Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

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Achtzehntes Capitel. Die Wüste

Das Land vor den Schritten der Reisenden war wirklich zur Wüste geworden, und als am 25. December der Oberst Everest mit seinen Begleitern, nachdem sie einen neuen Meridiangrad gemessen und ihren achtundvierzigsten Triangel vollendet hatten, an der Nordgrenze des Karrou ankam, fanden sie zwischen der Gegend, welche sie verließen, und dem neuen dürren und versengten Lande, das sie durchziehen wollten, keinen Unterschied mehr.

Die zum Dienst der Karawane verwendeten Thiere hatten durch den Weidemangel sehr zu leiden. Auch an Wasser fehlte es, da die letzten Regentropfen in den Sümpfen versiegt waren. Der aus Sand und Thon gemischte Erdboden war für die Vegetation sehr ungeeignet. Die Gewässer aus der Regenzeit, welche durch Sandschichten sickerten, verschwanden fast augenblicklich auf diesem Boden, der mit Sandstein reichlich bedeckt, nicht das kleinste Wassertheilchen festhalten kann.

Durch solche unfruchtbare Gegenden ist Doctor Livingstone mehr als ein Mal auf seinen an Gefahren reichen Forschungsreisen gezogen. Nicht allein die Erde, sondern auch die Luft war so trocken, daß eiserne Gegenstände in der freien Luft nicht rosteten. Der Erzählung des gelehrten Doctors zufolge waren die Blätter der Bäume verschrumpft und welk; die der Mimosen blieben bei Tage, wie sonst bei Nacht, geschlossen; Käfer, die auf den Boden fielen, starben nach wenig Secunden; endlich zeigte ein Thermometer, dessen Kugel man drei Zoll tief in die Erde steckte, zu Mittag hundertvierunddreißig Grad Fahrenheit! (= 56° hundertth.)

So wie der berühmte Reisende manche Gegenden Süd-Afrikas antraf, ebenso zeigte sich dieser Theil des zwischen der Grenze des Karron und dem Ngamisee gelegenen Festlandes den Blicken der englischen Astronomen. Ihre Beschwerden waren groß, ihre Leiden außerordentlich, vornehmlich wars Wassermangel. Diese Entbehrung drückte noch empfindlicher die Thiere, da das spärliche, dürre, staubige Gras kaum hinreichende Nahrung gewährte. Diese weite Landstrecke war nicht allein durch Unfruchtbarkeit eine Wüste, sondern auch deshalb, weil sich kein lebendes Wesen hineinwagte. Die Vögel waren über den Zambese entflohen, um dort Bäume und Blumen wiederzufinden. Die reißenden Thiere wagten sich auch nicht in diese Ebene, die ihnen keine Nahrungsquelle bot. Kaum sahen die Jäger der Karawane während der ersten vierzehn Tage des Januar zwei oder drei Paar Antilopen, die mehrere Monate das Trinken entbehren können; es waren solche Oryx, wie die, welche dem Sir John Murray ein so lebhaftes Herzeleid bereitet hatten; besonders Kaamas, mit sanften Augen und aschgrauen mit ockerfarbigen Flecken gesprengtem Fell, unschuldige Thiere, die ihres Fleisches halber sehr geschätzt sind, und welche, wie es scheint, die dürren Gegenden den fruchtbarsten Weideplätzen vorziehen.

Indeß wurden durch die Wanderung unter dieser Sonnengluth, in einer Atmosphäre, die nicht ein Dunstatom enthielt, bei Verfolgung der geodätischen Arbeiten bei Tage und bei Nacht von keinem Lufthauch gekühlt, die Astronomen sichtlich erschöpft. Ihr Wasservorrath in den erwärmten Tonnen nahm ab. Schon hatten sie das Wasser auf tägliche Rationen beschränkt und litten sehr unter dieser Verminderung. Doch war ihr Eifer und ihr Muth so groß, daß sie den Beschwerden und Entbehrungen zum Trotz kein Detail ihrer unendlichen und peinlichen Arbeit vernachlässigten. Am 25. Januar war das siebente Stück des Meridians, einen neuen Grad enthaltend, vermittelst neun neuer Dreiecke ausgerechnet worden, was die Totalsumme der bis dahin construirten Triangel auf siebenundfünfzig brachte.

Man hatte nur noch einen Theil der Wüste zu passiren, und nach der Meinung des Buschmanns mußten sie die Ufer des Ngamisees vor Ende Januar erreichen. Der Oberst und seine Gefährten konnten bis dahin noch für sich selbst aushalten. Aber die Leute der Karawane, die Buschmänner, welche nicht von solchem Eifer beseelt waren, bezahlte Leute, deren Interesse Nichts mit dem wissenschaftlichen der Expedition gemein hatte, Eingeborene, die noch dazu wenig geneigt waren, vorwärts zu gehen, ? diese litten sehr durch die Beschwerden des Weges. Der Wassermangel drückte sie sehr empfindlich. Schon hatte man einige durch Hunger und Durst ermattete Saumthiere zurücklassen müssen, und es stand zu befürchten, daß ihre Anzahl von Tag zu Tag geringer wurde. Das Murren, die Klagen wurden mit den Anstrengungen immer größer, Mokums Rolle ward immer schwieriger und sein Einfluß geringer.

Es wurde bald klar, daß der Wassermangel ein unübersteigliches Hinderniß werden würde, daß man den Weg nach Norden werde aufgeben und sich wieder rückwärts wenden müssen, sei es auch rechts vom Meridian, auf die Gefahr hin, mit der russischen Expedition zusammenzutreffen, um Dörfer zu erreichen, die der Beschreibung David Livingstones nach in einer weniger unfruchtbaren Gegend liegen.

Am 15. Februar machte der Buschmann den Oberst Everest mit den wachsenden Schwierigkeiten bekannt, gegen welche er vergeblich kämpfte. Die Wagenführer verweigerten ihm schon den Gehorsam. Jeden Morgen beim Aufbruch des Lagers fanden Scenen der Insubordination statt, an welchen sich die meisten Eingeborenen betheiligten. Man muß zugeben, daß diese von der Hitze niedergedrückten, von Durst verzehrten Unglücklichen Mitleid erregten. Zudem wollten die Ochsen und Pferde, durch das kurze, trockene Gras ungenügend genährt, nicht getränkt, nicht mehr fort.

Der Oberst Everest erkannte genau die Lage. Doch hart gegen sich selbst, war er es auch gegen die andern. Er wollte in keiner Weise die Arbeit des trigonometrischen Netzes unterbrechen, und erklärte, daß er, und sollte er auch ganz allein bleiben, vorwärts gehen werde. Uebrigens waren seine beiden Collegen mit ihm einstimmig, und bereit ihm zu folgen, so weit er gehen wollte.

Durch wiederholte Bemühungen gelang es dem Buschmann, die Eingeborenen zu bewegen, daß sie noch eine kurze Zeit lang mit fort gingen. Seiner Schätzung nach konnte der Ngamisee nur noch fünf oder sechs Tagemärsche fern sein. Dort würden die Pferde und Ochsen frische Weiden und schattige Wälder wiederfinden. Dort würden die Menschen ein ganzes Süßwassermeer zu ihren Erquickungen haben. Mokum machte den ersten Buschmännern gegenüber all diese Betrachtungen geltend. Er bewies ihnen, daß, um sich aufs Neue zu verproviantiren, es am kürzesten sei, nach Norden zu gehen. Wirklich, wieder nach Westen umzukehren, hieß aufs Geradewohl sich dem Zufall preisgeben; hinter ihnen lag das verödete Karrou, dessen strömende Wasser alle versiegt sein mußten. Endlich ergaben sich die Eingeborenen in all diese Gründe und Vorstellungen, und die fast ganz erschöpfte Karawane setzte ihren Weg nach dem Ngami wieder fort.

Glücklicherweise gingen die geodätischen Operationen durch Pfähle oder Fahnenstangen leicht von Statten. Um Zeit zu gewinnen arbeiteten die Astronomen Tag und Nacht. Durch den Schein elektrischer Lampen geleitet, erhielten sie sehr klar gezeichnete Winkel, welche die gewissenhafteste Bestimmtheit befriedigten.

Die Arbeiten wurden also im Zusammenhang und methodisch fortgesetzt, und das Netz vergrößerte sich nach und nach.

Am 16. Januar glaubte die Karawane einen Augenblick, daß das Wasser, mit welchem die Natur hier so geizte, ihnen endlich im Ueberfluß wieder zu Theil werden sollte.

Ein kleiner, ein bis zwei Meilen breiter See wurde am Horizont wahrgenommen.

Man begreift, wie diese Nachricht aufgenommen ward. Die ganze Karawane eilte nach jener Richtung, einem weiten Wasserspiegel zu, in dem sich die Sonnenstrahlen widerspiegelten.

Der See wurde gegen fünf Uhr Abends erreicht. Einige Pferde zerrissen ihre Zügel, entschlüpften den Händen ihrer Führer und stürzten im Galop auf dieses lang ersehnte Wasser zu. Sie witterten, fühlten es und bald sah man sie bis an der Brust darin.

Doch fast augenblicklich kehrten die Thiere wieder ans Ufer zurück. Sie hatten sich nicht an diesem Gewässer erquicken können, und als die Buschmänner herankamen, fanden sie sich vor einem so stark mit Salz versetzten Wasser, daß sie sich nicht daran erfrischen konnten. Die Enttäuschung, ja man kann sagen die Verzweiflung war groß. Mokum glaubte, daß er darauf verzichten müsse, die Eingeborenen noch über den Salzsee hinaus mit fort zu bringen. Glücklicherweise für die Zukunft der Karawane befand sich dieselbe näher am Ngami und den Nebenflüssen des Zambese, als an jedem andern Punkt dieser Gegend, wo man sich trinkbares Wasser hätte verschaffen können. Das Wohl Aller hing also von dem Marsche vorwärts ab. Wenn die geodätischen Arbeiten sie nicht aufhielten, konnte die Expedition in vier Tagen die Ufer des Ngami erreicht haben. Man brach wieder auf. Die Bodenbeschaffenheit benutzend, konnte der Oberst Everest Dreiecke von größeren Verhältnissen errichten, welche die Aufstellung von Zielpunkten weniger häufig nöthig machten. Da man besonders in ganz klaren Nächten operirte, sah man die Feuersignale zum Erstaunen klar, und sie konnten, seis mit dem Theodolit oder der Winkelmeßscheibe, aufs Genaueste aufgenommen werden. Damit war zugleich Zeit und Mühe gespart. Doch, offen gesagt, sowohl für die von wissenschaftlichem Eifer beseelten, muthigen Gelehrten, als für die in diesem schrecklichen Klima von brennendem Durst verzehrten Eingeborenen, und für die im Dienst der Karawane verwendeten Thiere war es hohe Zeit, den Ngami zu erreichen. Keiner hätte noch vierzehn Tage unter solchen Verhältnissen es aushalten können.

Am 21. Januar begann der flache, ebene Boden sich merklich zu verändern; er wurde holperig und uneben. Gegen zehn Uhr Morgens wurde ein kleiner fünf- bis sechshundert Fuß hoher Berg, nordwestlich, ungefähr fünfzehn Meilen entfernt, gemeldet. Es war der Scorzefberg. Der Buschmann betrachtete aufmerksam die örtliche Lage, und nach ziemlich langem Erwägen sagte er, die Hand nach Norden ausstreckend:

»Dort ist der Ngamisee!«

? »Der Ngami, der Ngami!« schrieen die Eingeborenen und begleiteten ihr Geschrei mit rauschender Beifallsbezeigung. Die Buschmänner wollten voraneilen und die fünfzehn Meilen, die sie noch vom See trennten, im Laufe zurücklegen. Doch gelang es dem Jäger, sie zurückzuhalten, indem er ihnen bemerklich machte, daß es wichtig sei, in diesem von den Makololos unsicher gemachten Lande sich nicht zu theilen.

Indeß beschloß der Oberst Everest, um die Ankunft der kleinen Truppe am Ngami zu beschleunigen, die Station, die er jetzt einnahm, mit dem Scorzef durch einen einzigen Triangel direct zu vereinigen. Der Gipfel des Berges, durch einen sehr spitzen Kegel gebildet, konnte sehr genau visirt werden und eignete sich also zu einer guten Beobachtung. Man brauchte deshalb nicht bis zur Nacht zu warten, noch eine Abtheilung Matrosen und Eingeborene zur Aufstellung einer Reverbere auf dem Gipfel des Scorzef abzuschicken.

Die Instrumente wurden gerichtet und der die Spitze des letzten südlichen Triangels bildende Winkel wurde zur größeren Sicherheit auf dieser Station nochmals gemessen.

Mokum, der sehr ungeduldig war, die Ufer des Ngami zu erreichen, hatte nur ein provisorisches Lager errichtet. Er hoffte noch vor Anbruch der Nacht an dem ersehnten Gewässer anzukommen; dennoch versäumte er keine seiner gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln und ließ die Umgegend durch einige Reiter durchstreifen. Links und rechts gab es Gehölze, die es klug war, zu durchsuchen. Man hatte indeß seit jener Oryxjagd keine Spur mehr von den Makololos gesehen, und es schien, als hätten diese das Ausspüren der Karawane aufgegeben. Dessenungeachtet war der Buschmann mißtrauisch auf der Hut, um auf Alles gefaßt zu sein.

Während so der Jäger wachte, beschäftigten sich die Astronomen damit, ihr neues Dreieck zu vollenden. Nach den von William Emery gemachten Aufnahmen würde dieser Triangel sie ziemlich nahe dem zwanzigsten Breitegrad bringen, an welchem der Endpunkt des Bogens, den sie in diesem Theile Afrikas zu messen beabsichtigten, ablaufen sollte. Noch einige Operationen jenseit des Ngami, und sehr wahrscheinlich würde man damit das achte Stück des Meridians erhalten. Dann, nachdem man eine Prüfung der Berechnung vermittelst einer neuen, direct auf dem Boden gemessenen Basis vorgenommen, würde das große Werk vollendet sein. Man begreift also, von welchem Eifer diese kühnen Männer beseelt waren, als sie sich dem Ziele so nahe sahen. Und wie hatten währenddessen die Russen ihrerseits operirt? Seit den sechs Monaten der Trennung der Mitglieder der internationalen Commission, wo waren wohl in diesem Augenblick Mathieu Strux, Nikolaus Palander, Michel Zorn? Hatten sie ebenso harte Mühseligkeiten als ihre englischen Collegen erdulden müssen? Hatten sie auch unter dem Wassermangel, der drückenden Hitze des Klimas gelitten? Waren die Gegenden, welche sie denen von Livingstone beschriebenen nahe brachten, weniger dürr?

Vielleicht, denn es gab von Kolobeng an Dörfer und Flecken wie Schokuané, Schoschong und andere, nicht weit rechts vom Meridian, in denen sich die russische Karawane wieder versorgen konnte. Doch stand nicht zu befürchten, daß in dieser weniger öden, und daher von Räuberbanden unaufhörlich belästigten Gegend, die kleine Truppe von Mathieu Strux sehr den Gefahren ausgesetzt gewesen? Mußte man nicht aus dem Umstand, daß die Makololos die Verfolgung der englischen Expedition aufgaben, schließen, daß sie sich der russischen auf die Spur geworfen hatten?

Der immer in Gedanken vertiefte Oberst Everest dachte oder wollte nicht an diese Dinge denken, aber Sir John Murray und William Emery unterhielten sich häufig über das Schicksal ihrer ehemaligen Collegen. Sollte es ihnen beschieden sein, sich einander wiederzusehen? Sollten die Russen bei ihrem Unternehmen Glück haben? Würde dasselbe mathematische Resultat, das heißt, der Werth des Längegrades in diesem Theile Afrikas bei beiden Expeditionen, die gleichzeitig, doch getrennt, die Errichtung des trigonometrischen Netzes verfolgt hatten, übereinstimmend sein? Dann gedachte William Emery an seinen Gefährten, dessen Abwesenheit ihm so schmerzlich war, und er wußte wohl, daß auch Michel Zorn ihn niemals vergessen würde.

Indessen hatte die Messung der Winkeldistanzen begonnen. Um den an der Station anliegenden Winkel zu erlangen, handelte es sich darum, zwei Zielpunkte zu haben, von denen einer durch den kegelförmigen Gipfel des Scorzef gebildet wurde. Zum andern, links vom Meridian, wählte man einen spitzen nur vier Meilen entfernten Hügel. Seine Richtung ergab sich durch eins der Gläser der Winkelmeßscheibe.

Wie schon gesagt, war der Scorzef verhältnißmäßig weit entfernt. Doch hatten die Astronomen keine Wahl, da dieser isolirt stehende Berg der einzige Kulminationspunkt der Gegend war. Es gab wirklich weder nördlich noch westlich, noch jenseits des Ngamisees, den man noch nicht bemerken konnte, irgend eine andere Anhöhe. Nun nöthigte die Entfernung des Scorzef die Beobachter, sich ziemlich weit rechts vom Meridian zu begeben, doch begriffen sie nach reiflicher Ueberlegung, daß sie noch anders verfahren konnten. Der allein stehende Berg wurde also mit größter Sorgfalt vermittelst des zweiten Glases der Winkelmeßscheibe visirt, und die Abweichung der beiden Gläser ergab die Winkeldistanz des Scorzef von dem Hügel, und demzufolge das Maaß des an der Station selbst gebildeten Winkels. Um noch genauere Annäherung zu haben, wiederholte der Oberst zwanzigmal dies Verfahren, wobei er die Stellung seiner Gläser veränderte; auf diese Weise theilte er die möglichen Irrthümer der Lesart durch zwanzig, und erhielt eine Winkelmessung von absoluter Genauigkeit.

Trotz der Ungeduld der Eingeborenen wurden diese Operationen von dem unempfindlichen Oberst Everest mit derselben Sorgfalt, wie in seinem Observatorium zu Cambridge gemacht. Der ganze 21. Februar verstrich auf diese Art, und erst zu Ende des Tages, gegen halb sechs, als das Lesen der Ränder schwierig wurde, beendete der Oberst seine Beobachtungen.

»Jetzt bin ich Ihnen zu Verfügung, Mokum, sagte er darauf zum Buschmann.

? Das ist wirklich nicht zu früh, Herr Oberst, antwortete Mokum, und ich bedaure, daß Sie Ihre Arbeit nicht vor der Nacht fertig bringen konnten, denn wir würden versucht haben, unser Lager an die Ufer des Sees zu verlegen!

? Aber was hindert uns, aufzubrechen? fragte der Oberst. Fünfzehn Meilen, wenn auch in dunkler Nacht zu machen, können uns nicht zurückhalten. Der Weg ist ein gerader, durch die Ebene selbst, und wir brauchen nicht zu befürchten, uns zu verirren.

? Ja! ... wirklich ... erwiderte der Buschmann, der mit sich zu Rathe zu gehen schien; vielleicht können wir dies Wagniß vornehmen, obgleich ich vorgezogen hätte, bei hellem Tage durch die dem Ngamisee benachbarten Landstrecken zu gehen. Unsere Leute verlangen sehnlichst, die Süßwasser des Sees zu erreichen. Wir wollen also aufbrechen, Herr Oberst ...

? Wann Sie wollen, Mokum!« antwortete der Oberst.

Dieser Entschluß wurde von Allen gebilligt, die Ochsen vor die Wagen gespannt, die Reiter bestiegen ihre Pferde, die Instrumente wurden in den Wagen gebracht, und um sieben Uhr Abends, nachdem der Buschmann das Zeichen zum Aufbruch gegeben, marschirte die Karawane, vom Durst gespornt, gerade auf den Ngamisee zu.

Getrieben von einem gewissen Instinct als Kundschafter der Gegend, hatte der Buschmann die drei Europäer gebeten, ihre Waffen zu sich zu nehmen und sich mit Munition zu versehen. Er selbst trug die Büchse, die ihm Sir John zum Geschenk gemacht, und in seiner Kugeltasche fehlte es nicht an Patronen.

Man brach auf. Die Nacht war finster und ein dichter Wolkenschleier verhüllte die Sterne. Doch war die Atmosphäre in der dem Erdboden nächsten Schicht frei von Nebel. Der mit außerordentlicher Sehkraft begabte Mokum spürte auf den Seiten und vorwärts.

Einige Worte, die er zu Sir John sprach, bewiesen, daß der Buschmann die Gegend nicht für ganz sicher halte. Daher hielt Sir John auch seinerseits sich auf jedes Ereigniß gefaßt.

Die Karawane zog so drei Stunden in nördlicher Richtung vorwärts, doch bei ihrer Erschöpfung und Müdigkeit ging sie nicht schnell. Man machte nicht mehr als drei Meilen die Stunde, und gegen zehn Uhr Abends war die kleine Truppe noch sechs Meilen vom Ngamisee entfernt. Die Thiere keuchten und konnten in dieser erstickenden Nacht kaum athmen, in einer so trockenen Atmosphäre, daß der empfindbarste Hygrometer keine Spur von Feuchtigkeit gezeigt hätte.

Ungeachtet der dringendsten Mahnungen des Buschmannes bildete die Karawane bald nicht mehr einen festen Kern. Die Männer und die Thiere zogen sich in einer langen Reihe hin. Einige Ochsen waren schon entkräftet auf dem Wege gestürzt. Abgestiegene Reiter schleppten sich mühsam fort, und die kleinste Anzahl Eingeborener hätte sie leicht entführen können. Mokum voll Besorgniß, sparte weder Worte noch Winke, ging von einem zum andern, und versuchte die Truppe aufs Neue zusammenzubringen, aber es gelang ihm nicht, und ehe er es noch bemerkt, war schon eine gewisse Anzahl seiner Männer abhanden gekommen.

Um elf Uhr Abends waren die Wagen, die sich an der Spitze befanden, nur noch drei Meilen vom Scorzef. Trotz der Dunkelheit sah man den Berg sehr deutlich, und er ragte im Dunkel wie eine ungeheure Pyramide empor. Die Nacht vermehrte noch seine wirklichen Dimensionen, verdoppelte scheinbar seine Größe.

Wenn sich Mokum nicht getäuscht hatte, so mußte der Ngamisee hinter dem Scorzef liegen. Es handelte sich also darum, den Berg so zu umgehen, daß man auf kürzestem Wege an die weite Süßwasserfläche gelangte.

Der Buschmann stellte sich an die Spitze der Karawane in Gesellschaft der drei Europäer und war im Begriff, sich links hin zu wenden, als deutliche, obwohl entfernte Schüsse ihn plötzlich zum Halt bestimmten.

Die Engländer hatten ebenfalls ihre Pferde angehalten und lauschten mit leicht begreiflicher Angst.

In einem Lande, wo die Eingeborenen sich nur der Lanzen und Pfeile bedienen, mußte das Knallen von Feuerwaffen sie ängstlich überraschen.

»Was ist das? fragte der Oberst.

? Schüsse! antwortete Sir John.

? Schüsse! rief der Oberst aus, und in welcher Richtung?«

Diese Frage war an den Buschmann gerichtet, welcher erwiderte:

»Diese Flintenschüsse sind vom Gipfel des Scorzef aus gefeuert worden. Sehen Sie, wie das Dunkel sich oben lichtet! Man schlägt sich dort. Das sind ohne Zweifel Makololos, die einen Trupp Europäer angreifen.

? Europäer, sagte William Emery.

? Ja, Herr William, erwiderte Mokum. Dieses starke Knallen kann nur von europäischen Waffen herrühren, und ich möchte hinzusetzen, von gezogenen Gewehren.

? Diese Europäer wären also? ...«

Doch unterbrach ihn der Oberst und rief:

»Meine Herren, wer diese Europäer auch seien, man muß ihnen zu Hilfe kommen.

? Ja! Ja! Auf! Vorwärts!« wiederholte William Emery, dessen Herz sich schmerzlich zusammenzog.

Ehe sie sich nach dem Berg zuwandten, wollte der Buschmann zum letzten Mal seine kleine Truppe sammeln, welche eine Räuberbande unversehens umzingeln konnte. Als der Jäger aber rückwärts kam, war die Karawane zerstreut, die Pferde abgespannt, die Wagen verlassen und einige auf der Ebene umherstreifende Schatten verschwanden schon südwärts.

»Die Feiglinge! rief Mokum aus. Durst, Müdigkeit, Alles vergessen sie, um zu fliehen!« Darauf kehrte er zu den Engländern und ihren tapfern Matrosen zurück, und rief:

»Vorwärts wir Andern!«

Die Europäer und der Jäger eilten unverzüglich nach Norden zu, und benahmen so ihren Pferden den Rest von Kraft und Schnelligkeit.

Zwanzig Minuten später hörte man deutlich das Kriegsgeschrei der Makololos.

Wie groß ihre Zahl war, konnte man noch nicht schätzen. Diese eingeborenen Räuber stürmten augenscheinlich den Scorzef, dessen Gipfel im Feuer strahlte. Man sah von Zeit zu Zeit Menschengruppen an den Seiten auftauchen.

Bald waren der Oberst Everest und seine Begleiter den Belagerern auf der Ferse. Sie saßen nun ab von ihren erschöpften Pferden und mit furchtbar schallendem Hurrah, welches die Belagerten hören mußten, feuerten sie die ersten Schüsse auf die Masse der Eingeborenen. Als die Makololos das Knallen dieser schnellschießenden Waffen hörten, glaubten sie sich von einer zahlreichen Truppe angegriffen. Dieser plötzliche Ueberfall überraschte sie, und sie zogen sich zurück, ehe sie noch Gebrauch von ihren Pfeilen und Wurfgeschossen gemacht.

Ohne einen Augenblick zu verlieren, warfen sich der Oberst Everest, Sir John, William Emery, der Buschmann und die Seeleute, unaufhörlich ladend und abfeuernd, mitten in die Räuberbande. Schon bedeckten ungefähr fünfzehn Leichen den Boden.

Die Makololos trennten sich, und die Europäer drangen in die Oeffnung ein, streckten die ihnen nächsten Eingeborenen zu Boden, und zogen sich dann rückwärts den Bergabhang hinauf.

In zehn Minuten hatten sie den im Dunkel verborgenen Gipfel erreicht, denn die Belagerten hatten ihr Feuer eingestellt, aus Furcht, diejenigen zu treffen, die ihnen so unerwartet zu Hilfe kamen.

Und diese Belagerten waren die Russen! Sie waren alle da, Mathieu Strux, Nikolaus Palander, Michel Zorn, ihre fünf Matrosen.

Von den Eingeborenen, die ehemals ihre Karawane gebildet, war nur noch der Forloper übrig. Diese elenden Buschmänner hatten sie ebenfalls im Moment der Gefahr verlassen.

In dem Augenblick, als der Oberst erschien, sprang Mathieu Strux von einer kleinen Mauer herunter, die den Gipfel des Scorzef krönte.

»Sie, meine Herren Engländer! rief der Astronom von Pulkowa aus.

? Wir selbst, meine Herren Russen, antwortete der Oberst mit ernster Stimme. Hier aber giebt es weder Russen noch Engländer, sondern nur Europäer, die zu ihrer Vertheidigung geeinigt sind.«

Neunzehntes Capitel.
Trianguliren oder Sterben

Mit einem Hurrah wurden die Worte des Oberst Everest aufgenommen. Den Makololos und einer gemeinsamen Gefahr gegenüber mußten sich die Engländer und Russen, uneingedenk des internationalen Kampfes, zur gemeinsamen Vertheidigung verbünden. Die augenblickliche Lage beherrschte Alles, und im Angesicht des Feindes war in der That die anglorussische Commission, und zwar stärker und inniger als jemals wiederhergestellt. William Emery und Michel Zorn waren einander in die Arme gesunken. Die andern Europäer hatten mit einem Händedrucke ihre erneute Allianz besiegelt.

Ihren Durst zu löschen war die erste Sorge der Engländer. Im Lager der Russen fehlte es auch nicht an Wasser, das aus dem See geschöpft war. Dann plauderten die Europäer unter dem Schutze einer Kasematte, welche einen Theil einer den Gipfel des Scorzef krönenden, verlassenen Schanze bildete, über Alles, was seit ihrer Trennung in Kolobeng vorgegangen war. Die Matrosen überwachten unterdessen die Makololos, welche ihnen jetzt einige Ruhe ließen.

Warum befanden sich nun die Russen überhaupt auf dem Gipfel dieses Berges, der sich soweit links von ihrem Meridian befand. Aus demselben Grunde, der die Engländer soweit zur Rechten desselben geführt hatte. Der Scorzef nämlich, der so ziemlich in der Mitte des Weges zwischen den beiden Bogen lag. war der einzige Höhepunkt dieser Gegend, der zur Errichtung einer Beobachtungsstation an den Ufern des Ngamisee geeignet erschien. Es war demnach ganz natürlich, daß sich die beiden rivalisirenden Expeditionen, die auf dieser Ebene beschäftigt waren, auf dem einzigen Berge begegneten, der für ihre Zwecke tauglich erschien. In der That berührten der russische und der englische Meridian den See an zwei sehr entfernten Punkten, so daß für die Beobachter daraus die Nothwendigkeit entsprang, das südliche und das nördliche Ufer des Ngamisees geodätisch zu verbinden.

Mathieu Strux berichtete dann verschiedenes Einzelne über die von ihm ausgeführten Arbeiten. Die Dreieckvermessung war von Kolobeng aus ohne Zwischenfall von statten gegangen. Dieser erste Meridian, welchen das Loos den Russen zugetheilt hatte, lief durch ein fruchtbares, wellenförmiges Land, das sehr leicht mit einem trigonometrischen Netze überzogen werden konnte. Ebenso wie die englischen, hatten auch die russischen Astronomen von der übermäßigen Hitze dieser Klimate, aber nicht an Wassermangel, gelitten. In der Gegend waren viele Bäche, welche eine wohlthätige Feuchtigkeit unterhielten. Pferde und Rinder befanden sich sonach gleichsam auf einer ungeheuern Weide, und liefen durch grünende Wiesen, die hier und da von Wäldern oder Buschwerk unterbrochen waren. Die wilden Thiere hatte man durch während der Nacht unterhaltene Feuer in gemessener Entfernung von den Lagerplätzen zu halten vermocht. Die Eingeborenen betreffend, so gehörten diese zu den in Flecken und Dörfern seßhaften Stämmen, bei welchen der Doctor David Livingstone fast stets eine gastfreundliche Aufnahme gefunden hatte.

Während dieser Reise hatten die Buschmänner demnach keinerlei Ursache, sich zu beklagen. Am 20. Februar erreichten die Russen den Scorzef und hatten sich dort schon seit sechsunddreißig Stunden eingerichtet, als die Makololos, drei- bis vierhundert Köpfe stark, auf der Ebene davor erschienen. Sofort überließen die erschreckten Buschmänner die Russen ihrem Schicksal und liefen davon. Zunächst plünderten die Makololos die am Fuße des Berges aufgefahrenen Wagen; glücklicherweise waren alle Instrumente vorher nach der Schanze hinaufgeschafft worden. Auch das kleine Dampfboot war bis jetzt unverletzt, da die Russen Zeit gehabt hatten, es vor dem Erscheinen der räuberischen Horden zusammenzusetzen und in einem kleinen Nothhafen des Ngamisees zu bergen. Auf dieser Seite fiel der Berg fast senkrecht zu dem rechten Ufer des Sees ab und war von da aus nicht wohl zu ersteigen. Nach Süden zu bot der Scorzef freilich gangbare Abhänge, und bei dem von den Makololos versuchten Angriffe wären sie ohne die von der Vorsehung vermittelte Dazwischenkunft der Engländer wohl bis zu jener kleinen Schanze hinaufgekommen.

Obiges bildete im Auszuge den Bericht des Mathieu Strux. Der Oberst Everest theilte nun seinerseits die Ereignisse mit, welche ihnen auf dem Wege nach Norden begegneten, die Leiden und Anstrengungen der Expedition, die Empörung der Buschmänner, und die Schwierigkeiten und Hindernisse alle, die man zu bewältigen hatte. Alles in Allem waren die Russen seit der Abreise von Kolobeng entschieden mehr begünstigt gewesen, als die Engländer.

Die Nacht vom 21. zum 22. Februar verlief ohne Zwischenfall. Der Buschmann und die Seeleute hatten am Fuße der Schanzenmauern Wache gehalten. Die Makololos erneuerten ihre Angriffe nicht, doch zeigten einige Feuer am Fuße des Berges, daß die Räuber noch an derselben Stelle bivouaquirten und ihre Absichten keineswegs aufgegeben hatten.

Mit Tagesanbruch, am 22. Februar, verließen die Europäer die Kasematte, um die umgebende Ebene ins Auge zu fassen. Die ersten Frührothstrahlen erhellten fast mit einem Schlage das ganze ungeheure Territorium bis zum Horizont. Nach Süden hin erstreckte sich ein Wüstenland mit gelblichem Boden, verbrannten Pflanzen und dürrem Aussehen. Um den Fuß des Berges war ein Lager aufgeschlagen, in dessen Mitte wohl vier- bis fünfhundert Eingeborene in buntem Gewimmel hin- und herliefen. Ihre Feuer brannten noch und einige Stücke Wildpret rösteten über glühenden Kohlen. Es lag auf der Hand, daß die Makololos den Platz nicht räumen wollten, bevor nicht Alles, was die Karawane Kostbares besaß, das Material, die Wagen, Pferde und Rinder, sowie die Vorräthe, in ihre Hände gefallen; mit diesem Ziele noch nicht zufrieden, strebten sie offenbar, die Europäer zu tödten und in den Besitz der Waffen zu gelangen, von denen der Oberst nebst den Seinen einen so furchtbaren Gebrauch gemacht hatte.

Nachdem die russischen und englischen Gelehrten das Lager der Eingeborenen betrachtet hatten, unterhielten sie sich lange mit dem Buschmann. Ein bestimmter Entschluß aber mußte ja gefaßt werden. Dieser Entschluß aber mußte vom Zusammenwirken verschiedener Umstände abhängen, und vor allem galt es, die Lage des Scorzef ganz genau festzustellen.

Von diesem Berge wußten die Gelehrten schon, daß er nach Süden die ungeheuren Ebenen bis zu dem Karrou hin beherrschte. Nach Osten und Westen hin setzte sich die Wüste in ihrer geringsten Breite fort. Weiter nach Westen erreichte der Blick die schwachen Schattenrisse der Hügel, die das fruchtbare Land der Makololos umgrenzen, wo Maketo, eine der Hauptstädte, etwa hundert Meilen im Nordwesten des Ngamisees gelegen ist.

Gegen Norden indessen beherrschte der Scorzef einen weitaus verschiedenen Landstrich. Welcher Contrast gegen die dürren Steppen des Südens. Wasserreichthum, Bäume, Weiden und all jene üppige Bodenbedeckung, welche eine andauernde Feuchtigkeit zu unterhalten vermag. Mindestens auf eine Entfernung von hundert Meilen breitete der Ngamisee von Osten nach Westen sein liebliches Gewässer, das sich unter den Strahlen der auftauchenden Sonne zu beleben schien. Die größte Breite hatte der See entsprechend den Breitegraden der Erde; von Norden nach Süden dagegen mochte er höchstens dreißig bis vierzig Meilen messen. Darüber hinaus fiel die Gegend sanft ab, und bot einen wechselnden Anblick mit ihren Wäldern, Weideflächen und strömenden Wassern, Nebenflüssen des Lyambie oder Zambese; ganz im Norden endlich, aber mindestens in einer Entfernung von achtzig Meilen, war die Landschaft von einer pittoresken Bergkette abgeschlossen. Das schöne Land! Wie eine Oase war es mitten in die Wüste hineingeworfen! Sein wunderbar bewässerter, von einem ganzen Netze fließender Adern übersponnener Boden athmete Leben. Es war der Zambese, jener große Fluß, der mit seinen Nebenarmen diese verschwenderische Vegetation ernährte. Er stellte die riesige Pulsader dar, die für das östliche Afrika dasselbe ist, was die Donau für Europa, der Amazonenstrom für Süd-Amerika.

So war das Panorama, das sich vor den Augen der Europäer ausbreitete. Der Scorzef selbst erhob sich dicht am Ufer des Sees, und fiel, wie Mathieu Strux gesagt hatte, nach Norden senkrecht zu den Fluthen des Ngami ab. Aber es giebt keine so steilen Abhänge, welche Seeleute nicht erklimmen oder herabklettern könnten, und so waren diese auch durch eine enge Schlucht, die sich von Abhang zu Abhang hinzog, bis zum Spiegel des Sees und zwar an derselben Stelle herabgekommen, wo das Dampfschiffchen geborgen lag. Die Versorgung mit Wasser erschien also gesichert, und die kleine Besatzung konnte sich, so lange die anderen Vorräthe reichten, wohl hinter den Mauern der verlassenen Verschanzung halten.

Wozu diente aber überhaupt diese Schanze in der Wüste und auf dem Gipfel dieses Berges? Man fragte Mokum, der diese Gegend schon, als er David Livingstones Führer gewesen, besucht hatte. Er war in der Lage, darüber Auskunft zu geben.

Diese Umgebungen des Ngamisees waren früher häufig von Elfenbein- und Ebenholzhändlern besucht worden. Das Elfenbein lieferten die Elephanten und Rhinocerosse, aber das Ebenholz war Menschenfleisch, lebendes Fleisch, womit die Vermittler der Sklaverei Handel treiben. Das ganze Zambeseland ist noch vergiftet von jenen fremden Schurken, welche die Ausfuhr der Schwarzen betreiben. Die Kriege, Streifzüge und Plünderungen im Innern liefern immer eine große Menge Gefangene, welche als Sclaven verkauft werden. Dieses Ufer des Ngami bildete nun eine Handelsstraße für die aus dem Westen Kommenden und der Scorzef war ehedem der Mittelpunkt der Karawanenlager. Dort ruhten sie gewöhnlich, bis sie den Zambese bis zu seiner Mündung hinabzogen. Die Sclavenhändler hatten nun diesen Punkt befestigt, um sich und ihre Sclaven gegen Plünderung durch Räuber zu schützen, denn es war nicht selten, daß die eingeborenen Gefangenen durch ihre Verkäufer selbst wieder geraubt wurden, um noch einmal verkauft zu werden.

Das war der Ursprung jener Befestigung, die jetzt zur Ruine wurde. Der Zug der Karawanen war ein anderer geworden. Der Ngami empfing sie nicht mehr an seinen Ufern, der Scorzef hatte sie nicht mehr zu vertheidigen und die Mauern, die ihn bekrönten, zerbröckelten Stein für Stein. Von der Schanze war nur noch ein in Form eines Sectors abgeschnittenes Stück Wall da, dessen Bogen nach Süden und dessen Sehne nach Norden zu lag. In der Mitte dieses Walles erhob sich eine kleine, mit Kasematten versehene Redoute, die von Schießscharten durchlöchert war und von einem engen, hölzernen Wachtthurme überragt wurde, dessen durch die weite Entfernung noch verkleinertes Profil den Fernröhren des Oberst Everest als Zielpunkt gedient hatte. Dennoch bot diese Schanze, soweit sie auch schon zerfallen war, den Europäern einen sicheren Zufluchtsort. Hinter diesen Mauern von dickem Sandstein und bewaffnet mit Schnellfeuergewehren, wie sie es waren, konnten sie sich, so lange die Nahrungsmittel und die Munition ausreichten, wohl gegen ein ganzes Heer Makololos halten und vielleicht ihre geodätischen Arbeiten vollenden.

Schießbedarf hatten der Oberst und seine Leute aber im Ueberfluß, denn die Kiste, welche denselben enthielt, war auf den Wagen gebracht worden, auf dem das Dampfboot verpackt gewesen war, und dieses Wagens hatten sich die Eingeborenen, wie oben erwähnt, nicht bemächtigt.

Bezüglich der Lebensmittel stand es freilich anders. Hierin lag die Schwierigkeit, denn die Proviantwagen waren der Plünderung nicht entgangen. Nicht für zwei Tage befanden sich in der kleinen Schanze Nahrungsmittel für die jetzt dort vereinigten achtzehn Personen, nämlich die drei englischen und die drei russischen Astronomen, die zehn Seeleute von der ?Königin und Czar?, den Buschmann und den Forloper.

Eine sorgsame Aufnahme des Oberst Everest und Mathieu Strux hatte dieses Ergebniß geliefert.

Nach dieser Inventur und nach eingenommenem ? und zwar sehr kurzem ? Morgenimbiß zogen sich die Astronomen und der Buschmann in die Kasematten zurück, während die Seeleute rund um die Schanzenmauern eifrig Wache hielten.

Jene sprachen eingehend über den erschwerenden Umstand des Mangels an Nahrungsmitteln und fanden kein Mittel, dieser gewissen, fast unmittelbar drohenden Noth entgegenzutreten, als sich der Jäger folgendermaßen ausließ:

»Sie beschäftigen sich, meine Herren, im Voraus mit dem Mangel an Proviant, und wahrlich, ich begreife nicht, warum Sie das beunruhigt. Sie sagen, daß wir kaum für zwei Tage Lebensmittel haben ? aber wer nöthigt uns, zwei Tage in dieser Verschanzung auszuhalten? Können wir sie nicht morgen, selbst heute schon verlassen? Wer hindert uns daran? Die Makololos? Diese kommen doch, soviel ich weiß, nicht auf die Gewässer des Ngami, und ich verpflichte mich, Sie mit dem Dampfboote binnen wenigen Stunden auf die Westseite des Sees überzuführen!«

Bei diesem Vorschlage sahen die Gelehrten sich gegenseitig und den Buschmann an. Es schien wirklich, als sei dieser so nahe liegende Gedanke ihnen gar nicht in den Sinn gekommen.

Er war ihnen in der That auch nicht gekommen! Er konnte diesen Kühnen auch gar nicht kommen, ihnen, die sich bei dieser merkwürdigen Expedition bis zum Ende nur als Helden der Wissenschaft bewähren sollten.

Sir John Murray nahm zuerst das Wort und erwiderte dem Buschmann:

»Aber, mein braver Mokum, wir haben unsere Arbeit hier noch nicht vollendet.

? Welche Arbeit?

? Die Messung des Meridians.

? Glauben Sie denn, daß die Makololos sich um Ihren Meridian kümmern? entgegnete der Jäger.

? Sie nicht, das ist wohl möglich, antwortete Sir John Murray, aber wir Anderen, wir kümmern uns darum und werden dieses Unternehmen nicht unvollendet lassen. Ist das nicht auch Ihre Ansicht, meine werthen Herren Collegen?

? Es ist ganz die unserige, erwiderte der Oberst Everest, der, indem er im Namen Aller sprach, der Dolmetsch der Gefühle war, die Jeder theilte. Wir werden die Messung des Meridians nicht aufgeben! So lange noch Einer von uns lebt, und dieser Eine noch das Auge an das Ocular eines Fernrohres zu bringen vermag, wird die Triangulation ihren Fortgang haben! Wenn es Noth thut, werden wir mit dem Gewehre in der einen und dem Instrumente in der andern Hand beobachten, aber wir werden bis zum letzten Athemzuge ausharren!

? Ein Hurrah für England! Und Hurrah für Rußland!« riefen die entschlossenen Gelehrten, welche das Interesse an der Wissenschaft jeder möglichen Gefahr voranstellten.

Der Buschmann sah seine Genossen einen Augenblick an und antwortete nicht. Er hatte sie verstanden.

Das war also abgemacht. Die geodätischen Operationen sollten trotz Allem fortgesetzt werden. Sollten aber die örtlichen Schwierigkeiten, das Hinderniß des Ngamisees, die Wahl einer passenden Station sie nicht unausführbar machen?

Diese Frage wurde Mathieu Strux vorgelegt. Der russische Astronom mußte sie, da er schon zwei Tage auf dem Gipfel des Scorzef zugebracht hatte, beantworten können.

»Meine Herren, sagte dieser, die Arbeit wird schwierig und sehr genau sein; sie wird Geduld und Hingebung erfordern, ist aber nicht unausführbar. Um was handelt es sich? ? Den Scorzef mit einer im Norden des Sees gelegenen Station geodätisch zu verbinden. ? Existirt ein solcher Punkt? Ja, er existirt, und ich hatte am Horizont schon eine Bergspitze ausgewählt, die unsern Fernröhren als Richtungspunkt dienen könnte. Sie erhebt sich im Nordosten des Sees, so daß diese Seite des Dreiecks den Ngami in schiefer Richtung schneiden würde.

? Nun, meinte der Oberst Everest, wenn ein Zielpunkt vorhanden ist, worin liegt dann noch eine Schwierigkeit?

? In der weiten Entfernung des Scorzef von dieser Bergspitze.

? Und wieviel beträgt diese? fragte der Oberst Everest.

? Mindestens hundertundzwanzig Meilen.

? Unser Teleskop wird dazu ausreichen.

? Aber am Gipfel dieses Pics wird eine Leuchte angebracht werden müssen.

? So werden wir sie anbringen.

? Man muß diese aber erst hinschaffen.

? Das wird geschehen.

? Und während dieser Zeit sich gegen die Makololos vertheidigen! fügte der Buschmann hinzu.

? Wir werden uns vertheidigen.

? Meine Herren, sagte der Buschmann, ich bin zu Ihren Befehlen, und was Sie mir auftragen, werd ich ausführen! ...«

Mit diesen Worten des treuergebenen Jägers schloß diese Unterhaltung, von der das Schicksal der wissenschaftlichen Arbeiten abhing. In ein und demselben Gedanken waren die Gelehrten vereinigt, und entschlossen, sich im Nothfalle zu opfern, traten sie aus der Kasematte, um das Land im Norden zu betrachten.

Mathieu Strux bezeichnet den Pic, welchen er ausgewählt hatte. Es war der Pic Volquiria, eine Art Kegel, welcher der großen Entfernung wegen kaum sichtbar war. Er erhob sich zu bedeutender Höhe, und trotz der Entfernung konnte wohl ein elektrisches Licht in den Gesichtsfeldern der Fernröhre, die mit stark vergrößernden Oculargläsern versehen waren, wahrgenommen werden. Aber der Apparat dazu mußte mehr als hundert Meilen vom Scorzef weggeschafft, und auf dem Gipfel des Berges angebracht werden. Hierin lag die beträchtliche, aber nicht unüberwindliche Schwierigkeit. Der Winkel, den der Scorzef einerseits mit dem Volquiria, andererseits mit der vorhergehenden Station bildete, mußte voraussichtlich die Messung des Meridians vollenden, denn der Pic mußte sehr nahe dem zwanzigsten Breitegrade liegen. Es erklärt sich daraus die Wichtigkeit dieser Operation und die Begierde, mit welcher die Astronomen deren Schwierigkeiten zu überwinden suchten.

Vor Allem mußte demnach zur Aufstellung des Blendlichtes geschritten werden. Dazu waren hundert Meilen in unbekanntem Lande zurückzulegen. Michel Zorn und William Emery boten sich an und wurden angenommen. Der Forloper meldete sich zu ihrer Begleitung, und sie rüsteten sich sogleich zum Aufbruche.

Sollten sie sich des Dampfbootes bedienen? Nein. ? Sie wollten, daß dasselbe zur Verfügung ihrer Collegen bleibe, welche genöthigt sein konnten, sich nach Vollendung der Beobachtung schleunig zu entfernen. Um über den Ngami zu setzen, genügte ja eine Art leichten und doch widerstandsfähigen Bootes aus Birkenrinde, wie es die Eingeborenen in einigen Stunden herstellen. Mokum und der Forloper stiegen also zu dem steilen Ufer des Sees hinab, wo einige Zwergbirken wuchsen, und hatten bald ihre Arbeit vollendet.

Um acht Uhr Abends war das Canot mit den Instrumenten, dem elektrischen Apparate, einigen Nahrungsmitteln, Waffen und Munition beladen. Man kam überein, daß die Astronomen sich am südlichen Ufer des Ngami, an einem kleinen Hafen, den der Buschmann und der Forloper beide kannten, wieder treffen sollten. Sobald übrigens der Lichtreflex vom Volquiria aus bemerkt und gemessen worden wäre, wollte der Oberst Everest ein ebensolches auf dem Gipfel des Scorzef anzünden, damit Michel Zorn und William Emery auch ihrerseits die Position zu bestimmen vermöchten.

Nachdem sie von ihren Collegen Abschied genommen, verließen Michel Zorn und William Emery die kleine Schanze und kletterten zum Canot hinab. Der Forloper, ein russischer und ein englischer Seemann waren ihnen schon vorangegangen.

Es war tief dunkel. Die Schiffsleine wurde gelöst und schweigend glitt das zerbrechliche Fahrzeug von den Rudern getrieben über die dunkeln Fluthen des Ngami.

Zwanzigstes Capitel.
Acht Tage auf dem Gipfel des Scorzef

Nicht ohne eine gewisse Bangigkeit sahen die Astronomen ihre beiden jungen Collegen sich entfernen. Denn welche Mühen, welche Gefahren harrten möglicherweise dieser jungen muthigen Leute mitten in einem Lande, das ihnen unbekannt war und das sie auf eine Strecke von hundert Meilen zu durchreisen vorhatten! Indessen gelang es dem Buschmann, ihre Freunde zu beruhigen, indem er ihnen zunächst für die Geschicklichkeit und den Muth des Forloper garantirte. Ferner war es ja möglich, daß die Makololos, da sie um den Scorzef zu sehr in Anspruch genommen waren, im Norden des Ngami nicht daran dachten, ihre Feindseligkeiten zu treiben. Wenn er Alles zusammennahm, fand Mokum ? und sein Instinct täuschte ihn nicht ? daß der Oberst Everest sammt seinen Gefährten in dem kleinen Fort noch mehr gefährdet seien, als die beiden jungen Astronomen auf ihrer Reise in den Norden. Während der nächsten Nacht hielten die Bootsleute und der Buschmann abwechselnd Wache. In der That, die große Dunkelheit mußte den feindlichen Absichten der Eingeborenen günstig sein. Jedoch diese »Reptilien«, so nannte sie der Jäger, wagten sich noch nicht an die Abhänge des Scorzef. Möglicherweise aber erwarteten sie auch Verstärkungen, um dann den Berg von allen Seiten herauf in Angriff zu nehmen und durch ihre Zahl die Widerstandsmittel der Belagerten in ihrer Wirkung aufzuheben. Der Jäger hatte sich denn wirklich in seinen Vermuthungen nicht getäuscht. Es war nicht sobald Tag geworden, als der Oberst Everest einen beträchtlichen Zuwachs in der Zahl der Makololos constatiren konnte. Ihr Lager, welches geschickt vertheilt war, schloß den ganzen Fuß des Scorzef ein und machte jede Flucht über die Ebene unmöglich. Glücklicherweise waren aber, und sie konnten es auch nicht gut sein, die Fluthen des Ngami nicht bewacht, so daß, wenn wirklich der Fall eintreten sollte, ? man konnte ja nicht vorhersehen, welche Umstände eintreten möchten ? immer noch ein Rückzug über den See möglich war.

Aber von Fliehen war gar nicht die Rede. Die Europäer hielten einen der Wissenschaft dienenden Posten besetzt, einen Ehrenposten, welchen sie nicht aufzugeben dachten. Und in dieser Hinsicht stimmten sie auch vollständig in ihren Ansichten überein. Es existirte keine Spur mehr von dem gewöhnlichen Zwist, welcher den Obersten Everest und Mathieu Strux zuvor geschieden hatte. Ebenso wenig war irgend von dem Kriege die Rede, welcher eben zwischen England und Rußland ausgebrochen war. Es verlautete gar keine Anspielung darauf. Beide Gelehrten verfolgten dasselbe Ziel; beide wollten sie das für beide Nationen gleich nützliche Resultat gewinnen und ihre wissenschaftlichen Arbeiten vor Allen auch zu Ende führen.

So lange, bis das Feuerzeichen auf dem Gipfel des Volquiria erschien, beschäftigten sich die beiden Astronomen damit, die Ausmessung des vorigen Dreiecks zu vollenden. Es machte sich aber diese Operation, die darin bestand, daß man mit dem doppelten Spiegel auf die beiden letzten Stations-Punkte der englischen Marschroute visirte, ohne alle Schwierigkeiten, und das Resultat derselben wurde von Nikolaus Palander verzeichnet. Nachdem diese Ausmessung vollendet, kam man überein, in den folgenden Nächten zahlreiche Beobachtungen von Sternen vorzunehmen, um so mit der äußersten Genauigkeit die geographische Breite des Scorzef zu finden.

Eine wichtige Frage mußte ebenfalls vor jeder andern entschieden werden, und Mokum wurde, wie sich von selbst verstand, herbeigerufen, um seine Meinung unter diesem Umstand abzugeben. Zu welcher Zeit mindestens konnten Michel Zorn und William Emery die Gebirgskette, welche im Norden des Ngami zog, und deren höchste Gipfel dem letzten Dreieck in dem Netze als Stützpunkt dienen sollte, erreichen.

Der Buschmann konnte die dazu nöthige Zeit nicht minder als auf fünf Tage schätzen. Und in der That betrug ja die Entfernung vom Scorzef mehr als hundert Meilen. Wenn man berücksichtigte, daß die kleine Truppe des Forlopers zu Fuße war, und die Gegend häufig von Bächen durchschnitten war, so waren fünf Tage eine sehr kurze Zeit.

Man nahm also ein Maximum von sechs Tagen an und richtete darnach die Eintheilung der Nahrung.

Der Lebensmittelvorrath war aber sehr beschränkt, denn man hatte ja auch der kleinen Truppe des Forlopers eine Portion mitgeben müssen, wenigstens für so lange, bis man erwarten konnte, daß sie sich durch die Jagd verproviantiren werde. Was nun die in die Verschanzung übergebrachten, und um diese Portion verkürzten Lebensmittel anlangte, so konnte davon höchstens noch während zweier Tage ein Jeder seine gewohnte Portion haben. Es waren nämlich nur noch wenige Pfund Zwieback, conservirtes Fleisch und Pemmican. Im Einverständniß mit seinen Kollegen bestimmte der Oberst Everest also, daß die Ration für jeden Tag auf ein Drittel herabgesetzt werden sollte. So konnte man bis zum sechsten Tage warten, bis das Licht, nach dem dann unausgesetzt ausgeschaut wurde, am Horizonte erscheinen würde. Sämmtliche vier Europäer, ihre acht Matrosen und der Buschmann, dreizehn Menschen zusammen, hatten gewiß unter dieser ungenügenden Ernährung zu leiden, indessen sie waren schon über dergleichen Leiden erhaben.

»Uebrigens ist es ja nicht verboten auf die Jagd zu gehen!« sagte Sir John Murray zum Buschmann.

Der aber schüttelte seinen Kopf mit zweifelnder Miene, es schien ihm schwer möglich, daß auf diesem isolirten Berge das Wildpret anders als höchst sparsam vorkommen sollte.

Das war indessen kein Grund für ihn, sein Gewehr ruhen zu lassen, und nachdem diese Bestimmungen getroffen worden, verließ er, während seine Collegen damit beschäftigt waren, die in dem doppelten Register Nikolaus Palanders verzeichneten Maße zu reduciren, in Begleitung von Mokum die Mauern des kleinen Forts, um einmal eine gründliche Recognoscirung mit dem Berge Scorzef vorzunehmen.

Die Makololos lagerten ruhig am Fuße des Gebirges und schienen es mit einem Angriffe gar nicht eilig zu haben. Möglicherweise lag es auch in ihrer Absicht, die Belagerten auszuhungern.

Die Untersuchung des Berges Scorzef war rasch beendigt. Der Platz, auf dem sich das kleine Fort erhob, maß nicht einmal zweihundertundfünfzig Fuß in seiner größten Ausdehnung. Der Boden, untermischt mit Kieselsteinen, stand ziemlich dicht mit Gras bewachsen, und war hier und da mit niedrigem Gebüsch bedeckt, das zum Theil aus Schwertlilien bestand. Rothes Haidekraut, Proteen mit Silberblättern, Ericeen in langen Schnüren bildeten die Flora des Berges. Auch an seinem Abhange standen dornige Sträucher, ungefähr in der Höhe von zehn Fuß, mit weißen traubenständigen Blüthen, die dem Jasmin ähnlich rochen. Ihre Namen wußte der Buschmann nicht, aber sie müssen der Species ? Ardunia bispinosa? angehören, welche die Hottentotten Numnum nennen. Was die Fauna anbelangte, so hatte selbst jetzt nach einer einstündigen Recognoscirung Sir John noch keine Spur davon wahrgenommen, als eben eine Anzahl kleiner Vögel, mit dunkelblauen Schwungfedern und rothen Schnäbeln aus dem Gebüsch aufflogen; aber man hatte nicht sobald mit dem Gewehr auf sie angelegt, als auch schon die ganze geflügelte Gesellschaft auf Nimmerwiederkehr verschwunden war. Man durfte also durchaus nicht auf eine Jagdbeute zählen, mit der man hätte die Garnison verproviantiren können.

»Immer doch wird man in dem Wasser des Sees Fische fangen können, meinte Sir John, indem er nach dem nördlichen Abhang des Scorzef blickte und die großartige Ausdehnung des Ngami betrachtete.

? Fische fangen ohne Netze und Angel, entgegnete der Buschmann, das will so viel heißen als Vögel im Flug fangen.

? Aber wir wollen deshalb den Muth nicht sinken lassen. Ew. Gnaden weiß, daß der Zufall uns bisher so oft schon günstig war, und so denke ich, wird er es auch weiter sein.

? Ja der Zufall! wiederholte Sir John Murray, wenn Gott ihn dazu bestimmt, so wird aus ihm der treueste Fürsorger des Menschen, den ich kenne. Kein Agent ist zuverlässiger und erfinderischer. Er hat uns in die Nähe unserer Freunde, der Russen, gebracht, hat sie gerade dahin geführt, wo wir selbst hinkommen wollten, und er wird uns, die einen wie die andern, ganz gemüthlich an das Ziel führen, das wir erreichen wollen!

? Und wird uns auch mit Nahrung versorgen? ... fragte der Buschmann.

? Ganz gewiß wird er das, lieber Mokum, antwortete Sir John, und damit thut er blos seine Schuldigkeit!«

Die Worte Sr. Gnaden waren gewiß beruhigend. Doch sagte sich der Buschmann, der Zufall sei eine Art Diener, der von seinem Herrn ein wenig geschmeichelt haben wolle, und er versprach sich für den Fall der Noth viel von ihm.

Der 25. Februar brachte keinerlei Veränderung in die Situation der Belagerer und Belagerten. Die Makololos hielten ihre Lagerlinie fest. Ihre Kuh- und Schafheerden weideten auf den dem Scorzef Nächstliegenden Wiesen, welche Dank den Wässerungen des Bodens ein gutes Weideland abgaben.

Die geplünderten Wagen waren mit ins Lager genommen worden. In demselben versahen einige Frauen und Kinder, die sich zu dem Nomadenstamm gesellt hatten, die gewöhnlichsten Arbeiten.

Von Zeit zu Zeit zeigte sich einer der Häuptlinge, der an dem Reichthum seines Pelzwerkes kenntlich war, an dem Abhange des Berges und sah nach, ob er nicht gangbare Wege auffinden könne, die am sichersten auf den Gipfel führen möchten. Eine Kugel aus dem gezogenen Gewehr ließ ihn jedesmal wieder in die Ebene zurückgehen. Auf den Schuß aber antworteten die Makololos dann mit ihrem Kriegsgeschrei, sie sandten auch wohl einige ungefährliche Pfeile ab, schwangen schließlich ihre Spieße, und Alles war wieder ruhig wie zuvor.

Am 26. Februar indessen versuchten die Eingeborenen doch einen etwas ernsteren Angriff und erstiegen ungefähr fünfzig an der Zahl den Berg von drei Seiten zugleich. Die ganze Besatzung begab sich in Folge dessen aus dem Fort heraus und stellte sich am Fuße der Umwallung auf. Sehr bald dann richteten die so schnell geladenen und abgeschossenen Gewehre der Europäer einige Verheerung in den Reihen der Makololos an. Fünf oder sechs der Gesellen wurden getödtet und dann gab die übrige Bande die Sache auf. Immerhin jedoch, und trotz ihres schnellen Schießens konnten die Eingeschlossenen durch die Zahl der Feinde übermannt werden. Wenn mehrere Hundert dieser Makololos zu gleicher Zeit stürmend den Berg hinan drangen, so war es schwierig, ihnen auf allen Seiten Abwehr zu bieten.

Sir John Murray kam deshalb auf den Gedanken, die Vorderseite des kleinen Forts durch Aufstellen einer Mitrailleuse, welche die vornehmste Waffe der Dampfschaluppe bildete, zu schützen. Es war dies ein ganz ausgezeichnetes Vertheidigungsmittel! Die Hauptschwierigkeit bestand darin, dieses schwere Geschütz über die steil abfallenden Felswände, die sehr schwer zu ersteigen waren, heraufzuschaffen. Indessen die Mannschaft der »Königin und Czar« zeigte sich so geschickt, so behend, ja man kann sagen, so wagehalsig, daß die fragliche Mitrailleuse noch im Laufe des 26. in eine Schießscharte der Umfassungsmauern eingestellt werden konnte. Und da konnten die fünfundzwanzig Läufe, deren Schüsse fächerartig auseinandergingen, mit ihrem Feuer die ganze Front des Forts decken. Die Eingeborenen sollten schon bald mit dieser Mordwaffe Bekanntschaft machen, welche die civilisirten Nationen erst später in ihr Kriegsmaterial ausnahmen.

Solange die gezwungene Unthätigkeit auf dem Gipfel des Scorzef dauerte, hatten die Astronomen jede Nacht Sternhöhen gemessen; und zwar gestatteten ihnen der überaus klare Himmel, die sehr trockene Luft, ausgezeichnete Beobachtungen zu machen. Sie erhielten für die geographische Breite des Scorzef 19° 37 18265, also einen Werth, der bis auf das Tausendstel einer Sekunde, d. h. ungefähr auf einen Meter richtig war. Eine größere Genauigkeit konnte Niemand erzielen. Uebrigens bestärkte sie dies Resultat in dem Glauben, daß sie sich mindestens einen halben Grad weit von dem nördlichen Punkte ihres Meridians ab befanden, und daß folglich das Dreieck, dessen Spitze sie auf dem Pic Volquiria zu gewinnen suchten, das trigonometrische Netz schließen werde.

In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar erneuerten sich die Angriffe der Makololos nicht. Der 27. Februar wurde der kleinen Garnison unendlich lang.

Wenn die Umstände den Forloper, der jetzt seit fünf Tagen fort war, begünstigt hatten, so war es möglich, daß er und seine Begleiter schon heute auf dem Volquiria anlangten. Und deshalb mußte in der folgenden Nacht der Horizont mit der äußersten Sorgfalt untersucht werden, denn das Lichtzeichen konnte nunmehr erscheinen. Der Oberst Everest und Mathieu Strux hatten bereits das Instrument derart auf die Spitze des Berges gerichtet, daß dieselbe von dem Gesichtsfelde umschlossen wurde. Diese Vorsicht vereinfachte die Untersuchungen wesentlich; denn da man kein Merkzeichen besaß, konnten dieselben während einer dunkeln Nacht sehr schwierig werden. Wenn also jetzt das Licht auf dem Gipfel des Volquiria erschien, mußte man es auch bald sehen und dann den Winkel bestimmen können.

An diesem Tage durchstreifte Sir John abermals die Gebüsche und das hohe Gras vergebens. Es war ihm nicht möglich, irgend ein eßbares Thier oder sonst etwas derart darin aufzustöbern. Selbst die Vögel, denen ihre Zufluchtsstätte gestört war, hatten sich im Dickicht des Flusses einen sicheren Schutz gesucht. Der ehrenwerthe Jäger ärgerte sich nicht wenig, denn er wollte ja nicht zum Vergnügen schießen. Gesegnet mit einem kräftigen Appetit, dem eine Drittelration nicht genügen konnte, mußte er offenbar Hunger leiden. Seine Collegen überwanden die Enthaltsamkeit leichter, sei es, daß ihr Magen weniger herrschsüchtig war, sei es, daß sie nach dem Beispiele Nikolaus Palanders das traditionelle Roastbeef durch Ausrechnung einer oder zweier Gleichungen des zweiten Grades zu ersetzen im Stande waren.

Die Matrosen und der Buschmann litten ebenso vom Hunger wie der ehrenwerthe Sir John. Aber selbst die letzte kleine Menge der Lebensmittel nahte jetzt ihrem Ende.

Noch ein Tag, und Alles war aufgezehrt, und falls die Expedition des Forlopers in ihrem Marsche aufgehalten war, so stand der Besatzung des Forts unfehlbar der Hungertod bevor.

Während der ganzen Nacht vom 27. auf den 28. Februar wurden Beobachtungen angestellt. Die Dunkelheit, Reinheit und Stille der Luft kamen den Astronomen in ganz besonderer Weise zu Statten. Aber der Horizont blieb in tiefen Schatten versenkt. Nicht ein Schein ? auch gar nichts wollte sich in dem Objectiv des Fernrohres zeigen.

Doch war das Minimum, auf das man, wenn man selbst eine Verzögerung der Expedition des Michel Zorn und William Emery annahm, rechnete, so gut wie erreicht. Ihre Collegen konnten also nichts anderes thun als mit Geduld abwarten.

Am Tage des 28. Februar verzehrte die kleine Garnison des Scorzef ihr letztes Stück Fleisch und Zwieback. Aber die Hoffnung ließen diese muthigen Gelehrten trotzdem nicht sinken, und wenn sie auch Gras essen mußten, so waren sie entschlossen, nicht eher den Platz zu räumen, als sie ihre Arbeit zu Ende geführt hatten.

Auch die Nacht vom 28. Februar auf den 1. März brachte noch kein anderes Resultat. Ein oder zwei Mal glaubten allerdings die Beobachter einen Lichtschein wahrzunehmen. Doch wie man sich dann überzeugte, war dieser Schein nichts als ein in der Nebelatmosphäre des Horizontes aufblitzender Stern.

Am 1. März aß man wirklich Nichts. Aber wahrscheinlich hatte man sich bereits während dieser Tage an eine sehr ungenügende Nahrung gewöhnt, und der Oberst Everest und seine Genossen ertrugen alles leichter, weil sie nicht glaubten, daß die Nahrung völlig ausgehen werde; doch es war so, und wenn die Vorsehung ihnen nicht jetzt zu Hilfe kam, so blieben ihnen für den folgenden Tag nur grausame Qualen.

Der folgende Tag kam, aber die Vorsehung enthob sie noch immer nicht ihrer Zweifel; kein Stück Wild irgend einer Art kam Sir John Murray in den Lauf, und doch brachte es die Garnison dahin, mit so Wenigem auszuhalten.

Da machten sich denn Sir John und Mokum, so sehr sie vom Hunger gequält wurden, mit verstörtem Blicke daran, den Gipfel des Scorzef wieder zu durchstreifen. Ein gräßlicher Hunger marterte ihre Eingeweide.

»Hätten wir doch die Magen von Wiederkäuern, dachte der arme Sir John, was könnten wir uns an diesem Futter zu Gute thun! Und nicht ein Stück Wild, nicht ein Vogel!«

Bei diesen Worten wandte er seine Blicke nach dem großen See, der sich zu ihren Füßen ausbreitete. Die Matrosen der »Königin und Czar« hatten allerdings versucht, einige Fische zu fangen, doch vergebens. Die Wasservögel aber, die über der Oberfläche dieser ruhigen Fluthen schwebten, ließen Niemanden an sich herankommen.

Sir John jedoch und sein Genosse, die so ermüdet waren, daß sie kaum noch fort konnten, lagerten sich auf das Gras, am Fuße eines fünf bis sechs Fuß hohen Erdhügels. Ein schwerer Schlaf oder vielmehr ein Zustand der Erstarrung befiel sie alsbald. Unwillkürlich schlossen sie ihre Augenlider und fielen dann nach und nach in einen Zustand der Betäubung.

Die Leere, welche sie in sich fühlten, nahm ihnen jede Spur von Kraft. Die Betäubung aber ließ sie für den Augenblick die Schmerzen nicht fühlen, die sie so gepeinigt und so weit gebracht.

Wie lange dieser Zustand andauerte, würden weder der Buschmann noch Sir John im Stande gewesen sein zu sagen; aber nach Verlauf einer Stunde wachte Sir John in Folge fortwährenden sehr unangenehmen Stechens auf. Er wandte sich um und versuchte wieder einzuschlafen; doch die Stiche dauerten fort, so daß er endlich ungeduldig die Augen öffnete.

Legionen von weißen Ameisen liefen über seine Kleider hin, und sein Gesicht und seine Hände waren ganz davon bedeckt. So wie er diesen Ueberfall der Insecten bemerkte, sprang er auf, wie von einer Feder emporgeschnellt.

Diese rasche Bewegung weckte auch den Buschmann, der ihm zur Seite gelegen. Mokum war gleichfalls vollständig mit diesen weißen Ameisen bedeckt; aber zur größten Ueberraschung Sir Johns nahm er statt die Insecten fortzujagen eine Hand voll nach der andern, führte sie zu feinem Munde und verzehrte sie gierig.

»O pfui! Mokum! rief Sir John, den diese Gefräßigkeit anekelte.

? Essen Sie, essen Sie! Machen Sie es wie ich, antwortete der Buschmann, ohne dabei seinen Mundvoll zu verlieren. Schmecken Sie nur, das ist der Reis der Buschmänner! ...«

Mokum bezeichnete wirklich die Insecten mit dem ihnen von den Eingeborenen gegebenen Namen. Die Buschmänner genießen gern diese Ameisen; deren es zwei Arten giebt, eine weiße und eine schwarze. Die weiße ist nach ihnen vorzüglicher. Der einzige Uebelstand bei diesem Insect, wenn man es vom Standpunkt der Ernährungsfähigkeit betrachtet, besteht darin, daß man zu beträchtliche Mengen davon verzehren muß. Deshalb vermengen auch die Afrikaner diese Ameisen gewöhnlich mit dem Gummi der Mimose, um so eine substantiellere Nahrung zu erhalten. Aber die Mimose wuchs nicht auf der Höhe des Scorzef, und Mokum mußte sich deshalb begnügen, seinen Reis »im Naturzustande« zu verzehren.

Sir John, trotz seines Widerwillens doch, ? da sein Hunger durch den Anblick des sich sättigenden Buschmannes nur zunahm, entschloß sich seinem Beispiele zu folgen. Die Ameisen kamen zu Milliarden aus ihrem großen Haufen, der übrigens nichts anderes war, als jener Erdhügel, an dem sich die beiden Schläfer hingelegt hatten. Sir John nahm also mehrere Hände davon auf und brachte sie an seine Lippen. In der That, es ging an! Er fand sogar, daß sie einen scharfen, aber sehr angenehmen Geschmack hatten, und merkte nach und nach, daß sich seine Leibschmerzen legten.

Indessen erinnerte sich Mokum seiner Unglücksgenossen, lief nach dem Fort und brachte die ganze Garnison von dort mit. Während die Matrosen keine Schwierigkeit machten und sich sofort auf diese einzige Nahrung stürzten, zauderte der Oberst, Mathieu Strux und Palander eine kleine Weile. Doch wirkte das gute Beispiel Sir John Murrays entscheidend für sie, und halbtodt schon vor Schwäche beschwichtigten die armen Gelehrten wenigstens ihren Hunger, indem sie zahllose Mengen dieser weißen Ameisen zu sich nahmen.

Doch ein unerwarteter Zufall sollte dem Oberst Everest und seinen Gefährten eine solidere Nahrung zuwenden. Mokum kam nämlich auf den Gedanken, um einen gewissen Vorrath von diesen Insecten mitzunehmen, eine Seite des enormen Ameisenhaufens zu demoliren. Es war, wie gesagt, ein conischer Hügel nebst noch einigen kleineren kugelförmigen Spitzen, welche rings um seine Basis standen. Der Jäger, welcher seine Axt bei sich führte, hatte bereits mehrere Schläge auf den Bau geführt, als er durch ein eigenthümliches Geräusch aufmerksam wurde. Man konnte es für ein Brummen halten, das aus dem Innern des Ameisenhaufens kam. Der Buschmann unterbrach seine Zerstörungsarbeit und horchte auf. Seine Begleiter aber sahen ihn an, ohne nur ein Wort zu sprechen. Als wieder einige Schläge mit der Axt gegeben waren, ließ sich ein deutlicheres Brummen vernehmen.

Der Buschmann rieb sich vergnügt die Hände, ohne jedoch ein Wort zu sprechen. Nur seine Augen erglänzten lüstern.

Von Neuem bearbeitete er jetzt den kleinen Hügel, so daß er ungefähr ein fußbreites Loch anbrachte. Die Ameisen flohen nach allen Seiten hin, aber der Jäger bekümmerte sich nicht darum, sondern überließ den Matrosen die Sorge sie einzusacken.

Jetzt erschien an der Mündung des Loches ein seltsames Thier. Es war ein Vierfüßler, mit einem langen Rüssel, kleinem Munde, ausdehnbarer Zunge, aufrechtstehenden Ohren, kurzen Beinen und einem langen und spitz zulaufenden Schwanz; sein Leib war mit röthlich gefärbtem Seidenhaar bedeckt und an seinen Füßen saßen ungeheure Krallen, die ihm unter Umständen als Waffen dienten.

Ein einziger tüchtiger Schlag, den Mokum auf die Schnauze des sonderbaren Thieres führte, genügte, um es zu tödten.

»Hier liegt unser Braten, meine Herren, sagte der Buschmann. Wir haben zwar warten müssen, aber das thut Nichts. Jetzt schnell ein Feuer, dann einen Ladestock, den wir als Bratspieß benutzen, und wir haben alsbald eine Mahlzeit, wie wir noch niemals eine genossen haben.«

Der Buschmann machte nicht gerade viele Worte: er hatte aber unterdessen das Thier rasch abgezogen. Es war ein Ameisenfresser, welchen die Holländer auch unter dem Namen Erdschwein kennen. Das Thier kommt sehr häufig im südlichen Afrika vor und ist der größte Feind der Ameisenhaufen. Der Ameisenbär bringt Legionen dieser Insecten um, und wenn er nicht in ihre engen Gänge eindringen kann, so fängt er sie, indem er seine außerordentlich dehnbare und klebrige Zunge hineingleiten läßt, die dann, wenn er sie wieder herauszieht, von den Ameisen wie mit Butter bestrichen ist.

Der Braten war bald fertig. Er hätte vielleicht noch einige Male am Bratspieß gewendet werden können, aber die Ausgehungerten waren zu ungeduldig! Es wurde ziemlich die Hälfte des Thieres verzehrt, und sein Fleisch, das fest und gesund war, für ausgezeichnet erklärt, obwohl man fand, daß es einen kleinen Beigeschmack von Ameisensäure hatte.

Was war das für ein Mahl und wie gab es den wackeren Europäern mit neuer Kraft auch den Muth und die Hoffnung zurück!

Und es war in der That nöthig, daß ihnen die Hoffnung wieder im Herzen erweckt wurde, denn auch in der folgenden Nacht zeigte sich noch kein Lichtschein auf dem düstern Gipfel des Volquiria.

Einundzwanzigstes Capitel.
Es werde Licht!

Seit neun Tagen war der Forloper mit der kleinen Gesellschaft abgereist. Welche Zufälle hatten ihren Weg verzögert? Hatten Menschen oder Thiere ihnen unüberwindliche Hindernisse bereitet? Warum dieser Verzug? Sollte man annehmen, daß Michel Zorn und William Emery im Vordringen vollständig aufgehalten wären? Konnte man nicht glauben, daß sie unwiderruflich verloren seien?

Man begreift die Furcht und Angst, das Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung, dem die in der Schanze des Scorzef eingeschlossenen Astronomen unterlagen. Seit neun Tagen schon waren ihre Collegen, ihre Freunde abgereist! In sechs, höchstens sieben Tagen hätten sie an ihrem Ziele anlangen müssen. Es waren ja thätige, muthige Männer, welche der Heldenmuth der Wissenschaft spornte. Von ihrem Erscheinen auf dem Gipfel des Pic Volquiria hing der Erfolg des großen Unternehmens ab. Sie wußten es selbst und würden gewiß Nichts zum Gelingen vernachlässigt haben. Ihnen konnte die Verzögerung sicher nicht Schuld gegeben werden. Wenn also nach neun Tagen noch das Signallicht auf dem Gipfel des Volquiria nicht aufblitzte, so mußten sie todt oder von nomadisirenden Stämmen gefangen sein.

Das etwa waren die entmuthigenden Gedanken und betrübenden Vermuthungen, die im Geiste des Oberst Everest und seiner Collegen aufstiegen. Mit welcher Ungeduld warteten sie, bis die Sonne unter dem Horizont verschwunden war, um ihre nächtlichen Beobachtungen wieder zu beginnen! Welche Sorgfalt verwendeten sie darauf! All ihre Hoffnung hing an diesem Ocular, das den fernen Lichtschein erhaschen sollte. Ihr ganzes Dasein concentrirte sich in dem engen Gesichtsfelde eines Fernrohrs! Während dieses Tages, es war der 3. März, litten sie, während sie über die Abhänge des Scorzef schweiften und, beherrscht von einem einzigen Gedanken, kaum ein Wort wechselten, mehr, als sie je zuvor gelitten hatten. Weder die übermäßige Hitze der Wüste, noch die Anstrengungen eines Tagesmarsches unter den Strahlen einer tropischen Sonne, noch auch die Qualen des Durstes hatten sie so sehr niedergeschlagen!

An diesem Tage wurden auch die letzten Stücke des Ameisenfressers verzehrt und die Besatzung der Schanze war auf die unzureichende, von dem Ameisenhaufen gelieferte Nahrung angewiesen.

Es kam die Nacht, eine mondlose, stille, tiefe Nacht, so geeignet zu Beobachtungen ... aber kein Licht erglänzte auf dem Gipfel des Volquiria. Mit staunenswerther Geduld beobachteten der Oberst Everest und Mathieu Strux den Horizont bis zum anbrechenden Morgen. Nichts, gar Nichts wurde sichtbar, und bald machten die Sonnenstrahlen jeder Beobachtung ein Ende.

Von Seiten der Eingeborenen war Nichts zu fürchten. Die Makololos schienen entschlossen, die Belagerten durch Hunger zu bezwingen, womit sie ohne Zweifel auch ihr Ziel erreichen mußten. Von Neuem peinigte der Hunger an diesem Tage, dem 4. März, die Gefangenen auf dem Scorzef und die unglücklichen Europäer vermochten ihre Todesqual nur dadurch zu lindern, daß sie die Wurzelknollen der Schwertlilien kauten, welche an den Seiten des Berges da und dort zwischen den Felsen wuchsen.

Gefangen! ? Doch nein ? der Oberst Everest und seine Genossen waren es nicht! Das Dampfboot, welches noch immer in dem kleinen Nothhafen ankerte, konnte sie, sobald sie es wollten, über die Gewässer des Ngami nach einer fruchtbaren Gegend bringen, in der es weder an Wild, noch an Früchten oder Hülsenfrüchten fehlte. Oefter hatte man schon über die Frage verhandelt, ob es nicht zweckmäßig erscheine, den Buschmann nach dem nördlichen Ufer des Sees überzusetzen, um dort für die Besatzung zu jagen. Aber abgesehen davon, daß die Eingeborenen dieses Manoeuvre hätten bemerken können, setzte man die Schaluppe, und damit das Wohlsein Aller aufs Spiel, für den Fall, daß andere Stämme von Makololos am nördlichen Theile des Ngami umherschweiften. Jener Vorschlag wurde demnach verworfen. Fliehen oder ausharren mußten sie immer Alle zusammen. Was das Verlassen des Scorzef vor Vollendung der geodätischen Arbeiten betraf, so kam das gar nicht in Frage. So lange nicht jede Aussicht auf Erfolg erschöpft war, mußte man ausdauern. Es war eine Geduldsprobe! Doch, man wollte geduldig sein.

»Als Arago, Biot und Rodriguez, sagte der Oberst Everest zu seinen um ihn versammelten Begleitern, sich vorgenommen hatten, den Meridian von Dünkirchen bis zur Insel Iviça zu verlängern, befanden sie sich fast in derselben Lage, wie wir. Es handelte sich darum, die Insel mit der spanischen Küste durch ein Dreieck zu verbinden, dessen Seiten über hundertundzwanzig Meilen maßen. Der Astronom Rodriguez richtete sich auf einem Pic der Insel ein, auf dem er Lampen brennend erhielt, während die französischen Gelehrten, mehr als hundert Meilen von da unter einem Zelte mitten in der Wüste las Palmas lebten. Sechzig Nächte lang spähten Arago und Biot nach dem Lichtsignale, dessen Richtung sie vermessen wollten. Entmuthigt wollten sie schon auf die Beobachtung verzichten, da, in der einundsechzigsten Nacht, erschien im Gesichtsfelde ihrer Rohre ein Lichtschein, den nur seine vollkommene Unbeweglichkeit von einem Stern sechster Größe unterscheiden ließ. Einundsechzig Nächte voll Erwartung! Nun, meine Herren, was zwei französische Astronomen in hohem wissenschaftlichen Interesse ausgeführt haben, sollten das englische und russische Astronomen nicht auch können?«

Ein bestätigendes Hurrah aller Gelehrten war die Antwort, obwohl sie dem Oberst Everest wohl hätten entgegenhalten können, daß weder Biot noch Arago in ihrer lange behaupteten Station in der Wüste las Palmas den Qualen des Hungers ausgesetzt gewesen waren.

Während dieses Tages machte sich unter den am Fuße des Scorzef gelagerten Makololos eine eigentümliche Bewegung bemerkbar. Das fortwährende Hin- und Herlaufen beunruhigte den Buschmann. Wollten die Eingeborenen mit Einbruch der Nacht einen neuen Sturmangriff versuchen, oder bereiteten sie sich nur vor, das Lager aufzuheben? Nach aufmerksamer Beobachtung glaubte Mokum in diesen Bewegungen feindselige Absichten zu erkennen. Die Makololos richteten ihre Waffen zu. Jedenfalls verließen die Frauen und Kinder, welche zu ihnen gestoßen waren, das Lager und verfügten sich unter Leitung einiger Führer nach einer östlicheren Gegend, wobei sie sich den Ufern des Ngami näherten. Es erschien demnach möglich, daß die Belagerer, bevor sie sich definitiv in der Richtung ihrer Hauptstadt, Maketo, zurückzogen, noch ein letztes Mal versuchen wollten, die kleine Veste wegzunehmen.

Der Buschmann machte den Europäern von seinen Beobachtungen Mittheilung. Man beschloß, die Nacht über noch sorgfältiger Wache zu halten und alle Waffen in Stand zu setzen. Die Anzahl der Belagerer konnte wohl beträchtlich sein. Nichts hinderte sie, sich auf die Seiten des Scorzef zu Hunderten zu stürzen. Der an mehreren Stellen zerstörte Gürtel der Schanze gestattete bequem einer Gruppe Eingeborener einzudringen. Es schien also dem Oberst Everest gerathen, für den Fall, daß die Belagerten sich zurückziehen und ihre geodätische Station eine Zeit lang aufgeben müßten, einige Anordnungen zu treffen. Die Dampfschaluppe mußte auf das erste Signal segelfertig sein. Einer der Matrosen ? der Maschinist von der »Königin und Czar« ? erhielt den Befehl, den Dampfkessel zu feuern und gespannten Dampf zu halten, für den Fall, daß eine Flucht nothwendig würde. Er mußte aber bis nach Sonnenuntergang warten, um den Eingeborenen die Anwesenheit einer Dampfschaluppe auf dem Ngami nicht zu verrathen.

Das Abendessen bestand aus weißen Ameisen und Gladioluswurzeln. Freilich, eine traurige Nahrung für Leute, die sich vielleicht schlagen sollten. Doch, sie waren entschlossen, über jede Schwäche erhaben, und erwarteten ohne Furcht die entscheidende Stunde.

Um sechs Uhr Abends, zur Zeit, da es mit der den Tropenländern eigenthümlichen Schnelligkeit Nacht wird, stieg der Maschinist die Abhänge des Scorzef hinab, und heizte den Kessel der Schaluppe. Es bedarf keiner Erwähnung, daß der Oberst die Flucht nur als das äußerste Auskunftsmittel betrachtete, wenn man sich nicht in der Schanze zu halten vermöchte. Es ging ihm hart an, das Observatorium, vorzüglich in der Nacht, zu verlassen, denn jeden Augenblick konnte ja das Signal von Michel Zorn und William Emery auf dem Gipfel des Volquiria leuchten.

Die andern Seeleute wurden am Fuße der Mauern vertheilt, mit dem Befehl, den Zugang zu den Breschen um jeden Preis zu vertheidigen. Die Waffen waren bereit. Die Mitrailleuse, geladen und mit einer großen Zahl Cartouchen versehen, streckte ihre furchtbaren Rohre durch die Schießscharte.

Man wartete mehrere Stunden. Der Oberst Everest und der russische Astronom, die in dem engen Wartthurme abwechselnd Wache hielten, beobachteten unausgesetzt den Gipfel des Pics, den das Gesichtsfeld ihres Fernrohres umrahmte. Doch der Horizont blieb dunkel, während die prächtigsten Sternbilder des südlichen Firmamentes am Zenith erglänzten. Kein Hauch bewegte die Atmosphäre. Das tiefe Schweigen der Natur war überwältigend.

Indessen horchte der Buschmann, der sich auf einem Felsenvorsprunge befand, auf das Geräusch, welches man von der Ebene her vernahm. Nach und nach wurde dieses deutlicher. Mokum hatte sich in seinen Vermuthungen nicht getäuscht; die Makololos rüsteten sich zu einem äußersten Angriff auf den Scorzef.

Bis zehn Uhr rührten sich die Belagerer nicht. Ihre Feuer waren gelöscht. Das Lager und die Ebene verschmolzen in gleicher Dunkelheit. Plötzlich bemerkte der Buschmann Schattengestalten, die sich die Seiten des Berges heraufschlichen. Die Belagerer waren nur noch hundert Schritte von der oberen Fläche entfernt, welche die Schanze bekrönte.

»Achtung! Achtung!« rief der Buschmann.

Sofort war die kleine Garnison außerhalb der Südfront und begann ein wohlgenährtes Feuer gegen die Angreifer. Die Makololos antworteten durch ihr Kriegsgeschrei und stürmten trotz des unausgesetzten Gewehrfeuers immer weiter hinan. Bei dem Aufblitzen der Schüsse gewahrte man einen großen Haufen Eingeborener, die sich in solcher Menge zeigten, daß jeder Widerstand unmöglich schien. Doch richteten die Kugeln, von welchen wohl keine ihr Ziel verfehlte, in dieser Masse ein fürchterliches Blutbad an. Haufenweise fielen die Makololos, welche Einer über den Andern bis zum Fuße des Berges hinabrollten. In den kurzen Pausen zwischen den Schüssen hörten die Belagerten ihr Geschrei, das dem des Rothwildes glich. Aber nichts vermochte sie aufzuhalten. Immer höher drangen sie in dichten, geschlossenen Massen; keinen einzigen Pfeil schossen sie ab ? dazu nahmen sie sich nicht Zeit ? aber sie wollten offenbar um jeden Preis den Gipfel des Scorzef erreichen.

Der Oberst Everest stand an der Spitze Aller im Feuer; seine Begleiter, die ebenso gut bewaffnet waren, wie er, unterstützten ihn muthig, auch Palander nicht ausgenommen, der wahrscheinlich zum ersten Male ein Gewehr handhabte. Sir John, der bald auf diesem Felsstücke, bald auf einem andern war, hier knieend, dort liegend, that wahrhaft Wunder, und seine Büchse verbrannte ihm, in Folge der Schnelligkeit des Feuerns, fast die Hände. Der Buschmann war bei diesem blutigen Kampfe wieder zum geduldigen Jäger geworden, der kühn und seiner sicher war, wie man das an ihm kannte.

Dennoch vermochte der bewundernswerthe Muth, die Sicherheit ihres Schießens, die Präcision ihrer Waffen zuletzt Nichts gegen den Strom, der sich gegen sie heranwälzte. Wenn Einer der Eingeborenen fiel, traten zwanzig Andere an seine Stelle, und das war zu viel für die zwölf Europäer! Nach halbstündigem Kampfe sah der Oberst Everest, daß er umgangen zu werden befürchten müsse.

Wirklich drangen nicht nur auf dem südlichen Abhange des Scorzef, sondern auch an seinen Seiten die Angreifer immer weiter vor. Die Leichen der Einen dienten den Andern als Treppenstufen. Einige benutzten die Todten als Schilde und stiegen so gedeckt aufwärts. Alles das bot bei dem kurzen und fahlen Scheine des Gewehrfeuers einen schrecklichen und düstern Anblick. Man fühlte, daß von solchen Feinden keine Schonung zu erwarten war. Das war ein Anfall wilder Thiere, dieser Sturm der blutgierigen Räuber, ja ein schlimmerer, als der der wildesten Thiere des afrikanischen Südens. Jene ersetzten vollkommen die Tiger, die diesem Erdtheile fehlen.

Um halb elf Uhr gelangten die ersten Eingeborenen auf das Plateau des Scorzef. Die Belagerten konnten, wenn sie von ihren Feuerwaffen keinen Gebrauch machen konnten, nicht Mann gegen Mann kämpfen. Es wurde also nothwendig, hinter dem Walle Schutz zu suchen. Glücklicherweise war die kleine Truppe noch unversehrt, da die Makololos weder von ihren Bogen, noch von ihren Spießen Gebrauch gemacht hatten.

»Zurückziehen!« rief der Oberst mit einer Stimme, die selbst durch das Getöse des Kampfes hörbar war.

Nach Abgabe einer letzten Salve zogen sich die Belagerten, ihrem Chef folgend, hinter die Mauern der Schanze zurück.

Ein furchtbares Geschrei begrüßte diesen Rückzug. Sogleich erschienen die Eingeborenen vor der mittleren Bresche, um sie zu ersteigen.

Aber plötzlich vernahm man ein fürchterliches Knallen, ein ungeheures zerschmetterndes Krachen, wie bei einer elektrischen Entladung mit vielfachen Schüssen. Es war die Mitrailleuse, die, von Sir John bedient, zu sprechen anfing. Ihre fünfundzwanzig fächerförmig gestellten Läufe bestrichen mit den Bleigeschossen einen Bogen von hundert Fuß auf dem Plateau, das die Eingeborenen anfüllten. Die Kugeln, welche dem Geschütz durch einen automatischen Mechanismus unausgesetzt zugeführt wurden, fielen wie Hagel unter die Angreifer. In einem Augenblicke war der Platz wie rein gekehrt. Auf die Entladungen der fürchterlichen Maschine antwortete erst ein Geheul, das rasch wieder verstummte, und dann eine Wolke von Pfeilen, die den Belagerten aber weder Schaden that, noch thun konnte.

»Der kleine Schelm benimmt sich gut, sagte kaltblütig der Buschmann, indem er Sir John näher trat. Wenn Sie müde sind, ein solches Lied zu spielen ...«

Doch die Mitrailleuse schwieg schon. Die Makololos, welche einen Schutz gegen diesen Kartätschenhagel suchten, waren verschwunden. Sie hatten sich auf den Seiten der Schanze aufgestellt und ließen den Raum vor derselben, der nur mit ihren Todten bedeckt war, frei.

Was begannen nun der Oberst Everest und Mathieu Strux in dieser Zeit der Frist? Sie hatten ihren Posten im Wartthurme wieder eingenommen und dort spähten sie, das Auge an dem Fernglase des Repetitionskreises, durch die Finsterniß nach der Spitze des Volquiria. Weder Geschrei noch Gefahren vermochten sie zu rühren. Mit ruhigem Herzen, klarem Blicke und bewundernswürdig kaltem Blute wechselten sie vor dem Ocular ab; sie schauten hinaus und beobachteten mit solcher Genauigkeit, als befänden sie sich unter der Kuppel einer Sternwarte; und als sie nach kurzer Ruhe aus dem Geschrei der Makololos hörten, daß der Kampf wieder begonnen habe, blieben die beiden Gelehrten abwechselnd als Wache bei ihrem kostbaren Instrumente.

Wirklich begann das Gefecht von Neuem. Die Mitrailleuse erreichte nicht mehr die Eingeborenen alle, die sich vor jeder Bresche drängten und ihr Mordgeschrei ausstießen. So dauerte vor den Fuß für Fuß vertheidigten offenen Stellen der Kampf noch eine halbe Stunde fort. Die Belagerten, denen ihre Feuerwaffen Schutz gewährten, hatten durch die Spitzen der Spieße nur einige Rißwunden erhalten. Die Erbitterung verminderte sich auf keiner Seite, und es stieg nur die Wuth bei diesem Ringen Mann gegen Mann.

Da, gegen halb zwölf Uhr, während des dichtesten Handgemenges und mitten unter dem Krachen der Gewehre, trat Mathieu Strux zu dem Oberst Everest mit strahlendem und zugleich bestürztem Blicke. Ein Pfeil hatte seinen Hut durchbohrt und schwankte noch über seinem Haupte.

»Das Lichtsignal! Das Lichtsignal! rief er laut.

? Was! erwiderte der Oberst Everest, der sein Gewehr vollends lud.

? Ja, ja! Das Signal!

? Sie haben es gesehen?

? Ja!«

Zum letzten Male feuerte der Oberst seine Büchse ab, rief triumphirend ein Hurrah, und verfügte sich, von seinem unerschrockenen Collegen begleitet, nach der Warte.

Dort kniete der Oberst bei dem Fernrohre nieder und spähte mit unterdrücktem Herzklopfen. O, wie drängte sich in diesem Augenblicke sein ganzes Leben in diesen Blick! Ja, das Licht war da, es blinkte zwischen dem Fadennetz des Instrumentes! Ja, es leuchtete von dem Gipfel des Volquiria! Das letzte Dreieck hatte endlich seinen Endpunkt gefunden!

Ein merkwürdiger Anblick wäre es gewesen, diese beiden Gelehrten mitten unter dem Tumulte des Kampfes arbeiten zu sehen. Die Eingeborenen hatten durch ihre Ueberzahl den Wall genommen. Sir John und der Buschmann vertheidigten das Terrain Schritt für Schritt. Auf die Kugeln antworteten die Pfeile der Makolvlos, den Keulenschlägen die der Axt. Und unterdessen beobachteten, über ihren Apparat gebeugt, der Oberst Everest und Mathieu Strux ohne Unterlaß. Sie vervielfältigten die Angaben des Repetitionskreises, um die Fehler beim Ablesen zu verbessern, und der stets gleichmütige Nikolaus Palander trug in sein Register ihre Beobachtungen ein. Mehr als einmal flog ihnen ein Pfeil über den Kopf hin und zersplitterte an der inneren Wand des Thurmes. Sie sahen immer nur nach dem Signal auf dem Volquiria, controlirten mit der Loupe die Angaben des Nonius und verbesserten so gegenseitig ihre erhaltenen Resultate.

»Noch eine Beobachtung wollen wir anstellen«, sagte Mathieu Strux, der das Fernrohr über den Theilkreis gleiten ließ.

Da schlug ein von der Hand eines Eingeborenen geschleuderter großer Stein Palander das Register aus der Hand und zertrümmerte den Repetitionskreis, indem er ihn zu Boden warf.

Doch, die Beobachtungen waren ja beendet. Die Richtung des Signallichtes war bis auf ein Tausendtheil einer Secunde genau berechnet!

Jetzt galt es zu fliehen und das Ergebniß dieser ruhmreichen und schönen Arbeiten zu retten. Die Eingeborenen drangen schon in die Kasematte ein und konnten jeden Augenblick in dem Thurme erscheinen. Der Oberst Everest und seine beiden Collegen nahmen ihre Waffen wieder, Palander raffte sein kostbares Register zusammen, und so flohen sie durch eine Bresche. Ihre Gefährten waren da zur Hand; Einige leicht verwundet, aber doch bereit, den Rückzug zu decken. Als sie schon im Begriff waren, die nördlichen Abhänge des Scorzef hinabzuklettern, rief Mathieu Strux:

»Aber unser Gegensignal!«

In der That mußte man ja auf das Lichtsignal der beiden jungen Astronomen durch ein eben solches antworten. Es war zur Vollendung der geodätischen Arbeit nothwendig, daß William Emery und Michel Zorn ihrerseits den Gipfel des Scorzef sahen, und unzweifelhaft warteten sie auf der Bergspitze, die sie eingenommen hatten, ungeduldig auf dessen Aufblitzen.

»Noch eine Anstrengung! rief der Oberst Everest.

Während nun seine Gefährten mit übermenschlicher Anstrengung die Reihen der Makololos zurückdrängten, trat er in den Wartthurm ein.

Dieser Thurm war aus Zimmerwerk von sehr trockenem Holze zusammengefügt. Ein Funken mußte ihn in Brand setzen können. Der Oberst zündete ihn mittelst einer Lunte an. Sogleich prasselte es in dem Holze; der Oberst stürzte hinaus und holte die Seinen wieder ein.

Wenige Minuten später klommen die Europäer unter einem Regen von Pfeilen und von der Höhe des Scorzef nachgeschleuderten Körpern die Abhänge hinab, indem sie die Mitrailleuse vor sich hergleiten ließen, da sie diese nicht im Stiche lassen wollten. Nachdem sie die Eingeborenen noch einmal durch eine mörderische Salve etwas zurückgewiesen hatten, erreichten sie glücklich die Schaluppe.

Der Maschinist hatte nach den Befehlen seines Chefs Dampf bereit gehalten. Die Leine wurde gelöst, die Schraube setzte sich in Bewegung, und schnell glitt die »Königin und Czar« in das dunkle Gewässer des Sees hinaus.

Bald war die Schaluppe soweit entfernt, daß die Passagiere den Gipfel des Scorzef wieder sehen konnten. Der Wartthurm, der ganz in Flammen stand, erglänzte wie ein Leuchtthurm, und sein blendendes Licht mußte bequem bis zum Gipfel des Volquiria sichtbar sein.

Ein lautes Hurrah der Engländer und der Russen begrüßte die riesige Flammengarbe, deren Glanz in weitem Umkreise die Dunkelheit der Nacht verdrängte.

William Emery und Michel Zorn konnten sich nicht beklagen. Sie hatten einen Stern leuchten lassen, man antwortete ihnen durch eine Sonne!

Zweiundzwanzigstes Capitel.
Nikolaus Palander geht verloren

Mit Tagesanbruch landete die Schaluppe an dem nördlichen Ufer des Sees. Dort war keine Spur von Eingeborenen. Der Oberst Everest und seine Begleiter, die sich schußbereit gemacht hatten, entluden ihre Gewehre wieder, und die »Königin und Czar« legte sich in eine kleine, zwischen Felsenwänden ausgehöhlte Bucht.

Der Buschmann, Sir John Murray und einer der Seeleute durchstreiften die Umgebung. Die Gegend war verlassen; es fand sich keine Spur der Makololos, aber zum Glück für die hungernde Gesellschaft fehlte es nicht an Wild. Im hohen Grase der Weidestätten und verdeckt von Buschwerk zeigten sich Heerden von Antilopen. Dazu waren die Ufer des Ngami von einer großen Anzahl Wasservögel, aus der Familie der Enten, bevölkert. Mit reicher Beute kamen die Jäger zurück. Der Oberst Everest konnte sich nun sammt seinen Gefährten an dem schmackhaften Wildpret sättigen, das ihnen nun nicht wieder fehlen würde.

Vom Morgen des 5. März an wurde nun das Lager an der Küste des Ngami und am Ufer eines kleinen Flusses unter dem Schutze hoher Weidenbäume aufgeschlagen. Der mit dem Forloper verabredete Ort des Zusammentreffens war eben dieses nördliche Seeufer, das hier zu einer kleinen Bai ausgeweitet war. Dort wollten der Oberst Everest und Mathieu Strux ihre Collegen erwarten, und es war anzunehmen, daß Letztere den Weg rückwärts unter besseren Bedingungen und schneller zurücklegen würden. Es traten also einige Tage gezwungener Ruhe ein, über die sich nach so vielen Anstrengungen Niemand beklagte. Nikolaus Palander machte sie sich zu Nutze, um die Ergebnisse der letzten Triangulationen zu berechnen. Mokum und Sir John ergötzten sich an der Jagd in dieser wildreichen, wohlbewässerten und fruchtbaren Gegend, die der ehrenwerthe Engländer gern für die britische Regierung angekauft hätte.

Drei Tage nachher, am 8. März, kündigten Flintenschüsse die Ankunft der Truppe des Forloper an. William Emery, Michel Zorn, die beiden Seeleute und der Buschmann kamen in voller Gesundheit zurück. Sie brachten auch ihren Theodoliten unversehrt wieder, der nun der einzige war, welcher der anglo-russischen Commission noch zur Verfügung stand.

Mit unbeschreiblicher Freude wurden die beiden jungen Gelehrten aufgenommen; man sparte die Glückwünsche nicht. Mit wenigen Worten berichteten sie ihre Reise. Der Hinweg war sehr schwierig gewesen. In den ausgedehnten Wäldern, die vor der bergigen Region lagen, hatten sie sich zwei Tage lang verirrt; da sie kein genaues Merkzeichen hatten und nur nach den unsicheren Angaben des Compaß vorwärts drangen, hätten sie ohne den Scharfsinn ihres Führers den Volquiria wohl nie erreicht. Immer und nach allen Seiten hatte sich die Intelligenz und Ergebenheit des Forlopers erwiesen. Die Besteigung des Pic war sehr mühsam gewesen. Daher waren die Verzögerungen gekommen, von denen die jungen Leute nicht weniger ungeduldig zu leiden hatten, als ihre Collegen auf dem Scorzef. Endlich hatten sie den Gipfel des Volquiria zu erreichen vermocht. Der elektrische Leuchtapparat wurde während des Tages am 4. März in Stand gesetzt, und während der Nacht vom 4. zum 5. erglänzte sein durch eine große Reverbere verstärktes Licht zum ersten Male auf der Spitze des Pic. Die Beobachter auf dem Scorzef hatten es also wohl in dem Augenblicke, wo es aufblitzte, wahrgenommen.

Ihrerseits hatten Michel Zorn und William Emery das intensive Licht leicht bemerkt, das auf dem Gipfel des Scorzef, in Folge des Wartthurmbrandes leuchtete. Sie hatten mittelst des Theodoliten seine Richtung bestimmt, und so die Messung des Dreiecks beendet, dessen Spitze sich auf den Pic Volquiria stützte.

»Und die geographische Breite dieses Pics? fragte der Oberst Everest William Emery, haben Sie diese ausgenommen?

? Ganz genau, Oberst, erwiderte der junge Astronom, durch ganz sichere Sternbeobachtungen.

? Nun, und der Pic liegt? ...

? Unter 19° 3735,337, also um nahezu genau dreihundertsiebenunddreißig Tausendtheil einer Sekunde, antwortete William Emery.

? Nun, meine Herren, sagte der Oberst, so ist unsere Aufgabe gewissermaßen gelöst. Wir haben mittelst dreiundsechzig Dreiecken einen Bogen von mehr als acht Graden gemessen, und wenn die Ergebnisse unserer Arbeiten berechnet sein werden, kennen wir genau die Größe eines Breitegrades und folglich auch die des Meters auf diesem Theile der Erdkugel.

? Hurrah! Hurrah! riefen die in derselben Empfindung vereinigten Engländer und Russen.

? Jetzt, setzte der Oberst Everest hinzu, haben wir nur, indem wir dem Laufe des Zambese abwärts folgen, den Indischen Ocean zu erreichen. Ist das nicht auch Ihre Meinung, Herr Strux?

? Ja wohl, Oberst, antwortete der Astronom von Pulkowa, aber ich bin der Ansicht, daß unsere Arbeiten noch einer mathematischen Controle bedürfen. Ich schlage also vor, das trigonometrische Netz nach Osten hin zu verlängern, bis wir eine für die directe Messung geeignete neue Basis gewinnen. Die Uebereinstimmung, welche die einmal berechnete, das andere Mal gemessene Länge dieser Basis zeigen wird, dürfte uns allein den Grad der Genauigkeit unserer Operationen bestimmen lassen.«

Mathieu Strux Vorschlag ward ohne Widerrede angenommen. Diese Controle der ganzen Reihe der trigonometrischen Arbeiten von der ersten Basis ab war unbedingt erforderlich. Man kam demnach überein, nach Osten hin eine Reihe von Hilfsdreiecken zu construiren, bis man im Stande sein werde, eine Seite eines solchen Dreiecks mit dem Platinamaße direct zu vermessen. Die Dampfschaluppe, welche einen der Zuflüsse des Zambese hinabfuhr, sollte die Astronomen unterhalb der berühmten Fälle dieses Stromes, der Victoria-Fälle, erwarten.

Nachdem Alles in dieser Weise geordnet war, brach die kleine Truppe unter Führung des Buschmanns am 6. März mit Sonnenaufgang auf, während vier von den Seeleuten sich auf der »Königin und Czar« einschifften. In der Richtung nach Westen waren Stationen unter den schon gemessenen Dreiecken ausgewählt worden, und man durfte hoffen, daß das Hilfsnetz in diesem an Visirpunkten sehr Reichen Landstriche leicht zu entwerfen sein werde. Der Buschmann hatte sich sehr geschickt eines Quagga, einer Art wilden Pferdes mit braun und weißer Mähne und röthlichem, zebraartig gestreiftem Rücken, bemächtigt, und benutzte es als Lastthier, welches das Gepäck der Karawane, den Theodoliten, die Richtscheite und die zur Basismessung bestimmten Böcke, die zum Glück mit der Schaluppe gerettet worden waren, tragen mußte.

Die Reise ging schnell von Statten und die Arbeiten vermochten die Beobachter nur wenig aufzuhalten. Für die Hilfsdreiecke von mäßiger Ausdehnung fanden sich in diesem hügeligen Lande leicht die nöthigen Hauptpunkte. Die Witterung blieb günstig, so daß man seine Zuflucht nicht zu nächtlichen Arbeiten zu nehmen brauchte. Fast immer konnten sich die Reisenden unter dem hohen Baumwuchs schützen, der aus dem Boden emporstieg. Dazu hielt sich die Temperatur in mäßigen Graden, und unter dem Einflusse der Feuchtigkeit, den fließende und stehende Gewässer in der Luft unterhielten, erhoben sich einige Dämpfe, welche die Strahlen der Sonne milderten.

Daneben lieferte die Jagd alle Bedürfnisse der kleinen Karawane, und von Eingeborenen war keine Rede. Wahrscheinlich hausten die räuberischen Horden mehr im Süden des Ngami.

Die Verhältnisse zwischen Mathieu Strux und dem Oberst Everest riefen keine weiteren Erörterungen hervor. Die persönlichen Eifersüchteleien schienen vergessen zu sein. Gewiß bestand kein eigentlich inniges Einvernehmen zwischen den beiden Gelehrten, aber der Sachlage nach konnte man nicht mehr von ihnen verlangen.

Während einundzwanzig Tagen, vom 6. bis zum 27. März, trug sich kein nennenswerthes Ereigniß zu. Man suchte vor allen Dingen eine geeignete Stelle zur Messung einer Basis, aber diese bot die Landschaft nicht. Zu diesem Zwecke war ein mehrere Meilen langes, ebenes und horizontales Stück Land nöthig, aber die Unebenheiten des Bodens, welche der Auswahl der Visirpunkte so günstig waren, hinderten gleichzeitig die directe Messung der Basis. Man ging immer nach Nordosten zu, und folgte manchmal dem rechten Ufer des Chobe, eines der Hauptzuflüsse des oberen Zambese, um so Maketo, den Hauptflecken der Makololos, sicher zu vermeiden.

Ohne Zweifel konnte man also annehmen, daß die Rückkehr unter günstigen Bedingungen stattfinden, und die Natur den Astronomen keine weiteren materiellen Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg legen werde, daß also die Zeit der Prüfungen vorbei sei. Der Oberst Everest und seine Begleiter durchzogen jetzt eine verhältnißmäßig bekannte Gegend, und wollten nicht zaudern, die Flecken und Dörfer am Zambese zu erreichen, welche Doctor Livingstone kurz vorher besucht hatte. Sie glaubten also nicht ohne Grund, daß der schwierigste Theil ihrer Arbeit überwunden sei. Sie täuschten sich damit wohl auch nicht, und doch hätte ein Zufall, dessen Folgen von höchster Wichtigkeit werden konnten, beinahe den Erfolg der ganzen Expedition aufs Spiel gesetzt.

Nikolaus Palander war der Held, oder vielmehr das Opfer dieses Abenteuers.

Wir wissen, daß der unverzagte, aber unbedachtsame Rechner, der ganz in seine Zahlen vertieft wurde, nicht selten weit von seinen Begleitern abkam. In ebenem Lande hatte diese Gewohnheit keine besondere Gefahr, denn man kam bald auf die Fährte des Abwesenden. In holzreicher Gegend konnte dieses Umherschweifen Palanders aber von bedenklichsten Folgen sein. Mathieu Strux und der Buschmann machten ihm auch in dieser Hinsicht tausendmal Vorstellungen. Nikolaus Palander versprach, sich danach zu richten, war aber über dieses Uebermaß von Vorsicht höchlichst erstaunt. Der würdige Mann merkte seine Zerstreuung selbst nicht.

Da fiel es an jenem Tage, dem 27. März, Mathieu Strux und dem Buschmann auf, daß sie Nikolaus Palander seit mehreren Stunden nicht gesehen hatten. Die kleine Truppe durchzog mehrere Holzungen, die mit vielen niedrigen und dichten Bäumen besetzt waren, und so den Ausblick ungemein behinderten. Dort war es besonders nöthig, geschlossen beisammen zu bleiben, denn es war sehr schwer, die Spuren einer im Walde verirrten Person wieder aufzufinden. Nikolaus Palander aber, der Nichts sah und Nichts vorhersah, war, den Bleistift in der einen, seine Register in der andern Hand, erst an der linken Seite der Gesellschaft gegangen, bald aber vollständig verschwunden.

Man denke sich die Unruhe des Mathieu Strux und seiner Begleiter, als sie um vier Uhr Nachmittags Nikolaus Palander noch nicht wieder bei sich sahen. In ihnen war die Erinnerung an die Krokodile noch lebhaft und unter Allen war wohl der zerstreute Rechner der Einzige, dem sie entschwunden war!

In der kleinen Gesellschaft herrschte also eine große Angst, und gleichzeitig war sie verhindert, weiter zu ziehen, bevor Nikolaus Palander wieder aufgefunden war.

Man rief laut. Vergeblich. Der Buschmann und die Seeleute zerstreuten sich auf einen Umkreis einer Viertelmeile, schlugen auf die Büsche, trieben den Wald ab, durchforschten die hohen Gräser, feuerten die Gewehre ab ? Nichts war von Erfolg. Nikolaus Palander erschien nicht.

Die Unruhe Aller stieg aufs Höchste, und bei Mathieu Strux gesellte sich zu dieser Unruhe noch eine tiefgehende Erbitterung gegen den unglücklichen Collegen. Es war nun das zweite Mal, daß ein solcher Fall durch Nikolaus Palanders Verschulden vorkam, und wirklich, wenn der Oberst Everest sich dafür hätte an ihn halten wollen, so hätte er, Mathieu Strux, Nichts zu erwidern vermocht.

Unter diesen Umständen war demnach nur der eine Entschluß zu fassen, sich in dem Gehölz zu lagern, und die genauesten Nachforschungen anzustellen, um den Rechner wiederzufinden.

Der Oberst und seine Begleiter waren eben im Begriff, an einer ziemlich großen Lichtung Halt zu machen, als ein Schrei ? ein Schrei, der gar nicht von einem Menschen herzurühren schien ? einige Hundert Schritt weit zur Linken im Gehölz hörbar wurde. Gleich darauf wurde Nikolaus Palander sichtbar.

Er lief, so schnell ihn die Beine tragen wollten. Er war im bloßen Kopfe, mit fast zu Berge stehendem Haar, und hatte seine meisten Kleider eingebüßt, von denen noch einige Fetzen seine Lenden bedeckten.

Der Unglückliche kam bei seinen Gefährten an, die ihn mit Fragen bestürmten. Aber mit weit aufgerissenem Auge, erweiterten Pupillen, eingefallenen Nasenflügeln, welche die unvollkommene, stoßweise Respiration hinderten, war der Arme gar nicht im Stande zu sprechen. Er wollte antworten, brachte aber kein Wort heraus.

Was war geschehen? Woher kam diese Bestürzung, dieser Schreck, deren zweifellose Anzeichen Nikolaus Palander in so hohem Grade zeigte? Niemand wußte, was davon zu halten war.

Endlich konnte Palander fast unvernehmlich die Worte vorbringen:

»Die Register! Die Register!«

Bei diesen Worten schauderten die Astronomen, einer wie der andere, zusammen. Man denke! Die beiden Register, worin das Resultat aller trigonometrischen Arbeiten eingetragen war, wovon der Rechner nie sich trennte, selbst im Schlaf nicht! Diese fehlten, Nikolaus Palander hatte sie nicht mehr! Was war aus ihnen geworden? Mußte man Alles von Neuem vornehmen?

Während die Anderen voll Schrecken sich schweigend ansahen, ließ Mathieu Strux seinem Zorn den Lauf! Wie mißhandelte, schimpfte er den Armen!

Auf alles hatte Nikolaus Palander als Antwort nur ein Kopfschütteln.

»Aber hat man sie denn entwendet! fragte endlich der Oberst Everest.

? Einerlei! rief Mathieu Strux außer sich. Warum ist der Tropf, nach all unsern Ermahnungen, nicht bei uns geblieben?

? Ja, erwiderte Sir John, aber man muß doch wissen, wo sie hingekommen sind. Hat man sie Ihnen geraubt, Herr Palander?«

Derselbe bejahte mit einem Zeichen.

»Und wer hat sie geraubt? Warens Makololos?«

Nikolaus Palander verneinte.

»Europäer, Weiße? fragte Sir John weiter.

? Nein, erwiderte Nikolaus Palander mit beklommener Stimme.

? Aber wer denn? rief Mathieu Strux mit geballter Faust.

? Nein! keine Eingeborenen, keine Weißen, ? es waren Paviane.«

Wahrhaftig, wär es nicht eine so ernste Sache gewesen, sie hätten bei dieser Aeußerung alle aufgelacht! Affen hatten Nikolaus Palander beraubt!

Der Buschmann erzählte seinen Gefährten, so etwas komme oft vor. So viel er wisse, seien Reisende schon manchmal von »Chacmas«, die zu den Pavianen gehören und in zahlreichen Schaaren beisammen leben, geplündert worden.

Inzwischen gab der Buschmann seinen Rath. Er allein war kaltblütig, die Europäer ohne Ausnahme voll Bestürzung.

»Meine Herren, sagte der Buschmann, die Augenblicke sind kostbar; wir dürfen keinen einzigen verlieren. Verfolgen wir unverzüglich die Räuber! Da die Register nichts zum Fressen sind, so werden wir wohl, wenn wir die Thäter finden, auch die Register wieder bekommen!«

Ein Hoffnungsstrahl, den man nicht durfte erlöschen lassen. Nikolaus Palander kam bei diesem Vorschlag wieder zu vollem Bewußtsein. Er bekleidete sich rasch mit geliehenen Matrosenkleidern und war schnell bereit, seine Genossen zum Schauplatz der That zu führen.

Noch denselben Abend änderte man nach Angabe des Rechners die Richtung des Wegs.

Weder diese Nacht, noch am folgenden Tag ergab sich ein Resultat. An manchen Stellen erkannte der Buschmann und der Forloper frische Spuren von Affen. Nikolaus Palander sagte aus, er habe mit einem Dutzend derselben zu thun gehabt. Man schritt also mit äußerster Vorsicht voran und hielt sich stets verdeckt, denn die Paviane sind gescheit und von scharfen Sinnen, lassen sich Niemand nahe kommen. Der Buschmann rechnete nur durch Ueberrumpelung auf Erfolg.

Am folgenden Tag gegen acht Uhr früh gewahrte ein russischer Matrose, der vorausgegangen war, einen solchen Räuber, und begab sich vorsichtig zurück zu den Andern.

Der Buschmann ließ Halt machen, und die Europäer lauschten seiner Anweisung. Er bat sie, an dieser Stelle zu bleiben, nahm nur Sir John und den Forloper mit, und wendete sich, stets von Bäumen oder Gebüsch verdeckt, in der von dem Matrosen angegebenen Richtung.

Nicht lange, so gewahrte man den gemeldeten Affen, und zugleich ein Dutzend anderer, die zwischen den Zweigen sprangen. Der Buschmann duckte sich mit seinen Begleitern hinter einem Stamm und beobachtete achtsam.

Es war, wie Mokum gesagt hatte, ein Trupp Chacmas, den Leib mit grünlichen Haaren, Ohren und Gesicht schwarz, mit langem Schwanz, der stets in Bewegung den Boden kehrte; starke Thiere mit kräftigen Muskeln, wohl versehenen Kinnladen, scharfen Krallen, selbst dem Gewild furchtbar. Diese Chacmas sind arge Plünderer der Getreide- und Maisfelder, ein wahrer Schrecken der Boërs, deren Wohnungen sie oft verwüsten. Diese hier waren in vollem Spiel, kläffend und bellend, wie große Hunde.

Aber befand sich der Räuber der Register darunter? Darüber galts Gewißheit zu haben. Kein Zweifel mehr, als der Forloper auf einen derselben wies, der mit Fetzen von Nikolaus Palanders Kleidern behängt war.

Den mußte man um jeden Preis haben, und dafür mit größter Umsicht verfahren. Eine falsche Bewegung, und die ganze Truppe zerstob durch den Wald, ohne daß man sie einholen konnte.

»Bleiben Sie hier, sagte Mokum zum Forloper. Se. Gnaden und ich, wir wollen zu unsern Kameraden und mit ihnen Maßregeln ergreifen, um sie abzuschneiden. Aber vor allen Dingen, verlieren Sie dieselben nicht aus den Augen!«

Der Forloper blieb an dem angewiesenen Posten, und der Buschmann mit Sir John kehrte zu dem Oberst zurück.

Die Affen umzingeln war in der That das einzige Mittel, um des Thäters habhaft zu werden. Die Europäer theilten sich in zwei Trupp. Die einen suchten den Forloper auf und stellten sich in seiner Nähe in einem Halbkreise auf; die andern wandten sich links, um sie zu umgehen und sich auf die Bande der Affen zu werfen.

Man ging, wie der Buschmann anbefohlen, nur mit äußerster Vorsicht voran. Alle Gewehre geladen, war ausgemacht, daß alle auf den mit den Kleiderfetzen behängten Affen zielten.

Nikolaus Palander, der seinen Eifer kaum mäßigen konnte, hielt sich an Mokums Seite, der ihn überwachte, daß er nichts Verkehrtes thue. Es galt ihm auch wirklich um Leben oder Sterben.

Nachdem man eine halbe Stunde im Halbkreise gegangen und häufig Halt gemacht, hielt der Buschmann für zeitig, sich zusammen zu ziehen. Seine Genossen, je zwanzig Schritte von einander, gingen stille vor; kein Wort, kein Knistern der Zweige vernahm man.

Plötzlich machte der Jäger Halt; seine Kameraden ebenfalls, den Finger auf gespanntem Hahn.

Die Chacmas waren in Sicht. Sie hatten etwas gemerkt, waren auf ihrer Hut. Ein ausnehmend großes Thier ? eben der Räuber ? ließ unzweideutige Zeichen von Unruhe erkennen. Nikolaus Palander erkannte den Wegelagerer wieder, nur sah man nichts von den Registern, die er nicht bei sich zu haben schien. Er schien voll Angst seinen Kameraden Zeichen zu geben.

Die Jäger rückten immer näher, Jeder erkannte den Räuber und konnte schon mit Sicherheit zielen. Da ging unversehens dem Nikolaus Palander das Gewehr los.

»Verdammt!« rief Sir John, und schoß ebenfalls ab. Im Moment fielen noch zehn andere Schüsse. Drei Affen fielen todt auf den Boden herab, die andern setzten wie geflügelte Schaaren, mit einem ungeheuern Sprung über den Kopf des Buschmanns und seiner Kameraden.

Nur ein einziger Chacma blieb an seinem Platze: es war der Räuber. Anstatt zu fliehen, schwang er sich auf den Stamm einer Sycomore, kletterte behend hinauf und verschwand in dem Gezweig.

»Dort hat er die Register versteckt!« rief der Buschmann, und er irrte nicht.

Indessen war zu befürchten, das Thier möge von einem Baum zu einem anderen flüchtend entkommen. Aber Mokum zielte mit Kaltblütigkeit und gab Feuer. Der Affe, am Bein getroffen, purzelte von Zweig zu Zweig herab. In einer Hand hielt er die Register, welche er aus dem Gezweig hervor geholt hatte. Bei diesem Anblick sprang Nikolaus Palander wie eine Gemse, stürzte über den Affen her, und nun begann ein Ringen.

Welch ein Kampf! Zorniges Heulen Palanders klang mit dem Bellen des Affen zusammen! Man konnte sie nicht mehr von einander unterscheiden, nicht auf das Thier zielen, ohne den Astronomen zu treffen.

»Schießt nur auf die Beiden!« schrie Mathieu Strux, und wahrhaftig, der Russe wäre im Stande gewesen es zu thun, wäre sein Gewehr geladen gewesen.

Nikolaus Palander, bald oben, bald unten, suchte seinen Gegner zu erwürgen, der ihm mit seinen Krallen die Schultern blutig kratzte. Endlich ersah sich der Buschmann einen Moment, und schlug mit einem Beil dem Thier auf den Kopf, daß es augenblicklich erlag.

Nikolaus Palander ward wie ohnmächtig von seinen Genossen aufgehoben. Er drückte die wieder eroberten Register mit der Hand wider seine Brust. Des Affen Leichnam ward ins Lager getragen, und zum Abendessen verspeisten die Gäste den Räuber mit ebenso viel Appetit als Rachbegier, denn es war ein treffliches Fleisch.

Dreiundzwanzigstes Capitel.
Die Wasserfälle des Zambese

Die Wunden Nikolaus Palanders waren nicht erheblich. Der Buschmann, welcher darin erfahren war, rieb dem würdigen Manne die Schultern mit einigen Kräutern, und der Astronom von Helsingfors konnte wieder die Reise fortsetzen. Die durch seinen Sieg gehobene Stimmung sank bald, und er ward wieder der zerstreute Gelehrte, welcher nur in der Welt der Zahlen lebte. Man hatte ihm eins der Register gelassen, aber aus Vorsicht mußte er das andere, worin das Duplicat aller Berechnungen enthalten war, an William Emery abgeben, ? wozu er sich übrigens in Gutem verstand.

Die Arbeiten wurden fortgesetzt und die Triangulation ging rasch und gut von Statten. Es handelte sich nur noch darum, eine zur Errichtung einer Basis geeignete Ebene zu finden.

Am 1. April mußten die Europäer über ungeheure Sumpfstrecken setzen, wodurch sie etwas gehemmt wurden. An diese feuchten Ebenen schlossen sich zahlreiche Teiche, deren Wasser einen pestilenzialischen Geruch verbreiteten. Der Oberst Everest und seine Genossen eilten sich, indem sie ihren Triangeln eine größere Ausdehnung gaben, aus dieser ungesunden Gegend herauszukommen.

Die Stimmung der kleinen Truppe war vortrefflich, und es herrschte der beste Geist. Michel Zorn und William Emery waren sehr erfreut, daß zwischen den beiden Chefs vollständige Eintracht herrschte. Dieselben schienen vergessen zu haben, daß ein internationaler Zwist sie hatte trennen können.

»Lieber William, sagte eines Tages Michel Zorn zu seinem jungen Freunde, ich hoffe, daß bei unserer Zurückkunft in Europa zwischen England und Rußland Friede geschlossen ist, daß wir demnach dort Freunde bleiben dürfen, wie wirs hier in Afrika sind.

? Das hoff auch ich, lieber Michel, erwiderte William Emery. Die Kriege können heut zu Tage nicht von langer Dauer sein. Eine oder zwei Schlachten, und die Verträge werden unterzeichnet. Dieser leidige Krieg dauert schon ein Jahr, und ich denke, wie Sie, der Friede wird bei unserer Rückkunft geschlossen sein.

? Aber es ist nicht Ihre Absicht, William, ans Cap zurück zu kehren? fragte Michel Zorn. Das Observatorium ruft Sie nicht dringend zurück, und ich hoffe Ihnen mein Observatorium zu Kiew zeigen zu können!

? Ja, Freund, erwiderte William Emery, ja, ich werde Sie nach Europa begleiten, und ich werde nicht nach Afrika zurückkehren, ohne ein wenig durch Rußland gereist zu sein. Aber Sie werden mich einmal in Capstadt besuchen, nicht wahr? Sie werden da sehen, wie reich das Firmament ist, und welche Lust es ist, nicht nur mit vollen Händen, sondern mit vollen Blicken draus zu schöpfen! Wenn es Ihnen beliebt, wollen wir den Stern T??? des Centauren mit einander auflösen. Ich verspreche Ihnen, ohne Sie nicht anzufangen.

? Ist das ernstlich gemeint, William?

? Im vollen Ernst, Michel. Ich hebe Ihnen È??? auf, und dagegen, fügte William Emery bei, komme ich nach Kiew, um einen Ihrer Nebelsterne zu berechnen!«

Die wackeren Leute! Siehts nicht aus, als gehöre der Himmel ihnen an! Und wirklich, wem sollte er gehören, wenn nicht den scharfsinnigen Gelehrten, welche ihn bis auf seine Tiefen ausgemessen haben!

»Aber vor allen Dingen, fuhr Michel Zorn fort, muß dieser Krieg zu Ende sein.

? Er wirds sein, Michel. Schlachten mit Kanonendonner dauern nicht so lange, als ein Streiten über die Sterne! Rußland und England sind rascher ausgesöhnt, als der Oberst Everest und Mathieu Strux.

? Sie glauben also nicht an die Aufrichtigkeit ihrer Versöhnung, fragte Michel Zorn, nachdem sie miteinander so viele Prüfungen zu bestehen gehabt?

? Verlassen will ich mich nicht darauf, erwiderte William Emery. Denken Sie doch, Eifersucht der Gelehrten, und berühmter Gelehrten!

? Da wollen wir lieber nicht so berühmt sein, lieber William, erwiderte Michel Zorn, und stets gute Freunde bleiben!«

Elf Tage waren vorüber seit dem Abenteuer mit den Affen, als die kleine Truppe nicht weit von den Wasserfällen des Zambese auf eine Ebene kam, welche sich einige Meilen weit erstreckte. Das Terrain war höchst geeignet zur direkten Messung einer Basis. Am Rande erhob sich ein Dorf, das nur einige Hütten umfaßte. Seine Bewohner, ? einige Dutzend Eingeborene höchstens ? ungefährliche Leute, nahmen die Europäer gut auf. Das war ein Glück für die Truppe des Obersten; denn ohne Wagen, Zelte, fast ohne Lagergeräthschaften, wäre es schwer gewesen, sich hinreichend einzurichten. Nun konnte die Messung der Basis einen Monat lang dauern, und diesen Monat konnte man nicht im Freien, lediglich unter dem Schutz der Baumgezweige, zubringen.

Die wissenschaftliche Commission richtete sich also in den Hütten ein, welche zuvor zum Gebrauch der neuen Bewohner eingerichtet werden mußten. Die Gelehrten waren übrigens Leute, die sich mit Wenigem zu begnügen verstanden. ? Ein einziger Gedanke belebte sie damals: die Prüfung ihrer früheren Operationen, welche durch directe Messung dieser neuen Basis vorgenommen werden sollte, d. h. der letzten Seite ihres letzten Dreiecks. In der That, der Berechnung nach hatte diese Seite eine mathematisch bestimmte Länge, und je näher das directe Maß dem berechneten kam, desto mehr mußte die Bestimmung des Meridians als richtig angesehen werden.

Die Astronomen schritten unverzüglich zur directen Messung. Die Unterlagen und die Platinarichtscheite wurden auf dem völlig ebenen Boden nach einander gelegt, und zwar mit all den kleinlichsten Vorsichtsmaßregeln, welche man bei der Messung der ersten Basis angewendet hatte. Man zog alle atmosphärischen Bedingungen, die Veränderlichkeiten des Thermometers, die wagerechte Lage der Apparate u. s. w. in Berechnung, kurz es wurde nichts bei der Operation versäumt, die Gelehrten lebten nur in diesem einzigen Gedanken.

Die am 10. April begonnene Arbeit ward erst am 15. Mai fertig. Es waren fünf Wochen für die mißliche Aufgabe erforderlich. Nikolaus Palander und William Emery berechneten die Ergebnisse unverzüglich.

Wahrlich, es schlug diesen Astronomen das Herz gewaltig, als das Resultat gesprochen wurde. Welcher Lohn für ihre Mühen und Prüfungen, wenn die abgeschlossene Probe ihrer Arbeiten es möglich machte, sie als unanfechtbar der Nachwelt zu überliefern!

Als von den Rechnern die gewonnenen Längenmaße auf Bogen im Verhältniß zum durchschnittlichen Niveau des Meeres, und zur Temperatur von einundsechzig Grad Fahrenheit (16° 11 hunderttheilig) reducirt worden waren, überreichten Nikolaus Palander und William Emery ihren Collegen die folgenden Ziffern:

???tabelle

Neue gemessene Basis 5075t,25
Mit der nämlichen Basis abzüglich der ersten Basis und des ganzen trigonometrischen Netzes 5075t,11
Differenz d. Berechnung u. Beobachtung 0t,14

Nur vierzehn Hunderttheile einer Toise, d. h. keine zehn Zoll, und die beiden Basen waren sechshundert Meilen von einander entfernt!

Als die Messung des Meridians von Frankreich zwischen Dünkirchen und Perpignan vorgenommen wurde, betrug die Differenz zwischen der Basis von Melun und der von Perpignan elf Zoll. Die von der englisch-russischen Commission gewonnene Uebereinstimmung ist also noch auffallender, und macht diese unter den schwierigsten Umständen mitten in der afrikanischen Wüste unter Gefahren und Beschwerden aller Art zu Stande gebrachte Arbeit zur vollkommensten der bis auf den heutigen Tag vorgenommenen geodätischen Operationen.

Dreifaches Hurrah begrüßte dieses bewundernswerthe Resultat, welches in den Annalen der Wissenschaft ohne Gleichen war!

Und jetzt, welche Geltung hatte ein Meridiangrad bei diesem Theil der Erd-Sphäroide. Nach den Reductionen Nikolaus Palanders gerade siebenundfünfzigtausendundsiebenunddreißig Toisen. Das war, fast um eine Toise, die im Jahre 1752 von Lacaille beim Cap der Guten Hoffnung gefundene Ziffer. Nach Verlauf eines Jahrhunderts waren der französische Astronom und die Mitglieder der englisch-russischen Commission so nahe mit einander in Uebereinstimmung gekommen.

Was die Geltung des Meters betrifft, so mußte man, um sie zu ermitteln, die Resultate der Operationen abwarten, welche später auf der nördlichen Hemisphäre vorgenommen werden sollten. Es sollte derselbe den zehnmillionsten Theil des Erdmeridianviertheils betragen. Nach den früheren Berechnungen machte dieses Viertheil, die Abplattung der Erde im Anschlag von 1/499,15??? berücksichtigt, zehn Millionen achthundertsechsundfünfzig Meter aus, was die Länge des Meters genau zu 0t,513074 ergab, oder drei Fuß elf Linien und zweihundertsechsundneunzig Tausendstel einer Linie. War diese Ziffer die richtige? Das mußte aus den späteren Arbeiten der anglo-russischen Commission sich ergeben.

*

Die geodätischen Operationen waren also vollständig zu Ende geführt. Die Astronomen waren mit ihrer Aufgabe fertig. Es blieb ihnen nur noch übrig, die Mündung des Zambese zu erreichen, in entgegengesetzter Richtung von der Linie, welche der Doctor Livingstone bei seiner zweiten Reise von 1858 bis 1864 verfolgt hatte.

Am 25. Mai, nach einer ziemlich beschwerlichen Reise, mitten in einem von reißenden Bächen durchschnittenen Lande kamen sie an den Wasserfällen an, welche in der Geographie unter dem Namen Victoria-Fälle bekannt sind.

Diese staunenswerthen Katarakte, von den Eingeborenen »Tosende Dunstwirbel« genannt, sind eine Meile breit, stürzen von einer Höhe herab, welche das Doppelte des Niagarafalles beträgt, und sind mit einem dreifachen Regenbogen geziert. Durch die tiefe Spalte des Basaltsteines entstand ein Getöse, das einem zwanzigfachen Donner zu vergleichen war.

Abwärts vom Katarakt, wo die Oberfläche des Flusses wieder ruhig ist, wartete bereits die Dampfschaluppe, welche auf einem Nebenfluß des Zambese bereits vor vierzehn Tagen angekommen war.

Alle stiegen hier ein, mit Ausnahme des Buschmanns und des Forlopers. Mokum war mehr als ein ergebener Führer, er war ein Freund, welchen die Engländer, und besonders Sir John auf dem afrikanischen Continent zurückließen. Sir John hatte demselben angeboten, ihn nach Europa mitzunehmen, und so lange, als es ihm belieben würde, als Gast zu bewirthen; aber Mokum hatte bereits andere Verbindlichkeiten zu erfüllen. Er mußte David Livingstone bei seiner zweiten Reise, welche der kühne Reisende demnächst an den Zambese vornehmen wollte, begleiten, und Mokum wollte ihm Wort halten.

Der Jäger blieb also zurück, wohl belohnt, und, was er noch höher anschlug, nach herzlicher Umarmung von Seiten der Europäer, die ihm so sehr verpflichtet waren. Die Schaluppe stieß vom Ufer ab, um in der Mitte des Stromes zu fahren.

Diese Hinabfahrt auf der raschen Schaluppe zwischen zahllosen Flecken längs seiner Ufer geschah ohne Beschwerden oder Unfall.

Die Eingeborenen staunten mit abergläubischer Bewunderung über das rauchende Boot, das durch unsichtbare Kraft auf den Wassern des Zambese trieb, und sie störten nicht im Mindesten die Fahrt.

Am 15. Juni, nach sechsmonatlicher Abwesenheit kamen der Oberst Everest und seine Gefährten zu Quillimane an, einer der bedeutendsten Städte an der Hauptmündung des Flusses.

Vor allen Dingen fragten sie den englischen Consul um Nachricht über den Krieg.

Der Krieg war noch nicht zu Ende, und Sebastopol hielt sich fortwährend gegen die englisch-französischen Armeen.

Diese Kunde war sehr niederschlagend, da man jetzt im Interesse der Wissenschaft so hübsch einig geworden war.

Ein österreichisches Handelsfahrzeug, Novara, war im Begriff, nach Suez abzufahren. Die Mitglieder der Commission beschlossen, auf demselben sich einzuschiffen.

Am 18. Juni, im Begriff unter Segel zu gehen, versammelte der Oberst seine Collegen, und sprach zu ihnen in ruhigem Ton folgendermaßen:

»Meine Herren, seit beinahe achtzehn Monaten leben wir zusammen und haben viel auszustehen gehabt; doch haben wir ein Werk vollbracht, womit das gelehrte Europa zufrieden sein wird. Gewiß hat sich daraus eine unerschütterliche Freundschaft unter uns entwickelt.«

Mathieu Strux verbeugte sich leicht, ohne zu antworten.

»Doch, fuhr der Oberst fort, dauert der Krieg zwischen Rußland und England leider noch fort. Bis daß Sebastopol in unsern Händen ist ...«

? Das wird nie der Fall sein! sagte Mathieu Strux ...

? Das wird die Zukunft lehren, erwiderte kalt der Oberst. Jedenfalls, und bis zum Ende dieses Krieges, denke ich, daß wir uns wieder als Feinde ansehen müssen ...

? Das wollte ich schon vorschlagen«, erwiderte der Astronom von Pulkowa.

Die Lage war klar gezeichnet, und unter diesen Umständen schifften sich die Mitglieder der Commission auf der Novara ein.

Nach einigen Tagen langten sie zu Suez an, und bei der Trennung sagte William Emery mit einem Händedruck zu Michel Zorn:

»Allezeit Freunde, Michel?

? Ja, lieber William, allezeit und trotz Allem!«

 

Ende.

 


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