Am Ende der Welt und andere Geschichten aus dem Böhmerwald

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Zur Einführung

Ein schier ganz vergessener Dichter ist Josef Götz-Gangl. Derselbe ist in einer herrlichen Ecke des südlichen Böhmerwaldes zu Beneschau am 25. August 1868 als Sohn eines Gast- und Landwirtes geboren und war zum Studium bestimmt. Zu seinem größten Leidwesen musste er jedoch Letzteres schon im zweiten Schuljahre auflassen und seinem an Gicht erkrankten Vater in der Wirtschaft helfen. Er entschloss sich aber, seinem ihm nicht behagenden Beruf Valet zu sagen und dem Drange seines starken Ich Folge zu leisten, er verkaufte seine Wirtschaft und wanderte nach Wien, um Schauspieler und Schriftsteller zu werden.

Seine Erzählungen, und es sind nicht wenige, zeichnen sich durch bewunderungswürdige Charakterschilderung, innere Wärme, durch geistige Schönheit, Einfachheit, treffende Satire, ungezwungenen Humor und durch die frappierend gelungene Wiedergabe der Böhmerwäldler Mundart aus.

Wir sind durch einen glücklichen Zufall in der Lage, einige seiner besten Arbeiten in diesem und in einem demnächst unter dem Titel »Am Ende der Welt« erscheinendem Bande zu veröffentlichen und hoffen, damit den Autor in den weitesten Kreisen bekannt und beliebt zu machen, er verdient es, gelesen zu werden!

Der Verlag

Am Ende der Welt

An einem Frühlingstage machte sie ihren ersten Talgang. Schwer genug entschloss sie sich dazu. Sie mochte die Menschen nicht leiden. Alle, die sie noch sah, hatten ihr missfallen. Die waren eben in ihrem Weltleben so verdorben, dass es dem jungen Mädchen unmöglich war, sie für Seinesgleichen zu halten. Alles, was sie taten und sagten, musste Eva für eitlen Wahnsinn, Gemeinheit und Unrecht betrachten. Jeder Blick von ihnen hatte sie erschreckt oder empört. Was sie redeten, von dem verstand sie wenig. Aber so viel verstand sie wohl, dass dieses Reden den rechten Sinn und Wert nicht hatte. Zuerst hatte sie den Pfarrherrn des Tales kennen gelernt. Das war bald nach dem Ableben ihrer Mutter gewesen. Eva zählte damals elf Jahre. Ihr Vater begrub die Tote mitten in der lichten Waldinsel im blumigen Wiesengrunde. Da ließ sich der Pfarrherr die weite, beschwerliche Fahrt durch den Urwald nicht verdrießen, um es dem Einschichtler sagen zu können, dass der Leichnam in geweihte Erde gehört hätte. Es setzte damals einen heißen Streit zwischen den beiden Männern. Eva hatte dem zugehört und gab mit ihrem Kindesverstande dem Vater recht. Der Pfarrer war fluchend abgezogen. Bald darauf kam der Schulmeister des Tales mit einem Gerichtsherrn auf die weltferne Ansiedlung. Die stellten die Enthebung des Kindes von der Schulpflicht fest. Der Gerichtsherr mochte es vorher nicht recht geglaubt haben, dass dem Mädchen ein Schulbesuch unmöglich war. Er überzeugte sich davon fest und bitter genug. Es war ein Jammer, wie ihn die Tagreise aus dem Tale nach der Einschichte hergenommen hatte. Aber der Eingärtler erbarmte sich seiner. Er bewirtete ihn, so fein es nur ging, und fuhr ihn dann mit einem Zugochsen zu Tal. Später hatte Eva die fürstlichen Holzhauer kennen gelernt, welche auf dem Bergbache das Langholz vom Waldteiche bis in das Tal hinüberfuhren. Ihren Vater verdross es nämlich mit der Zeit, das wenige, was sie von den Weltmenschen brauchten, selbst aus der Tiefe heraufzuholen. So brachte er das, was er von dem Ertrag seiner Feldwirtschaft erübrigte, bis an den Waldbach. Und die Flößer brachten ihm dann, was er dafür haben wollte. Sie überhoben ihn damit der ihm lästigen und erniedrigenden, menschenunwürdigen Mühe des Handelns und Zählens. Er nahm niemals das ihm verächtlich erscheinende Spielzeug Geld in die Hand. Im heurigen Winter war er krank geworden. Er hatte sich bei der Herbstarbeit, die das raue Höhenklima recht besonders erschwerte, zu viel geplagt. Da meinte er nun, dass ihm bei seiner großen Müdigkeit Wein gut tun würde. Weil das Bachbett in dem finsteren Tanne noch teilweise vereist lag, kamen jetzt noch keine Holzflößer in den Wald.

Deshalb machte nun Eva in ihrem achtzehnten Jahre den ersten Talgang. Sie trug einen ganzen Rückenkorb voll schönen, vorjährigen Mohnes mit, für den ihr der Krämer Wein geben sollte. Den Weg fand sie leicht. Sie brauchte ja nur immer dem Bach entlang zu gehen. Und den Krämer fand sie auch. Der erkannte sie gleich, als er sie sah. Und er gab ihr ein kleines Fässchen Wein für den Mohn in den Korb. Wer sie sei, das erriet er gleich.

»Du bist des Eingärtlers Hanold Tochter von End der Welt«, sagte er. Der Volksmund nannte nämlich ihre Heimat das Ende der Welt.

Ehe sie dann auf dem Rückwege aus dem in allen Frühlingsfarben prangenden Tale wieder in finsteren Wald trat, setzte sie sich auf einem breiten Steine zur Rast. Da sah sie nahe auf einem frisch gepflügten und mit Hafer besäten Acker einen jungen, schönen, kraftvollen Menschen, der die Egge selber zog. Er hatte nur Hemd und Hosen an, und doch troff ihm bei der viehischen Mühe der Schweiß vom Leibe.

Eva schnitt es bei dem Anblicke seiner Plage in das Herz. Sie erinnerte sich daran, dass ihre Eltern auch einmal Plug und Egge ziehen mussten, als sie ein krankes Kind hatten. Aber sie waren bei der schweren Arbeit doch ihrer zwei gewesen, und Eva hatte auch schon ein bisschen mitgeholfen. Sie mochte es nicht sehen, wie sich der junge Mensch allein rackerte.

Ohne viel zu überlegen, lief sie zu ihm und wollte ihm an dem Eggenstricke ziehen helfen, als ob das ganz selbstverständlich wäre. Aber er sah sie mit großen, verwunderten Augen an. Das war nun der erste Blick eines fremden Menschen, der ihr nicht wehe tat, sondern ihr vielmehr ein ganz wundersam wonniges Gefühl machte.?

»Wo kommst du denn her?« fragte er. »Vom Himmel vielleicht?« Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, nein, nur vom Ende der Welt.«

Er verstand sie nicht, weil er von ihrer Heimat nie gehört hatte, darum sah er sie nun fast ein wenig scheu wie etwas Übernatürliches an. Er hatte eben vorher in seiner Mühsal um so etwas wie ein Wunder gebetet. Und da geschah nun eines.

»Vom End der Welt?« wiederholte er. »Also doch nicht weit vom Himmel?«

Sie lachte. »O doch. Recht weit von dem, an den Ihr da herunten glaubt.«

»Ich verstehe dich nicht«, sagte er kopfschüttelnd und sah dann wieder mit seinen großen Augen bewunderungsvoll an ihr empor.

»Wird auch wohl gar nicht nötig sein«, meinte sie. »Wenn du nur verstehst, dass ich dir Egge ziehen helfen muss, so ist es gut.«

Er schüttelte abermals den Kopf. »Nein. Das verstehe ich auch nicht. Wie kommst du dazu, mir helfen zu müssen?«

»Wie jedes andere, das dich hier so sähe.«

»O, es haben mich schon gar viele so gesehen, und niemand half mir. Vor einigen Wochen ist meine Mutter gestorben. Es hat sie ein fallender Balken getroffen, als da das Haus niederbrannte. Seither geht es mir recht schlecht. Aber niemand kam noch, um mir zu helfen.« Er weinte jetzt fast. Und ihr Herz war gleich eines unsäglichen Mitleides voll.

»Jetzt bin ich gekommen«, sagte sie, ohne noch an etwas anderes zu denken. »Und ich wünsche nur, dass dir das recht ist.«

»Wenn du das wirklich wünschst«, sagte er mit jener Hoffnung und jenen Zweifeln, die man an ein mitten durch ein Meer des grauen Unglücks kommendes Glück setzt.

Es war ihm, als ob sie ihm eine noch viel größere Hilfe als diejenige bei dem Eggenziehen in Aussicht stellte.

»Mit dem Fertigeggen des Ackers ist dir nicht geholfen«, sagte sie. »Komm du mit mir. Mein Vater soll dir geben, was du brauchst. Wir sind nicht arm. Wir haben ein großes Stück Wald mit solchen Stämmen, dass du wohl für einen ein Rind bekommst.«

Und er ging nun in einem ihm ganz neuen Glauben mit ihr. Sie wollte den Rückenkorb wieder aufnehmen. Aber das duldete der Bursche nicht. »Für die Hoffnung, die du mit machst, trüg ich gerne zehnmal so Schweres«, versicherte er. »Ich bin mein Lebtag nicht abergläubisch gewesen«, sagte er dann, als sie voraus und er hintennach einen schmalen, bergigen Steig hinan strebten. Aber jetzt?«

Da erzählte sie ihm nun einfach und klar von ihrer Herkunft und Heimat. Und als sie damit fertig war, hatte er sie aus ihren Worten schon recht gut erkannt. Sie erzählte, dass dereinst ihr Vater voll des bösesten Menschenhasses aus der Welt in die Wildnis ging und dass er in der Einsamkeit die Größe fand, sich von diesem Hasse zu reinigen. Aber in der Welt zurückkehren wollte er nicht mehr, damit der abgetötete Hass nicht wieder lebendig würde. Sein Kind wollte er von jeder Berührung mit der Welt behüten. Und wenn er nicht mehr lebte, dann wollte Eva schon längst in seinen Grundsätzen und Anschauungen so erstarkt sein, dass ihr von draußen her nichts mehr geschehen konnte. Sie wollte dann selbst den Tod in der völligen Einsamkeit nicht mehr fürchten. Der Bursche redete ihr nicht viel in die Erzählung. Er lächelte nur manchmal verstohlen dazu.

An die Unerschütterlichkeit des Alten glaubte er wohl, aber an die Ihrige nicht. Und der Vorsatz, sie anderer Meinung zu machen, wurde recht fest in ihm. Indem er sie kennen lernte auf diesem weiten Wege, lernte er sie auch lieben.

Ihre Sonderbarkeit gefiel ihm tausendmal besser als die Gewöhnlichkeit der Talweiber. Und lange, ehe sie an ihr Reiseziel kamen, wusste er, dass dieses nun das Ziel aller seiner Träume bleiben würde, solange das nicht geschah, was er nun wünschte.

Er ging nun nicht mehr ihrer Hilfe, sondern nur noch um ihrer selbst willen mit.

Und sie sah es schon auf dem halben Wege ein, dass sie sich da auf mehr einlassen musste, als sie gewollt hatte, dass eine Liebe in ihr mächtig wurde, die wohl schwerer abzutöten war als jener Hass, den einst ihr Vater aus der Welt hergebracht hatte.

Es war Nacht geworden, als die beiden in dem kleinen Blockhause ankamen, das in einer sturmgeschützten Ecke der Rodung an einer jäh emporstrebenden Felsenwand lehnte. Der Alte schürte eben das Herdfeuer, als sie in die recht wohnliche Stube traten. »Ich bringe einen Menschen, den ich so, wie ich ihn fand, nicht zurücklassen mochte und dem ich unsere Hilfe versprach«, sagte sie. »Dass du das, was ich von dir erwarte, erfüllst, weiß ich ja und auch, dass du mich vor niemandem mit einem Worte zuschanden werden lässt.« Sie wollte nun gleich frischweg die Lage des jungen Menschen zu schildern anfangen, aber da sah sie, wie dieser über und über schamrot wurde.

»Es ist wahr«, sagte er hastig zu dem ihn scharf betrachtenden Alten. »Ich folgte ihr erst mit dem richtigen Mute zum Betteln und zum Nehmen, aber auf dem Wege bin ich eines besseren Sinnes geworden. Ich sehe, dass es nicht recht wäre, mir etwas schenken zu lassen, was ich mit meiner jungen Kraft selbst erringen könnte.«

Der Alte lächelte. »Ich verstehe dich schon. Du hast auf dem Wege mehr Verlangen nach ihrer Achtung als nach ihrem Erbarmen bekommen.«

Der Bursche nickte. »So ist es.«

»Du sollst nun beides genießen«, sagte Eva.

Der Alte schien nun mit seinen großen, klaren Augen in die Seele seines Kindes zu sehen. »Wem man so gerne gibt, den hat man auch gerne«, sagte er.

Eva hielt den Blick ruhig aus. »Ich leugne nichts vor dir«, entgegnete sie dabei so freimütig.

»Deinem Fühlen kann ich nicht gebieten«, entgegnete der Alte.

»Und wenn du das könntest?« forschte der Bursche begierig.

»Dann sollte sie dich nicht gerne haben.«

»Was hast du gegen mich?« fragte der Junge erschrocken.

»Nichts. Ich habe so wenig für als gegen dich. Mir ist ein Mensch wie der andere. Meine Tochter gebe ich keinem.«

»Wie? Keinem, der sie glücklich macht?«

»Ich glaube an kein Glück. Und sie würde alle Liebe in sich tragen und verbrennen lassen, ohne ihr zu folgen.«

»Das würde ich nie können«, versicherte der Bursche leidenschaftlich. »Und du sollst das auch nicht müssen«, wandte er sich dann an das Mädchen.

»Dein Vater verlangt das Unmenschlichste von dir, was es gibt.«

»Nein, er hat recht«, sagte sie. »Ich bin stark genug, um meines Glaubens willen keiner Liebe nachzugeben.«

»Was ist dein Glaube?« forschte der junge Mensch.

Da rückte ihm der Alte einen Stuhl an das Herdfeuer. »Setze dich«, sagte er. »Du sollst wissen, wie wir denken. Vielleicht denkst du dann auch wie wir.«

»Wir glauben an kein wahres Glück dieser Welt, an keinen rechten Zweck dieses Lebens und darum auch an den Wert der Liebe nicht. Einst habe ich an all dieses geglaubt wie jetzt du, sonst lebte ich noch draußen in der Welt, hätte wohl auch kein Weib genommen, und es lebte nicht dieses Kind.«

»Bist du denn nicht froh, dass es lebt«, fragte der Junge.

»Nein. Ich liebe es, wie ich es als sein Vater und als Mensch lieben muss. Aber ich bin nicht froh, dass es lebt oder dass ich selbst lebe oder dass irgendetwas anderes lebt. Ich muss lieben und leiden wie ihr alle, weil ich doch wie ihr gemacht bin, aber mein Verstand wird mit dem Fühlen, gegen das ich mich nicht wehren kann, nimmer einig. Ich lasse mich von diesem Verstande führen und trage dabei geduldig mein armes, liebendes, leidendes Herz zu dem Ende hin, in dem für mich allein eine Genugtuung liegt.«

»Ich verstehe dich schon«, sagte der Junge. »Du verachtest die Welt, und wenn du ihr Herr wärest, möchtest du sie aussterben lassen und vernichten.«

Der Alte nickte. »So ist es. Und glaube mir, wenn ich sie vernichtete, so wäre viel mehr Schlechtes als Gutes hin. Wenn du dem Glücklichsten aller Menschen sein Leben übersehen lassen könntest, ehe er in dasselbe tritt, wenn du ihm sagen könntest: Siehe, das wirst du des Guten und das des Schlimmen mitzumachen haben, magst du geboren werden? Und wenn er dir mit Verstand antworten könnte, würde er sagen: Nein! Für die Schrecken der Todesstunde allein steht alles Lebensglück nicht. Keiner, keiner möchte es wagen, auf diese Welt zu kommen. Aber die einmal da sind, täuschen sich eben, so gut es geht, darüber hinweg, dass sie bei diesem Dasein die Betrogenen sind. Jeder möchte sich sträuben, unschuldig hierhergeworfen zu werden, um dann hier nach menschlichen Begriffen ? schuldig werden zu müssen. Wir, die wir schon da sind, bleiben die Genarrten dieser unbegreiflichen Natur. Aber wir sollten nicht so schlecht sein, ihr neue Narren zu zeugen. Wir sehen unser Elend und sind so grausam und gewissenlos, neu Kreaturen zu diesem Elende zu erschaffen. Warum tun wir das? Warum streiken wir nicht dieser schrecklichen Natur? Fünfzig Jahre der Entsagung, zu der jeder Gute stark genug sein sollte, und alles Menschenelend ist wohl für ewig vorüber. Siehst du, ich und mein Kind, wir sind zu dieser Entsagung stark genug, werde es auch.«

Der Bursche sah das Mädchen staunend an. »Denkst du wirklich auch so?«

»Ja«, sagte Eva. »Ich will meine Liebe zu dir heldenmütig ertragen, ohne meiner Überzeugung untreu zu werden.«

Es war ihm vorher vieles an ihr so schnell traut geworden. Und jetzt wurde ihm ebenso viel fremd an ihrem Wesen, so fremd, dass er dies nimmer verstehen und achten zu können glaubte. Es ging ihm schon oft schlecht genug, aber das Leben hatte er doch immer geliebt, und es schien ihm eine furchtbare Sünde, es so wie diese hier zu fassen. Er stand langsam auf, um zu gehen, und es war ihm, als ob alles, was ihn noch eben an das Mädchen fesselte, von ihm abfiele.

Eva merkte ihm das wohl an. Sie reichte ihm traurig lächelnd die Hand. »Jetzt tut es dir leid, dass du mit heraufgegangen bist.«

»Nein«, sagte er. »Nicht doch. Der Weg hat mir nicht geschadet. Ich sehe jetzt doch, dass ich glücklicher bin, als ich meinte. Ich kann mich ja bei meinem harten Lose des Lebens freuen. Ihr werdet das für ein Wunder halten. Ich halte es auch für eines. Und ich will lieber an alle Wunder als an eure Erkenntnis glauben.«

An der Türe wandte er sich noch einmal um. Da las er es in Evas Augen, dass sie um ihn trauern, aber ihm niemals folgen würde.

Durch den schlafenden Wald ging er wieder vom Ende der Welt den Stätten der Menschen zu.

Jetzt komm

Vor der wildgezackten Felsenkrone des mächtigen Böhmerwaldberges liegt eine kleine, liebliche Rodung. Dieses ebene Fleckchen Erde leuchtet mit seinen hellen Frühlingsfarben über das höchste Gewipfel des schwarzen Tannes hinaus, welcher rundum auf dem steilen Gehänge aus den Tiefen emporstrebt. Ein helles Quellenbächlein stürzt von der braunen Steinwand auf den seltsamen Bergstaffel, wirbelt sich hier in einem sandigen Becken aus und schießt dann jäh, wie es gekommen, wieder in den Wald hinab. Neben dem kleinen Weiher steht ein altes, hölzernes Bauernhaus. Von dieser einsamen Heimstätte ist keine Spur einer anderen menschlichen Ansiedlung zu erspähen. Man sieht hier nur die Berge in ihren schwarzen, feierlichen Tannenkleidern und mit den entblößten weißen und braunen Steinhäuptern weit hinaus in die Ferne stehen wie ein betendes Heer. Nur an besonders klaren Tagen taucht in der breiten Bresche des hintersten Gebirgswalles ein blaues Stück Ebene auf, das auch manchmal die Sonne mit vielen unbeschreiblich zarten Tinten malt. Eine Grenze dieses Landes ist aber fast niemals abzusehen, es dehnt sich mählich verblassend dahin, bis es mit dem Himmel verschwimmt. Der prächtige, riesenhafte Mannesstamm, welcher seit alters her der rauen Bergnatur zu trotz auf dieser hochgelegenen Ackerscholle Feldbau treibt, wird von den Talleuten nur mehr mit einem Spitznamen benannt. »Des Gottes Nachbar«, nennen sie unten den jeweiligen Besitzer der weltfernen Einschichte, weil diese den Wolken um so viel näher ist als dem übrigen urbaren Lande. Der Letzte des alten Geschlechtes haust jetzt mutterseelenallein hier oben. Mit der schlanken, prächtigen, kraftvollen Gestalt, in der sich die Flinkheit des Rehes mit der Stärke des Bären vereint, war Moz, so hieß der letzte, seinen Vorgängern nachgeraten. An den guten Eigenschaften, die nötig waren, um hier in Ehren bestehen zu können und dabei zufrieden zu sein, fehlte es ihm auch nicht. Er versah hier alles genau so gut wie seine Väter. Aber seine Ahnen waren viel lieber in das Tal gestiegen als er. Ihn trieb kein Gefühl hinab auf die Menschensuche. Und er war trotzdem voll glühender Sehnsucht nach einem Zweiten. Aber, die er da unten sah, erschreckten ihn und konnten ihn nur mehr scheu als zutunlich machen. Daran war wohl sein außergewöhnliches Feingefühl schuld, die von keinem verderbten, menschlichen Grundsatz abgestumpfte Erkenntnis des Wahren und Schönen. Seine Erzieherin war eben zumeist die freie, heilige Natur gewesen. Das Lächeln der Leute beleidigte seinen reinen, tiefen Ernst, und ihr Lachen störte roh und garstig den Zusammenklang seiner Gefühle. Er konnte mit ihnen weder lachen noch weinen, weil sie beides zumeist aus Gründen taten, die ihm zu unwürdig und zu nichtig schienen. Darum hätte er weinen mögen, wenn sie lachten, und umgekehrt. Es blieb ihm nichts übrig, als sich jenen Menschen zu erträumen, den er hätte lieben können. Wenn ihn seine alte Sehnsucht überfiel, stieg er auf den Felsengipfel, von wo die Aussicht ganz unermesslich war. Von da sah er dorthin, wo die Erde mit dem Himmel verschwamm, und hatte das Gefühl dabei, dass dort irgendwo der Erträumte sei und dass er ihm auch einmal von dort kommen könnte. Aber der ließ nun vergeblich auf sich warten, und seinerzeit kam jemand anderes zu Moz auf den Berg. Das war Evi, die Tochter der Dorfkrämerin. Moz kannte die Junge nur daher, weil er bei der Alten für die Früchte seines Feldes die nötigen Lebensmittel eintauschte.

Er fühlte niemals die mindeste Lust, sich dem Mädchen zu nähern. Evi drängt sich ihm auf. Sie brannte in einer Leidenschaft für ihn, über welche seine kindliche Unschuld empört war. Aber es war ihm doch unmöglich, sich zu erwehren. Auf eine artige Weise wurde er die Zudringliche nicht los und einer Rohheit war er nicht fähig. Sie fand in ihrer List eher hundert schickliche Vorwände, sich an ihn zu hängen, als er in seiner Ehrlichkeit einen einzigen, um ihr auszureißen. Einen Bären würde er vielleicht in den hinter dem Flachsfeld gähnenden Abgrund geworfen haben. Gegen das Weib hatte er keine Waffen. Der Gute musste es mit trauerndem Herzen dulden, dass sich die Begierliche die Herrschaft über ihn anmaßte. Zuerst spielt sie sich als seine Freundin auf. Er brachte es nicht zuwege, ihr zu sagen: »Ich brauche keine solche Freundin.« Das Zugeständnis seiner Freundschaft war seine erste Lüge, und damit lieferte er sich auch dem Weibe aus. Sie gewann bald die Macht, ihn zu einer zweiten Lüge zu treiben, nämlich derjenigen, dass er sie liebe. So wurde sie sein Weib. Die alte Krämerin musste die Heirat wohl oder übel zulassen. Evi besaß ihren eigenen Willen, gegen den ihr kein Mensch aufkam. Obwohl sie kein Geld hatte, war sie doch ihrer Schönheit wegen stark umworben. Sie konnte auf die größten Höfe des Tales heiraten. Aber für sie hatte der Moz mehr Reize als die Talhöfe und deren Besitzer. Deshalb ging sie zu ihm auf den Berg.

»So schlecht wie du hat noch keine in die himmlische Nachbarschaft taugt«, hatte ihr die eigene Mutter beim Scheiden gesagt. »Es ist recht keck von dir, dass d dich hinauf traust, nit zwegn dem Abstand, der zwischen dir und dem Moz ist. Ich glaub, Euch leidts a nit lang beinand. Aber für den Fall, dass du mir dann wieder vor mein Tür kommst, hab ich schon einn Zauntreml gricht, dass d es nur derweil weißt.«

Die Alte war nämlich ein vernünftiges Weib, und darum tat ihr bei der Heirat der gute Moz mehr leid als das eigene Kind. Die Hochzeit war im Herbste gewesen. Dann verbrachten die zwei jungen Leute in dem tief eingeschneiten Hause den langen Winter. Evi sagte von diesem Winter, dass er ihr das heiße Herz im Leibe gefror. Sie musste bei dem Zusammenleben mit Moz bald einsehen, dass der doch nimmer zu der richtigen Liebe zu zwingen war. Er küsste sie und trug sie auf seinen Armen, wie sie das wünschte, und er lachte sogar, wenn sie es befahl. Aber je mehr er sich zum Lachen bemüßigte, desto trauriger fiel das aus. Und wenn es ihm erlaubt war zu schweigen, versank er gleich so tief in sich, dass ihn das Weib immer voll Schrecken empor riss: »Wo grabst d dich denn hin? In d Höll?!« Sie hatte sich vorher eingebildet, dass mit ihr ein jeder Mann höchst glücklich werden müsste. Aber der arme, gute Moz wurde neben ihr immer stiller und elender. Als ein richtiges Weib war sie weit davon entfernt zu glauben, dass es an ihr irgendwie fehlen oder mangeln könnte. So gewann sie bald die Überzeugung, dass es nur am Manne allein an dem gebrach, was zu ihrer beider Glück abging. Darum hielt sie sich auch von ihm betrogen und tobte wider ihn, als ob bloß er für die verfehlte Heirat verantwortlich gewesen wäre. Er nahm von ihr alles geduldig hin, denn er dachte: »Weil ich mich von ihr fangen ließ, geschieht mir nun dafür recht. Was ein Adler bleiben will, darf sich nicht auf des Bauern Misthaufen laden lassen. Und das Feingefühl muss gebüßt werden. Hätte ich zuerst nicht aus Höflichkeit ihre lästige Freundschaft angenommen, wär ich ihr nichts schuldig geworden.« Evas Unmut über den Mann erreichte die höchsten Grenzen und musste dann wieder abnehmen. Nachdem sie ihn mit ihrer Liebe nicht erstickt und in ihrem Zorne nicht erwürgt hatte, ließ sie müde, überdrüssig und erkaltet von ihm ab. »Wenn ich mir doch wenigstens denken könnt, du bist a Narr«, sagte sie dann einmal zu ihm. »Aber du bist keiner. Du kannst nur leider von dem, was in dir ist, keinm zweiten Menschen was mitteilen. Du bist dazu geboren, da auf deinm Berg allein z bleiben, und ich ließ dich gern wieder allein, wenn das jetzt für mich kein Schand wär.« Dann kam aber doch die Zeit, wo sie ihn allein ließ. Das war im Frühjahr, als die Arbeit auf dem Bergacker anhob, sozusagen am ersten Tage der Zeit, wo Moz das Weib gebraucht hätte. Wegen seiner mangelnden Liebe grämte sie sich jetzt kaum mehr viel. Sie hatte nun andere Sorgen. Es war ihnen nämlich der Wintervorrat zu schnell ausgegangen. Als sie im Herbste vor der Hochzeit das Rauchfleisch im Schornsteine, die Erdäpfel im Keller und das Mehl in der Truhe besahen, meinten sie, davon bis weit in den Sommer hinein leben zu können. Nun nahm ihnen alles viel zu früh ein Ende. Da machte ihm Evi wieder Vorwürfe: »Siehst du, dein Feld wirft nit so viel ab, dass zwei davon leben können. wenn du mir das vor der Hochzeit gsagt hättst, wäre vielleicht das ganze Unglück ausblieben.«

Er antwortete wahrheitsgetreu: »Das Feld hat sogar für drei Brot getragen, als meine Eltern noch ghaust haben.« Dass seine selige Mutter besser zu wirtschaften verstand als Evi, sagte er aber nicht. Er wollte das Weib nicht kränken. Seine Mutter hatte den ganzen Winter über emsig gesponnen und dann das Garn verkauft. Evi aber spann nicht und verkaufte den Flachs. Sie hatte die meiste Zeit damit verbracht, den Mann und sich zu quälen. Statt des Spinnrades ließ sie ihre Zunge gehen, und das brachte nichts oder wenigstens nichts Gutes. Er hätte ihr gar viel Schönes und Nützliches von dem Wirtschaften seiner Mutter erzählen können. Aber damit würde er Evi beleidigt haben. Darum ließ er sie walten, wie es ihr gefiel. Als dann die Not da war, wurde Evi auf einmal hell verzagt. »Schaff Rat! Hilf!« schrie sie nun. »Du bist der Mann, du musst nach dem Rechten sehen.« Moz sah ohnehin nach dem Rechten. Er plagte sich auf seinen Feldern wie alle Jahre. »Was soll ich denn sonst?« fragte er. »Ich kann ja sonst nichts. Ich hab doch sonst nichts gelernt und getan bisher.«

»Jetzt aber hast du ein Weib zu ernähren«, sagte sie.

»Da wird mir sonst nichts übrig bleiben, als für dich betteln z gehen«, meinte er. »Nun gut, es ist mein Pflicht, für dich Brot z schaffen. So will ich denn betteln gehen.« Und er hätte dieses verzweifelte Angebot erfüllt, so stolz und schamhaft er in seinem Herzen war. Aber Evi wollte lieber verhungern als Bettelbrot essen. »Verkauf die Kuh«, befahl sie eines Tages dem Manne. »Und was dann?« fragte er.

Sie gab ihm keine Antwort. Aber sie wusste nun schon, was sie hernach anfangen würde. Das Geld, welches sie für die Kuh bekamen, half sie ihm noch schnell verbrauchen. Dabei sah sie noch gewissermaßen zu, ob sich an seinem Wesen gegen sie gar nichts mehr verändern würde. Mit dem letzten Stück Brot zugleich war dann auch alle ihre Geduld mit dem Manne zu Ende. An einem hellen Frühlingstage hielten sie miteinander das letzte Mahl. Dann reichte sie ihm ganz ruhig die Hand und sagte: »So, jetzt bhüt dich Gott, mein lieber Moz. Du kannst mich nimmer länger erhalten, drum geh ich. Es ist zwar Schand genug für dich, aber ich kann dir nit helfen. Mir darfs kein Mensch verübeln, dass ich bei dir nit verhungern mag. Solang ich noch auf dein Lieb gwartt hab, hätt ich mit dir Gras fressen mögen. Aber jetzt ist mir das Warten z wider worden ? und wann du beim Überfluss kalt blieben bist, wird dich der Hunger nicht feurig machen. Der Hunger macht nur einn feurigen Magen ? s Herz macht er kalt. Das gspür ich an mir. Drum bhüt dich Gott.« Der gute Moz verwusste sich nun nicht vor Scham und Verlegenheit.

»Das wirst du mir nit antun«, meinte er. »Ich will für dich Brot schaffen auf eine jede Weis, die nur angeht. Das ist meine Pflicht.«

Da lächelte sie nur spottvoll. »Ich dank dir schön. Das könnt für mich ein gar zu jämmerlichs Zusehen werden. Und es gibt gottlob Leut, die mich viel lieber und leichter erhalten als du. Dem jungen Wiespeter im Tal ist unlängst sein Weib gstorben. Der braucht eine Wirtschafterin. Dazu bin ich wie gschaffen. Drum bhüt dich Gott.«

»Was?« rief er. »Dienen willst du gehen? Mein Weib dienen?«

»Sei still«, sagte sei. »Von einer Wirtschafterin lässt sich ein Mann mehr befehlen als von seinm Weib. Ich werd mehr herrschen als dienen.«

»Ich will für dich dienen gehen«, schlug er ihr vor. »Bleib du am Berg und ich?«

Sie unterbrach ihn mit einem hohnvollen Gelächter. »Nein, nein, mein lieber Moz. Bei unserem Herrgott im Himmel drinnn mags recht schön sein, aber da in seiner Nachbarschaft würd s mir allein bald z langweilig. Musst mich nimmer aufhalten. Wir können ja jetzt gut und friedlich auseinander gehen. Schau ? dein Herz ist gsperrt, solang ein Mensch bei dir ist. Bis du wieder allein bist, wirds wieder aufgehen. Du bist wie die Schneeblümerln, die da heroben blühen. Die schließen auch die Blätter vor dem warmen Menschenhauch. Aber deswegen gehen wir jetzt doch gut auseinander. Ich hab dich nit ganz umbracht. Und selber verlass ich deinn Berg gsünder, als ich ihn betreten hab. Drum will ich auch ein Wiedersehen nit verreden. Vor der Welt bleiben wir ein Ehpaar, das die Not trennt, und man kann nit wissen, ob uns die Not nit auch wieder zsammführt.« Damit ging sie.

Es war wieder die Einsamkeit der Höhe um ihn. Das alte Lied, welches der Bergwind auf den tausend Stämmen des Waldes wie auf tausend Saiten spielte, blieb nun lange von jener fremden Menschenstimme ungestört, deren Klang doch nimmer hinein stimmte. Moz hätte gerne geglaubt, er sei aus einem bösen Traum erwacht. Aber er war nicht leichtsinnig genug, sich so etwas Holdes und Lügenhaftes vorzuspiegeln. Die Schrecken des winterlangen Sklavenlebens waren so arg gewesen, dass er ein gewisses Zittern nimmer verlor. Das Gefühl der Freiheit wollte zwar wieder über ihn kommen, aber er meinte es abweisen zu müssen: »Auf dich hab ich kein Recht mehr.« Und seine Augen blickten immer wieder mit dem Ausdrucke jammervoller Erwartung nach dem Talwege, auf welchem Evi jederzeit wiederkommen konnte. Sooft er aber daran dachte, dass jetzt sein Weib dienen müsse, fuhr ihm eine Schamröte in das Gesicht. Was er selbst zur Fristung seines Lebens brauchte, fand er bald wieder wie vormals, nachdem er seine Wirtschaft in die alte Ordnung gebracht hatte. Sein Feld bestellte er noch viel sorgfältiger als sonst, denn er dachte: »Vielleicht trägt es doch so viel, dass ich für sie genug habe, wenn sie wieder kommt.« Er sparte überhaupt, was er nur konnte, für den Fall, dass sie wiederkehrte. Es war ihm unmöglich, seine Pflicht dem Weibe gegenüber auch nur eine Stunde lang zu vergessen. Und damit er sein Werk auch nur ganz richtig verbringe, legte er sich alle möglichen Entbehrungen dabei auf. Früher hatte er sorgenlos und fröhlich gearbeitet und sich alles dabei gegönnt, was sein Leib brauchte. Aber bei seiner jetzigen Arbeit richtete er sich bald recht erbärmlich zu. Er fand auch keinen Sinn für seine einstigen kleinen Freuden mehr. Wenn er ehedem auf den Felsengipfel stieg und den Blick in die Weite hinaus wandern ließ, da schien ihm von dort her ein unbeschreibliches Glück entgegen zu ziehen. Und er hoffte immer, dass sich dieses bei ihm auf seinem heimatlichen Berge niederlassen würde, welchen er ja für den herrlichsten Aufenthalt in aller Welt hielt. Er hatte sich einst einen Menschen nach seinem Geschmacke erträumt, einen, der ihm eine Welt bringen sollte und dem er auch eine ebenso reiche dafür geben konnte. Er wusste der schönsten Wunder genug in seiner Seele, die er dann jenem einzigen erschließen wollte. Und er fühlte sich fähig, den Ersehnten voll beglücken zu können. An alles, nur an das Geschlecht des Erwarteten hatte er nicht gedacht. Darum war ihm wohl auch das Weib, welches aus dem Tale zu ihm kam, gar so befremdlich gewesen. Die hatte gewiss niemals so geträumt wie er und glich niemandem so wenig als jenem Menschen, für den er sein Glück im tiefsten Herzen aufhob. Deshalb musste er sie auch unbeglückt ziehen lassen. Und jetzt sah er, dass er nach den Rechten der in der Tiefe hausenden Menschen ihr allein angehörte und auf jenen anderen nicht mehr warten durfte. Dass er seine Freiheit wieder gewinnen könnte, wenn er sich von dem Glauben und den Gesetzen der Menschen lossagte, das wollte ihm nicht einleuchten. Er fühlte, dass seine Gewissensschuld dem Weibe gegenüber nicht zu drücken aufhören würde, falls er sie verleugnete. So plagte er sich denn, was er nur konnte, um so viel für Evi zu schaffen, dass es ausreichte, wenn sie wieder kam. Das erste Erntejahr war seinem Streben hold, aber den armen Mann selbst hatte es übel mitgenommen. Er schreckte sich jetzt über sein eigenes Spiegelbild ebenso, wie er über den unglaublich großen Wintervorrat staunte. Als er im Vorwinter alles hübsch unter Dach und Fach hatte, meinte er, das Weib davon benachrichtigen zu müssen. So begab er sich eines Tages in den Wiespeterhof. Als er dort die Türe auftat, sah er den jungen Bauern mit Evi an einem gedeckten Tische sitzen. Sie aßen einen fein duftenden Braten und tranken Wein dazu. Der Wiespeterhof trug das alle Tage. Die beiden Menschen sahen recht glücklich aus, und ihre vollblühenden Gesichter lachten sich gerade innig an, als der ausgedorrte, hohlwangige Moz den ersten müden, schweren Schritt in die Stube machte. Er wunderte sich über das Aussehen Evis, und diese erkannte ihn kaum. Sie wollte ihn fragen, ob er es selber oder sein Gespenst sei, aber der Wiespeter kam ihr mit dem Reden vor und lud den armen, ausgerackerten Menschen freundlich und mitleidsvoll zu Tisch. Moz bedankte sich demütig für diese Höflichkeit und sagte, er sei nur gekommen, um seiner Evi mitzuteilen, wie es mit dem heurigen Wintervorrate bestellt sei. Er hätte es wohl recht nötig gehabt, sich an den Tisch zu setzten, hungrig und müde genug war er, aber in den Mienen der beiden Leute lag ein Spott, der ihn schnell wieder von der Türe trieb. Evi hatte ihm mit lächelnder Ruhe geantwortet: »Gfreut mich, wenn du so gut hausen tust, schau nur weiterhin recht dazu. Spar nur und schau zum Werk. Ich werd schon einmal kommen ? wenn auch nit gleich. Je länger ich ausbleib, desto mehr bringst du zusamm und desto besser für uns zwei. Spar nur und arbeit, das führt schon, soweit es noch möglich ist, zum Rechten.«

Als er wieder draußen war, sahen sich die beiden jungen Leute bedeutungsvoll an.

»Der schaut schlecht gnug aus«, meinte der junge Bauer und klopfte dann wohlgefällig auf seinen runden Schenkel. »Ich begreif nit, dass du den einmal so gern ghabt hast.«

Sie lachte. »Wenn er damals so ausgschaut hätt wie jetzt, hätt mir freilich auch ggraust vor ihm ? so wie jetzt.«

Daraufhin legte der Bauer seinen Arm um ihren Hals und sagte in gutmütigem Tone: »Dem hättst du aber doch kein Müh um dich mehr auftragen sollen. Gar viel hält der nimmer aus.«

»Ah was«, warf sie leicht hin, »er soll nur trachten, dass er noch was spart für mich. Zu was anderm taugt er doch auch nicht in der Welt.«

»Nun und wann willst du denn hinauf zu ihm?« scherzte hernach der Mann. Anstandshalber erwiderte sie darauf nichts. Aber sie wussten es doch beide gleich gut, wann sie hinaufgehen wollte. Moz spann nun einen Winter lang, dann rackerte er sich wieder einen Sommer hindurch. Dabei wurden seine Wangen immer hohler, und nun wusste er, dass diese nimmer voll werden könnten, wenn er auch täglich Wein und Braten gehabt hätte wie die zwei Liebesleute unten. Er war völlig im Klaren darüber, wie er zu den beiden stand, aber deswegen schien ihm doch seine Pflicht, für das Weib sorgen zu müssen, nicht zu verfallen. Er dachte: »Jetzt sorgt zwar ein anderer für sie, aber sie dürfte doch wieder zu mir kommen. Und ich müsste ihr sogar das verzeihen, was sie mit jenem sündigt. Wenn ich es an dem, was ich ihr versprach, nicht hätte fehlen lassen, wäre sie ja bei mir geblieben.«

So plagte er sich denn und knauserte sich den Bissen vom Munde ab, solange es ging. Sein Haus war noch nie so reich gefüllt gewesen wie jetzt in diesem Herbste. Das Weib musste wohl staunen, wenn es kam und sah, welchen Wohlstand er in den zwei Jahren schuf. Er wollte ihr den Genuss des Ersparten gönnen. Dass er selber auch noch viel von dem Vorrate zehren würde, schien ihm nimmer wahrscheinlich. Er sehnte sich nach der Ruhe, die ihm doch nicht kam, solange sie beide lebten. Und es war ihm ganz recht, dass es mit ihm zu Ende ging. Was er einmal von dem Leben erwartet hatte, war nicht gekommen. Seine Träume gingen nicht aus, und seine Sehnsucht blieb ungestillt. Er hatte sein Herz niemandem auftun können und musste es verschlossen dem zurücktragen, der es ihm gab. Nachdem er also im Herbste abgeerntet hatte, hielt er sich verpflichtet, dies dem Weibe wieder wissen zu lassen. Der Talgang wurde ihm nun schon recht schwer, seinem Leibe nämlich. Mit jedem Schritte schienen ihm die Knie brechen zu wollen. Aber in seinem Innern war ihm doch wohl dabei. Er lächelte stille in sich hinein. Es war ein Lächeln, mit welchem er über sich selbst, über das Leben und über diese Welt triumphierte.

»Jetzt komm!« wollte er seinem Weibe unten sagen. »Jetzt komm und nimm!« Als er unten die Türe auftat, sah er die beiden wieder wie damals beieinander sitzen. Sie erschraken diesmal weniger über sein Aussehen, als sie über das Lächeln staunten, mit welchem er eintrat und sprach: »Jetzt komm, Evi, jetzt komm!« Dann brachen ihm die Knie. Er fiel auf den Boden hin und hatte das Seine vollendet.

Der Bergsee

In dem einstigen Bette des Seebaches hatten wir unser Hütten gebaut. Der Grund der tief ausgewühlten Felsenrinne war vor dem Bergwinde geschützt. Es konnten die Tannenriesen des Hochwaldes über so einen Unterschlupf hinfallen, ohne ihn zu versehren. Ich und Nazi, mein bester Kamerad, nisteten uns in einem breiten Risse des Gesteines ein, das sich hier noch vom Wasser glatt geschliffen zeigte wie Marmor. Gegen den Berg zu bauten wir die Runse mit einer dichten Reisigwand ab. Wir wünschten uns kein wonnigeres Heim. Hinten war das Mooslager, davor der Tisch und etwas außerhalb des Einganges die steinerne Herdstelle. Talwärts von unserer Hütte sprang der Bach über wilde Geröllstufen. Auf seinem Laufe waren erst wenige Tannentempel angesiedelt, während hüben und drüben auf den Hängen schon hohes Stangenholz zu den stolzen Domen des uralten Mutterwaldes emporstrebte.

Aus der Tiefe sah man zwischen den mächtigen Baumsäulen den Riss, welchen wir elf Holzknechte in das feierliche, schwarze Kleid des Berges gemacht hatten: den neuen Holzschlag. Fünf ähnliche Bauschaften wie die unseren reihten sich in dem Einschnitt hinauf. Wir lebten frei nach unserer Seelenwahl je zu zwei unter einem Dache. Nur der alte menschenfeindliche Ginner hauste in der obersten Hütte allein, die ein unnötig weites Stück von der vorletzten, schon nahe an dem alten Auslaufe des Sees lag. Weil zu Regenzeiten noch immer ein überschüssiges Wasser den alten Weg nehmen wollte, so hatten wir den Ausfluss bei unserer Ankunft tüchtig verdämmt. Das neue Bachbett ging jenseits eines reichlich neun Hirschsprünge breiten Steinriegels zu Tal. Den See umstanden graue, schwarzspaltige Felsen, deren Höhe man nicht absah, weil sie oben in dem wilden Grün verschwanden, aus dessen Luken es immer nachtfinster herab gähnte. Es fiel nie ein Sonnenblick in dieses tiefe, stille Wasser, das ganz schwarz schien und doch am Ufer über dem weißen Steingrunde wie eine Kristallplatte anfing. Auch gab es in der kalten, reinen Flut keinen Fisch und keinen Frosch, noch war ein anderes Tierleben an dem Ufer zu spüren, nur ein alter Uhu wohnte drüben als des Ginners nächster Nachbar in einer Felsenhöhle. Ich und der Nazi schwammen aber doch alle Tage in dem Wasser, so kalt es war, oder wir ritten auf einem mächtigen Baumstrunke darauf herum, obwohl wir ein Grauen vor der unheimlichen, schwarzen Tiefe hatten. Mit den anderen vertrugen wir uns recht gut bis zu dem Tage, wo wir zwei das große Holzkreuz zimmerten und oberhalb unserer Hütte in den Boden rammten. Wir hatten keinen Unfrieden damit stiften wollen. Nazi hatte sich nun plötzlich in unserer Wildnis nach so einem Zeichen unseres Christentums gesehnt. Er wollte zum Beten ein anderes Augenziel als nur immer den finstern Waldesdom, durch den man von unserer Hütte gar nicht zum Himmel sah. Ich half dem guten Burschen gerne bei dem frommen, freudigen Werke. Und die anderen hatten anfangs nichts dagegen einzuwenden. Einige halfen uns sogar am Feierabend den langen Waldblumenkranz flechten, mit dem wir das Kreuz verzierten. Aber als wir mit dieser Arbeit fertig waren, schrie der alte Ginner, der niemals mit etwas Neuem einverstanden war, von seiner Hütte herab: »Jetzt schaut unsere Siedelung wie ein Friedhof aus. Die grünen Rasendächer müsst ich immer für Grabhügel ansehen, wenn das Kreuz stehen blieb. Tut das Holz weg, wenn ihr mich nicht zufleiß an den Tod gemahnen wollt. Tut mirs weg!«

Ich und Nazi antworteten nichts, und die anderen fanden nun wirklich auch, dass unsere Siedlung eine unheimliche Ähnlichkeit mit einem kleinen Friedhof habe.

»Einesteils hatte der Ginner recht«, meinte einer. »Soll man denn allweil an den Tod denken? Bei unserem harten Holzknechtswerke steht er einem stündlich vor den Augen. So möcht man doch da bei der Rast zeitweise auf ihn vergessen.« Ich und Nazi fanden, dass ein deutlicher Schimmer des Lebens von dem Kreuze auf unsere Erdhügel fiel, und wir suchten das zu beweisen.

»Wir räumen das Holz jetzt nimmer weg«, erklärte Nazi schließlich. »Und wen es irrt, der soll halt hergehn und es umwerfen.«

Darauf kam der Ginner langsam herab und sagte in seiner gewöhnlich spottvoll lächelnden Verbissenheit: »Es wird der Blitz in mich schlagen, wenn ich das Holz wegtue.«

Er legte seine braunen, knochigen Hände an das Kreuz und begann daran zu reißen. Aber wir hatten es gar fest mit Bachkies in einen Steinspalt gekeilt. Es rührte sich nicht.

Da ließ der Alte wieder davon ab. »Plagen will ich mich jetzt nimmer«, sagte er. »Gearbeitet hab ich mir heut schon gerade genug. Aber dass der Blitz nicht in mich geschlagen hätt, so viel hat man jetzt schon gesehen.« Dann ging er wieder grinsend hinauf. Uns hatte es weh getan, als er an dem Holze riss. Aber wir wollten nicht streiten, und weil es auch gerade schwer zu regnen anfing, krochen wir in unseren Unterschlupf. Tagsüber gingen etliche Gewitterregen nieder, und jetzt kam bei sinkender Nacht einer, der stärker war und länger anhielt als die vorigen. Als wir kaum eine Weile nebeneinander auf unserem Moosbette lagen, ging schon das Tosen des von den Felsen in den See stürzenden Bergwassers an. Der See war schon vorher übervoll gewesen.

Das vorletzte Sturzwasser hatte viel Holz und Rasen mitgebracht und damit den Ausfluss hoch verschwellt. Wenn dieses Staubwerk plötzlich durchriss, bedeutete das für die Talleute ein schweres Unglück.

Ein ähnlicher Vorfall hatte schon einmal viele Leute im Tale, die gerade im besten Nachtschlafe lagen, jählings mitsamt ihren Hütten in den Wildbach geworfen, auf dem zu solchen Zeiten alle menschliche Schwimmkunst vergeblich war. Uns beiden gab es keine Ruhe, wir mussten sehen, wie es oben stand. In den anderen Hütten war es schon ganz stille, als wir durch die Finsternis hinaufstiegen. Oben hatte sich wirklich eine furchtbare Gefahr für die Talleute vorbereitet. Das Wasser baute aus dem von den Höhen gebrachten Allerlei einen förmlichen Berg vor dem Ausfluss. Unter dem sich kreuz und quer spießenden Holze rann wohl noch immer so viel ab, dass das neue Bachbett davon überlief, aber das hielt kein Maß zu den von den Felsen in den See donnernden Fällen. Wenn der Regen anhielt, erreichte die Flut bald die Höhe unseres Schutzdammes und erfüllte dann auch das alte Bachbett wieder einmal gehörig. Aber ehe dieses geschah, riss wohl drüben die wankende Schwellung durch, und das Verderben fuhr in das Tal. »Wir sollten dem Wasser langsam den Weg öffnen können, damit es das Hemmnis nicht jählings herausdrückt und dann auf einmal in das Tal schießt«, meinte ich. Nazi schüttelte den Kopf. »Wenn du von heraußen an der Stauung reißt und das Wasser von drinnen daran drückt, geht vielleicht der ganze Teufel erst recht auf einmal los. Ich weiß wohl, wie die armen Leute unten am besten zu behüten wären?«

»Ich auch«, meinte ich. »Wenn wir unseren Damm und unsere Hütten opfern würden, gelt?«

»Ja«, sagte er. »Auf dem alten Wege hätte das Wasser wohl tausend Gruben und Löcher auszufüllen, da müsste sich der ärgste Schwall gar oft brechen und zuletzt hübsch gelinde verlaufen, ehe er in das Tal käme ? der neue Bach ist übervoll ? auf dem fährt jetzt schon ein Tropfen immer schneller wie der andere ab.« Das leuchtete mir ein. »Komm schnell«, sagte ich. »Wir holen das Werkzeug und wecken die anderen.« Während wir an den Hütten vorbei eilten, weckten wir deren Insassen mit lautem Geschrei. Wir riefen ihnen in der Schnelligkeit nur zu, was geschehen musste. Dass sie damit einverstanden waren, schien uns selbstverständlich. Aber da hatten wir uns wieder geirrt. Ehe wir in der Hütte die unentbehrlichste Habe zusammenpackten und das Werkzeug suchen konnten, kamen die anderen Kameraden und hatten sich bereits gegen unser Vorhaben einhellig verabredet. Der Ginner war der erste voran. Er trug seine kleine Windlaterne und leuchtete uns damit spöttisch lächelnd an die Köpfe. »Was habt ihr wieder für einen Traum?« fragte er. »Unsere Hütten sollen wir wildfremder Leute wegen preisgeben! Sind wir noch nicht arm genug? Für viel Reichere sollen wir unsere Hütten opfern, für Leute, die uns hernach deswegen verhöhnen würden!«

»So eine Dummheit wäre uns nicht zu verzeihen«, meinte ein zweiter. Und ein dritter: »Da wären wir wohl wert, mit einem Holzschuh erschlagen zu werden.«

»Also wollt ihr zwei euch das aus dem Kopfe schlagen?« fragte der Ginner.

»Nein«, erklärten wir beide. »Es geschieht, wie wir gesagt haben. Es muss so geschehen. Und wenn wir zwei mit euch allen raufen müssten.«

»Was tun wir denn mit den zwei Narren?« fragte einer. »Die sind so verrückt und reißen unseren Damm ab, während wir in den Hütten liegen.«

»Da werdet ihr schon zur rechten Zeit herauskommen«, sagte ich.

»Lasst eine Wacht bei den beiden«, lautete ein Rat.

»Warum nicht gar«, lächelte der Ginner. »Die Nacht wird jemand durchwachen der zwei Buben wegen. Bindet sie doch auf einen Klumpen zusammen und lasst sie so liegen bis zum Morgen.« Die anderen warfen sich nun wirklich gleich auf uns. Sie behandelten unsere Unschädlichmachung erst wie einen Scherz, griffen aber doch grob zu, und als wir uns ernsthaft wehrten, stachelten wir damit ihre Grausamkeit auf. Sie banden uns tatsächlich auf einen Klumpen zusammen, warfen uns auf das Mooslager und suchten dann lachend ihre Liegestätten auf. Mit einem der langen Seile, die wir zu unserem Geschäfte brauchten, hatten sie uns fest aneinander geschnürt. Meine Arme waren über den Rücken meines Freundes zusammengebunden und die seinigen über meinem Rücken. Aus dem Seile hatten sie einem jeden von uns einen festanliegenden Gurt gemacht. Dann banden sie meine Füße an seiner Mitte fest und die seinen an die meinigen. Damit war die Weisung der Ginners genau befolgt. Uns schmerzte die Fesselung weniger als das Scheitern des Planes, die Talleute vor dem drohenden Unglück zu behüten. Ich weinte bald vor Zorn. Aber Nazi tröstete mich: »Der, dem wir draußen vor der Hütte das Holz gesetzt haben, der wird uns dafür alles recht machen.« Ich wollte fast daran verzweifeln. »Ja, einmal macht er alles recht«, sagte ich, »aber heute lässt er uns die Nacht hindurch leiden, und die armen Talleute lässt er im Schlafe ertrinken. Einmal macht er gewiss alles recht, aber heute nicht, heute nicht.« Dann weinte ich wieder, und Nazi, der Bessere, Gescheitere, tröstete. Er war mit seinen guten Belehrungen noch lange nicht zu Ende, als wir von oben her ein schweres, tiefes Rauschen hörten, das jäh in ein Dröhnen überging. »Unser Damm!« schrie Nazi, während mir alles Blut in den Adern stockte. »Jetzt reißt er von selber! Und jetzt werden wir wohl sterben müssen, mein lieber Kamerad. Die im Tal bleiben verschont, und uns trifft es, vielleicht nur grad uns zwei. Aber wie der will, dem wir gehören, so ist es recht.« Er fing zu beten an. Ich betete mit, und es kam dabei eine ziemliche Ergebenheit über mich. Dann fiel die fest geflochtene Reisigwand auf uns. Ich glaube, sie zog erst in dem Wasser über uns hinweg, und wir wurden dann von einem Schwalle auf sie hingeworfen. In einigen Augenblicken darauf hing die Reisigflechte an einem Baumstrunke oder einem Steine am Ufer fest. »Wir sind am Ufer«, hörte ich Nazi sagen, der oben auflag. »Jetzt brauchen wir uns nur ein paarmal nach rechts hinauf zu überkugeln.« Das taten wir, dann lagen wir auf festem Boden. Gleich darauf hörten wir eine Stimme unsere Namen rufen, und unmittelbar darauf drangen eine zweite und eine dritte gellend durch das Tosen der Hochflut.

»Sie suchen uns schon«, sagte ich. »Jetzt können wir sie eine Weile in der Angst lassen, dass sie uns dem Tode überliefert haben. Aber so kleinlich sind wir nicht, gelt?« Und wir schrieen nun auch. Da kamen fünf von unseren Kameraden herzu. Sie jubelten und weinten bei unserem Anblick, gaben unsern Gliedern die Freiheit und wollten dann mit Kosen und Schmeicheln ihre Grobheit wettmachen. Wir verziehen ihnen gerne. Indessen hörte man vom anderen Ufer her das Schreien der anderen, die man in der Finsternis nicht zu sehen vermochte. Es stellte sich heraus, dass sich vier auf der drüberen Seite gerettet hatten, der Ginner fehlte. Aber endlich hörten wir ihn auch schreien. Wir meinten erst, sein Ruf tönte mitten aus dem Bache. Aber dann bemerkten wir, dass er rittlings oben auf dem Querholz unseres Kreuzes saß. Wir hatten das Holz mächtig fest in den Boden gekeilt. Die Flut, die alles mitnahm, riss es nicht um. Während des höchsten Schwalles ging das Wasser dem Manne bis an die Brust, aber er hielt sich fest an dem Stamme. Gegen Morgen konnte er dann herabklettern. Er lächelte nun nicht mehr wie vorhin, sondern nahm erst ernst meine Hand und diejenige meines Freundes und sagte: »Ich habs zuerst nicht geglaubt, dass der, dem ihr das Holz gesetzt habt, davon was gewusst hat ? aber jetzt glaube ich daran. Und ich sehe es jetzt wohl ein, dass es traurig für uns wäre, wenn man alle Zeichen, die dem gesetzt sind, umreißen könnte.«

Stanis Dienstlohn

Da kam einmal vor vielen Jahren ein junges, frisches Weibchen aus dem tiefen Wald in das weite, maiengrüne Tal gelaufen. Strümpfe und Schuhe trug das Geschöpf hübsch in den Händen. Darum gingen die schönen, nackten Füßchen so leicht und flink, dass sich die drei kurzen Leinwandröcke, von denen der oberste blau gedruckt war, hintennach nur so schmissen. Und das spottmagere Wanderbinkelchen flog an langen, weißen Trägern, die vorn über der Brust mit einer schmuckhaften, zweischlupfigen Masche endeten, dem schwarzen, feierlichen Tuchspenser zumeist in der Luft nach. Im Talgrund, wo das steinige, von wilden Hochfluten ausgeweitete Bett des Baches entlang das alte, zerlumpte Dorf steht, tummelte sich das muntere Ding von Haus zu Haus, steckte überall das blühende Gesicht mit den lachenden Blauaugen ein wenig zur Stubentür hinein und rief auf gut Glück in den wildfremden Raum: »Schön guatn Morng. Brauchts koa Dirn? Kunnt glei dobleibn.«

In den Stuben saßen die Leute just beim Mittagmahle, welches überall anders duftete, obwohl nur überall Kraut und Mohnnudeln auf den Tischen standen. Denn es war an einem Samstag, und das ist seit jeher Mohnnudeltag.

Da hätte es die Dirne mit ihrem Gesicht und ihrer Stimme leicht verschulden können, dass einem Knecht oder gar einem Bauernsohn eine Nudel im Hals stecken geblieben wäre. Geschah aber weiter kein Unglück. Nur hie und da belächelten scharfblickende Weiber einen oder den anderen aus dem jungen Mannsvolk, der rötere Wangen und ein leuchtenderes, begierlicheres Geschau hatte, wenn er das Letztere anstandshalber von der Fremden abwenden musste.

Nur in einem Gehöfte erging es dem jungen Bauern etwas schlimmer. Der lenkte just eine Fracht Mohnnudeln zum Mund, kam aber zu hoch, malte sich mit dem siruptriefenden Holzlöffel einen artigen Schnurrbart auf die frischrasierte Oberlippe und ließ die Nudeln in die Schüssel zurückfallen, als das schöne Gesicht zur Tür hereinguckte und die helle Stimme tönte.

Während sich der Mann die Dirne besah, leckte er sich, ohne damit etwas anderes andeuten zu wollen, mit gelenker Zunge fein säuberlich die süße Lippe rein. Und das kam der eifersüchtigen Bäuerin so verdächtig, so lüstern vor, dass sie in aufquellender Erbitterung nicht anstand, ihren Mann vor sämtlichen Hausgenossen in die Schande zu stellen.

»Da schauts«, rief die Ungerechte, »wia si unser Bauer ableckt, wann er a solchene siacht.«

Daraufhin errötete die Dirne und lief, ohne sich noch umzusehen, schleunig um ein Haus weiter.

Hie und dort wurde sie aufgefordert, vollends einzutreten, und man fragte sie dies und jenes. Aber wer keine Magd braucht, nimmt eben keine.

Woher sie sei, wurde sie meist zunächst gefragt. ? Zutiefst aus dem Walde. ? Wie sie heiße? ? Stani. ? Und wem sie angehöre? ? Einem Holzhauer, dem nach seinem gottseligen Weib eine Stube voll Kinder hinterblieben ist, die halt nach und nach aus dem alten Nest müssen und ihr Fortkommen suchen.

Wo und wie lange sie schon diente? ? Seit kleinauf bei so einem notigen Fretter, einem armen Waldbauern, der statt Wiesen Moore, statt Felder Steinhalden hat, alle Wochen sechs Fasttage und am Sonntag nichts zu essen. Dann begehrten wohl auch vorwitzige Burschen zu wissen, wovon sie so rund und mollig sei, und mitleidige Bäuerinnen luden das Mädchen zum Mitessen ein.

Darauf sagte es scherzend, dass es keinen »Nudelschlunden« habe. Es hungerte sie wohl, aber sie konnte sich aus purer Scham und Schüchternheit nicht entschließen, eine dieser Einladungen anzunehmen.

Als sie nur noch drei Häuser vor sich sah, wurde ihr auch ein wenig bange. Das drittletzte Haus des Dorfes war das größte von allen, aber auch das vernachlässigteste. Das Stroh auf den Dächern war verfault, die niederen Lehmwände durchweicht, von dem Scheunentor hing der eine Flügel heraus, der andere hinein, und davor auf dem dürren Anger warteten ein paar so sündmagere Kühe, wie solche der ägyptische Josef im Traum gesehen haben mag, anscheinend mit Sehnsucht auf den Tod.

Stani entsetzte sich groß bei dem Anblick dieser Tiere, die sie alle mit so traurigen, flehenden Blicken ansahen, dass sich auch gleich ein mächtiges Erbarmen in ihr regte und eine kaum kleinere Empörung über die in dem Hause wohnenden Leute. Mit diesen Gefühlen stürmte sie förmlich durch den großen Hofraum und übersetzte mit einem kecken Sprung eine Jauchenlacke, ohne lange nach deren Tiefe zu raten.

Die Stube war zu Stanis Erstaunen frisch gescheuert, und an dem weißgedeckten Tisch saßen zwei junge, bildsaubere Leute hart nebeneinander. Und vor ihnen stand eine Schüssel voll Milch, aus welcher nur ein helles, blaues Dünstchen stieg.

Der Bauer war ein schlanker, brauner Bursche und die Bäuerin ein seltsam feines Geschöpf mit einem über und über gleich rosigen Engelsgesicht und mit prunkendem, blondem Haar. Aber Stani ließ sich durch das Äußere der beiden nicht irremachen, sondern platzte gleich heraus: »Mir scheint, Ös vergessts über lauter Liab auf Enk selber und auf Enker Viach a. Schamts Enk!«

Weil sie dann nichts mehr Rechtes zu sagen wusste und die zwei Leute so groß auf sie sahen, wurde sie verlegen und wollte darum wieder schnell davon.

Aber der Bauer schrie: »Halt!«

»Na?« fragte Stani und sah über die Achsel nach den beiden zurück.

»Was willst denn Du eigentli?«

Da wandte sich Stani doch wieder um, suchte eine Weile nach Worten und sagte endlich: »Fragn hab i wolln, obs a Dirn brauchts. Aber wia i dös Viach dersehgn hab, is mir der Gusto zu Enk verganga. Pfirt Gott!«

»Halt!« schrie der Bauer. ? »Na?« ? »Dableibst, Potscherl. Mir habn ja erst vorgestern zsamgheirat.«

»Aso«, sagte Stani und lachte. »Da grämt si halt das Viach über dö Heirat a so. Hat eh alle Ursach. Eh.«

»Bist Du an Hamptigi«, verwies sie der Bauer. »Mir san ja erst heut da einzogn.«

»Was? Des seids koas von dem Haus da?«

»Gebürti bin i ja da«, antwortete die Bäuerin. »Aber halt seit meiner Kindheit nit dagwest. Mei Voda und mei Munda sein ausanand ganga. Woaßt, weils nit recht zsammgstanden sein. I bin bei der gottsölign Muada aufgwachsen. Mein Vodan hätt i eh ner girrt da am Haus, und drum war koa großs Griss um mi. Seit dö letzten Jahr hab i mi als Bauerndirn umgschlagn und dabei is mir mei Mann unterkema. Und hiatzt stirbt vor an Jahr mei Voda und vermacht mir dö unsinnige Irbschaft ? das Haus. I hab mir das gar nit derhofft. Und hiatzt bin i auf amal a großmächtigi Bäuerin.«

»Woaßt«, sagte der Bauer in erklärendem Ton, »mir nehmens von der lustigen Seiten. Zu dem Haus hätt si mei Weiberl oan mit a paar Tausender heiraten solln, nit an Bettelbuabn wia mi. Aber weil mir halt schon so guat warn, hat uns dö groß Irbschaft nit vonand bringa mögn.« Und dann lachten sie beide recht vom Herzen.

»Aha«, machte Stani. »Ös habts wahrscheinli weniger als nix gerbt, das hoaßt, an großen Haufen Schulden.«

»Ja, ja. Hasts schon derraten«, antworteten die zwei.

»A versoffni Wirtschaft is halt«, fügte der Mann hinzu. »Unsre Gläubiger lassn uns nur grad aus Gnad und Barmherzigkeit da. Sö derwartens gar nit, dass mir d Prozenter zahln werdn. Und wir wollens halt probieren, obs geht. Mein Wei ihr Voda war a ?« Er sah sein Weib an, ob er es sagen dürfe, indes hatte es Stani schon ergänzt: »A Lump! Und ös seids Narren«, setzte sie hinzu. »Um so a Werk nehmts Enk an.«

»Eh nur hetzhalber«, entschuldigte der Bauer.

»Tuat ja nix, wann mir in a paar Jahrln wieder davon müassn«, sagte das Weib.

Darauf wieder er: »Tuat eh nix. Ärmer als mir einzogn sein, können mir nit ausziahgn.«

»Ner recht ausgrackert und ausghungert werdn ma nach a paar Jahr sein«, meinte sie ein wenig kleinlaut.

»Ah was!« warf er hin. » I werd Dirs schon leicht macha. Wann i mei Stärk nit kennat und koa Freud zan Arbeitn hätt, war i zerst nit herganga. Aber Herrgott! Wann a jeder Bauer so viel Schneid und so viel Lust in eahm hätt wia i...« Da sprang er auf, ließ die schönen strammen Beine knacken und reckte die starken Arme.

»Mir scheint«, sagte Stani, als sie sich den prächtigen Mann einmal von oben bis unten betrachtete, »Du nimmst Dirs do schö fest vor, das Haus zan Derretten. Und mit Deinm guatn Muat kanns Dir am End glinga.«

»Moanst?« fragte er, ihr lachend in die Augen sehend.

»Ja, ja, i hoff. I vergunat Enks. Ös seids a Paar rare Leut. Kenn mi scho aus. Und wanns a Dirn brauchts, so bleib i da. Mit Freuden. Mir scheint, ös habts eh no neamd um Enk.«

»Koan Menschen«, sagte die Bäuerin. »Wir habn gmoant, dass mir die ganz Arbeit alloan zwinga werdn. Aber es wird uns halt am End do zstark. Dreißg Joch Föld, fünf Küah, zwoa Ochsen ? da gibts was ztoan. Na, wiast halt moanst, Hansl. Baur bist Du.«

»Bild mir a was ein drauf, so viel, dass i von derer Einbildung nit so leicht lass«, sagte er. »Also, Du bleibst da. Aber halt zwegen dem Deanstlohn is! Werd Dir nit viel zahln könna. Und mehr versprechn als zahln, will i a nit gern. Dös is halt a hoakliche Gschicht mit dem verflixten Lohn. Bei mir hängt alls vom Glück ab?«

»Das brauchst mir net sagn«, sagte Stani, und dann rief sie mit leuchtenden Augen: »I pfeif aufn Lohn. Schatz mirs zan an Ehr und is mir a Freud, wann i so zwoa bravi Leut zu ihrem Glück behilfli sein kann. An Acker Hör (Flachs) lass mir und zan Essen gibst mir was und?«

Da hielt sie ihm die kleine braune Hand hin, damit er einschlage. Er aber sah sie lange fragend an und sprach:

»Du muasst a guldas Herz habn, aber so viel kann i von Dir nit verlanga. Es kunt di a bald greun, was D da eingehn willst und?«

Stani warf den Kopf zurück. »Nia! Was i red, das muass geltn. Aber sobald i siach, dass Enk greut, geh i halt wieder, oder mir machn dö Gschicht anderst. Derweil bleib i ohne Lohn und hilf Enk nach Kräften. Wissts, i muass Enks schon sagn, i arbeit mi viel leichter und freier ohne Lohn, denn was hiatzt auf der Welt Lohn hoast, das is nit zgleich Dank. Es is a schundlicha Brauch, das ma alls fürs Geld tuat, für dö dumm Spielerei und gar nix für das Rechti und Ernsthaftigi. Für meine Leut dahoam kann i nix toan. Mei Voda sagt zu uns Kina: ?Ös habts dö gradn Glieda und Enkern Verstand und hängts drum oas von andern nit ab. Schauts, dass auskemmts und suachts Enker Glück.? Aber redn mir nit lang«, unterbrach sie sich, »lassts mi da oder nit? Bäuerin, glaubst am End, dass ma dei Mann a bissl zgut gfallt, und dass i drum so a billige Dirn abgebn will?«

Darauf lachte die Bäuerin nur und sagte: »So weits Enk Ös zwoa gfalln derfsts, lass i s schon geltn. Und gfallts Enk mehr, so wird i mi a zum Derhaltn wissen. Zwegn den hats koa Sach. Weilst aber koan Lohn willst, so will i nit, dass mir zananand Dirn und Bäurin sagen.« ?

»Wia denn sonst?« fragte Stani.

»Schwester und Schwester.«

»A recht. I hoaß Stani. Auf a paar Gschwister kommts mir nimmer an. Woaßt? Wie hoaßt denn?«

»Resei.«

»Woaßt, Resei, mit der Liab is a eigni Sach. Je mehr man d Liab teilt, desto größer wirds.«

Dann küssten sich die neuen Freundinnen, und wie sich Wange an Wange schmiegte, vereinigten sich zwei Tränen, von denen die eine aus einem blauen, die andere aus einem braunen Auge kam, zu einer einzigen, um die dann schade war, dass sie zu Boden fiel.

Der Bauer aber ging in den Obstgarten, der vor den Stubenfenstern lag, und sang unter den knospenden Zweigen in den Maientag hinaus:

»Wann s in Himmel no schöner war
Als da herint,
Da gang i nit eini,
Furt ma a Sint.«

Das war vor vielen Jahren. Seitdem haben die drei Verbündeten vor den Augen aller Dorfleute Wunder über Wunder gewirkt. Noch an demselben Samstag gingen die drei, nachdem sie zusammen die abgekühlte Milch ausgelöffelt hatten, an das Werk.

Und sie arbeiteten und rackerten tagein ? tagaus, jahrein ? jahraus. Frühmorgens sang Stani die Eheleute aus dem Schlaf, dass sie gerne aus dem Bette sprangen, und spät abends sangen sie alle drei von den Feldern heimzu, auf denen sie immer zu wett arbeiteten.

Nach drei Jahren war kein Stein auf diesen Feldern, kein Sumpf in den Wiesen, und im Stall standen sieben Kühe, bei deren Anblick die Bäuerinnen des Dorfes neidgelb wurden und sagten:

»Da is der Herr Teufel im Gspiel, sonst wär das alles nit mögli.«

Und eben weil es mit rechten Dingen zuging, kam es so.

Als die Drei fünfzehn Jahre lang gewirtschaftet hatten, immer mit dem gleichen Eifer und dem gleichen fröhlichen Mut und der sechzehnte Mai ins Land zog, da fielen sie eines schönen Morgens wie voller Ingrimm über die alten Dächer des Hauses her und deckten ab, dass die Fetzen flogen.

Drei blonde Jungen halfen auch schon bei dem Zerstörungswerk, und ein vierter heulte unten im Garten, weil man ihn nicht auch hinauf und mittun lassen wollte.

Und im Dorfe entstand ein Geschrei, dass die Drei närrisch geworden seien.

Dem war nicht so.

Sie wollten ein neues Haus haben, und es bereitete ihnen nur Vergnügen, die alte Ruine vollends einreißen zu dürfen.

In den fünfzehn Jahren waren sie mit den Schulden fertig geworden, und jetzt machten sie neue.

Da konnte man ihre Courage und ihren Unternehmungsgeist sehen. Nach weiteren fünfzehn Jahren aber war auch das schöne neue Haus, das im Dorfe nicht seinesgleichen hatte, bezahlt.

Da hatten freilich schon zwei stämmige Burschen tüchtig mitarbeiten und verdienen geholfen. Die anderen zwei waren in die Welt gezogen, und was die auch von sich hören ließen, war danach, dass sich drei alte, ausgerackerte Leutchen irgendwo heimlich zusammenstellen konnten, einander stummselig Beifall zunicken und ein Freudentränlein weinen.

Und noch ein paar Jährchen und ?

Dann wurde in dem schönen Hause drei Tage gesotten und gebraten, und am vierten Tage führte der neue Hausherr ein junges, frisches Walddirndl daher, eines, dem der grüne Kranz gar schön zu Gesicht stand, obwohl es nicht so reich war, sich den letzteren selbst zu kaufen.

Und dabei spielte die Musik, krachten Böller und stiegen die hohen Jauchzer in die klare Luft empor.

Hinter dem Brautpaar kam ein schöner junger Herr mit weißen Handschuhen und einem Zylinder. Das war der zweitälteste Sohn der Alten, ein wohlangestellter Werkmeister einer großen Fabrik.

Der hatte sich eine besondere Kranzljungfer ausgesucht: die Stani.

Sie wollte ihm zuerst durchaus nicht mitgehen. Aber es nützte sie nichts. Sie musste. Er sagte, dass für sie kein schicklicherer Platz sei im Hochzeitszug.

Einen Kranz trug sie freilich nicht, obgleich ihr ein grasgrüner in das weiße Haar gehört hätte, einer mit kleinen Blumen, mit rotem Gold und leuchtendem Edelgestein.

Die Dorfleute nahmen es ihr auch nicht für übel, und nicht einmal die fünf anderen Kranzljungfern, dass sie gleich hinter der Braut herging. Im Gegenteil, man wusste ihr Dank, weil sie den Spaß nicht verdarb.

Hinter den Kranzljungfern wackelten die Eltern des Bräutigams. Die Braut hatte niemanden mehr. Und die beiden alten Leute nickten sich, wie es seit Jahren so ihre Gewohnheit war, in einhelligem Verständnis still glücklich zu.

In der festlich herausgeputzten Stube aber stellte sich der Alte vor die Musikanten und sang:

»Wanns in Himmel no schöna war
Als da herint,
Da gang i nit eini,
Furt ma a Sint.«

Während die Musik in die Ländlerweise einfiel, rempelte die alte Bäuerin die erste Kranzljungser ein wenig an: »Kennst Di aus. Stani, dös singt er uns zwoa z Ehrn.«

Und Stani nickte beseligt: »Eh, eh.«

Nach ein paar anderen Gstanzeln ging dann ein Ländler an, und da wollte der Werkmeister, wie es sich schickte, zuerst seine Kranzljungser zum Tanz nehmen.

»Jessas!« schrie sie und fuhr sich an den Kopf.

»Was is denn?« fragten erschreckt die Umstehenden.

»Jessas!« wiederholte sie. »Eh, wenn i in dös Haus kemma bin, hab i tanzt als wia a Kanarivögerl. Und hiatzt hab is rein vergessn. Nit an oanzigsmal bin i seit der Zeit zum Tanzen kemma. Rein vergessen hab i draf.«

»Und auf d Liab hat unser Kranzljungfer a vergessn«, sagte ein alter Nachbar.

»Auf d Liab? Aua. Dö hab i nit vergessn. Und wann i s vergessn hätt ? d Dorfmänner hättn mi scho wieder drauf erinnrert. Ös Sakra, ös! Habts am End zweng angfensterlt bei mir?«

Das konnten die Alten nicht widerstreiten, und sie gaben es auch zu, dass sie vor Stanis Kammerfenster eine tiefe Grube ausgetreten hatten.

»Einiglassn hats koan«, hieß es.

»Weil halt nit der Rechte kemma is«, sagte sie.

»Ja! Weils Dir nit Zeit gnumma hast, den Rechten anzhören, weil Dir vom Anfang koaner so liab war, als Dei nächtliche Ruah. Dass D nur Tags drauf hast rüstig und frisch bei der Arbeit sein könna!«

»Na, so sagn ma halt, i hab aufs Heiraten vergessn«, sagte sie. »Aber af d Liab nit. Gelt na, Baur?«

»Auf d Nächstenliab nit«, sprach dieser. Dös kann i beweisen, und dö heutige Hozat beweists a.«

Dann versuchte die erste Kranzljungfer halt doch einen Fürzwengerischen. Und er ging. Sie hatte ihn nicht vergessen und tanzte ihn putziger als alle Jungen.

Deshalb bekam sie von dem Mannsvolk die ganze Nacht keine Ruh und tanzte den Letzten am andern Tag bei Sonnenanfgang.

In ein paar Tagen nach der Hochzeit zogen die Alten hinüber in das neue, schmuck eingerichtete Ansnehmerhäusel.

Endlich wollten sie rasten.

Stani wollte beim Umziehen helfen, aber sie hatte vom Tanzen einen geschwollenen Fuß bekommen, und darum ließ man sie nichts arbeiten.

Da wurde sie böse, denn sie hielt das für die erste Beeinträchtigung ihres Wirkungskreises.

Sie schwieg aber bis zum Abend. Als dann die zwei Alten zum ersten Male beisammen an einem Fenster des Raumes saßen, an welchem sie nun den Rest ihres Lebens verbringen sollten, kam Stani zu ihnen hinüber.

»Drent wolln s mi zu koaner Arbeit mehr lassen«, sagte sie spitzig. »So mach i halt Feierabend. Aber zwoa, drei Jahrln hätt i scho no d Stallarbeit versehen.«

»A na«, sagte der Bauer. »Gib schon a Ruah, Stani. s hat alls sein Zeit.«

»Guat«, sagte sie. »So geh i halt hoam in ? tiafn Wold.«

»Was?« schrien die beiden wie aus einem Munde, als ob sie allzugleich in die Herzen gestochen worden wären.

»Na, na!« rief Stani »Toats nit so schiach. Was tat i denn bei Enk?«

»Dei Lebtag hast nit so dumm gfragt«, warf der Bauer ein.

Aber Stani fuhr fort: »In Wold lebt no a meinische Schwester, dö ladnt mi schon längst ein, i soll bei ihr ablebn. Kost mi koan Kreuzer bei ihr.«

Der Bauer stand auf und sah ihr in die Augen.

»Willst uns seckiern, alter Schelm, gelt. Tuas nit. Es tuat weh.«

»Viel z weh«, stöhnte die Bäuerin. »Wann ma so lang nebenanand gstandn is, treu und tapfer, oa Freud und oa Load ghobt hat, und nachher war oas aus lauter Bosheit im Stand, das andere in Stich zlassn! Na! Auf so an grausama Übermuat müasst der Blitz von hoatern Himmel?«

»Stad sei«, sagte der Bauer. »Sie muass ja bleibn.«

»Na, i muass nit. I ghör jetzt von Rechtswegen in n tiefn Wold, von wo i herkemma bin. Und dass mi hiatzt nit mehr hoamzihgt, dass i nit mehr s Hoamweh gspür, das halt i für a sündlige Verstocktheit. Aber i kann nit dafür.«

»Dei Hoamat is jetzt bei uns, Du hast koan andere mehr«, sagte der Bauer.

»In Wold hast Dir koa Hoamatrecht verdeant wia da bei uns. Du hast im Wold alls verlorn, was D bei uns gwonna hast.«

»Dös is freili wahr«, murmelte Stani. Und als sie dann in das Gesicht der Bäuerin sah und dasselbe so schmerzverzehrt und vergrämt wie noch nie fand, da drehte es ihr das Herz um, und sie hätte sich in jäher Reue über den törichten Entschluss, der freilich kein fester war ? die weißen Haare ausraufen mögen. Darum setzte sie leise und weich hinzu: »Na, weils sei muass, so bleib i halt da.«

»So bist brav«, lobte der Alte. »Lasst do no was redn mit ihr, d Stani.«

Und dann richtete er gleich scherzend die Worte an sie: »Was moanst denn? I müasst Dir ja Dein Lohn auszahln, wannst fortgangst.«

»Mein Lohn? Jessas richtig, mein Lohn! Den hätt i rein vergessn.«

Da lachte die Bäuerin auch schon wieder.

»Mein Lohn! Guat, dass ma koan ausbedungn habn. I bin a so besser dazua kemma. War das schändli, wann i jetzt mit an Binkel Geld hoamscheppern müasst und sagen: »Schauts her, dös Teufelzeug, dö dumm Kinaspielerei is mei Lohn für das und das. A na, da hab i schon an bessern Lohn.«

Und sie fiel stillmeinend der Bäuerin in die Arme. Dann saßen die Drei bis tief in die Mondnacht hinein beisammen und plauderten süß und traulich von einem Leben, das ihnen jetzt vorkam wie ein einziger, schöner Sonnentag, der nun still und klar zur Neige geht.

Faschingsbraut

In dem hochgelegenen Böhmerwaldtale war es wieder einmal vor der rechten Zeit Winter geworden. Da blieben nun die Erdäpfel und der Waldhafer bis zum Frühjahr unter dem klafterhohen Schnee, und die armen Bergbauern konnten wieder zeigen, was für tüchtige Hungerkünstler sie waren. Dem Kleppner Festl hatte es sogar seine siebzig Kornmandeln verweht, dass auch nicht ein einziges aus dem Schnee lugte. Der Festl war freilich mit der Not schon so befreundet, dass er den lustigsten Scherz mit ihr trieb.

Aber sein Sohn, der Jürg, murrte den ganzen Winter lang wider sie. Dem ging es nämlich im Sommer gar zu gut. Da war er bei den Holzflößern verdingt und fütterte sich dort so hübsch aus, dass man die Augen auf seinem blühenden Leibe stehen lassen musste. Und jetzt sah er sich hier von seinem schönen Fleische fallen, ohne etwas dagegen tun zu können, denn es gibt im Winter für den Bergbauern so wenig einen Verdienst als für den Hamster. Jürg glaubte, den Essvorrat, welcher bis zum Frühjahr reichen sollte, ohne Mühe in einem Monat verzehren zu können. Nur eine süße Hoffnung verlieh dem Jungen bei der notseligen Hausordnung Mut und Geduld. Das war die Hoffnung auf den Fasching. »Am Faschingsdienstag, da will ich mich anessen«, sagte er mit guter Zuversicht. »Da leg ich mich an, halb winterlich, halb sommerlich, halb reich, halb arm, halb schön, halb schiech, halb lustig, halb traurig, kurzum ? ganz halb, und mit einem Wort ? närrisch, und tu auch so. Einn strohwern Dreschflegel nehm ich, mit dem derschlag ich einn jeden, der über mich nit lacht; einen papierenen Mühlstein, mit dem dersäuf ich, was über mich nit weint, und einen langen Spieß, an den steck ich das Fleisch, das der dumme Magen nicht fassen will.«

Der Kleppner Festl ließ seinen Jungen toben. Er dachte daran, dass er auch getobt hatte, als er so heißhungrig und heißfühlend gewesen war. »Traurig genug, dass sich das legt«, sagte er. So ging denn der Junge in einer Maskerade, an welcher er schon lange zuvor gearbeitet hatte, am Faschingsdienstag hinunter in das Kirchdorf, wo man solche Zeiten noch ganz nach dem alten deutschen Bauernbrauch hielt. Das Wetter leistete an diesem Tage der Narretei eigens Vorschub. Ein leuchtender Himmel lag über den Bergen, und damit diese in ihren schwarzen Tannenkleidern nicht gar so ernst und feierlich aussahen, hatte der Westwind einen jeden Baum einseitig angereift und somit den Wald gescheckt. Der Schnee, welcher die Leute noch gestern tief einsinken ließ, »trug« heute, das heißt, er hatte eine feste Eisrinde, auf welcher man von Hof zu Hof konnte, dass es eine Freude war.

In aller Morgenfrühe ging das übliche Treiben los. Zuerst lief des Faschings Büttel mit seinen Schergen herum und tat in den Häusern alles Mögliche, um für diesen einen Tag alle rechte Arbeit und alles gescheite Denken zu verhüten. Was die in den Haushaltungen aufzuführen verstanden, ist nicht zu beschreiben. Sie wussten ebenso fein als derb zu spaßen. Nach dem Büttel ging die »Faschingsbraut« mit dem »Braschenweibl« die Haussteuer absammeln. Die tat nun so bräutlich ehrsam und bescheiden, als ob sie von dem Unfug, der ihretwegen eben getrieben worden war und noch getrieben werden sollte, keine Ahnung hatte. Sie wurde überall mit großen Ehren zu Tisch geladen und mit dem schalkhaftesten Ernste um alles Mögliche befragt, worauf sie lauter ebenso ernsthafte Antworten gab. Und wo sie zum Beispiel aus Geschämigkeit im Reden ermangelte, half das Braschenweibl heraus, beziehungsweise hinein. Sonst war die Braut gewöhnlich ein verkleideter Mann. Aber diesmal hatten sie die Kather überredet, die Braut zu machen. Sie meinten, dass der Spaß besser würde, wenn sich dieses Weib dazu hergab, welches allgemein für einen Halbnarren galt.

»Anders kommst Du eh nimmer zum Heiraten!« sagten sie ihr. »So heirat doch wenigstens für diesen Tag.« Und sie ließ sich nicht lange bitten. Einen Menschen, der sie abgeredet hätte, besaß sie nicht. Sie war die Tochter eines armen Flickschneiders, mit dem sie auf der »Stör« herumging, bis er starb. Dann ging sie allein nach den Häusern. Von seinem Handwerk hatte sie nichts erlernt. Dafür war sie aber zur groben Bauernarbeit brauchbar geworden. Sie hielt aber bei keiner Arbeit und in keinem Hause stand, weil sie eben das Herumziehen gewohnt war. Sie ging, sobald sie sich irgendeinem Willen fügen oder irgendwo gehorsamen sollte.

»Du brauchst niemandn zfolgen!« hatte der Flickschneider immer zu ihr gesagt, wenn sich jemand das mindeste Recht oder den geringsten Einspruch auf ihre Erziehung anmaßen wollte. Er war sonst grundgescheit gewesen, aber in der überzärtlichen Liebe zu seinem Kinde war er ein Narr, und damit machte er es auch zu einem Narren. Sie wäre freilich nicht so außergewöhnlich groß und stark geworden, wenn er nicht mit so übertriebener Sorgfalt darauf gesehen hätte, dass man sie in den Bauernhöfen bestens traktierte. Nach seinem Ableben musste sie vieles Liebgewohnte schwer entbehren. Aber im Allgemeinen veränderte sie doch ihren Sinn nicht mehr, als sie sich allein durchschlagen musste. Sie arbeitete jetzt zwar um ihr Brot, ließ jedoch demjenigen die Arbeit leicht liegen, welcher ihr vor derselben zu essen gab. Die Talbauern sahen sie trotzdem immer wieder gerne kommen, denn die Not um Arbeiter und die Freude an einem Menschen, der sich derb hänseln ließ, war hier etwas Beständiges. Und die Kather war just wie geschaffen, den Leuten einen Narren abzugeben. Weil man sich nicht anders als spaßhalber um sie kümmerte, war ihr mit der Zeit auch dieser Verkehr so lieb geworden, dass ihr ordentlich bange ward, wenn man sie in Ruhe ließ. Als sie von dem übermütigen jungen Volk des Dorfes zur Faschingsbraut erkoren wurde, fühlte sie sich über die Maßen geehrt. Man versprach ihr einen Bräutigam herzugeben, an dem sie ihre Freude haben konnte. So viel außerordentlich Liebes wusste man ihr von diesem Bräutigam zu erzählen, dass sie schließlich eine ihr vorher völlig unbekannte Sehnsucht nach ihm empfand.

In ihrem ganzen Leben hatte sie sich auf nichts so gefreut, wie auf diesen Faschingsdienstag. Nun wurde aber der, welcher den »Fasching« ihren Bräutigam machen sollte, in der letzten Stunde krank. Da kam nun der Jürg in seiner Maskerade dem jungen Volk wie gewunschen. Es erkannte ihn niemand in seiner Vermummung. Sie meinten, einer aus dem Dorfe hätte sich so schnell zum Nothelfer gemacht. Und Jürg bewies ihnen auch gleich, dass nicht leicht einer zum »Fasching« so tauglich sei wie er. Seine Braut empfing er mit den spottvollsten Liebesbezeugungen. Sein Jubel war um das zu laut, was der ihre zu heimlich war. Sie vergaß förmlich, dass sie keine wirkliche Braut war, sondern die »Faschingsbraut«. Was ihr die anderen von ihm erzählt hatten, fand sie alles an ihm in einem wundersam verklärten Maße, obwohl sie kaum sein Gesicht hinter dem dreifärbigen, falschen Barte und dem närrischen Farbenanstrich zu erkennen vermochte. Selbst an seinen buntscheckigen Lumpen war ihr alles eitel Reiz und Herrlichkeit. Es stach freilich durch seine Vermummung, dass er der hübscheste von allen Burschen war. Und man sah, dass ihn auch gleich alle für den lustigsten und witzigsten anerkannten. Kather war nicht so dumm, um nicht zu wissen, dass er ihr alles Liebe spaßhalber sagte. Dabei war ihr aber doch alles tiefer Ernst, was sie ihm spaßhalber antwortete. Sie war bei ihrer erwachenden Liebe plötzlich wunderklug geworden.

Am Nachmittag kam der Faschingszug und, was ihm nachlief, an alle Häuser. Überall wurden zuvor die Stuben in Tanzböden verwandelt, und ein Bauer suchte den andern in der Bewirtung des lustigen Schwarmes zu übertreffen. Jürg, der furchtbar hungrig und durstig in das Dorf gekommen war, tat sich nun mit aller Macht gütlich. Das war ja nun endlich ein Tag, an dem er sich sättigen konnte. Es fiel ihm gar nicht ein, sich eine Mäßigung aufzuerlegen. Da war er denn schon im dritten Hause ziemlich angeheitert. Infolgedessen trieb er es auch mit seiner Braut immer toller. Er missfiel ihr aber auch in seinem größten Übermut nicht. Freilich wurde sie fortgesetzt um das stiller, was er zu laut wurde. Da fanden viele, dass sie diesmal doch eine zu langweilige Faschingsbraut hatten. Ihre Vorgängerinnen waren sonst immer recht bald volltrunken und zu den derbsten Späßen aufgelegt gewesen. Jürg durchsah die arme Närrin gleich vom Anfang. Sie tat ihm fast ein wenig leid. Aber er vergaß bald in seinem Taumel der rechten Rücksicht gegen sie und wollte sie dann mit aller Gewalt zum Übermut reizen. Als er dabei, noch halb im Spotte, etwas gar zu zärtlich wurde, lief ihm Kather davon. Er verfolgte sie und holte sie in einer stillen, dunklen Kammer ein. Das hatte sie aber beileibe mit dem Davonlaufen nicht erreichen wollen. Und hier ? es hatte wohl sein Rausch die Schuld, dass er ihr von Liebe sprach, bis er selbst daran glaubte.

Sie glaubte ihm nun auch.

Wenn sie da gewusst hätten, wie bald seine Liebe vergehen und wie lange die Ihrige bestehen würde, da wäre es jetzt vielleicht anders gewesen.

Aber da geschah nun dasjenige, was so lustig war und zugleich so traurig. Die Fastnacht verging, ohne dass ein drittes von dem etwas ahnte, dass der Fasching mit seiner Braut inniger verkehrt hatte, als es der Brauch wollte. Der Jürg zog am Aschermittwochmorgen mit einem Spieße voll Selchfleisch seinem Berg zu, und kein Mensch erfuhr, wer der vermummte Spaßmacher gewesen sei. Auch der Kather hatte er seinen Namen nicht gesagt, noch das Geringste von seiner Herkunft. Und sie war gar nicht dazu gekommen, ihn zu fragen. Sie glaubte aber doch erst sicher darauf hoffen zu dürfen, dass er sie bald wieder aufsuchen werde. Aber zu ihrem wachsenden Schmerze blieb er aus. Sie fragte ihm nach, erst verstohlen, und dann, als sie in der beginnenden Verzweiflung der Scham vergaß, öffentlich. Aber es konnte ihr niemand eine Auskunft geben, im folgenden Winter genas sie eines Knaben. Die ehrenbraven Bäuerinnen hatten sich der armen Verlassenen in der Not angenommen, wie es sich gehörte. Freilich den Spott unterließen sie nicht bei dem Werke der Barmherzigkeit. Sie konnten es sich nicht versagen, der Kather immer wieder um dasjenige zu befragen, worauf sie nun eine gar so sonderbar lustige und traurige Antwort gab.

»Sag doch, Kather, von wem hast denn das Bübl, von wem denn nur?« fragten sie immer wieder.

»Vom Fasching«, antwortete sie in aller Ernsthaftigkeit. Und sie merkte es nun kaum, dass sich die Leute die Zungen verbissen, um nicht hellauf zu lachen.

»Vom Fasching hab ich n«, sagte sie allen Leuten. Und erst seitdem sie das sagte, war sie ein ganzer Narr geworden. Ehedem wäre vielleicht doch ein halbwegs richtiger Mensch aus ihr zu machen gewesen. So ging sie nun mit ihrem kleinen Simerl von Haus zu Haus. Und es dauerte nicht gar lange, da konnte sie es schon den närrisch Lachenden närrisch lachend sagen: »Vom Fasching hab ich n, vom Fasching.« Sooft nun der Faschingsdienstag wiederkam, ging sie mit ihrem Kinde dessen Vater suchen.

»Er ists heuer wieder nit, der Wahre«, sagte sie dann, als sie den jeweiligen Fasching gesehen hatte. »Vielleicht kommt er doch noch einmal.« So hoffte sie immerfort auf ihn. Aber er kam nicht mehr. Erst schwieg Jürg, noch mit seinem Gewissen kämpfend, aus Scham, Feigheit und noch mehreren Gründen, aus denen sich auch andere in ähnlichen Lagen zu verleugnen pflegen. Und als er dann ein Weib geheiratet hatte, das seiner notigen Wirtschaft mit einer namhaften Mitgift aufhalf, schwieg er erst recht. So blieb denn die Kather die Faschingsbraut bis an ihr Ende.

Und ihren Knaben nannten sie des »Faschings Sohn« und verhöhnten ihn, ehe sie noch wussten, was aus ihm werden mochte.

Heilsames Verbrechen

In das Moorholz war ein Auerhahn eingefallen. Festl stand gerade dort, wo sich die Bergstraße an der nackten Steinwand über das weit hinziehende Gewipfel des schwarzen Tannes erhebt, und es verdross den Burschen, nun noch einmal zu Tal zu steigen. Der Hahn war ihm am Morgen bei der Balz auch gewiss. Mehr brauchte Festl nicht zu wissen, als wo das Vieh nächtigte. Übrigens machten die aus dem Moorgrunde aufsteigenden Abendnebel das Schießen schon unsicher. Gegen das leiseste Dämmern eines halbwegs klaren Morgenhimmels hob sich das Waldgeäste viel schärfer ab als jetzt gegen den wogenden Erdgeruch. Festl empfand auch heute ein ganz besonders mächtiges Verlangen, zu der jungen Passwirtin hinauf zu kommen. Tagsüber hielt er auf seinen einsamen Waldgängen die Sehnsucht nach ihr zur Not aus. Aber am Abend zog ihn das einschichtige Wirtshaus auf der Passhöhe an, dass ihn nicht so leicht irgendwo eine Macht hätte zurückhalten können. Bisher tat auch die junge Wirtin ihr Möglichstes, damit ihr Festl zufliege. Sie zeichnete ihn vor allen ihren Gästen auf jede halbwegs statthafte Art aus. Er war freilich als gräflicher Waldheger der vornehmste von denen, die bei ihr Einkehr hielten. Seit die Bahn um das Gebirge ging, kamen nur noch zeitweilig arme Holzfuhrleute über den Berg. Und Festl ließ fast seinen ganzen Gehalt in dem Wirtshause. Vor einem Monat war er mit Sack und Pack aus der alten Hegerhütte vom Moorholz heraufgezogen. Er hatte mit seinen mächtigen Schultern dem morschen Holzbau nur einen Ruck geben müssen, um für den Oberförster einen Grund zu der Übersiedelung zu haben.

»Mein Haus ist zusammengefallen«, sagte er dann zu dem Alten. »Wirds wohl wer umgetaucht haben. Der Wind könnts gewesen sein oder ein Hirsch oder ein Maulwurf.«

»Vielleicht wars der Teufel«, lächelte der Alte, der wohl eine Ahnung von der Liebesleidenschaft des Burschen hatte. »Hüt dich vor dem.«

»Jetzt zieh ich halt in Gottesnamen in das Wirtshaus hinauf«, sagte Festl. »Die Wirtin hat leere Stuben. Und von dort oben überseh ich mein ganzes Revier.«

»Darübersehen und Darinnenstehen ist freilich zweierlei«, meinte der Alte. Aber er ließ den Burschen hinaufgehen. Der Wirtin war es nicht nur des Geschäftes willen lieb, dass er zu ihr ging. Seit den zwei Jahren ihrer Witwenschaft hatte sie sich schon viel nach einem Freund gesehnt. Und da kein besserer kam, war ihr der Festl eben recht. Sie hätte einen anderen ebenso hoch oder noch höher geschätzt, der das wert gewesen wäre. So eigensinnig wie manche Weiber, welche um eines minderen Mannes willen auf einen bedeutenderen verzichten, war Stani durchaus nicht. Vor der großen, stetig wachsenden Liebe des feurigen Burschen wurde ihr nicht im Mindesten bange. Sie hatte vielmehr eine beinahe grausame Freude daran. Zudringlich war er ihr bisher nicht geworden. Er wagte aus lauter Achtung vor der Witwe von der ihn verzehrenden Glut noch gar nicht zu reden. Aber heute kam sein Feuer auf eine unvorhergesehene Art zum Ausbruch. Er saß mit der Wirtin bis spät nach Mitternacht allein in der Stube. Um die Hahnbalz nicht zu versäumen, durchwachte er die Nacht, und Stani leistete ihm dabei wie schon öfters Gesellschaft. Da kam plötzlich noch ein später Gast, ein schlanker, etwas schwächlicher Bursche mit einem fast weiblich zarten, schönen Gesicht und seltsam träumerischen Blauaugen. Der hatte einen schweren Rucksack angeschnallt, und unter dem Arme trug er einen Zitherkasten. Festl erkannte ihn gleich. Es war der Firnlenz, welcher vor zwei Jahren mit der Zither in die Welt ging. Man hielt ihn schon von klein auf im Waldgau für den besten Künstler auf seinem Instrument. Dem Wildheger fiel es auch gleich ein, dass Lenz der Jugendgeliebte der Wirtin war, die dann einen anderen heiratete. Sie hatte zur Übernahme des elterlichen Hauses Geld gebraucht, und Lenz war ein armer Teufel gewesen. Als Stani heiraten musste, ging er fort. Und jetzt war er plötzlich wieder da. Die Wirtin fuhr bei seinem Anblick von ihrem Sitz auf und blieb hernach eine Weile völlig starr und sprachlos. Festl, der sie scharf beobachtete, wurde nicht gleich darüber klar, ob ihr Empfinden ein mehr schreckhaftes oder freudiges war. Sie hatte an den Musikanten schon lange nicht mehr gedacht. Und ehe sie ihn vergaß, hatte sie sich von ihm vergessen gehalten. Dass der noch einmal zu ihr kommen würde, erwartete sie nicht mehr. Aber weil er nun doch kam, wusste sie auch gleich, was er wollte. Bei ihrem ersten Blick in seine großen, leuchtenden Augen sah sie, dass seine Liebe die alte geblieben war, während die ihre verging. Da fühlte sie beinahe etwas wie Scham, Reue und Rührung. Und sie sah, dass es nun doch viel schöner gewesen wäre, wenn sie durch die Zeit mehr Gefühl für ihn bewahrt hätte. Sie wusste auch gleich, wie sie sich zu ihm stellen würde, wenn die Gründe seines Kommens wirklich diejenigen wären, welche sie so genau zu erraten glaubte. Der Firnlenz vermochte lange keinen Blick von ihr abzuwenden. Er sah noch ganz sein früheres liebes Dirndl in ihr, das er in der Ferne so unwandelbar geliebt hatte. Nur dass sie sein Kommen nicht gleich wie ein schon sicher erwartetes hinnahm, war ihm befremdlich.

»Das hast Du Dir doch wohl denken können, dass ich komme«, sagte er.

»Nein«, sagte sie ehrlich, »auf das hab ich schon lange nimmer gehofft.« Und fast bittend setzte sie hinzu: »Das musst Du mir schon verzeihen.«

Er lächelte ein wenig wehmütig. »Nun ja, ja, wenn es Dich nur jetzt wieder freut, dass ich da bin.«

»Das gewiss, ganz gewiss«, bekräftigte sie innig.

»Warum ich da bin, das weißt Du aber?« forschte er gespannt. Sie nickte ihm beruhigend lächelnd zu.

»Dann ists gut«, sagte er, »dann kann ich mich hier mit den rechten Gefühlen zur Rast setzen.«

»Hunger wirst Du wohl haben?« fragte sie.

Lenz schüttelte den Kopf. »Nein. Um jetzt essen zu können, bin ich rein zu glückselig. Aber trinken will ich, trinken!«

»Ich auch!« rief der Wildheger und leerte den noch ziemlich bedeutenden Inhalt seines Glases. Lenz sah der Wirtin mit einem seligen Blicke nach, während sie über die Stube nach der Kellertür ging. Er fand ihre schlanke, stolze Gestalt kaum verändert. Seine Augen waren noch völlig glückstrunken, als sie hernach Festl trafen.

»Sie ist noch immer die Alte«, sagte Lenz in ahnungsloser Innigkeit.

Festl lächelte bitter. »Ja, für Dich ist sie es gerade wieder geworden.«

»Auch recht«, sagte Lenz. Er hatte keine Ahnung, mit welchem Maße von plötzlich entstandener Feindschaft und Eifersucht er es da zu tun hatte. Dann fuhr er fort: »Jetzt steht uns nichts Böses nicht im Wege. Einmal, da waren ihre Schulden und meine Armut. Jetzt ist sie schuldenfrei und auch sonst frei, und ich bin ein tüchtiger Verdiener geworden, der wohl weiß, was er einem Weibe bieten kann.«

»Mit der Zither verdienst Du so viel?« fragte Festl mit spöttischer Geringschätzung.

»Jawohl. Die trägt mir jetzt in einer Woche mehr als Dir Deine Wildhegerei in einem Monat.«

»Wenn das wahr wäre ? solltest Du Dirs dann so anmerken lassen?« fragte Festl.

»Warum denn nicht?« lachte der andere. »Eine ehrliche Freud braucht man nicht zu verbergen wie ein schlechte. Ich hab es der Stani gleich zu erkennen geben müssen, dass jetzt, wenn auch wider ihr Erwarten, doch unsere bessere Zeit gekommen ist.«

»Und sie hat auch gleich gerne daran geglaubt«, sagte Festl mehr vor sich hin als zu dem anderen. Und dann hatte er plötzlich nicht mehr die Kraft, mit seinen Gefühlen an sich zu halten. Mit dem ganzen Ausdruck seines Hasses brannten plötzlich seine Augen auf den anderen los. Und als er sah, wie Lenz erschrak, tat ihm das wohl, wie ihm jetzt alles wohl getan hätte, was den anderen wehe tat. Zu dem Schrecken des Musikanten gesellten sich gleich Mitleid und Erbarmen. »So ist das!« rief er. »Muss denn gleich immer alles Glück gestört sein?«

»Ja ? ich könnte es Dir wohl stören«, sagte Festl. »Ich wäre das jetzt wohl auf jede Art imstande ? mir ist nicht so, als ob mir etwas zu schlimm wäre für Dich. Es ist nun recht viel Neues los in mir, von dem ich bisher nichts gespürt habe. Es ist etwas, das über die Mordgier des wilden Viehes geht. Ich bin wenigstens offen gegen Dich ? gelt? Du bist es ja auch, und vielleicht kannst Du Dich retten.«

»Ich fürchte Dich nicht«, sagte der Musikant ernst und ruhig. »Vielleicht kann ich Dich von diesem Hasse heilen, er ist doch ein Wahnsinn, und so lieb mir jetzt mein Glück war, Du tust mir leid.«

Jetzt kam die Wirtin mit dem Bier. »Wir reden noch allein weiter«, flüsterte der Musikant. Der andere gab kein Zeichen des Verständnisses, sondern sah ihn nur immerfort mit flirrenden Augen an. Stani hatte unterdessen schon fleißig darüber nachgedacht, wie sie nun mit dem Wildheger am besten auskommen würde. Des Geschäftes wegen wollte sie ihn noch halten. Im Übrigen wäre er ihr nun schon ziemlich gleichgültig gewesen, wenn sie nicht hätte fürchten müssen, dass er ihr noch lästig werden konnte. Übrigens pries sie ihre eigene Vorsicht, mit welcher sie bisher die Entwicklung eines offenkundigen Verhängnisses zu dem Heger verzögert hatte. Sie glaubte jetzt noch mit gutem Rechte von dem Minderen lassen zu können, wo der Bessere gekommen war. Wenn sie es nicht deutlich erkannt hätte, dass den Musikanten nicht zum geringsten Teile sein jetziger guter Verdienst zu der Werbung veranlasste, wäre sie nun selbstverständlich nicht so bald entschieden gewesen, denn um ihrer Jugendliebe willen heiratete sie nun nicht mehr.

Als sie das Bier vor den Wildheger hinstellte, sah sie ihn ängstlich prüfend an. Und da erschrak sie nicht weniger als vorhin Lenz. Nur tat ihr Festl nicht auch gleich so leid wie dem jungen Herzen des anderen. Sie begann nun den Heger zu fürchten. Dem Musikanten fiel ein, dass er ihnen allen über das Peinlichste dieser Stunde vielleicht etwas hinüberhelfen könnte. Er holte seine Zither und begann zu spielen, erst ernst, dann lustig, dann toll, kurzum, als ob er sie und sich selber über alle Stimmungen zu der richtigen bringen müsste. Dabei sah er manchmal das eine oder das andere an. Stani folgte ihm ? nämlich sie war einmal dem Lachen, einmal dem Weinen nahe, aber Festl flirrte ihn noch immer mit den Augen an wie früher. Er rührte sich durch eine lange Zeit fast nur, wenn er trank. Und er trank fürchterlich viel. Der Musikant hätte ihn schon gerne gewarnt, fürchtete ihn aber damit zu beleidigen. Und die Wirtin hielt es für gut, dass er trank. Sie dachte: »Er vertrinkt seinen Schmerz und sein Geld.« Darum schenkte sie fleißig ein.

Lenz verzweifelte schon daran, dass er mit seiner Musik nur das Mindeste über den anderen vermögen könnte. Aber da ? bei einem seltsam süßen, wehmütigen Liede wurde Festl toll und vollbrachte etwas Entsetzliches. Es war das Werk eines Augenblickes gewesen. Festl machte vorher keine verdächtige Bewegung, welche seine Tat hätte vorausahnen lassen können. Der Musikant hatte eben bei dem Spiele den Kopf zu der Zither gesenkt, und Stani sah verträumt in die dunkelnde Leere des großen Stubenraumes, als das Furchtbare geschah. Festl hatte mit seinem scharfen Hirschfänger nach der auf dem Griffbrette liegenden Hand des anderen geschlagen.

»Jetzt spiel! Jetzt verdien!« rief er dabei aus. Von den Fingern des Musikanten blieben drei auf der Zither liegen. Er war zuerst aufgefahren, als er sah, was geschehen war, dann fiel er ohnmächtig auf den Boden hin. Festl sah mit dem Gesichte eines Menschen, der seinen brennendsten Durst stillt, auf das, was er getan hatte. Und er stillte nun wirklich seinen Hass vollständig. Schon in recht kurzer Zeit hatte er sich ganz sattgesehen, dann verglomm der wilde Brand in seinen Augen und sein lechzender Atem stockte. Und vor der Gewalt der nun kommenden Reue vergingen ihm die Sinne. Stani war nun nicht so fassungslos, um das Notwendigste zu vergessen. Ehe der Morgen graute, war die Hand des Musikanten vom Dorfarzte kunstgerecht verbunden. Aber schon vor der Ankunft des Arztes hatten sich die drei teilweise über die Sache ausgesprochen. Der Musikant war bald zur Besinnung gekommen. Er nahm sein Unglück mit einer recht tapferen Ruhe und Geduld hin. Nur gleich nach seinem Erwachen weinte er leise, weil es nun mit dem Spielen aus war. Und Stani weinte laut mit. Dann trat Festl in die Kammer, der erst gerade zuvor draußen in der Wirtsstube wieder zu sich gekommen war.

»Jetzt geh ich zu Gericht«, sagte er.

»Wird uns das helfen?« fragte Lenz lächelnd.

»Dir freilich nicht mehr«, war die Antwort. »Aber wenn mir noch was helfen kann, so ists die Strafe.«

»Komm her«, sagte Lenz. »Ich will Dich strafen.«

Da fiel der andere vor dem Bette auf die Knie. Lenz küsste ihn milde lächelnd auf die Stirne. »Ist Dir das genug?«

Festl blieb weinend vor dem Bette liegen. Der Wirtin gefiel das alles nicht. Sie wusste selber nicht ganz genau, warum ihr das nicht gefiel, war es, weil sie das sonderbar veränderte Verhältnis der beiden nicht begriff oder weil sie in demselben eine Gefahr für sich selbst witterte oder weil ihr im Allgemeinen die schlimmste Feindschaft zwischen Männern sympathischer war als so eine Weichheit.

»Nur unter einer Bedingung geh ich nicht zu Gericht«, sagte Festl. »Wenn Du statt Deiner Hand, die dich Dir genommen hab, meine beiden annimmst, nämlich wenn ich mein Lebtag für Dich arbeiten darf.«

»Zum Biereinschenken bei meinem Weibe werde ich schon noch zu brauchen sein«, meinte Lenz.

Stani staunte nun, dass er noch an so etwas dachte. Ihrer Meinung nach sollte er es doch einsehen, dass er nun keinen Wert mehr für sie hatte. Ihr Geschäft wollte sie schon selbst versehen. Vorderhand mochte sie ihm anstandshalber die eitle Hoffnung noch nicht rauben. Als der Arzt wissen wollte, wie das Unglück geschehen sei, sagte Lenz: »Bei der Häckselmaschine.« Darauf fragte der Arzt nicht weiter. Er sah den Wildheger am Fußende des Bettes sitzen, und da konnte er in seinem hellen Kopfe die Geschichte reimen. Um die Pflege des Unglücklichen brauchte sich dann Stani nicht viel zu kümmern.

»Meine Hände gehören jetzt ihm«, hatte Festl erklärt. Er lief nur einmal in das Revier zu dem Oberförster hinab, bat um einen Urlaub und wich dann nicht mehr aus der Nähe des anderen. Das war nun zwar dem Musikanten ganz recht, aber einmal sagte er dann lächelnd: »Auf alles denkst Du bei meiner Pflege, nur auf eines nicht. Noch keinen Augenblick hast Du mich mit meiner Braut allein gelassen.«

»Aus Eifersucht ist das jetzt nicht mehr geschehen, sondern aus Vergesslichkeit«, verantwortete sich Festl. Dann ließ er die beiden bei der nächsten Gelegenheit allein. Als er nach einer Weile, die ihm genügend lange erschien, wieder zu Lenz zurückkam, fand er diesen allein und auf eine recht unerwartete Art verändert.

»Jetzt mag sie mich nicht mehr«, sagte der Musikant trotz seiner merklichen Erregung recht selbstbeherrscht. »Jetzt ist nur eine Frage: Wohin? Wohin?«

Festl war einen Augenblick starr vor Schrecken und Staunen. Dann lachte er bitter auf. »So? Jetzt mag sie Dich nicht mehr?« Darauf schlug er sich vor den Kopf. »Und die haben wir so gern gehabt? Derentwillen habe ich Dich so elend gemacht? Siehst Du, Lenz, da ist jetzt meine Lieb rein wie verflogen.«

»Seltsam«, sagte Lenz. »Und mir scheint, die meine wird jetzt auch um desto lieber verfliegen, weil sie es von der Deinen sieht.«

»Das ist dann nach allem vielleicht noch ein Glück«, meinte Lenz.

»Schon möglich, dass es besser ist, ich hab drei Finger verloren, als ich heirat die Stani?«, lächelte Lenz. »Jetzt ist ihr Gemüt aufgekommen.«

»Wir gehen augenblicklich aus dem Haus!« rief Festl. »Du bist zwar jetzt nach dem Wundfieber noch recht schwach, aber ich trag Dich! Unten bei dem Förster bist Du gut aufgehoben, bis meine Hütte wieder steht und die Deine!«

»Mir ist es recht«, sagte Lenz. »Wie Du halt leichter und lieber mit mir tust, so ist es mir recht.«

In einer Weile darauf trat Festl zu Stani in die Küche. »Zahlen«, sagte er kurz. »Unsere Zeit bei Dir ist aus.«

»Wie? Auch die Deine?« fragte sie erschrocken. »Dir gefällt es nicht, dass ich ihn jetzt nicht heirate«, fuhr sie dann fort. »Jetzt soll mir der noch recht sein, den Du so verstümmelt hast?? Seines Verdienstes wegen hätt ich ihn genommen. Und jetzt soll ich einen Krüppel heiraten. So etwas verlangt ihr von mir? Ich versteh Euch nicht! Dich schon gar nicht! Zuerst tust Du aus Eifersucht so etwas, dass man meinen sollte, Deine Lieb zu mir wär noch so unerhört stark, und dann ist plötzlich wieder keine Spur davon da. Zuvor von einer Liebe kein Zeichen und danach keines.«

»Zuvor?« rief er. »Das musst du doch gewusst haben, wie ich Dich liebte.«

»Nichts hab ich gewusst«, log sie. »Gar nichts. Sonst wäre ja alles anders geworden. Auch das Unglück wäre nicht geschehen. Ich hätte an keinen mehr gedacht als an Dich.«

»Lügst Du nicht?« forschte er.

»Nein! Glaube mir!« beteuerte sie mit aller Innigkeit, deren sie nur jetzt fähig war, wo es doch galt, sich Festls Besitz zu sichern, der ihr nun wieder wertvoller erschien als alles, worauf sie gegenwärtig Aussichten hatte. Ihrer Lüge glaubte er auch wirklich. Aber deswegen ließ er sich nicht länger aufhalten.

»Ich habe Dich geliebt«, sagte er. »Dass das jetzt vorbei ist, sollte Dich nicht wundern, aber vielleicht ist es gut für Dich, dass Du es nicht begreifst.« Damit ließ er sie stehen. Und in einer Weile darauf trug er den Freund auf seinen starken Armen aus dem Hause.

»Jetzt bin ich durch mein Verbrechen noch froh geworden«, sagte er. »Und Dir soll Gott Dein Elend nicht viel spüren lassen, weil Du es meinetwillen derart auf Dich genommen hast.«

Die Spottmirl

Diesen Dorfbuben war keine Nacht zu grausig, wenn sie ausgehen wollten, um tolle Streiche zu machen. Heute toste der Frühlingssturm durch die breite östliche Bergluke in das Tal, dass sich vor ihm die Bäume gleich Halmen bogen. Ein schneeschwerer Wolkenschwall nach dem anderen schoss daher und warf von seiner Last so viel ab, als er auf dieser Jagd nur konnte. Der gute Mond konnte nur selten zwischen einem enteilenden und einem heranstürmenden Wolkenungeheuer einen Mitleidsblick zur sturmgeplagten, frierenden Erde gelangen lassen. Den Dorfbuben machte dieses Wetter eitel Spaß, weiter niemandem, sonst wäre den elf Ausbündern gewiss ihr wetterübertäubendes, wildes Lärmen auf dem Ortsplatze verboten worden. Die besser gesitteten Leute schienen lieber alles anzuhören, als dass sie nur einen Augenblick ein Fenster auftaten. Und die Buben hatten es doch nur darauf abgesehen, irgendjemanden, der eben sein Bett über alles liebte, dahin zu bringen, dass er seine Nase dem Wehen dieser Macht aussetzte. Aber es gelang ihnen mit dem gröbsten Unfugtreiben nicht, auch nur den Nachtwächter aus seinem Hause zu bringen.

Nicht einmal die etwas unkluge Schmotzenevi vermochten sie diesmal an das Fenster zu locken. Die fühlte sich sonst über alle Maßen geschmeichelt, wenn bei ihr angefensterlt wurde, und zeigte sich gerne jedem Sänger für sein Lied. Die Elf sangen freilich so rührend, dass bald die Hunde mit heulten. Zu dieser heutigen Lustigkeit hatte zuvörderst ein Fass Bier den Anlass gegeben, das der Fenzlmoz bezahlte, weil er so glücklich war, seine Braut nicht heiraten zu müssen, welche er sieben Jahre mit Hinsprechungen hinhielt. Im heurigen Fasching hätte ihm keine Ausrede mehr geholfen. Aber da kam ihr plötzlich ein anderer unter, der ihr lieber war. Der Fenzlmoz glaubte sich gar nimmer genug freuen zu können. Er hätte diesmal seinen Freunden so viel bezahlt, als sie trinken wollten, wenn dem auf solche Feste unvorbereiteten Dorfwirte das Bier nicht ausgegangen wäre. Gerade als es am Lustigsten werden wollte, hätten nun die Elfe heimgehen sollen. Das taten sie nicht. Im Dorfe gab es kein zweites Wirtshaus. Darum wollten sie nun über den Berg in das nächste Dorf. Durch den finsteren, steinigen Hohlweg zogen sie nun dem Walde zu und sangen:

»Wann nur oani zum Fensterl kam
Blieben ma da,
Und weil koani zan Fensterl kimt,
Fahren ma a.«

Als sie gegen die Mitte des Hohlweges kamen, wurden sie aber alle sonderbar stille. Einer von ihnen wusste nicht, was das zu bedeuten habe. Er war nämlich noch nicht lange im Dorfe. Seine Eltern hatten sich erst vor einem Jahre hier angekauft. Heute war Nazi zum ersten Mal den Lockungen der lustigen Dorfbuben gefolgt. Aber er hatte von dieser Gesellschaft mehr Freude erhofft, als er fand.

Er war viel feiner, verträumter, innerlicher als sie alle. Um es ihnen recht zu machen, stellte er sich fröhlicher, als er war. Sie merkten dabei doch den zwischen ihm und ihnen bestehenden Unterschied. Einige, die das verdross, was ihn der richtigen Kameradschaft mit ihnen unfähig machte, hielten ihm seine Eigenheit auf verschiedene Art vor. Um desto mehr bemühte er sich, ihnen gleich zu erscheinen, und war nun aus Höflichkeit so derb und toll wie möglich.

»Was habt Ihr denn plötzlich?« rief er, als auf dem Wege die seltsame Stille eingetreten war.

Einer gab ihm die Erklärung: »Weißt Du, Nazi, wir kommen jetzt an der Spottmirl ihrer Hütte vorbei. Da vorne ist ihr Bau in den Stauden am Wege.«

Nazi lachte. »So? Vor allen Häusern getraut Ihr Euch zu singen, nur vor dem Ihren nicht?«

»Ja, weil uns nirgends so scharf zurückgesungen werden könnte«, entgegnete einer der Burschen. »Wenn die Spottmirl einmal anfängt, der wird das Lied sein Lebtag nimmer los. Man bleibt von ihrem Spott gezeichnet wie einer, der mit Scheidewasser beschüttet worden ist. Wenn man noch jung ist, muss man sich schon gar vor einer solchen Entstellung fürchten, die einem das ganze Leben vergällen könnte. Gar manchem seine schöne Grabschrift wird nimmer zu lesen sein, aber den bösen Vers, den ihm die Spottmirl gestiftet hat, werden noch alle Kinder wissen.«

Nazi staunte. »Wie ist denn die gar so arg geworden?«

»Ganz aus freien Stücken«, wurde ihm geantwortet. »Das liegt ihr schon so in der Natur wie der Brennnessel das Brennen und der Distel das Stechen. Darum muss man nicht ankommen an sie.«

»Die möchte ich doch kennen lernen«, sagte Nazi voller Neugier.

»Verlang Dir das nicht«, entgegneten die Burschen. »Die Spottmirl kennen lernen wollen, das wär gar ein gefährlicher Übermut.«

»Ich muss sie kennen lernen!« rief Nazi. Es reizte ihn, einen recht kecken Wagemut zu zeigen, wo alle so furchtsam waren.

»Schrei doch hier nicht«, wurde er gebeten. »Wenn die Spottmirl darauf kommt, dass wir in ein anderes Tal fensterln gehen, verhilft sie dieser Nacht zu einem Angedenken, das uns die Dorfdirndeln immer vorhalten würden.«

Aber Nazi ließ sich nicht abschrecken. Es war wirklich ein ganz ungewöhnlicher Übermut in ihn gefahren. »Geht Ihr nur ruhig weiter«, sagte er. »Ich fürchte die Spottmirl nicht. Ich will es ihr sagen, dass ich in ein anderes Tal fensterln gehe, diese Meldung ist wohl ein heilsamer Spott für sie. Wenn sie sich, wie Ihr sagt, keine Gelegenheit zum Spotten entgehen lassen will, so mag ich mich jetzt nicht so an ihr vorüber stehlen. Sie soll wissen, was ich tun will, und ich will hören, was sie darauf zu sagen hat. Vielleicht wäre es schon immer möglich gewesen, dem Weibe auf die Art manches Schlimme abzugewöhnen.« Die anderen lachten. »Versuchs.« Nur einige, die es etwas besser mit ihm meinten, rieten ihm von seinem kecken Vorhaben ab. Aber er war nicht umzustimmen.

Es gefiel ihm, ihnen seine Willenskraft zu zeigen. Und es schien ihm auch ganz geziemend, mit der Spottmirl so anzubinden, wie er sichs dachte. Seine Kameraden flüchteten förmlich dem Walde zu, als er über die Wegböschung auf die kleine, einschichtige Hütte losging.

Er klopfte an eines der beiden Fenster, durch welche es höllenschwarz heraus gähnte.

»Mirl!« rief er. »Ich hab Dir was zu sagen.«

Es erfolgte keine Antwort aus dem Stubenraume.

»Mirl!« wiederholte er nun. »Spottmirl!«

Da hörte er drinnen einen Schrei der Wut. Und bald sah er auch eine weiße Gestalt hinter den Fensterscheiben.

»Ich hab Dir was Wichtiges zu vermelden«, hob er an. »Wer ich bin, wirst Du wohl schon wissen.«

Sie nickte lebhaft. »Jawohl, Du bist der größte Narr, der da, seit ich denke, vorübergegangen ist.«

»Wieso?«

»Weil Du mich schimpfst, eh Du mich kennst.«

»Ist denn Spottmirl nicht Dein richtiger Name?« fragte er, sich kindsunschuldig stellend.

»Nein«, sagte sie. »Du bist freilich so dumm, dass Du glauben könntest, ich bin auf den Namen getauft.«

»Es heißen Dich doch alle Leute so«, entschuldigte er sich.

Sie schüttelte den Kopf. »Mir in das Gesicht nicht. Das hast nur Du in Deiner Dummheit wagen können. Aber Dir verzeih ichs. Narren strafen hat selten einen Sinn. Die Dorfleute werden dafür büßen, dass Du mir das sagtest, was sie aufbrachten. Wenn sie Dich dann aus Wut erschlagen, fällt die Verantwortung dafür wieder auf sie. Gegen mich können sie niemals in Ehren gewinnen.«

Ihre stolze Sicherheit flößte ihm nun Achtung ein. Auch die mutige, ruhige, heitere Überlegenheit, die sich in ihrem jugendfrischen, hübschen Gesichte ausdrückte, gefiel ihm so sehr, dass er über seine eigene Eindrucksfähigkeit erstaunt war. Er war am allerwenigsten auf das vorgesehen, was ihm jetzt hier geschah.

Vorderhand wollte er aber das junge Weib noch in dem früheren lustig spöttischen Tone weiter aushören.

»Du tust, als ob Du immer im Recht gegen alle anderen wärest«, sagte er, nur auf ihre letzte Rede eingehend.

»Wenn ich das nicht wär, täten sie mich wohl nicht fürchten«, entgegnete sie.

»Sag, musst denn überhaupt mit aller Welt so im Streit liegen?« fragte er nun.

»Ja«, antwortete sie. »Derweil bin ich noch zum Friedenhalten mit dieser Welt nicht geeignet. Vielleicht werd ich das später, bis mir aller rechte Zorn ausgegangen ist, alles richtige Empfinden, aller Geist und Witz; aber derweil ich fühl und denk wie jetzt, zieh ich gehörig gegen das los, was mir nicht gefällt. Wenn ich ein Mann wär, ging ich noch ganz anders zu Feld gegen die Dummheit. Da wär ich vielleicht gar ein rechter Held. Als Weib kann ich das, was ich möcht, nicht richten. Aber in Respekt hab ich mich doch so weit gesetzt, dass sich bisher keiner so keck an mich gewagt hat wie jetzt Du.«

»Was haben denn Dir die Leut getan, dass Du so geworden bist?«

»Mir gar nicht viel«, sagte sie. »Ich hätt mir auch nie viel antun lassen. Bin ziemlich frei von Natur aus so streitbar geworden, wie ich bin. Wer nicht so willens- und charakterlos richt, wies die Masse unter sich gewohnt ist, der kommt bald mit allen übers Kreuz. Aber zu meinem Schaden ist doch kein Strauß ausgangen, den ich anbunden hab. Na, und jetzt sag Du, was Du mir zu vermelden hast.«

Er getraute sich nun wirklich mit der geplanten Meldung nicht hervor.

»Na? Ist Dir jetzt das Herz in die Hosen gefallen?« höhnte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, etwas anderes ist mit meinem Herzen geschehen, Du gefällst mir jetzt«, sagte er ehrlich, wie er das nun auch tatsächlich empfand.

Sie sah ihn scharf forschend an. Ihr Blick stach förmlich die Fensterscheiben durch.

Und dann schien sie sich plötzlich unsäglich über ihn zu wundern. Es war ihr bisher nicht zugestoßen, dass jemand von einem Gefühle für sie sprach.

Aber plötzlich schüttelte sie heftig den Kopf, als ob sie das, an was sie einen Augenblick gerne geglaubt hätte, nicht stark genug verneinen könnte.

»Nein, nein«, sagte sie dabei zu Nazi. »Du musst doch ein Narr sein. Geh, sag mirs doch, was Du mir hast vermelden wollen, damit ich es bewiesen hör, dass Du wirklich ein Narr bist.«

»Nein, Du darfst mich für keinen ansehen«, sagte er lachend und doch im vollen Ernste. »Und wenn ich wirklich kurz zuvor noch einer war, so will ich jetzt keiner mehr sein.«

Sie lachte scheinbar harmlos, aber dabei sah sie ihn doch immer tiefer und fragender an.

»Es wäre freilich schön, wenn Du meinetwillen gescheit werden tätest«, sagte sie. »Aber an so ein Wunder kann ich gar nicht glauben. So schnell ist so was gar nicht möglich. Ich hab ja noch gar nichts versucht zu Deiner Heilung.«

»O doch«, entgegnete er. »Damit Dus kennst, dass Du mich wirklich schon viel gescheiter gemacht hast, will ich Dirs jetzt sagen, was ich Dir früher vermelden wollte.«

»Na?«

»Einen recht groben Spott hatt ich mir vorgenommen, dass ich in ein anderes Tal fensterln gehen will, hätt ich Dir gerne gemeldet.« »Spottmirl!« wollte ich schreien, »dass Dus nur weißt, ich geh jetzt über den Berg in das Gillmtal fensterln. Damit Dir ja nichts entgeht, sag ich Dir das. Du hättest es sonst vielleicht übersehen. Ich will Deine Schonung nicht, Spottmirl. Was ich tun will, kannst sogar Du wissen ? so ein mutiger, freier Bursch bin ich! Sollst einmal sehen, dass es auch einen gibt, der sich vor Deinem Schnabel nicht fürchtet. Sollst sehen, was ich mir daraus mache, wenn Du auf mich loshackst. Allen anderen will ich ein Beispiel geben, dass sie sich dann auch nichts aus Dir machen sollen. Ja, so und ähnlich wollt ich da zu Deinem Fenster herumschreien, Mirl ? so recht beschämen wollt ich Dich und?« Er stockte jetzt und senkte den Kopf ganz wie einer, der erst mit dem rechten Mute gebeichtet hat und nun mit der rechten Demut auf die Verzeihung wartet.

Sie sah ihn voll und groß an, während er so vor ihr die Augen senkte. Und in ihrem Gesichte strahlte dabei ein schönes, glückliches Lächeln. Als er dann erwartungsvoll emporblickte, wollte sie schnell ihren Gesichtsausdruck ändern. Aber die geplante spöttische Miene gelang ihr nicht, sondern fiel zu gutmütig aus. Sie fühlte das und ärgerte sich zunächst über ihr so seltsam verändertes Wesen.

»So geh nur jetzt«, antwortete sie ihm rasch. »Geh, sonst werden die Spatzen munter, ehe Du in das andere Tal zum Anfensterln kommst und pfeifen Deine Ehr noch früher aus als ich.«

»Nein, nein«, antwortete er. »Du hast mich von dem Gang über den Berg recht gründlich abgebracht, Mirl. Ich geh heut vor kein anderes Fensterl mehr.«

»So?!« rief sie und gab sich Mühe, ein recht erschrecktes und beleidigtes Gesicht zuwege zu bringen. »Willst Du jetzt am End herumschreien, dass Du bei der Spottmirl angefensterlt hast? Wenn Du es vielleicht abgesehen hättest, einen solchen Spott mit mir zu treiben, da wirst Du sehen, dass ich recht ohne Scham zurückhau, wenn ich ohne Scham angegriffen werd.«

Er lächelte begütigend. »Kannst Du denn wirklich nicht glauben, dass einer im Ernst bei Dir anfensterln möcht?«

Sie schüttelte den Kopf. »Zu der Spottmirl wagt sich keiner so im Ernst ? weder heimlich noch vor der Welt.«

»Ich will«, entgegnete er so ruhig und fest, dass sie nun in all ihrem Staunen kaum mehr an seiner Rede zweifeln konnte. »Mir gefallen gerade die Eigenschaften, derentwegen Du am meisten in Verruf bist. Auch nicht ein bisschen fürcht ich Dich, das möcht ich Dir wohl gerne beweisen und auch der Welt.«

Sie hielt einen Augenblick den Kopf gesenkt. Dann sagte sie zögernd: »Wundershalber möcht ich wohl sehen, wie Du das anfangen tätest.«

»So?« rief er freudig. Im nächsten Augenblick hatte er das Fenster aufgerissen. Ehe sie recht begriff, wie er dabei zu Werke gegangen war, hielt er sie schon in den Armen und küsste sie. Da wusste sie nun deutlich, dass er keinen bösen Spott mit ihr trieb und dass auch sie mit ihm keinen treiben würde.

Der letzte Tanz

Der Bergbach bildete in dem engen Hochtale zwei kleine Seen, zwischen denen ein breiter Wiesenstaffel lag. Mitten durch den grünen Bodenstreifen zog der steinige Wasserlauf. Durch das obere Ende des rauen Bachbettes hatten die Lurchberger Eingärtler mit großen Granitplatten eine risssichere Furt gelegt, denn es musste hier aller Handel und Wandel dahin, der zwischen diesen Bergbauern und der übrigen Welt gangbar war. Und die längslang durch den Wiesengrund schneidende tiefströmige, schwarze Wunde, das war der Lurchberger Weg. Der kam von der tannenfinsteren Höhe und ging der anderen zu, und hier war an seinem weiten Zuge durch die Wildnis das einzige waldfreie, sonnscheinige Stück Land. Deshalb stand auch ein Wetterhaus an der Furt, welches zwar jedes dritte Jahr einmal vom Wasser weggeschwemmt, aber doch immer wieder auf dieselbe Stelle gebaut wurde. Die Bergbauern ließen nicht so leicht etwas völlig eingehen, was ihnen einmal lieb war. Der jeweilige Wirt auf der Rud brauchte nur immer das Bier, den Schnaps und das Leben vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen.

Was sonst zur Wiederherstellung des Wirtshauses nötig war, brachten die Bauern immer gleich wieder, ohne dass sie darum gebeten werden mussten. Manchmal brachten sie Bauholz, das auf drei solche Häuser wie dieses gereicht hätte, aber deswegen fuhren sie keinen Stamm zurück.

Auf diese Weise war die alte Riebsederin vor lauter Unglück reich geworden. Sie hatte vierzig Jahre hier gehaust, sah die Hütte elfmal fortschwimmen und schickte nach jeder Überschwemmung dem Holzhändler ein sieben Fahrtafeln langes Holzfloß auf dem Seebache in das Tal. Nach ihrem Tode übernahm ihre Tochter, die schöne Alfrei, das Geschäft. Die hatte den Jäger Fremund geheiratet, der hier zwei Jahre Wirt war und dann von den Bergbauernburschen erstochen wurde.

Sie gaben ihm schuld, dass die reichste und angesehenste Lurchberger Bauerntochter im Narrenhause sterben musste. Es hieß, dass er sie aus lauter boshafter Absicht liebestoll gemacht habe. Die Fähigkeit dazu lag in seinem Wesen wie nicht sobald in demjenigen eines anderen Menschen. Seine außergewöhnliche Schönheit hatte gerade für die allerernsthaftesten und ehrenfestesten Weiber etwas ganz teuflisch Gefährliches.

Wo er zuerst als Jägersjunge war, erschoss sich die Försterstochter seinetwegen, und in seinem Dienstort nahm die Försterin seinetwegen von dem Gifte, das sie für das Raubwild im Hause hatten.

Bald darauf wurde er von einer jungen Bäuerin angeschossen. Der Schuss streifte ihm nur die Schulter, mit einem zweiten aber traf das Weib ihr für Fremund brennendes Herz. Dabei tat er immer, als ob er überhaupt kein Weib möchte und als ob er untröstlich über das Unglück wäre, das von ihm ausging. Aber die Leute behaupteten, dass er den meisten Genuss daran fand, wenn er einen Menschen zur Liebesraserei bringen und dann seiner in gnadenloser Grausamkeit hohnlachen konnte. Er war einer der seltsamsten und rätselhaftesten Menschen des Waldgaues gewesen.

Man erzählte noch nach seinem Tode das Widersprechendste von ihm. Alfrei heiratete er mehr gezwungen als freiwillig.

Als er seinen Dienst in dem Walde vor der Rud hatte, blieb ihm nichts übrig, als das Bier, das er nicht entbehren wollte, bei Alfrei zu trinken. Er hatte aber kaum noch mehr als das Allernötigste mit ihr geredet, als sie schon eine unbändige Leidenschaft für ihn empfand. Aber er tat lange, als merkte er davon nichts, sondern kam immer wieder als ein Wildfremder, trank still sein Bier und hielt sein seltsames, tödlich gefährliches Brandgeschau gesenkt, als hütete er das mit dem besten Vorbedachte. Und dann ging er immer wieder mit einem kalt freundlichen Gruße. Alfrei wurde es aber immer mehr zumute, als ob sie ihn anfallen müsste wie jene junge Bäuerin.

Eines Tages hatte er den Dienst im Forsthause verloren. Der Förster begann nämlich auch nicht ohne Grund für die Weiber seines Hauses zu fürchten. Da brachte der Alte den unheimlichen jungen Menschen bei dem gräflichen Großgrundherrn mit einer listigen Verleumdung um das Brot. Am Abend nach der Entlassung saß Fremund recht traurig in dem Wirtshause auf der Rud. Er wusste nun in seinen Lebenssorgen nicht ein noch aus und kannte keinen anderen Menschen als einen Feind. In der Verzweiflung kam ihm ein Einfall. Sie waren gerade mit Alfrei allein in der Stube. Da tat er, was er bisher so geflissentlich vermied. Während sie eben wieder das volle Glas vor ihm hinstellte, hob er die Augen und warf ihr mit zunehmender Macht die mordende Lohe in das Gesicht und in die Seele.

Alfrei schrie förmlich auf vor Schrecken, Wut, Schmerz und wilder Lust. Was sie dem Gaste als Wirtin an Höflichkeit schuldig war, hatte sie plötzlich vergessen. Völlig rasend fuhr sie auf ihn los und packte ihn an der Gurgel.

»Willst Du es mir auch so machen wie den andern?« schrie sie. »Mir auch, Du spottsüchtiger Teufel? Vielleicht bist Du da doch an die Unrechte gekommen.«

Mit der letzten Rede hatte sie teilweise recht. Weil er nun in seiner Not Wirt werden wollte, log er Alfrei Liebe. Sie glaubte ihm und wurde dann, ohne das eigentlich zu wollen, in ihrer Leidenschaft für ihn förmlich die Rächerin aller derer, die er vorher unglücklich gemacht hatte. Sie bereitete ihm mit ihrer Liebe die Hölle auf Erden. Er verstand das stumme Leiden gar wohl. Die Bergbauern hatten noch keinen stilleren, traurigeren Wirt gehabt. Die sich an seiner Lage auskannten, hätten ihn nun oft gerne grob versöhnt. Aber vor seinen Blicken wurde der Hohn hin. Bei Tag ging er viel im Walde herum.

Einmal saß er weit oben in der Lurchberger Wild, hatte die Hände vor dem Gesicht und weinte. Als er empor sah, stand zu seinem Schrecken jene Bauerntochter vor ihm, die dann seinetwegen in das Narrenhaus musste. Sie sah ihn nur eine Weile stumm an. Was dabei auf sie einstürmte, schien sie fast umzuwerfen. Dann griff sie mit beiden Händen nach ihrem Herzen, als ob dieses mit einem Male kaum mehr zu ertragen wäre. Flink wie ein Wiesel war sie den Berg herauf gekommen. Und nun schleppte sie sich schwer weiter.

Ihr Leid um ihn machte sie tiefsinnig. Und oben in Lurchberg rauften sich die Buben ihretwegen, dass es alle Sonntage Blut und Fetzen genug in dem Dorfwirtshause gab. Als sich das Geschick des armen Mädchens schon erfüllt hatte, hielten einmal die Lurchberger Buben länger wie sonst Rast in dem Wirtshaus auf der Rud. Die Wirtin musste ihre Harfe aus der Kammer holen. Und sooft sie das tat, wurde es lustig. Es war etwas Eigenes an Alfreis Harfenspiel. Sie hatte es von selbst zu einer ganz merkwürdigen Kunst gebracht. Sie konnte die Gäste je nach Belieben mit dieser Kunst auf die Spitze bannen oder singen und tanzen machen.

»Deine Harfe und Deinem Mann seine Augen«, sagten sie ihr, »das sind zwei hexende Dinge.« Und während sie ihnen damals einen wilden, närrischen Tanz spielte, bei dem sie selbst in der Luft hin zu wirbeln und im Feuer verglühen meinte, hatten sie ihr den Mann erstochen. Es war ganz ohne Streit hergegangen.

»Komm«, hatte einer lachend zu dem Wirte gesagt, als eben alle im tollen Übermut herumsprangen, »tanz Du mit uns statt einem Weib, weil Du ja die Weiber alle umbringst.«

Darauf begannen gleich mehrere wie im Scherze mit Fremund herumzureißen, und plötzlich hatte er den Stich im Herzen, bei dem er lautlos zusammenstürzte. Man wusste nicht, wer es getan hatte. Und es kam auch nicht an den Tag.

Als plötzlich der lustige Lärm ganz stille wurde, ahnte Alfrei, die sich bei ihrer Harfe verträumt hatte, was geschehen war. Sie schrie und tobte nun aber nicht, sondern sagte nur: »Das zahl ich Euch heim.« Dann fiel sie über ihren Mann hin und blieb wie tot und starr auf ihm liegen.

Als sie nach einer Weile einer aufheben wollte, fuhr sie wie eine Tigerin empor, fasste einen in der Nähe stehenden Stuhl und brachte damit dem Gutwilligen einen hübschen Denkzettel bei. Dann fiel sie wieder auf ihren Mann.

Die Bergbauern kamen nach Fremunds Begräbnis wieder wie ehedem in das Wirtshaus zu ihr. Wenn jemals einer von dem Falle reden wollte, stellte sie ihn kurz ab. Das Gericht hatte die Nachforschungen über den Mord bald als völlig aussichtslos bleiben lassen müssen. Alfrei wurde nur einmal vorgeladen, und als sie der Richter formgemäß fragte, ob sie wisse, wer den Mord beging, lachte sie ihm spottvoll in das Gesicht. »Wenn ich das wüsst, tät ich kein Gericht brauchen.« Es hörte sie dann aber niemals jemand weder klagen noch fluchen. Dem Anscheine nach fand sie sich ruhig in das Unvermeidliche. Aber in ihren Blicken war nun etwas, das sie immer vor denjenigen der Gäste zu verbergen suchte. Sie schien zu fürchten, dass ihr die Gäste davon liefen, wenn sie errieten, was sie dachte. In drei Jahren nach Fremunds Tod erfuhr man, was sie seither gedacht hatte. Das war am Hermestaler Kirchweihtag. Am frühen Morgen stieg das ledige Volk von Lurchberg in das Hermestal, und nach Anbruch der finsteren Herbstnacht kam der lustige Schwarm wieder zu dem Wirtshause auf der Rud.

Tagsüber hatte es schwer geregnet, und in dem dichten Abendnebel und der stark angeregten Frohlaune erkannten die jungen Leute nicht, dass der obere Bergsee hoch angeschwollen war und dass es bald schwer werden konnte, durch die Furt zu gelangen. Sie kehrten, wie es der alte Brauch war, auf der Rud ein.

Alfrei zapfte ein Fass Bier an und holte die Harfe aus der Kammer. Seit dem Tode ihres Mannes hatte sie das Instrument nicht angerührt. Und mit dem Tanze, den sie damals zuletzt gespielt hatte, fing sie nun wieder an.

Diesmal waren vier Lurchenberger Mädchen bei dem Burschenhauf, und da ging die Lustbarkeit gleich so hell als nur möglich los. Es war heute auf dem Hermestaler Tanzboden nicht so laut gewesen wie jetzt hier auf der Rud. Sie wurden des Jubelns nicht müde und Alfrei nicht des Spieles. In die dunkle Fensterecke hatte sie sich mit ihrer Harfe gesetzt, und von dort sah sie mit seltsam lauernden, gierigen Augen hervor, während ihre Finger durch die Saiten rasten.

»Es ist, als ob tausend Musikanten spielten«, jauchzte einer, und da hatte er recht.

Durch das Fenster, vor dem sie saß, hörte Alfrei, dass das Rauschen des Wassers immer stärker wurde, aber sie wollte das nicht auch an die Ohren der anderen gelangen lassen und spielte mit aller Macht. Mittlerweile fing es wieder draußen schwer zu regnen an.

»Jetzt müssen wir erst recht dableiben«, rief einer, der ein wenig zur Türe hinaus gehorcht hatte. Und einmal wurde doch eine bange Frage laut: »Wenn wir aber nimmer durch die Furt können?«

»So tanzen wir da, bis sich das Wasser verronnen hat«, war die Antwort.

»Wenn uns nur das Wasser nicht auf den Tanzboden kommt?«

»Nun, dann tanzen wir halt oben auf dem Dachboden!«

Die Sorglosen redeten die Ängstlichen immer wieder recht lustig zur Ruhe.

Die Wirtin sagte gar nichts, sondern spielte nur immer und ließ die Gäste selber einschenken und trinken, wie ihnen das gefiel.

Sie hatte alle die jungen Leute mit ihrem Spiele rein um den Verstand gebracht. Einer blieb vor ihr stehen und sagte: »Es ist, als ob wir heut alle nach Deiner Harf in den Tod tanzen müssten.«

Alfrei wusste nun bereits, dass niemand mehr aus der Hütte fort konnte. Aus dem Brausen des Wassers erkannte sie, dass zu beiden Seiten des Baues Ströme hin schossen, in denen das Schwimmen eine Kunst war.

Und sie spielte aufs Neue jenen Tanz, bei dem ihr Mann sein Leben lassen musste.

»Das ist ja schon wieder derselbe!« schrie ihr einer der Tanzenden zu.

»Kennst Du den vielleicht schon länger?« fragte sie zurück und bohrte ihre Augen in des Burschen Gesicht. »Kennst Du ihn?«

Aber der Bursche hüpfte an ihr vorüber.

»Einen anderen Tanz, einen langsameren!« verlangten nun mehrere. Aber Alfrei blieb noch eine Weile bei der alten Melodie. »Es ist ja eh schon der letzte«, sagte sie dann laut, und gleich darauf prallte von draußen etwas schwer an die Hüttenwand. Das Wasser hatte den Hagzaun umgerissen. Hinter dem gestürzten Bretterverschlage hatte sich die Flut bereits hoch angestaut. Und nun drückte schon der erste Schwall die Hüttenfenster ein.

Während unter wirrem Geschrei die Flucht nach dem Dachboden anging, fuhren etliche der Burschen in dem steigenden Wasser auf Alfrei los, die mit einem grausamen, triumphierenden Blick mitten in der Stube stand.

»Jetzt wissen wir, warum Du so fleißig zum Tanz gespielt hast, Du Hex! So viel unschuldiges Leben willst Du für Deinen Mann!?«

»Für mich ist ers wert«, antwortete sie, »auf eine geringere Rache hab ich nie gesonnen.« Die Gruppe wurde von einem zur Türe hereinfahrenden Balken getrennt. Das Viereck der Wände wich bald auseinander, und mitten hinein stürzte der Dachboden.

Einigen Burschen gelang es, die Mädchen auf dem festgefügten Scheuertore, das sie als Floß gebrauchten, an das Ufer zu bringen. Und viele der jungen Leute retteten sich auf einem Dachflügel, den sie mit genauer Not aus dem reißenden Schwall lenkten. Aber viele wurden mit den Trümmern fortgerissen und blieben dann auf dem tiefen Grunde des unteren Sees, auch Alfrei.

Ob der, welcher Fremund das Messer in das Herz stieß, bei den Überlebenden oder bei den Toten war, das erfuhr man nicht.

Der Andredl und s Durei

Auf freiem Felde lernten sie sich kennen. Es ging gerade ein schwerer Regen nieder. Sie hatte kaum mehr weiter gekonnt. Die nassen Leinenkittel legten sich schwer um ihre Beine. Und ihre mit Fetzen umwickelten Füße wurden auf dem klebrigen Lehmboden zu unförmlichen Klumpen. Ein anderer Mensch wäre an ihrer Stelle verzagt geworden. Aber ihrem Gemüte konnte böses Wetter wenig mehr anhaben. Sie ging mit ihrer Not schon zu viele Jahre ziellos unter dem freien Himmel herum. In dem schmalen, braunen, verhärmten Gesicht war etwas, das spottete der Not. Sie hatte heute wie immer ihre Begleitung, eine alte, langhaarige, eisgraue Geis. Diese trottete zumeist dicht hinter der Herrin. Hie und da hob sie ein wenig den Kopf und schielte mit den graugelben, menschenklugen Augen verächtlich die triefenden Nebel an. Sie wäre nun ebenso achtlos wie ihre Frau an einem Menschen vorübergegangen, wenn dieser nicht gegeigt hätte. Ja, wahrhaftig, er geigte. Das Wetter konnte ihn daran nicht hindern. Er saß unter einem großen, altbäuerischen Regendache, dessen langer Stiel im Erdboden stak. Das Weib ging einmal um den weiten Schirm herum, ohne von dem darunter Sitzenden etwas zu sehen. Sich zu bücken, stand ihr schier nicht dafür. Die Geis aber konnte ihre Neugier nicht lange bezähmen. Sie steckte den Kopf unter den tief hinab reichenden Schirmrand hinein und meckerte.

»Schönn gutn Morgen«, antwortete drinnen höflich der Musikant und hörte zu spielen auf. »Was steht zu Begehr? Ein Unterstand? Kann nit versagt werden bei dem Wetter. Platz haben wir reichlich. Aber ich bitt, nit mekerzen, wann ich geig.« Der Geis, welche sonst nicht gleich jedermanns Freund wurde, musste nun dieser Mensch ausnehmend würdig erscheinen, denn sie kroch zum Erstaunen ihrer Frau zu ihm hinein. Er fing gleich darauf wieder fleißig zu spielen an. Das Weib hörte der Musik kopfschüttelnd zu. Es schien ihr gleich vom Anfang keine rechte Vernunft darinnen zu liegen. Je länger er aber geigte, desto klarer wurde es ihr, dass er nicht völlig bei Sinnen sei. Er begann hie und da mit ziemlicher Genauigkeit verschiedene Tänze und Lieder, um aber gleich wieder aus allem Takt und Wohlklang zur aller regellosesten Behandlung des Saitenspiels zu gelangen. Endlich verweilte er aber doch länger bei einer ganz feinen, artigen Weise, welche das Weib wundersam anmutete, wie der lebendige Hauch der schier vergessenen, einstigen Lebenslust und Jugendseligkeit. Und da wusste sie auch, wer der Spielmann unter dem Regendache war. Als er dem Liede ein wildes Missgetön folgen lassen wollte, neigte sie sich zu Boden und fragte unter den Schirmrand hinein: »Gelt, Du bist der Birschen-Andredl, der Musikant?« Er hörte zu spielen auf und staunte das Weib mit großen, verträumten Augen an. Dann nickte er, und in sein noch völlig jugendschönes, aber seltsam starres Gesicht kam ein herbes Lächeln. »Ja, ich war ein Musikant. Jetzt bin ich keiner mehr. Ich fang tausendmal zu spielen an, und mitten in der Weis komm ich draus. Mir bleibt das Geigen auf mein Lebtag gstört. Ich hoff nimmer, dass ich s wieder erlern. Und geig doch. Es gibt mir keinn Fried in den Fingern und in der Seel. So geig ich halt und probier, so vergeblich das ist. Zeitweis vergiss ich mich völlig dabei. Das ist für den Augenblick gut. Aber wann ich wieder zu mir selber kumm, weiß ich doch, dass ich nichts Gescheidts geigt hab. Gegen Hunger und Durst hilft s mir ja auch, solang ich mich vergiss. So geig ich halt. Was soll ich denn auch sonst? Zu einer Arbeit mag mich niemand. Jeder weiß, dass ich mich dabei vergäß. So geig ich halt. Vor den Türen um Brot geigen ist bitter, wenn man einmal ein zünftiger Musikant gewesen ist. Wen sie einmal für sein Spiel verehrt und verhätschelt haben, den sollten sie dann nit so mit Spott überhäufen, wenn ihm nichts mehr glingt. Das ist gar grausam. Es gibt nichts Unglücklicheres als einn Narrn, der weiß, dass er ein Narr ist. Den sollten sie nit auslachen. Sie lachen an mir ihr eigens Werk aus. Sie haben mich ja zu ein Narrn gemacht. Aber sie denken nicht. Ein Narr denkt mehr als der ganze Haufen miteinander. Wie sie mich zu ein Narrn geschlagen haben, weißt du ja, gelt?«

Sie nickte. Seine Geschichte kam ihr ganz in Erinnerung, während er sprach. Er war der lustigste und schönste Bub in der Gegend gewesen und der beste Musikant obendrein. Mit seinem Wesen und seiner Geige gewann er überall die Herzen. Er war auf den Tanzböden und in den Gesellschaften die umworbenste Person. Aber sein Jugendglück machte ihn nicht übermütig. Er blieb brav und bescheiden trotz seiner Fröhlichkeit und Genussfreude. Darum verdiente er das am allerwenigsten, was sie ihm antaten. Sie machten ihn unglücklich, ohne dass er sich das Mindeste hatte zuschulden kommen lassen. Die Ursache war ein Weib, eine reiche Bauerntochter, die ihn wie so manche andere mit ihrer Liebe verfolgt hatte. Er konnte sie so wenig leiden wie alle die, welche sich ihm aufdrängen wollten. Aber in den Verdacht kam er doch mit ihr, wie er sich auch gegen sie empörte. Und dieses Verdachtes wegen schlugen ihn ein paar eifersüchtige Burschen derart, dass er so wurde, wie er jetzt war. Als er nach wochenlangem Kampfe mit dem Tode wieder auf die Beine kam, erwies es sich, dass sie ihn blöd geschlagen hatten, dass sein Verstand vielleicht für das ganze Leben zerstreut bleiben würde.

Sie hatten ihm damit auch den Bettelstab in die Hand gezwungen. Der alten Wanderin wurden jetzt die Augen nass, als sie sich seines Schicksals erinnerte. »Bist ein armer Teufel«, sagte sie und fügte dann hinzu: »Mich haben sie ja auch auf die Straßen gestellt. Mich auch. Wir zwei könnten miteinander gehen. Du sollst ihnen Dein Lied geigen und ich ihnen das Meinige dazu singen. Das wär eine schmeichelhafte Musik für die Menschen. Ich bin das Halter-Durei ? kennst mich nimmer? Hab ja auch einmal tanzt nach Deiner Geigen ? und wie? Mit mein Schatz, dem Keim-Loisl. Den hast ja kennt.«

Er nickte, und in seinen Augen kam dabei ein warmer Strahl.

»Freilich, der Loisl, das war ja mein Kamerad. Der hat Dich heiraten wollen. Aber dann hat er Dich leider nit brauchen können, weil du ein Krüppel geworden bist. Ich kenn Dein Gschicht ganz gut. Was zuvor gewesen ist, ehe sie mir den Kopf zerdroschen haben, das weiß ich alls. Aber von dem Nachherigen entfällt mir alles gleich. Du warst eine rare Bauerndirn. Beim Wastl auf der Eben hast von klein auf ehrlich dient. Und dann hats beim Wastl brennt. Dem Bauern sein einzigs Kind war in dem brennenden Haus, ein kleiner Bub, um den hat sich niemand hinein getraut als Du. Oben in der Dachkammer war er. Du hast Dir ihn auf den Rücken bunden und hast Dich so vom Fenster herabgstürzt, grad auf Dein Gsicht los, damit das Kind heil bleiben soll. Es war ein Heldentat. Sie ist Dir gelungen. Das Kind ist heil blieben. Aber Du hast Dir alle Glieder brochen, dass Du für Dein Lebtag ein armseliger Krüppel blieben bist. Und wie haben Dir die Leut dankt? So ? dass Du jetzt betteln gehen musst. Der Bauer hätt Dich freilich nit erhalten können. Der war selber arm nach dem Feuer. Aber die andern Leut hätten sich um Dich kümmern sollen.«

»Haben halt darauf vergessen«, antwortete das Durei darauf.

»Das macht jetzt nichts mehr. Man gewöhnt das Schlecht. Siehst, die Geis da hat mir damals der Bauer gschenkt. Kannst Dir denken, wie alt die ist. Sie wär auch schon längst verreckt, wenn sie nit wüsst, dass sie für mich leben muss. Sie hat so wenig Guts auf der Welt wie ich. Wenn sie wollt, brauchet sie nur die Viere von sich recken und wär hin. Aber mir zu Lieb lebt sie. Ich kann Dirs gar nit sagen, wie gut und wie gscheit das Vieh ist. Solang sie lebt, ists für mich nit gfehlt, denn da spaziert mein Frühstück und mein Mittagsmahl auf Schritt und Tritt mit mir. Wie es aber werden wird, wenn sie vor mir dahin geht? Ganz vom Betteln leben, ist hart. Die Leute sind jetzt geizig. Schau, sie vergönnen nit einmal der Hudl, das bissel Fressen. Wenn sie wo am Weg ein Graserl abbeißt, machen sie ein Gschrei. Einmal haben sie mich schon in den Kotter gsperrt, weil sie vom Richter seinn Klee ein wenig gnascht hat. Seither bin i wild auf die Menschheit. Alles hätt i den Leuten verziehn, aber dass sie mich eingsperrt habn, das ist gar zu schlecht von ihnen. Das kann i nimmer vergessn und klags alle Tag mein Gott. In die Schand sollten sie mich nicht bracht haben, mich nit. Das ist ein arge Schand für sie.« Jetzt weinte das Durei, und der Andredl weinte auch. Er hätte sich dabei wieder vergessen und weiß Gott wie lange fortgeweint. Aber das Durei riss ihn dann aus seiner Versunkenheit heraus. »Ich seh s schon«, sagte sie, »Du vergrübelst Dich zeitweis derart, dass Du wohl eins brauchest, das Dich an die Gegenwart gemahnt.«

»Ja, ja«, sagte er. »Das ists ja eben. Ich vergaß manchmal aufs Essen und Trinken. Einmal werd ich mich vergessen und nimmer wiederfinden. Ich brauchet wohl eins, das mich manchmal ein bissel aufrütteln tät.«

Sie überlegte eine Weile und sagte: »Na, das kann ja ich.«

»Willst?« fragte er.

»Gern. Dafür hilfst Du mir wieder hie und da ein bissel weiter. Mir gehts über die Berg gar schlecht auf die brochenen Füß. Magst?«

»Gern«, sagte auch er.

»Ich teil die Geismilch mit Dir, die mir oft eh zu viel wird«, fuhr sie fort. »Dafür lässt mich Du unters Parapluie knotzen, wanns regnet. Wir können eins das ander gut brauchen. Und es ist so viel tröstlich, einn Menschen zhaben, dems so geht wie einm selbst. Aber?«, unterbrach sie sich plötzlich und betupfte mit einem Finger ihr Gehirn.

»Was aber?« fragte er.

»Die Leut täten sagen, wir zwei sind zsammgstanden.«

»Was?« fragte er verständnislos.

»Weißt, sie glaubeten ? wir leben meieinand in der wilden Eh? Und uns fallet doch so was unser Lebtag nit ein, gelt nit?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, meiner Seel. So was nit.«

»Siehst«, sagte sie betrübt, »weil die Leut so schlecht und gering denken, können wir nit miteinand gehen.«

»Ah was«, warf er verächtlich hin, »wir sind die letzten, die Ursach haben, auf die Leut zu achten. Justament gehen wir miteinand, und wärs nur drum, dass wir uns vom Herzen ausschimpfen können über das erbärmliche Volk. Ich hab mir eh schon oft denkt: Wem soll ich mein Geigen vermachen, wenn ich stirb? Die kriegst nachher Du.«

Sie lächelte. »Ja, wenn ich geigen könnt drauf. Ich hab mir eh schon denkt, mit einer Musik, da käm ich leichter durch die Welt, da schauet das Zigeunern nit gar so bettelhaft aus.«

»Weißt was?« rief er. »Ich lern Dir s Geigen. Wenn Du Dir das bissel Gscheite merkst, was ich noch spiel, kannst grad gnug. Das Närrische darfst mir halt nicht nachmachen.« Sein Vorschlag leuchtete ihr ein. Sie fürchtete nur, eine gar zu ungelehrige Schülerin zu werden. So gingen denn die beiden armen Narren miteinander. Auf das, was man ihnen über ihren Bund sagen würde, waren sie so ziemlich gefasst. Aber dann machte ihnen das Gerede der Leute doch oft warm. Sie antworteten beide grob genug auf allen Schimpf und Spott. Aber je mehr sie sich im Zorne ereiferten, desto lieber war es den Leuten. Man unterhielt sich hie und da köstlich mit der Aufreizung der beiden. Oft gelang es auch jemandem, die Bettler gegeneinander aufzuhetzen. Es war nämlich nicht allzu schwer, das Herz des Andredl mit Misstrauen gegen seine Mitgeherin zu erfüllen. Wenn dem Narren jemand sagte: »Du, das Durei meint es nit ehrlich mit Dir, es ist ihr nit um das Geigenspiel, sondern sie will Dich langsam drankriegen, dass Du sie heiraten musst, weil sie so viel verliebt in Dich ist?«, so waren bei ihm gleich alle bösen Zweifel gegen seine Gefährtin los. Es war ja begreiflich, dass ihm nichts so verabscheuungswürdig erschien als ein heiratslustiges Weib. Er wurde durch ein solches unglücklich. Aber seiner Mitgeherin tat er unrecht, wenn er glaubte, sie habe derartige Absichten auf ihn. Sooft sich nun das Durei von ihm auf solche Weise verdächtigt sah, wurde sie bitterböse. Sie schalt ihn dann noch weit närrischer, als er in Wirklichkeit war, und überhäufte gelegentlich auch Leute, welche ihn aufgehetzt hatten, mit den galligsten Schmähungen. Oft sagte sie sich auch völlig von ihm los und ging tagelang allein. Er sehnte sich dann doch wieder nach ihr und sinnierte: »Wenn ich gewiss wüsst, dass sie es nit auf mein Lieb abgesehen hat, wie die Leut sagen, nämlich, dass sie mich nit heiraten will, ging ich doch wieder gerne mit ihr.« Und sie quälte sich in den Zeiten der Trennung um sein Befinden. »Er wird sich wo vergessen«, sagte sie. »Er wird verhungern oder erfrieren. Wenn er nit gar so närrisch wär, ging ich wieder mit ihm.«

Um das Geigenlernen war es ihr auch recht sehr zu tun. Sie bewies zwar ein großes Ungeschick dabei, aber eine ebenso große Geduld. Wenn sie aber noch so oft auseinander gingen, sie kamen doch immer wieder zusammen. Sie brauchten nur beide auf freiem Felde zu sein, wenn es regnete ? dann fand sich die Wiedervereinigung. Dann machte nämlich die Geis die Vermittlerin. Ehedem war es dem guten Vieh niemals eingefallen, seiner Herrin durchzugehen. Aber wenn es sich jetzt mit derselben auf freiem Felde befand, da brauchte nur ein Regen zu kommen, und die treue Begleitschaft hatte ein Ende. Bei Regen ging die Geis dem Parapluie des Andredl zu. Die alte Bettlerin mochte sich dagegen stellen wie sie wollte, es half ihr nichts. Gegen den Willen des alten Viehes, welches lieber verreckte als nachgab, war nicht aufzukommen.

Es blieb der Alten nichts übrig, als dem Tiere zu folgen, wenn ihr dieses nicht folgte. Ob es nun der Geis um den gewohnten Unterstand unter das Regendach des Andredl oder um die Versöhnung der beiden Narren zu tun war, darüber gab sie keinen Aufschluss.

Jedenfalls brachte sie die beiden immer wieder zusammen. Der Musikant verweigerte der Geis den Unterschlupf niemals. Aber mit seiner Weggefährtin verhandelte er oft lange, ehe sie sich aufs Neue zusammensetzten.

»Wann Du nur kein Weibsbild wärst«, sagte er schließlich immer wieder. »Das ist Dein einziger Fehler.«

»Dann hättst mir schon lang verziehen, wann Du kein Narr wärst«, pflegte sie zu antworten. Dann gingen sie wieder miteinander.

Seliger Tod

Die Klepper-Ahnl legte ihre dürre, zitternde Hand über das hellgraue Geschau, um besser das fürchterliche Schneetreiben durchspähen zu können. »Ist mir gerade, als käm ein Mensch auf unsere Hütte zu«, sagte sie. »Helft mir schauen, Kinder.«

Die zwei strammen, braunköpfigen Jungen blickten angestrengt durch das nur untenhin mit feinen Eisblumen belegte Fenster auf die Berghalde hinaus. Der Schnee fiel in solchen Massen, dass er schon einige Schritte weit vor den Augen eine Wand zu bilden schien, welche oben mit dem Himmel und unten mit der Erde in eins verschwamm. Manchmal zerriss ein jäher Windstoß das Gestöber, dass man ein wenig auf den alten Tannenwald hinabsah, der sich von dem hochgelegenen Bergreutland bis ins Tal erstreckte.

»Ja«, sagte jetzt Veit, der größere der Jungen, »von der Grimerhütte will einer zu uns herüber.«

»Ein Rab ists«, erklärte altklug Simmerl. »Ich seh, wie er mit den Flügeln schlägt, weil ihn der Sturm niederdrückt.«

Veit lächelte. »Du brauchst zum Sehenlernen mehr Jahr als eine junge Katz Tag, Simmerl. Der Grimer-Moz hat keine Rabenflügel, sondern seine Rockschöss sinds, die so fliegen. Wart nur, gleich wird sie ihm der Wind noch fortreißen. Gut, dass er so tief im Schnee steckt, sonst flög er gar selber!«

Nach diesen übermütigen Worten sprang Veit auf seinen brettdicken Wollsocken nach der Ofenecke und stieg geschwind in ein Paar alte Röhrenstiefel ? denn dass er sie anzog, konnte man nicht sagen: sie waren ein Nachlass seines seligen Vaters und groß genug, dass der Junge vom Dach der Hütte herab in sie hinein hüpfen konnte.

Die Ahnl stand jetzt auch hinter dem Ofen und wusch das Frühstücksgeschirr, die große Milchschüssel. »Fallts dir doch selber ein, dass du dem Alten entgegengehen musst?« bemerkte sie zu dem Enkel. »Ich hab schon geglaubt, dir muss das Gescheite allmal erst anbefohlen werden.«

Veit polterte lachend mit den Stiefeln hinaus.

»Ruiniers nicht so!« schrie ihm die Ahnl nach. »Heb die Füß!«

Draußen im Schnee musste Veit freilich die Füße heben, wobei er die Stiefelschäfte vorsorglich in die Hände nahm, um nicht vielleicht unversehens in den Socken da zu stehen. Ein Stück von der Hütte hinab war das Gehen noch keine Kunst. Hier auf der Windblöße reichte der Neuschnee dem Jungen kaum ein wenig über die Knie. Unter dieser flockigen Schütte lag freilich eine alte tiefere, aber die war fest gefroren und trug den auf breiten Sohlen gehenden Burschen leicht. Gegen den Wald hinunter wurde der Schnee immer tiefer. Veit sah sich bald bis über den Leib in der weißen Masse, aber er schob sich doch fast mühelos bis zu dem alten Grimer hinab durch.

»Vergelt dirs Gott, mein liebes Bübel, dass du mir einen Pfad treten kommst«, bedankte sich der Mann, den das Alter und die Arbeit schon so weit vornübergebeugt hatten, dass es aussah, als ob er mit den glanzlosen Augen nichts mehr anderes als sein Grab auf Erden suchte. »Zu euch muss ich hinauf mit einer Bitt«, fuhr er fort.

»Schon gut. Was Ihr verlangt, muss man gewähren; einen Unsinn wollt Ihr nicht. Und ich auch nicht, wenn ich jetzt sag: wir müssen die Röck tauschen! Ihr könnt Euch dann an die Schöß hängen, versteht Ihr?«

»Ja wenn ichs dabei nur nicht abreiß«, meinte etwas ängstlich der Alte. »Ich kann mir keinen neuen Rock mehr kaufen, das weißt du.«

»Ärger könnt Ihr nimmer dran zausen als jetzt der Wind!«

»Na, du sollst recht haben.«

Und er bereute den Tausch nicht. Seine Rockschöße waren ihm noch niemals so zweckdienlich vorgekommen wie jetzt, wo er sich daran von dem Burschen nachziehen ließ.

»Eine Kraft hat der Bub!« staunte er dann oben auf der Ofenbank der Klepperhütte. »Und einen Geist hat er auf seine Jahr!«

»Wie ein junges Ross«, behauptete die Klepperahnl. »In seinen Jahren, da waren wir schon ein wenig gelenksamer als er, weißt du es denn nimmer?«

Der Alte schüttelte den Kopf. Er konnte es kaum glauben, dass er auch einmal so wie der Bursche da gewesen war. Er hatte seither zu oft den Glauben an seine Kraft verlieren müssen bei der wenig lohnenden mühseligen Feldwirtschaft auf dem kalten Berggereut.

»Man soll nicht länger leben, als man sich selber auf der Welt weiterhelfen kann«, folgerte er in seinen Gedanken.

»Dummheit«, brummte die Ahnl. »Da dürft man gar nicht auf die Welt her, denn wann man da ankommt, kann man sich nicht helfen. Nein, mit denen man zuerst all das Kreuz hat, die müssen einen hernach betreuen. Uns zweien aber müssen die Enkel zahlen, was uns die Kinder haben schuldig bleiben müssen. Und dass ich die Wahrheit sag: mein Nannerl, Gott habs selig, hat mich nie so verzagt gemacht wie ihre zwei Rangen da.«

Sie seufzte und lächelte dabei. Man sah es der Klepperahnl an, dass sie jetzt kaum mehr verzagt werden konnte, dass ihr Lächeln dem ganzen Erdenschicksale galt. Sie hatte viel erleben müssen, um zu diesem Lächeln zu kommen, das dem Feierabendsonnenscheine glich.

Die Klepperahnl und der Grimer verloren ihre Kinder in ein und derselben Nacht. Das wilde Bergwasser hatte sie ihnen genommen, mitsamt allem Hab und Gut. Am Morgen nach jener Nacht war vom Berggereut jede Spur eines jahrhundertlangen, schweren Menschenwerkes weggewaschen. Nicht einmal ein Krümchen der schweißgedrängten Scholle blieb zurück; der neue Tag sah ein nacktes Steinfeld hier. Und von den Menschen waren gerade die tauglichsten, vollblühenden dahin. Was diese starken, heldenmütigen Männer und Weiber bei dem Rettungswerk noch bargen, ehe sie dabei selbst ihr Ende fanden, das kauerte dann auf dem großen Felsblocke inmitten des Gereutes.

Außer den zwei Greisen und ihren Enkeln überlebte noch ein junges Weib mit drei kleinen Kindern die Nacht. Aber die junge Witwe war seit jener Zeit ein Narr. Einen ganzen Sommer lang hausten die Heimatlosen in Reisighütten unten im Tannenwalde. Was sie zum Hinfristen des Lebens brauchten, bettelten sie in den Taldörfern. Die Großbäuerin, bei der sie zuerst anhielten, sagte: »So arme Bettler hab ich nie gesehen. Nicht einmal Bettelsäck habt ihr! Die braucht ihr zuerst.« Und sie schenkte ihnen Leinwand zu Bettelsäcken. Ein Zimmermeister baute ihnen auf dem neuen Steinfelde die drei Holzhütten, die sie ihm bis heute nicht völlig bezahlt haben.

Die Erdkrume, die jetzt wieder heroben lag, hatten die Leute selbst aus dem Walde heraufgeschafft. Diese Arbeit wars zumeist, die den Grimer so bucklig machte. Auf ihn, den einzigen überlebenden Mann der Ansiedlung, fiel gar zu schwere Plage. Die zwei Alten brachten es zuwege, dass jetzt wieder zur Sommerszeit ein blühendes Erntegefilde um die drei Hütten war. Für die Witwe, welche in völliger Geistesnacht herumging, sorgten sie wie für sich selbst. Aber wie sie sich auch mühten: die Bettelsäcke brauchten sie zuweilen noch. Den heurigen Winter war die Not in der Hütte der Witwe ganz besonders groß. Der größere Junge, der schon eine Zeit der Ernährer gewesen war, hatte sich den Herbst über zu viel gerackert und lag jetzt krank danieder. Die zwei jüngeren Kinder, Mädchen von zehn und zwölf Jahren, konnten das Überhandnehmen der Not nicht verhindern. Es war eine jammervolle Wirtschaft in der Hütte. Nur die Witwe kochte stillvergnügt stundenlang aus Sägespänen einen Sterz, den sie dann wieder tagelang suchte, wenn ihn ihr die Kinder heimlich wegnahmen. Der Grimer hatte gestern dieses Elend besehen, und heute machte er sich auf die Beine, um für die Armen so viel zu tun, als er eben konnte.

»Dass Ihr wisst, was ich will«, sagte er jetzt auf der Ofenbank, »den Veit brauch ich auf zwei Tag. Er muss mit mir für die Wittib und die Kinder ins Tal fechten gehen. Unser eigener Wintervorrat ist ja nicht so groß, dass wir davon den Armen etwas hinübertragen könnten. So heißts halt wieder einmal den Bettelsack nehmen, Veit. Ich ginge allein, aber was trüge ich denn allein? Mit einer Wenigkeit ist da nicht geholfen; wir brauchen zwei gestrotzt volle Säck, dass wir die Leut nur bis über die Weihnachten versorgen.«

Der junge Bursche stand mit schamrotem Gesicht und gesenkten Augen da. Es war ihm nichts so zuwider als das Bettelngehen. Es gab so viele Leute im Tale, vor denen er gern als etwas anderes denn als Bettler gegolten hätte. Diesmal sollte er freilich für andere herumgehen, aber schwer genug fiel es ihm doch.

»Na!« rief die Ahnl beinahe drohend. »Besinnst du dich da vielleicht?« »Verhungern kann man die Nachbarsleut freilich nicht lassen«, brummte Veit. »Aber ehe ich für mich selber ginge, möcht ich nicht leben.«

»Lasss nur gehen«, tröstete die Alte jetzt. »Nächstes Jahr, bis der Simmerl schon stark genug ist, dass er mit mir der Wirtschaft vorstehen kann, verdingst du dich wo im Tal als Knecht und ersparst uns dann schnell ein paar Tausender dabei, dass einmal das Gefrett aufhört.«

Veit ging ohne weitere Widerrede mit dem Grimer. Etwas Schönes fand er schließlich doch daran, für andere betteln zu gehen und dabei im Schneesturm das Leben zu wagen. Dem Alten schien wie durch ein Wunder die Kraft zu wachsen bei diesem Gang. Es war ein seltsamer Eifer in ihm. Seine trüben Augen hatten plötzlich einen warm strahlenden Blick. Die Begeisterung für sein Vorhaben machte ihn völlig jung und stark. Er rang sich ganz wie zu seinem Vergnügen durch den tiefen Schnee.

»Du, die werden Augen machen, wenn wir so unversehens mit zwei Säck voll guter Sachen daherkommen«, sagte er zu Veit. »Kannst dirs wohl vorstellen, wie sie dreinschauen werden? Weißt, jetzt brennt förmlich der Hunger aus ihren Blicken. Da gibts dir einen Schnitt ins Herz, wenn du das siehst. Und dann, wann wir auspacken werden! Kannst dir das vorstellen? So was ist viel schöner als alles andere im Leben. Und es kann dir bei keinm Trachten so herrlich warm werden als bei dem um so einn barmherzigen Zweck. Siehst, ich bin schon so alt und kalt, und bei dem Gang komm ich so wundersam ins Feuer ...«

Es war schon Nacht, als sie in das Tal kamen. Ein Bauer ließ sie in seiner warmen Stube übernachten. Am Morgen fochten sie mit so viel Erfolg das Dorf ab, dass sie in kein zweites mehr zu gehen brauchten. Alle anderen Bettler hätten hier weniger bekommen, aber die Leute vom Berggereut beschenkte man gern. Hie und da kam es auch vor, dass dem Veit noch unter dem Hoftore von den Weibern etwas ganz besonders Gutes in den Sack geschoben wurde, wenn nämlich vorher in der Stube bei der Beschenkung ein geiziger Bauer saß. Eine junge Witwe hatte dem schmucken Burschen, der sich nicht die Augen zu erheben getraute, sogar zwei Taler in die Hand gedrückt. »Aber anschauen musst du mich dafür«, sagte sie dabei und lachte.

»Einen Geschickteren zum Bettelngehen hätte ich mir nicht mitnehmen können«, schmunzelte der Grimer.

Zu Mittag machten sie sich auf den Heimweg. Bergauf ging es nun recht schwer und langsam. Der Pfad, den sie bei dem Hinabsteigen in den Schnee machten, war schon wieder verweht. Sie hatten gehofft, vor Nachtanbruch auf dem Berggereut zu sein, und jetzt fand sie der sinkende Winterabend auf dem halben Wege. Die Begeisterung, welche die Barmherzigkeit dem Grimer verlieh, konnte nun auch nicht länger Wunder wirken an dem todmüden, hinfälligen Leibe.

»Du«, sagte der Alte einmal zu dem Jüngling, als sie gerade in einem Schneehaufen standen, in welchem einem um das Weiterkommen bange werden musste, »du, mir scheint, ich werde den Heimweg nimmer ermachen.«

Veit erschrak, als er den fast zusammenbrechenden Mann ansah. »Nur weiter!« ermunterte er. »Hängt Euch nur fest an meine Schöss!«

Der Grimer schüttelte den Kopf. »Nein, da wirst du dann auch zu müd. Und du brauchst noch viele Kraft zum Hinaufkommen. Weißt, ich gehe jetzt da auf dem neuen Pfad zurück ins Tal und nimm mir morgen ein paar Männer mit. Die bringen mich schon heim.«

Dem Veit wollte das nicht einleuchten. »Zurück kommt Ihr allein so wenig als vorwärts. Je höher wir kommen, desto weniger wird ja der Schnee, weil ihn oben der Sturm nicht leidt. Also heim zu, Grimer! Hinauf heißts! Es bleibt sonst nichts übrig!«

Aber der Alte redete ihm zu, er solle allein gehen. »Du kommst viel schneller hinauf allein! Denk an die Armen oben, der Hunger tut weh! Tracht, dass du hinaufkommst, ehe es völlig Nacht wird. Du könntest sonst die Richtung verlieren ... Versäum keinen Augenblick! Nur nicht rasten im Schnee, das weißt du ja! Und iss ein Stück Brot im Gehen. Nur weiter, weiter! Ich komm schon zurück ins Tal; nur um mich keine Angst. Sag oben, ich ließe alle grüßen. Sie sollen sich nur um mich nicht sorgen.«

Der Bursche ließ sich nun doch bewegen, allein zu gehen. Aber er ging nicht, ohne sich zuerst die beiden Bettelsäcke aufzubürden, um dem Alten den Rückmarsch zu erleichtern.

Der Grimer ging nur so lange talab, als ihn Veit sehen konnte. Dann war es aber auch mit seiner Kraft zu Ende.

»So«, sagte er zu sich, »jetzt will ich rasten. Warum soll ich mich denn noch länger plagen? Werde mich doch geplagt haben genug ... Bild mir halt ein, ich lieg da in einem großen Federbett. Ein wenig kalt ist die Zudeck, aber was gibt es denn Schlechtes, das mir neu wär? Das Leben hat oft viel ärger gebissen als jetzt die Kälte.«

Es dauerte gar nicht lange, da übermannte ihn der Schlaf. Und dann kam der Traum, der letzte Traum des Alten. Er kämpfte sich wieder hinter Veit durch den Schnee mit dem gefüllten Bettelsack auf dem Rücken. Er war wieder voll Eifer und Begeisterung bei seinem Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Sein Herz war voller Freude und Jubel, denn er zweifelte nicht an der glücklichen Vollendung seiner Tat. Er sah noch das Licht in den Fenstern der Armen ... er schaute im Geiste, wie sich ihre Hungerblicke in strahlende, selige verwandelten.

Und dann waren der kurze, schöne Traum und das lange, schwere Leben des Alten aus...

Veit kam glücklich heim und brachte den Hungernden die vollen Bettelsäcke. Daheim fiel er dann vor Müdigkeit hin. Die Ahnl brachte ihn zu Bett.

Noch im Einschlummern fragte er sie: »Meinst du, dass er zu Tal kommt? Meinst du?«

Sie lächelte zuversichtlich. »Quäl dich nicht ab, liebes Kind, schlaf du nur ruhig! Wenn er, der für die andern betteln ging, auch auf dem Weg geblieben wär, so würde er doch recht gut eingeschlafen sein, recht gut ... Selig, der so einschläft!« ...

Beim ersten Morgengrauen zog die Ahnl die großen Mannesstiefel an und nahm eine Schaufel, um talwärts durch den Schnee einen Pfad zu brechen. Die Kinder aus allen drei Hütten halfen ihr. Sie mussten vier Tage lang fleißig arbeiten, ehe sie den Grimer fanden ? in dessen Lächeln man noch seinen seligen Tod lesen konnte.

Die Ehrenrettung

Da saß sie schon wieder am Ufer des Teiches auf dem weißen Steine und sah nach den emsig arbeitenden jungen Menschen hinunter. Er fühlte es ganz genau, dass sie ihre großen, heißen, schwarzen Augen immerfort auf ihn gerichtet hielt. Von Zeit zu Zeit wandte er sich jäh nach ihr, um sie auf einem Blicke zu ertappen. Aber so schnell vermochte er doch niemals den Kopf zu drehen, als sie den ihren zu den Waldblumen neigte, die ihr im Schoße lagen. Dann ärgerte er sich immer. Und sie freute sich. Ihre Gegenwart bei seiner Arbeit war ihm mehr lästig als angenehm. Er getraute sich nicht so zu bewegen, wie ihm das seine Mühe am meisten erleichtert hätte. Es war ihm viel darum zu tun, vor ihren Augen nur lauter solche Stellungen einzunehmen, die ihr keine Kraft und Schönheit zeigten. Und das wurde ihm bald schwer. Seine Arbeit war auch gar zu hart. Er baute zwischen dem Teiche und der kleinen Sumpfwiese mit großen Steinen eine Ufermauer. Der Teich hatte bisher die kaum zwei Fuß hoch über seinem Spiegel liegende Wiese nach jedem Regenguss völlig überschwemmt. Dem wollte der junge Bauer ein Ende machen. Seine Wiese sollte nun bald trocken liegen und anstatt Schilf und Binsen süßen Klee tragen. Er hatte sich vor drei Jahren hier am Teiche angekauft. Außer der Wiese gehörte noch die jenseits derselben ziemlich steil aufsteigende Hügelseite ihm und ein vor der linksseitigen schwarzen Waldmauer wucherndes Staudengewirr. Und auf dem Hügelkamme stand seine kleine, neue Hütte. Lenz hatte sein eigener Herr werden wollen. Und nun war er das nach seinem Sinne. Vordem hatte er bei den Bauern des Dorfes gedient, das jenseits des Hügels lag. Eine kleine Erbschaft ermöglichte es ihm, sich selbständig zu machen. Bisher hauste er ganz allein an dem Teiche. Und er fühlte sich dabei soweit glücklich. Zu den Dorfleuten, die er gut genug kannte, zog es ihn nicht viel. Er suchte sie weit weniger auf als sie ihn. Sie sahen hauptsächlich aus Neugier zu jeder Zeit in sein kleines, neues Reich herüber, das zuvor eine völlige Wildnis gewesen war.

Mit der jungen, blonden Sägemüllerstochter, die nun schon seit einem Monat täglich an das Teichufer kam, hatte er noch nichts geredet. Sie tat immer, als ob sie ihn nicht sähe. Aber er wusste doch, dass sie seinetwegen und nicht der Waldblumen wegen kam. Das schmeichelte ihm. Sie war zu schön, um ihm ganz gleichgültig sein zu können. Wenn sie zu lange dasaß, wurde sie ihm freilich zuwider, denn es war ihm unmöglich, vor ihren Augen so zu arbeiten, wie er wollte.

Er entschloss sich plötzlich, seine Zuschauerin zu vertreiben. An der Teichecke lagen einige große Bausteine. Lenz ging auf dieselben zu. Dabei kam er halb an dem Mädchen vorüber. Er tat, als ob er sie nicht sähe. Sie blickte auch nicht von ihren Blumen weg und spielte mit denselben so unschuldsvoll wie früher. Lenz nahm einen der schweren Steine und ging dann damit den früheren Weg zurück. Vor dem Mädchen angelangt, tat er plötzlich, als ob er stolperte. Dabei ließ er den Stein so geschickt fallen, dass die junge Schöne über und über mit Schlamm und Wasser bespritzt wurde. Sie kreischte laut und sah mit Entsetzen den arg veränderten Zustand ihres frisch gebügelten, weißen Kattunkleides. Aber schon im nächsten Augenblick war ihre Empörung über Lenz größer als ihr Schrecken über das beschmutzte Kleid. »Das hast Du absichtlich getan!« rief sie mit zornflammendem Gesichte. Dann wurden ihre Augen nass, seine Tat schien ihr auch eine schmerzliche Enttäuschung zu bereiten.

Er durchblickte ihr ganzes Empfinden, und das war ihm eine hämische, wollüstige Genugtuung.

»Glaub, was Du willst«, sagte er, um sie nur recht zu beleidigen. Er wollte sie fort haben. »Gilt es Dir vielleicht nicht ganz gleich, was ich von Dir denke?« setzte er dann noch hämisch hinzu.

Sie nickte lebhaft. »Ja doch, Du Grobian, ja doch.«

Er lächelte. »Darum bist Du so viel hier gesessen.«

»Deinetwegen nicht«, behauptete sie leidenschaftlich.

Er lachte. »Aha! Du willst jetzt gewiss noch länger sitzen bleiben?«

»Ja gewiss, so lange es mir beliebt«, sagte sie trotzig.

»Aber ich will Dich nicht da.«

Seine Worte erregten sie aufs Höchste. »Du wärest es wohl imstande, Gewalt gegen mich anzuwenden, Du?«

Er nickte. »Ja, glaubs nur. Und geh, geh!«

»Ich fürchte Dich nicht!« rief sie, ihn mit ihren Augen anfunkelnd.

»Geh!« wiederholte er drohend.

»Nein!« Sie stampfte mit dem Fuße auf.

»Ich komm Dir hin!«

»Komm nur!«

»Soll ich wirklich?«

»Ja. ich reiß Dir das Gesicht herab.«

Jetzt stürzte er sich auf sie. Er nahm sie in seine Arme und presste sie an sich. Ihre Hände ließ er frei.

»Kratz«, sagte er, »kratz doch!«

Sie legte wohl ihr Nägel an sein glühendes Gesicht, riss aber nicht an.

Seine Leidenschaft, auf die sie gar nicht gefasst gewesen war, machte sie nun starr ? starr vor Glück.

Sie versuchte es gar nicht, sich loszumachen, als sein Arm immer näher und heißer ihr Gesicht berührte.

»Jetzt wirst Du es doch nimmer leugnen, dass Du meinetwegen gekommen bist?« sagte er triumphierend. »Und jetzt weißt Du auch, was Dir geschieht, wenn Du wiederkommst. Komm niemals wieder, hörst? Ich mag Dich nicht hier. Dass ich Dich jetzt in den Armen halte, das ist nur Deine Strafe. Und ich sollte Dich nun zur Strafe noch küssen. Aber ich bring es doch nicht zuwege. Du bist nämlich gar zu schlecht. Ich sehe, Du freust Dich so sündhaft an dieser Strafe, die Dich demütigen sollte. Darum küsse ich Dich nicht.«

Und er fand wirklich die Kraft, sie nicht zu küssen. Da küsste sie plötzlich ihn. »So strafe ich mich selber«, sagte sie dabei. Er sträubte sich nun gegen sie. Mit den Armen ließ er sie zwar noch nicht ganz frei, aber den Kopf bog er weit vor ihr zurück. Da gebrauchte sie aber eine Gewalt, die ihn staunen ließ. Eine Weile betäubte sie ihn völlig mit ihrer Liebesglut. Aber dann stieß sie plötzlich ein wildes Geschrei aus, das er sich gar nicht zu erklären vermochte, und tat, als ob sie sich mit Anwendung aller Kraft von ihm losreißen wollte. Und er hielt sie eigentlich gar nicht fest. Er sah, dass sie plötzlich ein falsches Spiel spielte.

Sie hatte unweit an der Waldmauer einen scharf herüber spähenden Mann erblickt, dem wollte sie nun glauben machen, dass sie sich mit aller Macht gegen Lenz wehrte. Und der Mann kam ihr nun wirklich zu Hilfe. Lenz bemerkte ihn erst, als er schon vor ihnen stand.

»Du wildes Tier!« schrie ihn der Herbeigeeilte an. »Gleich totschlagen sollte man Dich!«

Jetzt begriff erst Lenz völlig seine Lage. Der Angekommene war der Furthofer, ein entfernter Verwandter des Mädchens. Vor dem wollte sie nun zu ihrer Ehrenrettung das Möglichste versuchen. Lenz musste nun zunächst lachen. »Jetzt werde doch am Ende bei der Geschichte ich der Gestrafte.«

»Ja, das wirst Du auch«, sagte der Furthofer mit einer Empörung, bei welcher er doch schwer seine Schadenfreude verbergen konnte. »Ich hab alles gesehen. Die Sach wird für Dich nicht gut ausgehen, Bub. Komm mit, Leni.« Er nahm das Mädchen an der Hand und führte es fort. Lenz fiel auf den Stein hin und wälzte sich erst vor Lachen, aber dann kam er vom Lachen in Wut.

Es war also umsonst, dass er sich abseits von dem Gesindel angesiedelt hatte. Sie waren ihm wieder nachgekommen und nahmen ihm seine Ruhe, um die er sich so viel gemüht hatte! ?

Der Furthofer war mit Feuereifer erbötig, dem reichen Sägemüller und Leni in der Angelegenheit die größte Genugtuung zu verschaffen. Die beiden konnten sich seiner freundlichen Mühe gar nicht genug erwehren. Er wollte gleich zum Gericht laufen und dann zu allen alten Weibern, um bei denen einer unliebsamen öffentlichen Meinung vorzubeugen. Ehe es ihm der Sägemüller verständlich machen konnte, dass er und die Leni die Geschichte ganz zu vertuschen wünschten, hatte der Furt-hofer in seiner Freundschaft für die beiden bei vielen maßgebenden Leuten schon so viel wie möglich getan. Er begriff nicht früher, dass er schweigen sollte, als bis ihn der Sägemüller dafür bezahlte. Für Leni lief das Ganze damit ab, dass sie von ihren vielen wohlgemeinten Freundinnen darum bedauert wurde, das Opfer der Leidenschaft eines argen Menschen geworden zu sein.

Über einen offenen Zweifel blieb die Tugend des Mädchens erhaben, aber dem jungen Einschichtler am Teiche wich man fortan wie dem gefährlichsten Verbrecher aus. In einer kurzen Zeit war er ein schier unversöhnlicher Menschenfeind geworden.

Mittlerweile starb der alte Sägemüller, und Leni wurde die Herrin ihres eigenen Willens und eines ansehnlichen Vermögens. Sie hatte schon immer gewünscht, so tun zu können, wie sie wollte. Nun durfte sie das. Und da ging sie zu Lenz. Sie zog dazu ein feierliches, schwarzes Kleid an. Die Dorfleute wurden vor Staunen lahm, als sie das junge Weib über den Hügel nach der Einschicht hingehen sahen. Aber es dauerte doch nur wenige Minuten, dann waren alle Mäuler in Bewegung. Ihr lag nichts an allem, was sie sagen mochten. Sie hatte nur ihren Vater gescheut, der sie lieber erwürgt als dem armen Lenz gegeben haben würde. Und jetzt war sie frei und konnte ihrer Neigung folgen. Eine Scham hielt sie nicht zurück. Lenz staunte nicht wenig, als er sie plötzlich in seiner kleinen, armseligen Stube sah. Zunächst wollte er ihr die Tür weisen. Aber dann entschloss er sich doch aus Neugier sie anzuhören.

»Ich komme zu Deiner Ehrenrettung«, sagte sie. »Ich bin sie Dir schuldig. Aus Not hab ich damals gelogen und Dich schlecht gemacht.«

Er lächelte. »Wie willst Du das tun? Willst Du die Wahrheit austrommeln lassen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Du weißt ganz gut, was ich will? Wenn ich Dich jetzt heirate, dann werden die Leute schon das Wahre denken, ohne dass ich es austrommeln lasse. Es ist mir recht, wenn sie dann Dich, meinem Mann, mehr achten als mich. Also willst Du?«

Er antwortete nicht gleich. Er fand keine Genugtuung für sich in ihrem Ansinnen. Sie entrüstete und ? belustigte ihn nur damit. Und es ekelte ihn vor der Gier, mit der das junge Weib nach ihm strebte.

»Es ist recht schön, dass Dir so viel an meiner Ehrenrettung liegt«, entgegnete er. »Und ich sehne mich auch so kindisch nach ihr, dass ich mich gar nicht sträuben will. Zum Heiraten habe ich Dich freilich nicht gern genug.«

Sie hoffte, dass er mit den letzten Worten scherzte, und sah ihm fragend in die Augen. »Vielleicht werde ich Dir doch noch lieber, wenn ich so recht danach tue?«

Er zuckte mit den Achseln. »Das müsste man erst sehen.«

»Also bist Du entschlossen?« fragte sie.

»Zu meiner Ehrenrettung, ja.«

Sie hielt das für seine Zusage. Eine Weile wartete sie atemlos, ob er sie nun nicht in seine Arme nehmen würde. Als der das nicht tat, sagte sie: »Wenn Du nur gegen eine baldige Hochzeit nichts hast.«

»Gut«, sagte er, »mach es nur gleich bekannt, dass Du mich heiraten willst. Befreie meine Ehrenrettung nur so groß und glänzend vor, wie sich das gehört.«

Sie versprach ihm das. Dann traf sie wirklich Vorbereitungen zu so einem prunkvollen Hochzeitsfeste, wie man noch im Dorfe keines gesehen hatte. Und weil alle Dorfleute zu dieser Hochzeit geladen waren, wurde sie auch gebilligt.

Lenz ließ den Hochzeitstag herankommen und fand sich dann zu der so großartig vorbereiteten Feier bei seiner Braut nicht ein. Sie fanden ihn in seinen schlechten Werktagkleidern bei der Arbeit.

»Weißt Du denn nicht, was heute für ein Tag ist?« fragten sie ihn.

»O ja«, entgegnete er. »Heute ist der Tag, an dem Ihr etwas Besseres von mir werdet glauben müssen als bisher, an welchem ich beweisen kann, dass ich die Leni nicht gemocht hab, dass nicht ich, sondern sie das Liebestolle von uns beiden war ? der Tag meiner Ehrenrettung! Ich weiß, dass Ihr mir um den Hochzeitsbraten viel lieber alle Schlechtigkeit verziehen hättet, als Ihr nun daran werdet glauben müssen, dass ich besser, reiner, ehrenhafter bin als einer, der sich mit Euch gemein machen möchte.«

Und man hieß ihn nun im Dorfe einen Narren, weil es nimmer gut anging, ihn einen sittlich verdorbenen Menschen zu heißen?

Die Sturmglocke

Es war nach dem Schmelzen des Wintereises, an dem ersten schönen Frühlingstage. Der lehmige Talgrund war noch schwer nass, aber auf den sandigen Bergfeldern hatten Wind und Sonne schon recht hübsch aufgetrocknet. Da zögerten denn die Leute der kleinen Ansiedlung nicht länger mit der Haferaussaat. Niemand blieb in den Hütten zurück, wo es draußen so Wichtiges zu tun galt. Auch die Kinder waren mit ausgezogen und von den Haustieren alles, was dem Menschen gerne folgt.

Die Geißen machte das junge Gras auf den sonnigen Rainen wonnetoll, und die Hühner ließen sich durch nichts von dem Glauben abbringen, dass der schöne Hafer für sie ausgesät würde.

Eine alte, faule, dreischeckige Katze blieb daheim und ein noch älterer, lebensmüder Haushund. Die Katze sonnte sich auf dem niedrigen, steinernen, weiß getünchtem Mauerkranze einer wetterbraunen kleinen Holzhütte. Und der Hund saß vor ihr am Grabenrande des tiefkotigen Dorfweges.

Er hatte ihr den Rücken zugekehrt und schielte voll verächtlicher Ruhe dem sich sonnig dahin tummelnden Wasser nach, gerade als ob er sagen möchte: »Du wirsts errennen.« Und die Katze sah mit halbgeschlossenen Lidern unendlich schläfrig und gleichmütig über ihn hinweg in das Leere.

Die Einsamkeit ihres Alters und diejenige dieser Stunde hatte die beiden einander näher gebracht, als sie sich jemals zuvor stehen mochten.

Sie schienen über die gegenseitige Feindschaft schon endgültig hinaus zu sein. Und über die Möglichkeit einer Freundschaft auch. Ganz wie zwei Menschen sahen sie aus, die schon recht wohl wissen, wie wenig sich aller Ärger und Eifer dieses Lebens verlohnt. Zwischen ihnen pendelte der alte, glitschige Strang der kleinen Glocke, welche unter dem vorspringenden Hüttengiebel hing, leise im Winde. Ehedem war dieses Glöckchen an jedem Morgen, Mittage und Abende zum Ave geläutet worden. Aber seit Jahren wurde es nach Möglichkeit geschont. Es war nämlich nahe daran, ein Loch zu bekommen, und zwar seit jener Zeit, wo am Berghange die große Schneelawine niederging und das Dörflein beinahe völlig begrub. Nur der Giebel mit dem Glöcklein hatte aus dem Schnee gelugt. Und außer dem alten Schönebner waren alle Dorfleute verschüttet gewesen. Der Alte war eben damit beschäftigt, ein Wagenrad auf dem Dache zu befestigen ? zum Nestbau für die Störche. Da konnte er dann zu seiner Rettung und zu derjenigen der Verschütteten nichts Besseres tun, als so lange das Glöcklein läuten, bis es der auf dem Berge wohnende Waldheger hörte. Durch zwei Tage und eine Nacht läutete er unausgesetzt, bis dann der Heger wirklich hörte und aus anderen Tälern Hilfe herbeirief. Seit jener Zeit war das Glöcklein von den vielen gewaltsamen Schwengelschlägen, wie die Leute sagten, »auf seiner Herzseite« gar so dünn geworden.

Sie nannten jene Stelle darum die Herzseite, weil dort der feine, künstlerische Schmuck des Gusses das heilige Herz Jesu zeigte. Jetzt wurde das Glöcklein nur mehr zu schweren Zeiten geläutet, zum Beispiel, wenn jemand in den letzten Zügen lag oder wenn der Ansiedlung Not und Gefahr drohten. Unten an dem Glockenstrang war ein kleiner Eisenring, der sonst an einem in der Mauerbank steckenden Nagel lag.

Heute baumelte der Strang einmal zufällig in der Luft. Vielleicht hatte ihn der Wind losgerissen, vielleicht hatte auch die Katze damit gespielt. Aber die sah wahrlich nicht aus, als ob sie zu dergleichen noch überhaupt gelaunt sein könnte.

Durch die noch frostbraunen Talwiesen kam jetzt ein großer, starker Mann den schmalen, radschundigen Weg heraufgegangen.

Er ging langsam wie einer, der durchaus nichts zu versäumen hat, obwohl seine Kleidung gar sehr danach aussah, dass er sich von Rechts wegen eilig um eine neue bemühen sollte. In seinen großen, schwarzen Augen lag aber, trotzdem er sich so Zeit ließ, etwas gierig Suchendes. In die lebenatmende Ruhe der Frühlingsnatur passte nichts so wenig als diese friedlosen, sengenden, mordgierigen Augen. Von dem oberen Talende aber eilte ein Jüngling herab mit fliegendem Atem, brennenden Wangen und angstvoll suchenden Augen, wie einer, der all sein Glück auf die Hoffnung setzt, mit dem Aufwande aller Kraft dasjenige vielleicht noch retten zu können, was er jetzt in der ärgsten Gefahr weiß und das ihm das Liebste ist.

Die Katze schien eine Ahnung zu haben, was den jungen Menschen so mächtig antrieb. Als ob sie ihm auf dem Orte um den Glockenstrang so recht Platz machen wollte, stand sie auf, ging ruhig einige Schritte auf dem Mauersockel dahin und setzte sich dann wieder gemächlich. Genau eben so weit wie sie ging der Hund auf dem Erdboden hin und setzte sich hernach wieder vor ihren Augen nieder.

Mit den beiden Tieren zugleich schien es auch der von untenher kommende finstere Mann zu erraten, dass es das Bestreben des jungen Burschen war, nur schnell genug zu dem Glockenstrang zu kommen. Da war es, als hätten plötzlich seine bösen gierigen Augen dasjenige, was sie suchten, gefunden. Der sich eben noch so lässig gehabende Körper schnellte aus seiner Trägheit auf wie derjenige einer Schlange, die eine flüchtige Beute gewahrt.

Noch vor dem Jüngling war er bei dem Glockenstrang und hob denselben mit eitler Hand hoch empor. Der Heranstürmende wollte den Strang im Sprunge erhaschen. Aber der Mann stieß ihn lachend zurück. Der Bursche fiel hart auf den Boden hin. Das brach so ziemlich den Rest seiner Kraft. Aber er rankelte sich doch noch mit verzweiflungsvoller Mühe an dem Manne empor. Seine Lage gebot ihm, den um Gnade zu bitten, welchem er jetzt im gerechten Zorne gerne Gleiches mit Gleichem vergolten hätte.

»Lass mich doch um Gotteswillen läuten!« bat er. »Du weißt nicht, was du tust, wenn du mich da abhältst. Aber du könntest das in Ewigkeit nicht verantworten. Das Hab und Gut der armen Ansiedler ist verloren, wenn du mich nicht gleich läuten lässt. Sie sind alle da oben auf den Bergfeldern und ahnen nicht das kommende Unglück. Die Glocke soll sie rufen, dass sie hier bergen, was zu bergen ist. Im oberen Waldtale will der Teich, den das von den Bergen kommende Eiswasser überfüllt, den Damm brechen. Da kann jetzt jeden Augenblick der erste Schwall mauerhoch daher sausen und alles, alles wegfegen, was hier durch lange, blutige Menschenmühe entstanden ist. Begreife doch, dass du mich läuten lassen musst, wenn du ein Mensch und nicht der Teufel bist!«

Während er das schrie, riss er immer wieder an dem felsenfest stehenden Manne und strebte an ihm empor, um ihm den Strick zu entreißen. Er hätte aber auch bei dem Besitze seiner ungeschwächten Rüstigkeit mit seinen noch knabenhaften Gliedern gegen die ungewöhnliche Stärke des Mannes nichts zu richten vermocht, der ihn jetzt von Neuem niederstieß und sich dann auf ihn warf, um ihn am Boden festzuhalten.

»Glaub nur, dass ich der Teufel bin!« lachte er dabei. »Ich möchte es für die Ansiedler auch gerne sein. Und doch war ich einmal einer der Ihrigen und, wie ich meine, einer der besten von ihnen. Du wirst meinen Namen wohl schon gehört haben. Der Schönebner Veit bin ich.«

»Der Narr! Der Mörder!« keuchte der Bursche.

»Ja«, sagte Veit. »Du hast, wie ich merke, meine Geschichte schon gehört und verurteilst mich, wie mich so viele andere verurteilt haben, die mich ebenso wenig kannten wie du. Und die mich doch kannten, verurteilten mich, weil ihnen das besser gefiel ? weil es ihnen mehr Vergnügen machte, mich niederzutreten, als mit mir barmherzig zu sein. Von diesen ? den Verständigeren ? wurde ich nicht aus sittlicher Entrüstung verdammt, sondern aus Freude am Verdammen. Wunderts dich, dass ich sie nun dafür auch verdamme? Begreifst du nicht, warum ich jetzt so handle? Du bist vielleicht hier einer der Unschuldigsten. Ich kenne dich wohl nach der Art: Du bist des alten Teichwärters Sohn und warst noch ein Kind, als mir hier in meiner Heimat so viel Böses geschah. Aber ich muss dich doch wie meinen Feind behandeln. Und zwar wie meinen ärgsten, denn du willst mich um das Liebste bringen, was ich mir noch weiß: um den Genuss meiner Rache. Davon muss ich dich nun abhalten, und wenns dein Leben kostet und selbst das meine. Ein Mörder bin ich doch schon, wie du ja selber weißt. Und die mich dazu gemacht haben, sollen nun doch dafür etwas leiden.«

Während er dies alles in leidenschaftlicher Erregung hervorbrachte, hatte er den jungen Menschen erst mit einem Hosenriemen und dann noch mit einem Stück Rebschnur so gefesselt, dass sich dieser unmöglich mehr von selbst erheben konnte. Danach blieb er vor ihm stehen und redete weiter:

»Ich will dir sagen, wie sie mich so schlecht machten. Zuerst haben sie mich um das Glück meiner Jugend gebracht. Gleich in meinem besten Blühwetter haben sie mich verdorben. Was an Schönstem in mir erblühen sollte, haben sie mir zuerst geraubt: meine Liebe. Ich hatte ein armes Mädchen gern. Meinen Verwandten war das nicht recht. Ich sollte eine mit Geld heiraten. Meine Eltern staken tief in Schulden. Wenn ich nicht das Weib nahm, welches mir die Verwandten kuppelten, wurde uns die Hütte versteigert, mussten wir die Heimat verlieren, Bettler werden. Da brachte ich das Opfer. Um die Meinigen zu erretten, verkaufte ich mich. Und um es mir leichter zu machen, die Ungeliebte zu heiraten, waren meine Nächsten so gut gewesen, mein geliebtes Mädchen von einem anderen verführen zu lassen. Wie bös sie mich bei meiner Geliebten verleumden mussten, damit ihnen der schöne Plan gelang, das erfuhr ich zu spät. Sonst hätte ich ihnen zuliebe nicht geheiratet. Aber so ließ ich mich von meinem Pflichtgefühl und meiner Heimatliebe binden. Mein Weib hasste ich vom ersten Tage unserer Ehe an. Ich machte auch kein Hehl daraus. Sie aber liebte mich. Ich hatte ihr gleich zu allem Anfange gesagt, dass ich sie nur der Meinen willen nehmen wolle, dass ich ihr keine Liebe versprechen könne, sondern nur mit aller Macht den guten Willen in mir aufbringen wolle, neben ihr friedlich hinzuleben und ihr jene äußere Ehre und Achtung nicht zu versagen, deren eine Ehe vor der Welt bedarf. Und sie heiratete mich doch, denn sie hoffte, meine Liebe erzwingen zu können. Das gelang ihr aber nicht, und je mehr sie sich um mich mühte, desto mehr hasste ich sie.

Da musste sie endlich meine Feindin werden, und sie wurde es auch. Dass ich ihr keine Liebe versprochen hatte, das vergaß sie wohl, denn sonst hätte sie es dann doch nicht gar so schamlos in die Welt als meine Schande hinausschreien können, dass ich ihr keine Liebe gewährte. Und die Welt stellte sich auf ihre Seite, wie sie sich ja immer auf die Seite des Schreienden stellt. Mich machten mein Stolz und mein Unglück stumm. Ich verschmähte es, mich zu verteidigen und wurde darum von den Menschen verurteilt. Das Weib wurde bedauert und ich verflucht. Man nannte mich einen Schurken, weil ich geheiratet hatte, und einen Narren obendrein. Und die, welche mich zur Heirat getrieben hatten, nannten mich am lautesten so. Mein Weib gewann immer mehr Mitleid für sich. Das Erbarmen einiger Männer für sie war ein besonders großes. Mit einem von ihnen ging sie ein gar inniges Verhältnis ein. Und eines Tages spürte ich, dass sie mir etwas in die Suppe getan hatte, das mich aus der Welt räumen sollte, in welche ich doch nach der Ansicht der Dorfleute sowieso nicht passte. Das Gift wirkte schnell, es warf mich nieder, aber es tötete mich nicht. Ich wollte Lärm machen, als ich sah, was mir geschehen war. Aber ich war in meinem Zustand nicht mehr fähig dazu. Es machte mich unsäglich wütend, der Elenden wegen mein Leben verlieren zu sollen, das allerdings nur ich allein für wertvoll hielt. Um nach Möglichkeit Rache zu nehmen, schlug ich das Weib noch von meinem Lager aus mit einem Stocke über den Kopf, dass ich meinte, es müsste tot sein. Aber ich hatte ihr nur eine Beule geschlagen. Dann verlor ich die Besinnung. Erst nach Tagen kam ich wieder zu mir. Da wollte ich sie nun verklagen. Aber unterdessen war es ihr gelungen, allem, was ich wider sie tun könnte, vorzubeugen. Für einen Narren hatte sie mich unterdessen erklärt, für einen Tollwütigen. Und es war niemand im Dorf, der ihr nicht beistimmte. Als ich über so viel Ungerechtigkeit in Zorn entbrannte, taten sie mir rohe Gewalt an und sperrten mich ein. Alle standen wie ein Mann wider mich Unglücklichen zusammen.

Eines Tages gelang es mir doch, auszubrechen. Da schlug ich das Weib tot. Ich konnte nicht anders und hielts für kein Unrecht. Bei Gericht erkannten sie, dass ich nicht wahnsinnig war. So kam ich als Mörder in das Gefängnis. Ich hielt aber alle die, welche mich jemals verurteilten, für ärgere Mörder als mich selbst. Ich fühlte, dass sie hundertfachen Mord an mir begangen hatten. Und ich dachte nur immer an die Rache. Jetzt soll sie mir werden. Indem ich dich abhalte, ihnen die Gefahr anzuzeigen, mache ich sie vielleicht alle zu Bettlern. Damit du aber hier nicht ersäufst, lege ich dich da oben auf die Böschung nieder. Und damit du niemanden rufen kannst, verstopf ich dir den Mund. Dann will ich oben vom Waldrande zusehen, wie das Wasser kommt und mit allem Lebenswerk meiner Feinde hier aufräumt. Und zusehen will ich, was sie an dem Grabe ihres Glückes machen, ob sie dabei so stille sein werden wie ich, als sie mein Glück begruben. Ich glaube, sie werden schreien. Die Gemeinen schreien ja. Und ich will sie schreien hören. Wenn der Damm richtig gleich brechen muss, wie du sagst, wird mir wohl nichts die Freude verderben. Es kommt ja niemand in das Tal, der die Leute rufen könnte, niemand, das weiß ich gewiss.«

Er wollte nun den armen Jungen wirklich aufheben, um ihn auf die Böschung zu bringen. Aber er kam nicht dazu. Ein furchtbarer Schrecken machte ihn plötzlich starr. Wie versteinert musste er in seiner gebückten Stellung verharren. Und sein Gesicht war von einem Entsetzen verzerrt, das diesem Manne durch keine andere als eine übernatürliche Macht einzuflößen gewesen wäre. Und es war trotzdem etwas ganz Natürliches geschehen. Aber daran vermochte er nicht zu glauben. Er hielt das, was sich hinter ihm ereignete, für gar zu gespenstisch, als dass er gleich herumzublicken wagte.

Die kleine alte Sturmglocke hatte plötzlich zu läuten angefangen. Und Veit wusste doch bestimmt, dass außer ihnen beiden kein Mensch in dem kleinen Tal war. Er konnte nicht im Mindesten daran zweifeln, dass die Glocke von einer anderen als von einer irdischen Macht in Bewegung gesetzt wurde. Erst hatte sie dreimal schrill angeschlagen und dann viele Male hintereinander in gellenden, wimmernden, klagenden Tönen. Dann war sie wieder verstummt. Zuletzt hatte es wie ein Schrei geklungen, bei dem ihre Stimme zu brechen schien. Der Mann war bei diesem letzten Ton in sich zusammengesunken. In seinem Innern schien da auch viel gebrochen zu sein, was bisher so hart wie Erz gewesen war. Dann richtete er sich aber doch empor, mit einem ganz veränderten Gesichtsausdruck und blickte, als ob er nun in plötzlicher Demut auf das Äußerste gefasst wäre, herum. Um eine Sekunde früher hätte er da noch sehen können, wie die alte, faule Katze, welche er früher gar nicht gewahr wurde, blitzschnell um die Ecke stob und hinter ihr der Hund.

Die beiden hatte eben zuvor, Gott weiß warum, der Übermut geplagt. Vielleicht hatte das bloß die liebe, warme Frühlingssonne gemacht. Vielleicht auch etwas anderes. Der Hund hatte sich erst langsam nach der Katze umgesehen und sie dann, so hässlich er nur konnte, angefletscht. Zunächst schien sie sichs zu überlegen, ob sie sich etwas daraus machen sollte. Dann erhob sie sich aber doch und zeigte ihm, wie nur hauptsächlich um der altgebräuchlichen Form willen, ihren Buckel. Da fuhr er auf sie los. Sie tat, als ob sie sich vor ihm fürchtete, und fuhr mit jugendlicher Lebendigkeit recht hoch an dem Glockenstrang hinauf. Er aber sprang empor, fasste den Strang mit seinen Zähnen und begann mit allen Leibeskräften daran zu ziehen und zu reißen. Da setzte sich denn das kleine Glockenstühlchen droben in seinem Lager mit einem zähen Ruck in Bewegung, und das Glöcklein läutete. In der starken Anwandlung ihres Jugendeifers schienen die Tiere erst des Läutens nicht zu achten, dann ließen sie aber jählings von ihrer Tat und flohen eines vor dem anderen bis zur jenseitigen Hüttenwand, wo sie sich wieder zur Ruhe setzten.

Es dauerte nun nicht lange, da sah man schon oben an der Ecke des Bergweges einen fliegenden Weiberrock und dann einen zweiten und dritten. Und Veit winkte den Leuten, dass sie sich tummeln mögen. Dann riss er die Bande von dem Leibe des jungen Menschen. Und in den nächsten Minuten tat sich niemand so fleißig bei dem Rettungswerk um als der, welcher sich erst zuvor so sehr auf seine Rache freute. Er konnte nichts anderes glauben, als dass Gott diese Rache durch ein Wunder vereitelt hatte. Und das machte seinem Hasse ein Ende. Ehe das Wasser kam, konnten die Leute dasjenige auf die Böschung bringen, an dem ihnen das meiste lag. Sie bauten auch oben vor dem Dorfe aus Holz und Steinen ein Stauwerk. An dem brach sich dann tatsächlich die ärgste Gewalt des Wassers so, dass die Hütten nicht weggeschwemmt wurden. Es geschah nicht viel Unglück, weil dem so gut vorgebeugt werden konnte. Mit ihrem alten Feinde schlossen dann die Dorfleute Frieden, als sich die Wasser verlaufen hatten. Und auch der Junge, dem er so übel mitgespielt hatte, verzieh ihm.

Es blieb den Dorfleuten zeitlebens eine heilige Überzeugung, dass das Glöcklein allein Sturm läutete. Wenn sie die Wahrheit erfahren hätten, wäre ihr Glauben wohl auch ein so frommer und rechter geblieben.

Als dann einer von ihnen zu der alten Sturmglocke emporstieg, um sie mit den ersten Blumen des Frühlings zu bekränzen, da sah er, dass sie nun einen Sprung hatte. Und dieser Sprung ging mitten durch die Abbildung des Herzens jenes Großmächtigen, der gestorben ist, um den Hass zu tilgen.

 


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