Aus des Meeres Schaum

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Elftes Kapitel.

Hier wird eine junge Dame sich nicht zurechtfinden.

 

Seit langer Zeit (seit zwei ganzen Tagen) trug ich mein Geheimnis mit mir umher. Es war drückend und lästig, es fesselte mir die Glieder, es schränkte meine für gewöhnlich vielsagenden Gebärden in einen kleinen Rahmen von wenig Centimetern Weite ein, verstümmelte mir die Worte im Munde und gab mir meiner Gattin gegenüber den Anstrich eines Ehemanns, welcher einen dummen Streich begangen hat; dennoch sagte ich nichts, behielt alles für mich.

An jenem Tage nun, als Signor Bini sich eben entfernt hatte und ich mich Angesicht zu Angesicht mit meiner freundlichen Annetta fand, konnte ich nicht länger widerstehen, zog sie in ein Sofaeckchen nieder, und nachdem ich mir alles das hatte versprechen lassen, was ich versprochen hatte, glaubte ich in meinem Recht zu sein, wenn ich das lästige Geheimnis aus unserem Hause jagte. Ich mußte es ohne Vorrede bei den Hörnern ergreifen und begann feierlich also: »Du mußt wissen, Annetta, daß es in Freund Nebulis Hause ein Geheimnis gibt.«

Sie sah mich mit weit geöffneten Augen an.

»Daß deine liebe, deine schöne, deine gute Signora Chiarina, mit einem Wort, deine Geliebte, ein Geheimnis hat ...«

Annetta schüttelte mit solchem Ernst verneinend den Kopf, daß ich darin Signor Binis Schule zu erkennen glaubte. Ich schwieg.

»Sie hat es nicht mehr,« sprach meine Frau, »sie hat mir alles gesagt.«

»Alles?«

»Alles.«

»Und du hast mir nichts davon mitgeteilt?«

Annetta ersparte sich die Antwort durch ein Lächeln. Und ich sehr ernsthaft: »Signora Chiarina hat dir gesagt, was sie weiß, nämlich ... daß Valens ...«

»Nicht ihr Gatte, daß ihr Gatte ein anderer ist, der wohl tot sein muß ... und daß Valens sie liebt, und daß sie mit der Zeit sich wirklich heiraten werden.«

»Mit der Zeit!« seufzte ich, »aber sie konnte dir nicht sagen, was sie selbst nicht weiß und was ich dir mitteilen will.«

Ich erzählte ihr die Geschichte der Signora Valeria, des »Meeres Schaumes«, und welchen Argwohn der geheimnisvolle Signor Bini in uns erweckt hatte.

»Er ist es!« entschied sie, »er gleicht ihr ...«

»Worin?«

»Ihre Nasen sind sich ähnlich.«

Jetzt war es an mir, mit Signor Binis ernster Haltung den Kopf zu schütteln: dann sagte ich: »Und wenn er es auch ist, wie soll man ihn zwingen, sich als Vater zu bekennen? Das Gesetz fordert es nicht, und ich sage, es thut wohl. Für mich ist Signor Bini ? Signor Bini, ich zweifle nicht im geringsten daran; aber selbst wäre er jener Graf, Herzog, Marchese, kurz jener große Herr, von dem in einem leichtsinnigen Augenblick Chiarina das Leben erhielt, so ist klar, daß er sich nicht zu erkennen geben will. Er wird seine Gründe dafür haben; vor zwanzig Jahren sollte er eine Gattin nehmen; gegenwärtig hat er sie wahrscheinlich und besitzt legitime Söhne und Töchter, unter die er nicht eine Schwester einschmuggeln kann ... Ist das nicht ein ziemlich wahrscheinlicher Roman? meinst du nicht? ... ich habe ein Dutzend solcher gedichtet; habe aber, wie gesagt, keinen Zweifel, daß Signor Bini ? Signor Bini ist ...«

»Er könnte vielleicht ...« bemerkte Annetta.

»Gewiß, er könnte, er muß vielmehr ein Vermittler oder ein Abgesandter sein. Aber die Sache scheint mir doch nicht so gar einfach; jedenfalls weiß er entweder nichts, oder wird nichts sagen, und wenn er auch etwas wüßte und reden wollte, so würde das kein Komma an dem Artikel des Gesetzbuches ändern.«

»Dein Gesetz ist unnatürlich.«

»Mein Gesetz beruht auf sehr richtiger Einsicht; meinst du, man dürfe die Gesellschaft der beständigen Bedrohung durch eine Legion von Leutchen aussetzen, die den leichtsinnig befriedigten Neigungen ihrer Väter das Leben verdanken? ... Und übrigens ist »mein« Gesetz nicht von mir gegeben ... Wir kommen also zu dem Schluß, daß wir den Vater der Signora aufgeben müssen, und dann?«

»Und dann ... was?«

»Dann müssen wir den Gatten finden,« sagte ich mit gedämpfter Stimme, »müssen ihn um jeden Preis finden.«

»Und wozu den Gatten?«

»Um ihm seine Frau zurückzugeben ... wenn es noch Zeit ist.«

»Ich glaube nicht,« sagte Annetta naiv, »und der Gatte ist ja auch tot. Chiarina hält es für gewiß.«

»Und Valens?« dachte ich.

Tags darauf kam Valens zu mir; er war bleicher als gewöhnlich; stumm gab er mir zu verstehen, daß er mit mir allein einen Spaziergang auf dem Walle machen müsse, oder wenigstens verstand ich es so; ich zog den Ueberzieher an, stülpte den Cylinder auf und folgte ihm. Ich versuchte nicht einmal ihn unterzufassen, denn ? dachte ich: »Wenn zwei, welche Arm in Arm gehen, sich etwas Bedeutsames zu sagen haben, was thun sie zunächst? Sie lassen sich los; also ...« Valens ging eine Weile neben mir her ohne ein Wort zu sprechen; sein Blick folgte den welken Blättern, welche sich von den Kastanienbäumen lösten und in Spiralen langsam niederfielen; endlich sagte er, was ich vor kurzem ausgesprochen hatte: »Signor Bini muß doch wohl Signor Bini sein, ich zweifle nicht mehr daran.«

»Auch ich nicht; und selbst wenn ein Auftrag ihn in unsere Mitte geführt hat, so ist er doch nur ein Vermittler untergeordneter Art, sehr schlau, sehr rechthaberisch und gar zu sehr der Ordnung zugethan.«

Ich wollte ihm durch diese Erwiderung wenigstens ein Lächeln abgewinnen; es gelang mir nicht.

»Wenn er auch einen Auftrag von einem ?anderen?, von ?ihm? hat,« begann Freund Nebuli aufs neue sehr ernst, »so weiß er augenscheinlich doch so gut wie nichts.«

»So müßte man denn,« bemerkte ich, »nur zu erfahren suchen, wer ihn schickt; und es würde nicht schwer sein, dahinter zu kommen, wenn du ihm das Bild verkaufst ...«

»Nichts werde ich ihm verkaufen,« unterbrach er mich heftig; »begreifst du nicht, daß dies Bild ?mein? ist?«

»Und Chiarina ist noch nicht ?dein?, und wird es vielleicht niemals sein ...« dachte ich, ohne es auszusprechen.

»Den Vater müssen wir aufgeben,« begann er traurig wieder, nachdem er schweigend einige Schritte gethan hatte.

»Und der Gatte ist tot ...«

Was ich erwartete, geschah: er antwortete nicht.

»Sage mir die Wahrheit, ist ihr Mann tot?«

»Wie soll ich es wissen? Chiarina ist überzeugt davon. Mehrere Monate glaubte auch ich es ... seit einiger Zeit zweifle ich daran ...«

»Hast du Nachrichten erhalten? Hat sich etwas ereignet?«

»Nein, keine Nachricht; ereignet aber hat sich, daß ich sie liebe und daß sie mich liebt.«

Ich bin zuweilen ganz schlau; ich verstand.

»Und seit wie lange zweifelst du daran?« fragte ich scheinbar leichthin.

»Seit einem Monat.«

Nun faßte ich ihn unter und begann ebenfalls den dürren Blättern nachzublicken, welche in Spiralwindungen herabsanken.

»Höre,« sagte er plötzlich und machte sich von meinem Arme frei, »ich bedarf eines Rates; was würdest du an meiner Stelle thun?«

»Ich würde Salvioni aufsuchen.«

»Ich habe nach ihm gesucht; er ist nicht zu finden.«

»Man muß sich die Gewißheit verschaffen, daß er nicht aufzufinden ist; stelle nochmals Nachforschungen nach ihm an; vielleicht hast du nicht alle Mittel angewendet, durch welche man einen Ehrenmann aufspürt, der verloren gegangen ist und nicht gefunden sein will. Was hast du gethan? Du hast das Auskunftsbureau, die Konsulate in Bewegung gesetzt; ein dem Ehekerker entflohener armer Teufel hat allen Grund zu glauben, daß die Konsuln und die Polizei ihn wieder hineinstecken wollen; wir müssen ihm zu wissen thun, daß Giorgione tot ist, daß man ihn auch nicht zwingen will, die ehelichen Fesseln wieder anzulegen, daß uns nur daran liegt zu wissen, ob er lebt und wie er gesonnen ist ? und das können wir ihm nur durch die Zeitungen mitteilen.

»Und wenn er tot ist?«

»Wir fügen das Versprechen einer Belohnung für jeden hinzu, der uns sichere Kunde darüber geben kann.«

»Und wenn er lebt?«

»Wenn er lebt, so antwortet er oder antwortet nicht, und wir richten uns nach den Umständen.«

»Und wenn er kommt?«

»Er wird nicht kommen, aber wenn er kommt ...«

»Wenn er kommt,« fuhr ich bei mir selbst fort, »und seine Frau fordert, so muß man sie ihm zurückgeben ... wie sie da ist.« »Wenn er kommt, so werden wir weiter sehen,« sagte ich leichthin.

Abermals schwieg er eine Weile; am Ende der Allee angelangt, hielt ich ihn an: »Was denkst du?«

»Ich denke ... ich weiß es selbst nicht ... ich denke, daß du recht hast und daß kein anderer redlicher Ausweg bleibt ...«

»So wollen wir also nach dem Zeitungsbureau gehen? ...«

Er antwortete nicht.

»Gehen wir? ...« drang ich in ihn.

»Heute nicht, heute nicht ... morgen.

»Da haben wir wieder den Mann des ?Morgen?!« ?

Er war zu ernst, all seine Züge waren schmerzvoll gespannt ? ich schwieg.

Daheim fand ich Annetta verstimmt.

»Was hast du?«

Um der Antwort zu entgehen, überreichte sie mir einen versiegelten Brief.

»Was hast du denn?«

»Was hat dir Signor Nebuli gesagt?«

»Was hat dir Signora Chiarina gesagt?«

Sie sah mich an, ich sie ? ein Argwohn stieg in mir auf, welcher sogleich zur Gewißheit wurde.

»Ach die Aermsten!« sagte ich.

»Ach die Aermsten!« sagte sie.

Inzwischen öffnete ich gedankenlos den Brief; er war von jemand, welcher meine beiden letzten Bilder von der Ausstellung kaufen wollte, etwas weniger als den im Katalog verzeichnten Preis und weit mehr bot, als ich erwarten durfte. Und ich sagte kalt ? »lies« ? zu Annetta ? die ebenso kalt blieb.

Ich hätte es nie geglaubt, mußte es aber glauben und bin jetzt überzeugt davon: nicht jeder Augenblick ist der rechte, um Geld zu empfangen! Dieser Glücksfall in diesem Moment ? wer mir das je gesagt hätte! ... war uns kaum eine Freude!

»Du wirst wohl morgen antworten ...«

Und ich, der nie etwas aufzuschieben pflegt, war froh, aus Annettas Munde einen fix und fertigen Entschluß zu erhalten.

»Ich werde morgen antworten.«

Und am anderen Tage hatte ich eben die Antwort ? »ich nehme an« ? geschrieben, als Valens mit demselben Gesicht vom Tag vorher, mit demselben Begehren, auf dem Wall spazieren zu gehen, zu mir kam.

Diesmal wußte ich nicht, was ich ihm sagen sollte; hätte er einen Rat von mir gefordert, wahrhaftig, nicht den vom vorigen Abend hätte ich ihm gegeben, sondern diesen anderen: »Nimm deine Chiarina, die ?dein? ist, die inniger als so dir nicht angehören kann, nimm sie und fliehe, verbirg dich in einem tiefen Thal, steig auf einen Berggipfel, geh auf eine wüste Insel, in einen Urwald ... geh, wohin du willst, aber fliehe.« Er fragte mich jedoch nichts; nur als wir an seiner Wohnungsthür waren, drückte er mir die Hand, und als beantworte er eine stumme Aufforderung, die mir jetzt fern lag, sagte er: »Heut nicht ... morgen vielleicht.«

Er zog die Klingel; anstatt die Treppe hinaufzusteigen, blieb ich, um Signora Chiarina zu begrüßen, die Valens an seiner Art zu klingeln erkannt hatte und aus einer Zimmerthür in den Vorsaal trat. Sie lächelte wie ein Sonnenstrahl.

»Wie geht es dir?« fragte, auf sie zueilend, der Freund; mir schien, als ob sie ihm ein Wort ins Ohr sagte, aber ich bin dessen nicht gewiß; sicher ist, daß sie sich in meiner Gegenwart umarmten und daß Valens aus dieser Umarmung wie umgewandelt, strahlend hervorging.

»War Signora Chiarina leidend?« fragte ich mit erheuchelter Unbefangenheit.

»Sie fühlte sich nicht wohl,« antwortete Freund Nebuli und seine Stimme zitterte.

Die Signora war errötet; ich ließ die beiden allein.

Eine halbe Stunde später kam Valens, ernsten Angesichts, aber jetzt ohne angstvolle Spannung und nervöse Erregung, nahm mich beiseite und sagte: »Ist dirs recht, wenn wir jetzt nach dem Zeitungsbureau gehen?«

»Ganz recht.«

»Willst du die Anzeige aufsetzen?«

»Ich will sie sogleich schreiben.«

Während ich die Feder suchte, dachte ich bei mir: »Dem Himmel sei Dank; diesmal ist die Gefahr vorübergegangen!«

»Welche Gefahr?« wird eine junge Dame von sechzehn Jahren fragen, die nichts begriffen hat. Antwortet ihr: »Es wäre beinahe ein Balken niedergestürzt,« und ihr werdet eigentlich keine Unwahrheit sagen.

Zwölftes Kapitel.

Signor Bini ist nicht Signor Bini.

 

Zwei Tage darauf kam Valens wieder zu mir; beim ersten Blick sah ich, daß er mir auch diesmal etwas Wichtiges mitzuteilen hatte, aber die Gegenwart meiner Frau, welche er von nichts unterrichtet glaubte, hielt ihn davon zurück. Wie müht man sich ab, um Sätze aneinanderzureihen, während die Gedanken abschweifen! Mein Freund quälte sich eine Viertelstunde mit dieser Mosaikarbeit, bis meine Annetta, die eine feine Witterung hat, um Entschuldigung bat, daß sie uns einen Augenblick verlasse.

»Bitte, genieren Sie sich nicht,« erwiderte Freund Nebuli, und man sah noch einen Zipfel ihres Kleides in der Thür, als er mir geheimnisvoll sagte: »Signor Bini ist nicht Signor Bini!«

Diese Nachricht war so unerwartet, daß ich sie zuerst nicht verstand; aber Valens wiederholte: »Signor Bini ist nicht Signor Bini!«

Nun erst fragte ich: »Woher weißt du das?«

»Soeben,« begann der Freund, »war ich auf der Post; ich nähere mich dem Schalter und stelle mich wartend hinter fünf oder sechs Personen auf, als ... rate, wer sich umwendet? ...«

»Ich errate es, aber verstehe deshalb doch noch nichts. Signor Bini wendet sich um.«

»Er selbst! er sieht mich, grüßt mich unbefangen und steckt ein Päckchen Briefe ein, er erkundigt sich nach dir, nach Chiarina, nach deiner Annetta, dann läßt er mich stehen und entfernt sich.«

»Und dann?«

»Begreifst du nicht? ... Ueber dem Schalter, an welchen ich getreten, stand in mächtigen Buchstaben ?Von M bis Z?; es war mein Schalter, nicht aber seiner ... Folglich heißt er nicht Bini.«

Die Folgerung schien mir schlagend; dennoch versuchte ich die Bemerkung: »Vielleicht hat er nach Briefen für andere gefragt.«

»Das war auch mein erster Gedanke, und weißt du, was ich gethan habe?«

»Ich weiß nicht. Sag es mir.«

»Ich bin dem Alten bis zum Straßenausgang gefolgt, und über seine Schulter blickend ? er ging ganz langsam ? habe ich ihn seine Briefe lesen sehen; also ...«

Das übrige war klar, und dieser Beweis so entscheidend wie der erste. Aber ich hatte noch eines zu entgegnen; »In den königlichen Bureaus werden zuweilen die Schalter und dergleichen geändert, aber nicht sogleich die für das Publikum bestimmten Bezeichnungen; das bringt ein bißchen Verwirrung und Unordnung hervor, gibt aber den Zeitungen was zu schelten, die ja sonst nichts zu sagen hätten.«

So sprach ich scherzend, Valens aber unterbrach mit spöttisch ernsthafter Miene: »Ich ging an den Schalter A bis L, und forderte ?Nebuli?.«

»Bravo!«

»Der Ausgeber ließ es mich noch einmal sagen: ?Nebuli?, und wies mich, wie ich erwartete, an den nächsten Schalter.«

»Und dann? ...« fragte ich obenhin.

»Und dann ... weiter nichts. Für mich waren keine Briefe da ... Aber wie konnten welche für Signor Bini dagewesen sein?«

»Mein Valens, du hast recht: Signor Bini ist nicht Signor Bini.«

Dreizehntes Kapitel.

Meine Frau begeht einen argen Streich.

 

Am folgenden Abend saßen wir um das Kaminfeuer her, Valens, unsere Frauen und ich; aber seit einer Viertelstunde schienen wir durch eine granitene Mauer voneinander getrennt zu sein. Ab und zu feuerte ich einen Kanonenschuß ab, um sie zu zertrümmern, ohne mehr als ein paar Splitter davon abzulösen: ein paar einsilbige Worte; entmutigt gab ich endlich den Versuch auf und überließ mich ebenfalls dem eigenen Gedankengange, der sich ganz auf Signora Chiarina und Valens richtete.

Plötzlich trat der imponierende Diener ein, brachte die Abendzeitungen und einen Brief für mich.

»Der Portier,« sagte dieser feierliche Mensch zu mir, »wollte denselben zu Ihnen hinauftragen; da ich wußte, daß Sie hier sind, gab er ihn mir.«

Wenn dieser großmächtige Bediente zu mir sprach, während ich saß, so mußte ich mir Gewalt anthun, um nicht »bitte, nehmen Sie Platz« zu sagen, und ich bewunderte Annetta, die vom ersten Tage an imstande gewesen war, ihn mit seinem Taufnamen Marco anzureden. Der Leser glaube nicht, daß ich ihn » Herr Marco« genannt habe, ich nannte ihn auch Marco, nur that ichs eben niemals.

»Danke,« sagte ich und nahm den Brief.

Meine Annetta und ihre Chiarina teilten sich in die Zeitungen; Valens sah nicht vom Kaminfeuer auf, während ich neugierig den Brief überflog, der »dringlich« überschrieben war, und von meinem Gesichtspunkt aus nichts Dringliches enthielt.

Ich war bis zur Unterschrift des Schwindelkopfs Celestino gekommen (wer ihn nicht kennt, verliert nichts daran), der mich um ein Darlehen von hundert Lire auf neun Tage, keinen mehr und keinen weniger, bat ? als ich etwas wie ein unterdrücktes Aechzen hörte und aufblickend die Signora Chiarina, noch weißer als gewöhnlich, gegen die Lehne des Sessels zurücksinken sah, während meine Frau, der die Zeitung entfiel, zu ihr eilte und Valens erschreckt das von der Wärme gerötete Gesicht erhob. Auch ich sprang auf und ahnte sogleich die Wahrheit.

»Was ist dir, Chiarina?« fragte Freund Nebuli mit vor Angst heiserer Stimme.

»Nichts ... nichts,« antwortete sie, »ein leichter Schwindel, mir war, als sähe ich ... da ... in der Zeitung ... ich habe gewiß falsch gelesen ...«

Valens nahm mit zitternder Hand den »Pungolo«, suchte mit den Augen und fand, was ich im »Secolo« suchte und fand.

»Der Maler Giuseppe Salvioni, wo immer er sich aufhalten mag, wird hiermit benachrichtigt, daß Giorgione tot ist und daß Chiar... Nachrichten von ihm erwartet, ohne irgend welche Ansprüche an ihn zu machen. Wer imstande sein sollte, genaue Auskunft über den genannten Giuseppe Salvioni (Maler, zweiunddreißig Jahre alt, blond, mit einer Narbe auf der Stirn) zu geben, und dieselben postlagernd an Signor B. Nebuli in Mailand richtet, erhält eine der Wichtigkeit der Nachricht entsprechende Belohnung.«

Es war meine Komposition vom Abend zuvor, wie sie aus hundertfachem Verbessern hervorgegangen, die zum erstenmal in den Abendblättern erschien.

Valens strich mit liebkosender Hand durch das Haar Chiarinas, die an Annettes Brust gesunken war; und ich, der ich nicht wußte, was thun oder sagen, las wieder von vorn: »Der Maler Giuseppe Salvioni ...« als der feierliche Diener erschien, Signor Bini meldete, und Chiarina sich schnell mit Annetta entfernte; Valens ging ihnen nach, ich blieb allein zurück.

Es wurde mir schwer, einen Schein von Unbefangenheit anzunehmen; der alte Schlaukopf fühlte, daß etwas in der Luft sei; er blickte umher und bemerkte wohl die Unordnung der Stühle.

»Bitte, setzen Sie sich,« sprach ich zu ihm, »Valens wird gleich kommen, ich warte auch auf ihn.«

»Mit Ihrer Erlaubnis ... ah, der Sessel ist noch warm, wer hat darauf gesessen?«

Und, da ich nicht antwortete, nahm er den anderen und machte auf eigene Hand die Bemerkung, daß er ebenfalls noch warm sei.

»Laß es doch einmal gut sein, Quälgeist,« schalt ich innerlich, und endlich that er mir den Gefallen, ließ sich ohne weitere Bemerkung nieder, nahm den »Pungolo« auf und begann zu lesen als wäre er zu Hause. Plötzlich sagte er: »Sieh da! es gibt noch einen Nebuli in Mailand ... und er hat auch den Anfangsbuchstaben unseres Valens ... haben Sie gesehen, Signor Ferdinands? ... Der Maler Giuseppe Salvioni ...«

Da ich that, als sei ich ins Lesen vertieft, murmelte er das übrige vor sich hin und sagte nichts weiter, bis Valens zurückkehrte.

Wie ich es über mich gewann, zu sprechen, um dem Freund zu Hilfe zu kommen, weiß ich nicht; genug, daß ichs that und die erste beste Phrase sagte, welche mir einfiel.

»Wie ist das Wetter, Signor Bini?«

»Ich habe gar nicht darauf geachtet.«

»Es sah heut nach Regen aus ... jedenfalls möchte ich wetten, daß es morgen regnet.«

»Meinen Sie? Es wird nicht regnen, es ist gar keine Aussicht dazu.«

Mir wollte scheinen, daß es schon geregnet habe, wenigstens auf meine und seine Worte, weil es nicht möglich war, auch nur die gewöhnlichen Funken von Rede und Gegenrede daran zu entzünden. Endlich trat Annetta ein.

»Sie hier?« sagte Signor Bini und erhob sich, um sie zu begrüßen. »Und Signora Chiarina?«

»Sie ist auf ihrem Zimmer, ein wenig unwohl ... es hat nichts zu bedeuten ... was für Wetter bringen Sie uns?«

»Herrliches.« Als der alte Herr eine Viertelstunde später aufbrach, hätte ich ihn küssen können.

»Morgen komme ich zu Ihnen,« sagte er mir.

»Den ganzen Tag zu Ihrem Befehl,« antwortete ich. Und kaum war ich aus der Thür, so fragte ich Valens besorgt: »Wie geht es ihr?«

»Wieder ganz gut: es hatte sie eine Furcht überfallen, die ärger als die Wirklichkeit war; jetzt weiß sie alles und ist ruhig, wie ich.«

»Du bist nicht ruhig,« dachte ich.

Annetta war indessen ins Nebenzimmer geeilt und kam, die Freundin führend, zurück, die mit den bleichen Lippen traurig lächelte, als wollte sie für ihre vorige Schwäche um Vergebung bitten, und mir die Hand reichte.

»Also Sie wissen alles?« sagte sie zu mir; »Valens hat es mit Ihnen gemacht, wie ich mit Annetta; nun, desto besser, wir werden so stärker sein, nicht wahr?«

»Ganz gewiß,« erwiderte ich mit dem mißlungenen Versuch eines Lächelns; »gewiß, und Sie werden sehen, daß der Himmel alles gut machen wird.«

Mir schien, daß ich den richtigen Weg eingeschlagen hatte, um ein paar kühne Worte anzubringen ... aber Signora Chiarina ließ mich nicht vollenden.

»Und wenn es nicht wäre? ...« Sie schwieg einen Augenblick, wie vor ihrem Gedanken erschreckend, dann setzte sie kopfschüttelnd hinzu: »Wir sind hier unserer vier, welche eines unglücklichen Menschen Tod wünschen, das ist grausam. Annetta und Sie tragen die Schuld nicht mit, Sie thun es aus Liebe zu uns, aber ich bin schlecht, ich habe ein hartes Herz ... bin selbstsüchtig ...«

Sie versuchte zu lächeln, aber ich sah, daß ihr das Weinen nahe war, und sagte zu ihr: »Weinen Sie, weinen Sie nur; freilich, wenn man so hartherzig ist wie Sie, müßte man eigentlich keine Thränendrüsen haben ... aber wenn sie nun einmal da sind, so bedienen Sie sich ihrer; weine du auch, Valens, auch Annetta wird weinen, auch ich ... es sieht uns ja niemand ...«

Das liebe Frauchen weinte und lachte zugleich.

Als ich tags darauf ausgehen wollte, sagte Annetta: »Wenn nun Signor Bini kommt?«

»Wenn er kommt, so findet er mich nicht; du wirst ihn empfangen. Der Alte wird mir nachgerade unbequem mit seinem Geheimnis; wenn man den Leuten unter einem angenommenen Namen ins Haus kommt, so hat man keine ehrenhaften Absichten ... Ich weiß selbst nicht welche, aber ich mag nicht offen vor jemand dastehen, der sich versteckt ... wenn ich bliebe und er jetzt käme, so wäre ich versucht, ihn zu fragen, was er in meinem Hause will, welche Absichten er hat und wie er heißt.«

»Da ist er!« sagte Annetta. In der That war es seine Art zu klingeln; ich legte den Finger auf den Mund und ging in das Eßzimmer während ihm geöffnet wurde; aus dem Eßzimmer ins Atelier, während Signor Bini ins Entree trat; aus dem Atelier ins Entree während er ins Eßzimmer ging; und aus dem Entree ganz leise die Treppe hinab, wohl genau in dem Augenblick, wo der alte Herr seine gerade und feine Nase ins Atelier steckte, um nach seiner Gewohnheit zu sehen, ob ich dort wäre.

Ich kehrte erst nach zwei Stunden zurück, als ich den apokryphen Signor Bini sicher in seinem Café, an seinem Tische wußte, um sein tägliches Beefsteak, sein Brötchen und sein Glas Chianti zu genießen.

Annetta kam mir bis auf den Flur entgegen; ihre Augen glänzten, ihre Wangen glühten; eilig erwiderte sie meinen Kuß und sagte: »Weißt du? Ich habe einen Streich verübt!«

»Nur einen! Nach deiner Miene zu urteilen, möchte ich wenigstens ein paar vermuten. Jedenfalls war es ein toller Streich?«

Ich sagte das scherzend, in der Meinung, sie habe einen überaus vorteilhaften Kauf für einige Groschen gemacht, oder ein Almosen gegeben, um mich dem Paradiese näher zu rücken, ohne meine Erlaubnis, wie denn dergleichen glänzende Geschäfte häufig vorkommen.

»Ja, es ist ein toller Streich!« antwortete sie, »aber ich freue mich, daß ich ihn ausgeführt habe, du mußt wissen, daß Signor Bini, sobald er eingetreten war und sah, daß du nicht zu Haus warst, ?desto besser? sagte.«

»Der alte Bösewicht!«

»Und er hat mich ohne Umschweif gefragt, ob ich wisse, wer der Signor Salvioni ist? Rate, was ich geantwortet habe? ...«

»Daß er so gut sein möge, es dir zu sagen, wenn er es wisse ...«

»Nicht so, sondern ich habe ihm alles gesagt; ich habe ihn eine halbe Stunde mit großen Augen und offenem Munde da vor mir sitzen lassen, während ich ein Füllhorn von Artigkeiten (wie du dir wohl denken kannst) über den gewissenlosen Vater ausschüttete, der zwei so gute Menschen leiden läßt ... ?Denn schließlich,? habe ich gesagt, ?wenn Signor Salvioni sich findet, und ein Schurke ist, und ihm die Laune kommt, seine Frau zu fordern, so gibt das Gesetz sie ihm, das eigens für Schurken gemacht scheint; während ein Vater ... sollte ich meinen ... könnte ... ? So hab ich zu ihm gesprochen ... Habe ich unrecht daran gethan? ... Sage nicht, daß ich etwas Dummes gemacht habe, ich weiß, daß es gut war ... Sagtest du mir nicht, dein Gesetzbuch nötige die Väter, welche unbekannt bleiben wollen, nicht, sich zu erkennen zu geben? Ich wollte versuchen, ob ich es besser als das Gesetz machen könne.«

»Und er?«

»Er blieb unbewegt ... ach! o! weiter nichts. Dann habe ich zu ihm gesagt, jener Herzog oder Marquis müsse wohl an der Stelle des Herzens eines seiner adeligen Wappen haben ... und daß ich ihn wohl kennen möchte, und dabei sah ich ihm ... so ... ins Gesicht.«

»Und er?«

»O! Ach! ... nichts weiter; aber plötzlich schlug er sich vor die Stirn (der Schauspieler! wie gut er seine Rolle durchführt!) und sagte: ?Man muß den Vater auffinden ... das ist das erste, man muß ihn durchaus zu finden suchen.?«

»?Geben Sie das auch zu? Und raten Sie einmal, was wir geargwohnt haben, als wir Sie sahen?? (Wahrhaftig, so habe ich gesagt) »Daß ich der Vater sei?« fragte er lachend.

»?Freilich, daß Sie es seien!? Und er: ?Eine gute Idee, liebe Signora, eine gute Idee, ich bin es!? Er ließ mich die ganze Erzählung wiederholen, merkte einiges in seinem Notizbuch an und ging, ohne auf dich zu warten ...«

Ich stand einen Augenblick in Gedanken.

»Habe ich recht oder unrecht gethan?« fragte Annetta, ungeduldig über mein Schweigen.

»Ich weiß nicht ... das heißt ja, du hast gut gethan; aber was schließest du aus dem allen? Wer scheint dir Signor Bini zu sein?«

»Vor allem ist er nicht Signor Bini, und Chiarinas Vater scheint er mir auch nicht zu sein.«

»Das wollte ich meinen!«

»Ach!« seufzte ich kopfschüttelnd nach einigem Nachdenken.

»Wäre er nur wenigstens tot,« antwortete mir Annetta, welche in meinen Gedanken las.

»Jawohl, wäre er nur wenigstens tot! Und glaube nicht, daß wir damit unserem Nächsten etwas Böses wünschen, denn sieh, man muß die Zahl der Toten für jeden Augenblick als eine unerbittlich feststehende betrachten, die zwar nicht mir, aber der Statistik sehr wohl bekannt ist. Befindet sich nun unter diesen Toten nicht einer, der Salvioni heißt, so ist ein anderer darunter, der uns nichts gethan hat und vielleicht sehr gut daran thäte, zu leben ... Folglich ...«

Meine Frau sah mich betroffen an; diese Wirkung hatte ich erwartet, denn jener Gedanke, welchen mein Gewissen, ich weiß nicht wo, aufgefischt hatte, war mir selbst noch nicht recht eingänglich.

»Folglich ...« fuhr ich fort, »wünschen wir niemand den Tod, wir bereichern die Statistik der Leichname nicht ... Wir wünschen nur ... kurz, du hast mich verstanden. Bist du überzeugt?«

»Ob ich überzeugt bin! Für mich ist Signor Salvioni ein Schuft, der tot sein sollte; ist er es noch nicht, so thäte er gut, wenn er bald stürbe, denn wir haben keine Zeit zu verlieren; und ich wünsche es ihm von ganzem Herzen.«

Vierzehntes Kapitel.

Signor Salvioni schreibt.

 

Wer hat doch gesagt, daß es unmöglich sei, unsere Nebenmenschen in großen Freuden oder in großen Schmerzen richtig kennen zu lernen? Irgend jemand hat es gesagt, und ihm entgegne ich, daß es gerade in der Erregung der Leidenschaft, und nur in ihr möglich ist, den Nächsten kennen zu lernen und zu beurteilen. Sieh den Alltagsmenschen an: eine von der Schicklichkeit, der Zurückhaltung, der Gewohnheit geglättete Oberfläche: betrachte ihn durch das Vergrößerungsglas eines Schmerzes, einer Freude, einer Furcht, eines Verdrusses, und sogleich wird, was glatt erschien, uneben. Wohlverstanden, man muß zu sehen wissen, weil ein Brot, durch das Mikroskop gesehen, zum Berge wird, darf ich deshalb nicht urteilen, daß es aufgehört habe, ein Brot zu sein.

Als ich Valens große Sorge vor Augen hatte, da erkannte ich zum erstenmal, wie durch eine Vergrößerungslinse, das Geheimnis seiner unentschlossenen, nachlässigen und träumerischen Art. Sein Wesen zeigte sich in solcher Uebertreibung, als sei er ganz verwandelt; seine Indolenz, aus der er mit nervöser Plötzlichkeit heraustrat, wurde mir zur Apathie, der ihn zornige Aufwallungen, Anfälle von Zärtlichkeit, von Streitsucht und Halsstarrigkeit entrissen; früher war er zu Neckereien aufgelegt, jetzt oft beißend; nicht mehr bloß eigentümlich, sondern wunderlich; kurz zackig, rauh wie eine Alpe auf der Oberfläche, und doch der Substanz nach dasselbe gute Brot, derselbe treffliche Mensch.

Sein schwerer Kummer war es, welcher ihn mir so verwandelte; und wenn ich mich jemals freute, ein wenig Philosoph zu sein, so war es in jenen Tagen stummer und grausamer Angst. Jeden Morgen kam er, um mich abzuholen, wollte es aber nicht sagen; und ich that, als sei ich eben im Begriff auszugehen, oder erinnere mich plötzlich eines wichtigen Geschäftes, das mich dazu bestimmte ? so konnte ich ihn wenigstens begleiten.

Ohne es mit einem Wort zu erwähnen, verstand sich von selbst: wir gingen nach der Post. Er war es, der an den Schalter trat, um »Nebuli« zu fragen, ich war es, welcher die Briefe in Empfang nahm und durchsah. »Dieser ist aus Rom, dieser aus Neapel, der aus Turin ...« Er machte mir ein Zeichen, daß ich sie öffnen solle; ich that es; »dieser fängt an: Lieber Valens! und ist Serpoli unterzeichnet ? dieser hier sagt: Hochgeehrter Herr, und ist unterschrieben u. s. w.« Dann nahm er seine Briefe, sah sie mit einem Rest von Furcht aus einiger Entfernung an und steckte sie gleichgültig ein ... Ein wenig, aber sehr wenig gesprächiger als vorher gingen wir nach Hause »auf morgen! auf morgen!«

Wenn ich ihn fragte: »Was hast du heut den Tag über gethan?« so antwortete er mir: »Was soll ich thun? ... Nichts.«

»Ich will dir sagen, was du gethan hast; ? du hast dich gemartert, hast gelitten, sprich die Wahrheit.«

»Nun ja, ich habe mich gemartert; es ist doch etwas, und ich weiß nichts anderes zu thun; ehe dieser unselige Brief nicht ankommt, der doch kommen muß ...«

»Und als du den Brief nicht erwartetest, war der Prozeß ...«

»Er ist noch da.«

»Und als der Prozeß nicht war, erwartetest du die Erbschaft ...«

»Damals hatte ich meine fünfundzwanzig Jahre, die ich nicht mehr habe, ich erwartete die Dreißig und jetzt habe ich die nicht einmal mehr ? ich erwartete die Zukunft.«

Indem ich mich zwang, nicht in einen feierlichen Ton zu verfallen, erwiderte ich: »Die Zukunft, mein Valens, ist der größte Feind der Gegenwart, und ist ein gefährlicher Feind, weil er uns schmeichelt, weil er sich versteckt ? man muß sich mit der Zukunft auf freundlichen Fuß setzen oder sie in seine Gewalt bringen.«

»Und wie erreicht man das?«

»Indem man arbeitet.«

»Bist du dessen gewiß?«

In Wirklichkeit war ich dessen nicht gewiß, denn nicht immer versöhnt oder bewältigt man die Zukunft, auch wenn man arbeitet; aber gelingt es auch nicht, so bleibt doch der Trost ... der Leser weiß, welcher ? aber ich langweile ihn und breche ab.

Ich sagte mir: »Wenn Valens den Prozeß gewonnen oder verloren hat, wenn die Erbschaft ihm gesichert und Chiarina zurückgegeben ist ? oder umgekehrt, dann wird er vielleicht etwas mehr Ordnung in seine Gedanken bringen und sich nicht mehr von der Zukunft foppen lassen.« So sagte ich mir, aber ohne zu großes Vertrauen darauf zu haben.

Eines Morgens erhielten wir am Postschalter eine größere Anzahl Briefe; aus Gewohnheit, aus keinem anderen Grunde hatte ich sie in Empfang genommen, denn nach so viel unnützer Furcht fing Freund Nebuli an Mut zu fassen und hätte ganz gut meines Beistandes entraten können.

Ich hatte einen burlesken Ton angenommen und mit einer näselnden Feierlichkeit, durch die ich Valens vielleicht noch ein Lächeln abzugewinnen hoffte, las ich: »An den gefeierten Maler Valens Nebuli ... Sampierdarena, 20. November ... von einem, der dich verführen will, ihm den ?Schaum des Meeres? zu verkaufen. Wenn du dich diesmal nicht verleiten läßt, so werden wir dich als Merkwürdigkeit unter eine Glasglocke stellen ... rate, was er dir bietet ... tausend Lire ... und wenn es nötig ist, mehr ? aber natürlich hofft er, daß es nicht nötig sein wird ... Was sollen wir dem Signor Campori antworten? ... Wir wollen ihm schreiben, daß er in Sampierdarena ein weit gelungeneres Meer als deines vor Augen hat ... das solle er sich einrahmen lassen: es wird ihn weniger kosten ...«

Valens lachte.

»Dieser ist von jemand, der einen gewissen Salvioni gekannt hat ... einem Brescianer Studenten der Medizin in Pavia ... ?er hatte damals noch keine Narben,? sagt er ... ?mag sie sich aber später geholt haben ... ? er stellt die ?Belohnung? deiner Großmut anheim ... dieser andere ...«

Aber hier stieß ich auf ein Hindernis im Weiterlesen, auf ein gewaltiges. Ich traute meinen Augen nicht, und las von neuem ... ich lachte nicht mehr.

Dieser Brief lautete: »An Signor V. Nebuli ? postlagernd ? Mailand.«

»Sehr geehrter Herr! Wenn Giorgione tot ist, so thut mir das sehr leid, denn er war gewiß besser als viele, die noch leben: man wolle mir sagen, wann und wo ich die Person treffen kann, welche Nachricht über Giuseppe Salvioni wünscht: ich kann derselben authentische geben, da ich Giuseppe Salvioni selbst bin. Bitte, postlagernd zu schreiben ? Mailand.«

Sicherlich las Valens die schlimme Kunde auf meinem Gesicht, denn ohne ein Wort zu sagen, nahm er mir den Brief aus der Hand und sah mich mit einem bitteren Lachen an.

»Da haben wirs endlich,« stammelte er, »nun, desto besser, die Posse hat schon zu lange gewährt.« Er faltete den Brief, ohne ihn zu lesen, steckte ihn ein und machte sich, nachdem er den Ueberzieher zugeknöpft hatte, mit großen Schritten auf den Weg.

Da ich nicht wußte, was ich ihm sagen sollte, ging ich schweigend neben ihm her. In Valens Schritt, in der Art, wie er sich aufgerichtet hielt und vor sich hin sah, lag eine eigentümliche Energie ? es war die der Verzweiflung.

Plötzlich blieb er stehen, zog den Brief hervor, las und wurde bleich.

»Er ist hier, in Mailand! Ach, arme Chiarina!«

Und seine falsche Energie löste sich.

»Höre mich an,« sagte ich bewegt, »es ist noch nicht alles aus, vielleicht gibt es ein Mittel ...«

»Ein einziges ... fliehen ... die Rollen tauschen: so daß ich der Schuldige bin, er der Reine ist ... nein, nein, komm ich erwarte ihn!«

Aber seine Stimme bebte bei diesen letzten Worten.

»Du wirst ihm schreiben?«

»Ja.«

»Wirst ihm alles gestehen?«

»Ja.«

Es war nicht der Augenblick, um ihm zu sagen, was ich dachte, aber mich dünkte, er sei damit auf dem Wege, den schlimmsten aller dummen Streiche zu begehen, und ich nahm mir vor, es ihn später mit Händen greifen zu lassen.

Signora Chiarina kam uns entgegen und blickte uns fragend an. ? Valens besaß die Kraft, zu lächeln, um sie zu täuschen, aber das herzige Frauchen las mit den Augen der Liebe, und forschte weiter in unseren Blicken.

Endlich sprach sie: »Er lebt, nicht wahr?«

Und da keiner antwortete, sagte sie vor sich hin: »Ach, Valens?« und blieb unbeweglich mitten im Zimmer stehen, die Augen weit offen, starr und thränenvoll.

Plötzlich drückte Valens seinen Kopf in die Hände und eilte hinaus, um mir seine Thränen zu verbergen. Ich sah die Thür an, hinter welcher er verschwunden war, die von einem Sonnenstrahl heiter erleuchteten Fenster, dann Signora Chiarinas bleiches Gesichtchen, ihre weitgeöffneten, starren, von Thränen erfüllten Augen. Ich fühlte, daß ich mich ihr nähern müsse, und that es, aber kein Wort des Trostes ward mir eingegeben. Endlich nahm ich eine ihrer Hände, welche sie mir ohne Widerstand ließ.

»Wenn Ihr wüßtet, wie wir uns ?geliebt haben? ...«

Nichts weiter sagte sie; dann trocknete sie die Augen, zog sanft ihre Hand aus der meinigen, und mit einem Blick sich entschuldigend, ging sie meinem armen Freunde nach, um ihm den Trost ihrer Liebkosung zu bringen.

Und ich folgte ihr wie betäubt.

Fünfzehntes Kapitel.

Signor Bini kommt.

 

Unter uns allen die einzige, deren Thatkraft wuchs anstatt zu versagen, war Annetta. Zunächst ging sie zu Nebulis hinunter, um ihrer Chiarina ein paar jener Worte ohne rechten Sinn zu sagen, mit denen man zum Herzen spricht, dann kam sie wieder herauf, stellte sich vor mich hin und kündigte mir an, daß etwas geschehen müsse ...

»Gut, wir wollen etwas thun,« antwortete ich, »und was

»Laß es uns besprechen; dieser unselige Salvioni kommt also, sieht seine Frau wieder, ist so gnädig, sie recht hübsch zu finden; es ist ihm, als ob er hier oder da (ihre Brust berührend) er weiß selbst nicht wo, denn ein Herz hat er nie gehabt, von neuem für sie entbrenne; er wundert sich, daß er so lange ohne sie hat leben können, er führt sie mit hinweg ... um sie nach einem Monat abermals sitzen zu lassen. Ist dein Gesetz damit einverstanden?«

Das mochte selbst ich, der doch einigermaßen damit vertraut sein mußte, nicht behaupten.

»Ich wollte es meinen!« rief Annetta aus, »aber du hast ja das Gesetzbuch, sieh doch einmal nach, schlage doch einmal nach, ob es einen Paragraphen enthält, welcher unseren Fall vorgesehen hat; können Chiarina und Valens nicht hingehen und darlegen, wie die Sachen stehen, um jene erste Scheinehe auflösen zu lassen und diese neue einzugehen, zu der nur noch so wenig fehlt?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Siehe dennoch nach, ich bin auch gewiß, daß kein solches Gesetz darin steht ... obgleich es sollte ... aber immerhin kostet ja das Nachschlagen nichts.«

»Ich versichere dich, daß es nicht vorhanden ist.«

»Und wenn nun zwei einander nicht ausstehen können, wenn der Gatte ein Schurke ist und seine Frau alles mögliche durchmachen läßt, zu welcher Abhilfe greift man da?«

»Man greift zur Scheidung, denke ich ... aber ich weiß nicht, ob das eine wirkliche Hilfe ist.«

»Wenn auch! So kann doch niemand Chiarina zwingen, mit diesem Menschen, diesem Salvioni zu gehen, und sie wird nicht zu ihm gehen und sie werden sich in aller Form scheiden lassen.«

»Vorausgesetzt, daß Salvioni seine Einwilligung nicht versagt.«

»Nun, das möchte ich sehen, daß er nach so vielen Jahren noch mit dem Anspruch käme! ... Wir wollten es ihm schon wehren.«

»Mit welchem Recht? Wer sind wir?«

»Die Freunde von ...«

»Von Valens und ihr, das heißt die Mitschuldigen des Komplotts ... gefällt dir das?«

»Durchaus nicht.«

Wir schwiegen eine Weile.

»Sie müssen allerdings geschieden werden,« begann ich dann wieder, »die Signora Chiarina kann nicht zu jenem Mann zurückkehren, der fast ein Fremder für sie geworden ist; aber deshalb muß man ihren Gatten bewegen, daß auch er auf Scheidung anträgt, denn wenn er sich widersetzte, so müßten sie, glaub ich, prozessieren ... und wer weiß wie lange ... ich weiß es nicht. Und damit Signor Salvioni sich dazu bequemt, wird man ihm Geld geben müssen und verhindern, daß er zuvor die Gattin sieht, denn wer steht uns sonst dafür, daß er nicht noch einmal des Teufels wird?«

»Das wird er, sobald er Chiarina sieht, ohne Frage.«

»Wenn sie gesetzlich geschieden sind ... dann ...«

»Dann ...«

Ja, was dann? ... Wir sannen lange darüber nach; alles ging gut bis so weit: Salvioni kam, man redete ernst mit ihm; wenn er einige Mittel hatte, so drohte man, ihn zu zwingen, daß er für den Lebensunterhalt der Gattin sorge; hatte er keine, so gab man ihm eine Summe ... die Scheidung fand statt, und dann ...

»Dann,« sagte Annetta, »wird Chiarina mit ihrem Valens gehen und wir werden sie zum Bahnhof begleiten ... Oder nein, sie werden nicht fortgehen ... und ich werde die Augen zumachen, um nicht zu sehen ... und wenn du sie offen behalten willst, so wirst du sehen, daß sie glücklich sein werden, trotz deines Gesichtes.«

»Und es wird ein Aergernis sein ...«

»Wer sagt das? Dein Gesetzbuch, aber ich gebe nichts darauf. Stelle dir vor, daß es morgen einem der Großmächtigen, welche die Gesetze machen, einfiele, eine der thörichten Satzungen aus eurem dummen Buch zu streichen (worin ihr deren so viele wie kostbare Reliquien bewahrt) und daß Valens und Chiarina Mann und Frau werden könnten, wo wäre dann das Aergernis? Nirgends. Folglich liegt es in eurer thörichten Satzung.«

Ohne mich mit der Verteidigung dessen, was Annetta so zu nennen beliebte, zu erhitzen, begnügte ich mich, den Kopf zu schütteln.

Seit vielen Tagen hatte Signor Bini sich nicht sehen lassen, und ich dachte im stillen, Annetta habe ihn doch wohl mit ihrer Offenherzigkeit zurückgeschreckt. Aber während Annetta das Gesetzbuch schmähte, dachte ich so wenig an Signor Bini wie an ... dessen Großmutter, als ich plötzlich, aufblickend, die gerade und seine Nase, das spöttische Lächeln, die schlauen Augen und das übrige vor mir sah, und ehe ich »nehmen Sie Platz« sagen konnte, hatte der ganze Signor Bini, so lang wie er war, sich zum Gruß verbeugt, meiner Frau die Hand gedrückt und sich vor mir niedergelassen.

»Interessante Nachrichten!« rief er mit dem mäßigen Nachdruck aus, welcher der höchste Grad seines Enthusiasmus war. »Ich habe acht Salvioni gefunden, ich habe sie hier (auf die Brusttasche klopfend), acht in der Blüte ihrer Jahre verstorbene Salvioni; der älteste war nicht über fünfundsechzig Jahre.«

Ich sah ihm ins Gesicht, weil ich fürchtete, er mache Spaß; aber er war ernsthaft.

»Es ist tröstlich zu sehen, wie diese Salvioni hinsterben. Es scheint eine Epidemie zu sein. Aber andererseits ists erschrecklich, wie sie sich wiedererzeugen. Wissen Sie, wie viel Salvioni männlichen Geschlechts es in Mailand gibt? ... Fünfzehn! Vier jedoch besuchen die Schule, fünf sind ziemlich reifen Alters, so alt wie ich; von den übrigen kann wohl der einzige, welcher Giuseppe heißt, nicht Signora Chiarinas Gatte sein, denn er ist noch ein Säugling; das alles habe ich auf dem Erkundigungsbureau erfahren.«

Kopfschüttelnd ließen wir ihn reden. ? Er mißverstand uns und setzte hinzu: »Es war nicht der richtige Weg. Ich weiß, aber es ist nicht meine Schuld; ein Beamter des Civilstandesamtes erinnerte sich, ohne dessen recht sicher zu sein ... daß ein gewisser Giuseppe Salvioni ... eben des Alters, welches ich nannte ... ? Aus Brescia? Ja, aus Brescia! ... vor mehreren Jahren zu ihm gekommen war, um Nachforschung in Bezug auf ein vor zwanzig Jahren zwischen einem Unbekannten und einer Unbekannten geschlossenes Ehebündnis anzustellen; der Beamte hatte sich die Sache ihrer Ungewöhnlichkeit wegen gemerkt. ?Der ist es!? rief ich aus. Wir sehen nach, ob sich dieser Giuseppe Salvioni in den Namensverzeichnissen findet. ? Nichts. Nun gehe ich auf das Polizeiamt und frage so: ?Es muß doch einen üblichen Weg geben, auf dem man einen gewissen Giuseppe Salvioni aus Brescia, blond, mit einer Narbe auf der Stirn, aufspürt; was ist aus diesem geworden?? Man antwortet mir, das sei unmöglich herauszubringen. ? Ich bestehe darauf, man sucht nach. ? Ihr wißt, daß die Erde nicht, wie man zu sagen pflegt, eine Kugel ist, und nichts auf Erden läuft eigentlich glatt wie eine Kugel, obgleich mancher diese irrige Meinung hat und seine Angelegenheit durch einen Stoß im Lauf zu erhalten glaubt. Was geschieht? Die Angelegenheit stockt beim ersten Hindernis. Auch jene Nachforschung war auf halbem Wege gestockt, weil auf der Polizei niemand daran lag, etwas über Salvioni zu erfahren. Was hatte der Aermste denn gethan? Er hatte seine Frau mitzunehmen vergessen? Etwas Rechtes! So eine kleine Vergeßlichkeit könnte selbst mal einem Polizeibeamten begegnen.«

»Also?« fragte ich kalt.

»Nun der Weg gefunden ist, gedenke ich der Kugel nicht nur einen Anstoß, sondern zehn, hundert zu geben, so viel wie erforderlich sind, um sie nötigenfalls rund um die Erde zu treiben; und lebend oder tot muß Signor Salvioni zum Vorschein kommen.«

Er schwieg und sah uns verwundert über unsere Teilnahmlosigkeit an; endlich sagte er mit einem schalkhaften Lächeln: »Ich verstehe ... ich verstehe ... mit welchem Recht mische ich mich in diese Sache? ... Lieber Signor Ferdinando, Sie müßten es ja wissen: Mir liegt daran, daß Valens den Prozeß verliert, aber nicht die Gattin, dann wird er mir leichter den ?Schaum des Meeres? verkaufen.«

Wie gern hätte ich noch geschwiegen, um ihm sein ganzes ungehöriges Mitwissen durch ein wenig Neugier bezahlen zu lassen! Aber Annetta wäre mir zuvorgekommen, wenn ich nicht mit einiger Gemessenheit gesagt hätte: »Giuseppe Salvioni lebt, er ist in Mailand, er hat geschrieben, er wird kommen!«

Wo hier ein Komma steht, hatte ich eine kurze Pause und einen niederschmetternden Blick angebracht. Die Wirkung war eine außerordentliche. Signor Bini schlug sich vor die Stirn und fand keine Antwort, er, der auf alles eine hatte. Dann sagte er, wie plötzlich zu sich kommend: »Das ist nicht möglich!«

»Es ist aber wahr.«

»Es ist nicht möglich, ich kann alle Salvionis in Mailand an den Fingern herzählen ... das Namensverzeichnis ...«

» Ihr Namensverzeichnis,« warf Annetta ein, »hat gewiß nicht hinreichend große Hände und will zu viel umfassen ... ein Salvioni wird ihm durch die Finger geschlüpft sein ...«

»Oder,« sagte ich, »dieser Signor Salvioni, welcher sich meldet, lebte bisher nicht in Mailand, und das ist auch natürlicher, denn wäre er hier gewesen, so hätte er von Valens Nebuli gehört und sich wohl gemeldet, ohne die Zeitungsanzeige abzuwarten.«

Ich hatte das Richtige getroffen, denn Signor Bini, welcher nichts dagegen einzuwenden wußte, that, als achtete er nicht auf meine Worte.

Wie ich erwartete, fielen nun seine Fragen hageldicht, die ich höflich entgegennahm, selbst beantwortete oder durch Annetta beantworten ließ, immer noch in der Hoffnung, daß wir zu dreien einen Leitfaden aus dieser Verwickelung auffinden würden. Aber nein, es blieb immer dasselbe: Der Herr Gemahl kam, entsagte der Gattin oder entsagte nicht; im Guten oder im Bösen wurde die Scheidung bewerkstelligt, und dann? ...

Kein Zweifel übrigens, daß Signora Chiarina sich nicht sehen lassen dürfe, daß Valens die Unterhandlung mit dem Gatten, von einem ruhigeren Diplomaten unterstützt, führen müsse und daß man durch die Erfindung eines passenden Märchens das Dekorum zu retten habe.

»Das Dekorum ist gerettet, das Märchen gefunden,« sagte Signor Bini; »sollte es nötig sein, so gehe ich auf das Gericht, damit alle erfahren, daß Signora Chiarina meine Tochter ist!«

»Ah!«

»Oh!«

»Wundert euch das? Ich habe sie mir in Paris bestellt, wo man diesen Artikel, wie es scheint, recht gut besorgt. Uebrigens nehmen es die Gerichte in diesen Dingen nicht so genau. Wie dies zugegangen ist, da ich doch nie in Paris war? Das braucht niemand zu wissen, als ich.«

Wir sahen ihn noch ganz verblüfft von dieser seltsamen Idee an. Ich dachte: »Scherzt er, oder will er Chiarina wirklich adoptieren?« ... Da hörten wir im Vorzimmer eilige Schritte ? und eine uns bekannte Stimme rief bebend: »Ferdinando! Ferdinando!« ? dann erschienen Chiarina und Valens in der Thür, bleich, mit verschlungenen Händen.

Beim Anblick Signor Binis, welchen sie nicht bei uns vermuteten, blieben sie einen Augenblick stehen, einen einzigen Augenblick, denn Annetta schloß ihre Chiarina in die Arme. Inzwischen hatte sich der Alte, scheinbar arglos, verständigerweise in meinem Atelier verloren.

Kaum waren wir allein, so stammelte Nebuli mit verlöschender Stimme: »?Er!?« und ich ebenso: »Mut!« und drückte ihm die Hand.

»Hat er Chiarina gesehen?« fragte ich, und suchte meiner Stimme Festigkeit zu geben.

»Nein.«

»Hast du ihn gesehen?«

»Auch nicht.«

Hundert Fragen kamen mir auf die Lippen; ich drängte sie zurück, um einzig an die gewichtige Notwendigkeit des Augenblicks zu denken.

»Mut,« wiederholte ich, »ich gehe.«

Und ich ging hinaus, mit einem letzten Blick auf Annetta, welche ihre Freundin unter Thränenströmen zu trösten suchte, und auf Valens und Chiarina, die mit starren Augen unbeweglich dastanden.

Auf dem Flur trat Signor Bini wieder zu mir.

»Ich war im Begriff zu gehen,« sagte er, »denn in solchen Augenblicken ... Ich habe alles begriffen. Daran zweifelte ich nicht im geringsten, und doch war er diesmal im Irrtum.«

»Ihr Freund hat den Prozeß verloren!«

»Nein, nein, Sie täuschen sich ...«

»Durchaus nicht; es ist zwei Uhr nachmittags, um diese Stunde hat er ihn verloren.« Seine Worte summten nur in meinen Ohren, denn während ich die Treppe hinabging, wälzten sich mir andere Gedanken im Kopf herum.

Auf der Schwelle zu Nebulis Wohnung hielt ich den Alten an und sagte zu ihm: »Wollen Sie mitkommen und ihn empfangen?«

»Wen?«

»Den Signor Salvioni.«

Diesmal hatte ich ihn wirklich aus der Fassung gebracht: aber guter Gott, um welchen Preis!

Die Thür öffnete sich und wir traten ein, in feierlicher Haltung beide, aber so sehr ich mich auch zusammennahm, er noch feierlicher als ich.

Sechzehntes Kapitel.

Signor Salvioni spricht.

 

Als wir eintraten, stand Signor Salvioni mitten im Salon: er kehrte uns den Rücken zu und hielt den Kopf gesenkt; als er uns hörte, wendete er sich um, warf einen flüchtigen Blick auf uns, welcher mir lauernd oder furchtsam schien, und begrüßte uns, den Blick auf das Fenster gegenüber gerichtet.

Ich näherte mich ihm und versuchte zu lächeln und völlig unbefangen zu scheinen, schob ihm geräuschlos einen Sessel hin und lud ihn ein, sich zu setzen, worauf er sich schwerfällig niederließ.

Noch hatten wir kein Wort weiter vorgebracht, als Signor Bini, der wie angenagelt auf der Schwelle geblieben war, sich umwendete und zur Thür hinaus verschwand; allein zurückgelassen, begann ich: »Mein Herr, Sie sind ...«

Er schweigt, die Augen auf die Fensterscheiben geheftet.

»Sie sind,« fuhr ich fort, »der Signor Giuseppe Salvioni ... Sie sind es, der an Signor Nebuli geschrieben hat? ...«

»Ich habe an ihn geschrieben.«

Er fuhr fort, das Fenster zu studieren, ich fing an, ihn zu studieren. Mir fiel zunächst eine dicke Stahlkette ins Auge, deren Gewicht einen kleinen Schlüssel mehr als zur Hälfte aus seiner ausgeweiteten Brusttasche zog. ? Und wie war mein armer Salvioni gekleidet! Ein Jackett von naturwidriger Farbe, von einem Stoff, welcher vielleicht ursprünglich ? Gott weiß wann ? für rein wollen verkauft worden, aus dem aber jetzt die wenige Wolle verschwunden war, welche der Fabrikant zur Entschuldigung seiner Lüge hineingewebt hatte; seinen Hals umschlang ein schwarzes Tuch, dessen häßliche Falten ? gleichsam die schlechten Gewohnheiten des Tuches ? es dem Gurt an einer Leichenbahre ähnlich machten.

Während ich diese Musterung anstellte, hub plötzlich Signor Salvioni, ungeduldig über mein neugieriges Betrachten, mit einer trockenen, nervösen, verdrießlichen Stimme an: »Ja, ich bin es, der den Brief an ihn geschrieben hat; ich habe auf seine Antwort nicht gewartet, weil ich seine Wohnung anderweitig erfuhr, und bin nun gekommen! Sie suchen durch die Zeitungen einen Salvioni; hier ist einer; machen Sie damit was Sie wollen ?«

So sprach er, ohne die Augen vom Fenster zu verwenden, und ich fragte ihn halb erstaunt und halb bewegt: »Sie wissen nicht, um was es sich handelt? ... Dann also ...

»Dann also,« sagte er, »bin ich ein Abenteurer, ein Vagabund? Gewiß bin ich das, lassen Sie mich einsperren ... aber geben Sie mir etwas, um Brot für meine Kleine zu kaufen, die solchen Hunger hat.«

»Dann also?« ... wiederholte ich aufstehend, »freilich ... gewiß ... Sie sind ja nicht blond und haben auch keine Narbe auf der Stirn, Sie sind nicht Salvioni!«

»Entschuldigen Sie,« stotterte der Unbekannte, beruhigter durch den Ausdruck der Befriedigung, welchen er auf meinem Gesicht las, »entschuldigen Sie, ich heiße Salvioni, Giuseppe bin ich nicht, bin nicht blond, habe keine Narbe, aber wenn auch, mein Mädel ist doch so hungrig.«

Hier unterbrach sich der Aermste und blickte sich ängstlich um, und ich hörte ein unterdrücktes Geflüster hinter der Thür, die sich plötzlich öffnete.

Mit ungestümer Bewegung, als habe ihm jemand einen Stoß gegeben, trat Valens ein, und gleich darauf Signor Bini, und auf Freund Nebulis Ausruf »Er ist es nicht!« näherte sich auch Chiarina und Annetta. Signor Salvioni schien sich nach einem Ausweg zur Flucht umzusehen, dann versuchte er den neugierigen Blicken mit einer cynischen Miene standzuhalten, aber die Scham besiegte ihn, er ließ den Kopf auf die Brust sinken und weinte.

Sogleich umringten wir ihn alle.

Bis dahin wurde ich durch ein zwiefaches Verlangen gestachelt: Ich hätte den falschen Salvioni beim Ohr nehmen mögen, um ihn für die entsetzliche Furcht zu strafen, welche er uns bereitet hatte ? ich hätte ihm einen Kuß auf die Stirn drücken mögen, um ihm für die unendliche Freude zu danken, welche sein Werk war; als ich aber jetzt den großen starken Mann wie ein Kind weinen sah und dachte, daß er vor Beschämung Thränen vergoß, welche ihm vielleicht das Unglück nicht hatte erpressen können, als sie ihm eine Linderung gewährt hätten ? da verschwand mein Unwille unter einem aufwallenden Mitleid.

Auf Signor Binis, auf Valens und meine freundliche Zusprache antwortete der Bedauernswerte nicht, sondern vergrub sein Gesicht in die Hände; da sagte ich zu Signora Chiarina: »Fragen Sie ihn, wie sein Kind heißt.«

»Haben Sie ein Kind? Und wie heißt es?«

War es die Musik dieses Stimmchens, welche seine Thränen trocknete, oder war es die Frage? Der Mann zog ein nichts weniger als weißes Taschentuch hervor, welches er in der Hand zusammendrückte, um dessen Schäden zu verbergen.

Dann erhob er den Kopf mit einer schmerzlichen Grimasse, welche wie ein Lächeln aussehen sollte, und sagte: »Ja Signora, ich habe ein Mädchen von neun Jahren ... sie heißt Angela.«

Wir schwiegen, und mit einem Blick, welcher unbeweglich sein Elend anstarrte, fuhr er fort: »Ja, Signora, ein Mädchen von neun Jahren, und ihr Name trügt nicht ... wie so oft. Bis vor zehn Monaten lebte ihre Mutter, der sie schon auf der Maschine nähen half; ich schrieb bei einem Advokaten und verdiente täglich beinahe zwei Lire ? wir waren nur zu glücklich! Da wird meine Frau krank, sie liegt einen Monat danieder, wir geben unsere Ersparnisse für Arznei aus ? sie stirbt. Die Kleine weint so viel, ruft nach der Mutter, wird auch krank ? ich bleibe von dem Advokaten fort, um mein Kind nicht allein zu lassen; ich suche Abschreiberarbeit ins Haus zu bekommen ? aber weil ich sie zu nötig brauche, kann ich keine finden. Und dann verkaufe ich heimlich die Kleidung der lieben Toten.«

Hier hielt Signor Salvioni sich verpflichtet, durch eine wiederholte Grimasse uns zu zeigen, daß er keineswegs weine, sondern im Gegenteil lächle. Dann sagte er mit demselben eintönigen Ausdruck: »Angela hatte eine große Freundin, ihre Nähmaschine ? mit der sprach sie, streichelte sie zärtlich; sie sagte ihr, daß sie schneller oder langsamer arbeiten sollte, und wenn sie Stiche übersprang, so machte sie ihr Vorwürfe. War die Arbeit im Gange und sah Angela sie ohne Anstoß fortschreiten, so sang das Kind fröhlich. Erst nach den Kleidern der Verstorbenen, nach allen Sachen, welche mir überflüssig und auch nach manchen, welche mir unentbehrlich schienen, verkaufte ich eines Tages die Nähmaschine ? da verschwand die letzte Freude aus unserer Behausung. ? Angela versuchte mit der Hand zu nähen, aber weil sie es nicht recht verstand, zerstach sie sich die Finger und brauchte zu der Arbeit von wenigen Minuten eine Stunde voll Anstrengung und Thränen ? sie verdiente nicht mehr ihre paar Soldi, die mir die Kleine froh und stolz erhalten hatten. Eines Tages hatte Angela Hunger ? sie sagte mir es nicht, weil sie sah, daß es nutzlos war, und sie mich nicht betrüben wollte, aber ich erriet es ... weil auch ich Hunger hatte ? ich lief zu all meinen Bekannten, zeigte ihnen mein Elend unverhüllt, das ich bis dahin so eifersüchtig verborgen hatte: ich kam mit ein paar Lire zurück, wir speisten. Ein andermal versuchte ichs wieder, aber ich hatte weiter nichts Neues vorzubringen, als daß wir noch immer hungerten ... Noch immer? ? ach, das ist eben so schrecklich, daß man alle Tage Hunger haben kann ? und keiner glaubt es mehr ... Mir fiel die Zeitungsanzeige ins Auge, mir kam ein Einfall ? ich schrieb; als ich den Brief in den Kasten geworfen hatte, reuete es mich schon ? ich dachte, daß dies lügnerische Blatt jemand eine trügende Freude oder einen unnützen Schmerz bringen werde ... anderen Tages ging ich nach der Post, um den Signor Nebuli zu erwarten ...«

»Ich verstehe,« unterbrach ich ihn, »Sie haben uns gesehen und sind uns gefolgt, um alles aufzuklären, um uns vielleicht aus einer grausamen Angst zu reißen.«

Signor Salvioni schüttelte mit bitterem Ausdruck den Kopf.

»Nein, nein ... ich hätte vielleicht bis morgen gewartet ... aber die Kleine hat auch heute Hunger ...«

Auch heute! Wie er diese beiden Worte sprach!

Chiarina und Annetta waren tief bewegt und wollten sogleich zu der Kleinen eilen.

Freund Nebuli zog die Brieftasche hervor, nahm einige wertlose Papiere heraus und legte das übrige in die zitternden Hände des Unglücklichen, der, nachdem er die erborgte Haltung abgelegt hatte, weiter nichts mehr konnte, als weinen ? und Signor Bini nahm mir den Gedanken vorweg, welcher eben in mir aufstieg: der kleinen Angela ihre Freundin zurückzugeben, das heißt den armen Vater zu begleiten und eine Nähmaschine zu kaufen. In mir wurde der Gedanke wohl nur durch die Furcht zurückgehalten, daß mein Geldbeutel ihm nicht gewachsen sei. »Bravo!« sagte ich leise zu dem alten Herrn; »aber hören Sie, die Hälfte für die Maschine will ich bezahlen: Sie werden mir sagen, was Sie auslegen.«

Signor Bini sah mir lachend ins Gesicht ? ich dachte, er sei wohl manchmal ein bißchen närrisch, denn was in aller Welt war dabei zu lachen?

Wir standen auf der Schwelle: Signor Salvioni lief schon, drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinab, als Valens uns nachkam: »Ehe Sie die Maschine kaufen, denken Sie daran, daß die beiden Hunger haben.«

»Es ist wahr, und er muß groß sein,« sagte Signor Bini, »ich dachte nicht daran, weil ich ihn nie vor sechs Uhr spüre.«

»Um sechs Uhr werden Sie aber genug Appetit haben, um mit uns zu speisen? Sagen Sie nicht nein, Sie sind kein Fremder für uns: heute solls einen Festtag geben, wir wollen fröhlich sein ... Sie kommen?«

»Ich komme, ich komme.«

Und kaum hatte Valens sich entfernt, so stieß der Alte einen langen Seufzer aus.

»Der Aermste! Wenn man nun denkt, daß dieser seelengute Mensch den Prozeß verloren hat!«

»Hat er ihn denn wirklich verloren?«

»Es ist drei Uhr ... keine Frage, daß er ihn jetzt verloren hat.«

Er ging die Treppe hinunter, um Salvioni einzuholen, ich kehrte beunruhigt zurück.

Aber Valens lachte so laut, und Signora Chiarina so anmutig, daß es mir unmöglich war, der Sorge auch nur fünf Minuten Raum zu geben, und ich sagte mir zum Trost, daß Signor Bini auf Scherze erpicht sei und sie nicht immer richtig wähle. Doch hätte ich wenigstens gern gewußt, ob dies wirklich der Entscheidungstag des Prozesses sei.

»Seid guten Muts,« sprach ich, »das ist nur eine Abzahlung auf künftige Freude; ihr werdet sehen, daß der selige Giuseppe euch nächstens sagen läßt, ihr möchtet Hochzeit halten, und daß wir auch die Quälerei mit dem Prozeß los werden.«

Aber Valens achtete nicht auf das, was ich sagte.

»Wann wird dein Prozeß verhandelt?« fragte ich nun.

»Morgen, glaube ich ... es wurde mir angezeigt, doch nein, heute ist die Verhandlung ... sie ist schon gewesen ? in diesem Augenblick ist vielleicht alles beendet.«

Und er lachte von neuem, und ich wurde wieder nachdenklich.

Signor Bini brachte die erfreulichsten Nachrichten von dem kleinen Mädchen, das ein schönes Kind mit prachtvollen Augen, von Signor Salvioni, der in der That rechtlich und unglücklich sei, von ihrem wunderbaren Appetit und von der Nähmaschine, eine von Elias Howe mit Doppelstich.

Welch Geplauder bei Tische! Welch Lachen! Wieviel Gläser wurden geleert! Nur unter meinem Geschwätz gingen meine Gedanken fort, und mein Lachen hatte einen Dämpfer, und in den Gläsern, welche die allgemeine Heiterkeit mir einfüllte, war der Bodensatz einer quälenden Sorge. Aber das alles nur anfangs; beim Dessert lachte auch ich, von der frohen Stimmung durchdrungen, aus vollem Halse, entfesselte auch ich all die lustigen Ein- und Ausfälle, welche mir auf die Zunge kamen.

Einen davon schleuderte ich Signor Bini ins Gesicht ? einen, von dem ich meinte, er müsse ihn unter den Tisch hinstrecken,

»Der arme Salvioni,« sagte ich, »wie er sich schämte, einen falschen Namen angenommen zu haben! Wie rein muß seine Seele sein! Er ist Schreiber bei einem Advokaten gewesen, und hat sich nicht mit Tinte befleckt!«

Natürlich sah ich Signor Bini dabei an, und Signor Bini sah mich an, und lachte, und lachte! Beneidenswerte Frechheit!

Gerade beim letzten Anklingen der Gläser ging die Thür auf, und die Art, wie sie sich öffnete, sagte mir, daß sie eine schlimme Nachricht einließ.

Marco erschien, der gewaltige Marco, den ich schon seit dem Zwischengericht junger Schoten immer beim Vornamen angeredet hatte; er überbrachte einen Brief ?

Valens öffnete ihn, las ihn, stotterte heraus, daß es ein Scherz sei, las ihn nochmals ? ich war aufgestanden.

»Gehen Sie nur,« schlug ich Marco vor, der neugierig stehen blieb.

»Geh nur,« wiederholte Valens, »es ist nichts,« sagte er dann mit heiterer Stimme, »mein Rechtsanwalt schreibt mir, daß wir den Prozeß verloren haben, daß wir auf Kassation antragen werden, daß wir vierzehn Nichtigkeitsgründe anzuführen haben.« Man glaube nicht, daß er Komödie spielte; er sprach, wie er es ansah, und da niemand antwortete, drang er in uns: »Seid guten Muts! Das richtet uns noch nicht zu Grunde! Ich werde arbeiten. Und zunächst werde ich den ?Schaum des Meeres? verkaufen. Nicht wahr, Signor Bini?«

Man wird nun meinen, daß Signor Bini sich vergnügt lachend die Hände gerieben habe: auch ich erwartete es, aber dieser Mann widersprach immer meinen Erwartungen; er sagte nur gleichgültig: »Gewiß!« und fing von etwas anderem an.

»Wir werden noch erleben, daß es ihm leid geworden ist,« sagte ich später zu Annetta.

» Sein größter Schade; der ?Schaum des Meeres? wird auch ohne ihn einen Käufer finden.«

»Hast du beobachtet,« setzte ich hinzu, »wie ruhig Freund Nebuli bei der Ankündigung seines Unglücks blieb ... Und was schließest du daraus?«

»Daß er es nicht zu schwer empfand, zu verlieren ...«

»Und weißt du weshalb? ... weil seine Freude zu groß war; morgen wird er mit schmerzlicherem Gefühl daran denken ... Und welche philosophische Maxime geht daraus hervor?«

Annetta sah mich mit einer diskret schalkhaften Miene an, welche ich sehr gut verstand. Und ohne im geringsten durch die darin liegende Anspielung beleidigt zu sein, setzte ich hinzu: »Dies geht daraus hervor, daß es Freuden gibt, welche das Geld nicht gewähren, und Freuden, welche das Geld nicht rauben kann.«

»Und doch kann es dankenswerte gewähren,« bemerkte Annetta, »wie du an Salvioni gesehen hast!«

Und ich, einmal im Zuge, fuhr fort: »Ganz gewiß! Und welche weitere praktisch-philosophische Lehre geht daraus hervor?«

»Sprich sie aus und höre dann auf, denn ich bin schläfrig.«

» Die Lehre, daß man das Geld nicht mit der Freude und dem inneren Glück verwechseln, sondern nur dann schätzen soll, wenn es Freude und Glück bereitet, und daß man es diesem einzigen Zweck dienstbar machen soll.«

»Bravo, gute Nacht!«

Siebzehntes Kapitel.

Die Venus scheidet.

 

Als ich am anderen Morgen, nach langem Schwanken, eben hinuntergehen und Valens besuchen wollte, war er es, welcher bei mir eintrat, die Stirn von einem Gedanken umwölkt, der ihn nicht eigentlich zu betrüben, aber zu belästigen schien.

»Weißt du das Neueste?« sagte er, und schien auf einen Augenblick seinen Quälgeist abzuschütteln, »ich bin zu Grunde gerichtet.«

»Ich weiß, daß du den Prozeß verloren hast ... heute nacht träumte mir, es sei nur ein schlechter Scherz von deinem Rechtsanwalt ... hingegen ... dennoch ...«

Ich wußte nicht, was ich redete, Valens fing an zu lachen.

»Ja, ich habe den Prozeß verloren, und es scheint, daß ich an Kapital, Zinsen und Kosten etwas mehr zu erstatten haben werde, als ich besitze, denn wie ich mir dachte, hatte mein Onkel einen Teil des Vermögens verbraucht, welches ihm nicht gehörte, und ich habe desgleichen gethan; heute morgen erschien mein Rechtsanwalt, um mir die Sache klar zu machen. Und weißt du, was dabei noch ein Glück für mich ist? (er sagt es, denn ich hätte es nie erraten) dies nämlich: daß wir die Erbschaft » qum beneficio inventarii« angetreten haben, sonst müßte ich noch von dem ?Meinigen? dazu geben ... und das würde mich einigermaßen in Verlegenheit setzen ... wie du wohl denken kannst. Nur eines ist schlimm, daß auch ich viel gebraucht habe, denn meine arme Venus ist schon im voraus aufgezehrt. Wann du Signor Bini siehst, so habe die Güte und sage ihm, das Bild stehe zu seiner Verfügung, wenn er es noch will ... einstweilen werde ich es morgen abholen lassen ...«

»Weshalb?«

»Um es zu kopieren, das sage ihm aber nicht.«

»Er ist imstande, es zu erraten.«

Valens zuckte die Achseln, er drückte mir die Hände, lächelte heiter, und es fehlte nicht viel daran, daß er gesagt hätte: »Wie bin ich glücklich!«

»Du bist heute in vortrefflicher Stimmung ...« bemerkte ich.

»Ja, recht sehr. Ich habe eine günstige Nachricht erhalten.«

»Welche?«

Er umging es damals, sie mir mitzuteilen, später erfuhr ich sie durch meine Frau: Die Polizei war dem Signor Salvioni auf der Spur ? als verstorben; sie hatte ihn bis zur Einschiffung von Neapel nach Kairo begleitet, wo zu jener Zeit die Cholera wütete ...

Hier würde ich, wie Freund Nebuli, einen langen Gedankenstrich gesetzt haben; aber meine Frau fügte unbedenklich hinzu: »Wenn die Cholera weiß, was sie zu thun hat, so ist der erste, welchen sie holt, euer Salvioni!«

Zu Valens sprach ich: »Und was gedenkst du zu thun, nun du ... nun du nicht mehr ... nun du ... wieder ?so? bist?«

»Ich habe schon etwas gethan,« antwortete er, »ich habe wohl zehn Luftschlösser gebaut; zunächst trage ich auf Kassation an, um Zeit zu gewinnen; dann gehe ich aufs Land, um ruhig zu leben und zu arbeiten. Ich werde mir aus den Wolken alle Bilder herabholen, die ich von Sternen umrahmt erschaut habe; ich werde mehrere Kilometer Leinwand mit Farben bedecken, und in wenigen Jahren durch meiner Hände Werk reich geworden sein.«

»Und zu dem allen fühlst du dich fähig?«

»Wozu fühlte ich mich nicht fähig, nun die Zukunft mir wieder gehört? Mit diesen Sachwaltern zur Seite, mit diesen Gerichtsboten auf den Fersen, war mir, als hätte ich meinen Anteil an der Zukunft mit ?Hypothekenschulden? belastet. Jetzt bin ich arm, aber ich bin frei, und wenn Chiarina mir bleibt! ...«

So sprach dieser Leichtsinnige, dieser Nachtwandler, dieser Phantast; ich sah ihn verblüfft an, im Grunde froh darüber, daß er die Sache so auffaßte; aber es berührte mich peinlich, einen so geistvollen Kopf ohne jede kritische Einsicht zu finden. Ich legte es der Natur zur Last, welche die Menschen vortrefflich anlegt, aber sie nie zu verwenden weiß; dem armen Valens dagegen gab ich recht, da ich ihm nichts Besseres zu geben hatte.

Ich höre jemand fragen, ob mir nicht der Argwohn aufgestiegen, daß Valens, nicht ich, der wahre Philosoph sei; dieser Gedanke kam mir wohl, aber er hielt vor der Ueberlegung nicht stand; denn es war mir klar, daß Valens, wenn er auch als Philosoph handelte, sich dessen nicht bewußt war und weder Ordnung in sein Thun, noch System in sein Raisonnement brachte. Ich sage nicht, daß die Philosophie (wie einige behaupten) ausschließlich System sein soll; solche tiefe Philosophen am Morgen, die beim Mittagessen über ein zu scharf gebratenes Beefsteak und gar abends über ein paar in der Tombola verlorene Groschen unglücklich werden, die und deren Wert kenne ich auch; aber wenn ich verständig genug bin, diese meinem Freund Rebuli nicht als Muster aufzustellen (er würde auch nicht darauf hören), so gebe ich doch nimmer zu, daß Philosoph sein und leichtsinnig in den Tag hineinleben dasselbe ist.

Uebrigens hatte ja Valens im Grunde wirklich einige Tröstungen, auch abgesehen von dem ganz stoischen Gedanken, daß noch so tiefe Betrübnis ihm nichts geholfen hätte; er besaß seinen Pinsel, seinen Ruhm, sein Weibchen nun beinahe ganz, und seine volle Zukunft; für die Bedürfnisse des Augenblickes mußte der »Schaum des Meeres« aushelfen und der Advokat durch die Kassation, die Rechnungen, die Gegengründe und durch Gott weiß was noch.

Und bei alledem, als Signor Bini sich drei Tage hindurch nicht hatte sehen lassen und wir zu fürchten anfingen, daß der berühmte »Schaum«, nachdem er die amerikanischen Dollars verschmäht, sich mit einem geringeren Sümmchen italienischer Lire werde begnügen müssen, da schien es mir (doch bin ich dessen nicht ganz sicher), daß Valens ein wenig von seinem Gleichmut eingebüßt habe. Doch zeigte er sich unbekümmert, ließ sein Gemälde von der Ausstellung holen und schickte sich an, es zu kopieren.

Seit vierundzwanzig Stunden war der »Schaum des Meeres« wieder in seinem väterlichen Atelier, als Signor Bini zu mir kam.

»Was ist aus dem ?Schaum? geworden?« fragte er.

»Valens hat ihn abholen lassen,« antwortete ich lächelnd.

»Das weiß ich ...«

»Ich glaube es wohl!«

»Das weiß ich, aber was will er damit?«

»Es verkaufen.«

»Ist ein Käufer da?«

»Fragen Sie ihn.«

»Kommen Sie mit zu ihm.«

Wir gingen hinab; der Freund stand eben vor einer Leinwand, deren Größe dem Bilde entsprach, und führte die ersten Linien der Zeichnung aus.

»Ein vortrefflicher Einfall!« sagte Signor Bini. »Sie wollen ein Dutzend Venusbilder malen, um eins nach Amerika, eins nach Rußland, eins nach Deutschland zu schicken u. s. w. Die Käufer werden nicht fehlen, aber wird der damit zufrieden sein, welcher das Original erstanden hat?«

»Es hat es noch niemand erstanden,« erwiderte Nebuli mit Würde,

Ich nahm mich zusammen und warf ein: »Freund Nebuli hat Ihnen nicht vorgreifen wollen,«

»Nun ja,« sagte der Schlaukopf mit seinem Phlegma, »es ist wahr, ich wollte das Bild kaufen, die ?Venus? gefiel mir ... eine prächtige ?Venus? ... sie gefällt mir auch noch ... gut denn, ich kaufe sie; aber hören Sie, dann ist es unnütze Mühe, sie zu kopieren; ich möchte sie lieber etwas teurer bezahlen und wissen, daß es keine zweite solche ?Venus? wie die meinige auf der Welt gibt ... Ein Künstler wie Sie, Signor Valens, wird seine Zeit besser ausfüllen, indem er ein neues Wunder schafft, und mein Geld wird auch besser verwendet sein ... Und wieviel verlangen Sie für den ?Schaum des Meeres??«

Ich beeilte mich zu fragen: »Wieviel hatte dir der Amerikaner geboten?«

»Zwanzigtausend Lire,« stotterte Valens heraus.

»Also?« wendete ich mich wieder zu Signor Bini,

Mich dünkte, mein Ton, mein Ausdruck mußten ihm, von seinem Gedächtnis unterstützt, deutlich genug sagen: »Also, berechnen Sie; Sie haben das Doppelte geboten; ... aber der Vergeßliche war blind und taub zugleich; er sah nicht, hörte nicht, erinnerte sich nicht; »wir sind also handelseinig,« sagte er, »für zwanzigtausend Lire ist das Bild mein; packen Sie es in seine Kiste; ich werde es noch heute abholen lassen,«

Drei Stunden darauf kam Signor Bini mit zwei Männern, welche die »Venus« auf ihre Schultern nahmen.

Wir waren ans Fenster getreten und sahen sie zum Abschied vorbeitragen ... Wohin wanderte sie? Der Alte hatte es uns nicht gesagt; und ich sprach leise: »Glück auf den Weg!«

Als Valens die drei Männer, da sie um die Ecke gebogen waren, nicht mehr sehen konnte, schloß er das Fenster und betrachtete das Päckchen Banknoten, welches der alte Herr ihm eingehändigt hatte.

Er sprach kein Wort und ging in sein Atelier. Ich winkte Signora Chiarina und Annetta mit den Augen; sie verstanden mich; wir ließen ihn allein.

Achtzehntes Kapitel.

Seltsame Dinge.

 

»Ist das aber ein wunderbares Zusammentreffen!« sagte Annetta zum zwanzigstenmal.

»Scheint es dir wirklich ein so wunderbares Zusammentreffen?«

»Ich verstehe dich nicht ...«

»Du kannst mich auch nicht verstehen, weil du nicht so viel über Zufall und Fügungen nachgedacht hast wie ich. Sehen wir einmal näher zu. Du erhältst zwei Briefe zu gleicher Zeit, von denen der eine (verspätete) dir sagt, daß etwas von dir lebhaft Gewünschtes nicht geschehen kann, weil ein unüberwindliches Hindernis eingetreten ist, der andere meldet dir, daß jenes Hindernis beseitigt ist und die Sache statthaben wird. Du liest den betrübenden Brief, darauf den zweiten; die Freude, welcher dieser letztere dir nach dem unangenehmen ersten bereitet, setzest du auf Rechnung der Fügung und rufst aus: ?O welch wunderbares Zusammentreffen!? Hättest du aber zuerst den Brief gelesen, welcher die Beseitigung des Hindernisses meldet, so würdest du schwerlich auf die Fügung geachtet haben, daß der eine sich verspätete und daher beide zugleich eintrafen; und doch ist nichts verändert, als die Art deines Empfindens.«

Wenn ich mich in einen etwas dunklen philosophischen Gang wage und mich bemühe, meine Gattin mir nachzuziehen, ihre Schritte möglichst erhellend, dann begleitet sie mich halb zaghaft, halb lächelnd und fragt mich wohl, wie diesmal: »Wo willst du hinaus?«

»Oder betrachte denselben Gedanken unter einem anderen Bilde,« sagte ich. »Sieh abends auf die Gaslaternen einer langen und geraden Straße; sie sind eine von der anderen gute hundert Schritt entfernt; aber wenn du zurückgehst und dich dann umwendest, so siehst du sie einander sich nähern und endlich zusammenstoßen. Ebenso ists in der Geschichte, welche die Nacht der Zeiten erhellt und wo die denkwürdigen Ereignisse den Leuchten einer langen dunklen Straße gleichen, die aus perspektivischen Ursachen sich zu berühren scheinen, sich aber durchaus nicht wirklich berühren; und vielleicht sollte man die Geschichte mit diesem Kriterium von neuem durchlesen, und vielleicht hat aller Aberglaube keinen anderen Ursprung ... und vielleicht ...«

»Kurz,« fragte mich Annetta, »scheint es dir eine seltsame Fügung, oder nicht?«

Der Leser urteile selbst; hier der Brief, welchen ich am Morgen erhalten hatte:

 

»Mein lieber Vetter!

Ohne daß Sie es wissen, bin ich mit Ihnen verwandt; deshalb sind Sie mir wert, ohne daß ich Sie kenne. Unsere Verwandtschaft ist etwas entfernt und ich habe Mühe gehabt, den Faden zu derselben aufzufinden; aber da ich keine anderen Angehörigen habe als Sie, und mir daran lag, daß Sie mir nicht entgingen, so habe ich Sie aufgespürt.

Ich bin ziemlich reich und ziemlich alt; stürbe ich ohne Testament, so würde wahrscheinlich der Staat nähere Verwandtschaftsrechte als die Ihrigen geltend machen und Ihnen nicht einen Heller von meinem Vermögen überlassen.

Aber ich werde meine Vorsichtsmaßregeln treffen; inzwischen fange ich an, Ihnen, da Sie nicht reich sind, etwas auf Abschlag zu zahlen, denn ich habe gar keine Eile, aus dem Leben zu scheiden, ich hoffe, das mit aller Bequemlichkeit thun zu dürfen, und mir liegt daran, daß Sie geduldig warten können. Nehmen Sie diese Sprache nicht übel; es ist die eines Greises, der da weiß, wie leicht das Geld oft die liebevollsten Empfindungen vernichtet und die besten Seelen verdirbt.

Ich habe einen Prozeß schweben, er wird morgen entschieden, und ich gewinne ihn; dies Geld, welches mich so viele Jahre des Verdrusses, der Feindseligkeit, der bitteren Gefühle gekostet hat, will ich nicht in meine Hände nehmen; Sie sollen es haben; so rette ich meine durch kleinliches Streiten verletzte Menschenwürde.

Meinen gegenwärtigen Gegner kennen Sie: Es ist der Maler Signor Valens Nebuli, der in bedrängter Lage sein wird, nachdem er den Prozeß verloren hat.

Der Zufall kommt mir in allem zu Hilfe; Sie sind sein Freund, und ich zweifle nicht, daß Sie ihm die Zurückerstattung so wenig drückend wie möglich machen werden. Von Ihnen wird er einen Aufschub annehmen, von mir würde er ihn verschmähen.

Eine Bedingung jedoch verbinde ich mit meiner Schenkung: sollte die Gegenpartei auf Kassation antragen, sollte das Urteil kassiert werden, so dürfen Sie niemals auf einen Vertrag eingehen, sondern müßten den Prozeß, mit welchem ich so viele Jahre verloren habe, weiterführen.

Ich kenne Sie nicht, aber mein Rechtsanwalt in Mailand, der Sie gesehen und sich nach Ihnen erkundigt hat, weiß, daß Sie ein ordentlicher und rechtlicher Mann sind, der meinem Willen nicht zuwider handeln wird.

Am Vorabend des großen Tags, der mir den Sieg in diesem langen und verhaßten Kriege bringt, fühle ich mich schwach; ich fürchte das Ueberwältigende einer großen Freude, und flüchte mich hinweg. ? Indem ich Ihnen diese Schenkung mache, ist mirs, als zöge ich mich aus der Sache zurück; aber um ganz ruhig zu werden, gehe ich fort und werde eine Woche abwesend bleiben.

Der Notar, welcher diesen Brief vier Tage nach dem Urteilsspruch auf die Post zu geben hat, wird Sie auch von dem öffentlichen Akt der Schenkung benachrichtigen, welche ich heute in Gegenwart von Zeugen vollzogen und unterzeichnet habe ...

Empfangen Sie, lieber Vetter, den ersten Beweis meiner letzten Zuneigung.

Lecco, 13. Dezember.
Ihr Giulio Pasquali.«

 

»Ist das aber nicht wirklich eine wunderbare Fügung!« rief Annetta zum einundzwanzigstenmal aus.

Und da ich stumm blieb, drang sie in mich: »Aber so sprich doch, sage du doch auch etwas ...«

»Soll ich dir sagen, was ich eigentlich denke? ... Ich halte es nicht für eine Fügung, ich halte es für einen Scherz.«

»Ein Scherz, von wem? ...«

»Ich weiß nicht; aber siehst du nicht selbst, wie unwahrscheinlich diese ganze Geschichte ist? Der Signor Pasquali hat keinen näheren Verwandten als mich ? er nennt die Streitigkeiten, wegen derer er viele Jahre prozessiert hat, kleinlich, verlangt aber, daß ich in seinem Namen zu prozessieren fortfahre; er fürchtet, daß die Freude über den gewonnenen Prozeß ihm gefährlich werden könne, er ist gewiß, ihn zu gewinnen, und entsagt doch dem Errungenen ... liebes Kind, das alles ist zu unwahrscheinlich, folglich ist es nicht wahr.«

Aber als ich zwei Stunden später den Brief des Notars aus Lecco erhielt, der, indem er mir den öffentlichen Vollzug der Schenkung anzeigte, mich zur Annahmeerklärung aufforderte, da schloß ich mich, ohne Annetta etwas zu sagen, in mein Atelier ein, um mit Methode nachzudenken.

Es handelte sich darum: Gesetzt, daß die Schenkung wahr ist, zu ergründen, wieweit sie wahrscheinlich ist.

Mir gingen hundert Ansätze zu Ideen durchs Gehirn, aber eine vollständige war mir noch nicht aufgegangen. Als ich das Atelier verließ, war sie mir gekommen.

Und was hatte meine Annetta gethan? Sie war hinuntergelaufen und hatte ihrer Chiarina alles erzählt.

»O!« rief ich aus, »sie wird es Valens sagen!«

»Sie hat mir versprochen, nichts zu sagen; und früher oder später muß er es ja doch erfahren, wenn die Sache wahr ist; wäre es hingegen ein Scherz, was schadet es dann?«

»Es ist kein Scherz,« sprach ich.

»Ja? Aber dann sind wir ja ungeheuer reich!«

»Ja, falls wir uns dazu hergeben, deine Chiarina und Valens zu berauben! ...«

Ich glaubte, ihr Entzücken durch dies Sturzbad abgekühlt zu haben, aber sie erwiderte: »Wir werden sie nicht berauben, wir teilen mit ihnen; ich habe es Chiarina schon gesagt, und sie ist so froh, so froh ...«

»Sieh einmal! Und du triffst Verfügungen, ohne mir etwas davon zu sagen? ...« sprach ich mit verstelltem Ernst.

»Du bist es ja, der so verfügt; ich bin gewiß, daß du denselben Gedanken gehabt hast. Du würdest dich doch nicht aus dem Elend unserer besten Freunde bereichern wollen; folglich, ehe daß wir der Schenkung entsagen, nimmst du sie an und machst zwei richtige Teile ...«

»Und glaubst du, daß Freund Nebuli sichs gefallen lassen wird, mit mir zu teilen? ...«

»Das wollt ich einmal sehen; er ist es doch nicht, der teilt, wir sinds; und er kann nicht mehr verlangen, dünkt mich; wären wir Millionäre, nun ja ... aber arm, wie auch wir sind ... es wäre denn doch eine schöne Unverschämtheit, zu verlangen, daß wir uns seinetwegen berauben.«

»Er wird gar nichts verlangen, sondern wird nichts von uns annehmen wollen ...«

»Und was wird er in seinem Stolz thun?«

»Er wird auf Kassation antragen.«

»Mag er es thun, wir werden es mitmachen; es wird um so schlimmer für ihn sein; den Prozeß gewinnt er doch nicht.«

»Weshalb?«

»Wenn die Gerichte diesmal ausgesprochen haben, daß der alte Corvi schwachsinnig gewesen, so ist dies ein Zeichen, daß er es in der That war.«

»Dir schien er sonst nicht schwachsinnig.«

»Und dir auch nicht ... Aber hast du ihn gekannt? Habe ich ihn gekannt? Wir sagten nur so ...«

Hier konnte ich mich nicht länger halten, ich schloß ihr den Mund mit einem Kuß und sagte dann leise: »Schweig, schweig.«

Sie sah mich erschreckt an, sie verstand: »Ich wurde schlecht,« sprach sie, »nicht wahr?«

Hier trat Freund Nebuli ein; auf den ersten Blick sah ich, daß er alles wußte.

»Was ist denn Merkwürdiges geschehen?« fragte er.

»O! große Dinge!« antwortete ich, »da lies.«

Er las die beiden Briefe von Signor Pasquali und dem Notar, und sagte: »Seltsame Fügung! Du der einzige Verwandte? ...«

»Weiter sagst du mir nichts?«

»O ... ich freue mich, freue mich wirklich ...«

»Willst du aufrichtig sein?« sagte ich traurig, »du freust dich nicht ...«

»Warum? ... Was verliere ich dabei? Ist es nicht besser, daß mein Unglück einem Freunde nutzt?«

»Ja, es ist besser, du weißt recht gut, daß es besser ist; aber gestehe, daß dich die Nachricht ein wenig verdrossen hat, und daß es einen Augenblick gab, wo dir nichts unerfreulicher schien, als das dir Entrissene im Besitz des Freundes zu sehen, und daß du dieser unwillkürlichen Mißgunst nicht sogleich den Mund geschlossen hast ...«

»Nun ja, es ist wahr; aber jetzt ist es vorüber ... ich schwöre dir, daß ich mich freue, und du mußt es mir glauben.«

Wir drückten einander lebhaft die Hände.

»Also kann ich die Schenkung annehmen?« fragte ich lachend.

»Nimm sie an, natürlich! Aber ich muß dir sagen, daß wir auf Kassation antragen werden, daß wir vierzehn Nichtigkeitsgründe haben ? du wirst es doch nicht übelnehmen?«

»Was denkst du? Fällt mir gar nicht ein! Aber aus Kassation wirst du nicht antragen; dann ist der Prozeß zu Ende, und mein Verwandter wird nichts dagegen haben, daß wir das Ganze in zwei Hälften teilen; meinen Anteil wirst du mir nach deiner Bequemlichkeit geben, immer nach und nach etwas, wenn du ein Dutzend Gemälde verkauft hast; wir werden zusammen arbeiten und es nicht wie die beiden guten Freunde machen, dein Onkel und mein teurer Vetter ...«

Valens blieb ernst.

»Was sagst du dazu?« bestürmte ich ihn.

»Ich kann nicht; deine Großmut ist unserer Freundschaft würdig, aber ich kann nichts von dir annehmen.«

»So,« sagte ich, »von mir nicht, wohl aber von den Gerichten; sag es gerade heraus, daß meine Großmut dich kränkt, daß ich dir ein Almosen gebe ...«

»Ohne Bitterkeit ...« sprach er, »ist es etwa nicht wahr?«

»Nein, das ist nicht wahr!« rief ich aus, »die Gerichte haben heut mir Recht gegeben, aber gestern hatten sie es dir gegeben ... Wir stehen gleich; wenn du auf Kassation anträgst und vierzehn Nichtigkeitsgründe hast, so geht es wieder von vorn an: Du kannst verlieren, ich kann verlieren; unterdessen verzehren die Advokaten unsere Einkünfte und benagen das Kapital, und der Streit frißt unsere Freundschaft an. Thu mir den Gefallen und schreib deinem Advokaten, daß du nicht auf Kassation anträgst, und ich werde meinen aufsuchen, um die Schenkung anzunehmen.«

Meine Beredsamkeit hatte gewirkt; der Freund fiel mir um den Hals und gab mir einen schallenden Kuß.

»Du kennst ?deinen Advokaten??« fragte Valens mich lächelnd.

»Nein, er kennt mich, so wenigstens sagt der Brief ?meines Verwandten?, aber ich habe ihn nie gesehen ...«

»Mir kommt ein Gedanke!« rief Annetta aus.

»Du irrst dich,« unterbrach ich sie, in ihren Augen lesend.

»Signor Bini ... beharrte meine Frau.

»Du irrst,« wiederholte ich, »ich versichere dich,« und ich lachte laut.

»Signor Bini wird heut kommen,« setzte ich hinzu; »du kannst ihn selbst fragen und wirst sehen, daß du dich irrst ...«

»Woher weißt du, daß er heut kommt?«

»Es ist eine fixe Idee von mir, ich bin gewiß, daß er kommt.«

Neunzehntes Kapitel.

Ich blicke hinter die Maske.

 

Wirklich schenkte Signor Bini uns seinen Besuch; wie er sagte: weil er uns so lange nicht gesehen hatte, weil er wahrscheinlich Mailand verlassen würde, und überhaupt, weil er nicht vor unserem Hause Vorbeigehen wollte, ohne hinaufzusteigen ...

Wie man sieht, fehlte es ihm nicht an einem »Warum«!

Mir, der ich ihn neugierig betrachtete, schien es, als hätte ich ihn niemals gelassener gesehen; sein schlaues Lächeln war verschwunden, das Funkeln seiner Augen erloschen.

Wir waren allein, niemand konnte uns ausspähen, und nun gerade versuchte auch ich Komödie zu spielen; ich setzte mich ihm gegenüber, hielt mich ebenso stramm, wie er, und nötigte ihn, mir die Worte eins nach dem anderen wie Goldstücke abzugewinnen. Bei diesem Spiel verlor der alte Herr früher als ich die Geduld, als er sah, daß es ihm nicht gelang, mich aus meiner Verschanzung ins offene Feld vertraulichen Geplauders, auf dem er sich stärker wußte, zu locken; als er sah, daß ich, wenn er schwieg, den Regeln des guten Konversationstons entgegen, ebenfalls stumm blieb, daß seine kurz gefaßten Fragen noch kürzer beantwortet wurden, da entschloß er sich endlich zu sagen: »Lieber Signor Ferdinando, ich habe ein gutes Auge, ich sehe, daß etwas Sie beunruhigt, das Sie mir verbergen; es ist doch nichts Schlimmes geschehen?«

»Durchaus nicht ...« sagte ich triumphierend, »im Gegenteil, lesen Sie.«

Und ohne jede Vorbereitung überreichte ich ihm die beiden Briefe.

Er nahm und las sie ganz wie sichs gehört, nachdem er zuerst die Aufschrift eines jeden angesehen; ich verwendete kein Auge von ihm, und er fuhr im Lesen fort, die Lippen leicht bewegend, sich zuweilen gegen das Licht wendend, wenn ihm eine Stelle nicht deutlich war ...

»Was sagen Sie dazu?«

»Sehr seltsam.«

»Ja, seltsam ist es.«

Gleich darauf legte sich Signor Bini aufs Fragen. »Ob ich geantwortet hatte? Ob nicht? Was ich zu thun gedächte? Wußte Valens? ...«

»Es ist eine delikate Sache,« bemerkte er darauf.

»Ja, sehr delikat.«

»Und gefährlich.«

» Das ganz und gar nicht; die wahre Freundschaft wird durch eine erbärmliche Frage des Vorteils nicht gefährdet.«

»Wenn aber der Ehrenpunkt hineinspielt ...«

»Wir lassen ihn nicht hinein ... es gab einen Augenblick, wo ...«

»Aha! es gab einen Augenblick, wo ...?«

»Nur einen einzigen; Valens und ich sind jetzt einverstanden.«

Und nun sagte ich ihm alles; zum erstenmal, seit ich diesen Mann kannte, sah ich ihn bewegt; er erhob sich, drückte mir die Hand und rief mir »Bravo!« zu.

Ich begleitete ihn auf den Flur hinaus und war schon im Begriff, die Thür zu schließen, da öffnete ich wieder, als hätte ich etwas zu sagen vergessen, und rief einfach: »Signor Pasquali!«

Der alte Herr, der schon einige Stufen hinab gestiegen war, wendete sich auf der Stelle um und starrte mich einen Augenblick mit offenem Munde an.

»Signor Pasquali,« wiederholte ich mit vollkommener Natürlichkeit.

Nun stieg der apokryphe Signor Bini wieder herauf, ergriff meine Hände, sah mir in die Augen und stimmte schließlich ein Gelächter an, das ich zu einem frohen Duett vervollständigte.

Als es uns nach vergeblichen Versuchen gelang, wieder ernsthaft zu werden, und zwar (wies gewöhnlich geschieht) etwas ernster, als uns natürlich war, sagte ich: »Signor Pasquali, ich begreife, daß Sie uns bis zur Prozeßentscheidung täuschten; ich hätte es ebenso gemacht; ich erkläre mir auch die Beibehaltung des Geheimnisses bis nach dem Urteilsspruch, weil ein Mann der Ordnung, wie Sie, die hübsche kleine Komödie nicht ein paar Scenen vor der Lösung aufgeben konnte; aber bedenken Sie, daß Sie jetzt einen Eingeweihten haben und ihn nicht ungeduldig machen dürfen.«

So sprach ich scherzend.

»Weiß Valens?« fragte mich Signor Pasquali.

»Nichts weiß er.«

»Lassen Sie mir den Genuß der Katastrophe; sagen Sie ihm nichts ...«

»Bis wann?«

»Bis morgen abend.«

»Gut denn, bis morgen abend.«

Dann ging er vergnügt die Treppe hinunter, und ich vergnügt in meine Wohnung; aber fünf Minuten darauf suchte ich Valens auf. Ich hatte mir vorgenommen, ihm nichts zu sagen, und vielleicht gerade deshalb verlangte mich, ihn zu sehen, ihn sprechen zu hören, die Süßigkeit meines Geheimnisses wie ein Geiziger für mich zu genießen.

Es schien mir, daß Marco, der mich im Vorzimmer empfing, etwas weniger feierlich als gewöhnlich aussähe, was mich schon genügend mit Verwunderung erfüllte, aber man denke sich mein Erstaunen, als er mit einem leutseligen Ton, dessen ich ihn gar nicht für fähig gehalten hätte, mich zurückhielt, um mir zu sagen, daß er mir etwas zu sagen habe.

»Was denn?« fragte ich, indem ich mich zu meiner ganzen Länge aufrichtete und ihn innerlich »Marco« anredete.

»Vorgestern hat Signor Nebuli mir gekündigt ...«

»So?«

»Ja ... und da ich einen Herrn gefunden habe, der mich sogleich braucht, so wollte ich Sie ersuchen, ihn zu bitten, daß er mich heut schon gehen läßt; wissen Sie, ich würde so etwas nicht thun, wenn es sich nicht um meine Stellung handelte ... denn, sehen Sie, verlieren thut man ein gutes Haus schnell, wenn der Teufel sich hineinmischt, aber eins wiederzufinden, ist schwer ...«

Bei diesen letzten Worten hatte er seine wahrhaft exemplarische Würde wieder angenommen; dennoch antwortete ich ihm: »Ich werde Ihren Wunsch erwähnen, ?Marco?, und kann Ihnen versprechen, daß Sie sogleich entlassen werden.«

»Ergebensten Dank.«

Ich trat ins Atelier ... und was sah ich? Ein angefangenes Gemälde auf der Staffelei, ein anderes gegen die Wand gelehnt, und Signora Chiarina, die sich ganz verlegen mit einem anmutigen Ausdruck der Besorgnis vor das letztere gestellt hatte.

Valens war nicht da.

»Wie geht es Ihnen?« fragte ich.

»Gut; und Ihnen? und Annetten?« stotterte errötend das liebliche Geschöpfchen.

Und ich neckend: »Was haben Sie denn? Was verstecken Sie vor mir? Lassen Sie mich dies Gemälde sehen ...«

Sie errötete wo möglich noch lebhafter; endlich, indem sie den Arm ausstreckte und mir, wie um Versöhnung bittend, ihr Händchen reichte, aber ohne von der Stelle zu weichen, sagte sie: »Sie werden nicht böse deswegen sein? ... werden mir verzeihen? Valens ist nicht schuld daran, ich versichere Sie ... es war ein Einfall von mir, ich weiß recht gut, daß es bei Ihnen nicht nötig war ...«

»Was denn? ... Wie denn? ... Warum? ...«

»Versprechen Sie mir zu lachen,« bat die schöne kleine Frau.

Ich lachte.

»Sie werden sich wirklich nicht gekränkt fühlen?«

»Aber worüber nur?«

Nun entfernte sie sich langsam mit etwas niedergeschlagenen Augen und ich erblickte ... errät es der Leser? ... mein erstes Gemälde, welches ich auf die Ausstellung geschickt hatte, und das wunderbarerweise schon nach acht Tagen verkauft war.

Die unbekannte Fremde war sie, war dies herzige Frauchen, das über ihren liebevollen Einfall Reue fühlte, wie über eine Schuld.

Ich gestehe, daß ich ein Körnchen Aerger empfand, nur ein Körnchen; dann nahm die Dankbarkeit mein ganzes Herz ein und ließ keinen Raum für die kleinliche Eitelkeit, und als ich mich imstande fühlte, der Signora Chiarina aufrichtig zu danken, da erst trat der Russe aus dem Nebel der Vergessenheit hervor, um mich zu trösten, und hinter ihm der unbekannte Käufer der beiden anderen Gemälde.

»Vergeben Sie mir?«

»Ich vergebe Ihnen,« antwortete ich, »wenn Sie mir nur nicht den Streich gespielt haben, auch die ?Fischerfamilie? zu kaufen ... Lassen Sie mal sehen, haben Sie nicht vielleicht auch einen Russen, so lang, so trocken und mager wie ich, beauftragt, das ?Netz? so schön zu finden und sich für achthundert Lire darin fangen zu lassen?«

»Nein, nein ... und am Ende,« sagte Chiarina, die allmählich ihre Fassung wiedergewann, »Ihr Gemälde gefiel mir gar zu sehr, wir waren reich ... wem schadet es? Wir wollten es Ihnen auch sagen, aber Sie schienen so glücklich darüber, daß eine Fremde Ihr Bild gekauft ...«

Es ist wahr, es hatte mich so glücklich gemacht, daß es schade gewesen wäre, mir die Freude zu verderben. Ich gab es gern zu; als Valens kam, küßte ich ihn aus herzlicher Dankbarkeit.

»Du mußt mir einen Gefallen thun,« sagte ich dann zu ihm, »du hast den guten Kerl, den Marco verabschiedet ...«

»Ja, auch den Koch, ich fange an, sparsam zu werden.«

»Nun, der arme Marco bittet mich, du möchtest ihn schon heut entlassen; er hat einen guten Herrn gefunden ... und ...«

»Er mag gehen,« sagte Valens vor sich hin lächelnd.

»Weshalb lachst du?«

Er antwortete mir nicht, aber sobald wir einen Augenblick allein waren, sah er sich um und sprach mit einem geheimnisvollen Lächeln: »Signor Bini hat wieder einen seiner Scherze vollführt.

»Ja?«

Er gab mir einen Brief, ich suchte nach der Unterschrift, und las: »Der Vater Chiarinas.«

Der Inhalt lautete:

 

»Ich stehe allein in der Welt, ich bin alt: der Himmel sendet mir eine Tochter, da ich es am wenigsten erwartete; Dank dem Himmel! Kommen Sie morgen um fünf Uhr nach Via Bigli, Nr. 19, ich habe gute Nachrichten für Sie; bringen Sie Ihre Gattin, Ihren Freund Ferdinando und die Signora Annetta mit; wir wollen Frieden schließen ... Ach, möchte meine Tochter mich nicht zurückweisen!

Mailand, 20. Dezember.«

 

»Nun wohl, das ist ohne Zweifel von ihm! Es ist übrigens eine Einladung zum Mittagessen.«

»Wieso will er aber Frieden schließen? Haben wir denn je Krieg mit ihm gehabt?«

»Das ist eine Metapher,« antwortete ich lachend. »Wirst du hingehen?«

»Das heißt: Werden wir hingehen? ... Ich denke, ja ... er hat gute Nachrichten für mich! ...«

Ich begriff, welche trügliche Hoffnung er sich machte, aber ich ließ sie ihm; was konnte es schaden?

»Sonderbar,« sagte ich, indem ich noch einen Blick in den Brief that, »mir ist, als hätte ich diese Schriftzüge schon sonst gesehen!«

»Dir auch? Weißt du, mir kam es vor ... doch Signor Bini hat mir ja nie geschrieben ...«

»Auch mir nicht ... aber diese ? g? mit dem Hakenschwanz sind mir schon irgendwo vorgekommen, und diese gezirkelten ? o? habe ich auch schon irgendwo angetroffen.«

Ich stand einen Augenblick in Gedanken. »Nein, nein, Signor Bini hat uns nie geschrieben ...«

... Mir blitzte eine Idee auf, und indem ich that, als suche ich etwas in meiner Brieftasche, warf ich einen Blick aus Signor Pasqualis Schreiben aus Lecco. Nicht die geringste Aehnlichkeit.

Zehnmal in wenigen Minuten war ich versucht, Signor Binis Geheimnis auszuplaudern; doch begnügte ich mich zu lächeln, damit Freund Nebuli fragen sollte: »Was hast du?« ... und ich ihm abwehrend antworten konnte: »Nichts ... nichts.«

Zwanzigstes Kapitel.

Signor Salvioni liest.

 

Als wir uns am folgenden Tage nach Via Bigli begaben, war es uns allen ungefähr, wie wenn man zu einer heiteren Komödie geht: aber ich allein glaubte, den Inhalt des Stückes zu kennen: »Der Signor Bini hat eine Tochter vom feinsten Pariser Fabrikat gefunden und will sie nicht herausgeben ... um so mehr, da sich niemand meldet, um sie zurückzufordern. Wenn das alles in Ordnung ist, so klappt Signor Bini auseinander und zieht sein ?anderes Ich?, den Signor Pasquali hervor; dieser, um mit seinem Gegner im Prozeß Frieden zu schließen, gibt ihm ?die Tochter des Signor Bini? zur Frau.«

Aber der alte Schelm machte mich gleich anfangs irre, indem er die Katastrophe, nämlich was ich dafür hielt, schon an den Eingang setzte; denn wir alle konnten am Thürschild in sehr deutlichen Buchstaben »Pasquali« lesen.

»Wie?« rief Valens aus, »es ist also nicht Signor Bini ...«

Da mich dünkte, dieser Name an der Thür ermächtige mich, alles zu sagen, was ich wußte ? so erwiderte ich: »Es ist und ist auch nicht Signor Bini; denn wie du neulich ganz richtig sagtest, Signor Bini ist nicht Signor Bini. Um deutlicher zu sein: Dein Prozeßgegner, der geheimnisvolle Käufer deiner ?Venus?, der ?vermeintliche? Vater Chiarinas, sind drei Personen in einer. Und nun laßt uns ihn mit einem fröhlichen Gelächter begrüßen!«

Und während es unsere Damen anmutig diesseits der Thür anstimmten, fiel der Glockenzug lärmend jenseits der Thür ein; dann öffnete sich diese und es erschien ... man wird es leicht erraten ... Marco, der feierliche Marco in der neuen Livree, würdevoll und jeder Erregung unzugänglich.

Auch unsere einander zugeworfenen Blicke, unsere laute Heiterkeit steckten ihn nicht an; er führte uns in einen »geräumigen, reich ausgestatteten, glänzend erleuchteten Saal«, wie im letzten Akt eines Lustspiels, wo die Hochzeit stattfindet. In der Mitte der einen Wand prangte Signor Nebulis »Schaum des Meeres«, mit zweien meiner Schöpfungen zur Seite, den letzten, welche die permanente Ausstellung verlassen hatten. Ich wendete mich zögernd um, mit großer Furcht, an der Wand gegenüber meiner »Fischerfamilie« zu begegnen, und freute mich, sie nicht zu finden. So hatte wenigstens mein Russe nicht zum Scherz gekauft! Eine schmerzliche Wahrheit verkündeten mir diese beiden Gemälde: daß sich Genrebilder in Mailand nicht so viel leichter verkaufen als in Turin, wie Annetta und ich uns eingebildet hatten.

Einen Augenblick darauf trat Signor Pasquali ein.

»Lieber Signor Bini,« redete ich ihn an.

»Signor Bini ...« wiederholte ein lachender Chor.

»Pasquali Bini, wenn es Ihnen beliebt,« antwortete er ohne jede Verlegenheit, »nehmen Sie Platz; Sie, mein Töchterchen in diesem Sessel neben dem Papa ... Denn Sie müssen wissen,« fuhr er fort, »daß ich eine Tochter gefunden habe ... hier ist sie ... wollen Sie in meine Arme kommen, Signora Chiarina? ... Nein? nun, Sie werden es später thun ...«

Wir suchten ihn zu unterbrechen; es war nicht möglich.

»Lassen Sie mich ausreden; Sie müssen wissen, daß ich ein wenig eigensinnig bin; ich mag gern, daß die Dinge nach meinem Sinne gehen, und gewöhnlich lassen Sie sich nicht allzu lange bitten. Jetzt möchte ich, daß Signora Chiarina meine Tochter sei, daß Sie mich ?Papa? und ?Du? nennt und mir jeden Morgen einen Kuß gibt.«

»Aber Sie sind doch nicht mein Vater!« bemerkte Chiarina.

»Was wissen Sie davon? ... Ich werde mich auf das Civilstandesamt begeben, um zu erklären, daß Sie meine Tochter sind, und alle werden es glauben; heißt es doch Civilstandesamt, weil es dort lauter civile Leute gibt, die nicht imstande sind, einen vom Rheumatismus und von Reue geplagten Greis Lügen zu strafen. Sobald ich Sie anerkannt habe, heißen Sie Chiarina Pasquali, verwitwete Salvioni ...«

»Verwitwete?!« rief Valens aus.

Aber der alte Herr fuhr unaufhaltsam fort: »Sie werden Chiarina Pasquali heißen, und um dem Gesetz des Blutes Genüge zu thun, werden Sie mir zuerst so gut sein (er berührte das erste Fingerglied), dann so gut (er berührte das zweite), dann noch ein bißchen mehr, und ich will fürs erste damit zufrieden sein; bekommen Sie mit der Zeit Lust, mich kindlich zu verehren, so werde ich mich gern verwöhnen lassen und Ihnen zulieb so lange wie möglich auf Erden weilen. Nein? es ist Ihnen alles nicht recht? nun, dann mache ich mich bald davon und lasse Sie als Erbin meiner Habe zurück ... Was Sie betrifft, Signor Ferdinando, so wissen Sie, daß wir Verwandte sind ...«

»Entfernte!« fiel ich ein.

»Jawohl, entfernte, und es ist ein Glück für mich, daß ich Sie nicht aus den Augen verloren habe; also thun Sie mir den Gefallen, die Schenkung anzunehmen, und sprechen wir nicht mehr davon.«

Nachdem Valens der allgemeinen Heiterkeit seinen Tribut gezollt hatte, wurde er wieder nachdenklich.

»Worüber sinnen Sie nach?«

»Ich denke, daß Ihr Scherz sehr liebenswürdig ist, daß ich aber nicht zugeben kann ...«

»Sie haben weder etwas zuzugeben noch zu verweigern; fragen Sie nur Ihren Advokaten; Sie müssen dazu schweigen; seiner Zeit werden Sie um die Hand meiner Tochter anhalten ... und wir werden ja sehen ...«

Hier seufzte Valens tief und Signora Chiarina ließ den Kopf auf die Brust sinken. Da erhob sich der Alte, und rief laut zu einer Thür hinaus: »Signor Salvioni, kommen Sie doch.« Bei diesem Namen blickten Valens und Chiarina zaghaft aus. Auch mir kam ein entsetzlicher Gedanke und blitzschnell that sich eine ungeheuerliche und grausame Komödie vor mir auf; aber der Signor Salvioni erschien und war die harmloseste Person von der Welt, es war der Schein-Salvioni, der mit der Kleinen, mit der Nähmaschine, mit dem großen Appetit, der Salvioni, dessen Brief uns jenen entsetzlichen Schrecken gemacht hatte ...

Signor Pasquali stellte ihn uns als seinen Sekretär vor.

»Ich errate!« rief Valens aus. »Er ists, der das Briefchen von gestern geschrieben hat!?«

» Er ists,« setzte ich hinzu, »der die ? o? mit dem Zirkel zieht und die ? g? mit einem Häkchen macht!? ... O es schadet ja nichts, Signor Salvioni, machen Sie sie nur weiter so ...«

»Er ist es,« antwortete der alte Herr, »und da er Ihnen solchen Kummer wegen seines Namensvetters verursacht hat, so soll er das jetzt sühnen. Lesen Sie, Signor Salvioni.«

Wie verändert war der Signor Salvioni! Das Glücksgefühl hatte seinen verwilderten Bart entfernt, seine unordentlichen Haare geglättet und ein schickliches Lächeln auf seine sekretariellen Lippen gerufen. Er las mit lauter Stimme ein kurzes Schriftstück vor, ein Juwel an Gedanken, Form und Sprache. Beim ersten Satz fielen Chiarina und Valens einander in die Arme; am Schluß ward das Umarmen allgemein; Signora Chiarina empfing Annettas, des alten Herrn und meine Küsse, das heißt meinen Kuß, einen einzigen. Und um gerecht gegen meine Frau zu sein, sie war es, welche mich zu dieser That spornte.

Signor Salvioni hatte sich bescheiden in eine Ecke gedrückt und begnügte sich, ein Lächeln zu dem Freudenfest beizusteuern; er begriff wohl nichts davon, als daß noch ein anderer Salvioni auf der Welt gewesen, der vor zwei Jahren in Kairo den glücklichen Einfall gehabt hatte, sie zu verlassen.

Wie hatte sich nun Signor Pasquali diese unschätzbare Nachricht verschafft?

»Dadurch, daß ich mich ernstlich damit beschäftigte,« antwortete er. »Valens Nebuli gab sich vielleicht in den ersten Tagen nach Giorgiones Tode einige Mühe, aber wahrscheinlich wurde er dann lauer; er wird seine Gründe gehabt haben ... Ich ließ es mich natürlich einiges Geld kosten, mir dieses Stückchen Papier zu verschaffen ... Der Himmel bewahre mich davor, die Beamten des Staats, diese braven, mageren und redlichen Leute zu verleumden, aber das Geld, das so vieles verdirbt ? wenn man es richtig auszugeben versteht, so ebnet es auch vieles.«

»Und wie haben Sie es angefangen?« begann ich wieder (nachdem ich bemerkt hatte, daß Signor Salvioni verschwunden war), »wie sind Sie, am See von Lecco lebend, auf eine so glückliche Idee gekommen?«

»Wie ich es angefangen habe? Als ob ich das wüßte! Nach und nach sind mir die Gedanken gekommen. Das ist eine lange Geschichte ... wollte ich sie erzählen, so würden Sie Geduld und Appetit verlieren ...«

»Reden Sie, reden Sie ...«

Und nun sprach er: »Nein, die Geschichte ist kurz, ich mache sie in vier Worten ab,« und er erzählte etwa so: »Ich war allein, ich langweilte mich: seit vielen Wochen brachten mir die Zeitungen, auf die ich abonniert bin, keine merkwürdige Neuigkeit; mein Advokat wiederholte mir immer dasselbe: er behauptete so unaufhörlich, der alte Corvi sei schwachsinnig gewesen, daß mir endlich schien, die Zeitungen, die Welt, der Advokat und ich seien sämtlich schwachsinnig geworden ohne es zu ahnen, wie es wahrscheinlich dem seligen Corvi gegangen ist.

»Da kam zu rechter Zeit die Begeisterung für den ?Schaum des Meeres?. Morgens, abends, nachts sprachen die Zeitungen mir von Valens Nebuli; der Schöpfer des ?Schaumes? war für alle ein großer Künstler, nur für meinen Advokaten blieb er die ?Gegenpartei?.

»Mir kam die Lust, das Meisterwerk zu sehen; als ich es gesehen, wollte ich es kaufen; als man mir sagte, daß es nicht verkäuflich sei, wollte ich die ?Gegenpartei? kennen lernen, und als ich Nebulis Bekanntschaft gemacht, verliebte ich mich in seine Frau.

»Mir war, als fühle ich wieder ein wenig junges Blut in den Adern; ich wollte dies, das, jenes thun; was wollte ich nicht alles mit meinem Gelde beginnen, um den Schaden wieder gut zu machen, den es mir zugefügt hatte? Aber man hat nicht umsonst so viele Jahre mit den Gerichten zu thun, man verliert nicht umsonst einen Freund, die Gesundheit und den Gleichmut; erst mußte ich den Prozeß gewinnen. Ich wartete, unterdessen verwickelten sich die Dinge: solange ihr mich beargwöhntet, amüsierte mich das; als ihr mir euern Kummer offenbartet, da sorgte auch ich Mich um euch; endlich thaten die Gerichte ihren Ausspruch. Den letzten Akt der Komödie kennt ihr; hier ist die Lösung: Chiarina Pasquali, verwitwete Salvioni, liebt den Maler Nebuli ? und umgekehrt; der Papa willigt ein, sorgt für die Mitgift; Hochzeit.«

Valens wollte sich dagegen auflehnen; wie gewöhnlich wollte ers nicht zugeben: aber der alte Pasquali schloß ihm mit diesen Worten den Mund: »Nehmt an, ich sei tot ? mein Testament wird geöffnet, ihr seid als Erben eingesetzt; lehnt ihr es ab, so erbt der Staat, der sich keine Bedenken macht. Richten wir denn, anstatt eines Begräbnisses, ein Hochzeitsmahl her: Sie, Signor Valens, nehmen die Mitgift und lassen mich noch ein Weilchen leben ... Ich sehe nichts so gar Schlimmes dabei ...«

Marco trat ein: er blieb einen Augenblick in der Thür stehen, dann schlug er die Portiere zurück.

Und nun bot Signor Pasquali, seine lange Gestalt beugend, den Arm ritterlich der Signora Chiarina, die sich vor Lachen und Vergnügen nicht zu lassen wußte. Valens führte meine Frau, ich ging hinterdrein.

Bei Tische erfuhr ich noch eines: Salvionis Töchterchen war in einer Erziehungsanstalt untergebracht, wohl verstanden, mit ihrer Freundin, der Nähmaschine.

»Uebrigens, Signor Ferdinands, die Maschine hat hundertundzwanzig Lire gekostet,« sagte der Alte zu mir, »Sie sind mir sechzig Lire schuldig. Vergessen Sie das nicht: erinnern Sie ihn daran, Signora Annetta, denn Ihr Gatte ist so unordentlich!«

Einundzwanzigstes Kapitel.

Nach dessen Beendigung ich die Feder niederlege, um zu meinen Pinseln zurückzukehren.

 

Heut ist etwas Ungewöhnliches in der Luft: durch das offene Fenster dringt der Märzhauch ein, um den Frühling zu verkünden, und unser Herz thut sich auf, wie um die Freude zu empfangen.

Heut morgen erwachte Annetta singend, erwachte ich mit einer brennenden Lust, das letzte Kapitel unserer Geschichte zu schreiben. Habe ich gut oder übel daran gethan, sie aufzuzeichnen? Ich beruhige mich damit, daß es geschehen mußte; denn wenn das Schicksal einen merkwürdigen heiteren Roman verfaßt, so behaupte ich, daß immer noch etwas dabei fehlt, nämlich jemand, der ihn wohl oder übel aufs Papier bringt.

Das gehört zur Ordnung der Dinge, und seit Signor Pasquali fern ist, finde ich mich wieder der Ordnung mehr zugethan, als er von mir behauptet.

Signor Pasquali ist seit zweieinhalb Monat in Paris, und Chiarina und Valens sind bei ihm. Sie reisten noch den folgenden Tag nach jener kleinen Aufführung in Via dei Bigli Nr. 19 ab, denn Signor Pasquali gab zu bedenken, daß man erfreuliche Dinge nie eilig genug ausführen könne, und Chiarina und Valens fanden diese Maxime sehr verständig.

Annetta stellte zwar die Behauptung auf, man dürfe auch die verständigsten Grundsätze nicht übertreiben; aber da jene doch einmal reisen mußten, überwand sie sich und sagte ihrer Chiarina ebenfalls: »Reise morgen, schreib mir und komm bald zurück!«

Sie reisten am 22. Dezember ab; am 23. erhielten wir den ersten Brief von Chiarina aus Turin; hier ist er:

 

»Liebste Annetta!

Es sind erst wenige Stunden, seit ich Dich nicht gesehen, und doch ist mir, als hätte ich Dir so viel zu sagen. Höre eines, was mir ganz aus dem Gedächtnis gekommen war, in zwei Tagen haben wir Weihnachten; der kleine Giovanni Battista wird erscheinen, um mir zu zeigen, daß er das ganze Alphabet kennt, und dafür den Silberskudo und die Jacke zu bekommen. Was wird er sagen, wenn er mich nicht findet? Er darf nicht schlecht von mir denken, und deshalb bitte ich Dich, meine Stelle zu vertreten. Da ich an dem Tage nicht bei euch sein kann, so wird es mich glücklich machen, in Gedanken Dich und Deinen Mann zu sehen, wie ihr meinen kleinen Freund examiniert. Nehmt euch in acht, daß ihr es ihm nicht zu lange macht, denn Giovanni ist kein Held. Es fehlen nur wenige Minuten bis zur Abfahrt; Signor Bini sagt mir, daß ich nur eben noch Zeit habe, einen Kuß für meine liebste Freundin und einen Händedruck für Signor Ferdinando beizufügen.

Chiarina.

P.S. Sollte Giovanni Battista noch nicht alle Buchstaben gut kennen, so bitte ich Dich, ein Auge zuzudrücken.«

 

Am Tage vor Weihnachten wurde mir der Auftrag, die Höschen und die Jacke von grobem grauem Tuch zu erstehen und einen neugeprägten Silberskudo zu beschaffen, glänzend wie ein Stern.

Wir hatten den Portier angewiesen, Giovanni Battista heraufzuschicken, und kaum erwacht, sagte Annetta am Weihnachtsmorgen zu mir: »Wer weiß, ob der Kleine kommt?«

»Ob!«

Wäre er ausgeblieben, es hätte mich betrübt; aber er kam, und hatte es sogar eilig, denn während wir ihn gegen Mittag erwarteten, stieg er schon um neun Uhr morgens die Treppe herauf. Das Dienstmädchen rief uns, weil es etwas Schönes zu sehen gebe; Annetta und ich stellten uns an das Guckfensterchen nach dem Flur und erblickten den kleinen Giovanni, der mächtige Sprünge nach dem Glockenzuge that, ohne ihn zu erreichen.

Endlich wurde ihm geöffnet, er trat ein. Ein neues Licht schien mir sein Gesicht zu verklären, das, wenn nicht gerade weiß, doch jedenfalls hellfarbiger, als das erste Mal war; aber nicht das Licht des Wissens oder der Civilisation war es, wie Annetta scherzend meinte, sondern Giovanni hatte sich das Gesicht, mit Verschonung des Halses und der Ohren, gewaschen.

Der arme Bursche lachte, um seine Angst zu verbergen; aber wie sehr er sich auch zusammennahm, ein Held war er nicht ? durchaus nicht ? und der Anblick eines großen B (das sein unversöhnlicher Feind sein mußte), genügte, um ihm bange zu machen, er habe das ganze Alphabet aus dem Kopfe verloren.

»Laß hören,« sprach ich, »es ist gar nicht schwer: Was für ein Buchstabe ist es? Warum willst du es mir nicht sagen?«

»Erre,« stotterte er.

»Nein,« sagte Annetta.

»Und dieser?« fiel ich ein, und machte meiner Frau ein Zeichen »sieh ihn recht an.«

Giovanni war nicht einen Augenblick schwankend; es war da nichts zu zweifeln, ein V! man denke! Als er alle Buchstaben gelesen hatte, berichtigte ich freundlich seinen ersten Irrtum, machte ihn auf den tiefen Unterschied zwischen dem großen R und dem großen B aufmerksam und gab ihm sichere, leichte und unvergeßliche Kennzeichen an, mit denen er nie wieder ähnlichen Verwechselungen ausgesetzt sein könne.

O, wenn Signora Chiarina mich gehört und die Freude auf Giovannis grauschwärzlichem Gesichtchen gesehen hätte, als er die schöne Jacke, den blanken Skudo und die delikaten Weißbrötchen erhielt!

Als ich am Abend unter die täglichen Ausgaben auch das Geschenk für unseren kleinen Gelehrten aufzeichnete, hielt ich Annetta, die eben hinausging, mit der Frage zurück: »Wieviel hat uns also im ganzen dies gute Werk gekostet?«

»Achtzehn Lire und fünfzig Centesimi.«

»Und wieviel glaubst du, daß es wert ist?«

»Achtzehn Lire und fünfzig Centesimi.«

»Sehr richtig,« sagte ich; »aber diese achtzehn Lire fünfzig Centesimi haben einen gewaltigen Wert, sie haben den Wert einer großen Freude, einer ganzen vollen Glückseligkeit. Und beachte, was ich hier dazu schreibe ...«

Und ich machte bei den 18,50 ein Zeichen (1) und schrieb an den Rand: »(1) Das Geld ist so viel wert, wie die Freude, welche es bereitet, wie die Wohlthat, welche es gewährt; wer das Geld verachtet, zeigt, daß er es nicht zu verwenden versteht; und wer da glaubt, man lege zu viel Wert darauf, wenn man sparsam damit umgeht und die Centesimi zu Rat hält, der weiß es eben nicht richtig zu schätzen.«

»Und für wen schreibst du diesen schönen Ausspruch auf?«

»Für unsere einstigen Kinder; ich wünsche, daß sie in diesem Büchelchen der täglichen Ausgaben etwas von der Seele des Vaters finden, der sie so lieb hatte.«

»Unsere Kinder!« sagte Annetta vor sich hin und mußte unfreiwillig lächeln. »Ich habe das längst aufgegeben.«

»Ich nicht; wir sind erst drei Jahre verheiratet. Hatte nicht Signora Carolina ein reizendes Töchterchen, sieben Jahre nach der Hochzeit? Und deine Turiner Freundin Clotilde? Und die andere? ... wie hieß sie doch?«

Ein Sperling hat sich aufs Fensterbrett gesetzt, hat mit der Genauigkeit eines Veterans einen halben Bogen nach rechts und einen halben nach links gemacht, hat mir dann mit einem bedeutsamen Blick ein Wörtchen gesagt, das ich sehr gut verstand, und hierher schreiben möchte ? Ende!

Aber ich traue der Sache noch nicht; ich könnte noch etwas vergessen haben.

Ach, richtig! ich habe noch nicht gesagt, daß eine wundervolle Ueberraschung für Valens und Chiarina im Werke ist. In ihrer Wohnung gab es, wie der Leser sich erinnert, einiges Ungeeignete zu verbessern; aus dem Atelier mußte ein Salon gemacht werden, aus zwei Schlafzimmern eins. Das alles ist besorgt.

Und ich habe noch nicht gesagt, daß Valens vor vierzehn Tagen mir in einem Briefe anvertraute, er sei von einer ungewohnten Leidenschaft erfaßt, nämlich: viel zu arbeiten. Und ich begriff, woher: weil seine Zukunft jetzt nicht länger unklar vor ihm liegt, nicht mehr im Streit mit der Gegenwart ist.

Endlich habe ich noch nicht gesagt, daß sie, nämlich Chiarina »Pasquali« und Valens Nebuli, seit acht Tagen wirklich Mann und Frau sind; und wenn meine Annetta sich von Zeit zu Zeit auf den Fußspitzen hinter mich schleicht, den Umhang umgethan und den Hut aufgesetzt hat, so thut sie das, weil nur noch vierzig Minuten an der Ankunft des Zuges fehlen, und vor Ungeduld verleumdet Annetta meine Uhr ? eine bescheidene Genfer, aber auf den erforderlichen acht Rubinen laufend, und unfähig, einen längeren oder kürzeren Schritt, als nötig, zu thun.

Ungeduldig bin auch ich, aber ich weiß, daß wir nur fünfzehn Minuten bis zum Bahnhof gehen und daß ich nur den Paletot überzuziehen brauche, um fertig zu sein.

Und übrigens habe ich dem Leser noch nicht gesagt, wer mit dem elf Uhr fünfzig Minuten-Zuge ankommt, aber er hat es gewiß erraten.

Der prächtige Signor Pasquali kommt, es kommt mein bester Freund, es kommt das anbetungswürdigste Frauchen auf der Welt ... nach meiner Frau.

P.S. Anmerkung meiner Gattin: Heuchler!

 

Ende.

 


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