Aus des Meeres Schaum

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Erstes Kapitel.

Hier wird man sehen, wie wunderbar sich manches in der Welt trifft.

 

Es war eine jener seltsamen Fügungen, an welchen das Leben so reich ist.

Ich kam eben von der Besichtigung einer kleinen Wohnung im dritten Stock, die mir ausnehmend gut gefallen hatte, und eilte nach dem Hotel zurück, um sie meiner Annetta zu beschreiben, welche mich dort erwartete.

Aber ich will nicht so ohne Regel und Ordnung anfangen.

Was für eine Wohnung hatte ich besehen? Wer war Annetta? Wo trug das Begebnis sich zu? Annetta ist meine Frau, der Ort Mailand, die Wohnung sollte unser künftiges Nestchen sein.

Nun wirst du sehen, lieber Leser, mit welchem Recht ich von einer seltsamen Fügung sprach. Ich habe viel über Fügungen und über den Zufall nachgedacht.

Laß hören: Du gehörst doch nicht zu denen, welche den Zufall leugnen?

Nein? Das ist recht! Es gibt einen Zufall, und man muß allen Respekt vor ihm haben.

Aber was ist er? Ist er die Unordnung oder die Ordnung des Geschehenden? Du sagst die Unordnung, weil du ihn mit dem Unerwarteten verwechselst und ihn auf die beschränkte menschliche Einsicht beziehst: ich sage die Ordnung, weil ich ihn an sich auffasse und ihn auf eine Reihe von Thatsachen beziehe, über welche ich mir nicht Rechenschaft geben kann, deren wunderbares Zusammentreffen ich aber anstaunen muß. Ich will mich durch ein Beispiel deutlich machen: es lag ein Dachziegel auf einem Dache, er hat sich losgelöst und ist hinuntergefallen: ein Mensch ging gerade in dem Augenblick vorüber und bekam ihn auf den Schädel. ? Da haben wir die Unordnung, da haben wir den Zufall, sagst du, denn du meinst, der Ziegel habe die Bestimmung, auf dem Dache zu bleiben. ? Aber wer hat jenem Menschen eingegeben, gerade in der Minute das Haus zu verlassen, in solchem Schritt zu gehen, so lange und nicht länger vor einem Laden zu verweilen, und gerade unter der Falllinie des Ziegels vorbei zu gehen?

Und wer hat den Ziegel geheißen, nicht eher das Gleichgewicht (welches die Geduld der Dachziegel ist) zu verlieren, bis jener sich in der Ebene befände, auf welche seine Senkrechte trifft? In der bewundernswerten Genauigkeit all dieses Zusammentreffens sehe ich die Ordnung, und das ist der Zufall.

Du wirst schon bemerkt haben, lieber Leser, daß ich ein Mann der Ordnung bin, daß in mir das Zeug zu einem Mathematiker steckt; deshalb wirst du erstaunen, wenn ich dir sage, daß ich auch ein Maler bin ? jawohl, Porträtmaler und Genremaler, wie es dir beliebt, und in den Mußestunden Philosoph.

Ich bin volle dreiunddreißig Jahr; ich verheiratete mich mit dreißig Jahren, wie es sich gehört; Kinder habe ich leider nicht. Mein Ideal wäre eine symmetrische Nachkommenschaft, ein Knäblein und ein Mägdlein, oder das Doppelte, oder das Dreifache, alles lieber als nichts. Annetta und ich wissen nicht was wir davon denken sollen; man wartet, wartet, wartet ... vergebens. ? Es ist ein feindseliges Geschick ? sagt sie; ? ich kein Wort, denn ich mag nicht gegen Dinge murren, welche ich nicht begreife; aber wenn es auch noch nicht da ist ? mich dünkt, ich sehe das erste Pärchen schon, so lebendig, daß ichs nach der Natur malen könnte.

Wenn ich dem Leser sagte, daß ich ein Ehrenmann bin, viel Talent und ein weites Herz besitze, so würde er mich mit vollem Recht auslachen und wenig darauf geben; berichte ich aber, daß ich eine lange Nase, graue Augen und widerspenstige mattblonde Haare habe, daß ich lang, dürr und gerade wie ein Pinselstock bin, so wird man hoffentlich keine Beweise fordern.

Und nun ich den Leser genügend mit mir bekannt gemacht habe, darf ich wohl meine kleine Erzählung beginnen und um geneigtes Zuhören bitten.

Ich hatte also jene Wohnung im dritten Stock eben verlassen, und während ich vor mich niederblickend die Straße entlang ging, verteilte ich aufs vorteilhafteste die Räume und die Möbel ... Atelier, Eßzimmer, Schlafstube, Küche, Mädchenkammer ... sehr schön ... die Staffelei dem Fenster gegenüber, die Modelle, die Gerätschaften des Kunstbetriebes rund umher aufgestellt, ein Tisch in der Mitte, ferner der philosophische Lehnstuhl für die müßigen Viertelstunden, darüber an der Wand die Pfeife, neben der Pfeife der Ständer mit den Streichhölzern ... Ich sah eins nach dem anderen sich vor mir auf dem Trottoir ordnen; die so mit unseren sämtlichen Möbeln ausgestattete Wohnung wanderte immer einen Schritt vor mir her ... Da brachte ein neuer Gedanke alle anderen, die Wohnung und mich zum Stehen. Ich wendete mich um. ? Er ist es! war dieser Gedanke: und indem ich nun dem an mir Vorübergegangenen nachblickte, seine Gestalt, seine Bewegungen genauer prüfte, wiederholte ich mir: »Er ist es wirklich, Valens!« ? Im Nu sah ich die Hallen Turins vor mir, die Universität, welche ich einst mit der Albertinaakademie vertauscht hatte, die Zeichenschule, die bärtigen und die berühmten weiblichen Modelle, jene Gertrud mit den schönen Armen, welche man der Venus von Milo hätte ansetzen können, die Marietta, welche die junonischen Schultern hatte, die Nina, deren einzige Schönheit ihre wunderkleinen Hände waren, die Bianca, die ... aber lassen wir die Bianca. Ich sah das alles hinter Valens herziehen, der ruhig seines Weges ging: und obwohl ich Turin erst seit zwei Tagen verlassen hatte, um mein Glück in Mailand zu suchen, so erklang es doch wie Freudengeläute in meinem Herzen. Mein Herz thut nämlich immer wie es ihm gefällt, ohne um Erlaubnis zu bitten ? ich bemerke das, damit man nicht glauben möge, ich bereute es schon, Turin verlassen zu haben, samt den Schultern Mariettas, den Händchen Ninas, Gertruds Armen und den übrigen Schönheiten Biancas. ? Nein, ich war jetzt im Gegenteil mehr als je mit meinem Entschluß zufrieden, und würde Valens nachgelaufen sein und ihn angehalten haben, um ihm zu sagen, daß ich eben eine schöne, mich ganz beglückende Wohnung gefunden, wenn er nicht eine Dame an seiner Seite gehabt hätte. Eine kleine, zierliche Dame, die lange Schritte machte, um mit ihm Takt zu halten, und den Kopf ein wenig gegen den Arm ihres Kavaliers neigte: ein elegantes und ohne Zweifel schönes Dämchen. Nun bin ich etwas blöde mit jungen, schönen Damen; es ist das keine beneidenswerte Seite meiner Natur, aber es ist nichts dagegen zu machen, ich bin nun einmal so.

Valens bog um die nächste Ecke, und ich setzte langsameren Schrittes meinen Weg nach dem Hotel fort; vergebens suchte ich mir einzureden, daß ich gut daran gethan hatte, Valens nicht einzuholen. Und als ich Annetten den Hergang erzählte und mich nun doch lebhaft wegen meiner Zaghaftigkeit tadelte, als sie mir im Gegenteil entschieden recht gab, daß ich weiter gegangen war ... denn man könne nie wissen ... selbst da war ich nicht besser mit mir zufrieden.

»Mache es mir also recht deutlich; die Küche steht in Verbindung mit dem Salon?«

»Steht in Verbindung damit,« antwortete ich; und dachte indessen: ? »Wer kann nur jene Dame sein?«

»Und das Eßzimmer ist groß?«

»Recht groß. Valens hatte doch keine Schwestern! ...«

»Und das Schlafzimmer?«

»Es ist seine Frau!« sagte ich laut, und als ich das verwunderte Gesichtchen der Meinigen sah, setzte ich herzlich lachend hinzu: »Ja, die Schlafstube ist die Frau des Eßzimmers ...«

»Ebenso groß?«

»Nein, etwas kleiner, wie es ein Frauchen sein muß; wäre sie ebenso groß gewesen, so hätte ich ?Schwester? gesagt.«

Und ich lachte und gab ihr einen Kuß, der sie einzustimmen bewog.

»Laß uns die Wohnung sogleich besehen,« bat sie, und kaum gesagt, hatte sie auch schon den Umhang übergeworfen und sich an meinen Arm gehängt.

Meine Annetta kann nichts verbergen, jede Freude, jede Befriedigung, jede Mißstimmung, welche sie fühlt, findet gleich in ihren Augen, Worten und Gebärden den vollen Ausdruck. Wenn ihr etwas gefällt, so kann man sicher sein, daß sie es mit Nachdruck »schön« nennt, auch wo die Klugheit zu schweigen rät. So war jetzt das Schlafzimmer, der Salon, das Atelier, die Küche ? jedes einzeln »wunderschön«; und da der uns begleitende Portier kein Fenster, keine Thür öffnete, ohne uns darauf aufmerksam zu machen, wie herrlich sie schlössen, wie fein sie gestrichen wären, und uns sogar überreden wollte, daß die abscheulichen Blumen, welche eine Zimmerdecke verunzierten, wie frisch vom Stengel geschnitten aussähen ? so fing ich an zu fürchten, daß so vielen Superlativen der Bewunderung gegenüber ein schöner Plan mißlingen möchte, der darin bestand, fünfzig Lire vom Mietpreis abzuhandeln.

Ohne daher dem Portier Zeit zu lassen, mit dem Hausherrn unter vier Augen zusammen zu kommen, wünschte ich denselben sofort zu sprechen; der Portier führte uns, wir folgten. Noch jetzt äußerte ich, als ob ich meiner Frau antwortete, die aber nicht den Mund aufgethan hatte: »Ja, ja, es ist nicht übel: nur ein bißchen klein!« Doch meine Gattin, die, wenn sie über etwas entzückt ist, nichts weiter sieht und hört, erwiderte, ohne auf meine Winke zu achten: »Für Leute wie wir ist noch zu viel Raum!« Ich hätte Lust gehabt, ihr einen kleinen Rippenstoß zu geben, wäre sie nicht meine gute Annetta gewesen.

Wir stiegen zwei Treppen hinunter und machten im ersten Stock Halt vor einer Thürmatte, auf welcher das Wort » Salve« stand. Diese freundliche Anrede, welche gleich an der Thür die Honneurs des Hauses machte, gefiel mir. Vorausgesetzt, daß der Hausherr nicht einer von denen ist, welche es der Schwelle überlassen, dem Nächsten ein » Salve« zuzurufen, und sich dann berechtigt glauben, seine Stellung und seinen Geldbeutel zu messen und ihren ganzen Hochmut gegen die geringen Leute und die mageren Beutel auszulassen! Während ich so dachte, blickte ich aus das Namenschild, welches an der Thür glänzte, und las darauf »Nebuli«.

»Das ist seltsam!«

»Was denn?«

Aber ehe ich meiner Annetta antworten konnte, öffnete sich die Thür, und wir wurden förmlich aus der Fassung gebracht durch die Feierlichkeit des gewaltigen Dieners in Livree, durch den Luxus der Möbel und Teppiche, welchen wir in einer endlosen Reihe von Zimmern vor uns sahen. Ich gebe es auf zu schildern, wie bedrückend diese Pracht wirkte; genug, daß ich. nachdem ich auf einem Atlassessel Platz genommen (denn so wollte es der Herr Diener) und mich wie darauf angenagelt fühlte, nicht länger daran dachte, fünfzig Lire von den sechshundert des Mietpreises abzuhandeln: ja, hätte der Eigentümer die Schlauheit gehabt, mir durch seinen imponierenden Bedienten tausend Lire abzufordern, ich würde diese Summe sofort für eine Kleinigkeit erklärt haben, und hätte ich mich auch nie wieder sehen lassen, um den Kontrakt zu unterzeichnen.

Ein Herr trat ein; wir fuhren von unseren Sitzen auf; ich verbeugte mich feierlich, dann sah ich ihn an; er sah mich an ... »Ferdinando!« rief er aus, und ich sagte: »Valens!« Und der Teppiche nicht achtend, stürzte ich auf ihn zu, und er auf mich, und wir umarmten uns innig.

Meine Annetta blickte uns heiter an. Und da wars, wo ich dachte ? wie auch der Leser gewiß ? daß es sonderbare Fügungen im Leben gibt.

»Bist dus wirklich?« fragte ich Valens, indem ich ihn mit den Augen maß und einen flüchtigen Blick auf die Möbel, die Vergoldungen warf. »Bist du wirklich Valens Nebuli, der berühmte ?Maler der Fernsichten??«

Das Lachen, womit er mir antwortete, fand in dem weiten Salon einen Widerhall, den Versuch eines Echos, welchen die Polstermöbel, die Tapeten, die Teppiche als eine Impertinenz erstickten.

»Ja, wirklich ich!« sprach dann der Freund, »der ?Mann des Morgen?, wie ihr mich getauft hattet, und du bist mein alter ?Ferdinands des Heut?, oder vielmehr der Stunde, ja der Minute; der Schöpfer der philosophischen und mathematischen Malerei! Wie freue ich mich, dich wiederzusehen!«

Das waren keine auf der Thürmatte zur Schau gestellten Worte, die kamen so recht aus dem Herzen, man las sie auf seinem Gesicht, ehe er sie aussprach, und sie verblieben auch darauf.

Meine Annetta sah uns immer noch lächelnd an; sie vermochte nichts anderes zu thun, denn Valens war ihr fremd, da ich sie vor drei Jahren geheiratet hatte, als zehn Monate früher der Freund von der Akademie verschwunden war.

»Ich stelle dir meine Frau vor,« sagte ich, und wollte hinzusetzen: »stelle mich der deinigen vor,« aber ich weiß nicht, was mir den Mut benahm; vielleicht ein dickleibiger Porzellanchinese, der bedeutsam mit dem Kopf nickte.

Da mir in dem Augenblicke ein, wie mich dünkt, recht gescheiter Gedanke durch den Sinn fuhr, und der Porzellanchinese ihn erraten zu haben und mir seine Beistimmung zu bezeigen schien, so will ich ihn aussprechen. Ich dachte, daß wir oft mit Unrecht das Glück beschuldigen, es wandle uns die Freunde, während wir es sind, welche die vom Glück gesegneten Freunde, auch wenn sie bleiben wie sie waren, in unserer Meinung umwandeln. Ich kanns beschwören, daß Valens, wenn ich ihn in einer Dachkammer aufgesucht hätte, mich nicht herzlicher aufnehmen konnte; und doch, weil er mich in einem von Vergoldung schimmernden Salon empfing, so erhöhte und dehnte ich ihn mir unbewußt zu einem Koloß aus, welcher mich in Schatten stellte. Ich schätzte ihn jetzt, wo er reich zu sein schien, nicht höher als früher, nein wahrlich nicht, aber ich fühlte eine gewisse alberne Bewunderung für ihn; ich war ihm nicht weniger gut, aber ich empfand eine läppische Befriedigung in dem Gedanken, daß auch er mir immer gut gewesen war.

Ich sagte also nicht: »Stelle mich deiner Gattin vor,« was der kürzere Weg gewesen wäre, sondern nahm einen Umweg und fragte ihn, ob er es gewesen, den ich vor einer Stunde auf dem Korso mit einer jungen Dame am Arm gesehen.

Er war es gewesen, natürlich, aber wie sagte er es! Ich wartete schweigend auf eine Erklärung, die ausblieb; und als ich sah, daß das Schweigen ihn in Verlegenheit setzte, und er errötete, so begann ich schnell von der Wohnung im dritten Stock.

»Gefällt sie dir?« fragte er.

War er, oder war er nicht befangen? Ich weiß es nicht recht, denn zuerst glitt etwas wie ein Schatten über sein Gesicht, dann drückte er mir beide Hände und rief aus: »Wie freut es mich, daß sie dir zusagt!«

Aufrichtig gestanden, diesmal schienen mir seine Worte nicht viel mehr zu bedeuten, als so ein Wort auf der Thürmatte. Aber Valens ging in eine Aufzählung der Vorzüge ein, welche die Wohnung hatte, und auch derer, welche sie nicht hatte ? z. B. der Wasserleitung in der Küche, während sie auf dem Treppenflur war (und darauf machte ich ihn aufmerksam), der Tapete des einen Zimmers, welches vielmehr nur gestrichen war (ich berichtigte auch diesen Irrtum) ? und er wurde so eifrig und suchte mich mit so rückhaltslosem Enthusiasmus zu überzeugen, jene Wohnung sei wie für mich gemacht, daß ich, hätte ich ihn nicht als so wenig berechnend gekannt, seinen Eifer der Furcht zuschreiben durfte, nach dem verstrichenen Michaelistermin keinen Mieter zu finden.

»Und wieviel beträgt die Miete?« fragte ich höchst ernsthaft.

»Darüber reden wir später,« sagte er lachend.

»Nein,« widersprach ich, »dies ist der richtige Augenblick dazu.«

»Wir besprechen es nachher.«

»Nein,« beharrte ich, »dies ist der geeignetste Tag und Augenblick, um es abzumachen.«

»So nenne du eine Summe.«

»Nein, das kommt dir zu, bist du nicht der Eigentümer?«

»Aber du mußt wissen, daß die Wohnung im Winter recht kalt ist.«

»Im Winter sind alle Wohnungen kalt.«

»Ich meine, weil sie nicht die Mittagssonne hat; und dann hat sie doch die Wasserleitung nicht in der Küche, und ein Zimmer ist nicht tapeziert, und der Fußboden ... hast du es nicht bemerkt? ... ist sehr schlecht ...«

Ich begriff nicht recht, wo er hinaus wollte.

»Deshalb vermietet sie sich schwer, obgleich ich wenig dafür fordere ... Vierhundert Lire!«

Ich verstand; aber ich beteuerte, es sei eine Beschwindelung, sich vierhundert Lire für eine solche Wohnung bezahlen zu lassen.

Er sah sich entlarvt und lachte, und ich bestand darauf, wenigstens fünfhundert zu zahlen, obgleich meine Frau, welche zu mir getreten war, mir einen kleinen Stoß mit dem Ellbogen gab ...

Eben als wir uns trennen wollten und noch plaudernd an der Thür weilten, hörte ich einen leichten Schritt, vom Rauschen seidener Gewänder begleitet, die Treppe heraufkommen und bemerkte, daß Valens eine instinktive Bewegung machte sich zurückzuziehen; jedoch er blieb.

»Da ist meine Chiarina!« sagte er.

Es war wirklich jene anmutige Dame, zart wie ein Hälmchen, schlank und doch wohlgerundet, rundlich und doch von eleganten Formen, eine griechische Venus in Dreiviertel Lebensgröße.

Während wir sie mit freudiger Bewunderung anblickten, war das zierliche Meisterwerk herzugetreten, und ich sah, daß Signora Chiarina, obgleich viel kleiner als wir alle, doch ebenso groß erschien. Sie lieferte mir den schönsten Beweis, welchen ich noch zur Bekräftigung der tiefen philosophischen Wahrheit gefunden habe: daß nämlich das Weltall keine Größen, sondern nur Harmonie kennt, und daß alles in seiner Weise groß sein kann in der allgemeinen Ordnung der Dinge.

Wenn der Leser auch davon überzeugt ist, so wollen wir fortfahren.

War die Signora Chiarina wirklich schön? Ach ja, schön in der That. Aber man frage mich nicht, was für eine Nase, was für einen Mund sie hatte, von welcher Farbe ihre Augen und ihre Haare waren; jetzt weiß ich es, aber an jenem Tage sah ich es nicht; ich bemerkte nur, und darum sei es hier erwähnt, daß ihr Gesichtchen von zarter Farbe war, und zwar fiel es mir auf, weil dies weiße Gesichtchen lebhaft errötete, als ich Valens fragte: »Deine Frau?«

»Mein Freund Ferdinands, von dem ich dir so oft erzählt habe, seine Gattin ...« sagte Valens mit eigentümlicher Unbefangenheit, die wie Verlegenheit aussah.

Signora Chiarinas Elfenfigürchen verneigte sich, sie schenkte uns ein Lächeln, ein liebliches Lächeln, dann verschwand sie durch die Thür und wir hörten sie im Vorzimmer lausen und lachen.

»Sie ist wie ein Kind!« sagte Valens.

Wir drückten uns herzlich die Hände, und »Adieu«, das heißt, »auf Wiedersehen«.

Als wir unten waren, stellte ich mich wie ein Pfahl vor der Hausthür auf, blickte die Straße entlang, die breit und fast schnurgerade, eine der aristokratischsten Mailands war, betrachtete die Front des dreistöckigen Hauses, an dessen Bauart nichts gespart war; betrachtete die Doppelfenster, die Tüllgardinen hinter den blitzenden Scheiben; aber als ich ein feines Gesichtchen hinter den Gardinen erblickte oder zu erblicken meinte, entfernte ich mich schnell.

»Gefällt sie dir?« fragte ich meine Annetta.

»So sehr! Sie hat mich bezaubert ... mir ist, als habe ich sie schon liebgewonnen.«

Ich glaubte, sie spräche von unserer Wohnung.

»Das Glück lächelt uns; du sollst sehen, ich werde diesen Winter Porträts und Genrebilder malen, und wir werden sie verkaufen. Und Freund Valens, welch Herz von Gold!«

Ich hätte gern hinzugesetzt: »Und welch schönes Frauchen, seine Gattin!« aber die Klugheit hieß mich schweigen.

»Und welch schönes Frauchen, seine Gattin!« sagte Annetta.

»Ja ... recht hübsch ... ein wenig klein.«

»Man höre ihn! Recht hübsch! Sag, daß sie wunderschön ist, ich bin nicht eifersüchtig auf sie, sie ist zu schön!«

Zweites Kapitel.

Freund Valens.

 

Acht Tage später mußte man unsere Wohnung sehen, als meine Frau ihre Möbel hineingeschafft und ich die Einrichtung besorgt hatte! Da es viel leichter ist, sich selbst ein Bild davon zu machen, indem man sich ein sehr hübsches, sauberes, heiteres und sehr symmetrisches Ganzes vorstellt, als es zu schildern, so schildere ich es nicht.

Ich sagte, daß die Möbel meiner Frau gehörten: ich will offenherzig sein und noch mehr sagen: auch die Bett- und Tischwäsche und die wenigen Wertpapiere, die uns zu der Würde von Staatsgläubigern erhoben, gehörten meiner Frau: ich besaß nichts auf der Welt als zwei Staffeleien, zwölf Pinsel, acht Paletten, einige unverkaufte Genrebilder, wenig bares Geld in einer Kassette und große Sparsamkeit. Man glaube aber deshalb nicht, daß, als wir uns heirateten, meine Annetta eine »schlechte Partie« und ich ein »gutes Geschäft« zu machen meinte; wir gefielen einander, wir waren uns gut, und wäre es unseren Möbeln jemals gelungen, Uneinigkeit zwischen uns zu erregen, ich hätte sie ? und nicht etwa bildlich ? zu Brennholz für den häuslichen Herd zerschlagen, und meine Frau hätte mit Hand angelegt. Es waren Nußholzmöbel, glänzend aber würdevoll, fest auf ihren Füßen, gut im Gleichgewicht; nicht sehr mobile Möbel, die man gern stehen ließ, wo sie einmal standen. Alle Schiebladen ließen sich auf und zu schieben, ohne daß man sie zu zerren brauchte, ohne daß der Gatte sie dahin wünschte, wo der Pfeffer wächst, was seine Gefahr hat, wenn die Sachen der Frau gehören ? dies sei zum Besten des Nächsten gesagt.

Wirklich, unsere Wohnung war es wert, daß man sie sich ansah ? und deshalb kam eines Tages Freund Nebuli als Neugieriger zu uns herauf.

Versuche zu erraten, lieber Leser, was er sagte, als er die Nase überall hineingesteckt hatte, oder vielmehr, versuche es nicht, denn du errätst es doch nicht.

»Wie beneide ich dich!« sprach er. Ich sah ihn forschend an, weil ich mich erinnerte, daß mein Freund mit einer Miene zu sprechen pflegte, welche es zweifelhaft ließ, ob er im Ernst oder Scherz rede. Es war ihm ernst, ich kann es versichern, erstens, weil er jetzt nicht jenen Ausdruck hatte, und dann weil es ein schlechter Scherz gewesen wäre, und Valens auch spaßend immer darauf bedacht war, die Freunde nicht im leisesten zu kränken.

Ich lachte zunächst, um meiner Sache gewiß zu werden. Er lachte nicht. Ich wußte nicht, was ich mir Seltsames denken sollte, als ich mich plötzlich einer seiner Grillen erinnerte (wie hatte ich nur nicht früher daran gedacht?) und nun lachte ich aus vollem Herzen.

»Ja, du Aermster,« rief ich aus, »du bist wirklich zu beklagen, du, dazu geboren, geschaffen, der glücklichste Entbehrende unter den Sternen zu sein ? du Besitzer eines prachtvollen Hauses, du reich, du von Lakaien bedient, du ... Ach, das Schicksal hat gar keine Einsicht.«

Er versuchte in meine Heiterkeit einzustimmen, um selbst den richtigeren Ton zu finden, dann erwiderte er halb ernst halb scherzend: »Um so besser, wenn du mich verstehst. Wenn ich auch nicht ganz das Opfer meiner neuen Reichtümer bin, so versichere ich dich doch, daß sie mir viel von meinem einstigen so viel köstlicheren Reichtum geraubt haben; die Sorglosigkeit, das Spielen der Phantasie, die unverhofften Freuden, welche ein Nichts uns gibt, das alles geht verloren, wenn man eine Erbschaft macht. Versuche es, und du wirsts sehen.«

Ich seufzte, aber eigentlich nur, um es ihm nachzuthun; denn wenn etwas in mir dem Freunde recht gab, so war es die Abwesenheit des lebhaften Wunsches nach einer Erbschaft.

Valens hatte den Faden seiner Rede wieder aufgenommen. ? »Dies Zimmerchen (wir waren in unserem Salon) könnte ja meinen Saal beneiden, aber wenn es verständig ist, so thut es das nicht; kann es doch hoffen, einst noch ein wenig schöner zu werden, erstens die Tapete zu bekommen, welche ihm fehlt, dann neu gefirnißte Thüren, eine besser gemalte Decke, eingelegten Fußboden, und sogar ein hübscheres Büffett, von Eichenholz oder Palisander ? sieh, welche liebliche Träume dies kleine Zimmer haben kann und welche reinste Freuden die Zukunft ihm bereitet.«

Er sagte »das Zimmer«, aber er sah mich an, sprach von mir, und ich las in seinem leisen Lächeln, daß er der Bereiter dieser reinsten Freuden sein wollte, wogegen ich innerlich Verwahrung einlegte.

»Mein endloser, vergoldeter, prachtvoller Saal dagegen hat keinen Wunsch, kein Bedürfnis, erwartet keine Freude mehr; du steckst dem Stübchen frisch gewaschene Gardinen an, du siehst es heiter, befriedigt; ich treibe in Ermangelung eines Besseren hundert kostbare Nichtigkeiten auf, die mich doch eigentlich nichts kosten, die, einmal hineingestellt, sich darin verlieren, die ihn kalt, stolz, gleichgültig und langweilig lassen.«

Er wurde erregt bei diesen Worten: der Saal war er!

»Also bist du nicht glücklich?«

»Ja, ich bin glücklich, aber einst war ich es noch mehr. Ich will dir sagen, wie es mit mir steht: Sieh, der neue Besitz ist nicht allein das Aufhören der Armut, sondern auch das Absterben der schönsten Freuden, der heißesten Wünsche, der kühnsten Hoffnungen, der einfachsten Neigungen, der schwungvollsten Träumereien.«

Jetzt verlor er sich ins Lyrische, ich mußte ihn festhalten.

»Weil es dir an einer Regel fehlt,« sagte ich, »weil du keine Methode hast, weil nach deiner Anschauung Muße und Müßiggang gleichbedeutend sind, weil du im Reichtum nur den kalten, eintönigen, keinen lebhafteren Herzschlag weckenden Besitz siehst, während die Verwendung das Mannigfaltige, Belebende ist, die gar wohl ?die einfachen Neigungen kennt?, der ?Freude? nicht ins Auge sieht und der ?Hoffnung? nicht den Rücken kehrt. Wäre ich an deiner Stelle, ich fände so viel, so viel zu thun, daß mir nicht ein Augenblick Zeit zu ?schwunghaften Träumereien? bliebe.«

»Ach!« sagte er kopfschüttelnd, »der einzige, wahre, reinste Genuß des Lebens ist ja das Traumbild; die Einbildungskraft gibt die Glückseligkeit; beklagt mir nicht die im Hospital gestorbenen Dichter, denn ihnen war das Leben ein Zaubergarten, das Hospital ein Königspalast. Als ich in der Malerakademie studierte und ihr mich den ?Mann des Morgen? getauft hattet, weil ich nur Luftschlösser baute, ja, da war ich zufrieden!«

»Aufrichtig, möchtest du in jene Zeit, in jenen Zustand zurückkehren?«

»Aufrichtig, nein.«

»Da siehst dus!«

»Da siehst du, daß du mich nicht verstehst!« rief er triumphierend aus.

In dem Augenblick trat meine Frau ein, die zurückgeblieben war und sich ein wenig schön gemacht hatte, dem Besuch zu Ehren. Freund Valens verbeugte sich, drückte ihr die Hand, fragte nach ihrem Befinden, mit einer zwanglosen Höflichkeit, deren ich ihn ehemals nicht fähig gehalten hätte. Und ich weiß nicht, wie jene Wandlung wieder über mich kam; der Freund schien mir zu wachsen, zu wachsen, und während ich ihn bis dahin hatte auf einem Stuhl sitzen lassen, rückte ich ihm jetzt, als er sich wieder niederlassen wollte, einen Fauteuil hin.

Valens war sehr freundlich gegen meine Annetta, lobte ihren guten Geschmack, ihre Verteilung der Möbel, und die arme Kleine nahm so wenig von diesem Ruhm für sich in Anspruch, beteuerte so lebhaft, fast gar kein Verdienst dabei zu haben, daß ich zweimal Einspruch thun mußte, damit sie mir nicht einen größeren Teil zuschrieb, als gerecht und verständig war.

Auf dem Flur drückte der Freund mir kräftig beide Hände und sagte: »Du hast einen wahren Schatz an deiner Frau!«

»Und deine!«

Er antwortete mir nicht, stand einen Augenblick in Gedanken und sagte dann: »Nein, ich möchte nicht an deiner Stelle sein, und dennoch beneide ich dich: mache den Versuch reich zu werden, und du wirst mich verstehen.«

»Wenn du dich nicht deutlicher aussprichst ? jene Gelegenheit, dich zu verstehen, wird, befürchte ich, niemals kommen.«

Und nun sagte er mit scherzhaftem Ernst: »Das erste, was der Reichtum dir raubt, ist die Kraft des Wollens; du verfügst über viel Geld, aber nicht mehr über dich selbst; in dir steckt ein Widersacher, der schläft solange du ... (er wollte sagen ?arm bist?) solange du ... ?so? bist; der meinige ist erwacht. Deshalb möchte ich wohl gern der Valens von ehemals sein, aber er will nicht ? schlafen gehen.«

Er lachte, ich lachte; wir schüttelten uns die Hände; er stieg die Treppen hinab, und ich warf mich, froh wie ein König, in die Arme Annettas, die hinter der Thür stand und mich erwartete.

Drittes Kapitel.

Hier ziehe ich einen Vorhang auf und merke ein Geheimnis.

 

Freund Valens brachte ganze Stunden in meinem Atelier zu, vor meiner Staffelei in meinen Lehnstuhl hingestreckt, aus meiner Pfeife rauchend; dabei gab er mir ab und zu in einer ihm ganz eigenen Weise Ratschläge, indem er scheinbar mich um Rat fragte, er weckte irgend einen Zweifel, erregte einen Gedanken in mir dadurch, daß er sich zweifelnd und bestimmbar zeigte. Wenn man ihn hörte, so hatte er seit Ewigkeit keinen Pinsel angerührt, so lagen auf seiner Palette Farbenkrusten, welche die Sündflut nicht aufgelöst hätte, kurz, er mußte seine Kunst vollständig vergessen haben. Aber gelegentlich sagte er etwa zu mir: »Entschuldige, was meinst du dazu? Wenn du diesen Schatten ein klein wenig kräftiger machtest, würde die Gestalt sich nicht besser ablösen? Versuche es mir zu Gefallen; nachher kannst du das Dunkel wieder fortnehmen.«

Ich versuchte es ihm zu Gefallen, und änderte es nachher nicht; brauchte auch nicht zu fürchten, daß Valens, wenn er das Bild wiedersah, nach der Gewohnheit anderer bemerken würde: »So, du hast den Schatten stehen lassen? Du hast gut gethan!«

Es war zu bedauern, daß er sich von der Kunst abgewendet hatte; ich erinnerte mich an einige seiner Studien des Nackten auf der Akademie, die wir Schüler flüsternd über die des Professors stellten; er hatte eine schnelle, sichere Art zu malen, welche die Mitstrebenden zur Verzweiflung brachte. Auch mich hatte sie anfangs verdrossen, weil auch ich ihn zu übertreffen strebte; als aber Samuel, ein altes Modell mit würdigem weißen Bart, mir einigemal gesagt hatte, die Muskeln, welche ich auf die Leinwand gebracht, wären nicht die seinigen, das Fleisch ebensowenig, und meine Rippen hätten nichts mit seinen gemein; das Nackte scheine eben nicht meine Stärke zu sein; mein Genre sei vermutlich das »Genre« ? da ging ich hin und bot Valens meine Freundschaft an und sagte allen, welche es hören wollten, daß seine Aktstudien die besten wären; daß, wer nicht für das Nackte geschaffen ist, sich vergeblich damit abmüht, ein solcher möge bekleidete Männer und Frauen malen; kurz, daß jeder seinen richtigen Weg suchen müsse, und daß mein Genre zuverlässig das »Genre« sei.

So wurden wir beide unzertrennliche Freunde.

Jetzt schienen jene glücklichen Zeiten für uns zurückgekehrt zu sein; meine Annetta war förmlich verliebt in Signora Chiarina, in dies Nippdämchen, dies Goldfrauchen, dies zauberhafte Miniaturweibchen, wie sie unsere Wirtin nannte. Und wenn ich mit ehemännischer Taktik eine kleine Einschränkung machte, so sprach sie ironisch: »Wirklich? Und wie muß eine Frau denn sein, damit der Herr sie vollkommen finde?«

»Sie muß geliebt sein ... wie du.«

Dann schalt sie mich lachend einen Heuchler.

Auch Signora Chiarina schien meiner Annetta wirklich gut zu sein, denn sie lief ihr entgegen, so oft sie ihrer ansichtig wurde, hielt die Wange zuerst zum Kusse hin und erwiderte ihn unglaublich schnell; aber sie sprach wenig, besonders in meiner Gegenwart, und während sie sich keineswegs das Ansehen einer großen Dame gab, legte sie mir gegenüber eine Zurückhaltung an den Tag, welche mich verlegen machte: ich würde es Gemessenheit genannt haben, hätte Signora Chiarina nicht so leicht gelacht und wäre sie nicht so leicht errötet. Worüber errötete sie nur? Ich bin kein Flegel, und wäge die Worte, ehe ich sie über die Lippen lasse, aber ich konnte auch nicht ein paar Sätze sprechen, ohne dies zarte Gesichtchen sich röten zu sehen. Dann hielt ich inne und dachte: »Was habe ich denn gesagt? Weniger als nichts.« Es war von Malerei, von meiner Frau, von dem Gatten der Signora die Rede gewesen. Ein paarmal hatte ich die Venus von Medici genannt, oder die modernen Pompejanerinnen lächerlich gemacht, die ewig vor dem Spiegel sitzen, oder das Gewand vor dem Bade abgelegt haben. Sie war wirklich ohne jede Notwendigkeit errötet, dennoch hütete ich mich fortan, einen ähnlichen Anstoß zu geben.

Als ich mit meiner Frau darüber sprach, sagte diese: »Ich verstehe es auch gar nicht, aber Chiarina ist so ein schüchternes, ganz kindliches Ding, sie ist wie eine Sinnpflanze; daher wird es kommen.«

»Sinnpflanze soviel du willst, aber sie ist doch ihres Mannes Frau, und gewisse Dinge muß ...«

Annetta ließ mich nicht ausreden, hielt sich die Ohren zu und lief davon. ? Einfluß des guten Beispiels!

Nicht darin allein suchte meine Gattin ihrer neuen Freundin ähnlich zu werden; wenn sie beim Spazierengehen meinen Arm nahm, so neigte sie den Kopf ein wenig gegen meine Schulter, wie sie es, am Fenster stehend, täglich von der Signora sah, wenn die »Hauseigentümer« ihren gewohnten Ausgang antraten: sie nahm auch die Lieblingsausrufe der Signora an und trug ihre Haare glatt wie diese. Mit einem Wort: sie war in sie verliebt.

Noch hatte Valens mir seine Kartons nicht gezeigt, und ich nahm mir täglich vor, um das zu bitten, was mir nicht angeboten wurde, schob es aber aus dem einfachen Grunde auf, daß Valens mich überhaupt noch nicht in seiner Wohnung umhergeführt hatte. Endlich that er es. Wie viele Zimmer! Wie viele Möbel! Welcher Luxus! Zuerst konnte ich mir keine klare Vorstellung von diesem Labyrinth machen, als ich mir aber den Grundplan im Kopf zurecht gelegt hatte, fand ich einige Mängel in der Einteilung, welche nicht zu verbessern schade gewesen wäre. Wo ein Salon war, einer von den vielen, mußte das Atelier sein, das ein wundervolles Licht bekommen hätte; um es, wie mein Freund wünschte, abgesondert von der übrigen Wohnung zu haben, brauchte nur eine Thür zugestellt zu werden; eine leichte Aenderung.

»Dank für den Vorschlag,« sagte Valens, und wir gingen weiter.

In einem Hinterraume machten wir zwischen zwei Zimmern Halt, deren Thüren sich gegenüber lagen; zwei ganz gleiche Zimmer, in jedem ein prächtiges Bett; zur Rechten das Zimmer der Signora Chiarina, zur Linken das für Valens; in meinem Sinn billigte ich diese Einrichtung nicht, aber als nun gar Valens das plötzliche Erröten Chiarinas damit erklärte, daß sie beschämt sei, weil es nun ans Licht komme, wie entsetzlich sie sich nachts fürchte, da mußte ich erst recht bei mir denken: »Aber wenn sie sich so fürchtet! ...«

Valens sagte: »Wenn ich unter die Betten, in den Schrank, hinter die Portieren geguckt, die Sessel von ihrer Stelle gerollt, die Thüren unserer beiden Zimmer offen und die Lampe angezündet gelassen habe, so hat diese Heldin immer noch Furcht ...«

Und nun konnte ich mich nicht mehr enthalten zu sagen, wie ich gedacht hatte: »Aber wenn sie sich so fürchtet ...«

Man ließ mich nicht ausreden; Signora Chiarina schien die Flucht ergreifen zu wollen, meine Frau und Valens eilten ihr nach, ich folgte.

Als wir vor dem Atelier vorbeikamen, blieb ich stehen, um es von der Schwelle aus zu überblicken; wirklich, die Staffelei lehnte zusammengelegt an der Wand, einige Paletten hingen eine über der anderen, ein Bündel Pinsel stand in einem Becher. Valens Nebuli war nicht mehr Maler. An den Wänden sah man einige kaum entworfene Kartons; wenige Kohlenstriche verrieten irgend eine beabsichtigte mythologische Dame ? nicht mehr als die Absicht; aber für den Künstler gibt es keine Skizze, er sieht schon das vollendete Gemälde, wo noch nichts vorhanden ist, als ein paar Striche; er thut aus sich die Farben, die Luft, das Licht, den Hintergrund hinzu ? und siehe, vor seinen Augen tritt die Gestalt heraus, so schön, wie sie nimmer werden kann. Wie viele herrliche Werke habe ich so geschaffen! Ich ging im Zimmer umher, taub gegen Valens wiederholtes: »Komm heraus, es ist nichts Gutes da, laß das Atelier sein.«

Die Neugier, nicht das Kunstinteresse fesselte mich vor einem großen Bilde; nicht die Kunst, sondern die Neugier; denn das Bild war ganz von einem Vorhang bedeckt, wie die wunderthätigen Madonnen auf den Altären. Als ich nach der Schnur suchte, um den Vorhang zurückzuziehen, faßte mich Valens beim Arme und wiederholte: »Komm, laß sein.«

Natürlich ließ ich es nicht sein, der Vorhang ging auf, und ich sah ...

O, das entzückendste der Geschöpfe! Ein süßes, zartgefärbtes, ein wenig erstaunt blickendes Gesichtchen, mit Augen, in denen ein gedämpftes Licht glänzte, mit schwarzen, weichen, welligen, bis über die Schultern herabfallenden Haaren, das alles in Zeichnung und Farbe von hoher Meisterschaft. Aber warum erstaunt, fast erschreckt? Sie stand am Fenster, in welchem eine Nelke blühte, wo aber nichts zu sehen war, was eine Dame hätte erschrecken können.

Mir fielen das vernachlässigte Gewand, das flüchtig gemalte Fenster mit der Nelke auf, und als ich mich wie ein lebendiges Fragezeichen vor Valens hinstellte, blickte auch er mich an, als wollte er mir auf dem Gesicht lesen, was ich davon dachte.

»Das Antlitz ist wundervoll,« sagte ich, »das übrige, du weißt es besser als ich, ist nicht einen Heller wert; wenn du jene Falten nicht von einer hölzernen Madonna kopiert hast, so begreife ich sie nicht; Nelken wie diese habe ich noch nie gesehen; der Fußboden ist nicht so übel ... aber was für eine Art Farben hast du nur angewendet? ...«

»Ich wollte es eben sagen!« rief Valens aus; »es ist ein gemischtes Bild, darin besteht sein ganzer Wert; der Kopf ist in Oel gemalt, das Gewand, das Fenster, die Nelke und das übrige in Tempera ... nur um es zu vollenden.«

»Aber so hast du nichts vollendet!« rief ich aus.

»Ich werde es fertig machen.«

»Wann?«

»Bald; jetzt laß es gut sein und komm.«

»Noch einen Augenblick ... ach, welch ein Kopf! ... oh, diese Augen! aber weshalb dieser Ausdruck erschreckten Staunens? In dem Fenster ist nichts als eine Nelke, und an der Nelke nichts, was Staunen erregen könnte.«

»Du fragst? Sagst du nicht selbst, du habest nie eine ähnliche Nelke gesehen?«

»Niemals, das schwöre ich dir.«

»Auch die Signora Valeria hat wahrscheinlich nie dergleichen gesehen; ?ists eine Nelke? ist es keine?? daher sieht sie so verwundert aus.«

Er lachte.

»Sie heißt Valeria?« fragte ich.

»Ja.«

Und er lachte nicht mehr.

Er brach auf und ich folgte ihm, aber in der Thür wendete ich mich noch einmal um, und bei diesem letzten Blick blitzte ein Gedanke in mir auf. Die Signora Valeria glich jemand ... Wem? ... Eine Viertelstunde später blieb mir kein Zweifel; nach gehöriger Prüfung fand ich, daß, die Haarfarbe, die Stirn, die Nase, den Mund, die Augen und auch ein wenig das Oval des Gesichts abgerechnet, die Signora Valeria des Gemäldes und Signora Chiarina, welche verlegen vor meinen neugierigen Blicken stand, sich wie zwei Tropfen Wasser glichen. Als gewissenhafter Porträtmaler muß ich gestehen, daß ich lange nicht wußte, in welche identische Linien der beiden Gesichter ich diese wunderbare Ähnlichkeit legen sollte, und meine Eitelkeit mit der Ausrede befriedigen mußte, daß alles Vollkommene sich gleiche, daß die griechischen Aphroditen, alle verschieden, dennoch Schwestern seien; und andere dergleichen ernsthafte Thorheiten, über die man lacht, sobald man die Kohle oder den Pinsel in der Hand hat; aber schließlich fand ich die Linien doch heraus; es waren ihrer zwei, fast unmerkliche, parallele, die von den Nasenflügeln bis zum Ansatz des Kinnes hinabliefen, und für die beiden zarten Gesichtchen die gleiche Weise zu lachen, zu lächeln und ernsthaft zu blicken bedingen mußten. Ich habe so viel Kartonpapier verdorben, um diese Linien zu finden, daß ich sie jetzt auswendig weiß und sie herzeichnen möchte, wenn ich hoffen könnte, mich dadurch deutlicher zu machen.

Natürlich erregte diese Entdeckung, im Verein mit dem Geheimnis des Vorhangs und dem seltsamen Gebaren des Freundes Valens, meine lebhafte Neugier.

Wo die Einbildungskraft grübelt ? der Leser merke sich dies wohl, es ist praktische Philosophie ? wo die Einbildungskraft anstatt der Vernunft grübelt, da bleibt die zu erforschende Tiefe leer, wenn sie nicht gar zum Chaos wird.

Ich begann zu phantasieren, dichtete hundert kleine Romane, deren Haupthelden jene beiden Meisterwerke, das Gemälde und Signora Chiarina, waren; von denen einer so wenig wie der andere zum Abschluß kam, und die zum Glück einer so wenig wie der andere veröffentlicht wurde. ?

Gehen wir nun zu der Prozeßangelegenheit über; ich habe dem Leser noch nicht gesagt, daß über dem Hause Nebuli ein Prozeß schwebte, weil ich es selbst erst erfuhr, als mir irrtümlich der Besuch eines Gerichtsboten zu teil wurde.

»Sind Sie Signor ...« hier ein flüchtiger Blick in sein Schriftstück ? »Signor Nebuli?«

»Im ersten Stock.«

»Hier steht aber: Im dritten Stock« ? abermaliger Blick in das Papier.

»Es wird verschrieben sein ...«

Er schien nicht überzeugt.

»Ich bin Gerichtsbote beim hohen Tribunal ...« sagte er mit Selbstgefühl.

»Das hindert nicht, daß Signor Nebuli im ersten Stock wohnt.«

Ich machte dabei die später bestätigte Bemerkung, daß die an den liebenswürdigen Stil ihrer Ankündigungen gewöhnten Gerichtsleute doch keineswegs eine ähnliche Liebenswürdigkeit des Ausdrucks bei anderen mögen. Dieser Priester oder vielmehr Tempeldiener Asträas entfernte sich, ohne mich eines Grußes zu würdigen.

Der Priester selbst kam später, eines Abends, als wir in der Wohnung unseres Freundes heiter beisammen saßen; er erschien mit stolzer Haltung in der ganzen Feierlichkeit seiner gesteiften Halsbinde, seiner Brille und seines zugeknöpften Rockes, um das Licht unserer frohen Laune auszulöschen.

Er zog Valens in ein Nebenzimmer, wo er ihn lange von Gerichtssitzungen, Urteilssprüchen und Berufungen unterhielt; diese volltönenden Benennungen drangen ab und zu bis zu uns und mischten sich in Signora Chiarinas harmonisches Lachen und die Bemühungen Annettas, es hervorzurufen; schließlich gab der Freudenstörer uns den Freund etwas bleicher zurück, grüßte, ohne seine Wirbelsäule zu biegen, und schritt feierlich hinaus, von einem Lakaien, welcher noch feierlicher als er war, geleitet.

»Hast du denn einen Prozeß?«

»Ja.«

»Und dies ist dein Rechtsanwalt?«

»Ja.«

»Wie gern hätte ich ihn auf eine Stunde zu meiner Verfügung ... und auch den Gerichtsboten!«

»Hast du auch einen Prozeß?«

»Nein, aber ich möchte sie bitten, mir auf eine Viertelstunde zu einem Genrebild zu sitzen.«

Signora Chiarina lachte laut, er nicht: der Prozeß mußte gewichtig sein.

Viertes Kapitel.

Corvi contra Corvi.

 

Er war gewichtig. Soviel ich davon begriff, als Valens mir die Sache auseinandersetzte, handelte es sich um ein »angefochtenes« Testament. Wie ein Testament »angefochten« wird, weiß der Leser vielleicht nicht besser als ich, und möge der Himmel ihn nie in die Lage versetzen, einen Advokaten danach fragen zu müssen; im Wörterbuch nachzuschlagen wäre vergeblich.

Dasjenige, welches ich befragte, um mir eine klarere Anschauung von der Sache zu verschaffen, welche mich jetzt zum erstenmal interessierte, belehrte mich, wie man gegen Speer und Lanze und ich weiß nicht wieviel andere Dinge zu fechten hat (was ich selbst ganz gut zu wissen glaubte) ? aber von Testamenten war nicht mit einem Sterbenswort die Rede. Es handelte sich also um ein »angefochtenes Testament« ? in Sachen Corvi contra Corvi, denn obschon die beiden Corvi, Klägerin und Verklagte, im Grabe lagen, so nahmen die Gerichte doch an, daß sie nicht zum Frieden gelangen könnten, wenn nicht in ihrem Namen weiter prozessiert würde.

Jetzt war Pasquali derjenige, welcher das Testament anfocht; der, welcher es verteidigte, war Nebuli, und zwar nicht Valens, sondern dessen »Vorgänger« (so ist die technische Bezeichnung), nämlich der mütterliche Onkel, von dem mein Freund den Besitz und den Prozeß geerbt hatte.

Der Onkel Nebuli und der Onkel Pasquali waren stets liebe und gute Freunde gewesen, und um die lebenslängliche Fortdauer ihrer Freundschaft zu sichern, waren sie darauf aus, sich in zwei Schwestern zu verlieben und sie zu heiraten. Der Zufall dieser große Vermittler der Heiraten ? ließ sie zwei ledige Schwestern Corvi finden, und das doppelte Ehebündnis wurde geschlossen; die jungen Frauen brachten ihren Gatten als einzige Mitgabe einen goldenen Berg von Hoffnungen auf einen Großvater mit, einen halben Millionär und schon halb dem Tode verfallen, indem er auf der linken Seite gelähmt war. Wird es der Leser glauben? Durch die Verwandtschaft waren die Freunde wie umgewandelt; sie schoben die Schuld davon auf die Schwägerinnen, die, wie es scheint, das Recht mißbrauchten, welches die Natur und die menschliche Gesellschaft jeder guten Schwester geben, ihre Nase in das Haus des Schwagers zu stecken und darin eine Menge unwichtiger Dinge aufzuspüren, welche so waren, während sie anders sein sollten.

Die Schwägerinnen waren beide ausgezeichnet praktisch; aber von zwei ausgezeichnet praktischen Frauen hat die eine stets etwas Extraraffiniertes, dem die andere nicht gleichkommt.

Diese eine kultivierte das Feld der Erbschaftshoffnungen so gut, daß es hundertundfünfzig Prozent einbrachte ? eine mathematisch-ökonomische Aufgabe, welche juristisch so gelöst wurde: sie bestimmte den Großvater, daß er zu ihren Gunsten testierte »ohne Beeinträchtigung durch den Pflichtteil«. In diesen Worten muß die ganze Hinterlist stecken, und wenn der Leser deren Sinn auf den ersten Blick so klar erfaßt, wie ich es bei aller Anstrengung nicht vermochte, so kann er sich etwas darauf einbilden. Die beiden Schwestern wollten einander die Augen auskratzen; die einst unzertrennlichen, jetzt obenein verschwägerten Freunde fingen an einander ich weiß nicht was für Dinge zu sagen, gewiß nicht sehr freundliche; als sie sich darauf zum erstenmal auf der Straße begegneten, sah der eine die Wolken, der andere das Pflaster an, und endlich, brachten sie es fertig, aneinander vorbeizustreifen, als kennten sie sich nicht.

Zu diesem glänzenden Resultat zu gelangen, wurde ihnen nicht leicht, denn wie man weiß, ist der Mensch eine schwache Kreatur.

Da geschah es, daß die Signora Pasquali unter dem Beistand eines Advokaten auf die Entdeckung geriet, der Großvater müsse schwachsinnig gewesen sein, und darauf hin das Testament anfocht; und nun beteuerte die Signora Nebuli durch den Mund eines anderen Advokaten, es sei wahrhaft schändlich, einem so verständigen Mann, wie dem Großvater, dergleichen nachzusagen.

An dem Zivilgesetzbuch verzweifelnd, ging zuerst die Signora Pasquali, dann die Signora Nebuli in jene Welt hinüber, um ihren Streit vor dem Gerichtshof des ewigen Vaters auszutragen; den Gerichten und Advokaten hienieden verblieben die überlebenden Gatten, von denen der eine fester als je von der Notwendigkeit des Anfechtens überzeugt, der andere gewisser als je war, daß es ihm zustehe, den Willen des Verstorbenen zu verteidigen. Die beredten Advokaten sprachen und schrieben und widersprachen sich so lange, daß die einstigen Freunde Zeit hatten, bittere Feinde und mit Rheumatismus und Gicht behaftete Greise zu werden; und als endlich der Urteilsspruch erging, welcher den Freund Pasquali zu den sämtlichen Prozeßkosten, zu Schadenersatz und Zinsenvergütung verurteilte, war der Freund Nebuli so erfreut darüber, daß er seine Gicht vergaß, die diesen Augenblick der Vernachlässigung dazu benutzte, ihn durch einen Stoß ins Jenseits zu befördern. Nun telegraphierte der Advokat dem einzigen Erben in Turin, er möge kommen, um die Erbschaft anzutreten und ihm sein Mandat zu erneuern, da voraussichtlich die Gegenpartei in der ihr zustehenden Frist appellieren würde. Freund Valens verließ die Akademie, eilte nach Mailand, trat die Erbschaft » cum beneficio inventarii« an, erneuerte das Mandat und that, ich weiß nicht was sonst noch, um den Advokaten zu befriedigen, ging dann nach Paris, das er noch nie gesehen, obgleich es stets die Stadt seiner Träume gewesen war, und wo er, kaum angelangt, erfuhr, daß die Gegenpartei appelliert habe.

Die ganze Frage spitzte sich also darin zu: War der Großvater von Valens Onkel durch den Schlaganfall schwachsinnig geworden oder nicht?

Valens verneinte es, aber der alte Signor Pasquali verweilte in dieser Welt der Rheumatismen nur noch, um seine Behauptung, daß der Testierende schwachsinnig gewesen, durch zehn Beweisstücke und vier eigene Erfahrungen zu stützen; viele Zeugen hatten für, viele gegen die streitige Thatsache ausgesagt und waren gestorben, nachdem sie ihr Gewissen von der Last ihrer Ueberzeugung befreit hatten. Aber es waren Briefe des alten Herren vorhanden, voll gesunden Verstandes und ohne orthographische und grammatikalische Fehler; andere wieder gab es (außer dem Testamente selbst) voller grammatikalischer und orthographischer Fehler, und diese letzteren aus späterer Zeit. ? Nun verliert man aber ? sagte der gegnerische Advokat ? die Grammatik und Orthographie nicht wie einen Schlüssel oder ein Taschentuch (auf hundert Bogen Stempelpapier wurde dies Argument unzähligemal wiederholt, und immer mußten Schlüssel und Taschentuch zur Vergleichung herhalten) ? folglich war der Großvater schwachsinnig gewesen.

Das Gericht hatte sich durch das Argument nicht bestimmen lassen; man beobachtete nur, daß ein Richter in die Tasche griff, um sich zu vergewissern, er habe seinen Hausschlüssel nicht verloren, und daß der Präsident sich seines Taschentuchs bediente; aber im Moment des Urteilsspruches erteilten sie denselben, wie ich gesagt habe.

Es blieb noch das Appellationsgericht, dessen Valens sicher zu sein glaubte, aber der Advokat äußerte Zweifel, und so ernste, daß auch mein Freund zu zweifeln angefangen hatte, worauf der Mann des Gesetzes ihn wieder ermutigte und ihn versicherte, die Beredsamkeit seines Advokaten werde ihm abermals zum Siege verhelfen.

Was meint, der Leser zu der Sache? War der Großvater von Valens Onkel schwachsinnig gewesen oder nicht?

Mir schien die Frage sehr bedenklich.

Fünftes Kapitel.

Ich erlebe ein Wunder.

 

Wir waren in den letzten Tagen des Oktober; die Abende fingen an, rauh zu werden und seit einer Woche blieb das Wetter anhaltend neblig, feucht, melancholisch.

Die Staffelei stand schon ein ganzes Weilchen am Fenster; es war Zeit, daß ich mich an die Staffelei stellte. Ich hatte es eines Morgens gethan; vor mir eine schöne Leinwand, ein Meter breit, siebzig Centimeter hoch, ich im schwarz und weiß gewürfelten Hausrock, eine Idee im Kopf, ein Stück Kohle zwischen den Fingern, war im Begriff, dieser jungfräulichen Leinwand die erste Linie meines Künstlergeheimnisses anzuvertrauen, als Valens eintrat.

Sein Gesicht leuchtete, sein ganzes Wesen hatte eine priesterliche Feierlichkeit. Ohne ein Wort zu sagen, winkte er mir ? unmöglich zu widerstehen; so wie ich da war, ohne auch nur die Kohle aus den Fingern zu legen, ging ich ihm entgegen, er schob seinen Arm unter den meinigen und zog mich mit sich fort.

»Was hast du vor?« fragte ich.

»Ich habe vor, ein Gemälde auf die permanente Ausstellung zu geben, die einzige Frucht dieser müßigen Jahre, und möchte deine Meinung hören.«

»Ein Gemälde!« rief ich aus. »Vollendet?«

»Vollendet.«

»Ich habe es ja nicht gesehen?«

»Du hast es gesehen.«

»Die Signora Valeria vor der phänomenalen Nelke?« sagte ich scherzend.

»Ebendie.«

»Also hast du sie ausgeführt? und wie? und wann? und warum hast du mir nichts davon gesagt?«

Er antwortete mir nicht; wir waren schon auf der Schwelle seines Ateliers; auch ich verstummte. Wir traten ein, er zuerst, ich folgte.

Sogleich erblickte ich die ans Fenster gerückte Staffelei, ein großes Gemälde darauf, und Signora Chiarina, das Gesichtchen in schwermütiges Nachdenken versunken, davor stehend.

Das Geräusch unserer Schritte erreichte sie zuerst nicht, dann sah und begrüßte sie uns, beharrte aber in ihrer Stellung ... Ich trat neben sie und betrachtete gleichfalls mit Entzücken dies wundervolle gemalte Antlitz, das einem lebenden Wesen anzugehören schien. Valens sah uns wohlgefällig lächelnd an; dann holte er ein flaches Zinkgefäß, welches er unter die Staffelei stellte, einen kleinen Eimer und einen großen Schwamm.

»Gebt acht!« sprach er mit komisch verstärkter Stimme.

Ach! ... ein kurzer, halb erstickter Ausruf; Signora Chiarina eilte an mir vorbei und verschwand.

Valens fuhr mit dem nassen Schwamm auf der Leinwand hin und her; man hätte ihn für närrisch halten können; wo er aufdrückte, sieh ... da verschwanden Lichter, Schatten, Farben, alles in einem weißlichen Schaum, unter dem hinweg ein kleiner Strom in das Gefäß tropfte.

Dieses tolle Waschen, das mich anfangs erschreckt hatte, entzückte mich jetzt; auch ich murmelte abgebrochene Worte, brach in allerlei Ausrufe aus, und ich hätte einen Schwamm haben mögen, um zu thun wie Valens that, nämlich eine reizende Venus jener Gewänder entkleiden helfen, welche eine lächerliche Maskerade waren, sie von dem steinernen Hintergrund, dem Mosaikboden befreien, um sie mit dem Azur des Himmels und des Meeres zu umgeben. Wenige Minuten genügten, um dies Wunder zu vollenden, und als sich die letzten Mosaiksteinchen von einem zierlichen Knöchel gelöst hatten, das weiße Füßchen inmitten der schäumenden Wellen erschien, und man aus weiter Ferne zahllose leichte, weiche Wogen heranströmen sah, gleich liebkosenden Händen oder unter Küssen murmelnden Lippen, als ringsumher in Luft und Wasser ein Licht aufleuchtete, das einem Liebeslächeln glich ? o da, da fühlte ich sie auf einmal ganz, die Fieberglut der Kunst, fühlte sie mit dreiunddreißig Jahren, wie ich nie geglaubt hätte, sie noch empfinden zu können.

Wir sprachen nichts; ihn hatte die Erregung, mich das Staunen unbeweglich und stumm gemacht. Und als ich das Gemälde lange, lange bewundert hatte, von vorn, von der Seite, zurücktretend, mich wieder nähernd, die Augen halb schließend, durch die bloße Faust wie durch ein Fernrohr blickend, und diese Venus immer die schönste, die süßeste, die lieblichste, den absoluten Superlativ aller Venusbilder fand, als ich mich dann ernst, feierlich zu ihrem Schöpfer wendete, ihn mit dem Ausdruck meiner ganzen Ergriffenheit, aber immer noch stumm befragte, da sprach er lächelnd: »Aus des Meeres Schaum.«

Seine Stimme zitterte, ich drückte ihn an mein Herz, und brachte endlich heraus: »Du hast ein Meisterwerk gemacht.«

Und auch mir zitterte die Stimme.

»Jetzt verstehe ich,« fügte ich hinzu, indem ich mich aufs neue betrachtend vor dies liebewogende Meer stellte, das ein Wunder schuf, um es dem Olymp des Zeus darzubringen ? jetzt begreife ich das unwahrscheinliche Staunen der Signora Valeria vor der Nelke. Es war die naive Verwunderung einer Venus, die zum erstenmal die Welt vor sich sieht, und dies Licht, welches ihre göttliche Natur auf das zarte Antlitz strahlt, schien von dem Fenster auf sie zu fallen. »Aber sag, warum hat deine Venus so zarte, zierliche Formen? Das ist nicht die Mutter der Amorinen, die hier gleicht keiner der Venusgestalten von Tizian ... nur die Danae Correggios ...«

»Es ist die eben geborene Venus, Kind, Weib und Göttin zugleich; der Olymp wird ihr die Majestät geben, welche ihr jetzt noch fehlt, das wollte ich ausdrücken, darin lag die Schwierigkeit ... Wenn ich fehlgegriffen habe ...«

»Schweig, du hast nicht fehlgegriffen, sie ist erhaben, ist wahr, und spricht unmittelbar zur Phantasie, ohne die Sinne zu erregen. Laß mich, der ich ein Esel, aber aufrichtig bin und bleiben werde, laß mich es dir sagen: Du hast ein Meisterwerk geschaffen!«

Meine Begeisterung schmeichelte ihm sichtlich, dennoch fühlte er sich noch nicht sicher; er sah mir in die Augen, blickte auf sein Bild, an dem er tausend Mängel fand, welche es nicht hatte, und umschritt es erregt wie ein Kind.

Als die erste Künstlerwallung verflogen war, dachte ich bei mir: »Welche Keuschheit in diesen nackten weiblichen Formen! Der milde Ton des Fleisches beruhigt die Sinne, macht sie edler, reinigt sie. O wie züchtig ist die wahre Schönheit!«

Und dann fragte ich mich und antwortete mir selbst: »Warum ist Signora Chiarina geflohen? Ach, ich errate, weshalb ...«

Durch erkünstelte Unbefangenheit in Ausdruck und Stimme suchte ich den Freund in die Falle zu locken, indem ich ihn plötzlich fragte: »Warum nanntest du sie Valeria?«

»Weil ... weil das Modell so hieß.«

»Ach, so gibt es denn in der lebendigen Natur Modelle von solcher Anmut?«

»Eine einzige Frau hatte dies Antlitz ...«

»Und sie hieß Valeria ...«

»Ja ...«

»Und warum floh deine Frau, als du den Schwamm nahmst? ...«

»Weil ... weil ... dir will ich es sagen, denn früher oder später wirst du doch mein Vertrauter in allem sein ? weil Valeria ihre Mutter war ...«

»Hast du sie gekannt?«

»Nein; sie starb, als sie ihrem Kinde das Leben gab.«

»Dann also ...«

Ich wollte etwas sagen ... stockte, und mich verbessernd fuhr ich fort: »Dann hast du sie also nicht nach der Natur gemalt?«

»Nein ... ich habe ihr Gesicht treu nach einer Photographie kopiert ...«

»Und den Körper?«

Er las vielleicht meinen Gedanken, denn seinen Arm um meinen Nacken legend, zog er mich mit sanfter Gewalt hinweg. Als wir durch die Zimmer gingen, sah ich mich um; Signora Chiarina ließ sich nicht blicken.

»Ach,« sagte ich noch auf der Schwelle, »die ganze Nacht habe ich an deine Angelegenheit gedacht.«

»Welche Angelegenheit?«

»Corvi contra Corvi,« und zum erstenmal fiel mir das Wortspiel auf, welches der Zufall hier gemacht hatte, und ich wiederholte es: »Corvi contra Corvi. Ich gestehe, die Sache scheint mir sehr verwickelt, und ich habe mich in dieser Verschlingung von Schwestern, Schwägern, Onkeln nicht ganz zurecht gefunden; nur soviel begreife ich, daß das eine Ende dieses verwirrten Fadens der Großvater ist, und daß man mit ihm anfangen muß ? ich habe viel darüber nachgedacht und jetzt ist mir eine lichte Idee gekommen ... soll ich dir meine Auffassung deines Prozesses geben?«

»Nein, ums Himmel willen nicht ...«

»Nun, wie du willst; aber für mich ist kein Zweifel: der Großvater war völlig bei Verstand; wenn die Appellrichter den ihrigen zusammennehmen und nur die Hälfte des großväterlichen haben, so bin ich sicher, daß sie abermals Corvi contra Corvi recht geben ... nämlich dir.«

»Wir wollen es hoffen,« sagte Valens leichthin.

»Und wann kommt die Sache zur Entscheidung?«

»In vierzehn Tagen.«

Sechstes Kapitel.

Signora Chiarina gibt mir die Idee zu meinem Meisterwerk ein.

 

Acht Tage später waren alle Besucher der immerwährenden Ausstellung in die Venus meines Freundes verliebt; es bildete sich um den Namen Valens Nebuli jene Strömung der Sympathie, jenes Bewunderungsfieber, welches die neuen Ankömmlinge zu erregen pflegen.

Man sprach nur noch von »Des Meeres Schaum«; selbst die Zeitungen erwachten aus ihrem politisch-administrativen Dahinschlummern, um einen Blick in die Ausstellung zu werfen, wo ein ruhmvolles, ein gefeiertes Werk, ein Meisterstück aufgetaucht war. Die Kritik, die sich entweder hochherzig oder grausam zeigt, ging so weit, sämtliche Venusbilder zu mißhandeln, welche früher um ihre Sanktion der öffentlichen Beifallslaune gebettelt hatten. Ich sah mit eigenen Augen grauhaarige, und zwar, wie alle wahren Künstler, gute und großgesinnte Menschen, seit einem halben Jahrhundert berühmte Maler, die sonst gern einem jungen Kunstgenossen die Hand gedrückt hätten ? ich sah sie stumm vor dem Gemälde stehen bleiben und argwöhnisch umherblicken, als fürchteten sie, man möchte geringschätzig mit Fingern auf sie zeigen: ich sah. wie sie zuweilen an Valens vorbeigingen und ihn nicht anblickten, oder so anblickten, als kennten sie ihn nicht, und sich nicht umwendeten, wenn ein Bekannter, welcher neben ihnen ging, ohne zu ahnen, wie laut ihr Herz schlug, sie unbefangen auf den in einer Viertelstunde berühmt gewordenen jungen Maler aufmerksam machten ? der so glückselig und so bescheiden war, daß er von dem allem nichts merkte.

Und ich hätte auf diese alten Meister zugehen und zu ihnen sagen mögen: »Reichen wir uns doch alle die Hände, und üben wir die Kritik der Kritik aus; lächeln wir über den blinden Enthusiasmus der Menge, welcher seine blinde Schwester, das ungerechte Vergessen, hinter sich herzieht; die Laune und die Befangenheit sollen uns nicht launisch und befangen machen; die Kunst ist ein Wettlauf; uns, die wir ... oder vielmehr ihr, die ihr schon am Ziel angelangt seid, darf der Beifallssturm nicht beleidigen, welcher uns ... ich wollte sagen, welcher die neu Anlangenden begrüßt ? es ist eine Viertelstunde, welche für alle vorübergeht. Wir repräsentieren die Kunst, wir müssen auch das Wohlwollen repräsentieren.«

Das alles hätte ich sagen mögen, und mich dünkt, ich hätte es besser als hier gesagt; aber mit welcher Berechtigung, auch wenn ich es vermochte, durfte ich mich einmischen, um die Berühmtheiten von gestern mit den Berühmtheiten von heut auszusöhnen, ich, der ich ganz und gar nicht berühmt war, und keine Hoffnung hatte, es je zu werden? Wie konnte ich »wir« sagen, ohne das »ich« als Eindringling hineinschlüpfen zu lassen? Denn ... man wisse es nur, unter meiner großen Freude, Valens zum Ruhm gelangt zu sehen, lag ein großer Schmerz verborgen, eine unsägliche Betrübnis, daß ich nicht auch etwas Gutes zu schaffen imstande war.

In den ersten Tagen hatte mich ein fieberhafter Drang erfaßt, Wunder zu thun; mit großen Schritten durchmaß ich mein Atelier, erhob die Stirn und schaute an der Decke kühn in die Himmel der Kunst; ich mischte die Farben an, aus denen ich ein prächtiges Genrebild hervorzaubern wollte; aber plötzlich verflog meine Trunkenheit, die Pinsel entfielen meiner Hand ? ich ward wieder ich selbst, nämlich ein Dutzendmensch, der von der Mathematik und von der Philosophie Zurückgewiesene, dem die Kunst ein Almosen gereicht hatte.

Bei dieser Veranlassung offenbarte sich mir mehr als je Valens edle Seele; da ihm ein großes Stück Ruhm zu teil geworden war, und er es nicht ganz für sich behalten mochte, ohne doch zu wissen, wie er mir davon abgeben solle, so begann er die Idee meines neuen Genrebildes so anmutig, die Zeichnung so richtig, den Ausdruck so gemäßigt zu finden, daß ich endlich auch davon befriedigt war.

»Dir kommt es zu, meine Wunden zu verbinden,« sagte ich zu ihm ? »denn du bist es gewesen, das heißt deine Venus ist es gewesen, die mich zuerst zu ihrer Höhe erhoben und dann schwer auf das Pflaster des Weges hat fallen lassen; alle Werke des Genies sind grausam gegen Leute, die nichts als den guten Willen haben.«

»Aber du bist ein Künstler!«

»Ach, sage mir das nicht; ich bin nur ein ?Ordnungsmensch? ...«

Ich verleumdete zwar die Ordnung, aber ich sagte die Wahrheit; zuweilen wenn das Genialitätsfieber über mich kam, war mirs, als müsse ich mich sofort daran machen, mein ganzes Atelier umzukehren, die Gemälde auf den Kopf stellen, die Pinsel mit den Stielen in den Becher ... aber einmal konnte ich doch wieder nur eine geordnete Unordnung aussinnen, und dann sagte ich mir; »Es ist vergebens, ich hielte es nicht lange aus, schon morgen würde ich alles wieder stellen wie es heut steht, und meine Kunst würde nicht einen Schritt weiter kommen.«

Meine gesunde Einsicht verließ mich nie. O, wenn die genügte, um wundervolle Gemälde zu schaffen, wie ich sie allnächtlich träume, wenn meine gesunde Einsicht schläft!

Valens that noch mehr, er zwang mich, meine noch unverkauften Bilder auf die Ausstellung zu bringen.

»Welchen Preis stellst du?«

»Fünfhundert Lire für jedes,« sagte ich verlegen.

»Schäme dich, deshalb hast du sie auch noch nicht verkauft ... hättest du tausend gefordert, so wären sie längst nicht mehr in deinem Atelier.«

»Und wieviel wirst du denn für deinen ?Schaum des Meeres? fordern?«

»Der ist nicht zu verkaufen.«

Ich nahm des Freundes Rat an. und als ich acht Tage später an meine Bilder herantrat, sah ich an einem derselben den Zettel mit »Verkauft« stecken.

»Das wird ein Irrtum sein.« dachte ich. Ich schwöre dem Leser zu, dies ist keine übertriebene Bescheidenheit, ich dachte wirklich so, und war doch zugleich überzeugt, daß es kein Irrtum sein könne. Ich eilte in das Bureau des Vorstands ? eine fremde Dame war die Käuferin, sie hatte die tausend Lire bar bezahlt, und wollte das Gemälde selbst abholen lassen.

Eine Freude, wie Annetta und ich sie empfanden, läßt sich nicht beschreiben. Wie ein Paar Kinder, uns an der Hand haltend, liefen wir hinunter, um ein wenig von unserer Fröhlichkeit an Nebulis abzugeben. Signora Chiarina küßte die Freundin und lachte. Das machte sie immer so, wenn sie erfreut war! Und wie wohl that es mir, in diesem Lachen das Echo meiner Glückseligkeit zu hören, unsere Freude auf diesem Elfengesichtchen widerspiegelt zu sehen! Valens hingegen blieb ernst. »Ich sagte dirs ja!« sprach er, weiter nichts.

Wie man sich denken kann, machte mein Bild in zwei Tagen größere Fortschritte, als es sonst in vierzehn gemacht haben würde; ich unterbrach dann und wann mein eifriges Malen, um mit dem Zeigefinger das süße Gesichtchen Annettas zu erheben, welche über ihre Näherei gebückt saß, und ihr von einer mir eben gekommenen Idee zu sagen, und von noch einer, und noch einer. Die Ideen strömten mir zu.

»Wenn sie mir nur nicht entschwinden!« sagte ich.

Und sie: »Ich werde sie schon im Sinn behalten.«

Ihr nachdenkliches Köpfchen wurde in wenig Tagen ein wahrer Vorratsschrein.

»Wenn mir nichts zustößt,« dachte ich, »wenn diese Fruchtbarkeit anhält und wenn ich Glück habe, mit einem Wort, wenn das Schicksal mich nur machen läßt, so werde ich alle fremden Damen, welche die Mailänder Ausstellung besuchen, mit Genrebildern versorgen.«

Valens war ganz glücklich über meinen Enthusiasmus, und rief mir »bravo« zu, während er, aus meiner Pfeife rauchend, in meinem philosophischen Lehnstuhl saß und mir guten Rat gab, ohne daß es diesen Eindruck machte.

»Und du,« fragte ich ihn, »was wirst du jetzt machen?«

»Ich? Nichts,«

»Gedenkst du nicht, deinem Gemälde einen Nachfolger zu geben?«

»Ich habe ihm hundert in meiner Phantasie gegeben, einen immer schöner als den anderen. Aber ich fühle durchaus keinen Drang, mich ans Werk zu machen. Ich sehe diese Gemälde, gewiß ihrer hundert, alle schön, oder wenigstens gefallen sie mir ? und damit genug. Früher oder später übrigens werde ich eins davon anfangen ... vielleicht morgen!«

»Da haben wir den Mann des ?Morgen?!«

Anstatt zu antworten, fuhr er fort, Gestalten mit dem Rauch aus Meiner Pfeife zu bilden, und die »morgen« kamen und gingen.

Jetzt werde ich den Ursprung dessen erzählen, was als mein Meisterwerk gilt ? denn auch ich habe ein verhältnismäßiges Meisterstück geschaffen, und alle können eines haben, frevelnde Maler, Bildhauer und Litteraten; von den großen, mittleren und kleinen Freveln, welche sie verübt haben, ist der kleinste ? ihr Meisterwerk.

Es war an einem Novembervormittag, wo Valens meine Annetta und mich bewogen hatte, zum Frühstück zu ihnen hinunterzukommen. Er hatte mir etwas zu sagen, dessen war ich gewiß, um so mehr, als er bei dem Frühstück nichts sagte.

Am Schluß des kleinen Mahles äußerte ich: »Ich errate; du hast mir etwas mitzuteilen.«

»Du hast es erraten,« antwortete er, sonst nichts.

»Und ich kann mir denken, daß es sich um ...«

Eben in diesem Augenblick erhob sich Signora Chiarina, gab der Freundin ein Zeichen und beide verschwanden.

»Du hast ein neues Gemälde im Sinn.«

Diese Neckerei war absichtlich; ich wußte recht gut, daß er mit mir nicht von einem Gemälde zu sprechen hatte; ich riet fehl, damit er mich berichtigen möchte.

Er antwortete mir in gleichgültigem Ton, als wiederhole er auswendig gelernte Sätze: »Ein Gemälde anfangen heißt, es zu verderben beginnen; ein Gemälde vollenden heißt, es ganz zu Grunde richten. Wieviel Meisterwerke sind so dahingestorben, nachdem sie Monat für Monat unter dem Pinsel mit dem Tode gerungen haben ...«

Ich unterbrach ihn: »Deine Gedanken sind nicht bei dem, was du sprichst ...«

Und er: »Du hast recht, aber ich sage, was ich oft gedacht habe. Kommen wir zur Sache; ich bedarf deiner ganzen Freundschaft, um von dir den größten Dienst zu erbitten, den man von einem Menschen fordern kann: Ein Geheimnis zu bewahren,«

»Verzeih,« gab ich zurück, von der Feierlichkeit dieser Worte betroffen, »ist es wirklich notwendig, daß ich dir dein Geheimnis bewahre? Könntest du es nicht selbst bewahren? Ich bin neugierig, das gestehe ich ... bin sehr begierig darauf; aber die Regel ist doch, und es gibt auch ein Sprichwort, welches sagt, daß ...«

»Ich weiß, was das Sprichwort sagt; aber was ich dir mitzuteilen habe, besteht auf mir; ich kann es nicht für mich allein tragen; die Verantwortung ist zu schwer; wir wollen sie teilen ... Ist es dir recht? Du wirst mir einen Rat geben ...«

»Gewiß ...«

Aber in diesem Augenblick öffnete sich die Thür und meinen überraschten Augen bot sich das seltsamste Schauspiel; eine blütenweiße Dame, welche einen dunklen Schatten an der Hand hielt, nicht doch, ein schwarzes Ding, nein, ein lebendiges schwarzes Unding, mit ein Paar Augen von Porzellan in einem Gesicht von Kohle. Mein ganzer poetischer Bilderreichtum wurde herausgefordert; ich sah die Morgendämmerung und das Kind der Nacht; zugleich Proserpina, welche die Mama eines kleinen Balgs aus Plutos erster Ehe spielen muß; das verkörperte Mittagslicht, welches seinen verkürzten, entstellten Schatten hinter sich herzieht, und ich weiß nicht, was ich sonst noch alles in der Signora Chiarina mit dem kleinen Schornsteinfeger an der Hand sah. Die anmutige Frau mußte den Jungen mit einiger Anstrengung hereinzerren.

»Seht ihn an,« sagte sie, »seht ihn an, wie hübsch er ist; nur dieser dicke zerlumpte Kittel macht, daß er breiter als lang aussieht ... Ist er nicht wirklich allerliebst?«

Auch Annetta blickte ihn freundlich, halb mitleidig, halb verwundert an.

»Ja, gewiß, ein allerliebstes Kerlchen.«

Ich sagte nichts, weil ich eben in Gedanken mein Meisterwerk entwarf.

Nun ließ die Hausfrau ihre ein wenig taumelnde Beute los, und indem sie ihr Madonnenantlitz zu dem verschämten Gesicht des kleinen Bengels niederbeugte, fragte sie in einem Ton, welcher schon an sich eine Liebkosung war: »Sag einmal, wie heißest du?«

Das so befragte Männchen war ganz verwirrt; er hatte die Sprache verloren und fand sie erst auf die Verheißung eines schönen Weißbrotes wieder, welches er ganz allein haben sollte ? etwas noch nie Dagewesenes, Unerhörtes!

»Sprich, wie heißest du?«

»Giovanni ...«

»Und weiter?«

»Battista ...«

»Giovanni Battista, wie noch?«

Schweigen.

»Eine liebe Mutter hast du doch?«

»Nein.«

»Einen Papa?«

»Nein.«

»Und wie alt bist du?«

Das schwarze Geschöpfchen kam allmählich zu sich; nicht die Pracht des Salons hatte ihn überwältigt, denn er war gewohnt, dergleichen zu sehen, aber diese freundliche Begegnung, diese Güte, dies an seinem Horizont auftauchende Weißbrot.

»Gehst du in die Schule?« fragte Annetta.

»Ja.«

»Und was lernst du?«

»Lesen, Buchstaben machen.«

»Kennst du das ?o??« fragte Signora Chiarina dazwischen.

Der kleine Freund bejahte es bescheiden.

»Wir wollen mal sehen ...« Sie nahm eine Zeitung, einen »Pungolo«. Der schwarze Gelehrte hatte sich nicht zu viel vermessen: er erkannte nicht nur beide »o« des Titels, sondern begrüßte auch das »u« als einen alten Freund.

»Du mußt sie aber alle kennen,« sagte Signora Chiarina, »gehst du gern in die Schule, und bist du fleißig? Sieh, wenn du zu Weihnachten alle Buchstaben kennst, so schenke ich dir einen Silberskudo und eine neue Jacke ...« und da sie sah, daß den Freund des »o« und »u« das Weißbrot mehr als alles andere reizte, so setzte die Signora hinzu: »Und Weißbrötchen ...«

»Recht viele?«

» So viele!«

O, diese reine Freude!

»Nun geh nach Haus. Du frierst nicht?«

»Nein ...« Und eilends lief er davon. Signora Chiarina und meine Annetta hinterdrein.

»Ich habe die Idee zu meinem Meisterwerk,« sagte ich heiter, »Venus hat Amor in der Kohlenkammer des Olymp gefunden und bringt ihn vor die tafelnden Götter; ein Genrebild, das sich an den Wänden irgend eines heidnischen Wohnungsparadieses vortrefflich ausnehmen würde.«

»Bravo!«

Ich sagte das im Scherz; in der That nahm ich mir vor, die eben erlebte Scene, wie sie war, darzustellen und sie zu nennen ...

»Venus und Amor!« schlug Valens vor.

»Angenommen.«

»Und wenn du meinem Rat folgst, so lässest du es, wenn es dir ganz fertig vor der Seele steht, für ewig dort, ohne es dir zu verderben, um es öffentlich auszustellen.«

Aber er verbesserte sich und sagte: »Doch nein, du sollst es vielmehr so bald wie möglich malen, für mich; sollst meine Chiarina, deine Annetta und mich hineinbringen; über den Preis werden wir schon einig.«

Unsere Frauen traten wieder ein, beide strahlenden Angesichts.

Signora Chiarina lief ans Fenster, öffnete es und sah mit Annetta hinaus. Und wir, die wir schweigend hinter sie getreten waren, ohne zu wissen was vorging, hörten plötzlich ein helles Stimmchen durch die Luft schallen und höher, immer höher steigen, über die höchsten Schornsteine hinaus.

»Es ist Giovanni Battista!« sagte Chiarina, »er springt davon, die Hände in den Taschen ... Jetzt ist er fort. Wie wenig gehörte dazu, ihn glücklich zu machen!« sprach sie, sich umwendend, und schloß das Fenster.

»Wird er zu Weihnachten wiederkommen, um sich den Skudo zu holen?«

»Er wird schon kommen!«

Wie himmlisch gut und anmutig war Signora Chiarina!

Annetta hatte wohl denselben Gedanken, denn einmal ums andere fiel sie der Freundin um den Hals und küßte sie wieder und wieder. Auch ich hätte es wie Annetta gemacht, wären nicht die verwünschten Schicklichkeitsrücksichten. Und ich sagte zu Valens: »Du mußt sie für mich küssen.«

Mich dünkt, es war nichts Schlimmes dabei, aber Valens lächelte verlegen und seine Frau wurde glutrot.

Dennoch that sie den ersten Schritt dazu; sie näherte sich, legte die Händchen auf die Schultern des Gatten, und indem sie sich auf den Fußspitzen erhob, drückte sie einen leichten, schüchternen Kuß auf seine Wange, so einen Kuß, welchen man nicht hört.

Siebentes Kapitel.

Ich mache die Bekanntschaft eines Unbekannten.

 

Diesmal war es ein Russe ? noch länger als ich, dürrer als ich, mein verhäßlichtes Gegenbild, aber welch ein lieber Mensch, dem meine »Fischerfamilie« so sehr gefiel, ganz besonders das Netz, welches die braven Leute flickten; aber er wollte nicht tausend Lire dafür geben; siebenhundert schienen ihm genug, mir nicht. Er prüfte das Gemälde mit Kennermiene durch sein Augenglas ? alles war schön daran, er mußte es sagen, aber besonders das Netz! ...

Kurz, das Netz gefiel ihm so gut, daß er sich darin fangen ließ ? er zahlte achthundert Lire!

Am Abend machte Annetta die Bemerkung, die Dinge ließen sich gut an, dies seien gewiß Fortunas erste Küsse, die vielleicht vorhabe, sich früher oder später ganz in unsere Arme zu werfen.

Andere Gemälde waren nach dem »Schaum des Meeres« von Freund Nebuli auf die Ausstellung gekommen; Landschaften, Seeküste, Interieurs, Stillleben; aber alles hatte der siegreiche »Schaum« beschämt, verdunkelt, begraben.

Da Valens den Preis seines Werkes nicht genannt hatte, begann man ihn in seiner Wohnung aufzusuchen; es waren Engländer, es waren Deutsche, aber zumeist waren es Amerikaner, welche das kleine Meer und die Venus meines Freundes mit über den Atlantischen Ocean nehmen wollten. Sie gingen mit Höflichkeiten überhäuft von dannen, aber mit ihren verführerischen Dollars im Beutel ? der »Schaum des Meeres« war nicht verkäuflich.

Man weiß, daß eine der augenfälligsten Formen des Triumphs die überstrenge Kritik der Uebelwollenden ist; auch diese fehlte meinem Freunde Valens nicht. Ich selbst hörte einen gewissen jemand äußern ? und wäre beinahe vor Lachen gestorben ? des »Meeres Schaum« sei doch schließlich dies nicht, und das nicht, und jenes nicht, eigentlich nichts in aller Welt. ? Die heilige Wahrheit: »Es war in aller Welt nichts, weder ein historisches Gemälde, noch ein Genrebild, ja nicht einmal ein Campanile oder eine ägyptische Pyramide ...«

Jener Gewisse sah mich an, als ich ihm dies zugestanden; er hatte vielleicht gar nicht gedacht, daß er so sehr recht hatte, und wahrscheinlich dämmerte ihm eine Möglichkeit des Gegenteils auf.

Andere Schlauköpfe faßten die Sache von anderer Seite an; anstatt an dem epochemachenden Gemälde, was es nicht war, zu kritisieren, überredeten sie sich, daß sein Zauber einzig in dem Gegenstand läge, daß zu einem Meisterwerk unbedingt Wasser und mythologische Frauengestalten gehörten. Und in den nächsten Monaten erschien eine ganze Folge von Sirenen, welche keine Menschenseele bezauberten, von badenden Nymphen oder Dianen, die auf hundert Arten Reize zu verbergen suchten, welche mit Verlangen zu betrachten auch nicht einmal den Studenten einfiel. Aber ich will der Erzählung nicht vorauseilen; ich nehme sie da auf, wo ich sie gelassen.

Als der kleine Giovanni Battista mich mit der Idee zu einem Kunstwerk beschenkte, hatte meine Neugier dafür büßen müssen, denn der Leser wird sich erinnern, daß gerade in dem Augenblick, wo der Junge in Signora Chiarinas Schlepptau hereinkam, Valens im Begriff war mir zu sagen ... »ja was?« Vergebens fragte ich mich den ganzen folgenden Tag darnach; ihn wollte ich nicht fragen; ich hielt es für besser, zu warten.

Vielleicht war es ihm leid geworden; als könne er die stumme Frage: »Was wolltest du mir sagen?« auf meinen Lippen lesen, floh er mehrmals die Gelegenheit, mit mir unter vier Augen zu sein.

Abends sollte, wie gewöhnlich, in das Bierhaus gegangen werden ? ich wartete den Abend ab ? aber als es Zeit war und ich hinunterging, um ihn allein abzuholen, hatte Signora Chiarina bereits ihr entsetzliches Hütchen nach der neuesten Mode, einen Berg von Grün und Blumen, auf dem reizenden Kopfe, wo es beinah erträglich aussah.

Ich mußte wieder hinauslaufen und selbst auf das anmutige Köpfchen meiner Annetta ihren Bersaglierehut mit der Hahnenfeder setzen, einen Hut, mit dem es zu Ende ging, den aber Frauen wie die meinige, Frauen solcher Männer wie ich, mit der zärtlichsten Verehrung behandeln und unendlich reizender als den neuen finden.

Wir gingen also zusammen aus; die beiden Gattinnen Arm in Arm voran, die beiden Ehemänner hinterher. Freund Valens sprach von vielen hundert Dingen und ließ mich kaum den Mund aufthun; plötzlich blieb er stehen und wendete sich um, ich desgleichen; ein Mann, welcher hinter uns ging, schritt uns eilig voraus, und als er in der Nähe unserer Damen war, blickte er sie von der Seite an. Wir beschleunigten unseren Schritt, er setzte seinen Weg fort.

»Hast du ihn gesehen?« fragte mich Valens.

»Nicht so recht; es schien mir ein alter Herr zu sein.«

»Es ist ein alter Mann.«

Weiter sagte er mir nichts.

Es sei schade, uns in die Bierhalle einzusperren und Signora Chiarinas zarten Teint verräuchern zu lassen, meinte Annetta, der übrigens das Bier zusagte und der Tabakrauch nicht mißbehagte; aber Signora Chiarina that Einspruch und betrat zuerst den raucherfüllten Salon, wo mancher Gast die Cigarre aus dem Munde nahm, um ohne Nebel vor den Augen die liebliche Erscheinung zu betrachten.

Wir suchten ein entlegenes Zimmer auf, wo wir allein zu sein dachten ? aber dem war nicht so. Ein Mann, ein Greis war uns zuvorgekommen und setzte sich eben jetzt auf den besten Platz.

Als er uns sah, empfand er wohl Bedenken deswegen und überließ seinen Sessel der Signora Chiarina, verbeugte sich vor Annetta, blickte uns alle an, wobei er sich zu seiner ganzen Länge aufrichtete, welche der meinigen nichts nachgab. Wir grüßten, er zog sich in eine Ecke zurück, und wir bestellten unser Bier mit einiger Verwirrung. Wir hatten in ihm den Mann von vorhin erkannt. Es war ein sauber gekleideter alter Herr mit ernstem, obwohl ganz bartlosem Gesicht, mit schalkhaft blitzenden Augen; er mußte wohl neugierig sein, denn entweder sah er uns an, oder sein unbeweglich ins Glas gehefteter Blick ? wo doch nichts Besonderes zu schauen war ? zeigte, daß er dem wohlklingenden Geplauder unserer Frauen lauschte. Ich ? daß ichs nicht leugne, mit einem guten Teil Neugier begabt ? sah ihn ein paarmal sich die Hände reiben und wie einem lieblichen Gebilde seiner Phantasie zulächeln, dann, indem er uns ansah, wieder ernst werden; einmal stand er auf; ich meinte, er werde gehen; mitnichten; er öffnete die Lippen, als wolle er sprechen, gab diese Absicht aber auf, befühlte seine Taschen, that erstaunt wie jemand der etwas vermißt, und zog endlich ein seidenes Taschentuch heraus, das er in eine andere Tasche steckte, ohne es benutzt zu haben! Von neuem sank er auf seinen Sitz, rieb sich wieder die Hände und lächelte die schöne unsichtbare Erscheinung an.

Wir blieben wenig über eine Viertelstunde in dem Bierhause; beim Fortgehen hatten wir die tiefste, vom liebenswürdigsten Lächeln begleitete Verbeugung zu erwidern.

»Welch höflicher alter Herr!« sagte Annetta.

»Welch schöner Greis!« sagte ich.

»Wem gleicht er?« fragte mich Valens.

Ich rief mir alle unsere Bekannten ins Gedächtnis; er glich keinem davon.

»Er ist ja wahrscheinlich das Abbild seines Vaters oder seiner Mutter, übrigens hat ein Mann dieses Alters das Recht, sich selbst zu gleichen.«

»Für wie alt hältst du diesen Mann?«

»Wenn er noch nicht fünfundsechzig Jahre ist, so fehlt ihm gewiß nicht viel daran.«

»Du irrst dich, er kann erst wenig über sechzig Jahre sein.«

»Wohl möglich, vielleicht ist er nicht älter.«

Als ich tags darauf die Säle der Ausstellung durchschritt und stehen blieb, um des »Meeres Schaum« zu begrüßen, hörte ich jemand dicht neben mir sagen: »O wie schön! Wunderschön! Wie herrlich!« Man denke, wie mir das Herz schlug; ich wendete mich um, es war der Unbekannte vom Abend zuvor. Er hatte die Augen auf mich geheftet; ich grüßte ihn, und er, als hätte ers nicht anders erwartet, sagte: »Es ist wirklich prächtig, finden Sie nicht?«

»Es ist bewundernswert,« sagte ich, »sehen Sie dieses Fleisch, das wie leuchtend scheint, und diese Luft ... sie ist bewegt! und dort auf dem tiefen Azur die Wölkchen: sollte man nicht meinen, sie schwebten herbei, um das Wunder anzustaunen?«

»Sie sind Künstler?«

»Ja, mein Herr.«

»Ist ein Bild von Ihnen ausgestellt?«

»Ich habe deren vier hier; zwei sind schon verkauft.«

Er wollte sie sehen; sie gefielen ihm natürlich sehr.

»Valens Nebuli,« sagte er bald darauf, »ist der Herr, welcher gestern mit Ihnen war?«

»So ist es.«

»Der Gemahl der Signora Chiarina?«

»Jawohl ...«

»Und es geht ihm gut?«

»Sehr gut; er ist so gesund wie ein Fisch.«

Ich hatte nicht verstanden, was er meinte. »Er ist reich,« fügte ich hinzu.

»Wie wissen Sie das? Sind Sie ganz sicher, daß er reich ist?«

»Er besitzt ein prächtiges Haus in der Via ...«

»Das Haus gehört ihm nicht.«

»Ich stehe Ihnen dafür, daß es ihm gehört.«

»Ich stehe Ihnen dafür, daß es ihm nicht gehört.«

»Wenn ich doch aber darin wohne und die Miete an ihn bezahlt habe ...«

Die Miete hatte ich noch nicht bezahlt, aber ich dachte dem Alten so am schnellsten den Mund zu schließen; ja schön! es war in den Wind gesprochen. Der Herr fuhr fort: »Er mußte zwei Wohnungen mieten, welche gewöhnlich zusammengehören: eine davon bewohnt er, und vermietet die andere, welche er nicht braucht.«

»Davon hat er mir nie etwas gesagt ...«

»Weil Sie ihn nie danach gefragt haben.«

Es war wahr.

»Jedenfalls ist er reich,« setzte ich hinzu, »er hat eine Erbschaft gemacht ...«

»Ja, aber er hat einen Prozeß ...«

Wie genau der gute Mann unterrichtet war! Ich sah ihn an, ohne ein Wort zu erwidern; er hatte wieder (jetzt weiß ich es gewiß) die schöne Unbekannte vor seinem Geistesauge, lächelte ihr zu und rieb sich die Hände.

»Es ist ein köstlicher ?Meeresschaum?« sagte er dann, indem er sich von neuem bewundernd vor das Gemälde stellte, »wieviel glauben Sie, daß dafür gefordert wird?«

»Es ist nicht verkäuflich,« erwiderte ich.

»Ich weiß wohl,« seufzte er, »ich weiß! Er hat viele Angebote zurückgewiesen ...«

»Und sehr bedeutende ...«

»Erbärmliche. Wenn Signor Nebuli wollte, ich weiß jemand, der ihm doppelt soviel wie der Amerikaner geben würde.«

»Er wird aber nicht wollen.«

Boshaft lächelnd sagte er: »Wenn er den Prozeß verliert, so wird er schon wollen.«

Es war das zweite Mal, daß ich auf seine Aeußerung die Brauen in die Höhe zog und nicht antwortete; und wieder sah ich ihn irgend ein Phantasiebild anlächeln und sich mit wahrer Befriedigung die Hände reiben.

»Woher wissen Sie von dem Prozeß?«

»Es ist so leicht, von Valens Nebulis Angelegenheiten unterrichtet zu sein, wer wüßte nicht davon? Die Zurückweisung der amerikanischen Dollars hat die Neugierigen, die Müßigen in Aufregung gebracht; alle die, welche nur für die Angelegenheiten anderer Ohren haben und eine Zunge, um wiederzusagen, was sie gehört ... Die Gerichtsverhandlungen sind heutigestags nicht geheim, die Advokaten, wie Sie wissen, sind nicht stumm, die Gerichtsdiener ebensowenig, und alles kommt in die Oeffentlichkeit, auch was es nicht sollte ... nämlich, daß Valens Nebuli alles verlieren und an den Bettelstab kommen wird.«

Mir wollte scheinen, daß auch er zu denen gehöre, welche nur Ohren haben, um u. s. w.; aber immerhin erschreckte mich seine Zuversichtlichkeit.

»Ist es Ihr Ernst?«

»Es ist gar nicht daran zu zweifeln, der alte Corvi war durch den Schlaganfall schwachsinnig geworden.«

Ich sah ihn mit offenem Munde an.

»Deshalb,« setzte er hinzu, »geben Sie ihm einen guten Rat: er möge mit dem Verkauf seines ?Meeresschaumes? nicht warten bis er arm ist; jetzt ist der Augenblick dazu; geben Sie ihm diesen Rat.«

»Geben Sie ihm den,« erwiderte ich mit einem Lächeln, welches ich recht verschmitzt zu machen strebte.

»Gewiß werde ich das thun, aber von mir wird er ihn nicht annehmen wollen.«

Er schwieg und stellte sich wieder bewundernd vor das Bild; ich dachte ... was dachte ich nicht alles!

»Soll ich Ihnen eine vertrauliche Mitteilung machen?« fragte mich plötzlich der Unbekannte.

»Folgen Sie ganz Ihrem Belieben,« antwortete ich.

Dies that er; er sprach mir von einer Wette, von einem Streitpunkt, von einer stillen Liebe, von sich selbst und von einem noch Unbekannteren als er mir war, so daß ich, nachdem er geendigt, weiter nichts begriffen hatte, als was ich bereits wußte, nämlich, daß er es sich in den Kopf gesetzt, den »Schaum des Meeres« um jeden Preis zu erstehen, und mich dabei zum Verbündeten haben wollte.

»Nun gut,« sagte ich, »ich werde Valens Nebuli Ihren Besuch ankündigen ? und wen darf ich ihm nennen?«

»Ich bin fremd hier, fast niemand kennt mich in Mailand; ich befand mich auf der Durchreise und hätte meinen Rheumatismus immer weiter durch Mittelitalien spazieren geführt, solange die gute Jahreszeit währt; dieser »Schaum« hat mich festgehalten; sagen Sie ihm das.«

»Ich werde es ihm sagen,« erwiderte ich mit einem schlauen Lächeln, das ihn zum Lachen reizte, anstatt ihn befangen zu machen.

Er reichte mir eine Hand, ganz Sehnen und Knochen, die ich flüchtig berührte; wir trennten uns.

»Rate, wer der alte Herr aus dem Brauhaus war,« sagte ich zu Valens.

»Wer war es?« fragte er mich ängstlich gespannt.

»Ein Liebhaber der Signora Valeria,« setzte ich scherzend hinzu, »ein Bewerber ...«

Aber ich verstummte, als ich auf des Freundes Gesicht alle Zeichen einer wirklichen Aufregung sah.

»Hat er es dir gesagt?«

» Er hat es mir gesagt.«

»Er hat wirklich Signora Valeria gesagt?«

»Wie kannst du das denken? Wie soll er von ihr wissen?«

Ich sah ihn schweigend an, während er meine Hand ergriff und mich neben sich auf ein Sofa niederzog.

»Also, der Alte ist? ...«

»Wer er ist, weiß ich nicht.«

»Hast du nicht nach seinem Namen gefragt?«

»Ja, aber er hat ihn mir nicht gesagt; er ist der Signor X einer Gleichung von mehreren unbekannten Größen, in der, wenn du dich erinnerst, auch ein Y vorkommt, das man nicht kennt. Wie du denken kannst, gelang es mir nicht, sie aufzulösen, aber vermutungsweise kann ich jetzt schon sagen, daß der alte Herr aus dem Brauhaus das Gemälde nicht aus Spekulation kaufen will, weil er geneigt ist, dir doppelt soviel wie die Amerikaner zu geben, und ich nehme an, daß er es nicht für sich kauft ? folglich ist X gleich einem Vermittler.«

Valens nickte und schüttelte einige Augenblicke fast unmerklich mit dem Kopf, dann sagte er, zu mir gewendet, ohne alle weitere Vorrede, als setzte er eine schon begonnene Mitteilung fort: »Du mußt wissen ...«

Achtes Kapitel.

Was ich wissen mußte.

 

Sie nannten ihn Giorgione, weil er Giorgio hieß und eine sehr umfangreiche Gestalt besaß; er war Maler und lebte mit den Malern, denen er oft einen guten Rat umsonst und zuweilen ein paar hundert Lire für noch weniger gab, nämlich als Darlehen. In der That, wenn sein guter Rat ihm die Befriedigung eintrug, einen Teil seines tüchtigen Talents in den Gemälden der Schüler und Freunde wiederzufinden, so pflegten die Darlehen für die Zukunft die Ratschläge auszuschließen, denn wer die hundert Lire eingesackt hatte, ließ sich nachher nicht wieder sehen, um den Rat in Empfang zu nehmen.

Giorgione erwarb viel, aber er hatte, wie man zu sagen pflegt, einen durchlöcherten Geldbeutel; wenn er eine Handvoll Napoleons einnahm, so fand sich stets jemand, dem das Brot, oder die Zukost, oder die Farben, oder die Leinwand, oder der Rahmen, niemals aber die Unverschämtheit fehlte, den goldenen Regen mit aufzufangen.

Giorgione war ein Italiener, Italiener waren die meisten der Schüler; es ging nicht einer aus dem »schönen Lande« nach Paris, der nicht das Atelier und den Beutel des namhaften Malers aufsuchte. Es war eine Art italienischer Kolonie mitten in dem weiten Meere der französischen Hauptstadt. Einst lernte Giorgione ein italienisches neuvermähltes Paar kennen; die junge Frau war die Signora Valeria, der Gatte ein mittelmäßiger Maler, ein vortrefflicher Mensch, der eben nur lange genug lebte, um sich unserer aller brüderliche Liebe zu gewinnen, und dann starb. Die Witwe blieb verlassen, ohne andere Schätze als ein paar schlechte Gemälde ihres Mannes und ihr Engelsgesichtchen, in einer dämonischen Stadt zurück. Sie war ebenso brav und unerfahren wie schön; allen Ernstes nahm sie sich vor, ihr ganzes Leben lang den Verstorbenen zu beweinen; ihr Brot meinte die Aermste daneben verdienen zu können, indem sie als Modell der »schmerzenreichen Madonna« säße; aber wäre Giorgione ihr nicht zu Hilfe gekommen, der die schlechten Bilder ihres Mannes kaufte und sich eigentlich zu ihrem Vormund machte, wer weiß, was dann aus ihr geworden wäre. Alle Maler, welche sie sahen, ergriff das brennende Verlangen, ihren Kopf und ihre Hände zu malen, aber Giorgione war wie eifersüchtig auf seine Madonna und lieh sie anderen nur ungern.

Zu der Zeit kam ein großer Herr nach Paris, ein Graf, ein Marquis, ein Herzog, was weiß ich, irgend ein großes Tier; er machte seine letzte Reise als Junggeselle, aber das sagte er keinem; er liebte die Künste, beschmierte auch selbst Leinwand, was er allen kund that. Natürlich geriet er in Giorgiones Atelier, sah die Signora Valeria und empfand (er hätte kein Künstler sein müssen, um es nicht zu empfinden) das unwiderstehliche Begehren, den Kopf und die Hände des berühmten Modells ebenfalls zu kopieren. Giorgione ließ ihm eine Staffelei in einem Kabinett aufstellen und erlaubte ihm, täglich eine Stunde zu kommen, um eine »Madonna« zu malen, voll Neugier, zu sehen, wie der Dilettant sich aus der Sache ziehen würde; und da er sah, daß dieser es leidlich gut that, ließ er die beiden nach der ersten Sitzung allein, vielleicht im Glauben, das heilige Bild müsse das Original genügend schützen. Giorgione verlangte ein Wunder, und verlangte es von einer kaum begonnenen Madonna, und doch glaubte Giorgione nicht an Wunder, und was die Madonna betrifft, so verehrte er sie, wenn es Meisterwerke waren, und legte denen, welche er auf Bestellung malte, einen bestimmten merkantilen Wert bei, aber das war auch alles. Doch der Mensch ist nicht immer verständig, wo es darauf ankommt.

Jener Herr war etwa vierzig Jahre, aber rüstig, als wäre er dreißig; er war schön und hatte das Wesen des kunstbeflissenen Edelmanns, welches Frauen, die in geringen Verhältnissen gelebt haben, so sehr gefällt. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er, um die seltene Schönheit seiner »Madonna« zu ergründen, sie lange, lange ansah, mit Augen, aus denen das magnetische Fluidum strömte; wie er ihr liebevoll zurief: »Höher«, »zu hoch«, »ein wenig nach links«, »so«, »so nicht« und Aehnliches, wie er dann und wann aufstand, den Pinsel zwischen den Zähnen, und das Gesichtchen mit fast liebkosenden Händen faßte, um ihm die gewünschte Richtung zu geben, wie er dabei in jeder Weise das Fluidum gegen sie ausstrahlte, bis Signora Valeria sich eines Tages besiegt fühlte. Wahrscheinlich sagte er »Lächeln Sie mich an« und sie schenkte ihm ein Lächeln, welches er, so gut er konnte, auf der Leinwand wiedergab; dann näherte er sich stumm, aber vor Verlangen bebend, der in süßer Bangigkeit Erzitternden und raubte den voll tiefster Bewegung atmenden Lippen, was er nicht in das Gemälde bringen konnte. Und weiter kann ich mir vorstellen, wie nun die leidenschaftslose, selig lächelnde »Madonna« so ganz und gar nicht mehr dem irdischen von der Liebe verwandelten Geschöpfe glich.

Sie glich ihm nicht mehr; die Signora Valeria wurde erst zu freudig, dann zu trüb und bleich.

Und eines Tages hinterbrachte jemand dem Giorgione, daß sein Schützling, sein Mündel, seine Tochter (denn das alles war sie ihm) verstohlen in ein gegenüberliegendes Haus gehe, wo der Graf, oder der Marquis, oder der Herzog, oder der Teufel sie erwarte, um sie (arme entweihte junge »Madonna«!) als schaumgeborene Venus zu malen. Giorgione sah das kaum entworfene Gemälde, er begriff das übrige ? denn er wußte sehr wohl, daß keine unschuldige Venus dem Schaum des Meeres entsteigt.

Einen Monat darauf weinte die Signora Valeria als Verlassene, und später starb sie, nachdem sie der Welt ein kleines Wesen geschenkt hatte ? die alte Geschichte.

Der Graf, der Marquis, der Herzog oder der Himmel weiß was, war mit einer sehr reichen und sehr sittenstrengen jungen Herzogin verlobt; seine Reise nach Paris hatte den Zweck gehabt, die Brautgeschenke einzukaufen; als er erfuhr, daß ihm vor seiner Heirat eine Tochter geboren sei, antwortete er mit einem thränen- und banknotenreichen Briefe, worin er Giorgione anflehte, der Kleinen ein Vater zu sein und das Geheimnis seines »Mißgeschicks« zu bewahren.

Warum sollte Giorgione der armen Waise ihren Ursprung offenbaren? Warum ihr die Thür zu einem Geheimnis aufthun, welches der große Schmerz ihres ganzen Lebens geworden wäre?

Die Kleine wuchs in der Ueberzeugung auf, Giorgiones Tochter zu sein, und als sie später erfuhr, daß er nicht ihr Vater sei, weinte sie, als ob er ihr wirklich genommen worden. Giorgione war schon über die Fünfzig hinaus, das Mädchen achtzehn Jahre geworden; um beide zu Vater und Tochter in den Augen des Gesetzes zu machen, brauchte es nur einen Antrag und den Ausspruch des Gerichts ? dies wurde vor zwei Zeugen vollzogen, welche die Lieblingsschüler Giorgiones waren: Valens und ein gewisser Salvioni, ein erstaunliches Genie, aber ein verschrobener Kopf und ein verwüstetes Herz. Und so erfuhr Chiarina niemals, wer ihr Vater sei ...

»Wer?«

Als ich diese Frage that, antwortete Freund Nebuli mir kopfschüttelnd, daß auch er es nicht wisse; Giorgione hatte sein Geheimnis gut bewahrt.

»Aber fürchtete er nicht, der Kleinen durch dies Schweigen zu schaden?«

»Er fürchtete vielmehr, ihr zu schaden, wenn er spräche; aber wer weiß? Vielleicht ... Als nicht mehr Zeit dazu war, als er die Stunde seines Scheidens gekommen fühlte, welches Chiarina allein in der Welt zurückließ, da bereute er es vielleicht ? es war zu spät ...«

Ich verstand gar nichts mehr.

Valens sah mich eine Weile zögernd an, dann faßte er meine Hände zwischen die seinigen, wie um eine feierliche Bitte an mich zu richten, wie um mir ein Versprechen zu entreißen.

»Kein Geheimnis fortan gegen dich; ich will dir alles sagen.«

Und er sagte mir alles, ohne Rückhalt, ohne Schwanken.

Jener Maler Salvioni, der seit lange in vertrautem Verkehr mit Giorgione stand, faßte eine Leidenschaft für das junge Mädchen. Die hohe Schönheit ihrer noch kindlichen Formen, welche dem alten Künstler zu einem Meisterwerk verholfen hatte, bezauberte Salvioni; er verschlang das junge Wesen mit den Augen, bis sie darüber errötete. Aber der Alte hatte, wie man zu sagen pflegt, eine Campagne durchgemacht, er besaß jetzt einen scharfen Blick und hielt Wache wie ein Veteran, so daß der Schüler, da er zu keinem Geständnis gegen Chiarina gelangen konnte, es dem Meister machte. Giorgione sagte nichts als: »Heirate sie!« Aber Salvioni war wie so viele; er liebte das Mädchen, verabscheute aber die Ehe; er fand das auferlegte Opfer zu groß und verlangte Bedenkzeit.

Nun ersuchte Giorgione den Schüler, das Atelier nicht wieder zu betreten, bis er die Sache überlegt habe; und jener, dergestalt in die Enge getrieben, überlegte, kam und heiratete Chiarina.

»Heiratete sie wirklich?« fragte ich.

»Er heiratete sie wirklich.«

»Und deine Frau ... ich meine Signora Chiarina, ließ sich heiraten?«

»Sie war achtzehn Jahre, man redete ihr zu ?ja? zu sagen, auch ich riet es ihr, sie that es.«

»Auch du! ... Ich verstehe ... Salvioni starb ...«

»Du verstehst nicht,« unterbrach Valens mit trübem Lächeln, »du kannst es gar nicht verstehen! Nach sechsmonatlicher Ehe, nachdem Salvioni die Aermste, die sich nie beklagte, sogar hatte Hunger leiden lassen, ging er eines schönen Tages, oder vielmehr eines schlimmen Tages, auf und davon und hinterließ an Giorgione und Chiarina die Bitte, ihm zu verzeihen, mit dem Versprechen, wiederzukommen, wenn er reich sein würde. Inzwischen hatte er die kleine Mitgift der Gattin verbraucht. Auf die unerwartete Ankündigung eilte Giorgione in das verwitwete Haus, teilte Chiarina das neue Unglück mit, auf das er sie mit väterlicher Zärtlichkeit vorbereitete, bedeckte darauf ihre erbleichten Wangen mit Küssen, trocknete liebkosend ihre Thränen und führte sie an seinem Arm aufs neue in sein Haus. Als er alles geordnet hatte, machte er eine zweiwöchentliche schwere Krankheit durch, die ihn bis an die Grenze des jenseitigen Lebens führte, und machte kehrt, um die Mühen und Pflichten eines Vaters wieder aufzunehmen.«

»Wohin war Salvioni gegangen?« wagte ich nach einigen Augenblicken des Schweigens noch zu fragen.

»Man hat es nie erfahren. Aber ich hatte einmal von Giorgione gehört, jener hirnverbrannte Mensch arbeite nicht mehr, weil er sich in den Kopf gesetzt habe, den Vater seiner Gattin aufzufinden, und mehr als einmal hörte ich Salvioni selbst, wenn er einen Rausch hatte, die unnatürlichen Väter schmähen, welche sich um ihre Kinder nicht kümmern. Er hatte von meiner Erbschaft vernommen, und augenscheinlich erregte mein Glück seine Begierde, er wollte mühelos reich werden.

»Eines Tages wurde ich eilig nach Giorgiones Atelier berufen; er fühlte sich krank, von einer schweren Schlafsucht befangen, gegen die er mutig ankämpfte. Als er mich sah, faßte er meine Hände in seine kalten, und fand so viel Kraft, um mir Chiarina ans Herz zu legen; dann fiel er in Betäubung; als er wieder zu sich kam, sagte er: ?Er muß in Mailand sein!? darauf schlummerte er von neuem ein, für immer.«

»Und deine Frau?« fragte ich, als das Schweigen mir länger als nötig zu dauern schien.

Ich erhielt keine Antwort. Mehrmals versuchte ich ihm den Anfang eines Satzes zu bieten, damit er ihn aus Höflichkeit vollende.

»Die Signora Chiarina blieb ...«

Aber Valens blieb stumm wie ein Fisch. Ich darauf: »Blieb als Witwe zurück ... natürlich, und dann?« Freund Nebuli stand auf. Nun gibt es für einen hochgewachsenen Menschen Augenblicke, wo er sich kleiner machen möchte: das Gegenteil begegnet wohl häufig den Kleinen und den Mittelgroßen, und doch kann sich leider keiner verkürzen oder verlängern wie ein Fernrohr: als daher Freund Nebuli sich mit einer gewissen Feierlichkeit erhob, begriff ich, daß er etwas mitteilen wollte, was er leichter von oben herab zu sagen vermochte, und so blieb ich sitzen. Aber wie sehr er auch mit sich rang und ich ihn mit Blicken ermutigte, er brachte keine Silbe hervor. Da fragte ich mit gedämpfter Stimme: »Sie ist nicht deine Gattin?« und er ließ meine Hände fahren und sank wieder neben mir nieder ? sie war nicht seine Gattin!

Das übrige ist in zwei Worten gesagt. Valens nahm die junge Schönheit und das wenige, ach, nur zu wenige Geld ihres Adoptivvaters zu sich, versteigerte dessen Gemälde und Möbel und war selbst der hauptsächlichste Bieter; barg alles in seiner kleinen Pariser Junggesellenwohnung, sprach mit dem italienischen Konsul, schrieb und ließ an zehn andere Konsuln schreiben und um Auskunft über den Maler Salvioni bitten, dem er das Geld und die Gattin zurückgeben wollte; so verging ein Jahr.

Mit der Zeit empfanden Valens und Chiarina, daß ihre Lage unhaltbar wurde, daß eine große Gefahr beständig über ihnen schwebte, daß üble Nachrede ihnen fortwährend auf den Fersen war und die Neugier der Nachbarn ihnen skeptisch, boshaft, spöttisch in die Fenster guckte, so daß beide es endlich notwendig fanden, der Böswilligkeit der Leute eine tüchtige Lüge aufzubinden und sich für Mann und Frau auszugeben.

So war der Hergang gewesen, wie Valens ihn mir berichtete; aber indem ich des Freundes Zurückhaltung durch ein wenig Einbildungskraft und lebhaftes Hineindenken ersetzte, nahm ich an, d. h. ich nahm nicht an, fürchtete aber doch anzunehmen, daß ... und mir wars als sähe ich auch meine nachbarliche Böswilligkeit skeptisch, neugierig, spöttisch durchs Fenster gucken. Gutmütig, wie ich bin, wünschte ich nichts mehr, als die Signora Chiarina und Valens mit jenen beiden, von einem neueren Dichter entdeckten keuschen Inselchen vergleichen zu dürfen; ich versuchte es, aber kaum war es mir mit dem besten Willen gelungen, die beiden Inseln in dem Meere meiner Phantasie schwimmen zu sehen, so erschien vor mir ein anderes Meer, das von Freund Nebuli gemalte ...

»Jetzt ist die Reihe an dir,« sagte dieser plötzlich zu mir; »wer ist der Alte aus dem Brauhaus?«

»Wer der Alte aus dem Brauhaus ist?« wiederholte ich.

»Wer glaubst du, daß es sei?«

»Der Signor Salvioni,« antwortete ich gedankenlos. Und da ich merkte, daß ich eine Dummheit gesagt hatte, verbesserte ich »Der Signor Salvioni wohl nicht; der muß ein gutes Teil jünger sein ... Uebrigens ... sag einmal ... Giorgione sprach, bevor er starb: ?Er muß in Mailand sein?; wen anders als Salvioni konnte er damit meinen?«

»Freilich; hätte er Chiarinas Vater gemeint, so würde er gesagt haben: ?Ist in Mailand?, denn Giorgione kannte dessen Aufenthalt sehr wohl, oder er hätte einfach den Namen genannt.«

»Nun also!«

»Ja, aber warum mutmaßte er, daß Salvioni in Mailand wäre, wenn nicht weil ...?«

»Ich begreife!« unterbrach ich ihn mit einem unterdrückten Schrei, »warum anders als weil er den Gatten deiner ? der Signora Chiarina für fähig hielt, das Geheimnis ausgespürt zu haben und einen schlechten Streich zu spielen?«

»Du hast es getroffen!«

»Ich verstehe nun alles; und suchtest du, indem du nach Mailand gingst, nach Salvioni oder nach jenem anderen?«

»Ich weiß es selbst nicht,« gestand der Freund, »nach einem von beiden; aber die Hoffnung, Salvioni zu finden, hatte ich fast verloren, unsere Bemühungen waren vergeblich gewesen.«

»Und als du den ?Schaum des Meeres? maltest und deiner Venus das Antlitz der Signora Valeria gabst, und das Gemälde aus die permanente Ausstellung brachtest, hofftest du den Vater zu zwingen ...«

»Zu zwingen nicht ... aber vielleicht einem reuigen Greise die Pflicht zu erleichtern ... den Vater seiner Tochter um einen großen Schritt näher zu bringen ... Zwanzigmal schlug mir das Herz schneller beim Anblick eines Käufers ...«

»Also deiner Meinung nach wäre der alte Herr aus dem Brauhaus?«

»Den Alten finde ich nicht erst seit heute auf meinem Wege, ich hatte ihn schon unter unseren Fenstern vorübergehen und heraufblicken sehen. Vorgestern fragte ein Herr, ein Greis, den Portier über mich, über dich, über Signora Chiarina aus, gestern ging er uns auf der Straße nach, war vor uns in der Brauerei ...«

»Und heute morgen,« nahm ich den Faden auf, »heute morgen fängt er mit mir eine Unterhaltung an ... verliebt sich in dein Gemälde, für das er doppelt soviel wie die Amerikaner geben will, nennt mir seinen Namen nicht ... nimmt sich vor, zu kommen ...«

Wir schwiegen beide; mit Blick und Gebärde stellten wir uns dieselbe Frage; »Wer war der Alte aus der Brauerei?«

»Signor Bini,« meldete der eintretende Diener, ganz wie in den modernen Komödien.

Wir schnellten beide auf ? ein alter Herr trat herein ? er war lang, war von strammer Haltung, war ein wenig verlegen ? Er war es!

Neuntes Kapitel.

Worin der Unbekannte meine Neugier zu stacheln beginnt.

 

Meine Gegenwart erleichterte die Unterhaltung und gab ihr bald eine gewisse vertrauliche Wendung. ? Dem guten Signor Bini war eine schwach aber beständig tröpfelnde ironische Ader eigen, und während nach psychologischen Gesetzen eigentlich er einigermaßen befangen sein mußte, waren wir vielmehr seinetwegen in Aufregung; er ließ sich auf das Sofa nieder, wir hielten uns kerzengerade auf dem Stuhlrand und sahen ihn mit weitgeöffneten Augen an. Das einzige Zeichen seiner Erregtheit war eine dreiste, anmaßende Neugier, mit der er alles um sich her lange und genau betrachtete, ohne deshalb den Zusammenhang des eingefädelten Satzes zu verlieren; seine Zunge ging langsam, aber ohne Anstoß, wie die Bewegung eines Uhrwerks. ? »Wenn wirs ihm glauben wollten, so war er nur ... gekommen ... weil er die Venus ... des Signor Nebuli gesehen ... und trotz seiner Jahre ... deren nicht wenige waren ... sich in sie ... verliebt hatte.«

Wieviel Jahre zählte er denn?

Ich fragte ihn danach, denn ich dachte, wenn ich es jetzt nicht thäte, so würde ich nie einen geeigneteren Augenblick finden, und er antwortete, daß er volle sechzig Jahre sei, und spann seine Rede ganz behaglich weiter.

Valens und ich sagten uns durch einen verstohlenen Blick, daß die Rechnung sehr gut stimme.

Freund Nebuli gab die schon so vielen gewordene Antwort ? »Seine Venus sei nicht verkäuflich«, ? und der alte Herr begnügte sich, lächelnd zu erwidern: Er hätte keine Eile, er würde warten ...; in der Hoffnung ... man weiß nie ... daß Nebuli sich anders besinnen werde ... beabsichtigte er wiederzukommen, um ihn und den trefflichen Signor Ferdinando zu sehen.

Der Signor Ferdinando war ich, wie der Leser weiß, und ich versichere, daß ich mich gar nicht darüber verwunderte, obgleich ich ihm meinen Namen eigentlich nicht gesagt hatte. Was den »trefflichen« anbetraf, wie konnte er davon etwas wissen? ich lehnte die Bezeichnung höflich ab und beteuerte, daß er »zu gütig sei«.

Noch einiges müßige Geplauder, viele umher geworfene Blicke, dann entwickelte Signor Bini wieder seine ganze Länge, drückte uns die Hände, wiederholte, daß er ... wenn er nicht störe ... wiederkommen werde.

Während er mit bewundernswerter Langsamkeit die Zimmer durchschritt, schien er mir verstohlen das Inventar der Ausstattung aufzunehmen.

Von Signora Chiarina war gar nicht die Rede gewesen; Valens gestand mir nachher, er sei immer auf dem Punkt gewesen sie zu rufen, habe aber keinen Vorwand dazu gefunden.

Signora Chiarina ? ja das wäre das erforderliche wichtige Experiment gewesen! Nun aber, welchen Schluß sollten wir ziehen, um doch irgend etwas aus diesem Zusammensein zu entnehmen?

War »er« es? War »er« es nicht?

»Findest du nicht, daß er ihr gleicht?« fragte mein Freund.

Aufrichtig gesagt, ich fand es nicht; aber ich hatte ihn nur im ganzen betrachtet; vielleicht mußte man das einzelne prüfen, wie Valens gethan, der bei der Nase verweilt und davon wichtige Aufklärungen erwartet hatte.

Aber als ich mich zum zweitenmal dem alten Herrn gegenüber sah und seine Nase lange und gründlich zwischen meine beiden Sehstrahlen faßte, und ungern von ihr abließ, weil ich mir selbst nicht glauben wollte, mußte ich doch der Ueberzeugung Raum geben, daß Nebulis Herz, oder Nervensystem, oder eine optische Täuschung ihn betrogen habe. Es war eine so gerade und so feine Nase, wie die Signora Chiarinas, aber die Nasen können auf hundert Arten gerade und fein sein, ohne sich im geringsten zu gleichen.

Eher durfte man die Aehnlichkeit anderswo suchen: Wenn man die Runzeln glättete, ein gutes Teil Bleiweiß darüber strich ... so schien es mir ...

Während ich darüber grübelnd die Augen nicht von dem alten Mann verwendete, nur dann und wann zustimmend nickte, lächelte, wenn ich ihn lächeln sah, ohne ein Wort von dem, was er sprach, gehört zu haben, weckte mich plötzlich ein Wort aus meinem Sinnen.

»Die ?Ordnung?«, sagte Signor Bini.

Was sprach er von der »Ordnung«? Nur Gutes; er erhob sie hoch, weit über alle theologischen Kardinaltugenden, fand sie in sich selbst, in mir, in Freund Valens, auf der Erde, im Himmel, in den Blumen, den Sternen, und erhitzte sich ungewöhnlich dabei, als ob er sie der Welt geschenkt hätte und sein eigenes Geschöpf verteidigte.

Valens sah mich lächelnd an.

Ich bekenne eine Schwäche, welche ich nicht zu erklären vermag; die lebhafte Befriedigung, meinen eigenen Ansichten bei einem anderen zu begegnen, war von einem kleinen Verdruß begleitet. Ich versuchte, den alten Herrn zu überholen, ihm mit meinen Behauptungen zuvorzukommen; er ließ mich reden, bis er sich mit einem neuen Schwung fortschnellte, und ich von neuem hinterdrein eilte. Die Ordnung bewirkte dies ? (so hatte ja auch ich behauptet) ? sie that jenes (auch das hatte ich gesagt, und berief mich dafür auf Valens) ? aber schließlich vollbrachte die Ordnung Dinge, welche ich ihr nie zugetraut hätte, und nun gab ichs auf und erwiderte nur Freund Valens spöttisches Lächeln.

Eine Eigentümlichkeit Signor Binis war es, daß er sich niemals für überwunden erklärte.

Ich versuchte einmal, »nein« zu sagen, als er »ja« sagte, er wiederholte »ja«, ich »nein« ... ? ja ? nein ... ja ? ich schwieg; ein andermal sagte er »nein«, ich »ja« ? nein ? ja ? nein ? ich schwieg wieder.

Da ich meinte, dies gehöre auch zu seiner Ordnungsmanie, so nahm ich mir vor, ihn stets reden zu lassen, ohne ihm zu widersprechen. Aber diese stumme Beistimmung schien ihn nicht zu befriedigen; wenn er seinen Ideen einen paradoxen Anstrich gegeben hatte und ihm niemand entgegentrat, so blickte er mit Mißbehagen um sich und berichtigte seinen Ausspruch selbst.

Einmal hatte er erklärt: ? »Es gibt keine Unordnung.«

Valens lachte laut ? ich blieb still.

? »Die Unordnung existiert gar nicht.«

Wäre der Widerspruch, »sie existiert doch«, vernichtend gewesen (wohlverstanden für die Unordnung, nicht für Signor Bini), ich hätte ihn dennoch nicht ausgesprochen.

Und nachdem der alte Herr mich vergeblich in Versuchung geführt hatte, lächelte er und verbesserte sich so: »Es gibt keine Unordnung, außer als Bethätigung der Ordnung.«

»Bravo!« rief ich aus.

Ich las in den Augen des trefflichen Herrn eine brennende Lust, mir ein »Es ist aber nicht wahr« ? zurückzuschleudern, doch er überwand sich und sagte es nicht.

In diesem Augenblick trat die Signora Chiarina ein.

Wir sprangen alle drei auf.

»Signor Bini!« stotterte Valens ? »meine Signora.«

Der alte Herr machte eine Verbeugung. Signora Chiarina setzte sich, plauderte ein paar anmutige Worte, ihr Milchgesichtchen rötete sich ein paarmal wie eine Erdbeere ? sie lächelte ? und bezauberte den Alten, wie sie jeden anderen, meine Annetta und mich selbst einbegriffen, bezaubert hatte.

Wie mußte Signor Binis Herz schlagen!

Für mich, der ich mich einigen Scharfblickes rühme, gingen keine seiner Blicke verloren ? nicht die zärtlich auf dem Engelsgesicht haftenden, noch die langsam im Salon umherschweifenden, noch die, welche Valens flüchtig streiften. Ich sagte mir: »Jetzt denkt er, in welchem Verhältnis die beiden wohl zu einander stehen mögen, und jetzt, daß sie sich lieben, und weiß nicht ... der Aermste! ... und ach, jetzt denkt er vielleicht, daß ihm nicht vergönnt ist, sie anders als im geheimen zu lieben!« ?

Dann wurde er zerstreut, und ich benutzte das, um die Gesichter des jungen Wesens und des alten Mannes vergleichend gegeneinander zu halten ... die Ähnlichkeit war vielleicht da, einem uneingeweihten Auge nicht sichtbar, aber vielleicht war sie vorhanden! ? Und als ich Valens ansah, fand ich seinen Blick auf meinen gerichtet, und er sagte mir, und ich sagte ihm, daß eine Ähnlichkeit bestehe ... vielleicht.

Signor Bini ließ übrigens nichts von seinem Geheimnis durchblicken; er war so unbefangen wie möglich, so neugierig wie erlaubt, und vielleicht ein wenig mehr; endlich erhob er sich, drückte Signora Chiarinas weiche Hand in seinem Sehnennetz und verbeugte sich tief.

Als er fort war, fragte die Signora: »Wer ist der alte Herr?«

Valens zögerte mit der Antwort, ich sagte bewegt: »Signor Bini.«

Und sobald Valens einen Augenblick mit mir allein war, fragte er mich: »Gleicht er ihr?«

»Es ist möglich, daß er ihr gleicht,« erwiderte ich, »aber die Nase ist es sicherlich nicht.

»Die Nase nicht,« wiederholte Valens; »etwa ...«

»Warte einen Augenblick,« unterbrach ich ihn ... ? zog ein Taschenbuch heraus und schrieb ein paar Zeilen auf ? »also, worin gleicht er ihr?«

»Im Munde, scheint mir, der bei ihm sehr klein ist; in den Lippen, die, wenn sie sich nicht spöttisch verziehen, Chiarinas gutes Lächeln haben ...« ? So sprach Valens.

Und darauf las ich verzagt, was ich eben in das Notizbuch geschrieben hatte.

»Wenn man die Runzeln glättet, die von der Zeit abgemähten Haare hinzudenkt, eine gehörige Lage Bleiweiß auf die Stirn streicht, so ist diese vollkommen ähnlich.«

Signora Chiarina trat wieder ein.

Zehntes Kapitel.

Immer noch Signor Bini.

 

Valens hatte meiner Neugier zwei Fenster geöffnet; das eine ging auf die Vergangenheit, das andere ließ in die Zukunft schauen, und ich unterbrach oft meine Arbeit, um durch eines der beiden zu blicken. Meine Annetta umschlich mich dann auf den Zehen, weil sie mich in die Betrachtung einer einrahmungsfähigen Idee versunken glaubte, und da ich über die Angelegenheiten anderer ihr keine Mitteilung machen durfte, so lächelte ich ihr zu und gab ihr einen Kuß.

Inzwischen gingen die Tage dahin, und Signor Bini blieb unentzifferbar, wie die Hieroglyphen, als sie noch niemand erforscht hatte. Seine Kaltblütigkeit im Verkehr mit uns war bewundernswert, nur Signora Chiarina gegenüber schien zuweilen ein Zipfel seines Geheimnisses hervorzublicken, aber doch nie so weit, daß man ihn hätte erfassen, hervorziehen und ausrufen können: »Jetzt haben wir ihn, er ist es!«

Wenn er der Signora ein liebenswürdiges Wörtchen sagte, oder sie »meine Kleine« nannte, ihr lange in die Augen blickte, sie bei der Hand hielt, welche er losließ, sobald Chiarina errötete, wenn er dann laut auflachte und sich sterblich in sie verliebt erklärte, dann war er ein ganz anderer Mensch, den hingebende Zärtlichkeit aus seiner Hülle hervorzutreiben schien.

Uebrigens mißfiel mir, in der Nähe gesehen, auch seine gewöhnliche Hülle gar nicht; denn seine Herbigkeit war durch einen, wenn auch grillenhaften und spöttischen Humor, seine gemessene Haltung durch eine schalkhafte Freundlichkeit gemildert. Valens und ich waren übereinstimmend der Ansicht, daß Signor Binis Schale einen vortrefflichen Kern einschließe.

Nur wußte man gar nicht mehr, wie man ihn fern halten sollte, denn an jedem Tage, welchen Gott werden ließ, schenkte uns der Alte einen Besuch, und zwar einen reichlich gemessenen. Fremd in Mailand, sagte er, habe er täglich Zeit, mit der er nichts anzufangen wisse; er widmete sie uns und wünschte übrigens, daß wir alle Förmlichkeiten ihm gegenüber aufgeben möchten, worin er uns mit gutem Beispiel voranging ? kurz, er war ein Muster von Ungeniertheit.

Kam er in meine Wohnung, so machte er sichs im Lehnstuhl bei der Staffelei bequem, oder ging im Atelier umher und steckte seine gerade und feine Nase in meine Kartons, die ordnen zu dürfen er mich bat.

»Thun Sie es nur, thun Sie es!« antwortete ich und staunte ihn wie ein Phänomen an.

Er that es, kam dann zu mir und sagte in väterlichem Tone; »Wie lange werden Sie die Entwürfe denn unausgeführt lassen? Wir wollen sie einmal durchsehen ... ach wie unordentlich sind Sie! Aber so sind die Künstler alle!«

Er hatte nicht ganz unrecht, denn seit ich einen gefunden hatte, welcher der Ordnung noch mehr als ich zugethan war, dünkte mich, daß ich sie weniger liebte; aber war der Titel eines Unordentlichen, zu welchem ich so billige gekommen war, nicht doch eine wunderliche Hyperbel? Ich mußte darüber lachen.

Seit einiger Zeit war von dem Prozeß Corvi contra Corvi nicht mehr die Rede gewesen. Einmal kam er mir plötzlich in den Sinn, während ich an der Staffelei stand und Signor Bini daneben saß.

»Je!« rief ich aus, »morgen muß ja der große Tag sein ...«

»Morgen ist es nicht,« unterbrach mich der alte Herr.

»Wissen Sie denn, welchen Tag ich meine?«

»Corvi contra Corvi.«

»Richtig ... aber was sagten Sie? ... freilich ist es morgen ...«

»Der Termin ist nicht morgen.«

Ich schwieg.

»Es ist ein Aufschub beantragt worden,« setzte der Alte hinzu, als er seinen Triumph genossen hatte.

»Woher wissen Sie das?« fragte ich mit dem Pinsel in der Luft.

»Der Prozeß Ihres Freundes liegt mir am Herzen; bevor er ihn nicht verloren hat, verkauft er mir seine Venus nicht, und ich will sie haben.«

»Valens wird den Prozeß nicht verlieren,« sagte ich, »die Gerichte haben ihm einmal recht gegeben ...«

»Die Gerichte haben einmal öfter als nötig eine Dummheit gemacht,« sagte Signor Bini, ohne sich zu ereifern; »man hat augenscheinliche Beweise von der Schwachsinnigkeit des alten Corvi.«

»Mir scheint der alte Corvi sehr verständig.«

»Sagen Sie nicht, er scheint Ihnen so.«

»Mir scheint es so, darum sage ich es.«

»Sagen Sie das nicht, Sie wünschen es, das ists.«

»Nehmen wir an, es sei wie Sie sagen, was würde die Folge davon sein?«

»Es ist so, und es hat die Nichtigkeitserklärung der testamentarischen Verfügungen zur Folge; Ihr Freund wird verurteilt werden, ein Drittel der in Besitz genommenen Erbschaft herauszuzahlen.«

»Nur?«

»Ja, aber ein Drittel der auf den Onkel gefallenen Erbschaft, der lange genug lebte, um die Hälfte seines Vermögens zu verzehren, so daß das Drittel von damals zu zwei Dritteilen des heutigen Vermögens geworden ist.«

Gegen die Arithmetik ließ sich nichts sagen, sie war gewissenhaft angewendet. Signor Binis Wissen fing an mich zu erschrecken.

»Das andere Drittel,« fügte der gelehrte Herr hinzu, »wird für Prozeßkosten draufgehen.«

»Sind Sie dessen gewiß, was Sie da sagen?«

»Fragen Sie die Advokaten.«

»Und was wird Valens thun?« fragte ich.

»Er wird auf Kassation des Urteils antragen, und wird den ?Schaum des Meeres? verkaufen.«

»Und was wird ihm der Antrag auf Kassation nutzen?«

»Fragen Sie die Advokaten danach,« antwortete der Alte mit seinem boshaften Lächeln.

»Der Prozeß kann so noch ein paar Jährchen hingezogen werden ... scheint Ihnen das nicht genug?«

»Alles die Schuld ...«

»Alles die Schuld des alten Corvi ...« unterbrach mich Signor Bini.

»Aber wenn er doch schwachsinnig war?«

»Eben deshalb.«

»Sagen Sie vielmehr, die Schuld der beiden Freunde, denn Sie müssen wissen ... oder wissen Sie es etwa?«

»Erzählen Sie nur.«

»Sie müssen wissen, daß Pasquali und Nebuli innige Freunde waren, gerade wie Valens und ich, und wegen einer elenden Geldfrage ... wegen einer erbärmlichen Streitigkeit einander zuerst ihre Zuneigung, dann den freundschaftlichen Gruß, dann die Achtung versagten, dann sich gegenseitig den Frieden raubten ... bis der eine an der Befriedigung starb, den anderen halb tot vor Aerger zu sehen.«

Ich hatte meine Rede in Absätzen gesprochen, weil ich unterbrochen zu werden erwartete, er ließ mich jedoch ausreden.

»Man hat mir erzählt, daß die Geschichte so zugegangen ist.«

»Desto besser, dann war er ja von allem unterrichtet.«

»Und was wissen Sie über den Signor Pasquali?«

»Ich weiß, daß er eine Art Bär ist, ein mürrischer, wunderlicher Kauz.«

»Ganz richtig; er lebt in einer Villa am Comer See, die er nie verläßt, er hat keine Kinder ...«

»Es ist seine Schuld.«

»Jawohl, ganz und gar.«

»Nicht, daß er keine Kinder hat,« sagte ich lächelnd.

Und er wiederholte lächelnd: »Nicht, daß er keine Kinder hat.«

»Sondern der Prozeß.«

»Jawohl, der Prozeß.«

Ich sah ihn erstaunt an; es fiel ihm nicht mehr ein, mir zu widersprechen, er rieb sich die Hände und lächelte seiner Unbekannten oder einem ähnlich freundlichen Gedankenbilde zu.

Einige Augenblicke darauf erhob er sich und rief aus allen Thüren nach Annetta; als sie erschien und er ihr die Hand gedrückt hatte, stieg er die Treppe hinab.

Zu allen Seltsamkeiten noch eine neue: Er vergaß sein gewöhnliches Versprechen, wiederzukommen; und ich war es, der ihm nachrief: »Auf Wiedersehen!«


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