Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

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Erstes Capitel. An den Ufern des Orangeflusses

Am 27. Februar 1854 unterhielten sich zwei Männer, am Fuße einer mächtigen Trauerweide gelagert, und betrachteten dabei mit gespannter Aufmerksamkeit das Wasser des Orangeflusses. Dieser Fluß, der »Große Fluß« der Holländer, der Gariep der Hottentotten, kann sich mit den drei großen Pulsadern Afrikas, dem Nil, dem Niger und dem Zambese, messen. Wie diese schwillt er mit der Fluth an, hat seine Stromschnellen und Katarakte. Einige Reisende, deren Namen am einen Theile seines Laufes gekannt sind, Thompson, Alexander, Burchell, haben sowohl die Klarheit seiner Gewässer als die Schönheit seiner Ufer gerühmt.

An diesem Ort, wo sich der Orange dem Yorkgebirge nähert, bietet er den Blicken ein erhabenes Schauspiel dar.

Unübersteigliche Felsen, imposante Massen von Gestein und im Laufe der Zeit versteinerter Baumstämme, tiefe Höhlen, undurchdringliche Wälder, welche die Axt des Ansiedlers noch nicht gelichtet; all dies zusammen, im Hintergrunde durch die Gariepinsberge eingerahmt, bildet eine Landschaft von unvergleichlicher Pracht. Dort stürzt sich das Wasser des Flusses, der eingeengt in ein zu schmales Bett, plötzlich den Boden unter sich verliert, aus einer Höhe von vierhundert Fuß herab. Oberhalb des Falles sieht man nur flüssige, dumpf brodelnde Wasserflächen, aus denen hier und da Felsspitzen, umkränzt von grünen Zweigen, hervorragen. Unterhalb bietet sich dem Blick nur ein düsterer Strudel wirbelnder Wassermassen, über welchem eine dichte Wolke feuchten Dampfes schwebt, die in allen sieben Farben des Prismas schimmert.

Aus dem Abgrunde erhebt sich ein betäubendes Tosen, das hin und wieder noch durch den Widerhall aus dem Thale verstärkt wird.

Von den beiden Männern, welche ohne Zweifel durch die Wechselfälle einer Forschungsreise in diesen Theil Süd-Afrikas geführt worden waren, lieh der Eine den Naturschönheiten vor seinen Blicken nur geringe Aufmerksamkeit. Dieser gleichgiltige Reisende war ein Buschmannjäger, ein schöner Typus dieser kräftigen Race mit lebhaften Augen und raschen Bewegungen, deren Nomadenleben in den Wäldern verfließt. Der Name Buschmann wird den nomadischen Stämmen beigelegt, welche das Land im Nordosten der Capcolonie durchstreifen. Nicht eine der Buschmannfamilien ist ansässig; sie bringen ihr Leben damit zu, daß sie in diesen Gegenden zwischen dem Orangefluß und den westlichen Gebirgen umherziehen, die Pachthöfe plündern und die Ernten der herrschsüchtigen Colonisten zerstören, von welchen sie bis in die unfruchtbaren Landstrecken des Innern, wo es mehr Steine als Pflanzen giebt, zurückgedrängt worden sind.

Dieser Buschmann, ungefähr vierzig Jahre alt, war ein hochgewachsener Mann, augenscheinlich von großer Muskelkraft.

Selbst in Ruhe zeigte seine Körperhaltung noch Thätigkeit. Die Raschheit, Leichtigkeit und Freiheit seiner Bewegungen kündigten ein energisches Individuum an, eine Person aus derselben Form gegossen, wie der berühmte Lederstrumpf, der Held der kanadischen Prairien, aber vielleicht mit weniger Ruhe begabt als der Lieblingsjäger Coopers. Dies sah man an der wechselnden durch beschleunigte Herzensthätigkeit belebten Färbung seines Gesichts.

Der Buschmann war kein Wilder mehr, wie seine Vorfahren, die alten Saquas. Von einem englischen Vater und einer hottentottischen Mutter entsprossen, hatte dieser Mestize durch seinen Verkehr mit den Fremden mehr gewonnen als verloren, und sprach geläufig seines Vaters Sprache. Seine Kleidung, halb hottentottisch, halb europäisch, bestand aus einem rothen Flanellhemd, Jacke und Beinkleid von Antilopenfell, und Gamaschen aus der Haut einer wilden Katze. Am Halse hing ihm ein Säckchen, wo ein Messer, eine Pfeife und Tabak sich befanden. Eine Art Mütze von Schafpelz war seine Kopfbedeckung, und ein starker Riemen von Wildleder umschloß seine Hüfte. Am nackten Vorderarme trug er Elfenbeinringe, die mit besonderer Geschicklichkeit geschnitzt waren, und von seinen Schultern flatterte ein »Kroß«, ein mit Tuch ausgeschlagenes Tigerfell als Mantel, der bis zum Knie reichte. Ein inländischer Racehund schlief neben ihm. Dieser Buschmann rauchte mit hastigen Zügen aus einer beinernen Pfeife mit unverkennbaren Zeichen einer ungeduldigen Natur.

»Nun, Mokum, beruhigen Sie sich, sagte sein Gefährte: Sie sind wirklich der ungeduldigste Mensch, ? wenn Sie nicht jagen. Aber begreifen Sie doch, mein guter Kamerad, daß wir an der Sache nichts ändern können. Die, auf welche wir warten, werden früher oder später, heute oder morgen ankommen!«

Der Begleiter des Buschmann war ein junger Mann von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, dessen Aeußeres sehr von dem Jäger abstach. Seine ruhige Natur gab sich in allen seinen Handlungen kund. Ueber seine Nationalität würde Niemand im Zweifel gewesen sein. Er war Engländer. Sein viel zu »bürgerlicher« Anzug gab zu erkennen, daß er an Wohnungswechsel nicht sehr gewöhnt war. Er sah aus wie ein Beamter, der sich in wilde Gegenden verirrt hatte, und man schaute unwillkürlich danach, ob er nicht eine Feder hinterm Ohre trage, wie die Cassirer, Commis, Rechnungsführer und andere Glieder des großen Geschlechtes der Bureaukraten.

In der That war dieser junge Mann kein Reisender, sondern ein ausgezeichneter Gelehrter, William Emery, ein Astronom vom Observatorium des Cap, jenem so nützlichen Institut, welches der Wissenschaft seit langer Zeit wesentliche Dienste leistet.

Dieser Gelehrte, der sich in dieser öden Gegend Süd-Afrikas vielleicht ein wenig fremd fühlte, konnte nur schwer die natürliche Ungeduld seines Gefährten zurückhalten.

»Herr Emery, antwortete ihm der Jäger in gutem Englisch, seit acht Tagen sind wir nun an dem zur Zusammenkunft bestimmten Ort beim Orange nahe dem Morgheda-Katarakt. Aber acht Tage an derselben Stelle zu verweilen, ist seit langer Zeit in meiner Familie nicht vorgekommen! Sie vergessen, daß wir Nomaden sind und uns die Füße brennen, wenn wir so Rast halten müssen!

? Lieber Freund Mokum, erwiderte der Astronom, die, auf welche wir warten, kommen aus England, und wir können ihnen gern acht Tage Verspätung nachsehen. Man muß der Länge der Ueberfahrt, den Verzögerungen, welche ihr Dampfschiff beim Stromauffahren im Orange erleiden kann, mit einem Wort all den Schwierigkeiten, von denen ein derartiges Unternehmen begleitet ist, Rechnung tragen. Man hat uns aufgegeben, Alles zu einer Erforschungsreise in Süd-Afrika vorzubereiten, und dann an den Wasserfällen von Morgheda meinen Collegen, den Oberst Everest vom Observatorium in Cambridge, zu erwarten. Hier sind die Morgheda-Fälle, wir befinden uns am angegebenen Ort, wo wir zu warten haben. Was wollen Sie noch mehr, mein wackerer Buschmann?«

Der Jäger wollte ohne Zweifel noch mehr, denn seine Hand drehte fieberhaft am Schloß seines Gewehres, einem vorzüglichen Manton, eine sehr sicher treffende Waffe für Spitzkugeln, womit man eine wilde Katze oder Antilope in einer Entfernung von acht bis neunhundert Yards erlegen kann.

Man sieht, der Buschmann hatte auf den Köcher mit vergifteten Pfeilen seiner Landsleute zu Gunsten der europäischen Waffen verzichtet.

»Haben Sie sich auch nicht getäuscht, Herr Emery? begann Mokum wieder. Hat man auch wirklich an den Morgheda-Fällen und zu Ende des Monats Januar die Zusammenkunft bestimmt?

? Ja, mein Freund, erwiderte ruhig William Emery, und hier ist der Brief des Herrn Airy, Directors der Sternwarte in Greenwich, der Ihnen beweisen wird, daß ich mich nicht geirrt habe.«

Der Buschmann nahm den ihm dargereichten Brief, drehte und wendete ihn wie ein mit den Geheimnissen der Schreibkunst wenig vertrauter Mensch. Dann gab er ihn an William Emery zurück und sprach:

»Wiederholen Sie mir doch, was Ihnen dies Stück geschwärzten Papiers erzählt.«

Der junge Gelehrte, dessen Geduld alle Proben bestand, berichtete ihm aufs Neue, was er gewiß schon zwanzig Mal seinem Freunde, dem Buschmann, erzählt hatte. In den letzten Tagen des verflossenen Jahres hatte William Emery einen Brief empfangen, welcher ihn von der bevorstehenden Ankunft des Oberst Everest und einer internationalen wissenschaftlichen Commission zu Erforschung Süd-Afrikas benachrichtigte. Welches waren die Pläne dieser Commission? zu welchem Zweck begab sie sich bis ans äußerste Ende des afrikanischen Festlandes? Emery konnte es nicht sagen, da des Herrn Airys Brief über diesen Punkt nichts enthielt. Den erhaltenen Instructionen gemäß hatte er sich beeilt, in Lattaku, einer der südlichsten Stationen im Hottentottenlande, Wagen, Lebensmittel, mit einem Wort Alles, was zur Verproviantirung einer buschmännischen Karavane nöthig war, anzuschaffen und vorzubereiten. Dann, da er dem Rufe nach den eingeborenen Jäger Mokum kannte, welcher Anderson auf seinen Jagdzügen durch West-Afrika und den kühnen David Livingstone auf seiner ersten Forschungsreise an den Ngamisee und zu den Wasserfällen des Zambese begleitet hatte, bot er diesem die Führung dieser Karavane an.

Hierauf kam man überein, daß der Buschmann, welcher die Gegend genau kannte, William Emery an die Ufer des Orange, zu den Morgheda-Fällen führen solle, wo sich die wissenschaftliche Commission anschließen wollte. Diese hatte auf der Fregatte Augusta von der englischen Marine in der Mündung des Orange an der Westküste Afrikas auf der Höhe des Cap Voltas sich einfinden und den Fluß hinauf bis zu den Katarakten fahren sollen. William Emery und Mokum waren zu Wagen dahin gekommen. Diesen Wagen hatten sie unten im Thal zurückgelassen; er sollte die Fremden und ihr Gepäck nach Lattaku bringen, wenn sie es nicht vorzogen, sich auf dem Orange und seinen Nebenflüssen dahin zu begeben, nachdem sie einige Meilen weit die Katarakte des Morgheda umgangen.

Als der Brief zu Ende gelesen war und sich dies Mal dem Geist des Buschmann fest eingeprägt hatte, trat dieser bis zu dem Rande des Abgrundes heran, in welchen sich der schäumende Fluß tosend hinabstürzte. Der Astronom folgte ihm. Hier konnte man von einem vorspringenden Punkt aus den Lauf des Orange unterhalb des Kataraktes mehrere Meilen weit überschauen.

Einige Minuten lang betrachteten Mokum und sein Gefährte aufmerksam die Oberfläche dieser Gewässer, welche ungefähr eine Viertelmeile weiter unten ihre ursprüngliche Ruhe wieder gewannen. Kein Gegenstand, Kahn oder Pirogue störte seinen Lauf. Es war jetzt drei Uhr. Der Monat Januar entspricht dem Monat Juli der nördlichen Gegenden, und die fast senkrecht stehende Sonne auf dem neunundzwanzigsten Breitegrad erzeugte eine Hitze bis zu einhundertundfünfzig Grad Fahrenheit im Schatten. Ohne einen leichten Westwind, der dieselbe ein wenig mäßigte, würde diese Temperatur für jeden Andern als einen Buschmann unerträglich gewesen sein. Doch litt auch der junge Gelehrte, dessen ganzes Temperament kühl, und dessen Körper nur Haut und Knochen war, nicht zu sehr darunter. Außerdem schützte ihn das dichte Laubwerk der den Abgrund überschattenden Bäume vor der unmittelbaren Wirkung der Sonnenstrahlen. Nicht ein Vogel belebte zu diesen heißen Tagesstunden die Einsamkeit. Nicht ein Thier verließ das kühlende Obdach der Gebüsche und wagte sich ins Freie hinaus. Man würde an diesem öden Ort selbst dann kein Geräusch gehört haben, wenn der Katarakt nicht die Luft mit seinem Tosen erfüllt hätte. Nachdem sie so zehn Minuten zugeschaut hatten, wandte sich Mokum ungeduldig den Boden stampfend zu William Emery. Seine Augen, mit ihrer so weit reichenden Sehkraft, hatten Nichts entdeckt.

»Und wenn Ihre Leute nun nicht kommen? fragte er den jungen Mann.

? Sie werden kommen, mein wackerer Jäger, erwiderte William Emery. Das sind Leute von Wort, und sie werden pünktlich sein, wie Astronomen. Zudem, was haben Sie ihnen vorzuwerfen? Der Brief kündigt ihre Ankunft für Ende Januar an; wir sind am siebenundzwanzigsten dieses Monates, und diese Herren haben also das Recht, erst in drei oder vier Tagen bei den Morgheda-Fällen einzutreffen.

? Und wenn sie nach Verlauf dieser vier Tage nicht kommen? fragte der Buschmann.

? Nun, Meister Jäger, so ist dies oder nie eine Gelegenheit, Geduld zu üben, und wir werden sie bis zu dem Augenblick erwarten, wo es mir wohl bewiesen ist, daß sie nicht mehr kommen werden!

? Bei unserm Gott Kö! rief der Buschmann mit schallender Stimme aus, Sie sind der Mann darnach zu warten, bis daß der Gariep sein tobendes Wasser nicht mehr in diesen Abgrund stürzt!

? Nein, Jäger, nein, antwortete William Emery mit ruhigem Ton, wie immer. Die Vernunft muß in all unsern Handlungen vorherrschen; nun, und was sagt uns die Vernunft? Daß, wenn der Oberst Everest und seine Begleiter, ermattet von einer mühseligen Reise, des Nöthigsten vielleicht entbehrend, verloren in diesen öden Gegenden, uns nicht am Ort der Zusammenkunft fänden, wir in jeder Hinsicht tadelnswerth wären. Wenn ein Unglück geschähe, so würde die Verantwortlichkeit dafür mit Recht auf uns zurückfallen. Wir müssen also so lange auf unserm Posten bleiben, als die Pflicht gebietet. Außerdem fehlt es uns ja an Nichts. Unser Wagen erwartet uns drunten im Thal und gewährt uns Schutz für die Nacht. Lebensmittel sind im Ueberfluß vorhanden, die Natur ist an diesem Ort prachtvoll und bewundernswerth. Für mich ist es ein ganz neues Glück, einige Tage in diesen herrlichen Wäldern, an dem Ufer dieses unvergleichlichen Flusses zu verbringen! Was Sie betrifft, Mokum, was können Sie mehr wünschen? Wild in der Luft und auf der Erde ist im Ueberfluß da, und Ihr Gewehr liefert uns unveränderlich unsern täglichen Wildbraten. Jagen Sie, tapferer Jäger, tödten Sie die Zeit, indem Sie Damhirsche oder Büffel schießen. Gehen Sie, wackerer Buschmann, ich werde indessen nach den Säumigen ausschauen, und so werden wenigstens Ihre Füße nicht der Gefahr ausgesetzt sein, anzuwurzeln.«

Der Jäger begriff, daß es gut sei, dem Rath des Astronomen zu folgen. Er entschloß sich daher die Gebüsche und Waldschläge umher auf einige Stunden zu durchstreifen. Löwen, Hyänen oder Leoparden waren nicht dazu da, um einen Nimrod, wie er, der an afrikanische Wälder gewöhnt war, zu ängstigen. Er pfiff seinem Hunde Top, eine Art » Cynhiène« aus der Wüste Kalaharien, Abkömmling jener Race, von welcher die Balabas ehemals die Windhunde zogen. Das kluge Thier, welches ebenso ungeduldig als sein Herr zu sein schien, sprang munter auf und bezeugte durch Freudengebell seine Zustimmung zu den Absichten des Buschmanns. Bald war der Jäger und der Hund im Dickicht eines Waldes verschwunden, dessen dichte Massen den Hintergrund des Kataraktes umschlossen.

William Emery, allein geblieben, lagerte sich am Fuß der Weide und begann in Erwartung des Schlafs, welchen die hohe Temperatur hervorrufen mußte, über seine gegenwärtige Lage nachzudenken. Hier war er, fern von bewohnten Gegenden, am noch wenig bekannten Orangefluß. Er erwartete Europäer, Landsleute, welche ihr Vaterland verließen, nur sich den Schicksalsfällen einer entfernten Expedition auszusetzen. Aber welchen Zweck hatte diese Expedition? Welches wissenschaftliche Räthsel wollte sie in den Wüsten Süd-Afrikas lösen? Welche Beobachtung wollte sie am dreißigsten Grad südlicher Breite anstellen? Darüber gerade sprach sich der Brief des ehrenwerthen Herrn Airy, Direktors der Sternwarte zu Greenwich, nicht aus. Von ihm, Emery, verlangte man Beistand, als von einem Gelehrten, der mit dem Klima der südlichen Breitegrade vertraut war, und da es sich augenscheinlich um wissenschaftliche Arbeiten handelte, so war seine Hilfe den Collegen aus den Vereinigten Königreichen sicher.

Während der junge Astronom all diese Dinge überlegte und sich tausend Fragen vorlegte, die er nicht beantworten konnte, wurden ihm die Augenlider schwer, und er fiel in tiefen Schlaf. Als er aufwachte, hatte sich die Sonne schon hinter den westlichen Hügeln versteckt, welche ihre malerischen Umrisse am flammenden Himmel abzeichneten. Die Kundgebungen seines Magens zeigten William Emery an, daß die Stunde der Abendmahlzeit nahe. Es war in der That sechs Uhr Abends, und der Augenblick gekommen, den Wagen unten im Thal wieder aufzusuchen.

Gerade im selben Augenblick vernahm man einen Schuß in einem Schlag baumartigen zwölf bis fünfzehn Fuß hohen Haidekrautes, der sich rechts am Abhang der Hügel hinzog. Fast unmittelbar darauf erschienen der Buschmann und Top am Saume des Waldes. Mokum schleppte als Beute ein soeben erlegtes Thier mit nach sich.

»Kommen Sie, kommen Sie, Meister Lieferant! rief ihm William Emery zu; was bringen Sie uns zum Abendbrod?

? Einen Springbock, Herr William«, antwortete der Jäger, und warf ein Thier mit lyraartig gewundenen Hörnern auf den Boden.

Es war eine Art Antilope, mehr unter dem Namen Springbock gekannt, welche häufig in allen Regionen Süd-Afrikas vorkommt. Dieser Bock war ein wunderschönes Thier, mit zimmtfarbigem Rücken, dessen Kreuz ganz mit dichten, glänzend weißen Seidenhaaren bedeckt war, und mit kastanienbraun geflecktem Bauche. Sein äußerst schmackhaftes Fleisch wurde zur Abendmahlzeit bestimmt.

Der Jäger und der Astronom, schleppten das Thier vermittelst eines quer über ihre Schultern gelegten Stockes fort, verließen die Höhen am Katarakt, und erreichten eine halbe Stunde später ihr Lager in einer schmalen Thalenge, wo sie der von zwei Führern aus der Buschmänner-Race bewachte Wagen erwartete.

Zweites Capitel.
Officielle Vorstellung

Während den Tagen des 28., 29. und 30. Januar verließen Mokum und William Emery nicht den zur Zusammenkunft bestimmten Ort. Indeß der Buschmann, von seiner Jagdneigung hingerissen, in der ganzen bewaldeten Gegend um den Katarakt herum das Hoch- und Rothwild verfolgte, überwachte der junge Astronom den Lauf des Flusses. Der Anblick dieser erhabenen und wilden Natur entzückte ihn und erfüllte seine Seele mit neuen Empfindungen. Der Zahlenmensch, der Gelehrte, welcher beständig in seine Bücher vertieft, Tag und Nacht an sein Fernrohr gefesselt, den Lauf der Sterne im Meridian verfolgte, oder die Verdeckungen der Gestirne berechnete, erquickte sich an diesem neuen Dasein in freier Luft, in den fast undurchdringlichen Wäldern, welche den Abhang der Hügel bedeckten, auf den einsamen Bergspitzen, welche der Sprühregen des Morgheda mit feuchtem Staub besprengte. Es war für ihn ein Genuß, die Poesie dieser weiten dem Menschen fast noch unbekannten Einöde zu erfassen und damit seinen von mathematischen Berechnungen ermüdeten Geist zu erfrischen. So vertrieb er sich die Langeweile des Wartens und stärkte Körper und Geist. Das Neue seiner Lage erklärte also seine unerschöpfliche Geduld, welche der Buschmann nicht theilen konnte. So gab es von Seiten des Jägers immer dieselben Klagen; von Seiten des Gelehrten dieselben ruhigen Antworten, die den reizbaren Mokum keineswegs beruhigten.

Der 31. Januar kam heran, der letzte in dem Briefe des ehrenwerthen Herrn Airy bestimmte Tag. Wenn die angekündigten Gelehrten an diesem Tage nicht erschienen, so war William Emery gezwungen, irgend einen Entschluß zu fassen, was ihn sehr in Verlegenheit setzte. Die Verzögerung konnte sich unendlich in die Länge ziehen, und wie konnte er so ins Unbestimmte warten?

»Herr William, sagte der Jäger zu ihm, warum sollten wir nicht den Fremden entgegengehen? Wir können uns nicht auf dem Wege verfehlen, denn es giebt nur einen Weg, den Flußweg, und wenn sie ihn heraufkommen, wie Ihr Stückchen Papier sagt, müssen wir ihnen unvermeidlich begegnen.

? Sie haben da eine vortreffliche Idee, Mokum, erwiderte der Astronom. Wir wollen unterhalb des Falles ein Erkennungszeichen aufstecken, und es steht uns dann frei, über den südlichen Bergabhang nach dem Lager zurückzukehren. Doch sagen Sie mir, Buschmann, Sie kennen zum größten Theil den Lauf des Orangeflusses?

? Ja, mein Herr, antwortete der Jäger, ich bin ihn zwei Mal vom Cap Voltas bis zu seinem Zusammenfluß mit dem Hart an den Grenzen der Republik Transvaal hinaufgefahren.

? Und er ist überall, mit Ausnahme an den Morgheda-Fällen, schiffbar?

? Wie Sie sagen, mein Herr, versetzte der Buschmann. Ich muß jedoch hinzufügen, daß zu Ende der trockenen Jahreszeit der Orange bis zu fünf oder sechs Meilen von seiner Mündung fast ganz ohne Wasser ist. Dort bilden sich dann Sandbänke, an welchen sich die hohle See von Westen her mit Heftigkeit bricht.

? Das schadet Nichts, antwortete der Astronom, da in dem Augenblick, wo unsere Europäer ihn erreicht haben müssen, die Mündung zugänglich gewesen. Es giebt also keinen Grund, der ihre Verzögerung veranlassen konnte, und demzufolge werden sie kommen.«

Der Buschmann erwiderte Nichts. Er warf seinen Carabiner über die Schulter, pfiff Top und ging seinem Gefährten auf dem schmalen Fußpfade voran, welcher vierhundert Fuß tiefer unterhalb des Kataraktes wieder zu dem Fluß führte.

Es war jetzt neun Uhr früh. Die beiden Kundschafter, ? man konnte ihnen wirklich diesen Namen geben, ? gingen dem linken Ufer des Flusses entlang hinab. Der Weg war nicht so leicht zu passiren, wie ein Damm oder eine zum Schiffeziehen bestimmte Straße. Das abschüssige mit Gesträuch bewachsene Ufer des Flusses, war ganz mit einem Laubdach wohlriechender Pflanzen überdeckt. Guirlanden von » Cynauchum filiforme«, wuchsen von einem Baum zum anderen und bildeten ein grünes Netz vor den Füßen der Reisenden. Daher blieb das Messer des Buschmanns nicht unthätig. Mitleidslos schnitt er diese unbequemen Guirlanden ab. William Emery schlürfte mit vollen Zügen die durchdringenden Gerüche des Waldes ein, der besonders von balsamischen Kampherdüften zahlloser Diosmeen durchdrungen war. Glücklicher Weise ward es durch einige lichte Stellen und von Waldung entblößte Uferwände möglich, schneller westwärts zu gelangen.

Um elf Uhr Morgens hatten sie ungefähr vier Meilen zurückgelegt. Der Wind wehte von Westen her, also nach dem Katarakt zu, dessen Tosen man in dieser Entfernung nicht mehr hören konnte, im entgegengesetzten Fall hätte man das abwärts dringende Geräusch deutlich vernehmen können.

William Emery und der Jäger hielten an dieser Stelle an, und überschauten von da den Lauf des Flusses, der sich zwei bis drei Meilen weit in gerader Linie hielt. Das Flußbett war hier zu beiden Seiten von zweihundert Fuß hohen Kreide-Ufern eng umschlossen und überragt.

»Wir wollen an diesem Platz warten, sagte der Astronom, und uns ausruhen. Ich habe nicht Ihre Jägerbeine, Meister Mokum, und ich gehe gewöhnlich mehr am gestirnten Himmel spazieren, als auf den Straßen der Erde. Wir wollen uns deshalb ausruhen. Von diesem Punkt hier können wir den Fluß auf zwei bis drei Meilen übersehen, und sobald das Dampfboot bei der letzten Biegung zum Vorschein kommt, können wir es unfehlbar bemerken.«

Der junge Astronom setzte sich am Fuße einer mächtigen Euphorbie nieder, deren Gipfel sich bis zur Höhe von vierzig Fuß erhob. Von hier schweifte sein Blick weit über den Fluß. Der Jäger, wenig an Sitzen gewöhnt, ging fortwährend am Uferdamm hin und her, während Top Schaaren wilder Vögel aufscheuchte, welche sein Herr gar nicht beachtete.

Der Buschmann und sein Gefährte waren erst eine halbe Stunde an diesem Ort, als William Emery sah, wie Mokum, der etwa hundert Schritt unterhalb stand, eine besondere Aufmerksamkeit zu erkennen gab. Hatte wohl der Buschmann das so ungeduldig erwartete Boot bemerkt?

Der Astronom wandte sich, stand auf von seinem Moossitze und ging nach dem Uferrande, wo sich der Jäger befand. In einigen Augenblicken hatte er ihn erreicht.

»Sehen Sie etwas, Mokum? fragte er den Buschmann.

? Nichts, ich sehe Nichts, Herr William, antwortete der Jäger, aber da mein Ohr mit dem Geräusch in der Natur stets vertraut ist, scheint es mir, als lasse sich ein ungewöhnliches Summen am untern Lauf des Flusses vernehmen.«

Hierauf empfahl er seinem Gefährten Stille an, legte sich mit dem Ohr auf die Erde und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit.

Nach einigen Minuten erhob er sich wieder und sprach kopfschüttelnd:

»Ich werde mich getäuscht haben. Das Geräusch, welches ich zu hören glaubte, ist nichts weiter als das Pfeifen des Seewinds durch das Laub, oder das Murmeln des Wassers über die Steine im Fluß. Und dennoch ...«

Der Jäger lauschte abermals aufmerksam, aber hörte nichts.

»Mokum, sagte darauf William Emery, wenn das Geräusch, welches Sie zu hören glaubten, von der Maschine eines Dampfbootes herrührt, werden Sie es besser hören, wenn Sie sich auf den Fluß niederbeugen. Das Wasser pflanzt den Ton deutlicher fort als die Luft.

? Sie haben Recht, Herr William, erwiderte der Jäger, und mehr als einmal habe ich so den Uebergang eines Flußpferdes über das Wasser erlauscht.«

Der Buschmann stieg das sehr steile Ufer hinunter, indem er sich an den Schlingpflanzen und Grasbüscheln festhielt.

Unten angekommen ging er bis ans Knie in den Fluß hinein, beugte sich nieder und legte sein Ohr auf das Wasser.

»Ja! rief er nach einigen Augenblicken aus, ja, ich hatte mich nicht getäuscht. Dort unten, einige Meilen abwärts, ist ein Geräusch, wie wenn das Wasser heftig gepeitscht wird. Es ist ein einförmiges und ununterbrochenes Geklapper, das im Wasser hervorgebracht wird.

? Ein Geräusch von Schaufelrädern? fragte der Astronom.

? Wahrscheinlich, Herr Emery. Dann sind die, welche wir erwarten, nicht mehr fern.«

William Emery, der die Feinheit der Sinne, womit der Jäger begabt war, kannte, bezweifelte die Aeußerung seines Gefährten nicht. Dieser stieg das Ufer wieder hinauf, und beide entschlossen sich, an dieser Stelle zu warten, von wo aus sie leicht den Lauf des Orange übersehen konnten.

Eine halbe Stunde verging, welche William Emery trotz seiner ruhigen Natur unendlich lang wurde. Oft glaubte er die unbestimmten Umrisse eines Schiffes auf dem Wasser dahingleiten zu sehen! Doch sein Gesicht täuschte ihn immer. Endlich machte ihm ein Ausruf des Buschmanns das Herz schlagen.

»Eine Rauchsäule!« rief Mokum aus.

William Emery in die vom Jäger angegebene Richtung schauend, bemerkte nicht ohne Mühe einen leichten Rauchwirbel an der Biegung des Flusses. Man konnte nicht mehr zweifeln. Das Boot kam schnell vorwärts. Bald konnte William Emery den Rauchfang unterscheiden, aus dem ein Strudel schwarzen Dampfes, vermischt mit weißen Rauchwirbeln, emporstieg. Das Schiff befand sich noch ungefähr sieben Meilen von den Morgheda-Fällen.

Es war jetzt Mittag. Da der Platz für eine Landung nicht geeignet war, entschloß sich der Astronom, nach dem Katarakt zurückzugehen. Er theilte seine Absicht dem Jäger mit, dessen Antwort darin bestand, daß er den von ihm schon eingeschlagenen Rückweg an dem linken Ufer des Stromes fortsetzte. William Emery folgte ihm, und als er sich zum letzten Mal an einer Biegung des Flusses umwendete, bemerkte er die britische Flagge am Hintertheil des Schiffes.

Die Rückkehr an die Wasserfälle geschah rasch, und in einer Stunde hielten der Buschmann und der Jäger eine Viertel-Meile unterhalb des Kataraktes an. Dort bildete der Fluß einen kleinen halbrunden Einschnitt, in welchem das Dampfboot leicht anlegen konnte, da das Wasser an dem fast senkrechten Ufer tief war.

Das Schiff konnte nicht mehr fern sein, und hatte sicher einen Vorsprung vor den beiden Fußgängern gewonnen, so schleunig sie auch gegangen waren. Man konnte es noch nicht wahrnehmen, denn die Beschaffenheit der von hohen überhängenden Bäumen beschatteten Ufer gestattete nicht eine weite Aussicht. Doch hörte man, wenn auch nicht das Pusten des Dampfes, so doch das schrille Pfeifen der Maschine, welches laut das fortdauernde Tosen des Kataraktes übertönte.

Dies Pfeifen hörte nicht auf. Die Mannschaft suchte so ihre Anwesenheit der Umgebung des Morgheda bemerklich zu machen. Der Jäger antwortete darauf mit Abschießen seines Karabiners, dessen Knall im Echo des Ufers laut widerhallte.

Endlich kam das Boot zum Vorschein. William Emery und sein Gefährte wurden von den Passagieren ebenfalls gesehen.

Auf ein Zeichen des Astronomen machte die Barke eine Wendung und legte sanft am Ufer an. Ein Schiffsseil wurde ausgeworfen, welches der Buschmann ergriff und um einen abgebrochenen Baumstamm schlang. Gleich darauf sprang ein hochgewachsener Mann leicht ans Ufer und ging auf den Astronomen zu, während seine Gefährten ebenfalls ans Land stiegen. Auch William Emery ging diesem Manne entgegen und sagte:

»Oberst Everest?

? Herr William Emery?« erwiderte der Oberst.

Der Astronom und sein College vom Observatorium zu Cambridge begrüßten sich und reichten einander die Hand.

»Meine Herren, sprach darauf Oberst Everest, erlauben Sie mir, Ihnen den ehrenwerthen Herrn William Emery vom Observatorium in Cap Town vorzustellen, der die Güte gehabt hat, uns bis an den Morgheda-Fall entgegenzukommen.«

Vier Passagiere des Schiffes, welche neben dem Obersten standen, grüßten der Reihe nach den jungen Astronomen, der ihre Begrüßung erwiderte. Darauf stellte sie der Oberst officiell vor, indem er mit echt englischem Phlegma sagte:

»Herr Emery, Sir John Murray aus Devonshire, Ihr Landsmann; Herr Mathieu Strux, von der Sternwarte in Pulkowa; Herr Nikolaus Palander, von der Sternwarte in Helsingfors, und Herr Michael Zorn von der Sternwarte in Kiew, drei russische Gelehrte, welche die Regierung des Czaren bei unserer internationalen Commission vertreten.«

Drittes Capitel.
Der Transport des Schiffes

Nachdem die Vorstellung vorüber, stellte sich William Emery den Ankommenden zur Verfügung. In seiner Eigenschaft als einfacher Astronom am Observatorium des Cap, war er dem Range nach dem Obersten Everest untergeordnet, der als Abgeordneter der englischen Regierung mit Mathieu Strux die Präsidentschaft über die wissenschaftliche Expedition theilte. Er kannte ihn außerdem als einen ausgezeichneten Gelehrten, welcher durch Reduktionen von Nebelsternen, sowie Berechnungen über Gestirnfinsternisse berühmt geworden war. Dieser Astronom, fünfzig Jahre alt, ein kalter, methodischer Mann, führte ein mathematisch nach Stunden berechnetes Dasein. Für ihn gab es nichts Unvorhergesehenes. Seine Genauigkeit in allen Dingen war nicht geringer, als die der Sterne beim Eintritt in den Meridian. Man konnte sagen, alle Handlungen seines Lebens waren nach der Uhr geregelt. Dies wußte William Emery, und hatte daher auch nie daran gezweifelt, daß die wissenschaftliche Commission am bestimmten Tage eintreffen werde.

Indessen wartete der junge Mann darauf, daß der Oberst sich in Betreff des Auftrags, welchen er in Süd-Afrika zu erfüllen komme, sich ausspräche. Da jedoch der Oberst darüber schwieg, glaubte Emery ihn nicht weiter ausfragen zu dürfen. Es war wahrscheinlich, daß im Geist des Obersten die Stunde, in welcher er sprechen sollte, noch nicht geschlagen hatte.

William Emery kannte ebenfalls dem Rufe nach Sir John Murray, einen reichen Gelehrten, Nacheiferer von James Roß und Lord Elgie, welcher ohne amtliche Stellung England mit seinen astronomischen Arbeiten beehrte. Die Wissenschaft mußte ihm für sehr beträchtliche Geldopfer dankbar sein. Er hatte zwanzigtausend Pfund auf die Errichtung eines Riesen-Reflectors verwendet, eines Rivalen des Teleskopen von Parson Town, durch welchen die Elemente einer gewissen Anzahl Doppelsterne bestimmt worden waren. Es war ein Mann von höchstens vierzig Jahren mit vornehmer Haltung und leidenschaftslosen Mienen, welche seinen Charakter nicht erkennen ließen.

Die drei Russen, die Herren Strux, Palander und Zorn waren William Emery dem Namen nach nicht fremd, doch kannte er sie nicht persönlich. Nikolaus Palander und Michael Zorn bezeugten gegen Mathieu Strux eine gewisse Ehrerbietung, welche schon seiner Stellung nach, auch ohne jedes andere Verdienst, ihm gebührte.

William Emery machte nur die einzige Bemerkung, daß sich die englischen und russischen Gelehrten in gleicher Anzahl befanden, drei Engländer und drei Russen. Die Mannschaft des Schiffes, »Königin und Czar« genannt, bestand aus zehn Mann, von denen fünf Engländer und fünf Russen waren.

»Herr Emery, sagte der Oberst Everest, sobald die Vorstellung vorüber war, wir kennen uns jetzt, als hätten wir zusammen die Ueberfahrt von London bis zum Cap Voltas gemacht. Ich hege außerdem eine besondere Achtung gegen Sie, die Ihnen für die Arbeiten gebührt, welche Sie mit Recht berühmt gemacht haben. Auf mein Verlangen hat die englische Regierung Sie ausersehen, um an den Operationen, welche wir in Süd-Afrika ausführen wollen, Theil zu nehmen.«

William Emery verneigte sich dankend und dachte, er werde jetzt endlich die Beweggründe erfahren, welche diese wissenschaftliche Commission in die südliche Hemisphäre führte. Doch der Oberst Everest sprach sich darüber nicht aus.

»Herr Emery, fuhr der Oberst fort, ich möchte fragen, ob Ihre Vorbereitungen beendigt sind.

? Ganz und gar, Herr Oberst, erwiderte der Astronom. Dem Auftrag zufolge, welchen mir der Brief des ehrenwerthen Herrn Airy gab, habe ich die Capstadt seit einem Monat verlassen und mich auf die Station Lattaku begeben. Dort habe ich alle nöthigen Erfordernisse zu einer Forschungsreise im Innern Afrikas zusammengebracht, Lebensmittel, Wagen, Pferde und Buschmänner. In Lattaku erwartet Sie ein Gefolge von hundert bewaffneten Männern, geführt von einem geschickten und berühmten Jäger, dem Buschmann Mokum, den ich Ihnen vorzustellen mir erlaube.

? Der Buschmann Mokum, rief der Oberst Everest mit kaltem Ton, der Buschmann Mokum! Ja, sein Name ist mir vollkommen bekannt.

? Es ist der Name eines geschickten und kühnen Afrikaners, fügte Sir John Murray hinzu, indem er sich zu dem Jäger wandte, welchen diese Europäer mit ihrem vornehmen Benehmen nicht aus der Fassung brachten.

? Der Jäger Mokum, sagte William Emery, indem er seinen Gefährten vorstellte.

? Ihr Name ist in dem Vereinigten Königreich wohl bekannt, Buschmann, antwortete der Oberst Everest. Sie sind ein Freund Andersons und Führer des berühmten David Livingstone gewesen, der mich mit seiner Freundschaft beehrt. England dankt Ihnen durch meinen Mund, und ich gebe Herrn Emery meine Zufriedenheit zu erkennen, daß er Sie zum Anführer unserer Karawane erwählt hat. Ein Jäger wie Sie muß Liebhaber von schönen Waffen sein. Wir haben ein ziemlich vollständiges Arsenal und ich bitte Sie, sich daraus ein Gewehr auszuwählen, welches Ihnen gefällt. Wir wissen, daß es in guten Händen sein wird.«

Ein Lächeln der Befriedigung spielte auf den Lippen des Buschmanns. Die Anerkennung seiner Dienste in England machte allerdings Eindruck auf ihn, doch sicherlich weniger als die angebotene Gabe des Oberst Everest. Er bedankte sich daher in gewählten Ausdrücken, und hielt sich abseits, während die Unterhaltung zwischen William Emery und den Europäern fortgesetzt wurde.

Der junge Mann vervollständigte seinen Bericht über die von ihm organisirte Expedition, und der Oberst schien dadurch sehr befriedigt. Es handelte sich nur darum, so schnell als möglich die Stadt Lattaku zu erreichen, denn die Abreise der Karawane sollte in den ersten Tagen des März, nach Beendigung der Regenzeit, stattfinden.

»Wollen Sie gefälligst bestimmen, Herr Oberst, auf welche Weise Sie die Stadt erreichen wollen.

? Auf dem Orangefluß und einem seiner Nebenflüsse, dem Kuruman, der bei Lattaku vorüberfließt.

? Gut, erwiderte der Astronom, aber so vortrefflich und so schnellfahrend Ihr Schiff auch sein mag, so könnte es doch den Morgheda-Fall nicht hinauffahren!

? Wir wollen den Katarakt umgehen, Herr Emery, und dadurch, daß wir das Schiff einige Meilen weit transportiren, wird es uns möglich, unsere Fahrt oberhalb des Flusses wieder aufzunehmen. Wenn ich mich nicht täusche, so sind die Strömungen von dort bis Lattaku für ein Boot, das nicht beträchtlich tief geht, schiffbar.

? Ohne Zweifel, Herr Oberst, erwiderte der Astronom, aber dies Dampfboot hat solch Gewicht, daß ...

? Herr Emery, antwortete der Oberst Everest, dies Fahrzeug ist ein Meisterstück aus den Werkstätten von Leard & Comp. in Liverpool. Es läßt sich Stück für Stück auseinandernehmen und äußerst leicht wieder zusammensetzen, eine Arbeit, wozu es nur eines Schraubenziehers und einiger Zapfen bedarf. Sie haben einen Wagen an den Morgheda-Fall mitgebracht?

? Ja wohl, Herr Oberst, versetzte William Emery. Unsere Lagerstätte ist kaum eine Meile von hier.

? Nun wohl, so werde ich den Buschmann bitten, den Wagen bis an den Ort, wo wir aussteigen, fahren zu lassen. Man wird die Schiffstheile und die Maschine, die sich ebenfalls auseinander nehmen läßt, darauf laden, und wir werden aufwärts an den Ort fahren, wo der Orange wieder schiffbar wird.«

Die Befehle des Oberst Everest wurden ausgeführt. Der Buschmann verschwand bald in dem Gehölz, nachdem er versprochen, in einer Stunde zurück zu sein. Während seiner Abwesenheit wurde das Dampfboot schnell ausgeladen. Zudem war die Ladung nicht bedeutend: Kästen mit physikalischen Instrumenten, eine ansehnliche Sammlung von Flinten aus der Fabrik von Purdey Moore in Edinburgh, einige Tonnen Branntwein, Tonnen getrockneten Fleisches, Pulverkasten, Felleisen vom kleinsten Umfange, Zeltleinwand mit allem Zubehör, das aus einem Reisebazar hervorgegangen zu sein schien, ein sorgfältig zusammengelegter Kahn von Gutta-Percha, der nicht mehr Platz einnahm als eine gut zusammengerollte Decke, einige Lagergeräthschaften u. s. w.; endlich eine Art Mitrailleuse in Fächerform, ein noch wenig vervollkommnetes Geschütz, welches aber Feinde, wer sie auch sein mochten, von der Annäherung an das Fahrzeug zurückscheuchen mußte.

Alle diese Gegenstände wurden auf dem Uferrande niedergelegt. Die Maschine von acht Pferdekraft zu zweihundertundzehn Kilogramm bestand aus drei Theilen, dem Dampfkessel und seinen Röhren, der mechanischen Einrichtung, welche man vermittelst des Schraubenziehers vom Kessel losmachte, und der Schraube. Indem diese Theile der Reihe nach herausgenommen wurden, ward das Innere des Fahrzeuges frei. Die Schaluppe bestand, außer dem Raum für die Maschine und den Vorrathskammern, aus einem für die Mannschaft bestimmten Vorderraum und aus einer Kajüte im Hintertheil für den Oberst Everest und seine Begleiter.

In einem Augenblick waren die Scheidewände verschwunden, die Koffer und Lagerstätten entfernt, und das Fahrzeug war nur noch ein Rumpf.

Dieser fünfunddreißig Fuß lange Rumpf bestand aus drei Theilen, gleich dem Dampfboot Mâ-Robert, dessen sich Doctor Livingstone bei seiner ersten Reise nach Zambese bediente. Er war aus galvanisirtem Stahl gefertigt, der zugleich leicht und dauerhaft ist. Die Stahlplatten waren durch Zapfen auf Rahmen von gleichem Metall befestigt, wodurch das feste Zusammenhalten und die Wasserdichtigkeit des Bootes gesichert wurde.

William Emery war wahrhaft erstaunt über die Einfachheit der Arbeit, und die Schnelligkeit, womit sie vor sich ging. Der Wagen war vor kaum einer Stunde in Begleitung des Jägers und seiner zwei Buschmänner angekommen, als das Schiff schon zum Verladen fertig war.

Dieser Wagen, ein sehr einfaches Gefährt, ruhte auf vier großen Rädern, welche, je zwei zusammen, zwanzig Fuß von einander entfernt waren. Diese schwere Maschine mit knarrenden Achsen wurde von sechs Büffelochsen gezogen, die, je zwei zusammengespannt, mit einem langen Treibstachel gespornt wurden. Es bedurfte auch solcher Mittel, die schwere Last von der Stelle zu bringen, die sonst mehr als ein Mal im Sumpf stecken geblieben wäre.

Die Mannschaft der Schaluppe befleißigte sich, den Wagen in der Weise zu beladen, daß er überall das Gleichgewicht behielt. Bei der sprichwörtlichen Gewandtheit der Seeleute war dies für diese nur ein Spiel. Für die Reisenden selbst war ein Weg von vier Meilen zu Fuß nur ein Spaziergang.

Um drei Uhr Nachmittags war die Verladung ganz beendet, und der Oberst Everest gab das Zeichen zum Aufbruch. Er ging mit seinen Begleitern, von William Emery geführt, voraus. Der Buschmann, die Schiffsmannschaft und die Wagenführer folgten langsameren Schrittes.

Der Marsch war keineswegs ermüdend. Der Weg über die Abhänge, welche zum oberen Lauf des Orange führten, war zwar ein Umweg, aber leichter zu passiren, ein Umstand, der dem schwer beladenen Wagen sehr zu Statten kam.

Die Mitglieder der Commission stiegen leicht den Rücken des Hügels hinan. Ihre Unterhaltung hielt sich im Allgemeinen; vom Zweck ihrer Reise war durchaus nicht die Rede. Die Europäer bewunderten die großartigen Ansichten, die vor ihren Augen abwechselten. Diese großartige Natur, in ihrer Wildheit so schön, entzückte sie, wie sie den jungen Astronom entzückt hatte. Ihre Reise hatte sie noch nicht gegen die Naturschönheiten der afrikanischen Zone unempfindlich gemacht. Sie bewunderten jedoch mit jener Zurückhaltung, welche den Engländern eigenthümlich ist. Dem Katarakt schenkten sie einige Beifallsbezeigungen guten Styls.

Uebrigens glaubte William Emery seinen Gästen den Cicerone Süd-Afrikas machen zu müssen. Er war hier zu Hause, und wie mancher allzu enthusiastische Bürger verschonte er sie mit keinem Detail seines afrikanischen Parkes.

Ungefähr um vierundeinhalb Uhr hatte man die Morgheda-Fälle umgangen. Auf dem Plateau angekommen, sahen die Europäer den oberen Lauf des Flusses sich vor ihren Blicken bis ins Entfernteste hinziehen.

Sie lagerten sich nun am Uferrande, um die Ankunft des Wagens zu erwarten. Das Gefährt erschien um fünf Uhr auf dem Gipfel des Hügels, nach glücklich vollbrachter Fahrt. Der Oberst ließ sogleich zum Abladen schreiten, und kündigte ihre Weiterreise für den folgenden Morgen bei Tagesanbruch an. Die ganze Nacht verging unter verschiedenen Arbeiten. Der Rumpf des Schiffes wurde in weniger als einer Stunde wieder eingerichtet, die Schraubenmaschine an ihrem Platz befestigt, die Scheidewände zwischen den Kajüten eingezogen, die Vorrathsräume wieder hergestellt, das verschiedene Gepäck ordentlich eingeräumt; alle diese in größter Schnelligkeit vollzogenen Arbeiten zeugten zu Gunsten der »Königin und Czar«. Diese Engländer und Russen waren auserwählte Leute, geschulte und geschickte Männer, auf welche man sich gänzlich verlassen konnte.

Am folgenden Tage, dem 1. Februar, war das Fahrzeug bei Tagesanbruch zur Aufnahme der Passagiere bereit. Schon entströmte wirbelnder schwarzer Rauch der Feueresse und der Maschinist ließ, um die Zugkraft zu vermehren, zwischen diesem Rauch weiße Dampfwolken aufsteigen.

Die Hochdruck-Maschine ohne Condensator ließ ihren Dampf bei jedem Kolbenstoß entgleiten, gemäß dem bei den Locomotiven angewandten System. Der Kessel, welcher mit sinnreich angebrachten Siederöhren versehen war, und der Heizung eine große Fläche bot, brauchte nur eine halbe Stunde, um eine hinreichende Quantität Dampf zu liefern. Man hatte sich gut mit Ebenholz und Gaïac versorgt, welches in der Umgegend reichlich wuchs, und mit diesen kostbaren Holzarten heizte man stark ein. Um sechs Uhr Morgens gab der Oberst Everest das Zeichen zur Abfahrt. Passagiere und Seeleute schifften sich auf der »Königin und Czar« ein. Der mit dem Lauf des Flusses vertraute Jäger folgte ihnen an Bord, und den beiden Buschmännern blieb die Sorge, den Wagen nach Lattaku zurückzubringen.

Im Augenblick, als das Schiff den Anker lichtete, sagte der Oberst Everest zu dem Astronomen:

»Apropos, Herr Emery, wissen Sie, weshalb wir hierher gekommen sind?

? Nicht im Geringsten, Herr Oberst.

? Der Grund ist sehr einfach, Herr Emery, wir wollen einen Meridianbogen in Süd-Afrika ausmessen.«

Viertes Capitel.
Einige Worte in Betreff des Meter

Zu allen Zeiten, kann man sagen, haben die Menschen ein allgemeines, unveränderliches Maß im Sinne gehabt, dessen Berechnung in aller Strenge von der Natur selbst gegeben sei. Es kam dabei darauf an, daß für dieses Maß eine Genauigkeit ausgemittelt würde, welche von den größten Weltveränderungen, selbst einer Ueberflutung der Erde, unberührt bliebe. Es ist ausgemacht, daß man schon im Alterthum darauf sann, aber es fehlten Instrumente und Methode, um die Ausführung nur annähernd ins Werk setzen zu können.

Das beste Mittel, ein ganz unveränderliches Maß zu bekommen, bestand in der That darin, daß man es mit der Erdkugel, deren Umfangslinie als unveränderlich angesehen werden kann, in Beziehung setzte, und folglich von dieser Umfangslinie, oder auch nur einem Theile derselben, ein Maß mathematisch aufgenommen wurde.

Die Versuche der Alten, dieses Maß festzustellen, waren folgende: Aristoteles sah das Stadium als den hunderttausendsten Theil der Linie vom Pol bis zum Aequator an. Eratosthenes, zur Zeit der Ptolemäer, berechnete annähernd richtig das Maß eines Grades dem Nil entlang, von Syene bis Alexandria. Aber Posidonius und Ptolemäus, so wie ihre Nachfolger, waren nicht im Stande, ihre geodäsischen Arbeiten mit hinlänglicher Genauigkeit vorzunehmen.

Erst Picard hat in Frankreich den Anfang gemacht, die Methoden für die Gradmessung zu regeln, und setzte, als er 1669 die Länge des Bogens von Paris bis Amiens am Himmel und auf der Erde bestimmte, das Maß eines Grades zu siebenundfünfzigtausendundsechzig Toisen fest.

Dom. Cassini und Lahire setzten von 1683 bis 1718 diese Messung weiter fort bis Dünkirchen und Collioure. Von Fr. Cassini und Lahire wurde derselbe 1739 von Dünkirchen bis Perpignan verglichen und bestätigt, und von Mechain bis Barcelona fortgesetzt.

Die Meridianmessung Frankreichs wurde erst 1807 von Arago und Biot wieder aufgenommen und bis zu den Balearen fortgesetzt. Die gemessene Linie erstreckte sich nun vom fünfundvierzigsten Grad an, welcher vom Pol und Aequator gleich weit entfernt ist, auf beiden Seiten gleichmäßig, so daß man unter diesen Umständen zur Bestimmung eines Viertheils des Meridians, die Abplattung der Erde nicht in Anschlag zu bringen brauchte. Diese Messung ergab siebenundfünfzigtausendundfünfundzwanzig Toisen als durchschnittliches Maß für einen Grad in Frankreich.

Bisher befaßten sich, wie man sieht, besonders französische Gelehrte mit dieser sorgfältigen Feststellung. Auch faßte die constituirende Versammlung im Jahre 1790 auf Talleyrands Vorschlag einen Beschluß, worin der Akademie der Wissenschaften Auftrag ertheilt wurde, ein unveränderliches Muster für alle Maße und Gewichte zu ermitteln. Der von den berühmtesten Namen französischer Gelehrter Unterzeichnete Bericht schlug als Längenmaß den zehnmillionsten Theil des Meridianviertheils vor, und als Gewichtmaß für alle Körper die Schwere des destillirten Wassers; zugleich wurde das Decimalsystem angenommen, um alle Maße mit einander in Verhältnis zu setzen.

Später wurden Gradmessungen an verschiedenen Stellen der Erde vorgenommen; denn da der Erdball nicht ein Sphäroid, sondern ein Ellipsoid ist, so mußte sich aus vielfältigen Messungen das Maß seiner Abplattung nächst den Polen ergeben.

Im Jahre 1736 wurde von fünf französischen Gelehrten in Verbindung mit dem Schweden Celsius ein nördlicher Bogen in Lappland gemessen, und es ergaben sich für den Grad siebenundfünfzigtausendvierhundertundneunzehn Toisen.

1745 fanden drei Franzosen in Verbindung mit zwei Spaniern als Gradmaß für Peru sechsundfünfzigtausendsiebenhundertsiebenunddreißig Toisen. 1752 ermittelte Laplace siebenundfünfzigtausendsiebenunddreißig Toisen für einen Meridian beim Vorgebirge der guten Hoffnung. 1754 fanden die Italiener sechsundfünfzigtausendneunhundertdreiundsiebenzig Toisen für den Bogen zwischen Rom und Rimini. 1762 und 1763 wurde von Beccaria der piemontesische Grad zu siebenundfünfzigtausendeinhundertundachtundsechzig Toisen bestimmt. 1768 fand man in Nordamerika an der Grenze von Maryland und Pennsylvanien sechsundfünfzigtausendachthundertachtundachtzig Toisen für den amerikanischen Grad.

Seitdem wurden im neunzehnten Jahrhundert eine Menge anderer Bogen gemessen, in Bengalen, Piemont, Finnland, Kurland, Hannover, Ostpreußen, Dänemark u. s. w.; aber die Engländer und Russen betheiligten sich weniger lebhaft wie die anderen Nationen mit diesen so genauen Bestimmungen; nur 1784 war der Generalmajor Roy bemüht, die französischen Maße mit den englischen in Verhältniß zu setzen.

Aus der Vergleichung aller dieser Messungen konnte man schon abnehmen, daß das durchschnittliche Maß eines Grades auf siebenundfünfzigtausend Toisen zu veranschlagen sei, welches fünfundzwanzig alten französischen Lieues Eine alte französische Lieue = 0,6 geographische Meilen. gleich kam; und durch Multiplication dieser Ziffer mit den dreihundertsechzig Graden des Meridians ergaben sich für die Umfangslinie der Erde neuntausend Lieues.

Aber die an verschiedenen Stellen gemachten Aufnahmen stimmten nicht durchaus mit einander überein. Demungeachtet stützte man auf dieses durchschnittlich angenommene Maß von siebenundfünfzigtausend Toisen für einen Grad das Metermaß, nämlich als den zehnmillionsten Theil des Viertheils vom Erdmeridian, im Betrag von 0,513074, welches drei Fuß elf Linien und zweihundertsechsundneunzig Tausendtheil einer Linie ausmacht.

In Wirklichkeit ist diese Ziffer etwas zu niedrig. Neuere Berechnungen, welche die Abplattung der Erde an den Polen Sie beträgt nicht 1/334, wie man früher annahm, sondern 1/299,5. mit in Anschlag bringen, ergeben nicht mehr zehn Millionen Meter als Maß für das Viertheil des Meridians, sondern zehn Millionen achthundertsechsundfünfzig Meter. Diese Differenz von achthundertsechsundfünfzig Meter ist bei einer solchen Länge sehr unerheblich; dennoch muß man, mathematisch ausgedrückt, sagen, der Meter, so wie er jetzt angenommen ist, repräsentirt nicht genau den zehnmillionsten Theil des Viertheils vom Erdmeridian. Der Irrthum beträgt etwa zwei Zehnmilliontheile einer Linie.

Der also bestimmte Meter wurde jedoch nicht von allen civilisirten Nationen angenommen. Belgien, Spanien, Piemont, Griechenland, Holland, die vormaligen spanischen Kolonien, die Republiken Ecuador, Neu-Granada, Costa-Rica u. s. w. schlossen sich unverzüglich an; aber trotz der unverkennbaren Vorzüge des metrischen Systems vor allen übrigen Systemen hat sich England bis auf den heutigen Tag es anzunehmen geweigert.

Wären nicht die politischen Mißverhältnisse zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts eingetreten, so wäre dieses System vielleicht von den Bewohnern des Vereinigten Königreichs angenommen worden. Als am 8. Mai 1790 die constituirende Versammlung ihren Beschluß faßte, wurden die englischen Gelehrten der Königlichen Gesellschaft eingeladen, sich den französischen Gelehrten anzuschließen. In Hinsicht des Metermaßes sollte man entscheiden, ob es auf die Länge des einfachen Pendels zu gründen sei, welcher die sechzigste Secunde schlägt, oder ob man als Einheit für die Längenmaße einen Abschnitt eines der großen Kreise um die Erde annehmen solle. Aber die Ereignisse traten hindernd dazwischen.

Erst im Jahre 1854 hat sich England, welches längst die Vortheile des metrischen Systems erkannte, und zudem sah, wie sich Gesellschaften von Gelehrten und Kaufleuten bildeten, um diese Reform weiter zu verbreiten, ? zur Annahme desselben entschlossen.

Aber die englische Regierung wollte diese Entschließung bis zu dem Zeitpunkt geheim halten, wo neue geodäsische Arbeiten, welche sie vornehmen ließ, es möglich machen würden, den Erdgrad mit strengerer Genauigkeit zu bestimmen. Doch glaubte die englische Regierung sich in dieser Hinsicht mit der russischen Regierung, welche ebenfalls zur Annahme des metrischen Systems geneigt war, sich verständigen zu müssen.

Es wurde also eine aus drei englischen und drei russischen Astronomen bestehende Commission aus der Mitte der ausgezeichnetsten wissenschaftlichen Gesellschaften gewählt. Es waren dies, wie wir sahen, für England der Oberst Everest, Sir John Murray und William Emery; für Rußland die Herren Math. Strux, Nicol. Palander und Michel Zorn.

Diese zu London versammelte internationale Commission beschloß, daß vor allen Dingen ein Meridianbogen auf der südlichen Hemisphäre gemessen werden solle; sodann solle ein anderer Bogen des Meridians auf der nördlichen aufgenommen werden, und durch die Verbindung dieser beiden Messungen hoffte man eine strenge Bestimmung zu bekommen, welche allen Anforderungen des Programms entspräche.

Nun kam es zur Frage, an welcher Stelle der englischen Besitzungen auf der südlichen Hemisphäre die Messung stattfinden solle, der Cap-Colonie, Australien, Neu-Seeland. Da diese beiden Letztern bei den Antipoden Europas liegen, so würde dadurch für die wissenschaftliche Kommission eine weite Reise erforderlich. Zudem konnten die Maoris und Australier, welche mit den eingewanderten Fremden in beständigem Kriege lagen, die projectirte Operation sehr erschweren. Die Cap-Colonie dagegen bot wesentliche Vortheile:

1) Sie lag mit einigen Theilen des russischen Reiches unter dem nämlichen Meridian, und man konnte, nachdem ein Bogen dieses Meridians in Südafrika gemessen worden, die Messung eines zweiten Bogens desselben Meridians auf dem Gebiete des Czaren in aller Stille vornehmen.

2) Die verhältnißmäßig kurze Reise zu den englischen Besitzungen in Südafrika.

3) Es bot sich da für die englischen und russischen Gelehrten eine treffliche Gelegenheit, die Arbeiten des französischen Astronomen Lacaille zu controliren, indem sie die ihrigen an derselben Stelle Vornahmen, so daß sich herausstellen mußte, ob die Angabe von siebenundfünfzigtausendunddreißig Toisen als Maß eines Meridian-Grades am Cap der guten Hoffnung richtig sei.

Deshalb wurde beschlossen, die geodäsische Operation solle am Cap vorgenommen werden, und die beiden Regierungen bestätigten diesen Beschluß der Commission. Es wurde ein ansehnlicher Credit dafür eröffnet, alle für eine Triangulation erforderlichen Instrumente in zwei Exemplaren angeschafft, und der Astronom William Emery beauftragt, die Vorbereitungen für eine Forschungsreise ins Innere Südafrikas zu treffen. Die der königlichen Marine angehörige Fregatte Augusta erhielt den Befehl, die Mitglieder der Commission mit ihrem Gefolge an die Mündung des Orangeflusses zu transportiren.

Hinzufügen muß man noch, daß der wissenschaftlichen Frage eine Frage der nationalen Eigenliebe zur Seite ging, welche die zu der gemeinsamen Arbeit vereinigten Gelehrten spornte. Es handelte sich in der That darum, die Franzosen in ihren Berechnungen zu überbieten, die Arbeiten ihrer berühmtesten Astronomen an Genauigkeit zu übertreffen, und dies inmitten eines wilden und fast unbekannten Landes. Daher waren auch die Glieder der anglo-russischen Commission zu jedem Opfer entschlossen, selbst ihr Leben daran zu setzen, um ein der Wissenschaft förderliches und zugleich für ihr Vaterland ruhmvolles Resultat zu erzielen.

Aus diesem Grunde also fand sich der Astronom William Emery zu Ende Januar 1854 bei den Wasserfällen von Morgheda, am Ufer des Orangeflusses ein.

Fünftes Capitel.
Ein Hottentottendorf

Die Reise auf dem obern Lauf des Flusses ging schnell von statten. Das Wetter war unterdessen regnerisch geworden; doch hatten die Reisenden, welche bequem in der Kajüte untergebracht waren, keineswegs von den in dieser Jahreszeit so häufigen Regengüssen zu leiden. Die »Königin und der Czar« flog schnell dahin. Sie traf weder auf Stromschnellen noch seichten Grund, und die Gegenströmung war nicht stark genug, um ihren Lauf zu hemmen.

Die Ufer des Orange boten immer noch den gleichen entzückenden Anblick. Balsamisch duftende Wälder folgten einander, in deren grünen Gipfeln eine ganze Welt von Vögeln hauste. Hier und dort befanden sich Baumgruppen aus der Familie der Proteaceen (Silberfichten), besonders aus dem »Wagenboom« jenem röthlich marmorirten Holz, welches mit seinen tiefblauen Blättern und blaßgelben Blüthen einen sonderbaren Eindruck hervorbringt; ferner jener »Zwartebast«, ein Baum mit schwarzer Rinde, und »Barrees« mit dem dunkeln, starren Laubwerk. Einige Schläge zogen sich meilenweit am Flußufer hin, das hier überall von Trauerweiden überschattet war. Hin und wieder zeigten sich plötzlich weite öde Landstrecken, welche mit unzähligen Coloquinten und jenen honigtragenden Silberbäumen bedeckt waren, aus welchen ganze Schwärme von den kleinen Singvögeln aufflatterten, welche die Colonisten am Cap »Honigfresser« nennen.

Die Vogelwelt zeigte mannigfaltige Musterexemplare. Der Buschmann machte Sir John Murray, der ein großer Vogel- und Wildpretliebhaber war, darauf aufmerksam. Es hatte sich dadurch eine Art Vertrautheit zwischen dem englischen Jäger und Mokum entspannen, dem sein vornehmer Gefährte, um das Versprechen des Oberst Everest zu erfüllen, eine vorzügliche weittragende Büchse vom System Pauly zum Geschenk gemacht hatte. Die Freude des Buschmanns, als er sich im Besitz dieser kostbaren Waffe sah, brauch ich nicht zu schildern.

Die beiden Jäger verstanden einander gut. Trotzdem Sir John Murray ein ausgezeichneter Gelehrter war, galt er doch für einen der trefflichsten Fuchsjäger des alten Kaledoniens. Er hörte voller Interesse und Lust den Erzählungen des Buschmanns zu. Seine Augen flammten, wenn ihm der Jäger im Gehölz irgend einen wilden Wiederkäuer zeigte, bald eine Truppe von fünfzehn bis zwanzig Giraffen, bald sechs Fuß hohe Büffelochsen mit schneckenförmig gewundenen schwarzen Hörnern auf dem Kopfe; weiterhin scheue Gnu mit Pferdeschwänzen, Rudel von Caamas, einer Art großer Hirsche mit blitzenden Augen, deren Hörner ein drohendes Dreizack bildeten; überall in dem Dickicht der Wälder, wie auf den nackten Ebenen jene zahllosen Antilopenarten, die sich in Süd-Afrika massenhaft finden, der Bastard der Gemse, der Gemsbock, die Gazelle, der Waldbock, der Springbock u. s. w. War dies nicht genug, um die Leidenschaft eines Jägers zu reizen, und konnten die Fuchsjagden auf den Hochebenen Schottlands sich mit den Jagdzügen eines Cummins, Anderson oder Baldwin vergleichen?

Offen gesagt, machte der Anblick dieser prachtvollen Wildpretexemplare keinen so lebhaften Eindruck auf die Begleiter Sir John Murrays. William Emery beobachtete seine Collegen voller Aufmerksamkeit, und suchte sie unter ihrer kalten Außenseite zu ergründen.

Der Oberst Everest und Mathieu Strux, beide fast von gleichem Alter, waren gleich zurückhaltend, zugeknöpft und förmlich. Sie sprachen mit abgemessener Langsamkeit, und jeden Morgen hätte man sagen können, sie seien früher bis zum Abend zuvor nie mit einander zusammen gewesen. Man durfte nicht hoffen, daß sich je eine Art Vertrautheit zwischen diesen beiden wichtigen Personen entwickeln könne. Es steht fest, daß zwei nebeneinander befindliche Eisschollen endlich mit einander in Zusammenhang kommen, aber niemals zwei Gelehrte, wenn sie beide eine hohe Stellung in der Wissenschaft einnehmen.

Nicolaus Palander, fünfundfünfzig Jahre alt, war einer jener Männer, die niemals jung waren und niemals alt werden. Der Astronom von Helsingfors, beständig in seine Berechnungen versenkt, konnte wohl eine bewunderungswürdig organisirte Maschine sein, doch blieb er nur Maschine, eine Art Rechentafel oder Universalrechner. Als Rechner der englisch-russischen Commission war dieser Gelehrte nur eins jener »Wunder«, welche aus dem Kopf mit fünf Ziffern als Factoren multipliciren.

Michel Zorn war seinem Alter, seinem enthusiastischen Temperament und seiner guten Laune nach William Emery ähnlich. Seine liebenswürdigen Eigenschaften verhinderten ihn nicht, ein verdienstvoller Astronom zu sein, der bereits eine frühzeitige Berühmtheit besaß. Die Entdeckungen, welche von ihm und unter seiner Leitung am Observatorium in Kiew in Betreff des Nebelsternes Andromeda gemacht wurden, hatten in der gelehrten Welt Europas Aufsehen erregt. Zu seinen unbestrittenen Verdiensten gesellte sich eine große Bescheidenheit, die bei jeder Gelegenheit zum Vorschein kam.

William Emery und Michel Zorn mußten Freunde werden. Dieselbe Geschmacksrichtung, die gleichen Bestrebungen vereinigten sie. Oft plauderten sie zusammen, während der Oberst Everest und Mathieu Strux sich gegenseitig kalt beobachteten. Palander zog in Gedanken Kubikwurzeln aus, ohne die entzückenden Aussichten auf das Ufer wahrzunehmen, und Sir John Murray und der Buschmann machten Pläne für zukünftige Jagdopfer.

Bei dieser Fahrt auf dem Orangestrom ereignete sich kein Zwischenfall. Manchmal schienen steile Abhänge, Granitfelsen, welche das sich schlängelnde Flußbett einengten, jeden Ausgang zu versperren. Oft auch machten bewaldete Inseln den einzuschlagenden Weg unsicher. Aber der Buschmann schwankte niemals, und »Königin und Czar« wählte die günstigste Straße oder durchschiffte ohne Aufenthalt den steilen Felsenkreis. Der Steuermann hatte nicht ein einziges Mal zu bereuen, den Anweisungen Mokums gefolgt zu sein.

Nach vier Tagen hatte das Dampfboot die zweihundertundvierzig Meilen zwischen dem Morgheda-Katarakt und dem Kuruman zurückgelegt, einem der Nebenflüsse, welche grade bis zur Stadt Lattaku fließen, dem Zielpunkt der Expedition des Oberst Everest.

Der Strom bildet dreißig (franz.) Meilen oberhalb der Wasserfälle einen Bogen, und von seiner allgemein westöstlichen Richtung ein wenig abweichend, schneidet er südöstlich den scharfen Winkel ab, der im Norden das Festland der Cap-Colonie begrenzt. Von diesem Punkte zieht er sich nach Nordosten hin und verliert sich dreihundert Meilen weiter in den Waldregionen der Republik Transvaal.

Am 5. Februar in den ersten Morgenstunden und im strömenden Regen erreichte die »Königin und Czar« die Station Klaarwater, ein Hottentottendorf, bei welchem sich der Kuruman in den Orange ergießt. Der Oberst Everest, der keinen Augenblick verlieren wollte, fuhr schnell an den wenigen Buschmann-Hütten, aus denen das Dorf besteht, vorüber, und das Schiff begann mit Hilfe seiner Schraube den neuen Nebenfluß hinaufzufahren.

Die reißende Strömung rührte, wie die Passagiere bemerkten, von einer sonderbaren Eigenthümlichkeit dieses Gewässers her. Der an seiner Quelle sehr voll strömende Kuruman wird beim Abwärtsfließen unterm Einfluß der Sonnenstrahlen schwächer. Doch war er in dieser Jahreszeit durch Regengüsse und einen andern Nebenfluß angeschwollen, tief und reißend. Daher fuhr die Schaluppe mit verstärktem Dampf und legte stromaufwärts drei Meilen in der Stunde zurück.

Während der Fahrt meldete der Buschmann die Anwesenheit einer großen Anzahl Flußpferde. Diese Dickhäuter, von den Holländern am Cap »Seekühe« genannt, dicke, schwerfällige Thiere, acht bis zehn Fuß lang, waren wenig zu Feindseligkeiten geneigt. Das Schnauben des Dampfbootes und das Pochen der Schraube erschreckte sie. Das Fahrzeug erschien ihnen wie irgend ein neues Ungeheuer, dem sie mißtrauen mußten, und in der That konnten auch die Waffen an Bord ihnen die Annäherung schwierig machen. Sir John Murray hätte gern seine Explosionskugeln an diesen Fleischmassen versucht; doch versicherte ihm der Buschmann, es gebe in den nördlichen Gewässern noch genug Flußpferde, und Sir John Murray entschloß sich, eine günstigere Gelegenheit abzuwarten.

Die hundertundfünfzig Meilen von der Mündung des Kuruman bis zur Station Lattaku wurden in fünfzig Stunden zurückgelegt. Am 7. Februar um drei Uhr Nachmittags war das Ziel der Fahrt erreicht.

Als das Dampfboot an dem steilen Uferrand, welcher als Quai diente, vor Anker gegangen war, fand sich ein fünfzig Jahre alter Mann von ernstem, doch gutmüthigem Gesichtsausdruck an Bord ein und reichte William Emery die Hand. Der Astronom stellte den Neuangekommenen seinen Reisegefährten mit den Worten vor: »Der hochwürdige Thomas Dale, von der Londoner Missionsgesellschaft, Direktor der Station Lattaku.« Die Europäer begrüßten den hochwürdigen Herrn, der sie willkommen hieß und sich ihnen zur Verfügung stellte.

Die Stadt Lattaku, oder vielmehr das Dorf dieses Namens, ist die entfernteste Missionsstation nördlich vom Cap. Sie besteht aus Alt- und Neu-Lattaku.

Die Altstadt, augenblicklich fast ganz verlassen, zählte noch im Anfang des Jahrhunderts zwölftausend Einwohner, welche seitdem nach Nordosten ausgewandert sind. Diese ganz verfallene Stadt ist durch das nicht weit davon, in einer ehemals mit Akazien bedeckten Ebene, erbaute Neu-Lattaku ersetzt worden.

Dies Neu-Lattaku, wohin sich die Europäer unter der Anführung des hochwürdigen Herrn begaben, bestand aus ungefähr vierzig Häusergruppen mit etwa fünf- bis sechstausend Einwohnern, welche dem großen Stamme der Bechuanas angehören. In dieser Stadt hielt sich der Doctor Livingstone im Jahre 1840 drei Monate lang auf, ehe er seine erste Reise nach dem Zambese unternahm, welche den berühmten Reisenden durch ganz Süd-Afrika, von der Loanda-Bai am Longo bis zu dem Hafen Kilmane auf der Küste Mozambique führte.

Bei seiner Ankunft in Neu-Lattaku übergab der Oberst Everest dem Missions-Director einen Brief des Doctors Livingstone, welcher die anglo-russische Expedition seinen Freunden in Süd-Afrika empfahl. Thomas Dale las diesen Brief mit großem Vergnügen, dann gab er ihn dem Obersten zurück, indem er sagte, derselbe könne ihm auf seiner Forschungsreise von Nutzen sein, weil der Name Livingstone in diesem ganzen Theile Afrikas gekannt und geehrt sei.

Die Mitglieder der Commission wurden im Missionshause untergebracht, einem großen, auf einem Hügel errichteten Gebäude, das von einer undurchdringlichen Hecke wie von einer Festungsmauer umgeben war. Die Europäer konnten sich hier auf bequemere Art einrichten, als wenn sie bei den Bechuanas gewohnt hätten. Nicht als seien diese Wohnungen nicht reinlich und ordentlich; im Gegentheil, ihr Boden, aus ganz glatter Thonerde, war völlig staublos; ihr Dach, mit Langstroh gedeckt, ist für den Regen undurchdringlich; aber im Ganzen sind diese Häuser doch nur Hütten, in welche man durch ein kaum zugängliches kreisrundes Loch hineinkommt. In diesen Hütten lebt man in Gemeinschaft mit Allen, und das unmittelbare Beisammensein mit den Bechuanas kann schwerlich für angenehm gelten.

Das in Lattaku wohnende Stammes-Oberhaupt, ein gewisser Mulibahan, glaubte sich den Europäern vorstellen zu müssen. Mulibahan, ein ziemlich schöner Mann, der von den Negern weder die dicken Lippen noch die platte Nase hatte, zeigte ein rundes Gesicht, das nicht wie bei den Hottentotten nach unten zu schmäler wurde. Er war mit einem aus Häuten künstlich zusammengenähten Mantel und einem in der Landessprache » pukoje« genannten Schurzfell bekleidet. Auf dem Kopfe trug er eine Lederkappe und seine Fußbekleidung bildeten rindslederne Sandalen. Sein Vorderarm war mit Elfenbeinringen geziert, und in den Ohren schaukelte eine vier Zoll lange Kupferplatte, eine Art Ohrgehänge, das zugleich ein Amulet ist. Auf seiner Mütze schwankte ein Antilopenschwanz, und sein Jagdstock war mit einem Busch kleiner schwarzer Straußfedern gekränzt. Die natürliche Hautfarbe dieses Häuptlings der Bechuanas ließ sich unter der dicken Lage Ocker, welche ihn vom Kopf bis zu den Füßen bedeckte, nicht erkennen. Einige unvertilgbar eingeätzte Zeichen am Schenkel zeigten die Zahl der von Mulibahan getödteten Feinde an.

Dieser Häuptling, der mindestens ebenso ernst als Mathieu Strux war, näherte sich den Europäern und faßte sie der Reihe nach bei der Nase. Die Russen ließen es sich ernsthaft gefallen, die Engländer mit etwas Widerstreben. Doch war dies, der afrikanischen Sitte nach, eine feierliche Verpflichtung, den Europäern gegenüber die Pflichten der Gastfreundschaft zu erfüllen.

Nach vollbrachter Ceremonie zog sich Mulibahan zurück, ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben.

»Und jetzt, sagte der Oberst Everest, da wir naturalisirte Bechuanas geworden, wollen wir uns ohne einen Tag, ohne eine Stunde selbst zu verlieren, mit unseren Operationen beschäftigen.«

Man verlor keine Zeit noch Stunde, und dennoch ? so große Sorgfalt und so viele Einzelheiten erfordert die Organisation einer derartigen Unternehmung ? war die Commission, erst in den ersten Tagen des März zum Aufbruch bereit. Dies war übrigens der vom Oberst Everest bestimmte Zeitpunkt. Zu dieser Jahreszeit hörten die Regengüsse auf, und das in dem Erdboden enthaltene Wasser mußte den in der Wüste Reisenden eine kostbare Hilfsquelle werden.

Die Abreise war also auf den 2. März festgesetzt, und war die ganze Karawane unter der Führung Mokums an diesem Tage bereit.

Die Europäer nahmen von den Missionären in Lattaku Abschied, und verließen um sieben Uhr Vormittags das Dorf.

»Wohin gehen wir, Herr Oberst? fragte William Emery, in dem Augenblick, als die Karawane beim letzten Hause der Stadt vorübergekommen.

? Gerade aus, Herr Emery, antwortete der Oberst, bis zu dem Augenblicke, wo wir eine Oase gefunden haben werden, die zum Lagern passend erscheint.«

Um acht Uhr hatte die Karawane die abgeflachten und mit Zwerggesträuch bedeckten Hügel, von denen Lattaku umgeben ist, passirt. Unmittelbar daneben lag die Wüste mit ihren Gefahren, Beschwerden und Wechselfällen vor ihnen.

Sechstes Capitel.
Man lernt sich näher kennen

Die vom Buschmann commandirte Begleitung bestand aus hundert Mann. Alle waren eingeborene Buschmänner, arbeitssame, nicht leicht erregbare, wenig streitsüchtige Männer, fähig, die größten körperlichen Strapazen zu ertragen. Früher, vor der Ankunft der Missionäre, trachteten diese Buschmänner, lügnerisch und ungastfreundlich, nur nach Raub und Mord, und benutzten gewöhnlich den Schlaf ihrer Feinde, um sie niederzumetzeln. Die Missionäre haben theilweise diese barbarischen Sitten gemildert; doch sind die Eingeborenen stets mehr oder weniger darauf versessen, die Farmer zu plündern und Vieh zu rauben.

Zehn Wagen, ähnlich dem Gefährt, welches der Buschmann nach dem Morgheda-Fall gebracht hatte, bildeten das Fortschaffungsgeräth der Expedition. Zwei der Wagen, die eine Art ambulanter Häuser waren, boten den Europäern eine gewisse Bequemlichkeit und sollten ihnen zu Lagerstätten dienen.

Für den Oberst Everest und seine Gefährten folgte also eine hölzerne Wohnung, aus trockenen Brettern verfertigt, mit wasserdichter Leinwandplane überdeckt und mit verschiedenen Schlafeinrichtungen sowie Toilettenbedürfnissen versehen. An den Lagerplätzen ersparte man dadurch die Zeit, ein Zelt zu errichten, da das Zelt bereits fertig war.

Einer ihrer Wagen war also für den Oberst Everest und seine zwei Landsleute, Sir John Murray und William Emery, bestimmt. Der andere diente den drei Russen, Mathieu Strux, Nicolaus Palander und Michel Zorn als Wohnung. Von zwei anderen, nach dem gleichen Muster eingerichteten Wagen gehörte der eine den fünf Engländern, der andere den fünf Russen, aus welchen die Mannschaft der »Königin und Czar« bestand.

Es versteht sich von selbst, daß auch der Rumpf und die Maschine des Dampfbootes, in Stücken auseinander genommen und auf einen Wagen geladen, den Reisenden durch die afrikanische Wüste folgte. Es giebt im Innern des Landes zahlreiche Seen, und man konnte auf dem Wege, den die wissenschaftliche Expedition einschlug, auf solche treffen, wo ihnen dann die Schaluppe große Dienste leisten konnte. Auf den andern Wagen befanden sich die Instrumente, Lebensmittel, das Gepäck der Reisenden, ihre Waffen, die Munition, die zur beabsichtigten Vermessung nöthigen Geräthe, endlich alle für die hundert Mann Bedeckung nöthigen Gegenstände. Die Lebensmittel der Buschmänner bestanden hauptsächlich aus » biltong«, Antilopen-, Büffel- oder Elephantenfleisch, das, in lange Streifen geschnitten und an der Sonne oder auf langsamem Feuer getrocknet, sich dergestalt Monate lang aufbewahren läßt. Diese Zubereitungsweise erspart den Gebrauch des Salzes und wird in allen den Gegenden angewendet, in denen es an diesem nützlichen Mineral mangelt. Was das Brod anbetraf, so rechneten die Buschmänner darauf, es durch verschiedene Früchte oder Wurzeln zu ersetzen, wie Erdnußkerne, Zwiebeln gewisser Arten von Mesembryanthemum, einheimische Feige, Kastanie oder das Mark einer Abart von Zamic, welche den bezeichnenden Namen »Kaffernbrod« trägt. Diese dem Pflanzenreiche entnommenen Nahrungsmittel sollten unterwegs ergänzt werden. In Betreff der Fleischnahrung konnten die Jäger der Truppe, welche mit merkwürdiger Geschicklichkeit ihre Bogen aus Aloëholz und eine Art langer Lanzen zu gebrauchen verstanden, die Wälder und Ebenen durchstreifen, um die Karawane damit zu versorgen. Die Bespannung dieser Wagen bestand aus je sechs am Cap gezogenen Ochsen, mit langen Füßen, hohen Schultern und großen Hörnern.

Also fortgezogen, hatten diese schwerfälligen, groben Muster einer unentwickelten Wagenbaukunst weder Berg-Abhänge noch Sümpfe zu scheuen, und bewegten sich sicher, wenn auch nicht schnell auf ihren massiven Rädern.

Die Pferde, welche zum Dienst der Reisenden bestimmt waren, stammten von der schwarzen oder grauen kleinen spanischen Race ab, welche aus Süd-Amerika ans Cap verpflanzt worden sind, sanfte und muthige Thiere, die sehr geschätzt werden. Unter der Truppe Vierfüßler zählte man auch ein halbes Dutzend gezähmter Esel, Cuaggas genannt, mit schlanken Füßen und runden Formen, deren Geschrei dem Hundegebell gleicht. Dieser Cuaggas wollte man sich bei getheilten Expeditionen bedienen, welche die geodäsischen Operationen nöthig machen würden, um die Instrumente und Gerätschaften dahin zu tragen, wohin die schwerfälligen Wagen nicht fahren konnten. Ausnahmsweise ritt der Buschmann mit merkwürdigem Anstand und großer Geschicklichkeit ein prachtvolles Thier, welches die Bewunderung Sir John Murrays erregte. Es war ein Zebra, dessen braungestreifte Haarfarbe von unvergleichlicher Schönheit war. Es maß vier Fuß bis zur Sattelhöhe und sieben Fuß vom Maul bis zum Schwanz. Mißtrauisch und böswillig von Natur, würde es keinen andern Reiter als Mokum geduldet haben, der es zu seinem Gebrauch abgerichtet hatte.

Einige der halbwilden Hunde, die manchmal mit dem unpassenden Namen »Jagdhyänen« bezeichnet werden, liefen neben der Karawane her. Sie erinnerten durch ihre Gestalt und ihre langen Ohren an die europäische Bracke.

So war die Karawane beschaffen, welche in die Wüsten Afrikas zog. Die Ochsen bewegten sich langsam vorwärts, gespornt durch den »Jambox«, womit ihre Führer sie in die Seiten stachen. Es war ein merkwürdiger Anblick, wie diese Truppe sich in Marschordnung längs den Hügeln hinbewegte.

Wohin wandte sich die Expedition, nachdem sie Lattaku verlassen?

»Gerade aus«, hatte der Oberst Everest gesagt.

In der That konnten der Oberst und Mathieu Strux in diesem Augenblick keine bestimmte Richtung verfolgen. Was sie suchten, ehe sie ihre trigonometrischen Operationen beginnen konnten, war eine weite, regelmäßig nivellirte Ebene, um darauf die Basis des ersten der Dreiecke zu errichten, deren Netz die südliche Region Afrikas in einer Ausdehnung von mehreren Graden bedecken sollte.

Der Oberst Everest erklärte dem Buschmann, worum es sich handle. Mit der Sicherheit eines Gelehrten, dem die wissenschaftliche Sprache vertraut ist, sprach der Oberst zu dem Jäger von Dreiecken, anliegenden Winkeln, Basen, Meridianmessungen, Entfernungen vom Scheitelpunkt u. s. w.

Der Buschmann ließ ihn einige Augenblicke sprechen; dann unterbrach er ihn in ungeduldiger Aufregung und sagte:

»Herr Oberst, ich verstehe nichts von Ihren Dreiecken, Winkeln, Basen und Meridianen. Ich verstehe nicht einmal, was Sie hier in der afrikanischen Wüste machen wollen. Das geht Sie indeß allein an. Was wollen Sie also von mir? Eine schöne, weite, gerade, regelmäßige Ebene? Nun wohl, man wird sie Ihnen suchen.«

Und auf Befehl Mokums wendete sich die Karawane, welche bereits über die Hügel bei Lattaku hinausgekommen war, wieder abwärts südöstlich. Bei dieser Richtung kamen sie wieder etwas südlicher vom Dorf, das heißt nach jener vom Kuruman bewässerten Ebene. Der Buschmann hoffte auf dem Gebiet dieses Nebenflusses eine den Absichten des Obersten günstige Ebene zu finden.

Von diesem Tage an nahm der Jäger die Haltung an, als stehe er an der Spitze der Karawane. Sir John Murray, der gut beritten war, wich ihm nicht von der Seite, und von Zeit zu Zeit gab er seinen Collegen durch einen Schuß die Nachricht, daß Sir John Bekanntschaft mit dem afrikanischen Wild mache.

Der Oberst, ganz in Gedanken versenkt, ließ sich von seinem Pferde leiten und dachte an die Zukunft einer in diesen wilden Gegenden so schwer zu leitenden Unternehmung. Mathieu Strux, der in Gemäßheit des Bodens bald zu Pferde, bald zu Wagen war, öffnete nicht oft die Lippen. Nikolaus Palander war ein möglichst schlechter Reiter, ging am öftesten zu Fuß oder hielt sich gänzlich in seinem Wagen, wo er sich in die tiefsten Abstraktionen der höheren Mathematik versenkte.

William Emery und Michel Zorn befanden sich zwar während der Nacht in verschiedenen Wagen, waren aber am Tage während des Marsches der Karawane bei einander.

Diese zwei jungen Leute wurden täglich mehr durch eine engere Freundschaft verbunden, welche die Ereignisse der Reise noch fester schmieden sollte. Von einem Lagerort zum andern ritten sie plaudernd und discutirend zusammen. Oft entfernten sie sich von der Expedition, indem sie seitwärts oder einige Meilen vorausritten, sobald die Ebene sich weit vor ihren Blicken erstreckte. Dort waren sie frei und wie verloren inmitten dieser wilden Natur. Wie plauderten sie von Allem, mit Ausnahme von der Wissenschaft! Wie vergaßen sie die Calculationen und Rechenexempel, die Beobachtungen! Es waren keine Astronomen, keine Beobachter des gestirnten Firmamentes mehr, sondern zwei dem Schulstaub entflohene Jünglinge, welche sich glücklich fühlten, die dichten Wälder, die endlosen Ebenen durchstreifen, die würzig duftende freie Luft einathmen zu können. Sie lachten, ja sie lachten wie einfache Sterbliche, und nicht wie so ernsthafte Leute, die gewöhnt sind, mit Kometen und andern Himmelskörpern zu verkehren. Wenn sie auch niemals über die Wissenschaft lachten, so lächelten sie doch zuweilen, wenn sie an die erhabenen Gelehrten dachten, welche nicht dieser Welt angehören. Dies Alles übrigens ganz arglos. Es waren zwei vortreffliche Naturen, mittheilsam, liebenswürdig, hingebend, in auffallendem Contrast mit ihren Chefs, die wie der Oberst Everest und Mathieu Strux vielmehr steif geworden, als selbst steif waren.

Und gerade diese beiden Gelehrten machten sie oft zum Gegenstand ihrer Bemerkungen. William Emery lernte sie erst durch seinen Freund Michel Zorn kennen.

»Ja, sagte an diesem Tage Michel Zorn, ich habe sie auf unserer Ueberfahrt an Bord der Augusta beobachtet, und leider muß ich gestehen, daß diese Männer auf einander eifersüchtig sind. Wenn der Oberst Everest der Vorstand unserer Unternehmung zu sein scheint, mein lieber William, so ist es Mathieu Strux nicht weniger. Die russische Regierung hat klar seine Stellung bezeichnet. Unsere beiden Chefs sind gleich herrschsüchtig, einer wie der andere, und ich wiederhole Ihnen, zwischen ihnen herrscht die Eifersucht der Gelehrten, die schlimmste Art der Eifersucht.

? Und die am wenigsten dazu berechtigt ist, erwiderte William Emery, denn Alles bleibt auf dem Felde der Entdeckungen, und jeder von uns zieht Nutzen aus den Bemühungen Aller. Wenn Ihre Bemerkungen richtig sind, und ich habe Grund dies anzunehmen, mein lieber Zorn, ist dies ein ärgerlicher Umstand für unsere Expedition. Es muß wirklich ein vollkommenes Einverständniß herrschen, wenn ein so mißliches Unternehmen gelingen soll.

? Ohne Zweifel, antwortete Michel Zorn, und ich fürchte sehr, dieses Einverständniß besteht nicht. Beurtheilen Sie ein wenig unsere Verwirrung, wenn jede Einzelheit der Ausführung, die Wahl der Basis, die Berechnungsmethode, die Bestimmung der Stationen, die Prüfung der Zahlen jedesmal eine neue Discussion herbeiführt! Entweder täusche ich mich sehr, oder ich sehe Chicanen voraus, wenn es sich darum handeln wird, unsere doppelten Register zu vergleichen und Beobachtungen einzutragen, die uns in Stand gesetzt haben, bis auf vierhunderttausend Theile eine Toise Zweihundert Theile eines Millimeters. abzuschätzen.

? Sie erschrecken mich, lieber Zorn, erwiderte William Emery. Es wäre wirklich peinlich, wenn man sich so weit gewagt hätte, um aus mangelnder Eintracht in einem solchen Unternehmen zu scheitern. Gott gebe, daß sich Ihre Befürchtungen nicht als wahr ausweisen.

? Ich wünsche es, William, antwortete der junge russische Astronom; doch ich wiederhole Ihnen, während der Ueberfahrt habe ich gewissen Streitigkeiten über wissenschaftliche Methoden beigewohnt, welche einen unsäglichen Eigensinn bei dem Oberst Everest und seinem Nebenbuhler beweisen. Im Grunde merkte ich, daß eine erbärmliche Eifersucht dabei im Spiele ist.

? Aber diese beiden Herren gehen einander nicht von der Seite, bemerkte William Emery. Man sieht sie beständig beisammen, sie sind unzertrennlich, unzertrennlicher sogar als wir es sind.

? Ja, antwortete Michel Zorn, sie gehen einander nicht von der Seite, so lange der Tag dauert, aber sie wechseln nicht zehn Worte mit einander. Sie überwachen sich, sie spähen sich aus. Wenn nicht einer dahin gelangt, den andern auszustechen, werden wir unter wahrhaft beklagenswerthen Umständen operiren.

? Demzufolge, fragte William etwas zögernd, welchen von diesen zwei Gelehrten würden Sie wünschen ...?

? Lieber William, erwiderte Michel Zorn mit großer Offenheit, ich würde den mir als Chef gefallen lassen, der sich als solcher zu benehmen weiß. In dieser wissenschaftlichen Frage habe ich kein Vorurtheil, keine nationale Befangenheit. Der Oberst Everest und Mathieu Strux sind zwei hervorragende Männer, die beide ihren Werth haben. England und Rußland müssen gleichen Vortheil aus ihren Arbeiten ziehen. Es kommt also wenig darauf an, ob diese Arbeiten von einem Engländer oder Russen geleitet werden. Sind Sie nicht meiner Ansicht?

? Ganz und gar, mein lieber Zorn, antwortete William Emery. Lassen wir uns also nicht durch thörichte Vorurtheile befangen machen, und wenden wir beide nach Maßgabe unserer Mittel unsere Kräfte dem gemeinsamen Wohle zu. Vielleicht wird es uns möglich sein, die Schläge, welche sich die beiden Gegner einander versetzen könnten, zu pariren. Außerdem ist da Ihr Landsmann, Nikolaus Palander ...

? Der! versetzte lachend Michel Zorn, der wird Nichts sehen, Nichts hören, Nichts verstehen. Er würde für Theodorus rechnen, vorausgesetzt, daß er nur zu rechnen brauche. Er ist weder Russe, noch Engländer, noch Preuße, noch Chinese! Er lebt nicht einmal in der Welt unter dem Mond; er ist Nikolaus Palander, Alles in Allem.

? Ich habe von meinem Landsmann, Sir John Murray, nicht dasselbe zu sagen, erwiderte William Emery. Seiner Ehren ist ein durchaus englischer Charakter, doch auch ein entschlossener Jäger, und er wird leichter bei Verfolgung einer Giraffe oder eines Elephanten sich benehmen, als bei einer Streitfrage über wissenschaftliche Methoden. Wir wollen also nur auf uns selbst zählen, mein lieber Zorn, um die unaufhörliche Berührung unserer Chefs mit einander abzuschwächen. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß, was auch geschehen möge, wir immer redlich und offen verbündet sein wollen.

? Stets, was auch geschehen mag«, erwiderte Michel Zorn, und reichte seinem Freunde die Hand.

Indessen setzte die Karawane unter Führung des Buschmanns ihren Weg in südwestlicher Richtung fort. Am 4. März gegen Mittag erreichte sie die Basis jener langen, bewaldeten Hügelkette, welcher sie von Lattaku an gefolgt war. Der Jäger hatte sich nicht getäuscht; er hatte die Expedition zur Ebene geführt. Doch konnte diese Ebene, die noch wellenförmig war, nicht zu den ersten Vermessungsarbeiten dienen. Deshalb setzte man auch die Reise ununterbrochen fort. Mokum stellte sich wieder an die Spitze der Reiter und Wagen, während Sir John Murray, William Emery und Michel Zorn etwas voraus ritten.

Gegen Abend erreichte die Truppe eine der Stationen, welche nomadisirenden Besitzern gehören, jenen sogenannten »Boërs«, die sich nur einige Monate an reichen Weideplätzen aufhalten und dann weiter ziehen.

Der Oberst Everest und seine Gefährten wurden gastfreundlich von dem Kolonisten ausgenommen, der, ein Holländer und Haupt einer zahlreichen Familie, keine Entschädigung für seine geleisteten Dienste annehmen wollte. Dieser Gutsbesitzer war einer von den muthigen, arbeitsamen und mäßigen Männern, deren schwaches Capital, vortheilhaft zur Zucht von Ochsen, Kühen und Ziegen verwandt, sich bald in Reichthum verwandelt. Wenn die Weideplätze abgegrast, sucht der Gutsherr wie ein Patriarch der Vorzeit eine neue Quelle, fette Wiesen, und richtet seinen Wohnort unter günstigeren Verhältnissen anderswo von Neuem auf.

Dieser Gutsherr bezeichnete dem Obersten sehr erwünscht eine weite Ebene, die fünfzehn Meilen von da entfernt war, ein weites, flaches Terrain, das für geodäsische Verrichtungen ganz geeignet sein mußte.

Am folgenden Tage, den 5. März, brach die Karawane bei Tagesanbruch auf. Man zog den ganzen Vormittag weiter, ohne daß ein Zwischenfall die Einförmigkeit der Reise unterbrach, hätte nicht Sir John Murray auf eintausendzweihundert Meter ein merkwürdiges Thier erlegt, ein Thier mit einem Ochsenmaul, langem weißen Schwanze und spitzen Hörnern auf dem Kopfe. Es war ein Gnu, ein wilder Ochse, der beim Niederstürzen ein dumpfes Gestöhn von sich gab.

Der Buschmann war erstaunt, wie er das Thier, in solcher Entfernung so sicher getroffen, todt zu Boden stürzen sah. Dieses ungefähr fünf Fuß große Thier fügte der gewöhnlichen Mahlzeit eine erhebliche Quantität ausgezeichneten Fleisches zu, so daß die Gnu jetzt den Jägern der Karawane besonders anempfohlen wurden.

Gegen Mittag erreichte man den von dem Gutsherrn bezeichneten Platz. Es war ein nach Norden zu unbegrenzter Wiesengrund, deren Boden keine Art Erhöhung aufwies. Man konnte sich keine für Ausmessung einer Basis günstigere Landstrecke denken. Deshalb kam der Buschmann, nachdem er den Platz genau untersucht, zum Oberst Everest und sagte:

»Hier die gewünschte Ebene, Herr Oberst.«

Siebentes Capitel.
Eine Triangelbasis

Die geodäsische Operation, welche die Commission vorzunehmen beabsichtigte, bestand in einer Triangulation zum Zwecke der Messung eines Meridianbogens. Nun würde die Ausmessung eines oder mehrerer Grade direct, vermittelst metallener Lineale oder Richtscheite, die man eins ums andere legt, in Hinsicht auf mathematische Genauigkeit eine gänzlich unausführbare. Zudem würde auf keinem Punkte der Erde irgend ein Terrain auf eine Strecke von mehreren hundert Meilen hinreichend eben sein, um zur Ausführung einer so mißlichen Operation dienlich sein zu können. Glücklicherweise kann man auf strengere Art zu Werke gehen, indem man das ganze Terrain, welches die Meridianlinie durchschneiden soll, in eine gewisse Anzahl »Luftdreiecke« theilt, deren Bestimmung verhältnißmäßig nur wenig schwer ist. Diese Dreiecke erhält man, indem man mittelst genauer Instrumente, wie des Theodolits oder der Winkelmeßscheibe, auf künstliche oder natürliche Signale, wie Glockenthürme, Reverberen, Signalstangen visirt. Bei jedem Signal endigt ein Dreieck, dessen Winkel durch die obengenannten Instrumente mit mathematischer Genauigkeit bestimmt werden. In der That kann irgend ein Gegenstand ? ein Glockenthurm am Tage, eine Reverbere des Nachts ? mit vollkommener Genauigkeit von einem Manne mit scharfem, geübtem Blick aufgenommen werden, der vermittelst eines Fernglases, dessen Feld in ein Fadennetz getheilt ist, nach demselben visirt. So erhält man Dreiecke, deren Seiten oft mehrere Tausend Meilen lang sind. Auf diese Weise hat Arago die Küste von Valencia in Spanien bis an die Baleareninseln durch ein ungeheures Dreieck vereinigt, dessen eine Seite zweiundachtzigtausendfünfhundertundfünfzig Toisen lang ist.

Nun kennt man nach einem geometrischen Grundsatze ein Dreieck vollständig, wenn man eine Seite und zwei Winkel desselben kennt, denn man kann dann sofort auf die Geltung des dritten Winkels und die Länge der beiden andern Seiten schließen. Wenn man also zur Basis eines neuen Dreiecks eine Seite eines schon gebildeten Dreiecks nimmt, indem man die zusammenstoßenden Winkel an dieser Basis mißt, kann man so neue Dreiecke bilden, welche aufeinanderfolgend bis zur Grenze des zu messenden Bogens geführt werden.

Durch diese Methode erhält man so die Längen aller geraden Linien, die im Netz der Dreiecke inbegriffen sind; und durch eine Reihe trigonometrischer Berechnungen kann man leicht die Größe des Meridianbogens bestimmen, welcher das Netz zwischen den beiden Endpunkten durchschneidet. Es ist soeben gesagt worden, daß ein Dreieck ganz erkannt ist, wenn man eine der Seiten und zwei seiner Winkel kennt. Nun kann man die Winkel genau vermittelst der Winkelmeßscheibe oder des Theodolits erhalten; doch muß man die erste Seite, die Basis des ganzen Systems, zuerst »direct auf dem Boden messen«, und zwar mit außerordentlicher Genauigkeit; und dies ist die mißlichste Arbeit der ganzen Dreieckmessung.

Als Delambre und Méchain den Meridian Frankreichs von Dünkirchen bis Barcelona maßen, nahmen sie als Basis ihrer Triangulation eine Linie in gerader Richtung auf dem Wege von Melun nach Lieusaint im Departement Seine und Marne. Diese Basis hatte zwölftausendeinhundertundfünfzig Meter, und man brauchte zu ihrer Messung nicht weniger als fünfundvierzig Tage. Welche Mittel diese Gelehrten anwendeten, um eine mathematische Genauigkeit zu erhalten, wird die Operation der Herren Everest und Mathieu Strux lehren, welche in derselben Weise verfuhren, wie jene zwei französischen Astronomen. Man wird sehen, bis zu welchem Höhepunkt die Genauigkeit gehen sollte.

Am 5. März begannen die ersten geodäsischen Arbeiten, zum großen Erstaunen der Buschmänner, welche nichts davon verstanden. Die Erde mit sechs Fuß langen, eins an das andere gelegten Linealen zu messen, kam dem Jäger wie ein Gelehrtenspaß vor. Jedenfalls hatte er seine Schuldigkeit gethan. Man hatte von ihm eine völlig ebene Fläche verlangt, und er hatte sie geliefert.

Die Stelle war in der That für die directe Messung einer Basis ausgewählt. Die mit kurzem, trockenem Rasen bedeckte Ebene erstreckte sich vollständig wagerecht, bis an die äußersten Grenzen des Horizonts. Sicherlich war man bei der Messung auf der Straße nach Melun nicht so begünstigt gewesen. In ihrem Rücken zog sich eine wellenförmige Hügelkette hin, welche die äußerste Südgrenze der Wüste Kalahari bildete. Im Norden ein unbegrenzter Raum. Nach Osten zu verlief die Abdachung des Plateau von Lattaku in sanftem Falle.

Westwärts wurde die Ebene noch niedriger, sumpfig und mit stagnirendem Wasser getränkt, woraus die Nebenflüßchen des Kuruman ihr Wasser zogen.

»Ich denke, Herr Oberst, sagte Mathieu Strux, nachdem er diese Grasfläche in Augenschein genommen, wir können, sobald wir unsere Basis gelegt haben, hier auch den Endpunkt des Meridians festsetzen.

? Ich muß Ihrer Ansicht beistimmen, Herr Strux, antwortete der Oberst Everest, sobald wir die Länge dieses Punktes genau gefunden haben. Man muß bei Uebertragung desselben auf die Karte erst untersuchen, ob nicht dieser Meridianbogen, wenn er weiter verfolgt wird, auf unübersteigliche Hindernisse stößt, welche die geodäsische Operation aufhalten könnten.

? Ich glaub es nicht, antwortete der russische Astronom.

? Wir werden es ja sehen, erwiderte der englische Astronom. Wir wollen fürs Erste die Basis an dieser Stelle messen, weil sie sich für die Operation eignet, und dann werden wir entscheiden, ob es gut sein wird, sie durch eine Reihe von Hilfsdreiecken mit dem Dreiecknetz, welches der Meridianbogen durchschneiden soll, zu verbinden.«

Nachdem man darüber einig geworden, beschloß man, ohne Verzug die Messung der Basis vorzunehmen.

Die Ausführung mußte lange währen, da die Mitglieder der Commission mit strengster Genauigkeit zu Werke gehen wollten. Es handelte sich darum, die in Frankreich auf der Basis von Melun gemachten geodätischen Messungen an Genauigkeit zu übertreffen, Messungen, die indeß so vollkommen waren, daß eine neue, späterhin bei Perpignan am Südende der Triangulation gemessene Basis, die zur Bewährung der bei allen Dreiecken erforderlichen Berechnungen dienen sollte, auf einer Entfernung von dreihundertdreißigtausend Toisen nur eine Differenz von 11 Zoll zwischen der directen Messung und der nur berechneten nachwies.

Es wurde also Befehl zum Aufschlagen des Lagers gegeben und eine Art Buschmannsdorf, ein Kraal, auf der Ebene improvisirt. Die Wagen wurden wie wirkliche Häuser aufgestellt, und das Dorf in ein englisches und ein russisches Viertel getheilt, über welchen die Nationalfarben flaggten. In der Mitte befand sich ein gemeinsamer Platz. Jenseits der kreisrunden Wagenlinie weideten die Pferde und Büffel unter Aufsicht ihrer Hüter und während der Nacht ließ man sie in die von den Wagen gebildete Umzäunung hinein, um sie vor der Raubgier wilder Thiere zu schützen, welche im Innern Süd-Afrikas überall vorhanden sind. Mokum übernahm es, Jagden zur Verproviantirung des Dorfes anzustellen; und Sir John Murray, dessen Gegenwart bei der Messung nicht unumgänglich nöthig war, beschäftigte sich speciell mit der Beschaffung der Lebensmittel. Es kam in der That darauf an, die getrockneten Fleischvorräthe aufzuheben, und der Karawane täglich frisches Wildpret zu liefern. Dank der Geschicklichkeit Mokums, seiner beständigen Thätigkeit und der Gewandtheit seiner Gefährten, fehlte es nie an Wildpret. Die Ebenen und Hügel wurden im Umkreis mehrerer Meilen durchstreift, und hallten jederzeit von den Schüssen der Europäer wieder.

Am 6. März begannen die geodäsischen Operationen. Die beiden jüngsten Gelehrten der Commission wurden mit den Vorarbeiten betraut.

»Vorwärts! lieber Kamerad, sagte Michel Zorn freudig zu William Emery, und der Gott der Genauigkeit stehe uns bei.«

Die erste Verrichtung bestand darin, auf dem flachsten und ebensten Theil des Terrains in gerader Richtung eine Linie abzustecken. Die Beschaffenheit des Bodens gab die Richtung von Südosten nach Nordwesten an.

Die Geradlinigkeit wurde vermittelst Pfähle und Flaggenstangen, die in kurzer Entfernung von einander aufgesteckt wurden, erreicht. Michel Zorn, dessen Fernrohr mit einem Netz versehen war, untersuchte die Stellung der Pfähle und erkannte sie als genau an, wenn der senkrechte Netzfaden alle ihre im Brennpunkt geworfenen Bilder in zwei gleiche Hälften theilte.

Diese gerade Linie wurde so ungefähr fünf Meilen weit fortgeführt, die muthmaßliche Länge, welche die Astronomen ihrer Basis zu geben dachten.

Jeder Pfahl war an seiner Spitze mit einem Nivellirinstrument versehen worden, welches die Legung der metallenen Lineale erleichtern sollte. Diese Arbeit erforderte einige Tage, um gut zu Ende geführt zu werden. Die beiden jungen Leute führten sie mit gewissenhaftester Genauigkeit aus.

Es handelte sich nun darum, die zur Messung der Basis des ersten Dreiecks bestimmten Lineale an einander zu legen, eine Verrichtung, welche sehr einfach scheinen kann, aber im Gegentheil unendliche Vorsicht erfordert, und von welcher zum großen Theil der Erfolg einer Dreieckmessung abhängt.

Folgendes waren die zur Legung der gedachten Lineale getroffenen Anordnungen, deren Beschreibung selber weiter unten erfolgt.

Am Morgen des 10. März wurden längs der geraden Linie, die man schon abgesteckt hatte, hölzerne Sockel aufgestellt. Diese Sockel, zwölf an Zahl, ruhten mit ihrem unteren Theil auf drei, einige Zoll langen, eisernen Schrauben, welche sie am Rutschen hinderten und in einer unbeweglichen Lage fest hielten.

Auf diese Sockel vertheilte man kleine, gut angepaßte Stückchen Holz, welche den Richtscheiten als Unterlage und zu einer Art Fassung dienen sollten. Diese Fassung gab ihnen die Richtung, ohne ihre Ausdehnung zu hindern, welche je nach der Temperatur veränderlich sein und welche bei der Operation in Anschlag gebracht werden mußte.

Als die zwölf Sockel befestigt und mit Holzstückchen belegt waren, besorgten der Oberst Everest und Mathieu Strux die schwierige Legung der Richtscheite, eine Verrichtung, woran die beiden jungen Leute Theil nahmen. Nikolaus Palander dagegen war mit dem Bleistift in der Hand bereit, die Ziffern einzutragen, welche man ihm mittheilen würde, in ein doppeltes Register.

Die angewandten Richtscheite waren sechs an Zahl; sie hatten eine im Voraus mit absoluter Genauigkeit bestimmte Länge. Man hatte sie mit dem alten französischen Toisenmaß, welches bei geodäsischen Messungen allgemein angenommen ist, verglichen.

Diese Richtscheite waren also zwei Toisen lang, sechs Linien breit und eine Linie dick. Das zu ihrer Fabrikation angewendete Metall war Platina, ein in der Luft unter gewöhnlichen Umständen unveränderliches, weder im Kalten, noch im Warmen oxydirbares Metall. Doch mußten diese Platina-Richtscheite, unter Einwirkung der veränderlichen Temperatur einer Ausdehnung oder Zusammenziehung unterliegen, welche zu berücksichtigen war. Man hatte deshalb ausgedacht, jedes derselben mit einem eigenen Thermometer zu versehen, einem Metall-Thermometer, der sich auf die den Metallen eigenthümliche Eigenschaft, unter dem Einfluß der Wärme eine Veränderung zu erleiden, gründete. Deshalb wurde jedes der Richtscheite mit einem andern kupfernen, das ein wenig kürzer war, bedeckt. Ein am Ende des kupfernen Richtscheites angebrachter Nonius zeigte genau die relative Verlängerung des gedachten Richtscheites an, wodurch man in Stand gesetzt wurde, die absolute Ausdehnung des Platina in Abzug zu bringen. Außerdem waren die Veränderungen des Nonius derart berechnet, daß man jede noch so kleine Ausdehnung des Platina-Lineals in Anschlag bringen konnte. Man begreift also, mit welcher Genauigkeit man zu verfahren im Stande war. Dieser Nonius war zudem mit einem Mikroskop versehen, womit man ein Viertheil des hunderttausendsten Theils der Toise zu bestimmen fähig war.

Die Richtscheite wurden also auf die Holzstücke gelegt, eins am Ende des andern, doch ohne sich zu berühren, denn man mußte auch den leichtesten Zusammenstoß, der durch eine unmittelbare Berührung erfolgen konnte, vermeiden. Der Oberst Everest und Mathieu Strux legten auf der geraden Linie der Basis selbst das erste Richtscheit auf das Holzstück. Einhundert Toisen ungefähr davon entfernt, hatte man oberhalb des ersten Pfahls einen Zielpunkt gesteckt, und da die Richtscheite mit zwei senkrechten, unmittelbar auf der Achse eingelassenen eisernen Spitzen versehen waren, konnte man sie leicht in der gewünschten Richtung legen.

In der That untersuchten William Emery und Michel Zorn, die sich hinterwärts auf den Boden gelegt hatten, ob die beiden Eisenspitzen genau auf die Mitte des Zielpunktes trafen. Dadurch war man der genauen Richtung des Richtscheites versichert.

»Jetzt, sagte der Oberst Everest, müssen wir genau den Ausgangspunkt unserer Operation bestimmen, indem wir das Senkblei dicht an das Ende des ersten Richtscheites halten. Kein Berg wird auf dieses Bleiloth eine merkbare Wirkung Die Nähe eines Berges kann wirklich durch seine Anziehungskraft eine Abweichung in der Richtung der Schnur veranlassen. So hat eben die Nähe der Alpen eine ziemlich erhebliche Differenz zwischen der gemessenen und der beobachteten Länge des Bogens zwischen Andrate und Mondovi verursacht. ausüben, so daß es das Ende der Basis genau auf dem Boden angeben wird.

? Ja, antwortete Mathieu Strux, unter der Bedingung jedoch, daß wir die halbe Stärke der Schnur beim Berührungspunkt in Anschlag bringen.

? So meine ich es auch«, erwiderte der Oberst Everest.

Nachdem der Ausgangspunkt genau bestimmt war, setzte man die Arbeit fort. Doch genügte es nicht, das Richtscheit genau auf die gerade gerichtete Linie der Basis zu legen, man mußte noch seine Neigung in Beziehung auf den Horizont in Rechnung bringen.

»Ich denke, sagte der Oberst Everest, wir maßen uns nicht an, dieses Richtscheit in eine vollkommen horizontale Lage zu bringen?

? Nein, antwortete Mathieu Strux, es genügt, den Winkel, welchen jedes Richtscheit mit dem Horizont bilden wird, mit einem Nivellirinstrument aufzunehmen, und dadurch können wir die gemessene Länge auf die wirkliche Länge zurückführen.«

Da die beiden Gelehrten einig waren, schritt man zur Aufnahme vermittelst eines zu diesem Zweck eigens construirten Nivellirinstruments, welches aus einem Diopterlineal bestand, das sich um ein, an der Spitze eines hölzernen Winkelmaßes angebrachtes Charnier bewegte. Ein Nonius zeigte die Neigung an durch das Zusammenfallen seiner Abtheilungen von fünf zu fünf Minuten mit denen eines feststehenden Richtscheites, das über einen Bogen von zehn Graden gelegt war.

Das Nivellirinstrument wurde auf dem Richtscheit angebracht und das Resultat untersucht. In dem Augenblick, wo Nikolaus Palander dasselbe, nachdem es durch die beiden Gelehrten geprüft worden, in sein Register eintragen wollte, verlangte Mathieu Strux, daß das Instrument von einem Ende zum andern umgekehrt werde, damit man den Unterschied der beiden Bogen herauslesen könne. Dieser Unterschied betrug damals das Doppelte der gesuchten Neigung, und man fand so die Probe der Arbeit. Von jetzt ab befolgte man bei allen derartigen Verrichtungen den Rath des russischen Astronomen.

In diesem Augenblick wurden zwei wichtige Punkte beobachtet: die Richtung des Richtscheites im Verhältniß zur Basis, und der Winkel, welchen es in Beziehung auf den Horizont bildete.

Die Zahlen, welche diese Beobachtung ergab, wurden in zwei verschiedene Register eingetragen, und am Rande von den Mitgliedern der englisch-russischen Commission unterzeichnet.

Es blieben noch zwei nicht weniger wichtige Beobachtungen zu machen übrig, um die auf das erste Richtscheit bezügliche Arbeit zu beenden: erstens seine thermometrische Veränderung, dann die genaue Abschätzung der von ihm gemessenen Länge.

Die thermometrische Veränderung ergab sich leicht durch die Vergleichung mit dem Unterschied der Länge zwischen dem Platina- und dem Kupfer-Richtscheit. Das Mikroskop, das nacheinander von Mathieu Strux und dem Oberst Everest beobachtet wurde, ergab die absolute Ziffer der Veränderung des Platina-Richtscheites, und dieselbe wurde in das doppelte Register eingetragen, so daß sie später auf die Temperatur von sechzehn hunderttheiligen Grad zurückgeführt werden konnte. Als Nikolaus Palander die erhaltenen Zahlen eingetragen, wurden sie sofort von Allen mit einander verglichen.

Es handelte sich nun darum, die wirklich gemessene Länge zu notiren. Um diese zu erhalten, war es nöthig, das zweite Richtscheit nach dem ersten, in einem kleinen Zwischenraum davon, auf das Holzstück zu legen.

Dies geschah wie beim ersten, nachdem man genau festgestellt hatte, ob die vier Eisenspitzen mit der Mitte des Zielpunktes genau in gleiche Linie fielen.

Es blieb nun nur noch übrig, den zwischen den beiden Richtscheiten gelassenen Zwischenraum auszumessen. Am äußersten Ende und in dem von dem Kupfer-Richtscheit nicht bedeckten Theil des ersten, befand sich ein kleines Platinazüngelchen, welches sich leicht an zwei Seitenwänden rieb. Der Oberst Everest stieß dieses Züngelchen so weit vor, daß es das zweite Richtscheit berührte.

Da besagtes Zünglein in Zehntausendstel einer Toise getheilt war, und ein mit seinem Mikroskop versehener Nonius, der auf einer der Seitenwände angebracht worden, Hunderttausendstel angab, so konnte man mit mathematischer Gewißheit den absichtlich gelassenen Zwischenraum der beiden Richtscheite veranschlagen. Die Zahl wurde alsbald in das doppelte Register eingetragen und verglichen.

Auf den Rath Michel Zorns gebrauchte man noch eine Vorsicht, um eine noch strengere Abschätzung zu erhalten. Das Kupfer-Richtscheit bedeckte das Platina-Richtscheit. Es konnte doch Vorkommen, daß das geschützte Platina sich langsamer unter den Sonnenstrahlen erwärmte, als das Kupfer. Um diesem Unterschied in der thermometrischen Veränderung vorzubeugen, bedeckte man die Richtscheite mit einem, einige Zoll hohen, kleinen Dache, derart, daß die verschiedenen Beobachtungen dadurch nicht gestört wurden. Nur wenn Morgens oder Abends die Sonnenstrahlen schräg unter das Dach bis auf die Richtscheite drangen, hing man an der Sonnenseite eine Leinwand vor, um die Strahlen abzuhalten.

Dies waren die Operationen, welche mit so viel Geduld und Pünktlichkeit während eines Monates ausgeführt wurden.

Als die vier Richtscheite der Reihe nach gelegt und vom vierfachen Standpunkt der Direktion, Inklination, Dilatation und effektiven Länge für richtig erkannt worden, begann man die Arbeit aufs Neue, indem man mit derselben Regelmäßigkeit die Sockel, die Gestelle und das erste Richtscheit an das vierte übertrug. Diese Manoeuvres erforderten viel Zeit, trotz der Geschicklichkeit der Operateure. Sie maßen nicht mehr als zweihundertzwanzig bis zweihundertdreißig Klafter täglich, und manchmal, wenn das Wetter ungünstig oder der Wind zu heftig war und die Unbeweglichkeit der Apparate stören konnte, stellte man die Operation ein.

Jeden Tag, wann der Abend kam, ungefähr drei Viertel-Stunden, ehe der Mangel an Licht das Lesen des Nonius unmöglich machte, gaben die Gelehrten ihre Arbeit auf und gebrauchten folgende Vorsichtsmaßregeln, um sie am folgenden Morgen wieder zu beginnen. Das Richtscheit Numero 1 wurde auf provisorische Manier dargestellt, und auf dem Erdboden der Endpunkt desselben markirt.

An diesem Punkt machte man ein Loch, in welches man einen Pfahl steckte, auf dem eine Bleiplatte befestigt war. Man brachte darauf das Richtscheit Numero 1 wieder in seine bestimmte Lage, nachdem man die Neigung, die thermometrische Veränderung und die Richtung beobachtet hatte; man notirte die vermessene Verlängerung durch das Richtscheit Numero 4; dann, vermittelst einer bleiernen Tangente, die am äußersten Ende des Richtscheites Numero 1 befestigt war, machte man ein Zeichen auf der Platte am Pfahl. Auf diesem Punkt wurden zwei sich durchschneidende rechte Winkel, der eine auf Seiten der Basis, der andere lothrecht, sorgfältig gezogen. Darauf, nachdem die Bleiplatte mit einem Holzdeckel zugedeckt worden, stopfte man das Loch wieder zu und grub den Pfahl bis zum nächsten Tage ein. Am folgenden Morgen wurde die Platte aufgedeckt, das erste Richtscheit in dieselbe Lage gebracht wie am vorhergehenden Tage, vermittelst der Bleiwage, dessen Spitze genau auf den von den zwei Linien gezogenen Punkt treffen mußte.

Dies war die Reihenfolge der Operationen, welche während 38 Tagen auf dieser so günstig nivellirten Ebene ausgeführt wurden. Alle Zahlen wurden doppelt eingeschrieben, beglaubigt, verglichen und von allen Mitgliedern der Commission unterzeichnet.

Zwischen dem Oberst Everest und seinem russischen Collegen fanden wenig Discussionen statt. Einige im Nonius gelesene Ziffern, welche die Vierhunderttausendstel Toisen angaben, verursachten zuweilen einen Austausch herber Worte. Da jedoch die Majorität angerufen wurde, deren Meinung Gesetz war, mußten sie sich derselben fügen.

Eine einzige Frage führte zwischen den beiden Rivalen Antworten herbei, welche die Vermittelung Sir John Murrays nöthig machten. Es war die Frage, welche Länge man der Basis des ersten Dreiecks geben solle. Es stand fest, daß, je länger die Basis wäre, desto leichter der Winkel, welcher die Spitze des ersten Dreiecks bildet, zu messen sein würde, da er größer war. Der Oberst Everest schlug eine sechstausend Toisen lange Basis vor, welche fast gleich groß war, als die auf dem Wege von Melun direct gemessene. Mathieu Strux wollte dies Maß auf zehntausend ausdehnen, da das Terrain sich dazu eignete.

In dieser Frage zeigte sich der Oberst Everest unbeugsam. Mathieu Strux schien ebenfalls entschlossen, nicht nachzugeben. Nachdem mehr oder weniger plausible Beweisgründe beigebracht waren, mischten sich Persönlichkeiten ein, und es drohte in einem Augenblick die Nationalitätsfrage dabei ins Spiel zu kommen. Es standen sich nicht mehr zwei Gelehrte, sondern ein Engländer und ein Russe gegenüber. Glücklicherweise wurde diese Debatte in Folge schlechten Wetters, das mehrere Tage dauerte, vertagt; die Gemüther beruhigten sich und es wurde durch Stimmenmehrheit entschieden, daß die Basis definitiv auf achttausend Toisen ungefähr festgesetzt werden solle, was die Differenz zur Hälfte theilte.

Kurz, die Operation ging gut und mit größter Genauigkeit von Statten. Was die mathematische Strenge betraf, sollte dieselbe später controlirt werden, indem man eine neue Basis am nördlichsten Ende des Meridians ausmaß.

In Summa ergab diese direct gemessene Basis als Resultat achttausendundsiebenunddreißig und fünfundsiebenzighundertstel Toisen; und auf sie wollte man die Reihenfolge der Dreiecke stützen, deren Netz Süd-Afrika auf einer Strecke von mehreren Graden bedecken sollte.

Achtes Capitel.
Der vierundzwanzigste Meridian

Die Messung der Basis hatte eine Arbeit von achtunddreißig Tagen erfordert. Am 6. März begonnen, war sie erst am 13. April beendet. Ohne einen Augenblick zu verlieren, entschlossen sich die Chefs der Expedition sofort, die Reihenfolge der Dreiecke in Angriff zu nehmen.

Zuerst mußte man den südlichen Breitepunkt aufnehmen, bei welchem der zu messende Meridianbogen beginnen sollte.

Das Gleiche mußte am nördlichen Endpunkt des Bogens geschehen, und der Breiteunterschied mußte die Anzahl der Grade des ausgemessenen Bogens ergeben.

Vom 14. April ab wurden die genauesten Beobachtungen zum Zweck der Breitebestimmung des Ortes angestellt. Schon hatten William Emery und Michel Zorn in den vorhergehenden Nächten, als die Basismessung eingestellt gewesen, vermittelst einer Winkelmeßscheibe von Fortin zahlreiche Sternhöhen festgestellt. Diese jungen Leute hatten mit solcher Genauigkeit beobachtet, daß die äußerste Grenze der Abweichung nicht mehr als zwei Sechzigstel einer Secunde betrug, welche Abweichung wahrscheinlich durch die wechselnde Lichtstrahlenbrechung veranlaßt wurde, welche die veränderliche Gestalt der Luftschichten hervorbringt.

Von diesen so peinlich genau wiederholten Beobachtungen kann man hinreichend annähernd die Breite des südlichen Endpunktes des Bogens ableiten.

Diese Breite betrug in Decimalgraden siebenundzwanzig Millionen, neunhunderteinundfünfzigtausendsiebenhundertneunundachtzig.

Nachdem man also die Breite erhalten, berechnete man die Länge, und der Punkt wurde auf eine vorzügliche Karte von Süd-Afrika, die man auf einer großen Leiter aufgestellt hatte, übertragen. Diese Karte gab alle kürzlich auf diesem Theil des afrikanischen Festlandes gemachten geographischen Entdeckungen an, die Straßen der Reisenden oder Naturforscher, wie Livingstone, Anderson, Magyar, Baldwin, Vaillant, Burchell, Lichtenstein. Es handelte sich darum, auf dieser Karte den Meridian auszuwählen, von welchem man einen Bogen zwischen zwei, durch eine hinreichende Anzahl von Graden getrennte Stationen messen wollte. Man begreift in der That, daß je länger der gemessene Bogen ist, desto mehr der Einfluß möglicher Irrungen bei Feststellung der Breiten verringert wird. Derjenige, welcher sich von Dünkirchen bis Formentera erstreckt, umfaßte beinahe zehn Grad des Pariser Meridians, nämlich genau 9° 56.

Nun mußte bei der englisch-russischen Triangulation, die man vorzunehmen im Begriff stand, in der Wahl eines Meridians mit äußerster Behutsamkeit zu Werke gegangen werden. Man durfte sich nicht an natürlichen Hindernissen, wie unübersteigliche Berge, weite Wasserflächen, die den Fortschritt der Beobachtungen aufgehalten hätten, stoßen. Glücklicherweise schien dieser Theil Süd-Afrikas sich wunderbar für ein derartiges Unternehmen zu eignen. Die Erhebungen des Bodens waren nur mäßig; über die wenig zahlreichen fließenden Gewässer war leicht hinaus zu kommen. Man konnte auf Gefahren, nicht aber auf Hindernisse stoßen.

Allerdings befindet sich auf diesem Theile Süd-Afrikas die Wüste Kalahari, eine weite Landstrecke, die vom Orangefluß bis an den Ngami-See, zwischen dem zwanzigsten und neunundzwanzigsten Grad südlicher Breite, reicht. Ihre Ausdehnung in die Länge ist vom Atlantischen Meer im Westen bis zu dem fünfundzwanzigsten Meridian östlich von Greenwich. Auf diesem Meridian reiste im Jahre 1849 der Doctor Livingstone der Ostgrenze der Wüste entlang, als er bis zu dem Ngami-See und den Wasserfällen des Zambése vordrang. Was die Wüste selbst anbetrifft, verdient sie genau genommen diesen Namen nicht. Es sind nicht solche Ebenen, wie die der Sahara, wie man zu glauben versucht wäre, Sandstrecken, aller Vegetation beraubt, welche man ihrer Unfruchtbarkeit wegen fast nicht durchreisen kann. In der Kalahari finden sich eine große Menge Produkte aus der Pflanzenwelt, ihr Boden ist mit Gras im Ueberfluß bedeckt; sie besitzt dichtes Buschwerk und Wälder mit hohen Bäumen; zahlreiches Thierleben, Wildpret und reißende Thiere; sie wird von ansässigen oder umherziehenden Stämmen von Buschmännern und Bakalaharis bewohnt. Aber den größten Theil des Jahres hindurch mangelt es an Wasser; die zahlreichen Flußbette, welche sie durchziehen, sind dann ausgetrocknet, und die Trockenheit des Bodens ist das wirkliche Hinderniß der Erforschung dieses Theiles von Afrika. Doch war damals die Jahreszeit der Regengüsse kaum vorüber, und man konnte noch auf bedeutende Ueberreste stagnirenden Wassers rechnen, welches sich in Sümpfen, Teichen oder Bächen angesammelt hatte.

Dies war die Auskunft, welche der Jäger Mokum ertheilte. Er kannte die Kalahari, weil er sie oftmals durchzogen hatte, sei es als Jäger auf eigene Rechnung, sei es als Führer einer geographischen Expedition. Der Oberst Everest und Mathieu Strux waren über den Punkt einig, daß diese weite Landstrecke alle zu einer guten Triangulation günstigen Bedingungen darbiete.

Es blieb nur noch übrig, den Meridian auszuwählen, auf welchem man einen Bogen von mehreren Graden ausmessen sollte. Konnte dieser Meridian an einem der äußersten Enden der Basis genommen werden, so würde dadurch vermieden, diese Basis mit einem andern Punkt der Kalahari durch eine Reihe von Hilfsdreiecken zu verbinden.

 

Um den Lesern, welche nicht hinlänglich mit der Geometrie vertraut sind, die geodätische Operation, welche man Triangulation nennt, leichter verständlich zu machen, fügen wir hier eine Figur bei, mit deren Hilfe die merkwürdige Arbeit leicht zu begreifen ist.

AB bezeichnet den Bogen, dessen Länge gemessen werden soll. Man mißt zuerst mit größter Sorgfalt eine Basis AC, welche vom Ende A des Meridians nach einer ersten Station, C, führt. Hieraus wählt man auf beiden Seiten des Meridians andere Stationen D, E, F, G, H, I, K ..., von deren jeder man die benachbarten sehen kann, und man mißt mit dem Theodolit die Winkel jedes der Dreiecke ACD; CDE, EDF etc. Durch diese erste Operation ist man im Stande, diese verschiedenen Dreiecke zu erkennen; denn im ersten kennt man AC und die Winkel, und die Seite CD läßt sich berechnen; im zweiten kennt man CD und die Winkel, und man kann die Seite DE berechnen; im dritten kennt man DE und die Winkel, und man kann die Seite EF berechnen, und so weiter die andern. Sodann bestimmt man bei A die Richtung des Meridians durch das gewöhnliche Verfahren, und mißt den Winkel MAC, welchen diese Richtung mit der Basis AC macht. Man kennt also im Dreieck ACM die Seite AC und die anliegenden Winkel, und so kann man das erste Stück des Meridians AM berechnen. Man berechnet zugleich den Winkel M und die Seite CM: man kennt also im Dreieck MDN die Seite DM = CD-CM und die anstoßenden Winkel, und man kann das zweite Stück des Meridians MN berechnen, sowie den Winkel N und die Seite DN. Man kennt also im Dreieck NEP die Seite EN = DE-DN und die anliegenden Winkel, und man kann das dritte Stück NP des Meridians berechnen, und so weiter. Man begreift, daß man auf diese Weise Stück für Stück den ganzen Bogen AB bestimmen kann.

 

Dieser Umstand wurde sorgfältig geprüft, und nachdem man darüber berathen, erkannte man, daß das Südende der Basis als Ausgangspunkt dienen könne. Dieser Meridian war der vierundzwanzigste östlich von Greenwich: er zog auf einer Strecke von wenigstens sieben Graden hin, vom zwanzigsten bis zum siebenundzwanzigsten, ohne auf natürliche Hindernisse zu stoßen, wenigstens gab die Karte keine solche an. Nur im Norden durchschnitt er den Ngami-See in seinem östlichen Theil, doch war dies kein unüberwindliches Hinderniß, und Arago hatte viel größere Schwierigkeiten zu bestehen, als er seine geodätischen Arbeiten von der Küste Spaniens auf die Baleareninseln ausdehnte.

Es wurde also entschieden, daß der zu messende Bogen auf dem vierundzwanzigsten Meridian genommen werden solle, der bei seiner Fortsetzung in Europa es leicht machen würde, einen nördlichen Bogen sogar auf dem russischen Gebiet zu messen.

Die Operationen begannen sogleich und die Astronomen beschäftigten sich damit, die Station auszuwählen, wo die Spitze des ersten Dreiecks auslaufen sollte, welche als Basis die direct gemessene Basis erhalten sollte.

Die erste Station wurde rechts von der Mittagslinie gewählt. Es war ein einzelner, ungefähr zehn Meilen entfernt auf einer Erhöhung des Bodens stehender Baum. Er war vollkommen sichtbar, sowohl von dem südöstlichen als vom nordwestlichen Ende der Basis, auf welchen beiden Punkten der Oberst Everest zwei Flaggenstangen aufstellen ließ. Sein schlanker Gipfel machte es möglich, ihn mit größter Genauigkeit aufzunehmen.

Die Astronomen schritten zuerst zur Messung des Winkels, welchen dieser Baum mit dem Südostende der Basis bildete.

Dies geschah vermittelst einer Bordaschen Winkelmeßscheibe, welche für geodätische Beobachtungen geeignet ist. Die beiden Gläser des Instrumentes wurden so gestellt, daß ihre optischen Achsen genau in die Ebene der Scheibe fielen; das eine visirte auf das Nordwestende der Basis, das andere auf den im Nordosten gewählten Baum. Ihre Entfernung von einander gab also die Winkel-Distanz der beiden Stationen an. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß dies bewundernswerthe, mit größter Vollkommenheit construirte Instrument den Beobachter in den Stand setzte, die Irrthümer bei der Beobachtung nach Belieben zu verringern. In der That bekommen bei der Repetitionsmethode diese Irrungen durch häufige Wiederholungen die Bestimmung, sich gegenseitig zu zerstören und aufzuheben. Was die Nonius, die Nivellirinstrumente, die Wasserwagen, welche das regelrechte Legen des Apparates zu sichern bestimmt waren, anbetraf, so ließen sie nichts zu wünschen übrig.

Die englisch-russische Commission besaß vier Winkelmeßscheiben. Zwei sollten zu den geodätischen Beobachtungen dienen, wie das Aufnehmen der Winkel, welche gemessen werden sollten. Die zwei andern, deren Scheiben sich in senkrechter Richtung befanden, machten es möglich, vermittelst künstlicher Horizonte Entfernungen vom Zenith zu erhalten, und demnach sogar in einer einzigen Nacht die Breite einer Station annähernd, bis auf einen kleinen Secundenbruch zu berechnen. Man mußte allerdings bei dieser großen Triangulation nicht allein den Werth der Winkel, welchen die geodätischen Dreiecke bildeten, erhalten, sondern auch von Zeit zu Zeit die Meridianhöhe der Sterne messen, welche gleich der Polhöhe jeder Station ist.

Die Arbeit wurde im Laufe des 14. April begonnen. Der Oberst Everest, Michel Zorn und Nikolaus Palander rechneten den Winkel aus, welchen das Südostende der Basis mit dem Baum bildete, während Mathieu Strux, William Emery und Sir John Murray sich an das Nordwestende begaben, und den Winkel maßen, welchen dieser Endpunkt mit demselben Baum bildete.

Während dessen wurde das Lager aufgehoben, die Ochsen angespannt, und die Karawane zog unter Führung des Buschmanns nach der ersten Station, welche als Halteplatz dienen sollte. Zwei Kaamas und ihre Führer, welche zum Transport der Instrumente verwendet wurden, begleiteten die Beobachter.

Das Wetter war ziemlich klar und zur Operation geeignet. Es war außerdem beschlossen worden, daß, wenn die Atmosphäre die Aufnahme erschweren sollte, die Beobachtungen während der Nacht vermittelst Reverberen oder elektrischer Lampen, mit welchen die Commission versehen war, ausgeführt werden sollten.

Während des ersten Tages, nachdem die beiden Winkel gemessen worden waren, trug man das Resultat der Messungen nach sorgfältiger Vergleichung in das doppelte Register ein. Als der Abend herankam, versammelten sich alle Astronomen mit der Karawane um den Baum, der als Zielpunkt gedient hatte.

Dies war ein ungeheurer Baobab, dessen Umfang mehr als achtzig Fuß betrug. Seine syenitfarbige Rinde gab ihm ein eigenthümliches Aussehen. Unter dem unendlich großen Blätterdach dieses Riesenbaumes, welches mit einer Menge Eichkätzchen bevölkert war, die seine eiförmigen Früchte voll weißen Markes naschten, konnte die ganze Karawane Platz finden, und die Mahlzeit der Europäer wurde vom Schiffskoch zubereitet, dem es nicht an Wildpret mangelte. Die Jäger der Truppe hatten die Umgegend abgejagt und eine Anzahl Antilopen geschossen. Bald erfüllte der angenehme Bratenduft die Atmosphäre und reizte den Appetit der Astronomen, der keiner besondern Anregung bedurfte.

Nach dieser stärkenden Mahlzeit zogen sich die Astronomen in ihre Wagen zurück, während Mokum Schildwachen am Rande der Lagerstätte aufstellte.

Große Feuer wurden die ganze Nacht hindurch mit den abgestorbenen Aesten des Baobab unterhalten, um die reißenden Thiere, welche der Duft des blutigen Fleisches herbeizog, in gehöriger Entfernung zu halten.

Nach zweistündigem Schlummer standen jedoch William Emery und Michel Zorn wieder auf. Ihre Aufgabe als Beobachter war noch nicht beendet. Sie wollten die Breite dieser Station durch Beobachtung der Sternhöhe berechnen. Beide stellten sich, ungeachtet der Anstrengungen des Tages, an die Gläser ihrer Instrumente, und während das Lachen der Hyänen und das Brüllen der Löwen in der dunkeln Ebene widerhallte, stellten sie aufs Genaueste die Veränderung des Zeniths fest, welche derselbe während des Uebergangs von der ersten zur zweiten Station erlitten hatte.

Neuntes Capitel.
Ein Kraal

Am folgenden Tage, den 25. April, wurden die geodätischen Arbeiten ohne Unterbrechung fortgesetzt. Der Winkel, welchen die Station des Baobab mit den beiden Endpunkten der durch die Fahnenstangen angezeigten Basis machte, wurde genau gemessen. Durch diese neue Aufnahme gelangte man zur Controle des ersten Dreiecks.

Hierauf wurden zwei andere Stationen, rechts und links von dem Meridian, gewählt Siehe die Punkte F und E auf der Figur Seite 76., die eine, durch einen sehr bemerkbaren Hügel sechs Meilen weiter in der Ebene gebildet, die andere in einer Entfernung von etwa sieben Meilen vermittelst einer Signalstange abgesteckt.

Die Dreieck-Messung wurde so ohne Hinderniß einen Monat hindurch fortgesetzt. Am 15. Mai waren die Beobachter einen Grad nach Norden vorwärts gekommen, nachdem sie sieben Dreiecke geodätisch construirt hatten.

Der Oberst Everest und Mathieu Strux waren während dieser ersten Reihe von Operationen wenig mit einander in Berührung gekommen. Wir haben gesehen, daß bei der Vertheilung der Arbeit und selbst in Hinsicht der Controle der Messungen die beiden Gelehrten verschiedener Ansicht waren. Sie arbeiteten täglich an mehreren Meilen von einander entfernten Stationen, und diese Entfernung enthielt eine Sicherung gegen jeden Streit der Eifersucht. Wenn der Abend kam, ging jeder ins Lager zurück und begab sich in seine besondere Wohnung. Zwar entstanden zu wiederholten Malen Streitfragen über die Wahl der Stationen, welche gemeinschaftlich getroffen werden mußte; doch führten sie kein ernstliches Zerwürfniß herbei. Michael Zorn und sein Freund Emery durften demnach hoffen, daß, Dank der Absonderung der beiden Rivalen, die geodätischen Operationen ohne bedauernswerthes Aufsehen fortgesetzt werden würden.

Am 15. Mai, nachdem, wie gesagt, die Beobachter vom Südpunkt des Meridians aus einen Grad vorwärts gekommen waren, befanden sie sich auf der Breite von Lattaku. Das afrikanische Dorf lag fünfunddreißig Meilen östlich von ihrer Station.

Ein großer Kraal war neuerdings an diesem Ort entstanden. Es war ein sehr gelegener Haltepunkt, und auf Vorschlag Sir John Murrays beschloß man, daß die Expedition dort einige Tage ausruhen solle. Michael Zorn und William Emery sollten die Zeit benutzen, um Sonnenhöhen aufzunehmen. Während dieses Haltes sollte sich Nikolaus Palander damit beschäftigen, Reduktionen in den Messungen für die Niveaudifferenzen der Zielpunkte zu machen, so, daß man alle diese Messungen auf das Niveau des Meeres zurückführen könne. Sir John Murray wollte sich von seinen wissenschaftlichen Anstrengungen erholen, und durch Büchsenschüsse die Fauna dieser Gegend studiren.

Die Eingeborenen Süd-Afrikas nennen »Kraal« eine Art wandernden Dorfes, das von einem Weideplatz zum andern weiter verlegt wird. Es ist ein umschlossener Raum, der aus ungefähr dreißig Wohnungen besteht und von mehreren hundert Einwohnern bevölkert wird.

Der Kraal, zu welchem die englisch-russische Commission gekommen war, bildete eine ansehnliche Menge von Hütten, welche an den Ufern eines Zuflusses des Kuruman kreisförmig gruppirt waren. Diese Hütten waren aus Matten auf Holzpfählen errichtet, dichten, undurchdringlichen Binsenmatten. Sie sahen aus wie niedrige Bienenkörbe, deren Eingang durch ein Fell so enge geschlossen war, daß, wer hinein oder heraus wollte, auf den Knieen zu kriechen genöthigt war. Durch diese einzige Oeffnung drangen dichte Wolken beißenden Rauches vom Heerde heraus, welcher die Wohnbarkeit dieser Hütten für jeden Andern, der nicht Buschmann oder Hottentotte war, sehr zweifelhaft machen mußte.

Bei der Ankunft der Karawane gerieth die ganze Bevölkerung in Bewegung. Die zur Bewachung an jeder Hütte angebundenen Hunde bellten wüthend. Die kriegerischen Männer des Dorfes, mit Wurfspießen, Messern und Keulen bewaffnet und durch ihr Lederschild geschützt, stellten sich vorne auf. Ihre Zahl, die sich auf zweihundert schätzen ließ, zeigte die Bedeutung des Kraals, der nicht weniger als sechzig bis achtzig Wohnstätten zählen mußte. Diese Hütten waren zum Schutz gegen reißende Thiere von einer Palissadenhecke umgeben, die mit fünf bis sechs Fuß hohen stachlichten Aloen besetzt war.

Indeß verschwand die kriegerische Stimmung schnell, sobald der Jäger Mokum dem Häuptling des Kraals einige Worte gesagt hatte. Die Karawane erhielt die Erlaubnis, neben den Palissaden, dicht am Ufer des Baches ihr Lager aufzuschlagen. Die Buschmänner dachten gar nicht daran, derselben ihren Antheil an den Weideplätzen streitig zu machen, welche sich zu beiden Seiten mehrere Meilen weit erstreckten. Die Pferde, Ochsen und andern Vierfüßler der Expedition konnten sich dort reichlich ernähren, ohne dem Dorfe den geringsten Nachtheil zuzufügen. Alsbald wurde das Lager unter Anleitung und Befehl des Buschmanns nach hergebrachter Weise errichtet. Die Wagen gruppirten sich im Kreise herum, und Jeder lag seinen eigenen Beschäftigungen ob.

Sir John Murray ließ darauf seine Gefährten bei ihren Berechnungen und wissenschaftlichen Beobachtungen und zog, ohne einen Augenblick zu verlieren, in Begleitung Mokums aus. Der englische Jäger ritt sein gewöhnliches Pferd, und Mokum sein zahmes Zebra. Drei Hunde umsprangen sie. Sir John Murray und Mokum trugen jeder einen Jagdcarabiner mit Explosionskugeln, was ihre Absicht anzeigte, das Hochwild der Gegend anzugreifen.

Die beiden Jäger nahmen ihre Richtung nordöstlich, einer waldigen, einige Meilen vom Kraal entfernten Gegend zu. Sie ritten plaudernd nebeneinander her.

»Ich hoffe, Meister Mokum, sagte Sir John Murray, daß Sie hier Ihr Versprechen, welches Sie mir an den Morgheda-Fällen gaben, halten und mich in die wildreichste Gegend der Welt führen werden. Doch wissen Sie wohl, daß ich nicht nach Süd-Afrika gekommen bin, um Hasen zu schießen oder Füchse zu hetzen. Das haben wir in unsern schottischen Hochlanden. Ehe eine Stunde vergeht, will ich erlegt ...

? Ehe eine Stunde vergangen! antwortete der Buschmann. Ew. Gnaden erlauben mir, Ihnen zu sagen, daß dies ein wenig schnell gehen heißt, und daß es vor allen Dingen der Geduld bedarf. Ich selbst bin nur auf der Jagd geduldig, und unter diesen Verhältnissen mache ich die Ungeduld meines ganzen übrigen Lebens wieder gut. Wissen Sie denn nicht, Sir John, daß die Jagd auf Hochwild eine förmliche Wissenschaft ist, daß man sorgfältig das Land und die Gewohnheiten der Thiere kennen, ihre Wege ausstudiren, sie stundenlang umgehen muß, um sich ihnen unter dem Winde zu nähern? Wissen Sie, daß man sich weder einen Schrei zur unrechten Zeit, noch einen geräuschvollen falschen Schritt, noch einen unvorsichtigen Blick erlauben darf? Ich bin ganze Tage einem Büffel oder Gemsbock auf der Lauer gewesen, und wenn ich nach sechsunddreißig Stunden der List und Geduld das Thier erlegt hatte, hielt ich meine Zeit nicht für verloren.

? Sehr gut, mein Freund, erwiderte Sir John Murray, ich werde soviel Geduld, als Sie verlangen, zeigen, doch vergessen Sie nicht, daß wir uns hier nur drei oder vier Tage aufhalten, und daß wir weder eine Stunde noch eine Minute verlieren dürfen.

? Das ist zu berücksichtigen, antwortete der Buschmann in so ruhigem Tone, daß William Emery seinen Reisegefährten vom Orangefluß nicht wiedererkannt hätte. Wir werden tödten, was uns in den Weg kommt, ohne lange zu wählen. Antilope oder Hirsch, Gnu oder Gazelle, Alles wird für so eilige Jäger gut sein!

? Antilope oder Gazelle! rief Sir John Murray aus, ich verlange nicht einmal so viel für meinen ersten Schuß auf afrikanischem Boden. Aber was hoffen Sie denn, mir bieten zu können, Buschmann?«

Der Jäger sah seinen Gefährten mit befremdlicher Miene an und antwortete dann in ironischem Tone:

»In dem Augenblicke, wo Ew. Herrlichkeit sich zufrieden erklärt, habe ich nichts weiter zu sagen. Ich glaubte, daß Sie mich wenigstens zu einem Paar Rhinoceros oder Elephanten verpflichtet hielten! ...

? Jäger, antwortete Sir John Murray, ich werde hingehen, wohin Sie mich führen. Ich werde tödten, was Sie mir sagen. Also, vorwärts! und verlieren wir keine Zeit mehr mit unnützen Worten.«

Die Pferde wurden in Galop gesetzt, und die beiden Reiter näherten sich schnell dem Walde.

Die Ebene, durch welche sie ritten, erhob sich in sanftem Aufsteigen nordöstlich. Sie war hier und da mit unzähligen reich blühenden Gebüschen bedeckt, aus welchen ein klebriges, durchsichtiges und wohlriechendes Harz stoß, woraus die Kolonisten einen Wunderbalsam bereiten. In malerischen Gruppen standen » nwanas«, eine Art Sykomoren-Feigenbäume, deren Stamm, bis zur Höhe von dreißig bis vierzig Fuß nackt, einen großen Blätterschirm trägt. In diesem dichten Laubwerk kreischte eine unzählige Menge Papageien, die sehr emsig die säuerlichen Früchte des Baumes verspeisten. Weiterhin standen Mimosen mit gelben Trauben, »Silberbäume«, die ihr dichtes, seidenartiges Laub schüttelten, Aloe mit langen, grellrothen Stacheln, welche man für dem Grunde des Meeres entrissene baumartige Korallen hätte halten können. Der Erdboden, mit reizenden, bläulich schimmernden Amaryllis besäet, war dem schnellen Lauf der Pferde günstig. In weniger als einer Stunde, nachdem sie den Kraal verlassen, kamen Sir John Murray und Mokum am Saume des Waldes an. Es war ein Hochwald von Akazien, der einen Raum von mehreren Quadratmeilen einnahm. Diese unzähligen regellos gepflanzten Bäume schlangen ihr Gezweig in einander und ließen die Sonnenstrahlen nicht auf den von Dornen und langem Gras bedeckten Boden dringen. Das Zebra Mokums und das Pferd Sir John Murrays zögerten nicht sich unter diese dichte Wölbung zu wagen, und brachen sich durch die unregelmäßig stehenden Baumstämme einen Weg. Hier und dort zeigten sich mitten im Waldschlag einige große Lichtungen, und die Jäger hielten hier an, um das angrenzende dichte Gebüsch zu beobachten. Man muß gestehen, daß dieser erste Tag Seiner Herrlichkeit nicht günstig war. Vergebens durchstreifte er und sein Gefährte einen großen Theil des Waldes. Kein Probestück der afrikanischen Fauna ließ sich aufstören, um sie zu empfangen, und Sir John dachte mehr als ein Mal an seine schottischen Ebenen, auf welchen ein Flintenschuß nicht auf sich warten ließ. Vielleicht hatte die Nachbarschaft des Kraals dazu beigetragen, das mißtrauische Wild zu verscheuchen. Mokum indeß zeigte weder Ueberraschung noch Aerger. Für ihn war dies keine Jagd, sondern ein schneller Ritt durch den Wald.

Gegen sieben Uhr Abends mußte man an die Rückkehr ins Lager denken. Sir John Murray war sehr ärgerlich, ohne es gestehen zu wollen: ein ausgedienter Jäger unverrichteter Sache zurückkehren! niemals! Er nahm sich deshalb vor, auf das erste, beste Thier zu schießen, Vogel oder Vierfüßler, Roth- oder Hochwild, welches in Schußweite kommen würde.

Das Schicksal schien ihn zu begünstigen. Die beiden Jäger waren nur noch drei Meilen vom Kraal entfernt, als ein Hase afrikanischer Race hundertundfünfzig Schritt vor Sir John in einem Busch aufsprang. Sir John sandte ungesäumt dem unschädlichen Thiere eine Kugel nach.

Der Buschmann schrie vor Unwillen laut auf. Eine Kugel für einen einfachen Hasen, den man mit Schrot hätte schießen können. Doch der englische Jäger hielt auf sein Nagethier und ritt im Galop nach der Stelle, wo das Thier hätte stürzen müsse».

Vergeblicher Ritt! Von dem Hasen keine Spur, ein wenig Blut, doch kein Haar auf dem Boden. Sir John durchsuchte die Büsche und das dichte Gras. Die Hunde durchschnupperten vergeblich das Gesträuch.

»Ich habe ihn doch getroffen! rief Sir John Murray aus.

? Nur zu sehr getroffen! erwiderte ruhig der Buschmann. Wenn man einen Hasen mit einer Explosionskugel schießt, wäre es zu verwundern, wenn man noch ein kleines Theil von ihm fände.«

Und in der That war der Hase in unfaßbare Stückchen zerstoben! Se. Herrlichkeit stieg höchst ärgerlich wieder zu Pferd und erreichte, ohne ein Wort weiter zu reden, das Lager.

Am folgenden Morgen erwartete der Jäger, daß Sir John Murray ihm neue Jagdvorschläge machen würde. Doch vermied der in seiner Eigenliebe stark angegriffene Engländer eine Begegnung mit Mokum. Er schien jeden Jagdgedanken aufgegeben zu haben, und beschäftigte sich damit, Instrumente nachzusehen und Beobachtungen zu machen. Dann zur Erholung besuchte er den Kraal der Buschmänner und sah zu, wie die Männer sich im Bogenschießen übten oder auf der »Gorah« spielten, ein Instrument, welches aus einem mit einer Sehne bespannten Bogen besteht, welchem der Künstler Töne entlockt, indem er durch eine Straußfeder haucht. Während dessen beschäftigten sich die Frauen mit den Hausarbeiten und rauchten dabei den »Matokuané«, d. h. die ungesunde Pflanze des Hanfes, ein Vergnügen, das bei der größten Zahl der Eingeborenen verbreitet ist. In Folge der Beobachtung einzelner Reisender vermehrt das Einathmen des Hanfes die physische Kraft auf Kosten der moralischen Energie. Und wirklich schienen mehrere dieser Buschmänner wie blödsinnig durch die Trunkenheit des Matokuané.

Am folgenden Morgen, den 17. Mai, bei Tagesanbruch wurde Sir John Murray durch die einfache, in sein Ohr geflüsterte Phrase geweckt:

»Ich glaube, Ew. Herrlichkeit, daß wir heute glücklicher sein werden. Doch lassen Sie uns nicht mehr Hasen mit Berghaubitzen schießen!«

Sir John Murray ließ sich durch diese ironische Mahnung nicht irre machen, und erklärte sich zum Aufbruch bereit. Die beiden Jäger entfernten sich einige Meilen links vom Lager, ehe noch ihre Gefährten munter waren.

Sir John trug diesmal eine einfache Flinte, eine wunderbar schöne Waffe von F. Goldwin, und für eine einfache Hirsch- oder Antilopen-Jagd besser geeignet als der schreckliche Carabiner. Man konnte allerdings in der Ebene auf Dickhäuter und Raubthiere treffen, doch hatte Sir John zwar noch die »Explosion« des Hasen auf dem Herzen und er hätte es vorgezogen, lieber auf einen Löwen mit Schrot zu schießen, als nochmals solchen in den Annalen des Sport nie dagewesenen Schuß zu thun.

Wie Mokum vorausgesagt, das Glück war an diesem Tage den beiden Jägern günstig. Sie erlegten ein paar Harrisböcke, eine Art schwarzer Antilopen, die selten sind und schwer zu tödten. Es waren wunderschöne, vier Fuß hohe Thiere, mit auseinander stehenden, säbelförmigen Hörnern, dünnem, an den Seiten zusammengedrücktem Maul, schwarzem Huf, dichtem, weichem Haar, und kleinen, spitzen Ohren. Ihr schneeweißer Bauch und Kopf stachen von der schwarzen Haarfarbe des Rückens mit wallender Mähne auffallend ab. Ein Jäger konnte stolz auf solchen Schuß sein, denn der Harrisbock ist auch eine der bewundernswerthesten Species der südlichen Thierwelt.

Was aber dem englischen Jäger das Herz pochen machte, waren gewisse Spuren, welche ihm der Jäger am Saume eines dichten Gehölzes, nicht weit von einem großen, tiefen Sumpfe zeigte, der von riesigen Euphorbien umgeben, und dessen Oberfläche ganz mit himmelblauen Wasserlilien besäet war.

»Herr, sagte Mokum, wenn Sie morgen in den ersten Tagesstunden hier auf diese Stelle auf den Anstand kommen wollen, würde ich Ihnen rathen, diesmal nicht den Carabiner zu vergessen.

? Was veranlaßt Sie zu dieser Aeußerung, Mokum, fragte Sir John Murray.

? Diese frische Fährte, welche Sie auf der feuchten Erde sehen.

? Wie? diese breiten Fußspuren rühren von Thieren her? dann müssen ja die Füße, welche sie machten, mehr als eine halbe Klafter im Umfang haben!

? Das beweist ganz einfach, antwortete der Buschmann, daß das Thier, welches dergleichen Spuren hinterläßt, wenigstens neun Fuß bis zur Höhe der Schulter mißt.

? Ein Elephant! rief Sir John aus.

? Ja, Ew. Herrlichkeit, und wenn ich mich nicht täusche, ein völlig ausgewachsener männlicher junger Elephant.

? Auf morgen also, Buschmann.

? Auf morgen, Ew. Herrlichkeit.«

Die beiden Jäger kehrten ins Lager zurück, die beiden Harrisböcke auf das Pferd Sir John Murrays geladen.

Diese schönen, so selten gefangenen Thiere riefen die Bewunderung der ganzen Karawane hervor. Alle beglückwünschten Sir John, mit Ausnahme vielleicht von Mathieu Strux, der, was Thiere anbetraf, kaum was anderes kannte, als den großen Bären, den Drachen, Centaurus, Pegasus und andere Gestirne der himmlischen Thierwelt. Am nächsten Morgen um vier Uhr erwarteten die beiden Jagdgefährten unbeweglich auf ihren Pferden, die Hunde zur Seite, inmitten eines dichten Gehölzes die Ankunft der Truppe Dickhäuter.

An neuen Spuren hatten sie erkannt, daß die Elephanten in ganzen Rudeln kamen, um aus dem Sumpf zu trinken. Beide waren mit gezogenen Carabinern und Explosionskugeln bewaffnet. Sie standen seit ungefähr einer halben Stunde unbeweglich und schweigsam auf dem Anstand, als sie fünfzig Schritt vom Sumpf eine dunkle Masse sich bewegen sahen.

Sir John hatte seine Waffe ergriffen, aber der Buschmann hielt seine Hand zurück und bedeutete ihn mit einem Wink, seine Geduld zu mäßigen.

Bald erschienen große Schatten, und man hörte wie das Dickicht unter einem unwiderstehlichen Druck sich öffnete; das Holz krachte, das auf dem Boden zertretene Gezweig rasselte, und lautes Schnaufen drang durch die Zweige. Es war die Elephantentruppe. Ein halbes Dutzend dieser riesigen Thiere, fast ebenso groß wie ihre indischen Gattungsverwandten, näherte sich langsam dem Sumpfe.

Das anbrechende Tageslicht setzte Sir John in Stand, diese gewaltigen Thiere zu bewundern. Einer von ihnen, ein Männchen von ungeheurer Größe, zog besonders seine Aufmerksamkeit auf sich. Seine breite, gewölbte Stirn dehnte sich zwischen großen Ohren aus, die bis zur Brust hinabhingen. Seine kolossalen Dimensionen erschienen in der Dämmerung noch größer.

Er streckte seinen Rüssel aus dem Dickicht empor und schlug mit seinen krummen Hauern gegen die Baumstämme, welche unter seinen Schlägen ächzten. Vielleicht ahnte das Thier eine nahe Gefahr.

Inzwischen sagte der Jäger dem Sir John Murray leise ins Ohr:

»Gefällt Ihnen dieser?«

Sir John bejahte es mit einem Wink.

»Gut, fügte Mokum hinzu, wir werden ihn von den übrigen trennen.«

In diesem Augenblick kamen die Elephanten am Rande des Sumpfes an. Ihre schwammigen Füße traten tief in den schlammigen Grund. Sie zogen das Wasser mit ihrem Rüssel ein und dies Wasser ließ, indem es in ihre breite Kehle sich ergoß, ein lautes Glucken hören. Das große Männchen, das ernstlich unruhig war, schaute um sich und athmete schnaufend die Luft ein, um jede verdächtige Ausströmung zu wittern.

Plötzlich ließ der Buschmann einen auffallenden Schrei hören. Seine drei Hunde sprangen sofort mit heftigem Bellen aus dem Gebüsch heraus und stürzten sich auf die Truppe Elephanten; zugleich sprang Mokum, der seinem Begleiter nur das einzige: »Bleiben Sie« zurief, mit seinem Zebra über das Gebüsch hinaus, um dem großen Elephanten den Rückzug abzuschneiden.

Dies prächtige Thier suchte übrigens nicht einmal ihm durch die Flucht zu entkommen. Sir John, mit dem Finger auf dem Drücker seines Gewehrs, beobachtete ihn.

Der Elephant schlug mit dem Rüssel gegen die Baumstämme und bewegte wüthend den Schwanz, ließ nicht mehr Unruhe, sondern Zorn erkennen. Bis dahin hatte er nur den Feind gewittert, in diesem Augenblick aber erblickte er ihn und stürzte sich auf ihn los.

Sir John Murray stand jetzt sechzig Schritt von dem Thiere. Er wartete, bis er auf vierzig Schritt näher gekommen, und dann ihm in die Seite zielend, gab er Feuer. Doch änderte eine Bewegung des Pferdes die Richtung des Schusses, und die Kugel drang nur in das weiche Fleisch ein, ohne auf ein Hinderniß zu stoßen, welches genügt hätte, die Kugel platzen zu lassen.

Der Elephant rannte wüthend schneller, doch nicht sowohl im Galop, als in außerordentlich schnellem Gang. Doch hätte dieser schon ein Pferd überholen können.

Das Pferd Sir Johns bäumte sich und warf sich aus dem Gebüsch, ohne daß sein Herr es zurückhalten konnte. Der Elephant verfolgte es, spitzte die Ohren und stieß aus seinem Rüssel einen trompetenartigen Ton aus. Der Jäger, von seinem Pferde fortgerissen, klammerte sich mit kräftigen Beinen fest, während er eine Patrone in seinen Flintenlauf gleiten zu lassen suchte. Indessen gewann der Elephant einen Vorsprung, und bald waren Beide auf der Ebene außerhalb des Waldes.

Sir John spornte sein wild gewordenes Pferd blutig. Zwei der nebenher bellenden Hunde flohen athemlos. Der Elephant war nicht mehr zwei Längen hinter ihm; Sir John fühlte schon feinen schnaufenden Athem und hörte das Pfeifen des Rüssels, der in die Lüfte fuhr. In jedem Augenblick erwartete er von diesem lebendigen Lasso aus dem Sattel gehoben zu werden.

Plötzlich brach das Pferd mit den Hinterfüßen zusammen. Der Rüssel hatte ihn ins Kreuz getroffen. Das Thier wieherte vor Schmerz und machte einen Seitensprung. Dieser Satz rettete Sir John vor einem sichern Tode. Der von seiner eigenen Schnelligkeit fortgerissene Elephant flog darüber hinaus und sein Rüssel ergriff beim Hinstreifen am Boden einen der Hunde, welchen er in der Luft mit unbeschreiblicher Heftigkeit schüttelte.

Es blieb Sir John keine andere Rettung, als in den Wald zurückzureiten. Der Instinct seines Pferdes trug ihn dorthin, und bald setzte er mit staunenswerthem Schwung über den Saum des Gehölzes.

Der ihm überlegene Elephant hatte sich zu seiner Verfolgung in Bewegung gesetzt, schleuderte den unglücklichen Hund wider den Stamm einer Sykomore, so daß er ihm den Kopf zerschmetterte; dann stürzte er in den Wald hinein.

Das Pferd setzte in ein dichtes mit dornigen Lianen durchschlungenes Gebüsch und blieb stehen. Sir John, obgleich zerfetzt und blutend, verlor nicht einen Moment seine Kaltblütigkeit; er drehte sich um, legte vorsichtig seinen Carabiner an und zielte durch das Lianennetz auf den Elephanten. Die Kugel traf auf einen Knochen, so daß sie explodirte. Das Thier schwankte und fast im selben Augenblick traf ihn ein vom Waldesrand her abgefeuerter zweiter Schuß in die linke Seite. Er fiel auf die Knie neben einem kleinen, halb im Gras versteckten Teiche. Dort fing er an, seine Wunden mit dem Wasser, welches er in den Rüssel einsog, mit kläglichem Geschrei zu waschen.

In diesem Moment erschien der Buschmann.

»Er ist unser! er ist unser!« rief er aus.

Und wirklich war das ungeheure Thier tödtlich getroffen. Es jammerte kläglich, sein Athem ging pfeifend; sein Schwanz bewegte sich nur noch schwach, und sein Rüssel, die Blutlache, die sich um ihn gebildet hatte, aufsaugend, goß einen rothen Regen über das benachbarte Dickicht. Dann entgingen ihm die Kräfte, und es stürzte nieder, um sich nicht wieder zu erheben.

In diesem Augenblick trat Sir John Murray aus dem Dornengestrüpp hervor. Er war halbnackt, denn von seinen Jagdkleidern waren nur noch Fetzen übrig.

»Ein prachtvolles Thier, Buschmann, rief er aus, indem er den Cadaver des Elephanten untersuchte, ein prachtvolles Thier, aber ein wenig zu schwer für die Jagdtasche eines Jägers!

? Wohl, Ew. Herrlichkeit, erwiderte Mokum, wir wollen ihn auf dem Platze zerlegen und nur die ausgesuchtesten Stücke mit fortnehmen. Sehen Sie nur, mit welch prächtigen Hauern ihn die Natur versehen hat! Sie wiegen wenigstens fünfundzwanzig Pfund jeder, und das Pfund Elfenbein zu fünf Shilling gerechnet, giebt schon eine hübsche Summe.«

Mit diesen Worten schritt der Jäger sofort zum Zerlegen des Thieres. Er hieb mit seinem Beil die Hauer ab, und begnügte sich damit, die Füße und den Rüssel loszutrennen, welches die besten Stücke sind, die er den Mitgliedern der Commission vorsetzen wollte.

Diese Operation erforderte einige Zeit, und er kam mit seinem Begleiter erst zu Mittag ins Lager zurück.

Dort ließ der Buschmann die Füße des riesigen Thieres nach afrikanischer Weise kochen, indem er sie in ein vermittelst weißglühender Kohlen gleich einem Backofen geheiztes Loch eingrub.

Es versteht sich, daß das Gericht sogar von dem gleichgiltigen Palander nach seinem richtigen Werthe geschätzt wurde, und daß Sir John Murray von der ganzen gelehrten Truppe dafür beglückwünscht wurde.

Zehntes Capitel.
Die Stromschnelle

Während ihres Aufenthaltes am Kraal der Buschmänner waren sich der Oberst Everest und Mathieu Strux völlig fremd geblieben. Die Beobachtungen über die Breitegrade waren ohne ihre Hilfe gemacht worden. Da sie nicht genöthigt waren, sich für den wissenschaftlichen Zweck zu sehen, sahen sie sich gar nicht. Am Abend vor dem Aufbruch hatte der Oberst Everest einfach seine Karte mit » p. p. c.« dem russischen Astronomen übersandt, und hatte von Mathieu Strux eine Karte mit derselben Formel erhalten.

Am 19. Mai hob die ganze Karawane das Lager auf und schlug den Weg nach Norden ein. Die an der Basis des achten Dreiecks anliegenden Winkel, dessen Spitze ein links von dem Meridian sechs Meilen entfernt richtig gewählter Absteckpfahl bildete, waren gemessen worden. Es handelte sich also nur noch darum, diese neue Station zu erreichen, um die geodätischen Operationen wieder vorzunehmen.

Vom 19. bis 29. Mai wurde die Gegend mit der Mittagslinie durch zwei neue Dreiecke verbunden. Man hatte alle Vorsichtsmaßregeln ergriffen, um eine mathematische Genauigkeit zu erhalten. Die Operation ging nach Wunsch, und bis hierher waren die Schwierigkeiten nicht groß gewesen. Das Wetter war den Tagesbeobachtungen günstig, und der Boden enthielt kein unübersteigliches Hinderniß. Vielleicht war er sogar durch seine Flachheit nicht ganz geeignet zur Ausmessung der Winkel. Er war wie eine grüne Wüste, von Bächen durchschnitten, welche zwischen Reihen von »Karreehout« flossen, eine Baumart, welche dem Laube der Weide ähnlich ist, und deren Zweige die Buschmänner zur Fertigung ihrer Bogen verwenden. Dies Terrain, bedeckt mit losgerissenen Felsblöcken, vermischt mit Thon, Sand und Eisentheilen, zeigte sich an einzelnen Stellen äußerst dürr. Es verschwand da jede Spur von Feuchtigkeit, und es gediehen nur noch einige der schleimigen Pflanzenarten, die der größten Dürre widerstehen. Meilenweit bot diese Region keine Bodenerhöhung dar, die man als natürliche Station hätte wählen können. Man mußte also Signalpfähle oder zehn bis zwölf Meter hohe Fahnenstangen, die als Zielpunkt dienen konnten, aufpflanzen. Dies verursachte einen beträchtlichen Zeitverlust, der die Vermessungsarbeit verzögerte. Hatte man die Beobachtung gemacht, so mußte die Stange ausgehoben und einige Meilen weiter gebracht werden, um dort wieder die Spitze eines neuen Dreieckes zu bilden. Doch machte sich die Sache im Ganzen ohne Schwierigkeit. Die Mannschaft der »Königin und Czar«, auf diese Art Arbeit eingeübt, entledigte sich leicht ihrer Aufgabe. Diese wohl instruirten Leute arbeiteten schnell und man hätte sie nur ihrer Gewandtheit halber loben müssen, wenn nicht nationale Eigenliebe oft Unfrieden unter sie gesäet hätte.

Und wirklich brachte die unverzeihliche Eifersucht, welche ihre Anführer, den Oberst Everest und Mathieu Strux, entzweite, zuweilen auch die Seeleute gegen einander in Aufregung. Michel Zorn und William Emery wandten all ihre Weisheit und Klugheit an, um diese ärgerlichen Zwistigkeiten zu bekämpfen, doch gelang es ihnen nicht immer. Diese Streitigkeiten konnten bei den halbrohen Leuten in beklagenswerthe Thätlichkeiten ausarten. Der Oberst und der russische Gelehrte vermittelten dann wohl, doch machten sie die Dinge noch schlimmer, da jeder entschieden die Partei seiner Landsleute nahm, selbst dann, wenn diese Unrecht hatten. Von den Untergeordneten stieg die Zwietracht bis zu den Oberen, und »wuchs im Verhältniß der Masse«, wie Michel Zorn sagte. Zwei Monate nach der Abreise von Lattaku hatten nur noch die beiden jungen Leute das zum Erfolg des Unternehmens so nothwendige gute Einvernehmen bewahrt. Selbst Sir John Murray und Nikolaus Palander, so sehr sie, der eine von seinen Berechnungen, der andere von seinen Jagdabenteuern in Anspruch genommen waren, fingen an, bei diesen Uneinigkeiten sich zu betheiligen. Kurz, eines Tages war der Streit so heftig, daß Mathieu Strux zum Oberst Everest sagen zu können glaubte:

»Nehmen Sie, mein Herr, einen weniger hohen Ton an zu Astronomen, welche dem Observatorium von Pulkowa angehören, dessen weitreichendes Fernrohr die Möglichkeit gewährt zu erkennen, daß die Uranusscheibe vollkommen kreisrund ist!«

Worauf der Oberst Everest erwiderte, daß man das Recht habe, noch einen viel höheren Ton anzuschlagen, wenn man die Ehre habe, dem Observatorium von Cambridge anzugehören, dessen weitreichendes Fernrohr es möglich gemacht habe, die Andromeda unter die unregelmäßigen Nebelsterne zu rechnen!

Dann trieb Mathieu Strux die Persönlichkeit so weit, daß er sagte, das Fernrohr von Pulkowa mit seinem vierzehn Zoll großen Objectiv mache die Sterne dreizehnter Größe sichtbar, und der Oberst Everest antwortete nachdrücklich, daß das Objectiv des Fernrohres zu Cambridge vierzehn Zoll wie das seinige messe, und daß in der Nacht des 31. Januar 1862 es endlich den geheimnißvollen Trabanten entdeckt habe, welcher die Störungen im Lauf des Sirius verursacht.

Wenn Gelehrte dahin kommen, sich dergleichen persönliche Dinge zu sagen, begreift man wohl, daß keine Annäherung mehr möglich ist. Es stand also zu befürchten, daß die Zukunft der Vermessung bald durch diese unheilbare Eifersucht aufs Spiel gesetzt werden würde.

Glücklicherweise hatten die Streitigkeiten bisher wenigstens nur wissenschaftliche Gegenstände berührt. Manchmal hatte man sich über die mit der Winkelmeßscheibe oder mit dem Theodoliten aufgenommenen Messungen gestritten, doch hatte diese Debatte, weit entfernt zu schaden, nur desto größere Genauigkeit bei der Arbeit zur Folge. Die Wahl der Station hatte bisher noch keine Gelegenheit zur Uneinigkeit gegeben.

Am 30. Mai änderte sich das bis dahin klare und demzufolge den Beobachtungen günstige Wetter plötzlich. In jeder andern Region hätte man sicher einen von Regengüssen begleiteten Sturm vorhersagen können. Der Himmel bedeckte sich mit drohenden Wolken, einzelne Blitze ohne Donner zuckten einen Augenblick durch die Dunstmassen. Doch trat eine Luftverdichtung in den oberen Schichten nicht ein, und der sehr trockene Erdboden empfing nicht einen Wassertropfen. Nur blieb der Himmel einige Tage umwölkt. Dieser unzeitige Nebel konnte die Operation nur hemmen. Die Zielpunkte waren auf eine Meile Entfernung nicht mehr sichtbar.

Da indessen die anglo-russische Commission keine Zeit verlieren wollte, entschloß man sich, leuchtende Signale zu errichten, um auch des Nachts operiren zu können. Nur mußte man auf Rath des Buschmanns im Interesse der Beobachtungen einige Vorsicht gebrauchen, da in der Nacht die reißenden Thiere, durch den Schein der elektrischen Lampen angelockt, sich truppweise um die Stationen sammelten. Die Beobachter hörten dann das Kreischen des Schakals und das heisere Lachen der Hyäne, welches an das eigenthümliche Lachen betrunkener Neger erinnert.

Während der ersten nächtlichen Beobachtungen inmitten einer drohenden Umgebung erschrecklicher Thiere, da mitunter ein fürchterliches Brüllen die Nähe eines Löwen verkündete, waren die Astronomen doch ein wenig bei ihrer Arbeit gestört. Die Messungen wurden, wenn auch nicht weniger genau, doch weniger schnell ausgeführt. Diese auf sie gerichteten flammenden, durch die dichte Finsterniß leuchtenden Augen waren doch den Gelehrten ein wenig unbequem. Unter solchen Umständen Distanzen vom Zenith der Reverberen und ihre Winkel-Distanzen aufzunehmen, erforderte eine außerordentliche Kaltblütigkeit und eine unerschütterliche Selbstbeherrschung. Doch fehlte es den Mitgliedern der Commission nicht an diesen Eigenschaften.

Nach einigen Tagen hatten sie ihre ganze Geistesgegenwart wiedergewonnen und arbeiteten mitten unter den reißenden Thieren ebenso ordentlich, als wenn sie in ihren Observatorien gewesen wären. Man stellte außerdem bei jeder Station einige mit Flinten bewaffnete Jäger auf, und eine Anzahl zu dreister Hyänen fielen unter den europäischen Kugeln. Ich brauche nicht anzuführen, daß Sir John Murray diese Art Vermessung »wundervoll« fand. Während sein Auge an das Glas des Fernrohrs geheftet war, hielt seine Hand seinen Goldring, und mehr als einmal that er zwischen zwei Zenith-Beobachtungen einen Schuß.

Die geodätischen Arbeiten wurden also durch die unfreundliche Witterung nicht unterbrochen. Ihre Genauigkeit litt in keiner Weise darunter, und die Meridianmessung schritt regelmäßig ununterbrochen nach Norden zu vor.

Kein erzählenswerther Vorfall ereignete sich bei den geodätischen Arbeiten vom 30. Mai bis 17. Juni. Neue Dreiecke wurden vermittelst künstlicher Stationen errichtet, und vor Ende des Monats, wenn nicht irgend ein Hinderniß der Natur den Fortschritt der Arbeiten aufhielt, konnten der Oberst Everest und Mathieu Strux darauf rechnen, mit der Messung eines neuen Grades vom vierundzwanzigsten Meridian fertig zu sein.

Am 17. Juni schnitt ein ziemlich breites Wasser, ein Nebenfluß des Orange, den Weg ab. Die Mitglieder der wissenschaftlichen Commission waren nicht verlegen, persönlich über denselben zu setzen, da sie ein Kautschukboot besaßen, das eben dazu bei Flüssen oder mittelgroßen Seen bestimmt war. Doch konnten die Wagen und das Material der Karawane nicht auf diese Weise passiren. Man mußte entweder aufwärts oder abwärts eine Furth im Strome suchen.

Es wurde also ungeachtet der Meinung von Mathieu Strux beschlossen, daß die Europäer, mit ihren Instrumenten versehen, über den Fluß setzten, während die Karawane unter Mokums Führung einige Meilen unterhalb durch eine Furth gehen solle, welche der Jäger zu kennen behauptete.

Dieser Nebenfluß des Orange hatte an dieser Stelle eine Breite von einer halben Meile. Sein reißender Lauf, hier und dort durch Felsspitzen und im Schlamme festsitzende Baumstämme unterbrochen, hatte für ein schwaches Fahrzeug doch eine gewisse Gefahr. Mathieu Strux hatte in dieser Hinsicht einige Bemerkungen gemacht. Da er jedoch nicht vor einer Gefahr, welcher seine Begleiter trotzten, zurückweichen wollte, unterwarf er sich der allgemeinen Meinung.

Nikolaus Palander nur sollte die übrige Expedition auf ihrem Umwege nach dem untern Lauf des Flusses begleiten. Nicht, daß der würdige Rechenmeister die geringste Furcht gehabt hätte! Er war viel zu sehr vertieft, um irgend eine Gefahr zu argwöhnen. Doch war seine Gegenwart bei den folgenden Operationen nicht unumgänglich nöthig, und er konnte ohne Nachtheil seine Gefährten ein oder zwei Tage verlassen. Außerdem konnte das sehr kleine Boot nur eine beschränkte Anzahl Passagiere aufnehmen.

Es war also besser, nur einmal über die Stromschnelle zu setzen, und die Personen nebst Instrumenten und einigen Lebensmitteln mit einem Male an das andere Ufer zu bringen. Man brauchte erfahrene Bootsleute zur Führung des Kautschukbootes, deshalb trat Nikolaus Palander seinen Platz einem der Engländer von der »Königin und Czar« ab, welcher unter diesen Umständen nützlicher war, als der ehrenwerthe Astronom von Helsingfors.

Nachdem man ein Rendezvous nördlich von der Stromschnelle verabredet hatte, begann die Karawane unter Leitung des Jägers das linke Ufer hinab zu gehen. Bald waren die letzten Wagen in der Ferne verschwunden, und der Oberst Everest, Mathieu Strux, Emery, Zorn, Sir John Murray, zwei Matrosen und ein Buschmann, der sehr erfahren in der Flußschifffahrt war, blieben am Ufer des Nosub zurück.

So nannten die Eingeborenen dieses Wasser, welches in diesem Augenblick durch Bäche, die sich in der letzten Regenzeit gebildet hatten, stark angeschwollen war.

»Ein hübscher Strom, sagte Michel Zorn zu seinem Freunde William, während die Bootsleute das zum Ueberfahren bestimmte Fahrzeug herrichteten.

? Sehr hübsch, doch schwer zu passiren, antwortete Emery. Diese Stromschnellen sind Gewässer, die nur kurze Zeit zu leben haben, und die ihr Leben genießen! In einigen Wochen mit der trockenen Jahreszeit wird vielleicht nicht so viel davon übrig sein, um einer Karawane in seinem Bette den Durst zu stillen, und jetzt ist es ein reißender Strom, der fast nicht zu passiren ist. So rasch er fließt, so bald wird er versiegen. So, mein lieber Freund, ist das Naturgesetz im physischen und moralischen Leben. Wir haben aber jetzt keine Zeit zu verlieren. Das Boot ist bereit, und ich bin neugierig zu sehen, wie es sich auf der Stromschnelle benehmen wird.«

In wenig Minuten hatte man das Kautschukfahrzeug auseinander genommen, an sein inneres Gerüste festgemacht, und ins Wasser gelassen. Es erwartete die Reisenden unter einem in rothem Granitkern sanft absteigenden Uferabhang. An dieser Stelle, nach einer durch eine vorspringende Spitze erzeugten Wirbelbewegung, war das ruhige, sanft murmelnde Wasser mit Schlingpflanzen und Schilf umgeben.

Die Einschiffung ging also leicht von Statten. Die Instrumente wurden im Boden des Kahnes auf ein Mooslager gelegt, damit sie keinen Stoß erhielten. Die Passagiere setzten sich so, daß sie nicht die Bewegungen der beiden rudernden Matrosen hinderten. Der Buschmann nahm hinten am Steuer seinen Platz.

Dieser Eingeborene war der »Forloper« der Karawane, d. h. der Mann, welcher den »Zug eröffnet.« Der Jäger hatte dies einem geschickten Manne anvertraut, der eine große Kenntniß der afrikanischen Stromschnellen besaß. Er verstand einige Worte Englisch, und empfahl den Reisenden während der Fahrt über den Nosub tiefes Stillschweigen an. Die Ankerkette wurde losgelassen, und die Ruder hatten das Boot bald aus dem Wirbelwasser heraus gestoßen. Es begann den Einfluß der Strömung zu empfinden, welche hundert Ellen weiter zu einer Stromschnelle wird.

Die den beiden Matrosen vom Forloper gegebenen Befehle wurden pünktlich ausgeführt. Bald mußten sie die Ruder einziehen, um nicht auf einen halb unter dem Wasser versteckten Baumklotz zu stoßen, bald im Gegentheil kräftig einen durch eine Gegenströmung gebildeten Wasserwirbel überwinden. Dann, wenn die Strömung zu stark wurde, ließ man das leichte Boot im Wasserstrich dahingleiten.

Der Eingeborene wich so mit dem Steuer in der Hand, unbeweglichem Kopf, festen Auges den Gefahren der Ueberfahrt aus. Die Europäer beobachteten unruhig diese neue Lage. Sie fühlten sich mit unwiderstehlicher Macht von dieser tobenden Strömung mit fortgerissen. Der Oberst Everest und Mathieu Strux sahen sich einander an, ohne den Mund zu öffnen. Sir John Murray, mit seiner unzertrennlichen Büchse zwischen den Beinen, prüfte die zahlreichen Vögel, welche über der Wasserfläche streiften.

Die beiden jungen Astronomen bewunderten ohne Rückhalt und ohne Nebengedanken die Ufer, welche schon mit fabelhafter Geschwindigkeit vor ihnen zu fliehen schienen.

Bald hatte das schwache Fahrzeug die wirkliche Stromschnelle erreicht, die man schräg durchschneiden mußte, um an dem entgegengesetzten Ufer in ruhigeres Fahrwasser zu gelangen. Die Matrosen drückten auf ein Wort des Buschmanns stärker auf ihre Ruder, doch ungeachtet ihrer Anstrengungen nahm der Kahn, unwiderstehlich mit fortgerissen, eine dem Ufer parallele Richtung an und glitt abwärts. Das Steuer vermochte nichts mehr über ihn, und selbst die Ruder konnten ihn nicht mehr auf den richtigen Weg bringen. Die Lage wurde sehr gefährlich, denn der Stoß an einen Felsen oder Baumstamm mußte unfehlbar das Boot umwerfen.

Die Passagiere fühlten die Gefahr, aber keiner sprach ein Wort.

Der Forloper stand halb aufgerichtet. Er beobachtete die Richtung, welche das Fahrzeug nahm, dessen Schnelligkeit er auf einem Wasser nicht hemmen konnte, welches durch seine eigene rasende Geschwindigkeit den Gebrauch des Steuers zunichte machte. Zweihundert Ellen vom Boot ragte eine Art kleiner Insel, eine gefährliche Anhäufung von Steinen und Bäumen aus dem Flußbett empor. Ihr auszuweichen war unmöglich, und in einigen Augenblicken drohte das Boot sie zu erreichen und unzweifelhaft daran zu zerschellen.

In der That fand auch alsbald ein Stoß statt, doch weniger heftig, als man vermuthet hatte. Das Boot neigte sich und Wasser drang ein, doch konnten sich die Reisenden an ihrem Platz erhalten. Sie schauten vor sich ... der schwarze Felsblock, an den sie gestoßen, verließ seine Stelle und bewegte sich in dem tosenden Wasser.

Dieser Fels war ein ungeheuerlicher Hippopotamus, welchen die Strömung bis zur Insel mit fortgerissen hatte, und der es nicht wagte, gegen die Stromschnelle anzukämpfen, um ein oder das andere Ufer zu erreichen. Als er sich von dem Fahrzeug getroffen fühlte, erhob er den Kopf, und ihn horizontal schüttelnd, schaute er mit seinen kleinen dummen Augen um sich.

Der ungeheure Dickhäuter, 10 Fuß lang mit harter, brauner und haarloser Haut, zeigte in seinem offenen Rachen außerordentlich entwickelte obere Vorder- und Augenzähne. Fast augenblicklich stürzte er auf das Boot, welches er wüthend und beißend mit seinen Zähnen zu zerreißen drohte.

Doch Sir John Murray war da, und seine Kaltblütigkeit hatte ihn nicht verlassen. Er legte ruhig seine Flinte an, und seine Kugel traf das Thier dicht am Ohr. Das Flußpferd ließ nicht los und schüttelte das Boot wie der Hund einen Hasen. Die Büchse, sofort wieder geladen, traf das Thier abermals am Kopf. Der Schuß war tödtlich, denn die ganze Fleischmasse sank sofort nieder, nachdem es in einer letzten Todesanstrengung das Boot von dem Inselchen abwärts gestoßen hatte.

Ehe die Reisenden noch zu sich gekommen, hatte das Fahrzeug, sich wie ein Kreisel drehend, die schräge Richtung der Stromschnelle eingeschlagen. Ein Bogen, den der Fluß plötzlich machte, schnitt einige hundert Ellen unterhalb die Strömung des Nosub ab. Der Kahn trieb in zwanzig Secunden dort hin, wo ihn ein heftiger Stoß zum Halten brachte, und die Fahrenden sprangen gesund und munter auf den Uferdamm, nachdem sie einen Weg von zwei Meilen abwärts von ihrem Einschiffungsort gemacht hatten.

Elftes Capitel.
Nikolaus Palander wiedergefunden

Die geodätischen Arbeiten wurden wieder aufgenommen. Zwei Stationen, die man nächst der letzten Station diesseits des Flusses nach einander abgesteckt hatte, dienten zur Bildung eines neuen Dreiecks. Diese Operation geschah ohne Schwierigkeit, doch mußten die Astronomen vor den Schlangen, welche in dieser Gegend gefährlich sind, auf ihrer Hut sein. Es waren dies sehr giftige, zehn bis zwölf Fuß lange » Mambas«, deren Biß tödtlich ist.

Vier Tage nach der Fahrt über den Nosub, am 21. Juni, befand man sich mitten in einer waldigen Gegend. Aber das Gehölz, womit dasselbe bedeckt war, und das aus mittelgroßen Bäumen bestand, hinderte die Messungsarbeit nicht. An allen Punkten des Horizontes zeigten sich deutliche Bodenerhöhungen, mehrere Meilen von einander entfernt, welche zur Errichtung von Fahnenstangen und Reverberen geeignet waren, diese Gegend, eine tiefe Niederung unter dem allgemeinen Niveau, war dadurch feucht und fruchtbar. William Emery erkannte dort Tausende der hottentottischen Feigenbäume, deren säuerliche Früchte von den Buschmännern sehr geliebt werden. Die weit zwischen den Gehölzen hinziehenden Ebenen verbreiteten einen lieblichen Wohlgeruch, der von einer zahllosen Menge Zwiebelgewächsen herrührte, die den Zeitlosen ziemlich ähnlich sind. Eine gelbe, zwei und drei Zoll lange Frucht, überragte diese Wurzeln und durchduftete die Luft balsamisch. Es war der » Kukumakranti« Süd-Afrikas, welchen die kleinen Eingeborenen sehr lecker finden. In dieser Region, in welcher die benachbarten Gewässer unmerklich abwärts flossen, erschienen auch die Koloquintenfelder wieder, eingefaßt von jenen zahllosen Münzepflanzen, deren Verpflanzung nach England so vollständigen Erfolg gehabt hat.

Obgleich fruchtbar und großer Agriculturentwickelung günstig, schien diese besonders tropische Region wenig von Nomadenstämmen besucht. Man sah keine Spur von Eingeborenen. Kein Kraal, nicht einmal ein Lagerfeuer. Dennoch fehlte es nicht an Wasser und an manchen Stellen hatten sich Bäche, Sümpfe, ziemlich bedeutende Seen und zwei oder drei reißende Flüsse gebildet, die in die verschiedenen Nebenströme des Orange flossen.

An diesem Tage beschlossen die Gelehrten, hier Halt zu machen, um die Karawane zu erwarten. Die vom Jäger bestimmte Frist war demnächst abgelaufen, und wenn sich derselbe nicht in seiner Rechnung geirrt hatte, mußte er heut noch ankommen, nachdem er die Furth unterhalb des Nosub passirt. Indeß verfloß der Tag, und kein Buschmann erschien. War die Expedition auf ein Hinderniß gestoßen, welches sie am Wiedereintreffen hinderte? Sir John Murray glaubte, daß, da der Nosub in dieser Zeit, wo es noch viel Wasserzufluß giebt, keine genügende Furth darbiete, der Jäger südlicher gegangen sei, um eine zum Uebersetzen geeignete Stelle zu suchen. Dieser Grund war in der That anzunehmen, da die Regengüsse in der letzten Jahreszeit sehr häufig gewesen waren und ungewöhnlich viel Wasser zugeführt hatten.

Die Astronomen warteten. Aber als der 22. Juni ebenfalls vorüber war, ohne daß einer von Mokums Leuten erschienen, zeigte sich der Oberst Everest sehr unruhig. Er konnte seinen Weg nicht nach Norden fortsetzen, wenn ihm das Material der Expedition fehlte. Wenn sich nun diese Verzögerung in die Länge zog, so konnte das den Erfolg der Operationen gefährden.

Mathieu Strux bemerkte bei dieser Gelegenheit, es sei seine Meinung gewesen, die Karawane zu begleiten, nachdem man die letzte Station diesseits des Flusses mit den beiden jenseitigen geodätisch verbunden hätte; hätte man seinen Rath befolgt, so wäre die Expedition jetzt nicht in Verlegenheit gerathen, wenn das Schicksal der Triangulation durch diese Verzögerung aufs Spiel gesetzt würde, so falle die Verantwortlichkeit dafür auf die zurück, welche geglaubt hatten ... u. s. w.! In jedem Falle hätten die Russen ...

Der Oberst Everest protestirte, wie man sich denken kann, gegen diese Beschuldigungen seines Kollegen, indem er daran erinnerte, daß man den Beschluß gemeinschaftlich gefaßt habe. Sir John Murray indeß vermittelte und verlangte, daß diese Discussion, als vollständig überflüssig, sofort geschlossen würde, was geschehen sei, sei geschehen, und alle Klagen auf der Welt könnten nichts an der Lage der Dinge ändern. Man bestimmte nur noch, daß, wenn am nächsten Morgen die Buschmann-Karawane sich noch nicht bei den Europäern wieder eingefunden hätte, Michel Zorn und William Emery, die sich dazu erboten, sie unter der Führung des Forlopers in südwestlicher Richtung aufsuchen sollten. Während ihrer Abwesenheit sollten der Oberst Everest und seine Gefährten am Lagerplatz bleiben und ihre Rückkehr abwarten, um eine Entscheidung zu treffen.

Nachdem man hierüber einig geworden, hielten sich die beiden Rivalen während des übrigen Tages von einander entfernt. Sir John Murray verbrachte die Zeit damit, das benachbarte Gehölz zu durchstreifen. Doch kam ihm kein Wild vor. Was das Geflügel betrifft, so war er in Hinsicht auf die Eßbarkeit desselben nicht sehr glücklich. Dagegen hatte der Naturforscher, der oft in einem Jäger steckt, Grund zur Zufriedenheit. Zwei merkwürdige Species fielen unter seinen Schüssen. Er brachte ein schönes Berghaselhuhn mit, dreizehn Zoll lang, kurzbeinig, mit dunkelgrauem Rücken, rothen Füßen und Schnabel, dessen zierliche Schwungfedern ins Braune spielten; ein schönes Exemplar der Familie der Tetraoniden, deren Typus das Rebhuhn ist. Der andere Vogel, welchen Sir John durch einen besonders geschickten Schuß erlegt hatte, gehörte den Raubthieren an. Es war eine besonders in Süd-Afrika einheimische Art Falken, mit rother Kehle und weißem Schwanz, und von besonderer Formenschönheit. Der Forloper nahm die zwei Vögel geschickt aus, so daß ihre Haut unbeschädigt aufgehoben werden konnte.

Die ersten Tagesstunden des 23. Juni waren schon verflossen, und die Karawane hatte noch kein Zeichen von sich gegeben. Die beiden jungen Leute waren im Begriff, sich auf den Weg zu machen, als entferntes Gebell einen Aufschub veranlaßte. Bald kam der Jäger Mokum in größter Eile auf seinem Zebra herbeigeritten, an der Ecke eines Aloëgehölzes links vom Lager.

Der Buschmann war der Karawane vorausgeritten und näherte sich schnell den Europäern.

»Kommen Sie doch, braver Jäger, rief Sir John Murray freudig aus. Wirklich verzweifelten wir an Ihrer Wiederkehr. Wissen Sie, ich würde mich nie haben trösten können, Sie nicht wiederzusehen! Es scheint, als ob das Wild mich flieht, wenn Sie mir nicht zur Seite sind. Kommen Sie doch, damit wir Ihre Rückkehr durch ein gutes Glas unseres schottischen Whisky feiern!«

Auf diese wohlwollenden und freundschaftlichen Worte Sir Johns antwortete Mokum nicht. Er betrachtete jeden der Europäer, zählte sie einen nach dem andern, und eine lebhafte Angst malte sich in seinen Zügen.

Der Oberst Everest bemerkte es sofort, trat zu dem Jäger, der soeben abgestiegen war, und fragte:

»Wen suchen Sie, Mokum?

? Herrn Palander, erwiderte der Buschmann.

? Ist er denn nicht bei Ihnen? fragte der Oberst Everest wiederholt.

? Er ist nicht mehr bei uns! antwortete Mokum; ich hoffte ihn an Ihrem Lagerplatze wiederzufinden! Er hat sich verirrt!«

Bei den letzten Worten des Buschmanns kam Mathieu Strux eilig heran.

»Nikolaus Palander verloren! rief er aus. Ein Gelehrter, den man Ihrer Sorge anvertraut hatte, ein Astronom, für den Sie verantwortlich waren und den Sie nicht zurückbringen! Wissen Sie denn, Jäger, daß Sie für seine Person stehen müssen, und daß es nicht genügt, zu sagen: Herr Nikolaus Palander ist verloren!«

Diese Worte des russischen Astronomen beleidigten die Ohren des Jägers, der, da er sich nicht auf der Jagd befand, keinen Grund hatte, geduldig zu sein.

»He, he! Herr Astrolog aller Reussen, erwiderte er mit gereizter Stimme, wollen Sie nicht gefälligst Ihre Worte ein wenig mäßigen? Bin ich beauftragt, Ihren Gefährten zu hüten, der sich selbst nicht zu hüten weiß! Sie halten sich an mich, und Sie haben Unrecht damit, hören Sie? Wenn sich Herr Palander verloren hat, so ist das seine Schuld! Zwanzig Mal habe ich ihn angetroffen, wie er, in seine Ziffern vertieft, sich von unserer Karawane entfernt hatte, und zwanzig Mal habe ich ihn wieder zurückgebracht. Vorgestern aber, bei Anbruch der Nacht, ist er verschwunden, und ungeachtet meiner Nachforschungen habe ich ihn nicht wiederfinden können. Seien Sie geschickter, wenn Sie können, und da Sie so gut ein Fernrohr zu handhaben verstehen, legen Sie Ihr Auge daran und versuchen Sie Ihren Collegen zu entdecken!«

Der Buschmann würde ohne Zweifel in diesem Tone fortgefahren haben, zum großen Zorne des Mathieu Strux, der mit offenem Munde nicht ein Wort anbringen konnte, wenn nicht Sir John Murray den jähzornigen Jäger beruhigt hätte. Zum Glück für den russischen Gelehrten wurde der Streit zwischen ihm und dem Buschmann hier abgebrochen. Doch warf sich Mathieu Strux dafür mit einer unbegründeten Beschuldigung auf den Oberst Everest, der sich dessen nicht versah.

»Auf jeden Fall, sagte der Astronom von Pulkowa in trockenem Tone, beabsichtige ich nicht, meinen unglücklichen Collegen in dieser Wüste zurückzulassen. Was mich betrifft, werde ich alles Mögliche aufbieten, ihn wiederzufinden. Wenn Sir John Murray oder Herr William Emery verschwunden wären, würde der Oberst Everest vermuthlich nicht zögern, die geodätischen Arbeiten einzustellen, um seinen Landsleuten zu Hilfe zu kommen. Nun sehe ich nicht ein, warum man für einen russischen Gelehrten weniger thun solle, als für einen englischen!«

Der also aufgeforderte Oberst Everest konnte seine gewöhnliche Ruhe nicht länger beibehalten.

»Herr Mathieu Strux, rief er mit gekreuzten Armen und festem Blick auf seinen Gegner aus, ist es Ihr entschiedener Wille, mich ohne Grund zu beleidigen? Was halten Sie von uns Engländern? Haben wir Ihnen das Recht gegeben, an unsern Gefühlen in einer Humanitätsfrage zu zweifeln? Was läßt Sie voraussetzen, daß wir diesem unverständigen Rechner nicht zur Hilfe kommen wollen ...

? Mein Herr ... rief der Russe bei dieser Bezeichnung Nikolaus Palanders.

? Ja, unverständig, wiederholte der Oberst, indem er jede Silbe betonte, und um auf Sie zurückzuschleudern, was Sie soeben leichtsinnig aussprachen, will ich noch hinzufügen, daß, im Falle unsere Operationen durch dieses Ereigniß verfehlten, die Verantwortlichkeit dafür auf die Russen und nicht auf die Engländer fallen würde.

? Herr Oberst, schrie Mathieu Strux, dessen Augen Blitze schleuderten, Ihre Worte ...

? Meine Worte sind wohl erwogen, mein Herr, und da dies gesagt wurde, versteht es sich von selbst, daß bis zum Augenblick, in dem Ihr College wiedergefunden, jede Arbeit eingestellt wird. Sind Sie zum Aufbruch bereit?

? Ich war dazu bereit, ehe Sie nur ein Wort gesprochen«, antwortete Mathieu Strux grollend.

Hierauf gingen beide Gegner an ihren Wagen, denn die Karawane war soeben angekommen.

Sir John Murray, der den Oberst begleitete, konnte sich nicht enthalten, zu sagen:

»Es ist noch ein Glück, daß dieser unverständige Mensch nicht auch noch das doppelte Register der Messungen mitgenommen hat.

? Das dachte ich auch«, erwiderte einfach der Oberst.

Die beiden Engländer befragten nun den Jäger Mokum. Dieser erzählte ihnen, Nikolaus Palander sei seit zwei Tagen verschwunden; man habe ihn zum letzten Mal zwölf Meilen weit vom Lagerplatz gesehen; er, Mokum, habe sofort nach seinem Verschwinden Nachforschungen angestellt, wodurch seine Ankunft verzögert wurde; da er ihn nicht gefunden, habe er sehen wollen, ob dieser »Rechenmeister« nicht vielleicht zufällig bei seinen Gefährten am Nosub sich eingefunden habe. Da dem nun nicht so sei, schlage er vor, die Nachsuchungen nordöstlich fortzusetzen, in dem waldigen Theil des Landes habe man keine Stunde zu verlieren, wenn man den Herrn Palander noch lebend antreffen wolle.

Man mußte sich in der That eilen. Seit zwei Tagen irrte der russische Gelehrte aufs Geradewohl in einer Gegend umher, wo reißende Thiere so häufig streiften. Er war nicht der Mann, sich aus einer schwierigen Lage zu ziehen, da er immer nur in einer Zahlenwelt, nie in einer wirklichen gelebt hatte. Wo jeder Andere irgend eine Nahrung gefunden hätte, würde der arme Mann unvermeidlich Hungers sterben. Man mußte ihm unbedingt so schnell als möglich zur Hilfe eilen. Um ein Uhr verließen der Oberst Everest, Mathieu Strux, Sir John Murray und die beiden jungen Astronomen das Lager, vom Jäger geführt. Alle ritten rasche Pferde, sogar der russische Gelehrte hielt sich in komischer Weise krampfhaft an seinem Thiere fest, und verwünschte innerlich den unglückseligen Palander, der ihm solche Frohnarbeit verursachte. Seine Begleiter, ernste und anständige Leute, wollten die erheiternden Stellungen, welche der Astronom von Pulkowa auf seinem Pferde annahm, das sehr lebhaft und empfindlich gegen den Zügel war, nicht bemerken.

Ehe er das Lager verließ, hatte Mokum den Foreloper gebeten, ihm seinen Hund zu leihen, ein schönes, kluges Thier, geschickter und vom Buschmann gut dressirter Spürhund. Dieses Thier, nachdem es einen Nikolaus Palander gehörigen Hut beschnüffelt hatte, sprang nach Nordosten zu, während sein Herr ihn durch ein besonderes Pfeifen antrieb. Die kleine Truppe folgte alsbald dem Hunde und verschwand am Saum eines dichten Gehölzes. Während des ganzen Tages folgten der Oberst und seine Begleiter dem hin- und herlaufenden Thiere, welches so scharfsinnig war, daß es vollkommen verstand, was man von ihm verlangte. Doch fehlten noch die Spuren des verirrten Gelehrten, und keine Fährte konnte mit Sicherheit verfolgt werden. Der Hund schnupperte auf dem Boden herum, lief vorwärts, kam aber bald wieder zurück, ohne auf eine sichere Spur gestoßen zu sein. Ihrerseits versäumten die Gelehrten kein Mittel, ihre Gegenwart in dieser öden Gegend bemerkbar zu machen. Sie riefen, sie feuerten Flintenschüsse ab, wodurch sie hofften, von Nikolaus Palander gehört zu werden, so zerstreut und in sich versunken er auch sein mochte. So hatte man die Umgegend des Lagers in einem Umkreise von fünf Meilen durchstreift, als der Abend herankam und man die Nachforschungen einstellen mußte, um sie bei Tagesanbruch wieder aufzunehmen.

Während der Nacht suchten die Europäer ein Unterkommen unter einer Baumgruppe vor einem Holzfeuer, welches der Buschmann sorgsam unterhielt. Man hörte das Geheul wilder Thiere, deren Anwesenheit nicht geeignet war, sie über den Aufenthalt Nikolaus Palanders zu beruhigen. Konnte man noch hoffen, diesen Unglücklichen, erschöpft, verhungert, durch die Nachtkälte erstarrt, den Angriffen der in diesem Theil Afrikas so zahlreichen Hyänen ausgesetzt, zu retten! Dies beschäftigte sie Alle. Die Collegen des Unglücklichen verbrachten so lange Stunden Pläne bildend und Mittel suchend, um bis zu ihm zu gelangen. Die Engländer zeigten bei dieser Gelegenheit eine Hingebung, von der selbst Mathieu Strux gerührt werden mußte, er mochte wollen oder nicht. Todt oder lebend, beschloß man, müsse der russische Gelehrte wiedergefunden werden, und sollten auch die trigonometrischen Arbeiten ins Unendliche vertagt werden.

Endlich erschien der Tag, nach einer unendlich langen Nacht. Die Pferde wurden schnell aufgezäumt, und die Nachsuchungen in einem weiteren Umkreise wieder fortgesetzt. Der Hund lief voraus, und die kleine Truppe folgte seinen Spuren.

Nach Nordosten vordringend, kamen der Oberst Everest und seine Begleiter durch eine sehr feuchte Gegend.

Die strömenden Wasser, obgleich nicht bedeutend, vermehrten sich. Man konnte sie leicht durchwaten, mußte sich aber vor Krokodilen in Acht nehmen, von denen Sir John Murray hier die ersten Proben sah. Es waren große Reptilien, von denen einige fünfundzwanzig bis dreißig Fuß lang waren, fürchterlich gefräßige Thiere, denen man aus den Seen oder Flüssen schwer entfliehen konnte. Der Buschmann, der sich nicht damit aufhalten wollte, gegen diese Saurier zu kämpfen, machte Umwege und hielt Sir John, der immer bereit war, ihnen eine Kugel zuzuschicken, zurück. Wenn sich eins dieser Ungethüme zwischen dem hohen Grase zeigte, rissen die Pferde im Galop aus und entzogen sich leicht der Verfolgung. Inmitten großer aus übervollen Bächen gebildeten Teiche sah man sie zu Dutzenden, mit dem Kopf über dem Wasser ragend, irgend eine Beute nach Art der Hunde verschlingen und mit ihren fürchterlichen Rachen in kleine Bissen zermalmen.

Die kleine Truppe setzte indeß, ohne große Hoffnung, ihre Nachsuchungen fort, bald in dichtem, schwer zu durchdringendem Gehölz, bald auf der Ebene mitten in einem unentwirrbaren Netz von Gewässern, untersuchten den Boden, die unbedeutendsten Spuren beachtend; hier einen in Mannshöhe abgebrochenen Zweig, dort ein Büschel kürzlich niedergetretenen Grases, weiterhin ein anderes halb verwischtes Zeichen, dessen Ursprung schon unkenntlich geworden. Nichts vermochte die Suchenden auf die Spur des unglücklichen Palander zu bringen.

In diesem Augenblick hatten sie sich ungefähr zehn Meilen nördlich vom Lagerplatze vorgewagt und wollten sich auf den Rath des Jägers südwestlich wenden, als der Hund plötzliche Zeichen von Unruhe gab. Er bellte und wedelte heftig mit dem Schweif; er entfernte sich einige Schritte mit der Nase auf dem Boden, die trockenen Gräser auf dem Fußpfade beschnüffelnd. Dann kam er auf dieselbe Stelle zurück, als wenn eine besondere Ausströmung ihn fessele.

»Herr Oberst, rief der Buschmann aus, unser Hund spürt etwas! Ach, das kluge Thier! Es ist auf die Fährte des Wildes, ? verzeihen Sie, des Gelehrten, dem wir nachjagen, gestoßen. Lassen wir ihn gewähren, lassen wir ihn!

? Ja! wiederholte Sir John Murray, er ist auf der Spur. Hören Sie nur dies Kläffen! Man möchte sagen, er spricht mit sich selbst, er sucht sich eine Meinung zu bilden. Ich gäbe fünfzig Pfund für ein solches Thier, wenn es uns an den Ort brächte, wo sich Nikolaus Palander aufhält.«

Mathieu Strux nahm die Art, wie man von seinem Landsmann sprach, nicht übel, das wichtigste war vor Allem, ihn aufzufinden. Jeder hielt sich bereit, der Spur des Hundes zu folgen, sobald dieser seines Weges sicher sei.

Dies dauerte nicht lange; und nach lautem Gebell sprang das Thier mit einem Satz über ein Gebüsch und verschwand im Walde. Die Pferde konnten ihm nicht durch diese undurchdringliche Waldung folgen. Der Oberst Everest und seine Begleiter waren demnach genöthigt, das Gehölz zu umreiten und sich durch das Gebell des Hundes leiten zu lassen. Eine sichere Hoffnung belebte sie jetzt. Es war nicht zu bezweifeln, daß das Thier dem verirrten Gelehrten auf der Spur war, und verlor es diese nicht, so mußte es gerade auf sein Ziel loskommen. Eine Frage nur mußte man stellen: lebte Nikolaus Palander noch oder war er todt?

Es war elf Uhr Morgens. Ungefähr zwanzig Minuten lang ließ sich das Gebell, welches die Suchenden leitete, nicht mehr hören. War es die Entfernung oder war der Hund vom Wege abgekommen? Der Buschmann und Sir John, die voraus ritten, wurden sehr unruhig. Sie wußten nicht, nach welcher Richtung sie ihre Gefährten führen sollten, als das Bellen von Neuem ungefähr eine halbe Meile südwestlich, aber außerhalb des Waldes ertönte. Alsbald spornte man die Pferde nach dieser Seite zu an.

In einigen Sätzen hatte die Truppe eine sehr sumpfige Stelle im Boden erreicht. Man hörte den Hund deutlich, konnte ihn aber nicht sehen. Zwölf bis fünfzehn Fuß hohes Schilf bedeckte das Terrain. Die Reiter mußten absteigen, und nachdem sie ihre Pferde an einen Baum gebunden, glitten sie durch das Schilfrohr, immer dem Gebell des Hundes folgend. Bald hatten sie dies dichte und zum Vorwärtskommen sehr ungeeignete Netzwerk hinter sich. Ein weiter mit Wasser und Wasserpflanzen bedeckter Raum bot sich ihren Blicken dar. An der niedrigsten Stelle des Bodens erstreckt sich ein breiter und eine halbe Meile langer, kleiner See mit bräunlichem Wasser.

Der Hund stand an den schlammigen Ufern des Sees und bellte wüthend.

»Da ist er, da ist er!« rief der Buschmann. In der That, am Ende einer Art Halbinsel, auf einem Baumstamm ungefähr dreihundert Schritt entfernt, saß Nikolaus Palander unbeweglich, einen Bleistift in der Hand, ein Notizbuch auf seinen Knieen, ohne Zweifel im Rechnen vertieft.

Seine Collegen konnten einen Schrei nicht zurückhalten. Der russische Gelehrte wurde höchstens zwanzig Schritte weit von einer Bande Krokodile belauert, die den Kopf aus dem Wasser streckten. Er ahnte nicht einmal ihre Gegenwart, und diese gefräßigen Thiere, die sich langsam näherten, konnten ihn im nächsten Moment herabreißen.

»Eilen wir! sagte der Jäger leise, ich weiß nicht, worauf diese Krokodile warten, um sich auf ihn zu werfen!

? Sie warten vielleicht, bis er einen haut-goût bekommen!« konnte sich Sir John nicht enthalten zu antworten, womit er auf die, von den Eingeborenen allgemein bemerkte Thatsache anspielte, daß diese Reptilien niemals frisches Fleisch fressen.

Der Buschmann und Sir John empfahlen ihren Begleitern an, sie auf dieser Stelle zu erwarten, und umgingen den See, um die schmale Landzunge zu erreichen; auf welcher sie zu Nikolaus Palander gelangen konnten.

Sie hatten noch nicht zweihundert Schritt gemacht, als die Krokodile, das Wasser verlassend, auf den Boden krochen und gerade auf ihre Beute losgingen. Der Gelehrte sah Nichts; er wandte seine Augen nicht von seinem Notizbuch weg, seine Hand schrieb fortwährend Zahlen.

»Augenmaß, kaltes Blut, oder er ist verloren!« murmelte der Jäger Sir John ins Ohr.

Beide knieten darauf nieder, legten auf die Reptilien, welche ihm am nahesten gekommen waren, an und gaben Feuer. Ein doppelter Knall ertönte, und zwei der Ungeheuer stürzten rücklings mit zerschmettertem Rückgrat ins Wasser. Die übrigen verschwanden im Augenblick unter der Oberfläche des Sees. Beim Knallen der Gewehre hob Nikolaus Palander endlich den Kopf, erkannte seine Collegen, lief auf sie zu und schrie, sein Notizbuch schwenkend:

»Ich habs gefunden! ich habs gefunden!

? Und was haben Sie gefunden, Herr Palander? fragte ihn Sir John.

? Einen Decimalfehler in der hundertdritten Logarithmentabelle von James Wolston!«

In der That hatte der würdige Mann diesen Fehler gefunden! Einen Logarithmenfehler! Er hatte Anspruch auf die vom Verleger James Wolston versprochene Prämie von hundert Pfund! Und seit vier Tagen, da er in diesen Einöden umherirrte, hatte der berühmte Astronom von Helsingfors seine Zeit damit zugebracht!


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