Bockelson

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Fames

Do hebben sie gegetten allerlei beeste up dem lande und in dem water.

Gresbeck.

Zu Ostern, heuer schon im März, da schlägt, obwohl in Wesel der Brand so herb gelöscht worden ist, aus der glimmenden Asche die helle Flamme der Täuferei hoch, und endlich kommt es in Friesland zum Aufbruch der interventionsbereiten Täufergemeinden.

Diese rabiaten Scharen also besetzen zwischen Sneek und Bolswerden das stark befestigte Oldenkloster, vertreiben die Mönche, verwüsten das Kloster nach Herzenslust, schänden die Kirche in münsterischer Technik, werden aber dort von dem Statthalter Schenck von Tautenburg gestellt, belagert und in das Innere der Klosterkirche gedrängt.

Brandfackeln können in den festen Gewölben leider nicht zünden, der Schenck muß also ?zehen starck groß geschütz vor brengen? und für eine gehörige Belagerung des Nestes eilends den dritten Mann der bäuerlichen Bevölkerung aufbieten. Er kanoniert darauf los und setzt über die Schiffbrücke zum Angriff an und nimmt ?mit einem harten swaren sturm? nach eigenem Bericht unter herbem eigenen Verlust die Kirche und erstickt den ganzen Aufstand in Blut. Es ?bleven do an beden siden in somma tuschen 800 und 900 dooden?, wovon hundert Mann auf die Leute des Statthalters zu rechnen sind. Was an gefangenen Täufern die Kanonade überlebt hat, wird angesichts der empörenden Kirchenschändung bis auf zweiundsechzig Männer erbarmungslos niedergemacht. So daß außer den genannten zweiundsechzig Männern nur siebenzig Frauen und Kinder das Blutbad überleben.

Fast gleichzeitig aber versenkt der Herzog Karl von Geldern, ?catholicae religionis adiectissimus et sectariis infensissimus?, auf der Yssel nebst Weibern und Kindern drei Täuferschiffe, und damit sind die gefährlichen friesischen und holländischen Brandherde gründlich gelöscht, und die der Belagerung Münsters drohende Gefahr ist beseitigt.

Und für Bockelson ist damit die allerletzte Hoffnung auf ?Erlösung? geschwunden. ?Iss ist sake / dat to Paeschen die verloesunge nicht en kompt / so soyt my / als ick diesem selven boesewicht wil doin ... wenn zu Ostern die Erlösung nicht da ist, so tut mir, wie ich nun diesem Bösewicht hier tue.? Das hat im Winter unmittelbar vor der Hinrichtung irgendeines Delinquenten die Majestät von Münster selbst gesagt und hat damit ja wohl ein schwerwiegend Wort gesprochen und hat darauf allerhöchst eigenhändig den armen Sünder geköpft ...

Und nun ist Ostern ja wohl da, und es ist keine Erlösung gekommen, und da doch nun eigentlich und von Rechts wegen der König das Haupt auf den Block legen müßte, so zieht er sich, um über eine passende Ausrede nachzudenken, für einige Tage, wofern man Kerssenbroch glauben darf, aus der Öffentlichkeit zurück ...

Und kommt wieder ans Tageslicht mit der etwas überraschenden Erklärung, er habe natürlich die innere und seelische und nicht etwa die äußere, die kriegerische Erlösung gemeint, und die innere sei ja nun mit Gottes Hilfe da, und die äußere ... ja, die äußere müsse man freilich in Geduld erwarten, und schließlich werde auch die noch kommen.

Das ist ja nun für eine glanzvolle Prophezeiung ein etwas klägliches Ende, und was fangen wir Westfalen denn mit einer ?inneren und seelischen Erlösung? an, wenn uns doch von den Würsten und all dem Speck gesprochen wurde, die man den Bauern werde vor der Nase wegessen können?

Ach, in Münster ist nun weder von Speck noch von Würsten die Rede, und seit dem Ausgang des Winters leidet es nicht Mangel, sondern blanken Hunger. Im Winter schon ist wegen einer unrechtmäßig erbeuteten Pferdefleischration eine Frau geköpft worden und ein zehnjähriger Junge wird wegen eines simplen Gemüsediebstahls an eine der Domplatzeichen gehängt und, da der Strick reißt, kaltblütig zum zweitenmal aufgeknüpft.

Solch üble Dinge haben sich schon während des Winters ereignet. Nun aber, mit dem Frühling, da ist der Hunger, der wirkliche, der wütende Hunger über die Heilige Stadt gekommen, und zu Ende ists mit dem leckeren Rauchfleisch des Apostelmahles und zu Ende ist bis auf lächerliche Reste das Gerstenbrot und selbst das Pferdefleisch, und da ist es denn so gekommen, ?dat wief unde kinder begunten tho schrieen umb broit?. Die Diakonen kommen wieder und beschlagnahmen, was an kümmerlichen Resten noch in Bettladen und gar an noch weniger appetitlichen Orten versteckt ist ?und dat sie finden konden / dat moiste med gain / et wer vet ? Fett ? oder oli oder salt oder smalt. It konde so kleine nicht gesain / sie nament den lueden?.

Nur daß das eben Brocken sind und daß sie den schaurigen Todeskampf der Gottesstadt auch nicht wesentlich verlängern können. Im Winter schon, wie erinnerlich, hat man Hauslisten angelegt und rationiert, und nun im Frühling gibt man den Leuten in den Vorbefestigungen und Außenwerken und gar in den verlassenen Gärten der verschollenen Großbürger Gemüseparzellen, und die armen Leute, die dort fleißig graben und jäten, sehen sich dann bitterlich enttäuscht, als man ihnen auch diese kargen Gemüseerträge sofort beschlagnahmt. Ja, und so ist sie über Nacht wirklich gekommen, die große Not.

Der Bäcker backt nicht mehr, der Müller mahlt, genau wie in den Tagen des Weltkrieges, allenfalls nur noch ?schwarz? für die wenigen, die es zahlen können, und für sie wagen auch jetzt noch immer ein paar ganz Verwegene ihr Leben, um draußen auf den Dörfern zu hamstern und es zu den phantastischen Preisen des Schleichhandels in der Stadt abzusetzen.

Wer aber nichts hat, der schreit vor Hunger, und daß der König fleißig alles köpft, was bei diesen Zuständen aus der Stadt laufen will, und daß gar die Prädikanten mit dem lieben Rothmann an der Spitze es wagen, bei diesem Elend über den ?Bauchgott? zu zetern, dem Münster angeblich noch immer dient: das alles hilft nun wirklich nichts und macht das Los der Stadt von Tag zu Tag nur unerträglicher.

Es ist doch, bei Gott, nichts mehr zu teilen da! Es gibt nun kraft einer königlichen Verordnung ?Weizenherren? und ?Fettherren? und ?Salzfleischherren?, es gibt leider zu diesen Herren keinen Weizen und kein Fett und kein Salzfleisch, und im Frühjahr beträgt die für drei Wochen auf den Kopf der Bevölkerung berechnete Mehlration nur mehr einen einzigen Becher voll! Das also ist nicht mehr die Entbehrung, wie sie einem heldenhaften Volk wohl zugemutet werden kann ? dies ist das absolute Nichts und die Auslöschung des Lebens. Und wäre es noch so, daß es alle gleichmäßig träfe und daß gleichmäßig hoch und gering hungerten und daß, wie in jener verschollenen Oktobernacht, der König sich vor die gleiche Tafel setzte wie sein Volk ...

Es ist aber nicht so. Der König beschlagnahmt munter für die eigene Tafel, er stopft seine Kammern voll mit Vorräten für ein ganzes Jahr, er nimmt den Armen und sitzt mit seinen Tappedürs und mit seinem Hurenstall vor Schinken und Würsten, während in den baufälligen alten Häusern am Wall die ersten Todesfälle an Hunger verzeichnet werden. Hier enthüllt er sich, der geborene Bastard, hier nützen keine nachträglichen Hinweise auf seine ?Jugend? und auf seine ?hinreißende Beredsamkeit?. Hier ist er ganz und gar demaskiert, der geborene Unterweltler, der ja nicht der Getriebene, sondern der Treiber, nicht der passive Exponent, sondern der Nutznießer einer Zeitwende war. Zahllos sind die Bockelsondramen, immer wieder fließen Tränen um ?den armen jungen Mann, der ein Opfer seiner glänzenden Gaben wurde?. Um Milde und Menschengüte ist es gewiß ein schönes Ding. Die Zeiten aber des ?um jeden Preis alles Verstehens?, die sind ja wohl bis auf weiteres vorbei. Auch in der Geschichtsschreibung. ?

Während der König sichs gut gehen läßt, treibt in der Stadt der Hunger widrige Nahrung ein. Hätten wir es doch noch, das gute Pferdefleisch, das im Winter auf der Freibank verteilt und über das damals so gemurrt wurde! Nun nämlich, seit Ostern etwa, essen wir ?allerhand beester?, essen wir Mäuse, Ratten und Katzen, essen wir Igel, Hamster und die Ringelnattern aus der Aa, schlingen das alles, um ja nur den empörten Magen zu beruhigen, samt Fell und Bein und sind unendlich froh, wenn wir solche früher herb verachtete Speise uns verschaffen können ...

Denn je weiter der Sonne Bogen sich nun streckt und je höher sie klimmt in ihrer Jahresreise, desto wunderlicher, abscheulicher und viehischer wird unsere Nahrung. Als es Mai wird, gehen wir dazu über, von den Einbänden der Bücher, soweit der täuferische Zorn sie nicht verbrannt hat, die Lederrücken zu verschlingen, wir würgen auch, um nur irgend etwas in dem Gedärm zu haben, Stiefelleder herunter und sieden Suppen aus zerstückelten Riemen und richten sie an mit dem Fett geschmolzener Talgkerzen. Ja, gegen das Ende Zions, da wird es auf das Unausdenkliche hinauskommen und da werden wir Kuhfladen dörren und auf unseren Herden gar den aus den Abtritten bei der Aa geholten Menschenkot rösten. Bis unser armer Leib endlich revoltiert und wir uns in krampfhaftem Vomieren winden und, heulend vor Hunger, erkennen, daß wir arme Tiere geworden sind und daß der Begriff der Menschenwürde nur mehr aus weiter, weiter Ferne zu uns herüberleuchtet. Aus jenen sagenhaft gewordenen Bezirken nämlich, die jenseits der Wälle liegen. Und auch mit diesem Griff in die ?Profeien? an der Aa sind wir noch immer nicht angelangt bei unserer tiefsten Erniedrigung, und draußen bei den Belagerern und auch hier in der Stadt geht von Munde zu Munde ein abscheuliches Gerücht und will nicht verstummen und erscheint in den Zeitungen und in den Flugblättern, die draußen im Reich Kunde geben von unserem Reich Gottes ...

Das Gerücht, daß wir Menschenfleisch essen. Das Gerücht, daß wir auf dem Domplatz die Gerichteten aus der Erde holen, um mit unseren Zähnen ihr Fleisch von den zerbrochenen Knochen zu reißen. Das allerabscheulichste Gerücht gar, daß Eltern bei uns ihre Kinder töten und einpökeln und daß man bei einer Nachschau die abscheulichen Töpfe mit dem abscheulichen Inhalt finden werde ...

In der Stadt und bei den Landsknechten draußen, ja in ganz Europa spricht man davon. Die Auditeure und die Profossen des Bischofs merken sich das Gerücht, und später, wenn König, Statthalter und Propheten auf der Folter liegen, wird man sie peinlich nach der Wahrheit befragen, und beide, Knipperdolling und Bockelson, werden mit fast den gleichen Worten und mit einer seltsam berührenden Zurückhaltung aussagen ?sie wüßten nichts davon?.

Und wie stand es damit in Wirklichkeit? Die Landsknechte fahnden in der eroberten Stadt eifrig nach Beweisen, Gresbeck hat das Gerücht wohl gehört, hat aber mit eigenen Augen nichts gesehen. Es taucht gleichwohl auf bei fast allen Zeitgenossen, es taucht auf bei Corvinus und bei Lilie und in fast allen zeitgenössischen Flugblättern und Zeitungen, und jeder hat davon gehört und keiner hats mit eigenen Augen gesehen, und so mag sich das, was man der Allgemeinheit Münster nachsagte, auf einzelne verzweifelte Fälle beschränkt haben. Immerhin wollen wir feststellen, daß Kerssenbroch einen bestimmten Fall benennt. Den Fall nämlich der Ratsherrnfrau Menken, die ihre neugeborenen Drillinge einpökelte und aß. Und Kerssenbroch war als humanistischer Schulmeister immerhin zur Gewissenhaftigkeit erzogen und mag wohl gewußt haben, welche Verantwortung er sich mit der Benennung eines angesehenen Namens aufbürdete.

Das aber, was an unumstößlichen Tatsachen verzeichnet ist, das ist nachgerade genug. Der Hunger trocknet die Haut aus und färbt sie bleigrau, allenthalben treibt die minderwertige Nahrung Eiterbeulen. ?Das fell?, berichtet ein zeitgenössisches Flugblatt, ?hieng one fleysch lär / los unde geruntzelt über die bloße bein / das haubt stund nit anders / dann wie das krauthaubt auff dem stilen. Oren / wangen / lefzen / nasen waren durchsichtiger / dann ein papyr?, und der Frankfurter Justinian von Holtzhausen, der als Kriegskommissar die Belagerung mitmachte und Überläufer oft genug zu Gesicht bekam, berichtet, daß die aus der Stadt Kommenden ?weiß wie Leinentücher und mit geschwollenen Beinen und Bäuchen?, also mit allen Symptomen des Hungerödems ins Lager gelaufen seien. Kinder essen den Kalk, den sie in ihrem wütenden Hunger von der Wand gekratzt haben, und da Bockelson angekündigt hat, es würden die Steine zu Brot werden, so werfen sich Menschen, die einmal nüchterne und betriebsame Kaufleute und Handwerker waren, zu Boden und schnappen nach den Pflastersteinen und beginnen, da Stein leider Stein geblieben ist, bitterlich zu schluchzen.

Wer überhaupt noch gehen kann, schleppt sich auf Krücken fort, schon aber mehren sich die Fälle, wo Erwachsene auf der Straße tot zusammenbrechen. Der Schinderkarren fährt durch die Gassen und sammelt, genau wie in Pestzeiten, die Leichen auf, die Massengräber, in die man sie wirft, bleiben bis zur gänzlichen Füllung offen ? alles wie in Pestzeiten. In diesen letzten Monaten des Bockelsonschen Regimes vermindert sich die Einwohnerzahl der Stadt in schauerlicher Weise, und später, als Münster gefallen ist und die Vertriebenen zurückkehren, da finden sie das alte Nest nahezu leer vor, und Gresbeck behauptet gar, es hätten, freilich nach Abzug der bei der Einnahme Erschlagenen, nur sechs oder sieben Einwohner den Frühsommer überlebt. Nie wurde in deutschen Landen ein Totentanz so bis zum letzten Atemzug und so bis zur Schwelle des Narrenhauses getanzt.

Der Mann, der dies alles vor der Geschichte wird verantworten müssen, der sitzt in seinem wohlverproviantierten Palast, läßt sich von seinen gut genährten Trabanten bewachen, hält noch immer jeden Versuch einer offenen Rebellion mit des Schwertes Schärfe nieder und weist neuerdings einen Unterhändler, den Wirich von Dhaun schickt, mit dem Bescheide zurück, ?er wolle die Stadt halten, und wenn sie Dreck fressen müßten?. Was sie freilich ja schon tun und was vielleicht zu der Annahme berechtigt, es habe in seinem unbrechbaren Lebenswillen dieser fürchterliche Mensch noch immer und auch noch im Juni, als der Reichstag zu Worms Er trat am 4. April zusammen und war von fast allen Reichsständen beschickt. Er bewilligte für die Belagerung die nach damaligen Begriffen immerhin außerordentlich hohe Summe von hunderttausend Goldgulden und ihre Verteilung auf alle Reichsstände. Die Fürsten merkten es eben, daß Münster nicht eine wunderliche Sekte, sondern in den so gesichert scheinenden Tagen des Frühkapitalismus eine Bedrohung der ganzen damaligen Welt bedeutet. Bemerkenswerterweise hatte Kurbrandenburg den Reichstag nicht beschickt. Dies mit der Begründung: ?es sollten die drei beteiligten Kreise allein damit fertig werden?. die finanziellen Kräfte des ganzen deutschen Landes gegen Münster mobilisiert hatte, im stillen auf Ersatz und Sprengung des Belagerungsringes gehofft. In der Öffentlichkeit spricht er jedenfalls auch jetzt noch immer von der Erlösung, läuft auf den Wällen herum und ruft den dort wohnenden armen Leuten zu, es sei diese Erlösung nun wirklich schon ganz nahe. Was weniger auf die Verhungernden Eindruck macht, als eben auf die Belagerer, die ihn von draußen bemerken und ihm höhnend zurufen ?hei solde tho bedde gehn? ... die Majestät solle sich gefälligst schlafen legen. Aber in den Köpfen der Prädikanten spukt das Gerücht von der ?Erlösung? noch immer und sogar das von einem Auszug aus der Stadt will nicht verstummen. Wie es inzwischen in Bockelsons Hirn aussah, mag folgendes beweisen: Als er im Mai 1535 zur Wahrung eiserner Disziplin die Stadt in zwölf Unterbezirke teilt und jeden dieser Bezirke einem ?Herzog? unterstellt, da eröffnet er diesen ?Herzögen?, die de facto Handwerker, Krämer, verkommene Kleriker und verschollene Edelleute waren, er werde jeden von ihnen, da dem täuferischen Siege selbstverständlich die Vertreibung der jetzt noch regierenden Reichsfürsten folgen werde, beim Neubau des Reiches mit einem deutschen Lande belohnen. Und so verschenkt dieser Gewandschneider, großmütig wie er ist, das Herzogtum Sachsen an Johannes Dencker, Braunschweig an Bernhard thor Moer, Westfalen an Christian Kerkerinck, Jülich und Kleve an unseren alten Bekannten Redeker, Geldern und Utrecht an Johann Palck, das Bistum Köln aber an den Herzog Meier, der aus Ledde nach Münster gekommen und fraglos ein sehr braver Mann war Ihre Namen wechseln in den einzelnen Quellen und selbst bei den Augenzeugen, die ihre Ernennung selbst mit angesehen hatten. Fast scheint es, als habe die wachsende Panik einen raschen Wechsel der Herzöge, die ja zur Niederhaltung jedweder Rebellion bestellt waren, notwendig gemacht.. So verhielt es sich in jenen Tagen des aufziehenden Gewitters noch immer mit dem seltsamen Manne, der Bockelson hieß. Verschenkt werden in diesen Tagen, in denen doch sozusagen schon der Tod ans Fenster pocht, auch die übrigen Reichsländer: Kurmainz und das Bistum Osnabrück und Bremen und Hildesheim und Magdeburg und West- und Ostfriesland. Weiterhin regieren durfte nach diesem Plan nur das Haus Brabant in Hessen. Eben jener ?liebe Lips?, für den der Leydener Kneipenwirt nun einmal eine unbesiegbare, wenn ja auch nicht recht erwiderte Vorliebe bis zu seinem Ende bewahrte. Ja, so verhielt es sich mit diesem allerseltsamsten König, der jemals deutsche Menschen regiert hat.

Die Geschichte aber schiebt, wenn es erst auf das Ende einer Episode geht, vor das Ende mit Schrecken gern ein Satyrspiel und eine Groteske, und, just so, wie der große Napoleon zum Schluß seine Getreuen mit entwerteten Papieren dotiert, und just so, wie der einst Vergötterte, um dem Volkszorn zu entgehen, während der Fahrt nach Elba in Bedientenlivree auf den Kutschbock seiner Kalesche flüchtet, just so beginnt auch hier in dem sterbenden Münster kurz vor dem Ende noch eine tolle Jagd gespenstischer Schattenbilder, vor denen wir schaudernd stehen, wie vor den Fabelgestalten eines Konrad Witz oder denen eines Mathias Grünewald. Daß jetzt, wo kaum noch die Wälle besetzt werden können, die Straßen- und Tornamen geändert werden, haben wir schon gesehen, daß es gerade jetzt noch bei Strafe verboten wird, die verwüsteten Kirchen anders als ?Steinkulen? zu nennen, das alles mag als eine der vielen Täufer-Marotten hingehen. Während aber an alle diese ?Silber- und Goldtore? der Stadt schon eine knöcherne Faust pocht, da erwacht in dem Kneipenwirt von ehedem die Erinnerung an Leyden und an die Zeit, da in seiner Schenke ?Zur silbernen Lilie? den verbuhlten Paaren die Flöten und Lauten klangen, da erwacht die Erinnerung an den halb vergessenen Klub der Rhetoriker und an die eigenen Literatentage: die Majestät von Münster also läßt im Dom das Spiel vom armen Lazarus und vom reichen Manne aufführen ...

Im Dom, im verwüsteten Dom, durch dessen zerbrochene Fenster im Winter die Schneeböen heulten, im Dom mit den verwaisten Altären und den geschändeten Grüften und den leeren Reliquiarien ? in dem gleichen Dom, den seit einem Jahr die Menschen als Abtritt, die Hunde und die Ratten aber als Schauplatz für ihre unterschiedlichen Hochzeiten benutzt haben.

Dort also spielt man. Man spielt auf einem gardinenverhangenen Gerüst, man spielt zu den schwerfälligen Sarabanden der Blockflötenbläser, man spielt mit einer reichhaltigen Komparserie von Teufeln und Dämonen, die zum Schluß den reichen Mann holen: ja wie denn, du Harems- und Speisekammerbesitzer, bist du inmitten deines verhungernden Volkes nicht am Ende selbst dieser arme ?reiche Mann?? ?Tho dem lesten sind die duvels gekomen und hebbet den rieken man geholt mit lief und mit sel und holeten den rieken Mann achter die gardin? ... ja, aber wird es dir am Ende nicht ebenso gehen, daß die Teufel dich ?hinter die Gardine? zerren? ?Dair war ein groit lachen in dem doem und datselve spiel was den luiden ir gesadden und gebraten? ... Ersatz für Kochfleisch und Braten also, nachdem Se. Majestät ihnen Kochfleisch und Braten fortgenommen hat. Und da außer diesem Mysterienspiel nun auch das Satyrspiel der Geschichte begonnen hat, so gefällt es plötzlich dem König, den Darsteller des reichen Mannes frisch von der Bühne weg, angeblich wegen einer Vorbereitung zur Desertion, verhaften und in aller Eile im Domhof aufknüpfen zu lassen. Womit die Vorstellung füglich zu Ende ist. Wohlgemerkt nur diese, denn da die Staatsleitung durch derartige Schaustücke auch weiterhin die Öffentlichkeit von ihren Nahrungssorgen ablenken muß, wird der Dom sehr bald Schauplatz einer schlimmeren Clownerie. Es wird nämlich aus Brettern und Decken dortselbst ein Altar improvisiert und in Gegenwart des Königs, des Hofes, der gesamten Gemeinde zelebrieren hier Lakaien Se. Majestät eine Messe ...

Eine Messe wohlgemerkt auf unsere eigene, auf münstersche Art, da wir ja die alte, die heidnische der Papisten bei uns überwunden haben und unserer Gemeinde eben nur vor Augen führen wollen, was für eine pfäffische Narretei diese frühere Messe gewesen ist. Da also stehen sie, Hofnarr, Hausknecht und Schweinemetzger am Altar in ihren gestohlenen Meßgewändern, plärren in ihrer Weise den Introitus und das ?Gloria in Excelsis? und das ?Et in terra pax hominibus?, und dann dreht sich plötzlich einer von diesen Schweinepriestern um und entläßt von seinen Lippen statt der heiligen Gebete über die Häupter der Gemeinde hinweg einen Kotstrom von Unflätigkeiten. Hinterher aber opfern König, königliche Weiber nebst der ganzen Gemeinde am Altar tote Ratten, verfaulte Katzenköpfe, tote Mäuse und die Hufe von geschlachteten Pferden, und daneben steht, das Manipel um die Hand geschlungen, der zelebrierende Priester und läßt sich die Hände küssen. Beim Gewandheben ergibt es sich zum Gaudium der Anwesenden, daß er unter dem Meßkleid keine weitere Hülle trägt, sondern beim Altarkuß den bloßen Hintern der Gemeinde entgegenstreckt, und um das Maß des blasphemischen Wahnsinns vollzumachen, beginnt man, sich mit den am Altar geopferten Katzenfellen und Rattenköpfen zu bewerfen, beschüttet fingerdick mit Zucker die Katzen- und die Mäusekadaver und frißt sie an Ort und Stelle auf. Zum Schluß predigt Herr Rothmann über die Bedeutung dieser Spottmesse, und dann beendet unter den Klängen der königlichen Hofkapelle ein Schwertertanz der Trabanten die Orgie. So steht es gegen das Ende zu damals, in Münster. Als der Bürger Klas Northorn, der es vor Hunger in der Stadt nicht weiterhin aushalten kann, wegen seiner Desertionsabsichten vom König geköpft und hinterher in zwölf Teile zerhackt wird, da reißen die gierig Herumstehenden dem Leichnam sofort Herz und Leber aus, um es zu Hause zu braten und zu fressen. Und eines Tages erscheint gar vor dem König selbst ein vom Bischof übergelaufener und durch den Hunger ganz närrisch gewordener Artillerist und schreit ihn an: ?Her Koningk, ick moet vretten? und fletscht in seinem wahnsinnigen Hunger die Zähne ?und stalte sick an / wie hei den Koningk freten wolde? ... ja genau so, als wollte er die Majestät von Münster selbst anbeißen. ?Up dat leste mochte er widder gein / als hei kommen was. Hei en konde ock von dem Koningk nicht tho etten kreigen?, bemerkt treuherzig Meister Gresbeck. So weit ist es nun mit Münster, das einst eine wohlhabende und behäbige Stadt war.

Es ist schließlich so weit, daß die Straßen voll sind vom Gebrüll der Verzweifelnden, daß der Hunger selbst die Begeisterung für die Vielweiberei abtötet und daß in den allerletzten Tagen sogar der König mit Ausnahme Divaras seine Weiber entläßt. ?So begonde wol der Koningk und die so viel frowen hedden / moede tho werden mit den schoenen frowen unde die werlt tho vermeren mit inen. Ein deil wiederdoepers hedde wol ein stuck brodes genommen für eine frowe / der it inen geboden hedde.? Nur daß es eben einen solchen Mann, der für eines der ausgemergelten Wiedertäuferweiber eine solche Kostbarkeit wie ein Stück Brot geboten hätte, in Münster nicht mehr gab. Ja, so weit ist es mit uns gekommen.

Es ist nun so weit, daß es weiter nicht mehr geht. Der König fühlt ringsum den Widerspruch wachsen, er weiß, daß auf die Dauer auch der Terror nicht mehr helfen wird. Der König hat, um die Leute nur zu beschäftigen, vor allen Toren der Stadt Erdlünetten anlegen lassen, er hat auch, weil die Hände zu wenig und die Münder allzuviel zu tun haben, neulich gar den Abbruch der Jakobikirche angeordnet und sieht sich schließlich gezwungen, den jämmerlichen Proviantetat der Stadt von den überflüssigen Essern zu befreien ...

Der König kündigt, seinen früheren Prinzipien entgegen, an, daß, wer da ?Urlaub? wolle, mit solchem Urlaub die Stadt verlassen dürfe ... wer also hinaus will, braucht sich nur binnen acht Tagen für freies Geleit im Rathaus zu melden.

Und so kommen sie denn, die Verhungerten und Verzweifelten, kommen mit entfleischten Gesichtern und schleppen sich mühselig über die Rathaustreppen, wissen, da man sie doch schließlich auch ohne Rathausgang aus den Toren hätte lassen können, nur eben nicht recht, was sie hier eigentlich noch bei den Rathausschreibern sollen ...

Es hat aber gerade damit seine eigene Bewandtnis, ?und so froe / als sie urlof begerten / konden sie nicht wedder tho huiss gain?. Daß nämlich ihr, die ein königliches Dekret ?verstossen an Leib und Seele? nennt ... daß ihr uns verlaßt, kann uns nur recht sein, wie aber könnt ihr eigentlich erwarten, daß wir euch ziehen lassen samt der Habe, die ihr doch hier in all den langen Jahren in Münster erworben habt?

Und nahezu bis aufs Hemd plündert man die Verzweifelten aus, beschlagnahmt zunächst alles, was sie mit sich tragen, beschlagnahmt, wie gesagt, den größten Teil ihrer Kleider, beschlagnahmt dann ihre daheimgelassene Habe und schließlich auch ihre Häuser und das sonstige unbewegliche Gut. So schleppen sie sich denn, um Gnade schreiend und weiße Tücher schwenkend, auf die feindlichen Linien zu, wo zunächst einmal sämtliche Männer von den Landsknechten erschlagen werden. Den Frauen wird das Letzte genommen, was sie jetzt, nach der Ausplünderung durch die Stadt, noch besitzen, sie werden im übrigen, wohl aus naheliegenden Gründen, am Leben gelassen und fristen fortan bis zur Einnahme der Stadt im Königreich, wie man etwas euphemistisch das ?Niemandsland? zwischen den beiderseitigen Linien nennt! ? ein gespenstisches Leben. Nachts hört man aus diesem Niemandsland ein klägliches, ein tierisches Heulen, das von diesen verzweifelten Weibern kommt, und morgens im Frühnebel sehen die bischöflichen Posten vor den Schanzen diese zerlumpten Gestalten, wie sie in diesem ?Königreich? genannten Hades umherirren, auf allen vieren kriechen und Gras fressen. Da sie in ihren geschwächten Eingeweiden auch diese grobe Kost nicht behalten können, kriechen sie, lederüberzogene Skelette, vor die Brustwehren, und betteln ? ?begern / daß man sie darfür tot schlage / wollen vil lieber sterben / den wieder in die stat gen? berichtet unter dem 13. Mai Wirich von Dhaun an den Landgrafen von Hessen. die Soldaten an, die ihnen dann hin und wieder eine Brotrinde herabwerfen. Worüber sie dann wie eine ausgehungerte und gänzlich verwilderte Hundemeute herfallen. Das also ist aus Menschen geworden, die vor zwei Jahren noch, zufrieden oder nicht, doch wenigstens noch ein Dach über dem Kopf und ein Kleid für ihre Blöße und Brot für ihren Tisch hatten. ?Datselve?, stellt Gresbeck fest, ?ist irst alles hergekommen von demselven paffen Rothmann.? Von dem gleichen Rothmann, mit dem seine bodenlose pastorale Eitelkeit durchgegangen ist und den die allzu verständnisvollen Betrachter des XIX. Jahrhunderts ?den jungen feurigen Prediger Zions? zu nennen beliebten.

Münster ist nun zwar eine Menge unnützer Esser los, Münster treibt deswegen doch unaufhaltsam dem schrecklichen Ende zu. Jetzt freilich ist der Belagerungsring hermetisch dicht geworden, jetzt durchdringen ihn weder Hamsterer noch Apostel, und selbst die paar armseligen Kühe, die man noch nicht geschlachtet hat und die mangels anderer Nahrung auf den Wiesen des Königreiches weiden, werden von den erbarmungslosen Belagerern immer wieder zurückgescheucht. Wohl wird innen noch immer mit dem Terror regiert und ? mehr denn je und gerade auf das Ende zu durch den König selbst! ? hingerichtet. Trotzdem ist es zu Ende mit der alten grimmigen Kampfesstimmung des Vorjahres, und müde sind nun selbst die Terroristen, und Leben und Tod sind ihren Opfern unendlich gleichgültige Dinge geworden. Die Psychose verflattert, hinter den zerreißenden Schleiern des Massenwahns leuchtet von fern wieder so etwas wie der Sinn für Maß und Ziel aller menschlichen Dinge. Wenn es erst so weit ist, hilft kein Terror mehr, wenn es so weit ist, kommt der Thermidor oder, wie hier, die Johannisnacht.

Noch hat man die Wahl dieser Herzöge, die Palck und Kock und Meier und Katerberg heißen, feierlich begangen, der König hat, genau wie später die Könige von Preußen es mit den neuernannten Schwarzadlerrittern tun, den Neuerwählten die ?Accollade? ... die Umarmung nebst Wangenkuß gewährt, mit denen die Fürsten des anhebenden Barock die Nächsten am Thron auszuzeichnen pflegen ... man hat hinterher auch, inmitten aller Hungersnot, ausgiebig geschmaust. Aber die Lichter an dieser Festtafel mögen wohl ein wenig trüb gebrannt haben, es mag in die Ciaconnen und Sarabanden der Kapelle hinein allzu oft von draußen, von den Verhungernden her, ein Todesschrei geklungen sein.

Zu Ende geht das Spiel. Auf der Parade nach dieser Wahl hält der König wohl noch eine zündende Ansprache und meint, es möge getrost von ihm weichen, wer nicht bleiben wolle und ?got werde syn huepeken ? Häuflein ? nicht verlaten?, nötigenfalls werde er allein die Stadt halten. Und wirklich findet sich keiner, der neuerdings ?Urlaub? nimmt und geht. In der Stadt aber murrt man desto lauter über das Mahl und über die güldenen Amtsketten und die kostbaren ?engelloten und rosennoblen?, die der König den Herzögen als Zeichen ihrer Amtswürde verliehen hat ... haben wir denn unser Edelmetall seinerzeit dazu abgeliefert, daß diese papiernen Herzöge sich nun damit schmücken? Man murrt nun so laut, daß schließlich die Herzöge ihre Ketten und Medaillen nicht mehr anzulegen wagen, ja, es kommt gar so weit, daß selbst der König es für richtiger befindet, die berühmte Goldkette mit der goldenen, von Schwertern durchbohrten Weltkugel zu Hause zu lassen. Da aber auch der Mensch, gar wenn er in Massen auftritt, ein unkonsequentes und in Zeiten der Panik höchst unvernünftiges und mitunter kindisches Wesen ist, so murrt Münster, das eben doch noch über das Tragen des Geschmeides geraunzt, neuerdings wieder über das Fehlen all dieser Herrlichkeiten und sieht in diesem Fehlen nur ein Zeichen des gesunkenen Mutes und der mangelnden Zuversicht. Es kommt so weit, daß der König selbst die Leute auf der Straße zurechtweisen muß. Er kenne das Gerede, trage die Kette oder trage sie nicht, ganz nach seinem Belieben. Wolle keinen von ihnen um Erlaubnis fragen, sei ja von Gott und von keinem anderen zum König gemacht worden ...

Sagt Bockelson und trägt fortan wieder seine schöne goldene Kette. Rothmann hat die nämliche Menge bei der letzten Parade gefragt, ob sie denn nun auch wirklich jetzt, wo die Stunde der letzten Prüfung gekommen sei, um Gottes willen alles, Hunger und Kummer und Tod, leiden wolle, und noch damals, in den ersten Maitagen, hat die Menge nach altem deutschem Schwurzeremoniell stumm und feierlich über sich die Hand gehoben. Ihr Schwung ist trotzdem gebrochen, die Augusttage des heldenmütigen Widerstandes liegen nun lange hinter uns. Desertion und Sterben haben die Zahl der Wehrhaften so gelichtet, daß ? was der Gegner zur Stunde noch gar nicht weiß ? schon im Mai große Strecken des Walles unbesetzt bleiben, und da die Sicherheit der draußen im ?Königreich? weidenden Kuhherden nun weit wichtiger ist als alles andere, so sieht man, da für solch Amt es an zuverlässigen Leuten scheinbar fehlt, anfangs Juni die Herren Herzöge, wie sie, die präsumtiven Thronfolger zu Sachsen und Braunschweig und Kurmainz, in ihren Herzoghüten und samt ihren Amtsketten und Rosennoblen das Vieh hüten. Niemand rennt mehr mit Bußegeschrei und göttlichen Visionen durch die vergrasten und verödeten Straßen, kein Knipperdolling tanzt mehr vor dem königlichen Stuhl, der, seiner Teppiche und Purpurdecken beraubt, nun verwaist auf dem Markt steht ? selbst der liebe Rothmann, der doch sonst die gepflegte Pastorenstimme nicht oft genug hören konnte, hält in Gottes Namen endlich den Mund. Münster verstummt, Münster klingt nun hohl wie ein leeres Faß. Das Königreich ist sozusagen eine abgegessene und wüste und versudelte Tafel, an der in Abwesenheit der Herren die Lakaien sich toll und voll gesoffen haben, und nun, wo sie bei heruntergebrannten Lichtern kleinlaut herumsitzen, nun kommt ja wohl bald die Stunde, wo der Herr heimkehrt und Gericht hält! ?Up dat leste?, sagt Gresbeck, der nun selbst die Stadt verlassen wird, ?up dat leste hedden sie wol gnade begert / hedden sie gnade krigen kont. Aver do was die gnadentür to.? Nur der König äußert jetzt des öfteren, er werde ?nie und nimmer einen Menschen um Gnade bitten?. Was freilich sich als leichter gesagt denn getan erweisen wird. Auch in diesem Falle.

Seltsam still wird es nun um ihn. Noch immer blitzt, da Verrat und Widerspruch bei steigender Not sich mehren, verzweifelt oft und häufiger denn je das Richtschwert, und passionierter denn je handhabt es in seinen letzten Königswochen dieser Vater aller Todsünde. Der Fähnrich Johann von Jülich und der Wehrmann Heinrich Randau planen Abfall und Desertion und büßen mit dem Tode, des Verräters Heinrich Graes in Münster verbliebenes Eheweib kommt seltsamerweise erst jetzt an die Reihe. Klaus Northorn, der ja ebenfalls mit dem Feinde konspiriert hat und dessen Herz und Leber die hungrigen Münsterer hinterher verspeisen, brüllt noch angesichts des Todesblockes den königlichen Scharfrichter an und nennt ihn einen ?verzweifelten Bluthund? und fragt ihn gar, wer ihn eigentlich zum König erwählt habe, und fragt ihn auch, was viel peinlicher ist, wo denn nun eigentlich die zu Ostern so fest versprochene Erlösung sei, und fordert ihn zum Jüngsten Tage vor Gottes Richterstuhl ...

Worauf der König höhnisch den Delinquenten fragt, ob ?er vielleicht so lange warten wolle?. Und ihm lege artis den Kopf abschlägt.

Bürgerfrauen, die ihren Schmuck zurückbehalten haben oder ihren Ehemann im Zwist bedrohten, folgen in diesem letzten Todesreigen ebenso wie königliche Trabanten, die nun ebenfalls mit dem Feinde verhandelt haben und ihm die unersetzlichen Kuhherden zutreiben wollten oder mit königlichen Schmuckstücken zu entweichen suchten. Nikolaus Snider hat dem Feinde einen Brief geschrieben, der Gerber Floer will ohne königlichen Urlaub entfliehen, Alexander von dem Bussche, Lakai im Königsharem, will ebenfalls entwischen, nachdem er zuvor gesagt, ?es sei des Königs Lehre ja doch nur eitel Betrug?. Sie alle fallen durch des Königs Hand, und in dem ersten und zweiten Junidrittel, also noch ganz kurz vor dem Höllensturz, ist fast jeder Tag ? und mancher sogar doppelt! ? mit einer Hinrichtung besetzt ...

Nicht zu vergessen jener schon im Mai an der königlichen Kebse Elisabeth Wantscherer wegen grober Unbotmäßigkeit vollzogenen Justifikation, bei der alle anderen ?Königinnen? zusehen müssen und bei Todesstrafe nicht die Augen schließen dürfen, und es gefällt Se. Majestät, die einstige Bettgenossin vor dem Tode noch einmal ?eine Hure? zu nennen und hinterher, nachdem durch zwei Streiche das Haupt gefallen ist, auf dem kopflosen Rumpf gründlich mit den königlichen Füßen herumzutrampeln, worauf denn im allerhöchsten Diskant, wie ihn am Ende die Angst eingegeben haben mag, die königlichen Damen als passendstes Lied für diese passende Gelegenheit ?Allein Gott in der Höh sei Ehr? anstimmen.

Dies also ist das Finale des wunderlichen, vom Satan selbst gekrönten Königs, der da Bockelson heißt. Zu guter Letzt scheint ihn die Fülle der Toten, die seit dem Beginn seines Regimes im Boden der Stadt eingegraben sind, geschreckt zu haben, und noch in den letzten Tagen seiner Regierung ordnet er an, man möge sie hinfort vor den Toren einscharren. Der Domplatz mag auch seit einem Jahr, seit dort der Schmied Rüscher und samt seinen Genossen der Büchsenmeister Mollenhecke versunken ist, allzuviel unterirdische Anwohner gehabt haben.

Täuscht nicht alles, so hat dieser Bockelson, ausgestattet mit einer schier unbändigen Lebenskraft, auf einen Entsatz der Stadt, der seit Aprilbeginn doch wirklich ein Ding der Unmöglichkeit war, bis zu seinem letzten Tag gehofft. Und erst ganz zum Schluß, als rings um ihn das einst so lebendige Gottesreich in Apathie versunken ist und am Himmel allenthalben die feurigen Zeichen des Unterganges stehen, da sieht Gresbeck ihn des öfteren sitzen und das Haupt in die Hand stützen und vor sich hinstarren.

?Want hei merkede wol / wat dair noch up dat leste af werden wol / dat et ein boess ende wolte hebben.?

Und keiner freilich nimmt ein böseres Ende als der, den man nur gefürchtet und niemals geliebt hat.

Dies irae

Ach Knipperdollinck / Knipperdollinck / wat ein rare dantz hebbe gy gehalten.

Chronik.

Die nun sechzehn Monate währende Belagerung von Münster hat um die Stirn des Feldherrn keinen Ruhmeskranz gewunden. Zweimal rennt er im Sommer 1534 mit einer dem Verteidiger gut und gern drei- bis vierfach überlegenen Macht an gegen Wälle, deren artilleristische Abwehr bei dem notorischen Munitionsmangel der Stadt nicht übermäßig stark gewesen sein kann, und beide Male ist der Erfolg für den Stürmenden schweres Schädelweh. Um die Stadt aber zu zernieren, muß er um Münster sozusagen eine zweite Festung bauen, und auch so braucht er volle zwölf Monate, um eine halbwegs wirksame Blockade zustande zu bringen.

Und wie steht es nun, im sechzehnten Monate dieses Spieles? Trotz aller zwischen Lager und Stadt hin und her pendelnden Überläufer und Zwischenträger muß gerade in diesen letzten Wochen der Nachrichtendienst, da jede der beiden Parteien im Dunkeln tappt, miserabel gewesen sein. Es ist ein seltsames Bild. Wirich von Dhaun, der nun auf dem Wormser Reichstag als Kaiserlicher Feldhauptmann vor Münster in aller Form bestätigt worden ist, weiß nicht, wie schwach die Stadt schon ist, Bockelson seinerseits ahnt nicht, welch gewaltige Kräfte sich gegen ihn zusammengeballt haben. Es ist richtig, daß seit dem Mai die Landsknechte sorglos bis dicht unter die Bastionen plänkeln, es ist aber auch richtig, daß gerade in dieser Zeit ihre Offiziere beschwert sind durch den Gedanken an einen großen Ausfall, den diese rabiaten Täufer nun nach völliger Einäscherung ihrer Stadt angeblich unternehmen wollen. Bockelson erbleicht, als er durch einen Parlamentär vom Wormser Reichstag hört und daß nun die gesamte wirtschaftliche Macht des gesamten Reiches gegen ihn aufgeboten sei. Gerade aber um die gleiche Zeit, zehn Tage vor dem Falle der Stadt, schreibt der uns schon bekanntgewordene und bislang doch recht optimistisch gestimmte Justinian von Holtzhausen, es werde diese ruhmreiche Belagerung wohl noch über den Sommer hinaus andauern, ?woho nicht anderst verretei uns helffe?. Es wäre ohne diese dann ja auch tatsächlich erfolgte Verräterei nicht abzusehen gewesen, wie lange dieses Ringen, das nach dem gleichen Holtzhausen bislang mit sechstausend Menschenleben bezahlt worden war, noch hätte andauern sollen.

Was nun den Landsknecht mit dem Gangsternamen Hänsgen von der Langestrate angeht, so ist er ein unzuverlässiger Patron und ein Windkutscher, der, im Jahre 1534 von den Bischöflichen zur Stadt übergelaufen, dortselbst königlicher Trabant wurde, nun aber, bei einsetzendem Hunger, den Aufenthalt in der Stadt als ungemütlich empfindet und zum zweiten Male und dieses Mal aus Münster wieder zu den Belagerern desertiert, die natürlich auf ihn keineswegs gut zu sprechen sind.

Das ist Hänsgen von der Langestrate. Was aber Heinrich Gresbeck, unseren biederen Münsterer Tischlermeister Gresbeck, betrifft, so haben wir hier wohl oft genug die treuherzigen Worte gehört, mit denen er nach dem Niederbruch des Bockelsonschen Königreiches die Geschichte dieses seltsamen Thrones beschrieben hat ... wir haben nur eben allerlei aus der Vorgeschichte des Chronisten nachzutragen.

Der Mann, offenbar Hintersasse eines westfälischen Landgeschlechtes, ist anfangs 1534 in Geschäften nach Münster und somit mitten hinein in die ausbrechenden Unruhen gekommen, ist keineswegs mit den vertriebenen Altgläubigen ausgewandert, sondern ist hübsch dageblieben und hat geheiratet und hat sich taufen lassen, um nicht mit der Staatsgewalt in Konflikt zu kommen.

Und schreibt nun, da er für Münster das Ende mit Schrecken kommen sieht, an seinen alten Patrimonialherrn, den er drüben bei den Belagerern weiß, einen Brief, in dem er sehr kleinlaut im voraus um Gnade bittet. Das ist Heinrich Gresbeck. Wendiger, als die monumentalen Worte seiner Chronik vermuten lassen, schreibt er, der zurzeit ja noch königlich Bockelsonscher Wehrmann ist, an ?syne leven jonckere?, daß er seinen Posten gegenüber dem kleveschen Wachthaus beim Kreuztor habe, daß man ihn aber dort beileibe nicht bei seinem richtigen Namen ? denn er wohnte in Münster offensichtlich unter falschem! ? anrufen sollte ...

Das schreibt er und bereitet mit diesem wohl schon im April verfaßten Brief den Verrat vor, dem in der Johannisnacht die Stadt endlich zum Opfer fallen sollte. Am 23. Mai laufen fünf Mann, unter ihnen Gresbeck, Hänsgen von der Langestrate und ein Mann namens Sobbe, über, werden von den Schanzen aus trotz der Dunkelheit bemerkt, verlieren zunächst, da ja allen männlichen Überläufern der Tod geschworen ist, unterwegs und mitten im ?Königreich? den Mut und trennen sich. Mit einem Gefährten kriecht Hänsgen von der Langestrate geradeaus, Gresbeck will nach dem schon in seinem Brief erwähnten geldrischen Blockhaus, verirrt sich aber und liegt plötzlich im Graben dicht unter den Vorwerken des Bischofs. Seitwärts, wo Hänsgen von der Langestrate auf die Linien des Belagerers gestoßen ist, werden ein paar im Vorgelände weidende Pferde scheu, dort dröhnen schon die Alarmtrommeln. Hier aber in seinem Graben sitzt Gresbeck, sieht dicht über sich ein paar Soldaten, die ihn vorerst noch nicht bemerkt haben, hält sich mäuschenstill und weiß, daß er nicht mehr in die Stadt zurück kann, weiß aber auch, daß der Tod ihm hier, bei ?syn leve jonckere?, fast ebenso gewiß ist und ?was levendigh un doit? ... ist also in einem Zustand, in dem er vor Angst sozusagen nicht leben und nicht sterben kann. Da das aber nicht in alle Ewigkeit so weitergehen kann mit Heinrich Gresbeck, faßt er sich ein Herz, klettert aus seinem Graben und geht auf sein geldrisches Blockhaus zu.

Von der Stadt aus ist er im Frühlicht bemerkt und erkannt worden, und von den Wällen aus, genau so wie sie im Vorjahr dem Überläufer Ramert getan, rufen ihm die münsterischen Posten zu, er solle sofort zurückkommen ? hüben tun die Landsknechte, die ihn nun auch sehen, das gleiche. Gresbeck zieht es natürlich vor, seinen Marsch zu den Landsknechten fortzusetzen, erlebt es zitternd, daß man eine Büchse auf ihn richtet und ihn zunächst durch und durch schießen will, und ist dabei ?so bestorven / dat hei half doit was unde wiste nicht / wat hei sagen solde?. Inzwischen erzählt er den Leuten, er sei selbst, einmal ein Landsknecht gewesen, und wirklich schenkt man ihm, nachdem man ihn zunächst bis aufs Hemd ausgeplündert hat, das Leben, ?da er ja noch jung sei?. Spediert ihn über Graben und Dornverhau des Forts und bringt ihn zum Kommandanten.

Der fährt ihn zunächst ziemlich bärbeißig an, läßt aber dem Verhungerten Essen und Trinken vorsetzen, und während die Leute belustigt zusehen, stillt er seinen Wolfshunger und bittet dann für seine abhanden gekommenen Kameraden, die zur Stunde ja noch irgendwo im ?Königreich? stecken müssen. Als freilich der in diesem Lager übel verschriene Name ?Hänsgen von der Langestrate? fällt, droht man, man werde das ?Hänsgen?, sollte man es erwischen, stante pede in Stücke hauen, sucht aber den alten routinierten Überläufer vergeblich, weil der inzwischen sich durch die Linien geschlichen hat und erst später in Hamm wieder auftaucht. Die übrigen Leute, die man erwischt, läßt man ebenso wie Gresbeck am Leben.

Inzwischen kommen zwei höhere Offiziere, die scheinbar von dem Eintreffen eines Überläufers gehört haben, vor das Blockhaus geritten, verhören den Mann ausgiebig, lassen ihn vor das Oberkommando und den Bischof bringen, wo Graf Robert Manderscheid, der vielleicht mit Gresbecks Patrimonialherrn identisch ist, ein gut Wort für ihn einlegt. Und bei dem nun folgenden Verhör packt der Meister gründlich aus: eingehend schildert er den Zustand der Befestigungen und den mangelhaften Wachtdienst, stellt die Einnahme der Stadt als eine Kleinigkeit dar und ist so, wie er stolz feststellt, ?der aller irst gewesen / der den hern den anschlagh heft gegeven / die stat Monster tho winnen?.

Während seiner Vernehmung hat es im ?Königreich? ein Gefecht mit ausfallenden Täufern gegeben, er wird mit den Gefangenen, die man dieses Mal ausnahmsweise lebend angenommen hat, nach Wolbeck gebracht, wo man ihn zunächst in ziemlich strenger Haft hält und wo er zur Orientierung der Offiziere aus Erde ein vollständiges Modell der Befestigungen herstellt und nochmals erläutert. Einmal wird er nachts vor die Stadt geholt, muß in Gegenwart mehrerer höherer Offiziere sich an die städtischen Vorwerke heranschleichen, über den Graben schwimmen und probeweise, während vom andern Ufer die Herren zuschauen, den Wall erklettern ...

Was für einen Überläufer sicherlich keine angenehme Aufgabe war, was aber bei der seit dem Frühling notorisch schlechten Besetzung des Walles anstandslos gelingt, ohne daß drüben ein Posten Lärm schlägt oder gar, was fraglos für Meister Gresbeck sehr dunkle Folgen gehabt hätte, den Überläufer an den Kragen faßt und in die Stadt zurückholt. Als er dann wieder auf der bischöflichen Seite des Grabens ist, sagt er den Herren, man hätte nun ja wohl, wäre man an dieser Stelle in entsprechender Kriegsstärke versammelt gewesen, die Stadt ohne weiteres nehmen können. Was die Herren denn auch einsehen müssen und was Gresbecks Schicksal entscheidet: er hatte bei seinen Vernehmungen über die tatsächliche Schwäche der Stadt Dinge erzählt, die den bischöflichen Offizieren nachgerade wie Räubergeschichten geklungen haben mögen, und er wäre als zweifelhafter Aufschneider fraglos geköpft worden, wenn das eben geschilderte Experiment anders ausgegangen wäre.

Nun aber ist es geglückt, und fortan wird er nicht mehr geschlossen verwahrt, sondern genießt nun allerhand Freiheiten und wird nach Bevergern gebracht, wo er zu seiner Überraschung das schon tot geglaubte Hänsgen von der Langestrate wiederfindet.

Der scheint, wenn die über sein Schicksal vorliegenden Nachrichten nicht täuschen, zunächst nach Hamm entwischt zu sein Alle fünf Überläufer kamen mit dem Leben davon. Die günstigen Resultate der Vernehmung scheinen auch den übrigen das Leben gerettet zu haben., hat dort dem Hauptmann Meinhard seinerseits die üble Lage der Stadt geschildert und ist dann vermutlich, genau wie Gresbeck, zunächst ?auf Probe? begnadigt worden: Du behältst das Leben, wenn das, was du sagst, sich als wahr erweist, und du verlierst den Kopf, wenn du, was sich ja bald klären wird, uns angelogen hast. So ungefähr. Und später, nach dem Falle von Münster, wird Hänsgen von der Langestrate über fünfzig Emdener Gulden quittieren, die er für seine Dienste inzwischen erhalten hat.

In jedem Falle tagt hier in Bevergern in Gegenwart der beiden Überläufer ein höchst wichtiger Kriegsrat, in dem man eifrig über eine Überrumpelung der Stadt diskutiert. Denn trotz all dieser Nachrichten sind die Herren unsicher. Gerüchte über eine Absetzung des Königs, eingeschleppt durch eine Überläuferin, zirkulieren im Lager und werden dementiert, da es sich herausstellt, daß der König nicht dem Thron entsagt, sondern nur Bernhard Krechting zu seinem Leutnant ernannt habe ... Krechting, der nach Gresbeck beim König ?im korve saß?, also enfant gâté war. Das alles, zusammen mit den noch immer umgehenden Ausfallsgerüchten und dem aus der Stadt nun des öfteren herüberschallenden Sturmläuten macht die Herren nervös. Jedem von ihnen liegt noch immer schwer die Erinnerung an die beiden ersten mißglückten Stürme auf der Seele, der klevische Kommissar vor allem und selbst Wirich von Dhaun widerraten heftig einer übereilten Unternehmung, und nicht zuletzt wird immer wieder auf die Möglichkeit hingewiesen, daß die beiden Überläufer und ganz besonders das im bischöflichen Lager ja nicht eben gut angeschriebene ?Hänsgen von der Langestrate? den Belagerern eine Falle stellen könnten.

Gleichwohl wird schließlich der Sturm für die Johannisnacht endgültig festgesetzt. Es werden sofort Bauern für die Vorarbeiten aufgeboten, in Goerde werden nach den Anweisungen der beiden Überläufer Sturmleitern und zwei transportable Grabenbrücken hergestellt, ein strenger Lagerbefehl verbietet, in schmerzlicher Erinnerung an die beim vorjährigen Pfingststurm gesammelten trüben Erfahrungen, allen Marketendern den Ausschank von Alkohol in jedweder Form, ?up dat die lantzknecht sick nicht solden druncken drincken?.

Noch einmal fordert am 22. Juni Wirich von Dhaun die Übergabe der Stadt, der dieses Mal freilich nur bei Auslieferung der Rädelsführer Straffreiheit zugesichert wird ? noch einmal gibt Münster durch Rothmann einen abschlägigen Bescheid, bei dem es wieder einmal ohne Beleidigung des Kaisers, des Reiches und der Fürsten nicht abgeht. Am Vorabend der Sturmnacht aber bricht ein gewaltiges Donnerwetter mit Hagelböen und Sturm vom Himmel, übertönt alle Geräusche der Vorbereitungen, hinterläßt eine pechschwarze und neblige Nacht und begünstigt auf diese Weise das, was nun vor den Bastionen von Kreuz- und Judefelder Tor sich anspinnt. Drüben auf den Wällen sind die spärlichen Täufer, die noch zur Besetzung der Wachen zur Verfügung stehen, durchnäßt und frierend und verhungert in ihre Unterstände gekrochen. ?Erde? heißt in dieser Nacht die Losung auf der täuferischen, ?Maria? heißt sie auf der Seite der Belagerer.

Ruhmeskränze flicht auch diese letzte Nacht den Belagerern nicht ? sie belastet zumindest die mittlere Führung, wo nicht den Feldhauptmann selbst mit dem Vorwurf unfaßbarer Liederlichkeit. Zuerst geht alles nach Wunsch. Vor dem Kreuztor durchschwimmt um elf Uhr nachts Gresbeck den Graben, zieht hinter sich an einem Seil eine der beiden von den Bauern herbeigeschafften Brücken und befestigt sie drüben am Wall. Während er selbst im Wasser stehen bleibt In der Bewertung der zwei Überläufer scheint es zwischen den Offizieren Unstimmigkeiten gegeben zu haben. Die einen mißtrauten Gresbeck, die anderen dem Landsknecht mehr, und jedenfalls erklärt im vorliegenden Falle Gresbeck kleinlaut, man habe ihn nicht in die Stadt lassen wollen., rückt eine von Hänsgen von der Langestrate geführte Vorhut von 35 Offizieren über die Brücke, und es folgt unter Wilkin Steding das Gros des Stoßtrupps in einer Stärke von etwa vierhundert Mann. Die Leitern sind bald angelegt, die Erdwälle der vor dem eigentlichen Tor angelegten Vorwerke bald erstiegen, ohne daß nennenswerter Widerstand geleistet oder Lärm geschlagen worden wäre: schlafend werden die spärlichen Posten, die es hier noch gibt, angetroffen und allesamt niedergemacht bis auf den Gerber Schulten, der sein Leben durch Verrat der täuferischen Losung ?Erde? erkauft.

Es geschieht hier nun das schier Unglaubliche, daß Wilkin Steding weitermarschiert, ohne das Tor, seinen einzigen Rückzugsweg, besetzt zu haben, es geschieht, daß, wie wir später noch sehen werden, hinter ihm die endlich wachgewordenen Täufer der umliegenden Gassen das Tor und damit hinter Wilkin Steding die Falle schließen. Der marschiert, wahrscheinlich um beim Plündern der Erste zu sein, ohne jede rückwärtige Sicherung hinein in das nächtliche Labyrinth der Gassen, findet erst auf dem Domplatz einigen Widerstand.

Denn nun endlich ist die Stadt erwacht und ist wahrlich ein aufgescheuchtes Hornissennest. Da jeder weiß, daß es nun ums liebe Leben geht, entstehen in Windeseile Barrikaden, die die Zugänge zum Markt und zum Lambertiviertel sperren, die Margaretenkapelle verwandelt sich in ein festes Fort für wütende Ausfälle, und schließlich fegt ein verzweifelter Gegenangriff die Eindringlinge vom Domplatz fort.

Das ist schon um ein Uhr früh bei währender tiefer Dunkelheit. Und inzwischen, wie schon erwähnt, haben im Rücken Wilkin Stedings die Täufer das Kreuztor zugeschlagen und besetzt, und auf dem Walle stehen ihre rasenden fanatisierten Weiber und rufen ins bischöfliche Lager hinüber, man möge nur ?die großen Hansen? wieder holen ... ja, und so elend werde es jedem ergehen, der Gottes Stadt antaste ...

Das hört Wirich von Dhaun, der draußen zwischen Kreuz- und Judefelder Tor mit der Hauptmacht hält und auch seinerseits in dieser Nacht keine Lorbeeren pflückt: ließ schon Wilkin Steding in seinem Rücken die Verbindung abreißen, so durfte es der Höchstkommandierende in keinem Falle geschehen lassen, daß vor seiner Nase die Vorhut in Nacht und Nebel verschwand. Nun steht er hier, hört das Geschrei der Weiber, hört aus der Ferne den Gefechtslärm und merkt, wie seine Leute unruhig werden. Die reden wieder einmal von Verrat und von einer Wilkin Steding gestellten Falle und bezichtigen den mit der Vorhut einmarschierten Hänsgen von der Langestrate des Verrates, und auch Gresbeck, der nun frierend aus dem Wasser gestiegen ist und von einem mitleidigen Offizier einen Mantel zum Schutz gegen die kalte Nacht erhalten hat, wird von den aufgeregten Leuten beinahe erstochen. In der Stadt wird Wilkin Steding vom Domplatz ins Südviertel der Stadt abgedrängt, gerät in der heute ?Die Bux? genannten engen Gasse vollends ins Gedränge, kann sich nur retten, indem er höchst unrühmlich durch Hintertüren und über Höfe auf Schleichwegen die Pferdegasse erreicht.

Ein klares Bild über seine Kämpfe geben die Berichte nicht, es mag denn auch in der Dunkelheit, wie bei jedem Nachtgefecht, in all den verschlungenen Dachsröhren der Altstadt ein heilloses Durcheinander gegeben haben. Tatsache ist, daß er auf dem Domplatz sich von neuem formiert, und daß ihm jetzt Bockelson, der hier in den Berichten erstmalig auftaucht, Waffenstillstand auf Gnade und Ungnade anbietet. Was bei Bockelson ?auf Gnade und Ungnade? heißt, weiß Wilkin Steding und weigert sich, und es gibt hier im Verhandeln ein Hin und Her, das einige Zeit andauert. In jedem Falle aber ist es nun zum dritten Male wieder so weit, daß an dem Widerstand dieser fanatischen Täufer alle Waffen der Berufssoldaten zerbrechen, und daß wieder einmal die Welt lachen wird über diese Belagerer, die, unterstützt vom ganzen Reich, seit sechzehn Monaten an dieser, Münster genannten Nuß knacken und sich einen Zahn nach dem anderen ausbrechen ...

Es ist wieder soweit, und man wagt kaum daran zu denken, was wohl geschehen wäre, hätten in dieser Nacht noch einmal die Waffen Zions triumphiert ? ob es dann nicht doch zur endgültigen Auflösung des Belagerungsheeres und zum fürchterlichen und alles versengenden niederdeutschen Generalaufstand gekommen wäre. Es wäre wohl so gekommen, und daß es trotzdem nicht so kam, liegt nicht an jenem ?Zufall? genannten Ding, das es in der Geschichte für tiefer blickende Augen gar nicht gibt: es liegt daran, daß im kranken Münster das Fieber abgeklungen und die Stunde reif ist und daß hinfort alle wie unausdenkliche Glücksfälle aussehenden Verkettungen und Fügungen nur dem Einbringen jener blutigen Ernte dienen, zu der die Geschichte nun sich anschickt.

Wie der Fahnenträger Johann von Twickel in diesem heillosen Straßengefecht zum Wall beim Judefelder Tor kommt, bleibt dunkel ? er mag bei dieser heillosen Menschenjagd in den dunklen Gassen dorthin versprengt gewesen und nun aufs Geratewohl nach dem Walle zu gelaufen sein. In jedem Falle steht im ersten Morgengrauen der Mann auf den Wallzinnen, schwenkt seine Fahne und schreit zur draußen stehenden Hauptmacht diese Worte hinüber: ?Waldeck, Waldeck, Monster is unse / tredet an / leve lantzknechte.?

Sein Geschrei bringt die ?lieben Landsknechte? endlich in Bewegung. Wirich von Dhaun rückt, was er ebensogut schon vor ein paar Stunden hätte tun können, ein, macht alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt und befreit Steding aus seiner prekären Lage. Beide erzwingen sie sich dann die Zugänge zum Markt und zur Lambertiparochie, die ja seit den fernen Februartagen des vergangenen Jahres die Brutstätte des fanatischsten Täufertums gewesen ist. Und hier, wo dieses Täufertum geboren wurde, soll es auch sterben.

Wir wissen nicht viel von seiner Agonie, wir wissen nicht einmal, ob der König, der doch eben noch auf dem Domplatz verhandelt hatte, hier noch kämpfte. Wir wissen nur, daß es im Zwielicht eine abscheuliche Schlächterei wurde und daß hier, täuscht nicht alles, den lieben Rothmann sein Geschick ereilte. Ein sehr gnädiges Geschick, nebenbei gesagt, da Ordre gegeben war, ihn lebend zu fangen, und da nach Dorps an Luther gegebenen Bericht ?der anfenger dieses spils und aller buben könig / Rothmann / auch solch reigen solt gedantzt haben? ... den gleichen Folterreigen also, den hinterher Bockelson, Knipperdolling und Krechting haben tanzen müssen. Wie Rothmann zu Tode gekommen ist, wird nie ganz geklärt werden. Gewiß ist, daß man ihn hier zuletzt gesehen hat, und eine dunkle Mär besagt, daß er hier einen furchtbaren Schwerthieb in die Schulter und zwei Speerstiche in die Brust erhalten habe. Wir werden annehmen müssen, daß es sich so verhält, wenn man auch noch nach zehn Tagen unter den Leichenhaufen vergeblich nach ihm sucht. Das Schicksal hat ihn hier aus dem Spiel verschwinden lassen, und es ist ja schließlich gleichgültig, auf welche Weise es ihn traf. Exit Rothmannus, defunctus et exstinctus est, und nur eine dunkle Mär bleibt übrig von ihm. Die Mär nämlich, er habe um viele Jahre den Niederbruch Münsters überlebt, habe alt und gebrochen und als Gast eines friesischen Edelmannes seine Tage geendet, sei aber vorher noch in Rostock und in Lübeck und wohl auch in Wismar gesehen worden. Ein Steckbrief, der auf uns überkommen ist und noch 1537 von Münster aus hinter ihm hergesandt wird, bleibt jedenfalls das letzte greifbare Dokument seines Erdenwallens. ?Is von personen ein drungen ? gedrungener ? verkant ? vierschrötiger ? man / under ogen wit / bleck / brun / starck har kort / dricht intgemein eine spaniske kappen unbosettet.? So heißt es in diesem Steckbrief. Und Lübeck, an das er sich wendet, verspricht auch, sein Bestes zu tun, verhaftet aber leider versehentlich statt des verschollenen Pastors nur den Arnheimer Arzt Heinrich Bentinck. Und muß ihn natürlich wieder laufen lassen und schickt dafür eine gesalzene Rechnung wegen gehabter Kosten und Auslagen. Ja, das ist das Ende des lieben Rothmann.

Noch aber ist es zur Stunde nicht so weit, daß behäbige und wiederum gut katholische und patrizische Stadtväter vom gotischen Rathaus von Münster Steckbriefe hinter den Propheten und Prädikanten erlassen, noch sieht dieses Rathaus nieder auf ein erbarmungsloses Schlachten, das nun ? ein paar hundert Die Angaben über die Stärke der Täufer bei diesem letzten Kampf schwanken und bewegen sich zwischen zweihundert und achthundert Mann. verhungerte Täufer gegen ein paar tausend mit Pumpernickel, Rindfleisch und süßem dunklen Bier wohlgefüllte Berufssoldaten ? auf dem Markt anhebt. Auf dem gleichen sauberen und strahlenden Markt, über den vor dem Kriege mit Tubaton und Paukenkrach blinkende wilhelminische Kürassiere ritten, und über den nun gelblackierte Trambahnen und die schwerbepackten Lastzüge der Ruhr rumpeln. Hier in dieser unheiligen Nacht ist es ein Schinden und Stechen mit viel Geschrei und Blutdampf gewesen. Die Bischöflichen jedenfalls gedenken der vielen vor Münster gebliebenen Kameraden, sie ärgern sich auch wohl, wie alle Berufssoldaten, über diese wildgewordenen Bürger und geben keinen Pardon, und es hilft den Täufern keineswegs, daß sie nun wütend schreien, sie seien mehr wie Schlachtvieh, sie seien keine Türken und Scythen, und also wüte man doch nicht in einer Heiligen Stadt, und in jedem Falle verbäten sie sich solch abscheuliche Metzelei.

Es hilft ihnen alles nichts. Zum Schluß, als sie sich in die hier zur Zitadelle zusammengefahrene und grimmig bewehrte Wagenburg zurückziehen, triumphieren sie über den Gegner ein letztes Mal. Ein letztes Mal verhandelt der Belagerer, der das Blutopfer eines ganz gewiß schweren Sturmes scheut, mit dem hier kommandierenden Krechting ... er verhandelt und schließt ab gegen freien Abzug der Überlebenden und vermehrt die zahllosen Vertragsbrüche, die es im Laufe der letzten anderthalb Jahre in Münster hüben und drüben gegeben hat, um einen allerletzten ...

Er läßt es geschehen, daß die nach Hause hinkenden, die zerschundenen und todesmüden Täufer auf der Straße überfallen, aus ihren Wohnungen geholt und von den wütenden Landsknechten fast bis auf den allerletzten Mann abgeschlachtet werden. Es gibt kein Halten und keine Subordination, und in der Dämmerung dieses Sonnenwendtages sehen wir sie nun Mann um Mann verschwinden, die Träger der altbekannten und berühmten oder auch berüchtigten Täufernamen. Beim Ägidienkloster erwischt man den ehemaligen Bürgermeister Tilbeck, der in jener unheilvollen Februarnacht die Stadt endgültig den Täufern in die Hände spielte ? man sticht ihn nieder und wirft ihn dann ?wie einen verreckten Esel? ? so nennt Kerssenbroch diese Bestattung ? in den nächsten Graben. Da ist der Herzog Heinrich Xantus, der auf dem Markte abgeschlachtet wird, der Hofmetzger Boentrup, der vergebens um Gnade bittet und dicht beim Pranger niedergehauen wird. Da gibt sich einer, der mit seinem weißen Haar und dem bartlosen schmalen Gesicht wohl wie ein geistlicher Herr aussieht, vergeblich für einen in der Stadt verbliebenen Prälaten aus und wird erkannt und erschlagen, da wird der im Februar 1534 erwählte Bürgermeister Kibbenbrock niedergestochen, und da zerhackt man auch jenen ?schrecklich langen Cyklopen? Tile Bussenschute, den Münster einst, dem Bischof zum Hohn, vor anderthalb Jahren als Delegierten zum Wolbecker Landtag schickte und dem Se. Gnaden damals als einem unwürdigen Abgeordneten den Rücken drehte. Er wird auf der kleinen Aabrücke, nicht weit vom Domplatz, hingeschlachtet und ins Wasser geworfen, es werden die zahllosen anderen, die Herzöge, die kleinen Propheten, die Diakonen und die ?Herren über die fette und die über die magere Kost? aus den Dachböden des Rathauses geholt und auf die Straße geworfen. ?Was sich verborgen?, sagt ein altes Flugblatt, ?ward mit fleyss gesucht / herfür gerückt und getriben / zu stund on einich verhör zerstochen und zerhackt. Da was keyn mitleyden / kein menschlich barmherzigkeyt / sonder uber zehen tag weret solch suchen / mörden und würgen.? Die Wächter des Lambertiturmes aber fliegen brevi manu von der Wachtstube herab, in die bereitgehaltenen Spieße der Landsknechte.

Es gibt kein Verstecken und kein Verstellen, man kennt die verhungerten Täufer an ihren bleigrauen Gesichtern und schlägt sie tot, wo man sie antrifft. Da liegen die Kadaver denn viele Tage lang in ganzen Klumpen auf den Straßen und verpesten arg die Luft, ?und do wurden die buren nunmehr in de stat gelaten / die doten corporen umb des groten stanckes willen to begraven. De buren togen de doden nacket uth unde spolierten desulvigen / groven grote kulen up den kerckhoven unde worpen de doten so nacket in de kulen, den einen up den anderen / gelick dat beeste werden gewesen.? Das geschieht also auf dem Domplatz, auf dem für so stille Anwohner seit anderthalb Jahren der Platz eigentlich ja wohl ein wenig enge geworden war.

Dies also ist das große Schlachten, das diese Nacht beschließt, und wir werden noch sehen, daß es mit dem aufgestiegenen neuen Tag noch keineswegs zu Ende war und daß es noch gut und gern eine volle Woche andauerte. Verschont hat man nur die Weiber, soweit sie sich von der Täuferei losgesagt haben. Wobei zu bemerken ist, daß bei weitem nicht alle Damen von Münster durch den Tod der Männer sich bekehren ließen, und daß manche von ihnen ? wie das eine der schon erwähnten Fräulein von der Recke ? unbelehrbar blieben und als heimatlose Sektierer aus der Stadt gelaufen und draußen im Elend verschollen sind. Sonst aber, wie gesagt, ist es nicht eine Eroberung, sondern ein hemmungsloses Vernichten, ein Ausrotten mit Stumpf und Stiel, und es berührt beinahe wohltätig, daß man in den Berichten hie und da auf eine abseitige und vom Blut der Nacht nicht bespritzte Episode stoßen kann.

Da also ist ein Landsknecht, und er ist einmal hierselbst an einer der Lateinschulen Kastellan gewesen und kennt mithin die Stadt. Der Mann schleicht sich, beutelüstern wie er ist, aus der Kampflinie zum königlichen Palast, dringt dort bei noch währender Nacht ein, findet aber keine rotgrauen Lakaien und keine Trabanten und auch keinen weißdamastenen König mehr, findet auch keinen wohlbesetzten Harem ...

Sondern findet hier nur einen kränklich aussehenden zwölfjährigen Knaben, der durch die verödeten Zimmer irrt und dem Landsknecht sofort den Tresor mit dem königlichen Schmuck zeigen muß ...

Und da liegt sie denn, die berühmte dreifache Goldkrone und die ebenso berühmte Kette mit der goldenen, von zwei Schwertern durchbohrten Weltkugel, und da liegt bei zahllosem Geschmeide, bei Ringen und Anhängern und Schaumünzen und Medaillons das Staatssiegel ...

Und ?Gods kracht? ist nun nicht mehr ?min macht?, sondern Gottes Kraft hat, wofern sie sich bei ihm je aufgehalten hat, den verschollenen Sohn der Unterwelt verlassen, und es ist kein König mehr da ...

Kein König, kein Statthalter, keine Königin Divara und kein Großsiegelbewahrer, und der Landsknecht sackt nach Herzenslust Ringe und Medaillons und Schaumünzen ein und nimmt von der Krone, die er schließlich in seinen Taschen nicht gut unterbringen kann, insofern Abschied, als er mit seinen derben Stiefelabsätzen fleißig darauf herumtrampelt und sie ganz und gar verdirbt. Worauf er denn mit seinen vollgestopften Diebsäcken sich wieder auf den Markt begibt und ruhig weiterficht.

Das ereignet sich in dieser Nacht auf einer der Nebenbühnen, und Gott weiß, was sich auf zahllosen anderen ereignete, während auf der großen Bühne, auf dem alten gotischen Markte, große blutige Oper und Vorübung zur Bartholomäusnacht gespielt wurden.

Nun aber ist es hell geworden und unter Gottes Sonne ein neuer blanker Tag, und er sieht nach bitteren anderthalb Jahren, in denen wir Belagerer vom ganzen Reich ausgelacht wurden, endlich den Sieg. Den Sieg, der uns so lange vorenthalten blieb.

Nun aber ist er da und nun ist es wohl Zeit, den Kriegsherrn herbeizurufen und ihm die gedemütigte Stadt zu zeigen. Und in den ersten Sonnenstrahlen sattelt ein Reiter den schnellsten erreichbaren Klepper, setzt über Blutlachen und Leichenberge und zerbrochenen Hausrat und fortgeworfene Waffen, fliegt hinaus zum Bischof. ?Halokanti tai Attanai? schrieben, als sie Athen im Peloponnesischen Krieg genommen hatten, die Spartaner in ihrem plumpen Unteroffiziergriechisch auf den Depeschenriemen, und hier mags ein ähnlich lakonisches Telegramm gewesen sein, das von den Blutorgien dem milden Bischof noch nichts verriet ...

Waldeck, Waldeck, Münster ist nun dein!

Und nach vier Tagen, als man wenigstens in den Hauptstraßen die Leichenberge ein wenig fortgeräumt hatte, rumpelte über das vergraste Pflaster von Münster, umgeben von Landsknechten und berittenen schwarzsamtenen Kavalieren, eine Kutsche, hielt auf dem Marktplatz, wo Offiziere mit den Siegestrophäen, mit der zertretenen Königskrone, den goldenen Sporen und dem goldbeschlagenen Reichsschwert von Zion warteten.

Der Mann, dem alle diese funkelnden Dinge übergeben wurden, war Franz von Waldeck, Bischof von Münster. Endlicher Sieger über eine wahnsinnig gewordene Stadt teuflischer Häresien.

Ne perenni cremer igni

Also ist aus dem koningk ein monstrum und schouwspel geworden.

Zeitgenössischer Bericht.

Zu bemerken aber ist, daß dieser Einzug des Bischofs wegen der von den zahllosen Kadavern drohenden Ansteckungsgefahr erst nach vier Tagen stattfindet, und daß in dieser Zeit Münster so ziemlich alles über sich ergehen lassen muß, was nach langer und verlustreicher Belagerung damals das Los so ziemlich jeder eroberten Stadt war: Haussuchungen, Denunziationen, Mord im Überfluß und nicht zuletzt eine recht ausgiebige Plünderung.

?Es werden noch täglich gefunden und erstochen?, schreibt nach Frankfurt Holtzhausen, und so manchen Wiedertäufer, der sich tagelang auf dem Dachboden und im Keller versteckt hat, treibt allmählich Hunger und peinigender Durst ans Tageslicht und somit auch in die Spieße und Hellebarden der mordenden Soldateska. Wer solchen Dingen fernsteht, mag die Stirn runzeln. Wer die Zeitumstände berücksichtigt und jemals ähnliche Stunden erlebte, der berücksichtigt ja wohl, daß ein Heer ein Massenwesen ist und nach verlustreichem Straßenkampf nur zu leicht die Anspannung seiner Nerven abreagiert. Immerhin ...

?Die gewunnen statt was erschröcklich anzusehen / in allen gassen lagen tödten / das weyber geschrey schallt auf allen orten. Es lagen in vielen heusern die von hunger gestorbenen noch auff einander unbegraben. Und ist ein übler großer gestank und sonst vil ander unlust in der statt und ein jemmerlich wesen.? Was wahrlich kein Wunder ist, da nun fleißig verhaftet, hingerichtet und geplündert wird, und da man sofort, um einigermaßen die hohen Kosten der Belagerung wieder einzubringen, nicht nur die bewegliche Habe, sondern auch das unbewegliche Gut der Täufer einzieht und so den spärlichen Überlebenden alles ... aber auch alles nimmt.

Ihr Hausrat zumal, den die Landsknechte sofort aus den Häusern gerissen haben, zerstreut sich hinterher in alle Winde, und in den allerentferntesten Winkeln des Reiches, selbst in süddeutschen Ganthallen und Trödelbuden erscheinen während der nächsten Monate Sachen, die einmal in den winkligen Häusern von Münster gestanden haben. Übrigens entspricht die Beute, die vertragsmäßig zwischen dem Bischof als dem Kriegsherrn und den Landsknechten geteilt werden soll, in keiner Weise den wohl etwas zu hoch gespannten Erwartungen. In den Laufgräben vor der Stadt, da sprach man wohl von fabelhaften Goldschätzen, die im Rathaus aufgehäuft sein sollten ? man hat Schulden gemacht in Erwartung dieser sagenhaften Schätze und ist nun einigermaßen enttäuscht, als man nicht einmal den zehnten Teil vom Erhofften vorfindet. Ganz rabiat aber werden die Landsknechte, als einer von ihnen, der längere Zeit Gefangener der Täufer gewesen ist, ihnen in der Trunkenheit klarmacht, er habe im Rathaus seinerzeit viel mehr gesehen und nun sei es natürlich von des Bischofs Beutemeistern unterschlagen und der Teilung entzogen worden. ?Do begunten die landsknecht tho rasen? und bedrohen selbst Wilkin Steding so, daß er aus der Stadt fliehen muß. Und fünfzig von ihnen brechen gar mit Gewalt in die Stadtkämmerei, wo der Goldschatz aufbewahrt wird, und werden dabei erwischt und büßens schwer. Sieben werden hingerichtet, der Rest im Hemd aus der Stadt getrieben.

Was die Laune der übrigen natürlich nicht gerade bessert. Da sie sich allenthalben betrogen glauben, so bedrohen sie ständig ihre Offiziere, bemächtigen sich der Beutemeister und legen, um das Versteck des vorenthaltenen Goldes zu erfahren, zwei von ihnen gar auf die Folter.

Was die ersehnten Schätze leider auch nicht herbeischafft. Als sie zu randalieren fortfahren und sogar ganz Münster anzünden wollen, müssen sie mit mehr oder minder sanfter Gewalt entwaffnet und aus der Stadt getrieben werden. Sechzehn Gulden beträgt der ganze Gewinst, der sich für jeden von ihnen aus der Beute errechnet. Wirich von Dhaun hat übrigens bei dem ganzen Handel, da er nach eigenem brieflichen Bekenntnis ?gern mit gantzer haut slaffen geht?, ein Auge zugedrückt. Der Bischof behält von dem unruhigen und verwilderten Heer schließlich nur zwei Kompanien unter den Fahnen und läßt zur besseren Beherrschung dieser unberechenbaren Stadt innerhalb der Mauern zwei Forts errichten.

Denn in einer soeben eroberten Stadt, in der man nach zwei Jahren eines heillosen Chaos Ordnung schaffen muß, gibt es natürlich allerhand zu tun für die Staatsautorität, und zu tun gibt es, wie es in der ersten Zeit auch nicht anders sein kann, leider auch für Henker und Profosen. Da sind nun vor allem, nachdem man ihnen die Männer totgeschlagen hat, diese rabiaten Täufermegären, die, wie der Bischof in diesen Tagen seinen Bundesgenossen schreibt, ?tettig und zum teil tettiger sind / als die mans personen?, und die nun, soweit sie nicht widerrufen Der Bischof hatte sie, als er wieder in der Stadt war, zu sich rufen lassen, hatte ihnen ihre Verirrungen vorgehalten und ihre förmliche Abkehr gefordert. Der Aufforderung kamen nur wenige nach, da die meisten Armut und Verbannung der verlangten Buße vorzogen. Viele sind nach Holland ausgewandert, einige scheinen nach England und gar nach Amerika verschlagen zu sein.
Der Kommission, die den Verkauf ihrer konfiszierten Güter leiten sollte, gehörten unter anderen Johann von Merfeld, die beiden neu ernannten Bürgermeister von Münster und Coesfeld sowie der uns aus der ominösen Februarnacht 1534 bekannte Rotger Schmising an.
wollen, mit Gewalt aus der Stadt entfernt werden müssen ...

Da sind vor allem schwere und vordringliche Fälle. Da ist, nachdem die andern königlichen Damen ja wirklich entkommen zu sein scheinen, die schöne Königin Divara, da ist Knipperdollings Weib, da ist des toten Tilbecks Schwester und eine Reihe von andern fanatischen Weibern, die man um der eigenen Sicherheit willen nun wirklich nicht begnadigen kann und die in den ersten Julitagen hingerichtet werden ... da sitzen vor allem nun auch noch in festem Gewahrsam die drei armen Sünder, die einst in diesem närrischen Zion König, Statthalter und Königslieutenant waren und nun wieder Bockelson und Knipperdolling und Krechting Bernt heißen und die doch, weil man zuvor aus ihrem Munde noch viel Wissenswertes hören muß, als allerletzte im langen münsterischen Todesreigen tanzen sollen ...

Denn vorerst ist anderes zu tun, und viel Sorgen lasten vom ersten Tag an auf diesem Bischof, dem die Täufer in ihrem Grimme, wie vielleicht noch erinnerlich, ?ein Haarseil durch den Hintern ziehn? wollten, und der doch im Grunde ein weicher, ein etwas bequemer und vielleicht gar mit dem Protestantismus ein wenig kokettierender Grandseigneur war. Schwer lasten auf ihm fortan die Schulden, die er um dieser närrischen Stadt willen hat machen müssen, schwer auch alle die Aufgaben, die sich aus der Neuordnung der Dinge ergeben. Da ist zum Beispiel dieses Überwasserkloster, das Franz von Waldeck, weil seine Insassinnen ja ?nach unkeuschen Kerls rasten?, nicht wieder erstanden wissen will, obwohl es doch ein Refugium für westfälische Edelfrauen ist und die ganze Ritterschaft gegen den bischöflichen Entschluß protestiert ... da sind die Emigranten, die wieder zu dem Ihren kommen wollen, da sind die vertriebenen Kleriker, die kein Obdach haben, die Pfründener und die Rentner, denen man doch alle Schuldbriefe und geschriebenen Rechtstitel verbrannt hat ...

Der Reichstag, der vier Monate nach der Eroberung der Stadt abermals in Worms zusammentritt, regelt die Fragen recht radikal. Der Erzbischof von Köln und der fanatisch katholische klevische Herzog sorgen dafür, daß sie den tief verschuldeten Franz von Waldeck, der ihnen viel zu tolerant und viel zu lässig verfahren ist, wirtschaftlich in der Hand behalten. Im übrigen werden alle Emigranten, die je mit dem Täufertum kokettiert oder es gar unterstützt haben, enteignet und alle, die treu geblieben sind ? Grundeigentümer, Kleriker, Rentner ? in ihre alten Rechte wieder eingesetzt: eine Kommission mag in Zweifelsfällen entscheiden, wer als Verräter und wer untadelig aus diesem Handel hervorgegangen ist. Und der Protestantismus? Die Reichsstädte, Philipp von Hessen und Kursachsen legen für ihn mehr als ein gutes Wort ein, der Reichstag aber geht über alle Proteste hinweg. Der Protestantismus hat, das ist die Meinung der katholischen Majorität, in seinen allerletzten Auswirkungen alle diese schrecklichen Verirrungen verschuldet, es ist mithin für ihn in Münster bis auf weiteres kein Platz. Täuscht nicht alles, so hat es bis zum Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts in Münster keinen protestantischen Gottesdienst gegeben. Der Tag der Befreiung von der Täuferherrschaft aber wird wohl noch heute feierlich im Dom begangen.

Das alles aber wird erst im November verhandelt und entschieden werden, und vordringlich haben wir es ja wohl zunächst mit den drei Rädelsführern zu tun, die nun so jäh Zions Herrlichkeit versinken sahen und die vor unseren Augen in jener Blutnacht so plötzlich verschwanden. Was Knipperdolling angeht, so dürfen wir wohl annehmen, daß er nach dem Zeugnis fast aller zeitgenössischen Berichte am Endkampf auf dem Markte teilgenommen hat, und wir werden sehr bald sehen, wie sein weiteres Schicksal sich gestaltete. Was aber diesen König angeht, der sein Gottesgnadentum und seine göttliche Sendung so oft betont hatte, so durfte von ihm ja wohl nun auch die Bewährung seiner Königswürde, der Kampf bis aufs Messer, der Abgang mit Donner und Blitz erwartet werden, da doch nun einmal, um es auch bei dieser Gelegenheit festzustellen, erst die unmittelbare Gefahr und die Todesnähe erweisen, ob ein Gekrönter ein wirklicher König oder nur der zufällige Träger eines Krone genannten Goldreifes ist ...

Was wir von diesem Abgang aus den Aufzeichnungen des ? später als Küster am Münsterer Dom geendeten ? Landsknechtes Röchell erfahren, ist eigentlich niederschmetternd und klärt schon jetzt alle Zweifel, die über den wirklichen Charakter dieses von der Geschichtsschreibung so oft und so liebevoll entschuldigten Mannes noch obwalten könnten. Da also flüchtet sich mit der Hellebarde in der Hand ? wahrscheinlich um die Zeit, da das Einrücken des feindlichen Gros sich bemerkbar machte ? Bockelson in seinen verlassenen Palast und wird von Röchell verfolgt. Der König retiriert in eine im Obergeschoß gelegene Kammer und wirft hinter sich die Tür zu, der Landsknecht aber rennt wie ein Berserker diese Tür ein, rennt mitten ins Zimmer, übersieht es zunächst, daß hinter ihm der König, der sich im ersten Augenblick hinter der aufgesprungenen Tür verborgen hat, entwischt.

Vom Obergeschoß nach unten führt eine enge gotische Wendeltreppe, und hier, in der Todesangst, wirft Bockelson seine Hellebarde hinter sich, versperrt damit dem Landsknecht den Weg, entwischt, von Röchell verfolgt, mit einigem Vorsprung über den Ägidikirchhof nach dem gleichnamigen Tor, wo er sich abermals versteckt. Hier aber wird er gefangengenommen Tagelang hatte man ihn vergeblich, wie Rothmann, unter den Gefallenen gesucht und dann Viertel auf Viertel der hermetisch abgesperrten Stadt nach ihm durchforscht. Er hatte sich, vom Kampf gänzlich erschöpft, im Hause der Frau Katharina Hobbels versteckt, die dann nach Tagen den kompromittierenden Gast an die Truppenführung verriet. Angeblich hat sie Sicherheit für Leben und Besitz mit diesem Verrat erkauft.. Ein Gewährsmann berichtet von dieser Gefangennahme, es habe Bockelson dabei, wohl etwas großmäulig und wohl gar unter Berufung auf die gesalbte Heiligkeit seiner Person, die Landsknechte davor gewarnt, Hand an ihn zu legen. Als man seiner sich trotzdem bemächtigt, liefern die Knechte ihn zunächst an Herrn Wirich von Dhaun aus, dem er aber sehr bald, wie der Feldhauptmann klagt, von den Stedingschen Truppen ?wieder abgerungen wird?. Woraus übrigens ja wohl hervorgeht, daß man ihn von vornherein wie ein seltenes Menagerietier als Schauobjekt betrachtete.

Rund einen Monat sitzen die drei Gefangenen Bockelson, Knipperdolling und der gleichfalls dingfest gemachte ?Königslieutenant? Bernhard Krechting in münsterischem Gewahrsam, und fast scheint es, als habe man sie mit den Einzelheiten jenes Strafgerichtes, das in diesen Tagen auf ihr Königreich niederging, nicht vertraut gemacht Aus dem weiter unten behandelten Gespräch, das später die beiden hessischen Prediger Corvinus und Kymäus mit Bockelson kurz vor dessen Tode im Januar 1536 führten, geht wohl hervor, daß Bockelson scheinbar selbst damals noch nicht einmal um die doch bereits im Juli, also vor rund sechs Monaten, erfolgte Hinrichtung der Divara gewußt hat.. Den gefangenen König persönlich aufzusuchen, läßt der Bischof sich freilich nicht nehmen, trägt aber von diesem Besuch im Kotter keineswegs angenehme Eindrücke heim, da der vom Thron gefallene Schneider allen Wert darauf legt, durchaus als ein nur durch mißliche Zufälligkeiten am Regieren behinderter Souverän behandelt zu werden, der Waldeck es aber aus seiner bischöflichen und reichsfürstlichen Perspektive nicht über sich gewinnt, in ihm mehr als eben einen politischen Gangster zu sehen. ?Bist du ein König?? fragt, wohl mehr erstaunt als hochmütig in diesem Aspekt der Bischof, und ?Bist du ein Bischof?? fragt prompt das ehemalige Mitglied des Leydener Rhetorikerklubs zurück. Eine nähere Aussprache, die die beiden Herren diesem strittigen Thema widmen, ergibt, daß Se. Gnaden nur durch Kaiser und Papst, Se. Majestät aber durch Gott persönlich und durch seine Propheten bestellt worden ist, und als der Bischof ihm die ungeheuerlichen, dem Lande durch die münsterischen Wirren erwachsenen Kosten vorhält, hört er aus des Königs Munde den Bescheid, er, Bockelson, wolle ihn wieder reich machen ... der Bischof brauche ihn ja nur in einem eisernen Käfig als Schaustück durch die Lande fahren und Eintrittsgeld erheben zu lassen. Wer mit den psychologischen und soziologischen Voraussetzungen solch zündender Worte nicht vertraut ist, wird die damit verbundene Zungenfertigkeit bestaunen. Was dahinter sich verbirgt, ist aber nicht jene stolze Todesverachtung, mit der vor dem Revolutionstribunal Marie Antoinette den Jakobiner Hébert abfertigte, es ist auch nicht jener die beamtete Mittelmäßigkeit verspottende Hochmut, mit dem vor dem gleichen Forum der angeklagte und todgeweihte Danton dem protokollierenden und nach seinem Namen fragenden Geschichtsschreiber antwortete: ?Danton, ein Name, der in der Revolutionsgeschichte ziemlich bekannt geworden ist.?

Es ist heute, bei genügend zeitlichem Abstand von der Hinrichtung, ein bißchen Zynismus und ein gutes Stück Unverschämtheit. Wer jemals gefangene Bravos oder gar politische Unterweltler verhört hat, weiß Bescheid und wird mir recht geben.

Dem Wunsch aber, als Schauobjekt durch die Lande geführt zu werden, soll nun baldige Erfüllung winken. In Neuß, wo im Juli die Alliierten tagen, haben Köln und Kleve, als die unversöhnlichsten unter Münsters ehemaligen Gegnern, die baldige Überführung der drei Gefangenen an einen sicheren Ort und ihre sofortige Vernehmung verlangt, und am 22. Juli werden sie in Erfüllung dieser Forderung nach Dülmen geschafft. Und zwar unter Umständen, die Bockelsons oben angedeutetem Wunsche durchaus entgegenkommen. Der zeitgenössische Bericht, man habe ihn an den Schwanz eines Pferdes gebunden und dieses in beständigem Trab erhalten, mag, obwohl solch Verfahren den Gepflogenheiten der Zeit durchaus entsprochen hätte, übertreiben ? sicherer erscheint, daß man ihnen die eigens zu diesem Zwecke geschmiedeten Halseisen anlegte und sie an Leitseilen wie Jagdhunde davonführte. Übrigens jeden für sich, da der Bischof angeordnet hatte, daß sie miteinander nicht sprechen dürften. Herr Christian Kerkerinck aber, den man als vierten dieser Koppel zweibeiniger Rüden beigesellte, hätte das sowieso nicht lange tun können, da man ihn unterwegs ?in loco amoeno et herbido? ? also immerhin auf einer anmutigen Wiese ? von seinen Fesseln befreite und köpfte. So also schafft man sie nach Dülmen.

Den Erzbischof von Köln haben in bezug auf Bockelson jedenfalls die freundlichsten Absichten geleitet, da er in einer Instruktion für seinen Gesandten in Münster den Wunsch ausspricht, ?den vermeintlichen Koningk nit alsbalde umzubringen / sondern zum spiegell der welt ein zeit lanck / als ungeverlich ein viertheil oder halb jar / in einem weitheren oder gerumen korbe / darinnen er sich legen mocht / mit gekurzter Zunge ufzuhangen / doch kummerlich zu erneren und zu erhalten?. Und tatsächlich hat, um dem Ablauf der Dinge ein wenig vorzugreifen, der Waldeck den entthronten König zumindest dem klevischen Herzog zur Ergötzung nach Schloß Sparenburg bei Bielefeld geschickt, ohne daß leider überliefert worden wäre, wie dieses Zusammentreffen zwischen dem fanatischen Katholiken und dem zungenfertigen Häretiker abgelaufen ist.

Das alles aber ereignet sich erst viel später im Herbst, und vorderhand, Ende Juli, langen die drei Gefangenen in Dülmen an, und hier, von der Menge umgafft, leistet Bockelson sich den billigen und zu seinem bisherigen Gesamtbilde nicht übel passenden Scherz, daß er auf die Frage, ob er denn wirklich soviel Weiber genommen, antwortet, er habe ?keineswegs Weiber, sondern Mädchen genommen und sie zu Weibern gemacht?. Ja, auch dieses war Bockelson. ?

Wohlgemerkt jener zynische, von Geltungsbedürfnis und Glück hoch emporgehobene Abenteurer, und nicht so dieser arme Schächer, der nun, jämmerlich frierend im kalten Herbst 1535, in seiner Zelle sitzt und eigentlich schon ein Sterbender ist. Wir aber wissen vom Tode doch wenigstens dies eine, daß er, vom Sterbenden, richtig als der Herold eines fernhin leuchtenden Orplid empfangen, am Menschen sub finem vitae tiefgreifende seelische Veränderungen vornimmt und daß er vor allem das Unwesentliche fortmeißelt und daß das, was wir hinterher als Totenmaske in der Hand halten, ein getreues Abbild des übriggelassenen ?Wesentlichen? ist ...

Es hat natürlich von diesem seltsamsten aller Könige niemand die Totenmaske gegossen, und selbst die Berichte über seine Todesstunde decken sich nicht in allen Linien. Was er von Kindesbeinen an war ? ein heilloser Sohn des Chaos ? ist hier oft genug gezeigt worden; was aus ihm die Gewißheit des Sterbens machte, ersieht man wohl am besten aus den mit ihm aufgenommenen Protokollen, und vielleicht noch besser aus den letzten Gesprächen, die er mit den ihn besuchenden Geistlichen führte.

Für ein Verhör der verbliebenen drei Rädelsführer aber hat der Kurfürst von Köln eine lange Reihe von Fragen zusammengestellt, die man nun in Dülmen den Gefangenen vorlegen wird. Wissen will das Gericht also, wie solch seltsames Wesen wie dieser Bockelson aufgewachsen ist, wie er mit der Schrift, wie er mit der Wiedertäuferei in Berührung kam, und ob er etwa leugnen wolle, daß er allein für die Vielweiberei und alle daraus entstandene Verwirrung verantwortlich ist.

Vor allem aber, ob ?nyt anfangs allzyt syne Meinunge gewesen, Ehre / Herrlichkeyt und Wollust dieser werlt zu erlangen und zich zum grossen Hern uff zu werffen? ... mit anderen Worten, ob nicht am Ende alles, sein Sektierertum, sein Zug nach Münster, die Königswürde nebst allem Drum und Dran nur seinem ungeheuerlichen Geltungsbedürfnis entsprochen habe.

Dies werden wir Bockelson fragen. Von dir aber, Bernt Knipperdolling, wollen wir erfahren, wieviel du mit eigener Hand geköpft, warum du alle Urkunden vernichtet hast, ob man in Münster wirklich die Kinder gefressen und ob der König nicht bei währender Hungersnot selbst einen reichbesetzten Tisch gehabt hat ...

Endlich aber: ob du ?nyth aus bloissem Haiss ? Haß ? und boshaftigem Gemute / so du van wegen zyner vorigen gefencknisse widder den Biskof zo Munster zu dieser ufrür verursacht seyst? ... ob also nicht alles, wie bei Bockelson aus Eitelkeit und Geltungshunger, so bei dir aus Rachsucht Knipperdolling hatte sich im Jahre 1527 an der gewaltsamen Befreiung eines vom Vorgänger des Bischofs Franz v. Waldeck in Haft gesetzten Bürgers beteiligt und hatte dafür selbst eine Gefängnisstrafe von einem Jahr abbüßen und seine Freilassung mit einer beträchtlichen Summe erkaufen müssen. und gänzlichem Unvermögen zum Vergessen empfangener Kränkung gekommen ist.

Das alles wollen wir von euch erfahren. Und so, wenn wir beide euch zunächst nach dem ?Woher? und ?Warum? befragt haben, so sollt ihr uns noch Rede und Antwort stehen in ein paar kitzlichen Angelegenheiten, und ihr wißt ja wohl, welche Apparatur wir bereithalten, um die Antwort von euch gegebenenfalls zu erzwingen ...

Wissen also wollen wir, wo die ganze Bewegung wurzelte, wohin Münsters unterirdische Verbindungen führten, welche Gesinnungsgenossen und Freunde ihr in Amsterdam, Wesel, Mastrich, Aachen, Essen und Hamm ... in Soest und Lippe und natürlich auch in unserer Stadt Köln hattet ...

Und endlich richten wir an dich, Bernt Knipperdolling, den immerhin von guten Eltern gezeugten Bürger, die Frage, die du zusammen mit diesem Krechting beantworten magst, und die uns, die Reichsfürsten, natürlich am meisten interessiert ...

?Wo es komen zy / dat Johan von Leiden / so doch ein uisslendiger junger / lichtfertiger bube geweset / vor Knipperdolling / Rothmann oder den anderen im koningklichen Regiment furgesetzt zy ...?

Diese Fragen also sollen den Gefangenen vorgelegt werden, und so stehen sie denn nun endlich den von ihnen so lange geschmähten ?Großen Hansen? gegenüber und haben nicht viel mehr zu tun, als jene Würde zu wahren, die zu wahren so schwer ist: die Würde des überwundenen Mannes.

Würde aber ist in solcher Stunde ja wohl gleichbedeutend mit Mut zur Wahrhaftigkeit, und erst dann werden wir uns von einem Verbrecher innerlich abkehren, wenn der Mann auf der Anklagebank nicht mehr zu dem Mann der Freiheit von gestern passen will, wenn der brutale Wüterich von gestern sentimental, der Lästerer bigott, der scheinbar Kühne, der gestern noch die ganze menschliche Gesellschaft herausforderte, feig vor dem Richter zu zittern beginnt. Liest man in diesem Aspekt die vom Kölner Bischof zusammengestellten Fragen, so sieht man sehr bald, daß es in diesem Verhör für jeden der drei Gefangenen mindestens eine Stelle gab, wo er sich unverhüllt zu zeigen und Farbe zu bekennen hatte; liest man hierzu aber die Antworten, so wird man sehr bald zu dem Ergebnis kommen, daß Knipperdolling menschlich besser abschnitt als der König.

Was nämlich Knipperdolling angeht, so mag er getrost die Zahl der von ihm geköpften Opfer als zu niedrig, seine eigene im Königreich gespielte Rolle als zu subaltern angeben: er bleibt immerhin der, als den wir ihn kennen ...

Der eigensinnige, schwerblütige und verstockte Sektierer, der Mann, ?den ein fremd bister ? düsteres ? wisen ? Wesen ? angekommen sy / also / dat hy niet woeste, wat hy dede?. Ein wirkliches Ausplaudern der auswärtigen Verbindungen und der auswärtigen Gesinnungsgenossen findet sich in keinem seiner Protokolle ? weder in diesem noch in den beiden späteren, die unmittelbar vor seiner Hinrichtung gewonnen wurden und von denen das letzte ?in peinen? ? will sagen auf der Folterbank ? zustande kam. Nichts derlei, weder bei ihm noch bei Krechting. Wohl aber gibt Knipperdolling auf die eine prekäre Frage, ob bei ihm nicht alles aus Rachsucht gekommen sei, diese eine gute und gerade Antwort: ?er sei nicht um seiner verbüßten Gefängnisstrafe ein Anhänger des Bockelsonschen Regimes gewesen und habe sich, obwohl er doch dazu die Macht gehabt, weder am Bischof noch an der Ritterschaft rächen wollen ...?

Das ist der Verzicht ?auf mildernde Umstände?, und wir werden sehen, daß dieser Knipperdolling nur um so halsstarriger wurde, je näher der Tod kam. Bockelson aber?

Der erzählt von vornherein weit redseliger, erwähnt die so seltsam zueinander gekommenen Eltern, die Schulzeit, die Wanderschaft in England, Flandern, Lübeck und wie seine Frau in Leyden gegen weiteres Vergeuden von Geld protestiert habe. Er verschweigt den Rhetorikerklub, erzählt nichts von der Literatenzeit und noch weniger von der Gastwirtschaft zur ?Silbernen Lilie? und ist eigentlich auch über den Ursprung seines Täufertums und seiner Berufung zu einer ergiebigen Auskunft nicht zu bewegen. Er erzählt lediglich, wie er gegen den Willen der ersten Frau nach Münster gegangen, weil er gehört, ?datt dappere praedicanten bynnen Munster seyn? ... spricht ein wenig von seinem ersten Aufenthalt in der Stadt, von seiner Heimkehr, von Matthys von Leyden und Melchior Hofmann und von dessen Befehl, zum zweiten Male nach Münster zu gehen ...

Und dann folgt alles, was wir schon wissen ? der Ausbruch der Münsterer Orgien und Knipperdollings Visionen und jene von ihm selbst gesehene, in der sich Matthys schrecklicher Tod angekündigt hat ... ja, aber hatte denn der Bischof von Köln ihn nicht ausdrücklich fragen lassen, ob er nicht am Ende nur aus purer Eitelkeit gehandelt habe, und hat dieser Bischof ihm, dem Inkulpaten, damit nicht am Ende das Stichwort gegeben für eine große zündende Apologie, wie Savonarola sie hielt, wie der todgeweihte Danton sie den Richtern entgegenbrüllen wird, wie sie jüngst Luther gelang, als er in zehn herrlich gestammelten Worten sagte, ?daß er da sei und daß Gott ihm nun helfen möge??

So war es doch mit anderen Angeklagten. Bockelson aber ... ist er denn nicht ein König, der über das Leben der Untertanen verfügte, Blut vergoß, von Gott die aus beschlagnahmtem Dukatengold geschmiedete Krone und von Gott selbst auch jedweden Rat empfing ... ja, ist es nicht Gott selbst, der nun aus Bockelson sprechen wird?

Nichts von alledem in diesen Stunden der Prüfung! Gott spricht nicht, Gott hilft zu keinem großen Wort. Keine Apologie, keine fulminante Rede, und nicht einmal würdevolles Schweigen. Mit zynischen Redensarten sticht er später, wenn man ihn im Lande als gefesseltes Menagerietier herumschickt, noch des öfteren um sich und gibt damit doch nur jene Zungenfertigkeit zu erkennen, um die der geborene Literat nie verlegen sein wird. Ein Wort aber, wie mans wohl erwartete, ein Wort, das durch die Gewichte der Wahrhaftigkeit auf die Knie zwingt, es wird nicht gesprochen. Und alles ? auch diese ewigen und allmählich ermüdenden Berufungen auf die inneren Gesichte ? all das war ja doch nur ein Theaterfeuer, über dem die Kessel des Massenwahns sich erhitzen konnten. Seht, es steht nun wirklich ein Nichts vor den Schranken. Ein Bastard mit dem ewigen Bastardressentiment und dem unstillbaren Geltungsbedürfnis der Mißratenen. Ein mundfertiger Literat, der mit dem Terror regierte und in der Zeit des Hungers seine Vorratskammern füllte und in der Stunde der Entscheidung sich versteckte ...

Ein hemmungsloser Psychopath, den die Geschichte eine Weile an den Hebeln ihrer großen Maschinerie herumspielen und viel groben Unfug anrichten ließ und den sie nun unbarmherzig zerfleischen lassen wird. Ich aber sagte schon eingangs, daß nicht der Mann selbst so interessant ist, sondern das, was er anrichten konnte in dem behäbigsten und besonnensten Winkel Deutschlands.

Im Herbst trennt man die Gefangenen, schafft Knipperdolling und Krechting nach Horstmar, Bockelson aber nach der festen Burg Bevergern, deren Garnison man für alle Fälle verstärkt hat. Später, auf das Ende zu, verhört man sie ein zweites und am Tage vor ihrem Tode in Münster ein drittes Mal, und schon hier seien, obwohl ich damit den Ereignissen abermals vorauseile, aus diesen Vernehmungen ein paar Einzelheiten vermerkt. Nein, sie wissen nichts von dem Gerücht, das man sich zuraunte ? daß sie, um die lästigen Esser loszuwerden, am Ende der Belagerung Gift in das Mehl getan hätten, sie wissen auch nichts von der vielberedeten Menschenfresserei im belagerten Königreich. Bockelson hat sich keineswegs selbst zum König gemacht, sondern ist dazu berufen worden; Knipperdolling, finsterer und trotziger denn je, hat keineswegs die Zerstörung der Kirchen selbst angeordnet, allenfalls nur dazu geholfen. ?Dan ? denn ? die Babilonische hoer ? Hure ? moest umgesturzt sin.? Und unter ?Babylonischer Hure? versteht Knipperdolling alles, was zum Katholizismus gehört. ?Het hie die pabstische und christliche ordnung vur ufrecht und gut geacht / er het die widerdoef und den nihen geloeven nit angenommen. Ist ock gefragt / war ? wofür ? hier die andern Christen halte. Sagt / er hielt sie dar fur / dar Got sie fur halt / und er wil by sinen geloeven leven und sterven.? Vorher war er noch gefragt worden, ob er nicht am Ende alle diese münsterischen Gesichte und Prophezeiungen für eine ?angerichte bovery? ... für aufgelegte Büberei und Schwindel gehalten habe. Worauf er antwortet, er hätte diesen Gesichten und Visionen kaum gehorcht, wofern er sie für Schwindel gehalten hätte. Alle diese Antworten werden wohlgemerkt auf der Folter gegeben, es gehörte zu ihnen also wohl einiger Mut und einige Verachtung von Quälerei und körperlicher Bedrängnis. Auf jeden Fall blieb er auch in dieser Stunde das, was er immer war. Verbohrt und käuzisch bis zur Schwelle der Psychose, im Grunde aber wohl ehrlicher als alles, was von Täufern in jenem Jahre in Münster zugezogen war. Daß er von jenem Typ war, der in Zeiten allgemeiner Unruhe immer schwere Erschütterungen über ein Gemeinwesen bringen wird, ist richtig. Verächtlich aber wird man ihn beim besten Willen nicht nennen können. Und die Geschichte wird von ihm ein helleres Bild zeichnen als von all den Prädikanten, die, wie jener liebe Rothmann, hinter der Fassade der Entrücktheit immer nur recht unvollkommen ihre pastorale Eitelkeit verbergen können.

Alle diese zuletzt wiedergegebenen Aussagen werden erst im Januar 1536, unmittelbar vor der Hinrichtung und teilweise sogar erst nach der drei Tage zuvor erfolgten Überführung nach Münster, erhoben. Vorher aber, also noch in Bevergern und in Horstmar, haben andere Protokollanten die Gefangenen besucht, und sie kommen freilich nicht, um ?in peinen? zu verhören, sie kommen vielmehr, um mit verirrten Menschen menschlich zu reden und sie, im Sinne der Zeit, aus den Irrgärten ihrer Seelen wieder in das helle Licht des Luthertums zu führen ...

Es sind die schon erwähnten Prediger Corvinus und Kymäus, die, wohl vom ?lieben Lips? hierher gesandt, sich den König vorführen lassen und dann auf ihre Weise mit ihm reden. Da also setzt Bockelson sich zu ihnen am Feuer nieder, klagt über die grimmige Kälte seines Kerkers und über seine Herzbeschwerden, will dies alles ?nach Gottes Willen mit Pazienz? ertragen, begegnet aber den beiden geistlichen Herren, die ihn sofort in ein theologisches Gespräch verwickeln und nachher ?beinahe Wort für Wort? an Georg Spalatinus berichten, nicht gerade in der rosigsten Laune ...

?Was mich betrifft und Kymäus, so haben wir es unternommen, den Überführten mit solcher Milde auf den Weg zurückzuführen, daß, wenn wir leibliche Brüder gewesen wären, wir es nicht liebevoller vermocht hätten. Mit dem Könige kamen wir zusammen in einer Unterredung über das Reich Christi, über die Obrigkeit, über die Rechtfertigung und die Taufe, über das Abendmahl, über die menschliche Natur Christi und über die Ehe. Schon über das irdische Reich Christi, welche Dinge, guter Gott, schwatzte er! Wie verdrehte er zugunsten seiner Träume die Schrift und wie erfüllte er die Räume mit seinen Worten. Du würdest es das dodonäische Becken nennen ...?

Und so weiter in jener schon vom anhebenden Barock geformten bilderreichen Sprache, der wir ja auch bei Kerssenbroch begegnet sind. Und was ist geschehen? Die überspitzte, heute uns so schwer verständliche Dialektik der damaligen Theologen ist auf die ein wenig trübe, ein wenig von nebulosen Wunschbildern erfüllte Welt des Leydener Rhetorikers gestoßen, und auf das eleganteste reden beide Teile aneinander vorüber ...

In der Frage der Vielweiberei beruft er sich zum Ärger der beiden Pastoren auf die Erzväter, und ?mit der gleichen Unwissenheit schwatzte er von der Obrigkeit, und obgleich er sie als eine Ordnung Gottes anerkannte, so billigte er doch die Auflehnung, wenn sie irgend etwas anderes befehle als Christus lehrt ? gestützt auf jenen Ausspruch des Petrus, man müsse Gott mehr gehorchen denn den Menschen. Als wir ihm antworteten, Gehorsam sei man zwar nicht schuldig der Obrigkeit, wenn sie wage, uns Christi Lehre zu nehmen, daß es aber deswegen Privatpersonen doch noch nicht erlaubt sei, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, da antwortete er ... ich weiß nicht was ... über die Tyrannei derer, die ihnen Anlaß zum Widerstand gegeben hätten.?

Und mit der gleichen Zungenfertigkeit hätte ja wohl um 1900 ein in den Rednerkursen der Sozialdemokratie geschulter Versammlungsredner aufgewartet.

In der Frage der Kindertaufe bleibt er unbelehrbar, und als man gar auf das heikle Kapitel des Abendmahles kommt und in einer beinahe bewunderungswürdigen Technik die beiden Prediger auf ihn mit den Florettklingen ihrer theologischen Dialektik einstechen, da geht der Disput vorerst zu Bruch. ?Der König antwortete jedenfalls: Wie es von meiner Seite euch freisteht, dieses oder jenes zu meinen, so duldet es auch, daß ich glücklich bin bei meiner Meinung.?

Womit im wesentlichen die erste Unterredung, die unter keinem glücklichen Gestirn stattgefunden hat, zu Ende gegangen ist. Bei Knipperdolling und Krechting vollends, zu denen die beiden geistlichen Herren sich begeben, machen sie noch schlimmere Erfahrungen und müssen verzeichnen, ?daß beide recht ungeschickte Antworten geben und keine Besserung zeigen?, und ?daß dieser Knipperdolling sich weit eher zu einem Gladiatorenkampf denn zu einer theologischen Disputation eigne?. Was wir nach allem, was wir von diesem streitbaren Tuchhändler wissen, gern glauben wollen. ?An Schlauheit und Gewandtheit der Rede kamen sie dem Könige nicht gleich, flößten uns aber noch größeren Ekel und Widerwillen ein. Wenn jemand eine Beschreibung dieses Knipperdolling wünscht ? Sallust hat über den Katilina nichts geschrieben, was nicht aufs genaueste auf ihn paßte. Seine Bösartigkeit und Verwegenheit tadelt selbst der König ...?

Mit Krechting aber, der die Kenntnis der Schreibkunst mit der Wiedertäuferei für unvereinbar befunden und sich daher bewußt zum Analphabeten zurückentwickelt hat ... mit diesem Krechting geht es keineswegs besser. ?An Trotz und Unruhe hat er offenbar einen gleichartigen Nachbarn gefunden. Diesen Ungeheuern überliefert ... guter Gott, welchen Unsinn, welch lächerliches Zeug, welche Widersprüche gegen die Schrift haben wir vernommen!?

So also mißglückt auch bei Knipperdolling und bei Krechting der geistliche Bekehrungsversuch, und die beiden Herren wären wohl wieder nach Hessen abgereist, wenn nicht in letzter Stunde sie ein Ruf Bockelsons erreicht hätte. Der aber will, wie er nunmehr verspricht, jetzt zugänglicher sein als das erste Mal, und sehr bald wird es auch offenbar, was ihn nun so gefügig macht.

Denn siehe, nun pocht an die Kerkertür schon jener unerbittliche Prediger, der da Tod heißt, und es ist der unbändige Lebenswille, der sich im Gefangenen regt, und die nackte Angst, die aus ihm schreit. Kam es aber in dieser zweiten Unterredung zur wirklichen Umkehr, zu jener ?Kathairesis? der antiken Tragödie?

?Wenn man ihn wollte in Gnade annehmen, wolle er mit Melchior Hoffmanns und seiner Königin Man sieht, daß Bockelson damals noch nichts von dem sechs Monate zuvor erfolgten Tode der Divara wußte. alle Täufer, deren denn in Holland, Brabant, Engelland und Friesland überaus viele seien, bereden zum Stillschweigen und Gehorsam, also daß sie hinfort keinen Aufruhr erweckten, sondern still und gehorsam seien und ihre Kinder taufen ließen?, und dies ist ja wohl, wenn nicht alles täuscht, angesichts des Schafotts der schmähliche Abfall von der eigenen Sache, das Dementi der eigenen Persönlichkeit, der Sturz in die Kloake der Schande.

Hier und in allen übrigen Punkten dieser zweiten Unterredung: ?Und wiewohl wir uns in Sachen des leiblichen Regimentes Christi, das nach seiner Meinung tausend Jahre währen soll, nicht haben vergleichen können, so hat er dennoch bekannt, daß das angefangene Reich zu Münster nur ein eitel tot Bild gewesen sei. Von der Obrigkeit aber hat der König bekannt, daß er sich unbilligerweise ihr widersetzt habe, und wenn er solchen Verstand zur selben Zeit gehabt, wie Gott ihm jetzt gegeben, wolle er es nicht getan haben. Von der Obrigkeit bekennt er, daß sie Gottes Ordnung sei, der man um Gottes willen gehorsam sein müsse, wenn sie gleich Türken und Buben wären.?

Soweit ist es nun mit Bockelson ...

?Er sagt auch, er wisse die Täufer zu überzeugen, daß sie nie recht getauft haben und deshalb schuldig seien, ihren Glauben im Herzen zu haben und ihre Kinder zu taufen.? Und dies ist vielleicht der jämmerlichste Satz, und von Rechts wegen hätten ja nun wohl alle die Münsterer Toten ... der Schmied Rüscher und mit seiner blutigen Schar der Waffenmeister Mollenhecke, Jan Matthys und Hille Feicken und alle diese verbrannten und geköpften Apostel in diese Zelle kommen und ihn fragen müssen, zu was ihr Leiden und Sterben eigentlich gut gewesen, nun sie der König, das Haupt der Gemeinde und der Höchste auf dem Berge Zion, verleugne. ?Und wiewohl wir größeren Glimpf denn vorhin bei ihm gefunden, so haben wir doch nichts anderes bei ihm vermerken können, denn daß er Errettung seines Lebens suchte.? Das berichten von dieser Unterredung die beiden Prediger, die der Vorsicht halber ? für die Behörden ? alle diese Erklärungen von Bockelson haben protokollieren lassen. ?Ick Johan von Leiden mit mynder eighene hand ondertekent.? Was leider nicht mehr hilft. Vor der Tür stand schon der Henker.

Es ist beinahe schon ein Wunder, daß bei dem ungeduldigen Drängen von Kleve und Köln die Hinrichtung erst jetzt, in der zweiten Januarhälfte, stattfindet und dem unglücklichen König noch Gelegenheit zu den eben geschilderten Gesprächen gegeben worden ist. Nun aber ist die Galgenfrist vorüber, und am 19. Januar werden die Gefangenen nach Münster übergeführt. Die Tage, die noch bis zum Schicksalsmorgen des 22. Januar verstreichen, werden noch ausgenutzt zu dem oben schon erwähnten Schlußverhör, wobei zu bemerken ist, daß Knipperdolling, von dem man scheinbar mehr über die auswärtigen Verbindungen der Stadt erfahren will, im Gegensatz zu Bockelson und auch zu Krechting in der Folter befragt wird.

Wozu des Tuchhändlers störrisches und wortkarges Wesen nicht wenig beigetragen haben mag, während den König wohl seine Zungenfertigkeit und Wendigkeit vor der Marter bewahrten. Was Bockelson angeht, so bejaht er auch freudig die Frage, ob man ihm einen katholischen Priester schicken solle, und empfängt am Tag vor seinem Tode den bischöflichen Kaplan Johann von Syburg, der ziemlich lange bei dem Verurteilten weilt. Kerssenbroch, der dem armen Schächer bis zum Schluß nicht wohl will, behauptet, der König habe bei dieser Gelegenheit dem Kaplan für die ? nach Bockelsons Meinung ja noch immer lebende! ? Divara einen mehr als seltsamen Auftrag mitgegeben ... einen durchaus obszönen und für die Ohren eines geistlichen Herrn kaum geeigneten Auftrag, den man auch nach vierhundert Jahren nicht gut dem Papier anvertrauen kann. Wir wollen lieber im ungewissen lassen, ob es wirklich so war. Kerssenbroch war auf die armen Sünder nicht gut zu sprechen und hat manchmal die Farben allzu dick aufgetragen. Und der geistliche Herr wird wohl so spezielle Dinge aus dem letzten Bekenntnisse eines Sterbenden nicht weitererzählt haben. Wir wissen, daß er tief erschüttert die Zelle verlassen hat. Tief erschüttert über die Reue dessen, der vor ein paar Monaten in Münster noch Herr über Leben und Tod gewesen war. Die anderen Delinquenten haben übrigens mürrisch den geistlichen Zuspruch abgelehnt und im Tenor guten Protestantentums erwidern lassen, ?es sei Gott sowieso bei ihnen in der Zelle, und eines anderen brauche es nicht?. Der König dagegen hat seinem besonderen Kummer darüber Ausdruck gegeben, daß er des Landgrafen von Hessen wohlgemeinten Rat ? er denkt wohl an den zur Jahreswende 1534/35 gepflogenen Notenwechsel ? so leichtfertig ausgeschlagen habe: wäre der Landgraf nun persönlich zur Stelle, er wollte ihn wohl kniefällig um Verzeihung bitten. Seine Meinung über die Kindertaufe und über die menschliche Natur Christi dagegen widerruft er nicht. Man sieht, daß er sich in der unmittelbaren Nähe des Todes endlich zu einer schlichten und geraden Haltung durchgerungen hatte.

Die Hinrichtung, der ja die eigentliche Verurteilung unmittelbar vorausgehen mußte, findet am 22. Januar, morgens um acht Uhr, statt. Vorher ist mit einer Kavalkade von dreihundert Reitern und mit den Kommissaren von Jülich und Köln der Bischof in die Stadt eingezogen, hinter ihm aber haben sich für die Dauer der Aburteilung die Tore hermetisch geschlossen, die Mauern werden doppelt scharf bewacht. Auf dem Markt tagt das Gericht, die Anklage lautet auf Verbrechen wider Gott und die Staatsbehörden, auf Verbrechen gegen Leben und Eigentum, auf Kirchenschändung, auf Zusammenrottung, auf Anmaßung der königlichen Würde. Da steht Bockelson, sieht drüben im Holthusschen Hause seinen alten Gegner, den Bischof, am Fenster thronen, sieht auch die beiden Feldöfen, auf deren Kohlenfeuer die Henker nun die Zangen glühend machen. Dem Richter gibt er zu, gegen die Obrigkeit sich vergangen zu haben ? ein Vergehen gegen Gott leugnet er. Die beiden anderen gestehen mürrisch ihre Schuld ein. Wenn diese armen Schächer nun ihre Augen erheben, sehen sie wohl auch schon die in Dortmund geschmiedeten und nach Münster geschafften eisernen Käfige, in denen man ihre zerfetzten Leiber noch an diesem Tag an den Lambertiturm hängen wird.

Den mittelalterlichen Strafvollzug belastet der moderne Mensch gern mit dem Vorwurf des Grausamen und Barbarischen, ohne sich, wie es wohl am Platze wäre, zu fragen, ob denn wirklich die sozialen Verhältnisse, wie in seiner Blütezeit sie der Kapitalismus herangebildet hatte, ob ein Leben in den Slums von Chicago oder das Erdulden einer Pressehetze von gestern wirklich von dem so oft behaupteten ?Fortschritt der Humanität und der Zivilisation? zeugen. Im vorliegenden Fall wird als erster Scheinbar hat man die Hinrichtungen zeitlich getrennt vorgenommen, so daß Bockelson als erster starb, die beiden anderen aber nicht Augenzeugen seiner Marterung und seines Todes waren. Bockelson an den Pfahl gebunden und dreimal mit den glühenden Zangen der Henker angefaßt. So, daß die Flammen aus dem Fleisch aufzucken und die gaffende Menge vor dem entsetzlichen Geruch zurückstiebt. Täuscht nicht alles, so hat Bockelson diese Marter, die nach einigen Berichten eine Stunde währte, ziemlich standhaft ertragen. ?Und derweil?, heißt es in einem zeitgenössischen Flugblatt, ?man den König also gemartert / hat er nichts geredt oder geschrihen / darnach aber stetigs mit solchen worten zu Gott gerufft: ?Vatter erbarm dich mein!? Täuscht nicht alles, so hat dann, wie später bei den übrigen Delinquenten, ein Dolchstoß in die Brust dem Jammer ein Ende gemacht. ?Do er aber seins lebens nit lang zu sein empfunden, riefft er: Vatter in dein Hend bevehl ich meinen geist! Und also sein ende genommen.? Als Knipperdolling auf die eigentliche Richtstatt geführt wird und die Vorbereitungen für die Tortur sieht, sucht er sich mit dem Halseisen, das man jedem von ihnen angelegt hatte, zu erdrosseln, wird aber von den Henkern an einem so raschen Abgang gehindert. Ein zeitgenössischer Berichterstatter hat den Eindruck, daß er sowohl wie Krechting, vermutlich wegen seiner Halsstarrigkeit bei den letzten Verhören ?swarer und dapperer mit den gloningen ? glühenden ? tangen angetastet worden / als de Koningk?. Knipperdolling stirbt nach Corvinus, der ja Augenzeuge der ganzen Prozedur gewesen ist, mit den Worten: ?Gott sei mir Sünder gnädig?, nur Krechting stöhnt und schreit: ?O Vater, o Vater!? Wie Corvinus giftig behauptet ?ganz gewiß unter großem Beifall und Vergnügen der Priester, an denen Münster immer sehr reich gewesen ist. Diesen fehlte zur vollen Freude nichts, als daß nicht auch die Lutheraner durch dieselbe Strafe hinweggeräumt wurden?. Das mag übertrieben gewesen sein, weil zumindest der Bischof Franz selbst dem Luthertum innerlich nicht ganz fern stand. Die verbrannten und zerrissenen Leiber werden in den drei bereitstehenden Käfigen aufrecht stehend an der Westseite des Lambertiturmes aufgehängt. Der König, wie es für einen König sich wohl ziemt, in einem etwas größeren in der Mitte. Der Gestank verpestet monatelang die Straßen der Stadt. Erst nach Jahr und Tag scheint man die Überreste entfernt und auf dem Schindanger verscharrt zu haben. Zangen und Käfige haben sich bis in unsere Tage gerettet. Dies ist das Ende des allerseltsamsten Königtums, das es je auf deutschem Boden gegeben hat.

Es ist auch das Ende der Massenpsychose, von der hier die Rede war, und was später in den Niederlanden, in England, ja im fernen Amerika auftaucht, was später der sanfte Menno Simons organisiert ? was hat das alles noch zu tun mit dem schwarzbärtigen Propheten Matthys und seiner gewalttätigen Häresie und seinem Erben Bockelson, der nun zerschunden und zerrissen und verbrannt am Lambertiturm hängt?

Es ist richtig, daß dieser auf Münster niedersausende Schlag nicht in allen seinen Schlupfwinkeln das streitbare Täufertum zertrat, es ist richtig, daß es in den Sekten des Jan Batheburg Die Batheburgische Sekte war nichts anderes als die geradlinige Fortsetzung der Bockelsonschen Gemeinde. Sie war die einzige, die, in Matthys und Bockelsons Spuren wandelnd, das Prinzip des Terrors und der Gewalttätigkeit vertrat. Batheburg wurde 1537 hingerichtet. Die übrigen Sekten waren durch Melchior Hoffmanns sanftmütigere Lehren bestimmt und warteten geduldig auf den automatischen Einsturz aller weltlichen Gewalten, die dem erträumten Gottesreich sich widersetzten., der Jorris und Ubbe in Friesland, Holland und auch in Westfalen unterirdisch noch eine Weile weiterlebte, und daß es so die Akten des Bistums Münster noch für ein volles Jahrhundert füllt. Mit Protokollen über die Terrorakte der Batheburgschen Rotte, mit Urteilen über spät ergriffene Teilnehmer der münsterischen Wirren, mit bischöflichen Mahnschreiben an die unterschiedlichen Magistrate des Bistums, es möge die Beamtenschaft haarscharf achtgeben auf Leute, die in Tracht und Gruß und geheimen Abzeichen als Täufer sich verrieten, und es mögen die Behörden auf der Hut sein vor Überraschungen im Stile des Jahres 1534 ...

Erst nach einem runden Jahrzehnt erhält Münster die ihm natürlich genommenen Privilegien zurück, der Kaiser schreibt inzwischen ungnädige Briefe, weil die Wiederherstellung der katholischen Religion nicht genügende Fortschritte macht. Ein Kaplan wird gemaßregelt, weil er von der Kanzel aus Zweifel am Dogma vom Fegefeuer äußert, und noch 1625, fast volle hundert Jahre nach Bockelson, erinnert der Generalvikar von Münster die Stadt daran, daß unter keinen Umständen den noch immer auftauchenden Wiedertäufern Wohnrecht zu gewähren sei.

Das alles ist richtig. So wie es richtig ist, daß es in Frankreich nach dem Thermidor noch eine Verschwörung des Gracchus Baboeuf gab, so wie Carlyle behauptet, es habe der Pariser Jakobinerklub insgeheim noch bis ins vierte Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts und darüber hinaus weitergelebt. Was will das alles denn noch bedeuten? Die Verschwörung des Baboeuf war eine Angelegenheit von wenigen Tagen, der Bürger Tallien war, als ihn im Dezember 1812 die Pariser Polizei gelegentlich einer Razzia in einer Dachkammer aufspürte, ein verkommenes und gebrochenes Individuum, und die Jakobiner von 1835, von denen Carlyle spricht, werden wohl einen geruhigen Stammtisch von behäbigen alten Herren mit stattlichen Bäuchen und stattlichen Bankkonten und großen Erinnerungen an alte glanzvolle Zeiten gebildet haben ...

So geht es mit den seelischen Massenerkrankungen. Wie Individuen haben sie ihre Jugend, wo sie die ganze Welt aus den Angeln zu heben scheinen und unwiderstehlich sind wie zürnende Erzengel ...

Und sie haben ihre Zeit, wo der Ansteckungsstoff stumpf wird und wo in den Halluzinationen wieder die ersten Pfosten der Wirklichkeit auftauchen und die Befallenen langsam sich zurücktasten in die Welt nüchterner und gesunder Realitäten.

Sie gleichen auch darin körperlichen Erkrankungen, daß ihr Abwehrfieber um so höher klettert, je jünger und kräftiger der befallene Organismus ist und daß es im Anfang immer so scheint, als wolle das Fieber den ganzen Leib des Kranken verbrennen. Ist die Krise überstanden, so sind die Wahnbilder und Delirien dem Kranken selbst unverständlich und achselzuckend geht er daran, sie hinter sich zu werfen. Wo aber sich ein so junges Volk wie das deutsche des späten Mittelalters so schwer mit dem ihm fremden Gedankenvirus der Renaissance, der Entgottung, der ?Versachlichung? des Denkens und des anhebenden Kapitalismus infizierte: wie konnte es da wohl abgehen ohne die beiden großen seelischen Fieberkrisen, die da Bauernkrieg und münsterisches Zion heißen?

Wir werden vielleicht überhaupt guttun, die Keime der ganzen Bewegung nicht so in den religiösen, wie eben in den antikapitalistischen Problemen, nicht so in den umstrittenen theologischen Fragen, wie in den trüben sozialen Wünschen der spätmittelalterlichen Massen und in ihrer Erfüllung durch den münsterischen Kommunismus zu suchen. Nicht der religiöse Monomane Knipperdolling hat die Vorgänge bestimmt, sondern der der Unterwelt entstiegene Bockelson, der ja, wie wir sahen, noch in seinen letzten Lebensstunden für sein Leben bereitwillig die Kalmierung des ganzen Täufertums anbot. Nicht die religiösen Gesichte und Halluzinationen waren die Motive dieser ersten Räterepublik, sondern es kam auch zu diesen Produkten der Massenhysterie nur, weil die Zeit in ihrem gesamten sozialen und ständischen Gefüge außer Rand und Band geraten war. Daß unter diesem Hexenkessel ein großer politischer Gangster seine Feuer schürte, war das unselige Schicksal dieser Stadt, die das alles schwer genug hat bezahlen müssen.

Wir stehen heute, genesend vom neunzehnten Jahrhundert, dem Ding, das man gemeinhin ?Renaissance? nennt, anders gegenüber als noch unsere fortschrittsgläubigen Väter, wir beginnen uns zurückzufinden zu der Weisheit, daß die Landschaft gleichbedeutend mit dem Schicksal eines Volkes ist und daß die tödlich sich auswirkenden Eiterabszesse sich nur dort entwickeln, wo ein Volk ?gegen die Geographie? zu leben versucht.

Mit all ihren großartigen Fanalen war die Renaissance für Deutschland ja doch gleichbedeutend mit dem Einbruch eines fremden Lebensgefühles, sie hat dieses münsterische Teilgewitter ausgelöst und in ihrer gesamten Auswirkung vier Jahrhunderte deutscher Geschichte wo nicht verfälscht, so doch getrübt und verwirrt.

An den feinsten Barometern der Zeit heute ihr mähliches Abebben ablesen zu dürfen, bedeutet jene große Hoffnung, die die Hoffnung einer leidensbereiten und genesenden Generation sein mag.

Literaturverzeichnis

1. Hermann von Kerssenbroch: Anabaptistici furoris Monastium inclitam Westphaliae Metropolim evertentis historica narratio. (Kommentierte Ausgabe Detmer, Geschichtsquellen des Bistums Münster, Band VI, Münster 1899.)

2. Fässer: Geschichte der Münsterischen Wiedertäufer. Münster 1852.

3. Geschichtsquellen des Bistums Münster, Band I, Die Münsterischen Chroniken des Mittelalters. Herausgegeben von Dr. Julius Ficker.

4. Ebenda, Band II, Berichte der Augenzeugen über das Münsterische Wiedertäuferreich. Herausgegeben von C. A. Cornelius. Münster 1853.

5. Ebenda, Band III, Die Münsterischen Chroniken von Röchel, Stevermann und Corfey. Herausgegeben von Dr. Johann Janssen.

6. Niesert: Münsterische Urkundensammlung, Band I. Coesfeld 1826.

7. Nuedecker: Urkunden aus der Reformationszeit. Cassel 1836.

8. Corvinus: Acta ? Handlungen ? Legation und schriffte etc. 1536.

9. Gespräche und Disputation Antonii Corvini und Joannis Kymei mit dem Münsterischen König 1536.

10. Ranke: Deutsche Geschichte usw., Band III.

11. Hammelmann: Ecclesiaticae de renato evangelio et motu postea incepto in urbe Monasteriensi explicatio brevis.

12. Bolandus: Motus Monasteriensis. Cöln 1546.

13. Briefe Lening und Fabricius an den Landgrafen von Hessen 1533 (Archiv zu Cassel).

14. Henricus Dorpius: Wahrhaftige Historie, 1536 (Ausgabe Merschmann, Magdeburg 1847).

15. Kurtze historia vom anfang, mittel und ausgang des königreiches zu Münster, 1536.

16. Des Münsterischen königreiches und wiedertäuffer an- und abgang. 1536.

17. Der gantze handel, Flugblatt. Münster 1536.

18. Historia der belagerung und eroberung der stat Münster, 1535.

Bei den Zitaten aus den Münsterischen Propagandaschriften wurde stellenweise auf die in der Löfflerschen Dokumentensammlung »Die Wiedertäufer zu Münster«, Jena 1923, zurückgegriffen.


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