Brutus auch Du

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Zehntes Kapitel

Heinrich Weber kam aus seiner Werkstatt, in der er soeben eine letzte Arbeit vollendet: eine allerletzte. An jener Inschrift unter seiner Marmorgruppe:

»Deutschland huldigt Italien!«

hatte er ein Wort geändert, und jetzt stand unter den beiden leuchtenden Gestalten tief eingegraben:

»Deutschland huldigt der Treue!«

Das getan, ging Heinrich in seine Wohnung und zu seiner Frau, der er sagte:

»Packe die Sachen! Nur das Notwendigste! Für dich und für mich! Wir müssen fort!«

Lavinia fragte, wohin sie beide so eilig müßten? Doch nicht nach Olevano, nicht wieder hinauf nach Bellegra? Sie wolle nicht fort; sie wolle in Rom bleiben.

»Wohin wir müssen? Du kannst noch fragen?... Wir reisen nach Deutschland und das noch diesen Abend.«

»Wir?«

»Ich sagte: wir reisen nach Deutschland.«

»Du reisest nach Deutschland ... Deutschland hat ja wohl Krieg?«

»Es hat Krieg.«

»Also werde ich die Magd für dich packen lassen.«

»Also wirst du für uns beide packen und das sogleich!«

»Weil du ein Deutscher bist? Weil du nach Deutschland gehst? Weil Deutschland Krieg hat, sollte ich mit dir fort? Fort nach Deutschland?«

»Sollst du als meine Frau, als die Frau eines Deutschen, mit mir fort.«

»Deshalb sollte ich mit dir nach Deutschland gehen müssen? Deshalb?« »Deshalb mußt du mit mir. Hörst du wohl? Du mußt!«

»Ich bin Italienerin.«

Heinrich wiederholte:

»Weil du nun einmal meine Frau bist, mußt du jetzt mit deinem deutschen Mann sogleich nach Deutschland abreisen.«

»Ich bleibe hier. Reise allein.«

»Nicht ohne dich!«

»Was kümmert mich dein Deutschland? Was euer Krieg? Geh du, weil du nun einmal ein Deutscher bist, in den Krieg.«

»Das sagst du? Als meine Frau sagst du das? Und in solchem Tone, mit solcher Miene?«

»Ich sage es.«

»Dann sage mir auch ?«

Er holte mit Anstrengung Atem und mußte warten, bis er imstande war, wieder zu sprechen. Auch jetzt mußte er nach Fassung ringen. Aber nur nicht jetzt die Besinnung verlieren! Er mußte fort, mußte sich dem Vaterland als Freiwilliger stellen, durfte vielleicht fallen, durfte für das Vaterland sterben. Welch himmlische Vorstellung! Aber sein Weib zurücklassen, sein Weib einem anderen überlassen? ... Nach einer Weile konnte er gelassen sagen:

»Ich gehe in den Krieg, kämpfe für mein Vaterland, falle vielleicht ?«

»Du fällst?«

Sie sah ihn an. In ihren Augen leuchtete es blitzartig auf, blitzartig war auch des Mannes Erkenntnis,

»Wenn ich falle, wirst du ?«

Er brauchte den Satz nicht zu beenden. Das Aufleuchten ihrer Augen hatte ihm genug gesagt: für das Weib, das sein Leben vernichtet, das ihn als Künstler und als Mensch zugrunde gerichtet hatte, würde sein Tod Befreiung, Erlösung, Glück sein.

Und so sagte er denn: »Lasse die Magd packen. Nur das Notwendigste. Für mich allein.«

Er verließ sein Haus, das sein Haus niemals gewesen war; verließ sein Weib...

Also ohne seine Frau ?

Abschied, Trennung fürs Leben. Zugleich war es für ihn Sieg: Sieg über sich selbst; Sieg über seine Leidenschaft; Sieg über all das Unedle, Unwürdige, Ehrlose, das durch seine Leidenschaft für das schöne Weib über ihn gekommen war. Jetzt brauchte es im Leben für ihn nur noch eines: die Kugel des Feindes.

Ohne seine Frau ?

Sie verlassend, überließ er sie einem Liebhaber, dem ein anderer folgen würde und wieder ein anderer. Mochte es so sein. Erfuhr sie dann seinen Tod ? Sein Tod würde dann ihr Sieg sein!

Er wollte abreisen und würde nicht wiederkehren. Ein Abreisender, der nicht wiederkehrte, hatte an allerlei zu denken, für allerlei zu sorgen. Als ein dem Tode Verfallener mußte er an diejenigen denken, für diejenigen sorgen, die er zurückließ. Er ließ eine Frau zurück, die seinen Namen trug. Also ?

Er mußte einen letzten Willen aufsetzen; mußte über sein Hab und Gut verfügen; mußte eine letzte Pflicht erfüllen.

Sein Hab und Gut mußte der Frau zufallen, die seinen Namen trug. Darüber mußte eine Urkunde aufgesetzt werden...

»Amerigo Minardi. Avvocato.«

Zufällig fiel sein Blick auf den Namen und Titel. Er blieb stehen, las den Namen, mußte sich besinnen, wessen Name es war und ? ging hinein.

In einem elegant ausgestatteten Vorraum warteten viele, die zu dem Herrn Advokaten wollten: des Herrn Geschäft blühte. Unter den Wartenden befanden sich sonderbare Gestalten. Der soeben Eingetretene hatte dafür nur einen flüchtigen Blick; aber selbst ihm fielen jene Anwesenden auf. Da er Eile hatte, übergab er dem Schreiber des Herrn Advokaten seine Karte und sagte dem Menschen, der ihn aus großen fiebernden Augen anstarrte: »Ich muß noch heute nach Deutschland abreisen; muß daher sogleich mit dem Herrn Advokaten sprechen. Also lasse ich bitten, mich sogleich vorzulassen.«

Wer war der junge Mensch mit dem fahlen Gesicht und den fiebernden Augen? Wem glich er doch nur? ... Richtig! Dem! Ein Spukbild aus vergangenen Zeiten ... Es war jedoch nicht der Geist eines Toten, sondern er selbst mußte es sein: der Bruder seiner Frau. Der junge Fanatiker hatte ihn durch einen Dolchstoß töten wollen und ihn auch getroffen, leider nicht tief genug ... Nein! Zum Glück nicht tief genug; denn jetzt durfte er für sein Vaterland fallen und das in dem gerechtesten, also heiligsten aller Kriege, die jemals geführt wurden. Orazio Petroni selbst war der junge Mensch mit den fieberglühenden Augen.

»Der Herr Advokat läßt bitten.«

Heinrich Weber trat ein bei dem Manne, von dem er wußte, daß er nach seiner Abreise der Liebhaber seiner Frau werden würde, wenn er es nicht bereits war, trotz der scharfen Wacht, die der Gatte gehalten hatte.

»Was wünschen Sie von mir?«

Der Advokat war erblaßt. Was konnte der Deutsche anderes von ihm wollen, als einen Waffengang auf Leben und Tod? Der Herr Advokat aber durfte sein kostbares Leben in einem Zweikampf mit einem dieser Barbaren nicht auf das Spiel setzen. Sein Leben gehörte Italiens großer Sache, die einstweilen darin bestand, Geld, viel Geld, ungeheuere Summen Geldes, von den Feinden dieses verhaßten Deutschlands zu nehmen. Denn um Deutschland handelte es sich, um Deutschland hauptsächlich, wenn Italien auch Österreich meinte: Italiens Krieg wider Deutschland würde es sein!

»Was wünschen Sie von mir?«

Der Advokat mußte seine Frage wiederholen. Der Herr, der es eilig hatte, bei ihm vorgelassen zu werden, schien die Frage überhört zu haben. Er stand und betrachtete den Mann. Sein Blick glitt über die mit übertriebener Eleganz gekleidete schlanke Gestalt; glitt über das Gesicht, das einem Künstler als Modell für einen edlen jungen Römer dienen konnte. Und Heinrich Weber, dieses Gesicht und diese Gestalt betrachtend, mußte denken ?

»Wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, was Sie von mir wünschen?«

»Gewiß. Sogleich.«

»Wenn ich bitten darf. Auch ich habe Eile. Sie werden bemerkt haben, daß viele warten.«

»Ihr Geschäft blüht.«

»Es geht gut... Nehmen Sie Platz.«

Heinrich Weber blieb stehen. Kein Auge von dem Geliebten seiner Frau abwendend, sagte er:

»Ich möchte mein Testament machen.«

»Ihr Testament?«

Dem Wort folgte ein tiefes Aufatmen der Erleichterung. Der hübsche Bursche war nicht nur ein durchtriebener, sondern auch ein feiger Halunke.

»Ich möchte meinen letzten Willen aufsetzen.«

»Bei mir?«

»Weshalb nicht bei Ihnen?«

»Weil Sie Deutscher sind und weil Sie auf Ihrem Konsulat ?«

»Ich wünsche bei Ihnen, gerade bei Ihnen, meine letzten Verfügungen aufzusetzen... Sie verstehen mich doch?«

»Ich verstehe Sie ... Weshalb wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Ich wünsche bei Ihnen stehen zu bleiben. Auch das werden Sie vielleicht verstehen?«

»Nach Ihrem Belieben... Also was wünschen Sie noch?«

»Ich reise ab, nach Deutschland. Deutschland hat nämlich Krieg.« »Sie wollen nach Deutschland? In den Krieg?«

»Da ich Deutscher bin ? Aber das werden Sie vielleicht nicht verstehen?«

»Deutschland wird sicher siegen.«

»Über alle seine Feinde.«

»Wir Italiener ?«

»Die Italiener sind ja wohl Deutschlands und Österreichs Bundesgenossen?«

»Freilich, freilich! Wir Italiener wünschen Deutschland und Österreich glorreichen Sieg.«

»Über alle unsre Feinde.«

»Über alle. Sie wissen ja wohl, daß Italien ?«

»Neutral bleibt.«

»Einstweilen wenigstens.«

»Italien soll seine sämtlichen Truppen von der französischen Grenze fortziehen ? trotz seiner Bundesgenossenschaft und seiner Neutralität.«

»Wir unsre Truppen fortziehen von der französischen Grenze? Das wäre, Herr Heinrich Weber, das wäre ?«

»Offenbare Niedertracht.«

»Das wäre es.«

»Mich freut, daß Sie so denken.«

»So denkt ganz Italien!«

»Ganz Italien spricht aus Ihrem Munde: aus dem Munde des Herrn Advokaten Amerigo Minardi ... Aber lassen Sie uns zu meiner Sache, kommen, da wir beide Eile haben.«

»Herr Weber, gehen Sie zu Ihrem Generalkonsul.«

»Der Herr hat im Augenblick anderes und Besseres zu tun. Sobald ich meinen letzten Willen bei Ihnen, Herr Advokat Minardi, aufgesetzt habe, werde ich das Dokument durch das Deutsche Konsulat rechtskräftig machen lassen. Es ist mein besonderer Wunsch, daß Sie meinen letzten Willen kennen lernen: gerade Sie.«

»Ihr besonderer Wunsch?«

»So sagte ich. Sie verstanden mich durchaus recht... Jetzt rufen Sie gefälligst Ihren Schreiber und lassen Sie den Mann niederschreiben, was ich zu sagen habe: aus bewußten besonderen Ursachen gerade Ihnen ... Ich drückte mich doch deutlich aus?«

»Durchaus.«

Und Herr Minardi rief seinen Schreiber ...

In seinem letzten Willen hinterließ der deutsche Bildhauer Heinrich Weber seiner Witwe sein gesamtes Hab und Gut, unter der Bedingung ihrer Wiederverheiratung. Sein gesamtes Hab und Gut bestand hauptsächlich in der Marmorgruppe: »Deutschland huldigt der Treue«. Auch mit der veränderten Inschrift bedeutete das Werk für des Künstlers Witwe ein Vermögen.

Heinrich Weber sagte zu dem Advokaten Minardi:

»Unter der Bedingung, Herr Advokat, einer Wiederverheiratung. Ich habe mich doch in einer Weise ausgedrückt, die jeden Zweifel ausschließt? Mir liegt daran, es von Ihnen, in Gegenwart Ihres Schreibers, ausdrücklich bestätigt zu hören.«

»Ich bestätige es Ihnen ausdrücklich.«

»Sehr wohl. Und Sie, Herr Schreiber, wollen folgenden Wortlaut genau wiedergeben: Mit meinem innigen Wunsche, meine Frau möge mit einem zweiten Gatten glücklicher werden, als sie es mit dem ersten gewesen ... Haben Sie das wörtlich niedergeschrieben?«

»Wörtlich.«

»Auch noch das folgende.«

»Diktieren Sie!«

»Der Verstorbene hat einstmals auf das tiefste bedauert, daß der Dolchstoß des Bruders seiner Gattin sein Herz nicht traf ... Schrieben Sie?«

»Herr ?«

»Einstmals bedauert. Jetzt nicht mehr. Da ich jetzt eines edleren Todes sterben kann ... Schreiben Sie!«

»Da Sie es wünschen ?«

»Ich wünsche es ... Danke. Was schulde ich Ihnen?«

»Herr!«

»Was schulde ich Ihnen, Herr Advokat? Ich wünsche nicht, mit einer Schuld gegen Sie für mein Vaterland zu fallen.«

»Weshalb sollten Sie fallen?«

»Weil ich für mein Vaterland fallen will, einer von den Tausenden und aber Tausenden, die in diesem Kriege für ihr Vaterland fallen werden ... Also meine Schuld, Herr Advokat Minardi? Sie sind Italiener, und ein Italiener tut nichts umsonst.«

Herr Amerigo Minardi nannte die Summe, und Heinrich Weber zahlte.

Er zahlte mit Gold.

Elftes Kapitel

Heinrich Weber hatte den Advokaten bezahlt; hatte das Dokument an sich genommen; war von Herrn Minardi mit ausgesuchter Höflichkeit durch das gedrängt volle Vorzimmer bis zur Tür begleitet worden; hatte die ihm freundschaftlich dargebotene Hand nicht genommen und war seines Wegs weitergegangen: zu dem deutschen Generalkonsul, um von diesem seinen letzten Willen rechtskräftig machen zu lassen. Das abgetan, war für ihn alles Irdische erledigt.

Wohin jetzt?

Hatte er wirklich nichts mehr zu tun? Von keinem Menschen mehr Abschied zu nehmen? Jedenfalls Abschied von Rom. Ein Abschied wars auf Nimmerwiedersehen.

»Auf Nimmerwiedersehen« ? Wie seltsam das klang!

»Wohin, lieber Freund?«

Es war sein deutscher Arzt, ein noch junger Mann, der ihm begegnete und ihn ansprach. Alle Deutschen im fremden Lande waren jetzt Freunde, Brüder, wie es jetzt in der Heimat alle waren,

»Ja, wohin, Doktor? Ich weiß es selbst nicht. Aber es freut mich, Sie noch einmal zu sehen.«

»Noch einmal?«

»Ich reise ab. Noch heute.«

»Nach Deutschland?«

»Wohin sonst? Um mich als Freiwilliger zu melden.«

»Sie wollen sich als Freiwilliger melden?«

»Können Sie noch fragen?«

»Sie sind aber doch ? nicht ganz gesund.«

»Nicht ganz.«

»Und Sie wollen ?« »Aber Doktor!«

»Lieber Freund ?«

»Weshalb sehen Sie mich so an? Was meinen Sie mit diesem Blick?«

Der Arzt wiederholte:

»Sie sind nicht ganz gesund und wollten trotzdem ?«

»Man nimmt selbst Tuberkulöse, wenn sie sonst kräftig genug sind. Ich bin kräftig genug.«

»Immerhin, wenn Sie schließlich doch bleiben wollten ?«

»Ich will nicht bleiben!«

»So könnte ich Ihnen ein Attest ausstellen ?«

»Um bleiben zu dürfen? Um für Deutschland nicht mitzukämpfen? Um die andern mitkämpfen zu lassen? ... Doktor, Doktor, Sie gehen ja doch selbst.«

»Natürlich gehe ich!«

»Also?«

»Ich warne Sie noch einmal.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Warnung. Aber bei aller Ihrer Freundschaft meinen Sie es ? schlecht mit mir.«

»Bleiben Sie und ?«

»Dann müßte ich mich verachten ... Seien Sie versichert, ich werde meinen Zweck erreichen.«

»Zu fallen. Denn das ist Ihr Zweck.«

»Wer sagt Ihnen das? ... Hoffentlich gönnen Sie mir die Erreichung meines Zwecks. Wissen Sie doch am besten, wie es um mich steht und das in jeder Hinsicht.«

»Ich hätte Ihnen von Herzen gewünscht ?«

»Am Leben zu bleiben? Und am Leben zu bleiben, weil ich einmal ein Genius gewesen sein soll? ... Einmal gewesen!«

»Leben Sie wohl!«

»Sterben Sie tapfer ? sollten Sie mir wünschen.«

Sie trennten sich. »Wohin jetzt?«

Er sagte es halblaut zu sich selbst und befand sich bereits dort, wohin es ihn trieb, um Abschied zunehmen: Abschied auf Nimmerwiedersehen. Doch würde er das der Person, von der er Abschied nehmen wollte, nicht sagen. Er wußte, es würde sie schmerzen. Trauern würde sie wegen dieses Abschieds von dem Freunde und zugleich ihn verstehen, so gut ihn verstehen, wie auf Erden kein zweiter Mensch.

In Abschiedsgedanken versunken, war er den Corso Umberto hinuntergegangen bis zur Piazza del Popolo, hatte sich jedoch nicht zu dem sommergrünen Pincio hinaufgewendet, sondern links zum Ponte Margherita in das einstmalige Gebiet der Wiesen des Kastells von S. Angelo und stand nun vor dem Villino, in dem die einzige Person wohnte, die um ihn trauern und die ihn verstehen würde.

Er fand die Fensterläden geschlossen und niemand in der Wohnung. Jetzt erst fiel ihm ein: ?Sie ging mit ihrem Knaben zu ihrem Vater, während ihr Herr Gemahl, außer in seinem Büro und bei Aragno, im Grand Hotel, dem vornehmen Versammlungsort der Franzosen und Engländer, Russen und Amerikaner, sich aufhält.? Also kehrte er vor der verschlossenen Wohnung um, ging den weiten Weg wieder zurück und in das Quartier der Via Babuino, in dem Rudolf Müller seit einem Menschenalter ein fleißiger Künstler und ein glücklicher Mensch gewesen war. Ob er letzteres jemals wieder sein würde? Je wieder in Rom ein glücklicher Mensch?

Tante Minchen empfing des Abwesenden jungen Freund. Die gute Dame hatte verweinte Augen, war jedoch sonst in allem ihres Bruders Schwester, mehr konnte zu ihrem Lobe nicht gesagt werden. Voller Stolz zählte sie die Neffen, Vettern und sonstigen Verwandten auf, die mit hinausziehen durften und von denen jeder als Held sich erweisen würde. Dann aber klagte sie:

»Daß mein Bruder ein alter Mann ist; daß er nicht mit hinaus kann! Ich weiß, es nagt an seinem Herzen. Und ich! Ich wäre gewiß nicht zu gebrechlich, um Krankendienste zu leisten. Auch für die Etappe nicht zu gebrechlich: war ich doch schon im Jahre siebzig Pflegerin und habe meinen Kursus bei dem großen Langenbeck selbst durchgemacht und die Prüfung mit Ehren bestanden. Wenigstens versuchen könnten sie es mit mir. Wenn für den Felddienst nicht mehr brauchbar befunden, könnte ich in Naumburg ein Lazarett einrichten oder darin nur Dienerin sein. Und wenn ich die Fußböden scheuern müßte. Nur helfen, nur mit dabeisein können! ... Ich kann nicht, darf nicht! Ich muß bei meinem Bruder bleiben. Mein Bruder braucht seine alte dumme Schwester. Als seine gute Frau starb, rief er mich auch zu sich, brauchte er mich auch. Dann freilich ? Dann war die Filomena da. Ach, du lieber Gott! Ich bekomme es nun einmal nicht fertig. Reis und Makkaroni nach italienischer Art zu kochen. Sie geraten mir immer viel zu weich. »Pampig« nennt es mein Bruder und rührt keinen Bissen an. Also kann ihm die Filomena viel Besseres leisten als ich, was mich um seinetwillen von Herzen freut. In Naumburg würde ihm nichts mehr schmecken. Deshalb soll er auch in dieser für Deutschland gewaltigen Zeit ruhig in seinem geliebten Rom bleiben. Und ich, seine alte dumme Schwester ? Ach, lieber Herr Weber, was sagen Sie denn zu Italien?«

»Italien bleibt neutral.«

Es geht wirklich nicht mit uns? Wirklich nicht mit seinen Bundesgenossen?«

»Italien bleibt neutral... Deutschland und Österreich-Ungarn müssen ihrem Bundesgenossen sogar dankbar sein, wenn er neutral bleibt.«

»Wenn? ? Ach mein lieber, lieber Herr Weber ?«

»Kann ich Ihre Frau Nichte sprechen?«

»Herr Weber! Sie sind solch treuer Freund unsres Hauses. Mein lieber, lieber Herr Weber, meine Nichte! Gott, ach Gott! Ich habe es ja doch gleich gesagt. Ein Italiener und eine Deutsche ? Dieser Italiener!

Und jetzt? Jetzt ist das Unglück da. Sie hat freilich ihren Knaben. Aber das Kind ? Ich möchte mir die Augen ausweinen ... Gehen Sie zu ihr. Ich weiß. Sie tun der Ärmsten wohl, wie sonst kein anderer. Ach, Herr Weber, wie anders hätte alles kommen können, wenn ? Verzeihen Sie mein törichtes Geschwätz. Wer wird jetzt daran denken?«

»Sie haben recht. Jetzt wird der Deutsche nur an eines denken.«

»Nur an Deutschland!«

Schweigend saß er bei Mutter und Kind, Aber es ward ihm wohl in der stillen Gegenwart dieser Frau ohne Anmut und Schönheit. Während er still dasaß, Mutter und Kind ? Letzteres war noch immer solch kümmerliches Lebewesen ? schweigend betrachtete, mußte er sich vorstellen, wie schwer die Frau die Abreise eines deutschen Gatten empfinden, aber wie ruhig und stark sie zu ihm sagen würde: »Du mußt Weib und Sohn verlassen; mußt kämpfen, und solltest du fallen, so werde ich deinem Sohn erzählen, welch einen herrlichen Tod sein Vater starb: den Tod eines Helden! Sei also stolz auf deinen Vater, so stolz wie deine Mutter es ist, die deinen Vater über alles geliebt hat. Hörst du, mein Sohn: über alles!«

So stolz hätte diese Frau zu ihrem Sohn gesprochen, wenn sie ? Heinrich Webers Weib geworden wäre...

Sie erzählte dem Freunde von ihrem Vater dort oben in der Villa Falconieri, dem Stücklein Deutschland, jenes Deutschland, welches seine Feinde zertrümmern, vernichten wollten. Bei allem Stolz über Deutschland, bei aller Erhebung über Deutschlands nationale Einigkeit litt der alte Mann und: »Er wird noch viel leiden müssen. Wir beide wissen weshalb. Aber wir wollen es nicht aussprechen.«

Sie sprachen es nicht aus. Auch nicht, als beide in dieser Scheidestunde fühlten, daß es hatte anders kommen können: »so ganz anders« ? hatte Tante Minchen gesagt. Um vieles glücklicher und besser, obgleich sie eine unschöne Frau war, aber eine starke und treue Frau, eine rechte Freundin des Gatten, seine Mitkämpferin hätte sie sein können. Keiner von beiden sprach davon, daß es ein allerletztes Beisammensein war und daß beide es wußten.

Nur das eine sagte sie ihm:

»Wenn ich mein Kind nicht hätte ? ich danke Gott, daß ich es habe ? Oder wäre mein Kind nur um ein Jahr älter, so würde ich meine Pflicht als deutsche Frau in der Heimat erfüllen, wie eine jede das tut.«

»Als deutsche Frau in der Heimat« ... Rudolf Müllers Tochter war in Rom geboren, hieß Romana, war nur wenige Male und immer nur für kurze Zeit jenseits der Alpen gewesen und fühlte sich in jedem Pulsschlag als Deutsche; fühlte, daß Leiden um die Heimat, Sterben für die Heimat eine ebenso hohe Sache sei, wie das Glück und der Stolz über Deutschlands einmütige Erhebung es waren...

Sie sagten sich nicht Lebewohl, Aber Romana reichte dem Freunde ihren Knaben hin und sagte:

»Küsse du ihn!«

So einfach gab sie ihm daß schwesterliche Du, als sei es zwischen ihnen nie anders gewesen, und auch er nahm das trauliche Wort so hin, wie es gegeben ward.

Dann begleitete sie ihn hinaus. Auf der Treppe sagte sie noch:

»Gehe nicht fort, ohne vorher deinen besten Freund gegrüßt zu haben. Er ist alt und würde es schwer verwinden, wenn du ohne Abschied von ihm gingst. Finde dafür noch eine Stunde Zeit und sei bedankt dafür.«

Auch er hatte ihr noch etwas zu sagen:

»Wie wird es mit dir?«

»Mit mir?«

»Und deinem Mann?« »Er will von der Kirche austreten und von mir sich scheiden lassen.«

»Das dachte ich mir. Er will sich scheiden lassen, um eine Heirat zu machen?«

»Möglicherweise.«

»Von dir sich scheiden lassen gegen genügende Entschädigung?«

»Er wird seine Rente weiterbeziehen.«

»Leidest du sehr?«

»Ich habe meinen Knaben.«

»Also willigst du ein?«

»Ich willige ein.«

»Und leidest sehr?«

»Es ist seltsam. Seitdem Deutschland von seinen Feinden angefallen ward wie ein Edelwild von einer Meute blutgieriger Wölfe, ist es seltsam, wie ich nichts andres fühlen kann, als daß ich einen deutschen Vater habe und meine Heimat Deutschland ist; daß ich stolz und glücklich bin, eine Deutsche zu sein.«

»Du Gute, Starke!«

»Du Lieber!«

Sie trennten sich und wußten: es war auf Nimmerwiedersehen,

Heinrich erfüllte die Bitte der ihm so teuer gewordenen Frau und fuhr mit der Elektrischen hinaus nach Frascati. Die Campagna prangte in ihrer goldbraunen Sommerpracht, in dem Königsmantel, den die Erhabene sich umgeworfen hatte. Silbern lag die Sabina, silbern war das Gewölk über dem Meer. Nur die Zypressen standen gleich schwarzen Leichensteinen am Wege.

Heinrich hatte auf dem Oberdeck unter der schützenden Leinwand Platz genommen. Die Mitfahrenden waren Landleute aus den Albanerbergen. Sie redeten und gestikulierten mit der Leidenschaftlichkeit des Südländers. Nur von dem großen Kriege wurde gesprochen. Nein! Italiens Landvolk hatte nichts gemein mit jenem Italien, welches »neutral« blieb. Es war ein gutes Volk, stark im Ertragen aller Mühsal des Lebens; stark im Entsagen und Entbehren; stark in seiner Treue zu seinem Vaterlande, welches den durch harte Arbeit ermüdeten Schultern eine Steuerlast aufbürdete, unter der es nahezu zusammenbrach.

Dieses starke und tüchtige Volk sprach von Deutschland nicht nur mit Achtung, sondern voller Bewunderung. Als die Leute in ihrem Mitreisenden den Deutschen erkannten, brachten sie ihm und seinem großen Vaterland ein »Evviva!« aus. Da sagte ihnen Heinrich: er ginge noch diese Nacht nach Deutschland, um für Deutschlands Ehre zu kämpfen; und er wurde schon jetzt als Held gefeiert, so daß sein Blut heißer strömte, sein Herz höher schlug...

Am Zypressenteich der Villa Falconieri nahmen die beiden Freunde tiefernsten Abschied:

»Grüße mein Deutschland, unser teures Vaterland. Auf jedem, der hinauszieht in den Kampf, liegt eine Weihe; jeder, der im Kampfe fällt, stirbt als Unsterblicher; jeder, der verwundet, zerschossen, verkrüppelt heimkehrt, ist ein Märtyrer für Deutschlands gerechte Sache. Dieser Krieg ist nicht allein ein Krieg der Gegenwart, sondern ein Ringen auf Tod und Leben für die Zukunft Deutschlands. Daran möge bei uns jeder denken: jene, die hinausziehen dürfen, und jene, die zurückbleiben müssen.«

»Du gedenkst hier zu bleiben?«

»Um zuerst mein Bild zu vollenden und dann ?«

»Dein Bild ist schön.«

»Ich danke dir... Und dann um meiner Tochter willen.«

»Glaubst du nicht, es könnte möglich sein, daß ?«

»Weshalb stockst du? Sprich aus!«

»Daß Italien wider uns ?«

»Nicht weiter! Was du meinst, ist unmöglich. Ist unmöglich, sage ich dir!«

»Möge es so sein.« »So ist es!«

»Lebe wohl.«

»Wir sehen uns wieder.«

»Gewiß... Das war eine schöne Stunde.«

»Ich behalte sie in meinem Herzen, solange es noch schlägt. Es ist ein sehr altes Herz.«

»Mit der Begeisterung eines Jünglings.«

»Für unser Vaterland... Lebe wohl.«

Wieder in Frascati angelangt, depeschierte Heinrich seiner Frau: sie solle ihm sein Gepäck durch die Magd auf die Bahn schicken. Er fahre mit dem Florentiner Nachtschnellzug.

Das war Heinrich Webers Abschied von seiner Frau.

Auch das war vorüber und abgetan. Seine Leidenschaft sowohl wie sein Unglück waren von ihm abgefallen gleich einem Gewand. Wundersam wars, wie es in diesen Tagen deutscher Not und deutscher Größe kein persönliches Schicksal mehr gab; wie es für den Deutschen nur noch ein Schicksal gab: das seines Vaterlandes, des teuren, hehren, heiligen.

Ja ? »Deutschland, Deutschland über alles.«

So war es und so würde es bleiben bis in alle Ewigkeit.

Amen!

Zwölftes Kapitel

Heinrich wollte zu Fuß nach Hause ? Nicht doch! Nach Rom wollte er zu Fuß zurückkehren. Der Schnellzug nach München fuhr erst nachts nach zehn Uhr ab, und jetzt war es noch nicht acht. In zwei Stunden konnte er die Piazza delle Terme erreichen. Er konnte diese letzten Stunden nicht feierlicher verbringen, als mit einer Wanderung durch die in Dämmerung und Dunkel sinkende Campagna. Das würde ein Abschied von dem so heiß geliebten Lande sein, wie er schöner nicht zu denken war. Also begab er sich von dem hochgelegenen Telegraphenamt, an dem Palast vorüber, den Napoleons bestrickend schöne Schwester Pauline als Fürstin Borghese bewohnt hatte, zur Stadt zurück und unterhalb der Terrassen der Villa Torlonia durch die Ulmengänge der Passeggiata auf die römische Landstraße. Nur die Erhabenheit der Landschaft wollte er empfinden und konnte doch den Gedanken nicht gebieten, durch sein Hirn zu kreisen. Er gedachte der Stunde mit dem ehrwürdigen Freunde am Zypressenteich der Villa Falconieri und wie ihm dieser letzte Tag den Abschied von allem gebracht hatte: von der Hoffnung auf Leben, Liebe, Künstlerruhm und jenem Mystischen, von den Menschen Glück genannt. »Glück!« Vor ihm lag nur noch des Menschen letzte Hoffnung, der Tod. Allerdings war es für ihn die Hoffnung eines Todes für das Vaterland, also eine Hoffnung, wie sich solche glorreicher für einen Sterblichen nicht erfüllen konnte ...

Von den bacchischen Gefilden Frascatis stieg Heinrich hinab in Roms Totenland, aus purpurner Dämmerung hinein in Nacht. Oft war er dieselbe Straße gewandert, entweder allein oder mit guten Gesellen. Wie jung sie damals waren! Wie sie ihre Jugend genossen hatten! Wie Roms Landschaft genossen! Es war doch etwas Schönes um solch überströmendes Künstlerleben. Deutsche Lieder hatten sie gesungen: in Roms Campagna! Das war nicht gerade geschmackvoll; aber die Deutschen taten es nun einmal nicht anders. Sie wollten in fremden Landen ihr deutsches Bier haben, ihr deutsches Lied und ihre deutsche Gemütlichkeit.

Auch Kriegslieder hatten sie gesungen: Körners Reiterlied, Die Wacht am Rhein, das »Morgenrot, Morgenrot«, und: »Ganz Deutschland muß es sein!«

Durch ganz Deutschland würden jetzt die deutschen Lieder brausen und die ganze Welt würde davon donnern und dröhnen wie von Deutschlands Kanonen, wie von Deutschlands Jubelruf: »Sieg! Sieg!« Sieg der gerechten Sache über Niedertracht, Neid und Haß. Daß er jemals diese Straße wandern würde mit solchen Gedanken ?

Als er das erste Mal durch das Land strich, nicht auf gebahntem Wege, sondern von der Appischen Straße aus querfeldein über die Steppe den tusculanischen Höhen entgegen, verfolgte ihn ein Rudel jener großen weißen Wolfshunde, von jedem Campagnawanderer gekannt und gefürchtet. Sie umrasten den Einsamen mit heiserem Geheul, sprangen ihn an, schienen ihn lebendigen Leibes zerfleischen zu wollen. Er aber war wehrlos, hilflos. Endlich ward ihm die Sache zu toll, und er begann auf die wütenden Bestien dreinzureden: Was ihnen einfiele? Ob sie glaubten, einem harmlosen deutschen Gast ungestraft derartig bestialisch begegnen zu können? Und so weiter, eine donnernde Philippika, eine machtvolle Rede Ciceros, in dessen tusculanischem Villenbezirk er sich gerade befand. Und die Bestien hörten wahr und wahrhaftig auf ihn, zogen knurrend mit eingezogenen Schwänzen davon. Den sanften Predigten des heiligen Franziskus hatten die Vögel des Waldes gelauscht, dem Redeschwall des damals blutjungen deutschen Künstlers hatten die römischen Wolfshunde Ehrfurcht erwiesen, und lachend war der sonderbare Heilige seines Wegs weitergewandert. Das war sein erster Campagnagang gewesen, an den er heute abend denken mußte.

Und jetzt? Nach Jahren?

Das letzte Mal auf der nämlichen Straße war er an der Seite seiner Frau im Wagen gefahren. Auch damals kam er von dem Zypressenteich der Villa Falconieri nach einer ernsten Stunde mit dem Freunde, nach einer »Weihestunde«, wie der alte Idealist sie genannt hatte. Auch damals brach die Nacht herein. Aber damals war es Frühling gewesen.

Gewesen ... Wenige Worte der Sprache hatten solchen Klang. Das war nun alles eben ? gewesen.

Jeder Stelle des Weges erinnerte sich der nächtliche Wanderer. Bei den Ruinen von »Roma Vecchia« hatte er zu seiner Frau dieses, bei jener einsamen Zypresse nahe der Osteria von Mezza Via jenes gesprochen. Als sie durch den gewaltigen Torbogen der Acqua Felice fuhren, war an ihrem Gefährt das Auto der Marchesa Margherita di San Silvestro vorübergesaust, die jetzt nach dem Tode ihrer Tochter auf ihrem Kastell in den Lateinischen Sümpfen in Irrsinn verfallen sein sollte. Damals war sie elegant und strahlend, in Veilchen von Tusculum eingehüllt gewesen und der große Dichter Mario Mariano hatte sie sich als Opfer erkoren: als Opfer nicht seiner Leidenschaft, sondern seiner Spekulation.

Vorüber, ihr Gestalten! Vorüber!

Auf das Todesschweigen des großen Leichenfeldes folgte die häßliche Vorstadt mit ihrem nächtlichen Gewimmel und Getöse, dem scharfen Geruch von Fischen, ranzigem gesottenem Öl, von Gebratenem und Gebackenem. Gassenjungen schrieen ein Extrablatt aus: »Glorioser Sieg der Franzosen, Belgier und Engländer über die Deutschen!« Das Volk riß sich um die Blätter. Da nur wenige lesen konnten, wurde die aufregende Neuigkeit dem Volk von irgend einem Wissenden pathetisch vorgetragen. Sie flog von Mund zu Mund. Das Volk der Gasse schrie, heulte, jubelte. Es jubelte! Roms Volk jubelte über die Niederlage der deutschen Bundesgenossen ... Roms Volk? Nicht doch: Roms Pöbel wars, die ewige Plebs der Ewigen Stadt. Heinrich hörte die Botschaft von dem Siege der Feinde, doch ihm fehlte der Glaube.

Auf dem Bahnhof erwartete ihn die Magd mit seinem Gepäck. Er sagte ihr:

»Es ist gut. Du kannst wieder gehen ... Was willst du noch?«

»Kommt der Herr diese Nacht nicht mehr nach Hause?«

»Nein.«

»Soll ich der Frau von dem Herrn etwas ausrichten?«

»Nichts.«

»Daß der Herr diese Nacht nicht wiederkommt?«

»Ich reise noch diese Nacht.«

»Keinen Gruß vom Herrn?«

»Du kannst gehen.«

Er warf der Person ein Geldstück zu. Gierig griff sie danach. Sie trat Heinrich näher, raunte ihm zu:

»Wenn der Herr wissen will ?«

»Ich will nichts wissen.«

»Ich könnte dem Herrn sagen ?«

»Fort mit dir!«

Er hätte das Weib am liebsten mit dem Fuß fortgestoßen wie ein ekelhaftes Insekt: die Kupplerin!

Die Magd ging, keifend und grinsend zugleich. Auch das war abgetan.

Heinrich wartete auf den Abgang des Zuges nach Florenz ? Bologna ? Bozen.

Schon dort war Heimatland!

Auf dem Bahnsteige drängten sich die Reisenden, darunter viele Bekannte, Deutsche, die der Heimat zueilten. Der Zug stand zur Abfahrt bereit; aber niemand durfte einsteigen. Man wartete und wartete. Plötzlich hieß es: auf der Linie sei eine Verkehrsstockung entstanden und das Geleise werde erst um Mitternacht frei sein. Also wartete man geduldig bis Mitternacht, Das heißt: geduldig warteten die römischen Reisenden; den Deutschen brannte der Boden unter den Füßen, der sonst so geliebte römische Boden, der für viele Deutsche heiliges Land war.

Heinrich hielt es auf der Station nicht aus. Auch nicht bei seinen Landsleuten, so sehr er mit diesen als ein Volk von Brüdern sich fühlte. Aber die Verheirateten unter ihnen wurden von ihren Frauen begleitet und das war mehr, als er in dieser Stunde ertragen konnte. Er trat daher hinaus auf den Platz vor den Diokletiansthermen, auf dem sich das Denkmal ? eine kleinliche Pyramide ? der bei Adua von wilden Horden Gemordeten erhob.

Wilde Horden sollten ? so hieß es ? Engländer und Franzosen gegen die Deutschen loslassen. Nicht getötet, sondern geschlachtet sollte Deutschlands blühende Jugend werden. Heinrich stand vor dem Monument und grüßte Italiens Opfer mit abgezogenem Hut. Dann schritt er vorüber.

Auf und ab schritt er auf dem wohlbekannten, mit japanischen Fliederbäumen bepflanzten Platz, den jeder von Deutschland Kommende mit stiller Inbrunst begrüßte: »Rom! Du bist in Rom!« Goethe hatte seinen Einzug durch die Porta del Popolo gehalten, fühlte sich dann erst Roms sicher. Der Moderne mußte sich von seinem Glück: Roms sicher zu sein, auf diesem Platz durchdringen lassen ...

Um Mitternacht kehrte Heinrich auf die Station zurück. Noch immer harrte alles der Abfahrt. Endlich erfuhr man: der Zug könne erst am Morgen abgelassen werden. Die meisten kehrten daher um, zurück in ihr Heim, Heinrich wurde gefragt:

»Sie gehen doch auch wieder nach Hause, zu Ihrer Frau?« »Auch ich gehe wieder nach Hause.«

Nach Hause ... Zu seiner Frau ?

Wohin sollte er, der kein Zuhause und keine Frau mehr besaß?

In den ersten besten Gasthof, nahe der Bahn.

Nur durfte ihm auf dem Wege dorthin kein Bekannter begegnen; er wäre dann auf einer Lüge ertappt worden: ertappt auf der Lüge, daß er noch ein Haus besaß, noch eine Frau ?

Also wartete er, bis die Menge sich verlaufen hatte und der Platz öde dalag. Dann wollte er gehen, um für die Nacht eine Unterkunft zu suchen: irgend eine. Einige Stunden der Ruhe taten ihm not. Zufällig faßte er in seine Tasche und fühlte etwas Hartes, Eisernes. Ein Schlüssel wars, der Schlüssel zu seiner Wohnung.

Was überkam ihn plötzlich? Doch nicht etwa Sehnsucht? Der leiseste Anflug von Sehnsucht wäre Schwäche, Feigheit gewesen! Wie aber, wenn er sich heimlich, ganz heimlich in seine Wohnung schlich? Niemand würde ihn sehen. Sie würde in tiefem Schlaf liegen. Er konnte sich in ihr Schlafzimmer schleichen, in dem jede Nacht ein Lämplein brannte: vor einem Madonnenbild, und er würde ? Noch einmal sie sehen würde er! Sie war im Schlaf so himmlisch schön und ? Nur noch einen allerletzten Blick auf ihre in Schlaf gesunkene Schönheit, und dann ?

Und dann wieder hinausgeschlichen, von keinem Auge gesehen; von ihr in ihrem Schlaf, ihrem Traum, nicht geahnt.

Und plötzlich mußte Heinrich Weber erkennen, daß er dieses Weib nicht nur immer noch liebte, sondern auch, daß er heimlich gehofft hatte, sie werde auf die Bahn kommen, um von ihm Abschied zu nehmen: letzten, ewigen Abschied!

Dreizehntes Kapitel

Daß er noch einmal zurückkehrte nach Hause, in die Via Margutta!

Er öffnete die Haustür ... Leise, nur leise! So heimlich mußte er in sein Heim sich einschleichen, als sei er ein Dieb. Finster lagen Flur und Treppe. Er kannte jedoch den Weg. So gut kannte er den Weg, der zu dem geliebten Weibe führte. Auch heute pochte sein Herz, als ginge er auf heimlichen Liebespfaden.

Jetzt die Treppe hinauf! Obgleich es steinerne Stufen waren, erstieg er sie so vorsichtig, als wären sie altes morsches Holz und könnten knistern unter seinem Tritt: könnten sein Kommen verraten.

Das erste Stockwerk, das zweite, dritte und ? Er stand vor der Tür seiner Wohnung.

Er zog den Schlüssel aus der Tasche, steckt ihn ins Schloß. Seine Hand zitterte dabei, ein letzter Rückfall in Liebe und Schwäche ? wie er sich selber zum Trost sagte.

Ein Einbrecher konnte nicht heimlicher sich einschleichen.

Alles still; aber ? Seltsam! Im Gange brannte die Lampe: nach Mitternacht noch! Sollte sie ausgegangen sein? Zu einem Empfang, in eine Gesellschaft? An dem Abend seiner Abreise, seines Abschieds. Eines Abschieds ohne ein Wiedersehen! Das wäre ?

Unmenschlich wäre es gewesen. Selbst für diese Frau unmenschlich. Ein geradezu verruchter Verdacht war es von ihm. Wenn er sie, in Schlaf gesunken, auf ihrem Lager liegen sah, wollte er ihr im Herzen seinen schändlichen Verdacht abbitten im Anblick ihrer schlummernden Schönheit.

Gott! Herrgott! Du Richter im Himmel und auf Erden! Die Tür des Salons stand weit offen. Bei dem ungewissen Schein der Flurlampe erkannte Heinrich auf dem Tisch die Reste eines Gelages, Gläser, Sektflaschen, Blumen.

In demselben Augenblick hörte er aus dem Nebenzimmer eine Männerstimme und Frauenlachen. Sein Name wurde genannt: sein Name mit lautem Lachen ?

Er stürzte nicht hinein; tötete sie nicht; tötete nicht den Schurken, den er an der Stimme erkannte; tötete nicht das schändliche Weib, das gleich in der ersten Nacht seines ewigen Abschieds in den Armen eines Liebhabers lag, beide laut lachend seinen Namen nennend.

Ein Stöhnen erstickend, schlich er zurück, schloß leise, leise die Tür, schlich die Treppe hinunter, wollte zum Hause hinaus, zauderte, blieb stehen, wandte sich, ging über den dunkeln Hof zu seinem Atelier, schob den Eisenriegel zurück, trat ein.

Nun stand er in der Mitte des großen Raumes, der seine Werkstatt gewesen war. Hier hatte er geträumt und fabuliert; hier hatte er in sich wundersame Gebilde entstehen sehen; hier hatte er visionär Geschautes gestaltet: erschaffen! Ohne sich zu regen, stand er lange Zeit.

Immer deutlicher traten bei dem Schimmer der Sterne, der durch die offene Tür und das große Fenster leuchtete, die beiden blassen Gebilde hervor: Mann und Weib. Das Weib in der Haltung einer Siegerin, Herrscherin, Göttin; der Mann vor dem Weibe niedergeworfen in einer Andacht, die Anbetung war.

»Deutschland huldigt Italien!« ... Nicht doch! »Deutschland huldigt der Treue

Aber ? die Treue in Gestalt eines Weibes; Deutschland verkörpert durch ihn. Und er hingestreckt vor der Allegorie der Treue, und diese Verklärung der Treue in Gestalt seines Weibes ?

Sein Meisterwerk, sein Lebenswerk ... Seine Liebe zu Italien sollte dies Werk verklären, zugleich seine Liebe zu seinem Weibe. Und nun?

Schwankenden Schrittes ging er zu der Gruppe. Als er davorstand, brach er plötzlich zusammen mit einem Laut, wie ein zu Tod verwundetes Tier.

Hingestreckt lag er am Boden. Gleich dem Jüngling, der seine eigenen Züge trug, lag er vor der strahlenden Gestalt der Hehren und Herrlichen.


Der Sommermorgen graute, als Heinrich sich erhob. Er mußte fort: nach Deutschland, in den Krieg!

Er stand da, aufrecht und stark. Erhobenen Hauptes und Geistes ging er, ergriff den Hammer, der neben dem Meißel lag. Als wollte er an die Arbeit gehen, schritt zu seiner Gruppe und begann die Gestalt der »Italia« ? die Gestalt der »Treue« ? zu zerschlagen, zu zerschmettern.

Glied um Glied sank die Siegerin, Herrscherin, Göttin unter seinen Hammerschlägen hin.

Es war grausamer, war zehnfach gräßlicher, als verübte der Gatte an seinem Weibe einen Mord. Aber er fühlte sich nicht als Totschläger, sondern als Richter und Rächer.


Wie Heinrich Weber mit eigener Hand das Werk zerschlug, welches sein Lebenswerk sein sollte ? ebenso, nur nicht als Richter und Rächer, sondern als Verräter und Verbrecher, hatte Italien mit Hammerschlägen die Treue zerschmettert, an die Deutschland geglaubt: jenes Deutschland, welches das treulose Italien geliebt und es das geheiligte Land seiner Sehnsucht genannt ...

Nachdem er sein Rächer- und Richteramt vollbracht, schritt Heinrich hocherhobenen Hauptes hinaus, hinein in den aufleuchtenden Tag, der ihn seinem Vaterlande zuführte.

Vierzehntes Kapitel

Bleibe solange wie möglich in der Villa Falconieri! Arbeite solange wie irgend möglich an deinem Bilde! Erlebe die Größe unsres Vaterlandes dort oben auf den lichten Höhen über dem Dunst der Tiefe, unter den Wipfeln der Steineichen, am Rande des Zypressenteichs: Bist du doch dort oben in Deutschland!«

So lautete jedes Schreiben aus Rom von Rudolf Müllers Tochter an den Vater; so bat Romana bei jedem Besuche ihren Vater, den der Stolz auf Deutschlands Herrlichkeit das greise Haupt höher tragen ließ, dem der Schmerz über Italiens »Neutralität« den Geist beugte. Ihm war zumute, als müßte er sich schämen und aus Scham sich verbergen: aus Scham über Italiens »Neutralität«.

Also blieb er dort oben, wo Roms erstickend schwüle Sommerluft linder wehte, der Erdenstaub nicht hinaufdrang, die Welt schöner war, und selbst der Schirokko, der Samum der Wüste, die Menschen nicht niederwarf.

Der auf des Künstlers Leinwand emporsteigende verderbliche Südwind hatte inzwischen die kriegführenden Reiche mit Tod und Grauen überzogen. Die Farbe war nicht schwarz, sondern rot, blutrot. Von der mit dem Blut der gefallenen Söhne aller Staaten überschwemmten Erde stieg es empor zum Himmel, welcher über Frankreich, Belgien und Rußland, über Elsaß und Ostpreußen in blutroten Flammen zu lodern schien wie bei Sonnenuntergang der Himmel Roms. Der Samum der Niedertracht, des Neides und Hasses raste von Westen und Norden und Osten her über die Reiche der Mitte. Es fehlte nur noch der Süden, um Deutschland und Österreich-Ungarn von allen vier Himmelsrichtungen aus zu überströmen mit einer Sturmflut von Grauenvollem und Gräßlichem, wie solche die Erde seit der Sündflut nicht erfahren hatte; diese war freilich von Gott gekommen, dem höchsten Richter über menschliche Schuld. Daß der Herr, unser Gott, auch jetzt seines Amtes ohne Erbarmen mit den Schuldigen nach seiner ewigen Gerechtigkeit walten möchte ...

Wenn Rudolf Müller, von seiner Arbeit ausruhend, auf seinen Streifereien über die in vollem Sommerglanz strahlenden tusculanischen Höhen Hirten und Landleuten begegnete, so ließ er sich, seiner Gewohnheit nach, gern mit dem Volk ins Gespräch ein; stets nur über die eine große Sache, den Krieg. Für das lateinische Landvolk bedeutete Krieg Verwüstung und Schrecken, Jammer und Not, davor alle guten Heiligen Italiens Volk in Gnaden bewahren mochten. Italiens Volk dachte noch immer an Adua, und Deutschland war für das Landvolk des alten Latiums noch immer das Land Bismarcks, dieses Gewaltigen, des Deutschen Reiches Schöpfers. Latiums Landvolk wußte nur wenig von Kaiser Wilhelm, dem Hort und Hüter des Friedens; wußte nur von dem Eisernen Kanzler, Deutschlands unsterblichem Ruhm; auch jetzt dessen Schutz und Schirm, Feldherr und Heerführer. Wenn es in dem Hohenliede der Deutschen hieß: »Deutschland, Deutschland über alles!« ? so konnte Deutschlands Feldgeschrei jetzt auch lauten: »Bismarcks Geist über allem und allem!«

Der Sommer verging. Die ersten Regen kündigten den Herbst an. Der Vorbote des Winters kam jedoch in dieses Land nicht als schwermütiger Genius, sondern gleich dem Frühlingsgott, bekränzt die heitere Stirn und Blumen am Saum seines Gewandes, welches von glanzvoller Schönheit war.

Die braune Campagna ergrünte, als der Himmlische darüber hinwegschritt; die Dünste lösten sich, wogten und wichen; in dunklem Azur und lichtem Smaragd wölbte es sich über Rom; die etrurische Ebene lag bis zu den Grenzen Umbriens, der Meeresstrand bis gegen Civita Vecchia weithin ausgebreitet vor den staunenden Blicken Sor Rodolfos, der die römische Landschaft noch niemals in solcher Herrlichkeit erlebt zu haben glaubte, sie von den Terrassen der Villa Falconieri aus überschauend. Mit bloßen Augen erkannte er die Zypressen und Pinien der Villa Hadrians, den Rand des Sees von Bracciano und den Turm von San Michele bei der Tibermündung zwischen der Heiligen Insel und Ostia antica. Wie sollte er sich jemals von diesem Lande trennen können? Nur im Tode! Jetzt aber mußte er leben, um Deutschlands Sieg zu feiern: Deutschlands Sieg über alle seine Feinde. Und ?

Ja, und er mußte erleben, daß Italien sich dennoch und dennoch als Deutschlands getreuer Bundesgenosse erwies. Man hatte es dem alten Herrn verschweigen können, daß Italien gleich bei Beginn des Krieges seine Truppen von der französischen Grenze zurückgezogen, und daß dadurch, da Frankreich seine Heere von der italienischen Grenze hatte zurückziehen können, die Schlacht an der Marne für Deutschland verloren gegangen war.

Von Heinrich Weber kam ein Brief mit der Mitteilung, es sei ihm gelungen, in den Heeresdienst aufgenommen zu werden: er gehe zur Ostarmee. Das Schreiben war eine einzige Dithyrambe auf Deutschlands unbesiegbare Herrlichkeit. Etwas später, bereits vom Kriegsschauplatz aus, gelangte von ihm ein Schreiben an Romana; seltsamerweise ein Sonett, in der ersten Hälfte von Michelangelo, an dessen Seelenfreundin Vittoria Colonna gerichtet, der Schluß war eigene Dichtung. Das Ganze lautete:

»Von eines Menschen Form den Geist erfüllt.
Beginnt, was vor den innern Blick getreten,
Der Künstler als ein erst Modell zu kneten
In schlechtem Ton, der kaum die Form enthüllt.

Doch dann in Marmor, langsam. Schlag auf Schlag,
Lockt die Gestalt der Meißel aus dem Steine,
Damit sie rein, wie er gewollt, erscheine,
Und nun beseelt, erblickt sie so den Tag.

So ich, wie ich zuerst war; ganz mein eigen.
Dann fand ich ? sie und wähnte durch mein Lieben
Als höhrer Mensch und Künstler mich zu zeigen.

Zertrümmert liegt, von eigner Hand zerschlagen,
Wodurch ich glaubte, daß ich wär geblieben
In meiner Liebe bis zu fernsten Tagen.

Besiegt zwar, werd ich doch den Lorbeer tragen:
Die Todeswunde für das Vaterland,
Als blutger Kranz geschenkt von Feindes Hand.«

Unter dem Gedicht in wenigen Worten die rechtskräftige Bestimmung, daß der Marmor »Die Madonna mit dem Kinde« aus des Künstlers Hinterlassenschaft an Rudolf Müllers Tochter übergehen sollte.

Nach diesem hörten die Freunde nichts mehr von Heinrich Weber.


Auf den Hängen der Albanerberge flutete der Strom der herbstlichen Weingefilde in breiter goldiger Woge zu Tal; auch nach Frascati brachten Ochsengespanne in mächtigen Kufen die heilige Bacchusfrucht zur Kelter. Diese befanden sich in den grottenähnlichen Lagerhäusern der Weinbauern, und es quoll daraus hervor, bis auf die Gasse hinaus: rot, blutrot! So, gerade so floß das Blut der blühenden Jugend aller wie im Wahnsinn einander sich mordenden Völker in Strömen durch die Lande und färbte die Erde mit der Purpurfarbe der Kaiser und Könige. Für Italien jedoch war die rote Flut lediglich ein Symbol; denn Italien blieb ? »neutral«.

Als das Gold der Rebenfelder vergilbte und abfiel, der Monte Cavo und die Berge des wilden Algidum im Scharlach ihrer herbstlichen Kastanienwälder erglühten, hatte Rudolf Müller sein großes Gemälde für den Kaiser vollendet und verließ des Kaisers Haus, erbaut auf den Stätten des großen Schweigers und Feldherrn Lukull und des Marcus Tullius Cicero.

Des Kaisers Haus wurde geschlossen, und es lag darüber eine Schwermut ausgebreitet, als sollte es niemals wieder geöffnet werden, um in seinen Sälen ausruhenden Gelehrten und schaffenden Künstlern Asyl und Werkstatt zu gewähren.

Niemals wieder geöffnet ?

Doch das war lediglich die schmerzlich erregte Phantasie Rudolf Müllers, die ihm diesen Gedanken eingab, hervorgerufen durch die Wehmut des Scheidens. Seit einiger Zeit fühlte er mehr und mehr, daß er ein alter Mann war, und für solchen konnte ein »Niemalswieder« nur zu leicht möglich sein ...

Romana empfing ihren Vater an der Bahn, und kaum hätte der Alte sie wiedererkannt. Ihr Gesicht trug die Spuren eines qualvollen Seelenleidens; aber es war ein fast schönes Frauenantlitz geworden: schön im Ausdruck tiefer Ruhe und stiller Kraft. Es war das Gesicht einer Frau, welche die Prüfung bestanden und das Leben auf sich genommen hatte, um es hinfort nicht mehr für sich selber zu leben, sondern für ihren jungen Sohn und ihren alten Vater. Für beide mußte sie stark sein.

Um den Heimgekehrten auf die neuen Verhältnisse vorzubereiten, sagte sie ihm gleich nach der ersten Begrüßung:

»Du wirst in Rom manches sehr anders finden als du erwartest.«

»Du scheinst mich auf etwas vorbereiten zu wollen?«

»Das will ich auch.«

»Was ist es?«

»Du wirst in Rom überall Plakate und Blätter sehen, grelle, bunte, widerliche, darauf den Römern die Untaten der deutschen Barbaren geschildert werden.«

»Der deutschen Bundesgenossen? Und diese begingen Untaten?«

»In Belgien an Gefangenen; an Frauen und Kindern.«

»Die Deutschen Untaten an Frauen und Kindern?«

»So wird es in ganz Italien in Tausenden und Abertausenden von schändlichen Illustrationen verbreitet.«

»Aber doch voller Empörung als schändliche Verleumdung erkannt und gegeißelt?«

»Von ganz Italien als heilige Wahrheit geglaubt.«

»Unmöglich! Unmöglich!«

»Voller Hohn und Haß geglaubt.«

»Voller Haß? Italien voll Haß auf uns?«

»Mein guter Vater ?«

»Lüge, Verleumdung!«

»Du wirst Postkarten sehen ? du kannst sie in jedem Tabakladen für zehn Centesimi kaufen ? mit den nichtswürdigsten Karikaturen der Kaiser von Österreich und Deutschland; mit den abscheulichsten Schmähungen deutschen Wesens ... Ich mußte es dir sagen. Wir müssen stark sein, mein Vater.«

»Sprich weiter. Sage nur alles.«

»Du wirst Flugblätter ausrufen hören: Siege Frankreichs, Englands, Rußlands ? Niederlagen Deutschlands und Österreich-Ungarns.«

»Lüge! Lüge!«

»Gewiß; aber ?«

»Aber?«

»Die Lüge wird in Rom und ganz Italien geglaubt; mit Jubel und Frohlocken geglaubt. Hörst du also den Jubel, so denke an die Lüge. Lies sie nicht, weder in den Zeitungen noch in den Gesichtern der Römer. Sei stark, mein Vater. Wenn es auch nur wir sind: wenige Deutsche in Rom; und wenn uns auch das Herz bricht, so wollen wir uns den Römern gegenüber doch stark zeigen. Ja, und stolz.«

»Stolz als Barbaren?«

»Stolz als Barbaren und Hunnen.«

»Das uns! Das uns von Italien!«

So wußte Rudolf Müller es denn. Aber auch er trug sein Haupt hoch; auch er war stark und stolz. So stolz war der alte Herr, wie noch niemals in seinem Leben: stolz als deutscher Barbar, Hunne und Unmensch. Bei den Briefen seiner verstorbenen Frau lag das Eiserne Kreuz aus den Jahren deutschen Ruhmes 1870 ? 71. Das Kreuz holte er wieder hervor, legte er wieder an. Mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust ging Rudolf Müller erhobenen Hauptes durch Rom, vorüber an den verlogenen Anzeigen von Siegen der Feinde Deutschlands; vorüber an den schändlichen Schilderungen deutscher Untaten, den Verzerrungen deutscher Art, den Karikaturen seines Kaisers; vorüber an den Gruppen der die Niederlagen Deutschlands bejubelnden »Bundesgenossen«. In den Augen des Alten leuchtete ein Funke jener Flamme, welche die Herzen aller Deutschen in Brand gesetzt hatte. Es war heilige Glut.

Das mögt ihr wissen, ihr, die ihr Deutschland überfallen habt wie eine Bande von Wegelagerern und Meuchelmördern, Wisset es!


In seinem Hause sah der Professor nur heitere Gesichter. Tante Minchen war ganz treue Schwesterliebe und strahlende Siegeszuversicht. Was Dame Filomena betraf ? Selbst diese bedeutende Persönlichkeit zeigte in dieser schwersten aller Zeiten ihrer deutschen Herrschaft, daß der schöne Ausdruck »famiglia« auch dieser Dienerin als Ehrenname gebührte. Ohne ein kränkendes Wort für die eigenen Landsleute zu haben ? ein solches durfte in dem Hause des Professors auch jetzt nicht gesprochen werden ? , schien sie, die Tochter der Sabina, mit Leib und Seele eine gute Deutsche zu sein. Ja, ihren begeisterten Reden über Deutschlands einige Größe nach zu urteilen ? mit welchem Pathos, welcher Geste vorgetragen! ? hätte sie sogar eine Landsmännin ihrer Konkurrentin in der Herrschaft des Hauses Müller sein und aus Naumburg an der Saale stammen können.

Am verklärtesten jedoch war Tante Minchen jeden Donnerstagnachmittag. An diesem Tage fanden nämlich in Roms »Rosenvilla«, dem römischen Hause König Ludwigs des Ersten von Bayern ? jetzt dem Fürsten Bernhard von Bülow gehörend ? die Teenachmittage der Fürstin Maria von Bülow statt, dieser wahrhaft fürstlichen Tochter Italiens mit dem für Deutschlands Recht und Ruhm schlagenden Herzen.

Welche Gäste aber waren auf diesen Donnerstagnachmittagen um die Fürstin versammelt? Deutsche Mädchen und Frauen! Was taten Wirtin und Gäste? Sie tranken Tee ? natürlich. Und sie schwatzten dabei. Auch natürlich. Aber sie tranken und schwatzten nicht nur, sondern sie strickten: Wirtin und Gäste strickten in der Villa Malta jeden Donnerstagnachmittag Strümpfe, Leibbinden, Pulswärmer, Sturmhauben. Besonders Strümpfe, Strümpfe zu vielen Dutzenden für Deutschlands Helden im Norden, im Westen und Osten. Die große Halle in Villa Malta füllten die guten hilfreichen Frauen. Sie saßen auf der Diele, auf dem oberen Umgang, auf der Treppe. Jawohl! Selbst auf den Treppenstufen saßen sie, strickten, strickten, strickten bei Tee und Kuchen und belegten Brötchen, Fürstin Maria mitten darunter. Wenn sie bei ihrem Stricken Zeit fanden zum Schwatzen, so war es von Deutschland, vom Vaterland. Da war nicht ein einziges Frauenherz, das nicht stolz und stark schlug, das nicht unerschütterlich glaubte an Deutschlands endgültigen Sieg über alle seine Feinde.

Dann stimmte wohl die eine oder die andere einen Gesang an: ein deutsches Lied. Das klang hinaus aus dem Hause, hin über Rom, ein Sang glühender Begeisterung, unerschütterlicher Zuversicht. Rom hätte das Lied der deutschen Frauen hören können; hätte darauf lauschen müssen in schweigender Achtung vor dem deutschen Geist, der sich nicht brechen, nicht einmal sich beugen läßt: nicht durch eine Welt von Feinden!

Hörst du das, Rom? Hörst du das, du von den Deutschen, geliebte Stadt? Hörst du das, Italien, du von den Deutschen geliebtes Land? Einstmals geliebte Stadt; einstmals geliebtes Land ?

Wer bei den Donnerstagen der Fürstin Bülow am allereifrigsten strickte, am zuversichtlichsten von Deutschlands Sieg sprach, am begeistertsten deutsche Lieder sang, war das kleine rundliche Tante Minchen, welches, obgleich länger als dreißig Jahre am Tiberufer lebend, den Dialekt ihrer lieben Heimat sorgsam bewahrt hatte und zu dem heimatlichen Dialekt das ehrliche deutsche Gemüt.

Aber auch das war nur etwas durchaus Natürliches, wie alles, was von deutscher Art gut und echt, wahrhaft und wehrhaft ist.

Auch das höre, Rom! Italien, höre es!

Fünfzehntes Kapitel

So lebte denn Frau Romana für Vater und Sohn. Dieser Sohn war noch immer ein kränkelndes, gleichsam hinsiechendes Kind, würde es wohl auch bleiben. Es würde aufwachsen ohne die Freuden und Spiele anderer, gesunder Kinder, also ohne Kinderlust und Kinderglück. Vielleicht würde es nur durch die unermüdliche Sorge seiner Mutter überhaupt fortleben wie eine Schattenpflanze, um aus einem siechen Kinde ein siecher Mann zu werden, der seine Mutter einst fragen konnte: »Weshalb gabst du mir das Leben, da es doch für mich nur Siechtum ist?« Es wäre dies eine Anklage gewesen des Sohnes gegen die Frau, die ihn mit Schmerzen geboren hatte und die nun für sein Leben verantwortlich sein sollte: für ihres Sohnes Lebensglück.

Aber auch das elende Kind, das die Nächte durch weinte und wimmerte, das den Namen der Mutter nicht einmal lallen konnte, war für Romana in ihrem höchsten Leid ihr höchster Trost. Dieser Trost sollte ihr genommen werden und das von des Kindes eigenem Vater: Der Advokat Amerigo Minardi forderte seinen Sohn von der Mutter zurück! Er begründete dieses Verlangen damit, daß sein Sohn Italiener sei und seines Sohnes Mutter eine Deutsche. In diesem Umstand erblicke der italienische Vater für seines Sohnes Erziehung die Gefahr, als Deutscher erzogen zu werden. Das müsse er um jeden Preis verhindern; das sei nicht nur seine väterliche, sondern seine nationale Pflicht. Zugleich sein heiliges väterliches Recht. Italiens Gesetze ? und der Mann kannte sie! ? sprächen dem Vater, außer der Pflicht, auch das Recht zu. Kraft dieses Rechtes fordere er daher den Sohn zurück. Romana las das Schreiben, welches ihr aus dem Büro ihres Gatten als Geschäftssache zuging; als »Geschäftssache« wurde der Mutter die Trennung von ihrem Kinde angekündigt! Als Italiener sollte das Kind aufwachsen und erzogen werden, und des Kindes Mutter war eine Deutsche.

Italiens Gesetze gaben dem Vater zu einem derartigen Vorgehen das Recht? War es nicht das Recht der Mutter, ihren Sohn vor solchem Vater zu schützen? Welches Gesetz durfte das Recht einer Mutter angreifen, um es zum Unrecht zu machen? Zum Unrecht gegen ihr Kind?

Das Gesetz Italiens sollte es können ?

Romana las und las. Sie versuchte, das Gelesene zu begreifen. Es dauerte lange, bis sie begriffen hatte. Dann saß sie in einer Betäubung, als hätte ein Raubmörder sie überfallen und ihr einen tödlichen Schlag versetzt. Doch durfte sie an der Wunde nicht sterben, mußte leben; leben, um sich zu wehren, um zu kämpfen: für ihr Kind! Man sagte, eine Mutter, der man ihr Kind nehmen wolle, kämpfe darum wie eine Löwin um ihr Junges. Sie, die einst so Schwache und Hilflose, würde Löwin sein; würde ihr Kind schützen vor einem Vater, der es ihr rauben wollte; es ihr rauben konnte nach dem Gesetze Italiens! ...

Der Knabe lag in seinem Bettchen, noch immer so ganz anders als andre Kinder in seinem Alter. Ganz sonderbar war es mit ihrem Knaben. Weshalb gerade mit ihm? Sie durfte diese Frage nicht an die Gottheit richten. Auch sie wäre eine Anklage gewesen: »Herrgott, weshalb gerade mir? Was tat ich, daß du zu allem andern mir auch noch diese Prüfung auferlegst? Aber wie darf ich dir, Herrgott, grollen, der du auf deiner Welt das Gräßliche solchen Völkermordens geschehen lässest? Wie darf dann noch mein eigenes Schicksal mich kümmern? Mag es in Gottes Namen an mir sich erfüllen und Verzweiflung sein. Aber mich wehren und kämpfen will ich: um meines Kindes willen!« Sie kniete an dem Bette nieder, beugte sich über das Kind, Worte flüsternd, wie nur eine Mutter sie hat. Verständnislos stierte sie der Knabe aus leeren Augen an. Kaum, daß er die Frau kannte, die ihn an ihrer Brust nährte. Doch griff er mit beiden Händlein nach ihr. Sie jubelte auf, bedeckte die armen kleinen Hände mit Küssen. Das Kind begann zu weinen mit jenem leisen wimmernden Ton, der für die Mutter furchtbar war, wie der Aufschrei der einander sich mordenden Menschheit selbst. Der Knabe hatte nach der Mutter gegriffen, weil ihn hungerte. Da stillte Romana ihr Kind.


Ihrem Vater verschwieg sie, was ihr Gatte ihr als geschäftliche Angelegenheit zugeschickt hatte. Der alte Mann trug des Leids genug und das um Größeres als um Tochter und Enkel: um die Meute blutgieriger Wölfe, die Deutschland angefallen hatten, um es lebendigen Leibes zu zerfleischen. Und bitteres Leid trug Rudolf Müller unausgesetzt wegen Italiens Neutralität, die offenkundige Feindschaft war, Haß und Hohn, Beschimpfung der beiden Herrscher seiner Bundesgenossen mit Karikaturen auf alles, was germanisches Wesen war, voll Jubels über die erlogenen Siege Frankreichs, Englands und Rußlands, voll Wut über deutsches Barbarentum. Das alles nagte an dem Leben des Greises, so aufrecht er auch sein Haupt trug, die Brust geschmückt mit dem Ehrenzeichen seines Vaterlands ...

Inzwischen kämpfte seine Tochter um ihr Kind. Sie begab sich zu einem der ersten Rechtsanwälte. Der vielvermögende Herr empfing die ernste Frau in dem dunkeln Kleide mit echt römischer Höflichkeit, ließ sie ihre traurige Angelegenheit vortragen, schien sich dafür zu interessieren, er schien menschlich bewegt. Er erklärte voll Feierlichkeit, ihr Anwalt sein zu wollen, und versprach der gequälten Mutter, ihr den Sohn zu erhalten. Fast hätte die Frau vor dem Helfer und Retter einen Fußfall getan. Mit heißen Dankesworten erhob sie sich. Jetzt erst wurde sie nach ihrem Namen gefragt.

»Ich heiße Romana Minardi.«

»Minardi? Und Ihr Gatte?«

»Amerigo Minardi.«

»Doch nicht der Advokat Amerigo Minardi?«

»Der nämliche.«

»Wie, meine Dame, Sie sind die Gattin des Advokaten Minardi?«

»Jawohl, mein Herr!«

»Der Advokat Minardi fordert von Ihnen sein Kind zurück? Seinen Sohn?«

»So ist es, mein Herr.«

»Wissen Sie, meine Dame, wer dieser Amerigo Minardi ist?«

»Wie ich zu meiner Freude höre, ein seit kurzem überaus angesehener Advokat.«

»Der alle Aussicht hat, einmal Deputierter zu werden.«

»Was hat das mit meinem Kinde zu tun?«

»Das fragen Sie noch?«

»Und bitte um Antwort.«

»Meine Antwort ist, daß ich bedaure, ablehnen zu müssen, in dieser Angelegenheit Ihr Anwalt zu sein.«

»Soeben sagten Sie doch ?«

»Ich sagte es, ohne zu wissen, um wen es sich handle.«

»Es ist mein einziges Kind. Sie versprachen, es mir zu erhalten.«

»Ich kann die Angelegenheit einer Frau nicht führen, die gegen einen meiner geschätztesten Kollegen Klage erheben will.«

»Meine Sache ist gerecht, wie Sie mir soeben erst feierlich versicherten.«

»Und jetzt versichere ich Ihnen auf das feierlichste, wider einen Mann nicht auftreten zu können, der ?«

»Alle Aussicht hat, einmal Deputierter zu werden ... Sagten Sie nicht so?« »So sagte ich. Und ich sage Ihnen ferner: Herr Minardi ist gerade jetzt eine Persönlichkeit von ungewöhnlicher Bedeutung. Er wird erstaunlich schnell Karriere machen: gerade in dieser Zeit ... Empfehle mich Ihnen.«

Sie würdigte den Herrn keiner Antwort, hörte wie im Traum seine letzten Worte:

»Ich bitte, meinen sehr geschätzten Herrn Kollegen wissen zu lassen, daß ich auf das entschiedenste ablehnte, in dieser Angelegenheit der Anwalt seiner Gegenpartei zu sein. Übrigens werden Sie in ganz Rom keinen Rechtsanwalt finden, der gegen Herrn Minardi vorgehen würde. Es wäre im höchsten Maße unkollegial. Ihre Sache, meine Dame, ist hoffnungslos.«

»Hoffnungslos.« Besaß die Sprache noch ein anderes Wort von ähnlicher tödlicher Wirkung? War der Tod aller Hoffnung nicht Tod überhaupt? Bestand nicht das ganze Leben aus Hoffnung? Und sie sollte keine Hoffnung haben, ihr Kind zu behalten?

Sie glaubte es nicht, ging von Rechtsanwalt zu Rechtsanwalt, wurde von jedem auf das höflichste empfangen, von jedem auf das entschiedenste abgewiesen, sobald der Name Minardi fiel. Dieser hatte plötzlich in ganz Rom einen Klang bekommen. In den Klang mischte sich allerdings ein etwas seltsamer Ton, indes ?

»Der Advokat Amerigo Minardi besitzt alle Aussicht, einmal Deputierter zu werden, und das gerade in dieser Zeit höchster Erregungen auch für Italien. Der Advokat Amerigo Minardi wird eine brillante Karriere machen, und das überraschend schnell. Ihre Sache, meine Dame, ist hoffnungslos.«


»Doktor, was fehlt meinem Kinde?«

»Der Knabe ist sehr krank.«

»Gefährlich krank?«

»Wir müssen das Beste hoffen.« »Also ? hoffnungslos?«

»Solange der Mensch noch lebt, besteht auch noch Hoffnung.«

»So sagt man.«

»Es ist Diphtheritis, und Sie verstehen ?«

»Ich verstehe.«

»Darf ich Ihnen etwas sagen?«

»Daß immer noch Hoffnung besteht?«

»Für Ihr Kind wäre es ein Glück, wenn es ?«

»Keine Hoffnung mehr wäre?«

»Ich wollte Ihnen einen Trost geben, den einzigen, den ich Ihnen geben kann.«

»Denn wenn mein Kind am Leben bliebe, so wäre es sein Leben lang ein hinsiechendes, also ein unglückliches Kind?«

»Das wäre der arme Knabe.«

»Ich sollte daher Gott bitten, mein Kind zu erlösen? Gott auf den Knieen bitten!«

»Bitten Sie, beten Sie.«

»Sie sind ein guter Mensch.«

»Weil ich die Leiden der Menschen fühle?«

»Um sie zu lindern.«

»Ich möchte lindern, helfen und retten; aber ? ich möchte Ihr Kind nicht am Leben erhalten.«

»Doktor! Doktor!«

»Als Sie es unter Ihrem Herzen trugen, müssen Sie eine sehr unglückliche Frau gewesen sein.«

»Wenn ich das gewesen wäre, so hätte sich mein Unglück an meinem Kinde gerächt?«

»Arme Frau, arme Mutter!«

»So hätte mein Unglück mein Kind zu diesem hinsiechenden Wesen gemacht? ... Antworten Sie doch! ... Nein! Antworten Sie nicht. Ich weiß es. Meine Schuld ist es, und weil es meine Schuld ist, so muß ich jetzt Gott auf den Knieen bitten, mein Kind sterben zu lassen.«

Sie bat Gott. Auf den Knieen bat sie. Tag und Nacht flehte sie an ihres Kindes Bett zu dem barmherzigen Gott, und Gott hatte Erbarmen ...

Als Italiens Gesetz seine Männer sandte, um der Mutter im Namen des Gesetzes ihr Kind zu nehmen, führte diese sie zu dem Kinde.

Es lag unter weißen Blumen gebettet, und sein wachsgelbes Gesichtchen zeigte einen Zug, als wäre der Knabe mit einem Lächeln entschlummert in die Ewigkeit. Seine Mutter sagte zu den Männern des Gesetzes:

»Ich bat Gott, mein Kind sterben zu lassen. Melden Sie das seinem Vater.«


Rudolf Müllers Tochter nahm Abschied von ihm:

»Du hast das gute Tante Minchen; hast auch Filomena. Beide werden treu für dich sorgen. Ich aber muß dich jetzt verlassen.«

»Das ist jetzt ja wohl deine Pflicht.«

»Ich habe keine höhere. Hoffentlich kann ich dir bald melden, daß man mich zu einer Etappe hinausgeschickt hat.«

»Im Osten steht Heinz.«

»Ich gehe dorthin, wo man mich braucht.«

»Von Heinz kam keine Nachricht?«

»Keine.«

»Solltest du ihn sehen ?«

»Er nahm Abschied von mir.«

»Aber solltest du ihn sehen, so sage ihm ?«

»Was, lieber Vater?«

»Ich hätte vor den Trümmern seines Werks gestanden und bitterlich geweint. Sage ihm, ich würde erst wieder weinen, wenn nach Deutschlands letztem glorreichem Siege Deutschlands Glocken den Frieden einläuteten. Das würden dann aber Tränen stolzer Freude sein. Sage ihm das.«

»Ja, mein Vater.«

Sie schied ... Sehr bald kam Nachricht von ihr: gute, hoffnungsvolle. Sie konnte helfen; in einem Seuchenlazarett im Osten. Und sie schrieb, der geringste Soldat sei ein Held!

Von Heinrich Weber blieb jede Kunde aus. Dann aber stand sein Name in der Liste ? nicht der im Osten Gefallenen oder Verwundeten, sondern in der der Vermißten.

In Rußlands Sümpfen sollte er versunken sein, erstickt in Schlamm.

Das war das letzte, was Rudolf Müller von seinem Liebling zu hören bekam; war das Ende des Mannes, der ein Genius gewesen war, einer von jenen, die von Gottes Gnaden waren.

Gottes Gnade war mit ihm gewesen; denn er hatte für sein Vaterland leiden dürfen. Sogar den Märtyrertod, Immerhin war der Name Heinrich Weber, trotz seines zertrümmerten Meisterwerks, dennoch der Name der Unsterblichen einer: als Sohn Deutschlands, als deutscher Soldat, Krieger, Held.«

Sechzehntes Kapitel

Weihnacht war gewesen, das traurigste Fest, welches Rudolf Müller seit dem Tode seiner Frau gefeiert hatte, das traurigste seines Lebens überhaupt. Im Deutschen Kunstverein hatten zwar die Deutschen als treue Gemeinde sich zusammengefunden, hatte ein deutscher Tannenbaum im Kerzenglanz gestrahlt, und Tante Minchen hatte sich nicht nehmen lassen, eigenhändig eine Thüringer Weihnachtsstollen zu backen, ohne die es nun einmal kein wahres Weihnachten gab. Aber es war eben doch ein gar zu stilles Fest geblieben, trotz aller deutschen Siege und Heldentaten. Ein Fest wars gewesen, gleichsam inmitten von Feindesland. Und das für die Deutschen in Rom!

Der Professor gedachte seiner ersten römischen Weihnachten, zu welchen aus den Abruzzen die Pifferari zur Ewigen Stadt gewallfahrtet kamen, Hirten der Bergwildnisse, um vor den Bildnissen der Gottesmutter die himmlische Gnade anzurufen und dem lieben Jesusknaben in der Krippe auf ihren Dudelsäcken vorzuspielen, in dem frommen Kinderglauben, Mutter und Kind freuten sich der wüsten Töne, die das Schönste waren, was sie den beiden darbringen konnten zu der Zeit, in der das Heil der Welt zu Bethlehem im Stalle geboren wurde. Sie, die Hirten eines rauhen Berglands, waren die nächsten dazu, um der Verkündigung der Engel zu gedenken und den Herrn der Heerscharen zu loben, weil er seinen eingeborenen Sohn in die Welt geschickt hatte, um diese durch seinen Kreuzestod von der Schuld zu erlösen und ihr den Frieden zu bringen.

Den Frieden ?

Das neue Jahr 1915 brach an, von den Römern gefeiert mit bejubelten Siegesnachrichten der Feinde Deutschlands. Es brach an mit neuen Lügen und Verleumdungen, neuen Beschimpfungen der Barbaren, die noch immer Italiens Verbündete waren, Italien mußte daher auf Mittel und Wege sinnen, um mit seinem erhabensten Pathos, seiner großartigsten Geste zu erklären: es sei höchste nationale Pflicht, sei Italiens Ehrenpflicht, das Bündnis zu brechen, und das »hocherhobenen Hauptes«, mit dem Bewußtsein seiner sittlichen Berechtigung, ein Judas Ischariot als Italiens Idealgestalt ...

In den ersten Tagen des neuen Jahres hatte Rudolf Müller einen notwendigen Gang zu tun. Ihm begegnete ein Leichenzug. Er glaubte zuerst, es sei der lärmende Umzug einer politischen Partei; es war jedoch wirklich ein Kondukt, mit allem theatralischen Pomp, dem grellen Pomp des Südens, in Szene gesetzt. Der Sarg des Toten wurde von Männern in hochroten Blusen getragen, das Leichengefolge bestand zum Teil aus Roms übelster Straßenjugend ? dem »populace« ? , Italiens Trikolore bedeckte den Sarg, eine Musikbande zog voraus. Sie spielte als Trauermarsch die Marseillaise, und eine schaulustige Menge bildete Spalier. Ein Schauspiel wars, nichts andres als ein Schauspiel, obgleich man einen Toten zu Grabe trug: den zum Kampf wider die deutschen Barbaren ausgezogenen, in dem Kampfe gefallenen Nationalhelden Bruno Garibaldi.

Durch ganz Rom wurde der Tote geführt, ein Schaustück für gaffendes Volk, eine Reklame für Italiens Heldentum, eine Demonstration gegen Deutschland ?

Kurze Zeit nach diesem einen Toten sollte es in Italien eine Heerschar von Toten geben; in Italien bebte die Erde! In den nahen Abruzzen stürzten ganze Ortschaften ein. Ihre Trümmer begruben die Bewohner, verstümmelten, zermalmten sie. Für die das furchtbare Elementarereignis Überlebenden aber kam aus Italiens naher Hauptstadt die Hilfe, was Italien Hilfe nannte, erst nach Tagen.

Der Professor gedachte Casamicciolas und Messinas; gedachte des Mitgefühls Deutschlands; gedachte dessen tatkräftiger Hilfe, die im Augenblick einsetzte, und die erst später, viel zu spät, an die Hilfsbedürftigen gelangte, und das nur zum Teil. Casanucciola hatte er selbst miterlebt, nach Messina war er sofort geeilt. Selbst miterlebt hatte er Deutschlands Schlachten in Frankreich. Er hatte das Schlachtfeld von Sedan gesehen und ihn hatte nicht das Grauen gepackt wie auf den Totenfeldern Siziliens und Ischias. Auch damals hatte Italiens Hilfe für sein eigenes unglückliches Volk sich nahezu als machtlos erwiesen; und so, genau so, geschah es dieses dritte Mal, wo Italiens Erde in ihren Tiefen gebebt. Mochte es dem Lande zur Warnung dienen, zu einem Menetekel in flammenden Trümmern, mit den Leichen der Erschlagenen auf den wankenden Boden geschrieben.

Wieder war Frühling: Frühling in Rom! Der Eichwald von Grottaferrata begann zu knospen, sein Unterholz von wildem Goldregen barg wilde Gärten purpurfarbener Zyklamen und ultramarinblauer Orchis; auf der Wiese der Villa Doria Pamfili pflückten Frauen und Kinder bunte Anemonen; unter den Pinien der Villa Borghese schimmerte es schneeig von der Blüte der Maßliebchen; auf den Ruinen des Palatins und der Aquädukte leuchteten Goldlack und silbriger Fenchel, wucherten gelbe Tazetten und rote Levkoien, und die Lerchenchöre der Campagna jubilierten Frühlingshymnen.

Keine Veilchen von Tusculum wurden dieses Jahr dem Professor von hellen Kinderstimmen angeboten; keine deutschen Rompilger freuten sich über die Blumenbalustraden auf der Spanischen Treppe. Die meisten der großen Fremdenherbergen waren geschlossen, verödet die Galerien; was von Ausländern in Rom weilte, waren Franzosen und Engländer, Russen und Serben, Dänen und Amerikaner, Deutschlands offenkundige und heimliche Feinde. Letztere die schlimmsten. In tiefer Einsamkeit konnte Rudolf Müller die Säle des Casino Borghese durchwandern und in der Sistinischen Kapelle zu dem Gott Michelangelos, dem gewaltigen Schöpfer des Himmels und der Erde, emporschauen; empor zu dem ersten Menschenpaar, die dieser Gott nach seinem Bilde geschaffen. Dem greisen Künstler erschienen die Völker, welche diesen Krieg entfesselt hatten und für seine Entmenschung verantwortlich waren, nicht mehr würdig des Namens: »Mensch.« Allein der »Barbar«, der »Unmensch« galt ihm als beseelt vom Hauche des Herrn; allein dieser als würdig, von der Hand Gottes berührt und emporgezogen zu werden zu Leben und Licht.

Wenn er in jenem hohen Tempel der Kunst aufblickte zum Jüngsten Gericht, so fühlte er sich durchdrungen von dem Glauben an den in Wolken thronenden Heiland, der gekommen war, zu richten die Schuldigen, die in diesem grimmigen Völkermorden die Deutschen nicht sein würden. An des richtenden und rächenden Sohnes Knie schmiegte sich die fürbittende Mutter. Nicht für die Deutschen und ihre Verbündeten brauchte die himmlische Fürbitterin flehende Hände zu erheben; wohl aber für jene, die den Völkermord gewollt, vorbereitet, herbeigeführt hatten. Aber der Mutter Fürbitte würde ihnen nicht helfen; der göttliche Richter würde über sie sein »Schuldig! Schuldig!« herabdonnern; würde verurteilen, verdammen nach seiner göttlichen Gerechtigkeit.

In diesem Frühling kein Veilchenfest auf Tusculum! Gleichsam in unerreichbare Fernen entrückt, sah der Professor vom Palatin aus das Albanergebirge mit dem Monte Cavo in sanfter Linienschönheit vom Gipfel zur Ebene abfallend, bekränzt von dem leuchtenden Band seiner Städte; sah er den tusculanischen Burgfels und die Steineichen vor dem Hause seines Kaisers, für den im Lande der italienischen Bundesgenossen keine Beschimpfung beschimpfend genug, keine Verleumdung verleumderisch genug war. Gleichsam in unerreichbaren Fernen erschien ihm alle menschliche Schönheit und Güte, diese höchsten Besitztümer, die würdig zu verwalten des Menschen edelster Beruf war.

Von der deutschen Kolonie reisten viele ab. Weshalb reisten sie, ihren römischen Haushalt auflösend, wie flüchtend mit Weib und Kind und in einer Trauer, als gäbe es für sie, denen Rom eine zweite Heimat geworden, keine Wiederkehr mehr? Ja, weshalb? Denn:

»Lieber zwölf Kugeln in den Leib, als daß ich mein Wort breche!«

Ein Königswort wars! Ein Wort des Königs Viktor Emanuels. An der Wahrheit eines solchen Wortes zu zweifeln, war Majestatsbeleidigung. Dennoch verließen viele Deutsche fluchtartig Rom. Rudolf Müller wollte nicht zweifeln; wollte glauben, trotz allem und allem ...

Das Wetter wechselte zwischen Sonnenschein und Regen, Schirokko und Tramontana. Von dem Lande jenseits der Alpen fuhr der Nordsturm brausend über Italien, schneidend wie Schwertschlag, ein echter Germane, ein Barbar. Ein Wind wars, vor dem die Römer wie vor einem unwiderstehlichen Feinde die Flucht ergriffen, bei seinem Geheul bis ins Mark hinein erschauernd ...

»Przemysl, Österreichs stärkste Festung, gefallen!«

Das Telegramm, welches die Nachricht brachte, erregte einen Orkan von Begeisterung. Roms »Gasse« schwang die Trikolore, durchzog die Stadt zu Tausenden, von Tausenden jubelnd, johlend gefolgt. Dann kam der Tag der Palmen, an dem Jesus von Nazareth vom Volke Jerusalems mit Jubel und Jauchzen als Triumphator begrüßt wurde; von dem nämlichen Volk, welches dann dem Gottessohn sein: »Kreuzige! Kreuzige!« zuheulte. Judas ließ sich um dreißig Silberlinge erkaufen, wurde zum Ischariot und erhängte sich selbst. Du aber, Italien, standest da »hocherhobenen Hauptes«,

Roms Glocken wurden gebunden; in Roms Kirchen wurde für die Schuld und Sünde der Menschheit gebetet; wurde für den Gekreuzigten die Gruft bereitet und der tote Gottessohn, der als Menschensohn gelitten hatte, hineingelegt, von einem Lenz umblüht, von Kerzenschimmer umglänzt, und die Römer drängten sich wie gewöhnlich zu dem frommen Schauspiel, welches auch hier wieder, ach! nur ein Schauspiel war.

Am Gründonnerstag war Bismarcks Geburtstag. Geheimrat Kehr hielt im Palazzo Caffarelli die Gedächtnisrede, und wiederum erfüllte Bismarcks Größe die Seele aller Deutschen; wiederum fühlten sie seine Seele schwebend über dem bedrohten Vaterlande, gleich dem Geist über den tosenden Wassern, so daß das Fest zur Andacht wurde, zur Kirchenfeier.

Ein eisiger Sonntag brachte die Auferstehung des Herrn. Auch Italien schritt unaufhaltsam einem Ereignis entgegen, welches Italiens »Ostern« sein sollte: Bruch mit den Bundesgenossen, Kriegserklärung an Österreich-Ungarn, mit dem Deutschland sich eins fühlte, ein Bruderstaat ...

Als der Professor an diesem Ostersonntag zur Piazza Barberini wollte, fand er Truppen auf den Straßen; Truppen auf dem Spanischen Platz, auf der Spanischen Treppe; Truppen vor den Eingängen von Via Sistina und Via Gregoriana; Truppen vor den Zugängen zur Villa Malta.

Fürst Bülow mußte durch Truppen geschützt werden vor Roms Straßenpöbel, bezahlt von Frankreich, Rußland, England, welche stolzen Reiche durch ihre Agenten Roms Plebs kleiden ließen, damit dieser nicht in Schmutz und Lumpen für einen Bruch mit den Bundesgenossen, einen Krieg gegen Österreich-Ungarn demonstrierte und Deutschlands fürstlichem Botschafter, Italiens großem Freunde, einen Schimpf antat. Also tobte der süße Pöbel denn nur:

»Abbasso lAustria! Abbasso la Germania! Evviva lItalia! Evviva Savoja! Evviva la guerra!»

»Abbasso la Germania!«

Der Professor hörte das Geheul, und ihm war zumute, als gellte es durch sein Herz:

»Nieder mit dem Vertrauen! Nieder mit der Treue! Nieder mit dem Glauben! Nieder mit der Ehre und Würde eines Volks! Es lebe der Treubruch und der Verrat! Es lebe die heilige Selbstsucht!«

Da alle Wege durch Truppen versperrt waren, so kehrte er bei Capo le Case wieder um und versuchte über den Quirinal zur Via Quattro Fontane und nach Piazza Barberini vorzudringen, was ihm auch gelang. Er kam zu dem Palast des Königs. Auch hier eine Ansammlung, bekleidet und bezahlt von der Entente. Sie schrie nach dem König, und ? König Vittorio Emanuele der Dritte, der Enkel eines andern, größeren Herrschers des nämlichen Namens, erschien, an seiner Seite die Königin, die Tochter der Schwarzen Berge, und an der Eltern Seite der Knabe, der dem Vater auf Italiens Königsthron folgen sollte. Derselbe König, der lieber zwölf Kugeln im Leib haben wollte, als sein Wort zu brechen, erschien mit Königin und Kronprinz auf das Gebrüll hin eines Haufens Bezahlter und Bestochener, die zu dem Monarchen aufheulten:

»Abbasso lAustria! Abbasso la Germania! Evviva lItalia! Evviva Savoja! Evviva la guerra!«

Und König und Königin grüßten herab; grüßten den bestochenen Gassenpöbel ...

Der Professor stand bei dem Brunnen, unter einem der hellenischen Rossebändiger, und schaute starren Blicks hinüber zum Königspalast. An der nämlichen Stelle hatte er gestanden, als nach der Thronbesteigung König Umbertos der deutsche Kronprinz den jungen Majestäten in Rom seinen Besuch abstattete. Auch damals drängte sich die Menge, darunter die besten Männer der Stadt. Auch damals trat auf den Balkon des Königspalastes ein Herrscherpaar heraus: der ernste Mann mit dem Königsblick, die holde blondhaarige Frau, Roms angebetete Königin Margherita. Neben den beiden ihr junger Sohn, Italiens Kronprinz. Und es stand dort oben der Gast aus dem Norden, Preußens Kronprinz, Deutschlands zukünftiger Kaiser, eine germanische Heldengestalt. Die Römer jauchzten ihm zu, wollten mit ihrem Jubel nicht enden; nicht enden, zu dem Herrlichen dort oben ihre Begeisterung emporbrausen zu lassen. Da nahm Kronprinz Friedrich Wilhelm den Knaben, ein unscheinbares schwächliches Kind, in seine Arme, zeigte den Römern ihren Kronprinzen, als wollte er ihnen durch den Knaben für ihre Huldigung danken lassen: »Seht den Erben von Italiens Thron und Krone! Seht Italiens Zukunft! Ich halte sie fest im Arm! So fest und so stark, wie Deutschland eurem Lande die Treue hält. Eurer glorreichen Zukunft, verkörpert in diesem Knaben, jauchzt zu, nicht mir!«

Aber der Römer Jubel galt der Gegenwart, die ihnen diesen Königsgast gebracht hatte: von Norden her, aus dem Lande der Barbaren, er selbst ein Barbar.

Jener unvergeßlichen Stunde gedenkend, war dem Alten zumute, als könnte das Ungeheuerliche, das er heute sah und hörte, nicht Wirklichkeit sein, sondern ein Traum, ein wüster, gespenstischer; als müßte ihm die Sonne des heiligen Tages das Erwachen bringen.

Wie schön wäre solches Erwachen gewesen! Auch dieses eine Auferstehung, ein Ostern.

Siebzehntes Kapitel

Wann reisen Sie?«

»Ich bleibe.«

»Reisen Sie; reisen Sie bald!«

»Ich bleibe.«

»Das dürfte für Sie sehr bald unmöglich sein.«

»Weshalb unmöglich? Und gerade unmöglich für mich?«

»Unmöglich für jeden Deutschen in Italien.«

»Italien bleibt ? neutral.«

»Reisen Sie! Reisen Sie!«

Rudolf Müller blieb. Aber seine alte Schwester sollte reisen und das sogleich. Tante Minchen wollte bleiben, wo ihr Bruder blieb und lehnte seinen mit aller Bestimmtheit ausgesprochenen Wunsch voller Entrüstung ab. Was sollten sie in Naumburg von ihr denken, wenn sie dort allein ankam? Schämen müßte sie sich vor ganz Naumburg. Bei so hartnäckigem Widerstand mußte ihr Bruder seine Zuflucht zu einer List nehmen. Also sagte er:

»Weißt du, liebes Minchen, du reisest nur voraus. Und du reisest nur deshalb voraus, um in Naumburg alles einzurichten und für uns zwei Alten in der Heimat es recht behaglich zu machen. Du kennst ja meine Schwäche, gern gleich in ein warmes Nest zu kriechen. Das wirst du wundervoll besorgen. Also mir zu liebe ?«

Er bat so eindringlich, mit so heiterem Gesicht, daß sie ihm glaubte und ihre baldige Abreise beschloß: ihrem Bruder zuliebe. Dieser versuchte, die Getreue vollends zu beruhigen:

»Filomena bleibt. Du hast gesehen, eine wie ganz andere Filomena sie geworden ist, seitdem ihre Landsleute ? Wir wollen davon nicht reden. Sie zeigt jetzt ihre wahre Natur, und diese ist eitel Ehrenhaftigkeit und Anhänglichkeit. Und ihr Risotto, ihre Makkaroni, alle ihre andern lukullischen Gerichte sind wirklich Meisterwerke römischer Kochkunst. Freilich, das mit unsrer armen Romana, und dem hübschen Lumpen ? Aber nicht davon reden! Genug, du kannst dich darauf verlassen, daß Filomena für mich sorgen wird wie eine Amme für ihren Säugling ... Jetzt lachst du! So ists recht! Es ist allerdings mehr als ein komischer Säugling an der Brust dieser Milchspenderin. Also reise und baue uns am Rand der Saale die Hütte. Wir werden darin unsre letzten Tage verleben.«

Da aber wurde Tante Minchen böse:

»Was fällt dir ein? Du wolltest ja doch durchaus in deinem lieben Rom bei der Cestiuspyramide begraben werden, möglichst nahe bei Goethes Sohn, der selbst im Tode nicht er selbst geworden, sondern Goethes Sohn geblieben ist. Ich verlasse euch beide, nämlich dich und deine seelengute Frau ? auch dort nicht.«

»Du hast recht. Ich will durchaus bei der Cestiuspyramide in meinem lieben Rom begraben werden, und was der Mensch will ?«

Tante Minchen reiste. Gute Bekannte nahmen sie mit, ihr Bruder und Filomena begleiteten sie zur Bahn. Filomena schluchzte herzbrechend, als müßte sie von ihrer liebsten Freundin auf ewig scheiden. Die alten Geschwister nickten einander zu, lächelten sich an. Im Augenblick vor der Abfahrt schob Dame Filomena unter einem Tränenstrom vor Tante Minchens Füße einen gewaltigen Eßkorb, gefüllt mit den herrlichsten aller römischen Leckerbissen. Obenauf lag ein Zettel, darauf stand geschrieben:

»Die Gottesmutter möge mir in Gnaden verzeihen. Was für eine arge Sünderin bin ich gewesen! Und verzeihen möge mir in ihrer großen Güte das liebe, liebe Fräulein! Auf meinen Herrn will ich acht geben wie der heilige Michael, der den Drachen getötet hat.« Da Dame Filomena der Kunst des Schreibens unkundig war, so hatte sie diesen Ausbruch ihres bösen Gewissens einem der öffentlichen Schreiber auf Piazza Montanara, tief gerührt über sich selbst, in die Feder diktiert.

Also waren Tochter und Schwester fort ... Als der Professor, auch jetzt noch von seinem Glauben an Italien nicht lassend, durch die aufgestellten Truppen nach seinem verödeten Heim zurückkehrte, erwarteten ihn vor der Türe liebe bekannte Gesichter, gute Freunde: Freunde aus Olevano! Es waren der Sindakus nebst der Frau Sindacessa, der wackern Sora Pia. Der Herr Bürgermeister war mit einem Riesenfiasco seines besten Weines erschienen, die Frau Bürgermeisterin mit einem ebenso umfangreichen Korb voll Eier, getrockneten Pilzen, eingemachten Artischocken, Oliven, Feigen und einem lebendigen fetten Puter, alles vom Vetturin vor dem Hause abgeladen: Gastgeschenke gehörten nun einmal zu jedem Besuche des italienischen Landvolks.

In seiner bewegten Stimmung freute sich Rudolf Müller über die vertrauten Gestalten, daß ihm die Tränen in die Augen traten: es gab eben doch noch Treue auf der Welt, auch in Italien! »Kommt hinauf! Schnell mit euch beiden hinauf! Nein, welche Freude! Wäre mein gutes Minchen doch einen Tag länger geblieben, um noch diese große Freude zu erleben. Ihr lieben, lieben Menschen, ihr treuen Menschen! ... Was sagst du dazu, Filomena? Welche Überraschung! Und sie bringen uns Gaben, als ob Weihnachten wäre! Das ist zu viel; viel zu viel! Aber ich freue mich, ganz unsäglich freue ich mich! Schnell, Filomena! Gleich gebraten und gebacken, was du nur braten und backen kannst. Biete deine ganze Kochkunst auf, als wäre ein Königspaar zu Besuch gekommen. Nein, kein Königspaar, sondern liebe, liebe Freunde aus Olevano! . . Solche Schönheit, solcher Frieden! Ich spreche von Olevano. Gibt es daß noch auf Erden? ... Ach, meine Freunde, mein Deutschland, mein Vaterland! Still davon. Seid tausendmal willkommen!«

Dann saßen sie beisammen, und Sor Rodolfo ? jetzt war er wieder Sor Rodolfo ? fragte und fragte. Am liebsten hätte er sich nach jedem Berg und Baum seiner Felsenstadt erkundigt. Auch, ob die Reben gut angesetzt hätten und ein reiches Öljahr zu erwarten wäre, wollte er wissen. Kurz, alles und jedes.

Das Ehepaar gab Antwort. Aber ? mit welchen ernsthaften Gesichtern waren sie gekommen! Sor Rodolfo hatte sich bemüht, den tiefernsten Ausdruck in den Mienen seiner Freunde zu übersehen. Das ging nun nicht länger. Und so mußte er denn mit unsichrer Stimme die Frage stellen:

»Was habt ihr? Was ist euch geschehen? Ein Unglück?«

Da sagte die Frau:

»Unser Sohn hat über Eure Tochter schweres Unglück gebracht; also auch über Euch. Wir tragen daran Schuld, denn mir hätten uns der Heirat unsres Sohnes mit Eurer Tochter widersetzen sollen; kannten wir doch unsern Sohn. Verzeiht uns! Wir bitten Euch mit aufgehobenen Händen um Verzeihung.«

»Still! Still! Seid still! Ihr Guten und Gerechten!«

»Und um Verzeihung müssen wir Euch bitten für das Unrecht, welches Eurem Vaterland durch unser Vaterland geschieht. Aber das dürft Ihr nicht verzeihen. Das nicht!«

Der Mann sagte es. Rudolf Müller barg sein Gesicht in beide Hände ...

Sie besprachen sich weiter, mit gedämpfter Stimme, als hätte jeder von ihnen etwas zu Grabe getragen, etwas Geliebtes. Der Sindakus sprach:

»Ich muß Euch eine Mitteilung machen. Sie ist von einer Art, daß ich vor Euch mein Gesicht bedecken müßte; denn ich bin Vorsteher der Gemeinde, in der es passieren konnte, habe daher für jedes Unrecht, welches in der Gemeinde geschieht, die Verantwortung, Ihr müßt mich zur Verantwortung ziehen.«

»Mein guter Freund ?«

»Euer guter Freund schützte schlecht, was unter seinen Schutz gestellt ward. Ich kann Euch nicht in die Augen sehen.«

»Gebt mir Eure Hand . , . Virgilio Minardi, gebt mir Eure treue Freundeshand.«

»Zuerst hört!«

»Zuerst Eure Hand, dann will ich Euch anhören.«

Virgilio Minardi sprach:

»Ihr seid Ehrenbürger von Olevano. Das ist eine Ehre für uns.«

»Ein Glück ist es für mich; ein Glück und mein Stolz.«

»Ihr liebt Olevano und habt es durch Eure schöne Kunst verherrlicht; habt uns durch Eure Liebe und Eure Kunst ein Denkmal gesetzt ...«

»Ein sehr bescheidenes. Ich kann Euch nicht sagen, wie tief ich empfinde, daß nur meine Liebe zu Olevano groß ist, meine Kunst dagegen sehr klein.«

»Wir haben in dem schönen Walde, der ein Stücklein des großen Deutschen Reiches ist, unsrer Liebe zu Euch eine Gedenktafel gestiftet: Euer Bildnis. Dieses Denkmal unsrer Liebe und Dankbarkeit wurde geschändet.«

»Sagt das nicht. Ihr irrt Euch. Sagt, daß Ihr Euch irrt.«

»Bubenhände haben Euer Bildnis zerstört.«

»Oh! Laßt es Euch nicht kümmern. Auf mich kommt es nicht an. Wer und was bin ich? Und was bedeutet mein Bildnis, mein Denkmal, wie Ihr es nanntet, in dieser Zeit? Aber ich verstehe, wie sehr es Euch schmerzt.«

»Sie taten noch mehr. Das heißt, sie wollten es tun. Den Eingang zu dem Stücklein Deutschland in unsern Bergen bewacht Deutschlands Wappen. Sie wollten das Wappen herabreißen, den deutschen Adler und das deutsche Reich wollten sie beschimpfen. Ich konnte die Schandtat noch gerade verhindern.«

»Ich danke Euch, Im Namen aller Deutschen danke ich Euch. Im Namen des ganzen Deutschen Reiches.«

Der Alte sprach mühsam, als hätte er einen Schlag empfangen. Er war totenblaß. Nach einer Weile sagte er:

»Wißt Ihr, von wem die Tat ausging?«

»Ich weiß es.«

»Von welchem Buben?«

»Von unserm Sohn. Auch deshalb kam ich nach Rom, um als Syndakus der Gemeinde den Buben, von dem die Schandtat ausging, zur Rechenschaft zu ziehen. Ich sagte: den Buben; denn wir haben keinen Sohn mehr. Nicht wahr, meine gute Frau?«

Und die Mutter sprach:

»Wir haben keinen Sohn mehr.«

Dann, nach einem schweren Schweigen:

»Er war unser einziges Kind.«

»Er wars.«

Der Vater sagte es.

Am Nachmittag macht der Professor mit seinen Gästen einen Spaziergang. So wenig einem jeden um Zerstreuung zu tun war, willigte doch einer dem andern zuliebe in den Ausgang. Filomena begleitete ihren Herrn, als wäre dieser in Wahrheit ein Knäblein und sie seine Wärterin. Es war nach dem Tage der Nationalfeier von Quarto, und die Gemüter der Römer durchflammte fanatische Begeisterung über die gewaltigen Strophen des großen Dichters. Begeisterung des Hasses wars. Eine Erregung brauste von Genuas Meeresstrand durch das Land, als hätte Italiens Erde von neuem gebebt.

Auch an diesem Tage schien Rom in ein Heerlager verwandelt, und ein Durchqueren vom Spanischen Platz zum Pincio hinauf mußte für einen Deutschen im schwarzen Gehrock mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust als hoffnungslos erscheinen. Aber Filomena schaffte ihrem Professor freie Bahn durch die Kette der Karabinieri, die den Platz sperrten: Was das heißen sollte? Ob sie nicht wüßten, wer der alte Herr sei? Ehrenbürger ihrer Vaterstadt Olevano! Ein Mann, der Italien mehr liebte als sie; denn er wünschte Italiens Glück und nicht dessen Unglück. Also keinen Krieg! Und ob sie nicht sahen, mit wem der alte Herr ginge? Mit dem Bürgermeister von Olevano, ihrem eigenen Herrn Vetter, der des Herrn guter Freund sei. Und der Bürgermeister von Olevano sei nur Freund eines Mannes, der als Freund Italiens in Rom seinen Kopf hoch tragen könnte. Also freien Durchgang für Italiens guten Freund!

Und die Karabinieri öffneten bereitwillig die Kette, fast ehrerbietig ...

So passierte denn die kleine Gesellschaft unbehelligt den Platz, erstieg die Treppe, gelangte zu der Terrasse vor dem Hadrianischen Obelisk und zu der Dreifaltigkeitskirche. Zu Fuß, in Equipagen und Autos, besetzt von Roms vornehmsten und elegantesten Herren, Roms schönsten Frauen, herrlich gekleidet nach Pariser Frühlingsmode, zogen Römer und Römerinnen auf ihren geliebten Gartenberg. Auch Fremde in Scharen, darunter viele exotische Erscheinungen: nach der Feier von Quarto schien es in Rom ein Pinciofest geben zu sollen.

Das Vierblatt wurde von dem Menschenstrom erfaßt und mit fortgerissen. Sie kamen zu der Mediceischen Villa, vor welcher, unter den zu einer Wölbung beschnittenen Steineichenwipfeln der schöne Brunnen Vignolas rauschte; heute genau so heiter wie vor Jahrhunderten.

Lavinia!

War das Lavinia? Lavinia Petroni? ... Sie war es!

In dem dunkeln Kostüm der Sabinerin, aber überladen mit Goldschmuck, trat sie aus dem Gittertor, welches in die parkähnlichen Gärten der Villa und zu den Ateliers der französischen Künstler führte: Heinrich Webers Frau war wieder Lavinia Petroni geworden; war wieder ? Modell! Leicht in den Hüften sich wiegend, in voll erblühter Schönheit prangend, trat sie erhobenen Hauptes hervor aus dem Schatten der Waldung in den Frühlingstag und erregte in der Menge ein Aufsehen, daß viele stehen blieben, um Roms vielbewunderte Schönheit anzustaunen. Wie durch ein Spalier schritt sie dahin, stolz wie eine Königin, der vom Volk gehuldigt wird; schritt vorüber an Rudolf Müller, vorüber an ihren Landsleuten, die kleine Gesellschaft keines Blickes würdigend.

»Sei verwünscht!«

Filomena wars, die es dem Weibe des verschollenen Helden, der Enkelin des ehrwürdigen Priesters von Bellegra laut zurief mit erhobener Hand:

»Sia meledetta!«

Achtzehntes Kapitel

Himmelfahrt!

Der gekreuzigte und gestorbene, der begrabene und vom Tode auferstandene Gottessohn hielt in Rom seine Himmelfahrt, während Roms Gassenpöbel den Krieg leben ließ, die Entente unter die nach Geld und Blut lechzende Meute Millionen ausstreute und Polizei sowohl wie Militär dem niedrigen Schauspiel lachend zuschaute. Auch heute befand sich der Professor auf den Straßen. Trotz der beschwörenden Bitten Filomenas hielt er es im Hause nicht aus: er mußte selbst sehen, selbst hören das Unerhörte, und das ohne Begleitung und Schutz seiner Getreuen. Auch zu einem andern wollte er sich durchaus nicht verstehen; wollte seinen Gehrock nicht ablegen, an dem jeder Römer auf den ersten Blick den Deutschen erkannte, und wies voller Entrüstung die Zumutung zurück, wenigstens das Eiserne Kreuz von der Brust zu nehmen. Die Römer sollten in ihm sofort den Deutschen erkennen, und was das deutsche Ehrenzeichen anbetraf, so hatte er sich dasselbe in den Jahren 1870 ? 71 unvergänglichen deutschen Ruhms im Kampfe wider den Erbfeind, der nun Deutschlands Todfeind geworden, ehrlich verdient. Vielleicht würden die Römer bei dem Anblick sich erinnern, was Italien dem deutschen Heldentum jener Zeit zu danken hatte. Unterhalb des Kapitols erhob sich das Riesenmonument von Italiens Herrscher, der ohne jene Jahre, ohne Deutschlands Siege, schwerlich in die Hauptstadt des geeinigten Königreichs hätte eintriumphieren können! Also: Ehrfurcht vor dem schwarz-weißen Kreuz aus Eisen auf einer deutschen Brust! Plötzlich in einen der johlenden Volkshaufen geratend, ward der Alte von diesem bis Campo de Fiori getrieben. Hier sah er sich vor Palazzo Farnese stehend, unweit des Denkmals des auf dieser Stätte verbrannten Märtyrers der Wahrheit, Giordano Brunos. Den Palast der französischen Botschaft umtoste der süße Pöbel, dem geliebten Nachbarstaat eine heulende Ovation darbringend. Von Lakaien wurde die Tür des Balkons geöffnet, eine Dame in heller Sommertoilette trat heraus, wurde jubelnd begrüßt, nahm mit anmutiger Gebärde von ihrer Brust eine rote Rose, küßte sie pathetisch, ließ sie, Roms Plebs Kußhände zu werfend, hinab fallen unter die Menge, die um die Rose der Frau Botschafterin sich raufte, als ob die Blätter der armen geschändeten Blume Frankreichs Tausendfrankscheine wären.

Rudolf Müller entwich dem eklen Schauspiel, Versuchend, den Ausweg nach der Via Regola zu gewinnen, erreichte er den Palazzo Spada. Hier mußte er erkennen, daß kein Durchkommen möglich, ihm auch der Rückweg versperrt sei. Also flüchtete er in den Palast, um in dessen Innerem abzuwarten, bis ein Durchkommen möglich sein würde. Zu seinem Erstaunen fand er die Statuengalerie offen. Er trat ein.

Die Kunst! Die Kunst der Antike! Das Ewigschöne! Herrgott, der du dieses Ewighäßliche zuließest, der alte Künstler dankt dir, du Allgeist, daß in deiner entgötterten Welt die Kunst, die wahre, große, heilige, eine bleibende Stätte gefunden; dankt dir mit erhobener Seele. Vor den berühmten antiken Reliefs der Sammlung stehend und in ihre hellenische Herrlichkeit sich versenkend, ward ihm leichter zu mut, fast frei und froh, als würde ihm nach langer Wanderung durch Qualen und Gluten ein Labetrunk gereicht. Er trank und trank ?

Von den Reliefs sich abwendend, sah er sich plötzlich vor einer Bildsäule, deren Anblick sein Herz traf.

Es war die Statue des Pompejus. Sie hatte in der Curia Pompeji gestanden und sollte das Marmorbild sein, zu dessen Füßen Cäsar, von mehr als zwanzig Dolchstichen durchbohrt, sterbend niedergesunken war. Wie hatten doch Cäsars letzte Worte gelautet, als er zuletzt noch den Dolchstoß des Mannes empfing, des einen, den er geliebt, an den er geglaubt hatte?

»Auch du, mein Sohn Brutus!«

Und Cäsar verhüllte sein Haupt, sank nieder, starb ...

Ja, Brutus, auch du! Auch du, Italien!

Nach Jahrhunderten noch würden diese Worte durch deutsche Herzen hallen mit einem Ton, dem Schmerzenslaut gleich, mit welchem Cäsar unter der Bildsäule des Pompejus seinen Geist aufgab, durch den Dolchstoß des einen tödlicher getroffen als von den Todeswunden der andern:

Brutus, auch du!

Blutüberströmt wurde Rudolf Müller zurück in sein Haus gebracht. Der von der Raserei des Hasses besessene Pöbel hatte den Deutschen auf dem Heimweg umzingelt und gestellt; hatte ihm das Eiserne Kreuz abgerissen; hatte ihn, als er das Kreuz auf seiner Brust wie ein Jüngling verteidigte, zu Boden geworfen, hätte ihn am liebsten gleich einem Missetäter gelyncht.

Er lebte, erholte sich sogar wieder; aber mit dem Manne war es von Stund an vorbei.


Pfingsten!

»Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen ?« Für Deutschland kam es mit neuen Strömen vergossenen Blutes; mit neuen Scharen von Toten und Verwundeten, von Verstümmelten und Hinsiechenden, letztere in einer häufig barbarischen Gefangenschaft. Das lieblichste der Feste kam für die jählings überfallenen Staaten mit neuem Grauen und Jammer; aber auch mit neuer Größe und unsterblicher Heldenherrlichkeit. Für die Bundesgenossen Deutschlands und Österreich-Ungarns dagegen kam das Fest der Ausgießung des heiligen Geistes über die Seelen der christlichen Menschheit im Gefolge von Treubruch, Verrat und unsterblicher Schande. Alle Blüten Roms konnten die Gruft nicht füllen, in die Italien im Frühling dieses Jahres seine selbst gemordete Ehre und Würde begrub; und kein »Maienwunder« würde dem eklen Leichnam ein Ostern bringen: Italiens Ehre und Würde waren tot, und tot blieben die reinen Gewalten, ohne die ein Staat und ein Volk keine Zukunft besitzt...

»Filomena!«

»Herr! Mein guter armer Herr!«

»Ich muß reisen. Morgen schon!«

»Fort aus Rom?«

»Fort!«

»Fort aus Italien? Sie fort aus Italien? Das können Sie gar nicht.«

»Ich muß es können ... Morgen geht für uns Deutsche der letzte Zug. Unser Botschafter ließ es mir mitteilen. Ich verlasse Rom zugleich mit ihm.«

»Herr, ach Herr, Sie sind ja doch krank!«

»Ich bin gesund, und ich reise.«

»Lassen Sie mich nicht zurück; lassen Sie mich nicht allein; nehmen Sie mich mit. Ich bitte Sie, lieber Herr!«

»Gute Filomena, ich kann nicht.«

»Wer soll Ihnen denn in Deutschland die Makkaroni kochen? Und den Risotto? Herr, lieber Herr, denken Sie doch an die Makkaroni und den Risotto!«

»Italien wird seinen Bundesgenossen den Krieg erklären. Als Italienerin mußt du in deinem Vaterland bleiben.«

»Und wenn die Deutschen mich schimpfen und schlagen sollten, wie die Römer Sie beschimpften und schlugen ? Herr, lieber Herr, nehmen Sie Ihre alte Filomena mit, Sie gehört ja doch nun einmal zur Familie.«

»Du mußt hier bleiben, um unser Haus zu hüten.«

»Unser Haus? Es bleibt also unser Haus?«

»Freilich!«

»Und ich soll es hüten?«

»Wer anders als du?« »Also kommen Sie zurück in unser Haus?«

»Aber ja doch!«

»Sie und das liebe gute Fräulein? Auch die Romana? Was für ein schlechtes Geschöpf ich bin! Madonna! O Madonna!«

Name Filomena brach in ein Wehgeheul aus ...

Nachdem die Schuldbewußte unter den Tröstungen ihres Herrn sich notdürftig erholt hatte, kleidete sich der Professor an. Er wollte ausgehen.

»Ausgehen wollen Sie?«

»Es ist Pfingstsonntag.«

»Sie können ja kaum auf den Füßen stehen.«

»Meinetwegen also ausfahren. Du kannst mir einen Wagen besorgen.«

»Herr, lieber Herr!«

»In unsrer Kirche auf dem Kapitol wird die Pfingstpredigt gehalten. Es wird der letzte deutsche protestantische Gottesdienst sein; der allerletzte auf dem Kapitol und auch wohl der allerletzte in Rom ? für lange Zeit wenigstens.«

»Sie wollen ja doch wiederkommen?«

»Ich will wiederkommen; denn ich will bei der Cestiuspyramide begraben werden ... Geh also und hole den Wagen.«

»Ich fahre mit Ihnen!«

»Es geschieht mir nichts. Jetzt nicht mehr.«

»Ich lasse Sie nicht allein. Wie könnte ich Ihrer Schwester und Ihrer Tochter je wieder vor Augen kommen, wenn ich Sie jetzt auch nur für einen Augenblick allein ließe?«

»Also begleite mich.«

Rudolf Müller fuhr auf das Kapitol, an seiner Seite Filomena. Sein Professorenrock war bei dem Überfall des Pöbels zerfetzt, das Eiserne Kreuz ihm von der Brust gerissen, in den Schmutz der Gasse geworfen und zertreten worden. Also mußte er den letzten Pfingstsonntag in Rom im Mantel und ohne sein Ehrenzeichen feiern. Auch heute wieder Truppen, Geschrei und Gejohle; auch heute wieder grell bunte Riesenplakate, die den kriegs- und beutegierigen Pöbel zur Versammlung beriefen: vormittags vor dem Palast der Konservatoren auf dem Kapitol, nachmittags zu einem patriotischen Blumenkorso in der Villa Borghese: »ein Trikolorenfest für die Krieger im Felde«: für die Krieger Frankreichs und Englands, Rußlands und Serbiens! An hohen Stangen prangten marktschreierische Demonstrationen für den Sieg der »Kulturvölker Europas« über die Barbaren. Das Getöse wurde vermehrt durch wütendes Evvivageschrei. Leben sollte Salandra, Sonnino und Cadorna; leben sollten der wortbrüchige König und die ränkevolle Königin; leben sollte Italiens Dichterheros: »Evviva! Evviva!«

Nieder mit Österreich-Ungarn; nieder mit Deutschland; nieder mit dem Friedensfreund Giolitti!

Er sollte gehängt werden!

Gehängt werden an den ersten besten Laternenpfahl der Mann, der Italien bewahren wollte vor Unglück; bewahren vor Treubruch, Verrat und Schande. Diese war seit jenem historischen Pfingstsonntage Italiens Schicksal geworden.

»Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in der Not, die uns getroffen hat.«

Sechsundvierzigster Psalm ?

Pastor Schubert predigte seiner Gemeinde zum letztenmal auf dem Kapitol, welches Deutschlands Botschaft trug, an der Stätte des Jupitertempels.

Klein war die Gemeinde der Deutschen geworden. Sie bestand aus den letzten, die noch geblieben waren ? die am nächsten Tage scheiden sollten. Diese letzten konnten sagen, daß bei keiner Auslegung der göttlichen Worte die Herzen jemals so stolz, stark und hoffnungsfreudig geschlagen hatten. Bei den Deutschen war das Recht; also würde auch bei ihnen die Gerechtigkeit sein. Darum war in der Not, die Deutschland getroffen hatte, Gott der Deutschen Zuversicht, Stärke und Hilfe ...

Stolzen und starken Herzens verließ Rudolf Müller Kirche und Kapital. Kaum hatte er die ehrwürdige Stätte hinter sich, als ihn das Geheul des Gassenvolkes umtoste. Das Giornale dItalia ließ ausschreien: um Mitternacht begänne der Krieg! Der Krieg mit Österreich-Ungarn! Es war gleich einer Kriegserklärung an Deutschland. Auch verließen Deutschlands Vertreter die Ewige Stadt, die den Pfingstsonntag des Jahres 1915 fortan als den Jahrestag von Italiens ewiger Schande begehen konnte, den Schandtag als Nationalfest feiernd ...

Bei Piazza Venezia konnte der Wagen des Professors nicht weitergelangen: Menschengewühl sperrte die Straße.

Sogenannte Studenten trugen auf ihren Schultern einen mit Rosen und Lorbeer Bekränzten den Weg zum Kapitel empor. Wo hatte Rudolf Müller diese phantastische Gestalt schon gesehen? Eine Gestalt wars, mehr einem Bühnenhelden als einem gekrönten Volksheros gleich.

Mit Mühe entsann er sich der Begegnung. Auf Tusculum wars gewesen, bei der Frühlingsfeier der Frascataner, in den Ruinen des Griechischen Theaters, damals bereits ein Komödiant, der die Ode Petrarcas deklamierte, heute wieder ein Komödiant, der einen zweiten Cola da Rienzi mimte; und ?

Ekel, Ekel, Ekel!

Dem agierenden Poeten vorausziehend, als dessen Herolde, Amerigo Minardi und Orazio Petroni!

Das Kapitol hinauf wallte der Theaterzug.

Neunzehntes Kapitel

Während Tante Minchen für ihren Bruder in der Heimatstadt ? wie lieblich lag sie doch an dem Ufer des deutschen Flusses, der an der Rudelsburg vorüberfloß im Kranze ihrer Wälder und Rebenhügel ? während die Heimgekehrte voll zärtlicher Schwesterliebe die Stätte bereitete und Filomena für die Rückkehr ihres Professors das Haus schon jetzt von oben bis unten blank putzte, war Rudolf Müller durch die Schweiz nach Deutschland gekommen.

Deutsche Landschaft, deutsche Sprache, deutsche Sitte und Art ? Herrgott, Herrgott, wie war er doch begnadet, ein Deutscher zu sein, wenn auch ein Hunne und Barbar.

Und er war begnadet, daß er eine Heimkehr zu dieser gewaltigen Zeit erleben durfte: das deutsche Volk in Waffen, und Sieg auf Sieg! Sieg im Osten und Sieg im Westen. So herrlich hehr wars, daß diese Zeit zu erleben, mit einem ganzen schwer hingebrachten Dasein nicht zu teuer bezahlt gewesen wäre.

Noch leidend an den Folgen seiner Verletzung durch den römischen Pöbel, seit welcher Zeit er sich in einer Art von Dämmerzustand befand, war der alte Herr aus Rom abgereist. Noch von dem Augenblick an, wo er wieder Heimatluft atmete, fühlte er keine Schmerzen mehr. Dabei hatte ihn ein Steinwurf schwer am Kopf verletzt oder war sein Herz getroffen worden?

Mit einem Frühzuge gelangte er über Lindau nach München. Dort hatte er die Akademie besucht; in München hatte sich ihm die Gottheit der Kunst offenbart, in München sich ihm das Leben erschlossen. Dort war er ein glücklicher Mensch gewesen. Jetzt war er wieder in München. Einen vollen Tag wollte er bleiben, um mit dem Nachtschnellzug weiter gen Norden zu fahren. Schon am nächsten Morgen würde er in Naumburg sein: zu Hause.

Er ließ sein Handgepäck auf der Bahn, vergaß, sich eine Marke geben zu lassen, trat aus der hohen Halle des Stationsgebäudes hinaus auf den Platz.

Seit vielen Jahren war er nicht in München gewesen und ?

Ja, war denn Deutschland im Kriege? In diesem Kriege!

Er mußte sich besinnen, daß wirklich Krieg war, dieser Krieg! In Bayerns Hauptstadt schien tiefer Friede zu herrschen.

Nicht doch! Wo hatte er seine Augen gehabt? Soldaten ? Soldaten ? Soldaten! Und Verwundete ? Verwundete ? Verwundete! Sie gingen an Krücken und Stöcken; sie hatten Beine und Arme zerschossen; sie waren fahl im Gesicht, und alle, sie alle hatten in den Augen einen Glanz ? Niemals hatte Rudolf Müller in Menschenaugen solchen Glanz gesehen.

Er stand am Wege, zog seinen Hut ? den Kopf trug er noch immer verbunden ? und grüßte. Ehrfurchtsvoll, fast demütig grüßte der Heimgekehrte die verwundeten Bayernhelden, die ihn aus großen Augen ansahen: aus Augen mit jenem seltsamen, fast mystischen Glanz im Blick ...

Wohin wollte er? Er hatte den ganzen langen Tag vor sich; aber das Wetter war schlecht: starker Wind und grauer Himmel, trostlos, hoffnungslos grau, als sollte auf Erden nie wieder die Sonne scheinen.

Die Sonne!

Dem alten Herrn war zumute, als hätte er allen Sonnenschein zurückgelassen in dem Lande, aus dem er fliehen mußte, als ob er ein Verbrecher sei. Ein solcher war er auch. Er hatte das Verbrechen begangen, ein Land und Volk, welches unter den Völkern Europas der Judas Ischariot, war, zu heiß geliebt und an dieses Volkes Treue zu heilig geglaubt zu haben. Aber ? Nein! Es war nicht Italiens Volk! Italiens wahres Volk war von diesem erkauften Verrat freizusprechen.

Jetzt fühlte er auch wieder den Schmerz im Kopf, und das heftiger als zuvor. Der Wind umwehte seinen Kopf, den er vor den verwundeten Helden entblößte. Ein Verwundeter war er selbst, und das nicht nur an seinem Haupt. Sie mußten eben doch auch sein Herz getroffen haben. Aber jetzt ? Wohin?

Er wollte in der lieben alten Stadt alle die Orte aufsuchen, die der Schauplatz seiner Jugend gewesen. Gesegnet der Mensch, der im Alter Hände und Seele zu einer gütigen Gottheit erheben darf: »Ich habe eine glückliche Jugend gehabt!« In der Weinstraße hatte er damals gewohnt, nahe dem Marienplatz. Das altertümliche Haus sollte für das neue Rathaus abgerissen worden sein. Dort hatte er daher nichts zu tun.

Die neue Pinakothek!

In der neuen Pinakothek hing eines seiner Bilder aus seiner besten Zeit: »Fronleichnamsprozession in Olevano«. Als das Gemälde für die königliche Sammlung angekauft wurde ? Konnte es auf der Welt einen glücklicheren Menschen geben? Zugleich einen so stolzbescheidenen Menschen. Ein Bild von ihm in Münchens Galerie neuer Meister! Ach, er war nur ein Schüler, würde zeit seines Lebens ein Schüler bleiben: die Kunst hoch über sich thronend und er zu den Füßen der Himmlischen, der Geringsten einer.

Doch des Glücks sollte noch mehr sein; denn als sein Gemälde für Münchens Pinakothek würdig befunden ward, was geschah dann? Dann konnte er sein liebes Mädchen, mit dem er zehn volle Jahre verlobt gewesen, heimführen als Frau Professorin nach Rom! Vor seinem Bilde wollte er heute jener Zeiten gedenken und Erinnerungsgottesdienst halten ...

Nun befand er sich in den Sälen, wo die Meisterwerke einer jüngeren Generation eine bleibende Stätte fanden und wo auch sein Bild einen Ehrenplatz einnahm. Als er dem Saale sich näherte, in dem er sein Werk wiedersehen sollte, pochte sein Herz, als sollte er einer Jugendgeliebten gegenübertreten. Zögernden Schrittes trat er ein und ?

Sein Bild befand sich nicht an der Stelle, die er so genau kannte, und wo es seit einem Menschenalter gehangen hatte. Wie konnte das sein?

Sehr einfach. Er hatte gleich in den ersten Sälen bemerkt, daß viele Gemälde umgehängt waren, besser, günstiger. Das war unter der Leitung des neuen Direktors geschehen. Also hatte auch sein Bild einen günstigeren Platz erhalten, also suchte er sein Bild in einem andern der vielen Räume.

Er fand es nicht.

Vollkommen verwirrt wandte er sich endlich an einen der Saaldiener, einen grauköpfigen, würdigen Herrn, dessen er sich gut erinnerte. Diesen fragte er:

»Können Sie mir sagen, wo sich das Gemälde ?Fronleichnamsprozession in Olevano? von Professor Rudolf Müller befindet? Es hing früher in diesem Saal ? Sie erinnern sich vielleicht?«

»Des Gemäldes von Professor Rudolf Müller?«

»Es hängt nicht mehr an alter Stelle.«

»Nein.«

»Bitte, wo hängt es?«

»Es hängt nirgends mehr.«

»Wie?«

»Es wurde bei uns in letzter Zeit viel aufgeräumt.«

»Aufgeräumt?«

»Ausgemerzt, wissen Sie. Eine gewisse Richtung nämlich.«

»Eine gewisse Richtung?«

»Eine altmodische, überwundene, unbedeutende.«

»Und das Gemälde von Professor Rudolf Müller?«

»Auch altmodisch, überwunden und unbedeutend ... Was fehlt dem Herrn?« »Nichts, Ich danke Ihnen. Ein leichter Schwindel. Ich wurde kürzlich am Kopf verwundet. Und das graue Wetter, der Wind ... Ich danke Ihnen, Sie sind sehr freundlich. Freundlichkeit der Menschen tut wohl.«

Der Galeriediener führte den Wankenden zu einem Sitz, half ihm sich niederlassen, eilte fort, um ein Glas Wasser zu holen. Als der freundliche Mann wiederkam, war der alte Herr nicht mehr da. Er mußte sich schnell erholt haben. Was war ein Glück; denn er hatte ausgesehen wie ein Sterbender. Es wäre peinlich gewesen, wäre in der Königlichen Galerie ein Fremder gestorben. Wer möchte der sonderbare Alte gewesen sein?

Wohin jetzt?

Gleich, ganz gleich! Irgendwohin. Wo auf der Welt gab es für ihn noch Platz? Geflüchtet aus Rom, sein Preisbild als zu altmodisch befunden, als längst überwunden, als viel zu unbedeutend ausgemerzt: ausgemerzt aus einer Galerie seiner Kunst, die ein Tempel war, in dem allein die wahren Verkündiger der Gottheit Einlaß fanden. Und dann er ? Auch aus diesen heiligen Hallen verjagt; auch im Vaterlande ein Ausgestoßener, Geächteter.

Wie er sich schämte! Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er die Schmach einer heftigen Scham. Denn es war schmachvoll, auch in der Kunst ein Ausgestoßener zu sein. Also wohin jetzt mit sich?

In halber Bewußtlosigkeit mit heftig schmerzendem Kopf ging er irgend eine Straße. Er merkte nicht, daß die ihm Begegnenden stillstanden und ihm nachsahen, als hätte ein Sterbender sich erhoben und wandelte. Plötzlich blieb er stehen und starrte zwei Menschen an, die ihm entgegenkamen, eine ältere, in Trauer gekleidete bürgerliche Frau mit ihrem Sohn. Es war ein Feldgrauer, blutjung, mit todblassem Gesicht, mit ? erloschenen Augen. Ein Blinder! ... Blind auf beiden Augen!

Die Mutter hörte er zu ihrem Sohne mit fast heiterer Stimme sagen:

»Dort drüben ist die Türkenkaserne.«

»Meine Kaserne!«

Der Jüngling starrte mit seinen blinden Augen irgend wohin und ? lächelte. Bei Gott, dem Allgütigen, dem Allgerechten, der Blinde lächelte! Er wußte, daß seiner Mutter Herz um seinetwillen von Schwertern durchbohrt ward, und er lächelte! Hatte doch seine Mutter mit fast heiterer Stimme gesagt: »Dort drüben ist die Türkenkaserne.« Die Tränen, die dabei ihren armen verweinten Augen entströmten, konnte der Sohn ja nicht sehen.

Rudolf Müller blickte den beiden starr ins Gesicht. Er wollte ? Was wollte er doch gleich? Auf Mutter und Sohn zutreten, Mutter und Sohn die Hand küssen. Er wußte nicht mehr, was er wollte. Mit zunehmender Umschleierung seiner Sinne wankte er weiter: irgendwohin.

Immer schwankender wurden seine Schritte, immer wirrer sein Blick, immer umschleierter auch sein inneres Gesicht. In dieser Verschleierung sah er bekannte Häuser und Straßen. Er sah die weit offenen blinden Augen des jungen Helden und sein Kinderlächeln, hörte die heitere Mutterstimme zu ihm sagen: »Dort drüben ist die Türkenkaserne«, hörte den Sohn antworten: »Meine Kaserne« ? hörte die beiden Stimmen durch das Geräusch der großen Stadt mehr und mehr wie im Traum in seinem sich umnachtenden Bewußtsein.

Die Menschen blieben stehen und schauten nach irgend einem Gegenstand. Er sah, daß sie geputzt waren, und sprach zu sich selbst:

»Es ist Sonntag. Du bist in München, wo du einstmals jung und glücklich gewesen ... Sie haben dein Gemälde fortgeschafft, es ?ausgemerzt?. Dein Bild ist nicht wert, zu bleiben und zu dauern; du selbst bist es nicht wert. Auch dich müssen sie fortschaffen. Bald, bald ... Heute nacht fährst du nach Hause ... Es ist Krieg. Du mußtest fort aus Rom ... Krieg ist, und die Menschen sind sonntäglich geputzt, machen vergnügte Gesichter, lachen, freuen sich ihres Lebens, und es ist ja doch Krieg. Die Gatten, Söhne, Brüder, Geliebten dieser Frauen und Mädchen, die vergnügt sind und lachen, können gerade jetzt getötet werden, verstümmelt ... Blut. Eine blutige Sturmflut; Tränen, ganze Tränenströme; Jammer ohne Ende für Tausende und Abertausende ... Dort! Sieh doch! Zwischen den Fröhlichen die Zerschossenen, Lahmen, Blinden ... Das alles träumst du nur.«

Er ging weiter, befand sich plötzlich vor einem großen gelben Gebäude, dessen Tor weit offen stand. Viele Menschen gingen hinein.

Wiederum sprach Rudolf Müller in seinem dumpfen Traum:

»Dieses Haus kennst du ja doch. Es ist ? Das Odeon ist es. Als du noch jung warst ? Weißt du noch die Feste im Odeon? Die Faschingsfeste, die Künstlerfeste des großen Schweizer Dichters Gottfried Keller! Es steht offen, es ist auch heute ein Fest! Sonntagvormittag, während Krieg ist ... So geh doch hinein.«

Er ging hinein.

Musik. Rauschende, brausende Klänge, ein Sturm von Melodieen, gewaltig, herrlich, das Gemüt von der Erde fortführend, es emporreißend aus der Welt himmelan. Eine Andacht in Melodieen, ein Gottesdienst, ein Mysterium: Beethovens »Eroica«!

Er saß in dem feierlichen Saal, der einer Tempelhalle glich. Er hörte ? hörte ? hörte. Schauer erfüllten seine scheidende Seele. Er glaubte, in dieser seiner letzten Stunde das Allerhöchste seines Lebens zu erleben, der Kunst Allerheiligstes. Bei den Klängen stiegen vor ihm Bilder auf, Gestalten, Erscheinungen gleich: seine tote Frau mit einem himmlischen Lächeln auf ihrem guten Gesicht, seine glückliche Jugend in dieser Stadt, seine fröhlichen Ausflüge mit den Genossen nach Partenkirchen, Starnberg, Berchtesgaden; seinen ersten römischen Winter, den ersten römischen Frühling. Man sagte, in der Todesstunde könne der Mensch sein ganzes Leben noch einmal durchleben. Rudolf Müller durchlebte das seine, während die Eroica über ihn hinbrauste, nicht wie von einem Menschen geschaffen, sondern von einem Gott: von dem Gott, der in der Sistinischen Kapelle die Gestirne schuf und stürmenden Fluges die Finsternis zerriß.

»Geist von dem Geist Michelangelos war Beethoven.«

Er sagte es mit lauter Stimme. Man rief ihm zu: »Ruhe!« Man schaute nach ihm, kam zu ihm, führte ihn hinaus. Man wollte die Sanitätswache rufen. Er verstand und sagte:

»Weshalb? Es geht mir gut. Ich danke Ihnen ... Ob ich allein gehen kann? Gewiß ... Wer ich bin? ... Ein alter Mann ... Danke, danke, danke.«

Allein trat er seinen Todesweg an, die Seele erfüllt vom Geist Beethovens, durchbraust von den Klängen der Eroica und als letzten hellseherischen Gedanken:

»Ein Volk, welches die Eroica und den Faust besitzt, kann nicht besiegt werden! Nicht von einer Welt von Feinden!«

Er ging weiter, lächelnd wie ein Kind.

Ein großer Platz, welchen der plötzlich zum Greis Gewordene unsicheren Schrittes überquerte, gelockt von frühlingsgrünen Wipfeln, ihm gerade gegenüber. Jetzt ein langer bedeckter Gang, in dem er bleibt, da der Wind stärker weht, sein Kopf heftiger schmerzt und es zu regnen beginnt. Grau, alles grau.

Er sieht auf.

An der Wand zu seiner Linken Bilder, Fresken, Farben. Sie stellen Landschaften dar. Gleich bei dem ersten Gemälde bleibt er stehen. Er muß sich besinnen. Das ist ja ? Ein alter Bekannter, ein alter Freund, verehrt, bewundert, geliebt: Rottmann ... Ach ja! Er ist in München. Das ist der Hofgarten, sind die Arkaden, die Fresken Rottmanns, die berühmten Landschaftsbilder von Italien.

Von Italien ?

Er steht vor dem ersten Gemälde, sammelt seine ganze Kraft, versucht zu verstehen, liest, sagt halblaut:

Trient.

»Andere Natur und Gebräuche auch, wo italienisch die Sprache.«

»Schöner wird alles. Es spricht alles erheiternd uns an.«

»Schöner wird alles ?«

Der graue Himmel, trostlos und hoffnungslos; der heulende Wind, sein ausgestoßenes Gemälde; ausgestoßen er selbst von dort, wo »alles schöner wird«; sein wühlender, wütender Kopfschmerz; sein zuckend schlagendes Herz ?

Er wankt weiter von Bild zu Bild. Vor jedem Bilde bleibt er stehen, jedes betrachtet er lange, liest unter jedem stammelnd den Vers des königlichen Dichters von der Villa Malta, der gegenwärtigen »Rosenvilla« in Rom.

Der hat auch das Land gekannt, in dem »alles schöner wird«; hat auch das Land geliebt, das Land der Sonne und Anmut: er, König Ludwig der Erste von Bayern.

»Alter Herr!«

»Ja?«

»Sind Sie krank?«

»Nein. Gewiß nicht. Danke.«

»Sollten Sie nicht lieber nach Hause gehen?«

»Nach Hause. Jawohl, nach Hause. Gleich, gleich!«

»Darf ich Sie führen?«

»Danke, danke.« »Sie sind sehr krank!«

»Ich kann ja gehen; kann sehen; kann lesen. Welcher Name steht dort über dem Bilde? ... Rom! Mein Rom! Lesen Sie. Was steht unter meinem Rom geschrieben? Lassen Sie es mich hören; denn ich kann plötzlich nicht mehr sehen ... Lesen Sie, lesen Sie!«

Das junge Mädchen, welches den kranken alten Herrn angesprochen hatte, las mit unsicherer Stimme:

»Rom.«

»Flieh aus den Mauern von Rom, um das alte zu fühlen ....«

»Um Rom, das alte, zu fühlen.«

Es waren Rudolf Müllers letzte Worte.


Ein Auflauf im Hofgarten unter den Arkaden. Was war geschehen? Einen alten Herrn hatte der Schlag getroffen.

»Ist er tot?«

»Tot.«


Tot Rudolf Müller. Niemand jedoch wußte, wer der Tote war. Er führte nichts bei sich, was über seine Person hätte Auskunft geben können; außer einer Geldtasche mit einigen Hundertmarkscheinen nichts.

Der Tod des unbekannten alten Herrn wurde in den Münchener Zeitungen veröffentlicht und seine Angehörigen aufgefordert, ihn in der Leichenhalle des betreffenden Stadtteils zu rekognoszieren. Viele kamen: Neugierige, Gleichgültige. Sie betrachteten den unbekannten Toten mit dem Antlitz eines Mannes, der das Leben überwunden hatte, siegreich und lächelnd überwunden. Aber kein Angehöriger meldete sich.

So wurde denn der unbekannte alte Herr begraben. Nicht in seinem Rom; nicht auf dem Friedhof bei der Cestiuspyramide, nahe dem Grabe von Goethes Sohn, fand Rudolf Müller seine letzte Ruhestätte, sondern in Deutschlands Erde, in der heiligen Erde seines Vaterlands, welches Deutschlands Heldensöhne mit ihrem Blut und Leben gegen eine Welt von Feinden siegreich verteidigten zu Deutschlands unsterblichem Ruhm.

Rudolf Müller würde in dem geweihten Boden in Frieden ruhen.

In Frieden ?

Zwanzigstes Kapitel

An wen sollen wir uns halten? An die Regierungen? Was bedeutet ihnen der Jammer eines verratenen Volkes! Es sind fünf Jahrhunderte und mehr, daß sie uns verschachern wie die Händler die armen Neger. Es sind fünf Jahrhunderte und mehr, daß sie in uns nichts andres erblicken, als eine Ware für Verhandlungen und Verträge. Sollen wir uns an die Nationen wenden? Die Nationen stehen auf der Seite der Starken ? und wir sind es nicht. Bis heute haben die Nationen kein Gefühl für das Unglück. Vielleicht werden sie uns ein unfruchtbares und kurzes Mitleid schenken. Was nützt das Mitleid? Aber haben sie uns auch nur einen Tropfen Heldenbluts erspart! Hebet nicht das Leichentuch! Können eure Tränen die Leichen wieder beleben?«


»Erinnert euch immer, daß man dem Vaterlande nicht nützt mit Schmeichelei oder indem man auf den Lorbeeren der Väter oder auf den Standbildern der Berühmten ausruht: sie hinterließen euch eine, heute leider befleckte Erbschaft, die zu unsrer Verurteilung dient, wenn wir sie nicht zu vergrößern wissen. Erinnert euch, daß dieses Vaterland, welches ihr nur zu oft mit Stolz erwähnt, Sklave der Fremden ist; daß wir, herabgekommen, ängstlich zitternd, ohne Namen, ohne Recht, ohne Ruhm, ohne bürgerliche und politische Existenz umherirren.«


»Wir ehren das alte Deutschland, das im Zentrum des Kontinents ein Schlachtfeld für den sozialen Gedanken geschaffen hat. Deutschland, das in seiner Brust eine Fackel entzündet, deren Feuer auf die noch ungebildeten Völker sich verbreiten kann, die es umgeben und die es, gemäß seiner Sendung, erleuchten und befreien muß.«


In seiner von Moder durchseuchten Wohnung saß Orazio Petroni und las in einem Werk Giuseppe Mazzinis, dieses großen Patrioten und Menschen. Er las mit halblauter Stimme weiter:

»Wer das Volk unter die Waffen rufen will, muß dem Volk stets das Warum sagen können, jeder, der ein Werk der Wiedergeburt unternimmt, muß einen Glauben haben. Hat er diesen Glauben nicht, so unterstützt er nur Wirren, ruft nur Anarchie hervor, der er weder Grenzen noch Heilmittel verschreiben kann.

»Oh! Eine Last von Verbrechen und Gemeinheit ruht auf italienischer Erde ?«

Weiter las Orazio Petroni nicht, dieser große Patriot, der Italiens Erde mit dem Blut von Italiens Söhnen hatte rein baden wollen von der »Last seiner Verbrechen und Gemeinheit«.


Seine schwesterliche Geliebte hatte ihre Aufgabe erfüllt. Sie hatte ihren jungen Leib hingegeben und als Preis dafür manche Nachricht erlistet, die der großen Sache Italiens dienen konnte: der Mann, der sie ausgesandt hatte, war mit ihr zufrieden.

Auch auf ihrer Seele trug sie es schwer, gleich »einer Last von Verbrechen und Gemeinheit«. Was konnte ihre beschmutzte Seele reinigen? Die Liebe des Geliebten? Denn sie liebte ihn, liebte ihn so leidenschaftlich, als liebte sie zum erstenmal. Die Schmach, daß sie sich an jenen Menschen verloren, hatte er indes von ihr nicht genommen. Jener Mensch war nicht der Deutsche, dem sie sich für anderes, für Höheres als für Geld verkauft hatte, sondern es war der Mann, dessen Name Italien in einem Jubelsturm durchbrauste:

»Mario Mariano, der Große, Gottbegnadete, selbst Göttliche!«

Heute nun sagte Orazio zu ihr:

»Nie wirft du dich mit Orangenblüten schmücken; niemals werden wir beide Hochzeit halten.«

Sie blieb stumm, dachte: ,Niemals wird er mich reinigen von dem, was nicht nur meinen Leib, sondern auch meine Seele beschmutzt ha.,

Orazio fuhr fort:

»Italien wird besiegt werden. Es bedarf nicht einmal der deutschen Barbaren, um es zu besiegen: das von Italien verachtete Österreich genügt, um Italien niederzumachen. Und dieses verachtete Österreich wurde von Italien hinterrücks angefallen, als Italien es bereits halbtot glaubte ? Solche Last von Verbrechen und Gemeinheit ruht auf Italien! Was ich Italien wünschte, wofür ich mich lebendigen Leibes in Stücke würde reißen lassen, wird sich herrlich erfüllen: Das hinterrücks angefallene halbtote Österreich, welches von Italien den Gnadenstoß empfangen sollte, wird Italien besiegen! Niemals jedoch erfüllt sich das, was nach dem einen kommen muß: niemals wird das von einem nicht nur gehaßten, sondern auch verachteten Feinde schmachvoll zu Boden geworfene und zertretene Italien sich wieder erheben! Dadurch sich erheben, weil es niedergeworfen und zertreten ward ... Du hörst doch?«

»Ich höre.«

»Erhobenen Hauptes beging Italien den Treubruch, und sein Genius müßte das Haupt senken, niedergebeugt von der Last seiner Verbrechen und seiner Gemeinheit, um sein Antlitz nie wieder zu den Sternen emporzurichten ... Aber du hörst mich nicht.«

Sie wiederholte:

»Ich höre.« »Was sagte ich?«

»Daß ich niemals werde Orangenblüten tragen dürfen; daß ich niemals dein sein werde.«

»Niemals. Aber das ? Das ist ja ganz gleichgültig.«

»Ganz gleichgültig.«

»Um Italien handelt es sich, nur um Italien ... Begreifst du nicht? Du, die du zu mir gehörst wie kein andres Wesen auf Erden. Und du begreifst nicht!«

»Ich begreife.«

»Was?«

»Daß ich niemals dein werden soll, da ?«

»Warum verstummst du? Sprich! Sprich mir nach: Da Italien aus dem Abgrund seines Sturzes und seiner Schmach niemals sich wieder erheben wird ... So sprich doch!«

Sie sprach ihm nach:

»Da Italien aus dem Abgrund seines Sturzes und seiner Schmach niemals sich wieder erheben wird ?«

»Selbst dann nicht sich wieder erheben wird, wenn nur das verachtete Österreich Italien besiegt, niederwirft, demütigt.«

Auch das sprach sie ihm nach. Orazio rief aus:

»Darum Treubruch und Verrat; darum ein Judas; darum von allen Nationen verachtet!«

»Also hoffst du nichts mehr?... Für uns beide nichts mehr?«

»Für uns? Was schert mich, was mit uns beiden geschieht?«

Da sagte sie:

»Also hoffst du nichts mehr für Italien?«

»Lies, was in diesem Buch über Italien geschrieben steht ... Du sollst lesen!«

Sie las:

»Eine Last von Verbrechen und Gemeinheit ruht auf italienischer Erde ?«

»Hörst du?« »Ich höre.«

»Lies, wer diese furchtbare Anklage wider Italien erhob, von wem Italien verdammt ward.«

»Von Giuseppe Mazzini.«

Der Jüngling, der sein Vaterland heilig liebte und dessen wahre Größe wollte, fuhr fort:

»Höre noch die Stimme eines andern. Auch sie tönt von den Lippen eines Toten. Aus hundertjähriger Gruft spricht sie zu den Lebenden als Seher und Prophet. Niccolo Macchiavelli ruft seinen Landsleuten zu:

»Wartet nur. Es wird eine Zeit kommen, wo die Heerscharen der nordischen Barbaren den Italienern die Augen öffnen werden; dann werden sie die traurige Ohnmacht der Söldner erkennen ... Aber es wird zu spät sein.«

Er wiederholte mit wie zur Verwünschung erhobener Hand:

»Aber es wird zu spät sein

Seiner Natur gemäß glaubte Orazio Petroni jetzt ebenso fanatisch nicht mehr an die Möglichkeit einer Wiedergeburt Italiens durch diesen Krieg, wie er ehemals fanatisch an Italiens Erhebung, Größe und zukünftige Herrlichkeit geglaubt hatte. Er aber wollte Italiens Schande nicht überleben.

Zusammen mit ihm sollte auch die Geliebte sterben.

An dem Tage, da Rom den Besuch des französischen Ministerpräsidenten empfing, wollten die beiden sich im Tode vereinigen. Vermählung wollten sie feiern.

Die Februarsonne schien mit Frühlingsglanz auf die Römer herab, die dem französischen Bundesgenossen triumphierenden Einzug bereiteten; auch dieses Mal wieder bestochener Gassenpöbel. Von neuem mußten Millionen verteilt werden; von neuem mußte der Advokat Minardi den Agenten, den Kuppler machen; von neuem wurde in den Herzen der Römer die Flamme der Begeisterung, der Siegeszuversicht, der Glorie Italiens entzündet, klägliches Theaterfeuer.

Frühlingssonne und Frühlingswonne über Rom! Niemals hatten auf Tusculum die Veilchen so frühzeitig geblüht; niemals schienen die Lerchen über Roms Campagna ihre Frühlingshymnen so jubelnd gesungen zu haben wie an dem Tage, an dem die beiden ihren Todesweg antraten,

»Unser Hochzeitstag bricht an, in dem Scharlach der Kaiserfarbe ? der Farbe der Revolution!«

Mit diesen Worten begrüßte Orazio den Tag.

Silvia hatte die armselige Wohnung gereinigt; hatte Lorbeer und wilde Myrten über den Boden gestreut und Sträuße roter Orchideen vor das Fenster und auf den Tisch gestellt. Jetzt legte sie ihr Festgewand an, nahm einige der glühenden Blumen und steckte sie sich ins Haar.

Darauf traten beide zum letztenmal über die Schwelle ihres armseligen Heims. Sie verschlossen es und gaben den Schlüssel einer Nachbarin, einem alten bresthaften Weibe, mit dem sie häufig das Brot ihrer Armut geteilt hatten, sagten zu der Greisin:

»Heute halten wir Hochzeit!«

»In welcher Kirche?«

»Unter Gottes ewigem Himmelsdom.«

»Ohne Priester?«

»Mit der Gottheit.«

»Ihr armen Verlorenen! Ihr für alle Ewigkeit Verlorenen!«

»Legt Eure Hand auf unsere für die Ewigkeit vereinigten Hände. Es wird für uns eine Mutterhand, also ein Segen sein.«

»Gesegnet möget ihr sein!«

So wurden denn auch sie getraut. Sie gingen. In andrer Richtung schlugen sie den nämlichen Weg ein, den sie in jener stürmischen Winternacht zuerst miteinander gegangen waren.

Sie gingen die Flaminische Straße; gingen durch das Tor des Volkes; gingen den Korso hinauf, vorüber an dem Hause, in dem der große deutsche Dichter gewohnt hatte, ein Mann aus dem Lande jener Barbaren, denen Italien gleichfalls die Treue gebrochen.

Sie gingen weiter durch das erwachende Leben der großen Stadt, wo die Scharen der Bezahlten sich bereits zusammenrotteten; gingen vorüber an Café Aragno, wo Italiens Politik, Italiens Zukunft und Schicksal geschmiedet wurde; gingen vorüber an Piazza Colonna, auf deren Säule der Apostel seit dem letzten Erdbeben in den Abruzzen sein Haupt vom Monte Cittorio, dem Palast der Regierung, darin Italiens Untergang beschlossen ward, abgewendet hatte; gingen zum Venezianischen Platz, erstiegen den Marmorberg des Monuments König Viktor Emanuels bis zur höchsten Terrasse; warfen einen letzten langen Blick auf das ihnen zu Füßen liegende Rom; hörten den Jubel der Römer, der die eintriumphierenden Franzosen umbrauste, und Orazio Petroni sprach als Abschiedsgruß an Italien Dantes gewaltige Strophen aus dem sechsten Kreise seines »Fegefeuers«, an Italien gerichtet:

»Sklavin Italia, alles Leids Kastell,
Schiff ohne Steuermann im Wirbelwinde,
Nicht der Provinzen Herrin, nein, Bordell!

Du bietest den Lebendigen überall
Nur Krieg, und schon zernagen sich die Leute,
Die doch umhegt ein Graben und ein Wall!

Unselge, such an deinen Küsten heute
Und schau in deine Brust, ob ringsumher
Ein Ort ist, der sich Friedens noch erfreute ?«

Sie umschlangen sich, hielten sich fest Brust an Brust, warfen sich hinab. Ihr vermähltes Blut rötete die von der Frühlingssonne verklärte, goldig strahlende Bildsäule des Herrschers, der Italien zwar hatte einigen, aber nicht hatte groß machen können.

Nicht einmal Italien hatte bewahren können vor Verrat und Schande.

 
Ende.


Am 23. Mai 1916, dem Tage der großen Nationalfeier, an dem Italien den ersten Jahrestag seines Verrats festlich beging.


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