neunundzwanzig Jahre alt sein mußte. Aber das sah ihm niemand an.

Nun berichtete er ihr in seiner entzückend einfachen, ernsthaften Weise, er habe erst kürzlich durch einen Brief seiner Mutter erfahren, daß sie Malwina Spaaks Tochter sei, die eine so gute Freundin und Gehilfin der ganzen Familie Löwensköld gewesen war. Er bedauerte, dies nicht früher gewußt zu haben, und sagte, sie hätte es ihm sagen sollen.

Sie war überglücklich, weil sie nun wußte, weshalb er sie früher gar nicht beachtet hatte. Aber sie konnte nichts sagen, nichts erklären. Sie murmelte nur ein paar dumme verworrene Worte, die er wahrscheinlich gar nicht verstand.

Er sah sie etwas verwundert an. Konnte ein erwachsener Mensch so schüchtern sein, daß er die Sprache verlor? Das war ihm unbegreiflich.

Wie um ihr Zeit zu lassen, sich zu fassen, begann er von Malwina Spaak und von Hedeby zu erzählen. Auch auf die Spukgeschichten und den unheimlichen Ring kam er zu sprechen.

Er sagte, er könne zwar alle die Einzelheiten nicht glauben, aber trotzdem liege für ihn ein tiefer Sinn darin. In dem Ring sehe er ein Symbol der Liebe zum Irdischen, die die Seele gefangenhält und sie ungeschickt zum Reiche Gottes macht.

Da saß er nun wirklich vor ihr und sah sie mit seinem einnehmenden Lächeln an, plauderte auch ganz vertraulich und unbefangen mit ihr, wie mit einem alten Freunde! Das Glück war zu groß, es drohte sie zu ersticken.

Er war vielleicht daran gewöhnt, keine Antwort zu erhalten, wenn er zu den Armen und Mühseligen kam, um sie zu trösten und aufzurichten. So redete er denn unverdrossen weiter.

Er berichtete ihr, er müsse immerfort an Jesu Wort zu dem reichen Jüngling denken, und er sei überzeugt, der Grund zu den vielen Leiden der Menschen liege vor allem darin, daß sie das Geschaffene mehr liebten als den Schöpfer.

Obwohl sie nichts sagte, lauschte sie doch offenbar seinen Worten auf eine Weise, die sein Zutrauen immer mehr hervorlockte. Er vertraute ihr an, daß er weder Propst noch Bischof werden wolle. Er wolle keine große Gemeinde, keinen großen Wohnsitz mit weiten Äckern und dicken Kirchenbüchern und vieler Arbeit. Nein, er wünsche sich ein kleines Dorf, in dem er sich ganz der Seelsorge widmen könne. Sein Pfarrhaus solle nur eine kleine graue Hütte sein, aber diese solle an einem Birkenwäldchen am Ufer eines Sees liegen. Und sein Gehalt sollte nur gerade zum Leben ausreichen.

Und sie verstand ihn. Er wollte damit den Menschen den rechten Weg zum wahren Glück zeigen. Eine tiefe Andacht erfüllte ihre Seele. Noch niemals war ihr etwas so Junges und Reines vorgekommen. Ach, wie würden alle Menschen ihn lieben!

Aber dann fiel ihr ein, wie sehr seine Worte im Widerspruch standen zu dem, was sie kürzlich hatte sagen hören, und darüber wollte sie sich Klarheit verschaffen.

Sie fragte, ob sie falsch gehört habe, aber als sie neulich in der Propstei war, habe seine Braut gesagt, er sei im Begriff, sich um ein Lektorat an einem Gymnasium zu bewerben.

Da sprang Karl Artur vom Stuhle auf und begann in der kleinen Stube hin und her zu gehen.

Sollte Charlotte das gesagt haben! Sei sie ganz sicher, daß Charlotte das gesagt hatte? Bei dieser Frage, die er in ganz ungestümer Weise hervorsprudelte, wurde ihr angst; aber in aller Demut entgegnete sie, soweit sie sich erinnern könne, habe Charlotte tatsächlich so gesagt.

Das Blut stieg ihm in den Kopf. Er sah immer ärgerlicher aus. Sie war ganz entsetzt. Fast wäre sie vor ihm niedergefallen und hätte ihn um Verzeihung gebeten. Nie hätte sie gedacht, daß das, was sie von Charlotte berichtet hatte, ihn so verletzen würde. Was sollte sie sagen, das ihn wieder gut stimmen könnte? Was konnte sie tun, ihn zu beruhigen?

Während dieser Aufregung hörte sie Wagengerassel, und aus alter Gewohnheit sah sie aus dem Fenster. Schagerström fuhr vorbei; da sie aber so sehr mit Karl Artur beschäftigt war, fragte sie sich nicht einmal, wohin er wohl fahre. Karl Artur hatte den Vorbeifahrenden gar nicht bemerkt. Er schritt noch immer mit grimmiger Miene in dem Stübchen auf und ab.

Dann trat er auf sie zu und streckte ihr die Hand zum Abschied entgegen. Welch eine schreckliche Enttäuschung, daß er so bald wieder ging! Sie hätte sich die Zunge abbeißen mögen, weil sie die paar Worte gesagt hatte, die schuld an seiner Verstimmung waren.

Aber da war nichts mehr zu machen. Sie mußte auch ihre Hand ausstrecken und die seinige ergreifen. Sie mußte schweigen und ihn gehen lassen.

Doch in ihrem tiefen Elend und ihrer Verzweiflung neigte sie sich über seine Hand und küßte sie.

Hastig zog er seine Hand zurück. Dann blieb er stehen und schaute sie an.

»Ich wollte nur um Verzeihung bitten,« stammelte sie.

Er sah Tränen in ihren Augen, was ihn bewog, ihr eine Art Erklärung zu geben.

»Nehmen Sie an, Frau Sundler, Sie hätten sich aus irgendeinem Anlaß eine Binde um die Augen gelegt, so daß sie nichts mehr sehen könnten, und Sie hätten sich ganz in die Hände eines andern Menschen gegeben, der Ihr Führer sein sollte ? was würden Sie sagen, wenn die Binde plötzlich abfiele und Sie erkennen müßten, daß dieser andere, Ihr Freund, Ihr Führer, auf den Sie sich mehr als auf sich selbst verlassen hatten, Sie an den Rand eines Abgrunds geführt hatte, wo Sie beim nächsten Schritt in die Tiefe gestürzt wären? Würde Ihnen solches keine Höllenqualen bereiten?«

Er sprach hastig und leidenschaftlich und eilte, ohne auf Antwort zu warten, durch die Tür in den Flur hinaus.

Thea Sundler glaubte zu hören, daß Karl Artur in dem kleinen Vorgarten stehenblieb. Sie konnte nicht wissen, warum. Vielleicht überdachte er, wie fröhlich und sorglos er vor einer kleinen Weile in ihr Haus eingetreten war, das er jetzt wütend und verzweifelt verließ. Jedenfalls eilte sie hinaus, und da stand er wirklich noch.

Sobald er sie zu Gesicht bekam, fing er an zu reden. Die Gemütsbewegung hatte seinen Gedanken eine neue Richtung gegeben. Es war ihm lieb, einen Zuhörer zu haben.

»Ich bin noch hier und sehe mir die Rosen an, mit denen Sie den Weg zu Ihrem Hause eingefaßt haben, liebe Frau Sundler, und ich überlege eben, ob dieser Sommer nicht der schönste ist, den ich je erlebt habe. Wir sind nun Ende Juli, die ganze nun vergangene Sommerszeit ist geradezu vollkommen gewesen, finden Sie das nicht auch? Sind nicht alle Tage lang und hell gewesen, länger und heller als je zuvor? Gewiß war es sehr heiß, aber niemals wirklich drückend, weil doch meistens ein frischer Luftzug wehte. Auch die Erde hat nicht unter Trockenheit zu leiden gehabt wie in andern schönen Sommern, weil fast jede Nacht etwas Regen gefallen ist. So war das Wachstum auch ganz unerhört. Haben Sie schon jemals die Bäume so üppig belaubt oder die Blumenrabatten im Garten in solcher Pracht leuchten sehen? Ach, ich möchte behaupten, die Erdbeeren seien nie so süß, der Vogelsang nie so wohllautend und die Menschen nie so fröhlich und genußfähig gewesen wie in diesem Jahre!«

Er schwieg einen Augenblick, um Atem zu schöpfen, doch Frau Sundler hütete sich wohl, ihn durch ein Wort zu stören. Sie dachte an ihre Mutter. Jetzt begriff sie, was diese gefühlt haben mochte, wenn der junge Baron sie in der Küche oder in der Milchkammer aufgesucht und ihr allerlei anvertraut hatte.

Der junge Geistliche fuhr fort:

»Wenn ich morgens gegen fünf Uhr meinen Vorhang zurückziehe, sehe ich kaum etwas anderes als Düsternis und Gewölk. Das klatscht gegen die Fensterscheiben, das gießt aus der Dachtraufe, Gras und Blumen beugen sich nieder unter dem Platzregen. Die ganze Luft ist voller regenschwerer Wolken, die sich über den Wiesengrund hinzuschleppen scheinen. Heut ists aus mit dem schönen Wetter, sage ich zu mir selbst, und vielleicht ist es auch so am besten.

Und obgleich ich weiß, daß es den ganzen Tag fortregnen wird, bleibe ich doch noch eine ganze Weile am Fenster stehen und sehe zu, was noch werden wird. Und siehe, fünf Minuten nach fünf Uhr klatschen die Tropfen nicht mehr an meine Scheiben. Die Dachtraufe rieselt noch eine Weile, dann hört auch das auf. Gerade an der Stelle am Himmel, wo die Sonne stehen sollte, öffnet sich ein Wolkenspalt, und ein breiter Lichtstreifen fällt herab in die irdischen Nebel. Gleich darauf verwandeln sich diese, am Horizont aufwallend, in lichtblauen Dunst. Die Tropfen rinnen die Grashalme entlang langsam auf die Erde, und die Blumen richten ihre ängstlich gesenkten Kelche wieder empor. Unser kleiner See, von dem ich einen schwachen Schimmer von meinem Fenster aus sehen kann und der bis jetzt ganz mürrisch dreingeschaut hat, beginnt zu glitzern, wie wenn große Scharen von Goldfischen sich unter dem Wasserspiegel angesammelt hätten. Und hingerissen von so viel Schönheit, öffne ich mein Fenster weit, atme eine Luft voll schwellender Wohlgerüche von einer nie geahnten Fülle ein, und ich breche in den Ruf aus: Ach, mein Gott, du hast deine Welt viel zu schön geschaffen!«

Der junge Geistliche hielt inne, lächelte und zuckte die Achseln. Er schien anzunehmen, Thea Sundler verwundere sich über seine letzte Äußerung, und so beeilte er sich, diese zu erläutern.

»Ja,« fuhr er fort, »es ist mir ernst mit dem, was ich sagte. Ich war bange, dieser schöne Sommer könne mich verleiten, etwas Irdisches zu lieben. Wie oft habe ich das Ende dieses herrlichen Wetters herbeigewünscht, gewünscht, der Sommer möge uns Blitz und Donner, Dürre und Schwüle, Landregen und kalte Nächte bringen, wie das schon so oft in andern Jahren geschehen ist.«

Thea Sundler sog alle seine Worte in sich hinein. ? Wo wollte er hin? Was wollte er damit sagen? Sie wußte es nicht, wünschte aber fast krampfhaft, er möchte fortfahren, damit sie noch lange den Wohllaut seiner Stimme, die schönen Worte und das ausdrucksvolle Mienenspiel genießen könnte.

»Verstehen Sie mich?« rief er aus. »Aber über Sie hat die Natur vielleicht keine Macht. Sie spricht nicht zu Ihnen mit starken, geheimnisvollen Worten. Sie fragt Sie nie, warum Sie nicht dankbar alle ihre guten Gaben genießen, warum Sie das Glück nicht ergreifen, das so erreichbar nahe liegt; warum Sie sich nicht ein eigenes Heim gründen und sich mit der Geliebten Ihres Herzens vermählen, wie alle Geschöpfe in diesem gesegneten Sommer es tun?«

Er nahm den Hut ab und strich sich mit der Hand über die Stirne.

»Der schöne Sommer,« fuhr er fort, »ist ein Bundesgenosse für Charlotte geworden. Sehen Sie, dieser Reichtum, diese Freundlichkeit, diese allgemeine Lebenslust hat mich berauscht. Ich bin umhergegangen wie ein Blinder. Charlotte hat meine Liebe und auch meine Sehnsucht, meinen Wunsch, sie zu besitzen, wachsen sehen.

Ach, Sie wissen ja nicht ... Jeden Morgen gegen sechs Uhr gehe ich von dem kleinen Anbau, in dem meine Zimmer liegen, hinüber in das Haupthaus, um meinen Morgenkaffee zu trinken. Da kommt mir Charlotte in dem großen hellen Eßzimmer, wo die Luft durch die offenen Fenster hereinströmt, entgegen. Sie ist fröhlich und zwitschert wie ein Vöglein, und wir trinken unsern Kaffee zusammen, wir zwei allein. Weder der Propst noch seine Frau sind dabei.

Sie glauben vielleicht, Charlotte nehme die Gelegenheit wahr, mit mir von unserer Zukunft zu sprechen. O ganz gewiß nicht! Sie spricht mit mir über meine Armen, meine Kranken, sie spricht über die Gedanken in meiner Predigt, die ihr am meisten zu Herzen gegangen sind. Sie zeigt sich in allen Dingen so, wie es sich für eine gute Pfarrfrau gehört. Nur einzelne Male, ganz im Vorbeigehen, nur scherzhaft, spricht sie auch von dem Lektorat. So ist sie mir Tag für Tag lieber geworden. Wenn ich dann wieder an meinem Schreibtisch sitze, wird mir das Arbeiten schwer. Ich träume von Charlotte. Ich habe Ihnen ja vorhin gesagt, wie ich mein Leben einzurichten gedenke. Nun träume ich davon, wie meine liebe Charlotte sich von all den weltlichen Ketten loslöst und sie mir freudig in meine kleine graue Hütte folgt.«

Bei diesem Bekenntnis kann Thea Sundler einen Ausruf nicht unterdrücken.

»Gewiß haben Sie recht,« sagte er. »Ich bin blind gewesen. Charlotte hat mich an einen Abgrund geführt. Sie hat nur einen Augenblick der Schwachheit abgewartet, um mir das Versprechen abzulocken, mich um ein Lektorat zu bewerben. Sie sah, wie dieser Sommer dazu beitrug, mich sorglos zu machen. Sie glaubte sich sicher am Ziel, und so hat sie Sie und alle die andern auf meinen Berufswechsel vorbereitet. Aber Gott hat mich beschützt.«

Noch einmal tritt Karl Artur auf Thea Sundler zu. Er las vielleicht auf ihrem Gesicht, daß seine Worte ihr Freude machten, daß sie sich glücklich darüber fühlte. Aber nun schien es ihn zu reizen, daß sie sich an der durch seine Leiden hervorgerufenen Beredsamkeit erfreute. Ein schmerzlicher Zug flog über sein Antlitz.

»Glauben Sie nur ja nicht, ich freue mich über das, was Sie mir gesagt haben!« brach er los.

Thea Sundler erschrak. Er ballte die Fäuste und schüttelte sie vor ihrem Gesicht.

»Ich danke es Ihnen nicht, daß Sie mir die Binde von den Augen gerissen haben. Sie sollen sich nicht über das freuen, was Sie soeben gehört haben! Ich hasse Sie, weil Sie mich nicht in den Abgrund stürzen ließen. Ich will Sie nie wieder sehen!«

Er wandte sich ab und eilte den schmalen Pfad zwischen Frau Sundlers schönen Rosen hinab der Landstraße zu. Aber Thea Sundler ging in ihr Stübchen, warf sich in ihrer Zerknirschung auf den Fußboden und weinte, wie sie noch nie geweint hatte.

Im Garten der Propstei

Die kurze Strecke vom Kirchdorf bis in die Propstei nahm für jemand, der so rasch und stürmisch dahinging wie Karl Artur, nicht mehr als fünf Minuten in Anspruch. Aber während dieser fünf Minuten überlegte er sich viele strenge und stolze Gedanken, mit denen er seine Braut zu beglücken gedachte, sobald er mit ihr zusammentreffen würde.

»Ja,« murmelte er, »der rechte Augenblick ist gekommen. Nichts soll mich abhalten. Heute noch muß es zu einer Entscheidung kommen. Sie muß endlich einsehen, daß trotz aller meiner Liebe zu ihr mich nichts bewegen kann, nach den weltlichen Vorteilen zu trachten, die sie anstrebt. Ich habe keine Wahl, ich muß Gott dienen. Eher will ich sie aus meinem Herzen reißen.«

Stolze Zuversicht erfüllte ihn. Er fühlte es deutlich, heute standen ihm Worte zur Verfügung, um zu zerknirschen, zu rühren, zu überzeugen. Die heftige Gemütsbewegung hatte sein Inneres in Wallung versetzt, und eine Tür war aufgerissen worden, die in einen Raum seiner Seele führte, in den er bisher noch nie geblickt hatte. In diesem Raum waren die Wände mit reichen Trauben und schönen Blumenranken behängt. Aber diese Trauben und Ranken waren Worte, herrliche, klare, formvollendete Worte. Er brauchte nur hinzutreten und sich ihrer zu bemächtigen. Alles dies stand zu seiner Verfügung. Es war ein Reichtum, ein unerhörter Reichtum.

Er lachte über sich selbst. Bis jetzt hatte er seine Predigt stets mit großer Mühe zusammengebracht, er hatte die Gedanken gleichsam aus seiner Seele herausquälen müssen. Und doch hatte dieser Reichtum die ganze Zeit über in ihm gelegen!

Was Charlotte betraf, so durfte es so nicht länger bleiben. Wahrhaftig, bisher war sie es gewesen, die versucht hatte, ihn zu beherrschen. Das mußte anders werden. Er würde reden, sie zuhören. Er würde führen, sie folgen. Von nun an sollten ihre Blicke an seinem Munde hängen, wie vorhin die der armen Organistenfrau.

Das gab natürlich Streit, aber nichts sollte ihn dazu bringen, nachzugeben.

»Lieber reiße ich sie aus meinem Herzen!« rief er aus. »Lieber reiße ich sie aus meinem Herzen!«

Gerade als er vor der Propstei angelangt war, flog die Gittertür auf, und ein eleganter, von vier Rappen gezogener Wagen fuhr heraus.

Es war ihm klar, nun hatte der Hüttenbesitzer Schagerström einen Besuch in der Propstei gemacht. Zugleich erinnerte er sich an Charlottens Äußerung bei jener Kaffeegesellschaft am Anfang des Sommers. Wie ein Blitz fuhr ihm durch den Kopf, Schagerström sei in die Propstei gekommen, um seine Braut zur Frau zu begehren.

Das war ein unsinniger Gedanke; aber trotzdem krampfte sich ihm das Herz zusammen.

War das nicht ein ganz sonderbarer Blick, den der reiche Mann ihm zuwarf, als der Wagen auf die Landstraße einbog? Lag nicht eine spöttische Neugier darin und zugleich etwas wie Mitleid?

Nein, er konnte nicht zweifeln. Er hatte recht geraten. Aber das war doch ein gar zu schwerer Schlag. Sein Herz stockte, und es wurde ihm schwarz vor den Augen. Er hatte gerade noch so viel Kraft, sich bis ans Gartentor zu schleppen.

Charlotte hatte ja gesagt. Er würde sie verlieren. Er würde vor Verzweiflung sterben.

Mitten in diesem Kummer sah er Charlotte aus dem Wohnhause treten und eilig auf ihn zukommen. Er sah die erhöhte Farbe ihrer Wangen, den Glanz ihrer Augen, die Siegermiene um den Mund. Nun kam sie, ihm zu erklären, daß sie den reichsten Mann in Korskyrka heiraten werde.

O diese Schamlosigkeit! Er stampfte mit dem Fuß auf und ballte die Fäuste. »Komm mir nicht nahe!« rief er.

Sie blieb jäh stehen. Heuchelte sie, oder war ihr Erstaunen echt?

»Was hast du denn?« fragte sie gänzlich unbefangen. Er nahm seine ganze Kraft zusammen, um ihr antworten zu können.

»Das weißt du besser als ich!« rief er. »Was hatte Schagerström hier zu tun?«

Nun begriff Charlotte. Karl Artur hatte also Schagerströms Vorgehen erraten. Sie trat dicht auf Karl Artur zu und hob die Hand auf. Beinahe hätte sie ihn geschlagen.

»So, so, also auch du glaubst, ich würde mein Wort eines Haufen Geldes wegen brechen?«

Damit warf sie ihm einen verachtungsvollen Blick zu, wandte ihm den Rücken und ging ihrer Wege.

Jedenfalls hatten ihre Worte nun seine schlimmsten Befürchtungen besänftigt. Sein Herz fing wieder an zu pochen, die Kräfte kehrten ihm zurück. Er war imstande, ihr zu folgen.

»Aber er hat doch jedenfalls um dich angehalten?« sagte er.

Sie würdigte ihn keiner Antwort. Ihr Rücken und ihr Nacken steiften sich, und sie setzte ihren Weg fort. Aber sie ging nicht ins Haus zurück, sondern bog in einen schmalen Pfad ein, der durch allerlei Buschwerk in den Garten führte.

Karl Artur fühlte, daß sie ein Recht hatte, verletzt zu sein. Hatte sie Schagerström abgewiesen, so hatte sie etwas wirklich Großartiges getan. Er versuchte sich zu entschuldigen.

»Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er an mir vorbeifuhr. Er sah nicht aus, als hätte er einen Korb bekommen.«

Da richtete sie sich nur noch trotziger auf und beschleunigte ihre Schritte. Sie brauchte keine Worte zu verlieren. Ihre Haltung sagte deutlich genug: »Komm mir nicht nahe! Ich will allein sein!«

Aber er, der jetzt immer mehr die Treue und Aufopferung ihrer Handlungsweise begriff, folgte ihr immerzu.

»Charlotte,« sagte er, »meine geliebte Charlotte!«

Sie ließ sich nicht rühren. Unbewegt schritt sie die Gartenwege entlang.

Ach, dieser Pfarrgarten, dieser Pfarrgarten! Charlotte hätte ihre Schritte nach keinem Orte richten können, der reicher an süßen Erinnerungen gewesen wäre.

Der Garten war in altfranzösischem Stil angelegt, mit vielen sich kreuzenden Wegen, die alle mit mannshohen Syringenhecken eingefaßt waren. Da und dort befanden sich schmale Öffnungen in diesen Hecken, durch die man in kleine enge Lauben mit einer einzigen Moosbank oder auf grüne Rasenflächen, in denen ein einsamer Rosenbusch stand, gelangte. Es war kein sehr großer Garten. Er war auch vielleicht nicht einmal schön; aber welch ein wunderbarer Zufluchtsort war er für solche, die sich allein zusammenfinden wollten!

Während Karl Artur Charlotte nacheilte, die ihm nicht den mindesten Blick gönnte, wachte die Erinnerung an alle die Stunden in ihm auf, da sie als eine zärtliche Geliebte hier mit ihm gewandelt war. Stunden, die nun nie wiederkehren würden.

»Charlotte!« stieß er noch einmal hervor mit einer Stimme, die vor Kummer bebte.

Es mußte etwas in seiner Stimme gelegen haben, das sie zum Nachgeben zwang. Sie wandte sich zwar nicht um; aber die trotzige Haltung verschwand. Sie blieb stehen und beugte den Kopf so weit zurück, daß er beinahe ihr Gesicht sehen konnte.

Da war er auch schon neben ihr, schloß sie in seine Arme und küßte sie.

Dann zog er sie mit sich in eine der Lauben mit einer Moosbank darin. Dort fiel er vor ihr auf die Knie und erging sich in Bewunderung ihrer Treue, ihrer Liebe, ihres Heldenmuts.

Sie schien erstaunt über sein Feuer, sein Entzücken. Fast mißtrauisch hörte sie ihm zu. Und er wußte wohl warum. Er war ihr gegenüber immer etwas abweisend gewesen; hatte sie ihm doch die Welt und ihre Verlockungen verkörpert, gegen die er auf seiner Hut sein mußte!

Aber in diesem holden Augenblick, wo er wußte, daß sie seinetwegen der Versuchung eines großen Reichtums widerstanden hatte, brauchte er sich keinen Zwang aufzuerlegen. Sie wollte ihm von der Werbung Bericht erstatten, aber er hörte kaum zu und unterbrach sie immer wieder durch seine Küsse.

Als sie ausgeredet hatte, mußte er sie abermals unzählige Male küssen, und schließlich saßen sie ganz still nebeneinander in einer langen Umarmung.

Wo waren nun die strengen, stolzen Worte, die er ihr hatte sagen wollen? Vergessen ? ausgewischt aus der Erinnerung. Er bedurfte ihrer nicht mehr. Nun wußte er, daß das geliebte Mädchen niemals eine Gefahr für ihn bedeuten könnte. Sie war kein Sklave des Mammons, wie er gefürchtet hatte. Welchen Reichtum hatte sie heute verschmäht, um ihm treu zu bleiben!

Wie sie so in seinen Armen lag, spielte ein leichtes Lächeln um ihre Lippen. Sie sah sehr glücklich aus, glücklicher als je zuvor. Woran dachte sie? Vielleicht sagte sie in diesem Augenblick zu sich selbst, sie begehre nichts als seine Liebe allein, vielleicht gab sie den Gedanken an das Lektorat auf, das beinahe die Ursache der Trennung für sie geworden wäre.

Sie sagte nichts, aber er lauschte ihren Gedanken.

»Laß uns nur bald zusammenkommen! Ich stelle keine Bedingungen, ich will nichts als deine Liebe!«

Aber sollte er sich an Edelmut von ihr übertreffen lassen? Nein, er wollte ihr die größte Freude bereiten. Er wollte ihr zuflüstern, jetzt, da er ihre Gesinnung kenne, werde er es auch wagen. Jetzt wolle er versuchen, sich und ihr einen anständigen Lebensunterhalt zu verschaffen.

Wie süß war doch dieses Schweigen! Ob sie wohl hörte, was er zu sich selber sagte? Hörte sie das Versprechen, das er ihr gab?

Er machte eine Anstrengung, seine Gedanken in Worte zu kleiden.

»Ach, Charlotte!« begann er. »Wie soll ich dir je vergelten können, was du um meinetwillen verschmäht hast?«

Ihr Haupt lehnte an seiner Schulter, und so konnte er ihr Gesicht nicht sehen.

»Mein Liebster,« hörte er sie erwidern, »ich bin gar nicht bange. Ich weiß, du wirst mir vollen Ersatz dafür bieten.«

Ersatz ? was meinte sie damit? Wollte sie sagen, sie begehre als Ersatz nichts als seine Liebe? Oder meinte sie etwas anderes? Weshalb hielt sie den Kopf gesenkt? Warum sah sie ihm nicht ins Auge? Hielt sie ihn für eine so ärmliche Partie, daß sie Ersatz heischte, weil sie ihm treu geblieben war? Er war ja doch Geistlicher und Doktor der Philosophie und der Sohn angesehener Eltern, hatte immer versucht, seine Pflichten zu erfüllen, war im Begriff, sich einen Namen als Prediger zu machen, und hatte einen tadellosen Lebenswandel geführt. Glaubte sie wirklich, es sei eine gar so große Entsagung gewesen, Schagerström abzuweisen?

Nein, natürlich dachte sie gar nicht an so etwas. Er mußte ruhig sein, mit Sanftmut und Milde ihre Gedanken zu erforschen suchen.

»Was verstehst du unter Ersatz? Ich habe dir ja doch gar nichts zu bieten.«

Da schmiegte sie sich dichter an ihn an, so daß sie ihm ins Ohr flüstern konnte:

»Du hast eine viel zu geringe Meinung von dir selbst, mein Geliebter. Du kannst ja sowohl Dompropst als Bischof werden.«

Da riß er sich so heftig von ihr los, daß sie fast gefallen wäre.

»Also, weil du Schagerström abgewiesen hast, soll ich Dompropst und Bischof werden, das erwartest du nun von mir?«

Sie sah verwirrt zu ihm empor, als erwache sie aus einem Traume. Ja, gewiß, sie hatte geträumt, hatte im Schlaf gesprochen und im Schlafe ihre geheimsten Gedanken verraten. Sie erwiderte nichts. Glaubte sie, diese Fragen bedürften keiner Antwort?

»Ich frage dich, ob du meinst, ich solle Dompropst und Bischof werden, weil du Schagerström abgewiesen hast?«

Nun stieg ihr die Röte in die Wangen. Aha, das Löwensköldsche Blut kam in Wallung! Doch noch immer würdigte sie ihn keiner Antwort.

Aber Antwort wollte er haben, Antwort mußte er haben.

»Hörst du nicht? Ich frage dich, ob du erwartest, daß ich Dompropst oder Bischof werden soll, weil du Schagerström abgewiesen hast?«

Sie warf den Kopf in den Nacken, ihre Augen blitzten. Im Tone tiefster Verachtung warf sie ihm hin: »Selbstverständlich!«

Nun stand er auf. Er wollte nicht länger neben ihr sitzen. Sein Schmerz über ihre Antwort war grenzenlos, aber er wollte das einem solchen Geschöpf, wie diese Charlotte war, nicht zeigen. Doch wollte er sich auch nichts vorzuwerfen haben. Er machte noch einen Versuch, mild und freundlich mit diesem verlorenen Weltkind zu sprechen.

»Liebe Charlotte, ich kann dir für deine Aufrichtigkeit nicht dankbar genug sein. Jetzt weiß ich, daß dir die äußere Stellung alles bedeutet. Ein tadelloser Wandel, ein treues Bestreben, in Christi, meines Meisters, Fußtapfen zu wandeln, hat für dich keinen Wert.«

Schöne und friedliche Worte. Er erwartete ihre Antwort mit Spannung.

»Lieber Karl Artur, ich glaube schon, daß ich deinen Wert ? richtig schätzen kann; auch wenn ich nicht vor dir katzbuckle wie die Weiber in der Gemeinde.«

Diese Antwort erschien ihm als richtige Grobheit, ihr Ärger machte sich Luft.

Charlotte stand auf, um ihrer Wege zu gehen. Aber er faßte sie am Arm und hielt sie fest. Diese Unterredung mußte zu Ende geführt werden.

Charlottes Äußerung über die Weiber in der Gemeinde hatte ihm Frau Sundler in Erinnerung gebracht. Er dachte an das, was sie ihm berichtet hatte, und dadurch wurde sein Zorn aufs neue angefacht. Es kochte in ihm.

Die Gemütsbewegung riß die Tür in seiner Seele auf, die in den Raum führte, worin die großen, starken Worte als Trauben an Ranken hingen. Nun begann er streng und vermahnend zu ihr zu reden. Er warf ihr ihre Weltliebe vor, ihren Hochmut, ihre Eitelkeit.

Aber Charlotte hörte ihm nicht lange zu.

»So minderwertig ich auch bin, so habe ich doch Schagerström abgewiesen,« erinnerte sie ihn in sanftem Tone.

Er entsetzte sich über ihre Schamlosigkeit.

»Großer Gott, was ist das für ein Weib!« brach er los. »Hat sie doch soeben erst bekannt, daß sie Schagerström nur abgewiesen hat, weil sie sich mehr davon versprach, mit einem Bischof verheiratet zu sein als mit einem Hüttenbesitzer!«

Während dieses ganzen Auftritts sprach in seiner Seele eine leise, besänftigende Stimme. Diese flüsterte ihm zu, er möge sich in acht nehmen. Ob er denn noch nie bemerkt habe, daß Charlotte Löwensköld eine von denen sei, die es verschmähen, sich zu rechtfertigen? Wenn jemand schlecht von ihr denke, so versuche sie es nie, ihm diese üble Meinung zu nehmen.

Aber Karl Artur hörte nicht auf diese leise besänftigende Stimme. Er glaubte ihr nicht. Charlotte enthüllte mit jedem Wort neue Tiefen der Niedertracht. Man mußte nur ihre Antwort hören!

»Lieber Karl Artur, reite doch nicht immer auf dem herum, daß ich sagte, du sollest höher hinauf. Es war doch nur Scherz. Ich glaube ja gar nicht, daß du es jemals zum Dompropst oder Bischof bringen kannst.«

War er schon vorher verletzt, empört, so mußte vor diesem neuen Ausfall die besänftigende Stimme schweigen. Das Blut brauste ihm in den Ohren. Seine Hände bebten. Diese Unglückselige raubte ihm alle Selbstbeherrschung. Sie machte ihn verrückt.

Er wußte, daß er vor ihr auf und nieder hüpfte. Er wußte, daß seine Stimme zum Geschrei wurde. Er wußte, daß er die Arme in die Luft reckte und daß sein Kinn zitterte. Aber er machte keinen Versuch, sich zu beherrschen. Er fühlte einen unbeschreiblichen Abscheu vor Charlotte, der sich nicht in Worte fassen ließ. Nein, er mußte sich in Bewegungen Luft machen.

»All deine Schlechtigkeit ist mir nun offenbar!« rief er. »Ich sehe dich so, wie du bist. Nie ? nie ? nie werde ich mich mit so jemand verheiraten, wie du bist. Es würde mein Verderben sein.«

»In einigem bin ich dir aber doch von Nutzen gewesen,« erwiderte sie. »Du hast es doch nur mir zu danken, daß du Lizentiat und Doktor der Philosophie bist.«

Von nun an war es nicht mehr er selber, der ihr antwortete. Nicht, als ob er nicht gewußt hätte, was er sagte oder dachte, aber die Worte kamen doch überraschend und unerwartet. Ein anderer als er legte sie ihm auf die Lippen.

»Ei sieh!« rief er. »Nun will sie mich daran mahnen, daß sie fünf Jahre auf mich gewartet hat und ich infolgedessen gezwungen sei, sie zu heiraten. Aber es nützt nichts. Ich werde keine andere heiraten als die, so Gott selber für mich erwählt.«

»Sprich nicht von Gott!« mahnte sie.

Er erhob das Haupt und warf es zurück. Er schien in den Wolken zu lesen. »Ja, ja, ich will Gott für mich wählen lassen! Das erste ledige weibliche Wesen, das mir begegnet, soll meine Frau werden.«

Charlotte schrie auf. Sie eilte auf ihn zu.

»Aber Karl Artur, Karl Artur!« rief sie und versuchte einen seiner Arme herabzuziehen.

»Komm mir nicht nahe!« schrie er.

Aber sie erfaßte nicht das Maß seiner Wut. Sie umschlang ihn mit ihren Armen.

Da hörte sie einen Laut des Abscheus seiner Kehle entsteigen. Seine Hände packten die ihrigen mit eisernem Griff und warfen das Mädchen auf die Moosbank zurück.

Dann stürmte er fort von ihr.

Das Mädchen aus Dalarne

Gleich beim erstenmal, als Karl Artur die Propstei von Korskyrka zu Gesicht bekam, wie sie da an der Landstraße lag, gleich einem Herrensitz unter hohen Linden, mit dem grünen Zaune, den ehrwürdigen Torpfeilern und der Gittertür, durch die man in den Garten mit seinem Rundell und den Kieswegen blicken konnte, mit dem langgestreckten rotangestrichenen zweistöckigen Wohnhaus in der Mitte, mit seinen beiden gleichgroßen Seitenflügeln, rechts dem des Vikars, links dem des Pächters, hatte er sich gesagt, gerade so müsse ein schwedischer Pfarrhof aussehen, traulich und einladend, feierlich und doch achtunggebietend zugleich.

Und später, als er den immer kurzgeschnittenen Rasen bemerkte, die wohlgeordneten Rabatten, auf denen alle Pflanzen gleichhoch waren und im gleichen Abstand voneinander standen, die hübsch geharkten Wege, den reinlich beschnittenen wilden Wein um die kleine Veranda, die langen Gardinen, die in hübschen geraden Falten an jedem Fenster hingen, hatte dies alles ihn mit dem gleichen Gefühl von Behagen und Würde erfüllt. Es war ihm, als müsse sich jeder, der in diesem Hofe wohnte, verpflichtet fühlen, ein besonnenes, friedliches Leben zu führen.

Niemals hätte er sich träumen lassen, daß gerade er, Karl Artur Ekenstedt, eines Tages auf das weiße Gittertor zugelaufen kommen würde, mit erhobenen, wildfuchtelnden Armen, den Hut auf dem einen Ohr und kurzen, pfeifenden Lauten auf den Lippen.

Als die Gartentür hinter ihm ins Schloß fiel, lachte er wild auf. Er glaubte zu sehen, wie das Wohnhaus und die Blumenbeete ihn verwundert anstarrten.

»Hat man je so etwas gesehen? Was ist das für ein Mensch?« flüsterte es von Blume zu Blume.

Jawohl, die Bäume wunderten sich, der Rasen wunderte sich, der ganze Garten wunderte sich. Karl Artur hörte, wie sie sich verwunderten.

Konnte das der Sohn der scharmanten Frau Oberst Ekenstedt sein, die die gebildetste Dame in ganz Värmland war und Gedichte machte, schöner als die von Frau Lenngren ? konnte er es sein, der jetzt aus dem Pfarrgarten herausgerannt kam, als wolle er dem Reich des Bösen und der Sünde entfliehen?

Konnte das der stille, rücksichtsvolle, gemessene Vikar sein, der so schöne blumenreiche Predigten hielt, der nun mit roten Flammen auf der Stirn und wutverzerrten Zügen daherjagte?

Konnte es ein Geistlicher aus der Propstei von Korskyrka sein, in der so viele ehrbare und würdige Diener des Herrn gelebt hatten, der jetzt da vor der Gartentür stand, um auf die Landstraße hinauszugehen, fest entschlossen, das erste beste ledige weibliche Wesen zu heiraten, das ihm begegnete?

Konnte es der junge Ekenstedt sein, der eine so vornehme Erziehung erhalten und immer unter vornehmen Leuten gelebt hatte, der nun Gefahr lief, das erste beste Mädchen, das ihm in den Weg lief, zur Frau nehmen zu müssen? Wußte er nicht, daß es eine Schwatzbase, ein Faulpelz, eine dumme Gans, eine Giftnudel, eine Schlampe oder eine Dirne sein konnte, mit der er zusammentraf?

Wußte er nicht, daß er sich auf die gefährlichste Wanderung seines ganzen Lebens begab?

Karl Artur stand einen Augenblick an der Gartentür still und lauschte auf die Verwunderung, die von Baum zu Baum, von Blume zu Blume ging.

Jawohl, er wußte es, diese Wanderung war verhängnisvoll und gefährlich. Aber er wußte noch mehr: während dieses ganzen Sommers hatte er die Welt mehr geliebt als Gott. Er wußte, Charlotte Löwensköld war eine Gefahr für seine Seele gewesen, und er wollte zwischen ihr und sich eine Scheidewand aufrichten, die sie nie würde durchbrechen können.

Und er wußte noch weiter ? in dem Augenblick, wo er Charlotte aus seinem Herzen riß, öffnete sich dieses wieder für Christum. Er wollte seinem Erlöser zeigen, daß er ihn ohne Maß und ohne Grenzen liebte und sich unbedingt auf ihn verließ. Darum wollte er jetzt auch Christus eine Frau für sich auswählen lassen. Es war ein großes, ein furchtbares Vertrauen, das er in ihn setzte und das er nun beweisen wollte.

Er hatte keine Angst, während er da an der Gartentür der Propstei stand und die Straße entlang schaute. Nein, er hatte keine Angst, aber eins fühlte er doch, nun bewies er den größten Mut, den ein Mensch zeigen konnte. Er bewies ihn, indem er sein Geschick ohne Vorbehalt in Gottes Hand legte.

Das letzte, was er tat, ehe er von der Gartentür wegging, war, ein Vaterunser zu beten. Und während des Gebets wurde es stille in ihm. Auch seine äußere Ruhe kehrte zurück. Die heiße Röte schwand aus seinem Gesicht, und sein Kinn zitterte nicht mehr.

Als er nun anfing dem Kirchdorf zuzugehen, wie er mußte, wenn er Menschen begegnen wollte, war er doch nicht ganz frei von Anfechtung.

Er war noch nicht weiter als bis zum Ende des Zaunes um die Propstei gekommen, als er auch schon stehenblieb. Der arme furchtsame Mensch in ihm war es, der ihn anhielt. Er dachte daran, daß er vor einer Stunde, als er vom Kirchhof herkam, gerade an dieser Stelle dem tauben Bettelweib Karin Johannstochter in ihrem verschlissenen Schal, ihrem zerlumpten Rock und mit dem Bettelsack auf dem Rücken begegnet war. Sie war gewiß früher einmal verheiratet gewesen, aber schon seit vielen Jahren Witwe und konnte also unter die Ledigen gezählt werden.

Der plötzliche Gedanke, er könne dieser Person begegnen, hatte ihn aufgehalten.

Aber er verhöhnte den armseligen, furchtsamen, sündigen Menschen, der in seiner Brust wohnte, weil dieser geglaubt hatte, er habe die Macht, ihn an der Ausführung seines Vorsatzes zu hindern, und so setzte er seine Wanderung fort.

Nach wenigen Sekunden hörte er Wagengerassel hinter sich. Gleich darauf fuhr ein Gefährt vorbei, das von einem prächtigen Renner gezogen wurde.

In dem Gefährt saß einer der mächtigen stolzen Grubenbesitzer dieser Gegend, ein Mann, der so viele Bergwerke und Eisenhämmer besaß, daß er an Rang Schagerström gleichgestellt wurde. An seiner Seite saß seine Tochter, und wenn er von der andern Richtung hergefahren gekommen wäre, so hätte der junge Geistliche sich gezwungen gesehen, seinem Gelübde entsprechend dem stolzen Mann ein Zeichen zum Anhalten zu geben, damit er um die Tochter hätte werben können.

Es war nicht leicht zu sagen, welchen Ausgang dieses Unternehmen genommen hätte. Ein Peitschenhieb übers Gesicht wäre nicht undenkbar gewesen. Der Grubenbesitzer Aron Månsson war gewöhnt, seine Töchter mit Grafen und Baronen, aber nicht mit Hilfsgeistlichen zu vermählen.

Aufs neue wurde dem armen sündigen Menschen, der in Karl Arturs Brust wohnte, angst und bange. Er riet ihm, umzukehren, die Sache sei doch allzu gefährlich.

Aber das neue tapfere Gotteskind, das ebenfalls in ihm wohnte, erhob seine jubelnde Stimme. Dieses freute sich über die Gefahr der Wanderung. Es freute sich, sein Vertrauen und seinen Gehorsam beweisen zu können.

Zur rechten Seite der Straße erhob sich ein steiler Bergrücken, dessen Hänge mit jungen Tannen, kleinen Birken und wilden Kirschbäumen bestanden waren. Durch das dichte Gestrüpp kam jemand daher und sang. Karl Artur konnte die Sängerin nicht sehen, aber die Stimme war ihm wohlbekannt. Sie gehörte der schlampigen Tochter des Gastwirts, die jedem Burschen nachlief. Sie war Karl Artur schon ganz nahe. Jeden Augenblick konnte es ihr einfallen, in die Landstraße einzubiegen.

Unwillkürlich trat Karl Artur leise auf, damit seine Schritte von der Sängerin nicht gehört würden. Er sah sich auch ab und zu nach einer Möglichkeit um, von dem Weg auf die Landstraße abzubiegen.

Auf der anderen Straßenseite lag eine Wiese, auf der eine Kuhherde graste. Aber die Kühe waren nicht allein, ein Mädchen war eben dabei, sie zu melken. Auch diese Person war Karl Artur nicht unbekannt. Es war die Stallmagd des Pächters der Propstei, groß wie ein Mann und mit drei unehelichen Kindern. Karl Arturs ganzes Sein und Wesen ward von Entsetzen ergriffen, aber ein Gebet zu Gott hinaufsendend ging er doch weiter.

Die Wirtstochter sang drin im Gehölz, die große Stallmagd war mit dem Melken fertig und schickte sich zum Heimgehen an, aber keine von beiden kam auf den Weg heraus. Karl Artur begegnete ihnen nicht, obgleich er sie sah und hörte.

Der arme sündige alte Mensch in ihm kam nun mit einem neuen Einwand. Er sagte zu ihm, vielleicht wolle Gott ihm diese beiden leichtsinnigen Frauen zeigen, nicht so sehr, um seinen Glauben und seinen Mut zu prüfen, sondern um ihn zu warnen. Vielleicht wolle er ihm zu verstehen geben, daß er töricht und leichtsinnig handle.

Aber Karl Artur brachte den schwachen, schwankenden Sünder in sich zum Schweigen und ging auf dem eingeschlagenen Wege weiter. Sollte er wegen so wenig nachgeben? Sollte er mehr an seine Angst als an Gottes Macht glauben?

Nun endlich kam ihm eine weibliche Person entgegen; dieser konnte er nicht ausweichen.

Obgleich sie noch in ziemlicher Entfernung war, erkannte er doch, wer es war, nämlich die Tochter des Häuslers Matt Elis, deren ganzes Gesicht durch ein Muttermal entstellt war. Und nicht genug, daß das arme Mädchen ein unbehagliches Aussehen hatte, nein, sie war auch vielleicht das ärmste Mädchen im ganzen Kirchspiel, dazu mit Vater und Mutter und zehn unversorgten Geschwistern behaftet.

Karl Artur hatte sie schon wiederholt in ihrer ärmlichen Hütte aufgesucht, wo es von zerlumpten, schmutzigen Kindern wimmelte, die die Älteste vergeblich zu kleiden und zu ernähren versuchte.

Karl Artur fühlte, wie ihm der Angstschweiß auf der Stirn ausbrach; aber dann faltete er die Hände und ging ruhig weiter.

»Es geschieht ihretwegen, damit sie Hilfe bekommt,« murmelte er, während er ihr näher kam.

Ach, ein wahres Märtyrertum tauchte vor Karl Arturs Seele auf! Aber er wollte in dieser Beziehung vor nichts zurückweichen. Vor diesem bettelarmen Mädchen fühlte er keinen so großen Widerwillen wie vorhin vor der Wirtstochter und der Stallmagd. Von dieser hatte er nichts als Gutes gehört.

Doch siehe, als sie nur noch zwei Schritte voneinander entfernt waren, bog sie vom Weg ab. Irgend jemand hatte sie vom Walde her angerufen, und sie verschwand rasch in dem Gebüsch.

Als die Häusler-Elis nun aus dem Spiele war, hatte Karl Artur doch die Empfindung, als sei ihm ein sehr schwerer Stein vom Herzen gefallen. Jetzt fühlte er neue Zuversicht, und er ging ganz erhobenen Hauptes weiter, ebenso stolz, wie wenn es ihm geglückt wäre, die Stärke seines Glaubens zu beweisen, indem er wie Petrus auf dem Wasser ging.

»Gott ist mit mir,« sagte er. »Christus begleitet mich auf meinem Wege und hält seinen Schild über mir.«

Diese Gewißheit trug ihn empor, und sie erfüllte ihn mit Seligkeit.

»Jetzt kommt bald die rechte,« dachte er. »Christus hat mich geprüft, und er hat gesehen, daß es mir ernst ist. Nein, ich weiche nicht zurück. Meine Erwählte ist im Anzug.«

Eine Minute später hatte er die kurze Wegstrecke zurückgelegt, die die Propstei von dem Kirchdorf trennt, und er wollte eben in die Dorfstraße einbiegen, als sich die Tür eines kleinen Hauses öffnete und ein junges Mädchen heraustrat. Sie ging durch das Vorgärtchen, das sich auch hier, wie vor allen andern Häusern der kleinen Ortschaft, ausbreitete, und von da gerade zu Karl Artur auf den Weg hinaus.

Und so plötzlich war sie da aufgetaucht, daß nur noch zwei Schritte zwischen ihnen lagen, als Karl Artur ihrer ansichtig wurde.

Er hielt jäh an, und sein erster Gedanke war:

»Das ist sie, das ist sie! Hab ich es nicht gesagt? Gerade jetzt mußte sie mir in den Weg kommen, ich wußte es wohl.«

Darauf faltete er die Hände, um Gott für seine große, wunderbare Gnade zu danken.

Das Mädchen, das ihm entgegenkam, war nicht in diesem Kirchspiel zu Hause, sondern stammte aus einem der nördlichen Dörfer in Dalarne; sie zog umher und trieb einen Hausierhandel. Sie trug die Tracht ihres Heimatbezirks, ihr Anzug war rot, grün, weiß und schwarz, und in Korskyrka, wo die alte Dorftracht längst abgeschafft worden war, leuchtete sie wie eine wilde Rose im Hag. Und im übrigen war sie selbst noch viel schöner als ihre Kleidung. Ihr Haar lockte sich um eine prachtvolle Stirne, die auch sehr hoch erschien, und die Gesichtszüge waren edel geformt. Aber vor allem waren es die tiefen traurigen Augen und die dichten schwarzen Brauen, die für das Antlitz entscheidend waren. Sobald man diese Augen sah, war man vollständig überzeugt, daß sie jeglichem Gesicht Schönheit verleihen würden. Dazu war ihre Gestalt groß, stattlich, nicht gerade schlank, aber gut gebaut. Ja, sie war gesund und frisch, darüber hätte niemand auch nur einen einzigen Augenblick im Zweifel sein können. Auf dem Rücken trug sie einen großen schwarzen ledernen Ranzen mit Handelswaren gefüllt, aber trotzdem schritt sie ganz aufrecht einher und bewegte sich mit einer Leichtigkeit, als wisse sie gar nichts von irgendeiner Last.

Was Karl Artur betrifft, so fühlte er sich beinahe geblendet.

»Das ist der Sommer, der mir entgegenkommt,« sagte er zu sich selbst. Ja, der reiche, warme, blühende Sommer wars, der in diesem ganzen Jahre schon geherrscht hatte. Wenn er ihn hätte malen können, so hätte das Bild genau so ausgesehen wie dieses Mädchen.

Aber wenn es der Sommer war, der ihm da entgegenkam, so war es wahrlich kein Sommer, vor dem er sich zu fürchten brauchte. Im Gegenteil! Gottes Absicht war, daß er ihn an sein Herz nehmen und sich über dessen Schönheit freuen solle. Er brauchte keine Besorgnis zu hegen. Diese, seine Braut, so farbenprächtig und schön sie auch war, sie kam aus fernen Gebirgsgegenden, aus Armut und Niedrigkeit. Sie wußte nichts von den Verlockungen des Reichtums oder von der seltsamen Liebe für die irdischen Dinge, durch die die Leute im flachen Lande den Schöpfer über der Schöpfung vergessen. Sie, diese Tochter der Armut, würde nicht zaudern, sich mit einem Manne zu verbinden, der sein ganzes Leben lang arm zu bleiben gedachte.

In Wahrheit, nichts ging über die Weisheit Gottes. Er wußte, was ihm, Karl Artur, vonnöten war. Nur mit einem Wink seiner Hand stellte ihm Gott dieses junge Mädchen in den Weg, das besser für ihn paßte als jede andre.

Der junge Geistliche war so in seine eigenen Gedanken versunken, daß er nicht die leiseste Bewegung machte, um sich dem schönen Mädchen aus Dalarne zu nähern. Aber sie, die wohl merkte, wie er sie mit den Augen verschlang, konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken.

»Du starrst mich ja an, als sei dir ein Bär in den Weg gelaufen,« sagte sie.

Jetzt lachte Karl Artur auch. Merkwürdig, wie leicht es ihm plötzlich geworden war!

»Nein,« sagte er, »nein, ein Bär war es nicht, den ich zu sehen meinte.«

»Dann war es am Ende die böse Waldhexe; die Leute sagen, die Männer würden von ihrem Anblick so gebannt, daß sie sich nicht mehr vom Fleck rühren könnten.«

Sie lachte und zeigte dabei die schönsten, blendend weißen Zähne. Dann wollte sie an Karl Artur vorbeigehen, aber rasch hielt er sie zurück.

»Du darfst noch nicht gehen, denn ich muß mit dir reden. Setz dich hier mit mir auf den Grabenrand!«

Bei dieser Aufforderung sah sie ihn höchst verwundert an, glaubte aber, er werde ihr wohl einiges von ihren Waren abkaufen wollen.

»Aber hier auf der Landstraße kann ich meinen Ranzen nicht aufmachen,« wandte sie ein.

Doch gleich darauf ging ihr ein Licht auf.

»Aber bist du denn nicht der Pfarrer hier im Kirchspiel? Ich meine doch, ich hätte dich gestern auf der Kanzel gesehen.«

Karl Artur fühlte sich sehr beglückt, weil sie ihn predigen gehört hatte und wußte, wer er war.

»Gewiß war ich der Prediger, der gestern in der Kirche predigte, ich bin jedoch nur der Hilfsgeistliche, verstehst du?«

»Aber du wohnst doch wohl in der Propstei? Ich bin gerade auf dem Wege dahin. Komm dann nur in die Küche heraus, da kannst du mir meinen ganzen Sack voll abkaufen.«

Sie meinte, nun werde er sich zufrieden geben; aber noch immer blieb der junge Mann ihr hindernd im Wege stehen.

»Ich will keine von deinen Waren kaufen,« sagte er, »sondern ich will dich fragen, ob du meine Frau werden willst.«

Er brachte die Worte nur mühsam heraus, denn er war in starker Erregung. Es war ihm, als sei sich die ganze Natur ringsum, die Vögel, das rauschende Laub der Bäume, das weidende Vieh, vollständig bewußt, welch ein feierliches Ereignis hier vor sich ging, und als verhielte sich alles in Erwartung der Antwort des jungen Mädchens ganz, ganz ruhig.

Das Mädchen aus Dalarne wendete sich ihm hastig zu, wie um zu sehen, ob es ihm ernst sei, schien aber sonst ganz gleichgültig zu bleiben.

»Wir können uns heute abend um zehn Uhr hier auf dem Wege wieder treffen,« sagte sie dann. »Jetzt hab ich erst meine Sachen zu besorgen.«

Danach setzte sie ihren Weg nach der Propstei fort, und Karl Artur ließ sie gehen. Er wußte, sie würde am Abend wieder hierherkommen, und ihre Antwort würde ein Ja sein. Sollte sie nun nicht die Braut sein, die Gott für ihn bestimmt hatte?

Er selbst fühlte keine Lust, nach Hause zu gehen und sich an die Arbeit zu setzen. Er schlug den Weg nach dem Hügel ein, um den sich die Straße herumschlängelte. Als er so weit in das Gebüsch hineingekommen war, daß ihn niemand mehr sehen konnte, warf er sich auf den Boden.

Welches Glück, welches wunderbare Glück! Welchen Gefahren war er doch entgangen! Wie merkwürdig waren doch die Ereignisse dieses Tages!

Mit einem Male war er von allen seinen Bekümmernissen befreit worden. Charlotte Löwensköld würde ihn nun nie mehr verlocken können, ein Sklave des Mammons zu werden. Von nun an würde er in Übereinstimmung mit seiner Neigung leben. Die einfache arme Gattin würde ihn in Jesu Fußtapfen wandeln lassen. Er sah die kleine graue Behausung vor sich; er sah die einfache, beglückende Lebensweise. Er sah auch die vollkommene Harmonie zwischen seiner Lehre und seinem Lebenswandel.

Lange lag er da auf dem Waldboden und schaute hinauf in das vielästige Gezweige, durch das die Sonnenstrahlen hindurchzuschlüpfen versuchten. Und da war es Karl Artur, als wolle auf dieselbe Weise eine neue glückbringende Liebe in sein gekränktes und verletztes Herz eindringen.

Der Morgenkaffee

1

Eine Person gab es, die, wenn sie nur willig gewesen wäre, alles wieder hätte in Ordnung bringen können. Aber das wäre vielleicht zuviel begehrt gewesen von jemand, der Jahr um Jahr sein Herz immer nur mit Wünschen gefüllt hatte.

Allerdings ist es schwer, zu beweisen, ob es im großen ganzen einen Einfluß auf den Lauf der Welt haben kann, wenn man sich nur immerfort etwas wünscht, aber daß es einen selbst ganz überwältigen, den Willen schwächen und das Gewissen zum Schweigen bringen kann, daran soll man nun und nimmer zweifeln.

Frau Sundler hatte sich den ganzen Montagnachmittag gegrämt, weil sie über Charlotte jenen Ausspruch getan hatte, der Karl Artur verjagte. Lieber Himmel, er war hier unter ihrem Dach gewesen, hatte höchst vertraulich mit ihr geredet, war liebenswürdiger gewesen, als sie sich jemals hätte träumen lassen, und sie, in ihrem Unverstand, hatte ihn so gekränkt, daß er erklärt hatte, er wolle sie niemals wiedersehen!

Frau Sundler war dann über sich selbst und über die ganze Welt höchst aufgebracht gewesen, und als ihr Mann, Organist Sundler, vorschlug, sie solle mit ihm in die Kirche hinübergehen und eine Weile singen, was sie an den Sommerabenden sehr oft taten, hatte sie ihn sehr barsch abgewiesen. Darauf war er aus dem Hause entflohen und hatte im Wirtshaus Zuflucht gesucht.

Das vermehrte natürlich ihren Ärger noch mehr, denn sie wollte sowohl andern als auch sich selbst gegenüber tadellos sein; auch wußte sie eins recht wohl: Organist Sundler hatte sie nur geheiratet, weil er ihren Gesang so außerordentlich bewunderte, daß er jeden Tag Gelegenheit haben wollte, ihn zu hören.

Sie hatte auch bisher immer redlich abbezahlt, was sie ihm dafür schuldig war, daß sie nun ein hübsches kleines Haus hatte und nicht ihr tägliches Brot als arme Erzieherin verdienen mußte. Aber an diesem Tage war sie nicht dazu imstande. Wenn sie an diesem Abend ihre Stimme in Gottes Haus hätte ertönen lassen, wären nicht wohllautende fromme Worte über ihre Lippen geströmt, sondern Klagerufe und Lästerung.

Aber zu ihrer großen unbeschreiblichen Freude war Karl Artur so gegen halb neun Uhr wieder zu ihr gekommen. Froh und ohne jegliche Verlegenheit war er eingetreten und hatte gefragt, ob sie ihm etwas zu essen geben wolle. Bei diesem Verlangen hatte sie allerdings ein wenig verwundert ausgesehen, und da hatte er erklärt, er habe den ganzen Nachmittag im Walde draußen gelegen und geschlafen. Er sei wohl übermäßig müde gewesen, denn er habe nicht allein das Mittagessen verschlafen, sondern auch noch das Abendbrot versäumt, das in der Propstei immer Punkt acht Uhr auf dem Tische stehe. Ob wohl Frau Sundler etwas Brot und Butter im Hause habe, damit er seinen schrecklichen Hunger stillen könne?

Frau Sundler war nicht umsonst die Tochter einer so ausgezeichneten Haushälterin wie Malwina Spaak. Niemand hätte ihr nachsagen können, ihr Haus sei nicht in Ordnung, und so trug sie eiligst nicht allein Brot und Butter, sondern auch Eier und Schinken und Milch aus ihrer Speisekammer herbei.

Und in ihrer Freude darüber, daß Karl Artur wiedergekommen war und Hilfe von ihr begehrte wie von einer alten, guten Freundin, die von dem mütterlichen Gute stammte, fand sie ihre Sicherheit einigermaßen wieder, so daß sie ihm sagen konnte, wie sehr betrübt sie sei, weil sie am Vormittag etwas Verletzendes über Charlotte gesagt hatte. Er habe doch wohl nicht gedacht, sie wolle zwischen ihm und seiner Braut Unkraut säen? Nein, nein, sie verstehe zwar recht wohl, welch ein schöner Beruf das Unterrichtgeben sei, jawohl, das sei es, aber sie könne darum doch nicht anders, als innigst hoffen, ja, jeden Tag Gott darum bitten, der Herr Pastor Ekenstedt möchte auch künftig hier im Dorfe als Pfarrer bleiben. Man wäre ja sonst ganz verlassen, weil man so selten eine lebendige Verkündigung zu hören Gelegenheit habe.

Und natürlich antwortete Karl Artur, wenn jemand um Entschuldigung zu bitten habe, so sei er der schuldige Teil. Im übrigen solle sie ihre Worte nicht bereuen. Die Vorsehung selbst habe sie ihr in den Mund gelegt, das wisse er jetzt; sie seien ihm eine Hilfe und eine Erweckung gewesen.

Danach hatte das eine Wort das andere gegeben, und schon nach kurzem hatte ihr Karl Artur alles anvertraut, was ihm widerfahren war, seit er sich von ihr getrennt hatte. Er war ganz überströmend glücklich und von Verwunderung über Gottes große Gnade erfüllt, deshalb konnte er jetzt nicht schweigen, sondern mußte einem seiner Nebenmenschen alles miteinander erzählen.

Es war ja ein reines Glück, daß ihm diese Thea Sundler, die durch ihre Mutter schon vorher alle Familienverhältnisse kannte, in den Weg gekommen war.

Aber als Frau Sundler demgemäß Karl Artur von seiner aufgelösten sowie von der neu eingegangenen Verlobung reden hörte, da hätte sie begreifen müssen, was nachfolgen würde. Unglück mußte daraus entstehen, jawohl. Sie hätte wissen müssen, daß Charlotte nur aus Störrigkeit und Ärger auf die Fragen ihres Bräutigams über ihre Vorliebe für das Bischofsamt mit ja geantwortet hatte. Und noch eins hätte sie verstehen müssen: diese Verbindung mit dem Mädchen aus Dalarne war keineswegs schon so fest geknüpft, daß sie nicht möglicherweise noch zu lösen sein würde.

Aber wenn man sich Jahr um Jahr immerfort gewünscht hat, auf irgendeine Weise mit einem entzückenden jungen Mann in Verbindung zu kommen, seine Freundin und Vertraute, aber durchaus nichts anderes zu werden, kann man dann stark genug sein, ihm verständig zuzureden, und zwar gleich beim ersten Male, da er einem seine Seele nackt und bloß offenbart?

Vielleicht war es unmöglich, etwas anderes von Thea Sundler zu verlangen, als in Bewunderung und Teilnahme für den jungen Mann ganz und gar aufzugehen und zu finden, daß diese Wanderung nach dem Kirchdorfe eine richtige Heldentat war.

Oder hätte sie versuchen sollen, Charlotte reinzuwaschen? Hätte man das von Thea Sundler verlangen können? Hätte sie zum Beispiel Karl Artur daran erinnern sollen, daß Charlotte, trotzdem sie ein großes Talent hatte, für andere zu sorgen und alles in Ordnung zu bringen, für sich selbst höchst selten die richtige Klugheit bei der Hand hatte?

Es war ja möglich, daß Karl Artur seiner Sache doch nicht so sicher war, wie er sich den Anschein gab. Ein kleiner Einwurf hätte ihn vielleicht an sich selbst zweifeln lassen. Ein aufrichtiges Entsetzen hätte ihn vielleicht dazu gebracht, von dieser neuen Verlobung abzustehen.

Aber Frau Sundler tat nichts, um ihn aufzuscheuchen und zu warnen. Sie fand alles ganz ausgezeichnet und herrlich. Wie schön, sein Schicksal so in Gottes Hand zu legen! Wie groß, so die Geliebte aus seinem Herzen zu reißen, um in Jesu Fußtapfen zu wandeln! Nein, Karl Artur wurde nicht aufgeschreckt, er wurde im Gegenteil ermuntert, noch weiter zu gehen.

Und wer weiß? Frau Sundler war vielleicht ganz aufrichtig? Sie hatte ihren Almquist und Stangnelius auf dem Tisch in ihrer guten Stube liegen, und sie war überdies romantisch vom Scheitel bis zur Sohle. Und hier hatte sie nun endlich ein Erlebnis! Hier hatte sie etwas, worüber sie entzückt sein konnte.

In Karl Arturs ganzer Darstellung war nur ein einziger Punkt, der Frau Sundler beunruhigte. Wie konnte denn das zusammenhängen, daß Charlotte Schagerström abgewiesen hatte? Wenn sie so eifrig auf irdische Vorteile aus war, wie Karl Artur behauptete, und das wollte auch Frau Sundler gar nicht bestreiten, warum hatte sie dann Schagerströms Werbung abgewiesen? Was konnte Gutes für sie dabei herauskommen, wenn sie Schagerström abwies? Was erwartete sie denn?

Aber während Frau Sundler über dieses nachgrübelte, ging ihr plötzlich ein Licht auf. Nun begriff sie alles miteinander, ja, sie begriff Charlotte. Diese hatte ein hohes Spiel gespielt, aber Thea Sundler begriff es.

Charlotte hatte sofort bereut, Schagerström abgewiesen zu haben, und so hatte sie gewünscht, frei zu werden, um dem reichen Hüttenbesitzer eine andere Antwort geben zu können.

Deshalb, ja deshalb hatte sie einen Auftritt mit Karl Artur herbeigeführt, ihn so gereizt, daß er mit ihr gebrochen hatte. Das war die Erklärung. So verhielt es sich zweifellos.

Diese ihre Entdeckung teilte Frau Sundler nun Karl Artur mit; aber er wollte ihr nicht glauben. Sie erklärte und suchte ihm zu beweisen, aber er wollte ihr durchaus nicht glauben. Doch auch Frau Sundler gab nicht nach, o nein! In dieser Sache wagte sie es sogar, ihm zu widersprechen.

Als die Uhr zehn Schläge hören ließ und er sich auf den Weg zu dem Mädchen aus Dalarne machen mußte, waren sie über diesen Punkt noch immer nicht einig geworden. Frau Sundler hatte nicht mehr erreicht, als daß Karl Artur vielleicht ein wenig zweifelhaft geworden war. Sie aber hielt ihrerseits bestimmt an ihrer Meinung fest. Sie versicherte ihn aufs allergewisseste, er werde sehen, am nächsten Tag oder jedenfalls an einem der allernächsten Tage werde sich Charlotte mit Schagerström verloben.

Ja, so war es zugegangen: Thea Sundler hatte die Sache nicht wieder gutgemacht, sie hatte im Gegenteil einen neuen Zornesbrand in Karl Arturs Seele geworfen. Und etwas anderes hätte man vielleicht auch niemals von ihr erwarten können.

Aber es gab ja auch noch jemand, der gerne helfen und wieder gutmachen wollte, und dieser jemand war Charlotte. Ja, gewiß, gewiß, aber was hätte gerade sie dabei tun können? Karl Artur hatte sie aus seinem Herzen gerissen wie ein Unkraut. Sie stand zwischen ihm und seinem Gott. Sie war nicht mehr für ihn vorhanden.

Und selbst, wenn er auf sie hätte hören wollen ? könnte man sich denken, daß Charlotte die rechten Worte finden würde, könnte man sich denken, daß sie, das junge heftige Wesen, Verstand genug hätte, um den Stolz beiseitezuschieben und die guten, sanften, versöhnenden Worte zu sagen, die den Geliebten retten könnten?

 


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