Abenteuer der sieben Schwaben und des Spiegelschwaben

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Kapitel 1 des Buches: Abenteuer der sieben Schwaben und des Spiegelschwaben

Abenteuer der sieben Schwaben

Wie die sieben Schwaben nach Augsburg kommen und sich allda Waffen holen

Als man zählte nach Christi Geburt eintausend und etliche hundert Jahr, da begab sichs, daß die sieben Schwaben in die weltberühmte Stadt Augsburg einzogen; und sie gingen sogleich zu dem geschicktesten Meister allda, um sich Waffen machen zu lassen; denn sie gedachten das Ungeheuer zu erlegen, welches zur selbigen Zeit in der Gegend des Bodensees übel hauste und das ganze Schwabenland in Furcht und Schrecken setzte. Der Meister führte sie in seine Waffenkammer, wo sich jeder einen Spieß oder sonst was auswählen konnte, was ihm anstand. »Bygost!« sagte der Allgäuer, »sind das auch Spieße? So einer wär mir just recht zu einem Zahnstürer. Meister, nehmt für mich nur gleich einen Wiesbaum von sieben Mannslängen.« »Potz Blitz,« sagte der Blitzschwab, »Allgäuer, progle dich nicht allzusehr.« Der Allgäuer sah den mit grimmigen Augen an, als wollte er ihn damit durchbohren. »Eigentlich hast du recht, Männle!« sagte der Blitzschwab und streichelte ihm den Kautzen; »und ich merke deine Meinung,« sagte er: »Wie alle Sieben für Einen, so für alle Sieben nur Einen.« Der Allgäuer verstand ihn nicht, sagte aber: »Ja!« und den andern wars auch recht. Und so ward denn ein Spieß von sieben Mannslängen bestellt, und in einer Stunde war er fertig. – Ehe sie aber die Werkstatt verließen, kaufte sich jeder noch etwas Apartes, der Knöpfleschwab einen Bratspieß, der Allgäuer einen Sturmhut mit einer Feder darauf, der Gelbfüßler Sporen für seine Stiefel – sie seien nicht nur gut zum Reiten, sagte er, sondern auch zum Hintenausschlagen. – Der Seehaas aber wählte einen Harnisch, sagend: Vorsicht sei zu allen Dingen nütz; des Guten könne man nicht zu viel tun; und nütze es nichts, so schade es auch nichts. Der Spiegelschwab gab ihm recht und sagte: Auch er wolle einen tragen, aber nicht vorn auf der Brust, sondern hinten auf dem Hintern. Der Seehaas meinte, der Geselle wolle ihn foppen; jener aber sagte: »Merks: Hab ich Mut und geh ich vorwärts, so brauch ich keinen Harnisch; gehts aber rückwärts, und fällt mir der Mut anderswohin, so ist dann der Harnisch am rechten Platz.« Und so ließ er sich denn den Harnisch zurecht machen, der, recht zu sagen, ein Balbiererbecken war aus der Rumpelkammer des Meisters. Und nachdem die sieben Schwaben, wie ehrliche Leute, alles richtig bis auf Heller und Pfennig bezahlt und zuletzt noch beim Metzger am Gögginger Tor gute Augsburger Würste eingekauft hatten, so zogen sie zum Tor hinaus und ihres Weges weiter.

Wie die sieben Schwaben weiter ziehen, und welchen Weg sie einschlagen

Der Allgäuer, der an der Spitze ging, stimmte sein Posthörnle an und blies ein Trompeterstückle; hinter ihm kam der Seehaas und dann der Nestelschwab, der ihm seinen Bünkel auf dem Buckel trug; drauf folgte der Blitzschwab, der sang: »Es geht ein Butzemann im Reich herum, Didum, Bidi, Bum.« Dann kam der Spiegelschwab, und ganz hintennach grattelte und pfnauste der Knöpfleschwab mit seinen Häfen und Pfannen. Und sie trugen zusammen, Mann für Mann, den Spieß, und sahen schier aus wie ein Widle gespießter Lerchen. – Sie waren aber schon eine ziemliche Weile gegangen, da fiels ihnen erst ein, zu überlegen, welchen Weg sie einschlagen sollten nach dem Bodensee, wo das Ungeheuer hauste, das zu erlegen war. Der Allgäuer meinte, sie sollten der Wertach nachgehen, dann kämen sie ans Gebirg, und dann könnten sie nimmer fehlen. Der Gelbfüßler aber sagte: Über das Gebirg sei es ein Umweg; sie sollten ihm folgen bis an den Neckar; der Neckar fließe in den Rhein, und der Rhein in den Bodensee. »Potz Blitz!« sagte der Blitzschwab, »ein braver Mann geht gradaus.« Und die andern lobten ihn deshalb, und sie beschlossen, gradaus zu gehen, zwischen Göggingen und Pfersen durch, und weiter. Und so wateten sie denn durch die Wertach, weil die Brücke abseiten lag, und gingen weiter über Stock und Stein, über Wiesen und Felder, durch Wüsten und Wälder, Berg auf Berg ab, bis sie an Ort und Stelle kamen.

Wie die sieben Schwaben von einer Zigeunerin sich wahrsagen lassen

Die sieben Schwaben hatten aber auf dem Wege dahin noch viele Abenteuer zu bestehen, woran sicher die Zigeunerin schuld war, die alte Hex. Die saß nämlich außerhalb Kriegshaber an einer Staude am Weg und kochte ein wunderliches Zeug durcheinander. – »Knöpfle sinds einmal nicht,« sagte der Knöpfleschwab, als er in den Kessel hineinguckte; und der Blitzschwab meinte gar, er sehe auf der schwarzbraunen Brüh statt Pfeffer und Schmalz Mausdreck und Krötenaugen schwimmen, so daß es ihm fast den Magen im Leibe umkehrte. Der Spiegelschwab aber ging auf die Zigeunerin zu und sagte: »Alte Trampel! du mußt mir wahrsagen.« Die besah ihm die Hand und sagte:

»Wer Weiberjoch auf sich muß tragen.
Hat wohl von großer Not zu sagen.«

»Die Blitzhex redet wahr,« sagte der Spiegelschwab und schob den Gelbfüßler hin. Dem lugte sie auch in die Hand und sagte:

»Einem, der ist übermannt,
Dem ist das Fliehen keine Schand.«

»Die stichelt auf meine Stiefele,« dachte er, »und sie weiß, daß ich laufen kann.« Da die beiden Gesellen mit der Wahrsagerin zufrieden zu sein schienen, so folgten auch die andern. Und zum Seehaasen sagte sie:

»Ein Ding man leget manchem vor,
Wenn man es tät, der wär ein Tor.«

Zum Knöpfleschwaben sagte sie:

»Was man erspart an seinem Mund,
Das frißt die Katze oder Hund.«

Zum Nestelschwaben sagte sie:

»Den Esel kennt man an den Ohren,
An der Red, Weise und Toren.«

Zum Allgäuer sagte sie:

»Der Wagen wird nicht wohl geführt.
Wenn Ochsen ungleich angeschirrt.«

»Bygost!« sagte der Allgäuer, »das hab ich selber schon oft erfahren, wenn ich hab Mist ausgeführt. Die Hex sieht einem, wägerle! durch das Herz.« Der Blitzschwab aber, der tiefer in den Hafen geguckt, wollte mit der Heidin nichts zu schaffen haben, sondern stieß ihr vielmehr den Kessel um und ins Feuer, so daß dieses mit Prasseln auseinandergefahren und ausgeloschen ist. Die Zigeunerin aber, voller Zorn, rief ihm mit schätternder Stimme nach:

»Jungfrau Lieb ist fahrend
Hab, Heut ›Herzliebster‹, morgen ›Schabab‹«.

Und so konnten denn die sieben Schwaben ihrem Schicksal nicht entgehen.

In diesen und den andern Kapiteln wird erzählt, was sich vor der Hand mit den sieben Schwaben zugetragen hat

Es ist aber an der Zeit, daß ich dich, günstiger Leser, mit den Helden dieser Geschichte näher bekannt mache, und was dir sonst zu wissen nötig ist, aufrichtig erzähle. Vernimm also, daß der Seehaas ausgegangen ist – – – du mußt aber wissen, daß dies ein Schimpfname für ihn geworden seit der Zeit, als die sieben Schwaben ihr Abenteuer gehabt, von welchem du, wenn du Geduld hast, am Ende hören wirst; er ist aber zu Überlingen am Bodensee zuerst Eschhay, dann Bannwart gewesen. Der traf unweit Freiburg im Breisgau den Nestelschwaben an, hinter einem Zaun, wo er etwas zu tun hatte, was der soeben getan hatte. Und sie machten sogleich Bekanntschaft, wie ehrliche Schwaben zu tun pflegen. Der Seehaas fragte ihn, was er für ein Landsmann sei. Jener sagte, er sei kein Landsmann, sondern nur ein Menbub bei jenem Bauern, der dort den Acker pflüge. Da merkte der Seehaas sogleich, mit wem ers zu tun habe; und so ein Dummrian war ihm gerad recht. Er tat ihm daher den Vorschlag, er solle mit ihm kommen als sein Knecht, der ihm den Bünkel trage; und wenn er etwas erzähle, so solle er nichts sagen, als daß es wahr sei. Jener sagte, er wisse aber nicht, was wahr sei oder nicht wahr. Drauf der Seehaas: »Merk, Bauernlümmel, Hott bedeutet wahr, Hüst nicht wahr.« So verstehe ers, sagte jener, und er wolle mit ihm gehen und ihm um einen Batzen Wochenlohn seinen Bünkel tragen durch die ganze Welt und weiter. – Und die Geschichte weiß noch bis heutigs Tags nicht anzugeben, was dieser Mensch für ein Landsmann gewesen, ob ein Schwab oder ein Schweizer oder ein Pfälzer oder sonst einer aus dem deutschen Reich; denn er redete in allen Landssprachen, und in keiner recht. Er wird aber der Nestelschwab darum genannt, weil er, statt der Knöpfe, Nesteln hatte an Janker und Hosen; und da die meiste Zeit eine und die andere zerrissen war, besonders an den Hosen, so mußte er immer nachhelfen mit der einen Hand, was ihm dann so sehr zur Gewohnheit geworden, daß er auch dann so tat, wenn er nicht also hätte tun dürfen. Beide zogen aber weiter und kamen zum Gelbfüßler, der in Bopfingen ansässig war.

Vom Gelbfüßler, und was sich weiter begeben

Man erzählt, daß, als die von Bopfingen ihrem Herzog die jährliche Abgabe, die in Eiern bestanden, einstmals geben wollten, hätten sie die Eier in einen Krättenwagen getan, und damit recht viele hinein gingen, mit den Füßen eingetreten, was denn ihrer Ehrlichkeit keine Schande macht. – Daher haben sie denn alle, die aus jener Gegend sind, in böser Leute Mund den Namen Gelbfüßler erhalten. Zu einem von diesen, der Bopfinger Bot war, kam nun der Seehaas und erzählte ihm: Wie daß in dem großen Wald am Bodensee ein fürchterliches Tier hause, welches Land und Leuten großen Schaden tue. Beschreiben könne er es ihm gar nicht; aber es sei so groß wie eine wilde Katze, doch weit scheußlicher und grauerlicher anzusehen; und Augen habe es im Kopf, so groß wie Goldgulden, die funkelten nicht anders, als wie das höllische Feuer; und Ohren habe es – – »Nicht wahr, Landsmann?« »Hüst!« sagte der Nestelschwab. »Hott!« sagte der Seehaas. »s Ist wägerle wahr,« sagte der Nestelschwab. Und jener fuhr fort: Er beschwöre daher den Landsmann um des gemeinen Besten willen, er möge ihm zu Rat und Tat sein und ihm getreuliche Gespanen zu werben suchen aus allen schwäbischen Gauen. Der Gelbfüßler sagte: Fechten könne er zwar nicht; aber seis mit dem Laufen getan, so könne er den Teufel auf dem freien Felde fangen. Da der Seehaas sagte, so einen Mann könne er brauchen, so schlug der Gelbfüßler ein und sagte: Er müsse nur noch seine Stiefele anziehn und sein Ränzle packen. Als dies geschehen, so zogen sie weiter. Anfangs waren sie uneins, wohin sie sich wenden sollten, ob gegen das Ries oder die Donau. Im Ries, sagte der Gelbfüßler, gebe es wohl viele Gänse, hab er gehört, aber er wisse nicht, ob es auch Menschen dort gebe. Der Seehaas aber meinte: Das Sehen koste nichts; und erfahren wirs nicht neu, sagte er, so erfahren wirs doch alt. Und damit gingen sie nach dem Ries.

Vom Knöpfleschwaben, und was sich weiter zugetragen

In dem gesegneten Schwabenland, besonders in jener Gegend, wovon soeben Meldung geschehen, besteht die löbliche Gewohnheit, daß man täglichs Tags fünfmal ißt, und zwar fünfmal Suppe, und zweimal dazu Knöpfle oder Spätzle, daher denn die Leute dort in der Umgegend auch Suppen- oder Knöpfleschwaben genannt werden; und man sagt, daß sie zwei Mägen hätten, aber kein Herz. – Der Seehaas brachte also seine Werbung an und sagte: Wie daß in dem großen Wald am Bodensee ein fürchterliches Tier hause, welches Land und Leuten großen Schaden täte. Augen habe es im Kopf, feurige, die so groß wären wie ein Salzbüchsle. »Hott!« sagte der Nestelschwab; aber der Gelbfüßler stieß dem Seehaasen in die Rippen, vermeinend, er solle nicht so lügen. Der aber ließ sich nicht irre machen, sondern fuhr fort zu erzählen: Das Ungeheuer wachse zusehends, je länger man es anluge, und werde so groß, wie ein Pudelhund. Er bitte ihn also um der Landsmannschaft willen, er möchte ihm zu Rat und Tat sein und ihm beihelfen, tüchtige Gesellen zu werben. Der Knöpfleschwab sagte: Fechten sei zwar seine Leidenschaft nicht; aber wenn sie einen brauchten, um ihnen Knöpfle zu kochen, so gehe er mit los auf das Abenteuer. Als sie handelseins wurden, packte der Knöpfleschwab Häfen und Pfannen auf und zog mit ihnen weiter. Und sie wendeten sich nun nach dem Lechfeld zum Blitzschwaben, den sie zu Meitingen im Wirtshaus bei einem Mäßle weißen Gerstenbiers trafen.

Vom Blitzschwaben, und was sich sonst ereignet

Nachdem sich die Landsleute das »Gsegn Gott!« und »Dank Gott!« zugetrunken hatten, fing der Seehaas an zu erzählen, sagend: Wie daß in dem großen Wald am Bodensee ein fürchterliches Tier hause, welches Land und Leuten großen Schaden täte. Es sei so groß wie ein Mastochs, und habe Augen im Kopf wie die Mondscheibe; und das Tier wachse zusehends, je länger man es anluge. »Potz Blitz,« sagte der Blitzschwab, »das möcht ich einmal sehen; ich ließe es mir, beim Teuxel! einen Dreibätzner kosten.« Der Seehaas sagte: Er könne es umsonst sehen, er solle nur mitkommen und ihm und seinen Gesellen zu Rat und Tat stehen beim Abenteuer. Darauf der Blitzschwab: Fechten sei zwar sein Handwerk nicht, aber schimpfen könne er wie ein Rohrspatz, und fluchen wie ein Heid. Der Seehaas meinte, man wisse nicht, wozu ein Ding gut sein könne, und er solle nur mitkommen. Jener schlug ein, nachdem er noch ein Känntle Branntwein zu sich genommen, um, wie er sagte, die Magenwinde zu verteilen, die das vermaledeite Bier mache. Dabei sang er – denn er war ein lustiger Vogel, was man ihm sogleich abmerkte – das Liedlein:

Wo soll ich mich hinkehren,
Ich dummes Brüderlein,
Wie soll ich mich ernähren,
Mein Gut ist viel zu klein;

Wie wir ein Wesen han,
So muß ich bald daran,
Was ich heut soll verzehren,
Ist gestern schon getan.

Und drauf zogen die Gesellen weiter und kamen zum Spiegelschwaben, der in Memmingen zu Haus war.

Vom Spiegelschwaben und dem Allgäuer, und was ferner geschehen

Zu derselben Zeit waren die Fazinetle noch nicht im Brauch, und daher schlenzten einige das Ding gleich von sich weg, was jetzt die vornehmen Leute in den Sack stecken; andere schmierten es unter die Üchse> oder zwischen die Grattel, wo es sich wieder von selbst abwetzte; andere dagegen, wie der Spiegelschwab, putzten es an den Vorderärmel, wo es sich zum Spiegel ansetzte und beim Sonnenschein glitzte. Zu diesem kam der Seehaas mit seinen Gespanen und stellte ihm das Anliegen vor, erzählend, wie daß am See droben ein Ungeheuer hause so groß wie ein Trampeltier, mit Augen, wie Mühlsteine; und er bitte daher, er möge um des gemeinen Besten willen zu Rat und Tat stehen. Der Spiegelschwab sagte: Rat könne er geben, aber mit der Tat sehe es schlecht aus, indem er nicht einmal sein Weib meistern könne, die freilich sieben Häute habe, wie ein Memminger Zwiefel. (Und hat also die Zigeunerin recht gehabt.) Er wisse aber einen, der es mit dem Teufel selbst aufnehme: das sei der Allgäuer. – Zu dem gingen sie nun miteinander, und der war gleich bereit, obwohl der Seehaas ihm das Ungeheuer noch viel schrecklicher vorstellte, als den andern, indem er sagte: Es sei so groß wie ein Haus, und habe Augen im Kopf wie Mühlräder, die im Um- und Umgehen Feuer auswürfen. – »Bygost!« sagte der Allgäuer, »es wird halt dennest nur ein Vieh sein; und der Mensch ist stärker mit Gottes Hilfe, als alles Getier auf Erden.« »Ja,« sagte der Seehaas, »und es geht ein Sprichwort: Gott verläßt keinen ehrlichen Schwaben nicht.« Durch diese Reden bekamen die übrigen noch einmal soviel Mut, und sie gaben sich alle getreulich die Hand, daß sie einander beistehen wollten als Freunde und Landsleute in allen Gefahren und Nöten Leibs und der Seele. Und so beschlossen denn die sieben Schwaben miteinander, zuerst nach Augsburg zu gehen, wie schon oben erzählt worden, um, wie es tapfern Christenmenschen geziemt, sich vor allem mit Streitzeug zu versehen.

Wie die sieben Schwaben auf einen Bären stoßen, und was sie dazu sagen

Wir wollen aber die sieben Schwaben auf ihrem Weg einholen, und da treffen wir sie, vier bis fünf Stunden außer Augsburg, in einem Hohlweg, den sie eben durchziehen. Und siehe da! ein großmächtiger Bär liegt da am Weg, und der Allgäuer bemerkt ihn nicht eher, bis er fast mit der Nase auf ihn fällt. Der schreit, was er kann: »Ein Bär! ein Bär!« und stößt den Spieß aus Leibeskräften gegen das Tier. Doch das rührt sich nicht mehr, denn es war maustot. Drob erfreut, schaut der Allgäuer um und sieht die Gesellen alle auf dem Boden liegen, und vermeinend, sie seien auch tot und er habe sie hinterrucks mit dem Spieß erstochen, fing er laut an zu lamentieren. Die aber waren, man weiß nicht, ob aus Schrecken, oder weil sie den Spieß zu fest gehalten, zu Boden gefallen; und als sie hörten, daß der Bär tot sei, standen sie frisch und gesund wieder auf und stellten sich um den Bären herum, und der eine rupfte ihn beim Pelz, und der andere steckte gar seine Hand in den Rachen, und kein einziger fürchtete sich mehr vor ihm. Und als sie den Bären näher untersuchten und kein Loch an ihm fanden als das, was er schon bei seinen Lebzeiten gehabt, so merkten sie wohl, daß er nicht erstochen sei, sondern verreckt; und der Spiegelschwab warf die Frage auf: woran er wohl gestorben sein mag. Der Knöpfleschwab sagte: »Woran denn sonst als am Hunger?« »Nein«, sagte der Gelbfüßler, »aus Kälte.« Und so hatte denn jeder seine aparte Meinung, wie die Schildbürger ob des toten Wolfes. Erraten aber hats wohl nur der Spiegelschwab, der pfiffigste unter ihnen, welcher sagte: er sei, wo nicht an Wehtagen, doch am Tod gestorben. Hierauf hielten sie Rat, was sie mit dem Luder anfangen wollten, und nach langem Hin- und Herreden beschlossen sie, ihm die Haut abzuziehen; die sollte einst demjenigen zu teil werden, der sich beim Abenteuer am männlichsten halten werde. Das Aas wollten sie liegen lassen. »So mögen ihn die Schafe fressen, wie er zuvor die Schafe gefressen,« sagte einer, ich weiß nicht mehr was für einer.

Wie die sieben Schwaben in den Stauden stecken bleiben

Als die sieben Schwaben tiefer in die Stauden kamen, blieben sie darin stecken. Der Wald wurde nämlich immer dichter und dichter; und einstmals, als der Allgäuer vor einem Baum stand, sagte er: »Bygost! durch muß ich;« und druckte und beugte den Spieß so gewaltig seitwärts, daß der Knöpfleschwab zwischen einem Baum und dem Spieß eingeklemmt wurde und sie alle weder vor- noch rückwärts konnten. Und ist also wahr geworden, was die Zigeunerin prophezeit hatte: »Der Wagen wird nicht wohl geführt, wenn ungleich Ochsen angeschirrt.« Die Gesellen wollten zwar ihren Kumpan wieder losmachen; da sie aber aus allzu großem Eifer an dem Leichnam zogen, der eine nach oben, der andere nach unten, und links und rechts zu gleicher Zeit, so ging eben das Ding nicht vorwärts, und sie hätten ihn fast gevierteilt. Endlich besann sich der Allgäuer und rief: »Bygost! ich müßte des Teufels sein, wenn mir Gott nicht hilfe!« Und er sagte: »Hy Ochs!« und packte den Baum, der den armen Schächer einzwängte, und riß ihn mit einem Riß, daß es krachte, wurzelaus, so daß der Knöpfleschwab, halb entseelt, losschnellte und hinplumpste, als wär er in den Boden eingerammelt. Da bekamen die Gesellen erst rechten Respekt vor dem Allgäuer, den sie sonst für tappet und talket halten mochten. Und der günstige Leser, welcher das Stücklein nicht glauben will, kann selbst nachsehen auf dem Platz, wo der Baum noch liegt bis auf den heutigen Tag.

Wie die sieben Schwaben einem Mägdlein begegnen, und wie der Blitzschwab von ihr auf die Kirbe geladen wird

In der Gegend von Schwabeck begegnete den sieben Schwaben auf dem Feld eine schöne Bauerntochter, die ihnen allen sogleich ins Aug stach, dem Blitzschwaben aber am meisten. Das Töchterle sagte züchtiglich und andächtiglich: »Gelobt sei Jesus Christus,« und sie antworteten allesamt: »In Ewigkeit, Amen.« »Potz Blitz!« sagte der Blitzschwab; »das Mädle muß ich stellen und anreden.« Und er ging auf sie zu und fragte sie: wie sie heiße? Sie antwortete: Käther, und sie sei aus der Grafschaft Schwabeck. Und dabei lugte sie ihm freundlich ins Gesicht; denn der Blitzschwab war kein unübler Kerl. Der fragte: ob sie ihn nicht heuren möchte? Das Mädle lachte und sagte: Ja, wenn einmal die Mannsleute so fäsig wären, wie die Pfeffernüsse. Jener sagte: sie sollte ihm nur gleich ein Schmätzle geben statt dem Drangeld. Die Jungfer aber sagte: Eine Ohrfeige sei ihr feil, aber kein Kuß. Mein Schwab merkte wohl, daß das nicht ihr Ernst sei, und er nahm sie bei der Hand, was jene zuließ, und er fragte, ob er denn gar keine Hoffnung habe, wenn er wiederkäme? und er schmeichelte ihr und streichelte sie, und nannte sie Schatzhauser, und Herzkäferle, und Skapulierläusle, und schwätzte allerhand närrisches Zeug, wie denn verliebte Leute zu tun pflegen. Das Mädle hatte aber endlich genug, und sie sagte: er soll ihr auf die Kirbe kommen, und er ging fort, lugte aber nochmal um und sagte: »Nichts für ungut.« Und so wurde denn der Blitzschwab brav heimgeschickt, und es war zwar grob, was sie gesagt, aber gut. Und die Gesellen stimmten darin alle überein, daß sie eine wunderschöne Tochter sei, wie es denn die schwäbischen Mädle alle sind, ausgenommen die wüsten. Der Allgäuer selbst sagte: »Bygost! wenn die Föhl aus dem Allgäu wäre, ich wüßte nicht, was ich tät.« Dem Blitzschwaben aber wollte seit der Zeit die Käther aus der Grafschaft Schwabeck nicht mehr aus dem Kopf, und er nahm sich festiglich vor, er wolle ihr auf die Kirbe kommen.

Wart e bissele,
Beit e bissele,
Sitz e bissele nieder,
Und wenn du e bissele gsessen bist,
So komm und sags dann wieder.

Wie die sieben Schwaben einem Bayern begegnen, und wie sie ihn heimschicken

Außerhalb Mindelheim – das Nest ließen sie abseiten liegen, fürchtend, die Mindelheimer möchten Furcht vor ihnen bekommen, wie vor dem feindlichen Reiter, der ganz allein ihre Stadt eingenommen – bei Aurbach begegnete ihnen ein Bayer, dem sies sogleich an seinen Häs ansahen, was er für ein Landsmann sei. Er war ein Bräu aus München und hatte Säu ins Reich getrieben und dafür Hopfen eingehandelt in Memmingen. Der blieb am Weg stehen und ließ die Spießmänner an sich vorbeigehen, und hatte Lust, sie auszulachen. Der Blitzschwab fragte ihn: Was er so luge? ob er nie einen Schwaben gesehen habe? »O ja,« sagte der Bayer, »bei mir daheim in der Kuchel gibts zu Tausende.« »Potz Blitz, Malefiz!« sagte der Blitzschwab und ging auf den Bayern zu, der ein Fetzenkerl war und dem der Blitzschwab kümmerlich bis an den Nabel reichte. Und eh der Bayer sichs versah, sprang der Schwab an ihm in die Höh und gab ihm eine solche wetterliche Ohrfeige, daß ihm das Feuer aus den Augen schoß und die Ohren vom Schlag sausten. Der Bayer aber, nicht faul, langte mit dem Arm weitmächtig aus, um dem Schwäblein auch eine zu versetzen; und es wär auch eine Watsche gewesen, an die er sein Lebtag gedacht hätte. Aber weil der Schwab ebenso geschwind wieder auf dem Boden war, wie in der Luft, so schlug jener in den Wind hinein, so daß er sich umdrehte wie ein Triller und stolperte und fiel. Jetzt gings über ihn her; der Blitzschwab packte ihn an der Gurgel; die andern hielten ihn an Händen und Füßen und trommelten auf ihn los. Er wäre aber doch ihrer Herr geworden und hätte sie sämtlich in die Höhe geschupft wie ein Pfulben, wenn nicht endlich auch der Allgäuer wie ein Maltersack auf ihn gefallen wäre, der ihm drohte, er werde ihm das Licht ausblasen, wenn er ihnen den Schimpf nicht abbitten tät. Der Bayer mußte es denn wohl tun, und so ließen sie ihn gehen. Als er aber nach München zurück gekommen, ließ er an sein Haus, auf dem Anger, die sieben Schwaben malen zum ewigen Gedächtnis, allwo sie noch heutigestags zu sehen sind.

Das Kapitel vom Waldbruder

Wie sie denn weiter gezogen in die Kreuz und Quer, so kamen sie von ungefähr zur Klause eines Waldbruders. Der saß soeben vor seiner Zelle, in einem Buche lesend. Sie riefen ihn an und baten ihn, mit herabgezogenem Käpple, wies Christenmenschen geziemt, er möchte ihnen den rechten Weg weisen. Das Buch aber, worin der Klausner las, war ein Traktätlein contra facetias, das heißt zu deutsch: gegen die Fachsen. Und so wird sich denn der christliche Leser nicht wundern über die Rede, womit der fromme Mann die guten Sieben anließ; denn vor ihm stand nun ja, wie ihm däuchte, das lebendige Konterfei von Fachsenmachern. »Den Weg soll ich euch weisen, ihr Landfahrer? (hub er an) Wartet! die Schellen will ich euch stimmen, ihr Schalksnarren! die Federn will ich euch beschneiden, ihr Fatzvögel! den Grind will ich euch einäschern, ihr Fastnachtsbutzen!« – Der Seehaas unterbrach seine Rede, sprechend: Wie daß in dem großen Wald am Bodensee ein fürchterliches Ungeheuer hause ... Der Klausner ließ ihn aber nicht ausreden, sondern rief: »Herrgott im Himmel! was für Höll-Lumpen hast du auf Erden! Da ziehen sieben Kalfakter mit einmal herum im Reich, zu Schand und Spott des Schwabenlandes und der Christenheit! Gibts denn nichts nützliches mehr zu tun in der Welt für solche Schlingel, die ihr seid? Gibts keine Hafen mehr zu binden, keine Pfannen zu flicken, keine Scheren zu schleifen? Schert euch fort, ihr Scheurenburzler! In den Stock mit euch, in die Geige, an den Galgenbaum, ihr Vaganten, ihr Lyranten, ihr Komödianten!« »Potz Blitz!« sagte der Allgäuer, und »Bygost!« der Blitzschwab, vor lauter Staunen und Starren. Jener aber machte rechtsum mit dem Wiesbaum und zog die Sechse nach; und der Blitzschwab stimmte seine Fiedel und fing an ein Liedlein zu singen, so daß von dem weitern Schelten des Waldbruders nichts mehr zu vernehmen war.

Nutzanwendung des Autoris

Vielleicht, günstiger Leser, wird es meinem Büchlein von den Abenteuern der sieben Schwaben auch also ergehen, wie es den sieben Schwaben selbst ergangen; und daß irgend ein Sitten- und Splitterrichter es anschnurren möchte und verdammen als ein eitles Gedicht voller nichtsnutziger, ja ehrenrühriger Fachsen ... Günstiger Leser! sag ihm dann: es gebe in der weiten Gotteswelt nicht nur fleißige Immen und geschäftige Ämsen, sondern auch Maivögelein, lustige; und man wisse nicht, ob und wozu die letztem nicht auch nutz seien. Mein Büchlein aber – sag ihm das – wolle niemanden ärgern, sondern vielmehr jedermann ergötzen; und wem es nicht gefallen wolle, der könne es ja abweisen von seiner Tür. Die Schwalbe ziehe auch lustig durch die Welt und heime sich ein, wo man sie eben dulde, und bringe kein Unglück den Leuten ins Haus. Sie irre nicht einmal die Meise, die geschäftig das Rädlein treibt am Käfig, achte aber auch nicht der Nachteule, die in dem finstern Loche sitzt mit ihren glotzenden Augen.

Welches Lied der Blitzschwab gesungen

»Guten Morgen, Spielmann,
Wo bleibst du so lang?«
Da drunten, da droben,
Da tanzen die Schwaben
Mit der kleinen Killekeia,
Mit der großen Kumkum.

Da kommen die Weiber
Mit Sichel und Scheiben
Und wollen den Schwaben
Das Tanzen vertreiben
Mit der großen Killekeia,
Mit der großen Kumkum.

Da laufen die Schwaben
Und fallen in Graben,
Da sprechen die Schwaben:
Liegt ein Spielmann begraben
Mit der kleinen Killekeia,
Mit der großen Kumkum.

Da laufen die Schwaben,
Die Weiber nachtraben.
Bis über die Grenze
Mit Sichel und Sense:
»Guten Morgen, Spielleut,
Nun schneidet das Korn!«


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