Brutus auch Du

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Erstes Kapitel

Die Seele der Marchesa Margherita di San Silvestro durchtobte ein Sturm aller durch ihre Leidenschaft für den apollinischen Wüstling aufgewühlten Empfindungen. Vergeblich versuchte sie bei dem Aufruhr zu sich selbst zu kommen; wieder zu werden, was sie gewesen war: eine Frau, die inmitten des großen Lusthauses Rom ihre Lauterkeit bewahrt hatte und das selbst in ihren geheimsten Wünschen und Träumen. Jetzt hatten diese die Küsse des Geliebten verpestet. Kaum, daß sie in immer seltener werdenden Augenblicken zu dem Bewußtsein gelangte: wie war es möglich, dahin gebracht zu werden, so tief zu sinken? ... Zu sinken: welches Wort! Als würde die Frau durch die Liebe ? durch die wahre große Liebe zu einem Manne ? nicht emporgehoben aus Abgründen zu Gipfeln, zur Sonne empor! Auch dann emporgehoben und verklärt, wenn die Frau eine Ehebrecherin war. Liebe? Wurde dieses dreifach heilige Wort durch das Gefühl, welches die Geliebte Mario Marianos erfüllte, nicht entheiligt? War die Empfindung, der sie den höchsten Namen gab, nicht Leidenschaft, Rausch, Taumel der Sinne, geweckt und zum Ausbruch gebracht von einem Manne mit dem Körper eines Dionysos, dem Gesicht eines Faun und der Seele eines Vampirs. Und dieser selbe Mann sollte ein Dichter sein, auf den Pfaden eines Dante aufsteigend zu Italiens Parnaß? Als könnte aus dem Niedrigsten das Höchste geboren werden, aus dem Erhabensten das Gemeinste? Es wäre eine Verirrung der Natur gewesen, die ja doch von dem Wesen Gottes ist ...

Mario Mariano verkehrte in dem Palazzo des Marchese als erklärter Freund des Hauses. Bei den Empfängen im Palast San Silvestro vertrat der Dichter häufig den Hausherrn, der in einem andern Salon die nämliche Gastrolle gab, im Klub beim Bridge saß oder sonstwo dringend beschäftigt war. Niemand nahm Anstoß daran. Für die Romulusenkel, wie die Römer selbstherrlich sich nannten ? in Wahrheit waren sie Abkömmlinge entlaufener Sklaven und Freigelassener aller Nationen, darunter nordischer Barbarenstämme ? für diese »Romani di Roma« gab es nicht das Zitat aus Hamlet, im Staate Dänemark sei etwas faul. Im Gegenteil! Der Staat Dänemark befand sich in blühender Gesundheit; der Staat Dänemark hatte seinen zweiten Afrikakrieg glorreich zu Ende geführt und ging mit Riesenschritten seiner von neuem auferstehenden Größe, seiner zweiten Wiedergeburt, entgegen, an der Wagschale der Geschicke der Völker das Zünglein, Wie also hätte im Staate Dänemark etwas faul sein können?

Eifersucht? War das möglich? Eifersucht einer einstmals edlen Frau auf ein junges reines, und holdes Geschöpf. Eifersucht der Mutter auf die eigene Tochter ?

Als die Marchesa dieser Empfindung sich bewußt ward, glaubte sie dem Wahnsinn nahe zu kommen. Aber um des Geliebten, um ihrer eigenen Liebe willen, mußte sie bei Sinnen bleiben. Also rang sie gegen den Dämon, der drohte, über sie Macht zu gewinnen. Sie liebte ihre Tochter, die von dem Liebreiz einer Elfe war, und deren Erscheinen in der Gesellschaft mit Entzücken begrüßt wurde. Bisher war die majestätische Schönheit der Mutter gefeiert worden, fortan huldigte man der kindlichen Holdseligkeit der Tochter, und das in Gegenwart der Mutter, die auf den Erfolg ihrer Tochter hätte stolz sein müssen. Dabei ahnte das Kind seinen Triumph nicht einmal. In glücklicher Unbewußtheit, unberührt von der Schmeichelei der Gesellschaft, glitt Nicoletta durch die neue Welt, die voller Gefahren sein sollte. So wenigstens war es ihr an dem Abschiedstage im Kloster von ehrwürdigen Lippen verkündet worden. Im hellen, immer noch kindlichen Gewande, mit irgend einer Blume geschmückt, stand sie neben ihrer königlichen Mutter, die im Tiefsten erbebte, sah sie auf die holde Gestalt die Augen des einen gerichtet, mit jenem gewissen Ausdruck im Blick, der den Körper der Frau aller Hüllen entkleidete; jenem gewissen Lächeln um den Mund, dessen Küsse vergifteten. Ein Blick und ein Lächeln wars, von der bebenden Frau nur zu gut gekannt. Aber Eifersucht auf die eigene Tochter ? Daß es auf der Welt dergleichen gab! Als ob es nicht die Welt aller Möglichkeiten und ? Unmöglichkeiten gewesen wäre? Selbst der furchtbarsten, grauenvollsten, unmenschlichsten. Also war es auf dieser Welt auch möglich, daß die Liebe einer Mutter zu ihrem einzigen Kinde sich wandeln konnte in Eifersucht, in ? Haß. Es war ausgesprochen! Furchtbar und grauenvoll wars; es war unnatürlich, unmenschlich; aber es war so.

Und furchtbar war für die Frau, die eine treue Gattin und gute Mutter gewesen, daß sie zu bemerken glaubte, wie Blick und Lächeln des Geliebten jene Macht auf ihre Tochter auszuüben begann, die so vielen Frauen zum Unheil, zum Schicksal geworden. Wenn er sprach: große Gedanken und große Gefühle in großen Worten, schien auch das Kind dem Zauber seiner Stimme zu verfallen. Nicoletta lauschte darauf leuchtenden Blicks, verklärten Ausdrucks. Sie verstand nicht des Dichters hohen Geistesflug ? er hatte Adlerschwingen ? ,aber allein die Musik seines Organs durchtönte die Seele des lieblichen Wesens, welches von der Welt bisher nur die Zellen des Klosters gekannt, nur die Blumenwildnisse des hoch ummauerten Gartens und die Hallen des Gotteshauses. Und nun plötzlich ? Dichterworte mit diesem Lächeln, diesen Blicken zu ihr gesprochen: allein zu ihr! So wenigstens schien es der Mutter, die jeden Blick, jedes Lächeln beobachtete, förmlich belauerte. Nicht mehr ihr galten die Dithyramben des Mannes, der als Italiens Genius galt, sondern einer andern, und diese andere war ihre eigene Tochter! Vielfach verspottet und von den Redlichen seines Vaterlands von ganzem Herzen verachtet, ja, voller Widerwillen betrachtet, wurde Herr Mariano dennoch bewundert. Ein Wüstling und käuflicher Liebhaber, galt er als der Hohepriester vaterländischer Dichtung, der seiner Gemeinde das Sakrament der Poesie erteilte. Von Lippen, deren Küsse Roms Hetären aller Gattungen kannten, ließ sich Italien während seines afrikanischen Raubzuges das Evangelium der Vaterlandsliebe verkündigen. Und diese feilen Lippen sprachen, begleitet von einem bezaubernden, einem berückenden Lächeln zu Italiens Frauen und zu Italiens geistigem Volk ...

»Abgründe der Menschenseele.«

Mario Marianos Geliebte hatte davon gelesen und gehört. Sie hatte darüber nicht nachgedacht, daran nicht geglaubt. Und nun plötzlich ? Furchtbar die Erfahrung, grauenvoll die Erkenntnis! Was tun? Wiederum sagte sie sich: ?Du mußt dagegen ankämpfen, gegen das Unnatürliche und Unmögliche. Ringen mußt du mit dem Dämon!? Sie versuchte es, kämpfte und rang. Vergebens! Es gab in der Menschenseele Tiefen, die ? eben Abgründe waren. Sie suchte Zuflucht bei Gott. Aber Gott nahm sie nicht auf. Sie betete. Aber ihre Gebete blieben leere Worte. Sie beichtete ihre Schuld. Aber der Priester verdammte sie. Von ihrem Gott und ihrer Kirche verlassen, flüchtete die Verstoßene in die Arme des Geliebten.

Ihm bekannte sie: »Mea colpa! Mea colpa! Mea massima colpa!« Vor diesem Priester beschuldigte sie sich selbst, eine unnatürliche Mutter zu sein; diesen Beichtiger flehte sie an, sie freizusprechen von ihrer Schuld; dieser Verderber sollte ihr helfen, sie retten.

Und er?

Er sprach nicht, sondern lachte; half ihr nicht, sondern küßte sie.

Sie trank seine Küsse wie eine Verschmachtende den Trunk der Quelle, schlürfte von seinen Lippen das seligmachende Gift und glaubte wieder: glaubte an seine Leidenschaft für sie, an seine Liebe zu ihr ...

Je höher sein Ruhm stieg, um so mehr bedurfte der Dichter des Geldes; je strahlender seine Glorie, um so größer wurden die Summen. Im nahen Gebirge mietete er ein dem Fürsten Barberini gehöriges Landhaus. Es lag hoch oben am Rande des Albanersees, umgeben von einem Park, der trotz seiner Verwilderung ein Wunder südlicher Vegetation und Romantik war. Die Villa ? ein verödetes Gebäude ? richtete er vollständig neu ein, mit einem Luxus, wie ihn weder Rom noch London noch Paris kannte; mit einer Verfeinerung, die Verfall war: »Dekadenz«. Er gab Feste, zu denen der Enkel kalabresischer Bauern und Banditen Roms große Welt einlud, und ? diese kam! Die Gäste verachteten den Wirt; aber ? schändlich sowohl für die einen wie für die andern ? sie kamen! Die Marchesa Margherita di San Silvestro half empfangen; doch kam es noch immer nicht zu einem Skandal; wohl deshalb noch immer nicht, weil man die Feste in der Villa Barberini besuchen wollte, auf welchen, neben der majestätischen Mutter, in all ihrem Liebreiz die Tochter stand. Diese Feste des Herrn Mariano, die nicht nur berühmt, sondern wegen ihres ausschweifenden Luxus bei den Herrschaften berüchtigt waren, bezahlte die Marchesa. In absehbarer Zeit würde die Dame jedoch nicht mehr bezahlen können. Auch daran dachte die Frau voller Verzweifelung, ebenso wie an ihr unausbleibliches Altern und ihre nachgerade unförmlich werdende Gestalt.

Herr Mariano schrieb Romane und Dramen. Ihr Ruhm erfüllte Italien, Europa, die Welt. Er schrieb die Geschichten seiner Leidenschaften; schrieb sie rückhaltlos, rücksichtslos. Er tat, was ein Zuhälter von Gassendirnen nicht getan hätte: er wies auf die Frauen, die ihm sich hingaben; wies auf sie so deutlich, daß Italien mit Fingern auf sie zeigte: »Diese ist es! Diese! So sind ihre Liebesstunden; so ihre Küsse; so ihre geheimsten Reize. Ist es nicht köstlich? ? flüsterten sich Italiens Lebemänner zu. »Köstlich, Mario Marianos Liebesstunden in der Phantasie mitgenießen zu können! Von ihm mag es gemein sein; für uns ist es jedenfalls unsäglich amüsant.«

Und Herr Mariano schrieb den Roman seiner Leidenschaft für die bis dahin tugendhafte, ja ehrbare Marchesa Margherita di San Silvestro. Nicht nur, daß er den Roman schrieb ? Der Verfasser selbst las ihn seinem Urbilde vor. Aus dem Munde des Geliebten konnte die Frau hören, wie ihre Liebe zu ihm allmählich bis zur Tollheit sich steigerte; wie ihre Küsse ihrem Liebhaber zum Überdruß wurden; konnte sie hören, wie ihre Reize allmählich alterten, ihr Fleisch allmählich welkte. Nicht nur sie konnte es hören ? Hören konnte es Italien, Europa, die Welt. Denn es war die Welt, welche die Schriften des Herrn Mariano las.

Die Heldin von Herrn Marianos neuestem Roman hörte der Vorlesung zu. Sie hörte ? hörte ? hörte. Das war er und das war sie. So liebte sie ihn, und so schilderte er ihre Liebe. Die Liebe einer Dirne wars. Liebe? Nicht doch! Es war die Leidenschaft, Sinnlichkeit, Wollust einer Dirne, einer alternden, verblühenden, verwelkenden. Und das von ihm selbst geschildert! Sie, die einstmals von keinem Hauch Berührte, die einstmals treue Gattin, gute Mutter und anständige Frau, die sich von ihrer Liebe zu einem Gottbegnadeten auf Bergeshöhen erhoben fühlte, von dem Geliebten selbst in tiefster Erniedrigung einer Frau an den Pranger gestellt! Wenn das nicht Wahnsinn war, so gab es nichts, auf Erden nichts, was von Sinnen brachte.

Zusammengekauert hörte die Unselige zu. Auch jetzt noch lauschend auf den Wohllaut, mit der er ihr einstmals seine sinnbetörenden Worte zugeraunt hatte. Sie hörte und sie fühlte:

?Er hat recht. Du bist das, was er sagt: bist Dirne ? Dirne ? Dirne! Bist alternd, verblüht, welk ... Deine Küsse ? Mutter Gottes, reine Jungfrau des Himmels! Er schildert deine Küsse! Du Verworfene! Wie darfst du den Namen der Unbefleckten in den Mund nehmen, der nach seinen Küssen lechzt: selbst jetzt noch! Das ist das Letzte, das Ende, Was bleibt dir jetzt noch zu tun übrig? Zu sterben ... Ich kann nicht, kann nicht! Denn ? Nicht denken! Du müßtest dein Haupt, das solche Gedanken denken kann, an dieser Mauer zerschellen. Du stirbst nicht, bleibst leben, bist schwach, feige, erbärmlich; denn ? ? Herr des Himmels und der Erde, nimm mir meine Vernunft, damit ich nicht mehr denken kann. Es ist eine Folter, zwanzigfach grausamer als der grausamste Tod, Gekreuzigter Heiland, erbarme dich meiner!?

Als Herr Mariano geendet hatte, raffte sie sich auf und stand vor ihm, ein Bild zerstörter Hoheit. Mit dem Antlitz einer Sterbenden fragte sie ihn:

»Das schriebst du?«

»Ich«

»Über mich.«

»Über dich.«

»Über meine heilige Liebe, über meine aufopfernde Hingabe schriebst du solches?«

»Über deine ? Erspare dir selbst das Wort.«

»Mir soll ich es ersparen?«

»Über das, was du heilig und aufopfernd nennst.«

»Das sagst du mir?«

»Wie du hörst.«

»Du willst diesen Roman veröffentlichen?«

»Deshalb schreibt man Romane. Die meinen erscheinen in sechs Sprachen zugleich.«

»In sechs Sprachen zugleich soll man lesen, daß ich mich durch meine Liebe zu dir prostituiere; soll man lesen, wie gierig meine Küsse sind; soll man lesen, wie ich alternd, welkend, verblüht, immer noch lechze nach deinen Küssen?«

»Tust du das nicht?« »Pfui über mich!«

»Also!«

»Du schriebst es, du zeichnetest mich, drücktest auf meine Stirn das Dirnenmal?«

»Ich.«

»Verworfener, Verruchter, Verfluchter! ... Verzeih mir. Ich bin ? du siehst ja, was ich bin; was du aus mir gemacht hast.«

»Ich sehe, übrigens hast du es gehört.«

»Aus deinem eigenen Munde! ... Und du willst den Roman meiner Schande wirklich als Buch erscheinen lassen?«

»Da ich Geld brauche ?«

»Wieviel brauchst du?«

»Viel.«

»Nenne die Summe.«

»Sie ist hoch.«

»Nenne sie!«

Er tat es. Sie sagte ihm:

»Wenn das Buch erscheint, muß ich meinen Gatten verlassen; werde ich geächtet sein, werde ich ?«

Sie konnte nicht weitersprechen. Auch er schwieg, sah sie an mit dem Blick eines Dämons, dem Lächeln eines Fauns. Endlich stieß sie hervor:

»Wenn du die Summe, die du brauchst, erhältst, so ?«

»So habe ich nicht nötig, mein Buch erscheinen zu lassen.«

»Es ist das Letzte, was ich besitze. Nach diesem Letzten werde ich arm sein.«

Er zuckte die Achseln.

»Wenn ich arm bin, so wirst du mich verlassen ... Mario! Mario! Wirst du mich dann verlassen? Aus Barmherzigkeit sage es mir. Sage mir ein Wort. Nur ein einziges, das mir das Leben wiedergibt. Denn sieh, ich bin sterbend.«

»Du Arme!« »Ich danke dir. Du hast Mitleid mit mir! Ich danke dir, Geliebter, Einziger, Angebeteter, mein Heiland und Gott!«


Sie verschaffte ihm das Geld, welches er brauchte. Sie war nun eine arme Frau. Aber ? Er hatte Mitleid mit ihr, und war Mitleid nicht Liebe?

An dem nämlichen Tage, an dem Herr Mariano von der Frau, die durch die Leidenschaft für ihn um ihre letzte Würde gebracht worden, die hohe Summe erhielt, unterzeichnete er den Vertrag über seinen neuesten Roman, der in sechs Sprachen zugleich erschien.

Und dieser Mann sollte Italiens Heros werden!

Zweites Kapitel

Endlich fand sie die Kraft, sich loszureißen; vielmehr, zu entfliehen. Von der mütterlichen Hinterlassenschaft, die sie zu einer der reichsten Erbinnen des Landes gemacht hatte, war ihr als Letztes ein kleines Besitztum geblieben, Es lag an der lateinischen Meeresküste, zwischen Porto dAnzio und Ostia und bestand in einem über zyklopischen Unterbauten aufgeführten mittelalterlichen Kastell, nebst den Hütten einiger Hörigen inmitten von Wildnis und Sumpf: Fieberland! Der Marchese di San Silvestro führte gegen seine Gattin einen Prozeß, den zu gewinnen er sicher sein durfte. Die Tochter ließ er bei der Mutter. Seiner Geliebten wegen wäre dem Herrn die Anwesenheit des jungen Mädchens lästig gewesen. Einstweilen wenigstens.

Also folgte Nicoletta ihrer Mutter in eine Einsamkeit, die Einöde war. Überdies ein Seuchenherd. Allerdings lag das Haus, welches den stolzen Namen eines »Palazzo« führte, auf steil abfallendem Tufffels hoch über den Sümpfen. Diese waren im Frühling von schier unirdischer Schönheit. Ein Paradies wars, das die Hölle eines Siechtums verbarg, für das der Tod als Erlöser, als Wohltäter galt.

Rings um das Kastell des alten Fürstengeschlechts ? die Marchesa war eine geborene Prinzessin Montalto ? deckten Blütengefilde das Land, dem zur Sommerzeit die verderblichen Nebel entstiegen. In diesen Dünsten schwärmten die Moskitos, deren Stich dem Menschen das tödliche Gift einätzte. Gleich einem Symbol bestand der Blütenteppich aus Asphodelen, den homerischen Blumen des Hades, des Totenreichs der Antike. Aber Nicoletta bestaunte die rosigen, hyazinthenähnlichen Dolden, die sich aus dem bläulichen Blattwerk erhoben, Stengel an Stengel. Bis zu dem gelben Gestade, bis zu der glanzvollen Meeresflut ergoß sich der Rosenschimmer der Asphodelenblüte. Kleine vergißmeinnichtblaue Falter flatterten darüber hin in solchen Mengen, daß sie einem hin und her wogenden Gewölk glichen. Blaudrosseln mit strahlendem Gefieder stiegen daraus empor und erfüllten mit ihrem flötenden Gesang die Lüfte: das Totenland war um die wonnige Zeit des Frühlings eben Märchenland, in dessen blühende Wunder die Tochter der unseligen Frau mit hellem Jubel sich stürzte. Ihr bis zur Brust stieg die Asphodelenflut. Die blaßblauen Falter mochten die junge Gestalt für eine Blume halten; denn sie setzten sich auf ihr goldiges Haar, auf Schultern und Brust. Das Leben in diesen Gefilden wurde zur Dichtung.

Oder die Marchesina ritt ihren kleinen schwarzen Renner, der so jung und so voller Jugendfeuer war wie die Herrin selbst. Zwei bewaffnete Diener begleiteten das Kind des Herrenhauses; denn selbst nahe den Toren Roms war die Campagna in jenen Gegenden noch immer Banditenland. Die kleine Kavalkade sprengte durch den Buschwald, der Urwald war. Hier gab es keinen andern Weg als den von Büffeln und Wildschweinen getretenen Pfad. Das Unterholz bestand aus Myrten und Mastix, aus Lorbeer und Laurustinus, darunter ein Teppich von Zyklamen und Orchideen sich ausbreitete, darüber hohe Korkeichen aufstiegen, bis zum Wipfel von blühendem Gerank durchwuchert, jeder Ast und Zweig umsponnen, umstrickt von den blauen, rosigen, gelben Blüten der Wucherpflanzen. Sie kletterten die Stämme hinan, stürzten sich in dichtem Gefäll hernieder, krochen am Boden hin, durch all das Buschwerk, durchschlängelt auch dieses in der Üppigkeit tropischer Urwaldpracht. Wildnis wars und Herrlichkeit zugleich! Das holdselige Frauenwesen, welches aus staunenden Augen die Schönheit der Erde sah, fühlte die ganze Wonne ihrer Freiheit und Jugend.

Und dennoch ?

War es Sehnsucht, was ihr Gemüt bisweilen beschlich? Sehnsucht wonach? Sehnsucht nach ? wem? Das war für die Mutter die Frage, die diese unablässig beschäftigte, sie peinigend bis zur Qual. Sollte das Kind ? denn ein solches war es ja doch noch immer ? nach jenem Blick und Lächeln, jener Stimme sich sehnen, deren Magie die Mutter gewaltsam entflohen war, und das bis in die Einsamkeiten am Meeresstrand? Sollte die Tochter von der nämlichen Sehnsucht ergriffen sein, von welcher die Mutter verzehrt ward? Geflüchtet war sie. Aber war sie es aus der Erkenntnis, daß jener Mann ein Verderber, ein Dämon sei, der Unreinste aller Unreinen? Oder aus Scham, weil der Skandal, der »éclat«, endlich doch gekommen war, zugleich mit ihrem finanziellen Ruin? Wenn sie den Mut zur Selbstprüfung gehabt, so hätte sie erkennen müssen: sie war ihrem satanischen Geliebten entflohen aus ? Eifersucht auf ihre Tochter. Keine Erniedrigung wäre für die Frau tief genug gewesen, wenn sie ihr nur ermöglicht hätte, in seiner Nähe zu weilen, um sich von ihm von neuem zertreten zu lassen, wenn er sie danach nur emporgezogen und in seine Arme geschlossen hätte. Ja ? Wer kennt die Abgründe in einer Menschenseele, in der Seele der Frau?

Diese Frau hatte dem Geliebten gegeben, was sie zu geben hatte: Ruf, Ehre, Stellung, Vermögen, Leib, Seele; und sie fühlte sich elend, verzweifelnd, weil sie ihm nicht mehr geben konnte: nicht auch ihr Leben; ihr Leben Hauch für Hauch. Was hätte er damit beginnen sollen? Höchstens als Schluß eines Romans, ein höchst banaler Schluß, den er, der große Künstler, würde verachtet haben. Nicht einmal ihr Leben konnte sie ihm zu Füßen legen. Und zu allem Jammer jetzt ihre Tochter ?

Wie, wenn das Kind in der tiefen Einsamkeit des neuen Aufenthalts nach dem Entfernten sich sehnte; wenn das Kind ? es war eben doch kein Kind mehr! ? in seiner Phantasie des Entfernten Bild sich malte in den leuchtenden Farben der Verklärung? Sie hatte Nicoletta verheiraten wollen. Bewerber fanden sich genug für das reizende Geschöpf, Söhne erster Geschlechter. Mit einer ganz ungewöhnlichen, ganz unverständlichen Gleichgültigkeit hatte sich das junge Mädchen selbst dem liebenswürdigsten der Jünglinge gegenüber verhalten. Allerdings wurde die Tochter so wenig gefragt, wie es bei der Mutter der Fall gewesen. Also wurde eine Heirat beschlossen und alles war bereits »kombiniert« ? wie das große Wort lautete. Da kam der Zusammenbruch, der Skandal, die Flucht der Mutter mit der Tochter in eine Wildnis. Eine der verwöhntesten und kultiviertesten Namen der Gesellschaft, empfand die Marchesa das Leben in dem burgähnlichen Gemäuer über den Sümpfen als geradezu unerträglich. Hätte dieses Leben jedoch der Geliebte mit ihr geteilt, so wäre es für die Frau der Himmel auf Erden gewesen. Sie hatte ihre Kammerfrau mitgenommen, deren Mutter und Großmutter bereits in dem Dienst des großen Hauses gestanden, und für die Abendmahlzeit machte sie regelmäßig Toilette: tiefer Ausschnitt, doch ohne Schmuck: ihre Diamanten und Perlen waren längst durch falsche Steine ersetzt, ihre Smaragden und Rubinen heimlich verkauft worden: für den Geliebten, der für den viel zu geringen Erlös irgend ein kostbares Gerät, eine Antike oder ein Gemälde aus dem Quatro Cento erwarb. Denn Schulden zu bezahlen, dringende Gläubiger zu befriedigen, dafür war Herr Mariano längst viel zu groß geworden. Die Marchesa konnte auch ohne Smaragden und Perlen bestehen, besaß sie doch eine Büste, deren Schönheit einst die Bewunderung Roms erregt hatte. Jetzt mußte sie mit allerlei Mitteln nachhelfen, um ihrem »welken« Fleisch jugendliche Frische zu verleihen, und auch diese halfen nicht mehr. Ihr alter Kammerdiener hatte sie ebenfalls nicht verlassen. Beide Getreuen dienten ohne Lohn, hielten es für eine Ehrenpflicht, der geliebten Herrin dienen zu dürfen. Als Koch betätigte sich irgend eine geheimnisvolle Persönlichkeit; jedenfalls wurde der Marchesa und der Marchesina nach allen Regeln vornehmen Lebens Colazione und Pranzo serviert. Übrigens gab es genug zu kochen und zu backen. Täglich erschien auf der Tafel ? das Tischtuch hatte Löcher und das Geschirr zerbrochene Ränder und Sprünge ? eine Platte Makkaroni oder sonst eine ländliche Speise. Einer der Hörigen ? alle litten sie beständig am Fieber ? schoß eine Wildtaube, Schnepfe oder einen andern Sumpfvogel, brachte einen Fisch und allerlei unheimliches Meergetier: Krabben, Seeigel, Polypen. Es gab wilde Artischocken und im Buschwald milde Spargel. Mit einem Wort: die Tafel war vortrefflich bestellt.

Aber das Haus ?

Gewaltiges zyklopisches Mauerwerk, dessen Ursprung bis in dunkle Sage hinabreichte, bildete die Fundamente, die an einigen Stellen in den Fels eingesprengt waren, der sich steil über dem Sumpfland erhob als eine natürliche Festung. Über den Bauten eines längst vergangenen Geschlechts hatten die Jahrhunderte weiter geschafft, bald diese, bald jene Zeit, und jede Zeit nach ihrem Bedürfnis. Archäologen und Historiker hätten an dem seltsamen Bau die Freude des Forschers gehabt; weniger bezeigten dies die Nachkommen einer neuen, auch schon seit Jahrhunderten bestehenden Generation, die sich noch vor einem Säkulum in dem festen Hause wider Piraten und Banditen verteidigen mußten. Die Nachgeborenen ließen das Haus veröden, verfallen, zur Ruine werden.

Selbst einige der Gemächer waren in den nackten Fels eingehöhlt und hatten vor Nässe triefende Mauern. Von den Wänden hingen noch die Reste kostbarer Bekleidungen herab, zerrissen und vermodert; der Fußboden bestand aus brüchigen Ziegelsteinen; Ahnenporträts blickten aus Rahmen, die sich vor Feuchtigkeit lösten, auf die Bewohner nieder; unter den notwendigsten Geräten befanden sich Tische mit Platten aus antikem Marmor: »giallo« und »rosso antico«. Aus den Säulen und Gebälken, den Torsen und Inschriften hätte sich mit leichter Mühe ein kleines Museum zusammenstellen lassen. Kaiserbüsten galten gleich gemeinem Gestein, Sarkophage wurden als Brunnendecken und Waschtröge benutzt, Statuen waren in die Wände eingemauert. Dabei ringsum Einsamkeit, Sumpf, Schweigen, Feierlichkeit. Nicoletta, das Kind, das kein Kind mehr war, erlebte jeden neuen Tag als neues Wunder.

Aber die Sehnsucht ?

Das Kastell wurde gekrönt von einem Turm, von dessen Zinnen einstmals die Wächter nach heranziehenden Feinden ausspähten. Diese kamen zu Wasser und zu Land. Jetzt stand häufig die hohe Gestalt einer Frau auf dieser Warte und schaute unbeweglich aus: auch spähend, auch wartend.

Nach Rom hin schaute sie, regungslos, starren Blicks. Häufig scheuchte sie erst die einbrechende Finsternis herab, wenn dem Boden die giftigen Dünste entquollen. Gleich grauen Geisterzügen umschwebten sie Fels und Palast. Selbst im Hause, in ihren Gemächern, lauschte die Wartende auf den Hufschlag eines Pferdes, auf den Wohllaut einer geliebten Stimme, auf eine Rückkehr.

Er mußte ja kommen!

Ob auch das Kind lauschte? Auch die Tochter ersehnte? Auch das junge Mädchen heimlich hoffte?

Drittes Kapitel

Rudolf Müller war Großvater geworden: ein kleiner Minardi war geboren und noch an demselben Tage katholisch getauft: Vittorio, Giuseppe, Amerigo.

Also keine Taufe, die Tante Minchen hätte festlich ausrichten können; keine Taufe in der deutschen protestantischen Kirche des Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol; kein Rodolfo unter den drei Vornamen! Der Giuseppe nach dem großen Freiheitshelden Garibaldi; der Vittorio nach Italiens drei savoyischen Königen; der Amerigo nach dem Herrn Vater des kleinen Weltbürgers, dieser selbst ein kaum lebensfähiges schwächliches Geschöpf, daher seinem Vater durchaus nicht ähnlich, was der in seiner Eitelkeit tief Getränkte der Mutter niemals verzeihen würde.

Rudolf Müller der Großvater eines katholischen Enkels, der nicht seinen Vornamen führen durfte ? Es war doch nicht so leicht, war ? wie so vieles andre ? schwerer zu ertragen, als man damals sich vorgestellt hatte: damals! Man mußte jedoch versuchen, damit fertig zu werden. Jedenfalls war die Mutter glückselig: jetzt mußte alles gut werden! Hatte sie doch ihrem Gatten einen Sohn geboren, in einer Niederkunft, die der Mutter fast das Leben gekostet. Doch daran dachte sie nicht. Wann dächte daran eine Mutter? Dem Kinde des geliebten Mannes das Leben geben und sterben ? Der Tod hätte für die Frau keinen Stachel gehabt, so schön es auch gewesen wäre, mit dem Kinde des geliebten Mannes leben zu dürfen. O ihr Frauen, ihr Märtyrerinnen, ihr Heldinnen, Heiligen! Tempel sollten die Männer euch bauen, Altäre für euch aufrichten, Rosen und Marienlilien zu euren Füßen streuen, geweihte Kerzen vor euren Bildnissen entzünden, Andacht davor halten ? Daß der Knabe kein Cherub war ? bei solchem Vater! ? warf Herr Minardi der Mutter tagtäglich vor. Er machte ihr daraus ein Verbrechen, mißhandelte die Frau in ihrem Kinde, sie dadurch schmerzlicher treffend, als schlüge er ihr mit geballter Faust ins Gesicht: traf er doch damit das Herz der Mutter. Auch daß diese ihr Mutterrecht sich nicht nehmen ließ und ihr Kind selbst nährte, ward ihr nicht verziehen: war doch die Amme ? die »balia« ? das Prunkstück einer jungen Ehe, überdies der sehr kostbare Beweis für den Wohlstand des Haushalts. Denn schon die Ausstattung einer Amme kostete ein kleines Kapital; außer den verschiedenen prächtigen Kostümen, dem Bandwerk und Kopfputz in Atlas und Seide, gehörte dazu womöglich ein Goldschmuck. Alle diese Herrlichkeiten hätte sich Herr Minardi von dem Gelde seiner Gattin recht gut leisten können; aber Frau Romana beugte sich hierin nicht unter ihres Mannes Willen, dem dieser brutal genug Ausdruck gab. Ihr Kind selbst zu nähren ? Es war von Rudolf Müllers Tochter eben deutsch ? gemein! Mochte also des Knaben Mutter dadurch, daß sie ihrem Kinde die Brust reichte, noch dürftiger, noch reizloser werden; der Vater würde sich noch ausgiebiger zu entschädigen wissen ...

Einer anderen Ehe, der traurigen Ehe Heinrich Webers, blieb es versagt, ein Kind zu besitzen: Signora Lavinia fürchtete für ihre Schönheit, die durch die Mutterschaft hätte leiden können. Die meisten ihrer Landsmänninnen nahmen in späteren Jahren zwar zu an Majestät der Erscheinung, verloren jedoch ihre biegsame Schlankheit, die als der weiblichen Reize höchste galt; und Frau Heinrich Weber, das ehemalige Modell der Villa Medici, hatte zur Genüge erfahren, was es für eine Frau bedeutete, reizend gefunden zu werden und ? zu reizen.

Nach wie vor wurde von den beiden so ungleichen Gatten der Kampf fortgeführt; nach wie vor liebte der Mann seine Frau mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seiner Natur und ? auch wie zuvor ? glaubte er an einen endgültigen Sieg. Bis es dahin kam, würde ihn freilich der Kampf aufgerieben haben. Voll Grauens erkannte er mehr und mehr, was ein schönes und schnödes Weib aus einem Manne machen konnte; auch aus einem Manne, der sich für einen sittlichen Menschen gehalten hatte. Heinrich Weber erkannte, daß eines Mannes Leidenschaft für ein schönes Weib entsittlichen konnte; denn für unsittlich halten mußte er, in einer so tief unglücklichen Ehe nicht nur zu leben, sondern darin zu beharren und sich nicht zu trennen von einer Frau, welche ihn niemals geliebt hatte. Und dann doch nicht die Kraft zu besitzen, seine Liebe aus dem Herzen zu reißen gleich etwas Verpestendem. Es war ein Zusammenbruch von allem, was in ihm stark, edel und sittlich gewesen.

Sich nicht trennen zu können ?

In seiner Leidenschaft für das schöne Geschöpf war es Heinrich damals vollkommen gleichgültig gewesen, wie die Vermählung mit der Katholikin vollzogen ward. Er, der Protestant, überließ sich der katholischen Kirche, und diese trennte nicht, was sie einmal verbunden hatte. Solcher unlösbaren Ehen zwischen einem Deutschen und einer Italienerin gab es im Lande deutscher Sehnsucht viele. Aber wäre eine Lösung seiner Ehe auch möglich gewesen, so hätte Heinrich sie nicht angestrebt: er wollte unlösbar gebunden bleiben.

Die Unlösbarkeit seiner Ehe wurde zu seiner letzten Hoffnung. So weit war es mit ihm gekommen!

Und der Künstler in dem Manne?

Das war das traurigste, trostloseste!

Nachdem er sein Lebenswerk ? es stand wieder in seinem Atelier ? geschaffen hatte, wollte er etwas Neues beginnen. Arbeiten wollte er; arbeiten, wie er niemals gearbeitet hatte. Werk auf Werk sollte entstehen. Es ging schwer. Seine Gedanken waren nicht bei seiner Arbeit, sondern bei dem Weibe, dessen Gatte er nicht mehr war, dessen Hüter und Wächter er sein mußte. Zugleich der Wächter seiner eigenen Ehre. Auch das war Demütigung; war Schande des Mannes! Zuerst empfand er sie bis zur Zerschmetterung, allmählich jedoch erstarb dieses Gefühl und er wußte nur noch, daß er hüten und wachen mußte. Inzwischen freilich auch arbeiten, arbeiten! Neue Pläne, denen die Ausführung folgen sollte, wurden gemacht. Es mußte auch dieses Mal etwas Großes und Bleibendes sein; aber konnte er nach seiner Gruppe noch Größeres schaffen? Er zergrübelte sein Hirn, war außerstande, es zu finden, erwartete das Übernatürliche: die Eingebung von oben herab, die Verzückung, die Vision, Sie kam nicht. Da es ihn nicht wie ein Wunder ergriff, so versuchte er das Wunderbare gewaltsam herbeizuführen. Er ging in den St. Peter und verharrte stundenlang vor der Pietà des Michelangelo; ging in die Sistinische Kapelle und starrte hinauf zu dem Gott, der das erste Menschenpaar schuf; ging nach San Pietro in Vincoli und erwartete von dem »Moses« des Giganten seiner Kunst die Offenbarung. Sie blieb aus. Er machte einsame weite Wanderungen durch die Campagna. Plötzlich packte ihn der Gedanke: ?Was geschieht inzwischen zu Hause?? Er stürmte zurück nach der trostlosen Stätte, die sein Zuhause bedeutete, wofür die italienische Sprache keinen traulichen Ausdruck besitzt. Zu der schlampigen Magd war ein schmieriger Bursche gekommen, der an den Empfangsabenden der Dame des Hauses in eine schreiend bunte Livree gesteckt wurde und bei ihren Ausfahrten als Bedienter figurierte; die Mohrenjünglinge in dem farbigen Salon hatten verschiedene ähnliche künstlerische Mißgeburten zur Gesellschaft erhalten, während das späte Aufstehen, das ungekämmte Haar, der unsaubere Morgenanzug bis zur nachmittäglichen Ausfahrt dasselbe geblieben war. Signora Lavinias Haushalt ? was so genannt wurde ? ihre Toiletten und sonstigen Luxusbedürfnisse kosteten viel. Also mußte ihr Gatte arbeiten ? arbeiten ? arbeiten. Er arbeitete also. Das heißt: er nahm Wachs oder Ton und formte: irgend eine Gestalt, ein Etwas, für das Publikum, für den Verkauf, den großen Markt; denn er mußte verdienen: für den Bedienten, die Lohnkutsche, die Opernloge, die Toiletten, die Empfänge seiner Frau. Konnte er durch seine Arbeit das Geld nicht aufbringen, so würde seine Frau ? Nur den Gedanken nicht ausdenken! Es konnte ihn um alle Gedanken bringen.

Heinrich Weber, der Mann, der ein Genie sein sollte, Deutschlands zukünftiger großer Sohn, arbeitete für die Luxusbedürfnisse seiner Frau, der Sabinerin, des ehemaligen Modells der Herren Franzosen. Es war trostlos, hoffnungslos. Und die Scham, Herrgott, die Scham!

Rudolf Müller erlebte alles mit dem Freunde, sah alles sich entwickeln wie eine Naturnotwendigkeit und litt um seinen Liebling. Er empfand es für Heinrich fast als ein Glück, daß er krank war, immer kränker wurde, gleichfalls hoffnungslos. Derselbe Rudolf Müller, der seinem jungen Freunde das Gottesgnadentum des Künstlers zugesprochen hatte, wünschte jetzt ? da er auch dessen Kunst hinsiechen und sterben sah ? dem Menschen einen frühen Tod. So grausam konnte das Leben ändern und wandeln. Daß solche Wandlung eines hochbegabten Menschen in Italien sich vollzog: durch eine Frau dieses Landes, das war es, was dem Freund des Verlorenen besonders schmerzlich ans Herz griff. Dabei sah er nicht nur dieses Schicksal vor seinen Augen sich vollziehen, sondern auch noch ein anderes: das Schicksal seiner Tochter, seines einzigen, geliebten Kindes.

Eines Abends, als sich der Professor bei Frau Romana befand, trat plötzlich, bleich und verstört, Heinrich ins Zimmer: ihn hätte solche Sehnsucht ergriffen, bei guten Menschen zu sein. Da er seinen alten Freund nicht zu Hause gefunden, so wäre er zu seines Freundes Tochter gekommen. Und da sei er nun! Ob er bleiben dürfe? ... Von ganzem Herzen! Hier fände er jederzeit ein Zuhause.

»Ein Zuhause ?«

Wie der Mann das sagte! Mit welchem Ausdruck, welchem Blick! Er versuchte dabei ein Lächeln. Von allem Traurigen war sein Lächeln das Traurigste. Er sah Frau Romanas Knaben, dieses kaum lebensfähige häßliche Kind. Aber mit welcher Glückseligkeit die Mutter ihr Kind zeigte; mit welchem Stolz! Es durchschauerte den Mann, dessen Weib keinem Kinde das Leben geben wollte. Die Mutter sah auf den Säugling in ihren Armen herab und ? seltsam, er hatte sie doch bisher bar jeder Anmut und unschön gefunden. Und jetzt? Etwas Leuchtendes ging von der Anmutlosen und Unschönen aus; etwas Verklärtes. Und Heinrich Weber erkannte, daß jede Mutter etwas von einer Madonna, etwas Heiliges hat, eine Gebenedeite unter den Frauen. Von Stund an kam er oft, um die Mutter mit ihrem Kinde zu sehen.

Schweigend saß er neben ihr. Den Sturm seiner Seele durchwehte in der Gegenwart dieser Guten und Reinen ein Hauch von Stille. Ihm ward friedlich zumut. Wie Andacht überkam es ihn. Er verstand die Anbetung der Mutter in der katholischen Kirche; verstand ihre Mutterschaft zwischen einer sündigen Menschheit und dem göttlichen richtenden Sohn; verstand sie bei dieser Anmutlosen und ihrem rachitischen Knaben, um welchen der in seiner Eitelkeit tödlich gekränkte Vater sich nicht kümmerte, um dessentwillen er die Frau tagtäglich seelisch mißhandelte.

Heinrich Weber, der Schöpfer der vielbewunderten »Huldigung Deutschlands für Italien«, der nunmehr für den großen römischen Markt arbeitete, fortan zu jenen gehörend, die in ihr Atelier reiche Fremden aller Nationen zu bringen versuchten, der Gatte der Sabinerin, arbeitete verstohlen, ganz heimlich an einer »Madonna mit dem Kinde«. Beiden gab er die Züge dieser Mutter und dieses Sohnes.

Viertes Kapitel

Noch in seinen alten Tagen erhielt Professor Müller den ehrenden Auftrag, ein Gemälde der Villa Falconieri für den Deutschen Kaiser zu malen, dessen Eigentum das leuchtende Haus oberhalb der tusculanischen Weinstadt war. Er sollte Gast der Villa werden und siedelte daher für den Sommer mit Sack und Pack über, fort von Tante Minchen und Dame Filomena; aber auch fort von Enkel und Tochter, um die er im Herzen schwere Sorge trug. Seinem Einfluß gelang es, auch für Freund Heinz einen Aufenthalt in dem von Ölwäldern umschimmerten Landhause der Falconieri zu erwirken; aber Heinrich zauderte anzunehmen, so lockend eine Villeggiatur als Kaisergast im Albanergebirge auch war. Selbst seinem alten Freunde wollte er den Grund seiner Weigerung nicht nennen. Abgewandten Gesichts erkundigte er sich endlich mit stockender Stimme:

»Darf meine Frau mitkommen?«

»Ich erhielt nur für dich die Genehmigung ... Erinnere dich der Stunde am Zypressenteich und nimm an.«

»Ich kann nicht!«

»Deiner Frau wegen?«

»Sie würde in Rom zurückbleiben und ?«

»Und?«

»Ich kann nicht!«

»Du kannst nicht los von ihr?«

»Nein!«

Schmerzlich ergriffen rief der Getreue aus:

»Dahin ist es gekommen!«

Aus bleichem Gesicht starrten den Alten zwei Augen an, in deren Blick des Mannes ganzes Schicksal, sein ganzer Jammer lag. Nach einer Weile stieß er mit klangloser Stimme hervor:

»Ich kann von ihr nicht los. Sie liebt mich nicht, haßt mich vielleicht und ? Ich kann von ihr nicht los! Ich bin als Mensch und als Künstler verächtlich geworden und ? Ich kann von ihr nicht los! Die Feierstunde dort oben unter den Zypressen trug ich in meiner Seele mit mir davon. Sie half mir nicht. Mir hilft nichts. Ich weiß, daß ich ein todkranker Mann bin. Aber ich darf nicht sterben; ich muß leben, ich muß leben, weil ich von ihr nicht loskommen will. Hörst du? Nicht will! Nicht etwa muß ich noch weiterleben, um große Werke zu schaffen. Große Werke? Worte, Worte! Wie hohl ihr Klang für mich ist. Einstmals; ja, einstmals ? Aber jetzt. Nur sie ? nur sie ? nur sie! Das ganze Leben nur sie ... Du siehst mich traurig an. Weshalb trauerst du um mich? Der verlorene Mann, der vor dir steht, ist nicht mehr jener, den du Freund nanntest, den du liebtest, an dessen Genius du glaubtest. Der Genius eines Künstlers ist von der Gottheit erfüllt, und ich ? Leidenschaft für ein schönes Weib; nichts weiter als das! Man muß es erlebt haben. Und selbst dann ? Neulich sah ich im Quirinotheater Shakespeares Othello, gespielt von einer schlechten Truppe. Ein Schauspieler dritten Rangs, ein echter Komödiant, gab den Mohren. Seine Eifersucht, seine Wut, seine Rache, seine Mordgier und zuerst seine Liebe ? Wie dieser Kulissenreißer, der als Othello ein großer Künstler war, seine Liebe ausdrücken konnte. Aufschreien hätte ich können vor Jammer um die Liebe des Mohren zu seinem süßen Weibe. Doch dann. In meiner Phantasie erwürgte ich sein süßes Weib zusammen mit ihm. Und dieses Weib war ihrem sinnlos eifersüchtigen Gatten treu; war unschuldig und rein wie eine Marienlilie, während mein Weib ?«

»Heinrich! Heinrich!«

»Rufe ihn nur an. Du rufst ihn nicht mehr zurück. Nicht mehr zurück jenen Heinrich, den du einst hochhieltest. Jener Heinrich ist tot: ist totgeschlagen wie ein Hund von seiner Leidenschaft für ein schönes schändliches Weib.«

»Du hast recht, es ist furchtbar.«

Da warf sich der Junge dem Alten an die Brust, barg sein Gesicht an des Freundes Herz, stammelte:

»Verachten mich schon die andern, wie ich mich selbst verachte? Weist man schon mit Fingern auf mich? Verlacht und verhöhnt man mich schon? ?Das ist der Mann, der ein gottbegnadeter Künstler sein sollte, und der um eines schönen Weibes willen? ? Sage mirs ... Nein, schweige!« Ich weiß ja. Im Othello sagt Cassio zu dem Schurken Jago: ?Guter Name! Guter Name! Guter Name! Ich habe meinen guten Namen verloren: habe das unsterbliche Teil von mir selbst verloren. Was übrig bleibt, ist tierisch.? Ist tierisch

Es war in des Professors oft recht schwerem Leben eine seiner schwersten Stunden. Was konnte es auch schwereres und zugleich Schmerzlicheres geben, als einen geliebten Menschen zugrunde gehen zu sehen und nicht helfen, nicht retten zu können. Nicht einmal ein Strohhalm ließ sich dem Ertrinkenden reichen. Ein Jammer wars, nicht auszudenken. Und dieser zugrunde Gehende war ein Künstler, der der Welt Bleibendes hätte geben können; etwas, das die Menschen aus der Tiefe des Erdenjammers hätte erheben können. Und wodurch ging er zugrunde? Heinrich Weber hatte recht: Schande wars und Schmach ...

Eine andere schwere Stunde brachte dem Professor die Trennung von seiner Tochter: Romanas Eheunglück konnte nicht länger verborgen bleiben. Dahin war es auch in dieser Ehe gekommen! Diese schmerzliche Tatsache war Dame Filomenas Rache. Denn das kam davon: von der Undankbarkeit! Hätten Amerigo und Romana Minardi sie, die Stifterin ihres »Glücks«, als guten Genius ins Haus genommen, wäre es nicht so geworden. Dame Filomena hätte alles gemacht, alles gerettet. Sie hätte keine deutsche Häuslichkeit, also keine deutsche Sentimentalität geduldet; hätte in Rom für den Römer die Wirtschaft geführt; hätte daneben ihren lieben Herrn Neffen straff am Zügel gehalten. Mit einem Wort: herrlich, wie anfangs alles gewesen, wäre unter ihrer Herrschaft alles geblieben. Nun hatte sie es: sie, Frau Romana Minardi, geborene Müller. Denn er; o er ?

Er bezog die im Heiratskontrakt für ihn festgelegte Summe weiter, hatte sein Büro, hatte seit einiger Zeit seine Praxis, lebte sein Leben im Korso, im Klub, im Café Aragno und in gewissen Salons nach Gefallen. Seine Praxis! Etwas Dunkles und Geheimnisvolles war seit einiger Zeit in die Praxis des Herrn Advokaten Minardi gekommen. Ausländer, teils elegante, teils auffallend fragwürdige Gestalten, erschienen bei ihm, sprachen ein kümmerliches Italienisch, führten häufig einen Dolmetscher mit sich, verhandelten stundenlang bei verschlossenen Türen, brachten Geld, brachten viel Geld zu irgend einem dunkeln, geheimnisvollen Zweck.

Diese Männer, Klienten des jungen Advokaten, der alle Fähigkeit dafür besaß, es einmal ausnehmend weit zu bringen, sollten ? so raunte man ? Agenten fremder Staaten sein; und sie sollten ? doch das wußte außer Herrn Minardi niemand. Das letztere war indessen nicht ganz richtig. Er hatte seit kurzem einen Sekretär, der es gleichfalls wußte. Diesen Sekretär mußte der Advokat haben, und es mußte eine für seine Stellung ganz besonders geeignete Persönlichkeit sein. Eine solche glaubte Herr Minardi gefunden zu haben, und zwar in einem Landsmann, einem wütenden Fanatiker, einem armen Fieberkranken und Hungernden, den er fest in der Hand hielt; denn der junge Mensch war vor einigen Jahren wegen Mordversuchs polizeilich verfolgt worden. Damals floh er in den sabinischen Buschwald, jetzt befand er sich wieder in Rom. Es bedurfte daher nur einer Anzeige, und ? Mit einem Wort: der Mann war sicher.

Übrigens meldete er sich selbst bei dem Advokaten. Nachdem er lange Zeit dessen Büro umschlichen und dessen Klienten beobachtet, gab er sich selbst in die Hände seines mit Riesenschritten aufstrebenden Landsmanns aus Olevano, der ihn jede Stunde der Polizei ausliefern konnte; war es doch ein Mann, der seinen Weg zur Höhe empor über Leichen nahm, grausam, unerbittlich. Sollte der Sekretär also über gewisse Besuche und deren Absichten schwatzhaft sein, so ?

Aber auch außer jener gemeinsamen Kenntnis von etwas Dunklem und Geheimnisvollem bestand zwischen Herrn und Diener ein Bindendes: der Haß. Der Diener war es gewesen, der an dem Felsenquell von Bellegra jenen Mordversuch tat, bei dem der Dolchstoß nicht tief genug saß; und der Herr war es, der des verhaßten Germanen junge Frau begehrenswert fand. Aber der Gatte stand Wache vor seinem Weibe. Deshalb haßte Herr Minardi den Mann, der Orazio Petronis Schwester seinen ehrlichen Namen gegeben. Überdies war es ein deutscher Name.

Weit hatte es der junge Advokat binnen kurzem gebracht. Nicht nur, daß er sein prächtig ausgestattetes Büro im Corso Vittorio Emanuele besaß, einen Sekretär hielt, seine sehr besondere Klientel hatte, im Café Aragno eine bekannte politische Persönlichkeit war, im Klub hohe Summen verspielte und gewann, als Freund verschiedener schöner Frauen galt ? des trefflichen Virgilio Minardi entarteter Sohn wurde sogar in fremden Botschaften empfangen. Nicht nur in den Kanzleien, sondern auch in den Salons Englands, Frankreichs, Rußlands. Nur im Palazza Caffarelli fand der geschmeidige Herr keinen Zutritt. Man flüsterte sich sogar zu: er sei mit der Grobheit, die diesen Barbaren nun einmal zu eigen, hinausgewiesen worden, als er sich der Botschaft für gewisse Dienste angeboten hatte. Dasselbe war freilich auch Besitzern und Redakteuren großer römischer Blätter geschehen, als sie sich zum gleichen Zweck auf dem Kapitolinischen Hügel bei dem Botschafter Deutschlands eingefunden. Sie ließen sich abweisen, zuckten die Achseln, lächelten, begaben sich lächelnd zu den Vertretern anderer europäischer Großmächte, die sie nicht nur mit offenen Armen, sondern auch mit offenen Geldbeuteln empfingen. Den deutschen Hunnen aber war recht geschehen!

Auch Herr Minardi begab sich lächelnden Mundes zu den andern. Am angenehmsten waren ihm die Empfänge im Palazzo Farnese. Welch ein liebenswürdiger Herr war doch Monsieur Barrère! Und erst Madame Barrère! Wie ausgezeichnet verstand es das scharmante Paar, in dem königlichen Hause am Campo de Fiori zu residieren. Rom, das einst weltgebietende ? was die Römer marktschreierisch als Reklame benutzten ? huldigte dem Vertreter Frankreichs, lag dem schlauen Kuppler zu Füßen. Der Herr Franzose trat auf das einst weltgebietende Rom und auf das römische Volk; trat darauf so leise, weich und fast zärtlich, daß Rom durch den französischen Fußtritt sich sogar geschmeichelt fühlte. Nizza, das leuchtende, üppige, wollüstige, das an Frankreich abgetreten werden mußte, war vergessen. Wie Italien Frankreichs Mode, Kunst und Kultur sich verschwistert fühlte, ebenso inbrünstig sehnte es den Tag herbei, an dem es seine Blutsverwandtschaft mit der glorreichen Republik vor aller Welt proklamieren konnte. Monsieur Barrère tat das Seinige, Italiens Sehnsucht wachsen und wachsen zu machen, und er tat es mit Meisterschaft. Schritt für Schritt führte er Italien den Weg, der Staat und Volk auf den Gipfel aller Größe bringen sollte. Eine Legion geschickter Agenten war dem Herrscher, der von seines Daches Zinnen, der Loggia des Palazzo Farnese, auf Rom herabsah, bei dem großen Werke behilflich. Ein Gewebe satanischer Ränke spann sich von dem Gebälk Michelangelos aus, und das nicht nur über Rom und Italien, sondern weiter, weiter, über Länder und Meere, sich vereinigend mit andern Geweben, aus allen Teilen Europas und darüber hinaus. Heerscharen von Spinnen lauerten in dem grauen Netzwerk. Jedes von diesen Insekten war erfüllt von dem Gift der Tarantel, jedes bereit, seinen tödlichen Saft ins Herz seiner Feinde zu spritzen. Und diese Feinde waren Italiens Bundesgenossen, die an Italiens Treue glaubten: immer noch glaubten, trotz allem und allem. Sie verdienten in ihrem frommen Kinderglauben nichts Besseres, als diesem Teufelswerk zu erliegen, welches unter ihren Augen sich vorbereitete. Aber sie wollten nicht sehen ...

Da es Herrn Minardi nicht gelang, in die deutsche Botschaft einzudringen, so führte er eines Tages mit seinem Sekretär ? als Landsmann und als Untergebenen duzte er ihn ? folgendes Gespräch:

»Ich bedarf einer Person, die uns im Palazzo Caffarelli Dienste leistet.«

»Die spioniert?«

»Du wirst diese Person beschaffen!«

»Es wird schwer sein.«

»Es muß sein.«

»Wenn es sein muß ?«

»Du hörst es.«

»Mann oder Weib?«

»Ganz gleich, ob Mann oder Weib. Ein Weib wäre vorzuziehen.«

»Das wäre es allerdings.«

»Kannst du ein derartiges Wesen verschaffen?«

»Ich denke wohl.«

»Sie muß jung sein.«

»Sie ist jung.«

»Und hübsch.«

»Sie ist reizend, eine Psyche.«

»Vortrefflich. Und sicher?«

»Wie ich selbst.«

»Sie muß die Geliebte eines der Lakaien des Herrn Botschafters werden.«

»Seine Geliebte!«

»Auch Botschafter sind für ihre Kammerdiener keine Helden. Vielleicht, daß die betreffende Person ? Du verstehst?« »Ich verstehe.«

»Und ?«

»Es wird geschehen.«

»Brauchst du Geld?«

»Das Mädchen muß gut gekleidet sein.«

»Laß die Person meinetwegen als Dame auftreten.«

»Sehr wohl ... Als Dame.«

»Sie wird dir gehorsam sein?«

»Sie wird mir in allem gehorchen.«

»Du sagst das in solchem eigentümlichen Ton ?«

»Es ist nichts Eigentümliches dabei.«

»In allem wird die Person dir gehorchen?«

»In allem.«

»Es geschieht für das Vaterland.«

Und Herr Minardi lachte. Der andere aber ? Für sein Vaterland hatte Orazio Petroni seine eigene Mutter zur Dirne werden lassen ...

Sie gehorchte dem Manne, der sie, seinem Schwur getreu, nicht berührt hatte; dem Manne, den sie lieben gelernt hatte, so heiß, wie ein junges leidenschaftliches Weib lieben kann. Aber sie gehorchte ihm. Er forderte von ihr das Furchtbare für das Vaterland, dem er selbst nicht nur sein Leben, sondern auch seine Würde, Ehre, Selbstachtung geopfert hätte: er, der ein stolzer Mensch war, wie er in all dem Schmutz seiner Zeit ein reiner Mensch geblieben war. Gehorsam legte sie, die noch immer ihre Kindergestalt und ihr Kindergesicht hatte, das Kleid der Dame an, ließ sich sogar mit einigem Schmuck behängen. So führte er das Opfer ? ein Opfer auf dem Altar des Vaterlands! ? einem Liebhaber zu, selber den Kuppler machend. Da geschah es, daß es plötzlich über ihn kam mit überwältigender Macht. Als er das Kind in den Armen eines andern wußte ? Was ging da plötzlich mit ihm vor? Er, der vom Weibe nichts wußte, nichts wissen wollte, mußte sie sich vorstellen in den Armen des andern, dessen Küsse erduldend. Wie Raserei überfiel es ihn. Er lag auf seinem Lager, schlug um sich wie im Krampf, biß sich die Lippen blutig, um das Stöhnen zu ersticken, um ihren Namen nicht aufzuschreien mit einem Laut wie ein wildes Tier.

Ja, er liebte sie! Er liebte die schändlich Verkuppelte, die Verkaufte.

Im Morgengrauen kam sie nach Hause geschlichen. Todblassen Gesichts trat sie bei ihm ein. Beide sahen sich an und ? beide schwiegen. Dann sagte sie, und sie bemühte sich, es ohne Ausbruch von Jammer und Verzweiflung zu sagen; bemühte sich, ihren zuckenden Lippen ein mattes Lächeln abzuzwingen ? Sie sagte ihm, daß es wohl nach seinem Willen werden würde; daß sie wohl manches würde erlauschen können, was dem Vaterland dienen mochte. Sie sagte ihm lächelnd, daß sie zur Spionin geworden und daß ?

Ja, und daß sie von jenem andern leidenschaftlich geliebt wurde, mit der bestialischen Lüsternheit des Barbaren von ihm begehrt.

Lächelnd sagte es die Geschändete dem Geliebten.

Fünftes Kapitel

Den Blütengefilden, die das Seuche bringende Sumpfland bedeckten ? so wird ein Leichnam mit Blumen umhüllt ? , entstiegen die Dünste. Sie ballten sich, zogen gleich Geisterscharen um das Felsenhaus, auf dessen Turm Abend für Abend eine einsame Frau stand und regungslos in der Richtung nach Rom ausschaute. Ins Meer versank der Sonnenball groß und rot unter einem Gewölk von Scharlach und Purpur, eine sterbende Majestät, und der ganze Himmel entflammte bei dem Tode des Tagesgestirns in der Kaiserfarbe. Über dem weiten wilden Lande erglühte im Osten der Gipfel des Mons Albanus, von dem einstmals Roms Götter auf dieses von den Göttern geliebte Land herabschauten. War es Täuschung, oder konnte jenes aufstrahlende Licht im Norden dort drüben wirklich das Kreuz auf der Peterskuppel sein?

Rom!

In Rom weilte der Mann, ohne den für die ausschauende Frau das Leben kein Leben war. Fühlte dies auch das Kind? War es heute nicht wieder so seltsam in sich gekehrt gewesen? Konnte der Zauber dieses Mannes, der für die wissende Frau Taumel, Rausch, Verzückung war, auch auf das Kind als solcher wirken? ... Es war Einbildung, war die Vorstellung einer vor Eifersucht Fiebernden, Sinnlosen! ... Schon wieder diese Marter der Eifersucht auf die eigene Tochter! Wäre sie nur nicht so jung und holdselig gewesen! Das abscheuliche Altern, das welkende Fleisch ? So grausam hatte er es genannt. Mit welkendem Fleisch verzehrte sich die alternde Frau nach den Küssen, deren Glut Gift war, von Sinnen brachte, toll machte ... Daß sie das Kind nicht sogleich verlobt und verheiratet hatte! Ihr selbst war es doch vor Jahren auch nicht besser ergangen: als unschuldiges Kind schon verlobt und verheiratet mit dem alternden Manne, dem sie lange die Treue gehalten, während er die Treue gebrochen und andere Frauen ?

Andere Frauen tranken jetzt des Geliebten Küsse. Und sie ?

Getrennt vom Gatten und ausgestoßen. Nicht nur aus ihrem Hause, sondern auch aus ihrer Familie, gleichsam verbannt in das ruinenhafte Gemäuer am Meeresstrand, in diesen schrecklichen Sümpfen verarmt, verlassen, verloren. Dabei stand sie Abend für Abend auf der hohen Warte und spähte angstvoll hinaus in die in Dämmerung sinkende Ferne, nach der Richtung, die er kommen mußte. Denn er mußte kommen!

Es war der einzige klare Gedanke, dessen die Unselige sich noch fähig fühlte, während sie horchte, lauschte, harrte, ob nicht der Hufschlag eines galoppierenden Pferdes zu hören sei. Sie stand noch, harrte und horchte, wenn die Finsternis heraufgezogen kam und sie vor den aufsteigenden Dünsten nicht mehr die Hand vor den Augen sehen konnte. In dem verödeten Saal, dem einstmaligen Prunkraum des Schlosses, saß sie dann in Abendtoilette, von neuem harrend und horchend. Scheinbar lauschte sie auf das Geplauder ihrer Tochter, die von ihren Ritten durch den Buschwald und längs des Meeresgestades erzählte. Sie waren herrlich, himmlisch und dennoch ? Da war er wieder, der Ausdruck heimlicher Sehnsucht im Blick, und wieder stieg bei der die Rückkehr des Geliebten erwartenden Frau die Frage auf: Sehnsucht wonach? Sehnsucht nach wem? Wenn sie dann glaubte, es erraten zu haben ? O du Mutter des für die Sünden der Menschheit am Kreuze gestorbenen Heilands! War es möglich, daß eine Mutter ihr Kind hassen konnte?


Er kam. Wahr und wahrhaftig er kam! Die Mutter versetzte seine Wiederkehr in Verzückung, und die Tochter ? Das Kind erglühte, erbleichte, erbebte. Aber die Marchesa hatte nur Augen und Sinne für ihn, der zu ihr zurückgekehrt war trotz ihres Alterns, ihrer Verfemung, ihrer Armut! Eifrig besprach sie mit der Kammerfrau, welches Kleid sie am Abend anziehen sollte, welches ihr am besten stehen würde, in welchem sie ihm am besten gefallen könnte? Sie berief den Koch und beriet mit diesem etwas bedenklichen Künstler der Küche das Menü. Herr Mariano liebte eine reich besetzte Tafel; liebte den Luxus, den allerhöchsten, allerverfeinertsten. Aber eine reichbesetzte Tafel und den Luxus der Dekadenz in dem uralten Gemäuer inmitten der Sümpfe ? Die bedrängte Schloßherrin schickte Boten nach Albano und Porto dAnzio; ließ in das Gemach, das der Geliebte bewohnen sollte, zusammentragen, was an nicht Zerbrochenem und nicht Vermodertem nur irgend sich auftreiben ließ, beraubte ihr eigenes Zimmer von jedem Gegenstand, der vielleicht sein Gefallen hätte erregen können. Und dann ? Sie konnte zur Abendtoilette keinen Schmuck anlegen. Ihr sie verklärendes Glück würde sie schmücken und das köstlicher, als die Smaragden, Rubinen und Perlen, die sie für ihn hatte hingegeben, es einst getan ...

Der Dichter aber war entzückt. Der hochragende Felsenbau aus sagenhafter Zeit mit dem zyklopischen Mauerwerk; die große Geschichte des glorreichen Geschlechts, dem die Herrin entstammte; das nahe Meer, dessen brausender Wogenschlag die ewige Musik dieses einzigen Aufenthaltes bildete; die tiefe Einsamkeit, Verlassenheit, Wildnis ? Es war eine erlebte Ode des Petrarca. Nicht doch: Virgil wars! Er hatte denn auch seinen Virgil mitgebracht, ein überaus kostbares Exemplar, eine mit Malereien verzierte Handschrift aus der Bibliothek einer toskanischen Benediktinerabtei. Um in der virgilischen Landschaft den Virgil zu lesen, war er gekommen. Nur deshalb! Es mußte ein Genuß sein, ganz einziger Art. Wie er in dieser Landschaft Virgil lesen, wie er genießen würde!

Sie hörte es kaum. Er saß ihr gegenüber, sprach zu ihr, war da! Sie lauschte wieder auf seine Stimme, die den sirenischen Zauberklang hatte; auf seine Worte, die in seiner großen Sprache große Gedanken ausdrückten; sah wieder seine Blicke, sein Lächeln. Es sollten Blick und Lächeln eines Vampirs sein. Waren sie das wirklich? Sie wußte es nicht; wußte nur: es war sein Blick, sein Lächeln, und das Glück seiner Gegenwart überwältigte sie fast.

Ob er wohl schon am nächsten Tag wieder abreisen würde?

Es wäre ? o, es wäre ? Gewiß würde er nicht länger bleiben: in dieser Ruine, dieser Wüstenei! Es wäre ein Opfer seiner Liebe für sie, zu groß, zu übermenschlich, selbst für ihn, den Übermenschen! ... Seiner Liebe! Denn er liebte sie noch immer, sonst wäre er nicht gekommen. Wie konnte sie ihm danken? Wie danken dem Himmel, der Gottesmutter, den Heiligen? Eine Wallfahrt wollte sie tun: zu dem Heiligtum der göttlichen Liebe am Fuß der Albanerberge, auf bloßen Füßen, durch Disteln, Dornen, im Sonnenbrand ...

Er blieb. Am nächsten Tage traf sein Kammerdiener ein. Der Mann brachte seines Gebieters goldenes, mit Aquamarinen besetztes Necessaire; brachte seine mit echten Spitzen garnierten Nacht- und Morgenkostüme; brachte seines Gebieters Parfüm und jene andern Luxusgegenstände, die Herrn Mariano ebenso berühmt gemacht hatten wie seine Dichtungen, Liebschaften und Schulden.

Herrn Marianos Schulden ?

Er war auf das alte Felsennest in den Sümpfen gekommen, um in dem Lokal der Äneide Virgil zu lesen, und nicht etwa, um sich seinen Gläubigern, die nicht länger sich gedulden wollten, zu entziehen. Er war gekommen, um nicht beiwohnen zu müssen, wenn er von dem rohen Gesindel ? gepfändet ward. Der dem Kastell am nächsten gelegene Ort war Ardea, die virgilische Stadt des schönen Rutulerkönigs Turnus. Dorthin brachte von Albano aus ein berittener und bewaffneter Postbote die Briefschaften für die Bewohner des Kastells. Herr Mariano gab Auftrag, daß während der Dauer seines Aufenthalts die Post von dem mehr als zehn Miglien entfernten Ardea nicht abgeholt werden sollte: jede Nachricht, die von der Außenwelt in dieses Traumland zu ihm drang, würde seine Illusion stören!

Also schien er bleiben zu wollen, und die Marchesa würde die Wallfahrt tun: auf bloßen Füßen, durch Disteln und Dornen, im Sonnenbrand zum Heiligtum der göttlichen Liebe.

Als ob menschliche Liebe ungöttlich wäre?

Der göttliche Dichter Mario Mariano hätte darüber zu den Völkern Italiens in Dithyramben reden können.

Sechstes Kapitel

Also las Herr Mariano in dem Lokal der Äneide Virgil, angefangen von dem Gesang der Landung des Äneas bei der Tibermündung. Der frommste katholische Geistliche konnte nicht mit heißerer Inbrunst in sein Brevier sich versenken als Herr Mariano angesichts des Tyrrhenischen Meeres und des alten Latium in das Hohelied seines Vaterlands, Italiens »Homer«. Es war ein Schwelgen in klassischen Stimmungen, und es war wunderbar, wie der Dichter das große Kunstwerk genoß: wie er ein Gastmahl oder eine neue Leidenschaft inszenierte, eine Liebesstunde vorbereitete. Auch war es überwältigend! An dem vor seinen Augen liegenden Landschaftsbilde hatte die Zeit nichts übermalt, keinen Farbenton dunkler gemacht. So, genau so, waren vor Jahrtausenden Steppe und Sumpf, Waldung und Wildnis gewesen. Der Musik der Brandung gegen das Gestade: den nämlichen rauschenden, brausenden Akkorden, hatten die Helden der erhabenen Dichtung gelauscht. Und daß dieses Wunderbare sich unmittelbar vor den Mauern Roms vollziehen konnte! Jenes nämlichen Roms, welches zu seinen Gründern den aus dem brennenden Troja geflüchteten herrlichen Helden zählte, dessen Mutter der Göttinnen allergöttlichste selber Roms Ahnherrin war: du, o Aphrodite!

»Der Göttinnen allergöttlichste selber!« Und dann sollten die Römer nicht in göttlichen Flammen entbrennen? ? Sollte Rom nicht ein Heiligtum der Liebe und Mario Mariano nicht des Tempels Hohepriester sein? Rom und die Römer also nicht ein Recht zu dem Kultus der hohen Himmlischen besitzen, wie ein dem ähnliches keinem andern Volk der Erde von gütigen Himmlischen gewährt ward? Auf der Warte, von der aus die harrende Frau nach ihm Ausschau gehalten, las der Dichter Mutter und Tochter aus Virgil vor. Seine Augen leuchteten, seine Mienen verklärten sich, sein ganzes Wesen war erhöht, schwebte gleichsam über den dunkeln Tiefen, in welche seine Gläubiger, diese wahren Barbaren, den Hehren hinabreißen wollten. Etwas unwiderstehlich Sieghaftes lag in dem Manne, wenn er sein Organ in den Erhabenheiten Virgilischer Strophen spielen ließ. Aber daß auch die Tochter mit zuhörte! Was verstand das Kind von unsterblichen Heldentaten und der Erhabenheit klassischer Dichtung. Dennoch leuchteten auch ihre Augen, erglühte auch ihr Antlitz. Ach, und wie jung und lieblich sie war! Übrigens wäre es dem Meister jeglicher Verführungskunst nicht darauf angekommen, dem Kinde aus den Metamorphosen des Ovid, dessen »Kunst zu lieben« oder den Novellen des Boccaccio vorzulesen, auch Ovid und Boccaccio in der nämlichen Verzückung wie Dante und Virgil ...

Sie ritten miteinander aus: zu dritt über die Steppe und durch die Wälder, von zwei Leuten der Marchesa begleitet. Auch der Dichter war bewaffnet. In diesem Leben lag etwas köstlich Freies, Ursprüngliches. Genau so mochten in den Wäldern Kalabriens des Sängers Vorfahren ausgeritten sein: schwer bewaffnet, einem Gegner oder Opfer auflauernd. »Banditen« wurden diese Tapferen beschimpft. Als ob es im zwanzigsten Jahrhundert in Italiens Hauptstadt nicht ganz ähnliche Gewerbe gab? Auch diese Braven lauerten auf Beute; auch sie überfielen das Opfer, auch sie setzten ihm die Pistole auf die Brust. Es konnte sogar ein Freund und Bundesgenosse sein. Aber: »La bourse ou la vie!« Was Herrn Mariano betraf, so begnügte er sich, Frauen zu verderben, die ihn liebten, an ihn glaubten, ihm sich hingaben, ihm sich opferten. Gegenwärtig empfand er diese Ritte als einen seine Nerven kitzelnden Reiz. Dazu kam etwas anderes, noch Reizvolleres: die Gegenwart der Tochter, gerade dieser Tochter einer Mutter! Ja, und dann ? Wie sicher fühlte er sich in den köstlichen Wildnissen vor seinen Verfolgern, die von ihm Geld forderten, gemeines Geld! Ein von den Karabinieri verfolgter Totschläger und Raubmörder konnte sich in diesen Gefilden nicht sicherer fühlen. Für den Sohn Kalabriens hatte das Rauschen der fast undurchdringlichen Wälder überdies Heimatklang ...

Also zu dritt. Es konnte jedoch geschehen, daß sie plötzlich nur zu zweit waren: nur die beiden Jungen. Gewiß war es absichtslos. Es war eben die vorausstürmende Jugend. Für die Dritte, die Zurückbleibende, die nicht mehr Jugendliche, waren es Qualen. Eine Marter wars! Sie spornte ihr Pferd, um jenen beiden nachzusetzen und blieb dennoch zurück. Damit die zwei nicht allein sein sollten, befahl sie den Leuten, dem Paar zu folgen. Die Getreuen weigerten sich aber, die Herrin in den gefährlichen Gebieten allein zu lassen: der junge Herr führte ja doch Waffen bei sich und würde die Marchesina vor jedem Überfall schützen. Am liebsten hätte die Marchesa ihre Tochter von solchen »gemeinsamen« Ritten ausgeschlossen; doch ein Rest von Würde, zu dem sie sich mühsam aufraffte, hielt sie davon ab. Sie ersuchte die beiden mit unsicherer Stimme, bei ihr zu bleiben: es sei ja doch ein gemeinsames Vergnügen. Nicoletta versprach es mit auffälligem Erröten, hielt ihren kleinen feurigen Renner auch möglichst zurück. Plötzlich befand sie sich weit voraus, war sie allein mit ihm, der von Tag zu Tag mehr Gewalt über sie gewann, eine Gewalt, von Tag zu Tag mehr benutzt von dem Manne, welcher der Teufel sein wollte, der diesen Engel zu Fall brachte: der Liebhaber der Mutter zugleich der Verführer der Tochter! Auch dies war ? dantesk. Wenigstens war es dies in dem Sinn von Dantes Göttlicher Komödie, und zwar im Sinn des fürchterlichsten aller höllischen Ringe. Hochsommer in Roms Campagna. Hochsommer im Sumpfland! Die Dünste verdichteten sich. Sie umzogen den Horizont mit so schwerem Gewölk, daß von dem hohen Hause aus nicht einmal das nahe Meeresgestade zu erblicken war. Eine gespenstisch graue Mauer umschloß Fels und Kastell, und die Bäume des nahen Urwaldes entstiegen gleich einem Geisterhain dem Gewölk. Verdorrt jede Blume, jeder Halm. Braun und verbrannt, was im Frühling elysischen Gefilden geglichen hatte. Die wenigen Bewohner unterhalb des herrschaftlichen Hauses schlichen wie Schemen umher. Es war eben Totenland. Jede Woche mußten die Überlebenden einem der ihren das Grab schaufeln, nachdem noch in letzter Stunde von dem Heiligtum der göttlichen Liebe der Priester herbeigerufen worden war. Tod war Erlösung, Wohltat, Glück; aber nur nicht sterben, ohne das letzte Sakrament empfangen zu haben ...

Die Marchesa blieb. Wohin hätte sie sollen, bankerott an Vermögen und Ehre, wie sie war? Binnen kurzem würde ihr Prozeß entschieden sein und sie dem Vater die Tochter zurückgeben müssen. Letzteres hätte sie schon jetzt mit Wonne getan; indes ? Himmlische Jungfrau, nicht ausdenken, wohin Leidenschaft eine verirrte, eine verlorene Seele bringen konnte! Dann würde der Geliebte sie sogleich verlassen haben, und sie mußte ihn behalten. Nur noch jetzt, nur noch eine kurze Weile. Es war seine Gegenwart; sie hörte seine Stimme, sah sein Gesicht. Wenn sie auch wußte, weshalb er in der Hölle dieses flammenden Hochsommers ausharrte. Immerhin war es doch er! Er! Er!

Also blieben die drei beisammen. Lag doch das Kastell über den Sümpfen in einer Höhe, auf der die Moskitos, deren Stich dem Menschen das Fiebergift einimpft, nicht sehr zu fürchten waren. Da die Mücken erst gegen Abend zu schwärmen begannen, so mußten die gemeinsamen Ritte, die über Tags der Gluten wegen unmöglich waren, überhaupt unterbleiben. Herr Mariano, der vor den menschlichen Schmeißfliegen, seinen Gläubigern, deren Forderungen giftiger waren als der Stich der Fieberfliege, nach wie vor nicht sicher war, las in der virgilischen Landschaft noch immer die Äneide. Seine Ausritte unternahm er in erster Frühe, häufig schon vor Sonnenaufgang, mit dem zugleich das verzehrende himmlische Feuer aufflammte. Er machte die Ritte allein; denn die Tochter durfte auf Befehl der Mutter zu dieser frühen Tageszeit das Haus nicht verlassen. Der Gast der Mutter wußte, daß die Tochter wachte, daß sie auf den Hufschlag seines Pferdes lauschte, daß sie sich sehnte, immer glühender, verzehrender gleich den Gluten des Sommers. Er wußte, daß sein Gift eingedrungen war in die Seele der Unschuldigen und Reinen und daß die Stunde kommen würde.

Sie kam.

In einer Mondscheinnacht wars, daß Nicoletta etwas Seltsames tat. Sie stand auf und schlich im Hemdlein aus dem Zimmer, das soeben erst der Geliebte verlassen hatte. Sie schlich durch den Gang, auf dessen Fliesen das Mondlicht leuchtende Runen zeichnete. Sie schlich an dem Schlafgemach ihrer Mutter vorüber und ? Vor dem mütterlichen Schlafgemach hörte sie etwas, das ihren Schritt plötzlich bannte.

Es waren Stimmen; war ihrer Mutter Stimme und die Stimme von ?

Es mußte Täuschung sein! Sie träumte und hörte im Traum des Geliebten Stimme, die ihr ? war auch das nur Traum gewesen? ? die ihr soeben erst zugeflüstert hatte: sie sei seine erste, seine einzige Liebe; sie erst habe ihn gelehrt, was Liebe sei, und jetzt gehöre sie ihm, sei sie sein für alle Ewigkeit! Dann hatte er sie verlassen, dann war sie aufgestanden, um ihre Seligkeit aus dem dumpfen Gemach hinauszutragen unter Gottes freien Himmel, in die feierliche Mondnacht, an den Strand des Meeres, das so ewig war wie seine Liebe sein sollte. Da plötzlich ? Aus ihrer Mutter Schlafgemach drang zu ihr seine Stimme ... Wenn es nicht Traum war, so war es Wahnsinn! Wie schön, wäre es Wahnsinn gewesen, käme sie nicht wieder zu Sinnen; sie, die soeben erst in seinen Armen gelegen, soeben erst seinen Schwüren gelauscht und ihren jungfräulichen Mund wie einen Opferkelch dem seinen dargeboten hatte ...

Sie wollte an dem Zimmer vorüberschleichen; konnte sich nicht bewegen; konnte nicht von der Stelle; konnte nicht entfliehen; hörte in dem Schlafgemach ihrer Mutter Schluchzen, Stöhnen, ersticktes Weinen.

Und die Tochter hörte ihre Mutter schluchzend, stöhnend sagen:

»Du liebst mich nicht mehr, und ich, und ich! Ich gab dir alles. Aber mein beginnendes Altern, mein welkendes Fleisch! Das konntest du von mir niederschreiben; konntest du über mich drucken lassen wollen! Und anstatt daß Scham und Schande mich vernichtet hätten, gab ich mich dir wieder zu eigen; war ich selig, mich dir wiedergeben zu dürfen! Und ? du nahmst mich.«

»Aus Barmherzigkeit.«

»Elender!«

»Beschimpfst du mich um meines Mitleids willen?«

»Nein, nein! Ich danke dir! Auf meinen Knieen! Sieh, ich kniee vor dir.«

»Um dich noch mehr zu erniedrigen.«

»Auch das ertrage ich von dir ... Weshalb kamst du wieder zurück?«

»Weshalb?«

»Ich hatte mich von dir befreit, von dir gelöst.«

»Geflohen warst du vor mir.«

»Da kamst du wieder. Weshalb?«

»Weißt du das nicht?«

»Schweige! Aus Barmherzigkeit! Um deines Mitleids willen!«

»Wenn deine Tochter wüßte ?«

»Nenne ihren Namen nicht! Von dir nur genannt zu werden, befleckt die Reine, Unschuldige, Unberührte.«

»Sie liebt mich.«

»Ich entreiße sie dir, sage ihr, was du bist: Verführer, Verderber, Dämon, Teufel!«

»Den du anbetest.«

»Sie wird dich hassen; wird vor dir zurückschaudern, dir fluchen.«

»Lieben wird sie mich, wird mir angehören.«

»Nur das nicht! Sieh, ich liege vor dir im Staube. Zertritt mich, töte mich. Ich verdiene den Tod. Denn ich bin die Schuldige, die Nichtswürdige. Ich allein! Töte mich aus Erbarmen, wie du mich aus Erbarmen geliebt hast.«

»Dich geliebt? ... Ich, dich geliebt?«

»Töte mich! Töte mich!«

»Töte dich selbst!«

»Ich kann nicht, kann nicht! Solange du noch ?«

Ihre Tochter hörte die letzten Worte nicht mehr; hörte nur noch ersticktes Weinen, Schluchzen, Stöhnen. Sie schlich fort von der Tür, dahinter etwas sich barg, das nicht Wirklichkeit sein konnte und doch Wirklichkeit war. Sie schlich weiter, entlang den Gang, auf dessen Fliesen das Mondlicht geheimnisvolle Zeichen schrieb, einem leuchtenden Menetekel gleich.

Sie schlich aus dem Hause, schlich weiter; schlich hin, wo die Dünste aufquollen. Gleich Geisterscharen wallten sie um das hohe Haus, das ein Haus der Verdammnis war.

Sie hätte bis an den Meeresstrand schleichen können und weiter, nur wenige Schritte weiter, bis ins Meer hinein; bis hinein in das schönste der Elemente; bis hinein in die Ewigkeit.

Es hätte jedoch als Mord erscheinen können, als Selbstmord. Wie hätte dann die Mutter weiter leben können? Und er, der Geliebte ? An dem Rand der Sümpfe legte sie sich nieder, bettete sie sich: dicht an dem Rand. Die Dünste quollen auf, wälzten sich über sie hin, zogen von ihr fort nach dem Hause der beiden Verdammten, Verfluchten. Gleich Geisterscharen umzogen sie das Haus.

Als der Morgen zu dämmern begann, raffte sie sich auf, schlich schwankend zurück ins Haus; schlich durch den Gang, vorüber an dem Schlafgemach, darin es still geworden war; schlich in ihr Zimmer, sank auf ihr Bett, schloß die Augen, hörte noch ?

Und Nicoletta hörte noch den Hufschlag eines galoppierenden Pferdes.

Der Geliebte ritt aus, dem aufstrahlenden Tage entgegen, entgegen der Sonne, die nach Gottes ewigem Willen über Gerechte und Ungerechte scheint.

Siebentes Kapitel

Die Scharen der Nebelgeister umkreisten das hohe Haus über den Sümpfen am Meeresstrand. Sie schienen in das Gebäude eindringen zu wollen, um sich daraus einen Gefährten zu holen, wallten und wogten hin und her, schienen zu winken, zu locken:

»Komm doch! So komm doch!«

Und das Kind, hätte es die Geistersprache verstanden, würde geantwortet haben:

»Ich komme. Wartet nur, ich komme. Bald, bald ...«

Über Nacht hatte die Marchesina das Fieber bekommen. Nicht das gewöhnliche, schleichende, langsam zehrende, sondern das tödliche, die Perniciosa.

Wie war es möglich gewesen? Bis zu der Höhe des Felsenhauses gelangte die furchtbare Fliege mit ihrem Seuche und Tod bringenden Gift nicht. Die verzweifelnde Mutter fragte es jeden. Sie fragte in wildem Aufschrei Gott und fragte die Mutter des Heilands, Maria zur Göttlichen Liebe, der sie die Wallfahrt gelobt hatte, wenn ? er kommen würde. Keiner konnte der Verzweifelnden Antwort geben. Die alte Kammerfrau hätte es können; denn sie fand das feuchte, wie von Regen durchnäßte Nachtgewand des armen Kindes; aber dieses hatte mit solcher flehentlichen Gebärde ihr Händchen auf die Lippen gelegt ? sprechen konnte es nicht mehr ? daß die Getreue Schweigen versprach: Verschweigen. Und nun lag das Kind still und weiß mit geschlossenen Augen in seinem Bettchen.

Das ganze Haus war Jammer und Leid; denn ? Wie war es nur möglich gewesen? Des Hauses Liebling, das lichte, leuchtende Kind, das gestern noch in jungem Leben blühte, heute plötzlich welkend; heute schon eine geknickte holde Menschenblume ?

Ein Bote sprengte zum Arzt nach Porto dAnzio, ein weiter Weg, durch Wildnis und Sumpfland. Vor sechs Stunden konnte der Mann nicht dort sein, hetzte er auch das Pferd halb zu Tode. Und bis er den Arzt fand, bis dieser kam! Er mußte kommen; mußte helfen, retten!

Ein zweiter Berittener mußte den Priester holen: von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe am Fuß der Albanerberge. Auch dieser Weg war weit über Steppe und durch Buschwald.

Der zweite Bote wollte Herr Mariano sein. Er tat es nicht anders. Er selbst wollte den Geistlichen holen und mit diesem zurückkehren zu ihr, die eine Todkranke war, aber keine Sterbende sein durfte. Kein anderer würde den weiten Weg in so kurzer Zeit zurücklegen; kein anderer so schnell wiederkehren.

Die Mutter dankte ihm. Sie sprach nicht. Nur die Hände erhob sie zu ihm, ihre, ach, so hilflosen Mutterhände, die nur beten, nur danken konnten.

Als die beiden Boten fort waren, wurde es ruhiger in dem Hause, in das die gespenstischen Nebelgestalten gewaltsam einziehen wollten. Man verschloß vor ihnen Tor und Tür. Und man verschloß vor den alles durchdringenden Sonnenstrahlen die Fensterläden, daß zu dem Schweigen im ganzen Haufe tiefe Dämmerung herrschte ...

Bei der Kranken weilte die Mutter. Sie allein. Selbst die alte Getreue hatte sie hinausgeschickt. Keine Seele sollte um sie sein. Nur wenn er dagewesen wäre ?

Doch auch nicht er. Denn sie war über Nacht eine alte Frau geworden. Auch er durfte sie nicht sehen. Sie hatte sich ankleiden müssen, frisieren, pudern, schminken. Aber selbst die Schminke würde nicht geholfen haben, vor ihm zu verbergen, daß sie über Nacht plötzlich eine alte Frau geworden war und dann ? Ja, und dann wäre es mit allem aus und vorbei gewesen. Aus und vorbei! Aus und vorbei! Zusammengekauert saß sie an dem Lager ihrer Tochter, starrte auf sie hin, wollte beten, wollte die Gottesmutter um Barmherzigkeit anrufen, murmelte:

»Aus und vorbei! Aus und vorbei!«

Aus Barmherzigkeit ?

War es nicht das Wort gewesen, das er in der Nacht zu ihr gesprochen hatte? »Aus Barmherzigkeit!« Es war solch heiliges Wort und war für sie solch furchtbares Wort geworden; ein tödliches, ein mordendes Wort, von ihm gesprochen zu ihr. Aus Barmherzigkeit hatte er sie bisweilen ? nur bisweilen! ? in seine Arme genommen, sie bisweilen geküßt, und um Barmherzigkeit wollte sie in ihrer Sünden Übermaß die Gottesmutter anrufen, zu deren Heiligtum sie zu pilgern gelobt auf bloßen Füßen, durch Disteln und Dornen, im Sonnenbrand. Und jetzt ?

»Aus und vorbei! Aus und vorbei!«

Er selbst war geritten, den Priester mit dem Sakrament zu holen; er selbst wollte den Ehrwürdigen herbringen. Er würde zurückkehren; würde mit ihr, die sich alsdann aufgerafft hatte und wieder menschlich geworden war, am Bette des Kindes wachen und warten. Worauf? Auf ein Wunder. Noch immer konnten Wunder geschehen; konnte der Himmel ein Wunder geschehen lassen. Sie mußte darum nur beten. Aber ?

»Aus und vorbei! Aus und vorbei!«

Wie toteneinsam es um sie war. Und diese Stille! Grabesstille wars. Immerhin ? das Kind atmete noch, lebte also noch. Wenn es auch so regungslos dalag, als wäre es bereits ?

Unterhalb des Burgfelsens hatten sich die Hörigen versammelt, eine Gemeinde schwankender Gestalten mit fahlen Gesichtern und tief in den Höhlen liegenden Augen, darin das Fieber brannte. Es war ein getreues Volk. Seit Jahrhunderten getreu einer Herrschaft, die sich um sie kaum kümmerte, die jedoch ? eben die Herrschaft war, für die schon vor Jahrhunderten die Ahnen dieser Aussterbenden elend gelebt hatten und elend gestorben waren, getreu bis zum Tod. Jene kleine Schar Übriggebliebener waren die letzten.

Sie standen beisammen, schauten zu dem hohen Hause hinauf, wagten nicht zu fragen, warteten auf Arzt und Priester. Wenn der Ehrwürdige mit dem höchsten Heiligtum kam, würden sie sich zu Boden werfen und flehende Hände erheben...

Auch die Mutter wartete. Wie die Stunden schlichen! Die Sekunden schienen zu Minuten zu werden. Mittag! Um aller Heiligen willen, erst Mittag! Die Sonne stand auf ihrer Höhe, die Gluten drangen durch das mächtige Mauerwerk und erfüllten das totenstille Haus mit erstickender Schwüle. Es drangen die Strahlen durch die Lücken der Läden und zeichneten eine neue Geisterschrift auf die Fliesen und an die Wände, flimmernd und funkelnd, gelb und grell.

Sie zeichneten das Antlitz der neben dem Lager der Tochter knieenden Frau, malten geheimnisvolle Zeichen auf das Bett, auf die über der Decke gefalteten schmalen blassen Hände, auf die weiße Stirn. Gewiß war der himmlische Glanz für die Sterbende auch eine Weihe ...

Jetzt konnte der Bote in Porto dAnzio angelangt sein! Die Stunden schlichen und schlichen und jede Minute längeren Harrens war verlängerte Qual.

Abend!

Die Geisterschar, die das Tageslicht vertrieben hatte, quoll von neuem empor, umzog das hohe Haus, wallte und wogte, wollte eindringen; wollte die Gefährtin holen, das Opfer. Blutrot glitt die große Flammenscheibe ins Meer. Seltsam, daß die Wellen unter gewaltigem Brausen nicht aufsprühten, als die Gluten darin versanken.

In dem Hause der qualvoll Harrenden wich die Dämmerung der Dunkelheit. Sie war so schwarz! Im Grabe mußte solche Dunkelheit sein! Nur das Bettuch gab einen Schein, der über die leise atmende Brust, die gefalteten Hände hinleuchtete. Und es leuchtete das holde Gesicht mit den geschlossenen Augen ...

Die alte Dienerin wagte sich herein. Sie entzündete das Lämplein vor dem Bildnis der himmlischen Jungfrau, die in der vorigen Nacht des Kindes Seligkeit mit angesehen hatte, die in dieser Nacht den Blick unverwandt auf die Sterbende richtete. Gern hätte die Alte vor dem heiligen Bildnis geweihte Kerzen angezündet, die sie von dem Altar der Kapelle über der fürstlichen Gruft hätte nehmen müssen. Aber dafür war es noch nicht Zeit. Geweihte Kerzen brannten an dem Lager einer Toten, und noch war atmendes Leben in der regungslosen lilienhaft holden Gestalt.

Also noch Hoffnung.

Der Arzt!

Es war bereits tiefe Nacht und der Mond aufgegangen. Gleich einer Flamme sprang das Himmelslicht aus dem Haupt des Monte Cavo.

Der Arzt war ein alter Mann, der Legionen Fieberkranker, von der Seuche des Landes Befallener, hatte sterben sehen, ohne helfen zu können. Er sah auch hier auf den ersten Blick, daß ärztliche Kunst nichts mehr retten konnte. Als die neben dem Lager ihrer Tochter kauernde Mutter des Mannes Kommen gehört hatte, war sie aufgefahren: Gewiß war es der Priester, und zugleich mit dem Priester kam er. Sie mußte ? Was mußte sie doch gleich tun, sobald er zurückkam? Sie hatte es vergessen; hatte vergessen, daß sie über Nacht eine alte Frau geworden war...

Des Arztes Blick sagte es der Mutter; denn sprechen konnte er nicht, als er das Kind in all seiner Lieblichkeit sah. Also keine Hoffnung? Sein Blick erwiderte: Keine! Dann fragte er, ob er bei der Mutter bleiben und mit ihr wachen dürfte, bis ? der letzte Augenblick kam?

»Nein.« War das ihre Stimme gewesen? Eine Fremde mußte gesprochen haben, mit heiserem hartem Ton. Das Wort war wie ein Röcheln gewesen.

Die harte heisere Stimme gab der Kammerfrau den Befehl, für den Arzt zu sorgen. Beim Gehen wandte er sich und sagte ? Was sagte der Mann? ... In der Welt draußen war etwas geschehen, etwas Furchtbares, Fluchwürdiges: ein Königsmord ... Was ging das die Mutter der Sterbenden an? Etwas Furchtbares geschah jetzt ... Jener Mord, jener Königsmord ? Nun ja, sie waren eben tot, Gatte und Gattin zugleich, Österreichs Thronfolger und seine Gemahlin! Weshalb sollten solche Leute nicht auch sterben; nicht auch gemordet werden? ... Schon vor einer Woche war es geschehen, die ganze Welt befand sich in wildem Aufruhr und hier wußte man nichts davon? ... Nichts! Die Bewohner des Felsenhauses am Meeresstrand schickten schon seit längerer Zeit keinen Boten nach Ardea, um von dort die Post zu holen. Es befand sich im Schloß ein Gast, der es so befohlen hatte. Im Augenblick war er gerade abwesend, um von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe den Priester zu holen. Er mußte im Augenblick zurückkommen ... Jawohl: im Augenblick!

Also der Thronfolger mit seiner Frau ermordet? Und die ganze Welt deswegen in Aufruhr? Mochte sie es sein! Es gab noch Gräßlicheres, noch Grauenvolleres auf der Welt. Sie mußte es noch einmal sagen: Weshalb sollten Könige und Thronfolger nicht auch gemordet werden? Immer und immer wurde auf der Welt gemordet. Die ganze Welt war getränkt von dem Blute der Gemordeten. Vernichtetes Glück und zerstörtes Leben waren auch Mord. Und Mord war verratene Liebe; war ein gebrochenes Frauenherz. Was also kümmerte sie die Mordtat von Sarajevo?

Der Arzt ging. Dem Manne war zumute, als hätte er die Reden einer Irren gehört. Ihm graute.


Keine Hoffnung, keine Rettung! Dabei mußte sie noch immer warten und warten. Aber jeden Augenblick mußte der Priester eintreffen, der dem sterbenden Kinde die letzte Hoffnung brachte: Vergebung ihrer Sünden, Verheißung ewiger Seligkeit ... Vergebung ? göttliches Erbarmen ? Verheißung ewiger Seligkeit ? ? Welch himmlischer Klang lag in den Worten! Es war doch himmlisch schön, daß die Kirche des gekreuzigten Gottessohns den Menschen ihre Sünden vergab und ihnen die ewige Seligkeit verheißen konnte. Der Priester von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe würde sie ihrem sterbenden Kinde bringen. Aber sie? Sie wartete, wartete: kam doch mit dem Priester auch ein anderer.


Der Priester!

Das Häuflein vor dem Schloß, das die halbe Nacht gewartet hatte, sank vor dem Ehrwürdigen, der das höchste Heiligtum brachte, auf die Kniee, hob flehende Hände zu ihm auf. Die Nebelgestalten umwallten die Lebenden wie Geister von Gestorbenen.

Geweihte Kerzen wurden gebracht und angezündet; von dem Geistlichen, der Dienerschaft und dem nachdrängenden Häuflein der Getreuen wurden Gebete gemurmelt: Sterbegebete ...

Allein war der Ehrwürdige gekommen, ohne den andern.

Er war von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe aus nach Rom zurückgekehrt.

Der Mord des österreichischen Thronfolgerpaars; die Greueltat, von gedingten Meuchelmördern an Italiens verhaßtem Erbfeind vollzogen, ließ Herrn Mariano seine Gläubiger nicht mehr fürchten.

Rom rief seinen Sänger, Italien rief seinen Apostel, das Vaterland, das heilige, bedurfte des erhabenen Dichters.

Er eilte zurück!

Achtes Kapitel

Professor Rudolf Müller befand sich als Kaisergast in der Villa Falconieri. Dort vernahm er das Gräßliche, das die Welt bewegte. Aber so wunderbar wirkte der Aufenthalt in dem leuchtenden Hause, hoch über Roms Campagna, unter den Wipfeln der Steineichen, auf den von den Baldachinen der Pinien überwölbten, von Lorbeer und Laurustinus eingefaßten Wegen, am Rande des Zypressenteichs, daß selbst das Gräßliche, was in der Welt dort unten geschah, gleichsam von Schleiern umwebt ward. Es war, als wäre der Mensch dort oben der Welt entrückt. Eine Weihestätte wars, ein Ort des Waltens gütiger Geister.

Rudolf Müller arbeitete an seinem großen Gemälde für Kaiser Wilhelm: »Die Villa Falconieri bei aufsteigendem Schirokko.« Noch erhob sich der Palast mit seinem tempelartigen Mittelbau und seinen langen, schmalen Seitenflügeln aus einer Fülle scharlachroter Rosen in sommerlich strahlendem Glanz; noch hatten die Olivenwälder unterhalb der Terrassen ? sie bestanden zum Teil aus antikem Mauerwerk von dem tuskulanischen Landhause Lukulls ? ihren von der Sonne bestrahlten Silberschimmer. Aber schon umdunstete sich die unabsehbare Weite mit dem fahlen Schein des Südwinds, und das Meer zog sich nur noch als weißer Streifen längs des schwarzen Saumes der Buschwälder hin. Nur die Peterskuppel ragte noch aus dem aufsteigenden Qualm hervor, gleich einem zwischen Himmel und Erde schwebenden Dom.

Das Bild sollte des greisen Künstlers Meisterwerk werden: malte er es doch für Deutschlands geliebten Herrscher, dessen Herz jetzt Grimm und Schmerz ob der schändlichen Mordtat von Sarajevo erfüllte. An anderes dachte Sor Rodolfos Kindergemüt nicht: nicht an etwaige politische Folgen des fluchwürdigen Attentats bestochener Verbrecher.

Es störte ihn in seiner Arbeit und es störte den Frieden des Eichenhains, als wirre wilde Gerüchte zu ihm drangen. Sie raunten von Kriegsmöglichkeit. »Krieg.« Das war ja doch ein Wort, welches Europas Kulturstaaten in sämtlichen Sprachen ausgelöscht hatten, Rußlands Herrscher hieß der Friedenszar, und Deutschlands Kaiser ? Wie war Deutschlands Kaiser von allen Völkern verhöhnt worden, weil er, der von Gottes Gnaden sich fühlte, selbst Demütigungen ertragen hatte um des Friedens willen, des dreifach heiligen. Auch befand sich hoch oben im Norden eine Stadt, in der Europas Völker einen Friedenspalast erbauten. Wie also konnte das Wort: Krieg! plötzlich aufbrausen? Krieg zwischen Österreich und Serbien diesem Mörderstaat? Mörder mußten gerichtet werden. Alle Staaten Europas würden richten, verurteilen, verdammen.

Österreichs Bundesgenosse war Deutschland. Und beider Reiche Bundesgenosse war Italien. Italien bildete mit Deutschland und Österreich eine unlösliche Dreieinigkeit. Auch waren jene von der Möglichkeit eines Krieges sprechenden Stimmen nur vage Gerüchte. Ein Raunen und Flüstern wars, ein leidenschaftlich erregtes, und das selbst an dieser Tempelstätte, hoch über dem Lärm, dem Staube, dem Jammer, den Greueln der Welt ...

»Die Villa Falconieri bei aufsteigendem Schirokko« ?

Etwas wie ein böses Omen lag in dem Titel, den Rudolf Müller seinem für den Deutschen Kaiser bestimmten Gemälde gab. Einstweilen stieg der verderbliche Wüstenwind nur erst am Horizont auf, und noch war die Villa Falconieri, dies Stücklein Deutschland hoch über Rom, das »leuchtende Haus«. Aber das graue Gewölk würde sich ausdehnen; würde weiter und weiter sich erstrecken. Den ganzen Himmel würde es überziehen und mit seinem glühenden Vorhang so dicht verhüllen, bis es auf Erden keinen Himmel mehr zu geben schien, sondern nur noch diese bleierne, fahle, leichenfarbene Decke über einer Welt, deren Leben darunter erstickt war.

»Bei aufsteigendem Schirokko« ?

Wenn er blutrot über der Welt aufstieg, erfüllte sein höllischer Odem alle Länder, drückte als Alp auf die Seelen der ganzen Menschheit; kroch in ihr Hirn, brachte die Menschheit von Sinnen.

Toll die Menschheit, die ganze Menschheit! So grauenvoll-gräßlich toll, daß sie in dem Blut der Völker sich badete, von dem Blut der Völker die Erde überschwemmen ließ, mit Leichnamen sie düngte und lachend, grell auflachend, mit Schädeln und Totengebein spielte wie ein Kind mit Marmelsteinen und Blumen.

Doch der Schirokko stieg ja erst auf und das für Rudolf Müller nur auf seiner Leinwand. War die Stimmung der Landschaft nicht von der Art, daß er seine Staffelei aufstellen konnte oder hatte er sich müde gearbeitet, so verweilte er vor dem Hause im Schatten der Steineichen, die wie eine Kuppel sich wölbten, und schaute über die allmählich verlöschenden Gluten der Rosengärten, auf das ferne Sabinergebirge, in dem sein geliebtes Olevano lag. Die Stätte seiner zweiten Heimat selbst, konnte er nicht sehen. Aber nächsten Sommer! Und gewiß noch manches andre Mal! Hatte er doch flehende Hände zu einer gütigen Gottheit erhoben, damit ihm diese ein langes Leben bescherte, um in Rom, in Italien, lange leben zu können und zuletzt unter den Zypressen an dem Aurelianischen Mauerwall, bei der Pyramide des Cestius, seine letzte Ruhestätte zu finden. Schön würde er von einem langen, durch ehrliche Arbeit und reiche Mühsal gesegneten Leben dort ausruhen in Roms ewiger Schönheit ...

Wurde der Tag selbst unter den schattenden Wipfeln zu heiß, so begab sich der Alte in die fürstliche Halle des großen Hauses, das jetzt ein Kaiserhaus war. Dort schauten von der gewölbten Decke Roms und Griechenlands heitere Götter herab. Als die Villa klösterliches Eigentum der Väter von Tre Fontane wurde, mußten sich die Himmlischen für die frommen Asketen schamhaft verhüllen. Aber unter diesen Hüllen durften sie ihr glückseliges Heidentum auch unter den strengen Gesetzen des Ordens der Ewigschweigenden beibehalten: Als dann das Landhaus der Falconieri wiederum in einen weltlichen Besitz sich verwandelte, sanken die Verschleierungen, und Roms Sonne bestrahlte die von hellenischer Anmut umflossenen Leiber von neuem.

Von den Wänden des Saales schauten die Fürsten Falconieri mit ihren Gästen und Pagen auf die unter ihnen Versammelten herab: sie, die längst Gestorbenen, auf die Lebenden, die begnadet waren in dem Hause der Falconieri Festtage zu feiern. Saßen sie in dem schönen Raum, so blickten sie hier durch die Wölbung des von Säulen getragenen Vorbaues auf Roms Landschaft, bis zum Gestade des Tyrrhenischen Meeres ? blickten sie dort durch ein heiteres Gemach über eine Terrasse mit Kühlung spendender Fontäne auf silbrige Ölwälder und die blau umdunstete Sabina, als Vordergrund den Riesenbau der Villa Mondragone, des Landhauses Pauls V. mit seinen Terrassen, Loggien, Säulen, Wasserwerken, alles übermächtig und größenwahnsinnig, jetzt alles Vergangenheit und Verfall.

Abends dann: »Man muß es erleben.« sagte Rudolf Müller immer wieder. Abends dann die Streifereien durch die Olivenwälder, die Gehölze, über die Matten und Senkungen der Villa Rufinella bis hinauf zu den tuskulanischen Höhenzügen und das Labyrinth der Ruinen, unter Haselnuß, Lorbeer und Ginster begraben. Unter Ginster! Fluten dieses blühenden Goldes machten verwilderte Pfade fast unzugänglich, schlugen über dem Haupt des Wandelnden zusammen, bedeckten alle Höhen, füllten alle Tiefen, überzogen bröckelndes Gemäuer mit Glanz, umloderten Felsen, wogten in breitem Strome zu Tal. Ein Zauber wars: »Ginsterzauber!« Und in dieser Welt höchster Schönheit sollte der Schirokko aufsteigen; sollte Schirokkowahnsinn die Völker ergreifen; sollte Krieg werden? Völkermordender Krieg!

Aus dem Munde lateinischer Hirten erfuhr es Rudolf Müller: »Krieg! Krieg Österreich-Ungarns und Deutschlands mit Serbien! Krieg mit Rußland! Krieg mit Frankreich! Krieg mit England!«

Rudolf Müller hatte in den letzten Julitagen Ferien gemacht, war in das wilde Algidumtal gewandert und hatte auf den Steppen, die im Frühling unabsehbare Gefilde weißer Narzissen waren, bei dem Hirtenvolk eine Zeit zugebracht. Er kannte dieses Volk seit seiner Jugend, war häufig dort Gast gewesen, liebte die Einsamkeiten jener Hochtäler leidenschaftlich. Sie schienen nicht in Europa, sondern in einem andern Weltteile zu liegen: in Argentinien oder Australien. Es gab dort nur Hirten und Herden. In kalten Tagen hausten die Männer in einem ruinenhaften Kastell des Fürsten Orsini und schlugen bei Beginn der guten Jahreszeit ihre Zelte auf. Ein solches luftiges Obdach wurde dem alten Herrn gastfrei überlassen. Es lag an dem Rand eines kleinen kreisrunden Wasserbeckens, an dessen Ufern einstmals ? lang, lang war es her! ? der große Krieg, den Rom mit seinen feindlichen Nachbarn führte, entschieden ward. Von der Schlacht am See Regillus hatte der Knabe schon auf der Schulbank gehört. Das Dioskurenpaar Kastor und Pollux hatte den Sieg am See Regillus den Römern auf ihrem Forum verkündet. Im Laufe der Zeit war der See zu einem von Ginster und Schlehdorn umbuschten Sumpf geworden, und jetzt ? In diesen ersten Augusttagen des Jahres 1914 riefen an dem Ufer des Sees Regillus lateinische Hirten, auf ungesattelten Pferden heransprengend, ihrem deutschen Gast zu:

»Krieg! Krieg! Krieg Deutschlands und Österreichs mit Serbien und Rußland, mit Frankreich und England! Krieg! Krieg!« Nach einem Schweigen, währenddem Rudolf Müller nach Fassung rang, tat er die Frage:

»Und Italien? Wenn Deutschland und Österreich Krieg führen, so führt doch wohl auch Italien Krieg? Italien ist ja doch Deutschlands und Österreichs Bundesgenosse!?«

Rudolf Müller sprach wie im Traum, wie in halber Betäubung. Jenen andern Hirten wurde vor Bethlehem von Engelslippen verkündigt: »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Euch ward heute der Heiland geboren.« Und hier? Und jetzt?

In welcher Verwirrung befand sich des Alten Geist, daß er jetzt jener Engelsbotschaft des Friedens auf Erden gedenken mußte, in dem Augenblick, da ihm lateinische Hirten die Botschaft brachten: »Krieg auf Erden und den Menschen ein Grauen! Euch ward heute der Völkermord geboren!«

»Und Italien?« ? hatte er in seiner Verwirrung gestammelt. Noch bevor er das Furchtbare recht fassen konnte, hatte er Italiens gedacht; Italiens als treuen Bundesgenossen der beiden kriegführenden Mächte. Die Hirten aber beantworteten seine Frage mit einem Ausbruch jubelnder Begeisterung:

»Krieg! Krieg! ... Evviva la Germania! Evviva Bismarco! Evviva la Germania e lItalia! Avanti Savoia!«

Doch Österreich ?

Der alte Mann wandte sich ab, um seine stürzenden Tränen zu verbergen. Das junge Hirtenvolk aber raste weiter auf ungesattelten Rossen, halbnackt, eine ganze Schar von Dioskuren, Götterjünglingen vergleichbar, um die Kunde weiterzuverbreiten unter den Hirten des Algidum, dieses gewaltigen Schlachtfeldes des einstmals gewaltigen Römerreichs.

Als Rudolf Müller allein war, warf er sich am Strande des Sees von Regillus zu Boden. Er wollte beten; wollte den Herrn der Heerscharen anrufen für sein deutsches Vaterland. Aber von seinen zitternden Lippen kamen nur die Worte, die er soeben aus dem Munde der jauchzenden Jünglinge vernommen hatte: »Evviva la Germania! Evviva la Germania e lItalia! Evviva Bismarco!«

Ja! Bismarck war nicht tot, Bismarck konnte nicht sterben, Bismarck lebte. Er lebte für sein deutsches Volk; lebte für das große Reich, welches er mit Blut und Eisen in Flammen geschmiedet hatte. Sein unsterblicher Geist lebte in Deutschlands Volk und würde es führen durch Blut und Flammen von Sieg zu Sieg:

»Deutschland, Deutschland, über alles!«

Am Rande des Sees von Regillus, in der Wildnis Latiums, in welcher der Knieende der einzige, der letzte Mensch auf Erden zu sein schien, sang der greise Künstler das Hohelied des deutschen Volkes. Es war in dieser Zeit deutscher Not des deutschen Volkes höchstes Gebet.

Neuntes Kapitel

Als Rudolf Müller aus dem Algidum in die Villa Falconieri zurückkehrte, meldete man ihm, seine Tochter sei dagewesen und werde nächsten Tages wiederkommen. In der Villa herrschte fieberhafte Erregung, zugleich heroische Begeisterung und jauchzende Siegeszuversicht. Die jüngeren Kaisergäste waren bereits abgereist, um sich für den Kriegsdienst oder als Freiwillige zu stellen. Da wurde denn dem alten Herrn zum ersten Male so recht bewußt, daß er ? eben ein alter Mann sei. Nicht einmal zum Sanitätsdienst, als Krankenwärter konnte er mehr gebraucht werden; zu nichts mehr war er für sein Vaterland tauglich. Das war ein Schmerz! Schlimmer: etwas wie Scham kam über ihn. Deutschlands Heldenjahre 1870-1871 hatte er mitgemacht und das Ehrenzeichen sich erworben. Er bewahrte es zu Hause, bei seinen höchsten Heiligtümern. Nach Rom zurückgekehrt, wollte er es anlegen als Weihezeichen seines Deutschtums. Er freute sich darauf, mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust durch Rom zu wandern; freute sich darauf, wie seine lieben Römer ihn anstaunen würden: »Das ist einer unsrer Bundesgenossen! Der Alte hat mitgeholfen für uns zu siegen und Italien zu einem einigen Königreich zu machen, mit Rom als Hauptstadt!« Das würde Italien den deutschen Brüdern dort drüben niemals vergessen. Nein, niemals!

Romana kam nach Frascati. Sie brachte ihren Knaben mit. Am Zypressenteich der Villa Falconieri reichte sie Rudolf Müllers Enkel die Brust. Auch das war wundersam, einer Erfüllung gleich.

Wie hatte die Frau während der kurzen Zeit, in welcher ihr Vater sie nicht gesehen, sich verändert! Noch ernsthafter und schweigsamer, noch leidensvoller war sie geworden. Etwas Herbes war über sie gekommen; zugleich etwas wie Entsagung: Entsagung aller Lebensfreude, also allen Lebensglücks. Diese ernsthafte, schweigende Frau hätte den Jubelklang, der in dem Wort: »Lebensglück« liegt, nicht mehr verstanden. Doch das war Frauenschicksal. Tausende und aber Tausende teilten es mit dieser einen. Auch klagte sie nicht. Besaß sie doch ihren Knaben! Sie durfte glücklicher sein als tausend und aber tausend andre, schwer enttäuschte Frauen es waren, die auch keine Lebensfreude, kein Lebensglück mehr hatten ...

Romana brachte ihrem Vater deutsche Zeitungen mit. Am Zypressenteich der Villa Falconieri las der Professor Deutschlands einmütige Erhebung. Dieses zu erleben und Deutscher zu sein ? Worte sagten es nicht! Immerfort die Hände falten, immerfort beten, immerfort dem Himmel dafür danken, ein Deutscher zu sein.

Rudolf Müller fragte seine Tochter:

»Wie ist es in Rom? Rom jubelt doch mit? Fühlt doch mit uns? Fühlt die heilige Gerechtigkeit unsrer Sache? Gewiß zogen die Römer auf das Kapitol vor Palazzo Caffarelli, um unserm Botschafter als Vertreter unsres Vaterlandes zuzujubeln? Und die italienischen Zeitungen? Weshalb brachtest du sie nicht mit? Giornale dItalia ? Tribuna ? Secolo ? Corriere della Sera ... Weshalb schweigst du? ... Was hast du?«

»Rom jubelt nicht.«

»Nicht? Es jubelt nicht mit uns, wo es sich doch gewiß mit uns und für uns erhebt? Für unsre gerechte Sache!«

»Italien bleibt neutral.«

»Nun ja. Einstweilen ... Weshalb schweigst du?«

»Der König von Italien depeschierte an den König von Österreich: Italien würde gegenüber seinen Verbündeten eine herzlich freundschaftliche Haltung bewahren.«

»Das ist doch selbstverständlich! Mehr als eine herzlich freundschaftliche Haltung, Viel mehr! Auch das ist selbstverständlich ... Und dein Gatte?«

Sie klagte nicht; klagte ihren Gatten nicht an. Sie würde den Vater ihres Sohnes vor jeder Anklage verteidigt haben, nicht mehr das sanfte unbedeutende Wesen, sondern eine willensstarke Frau. Ihrem Vater antwortete sie, ihr Unglück verschweigend, aber ihre Sorge ihm anvertrauend:

»Ich verstehe immer weniger, was es mit ihm ist, Er scheint in schlechte Hände gefallen zu sein, in Schlingen, daraus er sich nicht wieder lösen kann, so geschickt er ist, Es geht mit ihm etwas vor; etwas Unheilvolles, Unsauberes, Er spricht davon nicht mit mir ? er tat das ja niemals ? aber ich ahne es, fühle es. Unheilvolle und zugleich unsaubere Gewalten bemächtigten sich seiner so völlig, daß er keinen Ausweg mehr findet, nicht mehr sich helfen kann, nicht mehr sich zu retten weiß. Ich bin ja doch seine Frau, er ist ja doch der Vater meines Sohnes ? Was soll ich tun? Ach, was soll ich nur tun? Ich bin machtlos, hilflos.«

Erschrocken forschte ihr Vater:

»Welche unheilvollen Gewalten könnten das sein? Denn unsaubere ?«

Romana rief aus:

»So sagte ich ... Woher das viele Geld? Er wirft mit dem Geld um sich, lebt wie ein großer Herr, scheint Tausende zu verdienen. Wodurch?«

»Er ist ein fast zu geschickter Advokat, wie du selbst sagst.«

»Das ist es nicht. Es sind nicht Klienten, nicht Prozesse, die ihm die großen Summen einbringen. Und weshalb dieser heimliche Verkehr bei den fremden Botschaftern? Es sind die Botschafter unsrer Feinde.«

»Die auch Italiens Feinde sind!«

»Italiens heimliche Freunde, bald ihre offenkundigen Verbündeten.«

»Was sagst du? Wie darfst du das sagen? Eine Verdächtigung Italiens, eine Verdächtigung seiner Treue gegen uns.«

»Mein guter Vater ?«

»Ich bin dein trauriger Vater, wenn du Italiens Treue verdächtigst.«

»Denke doch an die Aufführung jenes Dramas in Olevano. In Olevano, einer kleinen sabinischen Bergstadt.«

»Die Italiens unwürdige Demonstration galt Österreich.«

»Ist Österreich nicht auch Italiens Bundesgenosse?«

»Jener abscheuliche Tumult galt dem Österreich von damals; galt jener unseligen Zeit blutiger Feindschaft zwischen Italien und Österreich. Diese Zeit ist längst vorüber.«

»Du irrst. Der Aufruhr galt dem Österreich von heute. Deine Liebe zu Italien macht dich blind.«

»Liebst du Italien etwa nicht?«

»Nur zu sehr, wie wir alle. Uns alle hat die Liebe zu Italien blind gemacht. Wir werden sehend werden, und das bald.«

In dieser Stunde trat des Professors heiße Liebe zu Italien ihren Passionsweg an, der zu einem Golgatha führte.

Gekreuzigt werden sollte die Liebe der Deutschen zu Italien.


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