Altes Herz geht auf die Reise

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1. Kapitel

Worin Professor Gotthold Kittguß von einem Engel besucht und nach Unsadel gesandt wird

 

Es war einmal ein alter Professor namens Gotthold Kittguß, der hatte weder Weib noch Kind. Bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr war er schlecht und recht an einem Berliner Gymnasium Lehrer der christ-evangelischen Religion gewesen. Zudem hatte er die jüngeren Jahrgänge in die lateinische und griechische Sprache eingeführt, während er mit den älteren, soweit sie sich später der Gottesgelehrsamkeit widmen wollten, das Neue Testament im griechischen Text gelesen und das Hebräische exerziert hatte.

Diese fünfundzwanzig Jahre seines Lehrerdaseins hatte eine wahre Liebe zu den heranwachsenden Knaben erwärmt, und sein eifrigstes Bemühen war dahin gegangen, ihnen nicht nur die Schrift, sondern auch den Geist, der in dieser Schrift wohnt, recht faßlich zu machen. Viele Male schon hatte er den Jungen das Neue Testament erklärt und damit auch die Offenbarung Johannis, aber nie hatte er versucht, gerade an dieses letzte und ihm sehr liebe Buch der Heiligen Schrift mit eigenen Deutungen heranzugehen.

»Da aber ließ mir«, wie er in seinem Tagebuch niedergeschrieben, »der Herr mit einemmal ein Licht aufgehen, durch das mir die Pforte zum göttlichen Bau der Offenbarung aufgeschlossen ward. ?Wie?, fragte ich mich, ?wenn zwar für die Herrlichkeit des vollendeten Reiches Gottes keine Zeitschranke gesetzt wäre, wohl aber für den vorangehenden Jammer, welcher der Weg zu dieser Herrlichkeit ist?? Mit der stärksten Klarheit und Überzeugung stellte sich diese

Vermutung vor meine Seele, und ich ward so sehr von ihr eingenommen, daß ich nicht mehr imstande war, die Unterrichtung meiner Knaben fortzusetzen ...«

Trotz mancher an ihn gerichteten Bitte von Mitlehrenden und Schülern suchte er um seine Pensionierung nach, die ihm schließlich auch gewährt wurde. Und nun zog er sich ganz in seine Berechnungen, Textvergleichungen und Schriftdeutungen zurück.

Nur einem Studienfreunde von ehemals, einem Geistlichen Thürke im Mecklenburger Lande, hatte er von den tieferen Gründen zur Veränderung seiner Lebensumstände Mitteilung gemacht, und zwar mit den Briefworten: »Es ist mir nicht möglich, Dir eine Nachricht vorzuenthalten, von der ich gleichwohl wünschen muß, daß Du sie vorerst ganz für Dich behältst ... Unter dem Beistand des Herrn habe ich die Zahl des Tieres gefunden. Dieser apokalyptische Schlüssel ist von Wichtigkeit, denn diejenigen, welche jetzt geboren sind, kommen in wunderbare Zeiten hinein. Auch Du hast Dich darauf gefaßt zu machen, denn Weisheit wird nottun ...«

Dies war im Dezember geschrieben, und es wurde März, ehe Professor Kittguß eine Antwort seines Freundes Thürke in Händen hielt: Es sei ihnen ein Töchterchen geboren, das in der Taufe den Namen Rosemarie erhalten habe, und als Taufpaten habe man auch den Herrn Professor Gotthold Kittguß in das Kirchenbuch eingetragen, weswegen man seine Zustimmung erhoffe. ? Es freuten den Freund die wunderbaren Zeiten, denen dies Mägdlein entgegengehe! Indessen möge er, der Kittguß, seine Untersuchungen beschleunigen und sobald wie tunlich abreisen in die ländliche Pfarre, sich das Patenkind zu beschauen. Auch auf dem Lande fehle es nicht an Zeichen kommender guter Zeiten: in diesem Jahre sei der Frühling eher, denn je erhört, gekommen, auf dem Kirchgang seien die Schwalben schon über dem Täufling mit ihrem Zwi-Wit hingeschossen ...

Professor Kittguß hatte einen Augenblick nachsinnend über diesem Brief gesessen, in seiner dunklen Wohnung war es für eine kurze Frist hell gewesen; er hatte den Brief auch beantworten wollen. Dann aber war er zwischen andere Papiere geraten, die Berechnungen, was eine halbe Zeit, ein ??????, und eine gemessene Ewigkeit, ein ???? seien, hatten den Professor wieder ganz gefangengenommen. Und so blieb der Brief unbeantwortet und vergessen, durch sechzehn Jahre, wie die ganze Umwelt vergessen und ohne Lebenszeichen vom Professor blieb.

Wir haben ihn uns in all diesen fast nur hinter dem Schreibtisch verbrachten Jahren vorzustellen als einen immer noch ansehnlichen, großen Mann mit einem breiten, fleischigen, weißen Gesicht, festem Kinn, starken, dunklen Augenbrauen, braunen, freundlichen, aber etwas fremden Augen und sorgfältig gescheiteltem, weißem, etwas gewelltem Haar. Er gab viel auf Sauberkeit, stets war er glatt rasiert, seine weißen Halsbinden waren sorgfältig gestärkt und geplättet, seine weißen, sehr kleinen, etwas vollen Hände, an deren Handgelenken erst da und dort der erste gelbe Altersfleck auftauchte, trugen trotz aller Bücher und Schreibereien nie ein Spürchen Staub oder Tinte.

Betreut wurde der Professor von der Witwe Müller, die hinten in der Küchenregion lautlos wirtschaftete, lautlos ihm das Essen hinstellte, an jedem Sonnabend ungefragt die frische Wäsche über den Stuhl legte und nie ein überflüssiges Wort sprach.

Die beiden waren so ineinander eingelebt, daß sie oft viele Wochen nicht einmal miteinander sprachen. An jedem Morgen jedes Monatsletzten fand Professor Kittguß über seinen Schreibtischsessel gebreitet liegen: den Mantel, dazu den Hut und den Stock. Aus einer Lade hob er dann das Sparbuch, ging langsam durch die Straßen zu seiner Kasse, wartete bedächtig versonnen am Schalter, bis er angesprochen wurde, hob das ? immer gleiche ? Wirtschaftsgeld ab, ließ den Rest der Pension seinem Guthaben zuschreiben und ging langsam ? jetzt schon wieder voll mit seiner Arbeit beschäftigt ? nach Haus. Dort wartete bereits im Flur die Müllern ? nahm Mantel, Hut, Stock und Wirtschaftsgeld wortlos entgegen, und Professor Kittguß setzte sich wieder für einen neuen Monat an seine geduldige, grüblerische Arbeit.

Zu Beginn seiner Studien hatte er in der Erleuchtung gemeint, dem Ziele ganz nahe zu sein. Aber je länger er arbeitete, um so ferner schien es zu rücken. Er saß und sann und grübelte über jedem Wort, und die Jahre rannen dahin. Aber wenn wir von ihrer sechzehn gesprochen haben, so muß bemerkt werden, daß Professor Kittguß von dieser Zahl nichts wußte, denn sie waren ihm alle wie ein Tag. Daß er selbst nun schon stark auf die siebziger Jahre seines Lebensalters losmarschierte, war ihm noch nie bewußt geworden über der Auslegung eines Briefes, wie dieser ist: »Und ich hörete eine Stimme in der Mitte der vier Tiere sagen: Ein Vierling Weizen um einen Zehner und drei Vierling Gersten um einen Zehner, und dem Öl und dem Wein tue kein Leid.«

Er saß und las und sann und schlug nach und bedachte dieses und jenes, und schließlich schrieb er nieder: »Hier ist die Rede von einer Zeit, die für das Öl und den Wein besser ist als für die Gerste und den Weizen. Alles miteinander aber zielt auf eine gemäßigte Teuerung. Weizen und Gerste, Öl und Wein sind die gemeinsten und nötigsten Lebensmittel. Also hält der hier gegebene Befehl gar viel in sich. Unter Trajans Regierung hat es, besonders im Süden, in Ägypten, das sonst ein fruchtbares Land und vieler Völker Kornboden war, eine namhafte Teuerung gegeben. Wenn der Nil sich nicht hoch genug, sondern unter vierzehn Schuh ergoß, gab es gewiß Teuerungen, wie Plinius Buch 5, Kapitel 9 bezeugt. Anno 110 im dreizehnten Jahre Trajans stieg der Nil nur auf sieben Schuh, wie Harduinus mit einer alten Münze beweist ...«

So weit war Professor Kittguß mit seiner Auslegung der Offenbarung Johannis an diesem trüben Oktobernachmittag des Jahres 1912 gekommen, als ihm bewußt ward, daß es an seiner Tür gepocht hatte, daß jemand an seinem Schreibtisch stand. Langsam und ein wenig widerwillig blickte er hoch und sah in das Gesicht der Witwe Müller. Dieses Gesicht drückte so vielerlei aus, vom Unwillen über die Störung an, die sie verursachen mußte, bis zu einem gewissen, ziemlich deutlichen Ekel, daß er ganz unwillkürlich sein Schweigen brach und fragte: »Nun, Witwe Müller, was gibt es?«

»Ein Junge«, flüsterte die Witwe Müller unwillig.

»Also ein Junge«, antwortete der Professor beruhigend, und eine Erinnerung an seine Lehrerjahre kam ihm. Er sah zur Tür und meinte schon den Klassenprimus Porzig eintreten zu sehen, die rote Schülermütze mit dem weißen Band in der Hand. Manchmal hatte Porzig ? oder auch ein anderer ? ihn in solch dämmriger Stunde aufgesucht und hatte die eine oder andere Frage gestellt, die schließlich alle darauf hinausliefen: wenn ich gläubig bin, muß ich alles glauben?

Wie eine Vorahnung kommender Ereignisse rührte den alten Professor ein Erinnern an jenes holde, vertrauensvolle Ehemals an ? er sah auf die Tür, die Müllern ...

Er vergaß, daß der Klassenprimus Porzig jetzt ein Mann Mitte der Dreißiger sein mußte, daß ihm eine sehr lange Spanne Zeit über dem Papier zerronnen war, daß es unter den jetzt Jungen niemanden gab, der auch nur seinen Namen wußte.

Beinahe lächelnd sagte der alte Mann: »Und warum kommt der Junge nicht herein, Frau Müller?«

Die Müller wußte viel von ihrem Herrn, sie hatte ihn schon verstanden. »Nicht solch ein Junge«, murmelte sie unwillig.

»Nun, was es auch für ein Junge sei«, sagte der Professor fröhlich und stand groß und stattlich hinter seinem Schreibtisch auf, »lassen Sie ihn herein, Witwe Müller. Unsere Tür ist niemandem verschlossen.«

Er nickte ihr aufmunternd zu und ging selbst, das Deckenlicht einzuschalten. Dann blieb er stehen und sah auf die Tür.

Die Tür aber tat sich einen Spalt weit auf, und herein schob sich ein Geschöpf, ein Sohn Labans, ein trauriger Bengel, verdreckt und verkommen. Da stand er auf der Kokosmatte, eine alte Mütze in der Hand drehend, und sah nicht hoch und sprach kein Wort.

Nie in seinem ganzen behüteten Leben hatte der Professor Kittguß solch ein Geschöpf gesehen. Aber da stand es nun: überlang, mit schlottrigen Gliedern, die roten, unförmigen Hände waren geschwollen und aufgesprungen. Das Gesicht, sterbensbleich, mit einer riesigen, betrübten Nase, wulstigen Lippen, die halb offenstanden und gelbe große Pferdezähne sehen ließen, und dazu eine niedrige, weit vorgebuckelte Stirn, unter der die kleinen blicklosen Augen fast verschwanden ?: so stand der Besucher da: ein armer Tölpel ... Und es griff dem Professor ans Herz, daß auch dieser Schwachsinnige ein Geschöpf Gottes sei, mit weniger Gaben für dies Leben als die meisten, mit einem dafür um so schwereren Weg ...

Kittguß sah zur Tür, die Müllern hatte sie nicht ganz geschlossen, sicher stand sie Wache auf dem Flur. Der Professor reichte an dem Jungen vorbei und zog die Tür sachte ins Schloß. Dann ging er zum Schreibtisch, aber er ging nicht an seinen Schreibplatz, er stellte sich vor ihn hin. Die Arbeit lag ihm im Rücken, Kittguß sah auf den Besucher.

Der stand noch immer wortlos, blicklos da, als wüßte er nicht, warum er hier stünde.

»Wie heißt du, mein Junge?« fragte der Professor sanft.

Die Antwort kam überraschend schnell, mit einer überraschend tiefen, rauhen Stimme: »Dat segg ick nich!«

Kittguß überdachte den Fall. Vielleicht war der Junge fehlgelaufen. »Ich heiße Gotthold Kittguß«, erklärte er.

»Dat weet ick!« sagte der Besucher wiederum rasch und rauh.

»Sprichst du nur plattdeutsch?« fragte der Professor.

»Joa!« antwortete der Junge.

»Von wo bist du denn?«

»Dat segg ick nich!« kams wieder, rauh und böse.

Eine Weile war Stille, der Professor sah sich zweifelnd in seinem Arbeitszimmer um. Das Deckenlicht beleuchtete friedlich die Regale, deren Bretter sich unter der Last der Bücher krumm gezogen hatten. Es warf seinen Schein auf den Berg beschriebenen, teils schon vergilbenden Papiers, der griffbereit neben dem Schreibtisch in einem Ständer lag. Es verklärte auch die heutige Tagesarbeit auf dem grünen Filztuch, die vorwurfsvoll das Ende der Unterbrechung abzuwarten schien.

»Man müßte«, dachte der Professor, »hierzu auch noch den jüngeren Plinius zitieren, der als ganz Ungewöhnliches gemeldet hat, daß Trajan Anno 98 den Ägyptern mit Brotfrucht aushelfen mußte ...« Darüber fiel ihm etwas ein. Er ging hinter den Schreibtisch und öffnete ein Fach, in dem er zur Linderung seines Hustens einen braunen Malzzucker aufbewahrte. Er wählte ein großes Stück, machte einen Schritt nach dem Besucher hin, kehrte aber wieder um und nahm noch ein kleines Stück dazu. Das große gab er dem Jungen in die Hände, das kleine behielt er selbst. »Da, iß, Junge«, sagte er. »Es ist Zucker. Ich esse auch davon.«

Der Junge wollte das Stück Zucker zurückweisen, es wurde ihm schwer. In das arme, ausdrucklose Narrengesicht kam etwas wie Leben, in den Augen wurde etwas wach wie ein Blick ...

»Du magst ruhig essen«, sagte der Professor sanft, »deswegen brauchst du mir doch nicht zu sagen, was du nicht willst.«

Der Junge aß gierig. Mittendrin deutete er mit dem Kopf nach dem Schreibtisch. »Se schriewn ?? Jümmer?«

Der Professor erriet mehr, als er verstand. »Ja, ich schreibe«, antwortete er. »Meistens.«

»Setten Se sick dal«, sagte der Junge. »Un schriewen Se!«

»Was soll ich schreiben?«

»Wat Se süs (sonst) schriewen. Ick will sehn ... Ick will sehn ...«

»Was willst du sehen ??«

Aber der Junge antwortete nicht. Er war mit seinem Zucker fertig und stand nun wieder blick- und bewegungslos auf der Kokosmatte. Der Professor betrachtete ihn aufmunternd. Vielleicht steckte doch ein Sinn hinter all dieser Hilflosigkeit und Blödheit. Er machte ein paar Schritte, zögerte, tat noch einen Blick ? nichts war verändert ? und setzte sich auf den Sessel.

Er sah in das Geschriebene ...: »Wie Harduinus mit einer alten Münze beweist«, stand da.

»Richtig. Nun wollte ich noch den jüngeren Plinius anführen.« Und laut sprach er. »Setze dich doch hin, mein Junge, da auf den Stuhl, du siehst müde aus.« Und wieder zu sich: »Steht er noch da? Unverändert. Beinahe ist es wie ein Traum. Hätte ihn die Müllern nicht gebracht ... Also, der jüngere Plinius. Er muß es in seiner Lobrede auf Trajan Anno 100 gesagt haben ...«

Die rotgeschwollene Hand schob sich ihm zwischen Auge und Manuskript. Sie verschwand, und auf der Erklärten Offenbarung Johannis lag ein Zettel, ein Wisch, ein schmutziges Blatt, sichtlich aus einem Schulheft gerissen, aber ebenso sichtlich am rechten Platz, denn: »Herrn Professor Gotthold Kittguß« stand darauf zu lesen. Der Professor sah hoch, der Junge war lautlos auf den Platz an der Tür zurückgeglitten. Wieder hatte er sich nicht gesetzt, sondern stand dort mit einem Gesichtsausdruck, als grübele er etwa über dem Unterschied zwischen Schaf und Kuh.

»Herrn Professor Gotthold Kittguß« stand noch immer auf dem Schreiblappen. Für dieses Mal dachte der Professor nicht an das kostbare Manuskript, das darunter lag. Er entfaltete das nur ineinandergesteckte Blatt, las die Überschrift, stutzte, las noch einmal, sah zur Tür (der Junge stand) und machte sich endlich an den Brief.

»Lieber Pate«, las er. »Bei uns in Unsadel geht die Rede: ein Gau ist rauh, aber ein Schlieker ist ein Betrüger. Erst bin ich bei den Gauens geschlagen, nun wollen die Schliekers mich um mein Erbteil bringen. Du hast meinem seligen Vater die wunderbaren Zeiten, in die ich hineingeboren sei, zugesagt ? willst Du nicht einmal kommen und nach mir sehen? Es eilt sehr. Matthäus 7,7. Deine Rosemarie«

Eine Nachschrift: »Ob Du kommst oder nicht, gib dem Philipp Geld für Essen, er hat zwei Tage zurückzulaufen.«

Die zweite Nachschrift: »Er soll Dir den Brief nur geben, wenn Du der rechte Mann für uns bist.«

»Oh, mein Herr und mein Gott!« rief Professor Kittguß über diesem jämmerlich stolzen Brief zu sich und legte die Hände recht theatralisch an den Kopf: »Was soll dies?! Was soll mir dies?!«

Er starrte auf den Brief. Ihm war wie einem Schläfer, der, aus einem sanften Traum geweckt, in einen schlimmeren Traum verstrickt wird, der nicht mehr weiß: wacht er, schläft er, wo ist er?

»Ein Gau ist rauh, aber ein Schlieker ist ein Betrüger«, murmelte er. »Rosemarie ? Philipp ? zwei Tage Weg ? Narren und Narrenstreiche«, dachte er unwillig. »Philipp!«

Etwas wie ein Geräusch ließ ihn hochsehen, er blickte zur Tür, der Platz an der Tür war leer. Mit einem völlig jugendlichen Ruck war der Professor hoch und lief, »Frau Müller! Frau Müller!« rufend, in den Flur.

Die Tür zum Treppenhaus stand offen, er meinte Poltern auf den unteren Stufen zu hören. »Der Junge, der arme, blödsinnige Junge ? ich muß ihm Geld geben!« rief er aufgeregt zur Müllern.

Seine Versorgerin sah ihn wortlos an.

Er überwand sich. »Philipp!« rief er ins Treppenhaus hinab. »Philipp! Du bekommst noch Geld ...«

Der Professor wurde ein wenig rot unter dem Blick der Müllern. »Er hat noch zwei Tage zu laufen«, versuchte er zu erklären. »Und er hat Hunger. Ich habe es gesehen, als er meinen Malzzucker aß ...«

»Ihren bayerischen Malzzucker, Herr Professor«, sagte die Müllern voll Empörung. »Solche wie die«, erklärte sie mit all der Verachtung der Armen für die Ärmsten »kommen nie um.«

»Frau Müller, Witwe Müller«, sagte der Professor mit erhobener Stimme, »was steht Matthäus 7,7?«

Sie antwortete nicht, aber sie lavierte den Aufgeregten, ohne daß er dessen achtete, in sein Zimmer zurück.

»Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.«

Er stand an seinem Schreibtisch, in der stillen, geborgenen Helle des Arbeitszimmers, ein alter, noch stattlicher Mann, zur Stunde ein wenig erregt.

»Ich,« sagte er leise, »bin gebeten worden. Ich«, sagte er, »bin gesucht worden. Bei mir hat er angeklopft. Frau Müller, ich fahre morgen nach Unsadel.«

»Unsadel ??« fragte die Müllern, »wo ist denn das?«

»Ich weiß es nicht«, sagte der Professor. Aber auf der Eisenbahn werden sie es wissen. Dies zu wissen ist dort ihr Beruf.«

»Eisenbahn!« verwirrte sich Frau Müller und war sofort den Tränen nahe. »Herr Professor, ich bin siebenundzwanzig Jahre bei Ihnen, und Sie sind nie mit der Eisenbahn gefahren!«

»Das hat hiermit nichts zu tun«, antwortete der Professor milde. »Dies heißt den Fall zu weiblich betrachten.«

»Und Ihre Arbeit?« rief die Müllern, warf einen Blick auf den Schreibtisch und brach nun wirklich in Tränen aus. »Ihre Arbeit, Herr Professor?! Ich hatte mich so gefreut, Sie kamen in der letzten Zeit so gut voran.«

»Meine Arbeit?« fragte der Professor betroffen und sah mit ihr auf den Tisch voll Papier. »Ja freilich, meine Arbeit. Haben Sie mitgelesen? Ist sie gut?«

»Und ob sie gut ist!« rief die zu weiblich denkende Müllern. »Eine ganze Seite haben Sie in der letzten Woche jeden Tag geschrieben!«

»Meine Arbeit«, sagte der Professor noch einmal wehmütig. Er schwankte. Aber auf ihren Blättern lag der Brief, nicht mehr fortzudenken. Er hob ihn auf. Mit festerer Stimme sagte er: »Hier steht Matthäus 7,7. Das ist unverbrüchlich. Ich bin gerufen.«

»Von solchem Schmierian, Herr Professor!« widersprach die Witwe Müller.

»Liebe Witwe Müller«, sagte der Professor Gotthold Kittguß und war nun wieder ganz daheim in seiner milden Ferne. »Es ist ausgemacht und mit vielen Stellen der Heiligen Schrift belegt, daß Gott seine Boten und Engel durchaus nicht immer in der seligen weißen Flügelgestalt auf diese Erde sendet, wie wir als einfältige Kinder wähnten.«

Und als die Müllern noch weiter widersprechen wollte: »Genug und übergenug, es ist endgültig beschlossen: ich folge dem Ruf. Morgen in der Frühe fahre ich nach Unsadel.«

2. Kapitel

Worin Professor Kittguß einen fetten Bauern am Baum hängen und ein Mädchen am Zaun weinen sieht

 

Der frühe Oktobernachmittag war sonnig und windstill. Dennoch ? wenn Professor Kittguß bei seinem Marsch auf dem sandigen Heckenweg einen Vogel im Geäst aufscheuchte, glitten lautlos von der flügelschlagenden Flucht des Tieres viele goldene, rote und braune Blätter zur Erde.

Langsam und bedächtig wandelte der alte Lehrer den Sandweg. Ab und zu blieb er stehen, setzte die Reisetasche ab, trocknete die Stirn vom Schweiß der ungewohnten Anstrengung und zog die Uhr zu Rate. Nun ging er schon fast zwei Stunden, auf der Station aber hatten sie gesagt, es sei nur eine knappe Stunde bis Unsadel. Doch soviel er auch nach Haus und Mensch aussah, es waren nur die Hecken da und hinter den Hecktoren herbstlich stille Äcker.

»Ja, ja«, seufzte der Professor, aber er war nicht unzufrieden, nein, die weite Stille mit dem hohen, blaßblauen Himmel darüber tat ihm wohl. »Den Abendzug heute werde ich freilich nicht mehr erreichen. Nun ? es wird sich Gelegenheit finden, im Dorf zu übernachten. Und um so gründlicher kann ich dann bis morgen abend alles regeln.«

Was dies »Alles-Regeln« eigentlich hieß, davon hatte er nur eine sehr unklare, nein, gar keine Vorstellung aber ?: Die Rosemarie wird mir schon sagen, was ich zu tun habe. Irgendwie wird es sich um ihr Erbteil handeln.«

Er seufzte wieder »Ja, ja«, nahm die Tasche und wandelte weiter. Die Hecken schienen kein Ende zu nehmen, der einsame Sandweg schlängelte sich bald nach rechts, bald nach links. Manchmal stand auch eine hohe Pappel oder eine Weide da, dann betrachtete der Professor den Baum, beifällig nickend, »Ja, ja«, und setzte sich langsam wieder in Gang.

Eben stellte er fest, daß er nun schon zweiundeinehalbe Stunde unterwegs war, als er wie eine Frucht zwischen den Heckenzweigen das Gesicht eines Jungen über sich entdeckte, ein derbes, rotes Gesicht, mit einem blonden, gänzlich ungekämmten Schopf darüber. Dies Gesicht betrachtete den Professor scharf.

»Lieber Sohn«, fragte der. »Wie lange gehe ich noch bis Unsadel?«

»Sie sollen nicht nach Rosemarie fragen, sondern bei Päule Schlieker ein Zimmer mieten«, flüsterte der Junge eindringlich.

»Lieber Sohn!« rief der Professor. »Lieber Junge, warte doch ...«

Aber die Zweige rauschten auf, und die Hecke war ohne Gesicht.

Der Junge, lieb oder nicht, war fort. Der Professor trabte beinahe zum nächsten Hecktor, doch auf der Koppel hinter der Hecke sah er nur Rinder und einen wolligen Schäferspitz, der wütend zu bellen anfing. Kein Junge ? soviel auch der Professor gegen das Gebell anlocken mochte.

So ging er denn schließlich weiter, verwundert, verdrossen. »Nicht fragen soll ich, sondern einfach bei Päule Schlieker mieten ... Aber ein Schlieker ist ein Betrüger ... Man sollte solch bösen, ehrabschneiderischen Reim nicht einmal im Scherz sagen ...: Päule ... was das nun wieder soll? Paul ??«

Plötzlich hörten die Hecken auf. Licht und weit wurde das Land, Felder und Wiesen flossen sanft zu einem großen, grünen See hinab. Drüben, am jenseitigen Ufer, stieg in allen lodernden Herbstfarben ein Wald uferan, aber auf dieser Seeseite lag mit roten Ziegeldächern und altersschwarzen Strohhauben das Dorf. Der Professor schritt rascher aus.

Am Eingang des Dorfs stand feierlich, mit ruhenden Flügeln, eine große Windmühle. Hühner suchten verloren, ohne sich um den Wanderer zu kümmern, auf der Straße ihr Futter; eine Schar Gänse kreuzte, eifrig schnatternd, seinen Weg; eine Katze sah, regungslos auf den Latten eines Zauns hockend, wie verzaubert den Professor an.

Aber kein Mensch ? Professor Kittguß sah in jedes Fenster, spähte in jeden Hofraum ?: nein, kein Mensch. Er hörte die Pferde im Stall scharren, Kühe rasselten mit ihren Ketten ? aber an diesem gesegneten Wochentagnachmittag war kein Mensch sichtbar in Haus, Hof, Straße, Dorf.

Nun stand da eine stattliche Wirtschaft mit breiten, einladenden Steinstufen am Wege. »Krug von Otto Beier« war zu lesen über der Haustür.

Erleichtert trat Professor Kittguß auf den dämmrigen Hausflur, an einer Tür entzifferte er die Inschrift »Gaststube«, er klopfte, er trat ein. Ein paar Tische, eine Theke, die Flaschen hinter der Theke, die Gläser auf der Theke, ein Strickstrumpf mit dem Knäuel daneben im grünen Sofa ? aber kein Mensch.

Professor Kittguß wartete, er ging hin und her, er scharrte mit den Füßen, er räusperte sich, er hustete, er rief mit schwacher, dann mit starker Stimme: »Ach, bitte ?!«

Aber kein Mensch.

Er klopfte gegen eine Tür, er klopfte noch einmal, er klinkte sie vorsichtig auf ? und sah in den weiten, leeren, staubigen Tanzsaal. Verschmutzt und zerknittert hingen von der Decke grüne Papiergirlanden, auf der Bühne lagen umgeworfene Stühle ? aber kein Mensch.

Kopfschüttelnd klopfte der Professor an eine zweite Tür und kam in ein kleines, düsteres Zimmer. Auf dem ungedeckten, fleckigen Holztisch stand eine Terrine, benutzte Teller und Löffel, als seien sie von den Essern hastig aus der Hand gelegt. Professor Kittguß sah sich um, sah sich wieder um, rief: kein Mensch. Er beugte sich über die Terrine, der Suppengeruch erinnerte ihn daran, daß er seit dem frühen Morgen, seit seinem Abschied von der Müllern nichts gegessen hatte. Ihm wurde ein wenig schwach.

Eiliger ging er, nach hastigem Anklopfen, in den vierten Raum. Bei seinem Eintritt lief das Heer der Schaben leise rasselnd und knitternd, über Herd und schmutzigen Backsteinboden in die bergenden Ritzen.

Noch eine Tür ? und von der Steinschwelle sah Professor Kittguß in einen herbstlichen, verliederten Garten, mit zerscharrtem, vertrampeltem Gras, zusammengeklappten Eisentischen, traurig verkommenen Bäumen. Unten aber an seinem Ende leuchtete der grüne, große, reine See, golden lodernd stieg feierlich schweigend der Buchenwald uferan. Eine Weile sah der Professor still auf das schöne Bild, seufzte »Ja, ja« und ging durch den verlassenen Gasthof auf die verlassene Dorfstraße zurück, weiter hinein in dies verlassene Dorf.

Zum erstenmal auf seiner abenteuerlichen Fahrt, zum erstenmal seit vielen, vielen Jahren hatte ihn ein seltsames Gefühl angerührt, ein Gefühl aus seinen Jugendjahren. Im Anblick des schweigenden Landes, hinter sich den verkommenen Gasthof, hatte er zu sich gesprochen: »Welch wunderbare Wege führst du deine Kinder, Herr!« Und an die Stille seines Studierzimmers hatte er dabei gedacht, das er nun, am Rande des Greisenalters, auf die Botschaft welch seltsamen Engels verlassen hatte, um einer Ungewißheit entgegenzugehen, der er sich längst entrückt glaubte.

Aufatmend hörte er plötzlich Geschwirr von vielen Stimmen, Gelächter, Zurufe, Schreie. Rascher schritt er aus. Ein offenes Tor führte ihn zu einer großen Hofstatt, auf der das ganze Dorf versammelt schien. Was irgend gehen, was nur kriechen konnte, stand hier, lachend, schwatzend oder stumm wartend: alte Bauern und junge Arbeitsleute, Frauen, unter der bedruckten blauen Schürze die Hände, junge, derbe Burschen in hohen Stiefeln. Schulkinder drängten sich überall durch das Gewimmel, die jungen Mädchen hatten die Köpfe zusammengesteckt und flüsterten. Und alle, alle sahen sie so gespannt nach der breitästigen, uralten Linde in der Mitte des Hofs, daß sie nicht einmal den näher tretenden Fremden, den Professor Kittguß, beachteten.

Der aber sah staunend hängen an einem hohen Ast der Linde einen starken Balken wie einen Wiegebalken. Und an dem Wiegebalken hingen zwei Schalen, groß und kräftig. Aus festen Brettern gefertigt. In der einen Schale aber schwebte ein ungeheurer, dicker Bauersmann mit fröhlich lachendem, rotem Gesicht, in der andern aber, noch leichteren Schale, türmte es sich hoch von geräucherten braunen Würsten, fast schwarzen, derben Schinken, langen, goldbraunen Speckseiten.

»Seht ihr, es reicht nicht, es reicht immer noch nicht!« rief der fette Bauer, vor fröhlichem Lachen prustend. »Ich habs dir längst gesagt, Lowising, deine ganze Räucherkammer wird dieses Jahr leer!« Er sah sich triumphierend um: »Habt ihr das gedacht?! Klugschnacker! Im vorigen Jahr habt ihr schon gesagt, ich könnte nicht mehr dicker werden ? und nun bin ich doch noch wieder dicker geworden!« Er lachte triumphierend, und alle lachten mit. »Lauf, Lowising, hilf ihr, Maxe, min Söning. Holt noch den Schinken von der Fünfzentnersau! Dann wird es reichen!«

Von seiner unbekümmerten Fröhlichkeit angesteckt, liefen eine große, derbknochige Bauersfrau und ein starker Bengel ins Haus.

»Ihr da ?! Fritze, mein Gerhardchen, komm auch du, Elli, haltet meine Schaukel ein wenig fest, sie schwankt so! Heute mittag hab ich gesulzten Aal mit Bratkartoffeln gegessen, der wird mir wieder lebendig von der Schaukelei. Ich fühls, wie er sich schlängelt ...« Er lachte. »So ist es besser, Kinder. ? Wirst du ruhig sein, Aal!« schrie er plötzlich. »Es schaukelt jetzt gar nicht mehr, nichts hast du noch zu krabbeln in mir ?!«

»Oh, bitte!« flüsterte Professor Kittguß zu seinem Nachbarn. »Was geschieht hier?«

Der fragte erstaunt: »Haben Sie noch nie von dem lustigen Bauern Tamm in Unsadel gehört?«

»Nein«, sagte der Professor gehorsam.

»Dann kommen Sie von weit her«, entschied der Mann. »Hier im Lande weiß vom dicken Tamm jeder.«

»Ich nicht«, sagte der Professor sanft.

»Dies ist so einer von seinen Narrenstreichen. Jeden Herbst vor dem ersten Schlachten schenkt er sein volles Gewicht in Geräuchertem den Dorfarmen. Damit seine Räucherkammer leer wird und er was lachen kann. ? Da ? das wird reichen!«

Aus dem Haus waren Frau und Bursche gekommen, einen ungeheuren Schinken schleppend. Sie legten ihn auf die Schale. Der große Wiegebalken bewegte sich seufzend in den Stricken, Fritze, Elli, Gerhardchen ließen den Bauern los. Der stieg und stieg in die Krone hinauf »Der Aal! Der Aal!« jammerte er und stieg schwankend weiter, indes die Schale mit dem Geräucherten zur Erde sank.

Viele jubelten: »Es reicht! Es reicht!«

»Es ist zuviel«, rief die Bauersfrau und wollte wenigstens eine Mettwurst retten.

»Laß sein, Lowising, immer sinnig! Was einmal auf der Schale liegt, bleibt. ? Ist es reell mein Gewicht?« rief er gegen die Stallwand, wo die Alten standen.

»In Ordnung, Tamm!« ? »Hat seinen Schick, Tamm!« riefen die zurück.

»Dann runter mit euch vom Hof!« befahl der Bauer, und während die Alten eilfertig fortzogen, Maxe hinter ihnen das Tor schloß, kletterte der Bauer unter Hilfe vieler ächzend von seinem Sitz. »Los, Kinder, lauft, Mädchen! Macht es ihnen schwer! Los! Los!«

Und die ganze Hofstatt geriet in einen wirbelnden Aufruhr, denn alles lief mit den Würsten, Schinken und Speckseiten, sie zu verstecken, an Baumäste zu hängen, in Winkel zu schieben.

Ruhig in all dem Treiben standen nur der dicke Bauer, mit ermunternden und verweisenden Rufen, und der Professor Kittguß am Tor.

»Barthel, laß den Schweinkram! Willst du mal den Schinken nicht im Mist verstecken! Legt ihn auf den Holzfeimen, ganz hoch! Maxe, hilf ihnen!«

Jetzt hatte der Bauer den Fremden gesehen und gab ihm die Hand: »Nun kommt was zum Lachen! Sie sind fremd hier?«

»Ja.« Und schon wollte Professor Kittguß trotz des Verbots nach Rosemarie Thürke fragen, da tat sich feierlich langsam das Hoftor auf.

»Lauft!« rief der Bauer, und herein liefen, humpelten, trippelten, ächzten die Alten, die Armen, die Huster, die Krächzer, die Kracher; standen einen Augenblick spähend, entdeckten ein Ziel: eine Wurst, eine Speckseite. Keuchten dahin, sie zu erfassen, jammerten: »Ich lange nicht an!« ? »Für mich bleibt nichts!«

»Willst du mal! Die Wurst ist meine!«

»Nein, meine! Ich habe sie zuerst gesehen!«

»Ich ?!«

»Doch meine!«

»Meine!«

Und indes die beiden Weiber streitend an der Riesenwurst zerrten, hob ein dritter, ein schlauer, trockener Alter, aus dem gleichen Nest, in dem die Wurst gelegen, schmunzelnd einen derben Schinken.

Ein rüstiger Greis hatte um einer Speckseite willen die Hoflinde erklettert und rutschte behutsam, in Sorge um seine alten Knochen, auf einem Ast dem lecker baumelnden Ziel näher. Doch schon nahte unten mit einer Schubkarre der Feind in Gestalt einer derben Frau. Unter dem Speck kippte sie die Karre um, stieg auf sie, und eben griff der Alte von oben zu, als die Frau von unten zog.

»O weh, nichts bleibt für mich!« rief der Alte auf seinem Ast. »Schämst dich was, Gesche, zehn Jahre bist du jünger ...«

Er brach ab. Vom hohen Sitz hatte er den ungeheuren Schinken auf der Spitze des gut zwei Meter getürmten Holzfeimens entdeckt. Als sei der alte, seit sechzig Jahren zur Ruhe gegangene Knabenmut wieder über ihn gekommen, rutschte er vom Zweig, hing einen Augenblick zappelnd zwischen Himmel und Erde und ließ sich dann, die Gesche als Halt benutzend, zu Boden gleiten. Beide stürzten sie. Die Speckseite entfiel der Frau, zwei, schon drei eilten hinzu, diesen leckeren Vogel zu fangen.

Der Hof brauste und dröhnte von Gelächter.

»Greif dir die Seite, faß zu, Wilhelm!« ermunterten die Leute. Aber den Spatz um der Taube willen verschmähend, lief der Alte zum Feimen.

»Ich kann nicht mehr!« stöhnte prustend Bauer Tamm. »Lieber Mann (Hachhach!), schlagen Sie mir ein paarmal auf den Rücken! (Hachhach!) Aber kräftig!«

Und hier stand nun auf einem Hof in Unsadel der stille Professor Kittguß, Ausleger und Deuter der Offenbarung Johannis, und schlug einem lachenden Bauern, der sich stets von neuem verschluckte, den Buckel.

Dicht bei beiden hatte sich ein altes Weiblein hingehockt, in der Schürze fünf Würste und eine Speckseite. »Ich hab für mich genug. Ich dank auch schön, Tamm. Mit Geräuchertem hab ich für diesen Winter ausgesorgt. Huste nur tüchtig, Tamm. Wer lange hustet, lebt lange.« Und sie kicherte zufrieden.

Der alte Kraxler hatte indessen schon zwei vergebliche Angriffe auf den Holzfeimen gemacht ? halb oben, beinahe oben, war er wieder abgerutscht. Da half nichts, er mußte zurück und als Unterbau die Karre holen. Doch bei seiner Rückkehr bestürmten schon drei andere den hölzernen Schinkenberg. Einer, der es auch mit Klettern versuchte, konnte ihm kaum gefährlich werden; aber die beiden andern, ein altes Ehepaar wohl, das im Verein arbeitete, schienen dem Sieg nahe.

»Mir bleibt nichts«, jammerte der Greis, aufgeregt die Karre erkletternd. »Mir geht alles schief! Immer ist mir alles schiefgegangen. Stets waren meine Birnen mulsch!«

Vom alten Ehepaar hatte der Mann sich hingehuckt, die Frau aber war ihm auf die Schultern gestiegen. Von der anderen Seite angelte der Greis auf der Karre. Ach! der Vierzig-Pfund-Schinken war den alten Händen zu schwer, nur ins Rutschen brachten sie ihn, halten konnten sie ihn nicht. Wie eine Lawine rollte er, vom Staubschnee der mitgerissenen Holzscheiter gefolgt, den Feimen hinab, fegte den Kraxler mit schwerem Schlag zur Erde, rollte ein Stück auf den Hof ...

Und der Alte in der Hucke vergaß ganz sein Weib auf dem Buckel. Wie ein Hofhund auf allen vieren kroch er eilig dem Schinken nach. Die kleine Alte tat einen hellen Aufschrei und fiel. Doch ihr Mann hatte sich über den Schinken geworfen, er deckte ihn mit dem Leib gegen den wütenden Angriff des alten Wilhelm, der seine zweite Niederlage nicht ertragen wollte.

»Komm, komm, Wilhelm!« mahnte die Bäurin Tamm. »Ich hab noch was für dich im Hinterhalt. Leer sollst du nicht ausgehen. Nein, nun mußt du dem Goldner seines lassen. Es muß ja Spaß bleiben, nicht?«

»Welch fröhliches, welch gutes Dorf!« rief Professor Kittguß begeistert.

»O Gott!« antwortete fast erschrocken Tamm. »So was sagen Sie man bloß nicht. Wenn ich nicht hier wäre ?! Und ich bin auch bloß so, weil die andern gar nicht so sind.« Er sah, plötzlich ernst geworden, den Professor vorwurfsvoll an. »Nun, wenn Sie bleiben, werden Sies schon erleben. Sie sind doch zu Ferien hier? Jaha, wenn Sie noch nichts haben, ich vermiete auch Zimmer. ? Halt!« rief er, sich umdrehend. »Jetzt stellt euch in eine Reihe, damit wir sehen, ob auch alles gefunden ist. Also auf nachher, Herre. Ich muß aufpassen, daß alles seinen Schick hat.«

Er schritt die Reihe der Alten ab, lobend, tröstend, lachend, und Professor Kittguß sah ihm zu.

Etwas berührte seine Hand. Er blickte hinunter auf ein kleines Mädchen mit langen, blonden Zöpfen. »Nun, mein Kind?« fragte er freundlich. »Was möchtest du wohl?«

Die Kleine flüsterte hastig: »Beim Spritzenhaus müssen Sie rechts gehen. Es ist der letzte Hof mit den fünf Tannen davor. Sie dürfen nicht nach Rosemarie fragen. Sie dürfen sie gar nicht kennen.«

Und sie lief fort.

»Aber Kind ?!« rief er ihr nach.

Doch sie war schon untergetaucht in den Wirbel der andern. Wieder eine Botin ? und welch eifrige!

»Die Kinder scheinen alle von mir zu wissen. Und die Großen gar nichts«, dachte er verwundert. »Aber über all dem Scherz hier habe ich die Rosemarie doch fast vergessen.«

Er sah sich um. Einige gingen schon. Das Lachen war vorbei, die frühe Oktoberdämmerung kam.

»Jetzt habe ich keine Zeit mehr, mit dem Bauern zu sprechen«, entschied er und ging durch das Tor auf die Dorfstraße hinaus.

Plötzlich war die Müdigkeit Herr über ihn geworden, mühsam ging er durch das rasch dunkler werdende Dorf. Oft wechselte er die Handtasche von der rechten in die linke Hand, sie war wie Blei. Die bevorstehende Aussprache mit der Rosemarie beschäftigte, die Ungewißheit, auf welch Kissen er diesen Abend sein Haupt legen würde, bedrückte ihn. Als Nachhall des ungewohnten Lachens auf dem Hof des Bauern Tamm war ihm ein unbestimmtes Gefühl grundloser Traurigkeit geblieben.

Nach einer Weile kam er an einen dunklen, langgestreckten Schuppen. Hier verzweigte sich der Weg. Also war er beim Spritzenhaus und mußte nach rechts. Er ging, an sechs, acht kleinen Häusern vorbei, einen Weg, der, schmäler werdend, auf einen Hügel führte. Von der Höhe des Hügels sah er vor sich gegen den noch ein wenig hellen Himmel die Tannen und, lang hingestreckt, geduckt, lichtlos, das Haus.

Eine Weile stand er, schweigend in Betrachtung versunken. So still war dies zur Ruhe gehende Land, mit See, Wald und Acker. Dann hörte er eine Kuh im Dorf brüllen, er seufzte, sprach: »Wohlan!« und ging auf das düstere Haus zu.

Neben seinem Weg lief ein Staketenzaun, dunkel standen im Garten reihenweise zum weißlich schimmernden See hinab Büsche. Er war schon nahe seinem Ziele; es war nicht zu leugnen, daß sein Herz ein wenig rascher klopfte ? da blieb er lauschend stehen: was hörte er? Noch ein paar Schritte tat er, hielt wieder an und fragte sachte ins Dunkle: »Weint hier jemand?«

Es war ganz still, dann fing auf dem Hof ein Hund an zu bellen ? und zerriß die Stille.

»Komm, mein Mädchen. Komm, meine Rosemarie«, sagte der Professor sanft. »Ich bin es, dein Pate Kittguß, der Jugendfreund deines Vaters.«

Zwischen den Büschen bewegte es sich, eine schlanke Gestalt trat an den Zaun, kaum unterschied er das weiß dämmernde Gesicht. Er tastete nach ihrer Hand, die kalt war.

»Warum weinst du, Rosemarie?«

Ihre helle Stimme, mit einem eigenwilligen spröden Klang kam überraschend böse zu ihm: »Und wo bist du so lange gewesen?! Vor drei Stunden hat der Hütefritz mir sagen lassen, daß er dich gesehen hat. Bist du auch wie die andern Männer, die sich erst Mut aus dem Krug holen?«

»Kind! Kind!« rief der Professor erschrocken. »Was redest du?! Ich trinke nie, was trunken macht. Ich habe mich bei dem lustigen Bauern Tamm verweilt. Das war nicht recht ? verzeih also.«

Sie schwieg.

»Und all diese Stunden hast du hier in der Kälte gestanden und auf mich gewartet?«

»Ja!« rief sie böse. »Und ich habe meine Arbeit darüber versäumt, und die Schliekers haben nach mir gesucht und mich viele Male gerufen. Und wenn ich jetzt komme, wird er mich anbrüllen, und sie wird mich kneifen und an den Haaren ziehen. Das macht sie immer, wenn sie böse auf mich ist, und sie ist immer, immer böse auf mich!«

»Keiner wird dich anbrüllen, und keine wird dich an den Haaren ziehen«, tröstete der Professor. »Denn ich werde mit dir gehen und zu ihnen sprechen.«

»Nein, nein«, flüsterte sie hastig. »Du mußt erst viel später kommen, in einer viertel oder halben Stunde. Dann mußt du um ein Zimmer fragen und tun, als ob du mich gar nicht kennst. Sonst ist gleich alles verloren.«

»Aber, Rosemarie, Kind«, sagte der Professor mahnend, »dann müßte ich ja lügen. Und das weißt du wohl noch von deinem lieben Vater, daß wir nicht lügen dürfen. Du lügst doch nicht?«

»Die lügen und die betrügen!« rief sie. »Und wenn wir gegen sie aufkommen wollen, hilft uns allein die List.«

»Die List ist bei den Bösen, Rosemarie«, warnte der Professor. »Bei uns aber muß die Wahrheit sein.«

»Ach!« rief sie verzweifelt. »Warum habe ich dich nur gerufen?! Wenn du nicht auf mich hören und mir nicht so helfen willst, wie ich es dir sage, so machst du alles nur schlimmer. Die Kinder helfen mir schon und tun, was ich will. Vielleicht schaffe ich es mit ihnen allein. Es ist mein Haus, das dort«, rief sie leidenschaftlich. »Und es ist mein Hof und mein Vieh und mein Acker, und die Schliekers wollen es mir stehlen. Aber ich lasse es ihnen nicht! Der Philipp hat mir gesagt, wenn es ganz schlimm kommt, so zünden wir es lieber an und verderben alles, als daß ...«

»Still! Still!« rief der Professor erschüttert. »Du weißt ja nicht, was du sprichst, du armes, unseliges Kind du! Haben sie dich so gequält?!«

Sie war still nach dem Ausbruch, nur ihr leises, jammervolles Weinen war zu hören.

»Rosemarie«, sagte er sanft. »Es gibt einen hellen Weg und es gibt einen dunklen Weg. Möchtest du denn deine liebe Mutter und deinen guten Vater nie wiedersehen?«

Sie weinte leiser.

»Ich bin«, sprach er, »vielleicht ein weltunerfahrener Mann. Aber ich bin ein sehr alter Mann und weiß eines, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Liebst du Gott, Rosemarie?«

Sie schwieg.

»Siehst du«, sagte er. »Es geht nicht um die Schliekers und um das Kneifen auch nicht und nicht um Haus und Hof ? es geht um dich, meine Rosemarie. ? Und nun zeige mir den Weg in das Haus, Rosemarie, und ehe wir auf den Hof kommen, kette den Hund an ? ich habe Furcht vor Hunden.«

Und bezwungen von seiner Sanftheit, sagte sie leise: »So komm.«

Sie gingen den Zaun entlang, und bei der Zauntür nahm sie ihn bei der Hand und sagte: »Fürchte dich nicht, mein Bello soll dir nichts tun.«

3. Kapitel

Worin Professor Kittguß einen Besuch macht, der im Kohlenstall endet

 

Der zottige Hofhund Bello hatte wirklich dem Professor nichts getan, sondern sich freundlich winselnd an Rosemarie gedrückt. Dann leitete den Paten die feste Hand seines Mädchens durch einen lichtlosen Raum, in dem es dumpf nach fauligen Kartoffeln und lau nach dem Spülstein roch, und nun stand er, plötzlich losgelassen, in einer häßlichen grünen, kleinen Küche, und der Rücken Rosemaries verschwand rasch durch eine Tür, hinter der Kindergeschrei laut wurde.

»Rosemarie!« rief er ihr nach.

»Marie, du Stromerin!« schalt eine herbe, böse Stimme vom Herdwinkel ? und verstummte.

Die Frau drehte sich scharf nach dem Besucher um. Der Schein der Küchenlampe fiel ihr ins Gesicht. Es war blaß, mit großen braunen Augen, vorspringenden Backenknochen; es war noch jung, aber der Mund, wie ein scharfer, schmaler Strich, war alt und böse, fast ohne Lippen, und das Kinn vorgebogen und stark.

»He?!« fuhr die Frau mit ihrer harten Stimme den späten Besucher an und betrachtete ihn, ohne sich vom Fleck zu rühren.

»Gott zum Gruß!« antwortete der Professor und ging einen Schritt näher. »Ich bin der Professor Kittguß und ...«

»Und«, setzte die Frau fort und überstürzte den armen Professor mit einem ganzen Schwall von bösen, schreienden Worten, »... und wenn Sie vom Amt kommen, so ist das keine Art, derart am späten Abend, und die Kinder zeige ich Ihnen heute nicht! Die Leute im Dorf mögen euch Briefe schreiben, soviel sie wollen, wegen Mißhandlung und schlechter Nahrung und keine Pflege, und ihr mögt mir jede Woche und jeden Tag und jede Stunde solch hochnäsige Gemeindeschwester auf den Hals schicken, oder ihr mögt auch selber kommen, ihr großer Professor, ihr ? ihr verdient euer Geld im Sitzen, wo ich mir um dreißig Mark im Monat für solch uneheliches Balg das Fleisch von den Händen mit den eingedreckten Windeln wasche! Aber heute zeige ich Ihnen die Kinder doch nicht, und wenn Sie da stehenbleiben bis Mitternacht, wo mir mein Mädchen auch noch weggelaufen ist und sich rumgetrieben hat. Der werde ich wieder einmal zeigen, wo das rechte Ende am Besen sitzt! Schlecht sind die Menschen alle, und darum möchten sie einen auch schlecht machen, und wenn Sie was wollen, so kommen Sie morgen früh um zehn, und da können Sie sich die ganze fünffache Sündenherrlichkeit frisch gewaschen und sauber angezogen betrachten dürfen ? wenn sich nicht gerade wieder eines im letzten Augenblick vollmacht ?!«

Zuerst hatte der Professor noch versucht, die Frau Schlieker zu unterbrechen, dann aber hatte er still und geduldig unter diesem Wortschwall gestanden, und ein ganz ähnliches Gefühl von Trauer und Bestürzung war in ihm aufgestiegen wie vorhin bei dem Ausbruch Rosemaries am Zaun. Als sie aber geendet hatte, ging er auf die Frau zu, streckte ihr die Hand hin und sagte: »Gott zum Gruß, Frau Schlieker!«

Sie sah die Hand verblüfft an, als habe sie einen Schlag bekommen, aber sie faßte sich und murmelte nur mürrisch: »Ja, ja, schon gut. Guten Abend also, und machen Sie, daß Sie jetzt weiterkommen.«

»Nein«, beharrte er und bot ihr weiter die Hand. »Gott zum Gruß, habe ich gesagt. Das bedeutet etwas anderes.«

Eine Weile war es still. Die weiße Männerhand zeigte immer weiter auf die Frau. Schließlich lachte die böse und doch verlegen auf: »Also, meinethalben: Gott zum Gruß.«

Und sie berührte für eine Sekunde mit ihrer kühlen, feuchten Hand die des Professors.

»Nun aber sehen Sie, daß Sie weiterkommen. Ich habe nicht so viel Zeit wie Sie. Ich habe fünf Gören zu versorgen.«

»Und das sechste ist Rosemarie«, sprach der Professor sanft. »Haben Sie Rosemarie gemeint, als Sie von Ihrem Mädchen sprachen, das sich rumgetrieben hat?«

»Ach nee«, antwortete die Frau gedehnt; der Zwischenfall eben war schon ganz vergessen und die alte, böse, streitlustige Stimmung erwacht. »Sie fragen also um die Marie ?? Und warum tun Sie so, als kämen Sie vom Amt, und dabei kommen Sie von der Vormundschaft?! ? Wir haben vor keinem Richter und vor keinem Gendarm Angst, daß Sie es nur wissen!! Und wenn Ihnen das Gör jetzt seine Lügen geschrieben hat, so wird ihr mein Mann schon zeigen, was er für eine Hand schreibt! Denn den alten Spruch kennen Sie ja wohl auch: Pastors Kinder und Müllers Vieh gedeihen selten oder nie ...«

Sie schoß zum Küchenfenster: »Päule! Päule! Sollst einmal kommen, wir haben feinen Besuch.«

Und ohne Atemholen schalt sie weiter: »Aber wenn ich sie unser Mädchen nenne, so stehe ich auch dazu, denn was gehört ihr schon weiter von dem ganzen Betrieb hier als die Schulden?! Mein Mann und ich, wir dürfen uns ja wohl totschuften, bloß damit das feine Fräulein was vor den Schnabel kriegt, und mit fünf Unehelichen plagt man sich, nur damit sie im Winter was Warmes im Leibe und auf dem Leibe hat ? aber danken tut es einem keiner! ? Päule, da ist einer vom Vormundschaftsgericht und fragt nach der Marie.«

Ein langer, rotblonder, noch junger Mann war in die Küche getreten, einen Eimer mit Milch in der Hand. Er lächelte den Besucher friedlich und freundlich an und sagte: »Na, Mali, dann wirst du heute mal die Milch durchdrehen müssen.«

»Ich!« rief die Frau. »Ich ? bei all meiner Arbeit, wo das Gör sich den ganzen Nachmittag rumgetrieben hat, und du liegst auch am liebsten auf dem Sofa! Ach, Päule, wenn der Gendarm wenigstens den Philipp zu fassen kriegte ? ich wollte ihm schon eine Heimkehr besorgen!«

»Ssssssst!« machte der Päule so scharf, daß der Professor zusammenfuhr. »Willst du mal deinen Mund halten! Marsch, los mit der Milch, eh sie kalt wird.«

Selbst der Professor merkte es, daß der große, lange, freundliche Mann jetzt gar nicht mehr freundlich, sondern sehr finster aussah. Und die Frau hatte auch schon den Eimer genommen und war aus der Küche fort, wortlos, wie eine, die Angst hat.

Aber gleich war der Herr Schlieker wieder nett: »Hier lang, bitte. Unsere gute Stube ist zwar kalt, aber Sie müssens nehmen, wie Sies finden. Wir sind arme Leute, aber ehrlich, wir stehlen kein Holz aus dem Wald wie die andern im Dorf. Lieber frieren wir und heizen bloß das Kinderzimmer, damit die junge Brut es warm hat ... Nun warten Sie einen Augenblick hier, ich hole gleich die Lampe. Bleiben Sie hier fein still stehen. Es ist ein bißchen sehr dunkel, und hinten ist die Kellerluke offen, wo wir die Runkeln rausholen ... Machen Sie bloß kein Schrittchen, daß Sie nicht ins Loch fallen, der Keller ist tief.«

Die Tür klappte, und der alte Professor blieb, die Reisetasche noch immer in der müden Hand, im Finstern. Eine lange, lange Weile stand er so und wagte nicht, den Fuß zu heben, aus Furcht vor der offenen Rübenluke. Ihm dünkte, als hätte man in der Zeit zwanzig Lampen füllen, zurechtmachen und anzünden können. Der freundliche Päule kam selbst seinem menschengläubigen Herzen gar nicht freundlich vor, sondern von Grund auf falsch und hinterlistig, und wenn man sich auch vor böser Nachrede hüten mußte, das Wort ging ihm doch im Kopf herum: »Ein Gau ist rauh, aber ein Schlieker ist ein Betrüger ...«

»Und«, dachte der Professor, »so viel weiß ich doch noch von meinem alten Fritz Reuter, daß ein Schlieker ein Schleicher heißt.« »Gott schütze mich!« rief er ängstlich bei sich, »wohin gerate ich ??! Welche Welt ? sofort müßte ich heim. Aber das Kind, das arme, verkommende Kind ? das Haus anstecken ? und sie spricht es mit ihren Kinderlippen aus! Nein, bleiben muß ich nun und es durchkämpfen ...«

Da wurde es hell, und der Wirt kam mit der Lampe.

»Es hat wohl ein bißchen gedauert? Ja, ja, hohe Herren warten nicht gern, und ein Armer muß zehnmal laufen, ehe ein Reicher auch nur aufsteht. Ich habe den Schweinen schnell Futter eingetan, wir sind bloß Bauern, Herr, bei uns kommt das Vieh vor dem Menschen. ? Und so haben Sie hier denn in der Ecke gestanden und keinen Fuß vor den andern gesetzt, und ich Dösbartel denke nicht einen Augenblick daran, daß dies ja dem alten Pastor Thürke sein Arbeitszimmer ist, und kein Gedanke an eine offene Rübenluke im Fußboden. Nun, Sie als studierter Herr werden ja auch manchmal nicht alle Ihre Gedanken auf einem Haufen beisammen haben, und so dürfen Sie es einem einfältigen Menschen nicht für ungut nehmen, daß es ihm auch nicht anders geht ...«

Über all dem bösen, scheinheiligen Geschwätz hatte sich der Professor umgesehen, und ein richtiges pastörliches Studierzimmer war es, dem eigenen gar nicht unähnlich, in dem er da war, mit Stehpult und großem Schreibtisch, einem grünen Plüschsofa in der Ecke und einem Mahagonitisch davor. Auf das Sofa ließ er sich langsam nieder und warf dabei einen halb sehnsüchtigen, halb traurigen Blick auf die hohen Regale, die um die Wände herumliefen. Denn es jammerte sein Herz, wie da die Bücher, dick verstaubt, durcheinander lagen, mit großen Lücken dazwischen, und manche sogar aus den Einbänden gefallen.

Aber dies vertraute Zimmer gab ihm doch auch trotz aller Müdigkeit ? eine freundliche Langmut, und so sagte er denn zu seinem Wirt: »So müssen Sie nicht mit mir reden, Herr Schlieker. Ich versteh auch so, daß ich Ihnen kein erwünschter Gast bin. Und sobald ich weiß, was es mit der Rosemarie für eine Bewandtnis hat und wie ihr zu helfen ist, will ich Ihnen nicht weiter zur Last fallen, sondern gehen.«

»Ja, ja«, sagte Päule, rieb sich bedachtsam das rotblonde Kinn und sah den Professor starr an. »So hat sich denn also die Marie mal wieder hingesetzt und eine Beschwerde über die bösen, betrügerischen Schliekers ans Vormundschaftsamt geschrieben. Aber die hohen Herren dort müssen ja rein gar nichts zu tun haben, daß sie ohne jede Anfrage an mich oder den Schulzen gleich losfahren auf die Anzeige von solch unmündigem Kind.«

»Nein«, antwortete der Professor hastig. »Das ist ein Mißverständnis von Ihrer Frau, Herr Schlieker, ich bin niemand vom Amt oder Gericht, ich bin der Professor Gotthold Kittguß aus Berlin.«

Der andere rieb sich weiter das Kinn, und es war so, als riebe er ein Lachen über das ganze, immer fuchsmäßiger werdende Gesicht breit. »Wer das gedacht hätte«, wunderte er sich. »Also nichts Amtliches, gar nichts.« Er beugte sich über den Tisch und sah dem Professor nahe in die Augen. »Aber etwas Verwandtes zur Marie sind Sie doch, nicht wahr? Verwandtschaft ist doch da ??«

Der Professor hielt dem lauernden, lächelnden Gesicht mutig stand. »Nein, auch das bin ich nicht. Aber ich bin ein alter Studienfreund vom seligen Pastor Thürke und will ihm ...«

Er brach ab, denn der andere hatte mit einem Ruck den Tisch zwischen ihnen beiden fortgerissen und stand nun vor ihm, die Fäuste geballt und das Gesicht scharlachrot vor Wut. »Und da kommen Sie her«, schrie er, und seine Stimme kippte in die Fistel vor Wut, »kommen her ohne ein Recht und ein Gesetz und stänkern in meinem Haus und hetzen die kleine, widerborstige Hexe nur noch mehr gegen uns auf! Ich pfeif auf Ihre Professorenschaft, ich schmeiße Sie raus aus dem Haus, Sie alter Stänkerer, Sie! Ich schlage Ihnen alle Knochen im Leibe entzwei, wenn ich Sie hier noch einmal sehe, Sie ... Sie ...«

Er sah wirklich so aus, der Päule Schlieker, als wollte er sich sofort auf den alten Professor stürzen, und wenn er aufhörte mit Brüllen, so nur darum, weil er den Atem verloren hatte.

Aber der alte Professor Kittguß mochte sich vor Hunden, Ratten, Fröschen und mancherlei anderm harmlosen Getier graulen: vor Menschen hatte er keine Furcht. Langsam und bedächtig erhob er sich von dem Sofa und stand freundlich vor dem Zornigen. Sanft und fest legte er ihm eine Hand auf die Schulter, und mit der andern deutete er ihm auf die Brust und sprach: »Da tut es weh, Herr Schlieker? Nicht wahr? Das ist der böse Zorngeist, der in Ihnen sitzt, der tut weh. Ehe Sie den nicht ganz von sich abtun, werden Sie auch nicht glücklich sein. Und das möchten Sie doch, nicht wahr?«

Der andere zog und zerrte mit seiner Schulter unter dem Griff des alten Mannes, und einen Augenblick war es sogar, als wollte er ihn vor die Brust stoßen. Aber das vermochte er nun doch nicht über sich, und seine Schulter bekam er auch so aus der schwachen Greisenhand frei. Päule Schlieker tat einen Schritt zurück vor den großen braunen Augen, die ihn so durchdringend ansahen, rückte seine Jacke zurecht und sagte verdrossen: »Über Sie kann einer bloß lachen ...«

»Und, Herr Schlieker«, fuhr der Professor unbeirrt fort, »dieser böse Zorngeist ists auch, der Ihnen lauter Dinge zu sagen eingibt, die Sie gar nicht meinen. Als da ist: den Hund auf mich hetzen, mir die Knochen im Leibe zerschlagen und so fort. Er sagts aus Ihnen, aber Sie meinens gar nicht. Und warum meinen Sie es nicht, Herr Schlieker?« fragte der Professor und sah seinen Gegner groß an ? »weil Sie nämlich von Grund aus ein guter Mensch sind!«

»Da soll mich doch ?!« sagte der Päule vollkommen erschlagen und tat schnell einen tiefen Atemzug. Denn wenn ihm in seinem Leben schon vielerlei gesagt worden war ? und es war ihm vielerlei gesagt worden, und kein Schimpfwort, das nicht schon in Anwendung auf ihn gebracht worden wäre ?, dies hatte ihm noch keiner gesagt.

»Ach was«, sagte er schließlich verdrossen. »Mit Ihnen kann ja kein vernünftiger Mensch reden. Sagen Sie also schnell, was Sie eigentlich wollen, sonst werde ich Sie doch nicht los, das sehe ich schon.«

»Ich will mich um mein Freundeskind, die Rosemarie, kümmern, Herr Schlieker«, sagte der Professor.

»Kümmern, ja kümmern!« höhnte der Schlieker. »Aber wie wollen Sie sich kümmern? Um ihr bißchen Eigentum ? und das ist bloß der Katen hier mit seinen fünfunddreißig Morgen Land ? kümmern wir uns schon, und wir kümmern uns gut darum, das glauben Sie man! Jedes Jahr reiche ich der Vormundschaft die Abrechnung ein, und nicht einmal, daß die Herren was zu meckern gehabt haben.«

»Wenn Sie sich um Rosemaries irdisches Erbe kümmern«, sagte der Professor, »so will ich Ihnen nicht dareinreden, und es soll mir recht sein. Aber wie steht es mit ihrem himmlischen Erbteil?«

»Nun, Herr Professor«, lachte der Päule Schlieker merklich erleichtert. »Wenn meine Mali und ich auch bloß einfache Leute sind, Heiden sind wir darum doch nicht, und unser ?Komm, Herr Jesu? beten wir Mittag und Abend vor jeder Mahlzeit. Aber für die Marie ist das alles nichts, und im ganzen Dorf gibt es kein vertrotzteres und verstockteres Mädchen als sie.«

»Das mag ich doch nicht auf ein bloßes Wort hin glauben«, sagte der Professor. »Ich habe meinen lieben Freund Thürke, der Rosemarie Vater, gekannt, und ein sanfterer, friedfertigerer Mensch hat nicht oft gelebt.

Und seine Frau Elise habe ich auch gekannt, und von ihr darf man wohl sagen, daß sie in einer wahren Märchen- und Wunderwelt zu Hause war und von diesem Leben nicht mehr wußte als ein Kind. Wenn wir aber sagen, daß der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, so muß das auch hier seine Geltung haben, und darum bitte ich Sie, Herr Schlieker, holen Sie mir das Kind einmal. Ich habe es nur erst im Dunkeln gesehen, und ich möchte meines Freundes Tochter einmal im Licht anschauen und in Ihrer Gegenwart einmal mit ihr reden und sie befragen.«

»Sie hat jetzt keine Zeit«, sagte der Schlieker mürrisch. »Sie hat sich den ganzen Nachmittag herumgetrieben, jetzt soll sie erst einmal ihre Arbeit tun.«

»Nun«, antwortete der Professor sanft, »sie wird ja nicht die ganze Nacht zu arbeiten haben. Ich warte dann hier. Ich bin zwar sehr müde und sehr hungrig, aber ich warte dann hier, Herr Schlieker.«

Und der Professor setzte sich langsam und bedächtig wieder in seine Sofaecke.

Der Mann der List, Schlieker, sah halb wild, halb verzweifelt auf diesen Mann der sanften Geduld. »Und werden Sie gleich weggehen, Herr Professor«, fragte er, »sobald Sie mit ihr gesprochen haben?«

»Natürlich«, sagte der Professor milde. »Was sollte ich dann noch hier?«

»Und es wird nicht lange dauern?«

»Nein, nein«, beruhigte ihn der Professor. »Ich denke schon daran, daß die Rosemarie hier auch Pflichten hat.«

»Also meinethalben«, sagte Schlieker und ging aus der Tür. »Aber nicht länger als fünf Minuten.«

Nun war der Professor Kittguß allein im kalten Studierzimmer des toten Freundes und, wie er da in seiner Sofaecke saß, war ihm, halb verhungert, wie er war, recht erbärmlich zumute. Dann aber fiel sein Blick wieder auf die schmutzigen, verliederten Bücherregale, und sein Herz tat ihm wieder weh. Er stand, trotz der schmerzenden Glieder, noch einmal auf und trat an solch Regal und hob einen Band heraus. Er blätterte und las den Titel ? und nun blätterte er noch hastiger, und jetzt stieg ihm das Blut zu Kopfe ...

Als aber der Päule Schlieker mit der Rosemarie hinter sich eintrat, und die Frau Mali bildete den Nachtrab, da dachte der Professor nicht an Freundestochter und Auftrag und Erbteil, sondern nur an das Buch in seiner Hand, und flammend trat er dem Mann entgegen und fragte: »Und was ist dieses hier, Herr Schlieker?!«

»Ein Buch«, sagte der ganz verblüfft.

»Ja, ein Buch! Und warum ist es zerrissen, und warum fehlen Seiten?«

»Ach, die ollen Scharteken!« ließ sich Frau Mali wegwerfend vernehmen, »zu nichts sind sie nutze, und keiner mag einen Blick in das langweilige Zeug werfen. Wir haben versucht, den Kram zu verkaufen, aber keiner will ihn, nicht einmal der Herr Pastor in Kriwitz.«

»Und wissen Sie auch, was das für ein Buch ist!« rief der Professor Kittguß, und nun hatte einmal ihn der Zorngeist fest in der Hand. »Das sind des Schuhmachers Jakob Böhme ?hohe und tiefste Gründe von dem dreifachen Leben des Menschen?!«

Er sah die beiden flammend an. »O weh!« rief er dann klagend. »Und es ist die Ausgabe von 1682, zu Amsterdam gedruckt mit einem Kupfer. Und der Kupfer fehlt, und Seiten fehlen auch, gut die Hälfte der Seiten fehlt!«

»Natürlich fehlt sie«, sagte Frau Mali frech. »Und es fehlt noch viel mehr. Was kümmern wir uns um den alten Dreck! Uns geht an, daß unsere Stube schnell warm wird, und wenn wir dazu Papier brauchen, so nehmen wir es, wo wir es finden. Und hier finden wir es ja«, schloß sie zufrieden, mit einem Blick über die Bücherbretter. »Und wir werdens auch weiter finden.«

»Verbrannt! Der Jakob Böhme zum Feueranmachen verbrannt!« klagte der Professor. »Nicht, daß ich alles von ihm billigte, denn offenbar kommt er mit der Heiligen Schrift oft nicht überein, aber er hat doch auch wieder über die Maßen schöne Sachen!« Ein neuer Gedanke kam ihm. »Sie haben mir gesagt, Herr Schlieker, daß Sie gut nach dem weltlichen Erbteil unserer Rosemarie geschaut haben, und ich habe Ihnen darum versprochen, nicht dareinzureden. Aber Sie haben nicht die Wahrheit gesagt, Schätze haben Sie vertan und verbrannt ? wissen Sie, daß Ihnen für dies Büchlein, wäre es noch heil, jeder Buchhändler in Berlin zwanzig, ja dreißig Mark bezahlt hätte!«

Jetzt aber hatte er sie! »Herr Professor«, sagte der Schlieker ganz betreten, »es kann nicht möglich sein ...«

»Für solch verstaubten, brüchigen Dreck!« ließ sich Frau Mali ungläubig vernehmen.

Aber da hörte man eine spröde, helle, mutige Stimme: »Ja, Pate, und wie sies hier in diesem Zimmer getan haben, haben sies auch draußen gemacht. Kein Obstbaum, der nicht verliedert ist, kein Acker, der nicht verqueckt, kein Pferd, das nicht zum Verbrecher geprügelt ist. Oh, mein lieber Pate, und die armen, unehelichen Kinder, die sie in Pflege genommen haben ...«

»Willst du stille sein, du Biest!« schrie Schlieker und faßte sie grob am Handgelenk.

»Du magst mir ruhig die Hand umdrehen, Päule«, sagte sie mutig und sah ihn groß an, »deswegen gibt deine Frau den Kindern doch bloß Magermilch ...«

»Stille biste!« schrie nun auch die Mali und griff über den Mund des Kindes.

»Sie lassen das Mädchen los!« rief der Professor mit starker Stimme und stand groß, das Gesicht von einem gesunden Zorn gerötet, vor den beiden. »Nehmen auch Sie die Hand fort, Sie, Frau! Schämt ihr euch denn nicht, ihr beiden?! Wißt ihr denn nicht mehr, daß unser Herr Jesus gesagt hat: ?und was ihr diesen Kindlein tut, das tut ihr mir??! ? Oh, mein Mädchen, mein Mädchen« rief er jammervoll. »Da stehst du vor mir, und ich sehe zum erstenmal im Licht dein liebes Gesicht, das du von deiner seligen Mutter hast. Ja, es ist wahr: wunderbare Zeiten habe ich deinem Vater geweissagt, die da kommen würden für dich. Als sei ich ein Prophet. Aber es ist gewesen wie eben, über dem Buch von Jakob Böhme habe ich dich vergessen, die du doch hier unter der Tür standest. So habe ich viele, viele Jahre vergessen, und nun bin ich ein alter Mann, der leicht müde wird, und ich weiß nichts von der Welt und kann dir wohl gar nichts mehr helfen. Ach, meine Rosemarie: wirst du mich überhaupt noch gebrauchen können ?!«

Sie stand da, und seltsam war sie anzuschauen in ihrer verschmuddelten, mißfarbigen Magdtracht mit den Holzpantoffeln an den Füßen. Aber auf den schmalen Schultern saß ein schöner, zierlicher Kopf mit einem sehr kleinen, blaßroten Mund. Das Haar war hellblond, und leise Strähnen davon hingen wie hineingeweht in die hohe weiße Stirn. Die Augenbrauen waren auch hoch und schmal, schöne, nachdenkliche Bögen.

Aber das alles war es nicht. Es waren auch nicht die zartfarbenen, sanft gerundeten Wangen, sondern es war der ferne, wie wesenlose, wie unirdische Blick der Augen, die blaugrau waren, ein Blick, der durch die Dinge hindurch zu gehen schien, bis weit, weit hinter diese.

Dieser Blick war es, der den alten Mann ergriffen hatte; von der Mutter, die in einer Märchen- und Wunderwelt gelebt hatte, war er auf die Tochter gekommen, die mit schlimmen Leuten hausen mußte. Vor diesem Blick war das Böse, das ihm von ihr erzählt worden war, lügenhaft geworden, denn die Kinder des andern Reichs, das nicht auf dieser Erde ist, erkennen einander wohl. Und flüchtig dachte der alte Mann an den Sendboten der Rosemarie, den armen, blonden Jungen, den Philipp: »Wenn der ihr freundlich und zu Diensten ist, so kann kein Falsch an ihr sein.«

Er stand vor ihr und hatte die Hände wie um Verzeihung bittend an die Brust gehoben, und sie sagte nun mit ihrer spröden, hellen Stimme: »Es ist schon alles gut, Pate. Denn ich weiß, die wunderbaren Zeiten, die du mir versprochen hast und von denen ich immer geträumt habe, kommen nun. Und du hast recht: sie sollen nicht mit Lügen kommen.«

So standen sie einen Augenblick einander gegenüber und es war still, denn auch die Schliekers rührten sich nicht, bis ein, zwei Stuben ab ein Kind jämmerlich zu weinen anfing. Da war die Stille zu Ende, und die Schliekern sagte mit ihrer harten, bösen Stimme: »Genug Theater, Marie; daß du die Leute behexen kannst, wenn du willst, das wissen wir, aber bei uns verfängt es nicht, und so scher dich an deine Arbeit, das Gör brüllt sich ja wohl rein zu Tode.«

Die Rosemarie glitt ohne einen Laut aus dem Zimmer, und die Schliekern ging ihr nach.

Nun waren die beiden wieder allein, der Häusler und der Professor Kittguß, und Schlieker sah nachdenklich auf den alten Mann, der plötzlich nur noch müde und sehr elend war.

»Hören Sie, Professor«, sagte Schlieker mit einem Lachen, »ich sehe ja doch, so werde ich Sie nicht los. Da will ich Ihnen einen Raum zeigen, wo Sie sich ein bißchen hinlegen können, zum Erholen, und Sie werden sehen, daß, für wen ich sorge, ich gut sorge.«

Und damit nahm er ohne weiteres die Lampe, gab dem Professor die Reisetasche in die Hand und dirigierte ihn mit »Rechts« und »Links«, hinter ihm drein leuchtend, durch einen Flur aus dem Haus, über einen Hof, zu einer kleinen Bude.

Der Professor aber ging ganz gedankenlos und gleichgültig vor ihm her, und erst, als sein Wirt eine Tür in der Bude aufmachte und den Professor hineinnötigte, sagte er wie erwachend: »Aber wohin bringen Sie mich denn, Herr Schlieker?!«

Doch da schlug schon die Tür hinter ihm zu, und ein Schloß rasselte, und Kittguß hörte rufen: »In den Kohlenstall!« Und hörte seinen Wirt lachen und lachen.

Das Lachen entfernte sich, und Professor Kittguß stand allein im Kalten und Dunkeln.

4. Kapitel

Worin Professor Kittguß der einen Nacht entrinnt, doch in eine noch dunklere gerät

 

Manch einer, männlich oder weiblich, hätte in der Lage von Professor Kittguß vielen Lärm gemacht, mit den Füßen gegen die Kohlenstalltür getrommelt, nach dem Schlieker geschrien oder geflucht oder geweint. Der Professor, der aus der Heiligen Schrift wußte, daß des Menschen Trachten böse von Jugend auf ist, der aber als rechter Jünger seines Herrn stets so gehandelt hatte, als sei es gut ? der Professor also tat von alledem nichts, sondern stand stockstill hinter der zugeschlagenen Tür, wo er eben stand. Nicht einmal die Tasche setzte er ab.

Er war nun nichts wie ein sehr alter Mann, der seinen Kräften viel zuviel zugetraut hatte und den der Hunger mit Schwindel und aussetzendem Denken quälte. Er wußte nicht mehr recht, wo er eigentlich war und warum er hier war. Und wenn ihm dann wieder Sinn und Ziel seiner Reise in die Erinnerung kamen, so fiel ihm auch sofort ein, wie ahnungslos und fremd er in eine Aufgabe wie diese hineingeraten war, und keiner konnte von der eigenen Unzulänglichkeit überzeugter sein als er.

»Ach ja«, seufzte er einmal. »Ach, freilich ja.«

Und dann war er wieder still. Ein Geduldiger ist stark. Eine Nacht kann nicht ewig währen, und jede Tür wird einmal wieder geöffnet.

»Ach, freilich ja.«

Aus dem Dunkel kam es wie Antwort, raschelnd strich es näher. Dann glitt es um seine Beine, und grünlich glänzende Augen sahen ihn an. Es dauerte aber seine Zeit, bis Professor Kittguß begriff, welch Gefährtin sein Verlies teilte, und als er sich nun niederbeugte zur Katze, sie zu streicheln, da kam er nicht auf eins der vielen Koseworte, die wir Menschen für unsere uralte Hausgefährtin gefunden haben, von der Pussi über die Mieze zur Musch, sondern er sprach sie ganz Schriftdeutsch und feierlich an: »Ja, meine liebe Katze ... Ja, meine gute Katze ...«

Die Katze war auch damit ganz zufrieden, und sie strich immer behaglicher um ihn und rieb den Kopf stets emsiger an seinen schwarzen Beinkleidern. Aber zum Schnurren geriet es ihr doch nicht, sondern plötzlich fing sie an zu miauen.

Sie miaute aber so eindringlich und stets stärker und fordernder, daß selbst dem tierfremden Professor der Gedanke kam, sie wolle noch anderes wie Streicheln. Und nach langem Überlegen riet er denn auch auf sein eigenes Leiden: den Hunger. Eine ganze Weile redete er dem Tier zu: »Katze, ich habe ja auch nichts ...« Bis ihm endlich einfiel, daß er doch etwas hatte. Nämlich von der Müllern als zweites Frühstück in der Reisetasche: ein hartgekochtes Ei und eine Buttersemmel.

Die kramte er aus, während das Tier ihn immer jämmerlicher bestürmte, und teilte brüderlich; wenn aber ein Anteil doch größer wurde, so war es nicht seiner.

Dann stand er wieder geduldig im Dunkeln ? das Katzentier hatte sich gesättigt verkrochen ? und wartete. Schließlich ? er wußte nicht, hatte er nun sehr lange oder erst kurze Zeit gewartet, klirrte die Tür wieder und tat sich auf. Der Ausblick auf den nachtdunklen Hof wurde frei, der seinen Augen nach dem schwarzen Kohlenstall freilich dämmerhell schien, und da stand Schlieker und sagte: »Na, nun machen Sie, daß Sie fortkommen. Das wird Sie lehren, sich in anderer Leute Sachen zu mengen.«

Der Professor sah den Schlieker wohl auf dem Hof, aber der Schlieker sah den Professor nicht im schwarzen Stall, und da es mit des Professors Entschluß zum Gehen nur langsam war ? denn er wußte ja gar nicht wohin, und erledigt war auch nichts ?, so bekam der Schlieker einen gewaltigen Schreck. Er stieß einen Fluch aus und sagte bei sich: »Es wird dem alten Knacker doch nichts passiert sein?! Das wäre eine schöne Geschichte! Ich will Licht ...«

Doch da trat der Professor aus der Bude und ging langsam und ein wenig wankend (denn es war ihm sehr schlecht, und das Gegessene vermehrte nur seine Übelkeit) an dem Bauern vorbei, als sehe er ihn nicht. Dann aber blieb er doch stehen, drehte sich um und sagte: »Auch die Katze zu füttern darf man nicht vergessen.«

Er ging wieder weiter, und dem Schlieker wurde es vor der stillen Gestalt fast unheimlich, stärker schien sie zu schwanken. Dann blieb sie wieder stehen und fragte, halb über die Schulter: »Wollen Sie mir nicht einen Handstock leihen? Ich bin ein alter Mann, und ich weiß nicht, wie weit ich diese Nacht noch zu gehen habe.«

»Jawohl, gern, Herr Professor«, rief Schlieker und sprang wie erlöst ins Haus. Denn wohl zumute war ihm vor seinem stillen Gast, der kein böses Wort sagte, aus vielen Gründen nicht; und wir alle kaufen uns gerne unser schlechtes Gewissen für einen Dreier ab. So sprang er erlöst ins Haus und brachte dem Professor eilfertig den Stock.

»Danke auch schön«, sagte der Professor.

»Nichts zu danken«, antwortete Päule Schlieker und hatte mehr recht damit, als er meinte.

»Ich schicke ihn dann morgen zurück«, sagte der Professor und ging. »Es eilt nicht. Es eilt gar nicht«, versetzte Schlieker und sah der hohen Gestalt nach. »Gute Nacht, Herr Professor«, rief er auch noch. Aber darauf bekam er keine Antwort mehr.

Nicht, daß der Professor dem Schlieker keine gute Nacht hätte wünschen mögen. Nein, aber er war mit seinen Gedanken schon weitab, er überlegte, wo er diese Nacht bleiben würde. Dabei dachte er an die Krugsküche mit den leise raschelnden Regimentern von Schaben, und es ekelte ihn in seiner Säuberlichkeit. Und wieder dachte er an den endlosen, sandigen Weg bis zum Bahnhof Kriwitz, und Müdigkeit und Gleichgültigkeit wuchsen so, daß er sich am liebsten auf einen Stein am Weg hingesetzt hätte, zum Einschlafen.

Aber auch davor bewahrte ihn sein Sinn für Ordnung, und plötzlich fiel ihm der fröhliche Bauer Tamm ein und gleich wurde ihm leichter. Es war, als ginge ein helles Licht von dieser Fröhlichkeit aus, in seine Brust hinein.

»Er ist gerade der Rechte für mich«, dachte er. »Und um Rat und Hilfe werde ich bei ihm auch nicht vergebens anklopfen.« ?

Dann kam er aus dem Kalten ins Warme, aus dem Dunkel ins Licht, über seinem Kopf bimmelte die Türschelle endlos, und gerade vor ihm saß auf der Diele vor einem hochaufgefüllten Teller mit fettglänzendem Gesicht der dicke Bauer Tamm, links die Frau Lowising, rechts der Sohn Maxe.

»Ich bin nicht zu sprechen, ich esse«, rief Tamm und blinzelte mit seinen Äuglein, um den Besucher unter der Tür zu erkennen.

Der stand still.

»Oh, Vadding!« rief die Frau Louise, »das ist ja der alte Herr Professor, der zu Schliekers gegangen ist wegen der Marie. Hütefritz hat uns doch erzählt ... Schon war sie hoch, faßte den alten Mann sanft bei der Hand, zog ihn unter das Lampenlicht und sah ihn besorgt an. Aber wie sie ihn so ansah, der da ganz ergeben und verloren lächelnd dastand, lief ein Lächeln über ihr Gesicht, und sie wollte es verschlucken. Aber es kam wieder und wurde stärker, und es wurde ein Lachen daraus, und jetzt lachten auch schon die beiden Männer, und es war eine ganze Weile weiter nichts zu hören als: »Haha!« und »Hihi!« und »Hoho!« und: »Haltet mich! Haltet mich! Ich darf bei vollem Magen nicht so lachen!«

Doch der alte Lehrer stand in all dem Lachen völlig verloren da, und einen Augenblick grübelte er darüber, ob wohl je in seinem Leben Menschen schon einmal so über ihn gelacht hätten.

Und dann fiel ihm wieder sein stilles Studierzimmer mit der stummen Müllern ein, wo ihm so etwas nie hätte geschehen können ... Aber da rief auch schon die Bäurin Tamm ganz erschrocken: »Nein, Herr Professor, es ist ja wohl eine Sünde und Schande, daß wir hier stehen und über solchen feinen Herrn lachen, dumme Menschen, die wir sind. ? Willst du jetzt endlich ruhig sein, Maxe! Hol lieber den Spiegel! ? Das sieht ja wohl ein jeder, daß Sie keine Ahnung haben, wie Sie ausschauen; und wer Sie so hinterlistig zugerichtet hat, das braucht uns keiner erst zu erzählen. Den Schleicher kennen wir alle hier im Dorf, plattdeutsch und hochdeutsch, Herr Professor. ? Und nun weise dem Herrn mal sein Gesicht, Maxe!«

Der Professor blickte in den Spiegel, und da sah er denn, daß er von der Katzenstreichelei und Fütterei sein Teil Kohlenstaub aus dem Schliekerschen Stall abbekommen hatte. Und wenn schon das ganze Gesicht mit Schwarz und Schmuddelig und Grau schlimm genug aussah, um den Mund saß es in noch dickeren Krusten. Hatte ihm schon vorher das Abendessen nicht gutgetan, so wurde ihm jetzt, da er seinen wahren Brotbelag vor Augen hatte, völlig wind und wehe im Leib.

So hat sich wohl noch nie ein geistlicher Professor vom Königlichen Prinz-Joachim-Gymnasium an der Grunewaldstraße zu Berlin-Schöneberg ins Angesicht geschaut; und so tat ers denn mit aller Gründlichkeit und meinte dazu sachte: »Aber der Herr Schlieker hat dies denn nun doch nicht getan, liebe Frau. Ich habe nämlich die Katze in seinem Kohlenstall gefüttert.«

»O Gott, o Gott!« stöhnte der dicke Tamm auf seinem Sofa. »Ganz wie der schwarze König aus dem Mohrenlande. Und auch so freundlich. Haltet mich! Haltet mich!«

Aber bei ihm war das Halten nicht so notwendig wie bei einem andern, denn plötzlich sagte der Professor ganz kläglich: »Ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten machen. Aber ich glaube, ich falle um.« Und damit sank er auch schon an der starken Frau Lowising hin, und hätte sie nicht schnell den Ohnmächtigen umgefaßt, so wäre er wohl hart auf dem Steinfußboden hingeschlagen.

Sein in der Pfanne aufgebratenes Gänseweißsauer mit Röstkartoffeln, auf das er sich so gefreut hatte, hat der dicke Bauer Tamm an diesem Abend nur mit Unterbrechungen ? und kalt ? essen können. Denn er hat doch immer nachsehen müssen, ob der Professor Kittguß auch richtig ins Bett gebracht wurde und ob die Ziegelsteine, die sie ihm gegen die kalten, müden Füße legten, nicht zu heiß waren. Und in eigener Person ist er noch in Holztuffeln in die Schenke geschoben und hat mit dem Krüger Otto Beier beratschlagt, was so einem alten Mann wohl zur Stärkung anzubieten und einzuflößen wäre.

Mit einer Flasche schönem altem Rotwein ist er zurückgekehrt, und dann hat er mit seiner Frau in der Küche einen süßen Glühwein gekocht, und sie sprudelten auch noch ein Eigelb hinein. Aber dabei verabredeten sie, daß sie morgen früh den alten Herrn mit dem Stuhlwagen wieder auf die Bahn und nach Hause schicken wollten: Denn »denen hier ist er nicht gewachsen, nicht dem Schlieker und der Marie auch nicht. Und was will er hier überhaupt?! Wenns der Behörde recht ist, wie Schliekers es treiben, so wollen wir uns um Gottes willen nicht einmischen. Den Schlieker mag niemand zum Feind, und unserer wäre er gleich, wohnte der alte Mann bei uns.«

Als sie aber mit ihrem Glühwein zum Bewußtlosen zurückkehrten, saß der aufrecht und gerade im Bett und sah sie groß und fremd an. Sie redeten ihm zu, er möge doch trinken und sich wieder hinlegen und gesundschlafen ? da bat er nur sanft um seine Bibel aus der Handtasche.

Er bekam sie, aber wenn sich gleich dies Buch der Bücher von selbst bei der Offenbarung Johannis aufschlug: für dieses Mal blätterte der Professor Kittguß weit zurück. Er blätterte durch das ganze Neue Testament und blätterte weiter zurück, bis zu den Psalmen Davids. Und hier las er den 10. Psalm vom Übermut der Feinde, und er las unter anderm: »Herr, warum trittst du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not? Weil der Gottlose Übermut treibt, muß der Elende leiden ... Der Gottlosen Mund ist voll Fluchens, Falschheit und Trugs, seine Zunge richtet Mühe und Arbeit an. Er sitzt und lauert in den Dörfern; er erwürgt die Unschuldigen heimlich ... Stehe auf, Herr; Gott, erhebe deine Hand, vergiß der Elenden nicht! ...«

Dann sah der Professor Kittguß seine Wirtsleute traurig an, seufzte tief, legte sich auf die Seite und schloß die Augen. Tamms aber schlichen sich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer und nahmen die Lampe mit fort.

Jawohl, ja, das Licht war fortgenommen, und Professor Kittguß lag allein mit sich im Dunkeln. Er war sehr traurig, sehr mutlos, sehr krank. Das ungewohnte Bett quälte ihn, ungewohnte Gedanken quälten ihn. Gerade vierundzwanzig Stunden und vier war es her, daß der närrische Bote sein geborgenes, weltfernes Heim betreten hatte, und hier lag er, schon am Ende der körperlichen Kräfte, aber auch müde, todmüde in seinem Geist ... Und morgen würde er wieder zu Päule Schlieker hingehen müssen, und wieder würde er der Tücke und der Falschheit ausgeliefert sein. Was aber würde er erreichen? Was wollte er erreichen? Was in aller Welt konnte er tun ??

Der Professor warf sich auf die andere Seite, aber eine tröstliche Seite war die auch nicht. Er dachte an Vorladungen, gerichtliche Streitigkeiten, Anwälte gar, an Prozesse hin und her ? und nun war es ihm, als stünde er in seinem alten Klassenzimmer auf dem Katheder, und eine seltsame Schülerversammlung hatte er vor sich. Da waren bärtige Gesichter, die ihm bekannt und doch fremd erschienen; da waren aber auch der Hütefritz und der Greis, der nach dem Schinken geklettert war. Da saßen der dicke Bauer Tamm und seine Frau Lowising und der derbe Sohn; und nebeneinander hielten den Finger hoch der Päule Schlieker und sein Weib Mali.

An die Tafel aber hatte der Professor seine Gleichung zur Auflösung der apokalyptischen Zeitläufte geschrieben. Er sah sie an, und sie war richtig. Doch niemanden von all denen, die mit dem Finger zeigten, rief der Professor, sondern er sah angestrengt in den Ofenwinkel. Dort war es dämmrig, aber er meinte doch, eine sanfte Helligkeit zu schauen, und er rief leise: »Rosemarie!«

Langsam ging sie zu ihm aufs Pult, und wieder sah er den unbestimmten Märchenglanz ihrer blaugrauen Augen, und das Herz tat ihm weh.

Aber sie nahm von ihm nicht die Kreide, die er ihr bot zur Lösung der Gleichung, sondern sie nahm den Schwamm aus der Schale, und langsam löschte sie Zahl um Zahl. Wie aber eine Zahl nach der andern verging, war es, als breite sich die Schwärze der Tafel im Klassenzimmer aus, und von Zahl zu Zahl ward es dunkler, und schließlich verblieb dem alten Professor nichts wie ein heller Schimmer von ihrer Gestalt.

»Rosemarie!« rief er verzweifelt. »Was tust du?«

Da erlosch auch der Schimmer ihrer Gestalt. Und er war ganz allein und fürchtete sich.

Wiederum war es dem Professor, als läge er in seinem Bett. Er wußte aber nicht, ob er träumte oder wachte. Er hörte ein leichtes Prasseln gegen die Fenster, und aus dem Prasseln rief eine schwache Stimme: »Pate! Wach auf, Pate!«

Er stand auf aus dem Bett und ging ans Fenster und öffnete es, und ein Schatten im Dunkeln sagte: »Pate, kannst du mir denn nicht helfen?! Jetzt soll ich zur Strafe, weil du gekommen bist, die ganze Nacht Wäsche waschen, und ich bin doch so müde, daß ich die Beine nicht mehr unter meinem Leib spüre.«

Professor Kittguß aber rief unwillig: »Könnt ihr denn nicht Frieden halten?! Ich bin ein alter Mann und wünsche nur noch Ruhe und Frieden. Du hast mich nun schon hergerufen, in dies unfriedliche Dorf, zu unfriedlichem Volk, und heute nacht hast du mir auch noch meine Gleichung ausgelöscht, so daß ich nichts mehr habe. Wir alle müssen unsere Heimsuchungen und Plagen ertragen, und ich kann dir nicht helfen.«

Da war es, als weinte der Schatten leise, und dann zerging er in der Nacht. Wo er gestanden hatte, war ein Busch, und traurig schloß der Professor das Fenster, legte sich nieder und quälte sich wegen der harten Worte, die er gesprochen hatte.

Darüber versank er in tiefen, traumlosen Schlaf, und als er erwachte, war es hell in seinem Zimmer von einer fröhlichen Oktobersonne.

An seinem Bett aber saß Frau Lowising, sah ihn freundlich an und sagte: »So, Herr Professor, nun frühstücken Sie erst einmal ordentlich, und wenn Sie dann kräftig genug sind, so ziehen Sie sich an, und unser Maxe fährt Sie zur Bahn. Sehen Sie, was wollen Sie sich hier auf Ihre alten Tage noch mit schlechten Leuten plagen und schlagen? Gegen die Schliekers ist noch keiner Herr geworden, so werden Sies auch nicht. Die Rosemarie ist auch kein Engel, wenn ihr schon alles Tier- und Kinderzeug anhängt, und daß sie arbeiten lernt, ist ihr nur gut. Wenn Sie aber ganz etwas übriges tun mögen, und Sie haben es und können es, so schicken Sie den Schliekers allmonatlich Geld. Nicht zuviel, dreißig Mark vielleicht, und Sie bedingen sich aus, daß die Schliekers die Marie nett behandeln. Denn für Geld tun die alles, und da bringen sie es vielleicht sogar über sich, nett zu einem Menschen zu sein.«

Bei Beginn dieser Rede hatte der Professor noch eine deutliche Erinnerung an seinen Traum gehabt und hatte die Frau Louise unterbrechen und fragen wollen, ob Rosemarie wohl wirklich in der Nacht an seinem Fenster um Hilfe gerufen hätte. Aber je weiter die zutunliche Frau mit ihrer Rede kam, um so unwichtiger und unwirklicher wurde der Traum, und was sie sagte, schien ihm alles Hand und Fuß zu haben.

Wenn er also zuerst noch ein wenig ängstlich und schuldbewußt gefragt hatte: »Meinen Sie das wirklich?« ? so war er nach drei Minuten schon fest überzeugt, daß es so das beste sei, und für sein Geld werde es die Rosemarie haben wie im Himmel.

»Ja, ja«, nickte er immer freundlicher zu der freundlichen Frau. »Dann machen wir es so ...«

»Gottlob, Herr Professor!« atmete Frau Tamm auf. »Sie wären ja wohl hier ganz hin geworden über aller Streiterei und Feindschaft. Und ich denke, der Maxe kann den offenen Stuhlwagen nehmen, es ist heute so ein freundlicher, heller Tag wie ein letzter Sommertag.«

»Ja, ja«, sagte der Professor zufrieden und sah vom Bett über die Schulter zum Fenster. »Es sieht heute sehr hell und freundlich aus.«

Darin aber irrten sie beide: die Bäuerin Louise Tamm wie der Professor Gotthold Kittguß aus Berlin: es war nicht hell und freundlich, es war finsterste Nacht für den Professor Kittguß.

5. Kapitel

Worin Professor Kittguß den zweiten Ruf des Engels erfährt

 

Eigentlich saß Professor Kittguß, warm zugedeckt, recht gut neben Maxe, dem Kutscher ? eigentlich trabten die beiden Braunen schön sachte über den Sandweg, der herwärts so mühselig gewesen ?, eigentlich hatte das stille, friedliche Land mit dem herbstlichen Blätterfall seinem Herzen guttun müssen ? aber nein, dem Professor war nicht wohl. Gar nicht! Es war angenehm, nun wieder planend an die große, sechzehnjährige, geruhige Arbeit zu denken und an den Vers, der als nächster zu deuten war ? es war natürlich auch richtig, daß die Unruhe in der Brust von den Anstrengungen des gestrigen Tages kam und von nichts anderm, gar nichts anderm.

Aber schließlich kam doch ein Heckentor in Sicht, und auf ihm saß, mit den Beinen baumelnd und die Harmonika blasend, ein Junge. Der Professor erkannte ihn wohl: es war der Hütefritz. Und auch der Junge erkannte den Professor, und das Lied vom Heidenröslein brach mitteninne ab. Die Augen des Jungen wurden immer größer, bis sie so groß wie die Teetassenaugen aus dem Märchen schienen; er sah erstarrt, ohne jedes Beinebammeln, mit den großen Augen und dem ganz offenen Munde den abreisenden Professor an.

Der sah ihn wieder an, und die Unruhe in der Brust wurde stärker, wurde zu einem Druck auf dem Herzen. Am liebsten hätte er den Maxe um einen kurzen Halt gebeten. Am liebsten wäre er vom Wagen gestiegen und hätte dem Jungen erklärt, daß so doch nichts für seine Freundin Rosemarie zu tun sei, daß aber Geld geschickt werden und daß damit alles, alles gut werden würde ...

Aber es ging zu schnell, die Braunen trabten, und das Jammerbild auf dem Heckentor glitt vorbei. Nur der Maxe schnüffelte noch wütend durch die Nase und drohte: »Das werde ich dem Bengel, dem Hütefritzen, schon zeigen, ob er zu dudeln oder zu hüten hat! Immer gehen seine Kühe in unsern Klee!«

Worauf der Professor hastig erwiderte: »Oh, nicht doch! Oh, bitte nicht doch!«

Dann schwiegen sie wieder beide, bis die Hecken zurückblieben und das Land sich mit allerlei Äckern immer weiter auftat. Über einen Hügelrücken sah schon der schieferschwarze Kirchturm von Kriwitz, und Maxe verkündete: »Wir schaffen den Zug gerade noch.«

Doch zur gleichen Minute parierte er die Pferde in langsamsten Schritt und starrte verblüfft eine seltsame Prozession an, die ihnen auf dem Straßenrand entgegenkam. Es waren aber eins, zwei, drei, vier, fünf Diakonissen, die da in ihren schwarzen Übermäntelchen und weißen Hauben, eine hinter der andern, gegen den Stuhlwagen anrückten. Jede von den Schwestern trug ein Köfferchen in der Hand, und so gingen sie, ohne die Augen zu heben, heran ? vorüber, und nur die letzte, eine derbe, rotbackige, wie gerade vom Lande geholt, hob für einen Augenblick die Augen und sagte leise: »Guten Tag.«

Weil aber die vorderste, ein wahrer Mannskerl von einer Frau, mit wehenden Haaren am Kinn, hustend brummte, erschrak sie und lief beschleunigt, das Täschchen schwenkend, hinter den andern drein.

Der Maxe, den Kopf im Nacken, starrte und starrte, bis die fünf Schwestern um die nächste Hügelecke verschwunden waren. Dann aber drehte er sich, vor Schadenfreude wahrhaft strahlend, dem Professor zu und sagte aus tiefster Brust: »O ? haua ? haua ? ha! So mußte es kommen. Darauf freß ich einen Besen, der Päule Schlieker kriegt heute keinen guten Tag ...«

»Was haben denn die Diakonissen mit Herrn Schlieker zu tun?« fragte der Professor ängstlich.

»Zu tun ?!?« fragte der Maxe dagegen, fast empört über so viel Unverstand. »Zu holen haben sie die Kinder!«

»Welche Kinder?« fragte der Professor und hätte doch lieber nicht weiter gefragt.

»Natürlich die Pflegekinder, die bei Schliekers sind. Aber wer nicht hört, muß fühlen. Jetzt holen sie ihm die Kinder fort und damit hundertfünfzig Mark im Monat! Ohgottegottegott ? wie das den Schliekers weh tun wird!«

Und Maxe grinste über das ganze dicke, derbe Gesicht vor Mitgefühl.

Der Professor mußte immer noch weiter fragen, sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe. »Halten die Schliekers denn die Kinder wirklich so schlecht?«

Aber der Maxe war ein Bauernsohn und vorsichtig wie seine Eltern. »Weiß ich das?!« fragte er dagegen. »Ich gehe nicht zu Schliekers, und auf das Gerede der Leute darf man nicht hören. Aber jedenfalls sind die fünf Schwestern unterwegs, und ich gäbe einen Taler, wenn ich beim Wegholen über den Zaun sehen könnte. ? Willst du mal laufen, Liese! Wir kriegen den Zug nicht mehr!«

»Und die Rosemarie?« fragte der Professor angstvoll. » Das Kind holen die Schwestern doch wohl auch?«

»Die kleine Thürke? Wieso denn die ??! Die Thürke ist Vormundschaft, und die fünf lütten Bälger sind Landratsamt ? das hat doch nichts miteinander zu tun, Herr Professor!«

»Aber das Kind kann doch nicht dort gelassen werden«, protestierte der. »Wenn die Schliekers so schlecht sind ...«

»Da geht er hin!« schrie Maxe und hielt die Pferde mit einem Ruck an. »Haben wirs doch nicht geschafft! Ich sage es ja. Ich sage es ja!«

Und richtig ? eben tauchte pustend und schnaufend hinter dem Kriwitzer Bahnhofshäuschen die Kleinbahnlokomotive auf, zwei Wägelchen hinter sich. Mit Klingling-Klingling fuhr sie die Hügelseite entlang und Klingling-Klingling verschwand sie im Walde.

»Da!« sagte der Maxe und starrte.

Der Professor Kittguß starrte mit. »Und was machen wir nun?« fragte er dann hilfeflehend seinen Kutscher.

»Fahren Sie doch mit dem Sechs-Uhr-Zug, Herr Professor«, sagte der Maxe überredend und erinnerte sich sehr, wie dringlich die Eltern diesen Gast aus dem Dorf gewünscht hatten. »Kriwitz kann man sich schon mal ein paar Stunden ansehen, und bei Stillfritzens im ?Erbherzog? ißt man großartig!«

Und damit war er auch schon runter vom Wagen, hatte die Reisetasche auf die Straße gesetzt und bot dem Professor die Hand zum Absteigen.

Der nahm sie mechanisch. »Beinahe«, sagte er bedenklich, »beinahe wäre es wohl Pflicht, wieder nach Unsadel zu fahren. Da nun die Schwestern zu Schliekers gehen ...«

»I wo, Herr Professor«, sagte Maxe leichthin und war schon wieder oben. »Was hat denn das mit dem zu tun? Ich sage es Ihnen doch, Amt ist Amt und Vormundschaft ist Vormundschaft. Auf Wiedersehen, Herr Professor, und gute Reise. Ich werde die Eltern auch schön grüßen.«

Damit aber stand der Professor Kittguß allein auf dem Vizinalwege von Unsadel nach Kriwitz und sah dem Stuhlwagen, den Braunen und dem Maxe nach, die sich eilig entfernten. Etwas war nicht recht, und was das Unrechte war, das wußte er auch, aber er wollte es nicht wissen.

So nahm er denn seine Tasche und ging langsam in das große Amts- und Pfarrdorf Kriwitz hinein, am Bahnhof vorüber durch die lange Häuserzeile mit ihren nicht städtischen und nicht ländlichen Häusern und mit ihren fünf gewaltigen Kaufläden. Denn Kriwitz ist ein rechter Landhandelsort, in dem der Bauer ein- und verkauft, was alles er braucht und erübrigen kann.

Der Professor aber wäre wohl in all seinen Gedanken immer weitergegangen durch den Ort, aus dem Ort in das herbstliche Land hinein, wenn er nicht plötzlich von einer stattlichen Torfahrt her angerufen wäre: »He, Sie! Ja, Sie mit der Tasche!«

Der Professor sah unschlüssig auf den Mann, der da mit listig und vergnügt funkelnden Augen und dem unglaublichsten blauroten Zinken von der Welt unter dem Tore stand.

»Meinen Sie etwa mich, lieber Herr?« fragte er behutsam.

Der andere sah suchend die Straße auf und ab. »Sehen Sie noch eine Tasche?« fragte er. »Ich jedenfalls nicht! ? Nein, Sie sind der Mann, Sie hängen an der Tasche. Also sind Sie ein Reisender. Aber wenn«, sprach der Mann und rieb sich nachdenklich den Kolben, »ein Reisender in unsern schönen Ort kommt, so geht er nicht am ?Erbherzog? vorbei, sondern hilft dem armen Stillfritz, das Bier laufend zu halten. Das ist im Interesse aller.«

»Soso«, sagte der Professor vorsichtig. »Sie sind also ein Gastwirt?«

»Oh, lieber Herr«, rief der andere, »alles, was wir sind, waren und sein werden, das können wir uns drinnen bei einem Topp Bier viel besser erzählen!«

»Ich trinke nie Bier«, sagte der Professor, nicht ganz auf der Höhe eines Erklärers der Offenbarung. »Und am Vormittag schon gar nicht.«

»Aber einen lütten Köm?« fragte der Wirt und kniff die Augen ein. »Einen schönen, klaren Köm?«

»Nie!«

»Und doch so alt geworden«, meinte der Wirt bedauernd. »Aber Scherz beiseite, kommen Sie rein, und leisten Sie mir ein bißchen Gesellschaft. Ihre Zigarren oder was Sie da in der Tasche tragen, kriegen Sie immer noch in einer halben Stunde verkauft. Ach, lieber Herr«, bat er nun wirklich, »Sie ahnen ja nicht, was das für einen Gastwirt heißt, der sich Morgen für Morgen seine toten Bierhähne und die leere Gaststube anschaut ? wie kümmerlich einem da zumute ist.«

Dem Professor war auch kümmerlich zumute, und die fünf oder sechs Stunden bis zum nächsten Zug abzulaufen ging über seine Kraft. Zweifelnd betrachtete er sich seinen seltsamen Partner. »Aber Bier oder Schnaps trinke ich nicht«, erklärte er dann.

»Müssen Sie ja gar nicht«, antwortete der Wirt. »Jetzt kommen Sie erst mal rein. Meine Frau hat eine schöne Hühnerbrühe auf dem Feuer, und wer sanft ist, will auch sanft essen ? Sie sind doch sanft?«

»Ich hoffe es«, sagte der Professor und setzte sich aufatmend auf die Ofenbank.

»Habe ich gleich gesehen«, antwortete der Wirt zufrieden. »Also Hühnerbrühe? Ja? Wirklich ?? Na, ? denn schön und prost!«

Er zapfte sich am Bierhahn ein halbes Glas, betrachtete es kummervoll, murmelte: »Trübe, trübe« ? kippte es und sprach lebhafter: »In diesem Sommer, so zur Heuernte, wir haben manchmal sogar Autofahrer als Gäste, wegen der schönen Natur, ich verstehe nichts davon, aber meinetwegen, soll sie schön sein! Aber essen Sie was, jetzt bestelle ich Ihnen erst mal die Brühe! Sie sehen so bleich um die Nase aus. Nehmen Sie da meinen Kolben!« (Und der war wirklich erstaunlich blaurot.) »Ich werde meinem Feldwebel sagen, er soll Ihnen ein Ei reinschlagen.«

Er stand tiefsinnig vor dem Gast und schlug sich die Serviette gegen die Hosen.

»Sie wollten mir eine Tasse Hühnerbrühe bestellen«, mahnte der Professor, als nichts mehr kam.

»Ja, richtig«, besann sich der Wirt, ging aus der Tür und war schon wieder da. »Daß einen heutzutage keiner mehr zu Worte kommen läßt, man vergißt seine eigene Rederei. Stehe ich also im Frühjahr hier unterm Torweg, und das tollste Gewitter geht herunter mit einem Gepladder wie aus Mollen, da spritzt ein Auto vor, so ein richtiger feiner Berliner Wagen ... Und halten und Schlag auf und raus schießen zwei Damen und wollen hier rein ... Ich aber stelle mich so recht breit hin und kriege die eine zu fassen und kriege die andere zu fassen und halte sie und sage ganz gemütlich: ?Nur nicht drängeln, meine Damen, es kommt jede rein. Wer ist denn nun die Feinste und hat den Vortritt?? Und der Regen pladderte runter auf sie und lief ihnen in den Nacken, und geschrien haben sie und gezappelt ...« Er sah den Gast gespannt an und rieb sich wieder einmal den Kolben, den Zinken, die Leuchtblüte. »Denken Sie, die haben den Spaß verstanden?! Nicht die Bohne! Geschimpft haben sie wie die Spatzen, und weggefahren sind sie ohne Einkehren. Was aber der Mann war, der dazu gehörte, der hat mich noch Pflaumenaujust geheißen ? bin ich Pflaumenaujust ??«

»Ja«, sprach der Professor mit fester Stimme. »Und wenn Sie mir jetzt nicht sofort die Hühnerbrühe bringen, gehe auch ich!«

Vor diesen starken Worten war der Wirt Stillfritz bis ans Ende des Lokals gewichen. »Sehen Sie«, sagte er bitter und sah den Professor vorwurfsvoll an, »gibt man sich Mühe und erheitert die Gäste, gleich heißt man Pflaumenaujust. Scherz wird heute nicht mehr verstanden. Aber wie unsereinem dabei zumute ist, danach fragt keiner. Es ist ja nicht nur das Bier in den Hähnen, wenn Not am Mann ist, halte ich das auch allein laufend, es ist ...«, er sah schielend zur Decke ? »es ist noch ganz was andres. Es rieselt. Es fällt. Ich wünsche Ihnen ein Landhotel und jeden Sonntagmorgen pünktlich grauen Himmel und Regen, da wissen Sie, was Pflaumenaujust heißt ... Die Hühnersuppe kommt sofort, Herr!« schnarrte er plötzlich und war aus dem Lokal, und der Professor saß allein.

Ja, allein, und nun war es ruhig um ihn. Eine Fliege burrte noch einmal schläfrig, ab und an fuhr ein Ackerwagen vorüber, aus der Küche rummelte ein Topf, und jetzt schalt eine Frau, und weinerlich antwortete die Stimme vom Wirt Stillfritz. Eine Uhr schlug, und das Eheduett in der Küche ging weiter, des Professors Kinn sank tiefer auf die Brust und der Kopf ganz vornüber. Ach, was ist der Ofen schön gelinde warm! ? Und so war denn Professor Gotthold Kittguß nach den Strapazen des gestrigen Tages ein bißchen eingeschlafen und hätte sich über alle Gewissensbisse weg bis zum nächsten Zug hingeschlafen ...

Wenn nicht plötzlich die Gaststubentür geräuschvoll aufgegangen und jemand sehr festen Tritts mit jemandem sehr müden und hinkenden Tritts einmarschiert wäre. Als aber der Professor aus seinem Nickerchen etwas verlegen hochfuhr, da stand der feste Jemand vor ihm, hatte die Hand an den Tschako gelegt und sagte militärisch: »Sie gestatten, daß ich den Burschen mit reinbringe. Denn wenn ich ihn draußen lasse, türmt er bloß. Er ist schon zweimal getürmt, und darum sieht er auch so aus. Denn wer nicht hören will, muß fühlen!«

Damit blickte der Landgendarm Peter Gneis auf seinen Delinquenten und sagte bärbeißig, aber gar nicht böse: »So, mein Jungchen, dich hängen wir wohl am besten mit dem Kettchen hier an den Kleiderständer. Und wenn du dann mit einem Kleiderständer unterm Arm ausritzen willst, versuch es! Dämlich genug bist du dazu, wenn du auch lange nicht so dämlich bist, wie du aussiehst, und fassen tu ich dich allemal wieder.«

Der Professor sah, sah ? und rieb sich die Augen. Aber was er sah, ließ sich nicht fortreiben: es war und blieb sein heimlicher Bote: Philipp, der vor zwei Tagen mit Rosemaries Brief bei ihm im Studierzimmer gestanden, der ihn nach Unsadel berufen hatte, um den er sich fast mit der jahrelang erprobten Witwe Müller gestritten hätte, derselbe Philipp ? aber wie sah der Junge aus!

Damals schon war er ein recht kummervolles Geschöpf gewesen, aber wie er jetzt dastand und höchst naturgetreu tat, als sähe er nicht den Professor und gar nichts auf der Welt, schlotternd, mit hohlen Wangen und einem blaugeschlagenen oder -gefallenen Auge ? da fiel dem Professor doch so allerlei auf die liebe Seele, und ganz unwillkürlich rief er: »Aber es ist doch nicht die Möglichkeit! Ist er denn das?!«

»Jawohl, ein entlaufener Knecht ist das«, sagte der Gendarm Peter Gneis strenge. »Und die Dresche, die ihm seine Dienstherrschaft bei der heutigen fröhlichen Heimkunft verabreichen wird, die möchten wir beide, Sie und ich, nicht besehen. ? Ein Helles und einen Korn, Stillfritz. Ja, da staunst du. Das ist der entlaufene Knecht vom Päule Schlieker in Unsadel, und per Schub haben wir ihn, Kollege auf Kollege, von Gransee bis hier gebracht. Was in aller Welt er da gesucht hat, das wissen wir nicht und werdens auch nicht erfahren. Denn der stirbt eher, als daß er den Mund auftut.«

»Junge, Junge«, sagte Stillfritz und rieb sich wieder einmal seinen blauroten Methusalem. »Ich will es dir ja glauben, daß der Dienst beim Päule Schlieker nicht gerade ein Rosendienst ist. Aber das hättest du doch wissen müssen, daß man nach der Mecklenburgischen Gesindeordnung sein Jahr auszuhalten hat, gut oder schlecht. Aber wenn du nun einmal solch bösen Empfang haben sollst, oller Döskopp, du ? keiner soll sagen, daß dich der Stillfritz zu deiner Prügelsuppe ohne eine Hühnersuppe hätte gehen lassen. Kiek mich an, Junge! Willst was essen ?? Happenpappen, Happenpappen, so ... soooo?«

Und er kaute gewaltig schmatzend die Luft.

In das unbewegte Narrengesicht kam ein Schein von Leben und Helligkeit wie von einem Lächeln. Was aller Jammer und alle Entbehrung und alle wunden Füße nicht hatten vollbringen können, das vollbrachte jetzt der Wirt Stillfritz mit seinem Kauen: zwei einzelne, blanke, große Tränen rollten über die verhungerten Backen.

»Na, weine bloß nicht, Sohn! Gleich kriegst du was zu essen. ? Nanu, was soll nun wieder das?!«

Denn da stand hoch und feierlich mit der Tasse Hühnerbrühe in der Hand der Professor Kittguß neben dem Wirt und sprach: »Wenn einer dem Jungen Essen zu geben hat, bin ich es. Und wenn einer fragt, Herr Gendarm, warum und zu wem er entlaufen ist, antworten Sie ihm: zu mir! Zu mir, dem Professor Gotthold Kittguß in Berlin, denn mir hat er einen Brief von meinem Patchen gebracht. Und wenn Kosten entstanden sind, will ich sie tragen. Und wenn es Prügel geben soll, will ich mitgehen, und es wird keine Prügel geben!«

»Ich denke, Sie reisen in Zigarren«, wunderte sich der Wirt.

»So ? ho«, sagte der Gendarm amtlich und fingerte schon nach seinem Notizbuch. »Sie wollen also behaupten ...«

Und so wären sie denn wohl alle drei, nach Männerart, erst einmal in eine hübsche theoretische Verhandlung geraten, statt etwas Vernünftiges zu tun ..., wenn nicht der Duft der Hühnerbrühe dem verhungerten Philipp gar zu verlockend in die Nase gestiegen wäre. Fast riß er dem Professor die Tasse fort, setzte sie an, und leer war sie! Der Philipp aber blickte verblüfft in die Tasse und sah in diesem Augenblick genau wie jener berühmte Löwe aus, der meinte, ein Kalb zu verschlingen. Er erwischte aber die Erbse und fand, sein Maul blieb überraschend leer.

Da erkannten sie, was als erstes nottat, und keine fünf Minuten, so saß Philipp an einem Tisch, und die Kartoffelschüssel schien ihm keineswegs zu groß, und daß ein ausgewachsenes Suppenhuhn eigentlich ein Zweimännervogel ist, daran glaubte er auch nicht.

Er aß und aß, und die andern sahen ihm zu, und da ein tüchtiger Esser, der Gottes guter Gabe Ehre antut, stets Behaglichkeit verbreitet, so sagte auch der Landgendarm Peter Gneis jetzt ganz friedlich: »Ja, mein lieber Herr Professor aus Berlin, gutes Herz hin und schwacher Kopf her, aber Dienst ist Dienst und keine Hühnerbrühe, und eine Mecklenburgische Gesindeordnung steht nicht bloß auf dem Papier. Sie reden ja jetzt viel im Landtag, daß sie abgeschafft werden soll, weil sie menschenunwürdig ist, aber bis sie abgeschafft ist, muß ein entlaufener Dienstbote seiner Herrschaft wieder zugeführt werden. Auf der Herrschaft Kosten, versteht sich. Und da wird es wohl verdammt nach Prügeln riechen, denn den Schliekers tut jeder Pfennig weh, den sie hergeben müssen.«

»Aber man kann den Jungen diesen rohen Leuten doch nicht einfach ausliefern!« rief der Professor und dachte nicht nur an den Jungen, sondern auch an ein Mädchen.

»Doch kann man«, sprach der Gendarm. »Man muß sogar! Man muß viele Dinge, von denen so ein feiner Herr wie Sie gar nichts weiß! Dienst ist Dienst, damit muß man sich eben abfinden. Aber«, sagte er, »das blaue Auge von dem Philipp Münzer da, das dürfen Sie mir nicht anrechnen, das ist mir schon in Fürstenberg übergeben und kommt vielleicht von Gransee und noch weiter her.«

»Aber man kann doch nicht ?!« rief der Professor noch einmal. »Man kann es doch nicht so weiter laufen lassen, wenn man weiß, wie bös es ist. Sie müssen mir doch helfen können, Herr Gendarm.«

»Ja, helfen ...«, sagte der Gendarm und hielt den Löffel auf dem Weg zum Mund an. Denn nun aßen sie alle schon, sachte war es Mittag geworden, und Frau Stillfritz aß mit. Bloß ihr Mann stand noch hinter der Theke und trank weiter sein Bier.

Eine Weile war es still, und nur der blöde Junge klapperte munter mit seinem Eßgeschirr weiter. Als aber die Stille anfing drückend zu werden, ließ sich Frau Stillfritz vernehmen. Und was sie zu sagen hatte, das sagte sie sehr energisch, ja, sie schalt beinahe: »Da sitzt ihr, als wenn es Hühner schneite, und keiner weiß was. Denn so klug ihr reden könnt, ihr Männer, wenn es nur ums Reden geht, so dumm seid ihr, wenn nun wirklich mal was geschehen soll. Und mein Stillfritz, der auch immer die höchsten Töne singt, weiß auch nichts Besseres, als sich ein Glas nach dem andern einzuschenken. Solltest lieber was essen, Stillfritz, aber natürlich hast du wieder mal keinen Appetit, weil du dir ständig den Magen mit all dem Bier verdirbst ...«

»Ach Auguste«, sagte Stillfritz jämmerlich und schüttelte sein Bierglas.

»Jawohl, ach Auguste, ach Auguste, das ist alles, was du mit deinem klugen Männerverstand weißt. Aber, Herr Professor, Sie mögen ein sehr gelehrter Herr sein ? davon, daß man aufsteht und ruft ?Man kann doch nicht!?, wird die Welt nicht anders. Und nun noch dem Peter Gneis die Last zuzuschieben, das ist nicht hübsch von Ihnen! Der Peter Gneis ist Gendarm und für den Bengel verantwortlich. Ihnen zu Gefallen, Herr Professor, kann er den Jungen doch nun wirklich nicht laufen lassen.«

»Aber das verlange ich ja gar nicht«, sagte der Professor sehr kläglich. »Ich meine nur, man müßte ...«

»Aha!« unterbrach ihn Frau Stillfritz triumphierend. »Da hören wir es ja wieder: man! Man ist gar nichts, Herr Professor, entschuldigen Sie bloß, sondern Sie ? Sie ? Sie sind der Mann an der Spitze! Sie finden es bös, und also müssen Sie auch hingehen zum Päule Schlieker und es mit ihm zurechtbringen. Andere schicken, aber selbst hinter dem warmen Ofen hocken ? ja, das glaube ich wohl!«

Und sie sah die Männer, einen nach dem anderen, funkelnd an, und dem Professor war unter ihrem Blick so schuldbewußt, viel schuldbewußter noch, als sie sich träumen ließ.

»Ich will ja auch gerne gehen!!« bat er.

»Na also«, antwortete sie, rasch versöhnt. »Man muß euch Männer nur immer wieder darauf stoßen, aber kräftig, daß ihr es auch begreift! Und meinen Stillfritz bringe ich auch noch mal in die Trinkerheilanstalt, wenn er gar nicht kapieren will, was ihm und unserm Hotel gut ist ...«

»Ach Auguste ...«

»Jawohl: ach Auguste ... Grade, ach Auguste! Aber wenn Sie mitgehen, Herr Professor, bleibt es nicht beim Bösesein, sondern kann gut werden. Es wird Sie was kosten, daß der Schlieker den Jungen aus dem Dienst läßt, aber der Peter Gneis soll Ihnen helfen, dafür hat er die Amtsgewalt, und auch darauf sehen, daß es nicht zu teuer wird ...«

»Tu ich, mach ich«, sagte der Gendarm. »Recht haben Sie, Frau Stillfritz!«

»Natürlich habe ich recht«, sagte Frau Stillfritz. »Wenn ich eine Suppe abschmecke, so schmeckt sie auch! Aber wenn der Junge losgekauft ist aus dem Dienst, Herr Professor, ist noch lange nicht alles zurecht. Denn wohin mit dem Jungen?«

»Ja, wohin?« fragte der Professor ganz hilflos.

»Wenn ich Sie mir so ansehe, Herr Professor, so kann ich mir Ihre Berliner Wohnung recht deutlich vorstellen, kein Stäubchen, und jeden Tag wird in allen Ecken gefegt. Und dazu der Junge, der Philipp Münzer, und vielleicht haben Sie auch noch so einen richtigen Hausdrachen ...«

»Nein, nein«, protestierte der Professor. »Eine sehr ordentliche, genaue Witfrau ...«

»Ich sage es ja«, sagte die Stillfritzen hochbefriedigt ? »also doch einen Hausdrachen! Lehren Sie mich die Weiber kennen, die alte Junggesellen betreuen! ? Zu Ihnen kann er also nicht. Aber bei uns ist der Hausdiener fort, und zur Bahn findet er schließlich doch hin in all seiner Düsigkeit und holt einen Koffer und bringt einen Koffer, und unsern Garten kann er uns auch umgraben, aber nicht so obenhin gekratzt, Junge, sondern ordentlich tief ...«

»Jau, Meestern!« ließ sich der Junge zum erstenmal vernehmen.

»Na also, sehen Sie, Herr Professor. ? Er fühlt schon wo er hingehört. Und nun läßt du endlich mal deinen dämlichen Bierhahn los, Stillfritz, und sagst dem Nachbar, er hat ne Fuhre nach Unsadel. Denn jetzt nach dem Essen den ganzen Weg laufen, das ist für den alten Herrn zu weit, und das Geld für die Fuhre bezahlt er gerne. Hinten ist noch Platz für den Jungen und Herrn Gneis, und so hat jeder seinen Vorteil, und nur die ollen Pferde müssen sehen, wo sie bleiben in dem Sand!«


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