Das aeskulapische Dekameron

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Einleitung

In den Jahrhunderten, die der Renaissance voraufgingen, war die Bedeutung des Arztes für das Volk gleich Null. Abgesehen von den arabischen und jüdischen Ärzten, die sich die Kaiser, Könige, Päpste und reichsten Barone im Mittelalter für schweres Geld aus Kairo, Salerno oder aus Toledo, der Stadt der Magier, verschrieben, wurde die Medizin nur an den Kirchentüren und Klosterpforten ausgeübt ? durch Besprengung mit Weihwasser, Salben mit Chrisam, Handauflegen, Formeln und dergleichen.

Wenn der Priester ursprünglich Arzt gewesen war und über eine ausgebreitete Heil- und Zaubermittelkenntnis verfügt hatte, so war er jetzt in seiner angstvollen Abgewandtheit von der angeblich unreinen, dämonischen Natur ein Prediger der Resignation, dessen theurgische Therapie nur auf die Beseitigung der dämonischen Einwirkung gerichtet war, die er als einzige Krankheitsursache ansah. Wer durch sie nicht geheilt wurde, der hatte eben den Glauben nicht. Im übrigen war das Leben ja eine Prüfung; jede Abkürzung desselben mußte daher willkommen geheißen werden.

Die Zahl dieser Nichtgeheilten ? man denke an die ungeheure Verbreitung der Hautkrankheiten im 13., an die Epilepsie (Veitstanz) und die Pest im 14. Jahrhundert ? war aber Legion. Woher sollte ihnen Hilfe kommen, wenn sie sich die von der Kirche gepredigte Resignation nicht zu eigen machten?

Bis an die Schwelle der Renaissance ? dieser Wiedergeburt zur Natur und Abkehr von der Resignation ? hatte das Volk nur einen wirklichen Arzt ? keinen gelehrten, talarierten freilich, aber einen naturheilkundigen, empirischen: die weise Frau, wie ihre Anhänger, die Hexe, wie ihre Feinde sie nannten. Die Kirche hatte sie durch ihre Verachtung der Natur und ihrer Hilfsmittel, durch ihre Verfolgung der Vernunft, selber geschaffen. »Von wann datiert die Hexe?« fragt Michelet. »Von den Zeiten der Verzweiflung, der tiefen Verzweiflung, welche die Welt der Kirche geschaffen hatte«, antwortet er und betont: »Ich sage ohne Zögern: Die Hexe ist ihr Verbrechen.«

Außerhalb der Klosterschule, in der die Logik und die freie Vernunft erstickt wurden, entstand die Schule der Natur, in welcher die Hexe und der Hirte ihre Beobachtungen machten und ihre Erfahrungen sammelten. Hier begannen die schlimmen Wissenschaften, die verbotene Pharmazie der Gifte (Belladonna!) und die verabscheuungswürdige Anatomie: Der Hirte verdankte seine Rezepte der Beobachtung des Himmels, des Wetters und der Tiere. Die Hexe, seine Schülerin, schleppte vom nahen Friedhof einen gestohlenen Leichnam herbei und zum erstenmal konnte man dies Wunder Gottes betrachten. Ihnen gesellte sich zuweilen ein Dritter, der Chirurg und Veterinär jener liebenswürdigen Zeiten, der Henker, der Mann mit der flinken Hand, der sich des schneidenden Eisens mit unfehlbarer Sicherheit zu bedienen wußte, die Knochen zerbrach und sie wieder einzurichten verstand, der tötete und bisweilen rettete, indem er nur bis zu einem gewissen Punkte henkte.

Die Erfolge dieses Kleeblattes zwangen ihre Konkurrentin zu studieren. Man wollte doch leben. Alles wäre der Hexe zugefallen; man hätte dafür immer dem Arzte den Rücken gekehrt. Die Kirche mußte dulden und gestatten, was in ihren Augen Verbrechen war. Sie bewaffnete gegen die Hexe den Arzt. So tief sie ihn haßte, begründete sie nichtsdestoweniger sein Monopol, zur Austilgung der Hexe. Sie erklärte ? im 14. Jahrhundert ? wenn die Frau es wagte zu heilen, ohne studiert zu haben, so sei sie Hexe und des Todes schuldig. Aber wie sollte sie öffentlich studieren?

Die Kirche mußt zugeben, daß es nützliche Gifte gebe (Grillandus). Sie ließ notgedrungen öffentlich sezieren. Im Jahre 1306 öffnet und zergliedert der Italiener Mondino eine Frau, 1315 noch eine. Eine Welt ward entdeckt, wichtiger als die von Columbus ersegelte.

Als der große und mächtige Doktor der Renaissance, Paracelsus, im Jahre 1527 zu Basel die gelehrten Bücher der gesamten alten Medizin verbrannte, die griechischen, jüdischen und arabischen, die Werke der Hippokrates, Galen, Aristoteles, Maimonides, Rhasis, Dschaffar, Ebn Sina, Avicenna, Averroes, Mesuë, erklärte er, nur aus der Volksmedizin etwas gelernt zu haben, von den weisen Frauen, den Hirten und Henkern.

»Wenn ich«, sagte Michelet, »die sehr schönen Werke lese, die man in unsern Tagen über die Geschichte der Wissenschaft geschrieben hat, versetzt mich ein Umstand in Erstaunen: man scheint zu glauben, daß alles von den Gelehrten gefunden worden sei, diesen Halb-Scholastikern, die jeden Augenblick durch ihren Talar, ihre Dogmen, die beklagenswerten geistigen Gewohnheiten gehemmt wurden, die ihnen die Schule gab. Und sie, die frei von diesen einhergingen, die Hexen, sollten nichts gefunden haben? Das wäre unwahrscheinlich. Paracelsus sagt das Gegenteil. In dem Wenigen, was man von ihren Rezepten weiß, steckt außerordentlich viel gesunder Menschenverstand. Noch heute betrachtet man die von ihnen so viel verwandten Solaneen als das Spezialheilmittel für die große Seuche, welche die Welt im 14. Jahrhundert bedrohte. Es hat mich überrascht, bei Coste (Hist. du Dével. des corps, t. II, p. 55) zu sehen, daß Paul Dubois Ansicht über die Wirkungen des Eiswassers in einem gewissen Augenblick genau der Praxis der Hexen am Sabbat entsprach. Man sehe sich dagegen die törichten Rezepte der großen Doktoren jener Zeit an, die wunderbaren Wirkungen des Maultierurins usw. (Agrippa, De occulta philosophia, t. II, p. 24, éd. Lugduni).«

Es könnte wunder nehmen, daß in allen den ernsten und lustigen Geschichten, die im folgenden mitgeteilt werden, nur ein einziges Mal von einer jener hilfreichen Frauen die Rede ist, die für das niedere Volk und gewiß auch für die meisten Frauen des Bürgertums, die einzigen eigentlichen Verwalter der Heilkunde waren. Dieses Schweigen erklärt sich indes unschwer aus der Scheu vor der Saga und aus der Heimlichkeit, mit der ihre Dienste in Anspruch genommen wurden. Wie leicht konnte man in den Verdacht kommen, sich einen Liebestrank haben brauen oder einen Zauber gegen eine gehaßte Person bereiten lassen!

Die meisten dieser hundert und mehr Arztgeschichten sprechen nicht mit sonderlicher Hochachtung von den Jüngern des Asklepios. Es mag oft schlecht genug um ihre Wissenschaft bestellt gewesen sein. Die im 8. und 9. Jahrhundert entstandenen Rezeptsammlungen, das eine oder andere der von Paracelsus verworfenen Bücher, bildeten häufig das einzige Fundament ihrer medizinischen Kenntnisse. Dazu kam, daß es ? wenigstens in Italien ? offenbar sehr leicht war, sich als Arzt auszugeben, trotz der Fakultäten von Padua und Pavia, Bologna und Salerno.

Misero me, che ciascun Pedantuzzo,
che apena sa la Janua drittamente,
di Medico portar vuol il Capuzzo!

klagt der venezianische Arzt und Dichter Cynthio degli Fabritii 1526. Der Ruhm der Fakultäten kam auch den Dilettanten und Pfuschern zugute und verschaffte ihnen Zulauf.

Aber nicht nur in den Novellen und Schwänken werden die Ärzte durch den Kamm gezogen. Die gründlichste Auseinandersetzung mit ihnen finden wir bei Montaigne, im 37. Kapitel des II. Buches seines Essais (1580), wo er übrigens betont, daß Plinius und Celsus noch weit unsanfter von ihrer Kunst sprechen als er selbst. Der in der Hauptsache kurzweilige Charakter dieser Sammlung erlaubt es nicht, diese sehr eingehenden und ernsthaften Ausführungen wiederzugeben; mehr entspricht ihr der von bezeichnenden Geschichtchen durchsetzte Exkurs seines Zeitgenossen Henri Estienne, der hier folgen möge.

Nachdem der gelehrte Moralist den Apothekern gehörig den Kümmel gerieben, fährt er fort: »Ich fürchte in den Verdacht des heimlichen Einverständnisses mit den Ärzten zu geraten, wenn ich gar nichts über sie sage, nachdem ich mich so ausgiebig über die Apotheker verbreitet habe. Um also einem solchen Verdacht vorzubeugen, will ich auch von den Ärzten sprechen und mit einer Geschichte beginnen, die einmal zu Paris im Hause meines verstorbenen Vaters in sehr guter Gesellschaft von einem Doktor der Medizin erzählt wurde. Dieser Mann erfreute sich eines guten Rufes, verlor davon aber einen guten Teil bei allen denen, die seine Geschichte mit anhörten. ?Ich behandelte, sagte er, einen dicken Abt und hatte meine Schuldigkeit an ihm so gut getan, daß ich ihn in wenigen Tagen wieder auf die Beine gebracht hatte. Ich machte nun die Beobachtung, daß, während er mir im bedenklichen Stadium seiner Krankheit goldene Berge versprach, er mich bei fortschreitender Besserung mit wenig wohlwollenden Blicken anzusehen schien und kein Wort mehr davon sprach, mich für meine Bemühungen zu entschädigen. Ich wandte daher folgendes Mittel an, um zu meinem Gelde zu kommen: ich gab ihm zu verstehen, ich besorge sehr einen Rückfall, der sich noch schlimmer gestalten würde als die Krankheit selbst und für den bereits ernsthafte Anzeichen vorlägen, er müsse daher noch eine Medizin nehmen. Diese ließ ich ihm derart bereiten, daß er ungefähr zwei Stunden nach dem Einnehmen fand, er habe die Rechnung ohne den Wirt gemacht und bedürfe meiner mehr denn zuvor. In dieser beängstigenden Lage schickte er einen Boten um den andern zu mir, doch wie er zuvor den Vergeßlichen in bezug auf meine Entschädigung gespielt hatte, so spielte ich jetzt den Verhinderten. Endlich sandte er mir einen Diener, der mir eine hübsche Summe aushändigte und mich bat, ihn doch um Gottes willen zu besuchen, da er fürchte, nicht mit dem Leben davonzukommen. Da dieser Diener das wahre Mittel angewandt hatte, meine Verhinderung zu beseitigen, erreichte er, daß ich ihn besuchte, und nach drei Tagen brachte ich es dahin, daß er wieder munter und guter Dinge war, worauf er mich abermals reichlich belohnte.?

Dies ? fährt Estienne fort ? die beinahe wörtliche Erzählung eines Arztes, der nicht daran dachte, daß er dadurch seinen Ruf so stark schädigte, wie sich nachher herausstellte. Diese Schädigung war so groß, daß er sich lieber fünfzigmal auf die Zunge gebissen hätte, als daß ihm ein Wort davon entschlüpft wäre. Da aber seine Zuhörer den Mönchen keineswegs wohl wollten, hatte er darauf vertraut, sie würden die mala fides nicht merken, deren er sich jenem Abte gegenüber schuldig gemacht hatte und würden nur darüber lachen. Gott erlaubte jedoch nicht, daß dieses Zeugnis, das er wider sich selbst abgelegt, zu Boden falle und sorgte dafür, daß es sorgsam aufgenommen wurde. Ihr mögt euch nun eure Gedanken darüber machen, liebe Leser, in wie viele Gefahren die armen Patienten geraten, wenn sie in die Hände solcher Leute fallen. Denn wenn sie schon in Anwendung alles ihres ärztlichen Wissens guten Glaubens fehlgreifen, wo sie das Richtige zu treffen glauben, und ihre Fehler erst merken, wenn die Patienten schon im Jenseits sind, was soll dann erst passieren, wenn sie plötzlich das Leben der in ihren Händen Befindlichen aufs Spiel setzen, um die Wirkung irgendwelcher paradoxer Rezepte zu erproben, die sie nächtlicherweile ausgeheckt haben, und ? was noch schlimmer ? wenn sie die Lust anwandelt, sich an denen zu rächen, die sie in ihrer Gewalt haben, wie der Barbier an denjenigen, denen er das Rasiermesser an die Kehle setzt? Aber ich lasse diesen Punkt auf sich beruhen, da er mehr in das Kapitel über die Morde als in die Abhandlung über die Diebstähle gehört. Es soll mir genügen, von denjenigen zu sprechen, welche die Friedhöfe um so buckliger machen, je dicker die Geschwüre sind, die sie an ihren Geldbörsen entstehen lassen, von denjenigen, die ihre Unwissenheit durch Dünkel und Unverschämtheit verdecken. Denn ich glaube, daß unser Jahrhundert und sein nächster Nachbar in verschiedenen Ärzten größte Beispiele von Habgier und Unwissenheit liefern werden als irgendeines der voraufgegangenen.

Was nun zunächst die Habgier anlangt ? wo lesen wir das von einer, die der eines gewissen Petrus von Apona oder Petrus Apenus gleichkäme, der Professor der Medizin in Bologna, der Fetten, war? So oft dieser nämlich die Stadt verließ, um einen Kranken zu besuchen, ließ er sich fünfzig Taler für den Tag bezahlen. Dabei fällt mir ein, was Philipp de Commines von einem Arzte Ludwigs XI., namens Meister Jacques Cottier erzählt. Ich will die eigenen Worte dieses Geschichtschreibers anführen, der, wie wir wissen, alle überragt, die über die Geschichte Frankreichs geschrieben haben: »Ludwig XI.«, sagt er, »hatte einen Arzt namens Meister Jacques Cottier, dem er in fünf Monaten 54 000 Taler in bar gab, das macht 10 000 Taler monatlich und 4000 noch darüber; dazu das Bistum Amiens für seinen Neffen und andere Ämter und Ländereien für sich und seine Freunde. Besagter Arzt war gegen ihn sehr grob und gebrauchte ihm gegenüber so beleidigende Worte, wie ein Herr sie einem Diener gegenüber nie gebrauchen würde. Und so sehr fürchtete ihn der genannte König, daß er nicht gewagt hätte, ihn fortzuschicken, und sich bei allen, mit denen er über ihn sprach, darüber beklagte. Er hätte sich aber nicht getraut zu wechseln, wie er es mit allen anderen Dienern tat; denn genannter Arzt hatte vermessenerweise zu ihm gesagt: ?Ich weiß wohl, daß Ihr mich eines Tages davonschicken werdet, wie Ihr es mit andern macht, aber ? und hier schwor er einen starken Eid ? Ihr würdet danach keine 8 Tage mehr leben!? Dieses Wort erschreckte ihn sehr, so daß er für diesen Mann, der für ihn ein so großes Fegefeuer auf dieser Welt war (in anbetracht des unbedingten Gehorsams, in dem er so viele wackere und große Männer zu erhalten gewußt), nur noch Schmeicheleien und Geschenke hatte.«

Diese beiden Beispiele, fährt Estienne fort, werden uns davor bewahren, über das erstaunt zu sein, was Froissart von einem Arzte namens Meister Guillaume de Harsely erzählt, der König Karl VI. heilte und ihm seinen Verstand und seine Gesundheit wiederverschaffte. Nachdem er von der schönen Kur gesprochen, die diesem Arzte gelungen war, sagte er: »Es wurde nun für ersprießlich angesehen und beschlossen, diesen Meister Guillaume de Harsely am Hofe zu behalten und ihm soviel zu geben, daß er zufrieden sein würde. Denn darauf zielen die Ärzte ja stets ab: große Honorare und Vorteile von den hohen Herren und Damen zu erlangen, die sie besuchen. Er wurde also ersucht und gebeten, beim Könige zu bleiben. Er entschuldigte sich jedoch angelegentlichst und sagte, er sei ein alter, schwacher und leistungsunfähiger Mann, könne die Lebensweise des Hofes nicht vertragen und möchte binnen kurzem wieder zu seiner gewohnten Diät zurückkehren. Als man sah, daß er auf seinem Sinne beharrte, wollte man ihn nicht halten und ließ ihn ziehen. Bei seiner Abreise gab man ihm aber tausend Goldkronen und eine Urkunde des Inhalts, daß ihm vier Pferde gestellt werden sollten, so oft es ihm gefalle, der Residenz des Königs einen Besuch abzustatten. Ich glaube, daß er niemals dorthin zurückkehrte. Denn als er nach der Stadt Laon gekommen war, wo er sich für gewöhnlich aufhielt, starb er als sehr reicher Mann mit einem Barvermögen von gut 30 000 Francs. Er war der knausrigste Mann, der zu seiner Zeit bekannt war und sein größtes Vergnügen war, zeitlebens einen großen Guldensegen zu ernten. Daheim gab er täglich nur zwei Pariser Sous aus und aß und trank, indem er sich zu Gaste lud, wo er konnte, umsonst. Mit solchen Ruten werden alle Ärzte gezüchtigt.« Wenn wir aber, fährt Estienne fort, von einem Arzte sprechen wollen, der an Habgier nicht alle Ärzte übertroffen hat, die es je gegeben, sondern vielleicht alle Habsüchtigen, von denen man je hat sprechen hören, so brauchen wir nicht gar weit zu gehen, sondern können von einem reden, der erst vor ungefähr 9 oder 10 Jahren gestorben ist. Er hieß Jacobus Sylvius, und ich begnüge mich, einen einzigen Zug seiner Habgier anzuführen, der einen hinlänglichen Begriff von ihr geben kann. Gott hatte diesem Manne ein sehr umfassendes und tiefes medizinisches Wissen verliehen und ihn vor allem mit dem Vorzug ausgestattet, daß er seine Wissenschaft im besten Latein vom Katheder verkünden konnte. Kurz, dieser Arzt war in der Theorie so besonders gut beschlagen und hatte einen so hervorragenden Vortrag, daß, wenn er in der Praxis dasselbe geleistet hätte, man ihn einen zweiten Galen nennen konnte. Er hatte aber die Habgier so sehr Gewalt über sich gewinnen, d. h. sie hatte ihn Gott so sehr vergessen lassen, daß er, statt ihm zu Ehren und zum Dank für die ihm zuteil gewordenen großen Gnaden, einige arme Studenten gesondert und privatim zu unterrichten, es, wenn er auf dem Katheder stand, nicht duldete, daß fünf oder sechs arme Kerle unter seinen Hörern seiner Vorlesung gratis beiwohnten, obwohl sie unter zwei- bis dreihundert saßen, die alle ihren monatlichen Teston bezahlt hatten. Solches versetzte ihn vielmehr in eine solche Erregung, daß er eines Tages zu Paris im Tricquet-College (wo er seine Vorlesungen abzuhalten pflegte, bevor er Lektor des Königs ward), als er zwei arme Studenten bemerkte, von denen er wußte, daß sie nicht bezahlt hatten, ihnen befahl, den Saal zu verlassen. Und als er sah, daß sie dies nicht tun wollten, sagte er zu den anderen Hörern, wenn sie die beiden nicht hinausjagten, würde er seine Vorlesung abbrechen. Ich erzähle dies nicht nach dem Hörensagen, sondern war selbst Zeuge des Vorgangs. Man fand dieses Vorgehen so sonderbar, daß bald darauf ein Schotte folgendes Epitaph für ihn verfaßte:

Sylvius hic situs est, gratis qui nil dedit unquam:
Mortuus et, gratis quod legis ista, dolet.

Sylvius ruht hier, der niemals gratis etwas gegeben:
Ach! daß du gratis dies liest, tut dem Toten noch weh.«

Estienne verbreitet sich hierauf unter Anführung antiker Beispiele über die Anmaßung der Ärzte und ihre Ausnutzung gewisser Gelegenheiten, wie sie Ronsard in seinem 46. Sonett andeutet:

Ha! que je porte et de haine, et denvie,
Au Médecin, qui vient soir et matin,
Sans nul propos tastonner le tetin,
Le sein, le ventre, et les flancs de mamie.

Las! il nest pas si soigneux de ma vie
Comme elle pense, il est méchant et fin:

Cent fois el jour il la visite, afin
De voir son sein, qui daimer le convie.

Sodann kommt er auf die Unwissenheit so vieler Ärzte zu sprechen und auf ihre Abhängigkeit von den Apothekern in der Kenntnis der Heilpflanzen, worauf er fortfährt: »Ich komme jetzt zu einigen andern Gepflogenheiten dieser unwissenden Ärzte. Einige von ihnen stiften die Apotheker an, ihnen die Rezepte etlicher gelehrter Ärzte aufzuheben und bei jedem anzumerken, für welche Art Krankheit es verschrieben worden ist. Dann lassen sie, ohne darauf zu achten, ob die Krankheit der von ihnen behandelten Person aus derselben Ursache hervorgegangen, ob sie von derselben Leibesbeschaffenheit und dem gleichen Alter ist und dieselbe Lebensweise hat, ja selbst ohne sich darum zu kümmern, ob sie vom gleichen Geschlecht ist, sie dieselbe Medizin schlucken. Andere bedienen sich der Rezepte der alten Ärzte, ohne die völlige Verschiedenheit des Himmelsstriches und der Lebensweise zu berücksichtigen. Wieder andere folgen im Verordnen und Verbieten gewisser Fleischspeisen ihrer persönlichen Neigung, indem derjenige, der dies oder jenes Fleisch von Natur aus liebt oder haßt, es den Kranken, die er behandelt, verordnet oder verbietet. Andre verordnen, besorgt, ihren Ruf als geübte Ärzte zu verlieren, sobald sie eine Urinprobe angesehen haben, drauf los, ohne danach zu fragen, worüber der Patient klagt, wiewohl mehrere gute Ärzte zugeben, daß man sich nicht ausschließlich auf die Indizien verlassen dürfe, die der Urin gibt, sondern sich ihrer nur bedienen dürfe, indem man sie mit den anderen Symptomen vergleicht. Wenn nun die Gelehrten ihrem eigenen Eingeständnis nach in der Urinfrage nicht klar sehen, wie sollen es da wohl die Unwissenden? Man darf voraussetzen, daß sie ganz und gar im Dunkeln tappen; und dennoch sind es gerade diese, die nach einem kurzen Blick auf den Urin alsbald zur Feder greifen, um etwas zu verordnen, ohne nach den Dingen zu forschen, die sie zur Erkenntnis der Krankheit führen könnten. Zum mindesten mußte ein gewisser Arzt gestehen, nicht das Geringste zu erkennen, oder seine Brille verkehrt aufgesetzt zu haben, dem man den Urin eines Mannes gebracht hatte, mit der Angabe, er stamme von einer Frau, die schwanger zu sein glaube. Er antwortete, er erkenne es gar wohl am Urin, daß sie schwanger sei und sie dürfe sich dessen vollkommen für versichert halten.

Ich überlasse ihre andern Scherze denjenigen, die mehr Muße haben, sich damit zu beschäftigen und will noch ein Wort auch über die Barbiere und Chirurgen sagen ? nichts neues freilich, sondern nur das, was wir einigen von ihnen täglich vorwerfen hören, nämlich, daß sie für den zwanzigsten oder dreißigsten Verband aufheben, was sie bereits beim dritten oder vierten anwenden könnten, daß sie die Wunden offen halten und wieder zum Bluten bringen, und daß ihre abscheuliche Unwissenheit oft daran schuld ist, daß der Arm oder das Bein abgenommen werden muß.«

Soweit Henri Estienne.

Die Zahl der Heilbeflissenen ist größer als die der Heilbedürftigen und Kranken, um so mehr als diese sich auch zu ihnen gesellen. Der Schalksnarr Gonella hat es in einer der nachfolgenden Geschichten dem Markgrafen von Ferrara bewiesen. Montaigne erhärtet es. »Die Babylonier«, sagt er, »trugen ihre Kranken auf den Marktplatz. Den Arzt machte das Volk. Jeder Vorübergehende mußte sich wohl aus Menschlichkeit nach ihrem Befinden erkundigen und jeder gab ihnen nach seiner Erfahrung einen guten Rat. Wir machen es bei uns nicht viel anders. Es müßte schlimm sein, wenn nicht jede Gevatterin Anne Liese einen guten Rat für allerlei Zufälle wüßte. Und die Wahrheit zu sagen: wenn ich doch selbst jemals Arzneien nehmen müßte, so würde ich ebensogut die von der Gevatterin Liese nehmen; weil, wenn sie nicht helfen, sie doch auch nicht schaden. Was Homer und Plato von den Ägyptern sagen, daß sie alle Ärzte wären, das gilt auch von allen Völkern. Es ist kein Mensch, der sich nicht mit irgendeinem Rezept rühmte und der es nicht gern an seinem Nachbar probierte, wenn dieser nur gläubig genug wäre«.

So wird der Leser im Nachstehenden neben berufsmäßigen Kurpfuschern auch gelegentlichen begegnen, das Feld aber wird er vom Arzte behauptet finden, von dem Manne, den Geoffrey Chaucer Anno 1393 also schildert:

Auch hatt ein Doktor sich zu uns gesellt,
Ein Arzt. Gewiß sprach keiner auf der Welt
So klug von Medizin und Chirurgie;
Er war gelehrt auch in Astronomie
Und stundenlang übt er des Patienten
Geduld mit magischen Experimenten.
Er wußte wirklich mit geschickten Händen
Des Kranken Horoskop zum Glück zu wenden.
Der Krankheit Grund sah er mit Leichtigkeit,
Ob Kälte, Hitze, Trocknis, Feuchtigkeit,
An welchem Ort erzeugt, aus welchen Stoffen.
Er war als Praktiker unübertroffen:
Hatt er des Übels Wurzel erst erkannt,
Ward gleich die Medizin auch angewandt.
Ein Apotheker war ihm stets zu Händen,
Um Drogen und Latwergen ihm zu senden;
Sie hatten durcheinander viel gewonnen;
Die Freundschaft hatte nicht erst jüngst begonnen.
Die Alten kannt er: Äskulap voran
Und Dioskorides und Rufus dann,
Hippokrates, Hali und Gallien,
Serapion, Rasis und Aricen,
Averrhois, Damascenus, Constantin,
Bernard und Gatisden und Gilbertin.
In der Diät liebt er nicht Überfluß,
Er gab nur solche Speise zum Genuß,
Die nahrhaft war und leicht zu digerieren.
Nicht pflegt er viel die Bibel zu studieren,
Blutrot und blau liebt er sich anzuziehn,
Mit Taft gefüttert und mit Levantin.
Nicht ein Verschwender war darum der Mann,
Er sparte, was er in der Pest gewann.
Gold gilt dem Arzt als ein Spezifikum,
Ausnehmend liebte er das Gold darum.

Die sieben weisen Meister

Wie Galenus getötet ward von Hippocras dem Arzte.

Es war ein weiser berühmter Arzt, der hieß Hippocras, der war zumal subtil und behende in seiner Kunst, also daß man keinen fand, der ihm gleichen mochte. Er hatte einen Neffen, Galenus, den er lieb hatte. Dieser Galenus war klug und weise und setzte sich dazu mit allem Fleiß, wie er seinem Oheim seine Künste ablernte. Da das Hippocras gewahr ward, verbarg er seine Kunst so sehr er konnte; aber Galenus übte sich von Stund an noch fleißiger, so daß er in kurzen Zeiten ein Meisterarzt war. Als das Hippocras sah, begann er ihn zu hassen.

Nun geschah es, daß der König von Ungarn nach Hippocras sandte, daß er zu ihm käme und seinen Sohn gesund machte. Hippocras aber wollte nicht kommen, sondern sandte seinen Neffen Galenus mit den Boten, denn er wußte wohl, daß er ein guter Meister war, und gab ihm deß seine Briefe. Da Galenus zu dem Könige kam, verwunderte sich dieser, daß Meister Hippocras nicht selbst gekommen sei. Aber Galenus verantwortete ihm und sprach, er wäre in großen Geschäften, also daß er nicht könnte; darum hätte er ihn gesandt, und sprach: »Ich hoffe zu Gott, ich will euren Sohn gesund machen.«

Nun sah er des Königs Sohn und tastete seinen Puls und besah sein Wasser. Da das geschehen war, sprach er heimlich zur Königin: »Edle, Frau, saget mir ins Geheim, wer ist der Vater des Kindes?« Da sprach die Königin mit Zorne: »Wer sollte anders der Vater sein, denn mein Herr, der König?« Sprach Galenus: »Nein, Frau, das ist nicht«. Da sprach die Königin: »Saget ihr das im Ernst, ich laß euch euer Haupt abschlagen«. »Ich sag euch fürwahr«, sprach der Meister, »daß dieser König sein Vater nicht ist; aber ich bin nicht hergekommen, daß man mir das Haupt abschlagen solle. Solchen Lohn begehr ich von euch nicht. Seid Gott befohlen!«

Da die Königin das hörte, sprach sie: »Ach lieber Meister, mag es heimlich bei euch bleiben, und könnt ihr schweigen, so will ich euch meine Heimlichkeit offenbaren«. Da sprach der Meister: »Ich kann es wohl verschweigen, denn ich will euren Sohn gesund machen«. Sie sprach: »So ihr das tut, ihr verdient großen Dank und Lohn. Nun höret, es kam der König von Burgund mit meinem Herrn und war etliche Tage bei uns, wir spielten mancherlei Spiele und er ward mir sonderlich freundlich, also daß ich diesen Sohn von ihm gewann«. Da sprach der Meister: »Ihr sollt euch nicht fürchten, denn ich wußte es vorher wohl«. Zuhand gab er dem Sohn Rindfleisch zu essen und Wasser zu trinken, und er ward gesund. Als das der König sah, gab er ihm guten Lohn und die Königin gab ihm heimlich große und kostbare Kleinode; und der Meister ritt heim.

Als er zu Hippocras kam, sprach dieser: »Hast du das Kind gesund gemacht?« Galenus antwortete: »Ich gab ihm Rindfleisch zu essen und Wasser zu trinken«. Hippocras sprach: »So ist die Königin eine Hure«. Sprach Galenus: »Meister, ihr habt es geraten«. Von Stund an gedachte Hippocras, wie er Galenus töten möchte. Zu einer Zeit rief er ihn und sprach: »Wir wollen übers Feld gehen und Heilkräuter suchen«. Da sie übers Feld gingen, sprach Hippocras: »Ich rieche ein edel Kraut, brich es ab«. Galenus tat es. Da sie weiter gingen, sprach Hippocras: »Ich sehe ein viel bessres«. Das brach Galenus auch ab. Die sie noch fürder gingen, sprach Hippocras: »Nun seh ich ein Kraut, das ist edler als ein Gold, das brich mir mit den Wurzeln aus.« Galenus fiel auf seine Knie und begann zu graben. Da nahm Hippocras sein Schwert und durchstach ihn, daß er starb.

Nicht lange darnach ward Hippocras siech an der roten Ruhr und verlor alle seine Kraft und Macht. Und tat ihm selber was er mochte, aber es half nicht. Da seine Schüler das sahen, kamen sie zu ihm und was sie vermochten, das taten sie ihrem Meister, es half aber nicht. Zuletzt sprach Hippocras zu seinen Schülern: »Füllet eine große Bütte mit Wasser« und gab ihnen ein Kraut, das sollten sie auf das Wasser legen. Sie taten es. Darnach sprach er: »Nun bohret hundert Löcher in die Bütten«. Da das geschehen war, da ging kein Tropfen Wassers heraus. Da sprach Meister Hippocras: »Nun sehe ich wohl den Zorn Gottes, daß er sich rächen will an mir. Hundert Löcher sind an der Bütten und kein Tropfen Wassers gehet heraus, das ist von der Macht des Krautes; meinen Leibfluß aber zu hemmen vermag dasselbe Kraut nicht. Wäre es, daß mein Neffe und Schüler Galenus noch lebte, den ich leider getötet hab, der könnte mich wohl gesund machen. Darum so muß ich sterben: es ist die Rache Gottes.« Und kehrete sich zu der Wand und war tot.

Lancelot du lac

Hippokrates

Hippokrates genoß seit mehreren Monaten verdientermaßen die höchste Gunst des Kaisers und beim Volk eine Verehrung, die nahe an göttliche Anbetung grenzte, als mit einemmal eine Frau auftrat, die alle diese Huldigungen in Hohngelächter verwandelte. Sie war aus Gallien, von vornehmer Geburt und seltner Schönheit. Augustus, der sie mit Auszeichnung behandeln wollte, gab ihr Weiber und Mädchen zur Bedienung und eines seiner Schlösser, welches mit einem Turme versehen war, zur Wohnung. Begierig, die Schönheiten der Stadt kennen zu lernen, brachte sie die ersten Tage damit zu, Rom zu durchwandern. Hier kamen ihr auch die zwei Statuen zu Gesicht. Sie fragte alsbald, wann und wem zu Ehren sie aufgerichtet worden seien. Kaum hatte sie darüber Auskunft erhalten und die Inschrift vernommen, als sie in ein lautes Gelächter ausbrach. »Wußt ich doch nicht«, rief sie aus, »daß Rom eben jetzt einen Gott in seinen Mauern habe! Wunder aber nimmt michs, daß man dennoch hier Menschen sterben sieht. Ei! Man überlasse mir einmal diesen neuen Gott! Ich verbürgs mit meinem Kopf, ihn zum größten Toren von der Welt zu machen.«

Man ermangelte nicht, wie sich denken läßt, dem Hippokrates diese Rede zu hinterbringen. Neugier und Eitelkeit reizten den Arzt, die Bekanntschaft dieser ungewöhnlichen Frau zu suchen, die ihrer Schönheit so viel zutraute. Die Gelegenheit hierzu war leicht gefunden. Aber zum Unglück für Hippokrates ging ihr Versprechen nur zu sehr in Erfüllung. Sie war so schön, ihr Witz und ihre Anmut so bezaubernd ? kurz, Hippokrates hatte sich umsonst mit allem Mißtrauen gegen sie bewaffnet; er war sterblich in sie verliebt. Bald war seine Leidenschaft so heftig, daß Ruhe, Vernunft und Gesundheit darüber verloren gingen. Er lag gefährlich darnieder. Der Kaiser besuchte ihn, nach ihm die Hofdamen, und endlich auch die schöne Fremde.

Letztere hatte leicht die Ursache seiner Krankheit erraten und einen Zeitpunkt ersehen, wo sie mit ihm allein sein konnte. Sie richtete anfangs an ihn einige freundschaftliche Fragen über sein Befinden. Hippokrates war so außer sich, daß er sich auf keine Weise beherrschen konnte ? er gestand ihr frei und harmlos, daß er aus Liebe für sie stürbe. Das eben wollte sie hören. Sie äußerte einige Teilnahme und sprach dann mit anscheinender Aufrichtigkeit: »Ich würde mich ohne Zweifel vielen Vorwürfen aussetzen und gewiß mir selber noch mehr machen, wenn ich, fähig, einen Mann von Eurem Wert zu retten, ihn umkommen lassen wollte. Aber, hegte ich selbst für Euch nicht mindere Liebe als Ihr für mich empfindet ? sagt selber, ist es mir, in der Lage worin ich mich befinde, durchweg von so vielen Augen beobachtet, ist es mir möglich, Euch davon Beweis zu geben? Es genüge Euch also vorderhand mein Bedauern und die Versicherung, daß ich nichts so sehr wünsche als Eure baldigste Genesung und ? alle Mittel zum voraus unterschreibe, die Euch Eure Zärtlichkeit zur Erfüllung unserer Wünsche anweisen dürfte.« Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell, wie beschämt, daß sie ihr entwischt waren. Hippokrates erhielt dadurch Hoffnung und Gesundheit wieder und war bald imstande, dem Kaiser und der schönen Gallierin seinen Hof zu machen.

»Nun?« fragte sie ihn bei seinem ersten Besuche, »habt Ihr auf Mittel gedacht? Ists Euch geglückt? Wie stehts mit uns?« ? Traurig antwortete Hippokrates, er habe sich Tag und Nacht den Kopf darüber zerbrochen, aber leider! Bis jetzt ohne Erfolg. ? »Nun, so seid Ihr mir Dank schuldig; denn hab ich bei meinen Bemühungen auch nicht größeren Eifer als Ihr bewiesen, so bin ich doch glücklicher gewesen. Ihr kennt den Turm, den ich bewohne. Findet Euch gegen Mitternacht unten mit einem Korbe ein, der Euch fassen kann. Ich werde, während alles schläft, mit meiner Muhme, die für uns gewonnen ist, bei der Hand sein und ein Seil herunterlassen. Ihr bindet den Korb an, und wir ziehen ihn herauf. Dann, denke ich, werden wir uns ungestört unterhalten können.«

Hippokrates war entzückt und so von seiner Leidenschaft verblendet, daß er in dieser groben Schlinge nur die geschickteste Kriegslist für sein Begehren sah. Er ergoß sich in Danksagungen, empfahl sich, um seinen Korb einzukaufen, und erwartete mit höchster Ungeduld die Nacht. Kaum glaubt er alles im ersten Schlafe, so eilt er mit dem Korbe zum Fuße des Turmes, und ? welche Freude! schon ist der Strick heruntergelassen. Er befestigt den Korb, setzt sich hinein, hustet und fährt in die Luft. Als er aber zu einer gewissen Höhe gekommen, befestigt man oben das Seil, läßt ihn hangen und wünscht ihm wohl zu schlafen und süß zu träumen.

Nun war damals, wie bekannt, in Rom der sonderbare Brauch, gewisse Verbrecher, die nicht ihr Leben verwirkt hatten, auf diese Art an dem Turme in einem Korbe, der Gerichtskorb genannt, einen Tag lang aufzuhängen.

Hippokrates war verzweifelt und verwünschte tausendmal Liebe und Weiber. Aber er mußte die Nacht schon hangen bleiben. Das schlimmste war, daß der Morgen seine Schmach zutage bringen mußte. Alles lief herbei. Umsonst bedeckte er sein Gesicht mit seinen Händen: Jedermann erkannte ihn, und er mußte den ganzen Tag sich die Witze und das Hohngelächter des Pöbels gefallen lassen. Die Turmwache ließ ihn ebenfalls, wo er war, weil sie glaubte, er hange da auf kaiserlichen Befehl. Zum Glück kam Augustus, bei der Rückkehr von einer Jagd, vorüber. Betreten, ohne sein Geheiß jemand im Gerichtskorbe zu sehen, fragte er nach seinem Namen. Kaum ward ihm Hippokrates genannt, als er ihn niederzulassen befahl und voll Zorn den bösen Streich öffentlich zu rächen drohte. Sobald er aber erfuhr, warum dem Arzte so schimpflich mitgespielt worden war, konnte er nicht umhin zu lachen, vergaß alle Rache und scherzte darüber noch lange nachher mit seinen Baronen.

Fabliau

Der zum Arzt geschlagene Bauer

Es war einmal ein Bauer, der sich durch Arbeit und Geiz ein nicht geringes Vermögen erworben hatte. Sein Boden war voll Korn, sein Keller voll Wein, sein Kasten voll Geld und seine Ställe voller Pferde und Ochsen. ? Nicht alle, die es könnten, haben Lust zu heiraten. So war es auch mit unserem Bauer. Seine Entschuldigung, wenn seine Freunde und Nachbarn ihm hierüber Vorwürfe machten, war immer, daß ihm noch keine gute Frau vorgekommen sei. Endlich übernahmen diese es selbst, ihm eine zu suchen, mit der er in jeder Hinsicht zufrieden sein könnte.

Nun lebte in der Nachbarschaft ein alter Ritter, ein armer Mann und seit zehn Jahren Witwer. Dieser hatte eine einzige, wohlerzogene und sehr schöne Tochter. Sie war bereits, ohne daß sich jemand um sie beworben, weil es ihr an Mitteln fehlte, ? ins mannbare Alter getreten. Jetzt erschienen die Freunde des Bauern, hielten für ihn bei ihrem Vater um sie an und bekamen ohne Umstände sein Jawort. Das Fräulein sträubte sich freilich nicht wenig gegen eine solche Mißheirat; aber sie mußte ihre Abneigung dem Willen ihres Vaters aufopfern.

Der Bauer war außer sich vor Freude über eine solche vornehme Verbindung und konnte die Hochzeit nicht genug beschleunigen. Kaum aber war sie vollzogen, als ihm allerlei Bedenken kamen, deren Ende war, daß er klärlich einsah, er habe sich sehr übel vorgesehen. ? Was wird sie zu Hause anfangen, während er draußen auf dem Felde arbeitet? Kochen, Buttern und Käsen hat sie nicht gelernt. ? Der Pfarrer, für den alle Tage Sonntag ist, wird ihr die Zeit vertreiben; er wird sie heute, er wird sie morgen besuchen; und dann sei Gott für die Ehre des armen Mannes! ? Wie ist dem vorzubeugen? ? »Richtig! ? Eh ich des Morgens aufs Feld gehe, will ich sie schlagen: sie wird darüber weinen und, so lange sie weint, an keine bösen Streiche denken. Des Abends mach ich alles wieder gut: ich bitte sie um Vergebung ? o, ich weiß schon, wie ich mich zu benehmen habe, um sie wieder zu besänftigen!«

Voll von diesem guten Vorsatze verlangt er sein Frühstück, tritt, mit dem letzten Bissen im Munde, zu ihr, versetzt ihr mit seiner schweren Hand ein paar Ohrfeigen und geht, ohne ein Wort zu sagen, aufs Feld.

Umsonst fragt sich das arme Weib, womit sie eine solche Behandlung verschuldet habe. »Ach mein Vater!« rief sie aus, »warum hast du mich einem so groben Manne preisgegeben? Hattest du denn kein Brot mehr für mich? Und warum war ich schwach genug, in diese Heirat zu willigen? ? O meine Mutter, hätte der Tod mich deiner nicht beraubt, ich wäre jetzt nicht unglücklich. Was soll nun mit mir werden!« ? Sie weinte und jammerte den ganzen Tag, wie es ihr Mann vorhergesehen hatte. Als er am Abend nach Hause kam, warf er sich ihr zu Füßen, schob sein unrechtes Verfahren dem Teufel in die Schuhe und beteuerte ihr seine Reue darüber auf eine so nachdrückliche Weise, daß sie nicht umhin konnte, ihm zu verzeihen. Man aß hierauf in bester Eintracht zu Abend und legte sich beisammen zu Bette.

Erfreut über die gute Wirkung seines Mittels, beschloß er, öfter Gebrauch davon zu machen. Gleich am Morgen beim Aufstehen suchte er Streit mit seiner Frau und schlug und verließ sie wie gestern. Während die gute Frau über ihr Unglück verzweifelte, kamen zwei königliche Kuriere auf weißen Pferden vor ihr Haus geritten, stiegen ab, grüßten sie im Namen des Königs und baten sie um einen Bissen zu essen. Sie setzte ihnen sogleich ihre ganze kalte Küche vor und fragte sie, als sie aufstanden, wohin denn die Reise gehen solle. ? »Das weiß Gott«, erwiderten sie, »aber wir suchen einen geschickten Arzt und werden danach, wenn es sein muß, bis nach England jagen. Fräulein Adelheid, die Tochter des Königs, ist krank. Sie aß vor acht Tagen Fische, und da blieb ihr eine Gräte im Halse stecken. Alle Mühe, sich davon zu befreien, ist bis jetzt vergeblich gewesen. Sie kann weder essen noch schlafen und leidet große Schmerzen. Der König ist darüber trostlos, und stirbt sie, so grämt er sich zu Tode.« »O«, erwiderte die Frau, »wenn das ist, so braucht Ihr nicht weiter zu reisen. Ich weiß den Mann, der Euch Not ist, einen großen Physikus, in den Wassern erfahrener als Hippokrates.« ? »Himmel, wärs möglich? Redet Ihr im Ernst?« ? »In vollem Ernste. Aber der Arzt, den ich meine, ist ein Narr: er hat den wunderlichen Eigensinn, sein Talent nicht gebrauchen zu wollen. Ohne eine tüchtige Tracht Schläge zieht man kein Wort aus ihm.« ? »O! wenns nichts weiter ist, daran solls nicht fehlen; da ist er in guten Händen! Sagt uns nur, wo wir ihn finden können.«

Die Frau bezeichnete ihnen hierauf das Feld, wo er eben pflügte und empfahl ihnen noch einmal das Mittel, wodurch er allein zu dem Erwünschten gebracht werden könne. ? Sie dankten ihr, versahen sich mit Stöcken und ritten zu dem ihnen beschriebenen Felde.

Sie fanden den Bauern, grüßten ihn von Seiten des Königs und baten ihn, sie zu begleiten. »Und warum das?« ? »Um die Tochter des Königs zu kurieren. Eure Geschicklichkeit ist uns bekannt, und wir haben den ausdrücklichen Auftrag, Euch aufzusuchen.« ? »Liebe Herren, kann ich dem Herrn König irgend worin dienen, mit Freuden! Was aber das Kurieren anlangt, das geht nicht; denn Gott weiß, ich verstehe nicht das geringste davon.«

»Wie ich sehe«, flüsterte hier der eine Reiter dem andern ins Ohr, »kommen wir mit Komplimenten nicht aus, er will Schläge.« Sie stiegen hierauf beide ab und draschen auf den Bauern los. Dieser tobte und fluchte anfänglich über ein so gewalttätiges Verfahren, zog aber gelindere Seiten auf, sobald er einsah, daß sein Zorn hier am unrechten Orte sei, flehte er demütig um Gnade und versprach alles zu tun, was sie von ihm verlangten. Er mußte hierauf eine Stute ausspannen, sich drauf setzen und sie nach Hause begleiten.

Die baldige Rückkehr der Kuriere gab dem verzweifelten Monarchen wieder einige Hoffnung. Er ließ sie sogleich zu sich rufen. Sie erzählten ihm ihr Erlebnis und priesen ihm den wunderlichen Mann an, den sie mitgebracht hätten. ? »Ein seltsamer Arzt fürwahr«, erwiderte der König; »indessen, da er einmal diese Laune hat, gut! Man lasse zwei Diener mit Stöcken kommen!« Er rief hierauf den Bauer vor sich und sprach zu ihm: »Meister, hier ist meine Tochter, heile sie!« ? Der arme Teufel warf sich auf seine Knie, flehte um Gnade und schwor bei allen Heiligen im Paradiese, daß er kein Wort von der Physik verstehe.

Statt aller Antwort gab der König ein Zeichen. Sogleich traten die Diener mit Stöcken hervor und ließen einen Hagel von Prügeln auf den Rücken des Bauern niedergehen. »Gnade! Barmherzigkeit!« schrie dieser; »ich will sie kurieren, Herr König! ich will sie sogleich kurieren!«

Blaß und kraftlos saß das Fräulein vor ihm auf einem Armstuhle und zeigte ihm mit dem Finger den Sitz und die Ursache des Übels. ? Überzeugt, daß er hier nur die Wahl habe, sie zu heilen oder sich totprügeln zu lassen, fing er an nachzusinnen, wie sich die Operation wohl bewerkstelligen lasse. Das Übel steckt im Schlunde, sprach er bei sich. Glückte es mir, sie lachen zu machen, vielleicht spränge die Gräte heraus. ? Er beschloß den Versuch zu machen und bat den König, ein großes Feuer im Kamin anlegen und ihn mit der Prinzessin ein wenig allein zu lassen.

Sobald der Saal leer und das Feuer angezündet war, entkleidete er sich, streckte sich vor dem Feuer auf dem Boden hin und fing an, sich mit seinen schwarzen krummen Nägeln unter so drolligen Verdrehungen und Grimmassen zu kratzen und zu kitzeln, daß das Fräulein bei allen ihren Schmerzen nicht umhin konnte, in ein heftiges Lachen auszubrechen. ? Die Gräte flog ihr aus dem Munde; der Bauer nahm sie auf, lief an die Tür und schrie: »Herr, hier ist sie! hier ist sie!«

»Ah!« rief der König entzückt, »du gibst mir das Leben wieder!« und bot dem Arzte Kleider und Röcke zur Belohnung an. Der Bauer aber dankte und verlangte nichts als die Erlaubnis, wieder nach Hause zu gehen, weil seine Wirtschaft ohne ihn nicht bestehen könne. Umsonst bat ihn der König, sein Freund und Meister (Leibarzt) zu werden; er blieb dabei, er müsse nach Hause: es wäre kein Brot da, er müsse Korn zur Mühle bringen. ? Als aber auf einen zweiten Wink des Königs die beiden Diener mit den Stöcken erschienen, schrie er um Gnade und versprach, nicht nur einen Tag, sondern, wenn es sein müßte, sein ganzes Leben dazubleiben. Man führte ihn hierauf in ein Nebenzimmer, wo ihm seine Lumpen abgenommen, sein Haar und sein Bart geschoren und sein vierschrötiger Körper mit einem Scharlachrocke bekleidet wurde. Er tröstete sich indessen mit der Hoffnung, bald Gelegenheit zu finden, sich aus dem Staube zu machen.

Auf den Ruf von seiner glücklichen Kur kamen am folgenden Tage über achtzig Kranke aufs Schloß und lagen dem König an, sich zu ihren Gunsten bei dem Wunderdoktor zu verwenden. Der Monarch ließ ihn rufen und sprach: »Meister, ich empfehle dir diese Leute. Heile sie einen nach dem andern, daß ich sie los werde.«

»Herr«, versetzte der Bauer, »wenn Gott sich nicht ins Mittel legt, so kann ich nicht helfen; es sind ihrer zu viele.« ? »Man rufe die Diener!« ? Zitternd flehte der Bauer, seiner zu schonen und versprach alle Welt, bis auf die häßlichste Vettel, zu heilen. Er ersuchte hierauf den König von neuem, den Saal samt allen, die sich wohlbefänden, zu verlassen, ließ im Kamin ein höllisches Feuer machen und die Patienten sich herum lagern. »Freunde«, sprach er sodann, »so viele gesund, und zwar so geschwind gesund zu machen, ist keine Kleinigkeit. Es gibt da nur ein Mittel: der Kränkste komme hervor, ich werfe ihn ins Feuer, verbrenn ihn zu Asche und gebe jedem ein Pulverchen davon. Das Mittel ist freilich etwas stark, aber auch sicher, und ich steh Euch mit meinem Kopfe dafür, daß Ihr alle gesund sein werdet.«

Die Patienten sahen einander betroffen an; aber unter dem ganzen Haufen befand sich nicht ein schwindsüchtiger, gichtiger oder geschwollener, der um die ganze Normandie hätte zugeben mögen, daß seine Krankheit von Bedeutung sei.

Der Arzt wandte sich hierauf zu dem nächsten im Kreise: »Du, Freund, scheinst blaß und schwach; du wirst wohl der Kränkste sein.« ? »Ich, Herr? Wahrhaftig nicht! Mir ist ganz wohl: ich befand mich nie besser.« ? »Wie, du Narr? Du befindest dich wohl? Was willst du also hier?« ? Und unser Doktor öffnet die Tür und wirft ihn hinaus.

Der König war draußen, um den Erfolg abzuwarten. Der erste kommt. ? »Bist du genesen?«« ? »Ja, Herr!« ? Ein anderer folgt. ? »Und du?« ? »Ich bin gesund«. Kurz, kein einziger von der ganzen Invalidengesellschaft hatte Lust, sich pulverisieren zu lassen. Alle verließen den Saal und befanden sich wohl.

Mit großer Freude ging jetzt der König zum Doktor und bezeugte ihm sein Erstaunen, wie er in so kurzer Zeit so viele Wunder habe wirken können. »Herr«, versetzte der Bauer, »ich habe einen Zauber, der seinesgleichen sucht; der tut alles.« ? Der Monarch überhäufte ihn mit Geschenken, gab ihm Geld und Pferde, versicherte ihn seiner Freundschaft und erlaubte ihm, zu seiner Frau zurückzukehren; jedoch unter der Bedingung, im Falle der Not, ohne seine Stockschwinger zu erwarten, wieder nach Hofe zu kommen. ? Der Bauer versprach es und reiste nach Hause.

Jetzt brauchte er nicht mehr zu arbeiten, schlug seine Frau nicht mehr, liebte und wurde von ihr geliebt. So verdankte er der List seiner Frau und den Stöcken der königlichen Diener sein Glück und seinen Ruhm als Arzt, woran er in seinem Leben nicht gedacht hatte.

Marie de France

Von dem Arzte und dem schwangeren Mädchen

Ein Bürger wurde krank und begnügte sich damit, einige Tage das Bett zu hüten, indem er sich allein von seiner Tochter pflegen ließ. Endlich jedoch, als er das Übel schlimmer werden fühlte, ließ er einen Arzt holen. Dieser ließ ihn zur Ader und trug dem Mädchen auf, das Blut aufzubewahren, damit er bei seiner Rückkehr, wenn das Blut erkaltet sei, sehen könne, woher die Krankheit komme. Der größeren Sicherheit halber trug die Tochter die Schale mit dem Blut in ihre Kammer und setzte sie, gut zugedeckt, auf eine Bank. Im nächsten Augenblick jedoch dachte die Unbesonnene schon nicht mehr daran, und das erste, was sie tat, als sie in ihre Kammer zurückkehrte, war, daß sie die ganze Geschichte umstieß und zu Boden warf.

Wie sollte sie es nun anstellen, um nicht ausgescholten zu werden? Sie fand keinen bessren Ausweg, als sich ihrerseits von einer andern Person die Ader schlagen zu lassen und dem Arzte, wenn er wieder kommen würde, dieses Blut anstatt des väterlichen zu bringen. So machte sie es denn auch. Der Äskulap roch jedoch den Braten und wollte das Fräulein dafür bestrafen. »Dies Blut hier«, sagte er zum Vater gewandt, »gibt mir gute Hoffnungen für Euch; es zeigt mir an, daß Ihr bald ein Kind mehr Euer eigen nennen werdet.«

Die Verblüffung des wackeren Mannes bei diesen Worten war nicht gering, und mit um so größerem Recht, als er Witwer war. Er bat um eine Erklärung, während das Mädchen über und über rot wurde. Der Arzt setzte ihm auseinander, was das Blut ihm verriet, und die Tochter, genötigt die Wahrheit einzugestehen, gab zu, daß das Horoskop des Arztes sich drei Monate später bewahrheiten müße.

Die hundert alten Novellen

1.

Wie Meister Giordano von einem falschen Schüler betrogen wurde

Es war einmal ein Arzt, namens Giordano, der hatte einen falschen Schüler. Nun erkrankte ein Königssohn. Der Meister ging zu ihm und sah, daß er zu kurieren war. Um den Meister um sein Ansehen zu bringen, sagte der Schüler zu des Prinzen Vater: »Ich sehe, daß er gewiß sterben wird.« Nachdem er sich eine Weile mit dem Meister gestritten hatte, ließ er den Kranken den Mund öffnen und brachte mit dem kleinen Finger Gift auf die Zunge, über deren Aussehen er mit großer Kennerschaft sprach. Der Königssohn starb. Der Meister ging fort und verlor seinen Lohn, den der Schüler gewann. Da schwor der Meister, nur noch Esel zu kurieren und verlegte sich auf die Behandlung des Viehes und niedriger Tiere.

 

2.

Von Meister Taddeo von Bologna

Meister Taddeo fand, als er seinen Schülern Vorlesungen über Medizin hielt, daß, wer neun Tage hintereinander Tolläpfel esse, irrsinnig werden würde. Und er bewies es nach den Erfahrungen der Heilkunde. Ein Schüler, der dieses Kapitel hörte, nahm sich vor, sich von der Richtigkeit der Behauptung zu überzeugen. Er verschaffte sich Tolläpfel und aß sie, und nach neun Tagen erschien er vor dem Meister und sprach zu ihm: »Meister, das Kapitel von der Wirkung der Tolläpfel, das Ihr laset, ist nicht richtig. Ich habe nämlich die Probe darauf gemacht und bin nicht verrückt.« Dabei erhob er sich aber und zeigte ihm den Hintern. »Schreibt«, sagte der Meister zu seinen Schülern, »daß alles, was ich über den Tollapfel gesagt habe, durch Beweis erhärtet ist und benutzt den Fall zu einer neuen Erläuterung.«

 

3.

Wie ein Arzt aus Toulouse eine Nichte des Erzbischofs von Toulouse zum Weibe nahm

Ein Arzt aus Toulouse erwählte sich ein Edelfräulein aus dieser Stadt, die Nichte des Erzbischofs zur Gattin. Er führte sie heim. Nach zwei Monaten gab sie einem Mädchen das Leben. Der Arzt zeigte sich hierüber nicht erzürnt. Er tröstete seine Frau vielmehr und bewies ihr durch naturwissenschaftliche Gründe, daß das Mädchen sein rechtmäßiges Kind wohl sein könnte. Und mit diesen Worten und freundlichen Mienen bewirkte er, daß die Frau ihm nichts weismachen konnte. Während sie im Wochenbett lag, erwies er ihr viel Ehre, danach aber sprach er folgendermaßen zu ihr: »Madonna, ich habe Euch nach bestem Vermögen geehrt, tut mir jetzt bitte die Liebe und kehrt nunmehr in das Haus Eures Vaters zurück. Eure Tochter werde ich hoch in Ehren halten.«

Die Dinge entwickelten sich so, daß es dem Erzbischof zu Ohren kam, der Arzt habe seiner Nichte den Abschied gegeben. Er ließ ihn zu sich rufen, und da er ein großer Herr war, gebrauchte er ihm gegenüber sehr große, mit Hochmut und Drohungen untermischte Worte. Nachdem er genug geredet hatte, erwiderte ihm der Arzt und sprach: »Herr, ich habe Eure Nichte zum Weibe genommen im Glauben, mit meinem Reichtum meine Familie mit allem versorgen und ernähren zu können; und es war meine Absicht, jährlich ein Kind zu bekommen und nicht mehr. Nun hat Eure Nichte angefangen, nach 2 Monaten Kinder zur Welt zu bringen. Ich bin daher, wenn es so weitergeht, nicht so wohlhabend, daß ich sie ernähren könnte, und Euch würde es keine Ehre bringen, wenn Eure Familie an den Bettelstab käme. Ich bitte Euch daher, seid so gut und gebt sie einem Manne, der reicher ist als ich, damit Euch keine Unehre erwachse.«

 

4.

Hippokrates trifft eine schöne Vorsichtsmaßregel, um der Gefahr der übergroßen Freude zu steuern

Es geschieht häufig, daß das Herz einen Sprung macht und seinen Platz verläßt, und dies erfolgt aus zwei Gründen, nämlich entweder aus Freude oder aus Furcht, und oftmals ereignet sichs daß der Mensch alsbald dadurch stirbt, wie es um Hippokrates willen geschah. Dieser, der von geringer Herkunft und arm war, verließ in seiner Jugend Vater und Mutter und suchte verschiedene Städte auf, um sich zu unterrichten. Der Vater und die Mutter weinten daher lange Zeit, und es dauerte wohl zwanzig Jahre, ehe sie Nachricht von ihm bekamen, währenddessen er viel Wissenschaft, Ehre und Vermögen erwarb. Dann kam ihm das Verlangen, heimzukehren und Vater und Mutter zu sehen. Und so ließ er alle seine Bücher und seinen Schatz aufladen und machte sich mit reicher Begleitung auf den Weg. Als er nun seiner Heimat nahe war, schickte er, wohl wissend, daß der Mensch vor übergroßer Freude sterben könne, einen Diener zu seinen Eltern, daß er ihnen sage, Hippokrates sei gesund und munter und im Besitze großer Reichtümer. Nur sei er gestern vom Pferde gefallen und habe sich ein Bein gebrochen. »Hüte dich aber«, schärfte er ihm ein, »und sage weder mehr noch weniger, außer daß sie mich morgen sehen würden.« Der Diener machte sich ungesäumt auf und fand den Vater in einem Garten arbeiten. Die Mutter aber war nicht dabei, dennoch richtete er dem Vater die Botschaft aus. Während der Diener noch berichtete, was ihm aufgetragen worden war, ging ein anderer Bauer, der dabei stand, sogleich zur Mutter und erzählte ihr den Inhalt der Botschaft, nur verschwieg er ihr, daß Hippokrates sich das Bein gebrochen habe. Als die Mutter diese Nachricht hörte und daran dachte, daß sie gar so lange keine Kunde von ihm gehabt habe und sich vorstellte, wie er so plötzlich so reich an Wissen, Verstand und Schätzen ankam, da machte ihr das Herz vor übergroßer Freude einen solchen Satz, daß sie wenige Augenblicke darauf tot umsank.

Als Hippokrates eingetroffen war, und die Mutter tot fand, empfand er darob bitteren Schmerz, und als er nachforschte, auf welche Weise die Nachricht von seiner Rückkehr erzählt worden sei, fand er, daß man nicht gesagt hatte, er habe sich das Bein gebrochen. Da sagte er im Beisein aller, er habe dem Diener aufgetragen, er solle berichten, daß er sich das Bein gebrochen habe, da er fürchtete, es könnte das eintreten, was auch wirklich eingetreten sei.

Don Juan Manuel

1.

Was sich mit einem Kranken zugetragen

Einst sprach der Graf Lucanor also zu seinem Rate Patronius: »Wisset, Patronius, bei allem Segen Gottes, der mir zuteil geworden ist, befinde ich mich doch gegenwärtig in so empfindlicher Geldnot, daß ich, obgleich es mir härter vorkommt als der Tod, zu meinem Leidwesen entweder eines meiner Länder verkaufen oder sonst etwas nicht minder Nachteiliges vornehmen muß, um nur aus dieser peinlichen Sorge und Verlegenheit zu kommen. Denn viele, die es recht gut entbehren könnten, verlangten soeben Geld von mir, was mir in diesem Augenblick so teuer zu stehen kommt. Daher bitte ich Euch, da Gott Euch so guten Verstand verliehen, sagt mir, was ich tun soll.«

»Herr Graf Lucanor«, erwiderte Patronius, »mir scheint, es geht Euch mit diesen Leuten, wie es einmal einem Kranken erging.« »Und wie war das?« fragte der Graf. »Ein Mann«, sagte Petronius, »war so krank, daß die Ärzte erklärten, er könne durchaus nicht anders gesund werden, als wenn sie ihm eine Öffnung in der Seite machten und die Leber herausnähmen, um sie mit den erforderlichen Arzneien zu waschen und von den Krankheitsstoffen zu reinigen. Nachdem aber nun der Kranke diesen Schmerz erlitten und der Arzt soeben die Leber in der Hand hielt, bat ihn ein Danebenstehender, ihm doch ein Stück von der Leber für seine Katze zu geben.«

»Und wollt Ihr, Herr Graf Lucanor, Euch in so großen Schaden setzen, um Geld aufzubringen und dahin zu geben, wo es nicht gebraucht wird, so sage ich Euch: Ihr mögt tun, wies Euch beliebt, mit meiner Zustimmung aber werdet Ihrs nimmer tun.« Des freute sich der Graf gar sehr, sah sich fürder gut vor und fuhr wohl dabei.

 

2.

Welchen Rat Patronius dem Grafen Lucanor erteilte, als dieser sich Ruhm erwerben wollte, wobei er das Beispiel von einem kranken Philosophen entnahm

Einmal sagte der Graf Lucanor zu seinem Rate: Patronius eines von den Gütern der Welt, die der Mensch am eifrigsten erstreben und vor jedem Flecken hüten soll, ist der gute Name; und da ich weiß, daß mir in dieser wie in jeder andern Sache niemand besser raten kann, als Ihr, so bitte ich Euch um Eure Meinung, auf welche Weise ich meinen Ruf am besten verbreiten und bewahren könnte.«

»Herr Graf Lucanor, was Ihr mir da sagt, erfreut mich sehr; damit Ihr jedoch hierin um so sicherer zum Ziele kommt, wünschte ich, ihr vernähmet, was einmal einem alten Philosophen begegnet ist.« »Und was war das?« fragte der Graf.

»Herr Graf«, sagte Patronius, »in einer Stadt des Königreichs Marokko wohnte ein großer Philosoph, der litt an einer Krankheit, die ihn zuweilen nötigte, sich des überflüssigen wilden Fleisches zu entledigen, weil dies aber nicht ohne große Beschwerde und Schmerzen geschehen konnte, so zögerte er immer lange Zeit, ehe er sich dazu entschloß. Da ihm indes die Ärzte rieten, es jedesmal, wenn er das Bedürfnis fühle, ohne Verzug vorzunehmen, indem sonst der entzündete und verhärtete Eiter seiner Gesundheit sehr nachteilig werden könnte, so befolgte er fortan die Anordnung der Ärzte und befand sich wohl dabei.

Als er nun eines Tages durch eine Straße der Stadt ging, in welcher er wohnte und wo er viele Schüler hatte, kam ihm wieder das Bedürfnis an, sich von jenen Krankheitsstoffen zu befreien, und er trat deshalb in ein Seitengäßchen hinein. Doch sein Unstern wollte, daß eben dieses Gäßchen von öffentlichen Dirnen bewohnt war, wie sie in Städten vom Verderben ihrer Seelen und der Schande ihrer Leiber zu leben pflegen, wovon jedoch der Philosoph nicht das mindeste wußte. Das half ihm aber wenig, der Schein war einmal wider ihn, und da man ihn dort herauskommen sah, meinten die Leute, er sei um ganz anderer Dinge willen, die gar wenig zu seinem bisherigen Wandel paßten, dort gewesen. Denn das Gerede der Welt ist immer schlimmer und größer, wenn irgend ein tugendhafter und hochgestellter Mann etwas auch noch so unbedeutend Ungebührliches begeht, als wenn es andere betrifft, von denen man schon viel Ärgeres gewohnt ist. So wurde denn auch hier viel hin und her geschwatzt, daß ein so hochgeachteter und alter Philosoph jenen Ort betreten, der ihm an Seele, Leib und Ruf so verderblich sei. Kaum war er daher nach Hause zurückgekehrt, so kamen auch schon seine Schüler in großem Herzeleid und Kummer zu ihm und sagten, was er doch da angestellt, sich und ihnen solche Schande zu machen und seinen ganzen guten Ruf zugrunde zu richten, den er doch bisher sorgfältiger als irgendein Mensch auf Erden bewahrt habe. Bei diesen Worten fragte der Philosoph ganz erstaunt: was sie denn damit meinten und wann und wo er denn etwas Schlechtes getan hätte? Sie erwiderten aber, wie er nur so reden könne, zu seinem und ihrem Unglück gäbe es ja keinen Menschen in der ganzen Stadt, der nicht davon spräche, daß er an einem gewissen Orte gewesen, wo gewisse saubere Weiber wohnten. Da der Philosoph dies vernommen, ärgerte er sich nicht wenig, sagte ihnen jedoch, sie sollten es sich nicht sonderlich zu Herzen nehmen, denn von heute über acht Tagen wolle er ihnen darüber Auskunft geben. Darauf ging er unverweilt an seine Studien und verfaßte ein kleines, aber sehr gutes und nützliches Büchlein, worin er unter andern Dingen in Form eines Gesprächs mit zwei Schülern von Glück und Unglück handelt und also sagt: »Meine Lieben, mit Glück und Unglück begibt es sich wohl, daß man es manchmal sucht und findet, und ein andermal es findet, ohne es zu suchen. Gesucht und gefunden ist es, wenn jemandem aus seiner guten Handlung etwas Gutes, oder aus seiner Übeltat etwas Übles erwächst, sintemal er in beiden Fällen Glück oder Unglück selbst veranlaßt hat. Ungesucht gefunden dagegen ist es, wenn ein Mensch gar nichts dafür tut und ihm dennoch entweder irgendein Vorteil zufällt (wie wenn einer durch ein Dorf ginge und einen großen Schatz fände) oder umgekehrt ihm ebenfalls ohne sein Zutun etwas Schlimmes begegnete. Zum Beispiel, wenn jemand auf der Straße wäre und ein anderer würfe einen Stein nach einem Vogel und träfe damit ihn an den Kopf, so wäre dies zweifelsohne ein ungesucht gefundenes Unglück, dieweil er nichts gesucht und getan hat, auf daß es ihn träfe. Hiernach aber, meine Lieben, sind dem gesuchten und gefundenen Glück oder Unglück zwei Punkte wohl zu beobachten, nämlich erstens: daß der Mensch durch gute Werke Gutes, durch böse Werke Böses erntet, und zweitens, daß Gott einem jeden nach seinen Taten vergilt. Bei dem ungesucht gefundenen Glück oder Unglück dagegen kommt wiederum folgendes in Betrachtung: es soll der Mensch den üblen Schein, wodurch er in Unglück und schlechte Nachrede kommen könnte, nach Kräften zu vermeiden suchen, demnächst aber Gott inständigst bitten, daß ihm, wenn er sich selbst, so gut er kann, in acht genommen, nicht irgendein Unglück widerfahre, wie es mir an jenem Tage widerfahren, da ich, um etwas für meine Gesundheit dringend Nötiges zu verrichten, in ein Gäßchen trat, wo unglücklicherweise jenes Gesindel wohnt, so daß ich, obgleich ohne Schuld und Makel, dennoch mit Schimpf bestanden ...«

Giovanni Boccacci

1.

Meister Alberto von Bologna beschämt auf eine feine Weise eine Dame, die ihn wegen seiner Liebe zu ihr hatte beschämen wollen

Vor noch nicht langer Zeit lebte in Bologna ein großer fast in der ganzen Welt bekannter Arzt, der vielleicht noch am Leben ist und Meister Alberto hieß. Obgleich dieser bereits sechzig Jahre alt war, besaß er dennoch eine solche Lebhaftigkeit des Geistes, daß, nachdem bereits alles natürliche Feuer aus seinem Körper gewichen war, er doch noch eine Liebesflamme in sich entzündete, als er an einem Fest eine wunderschöne Witwe sah, die nach einigen Donna Malgherida da Ghisolieri hieß. Da ihm diese außerordentlich gefiel, so wurde er verliebt wie ein Jüngling, so daß er nicht mehr gut schlafen zu können glaubte, wenn er nicht den Tag über das reizende Gesicht der schönen Dame gesehen hatte. Deshalb gewöhnte er sich, bald zu Fuß, bald zu Pferde, je nachdem ihn die Lust ankam, vor dem Hause dieser Dame vorüber zu gehen. Sowohl dieses selbst, als andere Damen errieten bald den Grund und scherzten oft untereinander darüber, wie dieser an Jahren und Verstand so alte Mann sich noch verlieben könne; wie wenn diese angehende Leidenschaft der Liebe nur in den törichten Herzen der Jünglinge und nicht auch bei andern Eingang finden könnte.

Da nun Meister Alberto fortwährend an dem Hause der besagten Witwe vorbeikam, geschah es an einem Festtage, daß die Dame, welche mit vielen anderen Damen vor ihrem Hause saß, Meister Alberto in der Ferne auf sich zukommen sah. Daher verabredeten sie sich untereinander, sie wollten ihn empfangen und Ehre erweisen und nachher in Witzreden seine Verliebtheit durchziehen, und so taten sie. Sie erhoben sich alle, gingen ihm entgegen, luden ihn ein, führten ihn in ein kühles Zimmer, wo die herrlichsten Weine und Backwerk aufgetragen wurden, und endlich fragten sie ihn in feinen, verständigen Reden, wie es denn möglich sei, daß er sich in diese schöne Dame verlieben könne, da er doch wisse, daß sie von vielen schönen, edlen und liebenswürdigen Jünglingen geliebt werde.

Der Meister antwortete auf diese feinen Witzreden mit heiterer Miene folgendermaßen: »Madonna, daß ich liebe, kann keinem Verständigen wunderbar vorkommen, und zumal Euch nicht, die Ihr es so sehr verdient; und obgleich alten Männern die Kräfte genommen sind, die zur Ausübung der Liebe erforderlich sind, so ist der gute Wille nicht genommen und die Erkenntnis dessen, was geliebt zu werden verdient, sondern dies verstehen sie um so besser, eine je größere Erfahrung sie der Jugend gegenüber haben. Die Hoffnung, die mich dazu bewegt, als alter Mann Euch zu lieben, die Ihr von vielen Jünglingen geliebt werdet, besteht darin: ich bin schon oft dabei gewesen, wenn Damen ihr Vesperbrot verzehrten und Wolfsbohnen und Lauch aßen, und obgleich am Lauch überhaupt nichts Gutes ist, so ist doch der Kopf desselben weniger schädlich und schmackhafter als die Blätter. Aber aus Verderbtheit des Geschmacks nehmt Ihr in der Regel den Kopf in die Hand und esset die Blätter, die nicht nur gar nichts wert, sondern sogar sehr unschmackhaft sind. Und was weiß ich, Madonna, ob Ihr es nicht bei der Wahl Eurer Liebhaber ebenso macht, und wenn dies der Fall wäre, so wäre ich gerade derjenige, der von Euch gewählt würde, und die anderen ließe man laufen.«

Die edle Dame schämte sich zugleich mit den andern und sprach: »Meister, sehr gut und fein habt Ihr uns unseres vermessenen Spottes wegen gezüchtigt. Eure Liebe ist mir stets teuer, wie sie es mir von einem so edlen und verständigen Manne sein muß, und Ihr könnt nach Eurem Gutdünken über mich gebieten, ohne meiner Ehrbarkeit zu nahezutreten.« Der Meister erhob sich mit seinen Begleitern, dankte der Dame und nahm lächelnd und vergnügt von ihr Abschied. So wurde die Dame, die den, welchen sie verspotten wollte, nicht genau kannte, besiegt, während sie zu siegen glaubte; wovor Ihr Euch, wenn Ihr vernünftig seid, werdet hüten müssen.

 

2.

Julie von Narbonne heilt den König von Frankreich von einer Fistel und verlangt Beltram von Roussillon zum Gemahl. Dieser muß sie wider seinem Willen zur Frau nehmen, geht aus Unmut darüber nach Florenz; und verliebt sich hier in eine junge Dame. Julie, als diese junge Dame vorgestellt, schläft bei ihm und erhält von ihm zwei Kinder, wodurch sie ihm teuer wird und er sie zum Weibe nimmt

Es lebte im Königreich Frankreich ein Edelmann, mit Namen Isnard Graf von Roussillon. Dieser hatte, weil er fast immer krank war, stets einen Arzt um sich, den man Meister Gerard von Narbonne nannte. Der genannte Graf hatte nur einen einzigen Sohn, mit Namen Beltram, einen schönen anmutigen Jungen, mit welchem noch andere Kinder seines Alters erzogen wurden, unter denen sich auch eine Tochter jenes Arztes befand mit Namen Julie. Diese faßte zu jenem Beltram eine übermäßige glühende Liebe, wie sie ihrem Alter gar nicht eigen zu sein schien. Als der Graf starb und Beltram dem König überlassen blieb, mußte er nach Paris gehen, worüber das Mädchen ganz untröstlich war; und als ihr Vater bald darauf starb, wäre sie unter einem anständigen Vorwande gern nach Paris gegangen, um Beltram zu sehen; allein sie wurde, da sie sehr reich und das einzige Kind war, scharf bewacht. Schon hatte sie das Alter der Mannbarkeit erreicht, und noch hatte sie Beltram nicht vergessen, und wies viele Männer zurück, mit denen sie sich nach dem Wunsch ihrer Verwandten vermählen sollte, ohne einen Grund für ihre Weigerung anzugeben. Nun geschah es, daß, während sie noch mehr denn je von Liebe zu Beltram brannte, von dem sie gehört hatte, daß er ein schöner junger Mann geworden sei, die Nachricht ihr zu Ohren kam, der König von Frankreich habe eine Geschwulst auf der Brust gehabt, und da diese schlecht geheilt worden sei, so sei eine Fistel zurückgeblieben, die ihm außerordentlich viel Schmerz und Beschwerde verursache und für die man noch keinen tüchtigen Arzt aufgefunden habe, so viele es auch mit der Heilung versucht hätten; alle diese hätten vielmehr die Sache verschlimmert, worüber der König ganz in Verzweiflung sei und nun von keinem mehr Rat und Hilfe annehmen wollte. Über diese Nachricht war die junge Dame sehr erfreut und glaubte dadurch nicht nur einen guten Grund zu erhalten, um nach Paris zu reisen, sondern wenn die Krankheit wirklich die wäre, für die sie sie der Beschreibung nach hielt, so dachte sie, es könne ihr bei dieser Gelegenheit leicht gelingen, Beltram zum Mann zu erhalten. Da sie nun von ihrem Vater vieles gelernt hatte, so bereitete sie aus verschiedenen Kräutern, die gegen das Übel, das sie sich vorstellte, gut sind, ein Pulver, stieg zu Pferde und kam nach Paris. Das erste war, daß sie sich Mühe gab, Beltram zu sehen; dann trat sie vor den König und bat sich die Gnade aus, daß er ihr sein Übel zeigen möge. Als der König die schöne, anmutige und junge Dame sah, konnte er ihr ihren Wunsch nicht versagen und zeigte es ihr. Nachdem sie es gesehen hatte, faßte sie sogleich die sichere Hoffnung, es heilen zu können und sprach: »Gnädigster Herr, wenn es Euch gefällt, so will ich Euch, ohne alle Mühe und Beschwerden für Euch, innerhalb von acht Tagen von diesem Übel heilen.«

Der König mußte über die Worte des Mädchens innerlich lachen und dachte: »Was die Ärzte der Welt nicht gewußt und nicht gekonnt haben, wie soll das eine junge Dame können?« Er dankte ihr daher für ihren guten Willen und antwortete: er habe sich vorgenommen, keinen Rat eines Arztes mehr anzunehmen.

Hierauf sprach die Dame: »Gnädigster Herr, Ihr verschmäht meine Kunst, weil ich jung und ein Frauenzimmer bin; aber ich erinnere Euch, daß ich nicht mit meiner Wissenschaft heile, sondern mit der Hilfe Gottes und der Wissenschaft Gerards von Narbonne, der mein Vater und zu seinen Lebzeiten ein berühmter Arzt war.« Hierauf sprach der König zu sich selbst: »Vielleicht ist mir dieses Weib von Gott zugesandt; warum soll ich ihre Kunst nicht erproben, da sie doch sagt, sie könnte mich, ohne Beschwerde für mich, heilen?« Er entschloß sich daher, eine Probe anzustellen und sprach: »Meine junge Dame, und wenn Ihr, nachdem ich Euch zu Liebe meinen Vorsatz gebrochen habe, mich doch nicht heilet, was soll ich dann tun?«

»Gnädiger Herr«, sprach die Jungfrau, »laßt mich nur machen, und wenn ich Euch innerhalb von acht Tagen nicht heile, so laßt mich verbrennen; wenn ich Euch aber gesund mache, was soll mir dann werden?«

Hierauf antwortete der König: »Ihr scheint noch ohne Mann zu sein; wenn Ihr Euer Versprechen haltet, will ich Euch gut und vornehm verheiraten?« Die Jungfrau sprach darauf: »Gnädigster Herr, das gefällt mir, daß Ihr mich verheiraten wollt; aber ich will gerade den zum Mann, den ich mir auswähle; wobei ich jedoch keinen von Euren Söhnen oder aus dem königlichen Hause überhaupt wählen werde.«

Der König versprach ihr dieses augenblicklich. Die Jungfrau begann nun ihre Kur, und in kurzer Zeit, noch ehe der Termin abgelaufen war, hatte sie den König gesund gemacht. Als sich der König geheilt fühlte, sprach er: »Meine junge Dame, Ihr habt einen Mann wohl verdient.« ? »Dann, gnädigster Herr«, sprach die Jungfrau, »habe ich Beltram von Roussillon verdient, in den ich mich schon in meiner Jugend verliebte, und den ich seitdem stets aufs glühendste liebte.«

Es schien nun zwar dem König nichts Geringes, ihr diesen zum Manne zu geben; aber da er es einmal versprochen hatte, wollte er doch sein Versprechen halten, ließ ihn rufen und sprach zu ihm: »Beltram, Ihr seid jetzt groß und ein vollendeter Edelmann; wir wollen daher, daß Ihr zurückkehrt und die Herrschaft über Eure Grafschaft übernehmet und daß Ihr eine junge Dame mit Euch führet, die wir Euch zur Gattin ausersehen haben.«

Beltram sprach: »Und wer ist diese junge Dame, gnädigster Herr?« Hierauf antwortete der König: »Das ist dieselbe, die mir durch ihre Arznei die Gesundheit zurückgegeben hat.« Beltram, der sie kannte und gesehen hatte, fand sie nun zwar schön; da er jedoch wußte, daß sie nicht von einem Geschlechte sei, dessen Verwandtschaft seinem Adel anstehe, sagte er ganz unwillig: »Gnädigster Herr, Ihr wollet mir also eine Arzneimischerin zur Frau geben? Das wolle Gott nicht gefallen, daß ich je eine solche Frau nehme!«

Hierauf sprach der König: »So wollt Ihr also, daß wir unser Wort brechen sollen, das wir, um unsere Gesundheit wieder zu erlangen, der Dame verpfändeten, die zum Lohne dafür Euch zum Manne verlangte.«

»Gnädigster Herr«, sprach Bertram, »Ihr könnt mich zwingen und mir als Eurem Lehensmann geben, wen Ihr wollt; aber das versichere ich Euch, daß ich mit dieser Heirat nie zufrieden sein werde.« »Das werdet ihr schon sein«, sprach der König, »denn die Dame ist schön und sehr verständig und liebt Euch sehr; daher hoffen wir, Ihr werdet mit ihr noch glücklicher sein, als mit einer Dame von noch so vornehmem Adel.«

Beltram schwieg, und der König ließ große Anstalten zum Hochzeitsfeste treffen. Und als der bestimmte Tag kam, heiratete Beltram, so sehr sich auch sein Herz dagegen sträubte, im Angesicht des Königs die Dame, die ihn mehr als sich selbst liebte. Er hatte jedoch bereits bedacht, was zu tun sei; er erklärte daher, daß er in seine Grafschaft zurückkehren und dort seine Ehe vollziehen wollte, und beurlaubte sich bei dem König. Er stieg zu Pferde, reiste jedoch nicht in seine Grafschaft, sondern nach Toskana, und als er erfuhr, daß die Florentiner mit den Senesern im Kriege begriffen waren, entschloß er sich, den Krieg mitzumachen. Man nahm ihn ehrenvoll und mit Freuden auf, machte ihn zum Hauptmann einer Heeresabteilung, und da er von den Florentinern gut gehalten wurde, blieb er bei ihnen und hatte gute Tage.

Die Neuvermählte, hiermit nicht zufrieden, ging, in der Hoffnung, ihn durch ihr gutes Benehmen in seine Grafschaft zurückzurufen, nach Roussillon, wo sie von allen als ihre Herrin empfangen wurde. Als sie sich überzeugte, daß durch die lange Abwesenheit des Grafen alles verwirrt und vernachlässigt worden war, brachte sie, als eine verständige Dame, alles mit größter Mühe wieder in Ordnung, worüber sich die Untertanen sehr freuten und sie darum auch sehr teuer hielten und große Liebe zu ihr faßten, so daß sie den Grafen hart tadelten, daß er mit ihr nicht zufrieden sei.

Nachdem die Dame alles in Ordnung gebracht hatte, zeigte sie es durch zwei Edelleute dem Grafen an und bat ihn, wenn an ihr die Schuld liege, daß er nicht in seine Grafschaft käme, so möchte er es ihr kundtun, dann werde sie sich, ihm zu Liebe, entfernen. Der Graf gab ihnen aber die harte Antwort: »Damit mag sie es halten, wie sie will; ich werde dann erst zu ihr zurückkehren, wenn sie diesen Ring am Finger und ein von mir erzeugtes Kind auf den Armen tragen wird.« Der Ring war ihm außerordentlich teuer, und er trennte sich nie von ihm, weil er eine gewisse Eigenschaft hatte, durch die man alles erfahren konnte.

Die Edelleute sahen aus seiner Antwort deutlich genug die Unmöglichkeit, ihn zurückzuführen; und da sie sich überzeugt hatten, daß sie nicht imstande seien, ihn durch ihre Vorstellung zu bewegen, kehrten sie zu der Dame zurück und brachten ihr seine Antwort. Diese war sehr betrübt, und nach langem Nachdenken entschloß sie sich, alles zu versuchen, ob sie nicht jene zwei Bedingungen erfüllen könnte, um dadurch ihren Mann zu sich zurückzuführen. Nachdem sie ihren Entschluß gefaßt hatte, versammelte sie einen großen Teil der edelsten und besten Männer der Grafschaft, erzählte ihnen der Reihe nach und mit beweglichen Worten, was sie dem Grafen zu Liebe schon getan hätte, zeigte ihnen den Erfolg davon und sagte ihnen am Schlusse, es sei nicht ihre Absicht, den Grafen durch ihren Aufenthalt in der Grafschaft in beständiger Verbannung zu erhalten, vielmehr beabsichtige sie, den Rest ihres Lebens der Pilgerschaft und frommen Werken zum Heil ihrer Seele zu widmen; auch bat sie dieselben; die Verwaltung der Grafschaft zu übernehmen und es dem Grafen anzuzeigen, sie habe ihm seine Besitzungen frei und im geordneten Zustande zurückgelassen und sich entfernt, in der Absicht, nie mehr nach Roussillon zurückzukehren.

Während sie so sprach, vergossen die trefflichen Männer reichliche Tränen und baten sie inständig, sie möchte doch ihren Entschluß ändern; aber vergebens. Nachdem sie ihre Untertanen Gott empfohlen hatte, machte sie sich mit einem Vetter und ihrer Kammerfrau in Pilgerkleidung, wohl versehen mit Gold und kostbaren Juwelen, auf den Weg, ohne daß jemand wußte, wohin sie ging, und reiste, ohne sich aufzuhalten nach Florenz. Hier kam sie zufällig in eine kleine Herberge, die von einer rechtschaffenen Witwe geführt wurde und quartierte sich dort wie eine arme Pilgerin ein, begierig, Nachrichten von ihrem Herrn zu erfahren.

Da geschah es, daß sie des andern Tages Beltram zu Pferde mit seinen Soldaten vorüberziehen sah; und ob sie ihn gleich auf der Stelle recht wohl erkannte, fragte sie gleichwohl die rechtschaffene Witwe, wer es sei. Die Wirtin gab ihr zur Antwort: »Es sei ein fremder Edelmann, mit Namen Graf Beltram, ein anmutiger, ritterlicher, in dieser Stadt sehr beliebter junger Mann, der in unsere Nachbarin, eine edle Dame, die aber sehr arm ist, außerordentlich verliebt ist. Es ist eine sehr ehrbare junge Dame, die nur wegen ihrer Armut noch nicht geheiratet hat, sondern bei ihrer Mutter, einer klugen und rechtschaffenen Frau, lebt; und vielleicht hätte sie, wenn ihre Mutter nicht gewesen, dem Grafen schon seinen Willen getan.«

Die Gräfin überlegte diese Worte genau, und nachdem sie alles recht gefaßt, setzte sie ihren Entschluß fest; und nachdem sie das Haus und den Namen der Dame, deren Tochter von dem Grafen geliebt wurde, erfahren hatte, ging sie eines Tages in der Stille in Pilgerkleidung dahin. Sie fand die Dame und ihre Tochter in sehr ärmlichen Umständen, grüßte sie und sagte zu der Mutter: sie möchte, wenn sie es erlaube, mit ihr sprechen. Die vornehme Dame erhob sich und erklärte sich bereit, sie zu hören; und nachdem sie in einem Zimmer allein waren und Platz genommen hatten, begann die Gräfin: »Gnädige Frau, es scheint, Ihr seid auch keine Freundin des Glückes, wie ich; allein, wenn Ihr wollet, könntet Ihr wohl mich und Euch selbst trösten.« Die Dame versetzte: sie wünsche nichts sehnlicher, als sich auf ehrbare Weise aus der Not zu helfen. Die Gräfin fuhr fort: »Mir ist Euer Vertrauen nötig; wenn ich mich auf dieses verlasse und Ihr betrübt mich, so verderbt Ihr Eure und meine Sache.« Die edle Dame antwortete: »Saget mir getrost alles, was Ihr wollt; von mir werdet Ihr niemals betrogen werden.«

Nun erzählte die Gräfin den ersten Anfang ihrer Liebe, wer sie sei und was ihr bis auf diesen Tag begegnet war, und erzählte dies alles auf eine Weise, daß die vornehme Dame ihren Worten glaubte, da sie schon durch andere davon gehört hatte und Mitleid mit ihr fühlte. Dann fuhr die Gräfin fort: »Ihr habt nun, außer meinen übrigen Beschwerden, auch die zwei Bedingungen gehört, die ich erfüllen muß, wenn ich meinen Mann wieder erhalten will: und hierzu kann mir auf der Welt niemand verhelfen, ausgenommen Ihr, wenn es wahr ist, was ich gehört habe, daß nämlich der Graf, mein Gemahl, in Eure Tochter sterblich verliebt ist.«

Hierauf sprach die Dame: »Ob der Graf meine Tochter liebt, weiß ich nicht; aber er tut so. Was kann jedoch ich in dieser Sache tun?« ? »Gnädige Frau«, antwortete die Gräfin, »ich will es Euch sagen; zuerst aber will ich Euch bemerken, was die Folge davon sein soll, wenn Ihr mir dient. Ich sehe, daß Eure Tochter schön und mannbar ist; und so viel ich gesehen und gehört habe, behaltet Ihr sie nur deshalb zu Hause, weil Ihr kein Vermögen habt, um sie auszustatten. So will ich denn für den Dienst, den Ihr mir leisten werdet, von meinem Gelde Ihr ein solches Heiratsgut aussetzen, wie Ihr selbst es für angemessen achten werdet, um sie anständig zu verheiraten.«

Dieses Anerbieten gefiel der Dame, die sehr bedürftig war; dennoch aber sprach sie, weil sie einen hohen Sinn hatte, folgendermaßen: »Gnädige Frau, sagt mir nur, was ich für Euch tun kann, und wenn es schicklich für mich ist, werde ich es gerne tun, und Ihr möget dann tun, was Euch beliebt.« Die Gräfin antwortete: »Für mich ist es notwendig, daß Ihr durch eine Person, der Ihr vertrauen könnt, meinen Gemahl, dem Grafen, sagen lasset, Eure Tochter sei bereit, ihm ganz seinen Willen zu tun, wenn sie überzeugt sein dürfe, daß er sie wirklich so liebe, wie er vorgebe, dies werde sie jedoch nicht eher glauben, als bis er ihr den Ring sende, den er an der Hand trage, und von dem sie wisse, daß er ihm sehr teuer sei. Wenn er Euch nun diesen Ring sendet, so gebet ihn mir und lasset ihm dann sagen, Eure Tochter sei bereit, ihm seinen Willen zu tun. Hierauf lasset ihn hierher kommen, und anstatt Eurer Tochter legt Ihr in der Stille mich an seine Seite. Vielleicht schenkt mir Gott seine Gnade, daß ich schwanger werde, und wenn ich dann seinen Ring am Finger und ein Kind von ihm im Arm habe, werde ich ihn zum Manne zurückerhalten und als sein Weib bei ihm wohnen, wozu dann Ihr die Veranlassung seid.«

Der Edeldame schien dies eine schwierige Sache, denn sie fürchtete, es möchte Schande für ihre Tochter daraus entstehen; da sie jedoch bedachte, daß die Dame mit allem Recht ihren Mann zurückerhalte und daß sie sich also für eine gerechte Sache tätig erweise, gab sie im Vertrauen auf ihre ehrbare Neigung nicht nur das Versprechen, sondern verschaffte sich auch nach wenigen Tagen auf vorsichtige und geheime Weise den Ring, so schwer dies auch dem Grafen fiel, sorgte auch aufs trefflichste dafür, daß die Gräfin statt ihrer Tochter zu dem Grafen zu liegen kam.

Nach dem Willen Gottes wurde die Dame von dieser ersten Umarmung, die der Graf aufs zärtlichste ausübte, mit zwei Knäbchen schwanger, wie sich bei der Geburt, als diese erfolgte, zeigte. Und nicht bloß einmal verschaffte die Edeldame der Gräfin die Umarmung ihres Gatten, sondern oft; und die Sache ging so herrlich vonstatten, daß man kein Wort davon erfuhr und der Graf stets der Meinung war, er sei bei der Dame, die er liebe, nicht bei seiner Gattin. Des Morgens bei der Trennung gab der Graf ihr immer wertvolle Juwelen, welche die Gräfin sorgfältig aufbewahrte.

Als sie sich schwanger fühlte, wollte sie die Edeldame nicht auch mit diesem Dienst belästigen, sondern sprach: »Gnädige Frau, Gott und Euch sei es gedankt, ich habe meinen Zweck erreicht, deshalb ist es jetzt Zeit, daß ich Euch nach Eurem Wunsche beschenke und mich dann entferne.« Die Edeldame antwortete, wenn sie ihr ein Geschenk geben wolle, so sei sie damit zufrieden, übrigens habe sie das, was sie getan habe, nicht nur in der Hoffnung auf eine Belohnung getan, sondern, weil sie es für recht gehalten habe. Die Gräfin antwortete: »Ihr sprecht ganz nach meinem Willen; und so will ich denn das, was Ihr von mir verlangen werdet, Euch nicht als Belohnung geben, sondern um ein gutes Werk zu tun, und so muß ich auch handeln.« Hierauf genötigt, bat die Edeldame ganz verschämt um hundert Lire, um ihre Tochter zu verheiraten. Die Gräfin, die ihr ansah, wie sie sich schämte, und ihre bescheidene Forderung hörte, gab ihr 500 und so viele und schöne und wertvolle Juwelen, daß sie wohl noch soviel an Wert betrugen, worüber die Edeldame hocherfreut war und der Gräfin aufs innigste dankte, die von ihr Abschied nahm und in eine Herberge zog. Die Edeldame, um Beltram die Veranlassung, in ihr Haus zu kommen oder zu senden, zu nehmen, ging ebenfalls mit ihrer Tochter aufs Land zu Verwandten, und Beltram reiste bald darauf, von seinen Untertanen aufgefordert, nach Hause, als er hörte, daß die Gräfin sich entfernt hatte.

Als die Gräfin erfuhr, daß er Florenz verlassen habe und in seine Grafschaft zurückgekehrt sei, war sie hocherfreut; sie blieb in Florenz bis zu ihrer Entbindung, gebar zwei Knäbchen, die ihrem Vater ganz ähnlich waren, und ließ sie aufs sorgfältigste behandeln. Als es ihr Zeit schien, machte sie sich auf den Weg und kam, ohne erkannt zu werden, nach Montpellier. Hier ruhte sie mehrere Tage aus; und als sie erfuhr, wie es dem Grafen gehe und wo er sich aufhalte, und hörte, daß er am Allerheiligentage in Roussillon ein großes Fest für Ritter und Damen halte, reiste sie, wie gewöhnlich als Pilgerin gekleidet, dahin.

Als sie die Damen und Ritter im Palast des Grafen versammelt glaubte, um zur Tafel zu gehen, begab sie sich, ohne ihre Kleidung zu ändern, mit ihren Knäbchen im Arme, in den Saal, ging durch Männer und Frauen hindurch, bis zu dem Grafen, warf sich vor ihm auf die Knie und sprach weinend: »Mein Herr, ich bin deine unglückliche Gattin, die, um dich in deine Grafschaft zurückkehren zu lassen, lange gramvoll durch die Welt gereist ist. Ich bitte dich bei Gott, daß du jetzt die Bedingung mir haltest, die du mir durch die zwei Edelleute, welche ich an dich sandte, hast stellen lassen, sieh auf meinen Armen nicht einen sondern zwei Knaben von dir; siehe hier auch deinen Ring. Jetzt ist es also Zeit, daß ich von dir als Gattin aufgenommen werde, wie du versprochen hast.«

Als der Graf dies hörte, fiel er fast in Ohnmacht; er erkannte den Ring und auch die Kinder, so ähnlich waren sie ihm. Dennoch sagte er, wie kann das sein? Nun erzählte die Gräfin, zur großen Verwunderung des Grafen und aller Anwesenden, der Ordnung gemäß alles, was geschehen war. Als nun der Graf erkannte, daß sie die Wahrheit sprach, und ihre Standhaftigkeit und Liebe, sowie die zwei Knaben sah, legte er, um sein gegebenes Wort einzulösen und aus Willfährigkeit gegen alle seine Ritter und Damen, die ihn sämtlich baten, er möchte sie jetzt als seine rechtmäßige Gattin aufnehmen und verehren, seine übermäßige Grausamkeit ab, hieß die Gräfin sich vom Boden erheben, umarmte und küßte sie, erkannte sie als seine rechtmäßige Gemahlin und die Kinder als seine Söhne an. Hierauf ließ er sie anständige Kleider anziehen und veranstaltete, zur größten Freude aller Anwesenden, wie derer, welche davon hörten, ein großes Fest, das diesen und noch mehrere Tage dauerte; ehrte sie von diesem Tage an als seine Frau und Gattin und schätzte und liebte sie ungemein.

 

3.

Die Frau eines Arztes legt ihren Geliebten, den sie, da er in tiefem Schlafe liegt, für tot hält, in einen Kasten, welchen zwei Wucherer heimtragen. Er erwacht und wird als Dieb gefangen genommen. Die Dienerin der Dame erzählt vor Gericht, sie selbst habe ihn in den Kasten der Wucherer gelegt, auf diese Weise entgeht er dem Galgen und die Wucherer werden zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie den Kasten gestohlen haben

Vor noch nicht langer Zeit lebte in Salerno ein Arzt, der in der Chirurgie außerordentlich geschickt war und Meister Mazzeo della Montagna hieß. Dieser hatte bereits das höchste Alter erreicht, als er eine schöne und edle Jungfrau seiner Stadt zur Gattin nahm, die er mit edlen und reichen Kleidern, mit Edelsteinen und mit allem, was einer Dame gefallen kann, aufs beste versah. Freilich ward sie in sonstiger Beziehung sehr kühl behandelt, und wie Ricciardo von Chinzica, von dem wir erzählt haben, der seinigen die Feste vorrechnete, so machte dieser seiner Frau vor, wenn der Mann bei seiner Frau schlafe, so müsse er sich, ich weiß nicht mehr wie viele Tage, erholen und ähnliche Albernheiten mehr, womit sie natürlich keineswegs zufrieden sein konnte. Da sie nun eine verständige und großherzige Frau war, entschloß sie sich, um ihren Mann zu schonen, auf die Straße zu gehen und nach anderen zu schauen. Und nachdem sie viele junge Männer betrachtet hatte, hatte sich endlich einer in ihrem Herzen festgesetzt, auf den sie alle Hoffnungen baute und dem sie ihr ganzes Wesen und ihre ganze Seele widmete. Als der junge Mann dies bemerkte, gefiel es ihm sehr und er wandte ihr gleichfalls seine ganze Liebe zu. Dieser junge Mann mit Namen Rugieri von Jeroli, war von edlem Stande, hatte aber ein schlimmes tadelnswürdiges Leben geführt, so daß weder ein Verwandter noch ein Freund ihm geblieben war, der Wohlwollen für ihn gehegt oder ihn nur hätte sehen mögen. In ganz Salerno war er durch Spitzbübereien und ähnliche Niederträchtigkeiten berüchtigt, aber um alles dies bekümmerte sich die Dame nichts, da er ihr vor allen andern gefiel, und sie wußte es auch durch ihre Dienerin so einzurichten, daß sie zusammenkamen. Nachdem sie sich eine Zeitlang miteinander vergnügt hatten, fing die Dame an, sein vergangenes Leben zu tadeln und ihn zu bitten, er möchte ihr zu Liebe dasselbe aufgeben, und um ihn dazu zu ermuntern, unterstützte sie ihn von Zeit zu Zeit mit Summen Geldes.

Während sie nun auf diese Weise mit viel Vorsicht ihr Verhältnis fortsetzten, geschah es, daß dem Arzte ein Kranker unter die Hände kam, der einen Schaden am Bein hatte. Als der Meister dasselbe gesehen hatte, erklärte er den Verwandten des Kranken, wenn man nicht einen verdorbenen Knochen im Beine herausnehme, so müsse man das ganze Bein abnehmen oder der Kranke müsse sterben. Wenn er ihm den Knochen herausnehme, könne er ihn heilen; allein, er übernehme den Kranken nur, sofern er ihm wie ein Toter überliefert werde. Und so gaben ihn ihm seine Verwandten hin. Der Arzt sah ein, daß der Kranke, ohne in tiefem Schlaf zu liegen, den Schmerz nicht aushalten und sich nicht heilen lassen werde, und da er die Operation des Abends vornehmen wollte, bereitete er sich des Morgens nach seinem eigenen Rezepte einen Schlaftrunk, soviel er glaubte, daß er nötig habe, und stellte das Fläschchen in sein Zimmer ohne irgend jemand zu sagen, was es sei. Als es Abend geworden war und der Meister zu dem Kranken gehen sollte, erhielt er eine Aufforderung von einigen sehr nahen Freunden aus Malfi, er solle sich durch nichts abhalten lassen, sogleich zu ihnen zu kommen; denn es habe eine große Rauferei gegeben, bei der viele verwundet worden seien. Der Arzt verschob deshalb die Operation des Beines auf den folgenden Tag, stieg in ein Boot und fuhr nach Malfi. Da deshalb die Dame wußte, daß er diese Nacht nicht nach Hause zurückkehren werde, ließ sie, wie gewöhnlich, Ruggieri kommen und schloß ihn in ihr Zimmer ein, bis die anderen Personen, die im Hause wohnten, zu Bett gegangen waren. Als nun Ruggieri in diesem Zimmer war und auf die Dame wartete, verspürte er, sei es infolge der Anstrengung im Laufe des Tages, oder gesalzener Speisen, die er genossen, oder vielleicht aus Gewohnheit einen großen Durst, und als er das Fläschchen, das der Arzt für den Kranken bestimmt hatte, an dem Fenster stehen sah und es für Wasser zum Trinken hielt, setzte er es an den Mund, trank es aus und verfiel bald darauf in einen tiefen Schlaf. Die Dame kam, sobald es ihr möglich war, in das Zimmer, und als sie Ruggieri schlafend fand, rüttelte sie ihn und sagte ihm mit leiser Stimme, er müsse aufwachen. Allein dies war vergebens, er antwortete nicht und blieb bewegungslos, weshalb die Dame, etwas beunruhigt, ihn stärker schüttelte und rief: »Wach auf, du Langschläfer, wenn du hast schlafen wollen, so hättest du zu Hause bleiben und nicht hierher kommen sollen. Ruggieri, auf diese Weise gerüttelt, fiel von einer Kiste, auf der er lag, zur Erde nieder, ganz wie ein Toter. Dadurch etwas erschreckt, wollte ihn die Dame wieder aufheben, sie rüttelte ihn noch stärker, faßte ihn an der Nase, zupfte ihn am Bart, aber alles war vergebens; er schlief fest. Die Dame fing daher zu befürchten an, er möchte gestorben sein; dennoch begann sie noch einmal, ihn ins bloße Fleisch zu kneipen, ihn mit einem angezündeten Lichte zu brennen, alles vergebens; daher glaubte sie denn, die nichts von der Medizin verstand, obwohl ihr Mann Arzt war, er sei unfehlbar gestorben. Da sie ihn nun über alles liebte, so war sie natürlich darüber sehr betrübt, und da sie keinen Lärm zu machen wagte, begann sie, leise ihn zu beweinen und ihr Unglück zu beklagen. Nach einer Weile bedachte jedoch die Dame, man müsse, um zu verhüten, daß ihr Verlust ihr auch noch Schande bringe, unverzüglich Mittel ausfindig machen, um den Toten aus dem Hause zu bringen, und da sie sich hierin nicht zu raten wußte, rief sie in der Stille ihre Dienerin, zeigte dieser ihr Unglück und bat sie um Rat. Die Dienerin war hoch verwundert; als sie ihn jedoch ebenfalls geschüttelt und gekniffen, und ihn bewußtlos gefunden hatte, sagte sie dasselbe, was die Dame sagte, nämlich, er sei wahrhaftig tot und gab den Rat, ihn aus dem Hause zu bringen. Die Dame sprach zu ihr: »Aber wohin könnten wir ihn legen, daß nicht morgen früh, wenn man ihn sieht, der Verdacht entstünde, er sei von hier aus weggebracht worden?«

»Madonna«, antwortete ihr die Dienerin, »ich sah diesen Abend spät, gegenüber von der Werkstätte unseres Nachbars, des Tischlers, einen nicht allzu großen Kasten, der, wenn ihn der Meister nicht ins Haus zurückgebracht hat, uns sehr gute Dienste leisten könnte. In diesen könnten wir ihn hineinlegen, ihm zwei bis drei Messerstiche geben und ihn dort liegen lassen. Wer ihn darin findet, der kann nicht vermuten, daß er da oder dorther komme; vielmehr, da er ein schlimmer junger Mann war, wird man glauben, er sei auf eine schlechte Tat ausgegangen und der Feind habe ihn ermordet.«

Der Dame gefiel der Rat der Dienerin, außer was die Verwundung des Leichnams betraf; sie sagte nämlich, um keinen Preis könne sie dies zugeben. Die Dienerin wurde abgesandt, um zu sehen, ob der Kasten noch an seinem Fleck stehe und kehrte mit der bejahenden Antwort zurück. Nun nahm die Dienerin, die noch jung und rüstig war, mit Hilfe der Dame Ruggieri auf ihre Schultern; die Dame ging voraus, um zu sehen, ob nicht jemand um den Weg sei, und so kamen sie zu dem Kasten, legten ihn hinein, schlossen den Kasten wieder zu und ließen ihn stehen.

Wenige Tage zuvor waren zwei Jünglinge nach Hause zurückgekehrt, die auf Wucher ausliehen; diese, die sehr gern gewinnen und doch nichts ausgeben mochten, hatten, da sie Hausgerät benötigten, und tags zuvor den Kasten gesehen hatten, den Entschluß gefaßt, ihn in ihr Haus zu schaffen, wenn er bei Nacht noch an seiner Stelle stände. Sie verließen um Mitternacht ihr Haus, fanden ihn, und ohne weitere Untersuchungen trugen sie ihn, obgleich er sehr schwer schien, nach ihrem Hause, wo sie ihn neben ein Zimmer stellten, in welchem ihre Frauen schliefen, ohne ihn erst lange zurechtzuschieben. Sie ließen ihn hier stehen und gingen zu Bette.

Nachdem Ruggieri lange geschlafen hatte, hatte er den Trank verdaut und die Wirkung desselben ging vorüber. Kurz vor Tagesanbruch wachte er auf; und obgleich der Schlaf abgebrochen war und er seiner Sinne wieder mächtig wurde, blieb ihm doch eine Betäubung im Kopfe zurück, die ihn nicht nur diese Nacht, sondern noch mehrere Tage nachher befangen hielt. Er öffnete die Augen, und da er nichts sah, tappte er mit den Händen herum. Als er sah, daß er sich in einem Kasten befand, wurde er vollends irre und sprach zu sich selbst: »Was ist denn das? wo bin ich? schlafe ich oder bin ich wach? Ich erinnere mich nur, daß ich diesen Abend in das Zimmer meiner Dame kam, und jetzt bin ich, wie es scheint, in einem Kasten. Was soll das heißen? Wäre der Mann zurückgekehrt oder etwas anderes begegnet, und die Dame hätte mich, während ich schlief, hier verborgen? das glaube ich, so wird es wohl sein.« Er hielt sich sehr stille und horchte, ob er etwas höre. Nachdem er lange in dieser Lage geblieben war, wurde sie ihm unbequem, denn der Kasten war klein und die Seite, auf der er lag, schmerzte ihn; er wollte sich daher auf die andere wälzen, und dies machte er so ungeschickt, daß der Kasten, welcher nicht geradestand, mit ihm umfiel; durch das Geräusch, welches dadurch entstand, wurden die Frauen, die daneben schliefen, geweckt, aber aus Furcht schwiegen sie. Ruggieri geriet durch diesen Fall des Kastens in die größte Angst, als er jedoch durch den Fall den Kasten geöffnet sah, wollte er lieber herausgehen, als darin bleiben, und ohne zu wissen, wo er war, tappte er durch das Haus, um irgendeine Treppe oder Türe zu finden, durch die er ins Freie kommen könnte. Als die Frauen, die aufgeweckt worden waren, ihn herumtappen hörten, riefen sie: »Wer ist da?« Da Ruggieri die Stimmen nicht erkannte, antwortete er nicht, daher riefen die Frauen ihren jungen Männern; diese aber lagen, weil sie lange gewacht hatten, in tiefem Schlafe und hörten nichts von allem. Dadurch wurden die Frauen noch ängstlicher, erhoben sich, liefen ans Fenster und riefen: »Diebe, Diebe!« Auf diesen Ruf eilten mehrere Nachbarn von verschiedenen Seiten herzu und drangen in das Haus, und auch die jungen Männer wachten auf jenes Geschrei auf und erhoben sich. Als Ruggieri diesen Vorgang sah, kam er vor Verwunderung fast außer sich; er wußte nicht, wohin er fliehen sollte und konnte, und fiel in die Hände der Gerichtsdiener, die auf den Lärm hinzugelaufen waren. Er wurde vor den Richter geführt, und da er allgemein im Rufe eines schlechten Mannes stand, spannte man ihn unverzüglich auf die Folter, und er bekannte, er sei in das Haus der Wucherer gedrungen, um zu stehlen. Daher beschloß denn der Richter, ihn ohne weitere Umstände am nächsten Tage aufknüpfen zu lassen.

Am anderen Morgen war es bereits in ganz Salerno ruchbar geworden, daß man Ruggieri im Hause der Wucherer auf dem Diebstahl ertappt habe, und als dies die Dame und ihre Dienerin hörten, waren sie so erstaunt darüber, daß sie die Vorgänge der letzten Nacht beinahe für einen Traum hielten; und überdies war die Dame über die Gefahr, in der Ruggieri schwebte, so betrübt, daß sie fast den Verstand verlor.

Gegen Mittag kam der Arzt von Malfi nach Hause zurück und verlangte, daß man ihm sein Wasser bringe, weil er seinen Kranken operieren wollte; als er die Flasche leer fand, fing er einen großen Lärm an, daß gar nichts im Hause auf seinem Flecke bleibe. Die Dame, durch ihren Schmerz gereizt, antwortete erzürnt: »Was würdet Ihr erst von etwas Wichtigem sagen, Meister, wenn Ihr schon wegen einer ausgegossenen Wasserflasche einen solchen Lärm anfangt? Gibt es denn kein Wasser mehr in der Welt?« Hierauf sprach der Meister: »Meinst du denn, Frau, das sei klares Wasser gewesen? das ist nicht der Fall; es war ein destilliertes Wasser und ein Schlaftrunk«; und damit erzählte er ihr, aus welchen Gründen er es bereitet hätte. Als die Dame dies gehört hatte, sah sie plötzlich ein, daß Ruggieri es getrunken haben müsse und ihnen deshalb tot erschienen sei, und sprach: »Meister, das wußten wir nicht; bereitet Euch nun eben ein neues.« Der Meister, der einsah, daß nichts anderes zu tun sei, bereitete sich also ein neues.

Kurz nachher kehrte die Dienerin, welche auf Befehl der Dame weggegangen war, um zu erfahren, was man von Ruggieri spreche, zurück und sprach: »Madonna, jedermann spricht Übles von Ruggieri, und soviel ich merken konnte, ist weder ein Freund noch ein Verwandter da, der sich zu seiner Hilfe erhoben hätte oder erheben wollte; man glaubt ganz fest, daß der Blutrichter ihn noch heute enthaupten lassen werde. Außerdem muß ich Euch noch etwas Neues sagen, ich glaube nämlich entdeckt zu haben, wie er in das Haus der Wucherer gelangte. Höret, auf welche Weise! Ihr wisset den Tischler, vor dessen Hause der Kasten stand, in den wir ihn legten; dieser war kurz vorhin mit einem, dem, wie es scheint, der Kasten gehörte, im größten Streit begriffen; denn dieser verlangte das Geld für seinen Kasten, und der Meister behauptete, er habe den Kasten nicht verkauft, sondern man habe ihn ihm des Nachts gestohlen. Hierauf antwortete der andere: »Das ist nicht wahr; du hast ihn vielmehr an die jungen Wucherer verkauft, wie mir diese heute nacht sagten, als ich ihn in ihrem Hause sah, wo man den Ruggieri festnahm.« Hierauf sprach der Tischler: »Sie lügen; ich habe ihn nie an sie verkauft; sondern sie haben ihn mir in der vorigen Nacht gestohlen; gehen wir zu ihnen«; und so gingen sie in Eintracht nach der Wohnung der Wucherer. Auf diese Weise, seht Ihr nun wohl, muß Ruggieri dahin gekommen sein, wo man ihn gefunden hat; wie er aber dort wieder aufwachte, das weiß ich nicht zu sagen.«

Die Dame begriff nun den Hergang der Sache ganz gut und erzählte der Dienerin, was sie vom Meister gehört hatte, und bat sie, zur Rettung Ruggieris mitzuwirken, da es nur an ihr liege, ob sie zu gleicher Zeit Ruggieri retten und ihre Ehre bewahren wolle.

Die Dienerin sprach: »Madonna, unterweist mich, ich will gerne alles tun.« Die Dame, der nicht wenig daran gelegen war, hatte schnell überdacht, was zu tun war, und unterwies die Dienerin aufs genaueste. Diese ging zuerst zum Arzte und sprach mit Tränen: »Mein Herr, ich muß Euch eines großen Fehlers wegen, den ich gegen Euch begangen habe, um Verzeihung bitten.« Der Meister sprach: »Weshalb denn?« Die Dienerin, fortwährend weinend, antwortete: »Ihr habt von dem jungen Ruggieri von Jeroli gehört; dieser fand Gefallen an mir, und teils aus Angst, teils aus Liebe mußte ich dieses Jahr seine Freundin werden: da er nun wußte, daß Ihr gestern abend nicht zu Hause waret, schmeichelte er mir so lange, bis ich ihn in Euer Haus in mein Schlafzimmer führte. Als er nun Durst hatte, und ich nicht wußte, wohin ich in der Geschwindigkeit nach Wein oder Wasser laufen sollte, da ich nicht wollte, daß Eure Gattin, die im Saale war, mich sehe, erinnerte ich mich, daß ich in Eurem Zimmer eine Wasserflasche gesehen hatte, lief hin, gab sie ihm zum Trinken und stellte die Flasche wieder dahin, wo ich sie weggenommen hatte. Nun höre ich, daß Ihr einen großen Lärm im Hause gemacht habt und bekenne auch, daß ich einen Fehler beging; denn wer macht nicht hie und da einen Fehler? Es tut mir sehr leid, daß ich dies getan habe; gleichwohl aber kann sowohl dies als das, was daraus folgte, Ruggieri das Leben kosten. Daher bitte ich Euch aufs dringendste, daß Ihr mir verzeihet und die Erlaubnis gebet, Ruggieri nach meinen Kräften zu Hilfe zu eilen.«

Als der Arzt dies hörte, antwortete er, trotzdem, daß er noch erzürnt war, scherzend: »Du hast dir selbst die Strafe auferlegt; denn während du diese Nacht einen Jüngling bei dir zu haben glaubtest, der dir den Pelz tüchtig ausschütteln werde, hattest du eine Schlafkappe. Daher gehe nur und sorge für die Rettung deines Geliebten; hüte dich aber in Zukunft, ihn in mein Haus zu bringen; denn ich würde dich dann auch noch für diesmal bezahlen lassen.«

Die Dienerin, zufrieden mit dem Gelingen des ersten Versuchs, begab sich, so schnell sie konnte, in das Gefängnis des Ruggieri und schmeichelte dem Gefängniswärter so lange, bis er ihr eine Unterredung mit Ruggieri gestattete. Nachdem sie ihn unterrichtet hatte, was er dem Blutrichter antworten müsse, wenn er frei werden wollte, brachte sie es auch dahin, vor den Blutrichter zu kommen. Dieser wollte, ehe er sie anhörte, da sie frisch und rüstig war, dem guten Kinde zuvor einen Nagel einschlagen; und um nachher besser gehört zu werden, war sie gar nicht spröde. Nach vollbrachter Arbeit sprach sie: »Mein Herr, Ihr habt Ruggieri von Jeroli als Dieb gefangengenommen, und er ist es doch nicht.« Damit erzählte sie von Anfang an die ganze Geschichte bis zum Ende; wie sie, seine Freundin, ihn in die Wohnung des Arztes geführt habe, wie sie ihm den Schlaftrunk, den sie nicht gekannt, zu trinken gegeben, wie sie ihn für tot in den Kasten gelegt; dann erzählte sie, was zwischen dem Meister Tischler und dem Eigentümer des Kastens verhandelt worden war und zeigte so, auf welche Weise Ruggieri in das Haus der Wucherer gekommen sei. Der Blutrichter, der wohl sah, daß es etwas Leichtes sei, zu erfahren, ob dies wahr wäre, fragte zuerst den Arzt, ob das wahr sei, und fand, daß sich dies so verhalte. Hierauf ließ er den Tischler, den Eigentümer des Kastens und die Wucherer holen und fand nach manchem Hin- und Herreden, daß die Wucherer in der vorigen Nacht den Kasten gestohlen und in ihr Haus gebracht hätten. Zuletzt sandte er nach Ruggieri, und auf seine Frage, wo er Abends zuvor sich aufgehalten habe, antwortete jener: wo er sich aufgehalten habe, das wisse er nicht, er könne sich nur erinnern, daß er bei der Dienerin des Meisters Mazzeo habe bleiben wollen, und in ihrem Zimmer infolge großen Durstes Wasser getrunken habe; was von dort aus mit ihm vorgegangen, wisse er nicht, bis er im Hause der Wucherer aufgewacht sei und sich in einem Kasten befunden habe.

Der Richter fand großen Gefallen an dieser Geschichte und ließ die Dienerin, Ruggieri, den Tischler und die Wucherer ihre Aussagen mehrmals wiederholen. Als er endlich einsah, daß Ruggieri unschuldig war, verurteilte er die Wucherer, welche den Kasten gestohlen hatten, zu einer Strafe von 10 Unzen und setzte Ruggieri in Freiheit. Wie froh dieser war, kann sich jeder vorstellen; und auch seine Dame freute sich außerordentlich, oft noch lachte und scherzte die Dame und ihre Dienerin, die ihm Messerstiche hatte versetzen wollen, mit ihm über den fröhlichen Ausgang, und sie setzten ihr vergnügtes und angenehmes Verhältnis fort.

 

4.

Meister Simon, der Arzt, wird unter dem Vorwande, in eine Gesellschaft aufgenommen zu werden, die auf Kaperei ausgeht, von Bruno und Buffalmacco an einen Ort geschickt, wo er von Buffalmacco in eine Mistgrube geworfen und seinem Schicksal überlassen wird

Ich will euch nun von einem erzählen, der es förmlich darauf anlegte, daß ihm ein Possen gespielt würde, und ich glaube nicht, daß diejenigen, die ihm den Streich spielten, zu tadeln, vielmehr, daß sie zu loben sind. Und der, dem dies geschah, war ein Arzt, der, da er ein Schaf war, von Bologna ganz mit Feh bedeckt nach Florenz kam und sich dort niederließ. Wie wir es alle Tage sehen, kehren unsere Bürger als Richter, Ärzte und Notare in langen weiten Gewändern, in Scharlach und Feh oder sonstwie prunkvoll und stattlich gekleidet, aus Bologna hierher zurück, und wenn ihre Praxis sich gut anläßt, können wir sie so den ganzen Tag sehen.

Unter diesen war auch ein Meister Simon von Villa, reicher an väterlichen Gütern, als an Wissenschaft, der vor noch nicht langer Zeit in Scharlach gekleidet und mit einer großen Kapuze am Doktormantel, als Doktor der Medizin, wie er selbst sagte, nach Florenz zurückkehrte und ein Haus in der Straße bezog, die wir heute die Via del Cocomero nennen. Dieser, wie gesagt, frisch zurückgekehrte Meister Simon hatte, abgesehen von andern bemerkenswerten Gewohnheiten, auch die, denjenigen, der gerade bei ihm war, zu fragen, wer die Leute seien, die er just auf der Straße vorübergehen sah, und gleich als müsse er die Medizinen, die er den Kranken zu geben hatte, nach dem Gehaben der Menschen bereiten, richtete er seine Aufmerksamkeit darauf und merkte sich alles. Unter anderem richtete er sein besonderes Augenmerk auf zwei Maler, nämlich Bruno und Buffalmacco, die man immer zusammen sah und die seine Nachbarn waren. Und da es ihm schien, als machten diese sich weniger Sorgen als irgendwer und lebten vergnügter als andere ? was sie auch wirklich taten ? fragte er mehrere Leute nach ihren Verhältnissen, und alle sagten ihm, es wären arme Teufel und Maler. Da dachte er, es könne doch wohl nicht gut möglich sein, daß sie von ihrer Armut so vergnüglich lebten, er hielt sie, nach dem, was er von ihnen gehört hatte, vielmehr für listige Vögel, die aus irgend etwas, wovon kein Mensch wußte, große Gewinne ziehen mußten. Darum erwachte in ihm der Wunsch, wenn möglich mit beiden, wenigstens aber mit einem von ihnen vertrauter zu werden, und es gelang ihm auch wirklich mit Bruno in nähere Beziehungen zu treten.

Allein Bruno hatte es schon nach ganz wenigen Malen des Zusammenseins weg, daß dieser Arzt ein dummes Vieh war, und fing an, an ihm und seinen einfältigen Reden den größten Spaß von der Welt zu haben, wie andererseits der Arzt außerordentliches Gefallen an ihm fand. Nachdem er Bruno einige Male zum Essen eingeladen hatte und daher glaubte, schon etwas vertrauter mit ihm reden zu können, gestand er ihm, wie sehr er sich über ihn und Buffalmacco wundere, daß sie, obwohl sie doch arme Leute, so lustig lebten und bat ihn, ihm doch zu sagen, wie sie das anstellten. Bruno, dem diese Frage des Arztes ebenso töricht und sinnlos vorkam wie alle anderen, fing an zu lachen und dachte so zu antworten, wie seine Dummheit es verdiente ? er sagte daher: »Meister, vielen Leuten würde ich es gar nicht sagen, wie wir das anfangen, Euch jedoch, der Ihr mein Freund seid und es, wie ich weiß, keinem andern wiedersagen werdet, sage ich es ohne Bedenken. Es ist wahr, wir, mein Kumpan und ich, leben so lustig und gut, wie es Euch vorkommt, ja noch weit besser, doch weder von unserer Kunst noch von dem Ertrage, den wir aus einigen Besitzungen ziehen, könnten wir auch nur das Wasser bezahlen, das wir verbrauchen ? Ihr dürft deswegen aber nicht glauben, daß wir aufs Stehlen ausgehen, nein, sondern wir gehen auf Kaperei aus, und aus ihr ziehen wir alles, was uns Vergnügen macht oder was wir brauchen, ohne daß irgendwer Schaden davon hätte, und daher kommt unser vergnügtes Leben, das Ihr seht.«

Der Arzt verwunderte sich nicht wenig, als er dies hörte, und glaubte es ihm aufs Wort, ohne zu wissen, was es damit für eine Bewandtnis habe. Darum erwachte sogleich in ihm der heiße Wunsch, zu erfahren, was das sei: auf Kaperei ausgehen. Er bat ihn daher inständig, es ihm doch zu sagen und versicherte ihm, er würde es keinem Menschen verraten. »Aber Meister!« rief da Bruno, »was verlangt Ihr von mir?! Was Ihr wissen wollt, ist ein zu großes Geheimnis, und wenn es ein Dritter erführe, würde es mich zugrunde richten und mir das Leben kosten, ja mich sogar dem Luzifer von San Gallo in den Rachen jagen. Aber so groß ist die Liebe, die ich zu Eurer Kürbisköpfigkeit aus Holzhausen hege und das Zutrauen, das ich in Euch setze, daß ich Euch keinen Wunsch abschlagen kann, und darum will ichs Euch sagen, aber unter der Bedingung, daß Ihr mir bei dem Kreuz auf dem Dummelsberge schwört, daß Ihr es, wie Ihr versprochen habt, niemals ausplaudert.« Und der Meister versicherte, er würde es nicht tun. »Da sollt Ihr dann also«, begann Bruno, »mein zuckersüßer Meister, wissen, daß vor noch nicht langer Zeit in dieser Stadt ein großer Meister in der Geisterbeschwörungskunst lebte, welcher den Namen Michael Scott führte, weil er aus Schottland war. Von vielen vornehmen Männern, deren heute noch wenige leben, wurden ihm große Ehrenbezeugungen zuteil, und als er Florenz verlassen wollte, ließ er auf ihre dringenden Bitten zwei seiner tüchtigsten Schüler zurück, denen er auftrug, diesen edlen Männern, welche ihn so geehrt hätten, stets und in jeder Beziehung zu Gefallen zu sein. Diese dienten also den genannten Edelleuten in einigen ihrer Liebeshistorien und anderen Sächelchen sehr bereitwillig. Als ihnen dann die Stadt und die Sitten ihrer Bewohner gefielen, beschlossen sie, für immer dazubleiben und knüpften große und enge Freundschaften mit einigen an, ohne danach zu fragen, wer sie wären, ob vornehm oder nicht vornehm, ob reich oder arm ? nur darauf kam es ihnen an, daß es Leute wären, welche sich für ihre Lebensart schickten. Um diesen ihren Freunden nun gefällig zu sein, gründeten sie eine Gesellschaft von etwa 25 Männern, die sich wenigstens zweimal in jedem Monat an einem von ihnen bestimmten Orte zusammenfinden sollten, wo ein jeder ihnen seinen Wunsch sagen mochte, den sie dann in derselben Nacht schnell erfüllen wollten. Da ich und Buffalmacco mit diesen beiden nun in ganz besonderer Freundschaft und Vertraulichkeit leben, wurden wir von ihnen in diese Gesellschaft aufgenommen und gehören ihr noch an. Und ich sage Euch, wenn wir uns versammeln ist es ein Wunder, die Wandbehänge in dem Saale, in dem wir speisen, die nach königlicher Weise besetzten Tische, die Menge der edlen und schönen Diener männlichen und weiblichen Geschlechts nach eines jeden Gefallen, der zu dieser Gesellschaft gehört, die Becken, Krüge, Flaschen, Gläser und das andere goldene und silberne Geschirr, von dem wir essen und trinken, und überdies noch die vielen und mannigfaltigen Speisen, die jedem nach seinem Wunsch ? eine jede zu ihrer Zeit ? vorgesetzt werden, zu sehen. Ich könnte Euch nimmermehr schildern, wie groß und schön die Fülle der Töne aus unendlich vielen Instrumenten und wie melodienreich die Gesänge sind, die man dort zu hören bekommt, noch wieviel mehr Wachskerzen bei diesen Abendmahlzeiten brennen, noch wieviel Konfekt dort verzehrt wird und wieviel köstliche Weine dort getrunken werden. Und ich möchte nicht gerne, meine liebe Salzmetze, daß Ihr glaubt, wir wären dort in diesen Röcken und diesen Kleidern, die Ihr hier seht, nein ? keiner ist so schlecht gekleidet, daß Ihr ihn nicht für einen Kaiser halten könntet, mit so kostbaren Gewändern und so schönem Schmuck sind wir angetan. Aber über alle anderen Freuden, die wir dort genießen, gehen noch die an den schönen Frauen, welche so schnell, als es nur einer haben will, dort aus der ganzen Welt zusammenkommen.

Da könntet Ihr Madame Wackelbart, die Königin der Schlaraffen, die Frau des Sultans, die Kaiserin von Osbech, die Plapperschnut von Nirgendland, die Urschel von Faschingsstadt und Runzelpunzel aus Sprungreich versammelt sehen. Doch was zähle ich sie Euch auf! Sämtliche Königinnen der Welt sind da, den Betthasen des Pfaffen Hans nicht ausgenommen, dem die Hörner mitten aus dem Hintern rausstehen.

Doch hört jetzt weiter! Haben sie nun getrunken und Konfekt genascht, einen oder zwei Tänze gemacht, jede mit dem, auf dessen Vorladung sie hin gekommen, so sucht alles seine Schlafkammer auf. Und denkt Euch nun: in diesen Schlafkammern glaubt man ein Paradies zu sehen, so schön sind sie, und nicht weniger wohlriechend sind sie als die Büchsen mit den Spezereien Eurer Apotheke, wenn Ihr den Kümmel stoßen laßt. Und dann sind Betten da, die Euch schöner vorkommen würden als das des Dogen von Venedig, und in diese legt man sich hinein. Ihr könnt Euch denken, wie tüchtig dann die Weberinnen den Zettel treten und wie fest sie den Kamm an sich heranziehen, um das Tuch recht dicht zu machen. Diejenigen aber, die es meiner Meinung nach am besten haben, sind wir beide, Buffalmacco und ich; denn Buffalmacco läßt sich meist die Königin von Frankreich kommen und ich für mich die von England, welches die beiden schönsten Frauen von der ganzen Welt sind; und wir haben es auch dahin zu bringen gewußt, daß sie für keinen andern Augen im Kopfe haben als für uns.

Ihr könnt Euch daher vorstellen, daß wir fröhlicher als andere Menschen leben und sein können, die wir die Liebe zweier solcher Königinnen besitzen, ganz abgesehen davon, daß, wenn wir tausend oder zweitausend Florinen von ihnen haben wollen, wir sie sofort bekommen.

Dies nennen wir nun gewöhnlich: auf Kaperei ausgehen, denn wie die Korsaren einem jeden sein Hab und Gut nehmen, machen wir es zwar ebenso, unterscheiden uns von ihnen jedoch darin, daß, während sie es niemals wiedergeben, wir es zurückerstatten, nachdem wir Gebrauch davon gemacht haben. Nun, mein wackerer Meister, habt Ihr gehört, was wir »auf Kaperei ausgehen« nennen; und Ihr könnt leicht einsehen, wie sehr dies geheimgehalten sein will ? und deshalb sage ich Euch nichts weiter darüber und bitte Euch nicht noch einmal darum.«

Der Meister, dessen Wissen vielleicht nicht weiter reichte, als die Kinder vom Grind zu kurieren, schenkte den Worten Brunos solchen Glauben, wie nur die größte Wahrheit ihn verdient hätte, und es erwachte in ihm eine so glühende Sehnsucht, in diese Gesellschaft aufgenommen zu werden, wie sie sich nur nach dem Allerbegehrenswertesten entzünden könnte. Und so gab er Bruno zur Antwort, da wäre es freilich kein Wunder, wenn sie guter Dinge wären. Und nur mit großer Mühe konnte er sich zurückhalten, ihn jetzt schon zu bitten, es doch einzurichten, daß er daran teilnehme, und beschloß zu warten, bis er, nachdem er ihm noch mehr Ehre erwiesen haben würde, seine Bitte mit größerer Zuversicht vorbringen könnte. Indem er nun seinen Wunsch so zurückdrängte, setzte er den Umgang mit Bruno fort, hatte ihn oft zu Mittag und Abend bei sich zum Essen und bewies ihm die denkbar größte Liebe. Und dieser ihr Umgang war so intim und so fortgesetzt, daß es schien, als könne der Meister ohne Bruno gar nicht mehr leben. Da Bruno sich dabei recht wohl fühlte, hatte er ihm, um angesichts der ihm von dem Arzte erwiesenen Ehre nicht undankbar zu erscheinen, in einem Saale die Fasten, über dem Eingang des Zimmers ein Agnus Dei und über der Haustür ein Uringlas gemalt, damit die seines Rates Bedürftigen ihn vor den anderen herauszukennen vermöchten. In einer kleinen Loggia aber hatte er ihm den Mäuse- und Katzenkrieg gemalt, ein Bild, das dem Arzte ganz vortrefflich schien.

Einmal, als er nicht bei ihm zu Abend gegessen hatte, sagte er zu Meister Simon: »Diese Nacht war ich in der Gesellschaft und da ich der Königin von England ein wenig überdrüssig war, ließ ich mir die Gumedra des Groß-Khans von Tarisi kommen.« »Was ist das, Gumedra?« fragte da der Meister, »ich verstehe diesen Namen nicht.«

»Oh, lieber Meister«, antwortete Bruno darauf, »das wundert mich nicht: denn Popokrates und Affenzehn sagen kein Wort davon.« »Du willst sagen Hippokrates und Avicenna«, berichtigte der Arzt. »Wahrhaftig, ich weiß nicht«, antwortete Bruno, »ich verstehe mich ebenso schlecht auf Eure Namen, wie Ihr Euch auf meine. Aber Gumedra will in der Sprache des Groß-Khans soviel sagen, wie Kaiserin in unserer. Oh, sie würde Euch als das schönste Weibsmensch erscheinen, das es gibt! Ich kann Euch versichern, sie würde Euch alle Eure Pulver und Klystiere und Pflaster aus dem Kopfe bringen.« Und nachdem er ihm nochmals ähnliche Dinge erzählt hatte, um seine Begierde noch zu steigern, entschloß sich unser Herr Meister, als er wieder einen Abend mit ihm verbrachte, während Bruno an der Katzen- und Mäuseschlacht malte, und er ihm das Licht dazu hielt, weil er ihn durch seine Ehrungen hinlänglich gewonnen zu haben glaubte, sein Herz zu öffnen, und sagte, als sie allein waren, zu ihm: »Bruno, Gott weiß es, es lebt kein Mensch auf der Welt, für den ich alles so gern täte wie für dich, und wenn du mir sagtest, ich solle von hier bis Peretola gehen ? ich glaube fest, ich ginge hin, und darum wundere dich nicht, wenn ich dich ganz freundschaftlich und mit Zuversicht um etwas bitte. Wie du weißt, ist es noch nicht lange her, daß du mir einmal Einzelheiten über Eure lustige Gesellschaft erzähltest und da ist mir ein so lebhafter Wunsch gekommen, mit von der Partie zu sein, daß ich noch nie ein so sehnliches Verlangen gespürt habe. Und das hat seinen guten Grund, wie du sehen wirst, wenn ich einmal an der Gesellschaft teilnehme; denn du sollst mich von jetzt ab einen Narren heißen, wenn ich Euch nicht das schönste Mädchen, das du seit geraumer Zeit gesehen hast, kommen lasse. Ich habe es erst vergangenes Jahr in Cacavincigli gesehen und ihm mein Herz zugewandt. Und beim Leibe Christi, ich wollte ihr 10 Bologneser Dickgroschen geben, wenn sie mir zu Willen wäre, aber sie wollte nicht. Und darum bitte ich dich, so sehr ich kann, lehre mich, was ich zu tun habe, um dabei sein zu können, und mach und bewerkstellige auch du es, daß ich es erreiche, denn Ihr werdet an mir gewißlich einen guten und treuen Kumpanen haben, der Euch Ehre macht. Du siehst vor allen Dingen, was für ein schmucker Mann ich bin und auf was für schönen Beinen meine Gestalt steht: Ich habe ein Gesicht wie eine Rose, und überdies bin ich ein Doktor der Medizin, wie ich nicht glaube, daß Ihr einen habt, und weiß viele hübsche Geschichten und nette Liedchen, von denen ich dir eines vorsingen will.« ? Und alsbald begann er zu singen. Bruno hatte so große Lust, zu lachen, daß er sich kaum bezwingen konnte; dennoch aber hielt er an sich.

Nachdem das Lied dann zu Ende war und der Meister fragte: »Was hältst du davon?« sagte Bruno: »Gegen Euch würden die Zithern aus Moorhirschalmen sicherlich nicht aufkommen können, so erstaunlich und über die Maßen lieblich habt Ihr gesungen.« Worauf der Meister: »Ich sage es ja, du hättest es nimmermehr geglaubt, wenn du mich nicht gehört hättest.«

»Ja wahrlich, Ihr habt recht!« entgegnete Bruno.

»Ich weiß auch wohl noch andere«, fuhr der Meister fort, »aber sehen wir jetzt davon ab. So wie du mich hier siehst, war mein Vater ein Edelmann, obgleich er auf dem Lande wohnte, und mütterlicherseits stamme ich von denen von Valecchio. Und wie du wohl bemerkt hast, besitze ich die schönsten Bücher und die schönsten Kleider von allen Ärzten in Florenz. Bei Gott, ich habe Sachen, die alles in allem schon vor mehr als 10 Jahren an hundert Lire in venezianischen Hellern gekostet haben. Und darum bitte ich dich, so sehr ich kann, mach, daß ich in die Gesellschaft hineinkomme, und bei Gott! wenn du es dahin bringst, so magst du krank sein, soviel du willst ? ich werde für meine Kunst keinen Heller dafür nehmen.«

Als Bruno dies hörte, sah er sich in seiner Ansicht von der abgrundigen Dummheit des Arztes wieder einmal bestärkt und sagte zu ihm: »Meister, haltet das Licht etwas mehr nach dieser Seite und laßt es Euch nicht verdrießen, bis ich diesen Mäusen die Schwänze gemalt habe, und dann will ich Euch antworten.«

Als dann die Schwänze fertig waren, tat Bruno, als verursache ihm die Bitte große Verlegenheit und sagte schließlich: »Lieber Meister, viel ists was Ihr für mich tun würdet ? ich zweifle nicht daran, dessen ungeachtet aber ist das, was Ihr von mir fordert, wenngleich es für die Größe Eures Verstandes eine Kleinigkeit ist, für mich etwas sehr Großes. Ich weiß keinen Menschen auf der Welt, für den ich es lieber täte als für Euch, wenn ich es vermöchte, teils weil ich Euch in solchem Maße liebe, wie es Euch zukommt, teils um Eurer Worte willen, in denen ein so tiefer Sinn verborgen liegt, daß sie Erzbetschwestern aus den Stiefeln herausziehen, um wieviel mehr mich von meinem Vorsatze abbringen könnten; und je mehr ich mit Euch verkehre, desto weiser kommt Ihr mir vor. Und ferner erkläre ich Euch: wenn auch nichts andres mich veranlaßte, Euch gut zu sein, so will ich Euch darum schon wohl, weil ich sehe, daß Ihr in eine so herrliche Kreatur verliebt seid, wie Ihr sagt. Soviel aber will ich Euch sagen: ich vermag in dieser Sache nicht so viel, wie Ihr meint, und daher kann ich für Euch auch nicht das tun, was geschehen müßte. Aber wenn Ihr mir auf Euer weites und rissiges Gewissen versprecht, es geheimzuhalten, so will ich Euch die Art und Weise angeben, die Ihr beobachten müßt, und dann halte ich es für ganz gewiß, daß es Euch, da Ihr so schöne Bücher habt und auch noch andere Sachen, wie Ihr mir vorhin sagtet, gelingen werde.«

Hierauf ermunterte ihn der Meister, indem er rief: »Sag es nur unbesorgt! Ich sehe schon, du kennst mich doch noch nicht so recht und weißt noch nicht, wie sehr ich dicht halten kann. Nur wenig tat Messer Guasparruolo von Saliceto, als er Richter der Stadthauptmannschaft Forlimpopoli war, was er mir nicht sogleich anvertraut hätte; denn er fand, daß ich ein trefflicher Vertrauter sei. Und willst du sehen, ob ich die Wahrheit spreche? ? Ich war der erste Mensch, dem er sagte, daß er im Begriff sei, die Bergamina zu heiraten. Siehst du jetzt?«

»Oh, dann allerdings!« rief Bruno aus ? »wenn er Euch darin vertraut hat, kann ich es wohl auch unbesorgt tun. Folgenden Weg also müßt Ihr einschlagen: Wir haben in unserer Gesellschaft immer einen Kapitän und zwei Räte, welche alle sechs Monate wechseln, und ohne Zweifel werden mit dem Ersten Buffalmacco Kapitän und ich Rat werden; denn so ist es beschlossen. Und wer Kapitän ist, hat einen großen Einfluß darauf, daß der, den er wünscht, aufgenommen wird. Und daher meine ich, daß Ihr Euch alle Mühe geben sollt, Freundschaft mit Buffalmacco zu schließen und ihn zu ehren. Er ist ein Mensch, der, wenn er sieht wie weise Ihr seid, Euch sogleich lieb gewinnen wird, und wenn Ihr mit ihm, vermöge Eures Verstandes und durch die schönen Sachen, die Ihr besitzt, werdet vertrauter geworden sein, dann könnt Ihr ihn ja bitten, und er wird es Euch gewiß nicht abschlagen. Ich habe mit ihm bereits über Euch gesprochen, und er will Euch sehr wohl. Und wenn Ihr soweit seid, so laßt mich mit ihm das Weitere bewerkstelligen.« »Dein Vorschlag gefällt mir sehr«, entgegnete darauf der Meister, »und ist er ein Mann, der kluge Leute liebt und redet mit mir dann nur ein paar Worte, so will ich es schon dahin bringen, daß er mich immer besuchen kommt; denn ich besitze so viel Verstand, daß ich einer ganzen Stadt damit aushelfen könnte und doch immer sehr klug bleiben würde.«

Nachdem dies vereinbart war, erzählte Bruno die ganze Geschichte haarklein dem Buffalmacco, und dieser konnte es kaum erwarten, zu tun, was Meister Dummbart begehrte. Der Arzt, der über alle Maßen begierig war, auf Kaperei auszugehen, ließ nicht eher locker, als bis Buffalmacco sein Freund geworden war, und das gelang ihm leicht. Er begann damit, ihm die schönsten Abendessen und die leckersten Mittagsmahlzeiten von der Welt zu geben und gleichzeitig auch Bruno. Und sie machten es ihm gegenüber, wie jene Herren, die, wenn sie treffliche Weiber, fette Kapaunen und andere schöne Sachen wittern, sich in möglichster Nähe halten und, ohne sich lange drängen zu lassen dableiben.

Als der Meister den Zeitpunkt für günstig hielt, richtete er, wie Bruno es ihm geraten hatte, seine Bitte an Buffalmacco. Dieser tat darüber höchst aufgebracht und machte Bruno einen großen Schweinehund, indem er rief: »Ich schwöre es beim Herrgott von Pasignano, daß ich kaum an mich halten kann, dir nicht so über den Schädel zu hauen, daß dir die Nase auf die Hacken fällt, du Verräter! Wer anders als du hat dies dem Meister verraten?« Doch der Meister entschuldigte ihn nach Kräften, sagte und schwor, er habe es anders woher erfahren. Und nach einem großen Aufwand seiner weisen Worte, gelang es ihm endlich, ihn zu beruhigen. Und wieder zum Arzt gewandt, sagte Buffalmacco: »Lieber Meister, da merkt mans, daß Ihr in Bologna gewesen seid und die Verschwiegenheit bis in unsere Stadt mitgebracht habt, ja noch mehr: Ihr habt das ABC gewiß nicht in der Klippschule gelernt, wie das bei vielen Unverständigen der Fall ist, Ihr habt es vielmehr auf der Unversteht gelernt, weil es so lang ist, und sicherlich seid Ihr auch auf einen Sonntag getauft? Und obwohl mir Bruno gesagt hat, Ihr hättet in Bologna Medizin studiert, so will michs doch bedünken, als hättet Ihr darauf studiert, die Menschen zu fangen, was Ihr besser als irgendein andrer, mit Eurem Verstände und Eurem Reden versteht.«

Der über die Schmeichelei entzückte Arzt, ließ ihn nicht ausreden und sagte zu Bruno gewandt: »Wie herrlich ist es doch mit weisen Männern zu reden und umzugehen! Wer hätte wohl so bald jede Besonderheit meines Verstandes aufgefaßt, wie dieser wackere Mann da? Du hast durchaus nicht so schnell gemerkt, was ich wert war, wie er. Aber sag doch wenigstens, was ich dir gegenüber äußerte, als du mir mitteiltest, daß Buffalmacco an klugen Männern seine Freude habe. Meinst du nicht, daß es mir gelungen ist? »Ganz vortrefflich«, versicherte Bruno. Hierauf wandte sich der Meister zu Buffalmacco und erklärte: »Noch ganz anders würdest du gesprochen haben, wenn du mich in Bologna gesehen hättest, woselbst es keinen Hohen und keinen Niedrigen gab, keinen Doktor und keinen Studenten, der mir nicht wohl gewollt hätte, so sehr wußte ich alle durch meine Unterhaltung und durch meinen Verstand zu fesseln. Ja, ich will dir noch mehr sagen: ich sprach daselbst auch nicht ein Wort, worüber ich nicht jeden Menschen lachen gemacht hätte, so sehr gefiel es ihnen; und als ich wegging; schwammen alle in Tränen und wünschten, daß ich doch nur dableiben möchte, ja sie gingen sogar soweit, daß sie mich, damit ich nur dort bliebe, allein vor allen Studenten, die dort waren, über Medizin lesen lassen wollten. Aber ich wollte nicht; denn ich war fest entschlossen, hierherzukommen, um die sehr großen Erbgüter zu übernehmen, die sich immer im Besitze meiner Familie befunden haben, und also tat ich.«

Da sprach Bruno zu Buffalmacco: »Was sagst du nun? Du glaubtest es mir nicht, als ich es dir sagte. Bei den Evangelien, es gibt in dieser Stadt keinen Arzt, der sich besser auf Eselsurin verstände als dieser, und sicherlich würdest du von hier bis zu den Toren von Paris nicht seinesgleichen finden. Versuchs doch einmal, das nicht zu tun, was er wünscht!«

»Bruno spricht die Wahrheit«, erklärte der Arzt, »aber ich werde hier nicht verstanden. Ihr seid ziemlich ungebildete Leute, aber ich wünschte, Ihr sähet mich einmal unter Doktoren, wo ich in meinem Element bin.« »Wahrhaftig, Meister!« rief da Buffalmacco, »Ihr wißt noch weit mehr, als ich je gedacht hätte. Daher sage ich Euch, so konfus wie man zu weisen Männern sprechen muß, daß ich es ohne Zweifel dahin bringen werde, daß Ihr in unserer Gesellschaft Aufnahme findet!«

Die Ehren, welche der Arzt den beiden erwies, wurden nach diesen Versprechungen immer vielfältiger, und indem sie sie genossen, banden sie ihm die größten Bären von der Welt auf und versprachen, ihm die Gräfin Klosetska zu geben, welches das schönste Geschöpf wäre, das man unter den menschlichen Hemigloben finden könne.

Da fragte der Arzt, wer diese Gräfin sei. »Liebe Familienkerze«, antwortete ihm Buffalmacco, »das ist eine gar große Dame, gibt es doch wenig Häuser in der Welt, wo sie nicht ihre Rechte hätte, selbst die Minoritenbrüder zahlen ihr mit Paukenschall ihren Tribut. Und ich kann Euch wohl versichern, daß, wenn sie herumzieht, sie sich durch ihren Geruch zu erkennen gibt, obwohl sie sich meist verborgen hält. Doch ist es noch nicht lange her, daß sie eines Nachts hier vor der Tür vorbeikam, um sich im Arno die Füße zu waschen und ein wenig frische Luft zu schöpfen: Aber ihren dauerndsten Aufenthalt hat sie im Laterin. Indessen gehen ihre Sergeanten oftmal herum, und alle tragen zum Beweise ihrer Herrschaft Besen und Eimer. Von ihren Baronen sieht man überall eine Menge, als da sind der Nachtwächter am Tore, Ritter Wurst, Herr Besenstiel, der Dünnmeier und andere, die, wie ich glaube, mit Euch befreundet sind, wenn Ihr Euch augenblicklich ihrer auch nicht erinnert. Dieser so großen Dame also werden wir Euch, wenn Ihr die von Cavavincigli werdet haben fahren lassen, in die süßen Arme werfen, sofern sich unser Gedanke verwirklichen läßt.«

Der Arzt, der in Bologna geboren und aufgewachsen war, verstand ihre Bezeichnungen nicht und erklärte sich daher mit der Dame zufrieden. Nicht lange nach diesem Gespräch teilten ihm die Maler mit, daß er aufgenommen werden solle. Und als der Tag kam, da sie sich in der folgenden Nacht versammeln sollten, hatte der Meister sie alle beide zum Mittagessen bei sich, und nachdem sie gegessen hatten, fragte er sie, wie er sich denn zu verhalten habe, um in die Gesellschaft hineinzukommen. Da sagte Buffalmacco: »Seht, lieber Meister, Ihr müßt nur recht beherzt sein: denn würdet Ihr es nicht sein, so könnte sich Euch ein Hindernis in den Weg stellen und könntet Ihr uns den größten Schaden zufügen, und wobei Ihr den größten Mut zeigen müßt, das sollt Ihr nun hören: Ihr müßt ein Mittel finden, daß Ihr Euch diese Nacht, wenn alles im ersten Schlafe liegt, auf einem der Grabhügel einfindet, welche unlängst bei Santa Maria Novella aufgeworfen worden sind, und zwar in einem Eurer besten Gewänder, damit Ihr das erstemal stattlich vor der Gesellschaft erscheint, und auch, weil (nach dem was uns gesagt wurde: denn wir waren nicht dabei) die Gräfin die Absicht hat, da Ihr doch ein Edelmann seid, Euch auf ihre Kosten zum Ritter vom Bade zu schlagen. Dort wartet Ihr dann bis derjenige zu Euch kommt, den wir Euch senden werden. Es wird ? damit Ihr von allem unterrichtet seid ? ein schwarzes gehörntes, nicht sehr großes Tier erscheinen, auf dem Platze vor Euch gewaltig umherschnaufen und ? springen, um Euch zu erschrecken, aber dann, wenn es sehen wird, daß Ihr Euch nicht fürchtet, wird es sich Euch ganz still nähern. Und wenn es sich Euch genähert hat, dann steigt ohne die mindeste Furcht von dem Grabe herunter und setzt Euch, ohne Gott und die Heiligen anzurufen, auf das Tier, und wenn Ihr Euch zurecht gesetzt habt, so kreuzt die Arme über der Brust, als wolltet Ihr eine ehrerbietige Verbeugung machen, ohne das Tier weiter noch zu berühren. Es wird sich alsdann ganz sanft in Bewegung setzen und Euch zu uns bringen. Solltet Ihr aber unterwegs Gott oder die Heiligen anrufen, so könnte es Euch ? ich sage es Euch ausdrücklich ? wohl an einen anderen Ort werfen oder stoßen, der Euch übel röche. Wenn Ihr Euch daher nicht zutraut, recht beherzt zu sein, so geht nicht hin, denn Ihr werdet Euch schaden, ohne uns irgendwie zu nützen.«

»Ihr kennt mich noch nicht«, erwiderte da der Arzt. »Ihr seht mich wohl zweifelnd an, weil ich Handschuhe und lange Gewänder anhabe. Wenn Ihr aber wüßtet, was ich seinerzeit bei Nacht in Bologna vollführt habe, wenn ich, wie so manchesmal, mit meinen Kumpanen zu den Frauenzimmern ging, so würdet Ihr staunen. Bei Gott, es war mal in einer Nacht, daß eine nicht mit uns gehen wollte (es war ein Hürlein, kaum eine Spanne hoch), da verabreichte ich ihr erst eine Menge Faustschläge, dann hob ich sie hoch und trug sie, glaube ich, einen Bolzenschuß weit, bis ich es dahin brachte, daß sie doch mit uns ging.

Ein andermal, erinnerte ich mich, ging ich, ohne daß noch jemand bei mir gewesen wäre außer meinem Diener, dort kurz nach dem Ave Maria an dem Minoritenfriedhof vorbei, wo am gleichen Tage eine Frau begraben worden war, und hatte trotzdem nicht die mindeste Furcht. Macht Euch darüber also keine Sorgen: denn ich bin sehr beherzt und tapfer. Und sag ich Euch: um dort recht stattlich zu erscheinen, werde ich mein Scharlachgewand anziehen, in dem ich den Doktorhut erhielt, und dann will ich doch sehen, ob die Gesellschaft sich nicht freut, wenn sie meiner ansichtig wird, und ob sie mich nicht über Hals und Kopf zum Kapitän macht. Ihr werdet sehen, wie sich die Sache noch weiter entwickeln wird, wenn ich erst mal dort gewesen bin, da die Gräfin, noch ehe sie mich überhaupt gesehen hat, so in mich verliebt ist, daß sie mich zum Ritter vom Bade machen will. Ob mir dann diese Ritterschaft schlecht anstehen wird und ob ich sie schlecht werde behaupten können oder gut, das laßt nur meine Sorge sein.«

»Vortrefflich gesprochen«, erwiderte Buffalmacco, »aber seht Euch vor, daß Ihr uns keinen Possen spielt und etwa nicht hinkommt oder nicht zu finden seid, wenn wir nach Euch schicken ? ich sage Euch das, weil es kalt ist, und Ihr Herren Ärzte Euch sehr vor der Kälte scheut.« »Gott bewahre«, rief der Arzt, »ich gehöre nicht zu diesen Verfrorenen; die Kälte kümmert mich nicht. Kommt es doch selten vor, wenn ich mich des Nachts erhebe, um ein Bedürfnis zu befriedigen, wie das beim Menschen zuweilen der Fall, daß ich mehr als meinen Pelz über das Wams ziehe ? ich werde daher ganz bestimmt dort sein.«

Nachdem die beiden nun fortgegangen waren und es Nacht geworden, schützte unser Meister seiner Frau gegenüber allerlei Gründe vor, weshalb er ausgehen müsse, nahm heimlich, als er glaubte, daß es an der Zeit sei, sein schönes Gewand hervor und zog es an, worauf er sich auf eines der genannten Gräber begab und auf einer der Marmorplatten zusammengekauert ? die Kälte war nämlich groß ? das Tier zu erwarten begann.

Buffalmacco, der groß und von kräftigem Körperbau war, suchte sich eine jener Masken zu verschaffen, die man zu gewissen Spielen zu gebrauchen pflegte, welche heutzutage nicht mehr üblich sind, und zog einen schwarzen Pelz verkehrt an, so daß er wie ein Bär aussah, nur daß seine Gesichtsmaske ein Teufelantlitz zeigte und gehörnt war. In diesem Aufzug begab er sich dem neuen Platze von Santa Maria Novella, während Bruno in einiger Entfernung folgte, um zu sehen, wie die Sache ablaufen würde. Und nachdem er wahrgenommen hatte, daß der Herr Doktor da war, fing er an, gewaltige Sprünge zu machen, auf dem Platze herumzutoben, zu schnauben, zu heulen und zu kreischen, als wenn er vom Satan besessen wäre.

Als der Meister ihn sah und hörte, richteten sich ihm alle Haare zu Berge, und er fing an am ganzen Leibe zu zittern, sintemal er furchtsamer war als ein Weib: in diesem Augenblick wäre er lieber zu Hause gewesen als hier. Allein nicht nur, weil er nun einmal hergekommen war, bezwang er seine Angst, sondern auch infolge seines Verlangens, die Wunder zu sehen, von denen ihm die beiden erzählt.

Nachdem jedoch Buffalmacco, wie gesagt, eine Zeitlang herumgetobt hatte, tat er, als würde er etwas ruhiger, näherte sich dem Grabe, auf dem der Meister saß, und stand dann still. Der Arzt, der vor Furcht am ganzen Leibe zitterte, wußte nicht, was er tun sollte, ob aufsteigen oder abwarten. Schließlich aber, da er besorgte, das Tier möchte ihm etwas Böses zufügen, wenn er nicht aufstiege, verscheuchte er mit der zweiten Furcht die erste, stieg vom Grabe herunter und setzte sich, indem er murmelte: »Gott steh mir bei!« hinauf und zurecht und kreuzte, immer noch heftig zitternd, die Arme über der Brust, wie es ihm geheißen worden war. Buffalmacco nahm nun ganz ruhig seinen Weg nach Santa Maria della Scala zu und trug ihn auf allen vieren bis in die Nähe des Klosters der Frauen von Ripoli. Es befanden sich aber damals in jener Gegend Gruben, in welche die Landleute, welche die Felder dort bebauten, die Leibrenten der Gräfin Klosetska ausleeren ließen, um ihre Äcker damit zu düngen. Als Buffalmacco in ihre Nähe gekommen war, hielt er sich möglichst am Rande einer derselben, um, nachdem er den richtigen Augenblick abgepaßt, einen der Füße des Arztes zu packen und den Unglücklichen mit einem Wuppdich hinunterzuwerfen, so daß er recht eigentlich kopfüber hineinflog.

Drauf fing er wieder an laut zu knurren, herumzuspringen und zu toben: endlich aber ging er davon und an Santa Maria della Scala vorbei nach der Wiese von Ognissanti, wo er Bruno fand, der, da er das Lachen nicht mehr zurückhalten konnte, davongelaufen war. Und beide paßten mit dem größten Vergnügen von der Welt auf, was der im Teig sitzende Arzt machen würde. Sobald der Herr Medikus merkte, daß er sich an einem so abscheulichen Orte befand, bemühte er sich wieder in die Höhe zu kommen und suchte sich auf alle Art zu helfen, um herauszugelangen. Und nachdem er mehrmals wieder zurückgeplumpst war, glückte es ihm endlich, von Kopf bis zu Fuß mit Kot überzogen, traurig und unglücklich, herauszukommen, doch nicht ohne einige Quentlein hinuntergeschluckt zu haben. Seine Kappe ließ er zurück. Er strich sich nun den Teig, so gut er konnte, mit den Händen ab und kehrte, da er keinen andern Rat wußte, nach Hause zurück, wo er so lange klopfte, bis ihm geöffnet wurde.

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Kaum aber war er also stinkend eingetreten und hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, da erschienen auch schon Bruno und Buffalmacco, um zu horchen, wie der Meister von seiner Frau würde empfangen werden. Und als sie nun so lauschten, vernahmen sie, wie die Frau ihm die größten Schimpfworte an den Kopf warf, welche nur je einem Taugenichts zuteil wurden. »Ja, das geschieht dir recht!« schrie sie, »zu einer andern bist du gelaufen und wolltest recht fein im Scharlachgewand vor ihr erscheinen. War ich dir etwa nicht genug? Ich könnte eine ganze Stadt befriedigen, Freundchen, wieviel mehr dich! Oh, hätten sie dich doch ganz und gar erstickt, statt dich nur da hineinzuwerfen, wohin du gehörtest! Sieh mal einer den ehrenwerten Arzt, hat eine Frau und schleicht nächtlicherweise zu den Frauen anderer!« Mit solchen und vielen anderen Reden quälte die Frau den Arzt, der sich inzwischen abwaschen ließ, bis Mitternacht.

Am folgenden Morgen erschienen Bruno und Buffalmacco, welche sich den ganzen Körper, soweit ihn die Kleider bedeckten, so bemalt hatten, als sei er braun und blau geschlagen, im Hause des Arztes und fanden ihn bereits aufgestanden. Als sie aber bei ihm eintraten, drang ihnen ein mächtiger Gestank entgegen: Denn noch hatte nicht alles so gereinigt werden können, daß es dort nicht mehr gestunken hätte. Als der Arzt von ihrem Kommen hörte, ging er ihnen entgegen und sagte: »Gott schenke Euch einen guten Tag!« Bruno und Buffalmacco antworteten hierauf, wie sie sichs vorgenommen hatten, mit zornigem Gesicht: »Den wünschen wir Euch nicht, vielmehr bitten wir Gott, daß er Euch soviel Unglück über den Hals schicke, daß Ihr auf die elendeste Art daran zugrunde geht: Ihr seid ja der treuloseste und größte Verräter, den es gibt. Denn an Euch hat es nicht gelegen, daß man uns, die wir uns Mühe gegeben haben, Euch Ehre und Vergnügen zu verschaffen, nicht wie die Hunde totgeschlagen hat. Um Eurer Treulosigkeit willen haben wir diese Nacht soviel Prügel bekommen, daß ein Esel mit viel weniger nach Rom ginge, ganz davon zu schweigen, daß wir in Gefahr geschwebt haben, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden, in welcher wir alles für Eure Aufnahme vorbereitet hatten. Und wenn Ihr uns nicht glaubt, so seht Euch einmal unsere Körper an, wie sie aussehen!«

Damit öffneten sie ? es herrsche ein gewisses Zwielicht ? vorne ihre Kleider und zeigten ihm ihre über und über bemalte Brust, worauf sie sie alsbald wieder zumachten. Der Arzt wollte sich entschuldigen und sein Mißgeschick erzählen, wie und wohin er abgeworfen worden, aber Bruno rief: »Ich wollte, es hätte Euch von der Brücke in den Arno geworfen. Warum dachtet Ihr auch an Gott oder die Heiligen? Seid Ihr vorher nicht gewarnt worden?« »Bei Gott«, sagte der Arzt, »ich dachte nicht daran.« »Was?« rief Buffalmacco, »Ihr dachtet nicht daran? Ihr habt nur zuviel daran gedacht, sagte uns doch unser Bote, Ihr hättet gezittert wie eine Rute und nicht gewußt, wo Ihr wäret. Ja, Ihr habt uns einen schönen Streich gespielt, aber den soll uns kein Mensch wieder spielen, und Euch wollen wir dafür ehren, wie es Euch gebührt.«

Nun fing der Arzt an, demütig um Verzeihung zu bitten und sie bei Gott zu beschwören, ihn doch nicht in Schande zu bringen, und gab ihnen die besten Worte von der Welt, um sie zu beruhigen. Und wenn er sie bisher geehrt und verhätschelt hatte, so ehrte und verhätschelte er sie aus Furcht, sie möchten seine Schande ausplaudern, künftighin mit Gastmählern und anderen Dingen noch viel mehr. Auf solche Art also bringt man, wie Ihr gehört habt, den Leuten Verstand bei, wenn sie in Bologna keinen erworben haben.

 

5.

Meister Simon bildet dem Calandrino auf Bitten von Bruno, Buffalmacco und Nello ein, er sei schwanger; dieser gibt den Genannten Kapaunen und Geld für Medizin und wird gesund, ohne niederzukommen

Es traf sich, daß eine Tante von Calandrino starb und ihm zweihundert Lire an Scheidemünze hinterließ. Da begann Calandrino zu erzählen, er wolle sich ein Gut kaufen und unterhandelte mit allen Maklern von Florenz, als wenn er zehntausend Goldflorinen auszugeben hätte; allein der Handel zerschlug sich immer wieder. Bruno und Buffalmacco, die darum wußten, hatten ihm schon mehrmals gesagt, er täte besser, das Geld mit ihnen zu verjubeln, statt Grund und Boden zu kaufen, als wolle er Lehmkugeln backen. Doch sie hatten ihn nicht mal dazu bringen können, daß er ihnen nur eine einzige Mahlzeit spendierte. Als sie sich nun eines Tages in Gegenwart eines Kameraden, eines Malers namens Nello, der zu ihnen gestoßen war, darüber beklagten, beschlossen sie alle drei, ein Mittel ausfindig zu machen, wie sie zu einem Schmaus auf Calandrinos Kosten gelangen könnten. Nach dem sie untereinander verabredet hatten, was sie tun wollten, zögerten sie nicht lange und lauerten am andern Morgen Calandrino um die Zeit, da er sein Haus zu verlassen pflegte, auf. Und er war kaum einige Schritte gegangen, da kam ihm Nello entgegen und rief: »Guten Tag, Calandrino!« »Gott gebe dir einen guten Tag und ein gutes Jahr dazu!« antwortete ihm Calandrino. Hierauf stand Nello einen Augenblick still und blickte ihm forschend ins Gesicht. »Was schaust du?« fragte Calandrino. »Hast du heute nacht nichts gespürt?« fragte Nello dagegen, »du kommst mir ganz verändert vor.« Sogleich ward Calandrino unruhig und rief: »O weh! wieso? Was glaubst du denn, daß ich habe?« »Hm, ich weiß auch nicht, aber du kommst mir gänzlich verändert vor; indessen ich kann mich täuschen« ? womit er ihn gehen ließ. Und Calandrino setzte sehr beunruhigt, obwohl er nicht das geringste verspürte, seinen Weg fort.

Buffalmacco, der nicht weit entfernt stand, ging als er sah, daß er sich von Nello getrennt hatte, auf ihn zu, grüßte ihn und fragte ihn dann, ob er denn nichts merke. »Daß ich nicht wüßte«, antwortete Calandrino, »indessen hat mir Nello soeben gesagt, ich schiene ihm nicht mehr derselbe. Sollte ich wirklich etwas haben?« »Ja, freilich hast du etwas und keine Kleinigkeit, du siehst ja aus, als ob du dem Tode nahe seist«, erwiderte Buffalmacco. Da glaubte Calandrino wirklich schon, er hätte das Fieber. Und siehe, da kam Bruno hinzu und rief, bevor er noch irgend etwas anderes sagte: »Calandrino, wie siehst du aus, du gleichst ja einer Leiche! Was fehlt dir?«

Da Calandrino jeden von den dreien dasselbe sagen hörte, war er selbst davon fest überzeugt, er sei krank und fragte die beiden ganz bestürzt: »Was soll ich tun?« Worauf Bruno: »Ich meine, du kehrtest nach Hause zurück, gingst zu Bett, ließest dich gut zudecken und schicktest deinen Urin zu Meister Simon, der ja mit uns befreundet ist, wie du weißt. Er wird dir sofort sagen, was du zu tun hast ? wir wollen mit dir kommen, und wenn irgend etwas nötig ist, so werden wir es tun.« Und nachdem nun noch Nello zu ihnen gestoßen war, kehrten sie mit Calandrino in sein Haus zurück. Sobald er ganz abgemattet in das Zimmer getreten war, sagte er zu seiner Frau: »Komm und deck mich recht gut zu: denn ich fühle mich sehr schlecht.«

Nachdem er ins Bett gesteckt worden war, schickte er sein Uringlas durch eine junge Magd zu Meister Simon, der damals einen Laden am Mercato Vecchio mit einer Melone als Aushängeschild hatte. Bruno aber sagte zu seinem Kumpan: »Bleibt hier bei ihm ? ich will selbst zum Arzt gehen, um zu hören, was er sagt, und ihn, wenn nötig, selbst herbringen.« »Ach ja, geh hin, Freund«, sagte Calandrino, »und laß mich dann wissen, was er von meinem Zustand hält; denn ich weiß gar nicht, was das ist, was ich in mir fühle.« Bruno ging also zu Meister Simon und hatte ihn, bevor die Magd eingetroffen war, schon von der Sache unterrichtet. Als daher die Magd erschien, sagte der Meister nach Prüfung des Urins zu ihr: »Geh und richte Calandrino aus, er solle sich ordentlich warm halten, ich würde ungesäumt kommen und ihm sagen, was ihm fehlt und was er zu tun hat.«

Die Magd tat, was ihr geheißen, und es dauerte nicht lange, da erschien der Meister mit Bruno. Der Doktor setzte sich neben den Kranken, fühlte ihm den Puls und sagte nach einer Weile in Gegenwart der Frau: »Schau, Calandrino, ich rede als Freund zu dir, dir fehlt nichts anderes, als daß du schwanger bist.« Als Calandrino dies vernahm, fing er an zu jammern und rief: »Weh mir, Tessa, das hab ich dir zu verdanken, daß du immer nur oben liegen willst! Ich habe es dir wohl gesagt.« Die Frau, die ein sehr ehrbares Weib war, wurde, als sie ihren Mann so reden hörte, vor Scham über und über rot, schlug die Augen nieder und ging, ohne ein Wort zu antworten, zur Kammer hinaus. Calandrino aber fuhr fort zu wehklagen und rief: »Oh, ich Unglücklicher! Was soll ich nur machen? Wie soll ich das Kind zur Welt bringen? Wie solls denn raus kommen? Ich sehe schon, die Tollheit meines Weibes, die wird mich noch umbringen ? Gott betrübe sie in dem Maße, wie ich fröhlich sein will! ? Aber wäre ich so gesund, wie ich krank bin, ich würde aufstehen und sie windelweich prügeln, wiewohl es mir ganz recht geschieht; denn ich hätte sie nicht auf mich hinaufsteigen lassen dürfen. Aber soviel ist gewiß: komme ich davon, so mag sie eher vor Verlangen sterben, als daß ich sie wieder hinauflasse!«

Bruno, Buffalmacco und Nello hätten vor Lachen bersten mögen, als sie Calandrino also sprechen hörten; Meister Pavian aber lachte so unbändig, daß man ihm alle Zähne hätte ausziehen können. Endlich indessen empfahl sich Calandrino der Sorge des Arztes und bat ihn, er möge ihm in dieser Not raten und helfen. »Sei unbesorgt Calandrino«, antwortete Meister Simon; »denn Gottlob haben wir deinen Zustand so früh erkannt, daß ich dich mit geringer Mühe und in wenigen Tagen von deiner Last befreien werde, aber du mußt auch etwas daran wenden.«

Worauf Calandrino: »Ach Gott, lieber Meister! gewiß, hier habe ich 200 Lire, wofür ich ein Gut kaufen wollte, sind sie alle nötig, so nehmt sie alle, wenn ich nur kein Kind kriegen muß, ich weiß ja gar nicht, wie ich das anstellen soll; denn ich höre die Weiber, obgleich sie eine gute und große Öffnung für diesen Zweck haben, wenn sie in den Wehen liegen, schon so gewaltig schreien, ich hingegen würde bei solchen Schmerzen eher sterben, als daß ich niederkäme.« Da beruhigte ihn der Arzt: »Mach dir keine Sorgen! Ich werde dir ein wohl destilliertes Tränklein bereiten, das sehr gut ist und sehr angenehm schmeckt, das wird innerhalb dreier Tage alles auflösen, und du wirst davon gesünder werden als ein Fisch. Aber sieh zu, daß du künftig klüger bist, und verfalle nicht wieder auf solche Narrheiten. Nun braucht es zu diesem Trank drei Paar gute große Kapaunen und für die andern Ingredienzien, die erforderlich sind, gib einem von deinen Freunden fünf Lire Kleingeld, damit er sie kaufe. Laß mir alles in meinen Laden bringen, und dann werde ich dir mit Gottes Hilfe morgen von diesem destillierten Trank schicken, von dem du jedesmal einen tüchtigen Becher voll trinken mußt.« »Lieber Meister«, sagte darauf Calandrino, »ich baue auf Euch«, und nachdem er Bruno fünf Lire und Geld für drei Paar Kapaunen gegeben hatte, bat er ihn, er möchte ihm zu Liebe die Mühe auf sich nehmen, alles zu besorgen. Der Arzt ging fort, ließ ihm etwas Punsch bereiten und schickte ihn ihm. Bruno kaufte die Kapaunen und was zu einem leckeren Schmause sonst noch nötig war, und verzehrte sie zusammen mit dem Arzte und seinen Gefährten.

Calandrino aber trank drei Morgen von dem Punsch, worauf ihn der Arzt mit seinen Freunden besuchte, ihm den Puls fühlte und sagte: »Calandrino, nun bist du ganz gesund und kannst jetzt unbesorgt deinen Geschäften nachgehen; denn du brauchst nicht mehr zu Hause zu bleiben.«

Calandrino stand vergnügt auf, ging an seine Beschäftigung und lobte, wo immer er mit jemand ins Gespräch kam, die treffliche Kur, die Meister Simon mit ihm vorgenommen hatte, indem er ihn in drei Tagen ohne Schmerzen entschwängerte. Und Bruno, Buffalmacco und Nello freuten sich, daß sie Calandrinos Geiz auf so scharfsinnige Art einen Streich zu spielen gewußt hatten, obgleich Monna Tessa, die die Sache durchschaut hatte, mit ihrem Gatten darüber murrte.

 

6.

Ghino di Tacco nimmt den Abt von Cligny gefangen, heilt ihn von einem Magenübel und läßt ihn dann frei. Dieser kehrt an den Hof nach Rom zurück und söhnt jenen mit dem Papst Bonifacius wieder aus, der ihn zum Hospitaliter-Ritter macht

Ghino di Tacco, ein Mann, den seine Grausamkeit und Raubsucht berüchtigt genug gemacht haben, war aus Siena vertrieben worden und wiegelte nun als Feind des Grafen von Santa Fiore, Radicofani gegen die römische Kirche auf, setzte sich hier fest und ließ von seinem Raubgesindel jeden, der durch die umliegende Gegend reiste, aufgreifen und berauben.

Damals war Bonifaz VIII. Papst in Rom, und an dessen Hof begab sich der Abt von Cligny, den man für einen der reichsten Prälaten von der Welt hielt. Dort verdarb er sich den Magen so, daß ihm von den Ärzten geraten wurde, die Bäder von Siena zu besuchen, wo er ohne Fehl genesen würde. Dies erlaubte ihm der Papst, und ohne sich viel um den Ruf des Ghino zu bekümmern, machte er sich nun mit einem prunkvollen, reich mit Saumrossen, Pferden und Dienerschaft ausgestatteten Gefolge auf den Weg.

Ghino di Tacco hörte von seiner bevorstehenden Ankunft, spannte seine Netze aus und schloß, ohne ein einziges Troßbüblein entwischen zu lassen, den Abt mit seiner ganzen Begleitung und ihren Sachen an einer engen Stelle des Weges ein.

Dies getan, schickte er einen der Seinigen, und zwar den Verschmitztesten, mit ausreichender Begleitung zu dem Abte, dem er gar freundlich sagen ließ, daß es ihm gefallen möge, in seinem, Ghinos, Schlosse abzusteigen.

Als der Abt dies vernahm, antwortete er höchst zornig, daß er dies nicht wolle, weil er mit Ghino nichts zu schaffen habe, sondern daß er weiterreisen würde und den sehen wolle, der ihm dies verwehren würde.

Hierauf entgegnete ihm der Abgesandte mit demütigem Tone: »Herr, Ihr seid an einen Ort geraten, wo man, Gottes Allmacht ausgenommen, nichts auf der Welt mehr für uns fürchtet und wo die Exkommunikationen und Interdikte alle längst exkommuniziert sind, und darum gefalle es Euch, zu Eurem eigenen Besten hierin Ghinos Wunsch zu gewähren.«

Während dieses Gesprächs war bereits der ganze Ort von Raubgesindel umzingelt, weshalb sich denn der Abt mit den Seinigen gefangen sah und, obwohl heftig erzürnt, nun mit dem Abgesandten, seiner ganzen Gesellschaft und allem Reisegerät den Weg nach dem Schlosse einschlug. Hier abgestiegen, wurde er, wie Ghino befohlen hatte, ganz allein in ein kleines, ziemlich dunkles und unbequemes Gemach des Schlosses gebracht, während jeder andere nach seinem Range in dem Schlosse sehr behaglich untergebracht und die Rosse nebst dem Gerät in Sicherheit gebracht wurden, ohne daß irgend etwas angerührt worden wäre.

Hierauf begab sich Ghino, den der Abt nicht persönlich kannte, zu diesem und sagte: »Herr, Ghino, dessen Gast Ihr seid, läßt Euch bitten, daß es Euch gefalle, ihm zu sagen, woher Ihr kommt, wohin Ihr Euch begeben wollt und welches der Zweck Eurer Reise ist.«

Der Abt, der als ein verständiger Mann den Hochmut schon abgelegt hatte, eröffnete ihm, wohin er ginge und zu welchem Zwecke.

Als Ghino dies vernommen, schied er und beschloß bei sich, den Abt ohne Bad zu heilen, und während er in der Kammer beständig ein großes Feuer unterhalten und das Gemach wohl bewachen ließ, kehrte er bis zum folgenden Morgen nicht wieder zu ihm zurück. Dann aber brachte er ihm auf einem blendend weißen Tuche zwei Schnitten geröstetes Brot und einen großen Becher weißen Wein von Corniglia, welcher dem Abt selbst gehörte, und sagte zu diesem: »Herr, als Ghino jünger war, studierte er Medizin, und er behauptet, gelernt zu haben, daß gegen das Magenübel keine andere Arznei so gut sei als die, welche er Euch bereiten wird und zu der die Dinge, die ich Euch hier bringe, der Anfang sind, und darum nehmt und stärkt Euch.«

Der Abt, welcher mehr Hunger als Lust zum Wortgefecht hatte, tat dies, wiewohl mit Unwillen, aß das Brot und trank den Wein; dann sprach er vielerlei stolze Dinge, fragte nach vielen, gab mancherlei Ratschläge und verlangte insbesondere, den Ghino zu sehen.

Als Ghino diese Reden hörte, ließ er einige davon als nichtig auf sich beruhen, antwortete auf andere sehr höflich und versicherte, daß Ghino, sobald er nur könne, ihn besuchen werde; danach schied er von ihm. Und nicht eher als am folgenden Tage kehrte er mit ebensoviel geröstetem Brot und ebensoviel Wein zurück. So hielt er ihn nun mehrere Tage, bis er endlich bemerkte, daß der Abt trockene Bohnen, die er absichtlich und heimlich mitgebracht und zurückgelassen, verzehrt hatte, worauf er ihn denn in Ghinos Namen fragte, wie es ihn dünke, daß es mit seinem Magen gehe.

Hierauf entgegnete der Abt: »Ich würde mich völlig wohl befinden, wenn ich nur aus seinen Händen wäre; davon abgesehen aber habe ich keinen lebhafteren Wunsch, als nur zu essen, so gut haben seine Mittel mich hergestellt.«

Ghino, der unterdessen mit des Abtes eigenen Geräten und von dessen eigener Dienerschaft ein schönes Gemach hatte einrichten und ein großes Festmahl bereiten lassen, zu dem außer vielen Männern aus dem Schloß auch die ganze Dienerschaft des Abtes geladen war, ging den folgenden Tag zu ihm und sagte: »Herr, da Ihr Euch nun wieder wohlfühlt, so ist es auch Zeit, das Krankenzimmer zu verlassen.« Dann nahm er ihn bei der Hand, führte ihn in das bereitete Gemach und ließ ihn hier unter seinen Angehörigen, um inzwischen danach zu sehen, daß das Gastmahl recht glänzend würde.

Der Abt erfreute sich eine Weile mit den Seinigen und erzählte ihnen, wie seine bisherige Lebensweise beschaffen gewesen sei, wogegen sie ihm versicherten, daß sie von Ghino auf das herrlichste bewirtet worden seien. Als jedoch die Essensstunde gekommen war, wurden der Abt und die übrigen der Ordnung nach mit herrlichen Speisen und trefflichen Weinen bedient, immer noch, ohne daß sich Ghino dem Abte zu erkennen gab.

Nachdem dieser indessen noch mehrere Tage auf diese Art hier verweilt hatte, trat Ghino, der zuvor in einem Saale sämtliche Sachen des Abtes hatte zusammenbringen und auf dem Hofe alle seine Rosse bis zum elendesten Klepper hatte aufstellen lassen, zu dem Abte und fragte ihn, wie er sich befinde und ob er sich kräftig genug zum Reiten fühle.

Der Abt erwiderte ihm, daß er stark genug sei und sich im Magen ganz hergestellt fühle, wenn er nur aus Ghinos Händen wäre.

Jetzt führte Ghino den Abt in den Saal, wo sein Gerät und seine ganze Dienerschaft vereinigt waren, und indem er ihn an ein Fenster treten ließ, von wo er alle seine Rosse auf dem Hofe übersehen konnte, sprach er: »Mein Herr Abt, Ihr müßt wissen, daß Ghino di Tacco, der ich selbst bin, nur dadurch, daß er als ein Edelmann aus seiner Heimat verbannt und arm ist und dabei zahlreiche und mächtige Feinde hat, nicht aber durch Bösartigkeit dahin gebracht worden ist, ein Straßenräuber und Feind des römischen Hofes zu werden, um sein Leben und seinen Adel verteidigen zu können. Doch weil Ihr mir ein ehrenwerter Herr scheint, denke ich, der ich Euch von einem Magenübel geheilt habe, Euch nicht zu behandeln, wie ich einen andern behandeln würde, von dem ich, wenn er, wie Ihr, in meine Hände gefallen wäre, mir den Teil seiner Sachen nehmen würde, der mir anstünde. Statt dessen denke ich, daß Ihr, mein Bedürfnis berücksichtigend, mir den Teil Eurer Sachen zubilligen werdet, den Ihr selber bestimmt. Sie alle ohne Ausnahme stehen hier vor Euern Augen, und Eure Rosse könnt Ihr von diesem Fenster im Hofe übersehen, und nun nehmet einen Teil oder das Ganze, wie es Euch gefällt, und von Stund an sei das Gehen oder das Bleiben in Euer Belieben gestellt.«

Nicht wenig verwunderte sich der Abt, von einem Straßenräuber so hochherzige Worte zu hören, und diese gefielen ihm so sehr, daß Zorn und Unwille nicht nur augenblicklich verflogen, sondern in Wohlwollen sich verwandelten und daß er, von Herzen Ghinos Freund geworden, ihn zu umarmen eilte und ausrief: »Bei Gott schwöre ich, um die Freundschaft eines Mannes wie du zu gewinnen, gern ein viel größeres Unrecht ertrüge, als das ist, das du mir, wie ich bis jetzt glaubte, angetan hast. Verwünscht sei das Schicksal, das dich zu einem so verdammenswerten Gewerbe zwingt!«

Hierauf ließ er von seinen vielen Sachen und ebenfalls von seinen Rossen für sich nur die wenigstens und notwendigsten auswählen, überwies alle übrigen dem Ghino und kehrte nach Rom zurück.

Der Papst hatte die Gefangennahme des Abtes bereits erfahren, und obwohl sie ihn sehr geschmerzt hatte, so fragte er ihn doch, als er ihn sah, wie ihm die Bäder bekommen wären.

Lächelnd entgegnete der Abt hierauf: »Heiliger Vater, ich fand, bevor ich jene Bäder erreichte, einen trefflichen Arzt, der mich auf das vollständigste hergestellt hat.« Und nun erzählte er ihm die Geschichte, worüber der Papst herzlich lachte. Der Abt aber setzte das Gespräch fort und erbat sich vom Papste eine Gnade, die dem Adel seiner Gesinnung entsprach.

Dieser glaubte, daß er etwas anderes erbitten würde und erbot sich bereitwillig zu tun, was er verlangen würde.

Nun sagte der Abt: »Heiliger Vater, was ich von Euch zu erbitten gedenke, ist, daß Ihr dem Ghino di Tacco, meinem Arzte, Eure Gnade wieder zuwendet; denn unter den tapferen und achtbaren Männern, die ich kennengelernt habe, ist er gewiß einer der ausgezeichnetsten, und das Üble, das er tut, erachte ich mehr für die Schuld des Geschickes als für die seine. Ändert Ihr dieses aber dadurch, daß Ihr ihm verleiht, wovon er seinem Range gemäß leben kann, so zweifle ich keineswegs, daß Ihr in kurzem ebenso über ihn denken werdet wie ich.«

Als der Papst dies vernahm, sagte er als ein Mann von großer Seele, er wolle es gerne tun, wenn Ghino dessen so würdig sei, wie der Abt sage; dieser möge ihn also unter sicherem Geleit nach Rom kommen lassen.

Vertrauensvoll erschien Ghino nun auf den Wunsch des Abtes am Hofe, und nicht lange war er in der Nähe des Papstes, als dieser ihn als einen wackeren Ritter erkannte, sich mit ihm aussöhnte und ihm eines der Groß-Priorate des Hospitalordens, zu dessen Ritter er ihn erhoben hatte, verlieh. Und diese Würde behielt er als ein Freund und Diener der heiligen Kirche und des Abtes von Cligny, so lange er lebte.

Ser Giovanni Fiorentino

Die Vergiftung

In der Romagna lebte vor Zeiten ein sehr reicher Edelmann, der einen durch Kenntnisse und jeden anderen Vorzug geschmückten Sohn besaß. Als dessen Mutter gestorben war, hatte der Vater eine andere Frau heimgeführt und mit ihr einen zweiten Sohn gezeugt, der bereits zwölf Jahre alt war, als der ältere Sohn zweiundzwanzig zählte. Die Stiefmutter nun, mehr mit Reizen als mit guten Sitten geschmückt, ließ sich von der Schönheit ihres Stiefsohnes so sehr blenden, daß sie sich heftig in ihn verliebte. Dieses Weib hüllte zwar ihre Liebe in tiefes Schweigen, solange im Beginne noch ihre Kräfte der Leidenschaft gewachsen waren; als aber die fluchwürdige Glut ihr Mark und Leben durchdrang, sah sie sich genötigt, der Liebe nachzugeben, sie stellte sich körperlich leidend, um die Wunde des Herzens zu verdecken, und tat, als wäre sie von einem schleichenden Fieber befallen. Am Ende nun ließ sie, getrieben von ihren feurigen Wünschen, durch eine Dienerin ihren Stiefsohn rufen. Dieser, welcher an alles andere dachte, nur nicht an so etwas, trat in ihr Gemach und fragte sie mit freundlicher Miene nach der Ursache ihrer Krankheit. Diese Worte kamen der Frau eben recht; sie ward etwas kühner, bedeckte aus Scham ihr Gesicht mit einem Bettuche und begann, indem sie ihre Worte mit einer reichen Menge von Tränen begleitete, also zu sprechen: »Die Ursache und der Anfang meines jetzigen Übels und meines so heftigen Schmerzes, aber auch meine Arznei und Heilung, das bist du selber. Diese deine glänzenden Augen sind durch meine Augen bis in die Kammern meines Herzens gedrungen und haben in meinem armen Busen ein solches Feuer entzündet, daß ich es nicht mehr ertragen kann. Habe daher Erbarmen mit einem Weibe, das um deinetwillen umkommt! Laß dich nicht zurückschrecken durch die Verwandtschaftsbande mit deinem Vater; denn du kannst ja derjenige werden, der ihm seine arme Gattin erhält, die ohne deinen Beistand ihr Leben nicht mehr fristen kann, die in dir sein Bild wiedererkennt und in deinen Zügen und mit Recht ihren Gatten liebt. Da wir beide hier allein sind, haben wir alle Sicherheit und Bequemlichkeit, welche du verlangst. Was geschieht, ohne daß es jemand erfährt, ist fast ebensogut, als wenn es nicht geschähe.«

Dem wohlgesitteten Jüngling schwindelte es vor Entsetzen, als er dieses empörende Ansinnen vernahm; aber obgleich er diese greuliche Sünde höchlichst verabscheute, so er ihr gerne aus den Augen gegangen wäre, ohne ihr weiter zu antworten, schien es ihm doch nach reiflicher Überlegung nicht geraten, sie mit einer plötzlichen abschlägigen Antwort aufzubringen; vielmehr dachte er, es wäre passender, sie durch einen Aufschub hinzuhalten, um zu versuchen, ihr einen so unreinen und seltsamen Gedanken aus dem Sinne zu schlagen. Darum antwortete er ihr, sie solle nur sorgen, gesund zu werden, und guten Muts sein; er verspreche ihr, ihre Liebe auf das beste zu belohnen. Mit diesen Worten beschwichtigte er sie für den Augenblick.

Da nun der Jüngling bei sich erwog, daß bei so einer außerordentlichen Not auch eine ungewöhnliche Abhilfe nötig sei, so erachte er es für angemessen, die ganze Sache einem verständigen Greise anzuvertrauen, bei welchem er seine Kindheit nützlich zugebracht hatte und der ihn noch jetzt durch die Fährnisse der Jugend leitete. Der Meister wußte wohl, was ein rasendes Weib vermag, und glaubte daher, man müsse mit schnellen Schritten dem drohenden Sturme des grausamen Schicksals entfliehen.

Doch ehe noch die kluge Überlegung ins Werk gesetzt werden konnte, wußte das ungeduldige junge Weib, der ein einziger Tag in Erwartung auf die Erfüllung ihres schändlichen Verlangens so lang währte wie ein Jahr, es dahinzubringen, daß sie ihrem Manne die Ansicht beibrachte, es wäre gut, wenn er auf eine ihrer Besitzungen ginge, da sie gehört habe, es gehe dort nicht zu, wie es solle. Auf diese Art brachte sie ihn auf mehrere Tage aus dem Hause.

Als der Gatte fort war, belästigte sie stündlich den Jüngling mit ihrer Mahnung, sein Versprechen zu erfüllen, dieser aber ergriff bald diese, bald jene Entschuldigung und legte es darauf an, ihre Lust so lange mit Worten zu befriedigen, bis er sich durch eine von ihm beabsichtigte lange Reise aus ihrem Bereiche entfernen könnte. Die Frau, welche die starke Hoffnung mehr als gewöhnlich ungeduldig gemacht und die an den schwachen Entschuldigungen gemerkt hatte, daß er, je mehr er versprach, um so mehr sich von der Erfüllung entfernte, wurde unwillig und verwandelte plötzlich die verbrecherische Liebe in einen noch weit ruchloseren Haß. Sie beriet sich mit einem ihrer Sklaven, dem sie großes Vertrauen schenkte, welchen Weg sie einschlagen müsse, um sich an ihm zu rächen, der ihr seine Zusage nicht halten wollte; und sie beschlossen endlich, dem armen Jüngling durch Gift das Leben zu nehmen.

Der bübische Sklave zögerte nicht, diesen grausamen Vorschlag zur Ausführung zu bringen; sondern ging alsbald aus dem Hause und kehrte erst abends spät mit einem Trank in einem Becher zurück; er vermischte ihn in dem Schlafzimmer der Frau mit Wein und stellte ihn in einen Schrank, wo sich die Eßwaren befanden, mit der Absicht, ihn am folgenden Morgen beim Frühstück dem unglücklichen jungen Manne vorzusetzen.

Das Schicksal aber wollte es anders, und der Sohn jenes bösen Weibes, welcher, wie gesagt, zwölf Jahre alt war, kam am Morgen aus der Schule zurück, verzehrte einen kleinen Imbiß und fühlte darauf Durst. Da ihm nur jenes Glas mit dem giftigen Gebräu in die Hände fiel, das aus Fahrlässigkeit in dem Schrank unverschlossen stehengeblieben war, trank er es ganz aus und fiel bald darauf wie tot zu Boden.

Als das Gesinde diesen Fall bemerkte, machte man Lärm, die Frau lief herzu und kam gleich auf den Gedanken, der Knabe sei vergiftet. Die Mutter ging mit dem Diener, der das Getränk gekauft hatte, zur Seite, sie besprachen sich heimlich miteinander und beschlossen, die Schuld des Verbrechens auf den älteren Sohn zu schieben. Infolgedessen erklärte der Diener öffentlich, er wisse gewiß, daß der ältere Sohn es sei, der die Untat begangen habe, denn er habe ihm vor wenigen Tagen erst fünfzig Taler versprochen, wenn er ihn umbringen wolle; da er sich hierzu nicht herbeigelassen habe, so habe jener ihm mit dem Tode gedroht, wofern er irgend jemand davon sage. Die Frau ließ alsbald Häscher kommen und kraft der von dem Knecht gemachten Aussage ihren Stiefsohn ins Gefängnis bringen. Darauf sandte sie einen Boten an ihren Gatten, um ihn von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen. Ihr Gemahl kam sogleich herbei, und sie ließ ihm von dem Diener das Zeugnis wiederholen, das er schon früher abgelegt hatte. Sodann fügte sie selbst hinzu, sein Sohn habe dies getan, weil sie seinem wollüstigen Begehren nicht habe Folge geben wollen, und er habe sie überdies auch mit dem Tode bedroht.

Der unglückliche Vater jammerte laut, als er sah, wie man den jüngsten Sohn zu Grabe trug, während der andere als Brudermörder der Todesstrafe verfallen war; und getäuscht von dem heuchlerischen Klagegeschrei seiner Frau, entflammte sich sein Zorn immer mehr gegen seinen Sohn. Kaum war die Leichenfeier zu Ende, als der beklagenswerte Vater vom Grabe hinwegeilte und, so wie er war, mit verweintem Gesicht nach dem Rathause ging, wo selbst er mit Tränen und inständigen Bitten auf den Tod seines nunmehr einzigen Sohnes drang, den er einen Blutschänder nannte, weil er das Bett seines Vaters habe beflecken wollen, Brudermörder, weil er seinen Bruder umgebracht, und Totschläger, weil er seiner Stiefmutter das Leben zu nehmen angedroht.

Er hatte mit diesen Klagen die Gemüter des Volkes so sehr zur Entrüstung aufgeregt, daß alle riefen, man müsse ihn, ohne viel Zeit mit Anklage und Verteidigung zu verlieren, für diese Sünde öffentlich durch Steinigung zu bestrafen. Die Richter sagten jedoch, sie wollten nach altem Brauche den Spruch erst nach sorgfältigem Verhöre fällen, und wollten nicht zugeben, daß ein grausames Beispiel aufgestellt und aus Erbitterung, statt auf gerechter Beweise hin, ein Mensch getötet werde. Es war daher förmlich und gesetzmäßig der Angeklagte vor Gericht beschieden und der Anklageprozeß begonnen. Der Vater sagte, sein älterer Sohn habe den jüngeren vergiftet, und es liege dafür ein sicherer Beweis vor, da er wenige Tage zuvor versucht habe, ihn durch einen Diener umbringen zu lassen, welchem er fünfzig Taler versprochen habe.

Als der Jüngling befragt wurde, leugnete er alles. Nachdem Anklage und Verteidigung stattgefunden hatten, wollten die Richter doch die Sache nicht auf Vermutungen und Verdachtsgründe hin abmachen, sondern verlangten sichere Beweise und bestimmte Wahrheit. Darum beschlossen sie, der Knecht solle ihnen vorgeführt werden, und so wurde dann dieser Galgenvogel herbeigebracht, trat mit dreister Stirne vor die Richter und machte dieselbe Aussage, die er schon dem Vater gemacht, ja er fügte hinzu, er wolle die Wahrheit seiner Worte mit dem Jüngling auf der Folter bekräftigen. Da war nun kein Richter dem Jüngling so günstig gestimmt, der nicht geurteilt hätte, man müsse erst den Jüngling auf die Folter spannen und alsdann, wenn derselbe beim Leugnen beharrte, auch den Knecht.

Da erhob sich ein in jener Stadt sehr angesehener, rechtschaffener Arzt und sprach also: »Ich schmeichle mir, sagen zu können, daß ich bis daher unter Euch für einen redlichen Mann gegolten habe, und kann nicht zugeben, daß dieser unschuldige Jüngling ungerechterweise von Euch gefoltert und getötet werde. Aber was hilft das, wenn ich allein mich der Behauptung eines anderen widersetze? Und doch bin ich der, für den ihr mich haltet, und der andere ist ein niederträchtiger Schurke, der nicht einen, sondern tausend Galgen verdient. Ich weiß, daß mein Gewissen mich nicht betrügt, und darum hört den wahren Tatbestand der Sache: dieser Schurke kam zu mir und wollte ein plötzlich wirkendes Gift von mir kaufen, wofür er mir eine Summe von 50 Golddukaten anbot, indem er vorgab, desselben für einen Kranken zu bedürfen, welcher Tag und Nacht von einer unheilbaren Wassersucht und tausend anderen Schmerzen gepeinigt werde und sehnlich wünsche, durch die Arznei des Todes über so große Qual hinwegzukommen. Da ich sah, wie verlegen der Spitzbube um Worte war, mit welchen er seine listigen Vorwände glaubhaft machen wollte, schöpfte ich Verdacht, er möchte irgendeinen bösen Anschlag im Sinne haben, und war im Begriff, ihm die Türe zu weisen. Gleich darauf aber fiel mir ein, wenn ich es ihm abschlüge, so würde er zu einem anderen gehen, der vielleicht minder vorsichtig sei als ich und ihm in seinem Begehren willfahre; ich hielt es daher für geraten, ihm einen Trank zu reichen, und gab ihm auch einen, aber von einer Beschaffenheit, die ihr später hören werdet. Da ich überzeugt war, daß man der Sache mit der Zeit nachspüren werde, wollte ich den Preis, den er mir anbot, nicht sogleich nehmen, sondern sagte zu ihm: ?Ich fürchte, einige von diesen Dukaten möchten falsch oder zu leicht sein; tu sie daher wieder in das Säckchen und siegele es mit deinem Ring! Ein andermal bei gelegener Zeit wollen wir alsdann zusammen nach der Bank gehen und sie untersuchen.? Er ließ sich überlisten, und ich brachte ihn dahin, daß er den Sack mit seinem Siegel schloß. Ich habe ihn soeben durch meinen Diener holen lassen und will es Euch zeigen. Er mag es sehen und soll sein Siegel anerkennen und darauf erklären, auf welche Art er diesen braven Jüngling beschuldigen will, seinem Bruder Gift gegeben zu haben, wenn er doch selber es gekauft hat.«

Während dieser wackere Mann so sprach, war der elende Sklave blaß geworden wie eine Leiche; er zitterte, und einzelne Tropfen kalten Schweißes traten ihm auf die Stirne; er trat bald vorwärts, bald zurück, drehte den Kopf bald so, bald anders und fing an, mit kleinlautem Munde unpassendes Zeug hervorzustammeln, so daß ihn vernünftigerweise niemand für unschuldig hätte erklären können. Nichtsdestoweniger bekämpfte der vermessene Schurke seine Furcht mit seiner Frechheit, verscheuchte sie und ward so mutig, daß ihm seine alte Verschlagenheit wiederkam, und er mit seiner vorigen Geistesgegenwart den Arzt der Lüge zieh und alle seine Aussagen leugnete. Der unbescholtene Greis aber besann sich, um nicht in seinen letzten Jahren seinen unbefleckten Ruf zu besudeln, auf Mittel, die Wahrheit in der Sache ans Licht zu bringen. Er forderte daher einen Diener der Gerechtigkeit auf, dem Sklaven seinen Ring vom Finger zu ziehen, und als man ihn mit dem Siegel des Säckchens verglich, ergab sich die Übereinstimmung beider. Die Richter erklärten es daher als einen hinreichenden Beweis, um ihn auf die Folter zu bringen. Man gab ihm mehrere Male das Folterseil zu kosten, aber noch immer beharrte er auf seinem Leugnen. Darauf sagte der Arzt zu den Richtern: »So wisset denn, als mich dieser Verruchte, wie ich bereits erzählt habe, bewegen wollte, ihm Gift auszuhändigen, hielt ich es aber für einen rechtschaffenen Arzt unziemlich, den Tod eines Menschen zu veranlassen, derweil ich überzeugt bin, daß die Heilkunde den Menschen vom Himmel geoffenbart worden ist zum Wohle und nicht zum Schaden des Menschengeschlechts, und ich fürchtete, wie ich euch gleichfalls gesagt habe, er möchte zu einem anderen gehen, welcher aus Geldgier ihm das gegeben hätte, was er verlangte; so habe ich ihm denn kein Gift gegeben, sondern einen Alraunwurzeltrank, welcher so tief in Schlaf senkt, daß, solange seine Kraft dauert, der, der ihm zu sich genommen hat, wie tot aussieht. Wenn nun jener Knabe den von mir gemischten Trank genommen hat, so lebt er, ruht und schlummert. Sobald die Kraft der Natur den dichten Nebel dieses Schlummers verjagt haben wird, wird auch unsere Sonne so schön wie zuvor ihm leuchten. Ist er aber wirklich tot, so sucht die Ursache anderswo.«

Nachdem der Arzt diese Worte gesprochen hatte, schien es allen das wichtigste, ohne Verzug nach dem Begräbnisort des Knaben zu gehen, um sich über den Fall Aufklärung zu verschaffen. Man brachte daher den Diener sowie den älteren Sohn in das Gefängnis, und alle gingen nach der Gruft. Dort angelangt, ließ es sich der Vater nicht nehmen, mit eigenen Händen den Stein über dem Grabe wegzuwälzen. Und die Hilfe durfte auch nicht länger ausbleiben, denn die Natur hatte schon von selbst die düstere Schlaftrunkenheit verjagt, und der Knabe war aus dem Reich Plutos zurückgekehrt. Der Vater umarmte ihn mit der Zärtlichkeit, die ihr euch vorstellen könnte, und da es ihm in der Freude dieses Augenblicks an Worten gebrach, die fähig gewesen wären, sie auszudrücken, hob er ihn schweigend aus der Gruft und stellte ihn so in Trauerkleider gehüllt dem Oberrichter vor.

Als der Diener den Knaben am Leben sah, dachte er, weil kein Tod erfolgt sei, werde er Verzeihung erlangen, und um zugleich der weiteren Folterung zu entgehen, bekannte er alles. Man ergriff deshalb die Frau, führte sie vor das Gericht, und nach kurzer Folterung bekannte sie auch alles. Das Urteil fiel dahin aus, daß der Diener, weil er das Verbrechen verübt, wenn auch der Tod nicht daraus erfolgt sei, gehangen werde. Der Frau aber wurde auf die Bitten ihres Gatten und ihres Sohnes zwar das Leben geschenkt, doch wurde sie auf immer aus der Stadt verbannt. Dem Arzte wurde einstimmig das Geld, das er von dem Knechte als Zahlung für den Schlaftrunk erhalten hatte, gelassen. Der Vater aber, der in Gefahr gewesen war, seine beiden Söhne zu verlieren, vertauschte sie auf diese Weise gegen ein grundböses Weib und gewann sie wieder lebendig und schuldlos.


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