Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

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Zwölftes Capitel. Eine Station im Sinne Sir John's

Endlich hatte man also den russischen Rechner wiedergefunden. Als man ihn fragte, wie er in diesen vier Tagen gelebt habe, konnte er es nicht sagen. Hatte er Bewußtsein von den Gefahren, in welchen er sich befand? Das war nicht wahrscheinlich. Als man ihm den Vorfall mit den Krokodilen erzählte, wollte er es nicht glauben und hielt die Sache für einen Scherz. Hatte er Hunger? Nicht im Mindesten. Er hatte sich von Ziffern genährt und so gut, daß er diesen Fehler in seiner Logarithmentabelle entdeckte.

In Gegenwart seiner Collegen wollte Mathieu Strux aus nationaler Eigenliebe seinem Landsmann keinen Vorwurf machen; doch hat man Grund zu glauben, daß der russische Astronom unter vier Augen einen derben Verweis von seinem Chef erhielt, nebst der Aufforderung, sich künftig nicht mehr von seinen logarithmischen Studien fortreißen zu lassen.

Die Operationen wurden sofort wieder aufgenommen, und einige Tage lang ging Alles nach Wunsch. Ein klares und reines Wetter begünstigte die Beobachtungen, sowohl bei der Winkelmessung der Stationen als bei den Zenithaldistanzen. Es wurden neue Dreiecke dem Netz hinzugefügt und ihre Winkel durch vervielfachte Beobachtung genau bestimmt.

Am 28. Juni hatten die Astronomen geodätisch die Basis ihres fünfzehnten Dreiecks erhalten. Ihrer Schätzung nach mußte dieses Dreieck das Stück des Meridians zwischen dem zweiten und dritten Grad umfassen. Um dasselbe völlig zu kennen, blieben noch die beiden anstoßenden Winkel zu messen, indem man auf eine an seiner Spitze gelegene Station visirte.

Dort bot sich indeß eine physische Schwierigkeit dar. Das Land, so weit man sehen konnte, war mit Gehölz bedeckt, und eignete sich nicht zur Errichtung von Signalen. Sein ziemlich starker Abfall von Süd nach Nord machte, wenn auch nicht die Aufstellung, so doch die Sichtbarkeit von Signalstangen schwierig. Ein einziger Punkt konnte zur Aufstellung einer Reverbere dienen, doch ziemlich entfernt. Es war die Spitze eines zwölfhundert bis dreizehnhundert Fuß hohen Berges, der ungefähr dreißig Meilen weit nordwestlich emporragte. Unter diesen Umständen würden also die Seiten des fünfzehnten Dreiecks über zwanzigtausend Toisen lang werden, eine Länge, die zuweilen bei trigonometrischen Vermessungen vierfach vorkommt; aber die Mitglieder der englisch-russischen Commission hatten sie noch nicht erreicht. Nach reiflicher Ueberlegung entschieden die Astronomen sich für die Aufstellung einer elektrischen Reverbere auf dieser Berghöhe, und entschlossen sich, Halt zu machen, bis das Signal errichtet sei. Der Oberst Everest, William Emery und Michel Zorn, begleitet von drei Matrosen und zwei durch den Foreloper angeführten Buschmännern, wurden nach der neuen Station abgeschickt, um den Leuchtspiegel, der für eine Nachtoperation dienen sollte, aufzustellen. Die Entfernung war zu groß in der That, um eine Beobachtung bei Tage mit hinreichender Sicherheit wagen zu können.

Die kleine Truppe brach am Morgen des 28. Juni auf, versehen mit Instrumenten, Apparaten und Lebensmitteln, welche Maulesel trugen. Der Oberst Everest rechnete darauf, erst am nächsten Morgen am Fuß des Berges anzukommen, und im Fall die Besteigung irgend welche Schwierigkeiten machte, konnte die Reverbere frühestens in der Nacht vom 29. zum 30. aufgestellt werden. Die im Lager zurückgebliebenen Beobachter durften also vor sechsunddreißig Stunden wenigstens nicht den Lichtpunkt ihres fünfzehnten Dreiecks suchen.

Während der Abwesenheit des Obersten Everest überließen sich Mathieu Strux und Nikolaus Palander ihren gewöhnlichen Beschäftigungen. Sir John Murray und der Buschmann durchstreiften die Umgegend des Lagers und erlegten einige dem Antilopengeschlecht angehörige Thiere, deren es so verschiedene in den südafrikanischen Gegenden giebt. Sir John fügte sogar seiner Jagdbeute eine Giraffe hinzu, ein schönes Thier, das in den nördlichen Gegenden selten, aber auf den südlichen Ebenen ziemlich allgemein ist. Die Giraffenjagd wird von den Kennern als ein schöner » sport« betrachtet. Sir John und der Buschmann trafen auf eine Heerde von zwanzig Stück, die sehr scheu waren und denen sie auf nicht mehr als fünfhundert Ellen nahe kommen konnten. Indessen trennte sich ein Weibchen von der Truppe und die beiden Jäger waren entschlossen, das Thier zu erlegen. Es entfloh in kurzem Trab, so daß man es leicht einholen konnte; als aber die Pferde Sir Johns und des Buschmanns sich beträchtlich genähert hatten, bog die Giraffe den Schwanz ein und floh mit außerordentlicher Schnelligkeit. Man mußte sie mehr als zwei Meilen weit verfolgen, bis endlich eine Kugel Sir Johns sie in die Schulter traf und zu Boden streckte. Es war ein prachtvolles Muster jener Gattung, von der die Römer sagten: »Pferd am Hals, Ochse an Beinen und Füßen, Kameel am Kopf«, und deren röthliches Haar weißgefleckt ist. Dieser merkwürdige Wiederkäuer maß nicht weniger als elf Fuß vom Huf bis an die Spitze seiner kleinen mit Haut und Haaren bedeckten Hörner.

Während der folgenden Nacht nahmen die beiden russischen Astronomen einige Sternhöhen auf, die ihnen dazu dienten, den Breitegrad ihres Lagers zu bestimmen.

Der 29. Juni verlief ohne Zwischenfall. Man erwartete die folgende Nacht mit einer gewissen Ungeduld, um die Spitze des fünfzehnten Dreiecks festzustellen. Die Nacht kam, eine Nacht ohne Mond, ohne Sterne, aber sehr trocken, und die kein Nebel trübte, eine demnach für die Aufstellung eines entfernten Lichtpunktes sehr günstige Nacht.

Alle Vorbereitungen waren getroffen worden, und das Augenglas der Winkelmaßscheibe, das während des Tages auf den Gipfel des Berges gerichtet gewesen, mußte schnell die elektrische Reverbere visiren, im Fall die Entfernung sie dem bloßen Auge unsichtbar gemacht hätte.

Die ganze Nacht vom 29. zum 30. hindurch lösten sich Mathieu Strux, Nikolaus Palander und Sir John Murray vor dem Instrument ab ... Doch blieb der Berggipfel unbemerkbar und kein Licht brannte auf der höchsten Spitze.

Die Beobachter schlossen daraus, daß die Besteigung auf ernsthafte Schwierigkeiten gestoßen sei, und daß der Oberst Everest den Bergkegel vor Tagesende nicht habe erreichen können. Sie verlegten also ihre Beobachtung auf die folgende Nacht, indem sie nicht daran zweifelten, daß der Lichtapparat während des Tages aufgestellt werden würde.

Aber wie groß war ihre Ueberraschung, als am 30. Juni gegen zwei Uhr Nachmittags der Oberst Everest und seine Begleiter, deren Rückkunft nicht geahnt wurde, im Lager wieder erschienen.

Sir John ging schnell seinen Collegen entgegen.

»Sie, Herr Oberst, rief er.

? Ich selbst, Sir John.

? Der Berg ist also unbesteigbar?

? Im Gegentheil, sehr gut besteigbar, antwortete der Oberst, doch wohl bewacht, versichere ich Sie. Deshalb kommen wir zurück, um Verstärkung zu holen.

? Was! Eingeborene?

? Ja, Eingeborene, und zwar vierfüßige mit schwarzer Mähne, die eins unserer Pferde verschlungen haben!«

In wenig Worten erzählte der Oberst seinen Collegen ihre Reise, die bis zum Fuß des Berges ganz gut von Statten gegangen war. Dieser Berg war, wie man dann erkannte, nur von der Südostseite aus zugänglich. Nun hatte aber gerade an dem einzigen Engpaß, der zu dieser Bergseite führte, eine Heerde Löwen ihren »Kraal«, wie es der Foreloper nannte, aufgeschlagen. Vergeblich hatte der Oberst Everest versucht, diese furchtbaren Thiere von da hinweg zu bringen; doch ungenügend bewaffnet, mußte er den Rückzug antreten, nachdem er ein Pferd verloren, welchem ein prachtvoller Löwe mit seinen Tatzen die Rippen zerbrochen hatte. Eine Erzählung der Art konnte Sir John und den Buschmann nur entflammen. Dieser »Löwenberg« war eine zu erobernde Station, eine Station, deren man außerdem unbedingt zu den geodätischen Arbeiten bedurfte. Die Gelegenheit, sich mit den furchtbarsten Creaturen der Katzenrace zu messen, war zu schön, um sie nicht zu benutzen, und die Expedition wurde augenblicklich organisirt.

Alle europäischen Gelehrten, ohne den friedfertigen Palander auszunehmen, wollten Theil daran nehmen; doch war es nöthig, daß einige im Lager zur Messung der an die Basis des neuen Dreiecks anstoßenden Winkel zurückblieben. Der Oberst Everest, welcher begriff, daß seine Gegenwart zur Controle der Operation nöthig war, beschloß mit den beiden russischen Astronomen zurück zu bleiben. Auf der andern Seite war kein Grund, Sir John zurückzuhalten. Das Detachement, bestimmt, den Zugang zum Berge zu erzwingen, bestand also aus Sir John, William Emery und Michel Zorn, deren Bitten ihre Chefs hatten nachgeben müssen, dann aus dem Buschmann, den nichts vermocht hätte, seinen Platz jemand abzutreten, und endlich aus drei Eingeborenen, deren Muth und Kaltblütigkeit Mokum kannte. Nachdem sie ihren Collegen die Hand gedrückt, verließen die drei Europäer gegen vier Uhr Nachmittags den Lagerplatz und vertieften sich in das Gehölz, in der Richtung des Berges. Sie spornten ihre Pferde, und um neun Uhr Abends hatten sie dreißig Meilen zurückgelegt.

Zwei Meilen vor dem Berge sprangen sie vom Pferde und machten sich ein Nachtlager zurecht. Kein Feuer wurde angezündet, denn Mokum wollte nicht die Aufmerksamkeit der Thiere auf sich ziehen, welche er bei Tage bekämpfen wollte, noch einen nächtlichen Angriff hervorrufen.

Während der ganzen Nacht hörte man fast unaufhörliches Gebrüll. Erst in der Dunkelheit verlassen diese schrecklichen Fleischfresser ihre Höhle und gehen auf Nahrung aus. Keiner der Jäger schlief nur eine Stunde, und der Buschmann benutzte diese Schlaflosigkeit, um ihnen einige Rathschläge zu ertheilen, welche seine Erfahrung werthvoll machte.

»Meine Herren, sagte er mit vollkommen ruhigem Tone, wenn sich der Oberst Everest nicht getäuscht hat, werden wir morgen mit einer Bande schwarzmähniger Löwen zu thun haben. Diese Thiere gehören der wildesten und gefährlichsten Race an. Wir müssen deshalb auf unserer Huth sein. Ich empfehle Ihnen an, dem ersten Sprung dieser Thiere, welche einen Satz von sechzehn bis zwanzig Schritte machen können, auszuweichen. Ist ihr erster Anlauf mißglückt, so kommt es selten vor, daß sie einen zweiten machen. Ich spreche aus Erfahrung. Da sie bei Tagesanbruch in ihre Höhle zurückkehren, werden wir sie dort angreifen. Sie werden sich aber vertheidigen und gut vertheidigen. Ich sage Ihnen, des Morgens sind die Löwen, da sie gut gesättigt, weniger wild und vielleicht auch weniger tapfer; das ist eine Frage des Magens. Es ist auch eine Ortsfrage, denn sie sind scheuer in Regionen, wo die Menschen sie unaufhörlich reizen. Doch hier, in diesem wilden Lande, werden sie die größte Wildheit haben. Ich empfehle Ihnen ebenfalls, meine Herren, ehe Sie schießen, gut die Distanz abzuschätzen. Lassen Sie das Thier sich nähern, zielen Sie auf die Schulter und feuern Sie sicher ab. Dann wollen wir auch die Pferde zurücklassen, da sie in der Gegenwart des Löwen scheu werden und die Sicherheit des Reiters gefährden. Zu Fuß wollen wir kämpfen, und ich hoffe, die Kaltblütigkeit wird Sie nicht im Stiche lassen.«

Die Begleiter des Buschmanns hatten schweigend dem Rathe des Jägers zugehört. Mokum war wieder der geduldige Mann der Jagd geworden. Er wußte, daß die Sache ernst werden würde. Wenn in der That der Löwe sich gewöhnlich nicht auf den Menschen wirft, der ihn nicht reizt, so erreicht doch seine Wuth den höchsten Grad, sobald er sich angegriffen sieht. Dann ist er ein furchtbares Thier, dem die Natur die Geschmeidigkeit zum Springen, die Kraft zum Zertrümmern, den Zorn, der ihn schrecklich macht, verliehen hat. Deshalb befahl der Buschmann den Europäern, und besonders Sir John, Kaltblütigkeit an, denn dieser ließ sich zuweilen von seiner Kühnheit hinreißen.

»Schießen Sie einen Löwen, wie Sie ein Rebhuhn schießen würden, ohne mehr Aufregung. Darin liegt Alles!«

Darin liegt wirklich Alles! Aber wer kann dafür einstehen, sein kaltes Blut in Gegenwart eines Löwen zu bewahren, wenn man nicht durch die Gewohnheit gestählt ist?

Um vier Uhr Morgens verließen die Jäger den Halteplatz, nachdem sie ihre Pferde in einem dichten Gehölz fest angebunden hatten. Es war noch nicht Tag, einige röthliche Streiflichter schimmerten durch den Nebel im Osten. Es herrschte noch tiefe Dunkelheit.

Der Buschmann rieth seinen Gefährten, ihre Waffen zu untersuchen. Er selbst und Sir John Murray, jeder mit einem Hinterlader bewaffnet, brauchten nur die Kupferpatrone in den Flintenlauf gleiten zu lassen, und zu probiren, ob der Hahn gut ging. Michel Zorn und William Emery, die gezogene Büchsen trugen, erneuten das Zündpulver, welches durch die Feuchtigkeit der Luft gelitten haben konnte. Was die drei Eingeborenen betraf, so waren sie mit Bogen aus Aloëholz versehen, die sie mit großer Geschicklichkeit handhabten. Wirklich war schon mehr als ein Löwe durch ihre Pfeile gefallen.

Die sechs Jäger, eine dichte Masse bildend, wandten sich dem Hohlwege zu, dessen Eingang die beiden jungen Gelehrten schon am vergangenen Abend erkannt hatten. Sie sprachen kein Wort und schritten zwischen den Stämmen des Hochwaldes hindurch, wie die Rothhäute unter dem Strauchwerk ihrer Wälder. Bald war die kleine Truppe an der engen Schlucht angekommen, die den Anfang des Hohlweges bildete. Hier begann ein schmaler Gang zwischen zwei Granitmauern, welcher zum Abhang der steilen Granitwand führte. In diesem Gange in der Mitte etwa befand sich an einer durch Einsturz erweiterten Stelle, die von der Löwentruppe bewohnte Höhle.

Der Buschmann ergriff nun folgende Maßregeln: Sir John Murray, einer der Eingeborenen und er sollten sich allein am oberen Rande des Hohlweges hinschleichen. Sie hofften so bis an die Höhle zu kommen, und die fürchterlichen Bewohner herauszutreiben, so daß sie bis an das untere Ende des Hohlweges gejagt würden. Dort sollten sich die beiden jungen Europäer nebst den beiden Buschmännern auf den Anstand stellen und die Fliehenden mit Bogen- und Flintenschüssen empfangen.

Der Ort eignete sich vorzüglich zu diesem Manoeuvre. Eine mächtige Sykomore stand dort, welche das benachbarte Gehölz überragte. Ihr vielfaches Gezweig bot einen sichern Posten dar, welchen die Löwen nicht erreichen konnten. Man weiß, daß diese Thiere nicht wie die ihnen geschlechtsverwandten Katzen die Fähigkeit besitzen, auf die Bäume zu klettern. Auf eine gewisse Höhe postirte Jäger konnten ihrem Sprunge ausweichen und unter günstigen Umständen auf sie schießen.

Das gefährliche Werk sollte also von Mokum, Sir John und einem der Eingeborenen ausgeführt werden. Auf eine Bemerkung William Emerys erwiderte der Jäger, es gehe nicht anders an, und bestand darauf, daß keine Aenderung in seiner Anordnung getroffen würde. Die jungen Leute fügten sich seinen Gründen.

Der Tag graute. Der Gipfel des Berges erglänzte wie eine Fackel unter dem Reflex der Sonnenstrahlen. Nachdem der Buschmann zugesehen, wie sich seine vier Begleiter auf den Zweigen der Sykomore zurechtgesetzt, gab er das Zeichen zum Fortgang. Sir John, der eine Buschmann und er stiegen bald den schlängelnden Fußpfad der rechten Wand des Hohlweges entlang.

Die drei kühnen Jäger kamen auf diese Weise fünfzig Schritte ungefähr vorwärts, wobei sie manchmal anhielten und den engen, vor ihnen liegenden Gang beobachteten. Der Buschmann zweifelte nicht, daß die Löwen, nach ihrem nächtlichen Ausflug in ihr Obdach zurückgekehrt seien, entweder um ihre Beute zu verschlingen oder der Ruhe zu genießen. Vielleicht konnte man sie schlafend überraschen, und schnell mit ihnen fertig werden. Eine Viertelstunde nachdem sie in den Eingang des Engpasses gedrungen, kamen Mokum und seine zwei Begleiter vor der Höhle an, wo Michel Zorn es ihnen angegeben hatte. Dort kauerten sie auf dem Boden und untersuchten das Lager der Thiere.

Es war eine ziemlich geräumige Höhlung, deren Tiefe man nicht schätzen konnte. Ueberreste von Thieren, Haufen von Knochen versperrten den Zugang. Man konnte sich nicht täuschen, es war der von dem Oberst Everest bezeichnete Zufluchtsort der Löwen.

In diesem Augenblicke jedoch schien, der Meinung des Jägers entgegen, die Höhle verlassen. Mokum kroch, die Flinte im Arme, auf den Knieen bis an den Eingang heran. Ein einziger Blick zeigte, daß sie leer sei. Dieser Umstand, auf den man nicht gerechnet, ließ ihn augenblicklich seinen Plan ändern. Seine von ihm herbeigerufenen Begleiter waren sofort bei ihm.

»Sir John, sagte der Jäger, unser Wild ist nicht in seinen Schlupfwinkel zurückgekehrt, aber es wird nicht lange mehr dauern, bis es kommt. Ich denke, wir thun gut, uns an seiner Stelle hier einzuquartieren. Es ist besser, belagert zu werden, als solche Patrone zu belagern, besonders wenn man eine Hilfsarmee an den Thoren des Platzes hat. Was halten Euer Gnaden davon?

? Ich denke wie Sie, Buschmann, antwortete Sir John Murray. Ich stehe unter Ihrem Befehl und gehorche Ihnen.«

Mokum, Sir John und der Eingeborene drangen in die Höhle ein. Dies war eine tiefe Grotte, besäet mit Knochen und blutigem Fleisch.

Nachdem man sich überzeugt, daß sie vollständig leer war, beeilten sich die Jäger, den Eingang vermittelst großer Steine zu verbarrikadiren, welche sie nicht ohne Mühe hinrollten und übereinander thürmten. Die Zwischenräume der Steine wurden mit trockenen Zweigen und Strauchwerk verstopft, mit welchem die Schlucht angefüllt war.

Diese Arbeit erforderte nur wenige Minuten, da der Eingang zur Grotte verhältnißmäßig schmal war. Dann postirten sich die Jäger hinter ihrer mit Schießscharten versehenen Barrikade und warteten.

Sie hatten nicht lange zu warten. Gegen ein Viertel auf Sechs erschienen ein Löwe und zwei Löwinnen hundert Schritte von der Höhle. Es waren sehr große Thiere. Der Löwe, seine schwarze Mähne schüttelnd und den Boden mit seinem Schweif fegend, trug zwischen den Zähnen eine ganze Antilope, welche er schüttelte, wie die Katze eine Maus. Dies schwere Wildpret hatte für seinen mächtigen Rachen kein Gewicht, und sein Kopf, so schwer die Last war, welche er trug, bewegte sich mit vollkommener Leichtigkeit. Die beiden Löwinnen, mit gelber Haut, begleiteten ihn springend.

Sir John ? Sr. Gnaden gestand es später, ? fühlte doch ein heftiges Herzklopfen. Sein Auge öffnete sich weit, seine Stirn zog sich in Falten, und er empfand eine Art krampfhafter Furcht, in welcher sich Erstaunen und Angst mischten; doch dauerte dies nicht lange, und er wurde schnell wieder Herr über sich. Was seine zwei Begleiter betraf, so waren sie so ruhig wie gewöhnlich.

Indessen hatte der Löwe und die zwei Löwinnen die Gefahr gewittert. Beim Anblick ihrer versperrten Höhle blieben sie stehen. Sie waren keine sechzig Schritt davon entfernt. Das Männchen stieß ein heiseres Gebrüll aus, und gefolgt von den zwei Weibchen warf es sich in ein Gebüsch rechts, ein wenig unterhalb des Ortes, wo die Jäger zuerst angehalten. Man sah die furchtbaren Thiere genau durch die Zweige, ihre gelben Leiber, ihre gespitzten Ohren und ihre glänzenden Augen.

»Die Rebhühner sind da, murmelte Sir John dem Buschmann ins Ohr; jedem das Seine.

? Nein, antwortete Mokum mit leiser Stimme, das Nest ist noch nicht vollständig beisammen, und das Schießen würde die andern erschrecken.

? Buschmann, bist Du Deines Pfeiles in dieser Entfernung sicher?

? Ja, Mokum, antwortete der Eingeborene.

? Nun dann, dem Männchen in die linke Seite, und triff ihn ins Herz!«

Der Buschmann spannte seinen Bogen und zielte aufmerksam durch das Strauchwerk. Der Pfeil flog schwirrend ab. Man vernahm ein Gebrüll; der Löwe machte einen Satz und fiel dreißig Schritte von der Höhle zu Boden. Dort blieb er bewegungslos liegen, und man konnte seine spitzen Zähne zwischen seinen bluthrothen Lefzen bemerken.

»Gut, Buschmann«, sagte der Jäger.

In diesem Augenblicke verließen die beiden Löwinnen das Dickicht und stürzten sich auf den Körper des Löwen. Auf ihr fürchterliches Brüllen erschienen zwei andere Löwen, von denen einer ein alter männlicher mit gelben Tatzen war, gefolgt von einer dritten Löwin, um die Ecke des Hohlweges. In erschrecklicher Wuth sträubten sich ihre schwarzen Mähnen riesenhaft. Sie sprangen auf mit unglaublich durchdringendem Gebrüll.

»Zu den Carabinern jetzt, rief der Buschmann, und schießen wir sie im Laufen, da sie sich nicht setzen wollen!«

Zwei Schüsse knallten; der eine Löwe, durch die Explosionskugel des Buschmanns in die Hüfte getroffen, fiel todt nieder. Der andere, dem Sir John eine Tatze zerschmetterte, stürzte sich auf die Barrikade. Die wüthenden Löwinnen folgten ihm.

Die erschrecklichen Thiere trachteten den Eingang zur Höhle zu erzwingen, und es wäre ihnen auch gelungen, wenn nicht eine Kugel sie aufgehalten hätte.

Der Buschmann, Sir John und der Eingeborene hatten sich ins Innere der Höhle zurückgezogen. Die Büchsen waren schnell wieder geladen, ein oder zwei glückliche Schüsse, und die wilden Bestien lagen vielleicht todt am Boden, als ein unvorhergesehener Umstand die drei Jäger in eine fürchterliche Lage versetzte.

Dichter Rauch erfüllte plötzlich die Höhle. Einer der Ladepfropfen, der in das trockene Gesträuch gefallen war, hatte dies in Flammen gesetzt. Bald umhüllte ein Flammenstrom, vom Wind angefacht, Menschen und Thiere. Die Löwen wichen zurück. Die Jäger konnten nicht länger in dieser Behausung bleiben, ohne sich in wenig Minuten dem Ersticken auszusetzen.

Es war eine gräßliche Lage; man durfte nicht zögern.

»Hinaus, hinaus!« schrie der Buschmann, der am Ersticken war.

Sofort warf man mit den Flintenkolben das Strauchwerk bei Seite, stieß die Steine fort und die drei halberstickten Jäger stürzten sich mitten durch den Rauchwirbel ins Freie.

Der Eingeborene und Sir John hatten kaum Zeit gehabt, zur Besinnung zu kommen, als beide zu Boden geworfen wurden, der Afrikaner durch einen Stoß mit dem Kopfe, der Engländer durch einen Schlag mit dem Schwanze der noch kräftigen Löwin. Der Eingeborene, gerade vor die Brust getroffen, blieb bewegungslos liegen. Sir John hielt sein Bein für zerschmettert, und fiel auf die Kniee. Aber als eben das Thier auf ihn loskam, ward es von einer Kugel des Buschmanns getroffen, die auf einem Knochen in seinem Körper explodirte.

In diesem Augenblick erschienen Michel Zorn, William Emery und die beiden Buschmänner an der Biegung des Engpasses, um zur rechten Zeit Theil am Kampfe zu nehmen. Zwei Löwen und ein Weibchen waren den tödtlichen Angriffen der Kugeln und Pfeile erlegen. Doch waren noch die überlebenden, die zwei andern Weibchen und das Männchen, dem ein Schuß Sir Johns die Tatze zerschmettert hatte, zu fürchten. Indessen thaten in diesem Augenblick die von sicherer Hand gehandhabten gezogenen Büchsen ihren Dienst. Eine zweite Löwin fiel, von zwei Kugeln im Kopf und in die Seite getroffen. Der verwundete Löwe und das dritte Weibchen machten darauf einen erstaunlichen Satz über die Köpfe der jungen Leute fort und verschwanden um die Biegung des Hohlweges, zum letzten Mal noch von zwei Kugeln und zwei Pfeilen begrüßt.

Sir John jubelte mit triumphirendem Hurrah, die Löwen waren besiegt. Vier Cadaver lagen auf dem Boden.

Jetzt bemühte man sich um Sir John, und mit Hilfe seiner Freunde konnte er aufstehen; glücklicherweise war sein Bein nicht gebrochen. Der Eingeborene, den ein Stoß mit dem Kopfe niedergeworfen hatte, kam nach einigen Minuten wieder zu sich, da ihn nur die Heftigkeit des Stoßes betäubt hatte ...

Eine Stunde später hatte die kleine Truppe das Gehölz wieder erreicht, wo die Pferde angebunden waren.

»Nun, sagte Mokum jetzt zu Sir John, ist Ew. Gnaden mit den afrikanischen Rebhühnern zufrieden?

? Entzückt, erwiderte Sir John, sein gequetschtes Bein reibend, entzückt! Aber was haben sie für einen Schweif, wackerer Buschmann, was für einen gewaltigen Schweif!«

Dreizehntes Capitel.
Mit Hilfe des Feuers

Währenddessen warteten der Oberst Everest und seine Collegen mit sehr natürlicher Ungeduld auf das Resultat des am Fuße des Berges bestandenen Kampfes.

Wenn die Jäger Erfolg hatten, so sollte sich in der Nacht der Lichtspiegel zeigen.

Mau begreift die Ungeduld, mit welcher die Gelehrten den Tag verbrachten. Ihre Instrumente waren bereit; man hatte sie auf den Berggipfel gerichtet, so daß man im Feld des Fernrohres auch den kleinsten Schimmer wahrgenommen hätte. Sollte sich dieser Schimmer aber zeigen?

Der Oberst Everest und Mathieu Strux genossen keinen Augenblick der Ruhe. Nur Nikolaus Palander, wie immer vertieft, vergaß in seinen Rechnungen, daß eine Gefahr seine Collegen bedrohe. Man werfe ihm nicht originellen Egoismus vor! ? Man konnte von ihm sagen, wie vom Mathematiker Bouvarel: »Er wird erst aufhören zu rechnen, wenn er aufhören wird zu leben.« Und vielleicht wird Nikolaus Palander zu leben aufhören, weil er aufhören wird zu rechnen!

Man muß indeß sagen, daß die beiden englischen und russischen Gelehrten wenigstens ebensoviel an die Ausführung ihrer Operationen, als an die Gefahren, die ihre Freunde liefen, dachten. Sie würden selbst diesen Gefahren getrotzt haben, eingedenk, daß sie der kämpfenden Wissenschaft angehörten. Doch beschäftigte sie das Resultat. Ein physisches Hinderniß konnte, wenn es nicht zu überwinden war, entschieden ihre Arbeiten aufhalten, oder wenigstens sie verzögern. Die Angst der beiden Astronomen während dieses endlosen Tages ist leicht zu begreifen. Endlich kam die Nacht. Der Oberst Everest und Mathieu Strux sollten jeder eine halbe Stunde lang beobachten, und stellten sich abwechselnd vor das Glas des Fernrohres. Mitten in der Finsterniß sprachen sie kein Wort, und lösten sich mit chronometrischer Pünktlichkeit ab. Jeder war ungeduldig gespannt, zuerst das Signal zu bemerken.

Die Stunden verflossen. Mitternacht war vorüber, und Nichts war auf dem finstern Bergkegel erschienen. Endlich, um drei Viertel drei Uhr Morgens, erhob sich der Oberst Everest kalt und sagte einfach nur:

»Das Signal!«

Das Glück hatte ihn zum großen Aerger seines russischen Collegen begünstigt, der selbst die Erscheinung der Reverberen bestätigen sollte. Doch bezwang sich Mathieu Strux und sprach kein Wort.

Die Aufnahme wurde nun mit ängstlicher Vorsicht genommen und nach wiederholten Beobachtungen ergab der gemessene Winkel 73° 58 42413. Man sieht, daß man dieses Maaß bis zum Tausendstel einer Secunde erhalten hatte, d. h. mit absoluter Genauigkeit.

Am folgenden Morgen, den 2. Juli, wurde das Lager bei Tagesgrauen abgebrochen. Der Oberst Everest wollte so bald als möglich bei seinen Begleitern sein, da es ihn drängte zu wissen, ob die Eroberung des Berges nicht zu theuer erkauft worden sei. Die Wagen machten sich unter Leitung des Forlopers auf den Weg, und zu Mittag waren alle Mitglieder der wissenschaftlichen Commission wieder beisammen; es fehlte Niemand. Die verschiedenen Vorfälle beim Kampf gegen die Löwen wurden erzählt und die Sieger warm beglückwünscht.

Im Verlauf des Morgens maßen Sir John Murray, Michel Zorn und William Emery von der Höhe des Berges die Winkel-Distanz einer neuen, einige Meilen westlich vom Meridian gelegenen Station. Die Operationen konnten also ohne Verzug fortgesetzt werden. Die Astronomen nahmen auch die Zenithalhöhe einiger Sterne auf, und berechneten die Breite des Bergkegels, woraus Nikolaus Palander schloß, daß ein zweites Stück des Meridianbogens von der Größe eines Grades durch die letzten trigonometrischen Messungen erlangt worden war. Es waren demnach in Summa zwei Grade von der Basis an, zu einer Reihe von fünfzehn Dreiecken abgeleitet.

Die Arbeiten wurden augenblicklich fortgesetzt und unter befriedigenden Verhältnissen erledigt; man konnte hoffen, daß kein physisches Hinderniß sich ihrer gänzlichen Vollendung entgegenstellen werde. Während fünf Wochen zeigte sich der Himmel den Beobachtungen günstig. Die etwas ungleiche Gegend eignete sich zur Errichtung von Lichtspiegeln. Unter Leitung des Buschmanns wurden die Lagerplätze regelrecht eingerichtet. An Lebensmitteln fehlte es niemals, da die Jäger der Karawane, Sir John an der Spitze, unaufhörlich die Karawane mit Fleisch versorgten. Der ehrenwerthe Engländer konnte nicht mehr die verschiedenen Antilopen oder Büffel zählen, die unter seinen Kugeln fielen. Alles ging aufs Beste, auch der allgemeine Gesundheitszustand war befriedigend. Das Wasser war in den Erdspalten noch nicht selten geworden. Endlich die Zwistigkeiten zwischen dem Oberst und Mathieu Strux schienen zur großen Freude ihrer Gefährten sich zu legen. Einer wetteiferte mit dem andern, und man konnte schon den bestimmten Erfolg voraussehen, als ein locales Hinderniß die Beobachtungen eine Weile hemmte, und die nationale Eifersucht aufs Neue anfachte.

Es war am 11. August. Seit dem vorigen Tage zog die Karawane durch eine waldige Landstrecke, worauf Forste und Schläge sich meilenweit aneinanderreihten. An diesem Morgen hielten die Wagen vor einem unendlichen Hochwalde, der sich weit über den Horizont hinaus erstreckte. Es giebt nichts Imposanteres, als diese grünen Massen, welche gleichsam einen hundert Fuß über dem Erdboden aufgehängten Vorhang bildeten. Keine Schilderung könnte von den schönen Bäumen eines afrikanischen Waldes ein richtiges Bild geben. Da trifft man im bunten Gemisch der verschiedensten Wohlgerüche, den » Gunda«, den » Mosokoso«, den » Mukomdu«, ein treffliches Schiffsbauholz, die dickstämmigen Ebenholzbäume vom schönsten Schwarz, den » Bauhinia« mit den Eisenfasern, » Buschneras« mit orangegelben Blüthen, prachtvolle » Roodeblatts« mit weißlichem Stamm und carmoisinrothem Laube, Tausende von » Gaïacs«, die zum Theil fünfzehn Fuß im Umfang maßen. Aus diesem tiefen Dickicht vernahm man ein großartiges Brausen, gleich dem Tosen der Brandung an sandiger Küste. Es war der Wind, welcher durch das mächtige Gezweig strich.

Auf eine Frage des Oberst Everest an den Jäger erwiderte dieser:

»Es ist der Ravuma-Wald!

? Wie breit ist er von Ost nach West?

? Fünfundvierzig Meilen.

? Und seine Tiefe von Süd nach Nord?

? Zehn Meilen ungefähr.

? Und wie werden wir durch diese dichte Baummasse kommen?

? Wir werden gar nicht durchkommen, antwortete der Jäger. Es bleibt uns nur übrig, den Wald entweder östlich oder westlich zu umgehen.«

Die Leiter der Expedition befanden sich, als sie diese so bestimmten Antworten des Buschmanns vernahmen, in großer Verlegenheit. Man konnte offenbar auf dem in diesem Walde vollständig flachen Terrain keinen Zielpunkt aufstellen. Ihn zu umgehen, d. h. sich zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen auf der einen oder andern Seite des Meridians zu entfernen, hieß die Arbeiten der Triangulation auffallend vermehren, da man zu der trigonometrischen Reihe vielleicht weitere zehn Hilfsdreiecke hinzuzufügen hatte. Es entstand also eine wirkliche Schwierigkeit, ein natürliches Hinderniß. Die Frage war wichtig und schwer zu entscheiden. Sobald das Lager im Schatten prächtiger Baumgruppen eine halbe Meile vom Saum des Waldes aufgeschlagen war, wurden die Astronomen zu einer Berathung versammelt, um einen Beschluß zu fassen! Die Frage, durch den unendlich dichten Baumstrich zu trianguliren, wurde sofort beseitigt, da es augenscheinlich war, daß man unter solchen Verhältnissen nicht operiren konnte. Es blieb also der Vorschlag, das Hinderniß rechts oder links zu umgehen, da. Die Entfernung war auf beiden Seiten ziemlich die gleiche, weil der Meridian den Wald mitten durchschnitt.

Die Mitglieder der anglo-russischen Commission beschlossen also, daß man diese unübersteigliche Schranke umgehen müsse; ob östlich oder westlich, darauf kam wenig an. Nun geschah es aber gerade, daß über diese nichtige Frage der Oberst Everest und Mathieu Strux heftig in Streit geriethen. Die beiden Nebenbuhler, die sich eine Zeit lang zurückgehalten, geriethen wieder in ihre frühere Feindseligkeit. Vergeblich suchten die Collegen zu vermitteln. Die beiden Chefs wollten nichts davon hören. Der Engländer bestand auf Rechts, da sich diese Richtung der von David Livingstone eingeschlagenen Route näherte, als er seine erste Reise nach den Wasserfällen des Zambese machte; und dies war auch ein vernünftiger Grund, denn diese bekanntere und besuchtere Gegend gewährte gewisse Vortheile. Der Russe dagegen stimmte für links, augenscheinlich nur um der Meinung des Oberst zu widersprechen. Der Streit ging ziemlich weit und drohte einen Bruch unter den Mitgliedern der Commission herbeizuführen.

Da Michel Zorn, William Emery, Sir John Murray und Nikolaus Palander Nichts thun konnten, so verließen sie die Conferenz und überließen die beiden Chefs ihrem Streit.

Der Tag verging, ohne irgend eine Annäherung der beiden entgegengesetzten Meinungen herbeigeführt zu haben.

Am folgenden Tage, dem 12. August, schlug Sir John, voraussehend, daß die beiden Eigensinnigen sich noch nicht vereinigen würden, dem Buschmann vor, die Umgegend zu durchstreifen. Während dieser Zeit würden die beiden Astronomen sich vielleicht verständigen. Auf jeden Fall war ein Stück frisches Wildpret nicht zu verachten.

Mokum, stets bereit, pfiff seinem Hunde Top, und die beiden Jäger wagten sich bis einige Meilen weit vom Lagerplatz, halb plaudernd, halb spähend, durch das Dickicht bis an den Saum des Hochwaldes.

Ganz natürlich drehte sich die Unterhaltung über den Vorfall, der die Fortsetzung der geodätischen Arbeiten hemmte.

»Ich denke, sagte der Buschmann, daß wir jetzt einige Zeit am Rand des Waldes von Ravuma campiren werden. Unsere beiden Chefs sind nicht nahe daran, einer dem andern nachzugeben. Ew. Gnaden erlauben mir diesen Vergleich, aber der eine zieht rechts und der andere links, wie Ochsen, die sich nicht verstehen, und auf diese Weise kann die Maschine nicht vorwärts gehen.

? Es ist ein ärgerlicher Umstand, antwortete Sir John Murray, und ich fürchte sehr, daß dieser Eigensinn eine vollständige Trennung herbeiführen wird. Wäre es nicht um das wissenschaftliche Interesse, so würde mich diese Astronomen-Rivalität ziemlich gleichgiltig lassen, mein braver Mokum. Die wildreichen Gegenden Afrikas besitzen Zerstreuung genug für mich, und bis zu dem Augenblick, wo sich die beiden Rivalen wieder vereinigt haben, werde ich das Land mit der Büchse in der Hand durchstreifen.

? Denken Ew. Gnaden aber, daß sie sich diesmal über diesen Punkt verständigen werden? Ich für meinen Theil erwarte es nicht, und, wie ich schon sagte, kann unser Halt sich ins Unbestimmte verlängern.

? Ich fürchte es, Mokum, antwortete Sir John. Unsere beiden Chefs streiten über eine leider unbedeutende Frage, die man wissenschaftlich nicht lösen kann. Sie haben Beide Recht und Beide Unrecht. Der Oberst Everest hat auf das Bestimmteste erklärt, daß er nicht nachgeben werde. Mathieu Strux hat geschworen, daß er den Anmaßungen des Oberst Widerstand leisten werde, und diese zwei Gelehrten, die sich ohne Zweifel einem wissenschaftlichen Argument gefügt haben würden, werden niemals in irgend einer bloßen Frage der Eigenliebe Nachgiebigkeit zeigen. Es ist wirklich im Interesse unserer Arbeiten zu bedauern, daß dieser Wald von unserm Meridian durchschnitten wird.

? Zum Teufel mit den Wäldern, versetzte der Buschmann, wenn es sich um solche Operationen handelt! Aber was haben auch diese Gelehrten dabei im Sinn, daß sie die Länge oder Breite der Erde ausmessen? Werden sie etwas davon haben, daß sie die Erde so auf Fuß und Zoll ausrechnen? Ich meines Theils, Ew. Gnaden, will lieber Nichts von diesen Dingen wissen! Ich will lieber den Erdball, den ich bewohne, für unendlich, unermeßlich halten, und ich meine, man setzt ihn herab, wenn man ihn so genau ausmißt. Nein, Sir John, ich könnte hundert Jahre leben, und würde den Nutzen Ihrer Operationen nicht einsehen.«

Sir John konnte sich des Lachens nicht enthalten. Er hatte diesen Gegenstand schon oft mit dem Jäger besprochen, und dies unwissende Naturkind, dieser freie Wanderer durch Wälder und Ebenen, dieser unerschrockene Treiber des Hochwildes konnte augenscheinlich das wissenschaftliche Interesse, welches mit einer Triangulation verbunden, nicht verstehen. Zuweilen hatte ihm Sir John zugesetzt, doch antwortete ihm der Buschmann mit Gründen voll wahrer Naturphilosophie, die er mit einer Art natürlicher Beredtsamkeit vorbrachte, deren ganzen Reiz jener als halber Gelehrter und halber Jäger zu würdigen verstand. So plaudernd, verfolgten Sir John und Mokum das kleine Wild der Ebenen, Berghasen, eine neue Art Nagethiere, die von Ogilly erkannt wurden, einige grellschreiende Regenvögel, und Schaaren Rebhühner mit braunem, gelbem und schwarzem Gefieder. Doch konnte man sagen, Sir John trug allein die Kosten dieser Jagd; der Buschmann schoß wenig; er schien sich über die Feindschaft der beiden Astronomen Gedanken zu machen, welche nothwendig den Erfolg der Expedition gefährden mußte. So mannigfach das Wildpret auch war, er beachtete es wenig.

In der That arbeitete ein, vorläufig noch unklarer Gedanke in dem Geist des Buschmanns, und nahm nach und nach eine bestimmtere Form in seinem Kopfe an. Sir John hörte, wie er mit sich selbst sprach, sich fragte, sich antwortete. Er sah ihn, wie er gleichgiltig gegen alles Wild, das in die Nähe kam, unbeweglich und in sich versenkt war, wie Nikolaus Palander beim Forschen nach einem Logarithmenfehler gewesen war. Doch respectirte Sir John diese Stimmung und wollte seinen Begleiter nicht einem so ernsten Nachdenken entreißen.

Zwei oder drei Mal des Tages näherte sich Mokum Sir John und sagte:

»So glauben Ew. Gnaden also, daß der Oberst Everest und Mathieu Strux sich nicht verständigen werden?«

Auf diese Frage antwortete Sir John unveränderlich, eine Verständigung scheine ihm schwierig, und es sei ein Bruch zwischen den Engländern und Russen zu befürchten.

Ein letztes Mal, gegen Abend, einige Meilen vom Lager, stellte Mokum dieselbe Frage und erhielt dieselbe Antwort. Dann fügte er hinzu:

»Nun wohl, Ew. Gnaden mögen sich beruhigen, ich habe ein Mittel gefunden, den beiden Gelehrten zu gleicher Zeit ihr Recht werden zu lassen!

? Wirklich? mein wackerer Jäger, antwortete Sir John, etwas überrascht.

? Ja! ich wiederhole es, Sir John; vor Morgen noch wird der Oberst Everest und Herr Strux keinen Grund zum Streit mehr haben, wenn der Wind günstig ist.

? Was wollen Sie damit sagen, Mokum?

? Ich weiß, was ich meine, Sir John.

? Nun gut, thun Sie so, Mokum, Sie würden sich um das gelehrte Europa verdient machen.

? Das ist viel Ehre für mich, Sir John«, antwortete der Buschmann, und ohne Zweifel seinen Plan überlegend, fügte er kein Wort mehr hinzu.

Sir John achtete diese Schweigsamkeit und verlangte keine Erklärung vom Buschmann. Aber wirklich konnte er nicht errathen, durch welches Mittel sein Begleiter die beiden Eigensinnigen vereinen zu können meinte, welche auf so lächerliche Weise den Erfolg des Unternehmens aufs Spiel setzten.

Die Jäger kehrten ins Lager gegen fünf Uhr Abends zurück. Man war in der Sache keinen Schritt vorwärts gekommen und das Verhältniß zwischen dem Russen und Engländer war nur noch feindlicher geworden. Die wiederholte Vermittlung Michel Zorns und William Emerys hatte kein Resultat gehabt. Persönliche Aufforderungen, bedauerliche gegenseitige Beschuldigungen, hatten jetzt jede Annäherung unmöglich gemacht. Es stand sogar zu befürchten, daß der auf solche Höhe getriebene Streit bis zu einer Herausforderung gehen würde. Die Zukunft des Unternehmens war also schon bis auf einen gewissen Punkt in Gefahr, sofern nicht jeder der beiden Gelehrten für sich allein die Messung fortsetzte. Die in diesem Fall unvermeidliche Trennung ging besonders den beiden jungen Männern zu Herzen, die so an einander gewöhnt und durch gegenseitige Sympathie eng mit einander verbunden waren.

Sir John begriff, was in ihnen vorging, errieth bald den Grund ihrer Traurigkeit. Vielleicht hätte er sie durch die Worte des Buschmanns beruhigen können, aber so viel Vertrauen er auch zu diesem letzteren hatte, wollte er seinen jungen Freunden doch keine vergebliche Freude bereiten, und entschloß sich bis zum nächsten Tage darauf zu warten, wie Mokum sein Versprechen erfüllen werde.

Dieser änderte während des Abends nichts an seinen gewöhnlichen Beschäftigungen. Er stellte die Wache für das Lager wie immer auf. Er überwachte die Wagen und ergriff alle für die Sicherheit der Karawane nothwendigen Maßregeln.

Sir John mußte glauben, der Jäger habe sein Versprechen vergessen. Ehe er zur Ruhe ging, wollte er wenigstens den Oberst Everest in Betreff des russischen Astronomen ausforschen. Der Oberst zeigte sich jedoch unerschütterlich, so ganz in seinem Recht, mit dem Beifügen, daß, im Fall Mathieu Strux nicht nachgeben wolle, die Engländer und Russen sich trennen müßten, da »es Dinge gebe, welche man nicht einmal von Seiten eines Kollegen sich gefallen lassen könne.«

Hierauf ging Sir John Murray, sehr beunruhigt, schlafen, und da er von der Jagd sehr ermüdet war, schlief er auch bald ein. Gegen elf Uhr Nachts wachte er plötzlich auf. Eine ungewöhnliche Bewegung hatte die Eingeborenen ergriffen. Sie liefen im Lager hin und her.

Sir John sprang sofort auf und fand schon seine Gefährten alle auf den Beinen.

Der Wald stand in Flammen! Was für ein Schauspiel! In dieser finstern Nacht, am schwarzen Himmelsgrunde, schien sich der Flammenvorhang bis in den Zenith empor zu ziehen! In einem Augenblick hatte sich das Feuer mehrere Meilen weit entwickelt.

Sir John Murray sah Mokum an, der unbeweglich neben ihm stand. Doch Mokum beantwortete diesen Blick nicht. Sir John hatte begriffen ? das Feuer sollte den Gelehrten einen Weg durch diesen Jahrhunderte alten Wald bahnen. Ein kräftiger Südwind begünstigte des Buschmanns Plan. Die wie aus einem Ventilator herausströmende Luft fachte das Feuer an und sättigte die sprühende Gluth mit Sauerstoff. Sie fachte die Flammen an, riß Feuerbrände, flammende Zweige, weißglühende Kohlen mit sich fort und verbreitete sie weiter in die dicksten Schläge, welche alsbald zu neuen Feuerstätten wurden. Der Schauplatz des Feuers vergrößerte und erweiterte sich immer mehr. Eine aufs Höchste gestiegene Hitze drang bis ans Lager. Das dürre unter dem dunkeln Laubwerk angesammelte Holz knisterte. Mitten im Flammenmeer erglänzten einzelne hellere Streifen, welche von den harzigen Bäumen herrührten, die wie Fackeln flammten. Das war ein wirkliches Knallen gleich Büchsenschüssen, ein Knistern und Prasseln, je nach der Natur der Baumgattung; das Holz von alten Eisenbaumstämmen platzte wie Bomben, und über All diesem der Widerschein dieses Riesenfeuers am Himmel. Die blutrothen Wolken schienen Feuer gefangen zu haben, als ob sich die Feuersbrunst bis zur Höhe des Firmaments erstreckt hätte. Funkengarben sprühten am schwarzen Himmelsgewölbe mitten durch dichte Rauchmassen. Dann vernahm man auf allen Seiten Heulen, Gelächter, Brüllen von Thieren. Schatten huschten vorüber, erschreckte Heerden, die nach allen Seiten hinflohen, große dunkle Gespenster, deren fürchterliches Brüllen sie in der Bande der Flüchtlinge verrieth. Ein entsetzlicher Schrecken trieb diese Hyänen, Büffel, Löwen, Elephanten bis an die äußersten Grenzen des finstern Horizontes.

Die Feuersbrunst dauerte die ganze Nacht, den folgenden Tag und auch noch die nächste Nacht. Und als der Morgen des 14. August erschien, war der Wald mehrere Meilen weit vom Feuer verzehrt, und zugänglich. Dem Meridian war Bahn gemacht, und für dies Mal die Zukunft der Triangulation durch die kühne That des Jägers Mokum gerettet.

Vierzehntes Capitel.
Eine Kriegserklärung

Die Arbeit wurde am selben Tage wieder aufgenommen. Jeder Vorwand zum Streit war verschwunden. Der Oberst Everest und Mathieu Strux versöhnten sich zwar nicht, doch nahmen sie zusammen die geodätischen Operationen wieder auf.

Auf der linken Seite dieser großen Oeffnung, die der Brand geschaffen, erhob sich ein sichtbarer Hügel, in einer Entfernung von ungefähr fünf Meilen. Sein Gipfel konnte zum Zielpunkt genommen werden und als Spitze des neuen Dreiecks dienen. Der Winkel, welchen er mit der letzten Station bildete, wurde ausgemessen, und am folgenden Tage bewegte sich die ganze Karawane durch den eingeäscherten Wald.

Es war ein mit Kohle gepflasterter Weg. Der Boden war noch glühend; Holzklötze rauchten hier und dort, und ein heißdampfender Brodem stieg auf. An vielen Stellen lagen verkohlte Cadaver von Thieren, die auf der Flucht überrascht, der Wuth des Feuers nicht mehr hatten entrinnen können. Schwarzer Rauch, welcher hier und da aufwirbelte, zeigte, daß noch einzelne theilweise Feuerstätten waren. Man konnte sogar glauben, das Feuer sei noch nicht erloschen, und durch den Wind, der sich bald wieder stärker erheben konnte, werde der Wald vollends zerstört werden.

Deshalb eilte die wissenschaftliche Commission ihren Weg vorwärts. Die Karawane war, wenn sie in einen Feuerkreis gerieth, verloren. Sie suchte rasch über den Schauplatz des Feuers hinweg zu kommen, dessen letzte Seitenwände noch brannten. Mokum trieb daher die Wagenführer an, und gegen Mitte des Tages wurde das Lager am Fuße des mit der Winkelmeßscheibe schon aufgenommenen Hügels errichtet.

Die Felsmasse, aus welcher diese Bodenerhöhung bestand, schien dort durch Menschenhand errichtet zu sein. Es war wie ein Dolmen, ein Haufen Druidensteine, welcher an diesem Ort einen Archäologen sehr in Ueberraschung versetzt hätte. Ein ungeheurer kegelförmiger Sandstein überragte das Ganze als Spitze dieses Monuments aus der Urzeit, welches ein afrikanischer Altar sein mußte. Die beiden jungen Astronomen und Sir John Murray wollten dieses seltsame Bauwerk beschauen und stiegen an einem Abhang des Hügels bis zum obern Plateau hinauf. Der Buschmann begleitete sie.

Die Besucher waren nur noch zwanzig Schritt vom Dolmen, als ein bis dahin hinter einem der Steine am Fuß desselben versteckter Mann einen Augenblick sich zeigte; dann rollte er den Hügel, so zu sagen über sich selbst, hinab und entzog sich den Blicken in einem von Feuer verschonten Dickicht.

Der Buschmann sah den Mann nur einen Augenblick, aber dieser genügte ihn zu erkennen. »Ein Makololo!« rief er aus, und eilte dem Flüchtling auf der Ferse nach.

Sir John, instinctmäßig mit fortgerissen, folgte seinem Freund, dem Jäger, und Beide durchstreiften das Holz, ohne den Eingeborenen zu Gesicht zu bekommen. Dieser hatte den Wald erreicht, dessen versteckteste Pfade er kannte, und der geschickteste Späher hätte ihn nicht einholen können. Sobald der Oberst Everest von diesem Vorfall Kenntniß erhielt, ließ er den Buschmann kommen und befragte ihn hierüber.

Wer war dieser Eingeborene? Was that er hier? Warum hatte er den Flüchtling verfolgt?

»Es ist ein Makololo, Herr Oberst, antwortete Mokum, ein Eingeborener von den Stämmen aus dem Norden, welche häufig die Nebenflüsse des Zambese besuchen. Es ist ein Feind, nicht allein von uns Buschmännern, sondern auch ein von allen Reisenden, die sich ins Innere Süd-Afrikas wagen, gefürchteter Räuber. Dieser Mensch spähte uns aus, und wir werden es vielleicht noch bedauern, daß wir seiner nicht habhaft werden konnten.

? Aber Buschmann, erwiderte der Oberst, was haben wir von einer Bande solcher Diebe zu befürchten? Sind wir nicht in hinreichender Anzahl, ihnen zu widerstehen?

? In diesem Augenblick, ja, antwortete der Erstere, doch begegnet man diesen Raubstämmen häufiger im Norden, und dort entgeht man ihnen schwer. Wenn dieser Makololo ein Spion ist, was ich nicht bezweifle, wird er nicht ermangeln uns einige hundert Räuber in den Weg zu bringen, und dann, Herr Oberst, gebe ich keinen Heller für all Ihre Triangel!«

Der Oberst war über diese Begegnung sehr betroffen. Er kannte den Buschmann als einen Mann, der die Gefahr nicht übertrieb, und wußte, daß man seinen Bemerkungen Glauben schenken konnte. Die Absichten des Eingeborenen konnten nur verdächtige sein; sein plötzliches Erscheinen, seine schnelle Flucht bewiesen, daß man ihn beim Spüren ertappt hatte. Es schien somit höchst wahrscheinlich, daß die Anwesenheit der englisch-russischen Commission den Nordstämmen sofort bekannt wurde. Es gab auf alle Fälle kein Mittel dagegen. Man beschloß nur den Marsch der Karawane mit größter Aufmerksamkeit zu beobachten, und die Vermessungsarbeiten wurden fortgesetzt.

Am 17. August hatte man einen dritten Grad des Meridians erhalten. Gute Breitebeobachtungen bestimmten genau den erreichten Punkt. Die Astronomen hatten nun drei Grade des Bogens gemessen, welche die Bildung von zweiundzwanzig Triangel vom Ende der südlichen Basis an, nöthig gemacht hatten. Die Untersuchung auf der Karte zeigte an, daß das Dorf Kolobeng nur ungefähr hundert Meilen nordöstlich vom Meridian lag. Die Astronomen beriethen miteinander und beschlossen, einige Tage in diesem Dorf auszuruhen, in welchem sie ohne Zweifel Nachrichten aus Europa erhalten würden. Seit sechs Monaten hatten sie die Ufer des Orange verlassen, und in den Einöden Süd-Afrikas verloren, waren sie ohne Verkehr mit der civilisirten Welt. Zu Kolobeng, einem ziemlich bedeutenden Dorfe und einer Hauptmissionsstation, konnten sie vielleicht das mit Europa zerrissene Band wieder anknüpfen. Hier sollte sich auch die Karawane von den Strapazen erholen und die Verproviantirung erneuern.

Der unerschütterliche Stein, welcher als Zielpunkt bei der letzten Beobachtung gedient hatte, wurde als Haltepunkt des ersten Theils der geodätischen Arbeit angenommen. An diesem feststehenden Signal sollten die nachfolgenden Beobachtungen aufs Neue beginnen, und seine Breite wurde deshalb genau festgesetzt. Der Oberst Everest, nachdem er sich dieses Merkzeichens versichert, gab das Zeichen zum Aufbruch, und die ganze Karawane nahm die Richtung von Kolobeng.

Am 22. August kamen die Europäer ohne allen Zwischenvorfall in diesem Dorfe an. Kolobeng besteht nur aus einem Haufen von Hütten der Eingeborenen und dem Missionshause. Es wird auch auf manchen Karten Litubaruba genannt, und hieß früher Lepelole. Dort wohnte der Doctor David Livingstone mehrere Monate im Jahre 1843, und machte sich mit den Sitten der Bechuanas vertraut, welche in diesem Theile Süd-Afrikas unter dem Namen Bakuins noch specieller bekannt sind.

Von den Missionären wurden die Mitglieder der wissenschaftlichen Commission sehr gastfreundlich empfangen und sie stellten ihnen alle Hilfsquellen des Landes zur Verfügung. Man konnte noch Livingstones Haus sehen, so wie es beim Besuch des Jägers Baldving war, das heißt, zerstört und ausgeplündert, denn die Boërs haben es bei ihrem Ueberfall 1852 nicht geschont.

Die Astronomen erkundigten sich, nachdem sie untergebracht waren, sofort nach Neuigkeiten aus Europa. Der Pater, welcher an der Spitze der Mission stand, konnte ihre Neugier jedoch nicht befriedigen, da seit sechs Monaten keine Botschaft an die Mission gekommen war. Doch erwartete man in einigen Tagen einen Eingeborenen, Ueberbringer von Journalen und Depeschen, dessen Ankunft an den Ufern des Zambese seit einiger Zeit angekündigt war. Der Meinung des Paters nach konnte sich die Ankunft dieses Couriers keine Woche mehr verzögern. Gerade so lange Zeit wollten die Astronomen der Ruhe widmen, und sie brachten diese Woche im vollständigsten » far niente« zu, während Nikolaus Palander sie benutzte, um alle seine Berechnungen durchzusehen.

Mathieu Strux verkehrte wenig mit seinem englischen Collegen und hielt sich scheu abseits. William Emery und Michel Zorn wandten ihre Zeit nützlich zu Spaziergängen in der Umgebung von Kolobeng an. Die schönste Freundschaft verband diese Beiden mit einander, und sie waren überzeugt, daß dieses auf gegenseitige Herzens- und Geistessympathie gegründete Freundschaftsband durch kein Ereigniß jemals zerrissen werden könne.

Am 30. August kam der so ungeduldig erwartete Bote an. Es war ein Eingeborener aus Kilmiane, einer Stadt an der Mündung des Zambese. Ein Kauffahrteischiff von der Insel Mauritius, welche mit Gummi und Elfenbein Handel treibt, hatte an dieser Stelle der Ostküste in den ersten Tagen des Juli angelegt und die Depeschen den Missionären von Kolobeng überbracht. Diese Depeschen waren mehr als zwei Monate alt, da der Eingeborene fast vier Wochen gebraucht hatte, den Zambese hinaufzufahren.

An diesem Tage ereignete sich ein Vorfall, der mit seinen Einzelheiten erzählt werden muß, denn seine Folgen gefährdeten ernstlich den Erfolg des wissenschaftlichen Unternehmens.

Der Vorstand der Mission übergab gleich nach der Ankunft des Boten dem Oberst Everest ein Packet europäischer Zeitungen. Die Mehrzahl der Journale waren »Times«, »Daily News« und »Journal des Débats«. Die Neuigkeiten, welche sie enthielten, hatten, wie man sehen wird, unter Umständen eine ganz besondere Wichtigkeit.

Die Mitglieder der Commission waren im Hauptsaal des Missionshauses versammelt. Der Oberst nahm aus dem Packet Zeitungen eine Nummer der »Daily News« vom 13. Mai 1854, um sie seinen Collegen vorzulesen.

Kaum hatte er jedoch den Titel des ersten Artikels gelesen, als seine Physiognomie sich plötzlich veränderte, seine Stirn sich faltete und das Blatt in seiner Hand zitterte. Nach einigen Augenblicken hatte er sich jedoch gesammelt und seine natürliche Ruhe wieder gefunden.

Sir John Murray erhob sich jetzt und wandte sich an den Oberst:

»Was sagt denn dies Journal?

? Ernste Nachrichten, meine Herren, antwortete Ersterer, ernste Nachrichten, die ich Ihnen mittheilen will!«

Seine Collegen konnten seine Haltung nicht mißverstehen, und erwarteten ungeduldig, daß er sich ausspräche.

Der Oberst stand auf und trat zum großen Erstaunen Aller zu Mathieu Strux heran, und sagte zu ihm:

»Ehe ich die in dieser Zeitung enthaltenen Nachrichten mittheile, mein Herr, wünsche ich eine Bemerkung zu Ihnen zu machen.

? Ich bin bereit, sie zu hören«, erwiderte der Russe.

Mit ernstem Tone sagte darauf der Erstere:

»Bisher, Herr Strux, haben uns mehr persönliche als wissenschaftliche Interessen getrennt und unsere Mitarbeiterschaft an einem Werke von gemeinsamem Interesse schwierig gemacht. Ich glaube, dieser Zustand der Dinge ist einzig dem Umstande zuzuschreiben, daß man uns Beide an die Spitze der Expedition gestellt hat. Dies verursachte zwischen uns ein beständiges Entgegenwirken, und ich meine, daß jedes Unternehmen, welcher Art es auch sei, nur einen einzigen Chef haben darf. Ist dies nicht auch Ihre Ansicht?«

Mathieu Strux neigte zum Zeichen der Zustimmung den Kopf.

»Herr Strux, nahm der Oberst wieder das Wort, in Folge veränderter Umstände wird sich diese peinliche Situation ändern. Doch erlauben Sie mir, Ihnen vorher zu sagen, mein Herr, daß ich für Sie eine große Achtung hege, die Achtung, welche Ihre Stellung in der gelehrten Welt verdient. Ich bitte Sie also zu glauben, daß ich Alles, was zwischen uns vorgefallen, herzlich bedauere.«

Dies sprach der Oberst mit großer Würde, sogar mit seltsamem Stolz. Man empfand keine Demüthigung in diesen so nobel ausgesprochenen Entschuldigungen.

Weder Mathieu Strux noch seine Collegen wußten, wo der Oberst damit hinauswollte, und konnten den Beweggrund, der ihn so zu handeln trieb, nicht errathen. Vielleicht war der russische Astronom, der nicht dieselben Gründe wie sein College hatte, sich so auszudrücken, weniger geneigt, seine persönlichen Empfindungen zu vergessen. Doch überwand er diese Abneigung und antwortete:

»Herr Oberst, ich denke wie Sie, daß unsere Rivalität, nach deren Ursprung ich einst nicht fragen will, in keinem Falle dem wissenschaftlichen Werke, mit welchem wir beauftragt sind, schaden darf. Ich empfinde gleichfalls für Sie die Achtung, welche Ihre Talente verdienen, und so viel als von mir abhängt, werde ich in unsern Beziehungen künftig meine Persönlichkeit bei Seite stellen. Doch sprachen Sie von einem Wechsel, den Umstände in unserer gegenseitigen Lage hervorbringen würden. Ich begreife nicht ...

? Sie werden bald begreifen, Herr Strux, antwortete der Oberst mit einem Tone, der einen Anflug von Traurigkeit hatte. Geben Sie mir jedoch zuvor Ihre Hand.

? Hier«, sagte Mathieu Strux nicht ohne leichte Zögerung.

Sie reichten einander die Hand, ohne ein Wort hinzuzufügen.

»Endlich sind Sie also Freunde! rief Sir John Murray aus.

? Nein, Sir John, antwortete der Oberst, indem er die Hand des Russen losließ, wir sind von jetzt ab Feinde, durch einen Abgrund getrennt! Feinde, die sich sogar nicht mehr auf dem Boden der Wissenschaft begegnen dürfen!«

Dann wandte er sich an seine Collegen und setzte hinzu:

»Meine Herren, der Krieg zwischen England und Rußland ist erklärt. Hier sind englische, russische und französische Zeitungen, welche die Erklärung bringen!«

In der That hatte in diesem Augenblicke der Krieg von 1854 begonnen. Die Engländer, mit den Franzosen und Türken verbunden, kämpften vor Sebastopol. Die orientalische Frage wurde mit Kanonenschüssen im Schwarzen Meere verhandelt.

Die letzten Worte des Oberst Everest wirkten wie ein Blitzstrahl. Der Eindruck war bei diesen Engländern und Russen, die in seltenem Grade Nationalitätsgefühl besitzen, ein heftiger. Sie standen rasch auf. Die bloßen Worte: »Der Krieg ist erklärt«, hatten genügt. Es waren nicht mehr Gefährten, Collegen, Gelehrte, zur Erfüllung eines wissenschaftlichen Werkes vereint, es waren Feinde, die sich schon mit Blicken maßen, so viel Einfluß haben diese Zweikämpfe zwischen Nation und Nation auf das Herz der Menschen. Eine unwillkürliche Bewegung trennte die Europäer von einander, sogar Nikolaus Palander unterlag dem allgemeinen Einflusse. Nur Michel Zorn und William Emery sahen einander vielleicht mit mehr Traurigkeit als Feindseligkeit an, und bedauerten, sich nicht einen letzten Händedruck vor der Mittheilung des Oberst gegeben zu haben.

Kein Wort wurde gesprochen. Nachdem man einen Gruß ausgetauscht, zogen sich Alle zurück.

Diese neue Situation, diese Trennung der beiden Parteien, mußte die Fortsetzung der Arbeiten schwierig machen, aber unterbrachen sie nicht. Jeder wollte im Interesse seines Landes weiter operiren. Dabei mußten jetzt die Messungen auf zwei verschiedene Meridiane übertragen werden. In einer Unterredung der beiden Chefs wurden die Details festgestellt. Das Loos entschied, daß die Russen auf dem schon laufenden Meridian zu arbeiten fortfahren sollten. Die Engländer sollten sechzig oder achtzig Meilen östlich einen neuen Bogen beginnen, den sie mit dem ersten durch eine Reihe Hilfsdreiecke verbinden würden; dann sollten sie die Vermessung bis zum zwanzigsten Breitegrade fortsetzen.

Alle diese Fragen wurden zwischen den beiden Gelehrten gelöst, ohne etwas Auffallendes herbeizuführen. Die persönliche Rivalität verschwand vor der nationalen. Mathieu Strux und der Oberst wechselten kein unfreundliches Wort und hielten sich in den Grenzen äußerster Höflichkeit.

Die Karawane sollte ebenfalls in zwei Trupp getheilt werden und sollte jeder Trupp sein Material behalten. Doch bestimmte das Loos den Russen den Besitz des Dampfbootes, das man in der That nicht theilen konnte.

Der den Engländern und besonders Sir John sehr anhängliche Buschmann ging mit der englischen Karawane. Der Forloper, ein ebenfalls sehr verständiger Mann, wurde an die Spitze der russischen Karawane gestellt. Jede Partei behielt ihre Instrumente, sowie eins der doppelten Register, in welche die Ziffernresultate der Operationen bisher eingetragen worden waren.

Am 31. August trennten sich die Mitglieder der ehemaligen internationalen Commission. Die Engländer gingen voran, um ihren neuen Meridian an der letzten Station anzuknüpfen. Sie verließen Kolobeng um acht Uhr Morgens, nachdem sie den Missionsbrüdern für die ihnen erwiesene Gastfreundschaft gedankt hatten.

Wenn einige Augenblicke vor der Abreise der Engländer einer der Missionäre in das Zimmer Michel Zorns getreten wäre, würde er gesehen haben, wie William Emery die Hand seines ehemaligen Freundes gedrückt, jetzt durch den Willen ihrer Majestäten, der Königin und des Czaren, sein Feind!

Fünfzehntes Capitel.
Ein neuer Grad

Die Trennung war vollzogen. Die Astronomen mußten jetzt bei den geodätischen Arbeiten angestrengter thätig sein, doch durfte die Operation selbst nicht darunter leiden. Dieselbe Genauigkeit, dieselbe Strenge, mußten auf die Vermessung des neuen Meridians verwandt, die Untersuchungen mit gleicher Sorgfalt gemacht werden. Nur konnten die drei englischen Gelehrten, sich in die Aufgabe theilend, weniger schnell und mehr ermüdend, vorwärts gehen. Was die Russen ihrerseits vollbringen wollten, gedachten sie gleichfalls auf dem neuen Meridian-Bogen zu thun. Die nationale Eigenliebe mußte ihnen im Nothfall bei dieser langen, mißlichen Aufgabe zu Hilfe kommen. Drei mußten die Arbeit von sechs verrichten, deshalb war jeder Gedanke und jede Minute für das Unternehmen nöthig. William Emery war so gezwungen, sich weniger seinen Träumereien, und Sir John Murray weniger seinen Studien des südafrikanischen Wildes zu überlassen.

Man stellte sofort ein neues Programm, das jedem der drei Astronomen seinen Antheil der Arbeit zuwies, fest. Sir John und der Oberst nahmen die zenithalen und geodätischen Beobachtungen auf sich. William Emery ersetzte Nikolaus Palander in der Function des Rechnens. Natürlich entschied man die Wahl der Stationen, die Aufstellung der Zielpunkte gemeinsam, und eine Uneinigkeit stand unter diesen drei Gelehrten nicht zu befürchten.

Der brave Mokum blieb wie vorher der Jäger und Führer der Karawane. Die sechs englischen Matrosen, aus denen die Mannschaft der »Königin und Czar« bestand, waren natürlich ihrem Chef gefolgt, und während das Dampfboot den Russen geblieben war, bildete das zur Fahrt auf einfachen Landgewässern hinreichende Kautschukboot einen Theil des englischen Materials. Die Wagen hatte man der Natur der Verproviantirungen zufolge getheilt, und so war also für die Lebensmittel und selbst für die Bequemlichkeit der beiden Karawanen gesorgt. Die unter dem Befehl des Buschmanns stehenden Eingeborenen hatten sich ebenfalls in zwei gleiche Hälften getheilt, wobei diese durch ihre Haltung ihr Mißfallen bei der Trennung bezeugten. Vielleicht hatten sie vom Standpunkt der allgemeinen Sicherheit aus Recht. Die Buschmänner sahen sich aus ihren bekannten Regionen fortgerissen, fort von den Weideplätzen und Gewässern, die sie gewöhnlich besuchten, in eine nördliche Gegend, worin zahlreiche umherziehende, den Süd-Afrikanern unglücklicherweise feindliche Stämme umherzogen, und deshalb paßte es ihnen wenig, ihre Kräfte zu zersplittern. Doch hatten sie endlich mit Hilfe des Buschmanns und des Forlopers in die Zutheilung an die zwei Karawanen gewilligt, die überdem, ? und das war der Grund, der sie dazu geneigter stimmte ? in nicht zu weiter Entfernung von einander in derselben Region operiren sollten.

Als die Truppe des Oberst Everest am 31. August Kolobeng verließ, wandte sie sich nach dem Dolmen, der als Zielpunkt bei den letzten Beobachtungen gedient hatte. Sie kamen also in den niedergebrannten Wald und an den Hügel zurück. Am 2. September nahm man die Operationen wieder auf und ein großer Triangel, dessen Spitze sich auf der linken Seite an eine, auf einer Bodenerhöhung errichteten Signalstange anlehnte, gestattete den Beobachtungen, sich sofort zehn bis zwölf Meilen westlich vom alten Meridian zu begeben.

Sechs Tage später, am 8. September, war die Reihe der Hilfsdreiecke vollendet, und der Oberst Everest wählte in Uebereinstimmung mit seinen Collegen und nach Besichtigung der Karten, seinen neuen Meridianbogen, welchen fernere Messungen bis zum zwanzigsten Grad südlicher Breite fortführen sollten. Dieser Meridian lag einen Grad westlich vom ersteren; es war der dreiundzwanzigste, östlich vom Meridian von Greenwich aus gezählt. So operirten die Engländer nur sechzig Meilen entfernt von den Russen, doch genügte diese Entfernung, um das Kreuzen ihrer Triangel zu verhindern. Unter solchen Umständen war es unwahrscheinlich, daß die beiden Parteien bei ihren trigonometrischen Messungen auf einander trafen, und demzufolge ebenso unwahrscheinlich, daß die Wahl eines Zielpunktes der Grund zu einem Streit oder bedauernswerthen Conflict wurde.

Das Land, welches die Engländer während des Monats September durchzogen, war fruchtbar und uneben, doch wenig bevölkert. Es begünstigte den Zug der Karawane; und da der Himmel sehr klar, wolken- und nebellos war, konnte man leicht Beobachtungen machen. Wenig größere Wälder, Buschwerk in weiter Ausdehnung, große Ebenen, die hier und da Bodenanschwellungen zeigten, welche sich zur Aufstellung von Zielpunkten eigneten, unter reger Thätigkeit der Instrumente bei Tag und Nacht. Außerdem war es eine bewundernswürdige, an allen Naturprodukten ergiebige Gegend. Die meisten Blumen zogen durch ihren starken Geruch Schwärme von Käfern an, und insbesondere eine Art Bienen, die sich wenig von den europäischen unterschied, erzeugten in Fels- oder Baumspalten einen weißen, sehr flüssigen und köstlich schmeckenden Honig. Einige große Thiere wagten sich zuweilen Nachts in die Nähe des Lagers. Es waren Giraffen, verschiedene Antilopenarten, einige reißende, wilde Hyänen oder Rhinoceros, auch Elephanten. Doch wollte sich Sir John nicht mehr zerstreuen lassen. Seine Hand führte jetzt das Fernglas des Astronomen und nicht mehr die Büchse des Jägers.

Unter solchen Verhältnissen versahen Mokum und einige Eingeborene das Amt der Lieferanten, doch kann man denken, wie bei ihrem Schießen Seiner Gnaden das Herz klopfte. Unter des Buschmanns Schüssen fielen zwei oder drei große Büffel der Prärien, die Bokolokolos der Betjuanas, die vom Maul bis zum Schwanz vier Meter und vom Huf bis zur Schulter zwei Meter messen. Ihre schwarze Haut hat einen bläulichen Schimmer. Es waren mächtige Thiere mit kurzen, kräftigen Gliedern, kleinem Kopf, wilden Augen, die Stirn mit starken, schwarzen Hörnern geschmückt. Ein trefflicher Zuwachs von frischem Wildpret, welches Abwechslungen in die gewöhnliche Mahlzeit der Karawane brachte. Die Eingeborenen bereiteten das Fleisch derart zu, daß man es, gleich dem Pemmican der Indianer des Nordens, unendlich lange aufheben konnte. Die Europäer verfolgten diese kulinarische Operation mit Interesse, nachdem sie Anfangs einigen Widerwillen dagegen empfunden. Das Büffelfleisch wurde, nachdem es in dünne Streifen geschnitten und an der Sonne getrocknet worden, in eine gegerbte Haut gewickelt und dann mit Dreschflegeln bearbeitet, wodurch das Fleisch in eine pulverisirte Masse verwandelt wurde. Dieser in Ledersäcke fest verpackte Staub wurde darauf mit kochendem vom Thiere selbst gewonnenem Fett befeuchtet. Diesem, wie man zugeben muß, etwas talgigen Fett, fügten die afrikanischen Köche feines Mark und einige Strauchbeeren hinzu, deren Zuckerstoff sich, wie es schien, mit dem Stickstoff des Fleisches verbinden sollte. Dann wurde das Ganze gemischt, gestampft, geschlagen, bis es sich zu einem Kuchen geformt hatte, dessen Härte in erkaltetem Zustande dem Steine gleichkam. Die Zubereitung war beendigt, und Mokum bat die Herren, dies Gemisch zu kosten. Diese gaben den Bitten des Jägers nach, der auf seinen Pemmican wie auf ein Nationalgericht hielt. Die ersten Bissen kamen den Engländern widerlich vor; doch bald fanden sie Geschmack an diesem afrikanischen Pudding, und wurden dann große Liebhaber desselben. Es war wirklich eine sehr stärkende Nahrung, und für eine in einem fremden, unbekannten Lande umherziehende Karawane, der die frischen Lebensmittel fehlen konnten, sehr geeignet; eine nahrhafte, leicht transportierbare, unveränderliche Masse, die in einem kleinen Umfange eine große Menge nahrhafter Stoffe enthielt. Dank dem Jäger bekamen sie bald einen Vorrath von Pemmican, welcher mehrere hundert Pfund betrug, wodurch das Bedürfniß für die Zukunft gesichert wurde. So vergingen die Tage, und die Nächte wurden zu Beobachtungen verwendet. William Emery gedachte stets seines Freundes Michel Zorn und beklagte das Schicksal, das in einem Augenblick die Bande engster Freundschaft zerriß. Ja, Michel Zorn fehlte ihm, und sein Herz, stets von den Eindrücken, welche diese erhabene und wilde Natur hervorbrachte, erfüllt, wußte nicht, wohin sich ergießen. Dann versenkte er sich in seine Rechnungen und flüchtete sich in seine Zahlen mit der zähen Ausdauer eines Palander, und so verflossen die Stunden. Der Oberst Everest war derselbe Mann mit dem kalten Temperamente, der nur für trigonometrische Operationen Leidenschaft hatte. Sir John bedauerte offen seine ehemalige halbe Freiheit, doch hütete er sich wohl, darüber zu klagen.

Dennoch gestattete das Glück Seiner Gnaden sich von Zeit zu Zeit zu erholen. Hatte er auch nicht mehr die Zeit, das Gehölz zu durchstreifen und das Hochwild zu jagen, so nahmen sich doch bei gewissen Gelegenheiten die Thiere die Mühe, zu ihm zu kommen und seine Beobachtungen zu unterbrechen. In diesem Fall war der Jäger und der Gelehrte nur eins in ihm. Sir John befand sich im Zustand gesetzlicher Vertheidigung, und in einem solchen Falle hatte er ein ernsthaftes Zusammentreffen mit einem alten Rhinoceros aus der Umgegend. Es war am 12. September, und das Abenteuer kam ihm ziemlich theuer zu stehen, wie man sehen wird.

Seit einiger Zeit schon strich das Thier um die Karawane herum. Es war ein ungeheurer »Chucuroo«, wie die Buschmänner diesen Dickhäuter nennen. Er maß vierzehn Fuß in der Länge und sechs in der Höhe und an seiner schwarzen Hautfarbe, die weniger runzlich war als die seiner asiatischen Brüder, hatte der Buschmann erkannt, daß es ein gefährliches Thier war. Die schwarzen Arten sind in der That behender und feindseliger als die weißen, und sie greifen ohne Herausforderung Thiere wie Menschen an.

An diesem Tage ging Sir John Murray in Begleitung Mokums sechs Meilen von der Station, um eine Anhöhe in Augenschein zu nehmen, auf welche der Oberst einen Pfahl zum Zielpunkt errichten wollte. Eine Ahnung trieb ihn, seine Spitzkugel-Büchse mitzunehmen, und nicht sein einfaches Jagdgewehr. Obgleich sich das Rhinoceros seit zwei Tagen nicht gezeigt hatte, wollte Sir John doch nicht unbewaffnet ein unbekanntes Land durchstreifen.

Mokum und seine Kameraden hatten erfolglos Jagd auf den Dickhäuter gemacht, und es war möglich, daß das Thier seine Pläne noch nicht aufgegeben hatte.

Sir John bereute es nicht, als kluger Mann gehandelt zu haben. Er war mit seinem Begleiter bis zur angegebenen Höhe ohne Unfall gekommen, und hatte dieselbe bis zur steilsten Spitze erklommen, als am Fuß des Hügels, am Saume eines niedrigen und nicht sehr dichten Gehölzes der »Chucuroo« plötzlich erschien. Niemals hatte ihn Sir John so in der Nähe gesehen. Es war wirklich ein ungeheures Thier. Seine kleinen Augen funkelten, seine geraden, nach hinten zu ein wenig gebogenen Hörner, eins vor dem andern stehend, von ziemlich gleicher Länge, vielleicht zwei Fuß groß und fest in der Knochenmasse der Nasenlöcher verwachsen, bildeten eine schreckliche Waffe.

Der Buschmann bemerkte das Thier zuerst, wie es eine halbe Meile entfernt unter einem Mastixgebüsch lag.

»Sir John, sagte er sofort, das Glück begünstigt Euer Gnaden! Da ist der Chucuroo!

? Das Rhinoceros! rief Sir John aus, dessen Augen sich plötzlich belebten.

? Ja, Sir John, antwortete der Jäger. Es ist, wie Sie sehen, ein prachtvolles Thier, das, wie es scheint, sehr geneigt ist, uns den Rückzug abzuschneiden. Warum dieser Chucuroo sich so an unsere Fersen heftet, begreife ich nicht, denn es ist nur ein einfacher Pflanzenfresser; aber er ist nun einmal da, dort in dem Gebüsch, und wir müssen ihn herausbringen.

? Kann er bis zu uns herauf? fragte Sir John.

? Nein, Euer Gnaden, antwortete der Buschmann. Der Abhang ist zu steil für seine kurzen, untersetzten Gliedmaßen. Auch wird er warten!

? Nun wohl, so mag er warten, sagte Ersterer, und wenn wir unsere Station untersucht haben, werden wir diesen unbequemen Nachbar ausquartieren.«

Sir John Murray und Mokum nahmen ihre einen Augenblick unterbrochene Untersuchung wieder auf. Sie beobachteten mit größter Sorgfalt die obere Lage des Hügels und wählten den Platz zur Aufstellung der Signalstange aus. Andere ziemlich bedeutende Anhöhen im Nordwesten mußten die Errichtung neuer Dreiecke außerordentlich begünstigen.

Als die Arbeit beendet war, sagte Sir John zum Buschmann:

»Wenn es Ihnen jetzt beliebt, Mokum.

? Ich stehe Euer Gnaden zu Befehl.

? Wartet das Rhinoceros immer noch?

? Immer noch.

? So wollen wir herabsteigen, und so gewaltig dies Thier auch sein mag, so wird eine Kugel aus meiner Büchse schon mit ihm fertig werden.

? Einer Kugel! rief der Buschmann aus, Euer Gnaden wissen nicht, was ein Chucuroo ist. Diese Thiere haben ein zähes Leben, und niemals hat man ein Rhinoceros durch eine, noch so geschickt abgeschossene Kugel fallen sehen.

? Bah! machte Sir John, weil man keine Spitzkugeln gebrauchte!

? Spitze oder runde, antwortete Ersterer, die erste Kugel wird ein solches Thier nicht niederstrecken.

? Nun gut, mein tapferer Mokum, versetzte Sir John, mit dem Selbstgefühl eines Jägers; ich werde Ihnen zeigen, was unsere europäischen Waffen vermögen, weil Sie daran zweifeln!«

Und bei diesen Worten lud Sir John seine Büchse, bereit Feuer zu geben, sobald die Entfernung ihm passend erschiene.

»Ein Wort, Euer Gnaden! sagte der Buschmann, ein wenig ärgerlich, und hielt seinen Gefährten durch einen Wink zurück. Würden Euer Gnaden wohl eine Wette mit mir eingehen?

? Warum nicht, wackerer Jäger?

? Ich bin nicht reich, sagte Mokum, doch würde ich gern ein Pfund gegen die erste Kugel Euer Gnaden wagen.

? Abgemacht, versetzte Sir John sofort. Ein Pfund für Sie, wenn dies Rhinoceros nicht unter meiner ersten Kugel fällt!

? Gilts die Wette? sagte der Buschmann.

? Es gilt.«

Die beiden Jäger stiegen den steilen Abhang des Hügels hinab und hatten bald fünfhundert Schritt vom Chucuroo Posto gefaßt, der unbeweglich liegen blieb. Er bot sich also Sir Johns Augen unter den günstigsten Verhältnissen dar, der ihn nach Belieben aufs Korn nehmen konnte. Der Engländer glaubte selbst so leichtes Spiel zu haben, daß er in dem Augenblick, wo er zu schießen im Begriff war, dem Buschmann Zeit geben wollte, seine Wette zurückzunehmen, deshalb sagte er:

»Es bleibt noch dabei?

? Es bleibt dabei!« antwortete ruhig Mokum.

Das Rhinoceros blieb unbeweglich wie eine Schießscheibe. Sir John blieb die Wahl der Stelle, wo er ihn treffen wollte, um einen sofortigen Tod herbeizuführen. Er entschloß sich, ihm ins Maul zu schießen, und da sein Jägerselbstgefühl ihn anfeuerte, zielte er mit größter Genauigkeit, welche der Unfehlbarkeit seiner Waffe zu Hilfe kommen sollte.

Der Schuß knallte. Doch traf die Kugel statt des Fleisches auf das Horn des Rhinoceros und zerschmetterte die Spitze desselben. Das Thier schien nicht ein Mal den Schlag bemerkt zu haben.

»Dieser Schuß zählt nicht, sagte der Buschmann, Euer Gnaden hat das Fleisch nicht berührt.

? Doch, doch, erwiderte Sir John, ein wenig bestürzt. Der Schuß zählt, Buschmann, ich habe ein Pfund verloren; doch wette ich noch einmal doppelt oder quitt!

? Wie Sie wollen, Sir John, doch werden Sie verlieren!

? Das wollen wir bald sehen!«

Die Büchse wurde sorgfältig wieder geladen, und Sir John zielte dem Chucuroo in die obere Hüfte und feuerte seinen zweiten Schuß. Doch traf die Kugel die Stelle in der Haut, wo dieselbe aus übereinanderliegenden Hornschichten besteht, und fiel deshalb ungeachtet der Kraft ihres Anpralls zur Erde. Das Rhinoceros rührte sich und rückte einige Schritte fort.

»Zwei Pfund, sagte Mokum.

? Halten Sie diese? fragte Sir John.

? Gern.«

Diesmal nahm Sir John, der nun zornig zu werden begann, all seine Kaltblütigkeit zusammen und zielte auf die Stirn des Thieres; die Kugel schlug auf die gezielte Stelle, sprang aber wieder zurück, als hätte sie eine Metallplatte getroffen.

»Vier Pfund, sagte ruhig der Buschmann.

? Und noch vier!« schrie Sir John außer sich.

Dies Mal drang die Kugel in die Hüfte des Rhinoceros, welches einen fürchterlichen Satz machte; doch statt todt niederzustürzen, warf es sich mit unbeschreiblicher Wuth in das Gebüsch und zerstörte dasselbe.

»Ich glaube, es bewegt sich noch etwas, Sir John«, sagte einfach der Jäger. Dieser kannte sich vor Aerger nicht mehr. Seine Kaltblütigkeit hatte ihn gänzlich verlassen. Die acht Pfund, welche er dem Buschmann schuldete, setzte er auf eine fünfte Kugel. Er verlor abermals, verdoppelte, verdoppelte immer wieder den Einsatz, bis endlich beim neunten Schuß der lebenszähe Dickhäuter, ins Herz getroffen, fiel, um sich nicht wieder zu erheben.

Jetzt stieß Sr. Gnaden ein Hurrah aus! Seine Wette, seine Enttäuschung, Alles hatte er vergessen und erinnerte sich nur an Eins! er hatte ein Rhinoceros getödtet. Aber, wie er später zu seinen Collegen vom Jagdclub in London sagte: »Es war ein theures Thier!«

Und wirklich hatte es ihm nicht weniger als sechsunddreißig Pfund gekostet, eine beträchtliche Summe, die der Buschmann mit gewohnter Ruhe einkassirte.

Sechzehntes Capitel.
Verschiedene Vorfälle

Zu Ende des Monats September waren die Astronomen einen Grad nördlich weiter gekommen. Der schon durch zweiunddreißig Dreiecke gemessene Theil des Meridians erstreckte sich nun auf vier Grade, und das war die Hälfte der Aufgabe. Die drei Gelehrten arbeiteten mit außerordentlichem Eifer, doch da ihrer nur noch drei waren, empfanden sie oft solche Müdigkeit, daß sie ihre Arbeit für einige Tage einstellen mußten. Die Hitze war sehr groß und wahrhaft erdrückend.

Der Monat October in der südlichen Hemisphäre ist dem Monat April der nördlichen gleich, und unter dem vierundzwanzigsten südlichen Breitegrade herrscht die hohe Temperatur der algerischen Regionen. In den Nachmittagsstunden konnte man keine Arbeit vornehmen, und die trigonometrischen Operationen erlitten dadurch eine Verzögerung, die hauptsächlich den Buschmann beunruhigte und zwar aus folgendem Grunde:

Nördlich vom Meridian, hundert Meilen von der letzt errichteten Station, durchschnitt dieser Bogen eine Gegend von eigenthümlicher Beschaffenheit, ein »Karrou« in der Sprache der Eingeborenen, ähnlich der am Fuß der Roggeveld-Berge in der Capcolonie. In der feuchten Jahreszeit bietet diese Gegend überall Zeichen größter Fruchtbarkeit; nach einigen Regentagen ist der Boden mit dichtem Grün bedeckt; überall sprießen Blumen; in kurzer Zeit schießen Pflanzen hervor. Weideplätze bedecken sich vor unseren Augen mit dichtem Gras; es bilden sich reißende Bäche; Antilopenheerden steigen von den Höhen herab und ergreifen von diesen improvisirten Prairien Besitz. Doch diese merkwürdige Triebkraft der Natur dauert nur kurze Zeit. Kaum ein Monat, höchstens sechs Wochen sind verflossen, und die ganze Feuchtigkeit der Erde, durch die Sonnenstrahlen aufgezogen, ist in der Luft verdunstet. Der Boden verhärtet sich und erstickt die neuen Keime; die Vegetation verschwindet in wenig Tagen; die Thiere fliehen die unbewohnbar gewordene Landschaft, und eine Wüste breitet sich da aus, wo kaum erst ein fruchtbares und reiches Land sich entwickelte.

Dies war der Karrou, welchen die kleine Truppe des Obersten durchziehen mußte, ehe sie die wirkliche Wüste erreichte, welche an die Ufer des Ngamisees grenzt. Man begreift, wie sehr es dem Buschmann darum zu thun war, in dieser phänomenalen Gegend anzulangen, ehe die außerordentliche Trockenheit die belebenden Quellen hatte versiegen lassen. Er theilte dem Obersten Everest seine Bemerkungen mit; dieser begriff sie auch vollständig und versprach, soviel als möglich die Arbeit zu beschleunigen. Doch durfte diese Eile der Genauigkeit der Arbeiten nicht schaden; denn es ist nicht immer leicht oder thunlich, die Winkelmessungen zu jeder Stunde vorzunehmen. Man kann nur unter gewissen Witterungsverhältnissen gut beobachten, deshalb gingen die Operationen auch nicht merklich schneller, ungeachtet der drängenden Mahnungen Mokums, und dieser sah wohl, daß, wenn man im Karrou ankäme, die fruchtbare Jahreszeit unter dem Einfluß der Sonne wahrscheinlich bereits verschwunden sein würde.

Ehe die Fortschritte der Triangulation die Astronomen bis zur Grenze des Karrou brachten, konnten diese sich an der prachtvollen Natur, die sich ihren Blicken darbot, entzücken. Niemals hatte der Zufall die Expedition in eine so schöne Gegend geführt. Ungeachtet der hohen Temperatur waren die Bäche beständig frisch. Tausendköpfige Heerden hätten auf diesen Weideplätzen unerschöpfliche Nahrung gefunden. Einige grüne Wälder bedeckten hier und da diese weite Strecke, welche wie ein englischer Park angelegt zu sein schien. Es fehlten nur die Gasflammen.

Der Oberst Everest zeigte sich diesen Naturschönheiten gegenüber wenig empfänglich, hingegen empfanden Sir John Murray und besonders William Emery lebhaft ein poetisches Gefühl, welches diese inmitten der afrikanischen Wüsten verlorene Gegend hervorrief. Wie sehr vermißte da der junge Gelehrte seinen armen Michel Zorn, und die sympathische Vertrautheit, mit der sie gewöhnlich verkehrt hatten! Wie er, hätte dieser lebhaft denselben Einfluß empfunden, und hätten zwischen ihren Beobachtungen ihr Herz ausgeschüttet! Die Karawane durchzog so dies prachtvolle Land. Zahlreiche Vogelschaaren belebten durch ihren Gesang und Flug die Wiesengründe und Wälder. Die Jäger der Truppe erlegten zu verschiedenen Malen Paare von »Korans«, eine in den südafrikanischen Ebenen einheimische besondere Art Trappe, sowie »Dikkops«, ein delicates Wildpret, dessen Fleisch sehr geschätzt wird. Anderes Geflügel erregte noch die Aufmerksamkeit der Jäger, doch nicht vom Gesichtspunkte der Eßbarkeit aus. An den Ufern der Bäche oder auf der Oberfläche der Flüsse, über welche sie mit ihren schnellen Schwingen streiften, verfolgten einige große Vögel die gefräßigen Krähen, die ihnen ihre Eier aus den Nestern im Sande zu entwenden suchten. Blaue Kraniche mit weißem Halse, rothe Flamingos, die durch die lichten Schläge spazierten, Reiher, Brachvögel, Schnepfen »Kalas«, die oft auf dem Rücken der Büffel saßen, Regenvögel, Ibisse, Hunderte in Reihen marschirender Pelikane, brachten überall Leben in diese Regionen, in denen nur der Mensch fehlte. Aber von all den Exemplaren der gefiederten Welt waren am merkwürdigsten, die sinnreichen »Webervögel«, deren grünliche, aus Binsen oder Grashalmen geflochtenen Nester an den Zweigen der Trauerweiden wie große Birnen hängen. William Emery, der sie für ein unbekanntes Naturerzeugniß hielt, nahm eins oder zwei herab, doch wie erstaunte er, als er diese vermeintlichen Früchte wie Sperlinge zwitschern hörte. Wäre es nicht zu entschuldigen gewesen, wenn man wie frühere Afrika-Reisende geglaubt hätte, gewisse Bäume dieser Gegend trügen Früchte, aus denen lebende Vögel entstünden!

Dieser Karrou bot wirklich einen entzückenden Anblick. Er enthielt alle dem Thierleben günstigen Bedingungen. Die Gnu mit den spitzen Hufen, die Kaamas, welche nach Harris nur aus Dreiecken zu bestehen scheinen, die Elennthiere, Gemsen, Gazellen fand man in reicher Menge. Welche Mannichfaltigkeit an Wildpret, welche Büchsenschüsse für ein geschätztes Mitglied des Jagdclubs! Es war wirklich eine zu starke Versuchung für Sir John Murray, und nachdem er zwei Ruhetage vom Oberst Everest erbeten, wandte er sie dazu an, sich merklich zu ermüden. Doch welchen Erfolg hatte er auch im Verein mit seinem Freunde Buschmann, während William Emery ihnen als Dilettant folgte. Wie viel glückliche Schüsse hatte er in sein Jagdbuch einzutragen! Wie viel Jagdtrophäen in sein Schloß in den Hochlanden mitzunehmen! Und wie vergaß er in diesen zwei Ruhetagen die geodätischen Operationen, die Triangulation, die Meridianmessung! Wer hätte geglaubt, daß diese in der Handhabung des Gewehres so geschickte Hand die feinen Gläser eines Theodolit zu behandeln verstünde! Oder daß dieses, im Zielen auf eine schnell springende Antilope so sichere Auge sich in Sternbetrachtungen geübt habe. Wirklich war Sir John während dieser zwei Freudentage ganz allein nur Jäger, und der Astronom verschwand so vollständig, daß zu befürchten stand, er werde nicht wieder zum Vorschein kommen!

Unter andern Jagderlebnissen Sir Johns muß eins mitgetheilt werden, welches ein unerwartetes Resultat hatte und den Buschmann um die Zukunft der wissenschaftlichen Expedition besorgt machte. Dieser Vorfall konnte nur die Unruhe bestätigen, welche der scharfsinnige Jäger schon früher empfunden und dem Obersten Everest mitgetheilt hatte.

Es war am 15. October. Seit zwei Tagen hatte sich Sir John ganz dem ihn beherrschenden Naturzug hingegeben. Eine Heerde von ungefähr zwanzig Wiederkäuern war vielleicht zwei Meilen von der rechten Seite der Karawane bemerkt worden. Mokum erkannte sie als jene schöne Antilopenart, die unter dem Namen Oryx bekannt ist und deren schwerer Fang jedem afrikanischen Jäger Ruhm und Ehre verleiht.

Sofort theilte der Buschmann Sir John die sich darbietende Gelegenheit mit, und forderte ihn lebhaft auf, dieselbe zu benutzen. Er sagte ihm zugleich, wie schwer es halte, diese Oryx zu erlegen, da ihre Schnelligkeit die des schnellsten Pferdes überträfe, wie denn auch der berühmte Cumming, als er im Lande der Namaken gejagt, auf den besten Rennern während seines ganzen Jägerlebens nur vier dieser wunderbaren Antilopen eingeholt habe.

Es bedurfte kaum so viel, um den ehrenwerthen Engländer anzuspornen, der sich bereit erklärte, die Oryx zu verfolgen. Er wählte sein bestes Pferd, seine beste Büchse, seine besten Hunde, und, in seiner Ungeduld dem Buschmann vorauseilend, wandte er sich dem Saume eines an eine weite Ebene stoßenden Gehölzes zu, in dessen Nähe die Anwesenheit der Wiederkäuer gemeldet worden war.

Nach einer Stunde hielten die Pferde an. Mokum zeigte, hinter einer Sykomorengruppe versteckt, seinem Begleiter die weidende Heerde, die sich einige hundert Schritt von ihnen unter dem Winde befand. Diese mißtrauischen Thiere hatten sie indeß noch nicht bemerkt, und grasten friedlich auf den Weideplätzen. Eins von ihnen schien sich jedoch etwas abseits zu halten, worauf der Buschmann Sir John aufmerksam machte.

»Das ist eine Schildwache, sagte er. Dieses Thier, ohne Zweifel ein durchtriebener Schelm, wacht für das allgemeine Wohl. Bei der geringsten Gefahr wird es eine Art Gewieher hören lassen, und die Truppe, von ihm geführt, mit aller Schnelligkeit ihrer Beine den Platz verlassen. Man muß also nur in weiter Distanz auf dasselbe schießen, mit dem ersten Schuß niederstrecken.«

Sir John begnügte sich mit einem bejahenden Winke zu antworten, und stellte sich so, daß er die Heerde betrachten konnte. Die Oryx grasten ruhig fort. Ihr Wächter, dem ein Windhauch vielleicht irgend eine verdächtige Ausströmung zugeführt hatte, hob öfter seine gehörnte Stirn empor und zeigte einige Beunruhigung. Doch war er zu weit von den Jägern, als daß diese ihn sicher hätten treffen können. Die Bande im Lauf einzuholen, auf dieser weiten Ebene, die ihnen günstige Bahn bot, daran war nicht zu denken. Vielleicht kam die Heerde dem Gehölz näher, und in diesem Fall konnten Sir John und der Buschmann eins der Thiere besser aufs Korn nehmen.

Der Zufall schien die Jäger zu begünstigen. Nach und nach näherten sich die Thiere, geführt von dem alten Männchen, dem Gehölz. Wahrscheinlich hielten sie sich auf der offenen Ebene nicht für sicher, und wollten unter dem dichten Gezweig des Wäldchens Schutz suchen. Sobald ihre Absicht nicht mehr zu verkennen war, forderte der Buschmann seinen Begleiter zum Absteigen auf. Die Pferde wurden an den Stamm einer Sykomore gebunden und ihre Köpfe in eine Decke gewickelt, eine Vorsicht, die zugleich ihr Stillschweigen und ihre Unbeweglichkeit sicherte. Darauf schlichen Mokum und Sir John, gefolgt von den Hunden, zwischen den Gebüschen längs dem Saum des Waldes bis an eine, von den letzten Bäumen gebildete Art Spitze, die nicht mehr dreihundert Schritt von der Heerde entfernt war.

Dort kauerten sich die Jäger, wie auf dem Anstand, nieder und warteten mit geladener Büchse. Von ihrem Platze aus konnten sie die Oryx beobachten und diese schön geformten Thiere bewundern. Die Männchen unterschieden sich wenig von den Weibchen, und durch eine seltene Naturlaune waren die Weibchen sogar stärker mit Waffen versehen als die Männchen, trugen nach hinten zugekrümmte und zierlich gezackte Hörner. Es giebt kein hübscheres Thier als diese Antilope, von denen der Oryx eine Spielart ist; keins bietet so fein vertheilte buntscheckige Hautflecken dar; an der Kehle flattert ein Büschel Haare, ein Kamm steht gerade empor und sein dichter Schweif reicht bis zur Erde. Indeß blieb die Heerde, die aus zwanzig Stück bestand, nachdem sie sich dem Walde genähert hatte, stehen. Augenscheinlich drängte der Wächter sie, die Ebene zu verlassen. Er ging in das hohe Gras und versuchte, die Thiere in eine dichte Masse zusammenzutreiben, wie der Schäferhund die ihm anvertrauten Schafe. Doch schienen diese munteren Thiere keine Lust zu haben, diese fette Weide schon zu verlassen. Sie widerstanden ihm, entsprangen und fingen einige Schritte weiter wieder zu grasen an.

Dies Verfahren überraschte den Buschmann höchlich. Er machte Sir John darauf aufmerksam, doch ohne ihm eine Erklärung darüber geben zu können. Der Jäger begriff die Hartnäckigkeit des alten Männchens nicht, und weshalb er die Antilopenheerde durchaus in das Dickicht zurückbringen wollte.

So zog sich die Situation in die Länge, ohne sich zu ändern. Sir John drehte ungeduldig am Schloß seiner Büchse. Bald wollte er schießen, bald vorwärts gehen. Mokum konnte ihn nur schwer zurückhalten.

Eine Stunde verging, und es war nicht voraus zu sehen, wie viele noch vergehen würden, als einer der Hunde, der wahrscheinlich eben so ungeduldig wie Sir John war, ein fürchterliches Gebell ausstieß und sich in die Ebene stürzte.

Der Buschmann, wüthend darüber, hätte gern dem verwünschten Thiere eine Bleiladung nachgesandt! Doch schon floh die Heerde mit reißender Schnelligkeit davon, und jetzt begriff Sir John, daß kein Pferd sie hätte einholen können. In wenig Augenblicken bildeten die Oryx nur noch schwarze, im hohen Grase aufspringende Punkte.

Doch hatte zur großen Ueberraschung des Buschmanns der Wächter der Antilopentruppe derselben nicht das Zeichen zur Flucht gegeben. Den Gewohnheiten dieser Wiederkäuer entgegen, war dieser sonderbare Wächter auf derselben Stelle stehen geblieben, ohne daran zu denken, den seiner Hut anvertrauten Thieren zu folgen. Seit ihrer Flucht versuchte er sogar, sich im Grase zu verbergen, vielleicht in der Absicht, das Gehölz zu gewinnen.

»Das ist sonderbar, sagte der Buschmann. Was hat denn dieser alte Oryx vor? Ist er verwundet oder vom Alter geschwächt?

? Wir werden es bald wissen!« antwortete Sir John, und stürzte sich auf das Thier, bereit Feuer zu geben.

Das Thier hatte sich bei der Annäherung des Jägers mehr und mehr ins Gras geduckt. Man sah nur noch seine vier Fuß hohen Hörner, dessen gezackte Spitzen über die grüne Oberfläche der Ebene heraussahen. Er suchte sogar nicht mehr zu entfliehen, sondern sich zu verstecken. Sir John konnte sich also leicht dem sonderbaren Thiere nähern. Als er nur noch hundert Schritt entfernt war, zielte er sorgfältig und gab Feuer. Der Schuß knallte, und jedenfalls hatte die Kugel den Oryx am Kopf getroffen, denn seine bis dahin in die Höhe gerichteten Hörner lagen jetzt im Grase.

Sir John und Mokum liefen so rasch sie konnten auf das Thier zu. Der Buschmann hielt sein Jagdmesser in der Hand bereit, dem Thier in den Leib zu stoßen, im Fall es auf den ersten Schuß nicht getödtet worden wäre.

Diese Vorsicht war unnöthig: der Oryx war todt und zwar so todt, daß, als Sir John ihn an den Hörnern zog, er nur eine leere schlaffe Haut, der das Knochengerippe gänzlich fehlte, in der Hand hielt!

»Beim heiligen Patrick! Das kann nur mir passiren!« rief er in so komischem Tone aus, daß jeder Andere, den Buschmann ausgenommen, darüber gelacht hätte. Mokum aber lachte nicht. Er biß die Lippen, runzelte die Augenbrauen, und seine blinzenden Augen verriethen eine ernstliche Unruhe. Mit gekreuzten Armen, den Kopf schnell rechts und links wendend, schaute er um sich.

Plötzlich traf sein Blick auf einen Gegenstand: es war ein kleiner, mit rothen Arabesken verzierter Ledersack, der auf dem Boden lag. Er nahm ihn auf und untersuchte ihn genau.

»Was ist das? fragte Sir John.

? Das ist der Sack eines Makololo, erwiderte Mokum.

? Und wie kommt der hierher?

? Weil der Besitzer desselben ihn auf seiner eiligen Flucht hat fallen lassen.

? Und dieser Makololo?

? Nehmen es Ew. Gnaden nicht für ungut, antwortete der Buschmann, indem er zornig die Hände ballte, dieser Makololo steckte in der Oryxhaut und auf ihn haben Sie geschossen!«

Sir John hatte noch nicht Zeit gehabt, seine Ueberraschung auszudrücken, als Mokum, der fünfhundert Schritte von ihnen eine gewisse Bewegung im Grase bemerkt hatte, nach dieser Richtung feuerte. Darauf liefen beide athemlos an den verdächtigen Ort.

Aber der Platz war leer. Man sah an dem niedergetretenen Grase, daß ein lebendes Wesen dort gewesen sei. Der Makololo war verschwunden und man mußte auf eine Verfolgung durch den unendlichen Wiesengrund, welcher sich bis an den äußersten Horizont erstreckte, verzichten.

Die beiden Jäger kehrten deshalb zurück, in der That aufs Höchste beunruhigt über einen Unfall, der Besorgniß erregend war. Die Gegenwart eines Makololo auf dem Dolmen des niedergebrannten Waldes, die bei Oryxjägern sehr gebräuchliche Verkleidung, in die er sich soeben verhüllt hatte, zeigte von wahrhaft ausdauernder Absicht, die Truppe des Oberst Everest durch diese öden Gegenden zu verfolgen. Nicht ohne Grund spähte ein dem Räuberstamm der Makololos angehörender Indianer die Europäer und ihre Begleitung aus. Und je mehr diese weiter nach Norden zogen, je größer wurde die Gefahr, von diesen Wüstenräubern angegriffen zu werden.

Sir John und Mokum kamen ins Lager zurück, und Seine Gnaden, sehr verdrießlich, konnte nicht umhin zu seinem Freunde William Emery zu sagen:

»Wirklich, lieber William, ich habe kein Glück! Der erste Oryx, den ich erlegte, war schon todt, ehe ich ihn noch traf!«

Siebenzehntes Capitel.
Wie man über Nacht ein Land zur Wüste macht

Nach dieser Oryxjagd hatte der Buschmann eine lange Unterredung mit dem Oberst Everest. Nach Mokums auf beweisenden Thatsachen ruhender Meinung wurde die kleine Truppe verfolgt, ausgespäht und folglich bedroht. Hatten die Makololos sie noch nicht angegriffen, so lag der Grund darin, daß es ihnen paßte, sie mehr nach Norden zu ziehen, in die eigentliche von ihren Räuberhorden durchstreifte Gegend.

Sollte man nun, Angesichts der Gefahr, umkehren? Sollte man die Fortsetzung der bisher so bedeutend fortgeschrittenen Arbeit unterbrechen? Was die Natur nicht vermocht hatte, sollte dies den afrikanischen Wilden gelingen? Sollten diese die englischen Gelehrten an der Erfüllung ihrer wissenschaftlichen Aufgabe verhindern? Das war eine ernsthafte Frage und es kam viel darauf an, sie zu lösen. Der Oberst Everest bat den Buschmann, ihm Alles zu erzählen, was er von den Makololos wisse, und hierauf theilte ihm derselbe das Wesentlichste mit.

Die Makololos gehören dem großen Stamm der Bechuanas an, und sind die letzten, die man in der Richtung nach dem Aequator antrifft. Der Dr. David Livingstone wurde im Jahre 1850 auf seiner ersten Reise an den Zambese in Sesheke, der gewöhnlichen Residenz Sebituanés, damaligen Oberhaupts der Makololos, aufgenommen. Dieser Eingeborene war ein gefürchteter Krieger, der im Jahre 1824 die Grenzen des Cap-Landes bedrohte. Sebituané, ein Mann von großer Einsicht, erlangte allmälig einen beherrschenden Einfluß auf die im Innern Afrikas zerstreuten Stämme, und es gelang ihm, sie zu einer festen und herrschenden Gruppe zu vereinigen. Im Jahre 1853, also im vergangenen Jahre, starb er in den Armen Livingstones, und sein Sohn Sékélétu folgte ihm.

Sékélétu zeigte anfangs gegen die den Zambese besuchenden Europäer eine ziemlich lebhafte Neigung. Der Dr. Livingstone hatte sich persönlich nicht zu beklagen. Doch änderte sich nach der Abreise des berühmten Reisenden das Benehmen des afrikanischen Königs auffallend. Nicht allein die Reisenden, sondern auch die benachbarten Eingeborenen wurden hauptsächlich von Sékélétu und den Kriegern seines Stammes feindselig behandelt. Bald folgten Räubereien in immer weiterem Umfange. Die Makololos durchstreiften das zwischen dem Ngamisee und dem oberen Lauf des Zambese gelegene Land.

Es war höchst bedenklich für eine auf wenige Mann geschmolzene Karawane, sich in diese Gegend zu wagen, zumal wenn dieselbe angekündigt, erwartet und wahrscheinlich im Voraus einem sichern Untergange bestimmt war.

Dies war im Ganzen der Inhalt der Warnung des Buschmanns. Er fügte hinzu, er glaube ihm die Wahrheit vollständig sagen zu müssen. Doch werde er seinerseits den Befehlen des Oberst nachkommen und nicht zurückweichen, wenn man entschlossen sei, vorwärts zu gehen.

Der Oberst beratschlagte mit seinen beiden Collegen, und es wurde festgesetzt, daß man ungeachtet dessen mit den Arbeiten fortfahren wolle. Beinahe fünf Achtel des Bogens waren schon gemessen, und was auch geschehen mochte, die Engländer seien es sich und ihrem Lande schuldig, die Operation nicht aufzugeben.

Nachdem dieser Beschluß gefaßt war, setzte man die trigonometrische Arbeit ununterbrochen fort. Am 27. October durchschnitt die wissenschaftliche Commission senkrecht den Wendekreis des Steinbocks, und am 3. November, nachdem sie ihren einundvierzigsten Triangel vollendet, constatirte sie durch Zenithal-Beobachtungen, daß die Messung des Meridians abermals um einen Grad fortgeschritten war. Während eines Monates wurde die Messung eifrig fortgesetzt, ohne dabei auf ein natürliches Hinderniß zu stoßen. In diesem schönen, so günstig gelegenen Lande, das nur von Bächen, die man durchwaten konnte, und nicht von bedeutenden Gießbächen durchzogen ist, operirten die Astronomen schnell und gut. Mokum, stets achtsam auf der Lauer, untersuchte sorgfältig die Spitze und die Seiten der Karawane, und gestattete den Jägern nicht, sich davon zu entfernen. Indeß schien keine augenblickliche Gefahr die Truppe zu bedrohen, und es war leicht möglich, daß die Befürchtungen des Buschmanns sich nicht erfüllten. Wenigstens zeigte sich während des Novembers keine plündernde Bande, und man fand keine Spur mehr von dem Eingeborenen, welcher der Expedition von dem Dolmen im verbrannten Walde an so hartnäckig gefolgt war. Dennoch bemerkte der Jäger, obwohl die Gefahr für den Augenblick fern zu sein schien, wiederholt Zeichen der Besorgniß unter den seinem Befehl anvertrauten Buschmännern. Man hatte die beiden Vorfälle am Dolmen und auf der Oryxjagd nicht geheim halten können. Sie versahen sich eines unvermeidlichen Zusammenstoßes mit den Makololos. Nun sind aber die Makololos und Boschjesmen zwei Stämme von unbarmherziger Feindseligkeit gegen einander. Die Besiegten hatten vom Sieger keine Gnade zu hoffen, und ihre kleine Anzahl, die seit der Kriegserklärung um die Hälfte vermindert war, mußte gerade diese Eingeborenen erschrecken. Sie sahen sich schon mehr als dreihundert Meilen von den Ufern des Orange entfernt, und es handelte sich darum, sie wenigstens noch zweihundert Meilen weiter nach Norden zu ziehen. Diese Aussicht machte sie bedenklich. Mokum hatte ihnen zwar, als er sie zu dieser Expedition aufforderte, die Länge und Schwierigkeiten der Reise nicht verschwiegen, und sicherlich waren sie Männer, welche den, von einer solchen Expedition unzertrennlichen Mühseligkeiten zu trotzen verstanden. Sobald sich aber zu den Mühseligkeiten die Gefahren des Zusammenstoßes mit einem blutdürstigen Feinde gesellten, änderte dieser Umstand ihre Gesinnung. Deshalb gab es jetzt Klagen, Murren und bösen Willen. Mokum stellte sich zwar, als sehe oder höre er diese nicht, aber es vermehrte dies doch seine Unruhe über die Zukunft der wissenschaftlichen Commission. Ein Ereigniß im Laufe des 2. December erregte noch mehr die übeln Gesinnungen dieser abergläubischen Buschmänner und rief gewissermaßen eine Art Widersetzlichkeit gegen ihre Anführer hervor.

Seit dem vorigen Abend war das bis dahin so schöne Wetter düster geworden. Unter dem Einfluß einer tropischen Hitze zeigte die Atmosphäre, mit Dünsten gesättigt, eine starke elektrische Spannung. Man konnte ein baldiges Gewitter Voraussagen, und in diesem Klima entwickeln sich die Gewitter fast immer mit unvergleichlicher Heftigkeit.

In der That bedeckte sich der Himmel am Morgen des 2. December mit düsteren Wolken, in welche sich ein Wetterbeobachter nicht getäuscht haben würde. Es war Gewölk wie Ballen Baumwolle über einander gehäuft, welche hier dunkelgrau, dort gelblich gefärbt waren. Die Sonne schien matt, die Luft war ruhig, die Hitze erstickend.

Das seit dem vorhergehenden Abend von den Instrumenten angezeigte Heruntergehen des Barometers hielt damals inne. Kein Blatt an den Bäumen bewegte sich in dieser dumpfen, drückenden Atmosphäre. Die Astronomen hatten den Himmel beobachtet, glaubten aber nicht ihre Arbeiten unterbrechen zu sollen.

In diesem Augenblick war William Emery, von zwei Matrosen, vier Eingeborenen und einem Wagen begleitet, zwei Meilen östlich vom Meridian, um eine Signalstange, die zur Spitze eines Dreiecks bestimmt war, aufzustellen. Er beschäftigte sich damit, dieselbe auf einem Hügel zu errichten, als eine schnelle Verdichtung der Dünste unter dem Einfluß einer kalten Luftströmung die Entwicklung einer bedeutenden Elektricität veranlaßte. Fast augenblicklich fiel ein starker Hagel nieder. Diese Hagelkörner waren leuchtend, eine ziemlich selten beobachtete Naturerscheinung, und es war, als ob es glühende Metalltropfen regnete. Wo sie auf den Boden trafen, sprangen Funken empor, und Lichtblitze sprühten aus allen Metalltheilen des Wagens der zum Transport des Materials diente. Bald erreichten diese Hagelkörner einen größern Umfang. Es war ein ordentlicher Steinregen, dem man sich ohne Gefahr nicht aussetzen konnte. Man wird über die Kraft dieses Naturwunders nicht mehr staunen, wenn man hört, daß der Doctor Livingstone bei einer gleichen Gelegenheit in Kolobeng gesehen hat, wie die Fensterscheiben im Missionshause zertrümmert und Pferde, große Antilopen durch solche Hagelkörner getödtet wurden.

Ohne einen Moment zu verlieren, verließ William Emery seine Arbeit und rief seine Leute zusammen, um in dem Wagen ein weniger gefährlicheres Unterkommen zu finden, als unter einem Baum während eines Gewitters. Kaum hatte er indeß den Hügel verlassen, als ein blendender Blitzstrahl, von einem Donnerschlag begleitet, die Atmosphäre entzündete.

William Emery wurde wie todt zu Boden geworfen. Die beiden einen Augenblick geblendeten Matrosen stürzten zu ihm hin. Glücklicherweise war der junge Astronom vom Blitz verschont geblieben. Durch eine jener fast unerklärlichen Thatsachen, die sich bei manchen Blitzschlägen ereignen, war das Fluidum, so zu sagen, um ihn herum geglitten, ihn in ein elektrisches Tuch hüllend; sein Weg war aber genügend bezeichnet, denn er hatte die Eisenspitzen eines Zirkels, welchen William Emery in der Hand hielt, geschmolzen.

Der junge Mann, von den Matrosen aufgehoben, kam bald wieder zu sich. Doch war er weder das einzige, noch das am härtesten getroffene Opfer des Schlages gewesen. Neben dem auf dem Hügel errichteten Pfahl lagen zwei der Eingeborenen zwanzig Schritte von einander, leblos auf dem Boden. Der eine, dessen Lebenssystem durch die Wirkung des Blitzes gänzlich zerstört worden war, zeigte unter seinen unberührt gebliebenen Kleidern einen kohlschwarzen Körper. Der andere, durch das atmosphärische Meteor am Schädel getroffen, war augenblicklich getödtet worden!

So waren diese drei Männer ? die beiden Eingeborenen und William Emery ? zu gleicher Zeit von einem einzigen dreizackigen Blitzstrahl getroffen worden. Eine seltene, doch zuweilen wahrgenommene Naturerscheinung der Dreitheilung eines Blitzes, dessen Winkelabweichung oft beträchtlich ist.

Die Buschmänner, welche anfangs durch den Tod ihrer Kameraden vor Schrecken gelähmt waren, ergriffen bald die Flucht, ungeachtet des Geschreies der Matrosen, und auf die Gefahr vom Blitz erschlagen zu werden, indem sie durch ihr schnelles Laufen die Luft hinter sich verdünnten. Aber sie hörten nicht darauf und liefen, so hastig sie konnten, ins Lager zurück.

Die beiden Matrosen trugen William Emery in den Wagen, legten die Körper der Eingeborenen hinein und suchten ebenfalls Schutz in demselben, da sie von den Hagelkörnern, die wie ein Steinregen herniederfielen, schon voll Quetschungen waren. Drei Viertelstunden lang grollte das Gewitter mit äußerster Heftigkeit; dann fing es an nachzulassen. Der Hagel hörte auf und der Wagen konnte ins Lager zurückfahren. Die Nachricht vom Tode der beiden Eingeborenen war ihm vorausgeeilt. Sie machte einen beklagenswerthen Eindruck auf das Gemüth der Buschmänner, die auf die trigonometrischen Operationen, von denen sie Nichts zu begreifen vermochten, mit abergläubischem Schrecken sahen. Sie berathschlagten ins Geheim mit einander, und einige von ihnen, die mehr herabgestimmt waren als die übrigen, erklärten, sie würden nicht weiter mitgehen. Es war der Anfang einer Meuterei, welche bedenkliche Ausdehnung zu gewinnen drohte. Es bedurfte des ganzen Einflusses, welchen der Buschmann bei ihnen genoß, um diesem Aufstand Einhalt zu thun. Der Oberst Everest mußte vermitteln, und den armen Leuten eine Lohnerhöhung versprechen, um sie in seinem Dienste zu behalten.

Das Einverständniß kam nicht ohne Mühe zu Stande. Man widerstand, und die Zukunft der Expedition stand ernstlich auf dem Spiele. Was sollte wohl aus den Mitgliedern der Commission mitten in dieser Wüste werden, entfernt von jedem Dorf, ohne Begleitung zu ihrem Schutz, ohne Führer für ihre Wagen. Endlich wurden alle Schwierigkeiten überwunden, und nach Beerdigung der beiden Eingeborenen hob man das Lager auf, und die kleine Truppe zog dem Hügel zu, auf welchem zwei der Ihrigen den Tod gefunden.

William Emery hatte mehrere Tage hindurch an dem erhaltenen Schlage zu leiden. Seine linke Hand, in welcher er den Zirkel gehalten hatte, blieb eine Zeitlang wie gelähmt; endlich aber verschwand diese Unbequemlichkeit, und er konnte seine Arbeit wieder aufnehmen.

Während der folgenden achtzehn Tage, bis zum 20. December, trat kein auffallender Zwischenfall ein, der den Zug der Karawane gehemmt hätte. Die Makololos zeigten sich nicht, und Mokum, so mißtrauisch er war, fing an sich zu beruhigen. Man war nur noch fünfzig Meilen von der Wüste entfernt, und dieser Karrou blieb, was er bis dahin gewesen, eine prachtvolle Gegend, deren Pflanzenleben, getränkt durch die reichlichen Gewässer seines Bodens nicht seines Gleichen auf dem Erdball fand. Man konnte also darauf rechnen, daß es bis zur Wüste hin in dieser fruchtbaren und wildreichen Region weder den Menschen noch den Saumthieren, die bis an die Brust in der fetten Weide gingen, an Nahrung fehlen werde. Man rechnete jedoch ohne die Heuschrecken, deren Erscheinen in Süd-Afrika eine immer drohende Heimsuchung für die Anstalten des Landbaues ist.

Am Abend des 20. Decembers, ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang, war das Lager aufgeschlagen. Die drei Engländer und der Buschmann saßen am Fuße eines Baumes, ruhten von der Tagesanstrengung aus und plauderten von ihren Zukunftsplänen. Der Nordwind, der sich etwas erhob, erfrischte ein wenig die Atmosphäre.

Die Astronomen waren übereingekommen, in dieser Nacht Sternhöhen aufzunehmen, um genau den Breitegrad des Ortes zu berechnen. Keine Wolke bedeckte den Himmel; es war beinahe Neumond; die Gestirne mußten glänzend sein und demzufolge konnte es nicht fehlen, daß man die Zenithalbeobachtungen unter den günstigsten Verhältnissen machen würde.

Deshalb waren Sir John und der Oberst sehr betroffen, als gegen acht Uhr William Emery aufstand, und nach Norden zeigend, sagte:

»Der Horizont bedeckt sich, und ich fürchte, die Nacht wird uns nicht so günstig sein, als wir hofften.

? Wirklich, antwortete Sir John, diese große Wolke erhebt sich merklich und mit dem frischen Winde wird sie bald den Himmel umzogen haben.

? Ist denn ein neues Unwetter im Anzug? fragte der Oberst.

? Wir sind in der Region zwischen den Tropen, erwiderte William Emery, und deshalb steht es zu befürchten! Ich glaube unsere Beobachtungen sind für diese Nacht zu gewagt.

? Was halten Sie davon, Mokum, fragte der Oberst den Buschmann.

Der Buschmann schaute aufmerksam nach Norden. Die Wolke zeichnete sich in einer sehr langen Curve so genau ab, als ob sie mit dem Zirkel gezogen sei. Der Kreisausschnitt, den sie am Horizont beschrieb, betrug einen Umfang von drei bis vier Meilen. Diese wie Rauch schwärzliche Wolke hatte ein sonderbares Aussehen, worüber der Buschmann stutzte. Zuweilen beleuchtete die untergehende Sonne sie mit röthlichen Reflexen, die sie widerstrahlte wie eine feste Masse und nicht wie eine Anhäufung von Dünsten.

»Eine sonderbare Wolke«, sagte Mokum, ohne sich jedoch näher zu erklären.

Einige Augenblicke später benachrichtigte einer der Buschmänner den Jäger, daß die Pferde, Ochsen und anderen Thiere Zeichen von Unruhe gäben. Sie liefen über die Weideplätze und weigerten sich in die Einzäunung des Lagers zurückzukehren.

»Nun, so laßt sie die Nacht draußen bleiben! antwortete Mokum.

? Aber die reißenden Thiere?

? O, die wilden Thiere werden bald zu sehr beschäftigt sein, um auf sie achten zu können.«

Der Eingeborene zog sich zurück. Der Oberst Everest wollte vom Buschmann die Erklärung dieser sonderbaren Antwort. Doch schien dieser, indem er sich einige Schritte entfernte, gänzlich in die Betrachtung dieses Phänomen vertieft, dessen Natur er augenscheinlich errieth.

Die Wolke näherte sich mit reißender Schnelligkeit. Man konnte bemerken, wie niedrig sie war, und sicherlich war sie höchstens einige hundert Schritt über dem Boden. In das Pfeifen des kälter gewordenen Windes mischte sich ein starkes Rauschen, das aus der Wolke selbst zu kommen schien!

In diesem Augenblick erschien oberhalb der Wolke am blassen Himmelsgrund ein Schwarm schwarzer Punkte. Diese bewegten sich von unten nach oben zu, indem sie in die dunkle Masse tauchten und sofort sich wieder daraus entfernten. Man konnte sie nach Tausenden zählen.

»Ei! was sind das für schwarze Punkte? fragte Sir John Murray.

? Das sind Vögel, antwortete der Buschmann. Geier, Adler, Falken, Weiher. Sie kommen von fern und folgen dieser Wolke, welche sie erst wieder verlassen, wenn sich dieselbe aufgelöst hat, oder zerstört worden.

? Doch diese Wolke?

? Das ist keine Wolke, erwiderte Mokum, indem er die Hand nach der schwarzen Masse, die bereits ein Viertel des Himmels einnahm, ausstreckte, das ist ein lebendiges Gewölk, eine Heuschreckenwolke!«

Der Jäger täuschte sich nicht; die Europäer sollten einen der schrecklichen, leider nur zu häufigen Einfälle jener Thiere erleben, die oft in einer einzigen Nacht das fruchtbarste Land in eine wüste, dürre Gegend verwandeln. Diese Wanderheuschrecken, Geschlecht der Säbelthiere, die » grylli devastorii« dem Naturforscher genannt, waren milliardenweise im Anzuge. Es giebt Reisende, die ein Uferland in einer Länge von fünfzig Meilen bis zu vier Fuß hoch mit diesen Insecten bedeckt gesehen haben.

»Ja, begann der Buschmann wieder, diese lebendigen Wolken sind für die Felder eine fürchterliche Geißel, und Gott gebe, daß sie uns nicht allzu viel Schaden zufügen!

? Doch haben wir hier keine besäeten Felder, noch Weideplätze, die uns gehören. Was haben wir von diesen Insecten zu befürchten?

? Nichts, wenn sie nur über uns fortziehen, Alles, wenn sie sich auf dem Lande niederlassen, das wir zu passiren haben. Alsdann bleibt kein Blatt mehr auf den Bäumen, kein Grashalm auf den Wiesen, und Sie vergessen, Herr Oberst, wenn auch für unsere Nahrung gesorgt ist, so doch nicht für die unserer Pferde, Ochsen, Maulthiere. Was sollte wohl aus ihnen auf diesen verheerten Weideplätzen werden?«

Die Gefährten des Buschmanns beobachteten eine Weile schweigend die belebte Masse, welche zusehends wuchs. Das Rauschen verdoppelte sich, übertönt von dem Geschrei der Adler und Falken, die, sich auf den unerschöpflichen Schwarm stürzend, die Insecten zu Tausenden verschlangen.

»Glauben Sie, daß sie sich hier niederlassen werden? fragte William Emery Mokum.

? Ich fürchte es, antwortete der Jäger. Der Nordwind treibt sie gerade hierher. Jetzt verschwindet auch die Sonne, und die kühle Abendluft ermattet die Flügel der Heuschrecken. Sie werden sich auf den Bäumen, den Büschen, den Wiesen niederlassen, und dann ...«

Der Buschmann hatte noch nicht ausgeredet, als sich seine Voraussagung schon erfüllte. Im Nu ließ sich die ungeheure Wolkenmasse auf die Erde nieder. Man sah nur noch eine wimmelnde, dunkle Masse rings um das Lager, bis an die Grenzen des Horizontes. Selbst der Lagerplatz wurde buchstäblich überschwemmt. Die Wagen, Zelte, Alles verschwand unter diesem lebendigen Hügel. Die Menge der Heuschrecken maß einen Fuß hoch. Die Engländer, die bis zur Hälfte des Beines in dieser dichten Heuschreckenschicht wateten, zertraten sie bei jedem Schritt zu Hunderten. Doch was machte dies bei der Menge aus?

Es fehlte indessen nicht an Veranlassungen zur Vernichtung dieser Insecten. Die Vögel stürzten sich mit heiserem Geschrei auf sie und verschlangen sie gierig. Von unten vertilgten Schlangen diesen Leckerbissen in Ungeheuern Massen. Die Pferde, Ochsen, Maulthiere, Hunde, sättigten sich mit unsäglichem Behagen an ihnen. Das Wild der Ebene, die reißenden Thiere, wie Löwen, Hyänen, Elephanten, Rhinoceros, ließen scheffelweis diese Insecten ihren Schlund hinabgleiten. Ja sogar die Buschmänner, welche große Liebhaber dieser »Luftkrabben« sind, verspeisten sie wie himmlisches Manna! Ihre große Menge indeß spottete jeder Art Vernichtung, sogar ihrer eigenen Gefräßigkeit, denn sie verzehren sich unter einander.

Auf dringende Einladung des Buschmanns kosteten die Engländer von dieser Nahrung, welche vom Himmel fiel. Man ließ einige Tausend Heuschrecken, mit Salz, Pfeffer und Essig gewürzt, kochen, wobei man Sorge trug, die jüngsten auszuwählen die grün und nicht gelblich, deshalb weniger zäh als die alten sind, von welchen manche vier Zoll messen. Die jungen Thiere, so stark wie ein Federkiel, fünfzehn bis zwanzig Linien lang, werden, wenn sie ihre Eier noch nicht abgelegt haben, von Liebhabern wirklich als ein köstliches Gericht angesehen. Nachdem sie eine halbe Stunde gekocht, setzte der Buschmann den Engländern ein appetitliches Gericht Heuschrecken vor. Man fand diese, gleich den Seekrabben vom Kopf, Füßen und Flügeln befreiten Insecten sehr saftig, und Sir John, der allein einige Hundert aß, empfahl den Leuten an, ungeheure Vorräthe davon zu sammeln. Man brauchte sich ja nur danach zu bücken!

Als die Nacht kam, suchte Jeder sein gewöhnliches Lager auf. Aber auch die Wagen waren dem feindlichen Einfall nicht entgangen. Es war unmöglich hinein zu kommen, ohne auf unzählige dieser Insecten zu treten. Unter solchen Verhältnissen war das Schlafen nicht sehr angenehm, und da der Himmel klar war und die Sterne am Firmament glänzten, verbrachten die Astronomen die Nacht damit, Sternhöhen aufzunehmen. Das war jedenfalls besser, als sich bis an den Hals in ein Heuschreckenbett zu stecken. Wie hätten die Europäer auch einen Augenblick Ruhe finden können, während die Ebene und die Wälder vom Geheul der reißenden Thiere widerhallten, die zu dem Festmahl der Heuschrecken herbeieilten.

Am folgenden Morgen ging die Sonne am völlig klaren Horizont auf, und begann ihren Tageslauf an einem glänzenden Himmel, der einen heißen Tag versprach. Ihre Strahlen hatten bald die Temperatur erhöht, und man vernahm ein dumpfes Schwirren aus dem Schwarm der Heuschrecken, die sich anschickten, weiter zu fliegen und ihre Zerstörung anderswohin zu tragen. Gegen acht Uhr Morgens war es, als ob sich ein ungeheurer Schleier entrolle, den Himmel verhülle und das Sonnenlicht verdunkle. Die ganze Gegend wurde düster, und man hätte glauben können, es werde wieder Nacht. Dann setzte sich die enorme Wolke, vom frischen Winde getrieben, in Bewegung. Zwei Stunden lang zog sie mit betäubendem Geschwirr über das in Dunkelheit versetzte Lager hin und verschwand endlich jenseits des westlichen Horizontes.

Doch als es wieder helle ward, konnte man sehen, wie sich die Voraussagungen des Buschmanns vollständig erfüllt hatten. Kein Blatt mehr an den Bäumen, kein Grashalm auf den Wiesen. Alles war verheert; der Erdboden sah gelb und fahl aus. Die entblätterten Aeste boten den Augen nur noch ein schauerliches Schattenbild dar. Es war der Winter auf den Sommer blitzschnell gefolgt! Es war die Wüste, und nicht mehr die Gegend voll üppigen Wachsthums. Bei diesen verheerenden Heuschrecken konnte man das orientalische Sprichwort anwenden, welches den räuberischen Sinn der Osmanlis bezeugt: Wo der Türke über ein Land gezogen, da wächst kein Gras mehr! Wo Heuschrecken auf ein Land niedergefallen sind, da wächst kein Gras mehr!


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