Bockelson

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Gladius

Mit unserem schwarzbärtigen düsteren Propheten aber nimmt es ja nun leider ein vorzeitiges und nicht sehr seliges Ende. Als Gast auf einer Hochzeit nämlich wird er gerade da, als der Braten aufgetragen werden soll, vom Geiste erfaßt, wirft sich der Länge nach über den Tisch, schlägt mit Händen und Haupt auf die Tischplatte, ?recht, wie dat hei sterven sol?. Aber ?hei stervt? heute noch nicht, hat eben nur gerade einmal eine seiner gelegentlichen Unterhaltungen mit Gottvater und sagt, als der Anfall zu Ende ist, ?nicht wie ich, sondern wie du es willst?.

Dann sagt er noch ?Gottes Frieden mit euch allen? und empfiehlt sich nebst seiner Gattin und geht. Am anderen Tage äußert er noch die Absicht, mit einem kleinen Häuflein und schwacher Kraft wie David den goliathstarken Feind zu vertreiben, nimmt sich zehn oder zwölf seiner Getreuen mit, verläßt die Stadt durch das Ludgeritor und geht auf die Bischöflichen los. Die aber haben nicht das geringste Verständnis für diesen davidischen Heldenmut, greifen an und zersprengen die kleine Schar völlig. Den Propheten durchbohrt zunächst ein Spieß, Hellebarden zerhacken ihn dann völlig. Der Kopf wird ihm abgeschlagen. Den Rumpf zersäbeln die Landsknechte des Bischofs in hundert Stücke und ?schmeten sich damit? und rufen dabei den auf dem Walle stehenden Städtern zu, sie sollen sich gefälligst ihren Bürgermeister wieder zusammensuchen ? denn sie wußten es nicht, daß sie den Vertrauten Gottes selbst getötet hatten. So endet Jan Matthys, Bäckermeister zu Harlem und Prophet zu Münster, und seine Geschlechtsteile nageln in der Nacht die Landsknechte ans Ägiditor.

Das ist ja nun ein schwerer Verlust, denn ?es hielten die Hollanders, Freesen, Prädikanten und Wiederdoepers von diesem Matthys mehr / denn von Got?. Unersetzbar aber ist der Verlust doch schließlich nicht, da wir ja in unserer Mitte den uns seinerzeit von Matthys selbst gesandten Mann namens Bockelson haben. Woher er kam, ist hier schon gesagt, wie er lebte und wohin es mit ihm ging, wird noch gesagt werden, und festgestellt darf zunächst sein, daß sofort mit seinem ersten Auftreten als repräsentativer erster Prophet die Massenhysterie wieder sich regt und fortan zu Paroxysmen sich steigert, wie sie nicht einmal im Februar konnten verzeichnet werden.

Seine erste Ansprache an die Gemeinde hält sich keineswegs an das übliche Schema von der Ausrottung aller Gottlosen und der alleinigen Berufung der Heiligen Stadt Münster. Er arbeitet mit einem kräftigeren Mittel: ihm, Bockelson, sei schon acht Tage vor dem eigentlichen Ereignis Jan Matthys Tod offenbart worden, der Tote ? und damals eben noch Lebende! ? sei ihm mit seinem aufgeschlitzten Leibe in Begleitung eines Bewaffneten erschienen, der Bewaffnete aber habe ihm offenbart, er solle sich nicht fürchten und auch nicht erschrecken, wenn Matthys binnen kurzem so aussehen würde und stürbe ...

Er solle dann vielmehr sein Nachfolger werden und auch Matthys hinterlassenes Weib heiraten. Er, Bockelson, habe sich einigermaßen gewundert, weil er ja ein rechtmäßiges Weib schon daheim in Leyden sitzen habe, trotzdem werde nun ja wohl nichts anderes übrigbleiben als der Stimme Gottes, die zu ihm gesprochen, nachzugeben.

Also Bockelson. Gleichzeitig beruft er sich auf Knipperdolling, dem er diese Vision, damals, also acht Tage vor Matthys Tode, mitgeteilt habe, gleichzeitig bestätigt ihm Knipperdolling vor der erstaunten Gemeinde dies alles Angeblich, nach Kerssenbroch, widerruft er später auf der Folter diese Bestätigung und gibt an, er habe damals gelogen. So Kerssenbroch. Ich habe in den Vernehmungsprotokollen einen solchen Widerruf nicht gefunden.. Der Erfolg der Rede aber ist jedenfalls ungeheuerlich, er ist in diesem Ausmaße von dem toten Matthys nie erzielt worden. Mit dem üblichen Geschrei ?O Vater, gib, gib? beginnt man auf dem Friedhof der Grauen Mönche, wo diese Rede gehalten worden ist, zu tanzen; die Männer ziehen ihre Schwerter, die Weiber lösen ihr Haar auf und entblößen den Oberkörper ... alles beginnt, in die Hände zu klatschen und nach dem Takte des Geschreis zu tanzen. Daß dabei am Himmel für alle Anwesenden Gottvater zu sehen ist, wie er sich von dem rhetorischen Erfolg seines Propheten überzeugt, ist beinahe schon selbstverständlich. Und ?dieselven frouwen und megde, die so gedantzet hebben, die waren so bleich und so wiet in ihr angesicht / wo dat sie weren dodet gewest. So hedden sie sich ensat in dat angesicht, gliek wie doten.?

Seither also ist Bockelson der repräsentative, von Gott gesandte Prophet und Herr der Stadt, er wird, wie Kerssenbroch berichtet, noch tiefer verehrt als Matthys selbst. Und da es nun zur Abwechslung an Knipperdolling ist, Visionen zu haben, so befiehlt anfangs April Gottvater ihm, dem Staatshenker, es seien, damit alles Hohe erniedrigt werde, sofort sämtliche Kirchturmspitzen der Stadt abzutragen. Was denn mit Hilfe von geschickten Zimmerleuten und unter Anwendung von Winden nach vorheriger Durchsägung des Gebälkes auch gelingt: mit gewaltigem Getöse sausen die kupfer- und bleigedeckten Turmspitzen in die Tiefe und zerschellen in ungeheuren Staubwolken, und widerspenstig ist nur der Martiniturm, wo das Werk nicht recht vorwärts kommt. Die Spitze biegt sich nur ein wenig aus der Lotrechten heraus, hängt gefährlich über der Kirche und der Stadt, und ein Zimmermeister, ebenfalls von göttlicher Eingebung bestimmt, macht sich anheischig, das Werk zu vollenden. Mit Steigeisen in dem weichen Kupferbelag der Turmspitze sich festkrallend, klettert der Mann, um ein Zugseil an der äußersten Spitze zu befestigen, das steile Dach hinan, saust aber mit dem plötzlich nachgebenden Oberbau in die Tiefe. Die Turmpyramide fällt auf das Kirchenschiff, durchschlägt das Gewölbe, begräbt unter ihren Trümmern auch den von Gott heimgesuchten Meister, und erst nach Einnahme der Stadt wird sein Skelett, noch mit den Steigeisen an den Fußknochen, im Kircheninnern gefunden.

Inzwischen aber wird es Ernst mit der Belagerung, und man fühlt die beginnende Abschnürung und beginnt, dieser kleinen isolierten Stadtwelt ihren Ausnahmezustand zu schaffen. Vergegenwärtigt man sich diese Maßnahmen, liest man gleichzeitig die Druckschriften, die die Stadt damals zur propagandistischen Zersetzung der bischöflichen Söldner drucken ließ und ins feindliche Lager schmuggelte, so scheint zunächst, daß der bescheidene Vorrat an Vernunft, der nach dem Ausbruch dieser Massenpsychose noch übrigblieb, sich restlos in diesen Propagandaschriften verbrauchte und daß der Rest sektiererische Verschrobenheit und Amoklauf war.

Aber es scheint eben nur so, und de facto wird dahinter ein sehr zielbewußter Wille sichtbar, der die Massenhysterie sich zunutze machte und einem hergelaufenen Schneider die Herrschaft nicht nur über Münster, sondern womöglich über das ganze Reich sichern wollte. Vorerst sind es sozusagen die Maßnahmen des ?totalen Krieges?, auf die wir stoßen. Die Handwerker der Stadt ? für jeden Gewerkszweig namentlich aufgeführt ? werden sozusagen zu beamteten Kriegslieferanten erklärt, niemand außer den staatlich approbierten Fischmeistern Kerkerinck und Hermann Redeker darf fischen, Gewandschneider sind Bernhard tor Moer, Bernhard Glandorp, Heinrich Edelboit. Als Wallmeister fungieren Wordemann und Deventer, als Tierärzte Johann Krechting und Eberhard Follen ... Heinrich Mollenhecke und Bernhard Gewandschneider sind unsere Büchsenmacher, Menncken ist Chef über die Gewürze, Krechting verwaltet neben seinen tierärztlichen Obliegenheiten noch die ?Kriegsstelle für Öle und Fette?; Stephan Kupperschlaeger aber den lieben Alkohol ...

Niemand soll Schwangeren Fischnahrung verweigern, niemand zerrissen oder zerschnitten Gewand tragen, niemand darf fremde Tracht anlegen, niemand sich mit den in die Stadt kommenden Überläufern in ein Gespräch einlassen, er hat sie vielmehr sofort zum Verhör vor unseren Scharfrichter und Gerichtsherrn Knipperdolling zu bringen. Und im übrigen soll jeder münsterische Israelit, denn diesen Volksnamen haben wir in toto uns zugelegt, die Schriften streng befolgen, und demgemäß sind alle diese Verordnungen, in denen nachgerade noch eine Vorschrift über das Hundeflöhen fehlt, mit Bibelstellen eingeleitet und mit Bibelstellen beschlossen, und Bibelstellen begründen allenthalben, weswegen derjenige den Kopf durch Schwertes Gewalt verlieren soll, der unsere Obrigkeit bekrittelt oder an den vorgesetzten Speisen der gemeinsamen Mahlzeiten herummäkelt. Man sieht, es ist ein seltsames Gemisch von Altem Testament und Kriegswirtschaft ex 1916, es ist ein bißchen Calvin und vorweggenommener Cromwell dabei, es ist alles das verrührt mit Angst vor dem Bischof und münsterischem Lokalpatriotismus, und allenthalben blitzt im Hintergrunde Knipperdollings Richtschwert über allen, die nicht mitmachen wollen.

Es ist, mit den Augen der Machthaber gesehen, auch durchaus notwendig, daß es so ist, da die Absperrung nun doch schon fühlbar wird. Der Bischof hat zwar, da seine Herren Landsknechte die Lebensmitteltransporte auszuplündern belieben, Mangel in seinem Lager, nicht wenige laufen über in ?Gods own city?, und er hat, um diesem Unfug zu steuern, Galgen errichten lassen müssen. Aber die Blockhäuser und Lager sind nun durch Erdwerke verbunden und noch schwerer bestückt als zuvor ... wie soll es eigentlich werden, wenn Zion alle seine Öchslein und Schweindln, sein Mehl und seinen guten westfälischen Speck wird aufgezehrt haben?

Ja, wie soll es werden ? ist es nicht am Ende besser, solch traurige Gedanken nicht einmal aufkommen zu lassen? Vorerst ist es ja auch noch ein halbwegs gemütlicher Grabenkrieg mit gegenseitiger Neckerei. In der Stadt feiert man den Karfreitag, allen christlichen Gebräuchen entgegen, mit Glockengeläute und einem Ulk, bei dem man eine alte Stute, der man die von Philipp von Hessen erst im Vorjahr erwirkten protestantischen Privilegien an den Schwanz bindet, ins gegnerische Lager treibt und einen zweiten Gaul, auf dem mit Bischofsmütze und Ornat eine Strohpuppe sitzt, hinterherjagt. Die Landsknechte aber halten die Strohpuppe für ihren bischöflichen obersten Kriegsherrn und ?da was der man up dem pert nur ein gemaksel von stro und hosen und wambs und da worden die landsknechte tornich und up der porten standen die predicanten und propheten und hebben gelachet ...?

Was vielleicht insofern doch erfreulich ist, als es doch wenigstens von Restbeständen des im Gottesreich ansonst zu kurz gekommenen Humors zeugt. Außerdem aber steht man hüben und drüben schimpfend auf den beiderseitigen Wällen, und die Soldaten revanchieren sich, indem sie, mit heruntergelassenen Hosen und mit dem blanken Allerwertesten fernhin leuchtend, in niederträchtiger Nachahmung münsterischen Prophetenjargons ?Vater, mich begehrt nach deinem Fleische? rufen. Bis es den Heiligen auf der Mauer zu bunt wird und sie auf einen Jungen, der ihnen mit solch unziemlichem Geschrei wieder einmal den Hintern zeigt, ihr Kanonenfeuer richten ...

Worauf der Junge von einem Volltreffer so arg zerrissen wird, daß man seine allenthalben verstreuten Glieder nicht mehr zusammenlesen kann. Wofür die Bischöflichen dann bei passender Gelegenheit den münsterischen Kaminkehrer Bastwilhelm ? Infunibulorum rasor heißt in Kerssenbrochs mittelalterlichem Latein dieser sonst in der Antike nicht vorgesehene Beruf ? erwischen, als er ? auch er übrigens auf Geheiß einer göttlichen, in der Nacht gehörten Stimme ? nach Wolbeck geschlichen ist, um dort eines der bischöflichen Munitionsdepots anzuzünden. Es brennt in Wolbeck ganz hübsch, es wird der Brand aber gottlob rechtzeitig gelöscht. Den Kaminkehrer aber brennt man dafür mit der gleichen raffinierten Henkertechnik zu Asche, mit der die Ritter vor zehn Jahren den Jäcklein Rorbach, den Haupträdelsführer bei der Ermordung des Grafen von Helffenstein, zu Tode brachten: indem man ihn an kurzer Kette an einen Pfahl bindet und in gemessenem Abstand Holzklafter anzündet. Das Opfer läuft nämlich dann, langsam geröstet, im Flammenkreis herum, bis es eben zu Tode gebraten ist, und in diesem Falle künden noch alte Verse von Tat und Sühne:

Bast Wilhelm heft dat stedlein Wolbeck angestecken
Got moste davon seine live trecken.
He is verbrandt und heft sinen lohn entfaen
Danach als hei hedde dem stedtlein Wölbeck gedaen.

Und über die Absichten, die der Bischof auch für die übrigen Bürger der Heiligen Stadt im Busen hegt, kann jedenfalls kein Zweifel mehr bestehen, und weil es so ist und weil schließlich alle diese frommen Fouriere und Proviantmeister auf die Dauer nichts mehr werden zu verwalten haben, deswegen besinnt sich Münster auf das einzige Mittel, das auf lange Sicht helfen kann. Die Nachbarn, das platte Land, vielleicht die holländischen Provinzen, vielleicht gar das ganze Reich und vor allem die Soldaten des Bischofs von der Gerechtigkeit der eigenen Sache zu überzeugen. Propagandistische Die hier nachfolgende Druckschrift ist auszugsweise wiedergegeben. Zersetzung des Gegners heißt also das Mittel.

Allen Völkern, die Münster, Gottes allerchristlichste Stadt bedrohen. Milde und Erbarmen und Friede von Gottvater durch der Welt Erlöser Jesus Christus wünschen wir allen Frommen, Wohlgesinnten und denen, die die christliche Wahrheit lieben.

Höret ihr Völker, vernehmt ihr Jungen und ihr Greise, die ihr unsere Stadt umzingelt habt: da wir nicht nur Friede, sondern auch Bruderliebe in Christus von ganzem Herzen wünschen, wie wollt ihr es da vor den Frommen, geschweige denn vor Gott verantworten, daß wir gegen das geschriebene Gesetz ohne Kriegserklärung von euch mit gewalttätiger Belagerung bedrängt und von euch hingeschlachtet werden? Den Gerechten hilft Gott! Daß wir euch dieses Schreiben schicken, das geschieht, merkts euch, aus folgendem Grunde. Wir hoffen nämlich, daß unter euch viele sind, die Gott und ihren Schöpfer lieben und die lieber den Tod leiden, als daß sie ohne Kriegserklärung und ohne Recht, ohne Gott und ohne die geliebte Wahrheit um des lieben Geldes willen Krieg führen! Wir glauben, daß es unter euch Männer gibt, die, durch Lügen verführt, unsere Feinde geworden sind und nun glauben, sie täten, indem sie die Waffen gegen uns führen, ein Gott wohlgefällig Werk. Damit aber ein jeder von euch genau wisse, was er damit anrichtet, wollen wir euch kurz über unsern Glauben unterrichten und auch über unser Leben. Unser Glauben gehört dem einen lebendigen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, wie das die Heilige Schrift ja des langen und breiten auseinandersetzt. Wir wissen also und glauben: es liebt der ewige Gott, die ihn fürchten und auf seinen Wegen wandeln, wie er alle Übeltäter erschrecklich haßt. Da wir also an Gott glauben und wissen, daß er die belohnt, die ihn suchen und auf seinen Wegen wandeln, so halten wir es mit unserem Leben vor Gott also, daß wir keinen Übeltäter in unserer Mitte ungestraft lassen und noch viel weniger solch ungeheuerliche Freveltaten, wie man über uns zusammenlügt, nachsehn und geschehn ließen. Darüber hinaus wollen wir gern das Vierfache ersetzen, wenn wir je einen anderen als den Teufel und sein Gefolge betrogen hätten. So ist unser Glaube, so unser Gesetz, so unser Leben. Unsere Zuversicht ist Gott, er ist unser Schutz und Schild, wir wollen seinem Willen gehorchen im Leben wie im Sterben. Deswegen fürchten wir auch nicht den Antichrist und seine Pfaffen, die Mönche und die List des Teufels samt seiner ganzen Kohorte; Unser in Christus begründetes Leben beginnt erst dort, wo dieses sterbliche Fleisch seine Sterblichkeit ablegt. Dann eben werden diese Feinde, die nun wider Christus und seinen Stachel löcken, geschlagen und verworfen werden.

Deswegen also bekehrt Euch und erkennt, solange es noch Zeit ist, Eure Irrtümer, damit Ihr nicht selbst in die Grube fahrt. Wir wünschen aller Menschen Einkehr, damit sie samt uns geheiligt werden. Darüber aber, was die Menschen uns wünschen, mag Gott als Richter befinden. Nehmt denn dies hin als eine freundlich gemeinte Ermahnung und hütet Euch, unseren wohlgeübten alten Führer zu reizen. Alle Feinde Gottes nämlich achten wir nicht anders denn Spreu und Staub, und sicherlich wirds ihnen schwer werden, wider den Stachel zu löcken, und sie werden hineingezogen in Gottes Gericht.

Wenn Ihr dieses unser Glaubensbekenntnis für unwahr haltet, wollen wirs gern erlauben, daß eine von Euch zu bestimmende Menge der Euern, wie Ihr sie auserwählen mögt, herüberkomme, und die prüfe.

Denn Gott allein weiß, wie wir nur sein Reich wünschen.

Geschrieben zu Münster, in des höchsten Gottes Stadt, am achten
April 1534 nach Christi Geburt.
Die Ältesten
und Christi gesamte Gemeinde und Bruderschaft,
versammelt zu Münster.

Solche Traktätchen fliegen, an Pfeile und Schleudersteine gebunden, nun täglich ins bischöfliche Lager und verfehlen ihre Wirkung keineswegs. Denn nicht wenig fromme Knechte lassen sich davon überzeugen, daß drüben hinter Münsters Mauern so etwas wie ?Gods own country? zu finden sei und laufen einfach über. Mit der leichten Einnahme des ?Dörfleins? ist es nichts, und lieber heute als morgen zöge aus den bischöflichen Laufgräben der gemeine Mann wieder davon. Und das Schlimmste ist vielleicht, daß das alles so lange andauert und auch so schrecklich viel Geld kostet, und daß draußen im Lande die Bürger den Landsknechten, die Seiner Gnaden zuziehen wollen, ein ganz furchtbares Wort zurufen, wie es einmal der Droste von der Recke zufällig hört und sofort amtlich weitergibt: ?Wat wultu dem amechtigen ? machtlosen ? und luzigen biskope deinen de heft gin gelde.? Und wie war es denn in unseren eigenen Tagen? Versammelte sich nicht anno 1919 gegen genau solch aufbegehrenden und dem lieben Münster nicht ganz unähnlichen Staat mit all ihren Kriegsmaschinen die halbe Welt ... stand damals nicht Denikin nur einhundertundfünfzig Kilometer vor Moskau und stieg nicht schon Koltschak die Uralhänge hinab, und wurden dann nicht alle diese Heere hinter dem Rücken der Führer vergiftet durch eben diesen Trank, der da Propaganda heißt?

Die drinnen merkens natürlich, wie es beim Belagerungsheer steht und zücken es noch oft, das papierne Schwert.

Kann aber dieses Schwert nicht zum Zauberstab werden, der Berge versetzt, kann es für die Ohren der draußen Stehenden nicht den Schlachthof zum Blumengarten, die Galeere zum sonnigen Ruheplatz, den Hurenstall zur Gelehrtenklause umlügen? Wodurch siegte das Frankreich von 1794 und wer schmuggelte ostwärts über den Rhein jenes uniformlose Heer von Libertinern, das bis vor kurzem auf unserem Boden stand und so elegant und so geräuschlos alles verdarb, was auf diesem Boden sich den ein wenig schal, ein wenig verstaubt, ein wenig vermottet gewordenen Ideen Rousseaus noch widersetzte?

Was damals in Münster gedruckt wird, ist durchaus darauf berechnet, alle die Blocksbergsorgien der Heiligen Stadt als ?halb so schlimm? und die Tanzenden als im Grunde ganz biedere Leute erscheinen zu lassen, und nur um diese Propaganda und die Tatsachen miteinander zu vergleichen, wollen wir, ein wenig nur, hineinleuchten in diese Blätter ...

?Wir glauben und bekennen, daß Jesus Christus der wahrhaftige Sohn Gottes sei ... wir erkennen ihn als unseren Herrn, wir wollen es lieber mit der ganzen Welt als mit ihm verderben und lieber uns alle schlachten lassen, als daß wir mit ihm brechen ...?

So ungefähr in kürzestem Exzerpt. Sehr schön, ihr lieben Männer von Münster, wir hier draußen verstehen eben dann nur nicht, warum ihr alle seine Bilder zerstört habt im Dom, wo ihr doch alle alttestamentlichen Propheten und Richter und Urväter stehen ließet ... wir verstehen erst recht nicht, weswegen ihr dann euern Leuten immer nur mit dem Alten Testament und nie mit Gottes eingeborenem Sohn daherkommt. Aber weiter ...

?Wir glauben nicht, daß er von Maria irdisch Fleisch hat übernommen.? Das aber sollt ihr mit den zünftigen Theologen disputieren ? uns interessiert das heute gerade soviel wie die Frage, ob ihr euch auf die Taufe der Erwachsenen versteift oder nicht ... uns liegt heute etwas ganz anderes am Herzen, und es ist die Frage aller sündigen Kreatur: ja, wie haltet ihr es eigentlich mit der Erlösung und mit der Vergebung unserer Sünden?

?Es gefällt uns keineswegs, was die Lutheraner und Papisten von den Werken, diesen Früchten des Glaubens, sagen. Die Papisten nämlich machen wenig Aufhebens von dem einen und von dem andern und denken nur an jene erlogenen guten Werke, die ihr Götze, nämlich der römische Antichrist, getan haben soll. Die Lutherischen aber reden zu viel von ihrem Glauben und denken zu wenig an die guten Werke, und Früchte werden bei ihnen nicht gefunden, sondern Hurerei, Saufen, Fressen und was sonst des Fleisches ist.?

Könnte so nicht auch Calvin gepredigt, könnte nicht eine ähnliche, wenn auch mit dem Wortfeuer von 1793 geheizte Stichflamme der Trefflichkeit auch dessen letzter Nachfahr Robespierre auf den Convent losgelassen haben? Aber weiter, immer weiter ...

?Wir wissen, daß wir Kinder des Zornes sind und daß wir nur gerechtfertigt werden können durch den Glauben an Jesum Christum. Aber mit dem Glauben, er sei für uns gestorben, ist noch nichts getan und gar so leicht läßt sich Gottes Reich nun einmal nicht erobern, und geschrieben steht: »Das Reich der Himmel leidet Gewalt und die Gewaltigen nehmen es.«?

Hört man nicht hier, sei es auch aus dem Grabe, die Stimme jenes gewalttätigen Propheten Matthys, der im Februar, wäre er nicht daran gehindert worden, am liebsten alle Altgläubigen in Münster, Lutheraner wie Katholiken, geköpft hätte?

?Es ist wahr, daß wir durch den Glauben an Christus Vergebung der Sünden erlangen, aber eben doch nur so, daß wir hinfort nicht mehr sündigen. Denn kehren wir uns nach erkannter Wahrheit wieder der Sünde zu, so wäre es ärger als das erstemal und wäre es besser, daß wir die Wahrheit nie erkannt hätten. Darum wird mit Fleiß bei uns darauf gesehn, daß keine Sünde geschehe. Geschieht es aber dennoch, daß Jemand in Sünde verfällt, so wird er nach der Schrift gestraft und gerichtet.?

Gewiß, und deswegen stellt ihr den armen Smoeker, der sich das Leben bei euch sicherlich gemütlicher vorgestellt hatte, wegen einer betrunkenen Szene gleich an die Wand, deswegen habt ihr den Schmied Rüscher, der euern Propheten unfreundlich kritisierte, unbarmherzig mit der Hakenbüchse durch den Leib geschossen, und deswegen bedroht ihr Quisquillien, sei es auch nur eine alberne Mäkelei, mit dem Tode.

Und verschweigt mit all euern sonstigen biederen Grundsätzen über Ehe und häusliches Leben, daß ihr, um die Herrschaft von Moses und die Propheten zu sichern, weit weniger mit der Bibel als eben mit dem Richtschwert regiert, und verschweigt eure Heldentaten im Dom und verschweigt jenes Böotiertum, mit dem ihr alles vernichten wollt, woran in Freuden des Menschen Herz hängt. Einmal waren doch auch eure Propheten Kinder, einmal wußten sie, daß es auch so etwas wie Jauchzen und Lachen gibt und daß die Welt noch etwas anderes ist, als eine Hohe Schule der Trefflichkeit und daß ihr Schöpfer das Lachen seiner Kreatur eigentlich doch gern hört und daß er sie gern straucheln und fallen läßt, damit sie sehen, wie hoch er selbst thront, und damit sie sich nach seinen Höhen sehnen.

Gewußt haben sie das alle doch einmal, diese düsteren Propheten. Aber sie haben es vergessen, und sie wurden hochgetragen von einer Welle der Massenhysterie, und nun soll nach ihrem Willen die ganze Welt solch graues sinaitisches Narrenhaus werden wie Münster. ?Wer da sagt, er kenne Gott und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in solchen ist keine Wahrheit?, steht als Motto unter der eben zitierten Täuferschrift. Aber, ihr armen Eintagsfliegen, kennt ihr denn Gott wirklich so genau und seid ihr gar so sicher, daß er immer nur der strenge und eifernde Gott des Sinai sein will und daß er gar so wohl sich fühlte in eurer trübseligen Trefflichkeit? So aber, in euern Monomanien, druckt ihr Traktat auf Traktat und sendets hinaus in den lachenden Frühling 1534 und stellt den Bischof als Friedensstörer hin und verschweigt geflissentlich, daß ihr, wäre dieser Belagerungsring wirklich je durch euch gesprengt worden, kaum stille sitzengeblieben wäret auf euerm münsterischen Berge Zion ...

Sondern es wäre eure Welt übergeschwappt wie eine Schüssel schwerer Galle, und siehe, sie hätte damit das ganze Reich überflutet.

Die Lage des Bischofs in diesem Sommer 1534 erinnert an die der deutschen Heere im Spätherbst 1870 vor Paris, und beide sind sie ständig bedroht durch das Gespenst der Revolution ringsum, und beide lernen sie begreifen, was in der Geschichte so oft übersehen wird: daß jede Revolution, sei es auch ein Aufstand des Alten Testamentes, zur Expansion drängt, daß sie ein Feuerbrand ist, der leicht die Nachbardächer anzündet. Es kann so nicht weitergehen mit einer gemütlichen Belagerung, es drängt zur Entscheidung. Und im Mai endlich wird Generalsturm geblasen gegen die teuflische Stadt.

Kleine Kämpfe aber hat es schon im April gegeben, vornehme Herren aus des Bischofs Heer wurden von diesen ruppigen Täufern gefangengenommen und schreiben nun mißvergnügte Briefe aus der Stadt, und wir hier auf des Bischofs Seite haben auch die Wälle verstärken müssen gegen die ewigen Ausfälle, und wir sind dabei auf sehr wenig Gegenliebe gestoßen bei den Bauern, die wir zu den Erdarbeiten kommandierten. Nun ist genug gewartet, und wir haben grob Geschütz in Stellung gebracht, und seit dem Freitag vor Pfingsten donnert es gegen Münsters Wälle und Schanzen. Dieses Münster aber ist ein Teufelsnest und weiß sich zu wehren. Vor kurzem hat es in Scharen das Abendmahl genommen, nun steht es in Scharen auf den Wällen und bessert mit Erde und Kuhmist die von unserem Geschütz gerissenen Breschen aus. Zu früh freuen sich bei uns die Landsknechte auf die erhoffte Beute, allzu reich zecht man im Lager der geldrischen Haufen vor dem Sturm ?ut neque discrimen dierum neque vespertini neque matutini temporis haberent rationem? ... daß also die Herren dortselbst den Abend vom Morgen nicht mehr unterscheiden können, und in diesem Zustande, wahrscheinlich um den andern beim Plündern zuvorzukommen, gehen diese Herren aus Geldern allzufrühe die Stadt an, die um ihr Leben kämpft.

Die anderen Haufen sehen das allzufrühe Vorpreschen der Geldrischen und greifen ihrerseits ins Gefecht ein, können aber an der Verwirrung und dem unglücklichen Ausgang dieses Tages nichts mehr ändern. Diese elenden Täufer, denen Überläufer den Sturm verraten haben, beklagen angeblich nur zwei Tote, während es bei uns zweihundert sind. Daß man im bischöflichen Lager auf Verräterei sich hinausredet, ändert am Ausgange nichts, und etwas niedergeschlagene Briefe schreiben am nächsten Tag die anwesenden Herren Kriegskommissäre an ihre Herren nach Kleve und Kassel und Köln. Und nun schwillt denen in Münster der Kamm, und göttliche Stimmen befehlen ihnen, des Bischofs Kanonen zu vernageln und zu diesem Zwecke auszufallen aus der Stadt ...

Rothmann ist es, der dieses Mal Freiwillige auf den Domhof beruft, und ?derselve Stutenbernd kont so reden, dat sine glicken nicht was mit behendigkheit?, und da es ja wieder einmal Gott selbst ist, der diesen Ausfall anbefiehlt, so drängen sich die Freiwilligen, Täufer und bischöfliche Überläufer und alle diese tagtäglich aus Friesland und Holland auf Schleichwegen in die Stadt strömenden Zuzügler ? auf die Meister Gresbeck am wenigsten gut zu sprechen ist! ? zu dem Unternehmen. In einem quer durch den Wall beim Judefelder Tor getriebenen Geheimgang drängt der Gewalthaufe ins Freie, überrascht, da ein Ausfalltor sich ja nicht geöffnet hat, die gerade mit Trinken und Würfelspiel beschäftigten Belagerer völlig, schlachtet die Wachen bei den Geschützen ab. Die Zündlöcher werden vernagelt, die Lafetten mit Beilen zerhauen, das Schießpulver wird auf die Erde gestreut. Als die Landsknechte endlich sich zur Gegenwehr sammeln, haben die Täufer, die sich schleunigst zurückziehen, bei dem verstreuten Pulver Lunten entzündet, und als die Krieger die Stelle passieren, flammt es auf, und die Soldaten Se. Gnaden verbrennen elend. Hüben schreit es kläglich, drüben stehen diese pestigen Städter und lachen wieder einmal. Vierzehn, nach einem anderen Bericht gar sechsundzwanzig Geschütze hat man dem Bischof vernagelt und dazu ?by zwei donnen bolver angestochen?, und daß sich hinterher ein Kunstfertiger findet, der die vernagelten Kanonen wieder in Ordnung bringt, ist bei dem sonst katastrophalen Artillerieverlust ein wahres Glück. Ein Gefecht bei dem Mühlberg von Sanct Mauritz, das für die Bischöflichen etwas weniger unglücklich ausgeht und bei dem Hauptmann Corytzer ein Auge verliert, ist nur ein schwacher Trost in diesem Meer von Trübsal. Dies alles ist um Pfingsten geschehen.

Wie aber soll es weitergehen, wenn Münster nicht fällt und dieses wiedertäuferische Krebsgeschwür sich immer tiefer hineinfrißt in den Leib des Reiches? Während wir hier die Heilige Stadt vergeblich berennen, zucken allenthalben in deutschen Landen die Flammen aus dem Boden, in Mähren, im Werratal, in Erfurt benutzen die Täufer geschickt das soziale Aufbegehren der unteren Schichten, in Augsburg wird sehr bald, wenn auch in weniger gewalttätiger Inkarnation, ein zweiter Wiedertäuferprophet und -könig auftauchen. In Straßburg warten sie nur auf den Augenblick, wo Melchior Hofmann in der Gloriole des Himmels den Kerker verlassen wird. In den Niederlanden aber, in dieser Wiege unserer Propheten und Gewaltigen, dort ist die Bewegung so machtvoll, daß sie auch dort ... und dort noch weit mehr als im inneren Reich, die Staatsmacht bedroht. Was aber soll hier vor Münster werden, wenn sie gar die Überhand gewinnt und als Interventionsmacht sich zwischen die Stadtwälle und die kanonenbewehrten Forts des Bischofs schiebt?

In Neuß, wo man schon im Frühjahr sich über die Mittel und die Durchführung dieser Belagerung ausgesprochen hat, tagt im Juni der Kriegsrat zum zweiten Male, der Bischof erhält neue Mittel, neue Versprechungen. Freilich müssen die Landstände bürgen für die vierzigtausend Goldgulden, die Kleve und Köln vorstrecken, sie wissen nur eben, daß, wenn Münster sich hält, noch mancher Dom ... ja, daß dann das ganze Reich brennen wird, und was geschehen kann, um den neuen Gottesstaat abzuwürgen, wird hier jedenfalls nach Kräften vorbereitet. Da wir aber innerhalb der Stadtmauern turmhoch die Gefahr sich aufrecken sehen, da wir ferner so firm sind in der alttestamentlichen Heldenlegende und jeder von uns sich hineingeträumt in eine Davidrolle, weswegen soll sich denn da in unserer Mitte nicht auch jene Judith vorfinden, die den Holofernes vor den Mauern erwürgt und das bedrängte Bethulien befreit?

Wir wissen nicht, wie Hille Feicken aussah, und kein Porträtist kam, im Kerker ihre Züge festzuhalten ? so wie der Pariser Maler David die Züge der schönen Charlotte Corday einst festhalten wird. Wir wissen aus ihrem Bekenntnis, daß sie aus Friesland kam, verheiratet war und einen Mann hatte, der auf den nicht alltäglichen und wohl täuferisch auffrisierten Namen Psalmus hörte, wir wissen, daß das junge Ehepaar auf die vielen Gerüchte hin, die über das münsterische Gottesreich im Lande kursierten, in die Stadt gelaufen war und daß es dortselbst sich hatte taufen lassen.

Diese von allen Zeitgenossen als außerordentlich schön bezeichnete Frau also hat von Gottes Stimme den Auftrag erhalten, ins feindliche Lager zu gehen und dortselbst den Bischof just wie den Holofernes, und gegebenenfalls mit der gleichen Weibertechnik, zu ermorden, es ist ihr sonderlich aufgetragen, das bischöfliche Lager nicht bei Nacht und Nebel, sondern am hellichten Tag zu betreten. Und nur insoferne weicht sie von Judith ab, als sie nicht ein Schwert zum Köpfen, sondern ein selbstgefertigtes und mit Gold und Silber durchwirktes, leider aber vergiftetes ... ein wahres Nessushemd mitgebracht hat, das Se. Gnaden beim Souper zu zweien anziehen soll.

Dies ist der äußerst poetische Plan, und die Ausführung leider erheblich prosaischer. Nach einigen Berichten wird sie sofort beim Betreten des Lagers abgefaßt, nach anderen verhindert nur ein Münsterer Überläufer, daß sie vor den Bischof gelassen wird. Dieser Überläufer aber ist kein anderer, als eben jener Hermann Ramert, bei dem Bockelson im Herbst 1533 gewohnt hat, und der nun, irre geworden am Narrenhause Münster, aus der Stadt flieht und den ihm bekannt gewordenen Anschlag verrät.

Was ja wohl eigentlich darauf schließen läßt, daß der Anschlag in der Stadt vorbereitet wurde und mit Wissen der Propheten und Ältesten erfolgte. Johann Klopriss, der Prädikant, bleibt zwar im späteren Folterverhör hartnäckig bei der Bekundung, ?Judith? sei gegen den ausdrücklichen Rat der maßgebenden Täufer aus der Stadt gegangen, Hille selbst aber bekennt am 27. Juni, sie sei von Knipperdolling mit Geld und Wegzehrung ausgestattet worden. Was Knipperdolling übrigens später ?beim peinlichen Verhör? seinerseits bestätigt. Er war eben weit rabiater als der mit allen Wassern gewaschene und in solchem Falle bedächtigere Bockelson, er war ein Mann, dem der Haß gegen die Altgläubigen leicht ?rote Funken vor den Augen? tanzen ließ, und so mag er es gewesen sein, der im stillen diesen etwas phantastischen Plan gutgeheißen und unterstützt hatte.

Wie dem auch sei, die schöne Hille wird gefaßt und sagt auf der Folter aus, Gott habe ihr Tag und Nacht mit diesem Auftrag keine Ruhe gelassen ... ?haedde ze dat nicht gedaen, ze hedde Gott darmedde vertoernt?.

In Bervergen, wohin man sie überführt, wird sie in der üblich grausigen Weise hingerichtet. Dies, nachdem sie zuvor dem Henker ins Angesicht gesagt, sie könne beim besten Willen keine Schuld an sich finden. Die Wiedertäufer aber, die von ihrem Ende gehört haben, zwingen einen von ihnen gefangenen bischöflichen Landsknecht namens Marschalk zu einem Brief, in dem er bitter sein Los beklagt und flehentlich bittet, man möge ihn doch einlösen. Gegen wen übrigens? Natürlich gegen Hermann Ramert, der ja eben übergelaufen ist und den Anschlag der ?Judith? verraten hat ...

Sie stehen, als es dieserhalb einiges Hin und Her zwischen den Parteien gibt, auf dem Wall und rufen Ramert zu: ?Komm sofort zurück?.

Was Ramert leider nicht tut. Die Herren von Münster waren in manchen Dingen, bei aller Schlauheit, naiver als die Genesis selbst naiv ist.

Deterrima cunnus

?Aber der viller weiber lust wegen / dargegen weren alle Predicanten in Münster mit der gantzen gemeinden. Aber der Kuningk bewiese ihnen das mit der schriften und zwange sie darzu / dass sie solches halten mussten.?

Aus dem Folterbekenntnis des Prädikanten Klopriss.

Die Rechtsprechung eines Volkes ergibt sich, wie sein gesamter staatlicher Bau samt seinem Brauchtum, seiner Erkenntnismethode und seinem Schatz an Ausdrucksmitteln aus seiner Landschaft. Wird also nach dem alten Sachsenspiegel einem Hofhunde, der beim Überfall eines Einödhofes das Nahen der Diebe nicht durch pflichtgemäßes Bellen anzeigte, öffentlich der Prozeß gemacht und wird dieser Hund nach Vernehmung von Zeugen und Plaidoyers von Ankläger und Verteidiger getötet: so hängt das mit der dämonenreichen Landschaft nördlich des Limes romanus und ihren mannigfachen Funktionen ebenso innig zusammen wie etwa die Tatsache, daß erstmalig die nordische Mathematik hinausstrebte über die doch noch körperlich vorstellbare Funktion a3, und daß sie erstmalig mit der unvorstellbaren Irrationalen a4 zu rechnen begann.

Man wird das Ziel dieser scheinbaren Abschweifung bald begreifen. Viele der in Münster geschehenen Dinge, und nicht zuletzt das Auftauchen der Polygamie in diesem sonst beinahe prüden Lande, erscheinen uns schier unfaßbar, und immer wieder fragen wir uns, wie dies alles wohl geschehen konnte. Löst sich aber ein Volk, wie die Deutschen um 1500 doch taten, von seiner Landschaft, so verfällt mit dem landschaftsgebundenen Recht naturgemäß auch die landschaftsgebundene Soziologie und das landschaftsgebundene Brauchtum. Der Zusammenbruch der alten Vorstellungen aber erzeugt dann zunächst immer eine tiefe Ratlosigkeit und schwere Erschütterungen, und folgerichtig sehen wir die Massenpsychosen der Völker immer in ihren ?Wechseljahren? und etwa den Pugatschowschen Aufstand in Rußland als Quittung auf die zwangsmäßige Europäisierung unter Peter dem Großen erscheinen. Wird nicht die ganze Täuferei, samt Zion, Bockelsonschem Königtum und Polygamie, so beinahe selbstverständlich?

Der Gedanke der Polygamie, die doch die ?Peinliche Halsgerichtsordnung? des alten Reiches noch mit dem Tode bestrafte, wird um 1520 beinahe Mode in Deutschland. Gibt es aber etwas Rätselhafteres als den Ursprung einer, sei es auch gedanklichen, ?Mode?, und stehen wir vor den Kleidern, die wir 1900 sehr schön fanden, nicht ebenso fassungslos wie vor der Tatsache, daß damals zu gut und gern drei Vierteilen die deutsche Geistigkeit etwa auf die Häckelschen Welträtsel hineingefallen ist? Der Gedanke an die Polygamie also lag um 1530 in der Zeit. Wir wissen, daß unter nachdrücklichem Hinweis auf die Schrift nicht wenige Luther-Jünger an den Meister mit dem Ansinnen herangetreten sind, er möge die Vielehe sanktionieren, wir wissen, daß Luther damals, geschmeidig ausweichend, mit einem achselzuckenden Hinweis auf die gültigen Landesgesetze antwortete, und wir wissen, daß er selbst, was seinem Freunde Melanchthon schier das sensiblere Herz brechen wollte, sechs Jahre nach den münsterischen Wirren die Doppelehe eines deutschen Reichsfürsten sozusagen gesegnet hat: die Doppelehe eben jenes Philipp von Hessen, der für die Belagerung Münsters seine beiden schweren Kartaunen ?de duiwel? und ?sin mar? hergeliehen hatte.

Kerssenbroch, immer aus der Perspektive der beleidigten patrizischen Wohlanständigkeit, erzählt uns über die Uranfänge der münsterischen Polygamie eine Schauergeschichte, und wenn man ihm glauben wollte, so hätte ein übergelaufener Landsknecht, den man als Katecheten der Täuferei in Knipperdollings Haus gebracht hatte, dortselbst den offiziellen Staatspropheten Bockelson nachts dabei ertappt, wie der Mann Gottes sich in die Kammer der Knipperdollingschen Magd schlich, obwohl er doch so etwas wie ein Heiland war, und, was in Münster jeder wußte, in Leyden ja bereits eine legitime Ehefrau sitzen hatte.

Item, der Landsknecht sei an der Heiligkeit des Mannes irre geworden und habe die Sache weitererzählt. Der Prophet habe ihn wohl mit schönen Worten zum Schweigen gebracht, doch sei der Vorfall ruchbar geworden, und Bockelson habe daraufhin mit den Prädikanten, die selbst einem lockeren Lebenswandel sich nicht verschlossen, Rat gepflogen. Und es sei dann von diesen theologisch geschulten Männern beschlossen worden, zur Bemäntelung des Skandals die Vielweiberei aus der Schrift öffentlich herzuleiten und sie de jure et de lege als Bestand der städtischen Gesetzgebung zu verkünden. Drei Tage lang hätten daraufhin die Prädikanten über das heikle Thema gepredigt, hätten dargelegt, daß der Mann sowieso polygam sei und hätten daraus und aus dem ?Seid fruchtbar und mehret euch? der Genesis die Polygamie als Gottesgebot erwiesen und vor der gesamten Gemeinde am 23. Juni auch als solches in aller Form verkündet.

So Kerssenbroch. Der aber hat neben mancherlei wertvollen Einzelheiten auch manche erfundene Greuelnachricht in seine Chronik übernommen. Wie er denn ja auch bei diesem an sich schon recht trüben Kapitel uns glauben machen will, es sei später, in den Blütezeiten dieser münsterischen Insel der Seligen, in Bockelsons Wohnung vor einem größeren Menschenkreis Genesis I verlesen worden, und es seien dann bei dem Worte ?Seid fruchtbar und mehret euch? die Lichter verlöscht und es habe sich alles weitere dann in einer doch vielleicht übertrieben wortgetreuen und auch übertrieben beschleunigten Befolgung dieses höheren Befehls vollzogen ...

So also Kerssenbroch. Das aber, was in Münster tatsächlich passiert ist, ist, innerhalb dieses schwerblütigen niederdeutschen Menschenschlages, auch ohne ergänzende Ausschmückung schon ein starkes Stück, und wir wollen uns lieber befleißigen, die Dinge auf ihre heute bekannte Substanz zu beschränken. Mit seiner Ehe aber hatte es schon der selige und unselige Matthys nicht so genau genommen, da wir doch von ihm wissen, daß auch er in Leyden, von wo er zuletzt kam, ein rechtmäßig angetrautes Eheweib sitzen hatte, während wir ihn in Münster ja an der Seite einer ganz anderen Frau, der hier noch öfter zu erwähnenden Divara, antreffen. Was aber seinen Schüler und Nachfolger Bockelson angeht, so haben wir ja schon gehört, daß er aus höherem Munde die Aufforderung erhalten habe, Matthys Nachfolge anzutreten und sofort die ? damals schwangere Divara zu heiraten ...

Was denn Bockelson auch notgedrungen und als gehorsamer Befolger all seiner inneren Stimmen und Gesichte sofort getan hatte, und schon eingangs habe ich festgestellt, daß diese damals in Münster gehörten ?inneren Stimmen? die angenehme Eigenschaft hatten, all den unterschiedlichen Propheten immer nur das jeweils Gewünschte und Begehrte, nie aber das Widrige und Unwillkommene aufzutragen ...

Mit einem Worte: die Vielweiberei in Münster ist aus der leider ja etwas zu sinnenfroh geratenen Wunschwelt des Mannes gekommen, der zudem zur Verwirklichung seiner mannigfachen Pläne den Terror bereithielt und Bockelson hieß und ein hergelaufener Schneider und Kneipenwirt aus Leyden war. Sieht man aber wohl, wie weit die Massenpsychose gediehen sein mußte, wenn eine so behäbige und vernünftige und bislang doch jedenfalls nicht gerade nach den Klubregeln des Venusberges regierte Stadt sich den Wünschen eines solchen Mannes beugte und auf dem intimsten Lebensgebiet sozusagen über Nacht alle ihre gewohnten Begriffe und Normen vernichten ließ?

So einfach, wie Kerssenbroch sich es vorstellt, ist es bei der Einführung der Vielweiberei nun keineswegs zugegangen. Wir wissen aus den Folterbekenntnissen gefangener Wiedertäufer, daß anfangs der Widerstand der Prädikanten heftig war, und wir haben keinen Grund, an den Bekenntnissen dieser Männer, die auch auf der Folter standhaft geblieben sind, zu zweifeln Vergleiche auch das am Anfang dieses Kapitels zitierte Bekenntnis des Prädikanten Klopriss. Allerdings findet er, ebenso wie sein Amtsbruder Vinne, auch Verteidigungsworte für die Polygamie. Dies immer unter Berufung auf das ?Seid fruchtbar und mehret euch? der Schrift.. Hält man sich an Dorp, der ja gewissermaßen einen für Luther selbst bestimmten Bericht über die Vorgänge gegeben hat, so haben die Prädikanten durch volle acht Tage Bockelson, als der die Vielweiberei ernsthaft in Vorschlag gebracht hatte, heftig opponiert, und Knipperdolling behauptet später bei einem Verhör sogar, daß sie ?ehm fenglich setten wolden?, und einen Umschlag gibt es erst, als Bockelson die berühmten zwölf Ältesten zitiert und, wieder einmal, von einer göttlichen Aufforderung zum Einführen der Vielweiberei redet. Es gehört wohl zu den gewichtigsten Symptomen dieser Massenpsychose von Münster, daß der Hinweis auf die angeblich aus Gottes Mund erteilte Weisung jeden Widerstand auch bei den tollsten Verrücktheiten zu brechen pflegte und daß diese Männer bei solchem Hinweis auch den Versuch gemacht hätten, auf den Mond zu klettern.

Item, nach dieser Mitteilung Bockelsons gibt es im Ältestenrat ein Halten nicht mehr, sondern man wirft sich auf das Neue hinfort mit einer Inbrunst, deren vielleicht nur diese niederdeutschen Menschen, wenn ihre angeborene Bedächtigkeit einmal erst schweigt, fähig sind. Drei Tage predigen auf dem Domplatz über das heikle Thema die Prädikanten vor der ganzen münsterischen Gemeinde, und als diese Missionspredigten beendet sind, da ist die Stadt denn wirklich reif für alle die Unfaßlichkeiten, mit denen sie bis zum Niederbruche Zions die kommenden zwölf Monate anfüllt.

Die klare Formulierung der neu entstehenden Ehegesetze geht bei allen Zeitgenossen, die darüber berichten, naturgemäß unter in den ausführlichen Schilderungen der Folgen und der sonstigen Begleitumstände. Schält man sich das, was damals in Münster ?Staatsgesetz? wurde, heraus, so ergibt sich folgendes:

1. Sämtliche vorher geschlossenen Ehen sind behangen mit der Sündenlast der alten Zustände und mithin ungültig.

2. Alle Frauen sind verpflichtet, Männer zu nehmen, auf Verweigerung der Ehe steht die Todesstrafe. Diese Bestimmung gilt auch für die Frauen von Männern, die gerade für längere Zeit abwesend sind, so daß der rückkehrende Mann vor gänzlich unerwartete Tatsachen gestellt werden dürfte. Die Bestimmung gilt, wie wir sehen werden, selbst für alte und nicht mehr gebärfähige Frauen insofern, als sie fortan sich einen ?Schutzpatron? zu küren haben, der die Fürsorge für sie übernimmt. Wovon noch zu reden sein wird.

3. Ist eine Ehe unfruchtbar, so wird sie ohne Rücksicht auf eine etwaige Neigung der beiden Eheleute geschieden, ?die Frau wird dann zu einem anderen Manne gelegt?.

4. Wird eine Frau schwanger und ist damit der Zweck der Eheschließung erreicht, so ist der Mann berechtigt, eine zweite Frau, und wenn auch sie sich gesegneten Leibes fühlt, eine dritte und vierte zu nehmen ... die Zahl ist theoretisch unbegrenzt.

5. Eine Scheidung ist möglich, sowie der eine Ehegatte diesen Willen behördlich protokollieren läßt. Was es damit auf sich hat, werden wir später sehen.

6. Diesen Bestimmungen unterliegen auch die gerade zufällig in der Stadt sich aufhaltenden Auswärtigen, Männer wie Frauen.

7. Über etwaige Streitigkeiten unter den Ehegatten entscheidet das aus Prädikanten und Ältesten sich zusammensetzende Ehegericht.

8. Widerstand gegen diese Gesetze wird, ebenso wie die ?hartnäckige Verweigerung der ehelichen Pflicht? durch die Frau, nach vorheriger Verwarnung mit dem Tode bestraft, desgleichen jeder Ungehorsam der Frau gegen den Willen des Ehemannes.

Das heißt in praxi:

1. Daß alte Ehen auseinandergerissen werden.

2. Daß etwa eine Frau, deren Mann ? langwährend bei den damaligen Verkehrsmitteln! ? abwesend ist, urplötzlich von Haus und Kind fort in das Haus und zu Tisch und Bett eines anderen wildfremden Mannes muß.

3. Daß in den Ehen, wo wegen der Schwangerschaft der ersten Frau nun urplötzlich eine zweite, dritte und vierte erscheint, Mord und Totschlag herrscht.

4. Daß die barbarischen Strafen, die immer auf Knipperdollings Richtschwert hinauslaufen, es dem Ehemann äußerst leicht machen, sich einer lästigen Frau zu entledigen.

5. Daß die Schirmherren der ?alten Frauen?, die von heute auf morgen sich zum Unterhalt eines gebrechlichen alten Wesens gezwungen sehen, erst recht nach einer Gelegenheit suchen, sich dieser Bürde zu entledigen.

6. Daß alle diese erzwungenen Ehen zur Tragödie werden.

So ist das. Im einzelnen werden wir noch sehen, wie die weiteren Folgen gewesen sind. Und da diese ungeheuerlichen Gesetze alle Rechtsbegriffe, alle bisherigen bürgerlichen Normen umwerfen, da sie den Familienbestand in praxi auflösen und in ihren letzten Konsequenzen naturgemäß auch allen Wohlstand, alle Dispositionen der Familie und des Familienoberhauptes bedrohen, so setzt frühzeitig der Widerstand ein.

So nämlich, wie in Münster die Prophetengabe und der täuferische Paroxysmus sich an das Schneidergewerbe hängt, so scheint mit dem Schmiedehandwerk aller Geist des Aufruhrs und der Widersetzlichkeit verbunden zu sein, und wiederum, wie im Frühling, ists ein Schmied, der dieses Mal zu einem ernsthaften, höchst gefährlichen Widerstand gegen die prophetische Oligarchie oder besser gesagt Autokratie seine Gesinnungsgenossen sammelt. Wir sind dem Schmiede Mollenhecke flüchtig schon begegnet, als die Ältesten ihn zum Waffenmeister über das Geschütz und die Arkebusen beriefen, und es mag diese Verfügung über die städtischen Arsenale gewesen sein, die ihm die nötigen Waffen lieferte. Der Mann hat hinter sich zweihundert Bürger, die, empört über die neuen Gesetze und verstärkt durch die von Münster grimmig enttäuschten Überläufer des Bischofs, sich nachts versammeln und das ganze Propheten- und Prädikantennest, Bockelson, Knipperdolling, Rothmann, Schlachtschaf, Klopriss, Vinne und die übrigen, gefangen nehmen und im Rathause festsetzen. So steht es kurz und nur einer kommentiert höchst ergötzlich die eine dieser Verhaftungen. Der Prädikant Schlachtschaf nämlich wird von den Aufrührern in einer recht heiklen Situation erwischt, und als man ihn in den Kotter des Rathauses gesperrt hat, erscheinen vor den Gittern die empörten Weiber, bewerfen den geistlichen Herrn mit Steinen und Straßenkot, speien ihn an und fragen ihn, ?ob hei och noch mehr frowen wollte hebben / were hei nicht genoich hedde an einer?.

So ergeht es dem armen Schlachtschaf, den man im tête-à-tête gleich mit zwei Damen erwischt hat, und leider fehlt uns jede Nachricht darüber, wie es sonst bei dieser Verhaftung zuging und wie bei dieser Gelegenheit sich die anderen Herren benahmen, die, sonst doch an schrankenlose Willkür gewöhnt, urplötzlich mit sehr, sehr üblen Möglichkeiten sich vertraut machen mußten.

Denn Mollenhecke und seine Leute haben einen perfiden Plan. Sie wollen als Reiniger des ganzen Augiasstalles und Beseitiger von unerträglich gewordenen Zuständen den Bischof in die Stadt rufen, sie wollen ihm das Ludgeritor öffnen und so dem Terror, dem Tschekistenregime, dem Wüten einer biblisch maskierten Henkeroligarchie ein Ende machen. Das wollen sie und könntens auch ausführen. Ich aber wüßte nicht, in welcher Revolution dieses ?Beinahe? und ?Hätte? und ?Wenn nicht? und jene berühmten ?beiden Kompagnien? fehlen, mit denen man die ganze Revolution ?hätte? zum Teufel jagen können. Es war so beim Bastillesturm und beim Sturm auf die Tuilerien, es kehrte wieder im Berliner März 1848, und immer vergaßen die rückwärts schauenden Betrachter, daß Revolutionen in der Geschichte die gleiche Rolle spielen wie in der Geologie die Vulkane: daß diese für den Überdruck der Lavamassen, jene aber für den Innendruck des angestauten sozialen und seelischen Eiters die Sicherheitsventile bilden und daß ihre Ausbrüche brechbar sind erst nach Wiederherstellung des inneren Gleichgewichtes. Daß Ludwig XVI. auf seiner Flucht nach Varennes die Vedetten des zu seiner Aufnahme aufgestellten Regimentes Royal allemand nicht erreichte, ist scheinbar das Produkt einer Reihe von Zufällen, ist aber im Plane der Geschichte, wie leider immer erst dem Enkel klar wird, so notwendig wie die Tatsache, daß hier der Schmied Mollenhecke, der noch in dieser Nacht Herr der Stadt ist, mit seinem Putsch scheitert.

Täuscht nicht alles, so scheiterte er, weil die Herren, die übergelaufenen Landsknechte an der Spitze, sich zunächst in den Schatzkammern des Rathauses, wo die beschlagnahmten Vermögenswerte und Gelder lagen, gehörig die Taschen füllten, dann aber an den Weinvorräten sich toll und voll soffen und darüber das Wichtigste vergaßen: dem Bischof die Tore zu öffnen.

Als es Tag wird, ist es damit zu spät. Als sie mit dröhnenden Schädeln und verklebten Augen auf dem Markt erscheinen, um den Putsch der Gemeinde mundgerecht zu machen, hat es dort bereits einigen Krawall gegeben, und im entscheidenden Augenblick kommt unser alter Freund Redeker Nach Gresbeck war es der Exbürgermeister Tilbeck, auf den G. freilich besonders schlecht zu sprechen ist. und schreit in die Menge hinein, daß, was diese Menge scheinbar noch nicht weiß, daß die ganze Gemeinde der Heiligen gefangen ist, Bockelson und Knipperdolling und der liebe Rothmann und alle die übrigen Männer des Glaubens. Da unter der Menge doch auch zahlreiche überzeugte Täufer sind, wird die Stimmung plötzlich unsicher, und plötzlich ? irgend jemand muß den Plan wohl verraten haben ? kommt auch die Nachricht, daß Wälle und Tore besetzt sind und daß es für ein gemeinsames Operieren mit dem Bischof zu spät ist. Die Stimmung schlägt vollends um, die Menge schiebt sich murrend vor, sie drängt die Mollenheckschen ins Rathaus, wo sie sich im Obergeschoß verbarrikadieren. Nicht alle Damen Münsters aber sind gar so unzufrieden mit der pikanten neuen Gesetzgebung, und da es nicht wenige unter ihnen gibt, die sich im heiligen Venusberg eigentlich ganz wohl fühlen, so spannen sie sich als Vorläuferinnen der Théroigne de Méricourt ex 1789 vor die im Arsenal stehenden Kanonen, schleppen das Geschütz auf den Markt, wo man aus Handwaffen das Feuer auf die Rathausfenster inzwischen auch schon eröffnet hat. So bricht die wieder völlig umgestimmte und plötzlich wieder gut täuferisch gesinnte Menge die Rathaustüren auf, befreit die gefesselt im Keller liegenden heiligen Männer, schießt mit Arkebusen durch die Decke nach den Putschisten, bringt draußen grob Geschütz in Stellung und zündet die Lunten an.

Worauf die Mollenheckschen auf ihrem Dachboden zum Zeichen der Kapitulation einen alten Hut aus dem Fenster stecken und endgültig sich ergeben. Gnade aber fänden sie hier, wo inzwischen durch ein paar bange Stunden die Gebietiger der Stadt über die Möglichkeit eines Höllensturzes haben nachdenken müssen, wohl eher bei einer Kobra. Gegen hundertundzwanzig ? denn der Rest hat sich verlaufen ? holt man vom Dachboden herab, gegen vierzig werden begnadigt, gegen achtzig erbarmungslos hingerichtet. Nicht gar so rasch und mit dem simplen Willen zum Auslöschen des Gegners. Sondern es tagen die heiligen Männer lange und beraten wie Siouxindianer über die Martern. Es geht damit noch glimpflich ab, und das Schlimmste, was man ihnen antut, ist die seelische Qual des Wartens. Auf dem Domplatz wird zunächst ganz gemächlich eine große Grube ausgehoben, darin sie verscharrt werden sollen. Einen, der sich hierbei befreit und sich daheim bei Weib und Kind versteckt, reißt man aus den Armen der Seinen, zerhackt ihn mit Hellebarden, und die Stücke trägt der Pöbel, genau wie er es 1792 mit der schönen Prinzessin Lamballe tat, auf seinen Piken durch die Gassen. Von den übrigen holt sich der Staatsscharfrichter Knipperdolling nach Belieben heute zehn und morgen sieben heraus und köpft sie sozusagen zum Frühstück. Er ist aber der einzige Henker in diesen Tagen nicht. ?Wer lusten hedde / einen doid zu schlain?, berichtet der Augenzeuge Gresbeck, ?der moichte einen nemmen und schlain den doit.? Vier Tage hört die Stadt das Wehegeheul der Delinquenten, und draußen hört es das bischöfliche Heer, und ein paar Tage darauf berichten die klevischen Kriegskommissare ihrem Landesherrn, wie sie ?groiss rumor und zwitracht in der stadt auch buissen gehört?. Der Anschlag auf die Stadt gelingt ein Jahr später fast auf ähnliche Weise, wie er hier geplant war. Augenblicklich war die Zeit eben noch nicht reif.

Sie ist so wenig reif wie in Paris vier Monate vor dem Thermidor, und ähnlich wie das Frankreich von 1794 vor dem tugendhaften Advokaten von Arras, so duckt Münster sich vor dem Schneidermeister aus Leyden. Einen Widerstand gibts nach dem Abenteuer des Schmiedes Mollenhecke nicht mehr, und die zwei ?Erbmänner? Heinrich v. Arnheim und Hermann Bisping, die, wenn auch nur ideologisch, hinterher noch zu opponieren wagen, machen sehr bald mit Knipperdollings Zweihänder sich bekannt. ?Sie hebben dat volck in groten dwanck gehat und na der tiet dorfte niematz dairtegen seggen, dat der ehestant unrecht were / und al dat sie deden / dat moiste recht sein.?

Es mußte recht sein, es war nur eben nicht recht. Die Stadt, die nicht laut klagen darf, windet und krümmt sich, und hinter den schönen gotischen Fassaden am Prinzipalmarkt spielen sich Trauerspiele ab. Dem, der zur täuferischen gentry gehört und sein Herz siebenfach gepanzert trägt gegen Tränen und Kummer ? ihm gehts freilich gut. ?So hebben die Hollanders / Freesen un all die rechte wederdoepers ock mehr frowen genommen to der irsten frowen?, berichtet Gresbeck, und da, nach seinem Bericht, die Herrschaften viel zu bequem und zu paschahaft sind, um sich die zweite, dritte, vierte und fünfte selbst zu suchen, ?so hebben sie ir erste fraw dartho gezwungen / dat sie moste gain und hollen dem man ein ander fraw?. Sie kommen auf diese Weise zu einem stattlichen Harem, und der Bockelsons umfaßt gegen Ende der Täuferherrlichkeit sechzehn Damen, der liebe Rothmann bringt es nach und nach immerhin auf neun, Knipperdolling, der düstere Mann, der hinter dem Prophetenthron steht, begnügt sich samt den Prädikanten mit zweien oder dreien, während ein Jahr später der zwölfjährige Sohn des hingeschlachteten Mollenhecke ihnen noch mehr zuschreibt, und am Schluß seiner von den bischöflichen Räten protokollierten Aussage heißt es vielsagend: ?Viel mehr sein irer / dan ich war irer aller zu schreiben verdrossen.? Was verständlich ist, da unter diesen Frauen sich ja Trägerinnen alter und klingender Namen, Edelfrauen und Patrizierinnen und nicht zuletzt die Nonnen des Überwasserklosters befinden. Das Seltsame ist, daß diese im Wege der Hundehochzeit zustande gekommenen Ehen ziemlich unfruchtbar bleiben. Im Frauenhause Bockelsons werden im Laufe eines vollen Jahres, wie wir noch sehen werden, nur zwei Kinder geboren, von denen das eine, da Dame Divara, des seligen Matthys Witwe, ja in gesegnetem Zustande geheiratet wurde, nicht einmal Bockelsons leiblich Kind ist. Gresbeck, zu schlagkräftigen und probaten Kommentaren immer bereit, findet die Erklärung hierzu auf seine Weise. ?Dieselven wiederdoepers / die viel frowen hedden / sie kriegen aldermindest kinder. Up dat leste sint sie dem fleisch abgestorven und sie weren nicht anders / denn huit ? Haut ? und beine so weren sie verschmachtet / dat sie do alle wiever verlietten.?

Noch aber sind die Speisekammern leidlich gefüllt, noch ist kein Hunger in Zion, noch sind die Männer in ihrer Mehrzahl zufrieden mit dem neuen Ehestand. Eine Heirat vollzieht sich nun in ihren Formalitäten ziemlich rasch, und da sich Vater Gresbecks Schilderung der neuen Trauungszeremonie in allzuviel verschollenen Worten bewegt, wollen wirs übersetzen: ?Wenn ein Paar sich wollte zusammengeben lassen, die gaben sie keineswegs wie früher durch die Prediger zusammen. Sondern wer mit dem andern eine Ehe schloß, der brachte einen oder auch zwei Freunde mit, und sie hielten dann Umzug miteinander und hielten dabei einander bei der Hand. Damit waren sie Mann und Frau.? Man sieht, es kommt im wesentlichen, wie übrigens auch die Scheidung, auf die standesamtliche Protokollierung im kürzesten Wege, ohne Ausbietung und ohne jede Feierlichkeit und ohne Prüfung der beiden Ehegatten hinaus ? just so wie heute in einem osteuropäischen Staate, der ja nicht wenig Ähnlichkeiten aufweist mit Münster, der Heiligen Stadt Zion.

So steht es. Für die Männer, wie gesagt, ziemlich bequem, weniger ersprießlich für die Frauen. Für die Frauen mit ihrer Sehnsucht, ihre Gefühle zu verewigen, mit ihrem horror vor dem Fortwischen und Fortgewischtwerden. ?Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich wohl ein Kind, kriegten aber keines.? Was aber gelten uns hier noch die Märchen mit den alten frommen Worten der verklungenen Zeit? Fühlst du dich also gesegneten Leibes, so verheimliche es, sonst zieht die zweite und nach ihr die dritte und die vierte Frau ein in deiner doch von dir so treulich gehüteten kleinen Welt, und wenn du dann nicht mehr die Herrin bist im eigenen Hause und du begehrst auf, dann wirft man dich bis zu deiner Einkehr in den düsteren Rosentaler Turm, und wenn du den Widerstand auch dann nicht aufgibst, kommst du vor das Prädikantengericht, und das Prädikantengericht kennt nur den einen Spruch, der sich mit dem Namen Knipperdolling und seinem Richtschwert verbindet. Und wie dir, so geht es den Frauen, deren rechtmäßiger Gatte in der Fremde ist und die nun durch eine neue Verbindung ihr Leben retten können, und so wie dir, so geht es denen, denen der Mann mit seinen Nebenfrauen nun verekelt ist. Und es geht nicht anders den Mädchen, die in eine unerwünschte Ehe gezwungen werden. Es gibt aus jener Zeit ein böses Wort, die Chronisten berichten es, und draußen die bischöflichen Landsknechte rufen es, wie wir ja schon hörten, höhnend den auf der Mauer stehenden Täufern zu, und es heißt: ?Mein Geist begehrt deines Fleisches.? Es ist das Sesamwort, das jeden weiblichen Willen brechen soll, wir wollens hoffen, daß es Erfindung ist und daß es nicht so war, wie die Chronisten es behaupten. Daß nämlich dieses Zauberwort jedes weibliche Wesen, soweit es nicht schon gebunden war, herbeizwang in den Willen des Mannes ...

Wir wollens nicht hoffen, daß die Form so zynisch war. Die Praxis aber war so, und so, wie gesagt, bedroht der Richttod die, die sich dem Manne entziehn. So geht es den Ungehorsamen, so geht es denen, die die alleinige Herrin im Hause bleiben, so geht es denen, die gegebenes Treuewort halten wollen. Ja selbst den armen Weibern, die von der gesetzlichen Möglichkeit der Scheidung Gebrauch machen wollen, geht es so, da ihr Scheidungswille wohl zu Protokoll genommen, ihnen aber hinterher von den Prädikanten erklärt wird, ?sie seien verflucht an Leib und Seele? und weil auch hinter diesem Wort der Henker steht. Ja sogar den alten Weiblein, die mit ihrem ?Schirmherrn?, dem erwähnten Schutzpatron, unzufrieden sind, geht es nicht anders, und auch sie bekommen nötigenfalls um den Hals den roten Schmuck, nicht breiter als eines Messers Schneide.

Der Geist des Selbstmordes geht um unter diesen armen Weibern, die Aa schwemmt ihre Leichen an, die man eilends verscharrt. Und da die Gier der Männer auch vor Kindern nicht haltmacht und selbst die Zwölfjährige dem Ehegesetze untersteht, so muß die Heilige Stadt die ?Meestersche Knuppers?, eine Ärztin nach damaligem Begriff, bereitstellen, um die an Leib und Seele Verdorbenen zu kurieren. So ist es. Und um diesen Zustand zu erhalten und den Terror nicht erkalten zu lassen, wird neben all den Selbstmorden fleißig hingerichtet, und auch Bockelson selbst verschmäht es nicht mehr, das Richtschwert selbst zu schwingen. ?So haben Johann von Leyden und Knipperdolling mit ihren eigenen Händen manchen frommen Mann und manche fromme Frau zu Tode gebracht und manchen zu Tode schmachten lassen und ihm das Seine genommen und jämmerlich ihn von den Seinen gejagt und manchen arm und elend gemacht, daß es Gott erbarme. Und alles, was sie taten, das mußte also geschehen, und alles war Gottes Wille.? Ja gewiß, Meister Gresbeck, es ist manchmal so Gottes Wille, daß er die Augen schließt und Satan walten läßt, und es scheiden sich in solchen Zeiten nach seinem Willen die, die sich zu Gott, und die, die sich zum Satan bekennen.

Der Satan aber, Meister Gresbeck, ist ein Herr von ungeheurer Realität, und wenn er von der Kette kommt, verfaulen über Nacht die Stützen der Menschenhäuser, und es verfaulen die Menschenherzen. Und es verrät das Weib den Mann, und es verrät, wenn nur ein bescheidener Vorteil winkt, die Tochter an die Tscheka von Münster den eigenen Vater. Und es herrscht, was aus Müll und Kehricht gemacht ist und Jauche in den Adern hat, und es leidet und stirbt, was die Kraft hat, den Tod zu überwinden, und behält, da nichts so siebenfach Erz bricht als der Getreuen Leiden und Sterben: siehe da, es behält recht, Meister Gresbeck. Komme nur, Tod. Komme doch nur, du Knecht Gottes.

Hier aber verhandeln wir ein irdisch Ding und verhandeln eine Zeit, da war der Teufel wirklich von der Kette gekommen, und ungewiß waren in seinem Zeichen der Menschen Herzen geworden.

Es war eben eine herrliche Zeit, es ging uns gut, und die Propheten und Heiligen Münsters ?hedden al dat gelt wech / sülver und golt / und setten in ire huiser of oer güder und wolden datho hebben tehen oder twelf frowen?. So war das. Und dann kommt ein weiterer Satz, und der Satz soll dir unvergessen bleiben:

?Do hebben sie iren willen gehat, und da hat der duvel gelacht.?

Es war noch ein volles Jahr in Münster zu hören, dieses Lachen.

Rex cacans

Item ock bekant / dat Herr Bernt Rothmann in einer geselschap und gasterei gesagt / dat alle konninge und churfürsten und alle von adel des konnings Bockelson underdanen und emtlude solten sin und alle konninginnen und fürstinnen und greisinnen und frowen von adel sollten der konningin underdaen und megdinnen sin.

Aus dem Bekenntnis des Täufers Scheiffert von Merode.

Soll es denn aber in alle Ewigkeit so weitergehn mit dieser satanischen Stadt und soll sie etwa, während doch schon die Niederlande und die ganze friesische Küste und selbst in Oberdeutschland weite Strecken verseucht sind vom täuferischen Geist ... soll da nun diese Beule der Häresie etwa ganz Deutschland vergiften, das ganze Reich mit ihren Schwären bedecken und zuletzt alles untergehen in dieser von ein paar manischen Landfremden eingeschleppten Raserei?

Im August will zum zweiten Male das Feuer des Krieges auf die Stadt fallen, im August tagt im Lager von Münster großer Kriegsrat, und da nun alle die hohen Alliierten mit Troß und Reisigen und ihren Kriegskommissaren hier zusammenströmen, so hat es bei solcher Bewegung im feindlichen Lager Bockelson leicht, den Sinn dieses Kriegsrates sich zu deuten und seinen Leuten weiszumachen, es habe ihm Gottvater selbst für die nächste Zeit einen erneuten Ansturm auf Münster angekündigt.

Am 24. August treten im bischöflichen Lager fast alle die erlauchten Angrenzer des Münsterlandes zusammen ? der Erzbischof von Köln, die Grafen Schauenburg, Isenburg, Nassau, Waldeck, Neuenahr, Bentheim und Wied. Nicht zu vergessen die Hohen Kriegskommissare von Hessen, Kleve, Brabant und den Herzog von Grubenhagen. Denn auch solch einen Herzog gab es damals im vielstimmigen Chor der Reichsfürsten. Das, wie gesagt, war am 24. August.

Und beschlossen wird dieses, es begebe sich, ehe wir erneut unsere Feuerschlünde ?Duiwel? und ?sin mar? und alle die anderen großen und kleinen Donnerer des Artillerieparkes reden lassen, in die Stadt eine Gesandtschaft und fordere sie gehörig zur Übergabe auf. Gewähren aber wollen wir dir, Stadt Münster, alle Sicherheit vor Kosten und vor Blutvergießen, gewähren wollen wir selbst den Abzug für deine Propheten, wofern du nur ein Ende machst mit deinen wiedertäuferischen Teufelstänzen und wieder Se. bischöflichen Gnaden gehorsame Stadt willst sein. Willst du es aber nicht, so sieh dich vor! Unsere Kanonen sind gerichtet und geladen, und bereit stehn unsere Sturmkolonnen. Es ist die letzte Stunde unserer Gnade, und wenn du auch die versäumst, so wundere dich nicht, wenn Feuer und Schwefel und Donner auf deine Dächer fallen.

So ungefähr. Und mit solchem Auftrage begeben sich die Gesandten, nachdem zuvor ein dreistündiger Waffenstillstand verabredet worden ist, in die Stadt, die sie schon störrisch genug empfängt. Niemand spricht mit ihnen, stumm weichen die wenigen aus, die sich auf den verödeten Straßen noch blicken lassen: jedem Bürger nämlich ist strenge verboten, mit einem von der Gesandtschaft zu sprechen, und wer das Verbot zu brechen gedenkt, weiß ja wohl, was ihm blüht ...

Auch der Empfang bei Bockelson selbst enttäuscht die Herren gründlich. Offensichtlich verhandelt damals schon der Prophet mit den Gesinnungsgenossen in Holland wegen einer Intervention, offensichtlich verläßt er sich auf die Wirksamkeit seiner Propaganda, deren Saat ja in diesen Monaten auch wirklich gebührend aufgeht. Seine Sprache jedenfalls ist so selbstbewußt wie möglich: auf des Bischofs Gnade pfeife er und wisse schon, was es damit auf sich habe. Gottlos sei nicht die Stadt, gottlos sei der Bischof selbst, und kurz und gut, er denke nicht im mindesten daran, sie zu übergeben ...

Mit welchem Bescheid die Herren sich denn wohl oder übel entfernen. Da man aber, wohl mit Recht, annimmt, daß in Münster der gemeine Mann von dem hochherzigen Angebot nichts erfahren habe, so wird der Inhalt des bischöflichen Friedensangebotes in den nächsten Tagen an unzähligen Pfeilen auf kleinen Zetteln in die Stadt hinübergeschossen, und nur das ist fatal, daß hinter den Wällen niemand, bei sofortiger Todesstrafe, die Zettel aufheben und lesen darf. War die Begeisterung am Ende doch schon etwas erkaltet, daß solch Verbot notwendig war?

Bockelson ist auf der Hut, reitet Tag und Nacht durch die Straßen, erzählt von seiner göttlichen Offenbarung, ermahnt zu fleißigem Gebet und fleißigem Fasten und noch fleißigerer Wachsamkeit, läßt auch eine Stammrolle der gesinnungsgetreuen Bevölkerung anlegen. Kerssenbroch hat ein Exemplar dieser interessanten Stammrolle in die Hand bekommen und betont augenzwinkernd, daß er es ?non sine causa? ... nicht ohne guten Grund aufbewahre. Was sich wohl an die Adresse derer richtet, die nach dem Fall der Stadt sich gut bischöflich ausgaben, obwohl ihre Namen in der Liste enthalten waren. Auf uns ist es leider nicht überkommen, dieses Verzeichnis.

Die der Stadt gesetzte Frist ist am 28. August jedenfalls verstrichen, und pünktlich bricht das Donnerwetter los. Es mag wohl, gemessen an den Mitteln der Zeit, ein stattliches Trommelfeuer gewesen sein, da tagelang die Sonne hinter dem Pulverqualm sich verbirgt und, wofern man Kerssenbroch glauben darf, in den Nachbardörfern alle Fensterscheiben bersten. So fällt von vier Seiten, vornehmlich aber gegen die Tore gerichtet, Eisenhagel auf die Stadt, durchlöchert das Dach des Überwasserklosters, legt auch in die Tore Bresche, kann aber den Wällen, deren Fundamente aus gutem heimischen Gestein bestehen, nicht viel anhaben. Dort nämlich stehen, zum Teil durch den Terror in den Feuerbereich getrieben, einschließlich der Alten und Gebrechlichen und auch der Weiber so ziemlich alle Münsterer, füllen nachts mit Mist und Erde die Löcher, und die Damen halten zur Abwehr des erwarteten Sturmes heißen Kalk, Pechkränze und noch andere, weniger appetitliche Wurfgeschosse bereit. Die Weiber werden zwar in allen diesen Donnernächten ein wenig müde, halten sich aber ausgezeichnet. Knaben schießen mit Armbrüsten, durch die Gassen hinter den Wällen aber reitet der Mann, den eine Kapitulation mit schimpflichem Tod bedrohen würde. Von Tor zu Tor reitet er, dirigiert seine Reserven an die bedrohten Stellen und benimmt sich in diesen Tagen durchaus umsichtig und tapfer. Am einunddreißigsten bricht der Sturm los.

Der »Duiwel« des Landgrafen von Hessen schießt zu seinem Beginn den Signalschuß, das Ungewitter bricht von sechs Seiten zugleich los und entlädt sich diesmal am heftigsten am Judefelder und am Kreuztor. Bedauerlicherweise aber wehrt sich auch dieses Mal ?das Dörflein? mit Klauen und Zähnen. Denn nun geht es ja wohl, nach abgelehntem Friedensangebot, um den Hals, und jedenfalls ward dem Angriff so ?grausam und dapffer begegnet / daß die / so entlauffen mochten / fro waren und sich bedankten?. Und als der Sturm, der nicht allzu lange angedauert haben mag, zu Ende ist, da stehen die Täufer, Männer und Weiber, höhnend auf den Wällen, rufen den Bischöflichen zu, sie mögen doch gefälligst wieder kommen, ein ordentlicher Sturm habe doch wenigstens den ganzen Tag über zu währen.

?Wär Gott nicht mit uns zu dieser Zeit,
Wir hätten müssen verzagen?

singt man an diesem Tage als Siegeschoral in den Mauern, und durch die Gassen reitet Bockelson und fragt lachend seine Leute, ob sie nicht einen starken Gott hätten. Es ist die Stunde, in der er bereits mit einer neuen Herausforderung des alten Reiches umgeht.

Die Niederlage des Bischofs ist noch schwerer als die erste. Aus seinem Lager hört man die ganze Nacht hindurch das Geheul der jäh verwitweten Soldatenweiber. ?Do ist eine große menge volcks / edel und unedel / umpracht. Derglaichen etlich kriegsvolck der stat zugefallen und eingelaufen?, meldet ein zeitgenössisches Flugblatt. Tatsächlich sind 42 erprobte Offiziere und Hunderte von Leuten des Bischofs tot, tatsächlich hat es in Münster, wie später der Prädikant Klopriss auf der Folter angibt, nur 15 oder 16 Tote gegeben. So ist die Stadt nach dem Sturm stärker denn je.

Sie ist vor allem zuversichtlicher denn je, und es ist kein Wunder, daß des Bischofs Heer auseinanderläuft und zerbröckelt, und das einzig Tröstliche in dieser Prüfung ist das, was in diesen Tagen ein städtischer Überläufer meldet: daß man nämlich in Münster dem Brotmehl bereits Gerste zusetze und daß es an Früchten und Öl, vor allem auch an Wurzelwerk und Gemüse zu mangeln beginne ...

Wir hören ja wohl zwei Monate später, als wir die im Oktober aus Münster ausgesandten Wanderprediger ausfragen, auch das Gegenteil, wir werden dann hören, daß Münster noch für gut und gern zwei Jahre verproviantiert ist, immerhin aber wirkt die Auskunft dieses Überläufers doch etwas als Herzensstärkung. Mit Sturm und blutiger Belagerung ist der Teufelstadt ja doch nicht beizukommen, hungern wir sie also aus, indem wir sie hermetisch abschließen von der Welt.

Und während der Bischof zu diesem Zwecke seine Schanzen verstärkt und neue Blockhäuser vor den Toren errichtet, feiert Münster Siegesfeste, und ist, da diesem Bockelson ja alle seine Weissagungen so sichtbarlich in Erfüllung gehen, bereit, sich neuen Abenteuern hinzugeben. Was den Goldschmied Dusentschnuer aus Warendorf angeht, so ist er nur ein armer Krüppel, hat aber ein gewaltiges Mundwerk und ?konde dat volck so verschrecken und do mackeden sie in für einen propheten?. Auf den gemeinen Mann macht es immer einen tiefen Eindruck, wenn man immer Ach und Weh über die Verderbnis der Zeit schreit und immer das Höllenfeuer schürt, und eben das versteht dieser neue Prophet ausgezeichnet, und wenn er ? was er nach Gresbeck recht oft tut ? lügt, so ?plag ? pflegte ? hei to seggen »Got heft tho my gesprocken«?. Durch solche Befehlsübermittlung hat Gott ihm unter anderem denn auch gesagt, daß ein christlicher Bruder nicht mehr als einen Rock, zwei Paar Hosen, zwei Wämser und drei Hemden haben dürfe, und wer mehr davon hat, der möge es gefälligst an die Diakonen für die fremden Bedürftigen, für die aus der Fremde uns zugezogenen Brüder abliefern ...

Beschlagnahmungen aber stehen bekanntlich hoch im Kurse überall dort und bei allen denen, bei denen es nichts zu beschlagnahmen gibt, und da das nun einmal so ist und da er außerdem Bockelsons Gunst zu genießen scheint, so gilt das Wort dieses hinkenden Propheten bald sehr viel in Münster. Und so läuft er eines Tages im September, als alles noch in Siegesstimmung ist, auf den Markt und schreit, daß Gottes heiliger Mann Johann Bockelson fortan als König ... nicht nur von Münster, sondern als König über die ganze Welt und über sämtliche Reichsfürsten und natürlich auch über Kaiser Carolus anzusehen sei.

Das verkündet er, läßt sich von den herbeigerufenen Ältesten ein Schwert geben, reicht es Bockelson, ?auf daß ers führe, bis Gott die Herrschaft wieder von ihm nehme? ...

Nimmt auch Chrysamöl, salbt ?auf Befehl des Vaters? den Schneider und ruft ihn als ?Erben auf Davids Stuhl? zum König von Zion aus. Und hier wollen wir ein wenig verweilen.

Keine dreihundert Jahre werden vergehen, da wird über die Erde der Enzyklopädismus gegangen sein mit seinen Dreigroschenerkenntnissen und dem unerschütterlichen Nachweis, daß auch Könige verdauen und im Grabe verwesen ?just wie andere Menschen? ... keine dreihundert Jahre werden vergangen sein, da werden alle die frommen Mythen um die von Gott verliehene Krone zerstört sein und es wird Napoleon aus Metzgern und Bäckern Herzöge, aus einem Kommis einen König, aus den Königen der alten Dynastien aber Bettler machen.

So wird es um 1800 sein. Noch aber schreiben wir 1534, noch sind die Erinnerungen an die herrlichen staufischen Ungetüme so wenig verblaßt, daß noch zehn Jahre zuvor im Bauernkrieg die schwäbischen Haufen die alte wurmstichige Burg des Staufergeschlechtes, das doch immer den Bauern geschützt hatte, nicht verbrennen Die süddeutschen Bauern zögerten mit der Einäscherung. Angeblich war es ein Emissär des mitteldeutschen Münzerschen Haufens, der auf dieser Einäscherung bestand und sie durchsetzte. wollten. Noch lebt damals in den Herzen die Erinnerung an den Luxemburger Karl und an den ersten Maximilian, und wenn wir heute gar die um 1450 geschriebenen Berichte der Kammerfrau Helene Kottaner über die Krönung des doch erst vier Wochen alten Ungarnkönigs Ladislaus hören, so brausen bis in unsere Tage die Hymnen auf die Mystik der mittelalterlichen Krone.

Hier aber geschieht es, daß ein sozusagen im Straßengraben Geborener nach der Krone greift ? einen ?Theaterkönig und Hurenoberst? beliebt Kerssenbroch ihn zu nennen ? und daß er damit nachgerade alles herausfordert, was unausgesprochen in den Herzen seiner Zeitgenossen liegt. Er selbst hat später zugegeben, was auf der Folter schon im Herbst des Jahres 1534 der Prädikant Beckmann aussagt: daß diese ganze Königsproklamation ein vorher mit Dusentschnuer, mit Knipperdolling, mit den Prädikanten verabredetes Theater war, und wer daran noch zweifelt, mag die Frage beantworten, wie denn eigentlich bei dieser spontanen Eingebung des Dusentschnuer sofort ein Staatsschwert und eine Büchse Chrysam zur Stelle sein konnten. Theater ist die Proklamation, und Theater ist das Verhalten Bockelsons, der sich mit dem Gesicht auf die Erde wirft, sich zu jung für die Bürde eines königlichen Amtes nennt, schließlich aber sicher ist, daß Gott ihm helfen und seine Unzulänglichkeiten ausgleichen werde. So nimmt er die Krone an.

Als er dann mit seiner altbewährten Prophetentechnik behauptet, er habe dies alles seit langem schon gewußt, und als er etwaigen Widersachern die Schärfe des Staatsschwertes ankündigt, beginnt freilich die völlig überrumpelte Menge zu murren, und als die neugebackene Majestät dieses Murren hört, beginnt unter ausschweifenden Gebärden ein neuer hysterischer Ausbruch, der sich wieder in Drohungen mit dem Terror erschöpft. Da also schweigt natürlich der Widerspruch und ?do hebben sie upgehaven und hebben gesungen einen deutschen salm »Aleine Got in der hoegde sei ehr« und ein jeder is do widder tho huis gegain?. Es blieb ihnen ja wirklich nichts anderes übrig, als sich mit dem neuen Königtum abzufinden, und hinterher bearbeiten die Prädikanten durch volle drei Tage das Volk, indem sie auf Jeremias XXIII und Hesekiel XXXVII aufmerksam machen. Dusentschnuer aber, der da weiß, daß aus vollem Magen und aus luxuriösem Leben am ehesten Opposition und hochmütige Nörgelei erwachsen, predigt erneut gegen Völlerei und erreicht es schließlich, daß ein ganzer Wagenzug abgelieferter Sachen in die Hofhaltung des neuen Königs geschickt wird.

Es ist mit neugebackenen Königen aber genau so wie mit neugebackenen Edelleuten: der papierne Edelmann von gestern wird gut tun, sich nicht sofort hinter einer Parforcemeute zu zeigen, und jede junge Dynastie mag sich Napoleons erinnern, der bei seiner zweiten Heirat mit Marie Louise von seinem kaiserlichen Schwiegervater eine ganze Kiste mit Papieren zum Nachweis seiner königlichen Abstammung bekam, die Kiste aber mit dem Bemerken zurücksandte, daß sein Königtum sozusagen von Montenotte und der Lodibrücke herrühre ...

Die Majestät von Münster aber vernachlässigt diese empfehlenswerte Spielregel gänzlich, und im Herbst 1534 ist es zunächst ein möglichst prunkvolles Hoflager, auf das sie ihre Zeit und ihre Mittel verwendet. So hören wir von einer sofortigen Beschlagnahmung aller in Münster noch vorhandenen Rösser für die Hofhaltung, wir hören sofort von Reiterspielen und auch von einem ziemlich umfangreichen Hofkalender. Der ist mit seinen 135 Namen ? ungerechnet die sechzehn Frauen Se. Majestät ? sogar phantastisch zu nennen, wenn man bedenkt, daß dieses Königreich die Ausmaße der heutigen münsterischen Altstadt nur unwesentlich überschritt und daß jenseits der Grenzen der Feind stand. Daß Knipperdolling zum Stadthalter, Rothmann zum Kanzler avanciert und daß wir unter den Räten und hohen Staatsfunktionären die altbekannten Täufernamen Gert tom Kloster und Redeker und Krechting finden, ist selbstverständlich. Was es aber da sonst an königlichen Vorschneidern, Kellermeistern, Mundköchen, Zapfmeistern, Trabanten, Hofmetzgern, Büchsenspannern, Lakaien, Garderobiers, Hofjuwelieren, Trabanten und Küchenchefs ?über die fette? und ?über die magere Kost? gibt, ist nicht auszudenken. Wobei bedacht werden soll, daß der Hofstaat der sechzehn königlichen Frauen in der Liste überhaupt noch nicht angeführt ist.

Interessant aber ist es, die Liste auf Namen durchzusehen, deren Trägern eine Stellung im Gefolge eines Schneidermeisters an der Wiege kaum gesungen war Dort, wo die Namen sich mit denen von namensgebenden Sitzen decken, besteht natürlich immerhin die Möglichkeit, daß es sich um simple Herkunftsbezeichnungen und um Leute handelte, die aus den betreffenden Orten in die Stadt gelaufen waren. Nicht überall freilich besteht eine solche Möglichkeit, und in einzelnen Fällen beweist das unzweifelhafte Auftauchen des eingesessenen Adels in niederer Stellung hierselbst nur die schauerliche Macht der Massenpsychose.. Der Name Krechting ist ? in hoher Stellung! ? zweimal vertreten, der der Bispings und Spees erscheint je einmal auf der Trabantenliste, wohingegen die Bussches dreimal, einmal unter den königlichen Ofenheizern, einmal in der Liste der königlichen Frauen, einmal aber auch unter den Lakaien des königlichen Harems, erscheinen. Und was soll es wohl, daß diese Liste auch einen Christoph von Waldeck, einen Namensvetter des bischöflichen Erzfeindes von Zion, anführt? Es ist, man staune, sogar ein leiblicher Sohn Se. bischöflichen Gnaden, der von den Täufern gefangen wurde und sich nun leider gezwungen sieht, den königlichen Schneider bei den Allerhöchsten Ausritten zu begleiten Christoph von Waldeck, der unter den königlichen Pagen genannt wird, ist dann am 2. Juni 1535 die Flucht aus der Stadt gelungen..

So also kann der ehemalige Kneipenwirt und ?Rederyker? in seinem Hofalmanach den Träger eines uralten deutschen Geschlechternamens als Pagen benennen, bei einem norddeutschen Edelfräulein schlafen und sich von ihrem Herrn Vetter den Ofen heizen lassen. Da aber nun einmal zum Königtum Krone, Szepter, Reichsschwert, Hermelinmantel, Reichsapfel und Siegel und alle jene Attribute gehören, mit denen nach allgemeiner Vorstellung ein König dauernd behangen ist, so haben in den nächsten Wochen die Hofjuweliere zu schaffen! Dieses Königs Krone besteht gleich aus zwei und nach anderen Nachrichten gar aus drei Teilkronen, die, übereinandergeschmiedet, eine Art Tiara gebildet haben mögen, sie sind aus reinstem Dukatengolde gefertigt und umschließen einen schwarzen Samthut. Außerdem aber ?hadde der konningk ein gulden ketten / in derselven ketten dair hadde hei innen hangen die werlt ? Weltkugel ? glick als sein wappen mit einem golden runden appel und boven ? oben ? auf dem appel ein golden creutze stecken? Die Echtheit der beiden in zwei westfälischen Adelsfamilien aufbewahrten ?Bockelsonketten? wird angezweifelt.. Diesem Aufwand an Gold entsprechen goldene Sporen, ein goldbeschlagener Sattel, ein Staatsschwert Die Waffen des Königs wurden etwa zwanzig Jahre nach dem Sturz des Bockelsonschen Königtums von dem bischöflichen Kanzler v. Elen der Stadt vermacht. Wovon noch eine beglaubigte Abschrift des Testamentes zeugt.
Die Waffen sind noch bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges als städtisches Eigentum nachweisbar: 1619 noch quittiert ein Münsterer Schwertfeger dem Rat über den für die Reinigung der Waffen empfangenen Betrag. Neuerdings ist ein im Münsterer Rathaus aufbewahrter, durch seine außerordentliche Schlankheit auffallender Panzer durch den Direktor des westfälischen Landesmuseums zu Münster, Professor Geisberg, als der des Königs angesprochen worden.
mit goldbeschlagener Scheide, ein von drei goldenen Reifen umgebenes Szepter und, nach der Sitte der Zeit, Fingerringe Der Ring mit dem Staatssiegel zeigte den Reichsapfel mit dem Kreuz, durchbohrt von zwei Schwertern. Das Siegelbild war umgeben von der Umschrift ?De konningk in dem nien ? neuen ? tempel fort dit vor ein exempel?. Der Bischof schenkte nach der Einnahme der Stadt auch diesen Ring an Dietrich v. Elen, der ihn dann bei seinem Tode samt den schon erwähnten Waffen der Stadt vermachte. Der Ring wurde später vom Rat an den münsterischen Goldschmied Knop verkauft. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. an sämtlichen Fingern. Tizian hat den fünften Karl nur wenige Jahre später in einem einfachen schwarzen Gewand mit dem Goldenen Vließ als dem einzigen Schmuck gemalt ? dieser König trägt, nach Kerssenbroch wenigstens, meist ein scharlachrotes, oft aber auch ein mit Gold und Silber reich geziertes oder ein in allen Farben schillerndes und mit figürlichen Mustern reich durchwirktes Wams, und nach Gresbeck war es eben des Vaters Wille, ?dat hei sick so rüsten solte. Der gemein man konde nicht wieder kriegen von seinem gelt offe von seinem silver oder golt / aver der konningk und die rede droegent und heddent under handen?, und in der Tat hat es wegen dieses Aufwandes mancherlei Murren gegeben in Münster Die Folterbekenntnisse der gefangenen ?Apostel? schildern Johanns Anzug zwar schlichter, immerhin aber noch prunkend genug. Die königlichen Trabanten trugen übrigens die königlichen Wappenfarben Rot und Grau, dazu auf den Ärmeln die bekannte, von Schwertern durchbohrte Weltenkugel..

Dem Kleiderluxus entspricht die ureigentliche Hofhaltung. Daß es in der Königlichen Wohnung, der ehedem an der Stelle des jetzigen Postgebäudes gestandenen Buerenschen Kurie, eine Hofkapelle, eine Hausorgel, einen Hoforganisten gab, daß der königlichen Tafel auch die in der Stadt längst verschwundenen Leckerbissen zur Verfügung standen, versteht sich beinahe von selbst, und von selbst versteht es sich auch, daß die sechzehn königlichen Frauen ein nicht minder üppiges Leben führen. Die königliche Wohnung verbindet ein eigens hergestellter Durchbruch direkt mit dem unmittelbar daneben gelegenen Frauenhause, wo Divara Richtiger wohl in der Schreibweise der holländischen Zeitung ?Differe?. Sie stammte aus Haarlem., des seligen Matthys hinterlassene und von Bockelson auf Gottes eigenen Befehl geehelichte Witwe gebietet. Sie ist nach zeitgenössischen Presseschilderungen eine außerordentlich schöne Frau, sie ist die einzige unter diesen sechzehn, die zur ?Königin? erhoben ist und als solche auftritt. Unter den weiteren fünfzehn erscheint einmal der Name Kibbenbrock, einmal der Name Kerkerinck, zweimal der Knipperdollings. Wobei freilich bemerkt werden muß, daß es sich in einem Falle möglicherweise nur um Knipperdollings Magd gehandelt hat, während Clara Knipperdolling, der Tochter des Statthalters, der Umgang mit dem Könige so miserabel bekam, daß, nach Kerssenbroch, auch in diesem Falle die ?Meestersche? Knupper in Funktion treten mußte. Kerssenbroch berichtet noch mancherlei Einzelheiten aus diesem Harem ? Einzelheiten, die das Peinliche streifen. Wichtiger erscheint die schon einmal erwähnte und von Gresbeck so derb kommentierte Tatsache, daß im Laufe der nächsten zwölf Monate in diesem ganzen königlichen Harem nur zwei Kinder ? eines von Divara selbst und eines von Margarethe Moderson ? geboren werden. Übrigens hält der König darauf, daß ihm jede in der Stadt vorgekommene Geburt stracks gemeldet wird. Das Kind der Divara, das ja noch von dem toten Matthys empfangen wurde, erhält, um seine etwas heikle Stellung innerhalb der königlichen Nachkommenschaft zu bemänteln, den Namen ?Kind Neugeboren?.

So die Hofhaltung des Königs, nach der sich der Bischof bei allen inzwischen gefangenen Täufern höchst eingehend erkundigt. Bockelsons Auftreten als Staatsoberhaupt, zumal als oberster Richter des Gottesreiches, entspricht diesem Aufwande. Mit Teppichen bedeckt steht auf dem Markt zwischen den für den Hof bestimmten Bänken auf einer Empore von drei Stufen der Thron und Richterstuhl, und dreimal in der Woche vernehmen wir hier auf unsere mannigfachen Klagen und Beschwerden aus dem Munde des Königs den Wahrspruch. Dann betritt den Markt ein feierlicher und pomphafter Aufzug: ein Hofmeister mit weißem Stab und nachfolgenden Trabanten eröffnet, es folgen die Räte und Würdenträger, es folgt zu Roß der König und in ihrer Kutsche Königin Divara, es folgen ? Kerssenbroch beliebt, von Huren zu reden ? die übrigen königlichen Frauen und verlassen dann auf dem Markt den Aufzug und nehmen die Fensterplätze eines nahen Hauses ein und schauen zu, wie er, der Herrlichste von allen, Recht spricht. Der sitzt, zwei Pagen vor sich auf den untersten Stufen, auf seiner Sella curulis, der linke der Pagen hält das Alte Testament, der rechte das Reichsschwert. Der liebe Rothmann, der natürlich auch zugegen ist, gibt gern nach gefälltem Richtspruch einen Kommentar in Form einer Predigt, wozu, da die meisten der hier verhandelten Fälle sich um die neuen Ehegesetze des Staates und ihre mannigfachen Verletzungen durch unbotmäßige Frauen drehen, mancherlei alttestamentliche Handhabe sich bietet. Denn siehe, obwohl doch auch unser neuer Prophet Dusentschnuer erst kürzlich wieder zum willigen Hinnehmen dieser Ehegesetze aufgefordert hat, wagt Elisabeth Hölscher es, sich ihrem Manne zu entziehen, wagt Katharina Koekenbecker, es mit zwei Männern zugleich zu halten, wagt es Margarethe von Osnabrück gar, unseren zu ihrer Ermahnung erschienenen Prediger Schlachtschaf nicht nur gröblich zu beschimpfen, sondern auch anzuspucken und mit unappetitlicher Flüssigkeit zu begießen. Während Barbara Butendieck es sich herausgenommen hat, mit scharfer Zunge ihrem Eheherrn zu widersprechen.

Das Richtschwert liegt ja für solche Fälle immer bereit, und nur Barbara Butendieck, die schwanger ist, entgeht ihm vorerst und wird sogar nach der im Februar 1535 erfolgten Niederkunft begnadigt, da sie ja genug Angst ausgestanden hat. Die anderen Damen aber werden erbarmungslos geköpft. Meist beschließt übrigens ein von einem der Pagen verlesener Psalm, mitunter wohl auch ein öffentlicher Tanz der Hofgesellschaft oder gar ein Konzert der königlichen Kapelle die Tagung. Worauf die Majestäten in dem gleichen feierlichen Aufzug wie beim Anmarsch sich wieder in den Palast zurückbegeben.

So ist es, und dies kann wohl die etwas kurz befristete Blütezeit des jungen Königreiches genannt werden. Es ist die Zeit der sonnigen Herbsttage, da der abgedankte Schneider an den Landgrafen Philipp von Hessen Briefe schreibt, die ? man ist ja unter sich und verhandelt also als ?Reichsfürst? mit dem Reichsfürsten! ? mit ?Lieber Lips? beginnen ... es ist die Zeit, da der selbstbewußte junge Staat Münzen schlägt mit den Inschriften ?Das Wort ist fleisch worden und wonet under uns?, oder, noch markanter, ?Ein Koningk oprecht over all / ein glaub / ein tauff to Monster?. Und so wären wir ja wohl, in der historischen Parallele zur Französischen Revolution, etwa angelangt bei der Staatskonsolidierung und in jenem Abschnitt, da Napoleon St. Cloud und Malmaison bezog und die Jakobiner verfolgte und den alten emigrierten Adel zurückrief?

Hätte hinter Münster etwas mehr Macht gestanden, wäre die holländische Intervention tatsächlich erfolgt, es wäre vielleicht ähnlich gekommen und vielleicht hätte dann dieser heillose Sohn des Chaos seinen Frieden gemacht mit der Ordnung der Umwelt, hätte die Wiedertaufe samt Propheten, Altem Testament, Haremsdamen und dem ?Seid fruchtbar und mehret euch? hinter sich gelassen und mit Bischof und Reich seinen guten Frieden geschlossen. Just so wie Napoleon, als die Zeit reif geworden war, die Freundschaft mit den beiden Robespierres vergaß, die Jakobinermütze, die revolutionäre Zeitrechnung hinter sich ließ, Baboeufs Jünger in eisernen Käfigen nach Martinique spedierte und langsam seinen Frieden mit dem übrigen Europa und die angestrebte Legitimierung seiner Dynastie vorbereitete.

Wäre es nun auf diesen Bockelson, der seinen ?Brumaire? zu früh angesetzt hatte, allein angekommen, es hätte wahrhaftig einer ähnlichen Lösung nichts im Wege gestanden. Ich zweifle nicht im mindesten daran, daß im Grunde diesem Sproß der mittelalterlichen Unterwelt die ganze täuferische Ideologie herzlich gleichgültig, daß sie ihm lediglich Mittel zur Gewinnung persönlicher Macht war ... daß er selbst zu jedem Verrat an der Sache und zu jedem Verrat an all diesen Propheten und Amokläufern bereit gewesen wäre, wofern er sich dadurch den Frieden mit dem Reich und einen Abgang mit leidlichem Gewinst hätte erkaufen können.

Er konnte es eben nur nicht, und daß just in diesen Tagen der Bischof einen Vorschlag der Stadt Bremen zur Vermittlung des Friedens ablehnt, spricht wohl dafür, daß er Bockelsons Lage durchschaute. Die oben ausgesprochene These, daß Revolutionen in der Regel Sicherheitsventile zur Entleerung angestauten Massenressentiments darstellen, und daß vor solcher Entleerung jede gegenrevolutionäre Maßnahme und auch jeder vorzeitige ?Brumaire? zwecklos ist ? diese These wird hier wieder einmal erhärtet. Als Napoleon den seinen vorbereitete, hatte Paris die Carmagnolen und die Schreckensherrschaft längst hinter sich. Als Bockelson sich zum König machte und Philipp von Hessen mit ?Lieber Lips? anredete, war in Münster das Geschwür noch lange nicht geplatzt. Wofür wir ja nun bald die Beweise sehen werden.

Die von Rothmann und Klopriss verfaßte Schrift, die in diesen Tagen in Münster gedruckt wird und an Pfeilen und Stöcken ins bischöfliche Lager und in alle Welt hinausfliegt ? diese in der Geschichte des münsterischen Königreiches als ?Restitution? bekannte Schrift ist nur ein Beweis dafür, daß Münster an einen Frieden mit der Umwelt noch gar nicht denken konnte. An sich ist sie eine Wiederholung der oben schon erwähnten täuferischen Theologie in noch selbstbewußterer Form. ?Restitution? heißt sie, weil Gott ja von Zeit zu Zeit durch höchst persönliche Offenbarungen die verlotterte Menschheit ?restituiert?. Christi Erscheinen war eine ?Restitution?, nur fiel die Menschheit hinterher um so tiefer, und weder die Juden noch die Sarazenen und Türken haben Gott je so verachtet wie die sogenannte Christenheit. Wie der Papst, der nun den allertiefsten Abfall darstellt, wie die Theologen, die Christi Lehre verdarben, wie die Universitäten, die ein Gleiches taten, wie die Fürsten, die das Christentum nur als Mäntelchen für ihr pestiges Streben nach Macht benutzen ...

Eine ?Restitution? hätte, ehe er ja nun leider in seinem Hochmut steckenblieb, Luther mit seiner Rebellion bringen können, so aber kam die einzige wirkliche Restitution von Melchior Hoffmann, von Matthys und ?unserem Bruder Johann?. Restituiert ist in Münster die Welt durch die Neuoffenbarung des Alten Testamentes mit all seinen noch lange nicht erfüllten Verheißungen, restituiert ist die Menschwerdung Christi im Fleisch, bei der ?das Wort Fleisch ward? ... restituiert ist die Erlösung des Menschen von seinen Sünden in gottesfürchtigem Wandel, den die Altgläubigen über ihrem wüsten Leben ja ganz und gar vergessen haben.

Dies alles haben unsere Propheten ?restituiert?. Restituiert haben sie in diesem Sinne die Taufe, aus der der Antichrist ?ein Kinderbad und ein Zauberkunststück mit Blasen und Scheuern gemacht hat?, restituiert ist sie, weil sie nunmehr dem bewußten Erwachsenen gehört. Restituiert ist in Münster die Kirche, da die Lutherischen wahrhaftig besser daran getan hätten, Papisten zu bleiben, statt die römische Messe, als sei eine deutsche Sünde leichter denn eine lateinische, durch eine deutsche Messe zu ersetzen. In all diesen Messen aber macht der Antichrist sich einen ?Gott aus Brot?, zeigt ihn dem Volke und verlangt seine Anbetung und frißt hinterher diesen ?Brotgott? auf. Haben wir nicht auch hier Restitution geschaffen mit unserem Nachtmahl ohne alle Zauberformeln?

Restituiert ist die Ehe, weil die Vielweiberei bezeugt ist durch die Patriarchen und die Apostel, Vielweiberei ist notwendig, weil anders das Gottesgebot der Menschheitsmehrung sich nicht erfüllen läßt. Restituiert ist auch, da die bisherige nur ein Zerrbild der göttlichen war, unsere Obrigkeit, restituiert endlich ist nicht zuletzt die menschliche Gesellschaft aus der Gemeinde der Heiligen. Aus der Gütergemeinschaft, aus dem Fehlen jeder Eigensucht, aus einem idealen Zustande, ?bei dem es kein Kaufen und Verkaufen, keine Arbeit um Geld, keine Rente und keinen Wucher, kein Essen und Trinken von der Armen Schweiß gebe?.

Das ungefähr ist diese berühmte ?Restitution? des lieben Rothmann ? ein neues Taschenspielerkunststück der münsterischen Propaganda, ein neuer Wink für die unzufriedenen Massen, die damals gegen den jungen Frühkapitalismus aufbegehren ...

Ein neues Irrlicht für alle die trüben und die ehrlichen Gottsucher und für das idealistisch-häretische Wüten einer großen Zeitwende, eine Fanfare für alle, die in solcher Zeit ständig Bastillesturm und Pikenfest, kurzum jeden Tag revolutionären Geburtstag haben möchten.

Abermals, wie ihre Vorgängerinnen, befleißigt die Schrift sich einer gefälligen und biedermännischen Diktion, abermals stellt sie die münsterische Bühne hinter rosenrotes Lampenlicht, abermals verschweigt sie den Blocksberg und die ... ich kann nur sagen alttestamentliche Besoffenheit, die just damals die münsterischen Gassen mit ihrem Gegröl erfüllte. Zur Zeit ? obwohl ja auch das wiederkehren wird! ? läuft zwar niemand mit Bußerufen durch die Stadt, dafür erleben wir in Münster gegenwärtig das angenehme Schauspiel, daß zwei kleine Mädchen ? Kinder von acht oder neun Jahren ? alles terrorisieren, was sich noch erlaubt, an halbwegs eleganten Kleidern einigen Schmuck zu tragen. Dies aber vollzieht sich nicht etwa in den üblichen Bekundungen einer etwas verluderten Jugend, es vollzieht sich in einer grotesken und schauerlichen Weise, aus der uns der zeitweilige Massenwahnsinn eines großen Gemeinwesens von zehn- oder zwölftausend Einwohnern ? also einer für mittelalterliche Verhältnisse schon bedeutenden Stadt! ? angrinst.

Diese kleinen Bestien also stellen sich gutgekleideten Leuten ? Männlein und Fräulein ? in den Weg, weisen mit ihren Fingern stumm auf unzeitgemäßen Schmuck, springen, um bunte Hauben und Seidentücher abzureißen, den Weibern an den Hals, bekommen, wofern sie auf Widerstand stoßen, Schreikrämpfe, alarmieren damit die ganze Stadt und verfahren entsprechend auch bei Mannsbildern mit elegantem Anzug. ?Wan sie denn bei die mans kemen / die schone hosenbende hedden / dar gingen sie tegen stain ? blieben sie stehen ? und weiseten mit den fingeren und gaben ein gelaut von sich / recht wie ein mensch / der stum was. Wolte der man die hosenbende afbinden willich / so weren die medeckens wol thofreden und sprungen up in die lucht und schloegen die hände tho hope und sagen ? sahen ? mit dem angesicht in die lucht und stelten sick an / glick als ein stum mensch plecht tho doin. Wolde der man die hosenbende nicht laten afbinden / so wurden die medeckens tornich und schreiden. So giengen ouck diese selven medeckens doir die stat und suchten die frowenluede / die schoene halsdoeker umme hedden und dair liepen die medeckens na und springen den frowenlueden an den hals und toegen oem af / wer des nicht willen wolde von sick geven.? So verhält es sich gegenwärtig in Münster, und die Folge ist, daß die Stadt sich diesem Terror willig fügt und, gleich als hätten diese kleinen Bestien eine neue Erkenntnis gebracht, nun aus freien Stücken noch weiter geht: hinfort trägt man nur noch schwarze Hauben und färbt selbst die roten Schlafmützen schwarz, man zerbricht sämtliche Spiegel und läßt den abgerissenen Tand den beiden kleinen Furien zum Verbrennen. Die aber bekommen ihre Anfälle auch dann, wenn sie gerade keine Razzia veranstalten, sie stecken mit ihrem bekannten Gebrüll ?O Vater, gib, gib!? auch wieder einmal die erwachsenen Frauen an. Bis der König und die Prädikanten auf diese Exzesse aufmerksam werden und dafür sorgen, daß die Kinder aus der Öffentlichkeit verschwinden.

Denn Bockelson war kühl und klug genug, um die Gefährlichkeit und das Kompromittierende solcher Dinge zu ermessen, und dort, wo wir ihn in Zukunft an solchen Szenen selbst beteiligt sehen, da merkt man noch heute, nach vierhundert Jahren, diesen Schilderungen an, wie sehr dieser vielgewandte Odysseus Theater spielte. Da aber die weiteren Exzesse dieser Art nicht etwa von zwei hysterischen Kindern, sondern von Knipperdolling und somit von dem königlichen Statthalter selbst ausgehen, so sei hier vorweg die prinzipielle Frage aufgeworfen, ob es sich bei dem folgenden um eine beabsichtigte Kompromittierung des Königs handelte ...

Oder ob der Herr Statthalter in solchen Augenblicken wirklich närrisch war und, nach Gresbeck, ?nicht recht bei Verstande, wenn hei den geist bei sick hedde? Aus seinem späteren Bekenntnis zu den folgenden Vorgängen: ?Item / er sey einmal gefengelich angenommen / der orsake / dat he etzliche verblyndung gehat / dat er nit wisse / wat er dede.?.

Die Frage beantworten, heißt erstmalig genauer jenen seltsamen Mann betrachten, der so dunkel und rätselvoll neben dem Thron steht und so wenig gemein hat mit diesem Bockelson, dem wir ja in den Bravos der Dostojewskischen ?Dämonen? und in den mannigfachen Abwandlungen des bolschewistischen Menschen allenthalben begegnen. Wer aber war dieser Knipperdolling? Sein Bild zeigt statt der verquollenen und gedunsenen Züge des Königs die Merkmale der guten Herkunft ebenso, wie es die Züge des Paranoiden und des stigmatisierten Propheten zeigt. Das Henkeramt, das den Ausübenden nach den Begriffen der Zeit unehrlich machte, scheint ihm keine sonderliche Bürde gewesen zu sein, da er nach dem Mollenheckschen Aufstande die Köpfe der Gefangenen ja sicherlich mit einigem Behagen abschlägt Aus dem gleichen Geständnis Knipperdollings: ?Item / er hebbe XI oder XII mit syner handt gerichtet / ouck etzliche mit schrouven up den benen gepyniget.?
Die Zahl erscheint reichlich niedrig angesetzt. Der König, der als Scharfrichter doch sozusagen dilettierte, gibt für seine Person allein sechs bis acht Köpfungen in seinem Geständnis zu.
. Die Anfälle aber, deren wir Zeuge waren, tragen bei ihm den Stempel der Echtheit dort, wo sie bei Bockelson immer als übles Theater erscheinen.

Und doch muß in dem, was im Herbst zwischen den beiden Männern sich ereignete, auf Knipperdollings Seite ein Stück Berechnung gewesen sein. Die entsprang dem Groll auf diesen, um ein Hamlet-Wort zu gebrauchen, ?Geflickten Lumpenkönig?, der hinter dem Zaun geboren war und nun den Souverän Bekenntnis des gefangenen Königs: es sei zwischen ihnen oft Zwietracht gewesen. ?Denn Knipperdolling hebbe gesecht / se handeln butten der Schrift und wolde dem Koningk gelik syn.? Gresbeck berichtet, daß Knipperdolling die Königswürde Bockelson mindestens mißgönnte, was Kerssenbroch und zahlreiche andere Quellen bestätigen. spielte, sie setzte es sich zum Ziel, Bockelson durch planmäßiges Komödienspiel vor dem Pöbel lächerlich zu machen und ihn in Situationen zu bringen, denen der ?Theaterkönig und Hurenoberst? nicht recht gewachsen war. Ziel und Mittel dieses seltsamen Beginnens sind also ohne weiteres klar, unklar bleibt eben nur die Gemütsverfassung, in der er es begann. Es dürfte mit ihm hierbei nicht viel anders gestanden haben wie mit dem Dänenprinzen Hamlet: er schlüpft, um sich freies Spiel und Straffreiheit zu sichern, in des Narren Kleid. Nur daß beiden, dem Shakespeareschen Helden wie dem münsterischen Tuchhändler, in ihrer Exaltiertheit der Augenblick kommt, wo ihr Spiel allzu natürlich wird und wo die freiwillig gewählte Rolle des Narren Herr wird über die Komödianten selbst.

So steht es wohl mit dem seltsamen Manne, der Knipperdolling heißt. Den Beginn dieses tollen Narrenspiels haben wir wohl in die Wende vom September zum Oktober 1534 zu verlegen, als Knipperdolling in einem seiner bekannten Anfälle, die ja lange genug ausgesetzt haben, wieder einmal auf die Straße rennt und sein bekanntes ?Tut Buße / bessert euch!? brüllt. Genau so, wie wir es aus seinem Munde im Februar gehört haben.

Was nun aber im Februar sehr am Platze erschien, klingt heute doch wohl unschicklich und anstößig, denn seither, du außer Rand und Band geratener Tuchhändler, haben wir doch wohl ein neues Leben begonnen, ein Register der bösen Werke aufgestellt, uns selbst aber der guten so eifrig befleißigt, daß ein Aufruf zum Bußetun in dieser vor Gott untadelig dastehenden Gemeinde nachgerade eine Beleidigung darstellt.

Knipperdolling aber, anscheinend ganz und gar von Sinnen, rast auf den Markt, wo der König gerade Gerichtstag hält und wo er, Knipperdolling, nun nach Kerssenbrochs Worten ?instar apri spumans humi prostatus tacuit? ... mit Schaum vor dem Munde wie ein Eber sich zu Boden wirft und vorerst einmal mit seinem Gebrüll Ruhe gibt.

Was aber nicht lange dauert und wohl nur als kleine Erholungspause für den malträtierten Kehlkopf gedacht ist. Denn urplötzlich springt er auf, kriecht nach Kerssenbrochs Schilderung in einer wirklich nicht ganz leicht nachzuahmenden Technik wie ein Quadrupede auf den Köpfen (!) der Stehenden (!) herum, verkündet ihnen ihre Heiligung durch Gottvater, bestreicht auch mit Speichel die Augen der Blinden und verkündet ihnen das Wiedererwachen ihrer Sehkraft ...

Die Blinden hören deswegen leider nicht auf, auch weiterhin blind zu sein ? wer aber wird sich inmitten solcher Szenen sofort der paar enttäuschten armen Tröpfe erinnern? Denn zu Ende ist diese maniakalische Entleerung noch lange nicht, und von jetzt an nimmt sie Formen an, die nachgerade unerhört sind vor einem Thron und die Autorität Se. Majestät selbst schwer gefährden.

Der König hat bislang in all seiner Pracht auf seinem Stuhl gesessen und nach dem üblichen Gerichtstag der Predigt der Prädikanten gelauscht. Nun aber erscheint urplötzlich in einer Pause dieser Predigt der Herr Großvesir, steht, was bei der damaligen Tracht immerhin ein erhebender Anblick gewesen sein mag, vor dem Thron auf dem Kopf, bezeichnet sich als des Königs Narren, stemmt die Hände in die Hüfte, verneigt sich vor Bockelson ...

?Her Koningk guden tagh / wi sitte jy hir / her Koningk?? Das wäre also wohl das, was der neudeutsche Dialekt als ?Anpflaumen? bezeichnet, und das alles wird nicht weniger unziemlich dadurch, daß der Herr Premierminister plötzlich vor seinem königlichen Herrn herumzutanzen beginnt, ihm zuruft, ?er tanze jetzt vor ihm just so, wie er früher mit Huren getanzt?, ... daß er einem königlichen Trabanten die Hellebarde entreißt, sie schultert, vor Bockelson damit herummarschiert und ihn anschreit, ?so wollten sie nun beide ausziehen und die Gottlosen strafen?. Das Furchtbare dabei ist, daß dieser Anfall sofort auf die Umgebung übergreift. Denn als Knipperdolling nach diesem Tanz vor dem königlichen Thron sich wieder an die Umstehenden wendet und sie durch Küsse auf Mund und Wange in seiner Art von neuem ?heiligt?, da beginnt unter denen, an denen er mit dieser Heiligung vorübergeht, ein großes Wehgeheul, ?und ein deil luede / die hei nicht hilligen wolde / die hebben geschrien / die arme zimpel ? einfältigen ? luede / die nicht besser wisten. Ein deil merckede aver wohl / dat der duvel so mit inen regierte?.

So also steht es mit Münster um diese Zeit. Keine Beruhigung, keine Festigung, sondern ein weiteres Hochklettern des Fiebers ? kein Sichzurückfinden in die nüchterne niederdeutsche Welt ringsum, sondern ein rettungsloses Sichverfangen in den roten Schleiern und Schlingen der Massenpsychose. Da aber in einem Gemeinwesen, in dem Verrücktheit zum üblichen Durchschnittszustand wird, der König als der einzige Geistesgesunde unmöglich ist, so fühlt sich Bockelson, der während dieser peinlichen Szene auf seinem pathetischen Thron eine ziemlich unglückliche Figur gemacht haben mag, seinerseits zu einem Anfall verpflichtet, der dann freilich, sehr im Gegensatz zu dem des Statthalters, durchaus den Eindruck verzweifelter Komödienspielerei macht. ?Als nu der Koningk heft gesetten up seinem stoel und heft tho gesehn / so ist im gekomen des doepers geist unde er is von seinem stoel gefallen und das scepter is ime uth der hant gefallen und heft seine hende gefoldet und heft lange gesetten / recht wie hei beschweiget ? stumm ? was. Da hebben ouck die wiver gekrischen und der geist begunt irer ouck ein deil tho plagen / dat sick ein mensch mochte verschrecken / der datselve ansach. Als nu Knipperdolling heft gesehn / dat der Koningk is von seinem stoel gefallen / so heft he gelopen na dem Koningk und heft den Koningk umbfangen unde heft in wedder up den stoel geset unde heft im do den geist eingeblasen. So is der Koningk wedder levendigh worden und heft gesacht mit einer bevende stim: »Leven broeders und susters, wat sehe ick for grote frewde.«? Und siehe, plötzlich sind in den Augen der halluzinierenden Majestät alle die spitzbäuchigen Bürger und alle die alten Hutzelweiblein engelschön geworden, und, was am bedeutsamsten ist, es kreist vor dem Auge des königlichen Schneiders der Markt mit seinen Häusern, die demolierten Kirchtürme, ganz Münster ...

Was natürlich nichts anderes heißen kann, als daß der König nun mit seinem Volk rund um die Welt ziehen und König des ganzen Erdballes werden soll. Worauf die anwesenden Damen erneut Beifall kreischen und der Geist der visionären Heimsuchung Seine Majestät langsam wieder verläßt.

Leider aber gelingt mit diesem Theater eine Beendigung der peinlichen Szene nicht, leider treibt der Statthalter seinen groben Unfug weiter. Er ruft sich aus der Menge nun jene Männer heraus, die in der bewußten Februarnacht, als des Bischofs Leute Einlaß begehrten, mit ihm als Geiseln der Altgläubigen im Überwasserturm gesessen haben ? er setzt sie auf die Bank vor dem Thron, bläst ihnen ?einen lebendigen Odem? ein, ?konde aver inen den geist nicht ingeblasen?. Was vielleicht, da es sich um lauter alte und gebrechliche Männer handelt, kein Wunder ist, was aber den Herrn Statthalter keineswegs hindert, die alten Leutchen, die da etwas verstört und etwas blöd auf ihrer Bank sitzen, als seine Apostel zu bezeichnen und sie mit den entsprechenden Namen Petrus, Paulus, Simon usw. auszustatten. Die Majestät auf ihrem Thron fühlt, daß diese lächerliche Szene ihrer Würde immer mehr Abbruch tut und äußert den lebhaften Wunsch, nach Hause zu gehen, wird aber von Knipperdolling zurückgehalten. Der nämlich läßt vor dem König die von ihm Geheiligten das Knie ? die Männer das rechte, die Weiber das linke ? beugen, und zuletzt spricht er zu den Aposteln den verschrobenen und etwas apokryphen und nebst seinen wunderlichen Wiederholungen von Gresbeck offenbar selbst mitangehörten Satz, der beinahe wie ein Bestandteil der Merseburger Zaubersprüche klingt ...

?Got Got weise. Got Got gift iw erlof erlof ? Urlaub ? / dat gy ? ihr ? solt tho huiss huiss gain gain.? Worauf denn diese psychiatrische Klinik sich langsam verzieht und zu Mittag geht.

Leider aber beginnt am nächsten Tag der Hexensabbat von neuem, und von neuem kommt über den Markt getanzt der Herr Statthalter, setzt sich zum König auf den Thron, schreit in die Menge, er habe Bockelson zum König gemacht und ?dat hei wolde ouck ein Koningk sein?. Das aber ist natürlich ein bitterböses Wort, das den Tatbestand des Hochverrats erfüllt, und natürlich hat es schlimme Folgen. ?Do der Koningk sach und hoerde / dat Knipperdolling sachte / dat hei von rechten solde ein Koningk sein und dat hei in tho einen Koningk gemacht / do is der Koningk tornich worden?, was ihm keineswegs verdacht werden kann, und was in diesem Falle zur Folge hat, daß der König, ähnlich wie der hamletische nach dem bekannten Schauspiel, mit Geräusch aufbricht und der unwürdigen Szene den Rücken dreht und ?tho huiss gait?. Nur muß eben ein König, wofern er einmal fortgegangen ist, nicht wieder gleich zurückkehren ? er tut in solchem Falle doch wohl besser, einen Gardehauptmann zur Aufhebung des Unruhestifters zu schicken, sich selbst aber, nachdem seine Würde gekränkt ist, dem Volk lange nicht zu zeigen ...

Diese Regeln des Königsspiels aber kennt der ehemalige Kneipenwirt nun einmal nicht, und was er tut, ist nicht gerade würdevoll. Wie ein Marktweib, dem noch ein paar nicht verschossene Scheltworte nach dem Hader mit der Nachbarin eingefallen sind, kommt Bockelson zurück, befördert Knipperdolling, der sichs inzwischen auf dem Thron bequem gemacht hat, eigenhändig herunter und ?heft im verbaden / dat hei stil schweigen solt. Und do heft Knipperdolling geschwegen?. Da aber Bockelson merkt, daß die Szene auf die Anwesenden einigen Eindruck gemacht hat, fordert er das Volk auf, ?auf den sonst hochverdienten Statthalter nicht acht zu geben, da er von Sinnen sei?, läßt ihn endlich verhaften und gefesselt ?in thorn? werfen. Wo Knipperdolling drei Tage verbleibt.

Beide Herren kannten ja wohl einander und wußten sehr genau, was bei guter Gelegenheit ein jeder vom andern zu erwarten hatte, und da das auf beiden Seiten kaum etwas Gutes ist, fühlt Knipperdolling den Kopf auf der eigenen Schulter wackeln, und es überkommt ihn in seinem Kotter die große Reue, und er läßt den König wissen, daß er in heller Verwirrung und sicherlich unter dem ?Einflusse eines unsauberen Geistes? gehandelt habe. Der König andererseits, der ohne lautes Murren der Einheimischen einen Alteingesessenen und hohen Funktionär nicht köpfen lassen kann, schreibt ihm ins Gefängnis einen von Komplimenten und von Nachsicht überfließenden, im übrigen aber ziemlich süßsauren Brief, empfiehlt ihm in der Schrift die Lektüre der Geschichte von Josua, von Mardochai und auch die des letzten Esra-Kapitels und verbleibt im übrigen sozusagen sein wohlaffektionierter König Johann und schreibt unter seinen Namenszug nach gewohnter Weise: ?Gots kracht ist mein macht.? Worauf er ihn freiläßt und in Gnaden wieder in sein Amt einsetzt.

Dies ist der erste schwere Skandal um den jungen Thron und er bleibt insofern nicht ohne nachhaltige Wirkung, als ?do ein deil wiederdoepers was / die wolden hebben / dat man solde noch einen Koningk kiesen?, zum weltlichen Bockelson nämlich noch den geistlichen Knipperdolling. Was Bockelson dadurch beantwortet, daß er jeden, der solch vermessenen Gedanken äußert, unverzüglich einsperren läßt.

Dies sind die skandalösen Vorgänge, wie sie sich Ende September oder anfangs Oktober in Münster ereignet haben mögen. Wohl läßt sich ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen ihnen und dem, was nun folgte, nicht nachweisen ... dem unbefangenen Beobachter fällt es auf, daß alles, was nun kam ? die Ernennung von Aposteln und der Plan eines Auszuges ins gelobte Land ? schon während des Knipperdolling-Skandals in den beiderseitigen Visionen des Statthalters und auch des Königs aufgetaucht ist. Hatte der König nicht von einem Auszug geredet und war am Ende schon für jetzt mit den Brüdern in Holland ein Ausfall allergrößten Stils geplant, war am Ende späterhin das berühmte ?Abendmahl auf dem Berge Zion? nur ein Manöver, mit dem die Aufmerksamkeit der Massen von den eigentlichen Plänen der Staatsleitung und vielleicht auch ein wenig von dem eben überstandenen Knipperdolling-Skandal abgelenkt werden sollte?

Wir wissen es nicht und haben nur eine recht geschickte Vorbereitung der Massen auf alle die wunderlichen Geschehnisse zu verzeichnen. Seit einiger Zeit nämlich hinkt durch die Straßen wieder der Prophet Dusentschnuer, macht dunkle Andeutungen über große Ereignisse, die nun bald kommen sollen, macht Andeutungen über Gottes Posaune, die zu ihrer Ankündigung dreimal aus den Wolken geblasen werden wird.

Das sind ja nun erschreckende Worte, und zumal auf diese aus den Wolken tönende Posaune des Herrn wartet alles in großer Beklommenheit. Inzwischen schleichen wie Gespenster die Gerüchte durch die Gassen. Daß wir von der Posaune zu einem gemeinsamen Abendmahl aufgerufen werden sollen, mag hingehen, viel schlimmer ist etwas anderes, was nun in Münster gehört wird: mit Sack und Pack sollen die Gläubigen die Stadt verlassen, mit Gottes Hilfe und Schutz werden sie, just wie ihre israelitischen Vorbilder beim Marsch durch das Rote Meer, durch die bischöflichen Linien geführt werden, mit Gottes Hilfe werden sie ein gelobtes Land, herrlicher und reicher als die alte Heimat, erreichen.

Zu solch großen Dingen soll in drei Stößen die Posaune Gottes rufen, und man mag sich erneut fragen, ob die Staatsleitung, die solche Gerüchte planmäßig verbreiten ließ, nicht ihre ganz bestimmten, wenn ja später auch nicht verwirklichten Absichten gehabt haben muß. Die Hochstimmung des Sommers sank mit dem schwindenden Lichte des Herbstes sowieso, der kluge Bursche, der nun Herr der Stadt war, wußte um die schwindenden Vorräte und konnte den Ausgang sich leicht errechnen. Rings um Münster aber tobt ja damals das Täuferfieber, in Ostfriesland wartet man nur darauf, daß König Johann mit seinem Heerbanne gezogen käme. In den Niederlanden schreit es, ?es müßten alle Edelleute und Pfaffen erschlagen und es müßte in der ganzen Welt so werden wie in Münster?, und in Amsterdam war es schon zu bewaffneten Krawallen gekommen: sollte da Bockelson mit diesem angekündigten Auszug nicht an einen verzweifelten Durchbruch nach den Provinzen gedacht haben?

Wir wissen nicht genug von den unterirdischen Verbindungen der Stadt mit Holland, wir können die Maschinerie des Hintergrundes uns eben nur aus dem rekonstruieren, was sichtbarlich auf der Vorderbühne geschah. Auf dieser Vorderbühne stehen die Menschen, verstört oder verzückt, gläubig oder schon skeptisch und insgeheim der ganzen Täuferei vielleicht schon satt, und alles wartet auf die angekündigten Trompetenstöße. Bläst sie nun wirklich, Gottes gewaltige Posaune? O gewiß, sie bläst. Nur eben, als die Fanfare wirklich erklingt und die neuen Israeliten aus den Betten fahren und in den grämlichen Herbsthimmel schauen ? sehen sie da etwa Gottvater, wie er in das Horn Oliphant stößt? O nein, sie sehen dort oben nichts als ziehende Nebel und schreiende Krähenschwärme, sie sehen dafür auf der Straße unseren bewährten Dusentschnuer, wie er eben vorüberhinkt und dabei in ein altes verbeultes Kuhhorn stößt. Da aber die Leute einen himmlischen und nicht einen Warendorfer Fanfarenbläser erwartet haben, verbeißen sie mit Mühe das Lachen, dürfen es aber, da die überzeugten Täufer auf alles acht geben, beileibe nicht zeigen. Dafür laufen Bockelsons Anhänger straßauf und straßab und bereiten auf das zweite und gar auf das dritte Signal vor, und auch die Prädikanten predigen täglich darüber. Und dann, nach zwei Wochen, ?is die basun ? Posaune ? tho dem andern mail geblasen und so heft dieser solve prophet doer die Stadt gehumpelt und heft geblasen, glick als hei dat erste mail dede?. Und jetzt, zwischen dem zweiten und dem dritten Signal, scheint es ernst zu werden mit dem Auszug. Es rüste sich jeder dafür, es warte jeder wehrfähige Mann in Waffen, es komme bei der dritten Fanfare jeder auf den Domhof, der nun als unser heiliger Berg Zion gelten soll. Komme auch jedes von euch, ihr Weiber, bringt eure Kinder und eure Habe und allen Proviant ... Butter und Fleisch und euern Rauchspeck mit, ihr massiven Westfälinnen. Und wirklich strömt alles, als es zum dritten Male bläst, auf dem Domhof zusammen, bei eintausendfünfhundert wehrfähige Männer und achttausend Weiber, und mit ihnen nicht wenige mit kleinen weinenden Kindern, die man eben aus den Betten riß. Blinde und Lahme und Gebrechliche nicht zu zählen.

Da stehen sie also, die Männer im Harnisch in sieben Gliedern, die Weiber aber in sieben Todesängsten und allesamt sehr verdrossen. Denn man soll nun einmal keinen posaunenblasenden Gottvater ankündigen, wenn man hinterher nur mit einem trompetenden alten Unflat aus Warendorf im Münsterlande aufwarten kann, und vielleicht bergen gerade diese bangen Stunden denjenigen Augenblick, wo man sieht, daß Tatsachen und Versprechungen sich allzu wenig decken und wo für immer die Stimmung kentert. Denn wenn es mit all euern Wundern so steht wie mit diesem Posaunensignal ? stehts denn am Ende mit eurem gelobten Lande gerade so? Und wie weit ists denn bis nach Kanaan, und wie, ihr Herren, sollen wir denn nun auf dem Wege dorthin alle die Blockhäuser und Lünetten und die kanonengespickten Schanzen des Bischofs passieren? Diese neunmal vermaledeiten Fremden hier, die ja mit dem weißen Stab in unsere Stadt gelaufen kamen und nichts mehr zu verlieren haben ? die habens gut, von Gottes Wundern und Auszug aus Ägypten zu reden, wie aber wird es mit uns, die wir mit unsern quäkenden Kindern hier stehen und unsere Häuser leer und kalt unsere Herde gelassen haben?

Und alle die armen kleinen Leute machen finstere Gesichter, und die Stimmung, wie gesagt, verflaut, und Knipperdolling, der sich bei dieser Gelegenheit wieder einmal unnütz macht, hat gut trösten und den Lahmen und den von ihren Leuten hierhergeführten Blinden die gesunden Glieder und das sehende Augenlicht zu versprechen ? ja, hast du ähnliches nicht schon neulich versprochen, Bruder Tuchhändler, als du auf dem Markt die umnachteten Augen mit deinem Speichel bestrichst und dazu die Worte des Heilandes sprachst, von dem ihr wütenden Propheten des Alten Bundes sonst doch überhaupt nicht mehr sprecht?

?Mehr ? aber ? die lamen unde die blinden bleven glick als sie weren und solcke teicken wolden nicht geschehn upm domhof.? Um zehn Uhr nachts aber tritt insofern eine Wendung ein, als mit Krone und Kette und allem Schmuck und mit all seinen Trabanten, Hofbeamten und Pagen und natürlich auch mit all seinen Weibern die Majestät von Münster selbst erscheint und mit einer Ansprache die bekümmerten Herzen sehr erleichtert. Zuerst bei seinem Eintreffen sieht noch alles sehr grimmig und kriegerisch aus, zuerst teilt man die versammelte Mannschaft nach der Taktik der Zeit in ?Gewalthaufen? und ?Verlorenen Haufen? und läßt beide prächtig gegeneinander manövrieren auf dem großen Platz. Dann aber erhebt im Namen Se. Majestät ein Offizier die Stimme und verkündet den Anwesenden große Freude. Nein, es ist Gottes Wille doch nicht, daß man nun auszieht und das alte liebe Münster den Wölfen überläßt ? dies, Freunde, war eben nur eine Probe auf euern Gehorsam. Nun aber, da ihr die Probe bestanden habt, seht, da lassen wir in aller Eile Tische und Bänke für euch aufschlagen, und da ihr die Wegzehrung ja bei euch habt, so setze sich doch jeder mit den Seinen, gebe von seinem Überfluß dem Entbehrenden und nehme getrost vom Überfluß des Bruders und sei fröhlich im Herrn ...

So ungefähr, und es mag wohl beides gewesen sein ? Probealarm zuerst und dann Massenbelustigung. Eine kleine Weile entfernt sich der König, um den unbequemen Panzer abzulegen, kommt, die Krone auf dem Kopf, sogleich wieder und gibt nun ein leuchtendes Beispiel christlicher Demut. Denn nun entbietet er sich, samt seiner Königin ? mit Nummer 1 der sechzehn, wohlverstanden! ? die Anwesenden zu bedienen, und wirklich sieht man ihn nebst der schönen Divara Speise reichen, und hinterher geht das Paar leutselig von einem zum andern und fragt nach der Anzahl der Kinderchen und der Anzahl der Frauen. Und wie der König, so tun auch die Prädikanten und loben die Vielbeweibten, und alles in allem ist man nun guter Dinge auf dem Domhof, und nur Knipperdolling ist es vorbehalten, die Gemütlichkeit wieder einmal zu stören insofern, als er allen Ernstes an den König die Aufforderung richtet, er solle ihm auf der Stelle den Kopf abhauen ? er, der Tuchhändler, werde in drei Tagen wieder auferstehen. Was aber die Majestät von Münster lieber bleiben läßt. Seine Majestät nämlich hat, vorerst wenigstens, etwas anderes zu tun, Se. Majestät ist nicht umsonst ja auch oberster Priester dieses Gottesreiches: ein Abendmahl wird das gemeinsame Tafeln beschließen und vor seinen Räten steht das Königspaar ?midden up dem doemhof und hebben kleine runde koekesken gehat und hebben die entwe gebrocken / und al dat volck / man und frowen, iunck und alt / sind tuschen dem Koningk und der Koninginnen und Knipperdolling her gegain / und heft do ein ieder ein koekesken von den koken getten und einen drunck weins tho gedruncken und hebben so dat aventmail geholden?. Worauf die Menge ?Allein Gott in der Höh sei Ehr? singt, worauf die Prädikanten über den Sinn des Abendmahles erbauliche Worte reden, worauf endlich als Letzter Dusentschnuer auf einen Stuhl steigt und die Anwesenden an diesem ereignisreichen Abend mit einer letzten Sensation überrascht ...

Gott nämlich hat Dusentschnuer siebenundzwanzig Männer aus Münsters Mitten benannt, die in alle Welt ziehen und das neue Evangelium aus den Mauern in die vier Himmelsrichtungen tragen und dabei unter Gottes Schutz stehen werden. Wehe aber dem Ort, der sie nicht aufnimmt und dessen Staub sie von den Füßen schütteln ... ?so sol die stat mit der stunt versincken und sol in dem hellischen fuer verbrenen?. Und Dusentschnuer verliest die Namen der siebenundzwanzig, die nach Soest, nach Osnabrück, nach Coesfeld und nach Warendorf ziehen werden, und unter dem Soester Häuflein ist er selbst, der hinkende Prophet.

Er ist unter den siebenundzwanzig der einzige ?Prominente? nicht, Herr Hermann Kerkerinck ist dabei, Herr Heinrich Schlachtschaf, der Schulmeister Heinrich Graes, der Pastor Dionysius Vinne, der Pastor Regenwart, der Kaplan Johann Beckmann, Herr Gotfried Stralen, Herr Dietrich von Alfen. Und vor allem Herr Johannes Klopriss, der gelehrte Theologos, der eben mit Rothmann zusammen die ?Restitution? ausgearbeitet hat. Wie man sieht, lauter auserwählte Täufer, die Elite der alten Genossen aus den schon ein wenig fernen hoffnungsvollen Frühlingstagen. War es schon so weit mit Münster, daß der König nun seine Getreuesten hinausschicken mußte in ein verwegenes Spiel, dessen Ausgang eigentlich nicht zweifelhaft sein konnte?

Was sich unterdessen bei diesem Abendmahl hinter den Kulissen für ein wenig abendmahlmäßiger Zwischenfall ereignet hatte, davon wollen wir lieber erst ein wenig später sprechen und wollen vorerst halten bei diesen siebenundzwanzig Auserwählten, die nun ihre Marschorder empfangen, zu guter Letzt noch einmal an der königlichen Tafel speisen und aus dem Munde Se. Majestät zum Schluß noch ein klirrendes Abschiedswort hören. Daß sie nämlich ?ihm, dem König, den Weg bereiten sollten, daß er, der König, mit Waffen hinter ihnen gehen und ihre Verächter und Beleidiger mit dem Schwert strafen werde? ...

So starke Worte spricht er, der König. Die siebenundzwanzig Auserwählten haben derweil ihre Ränzel aufgehoben und nehmen nun Abschied auch von ihren Weibern. Insgesamt von einhundertundzwanzig, und im Durchschnitt mithin jeder von deren vieren. Was in dieser Situation bei aller Tragik ein wenig komisch anmutet. Mitternacht ist vorüber.

Es ist Mitternacht vorbei, und, wenn man sich streng an Gottes Sonderbefehl halten will, müssen die Apostel vor ein Uhr nachts die Tore passiert haben. Draußen auf den Wällen hält wie gewöhnlich ein Dritteil der wehrfähigen münsterischen Mannschaft, halten bei sechshundert Wacht, in ihrem Schutz ist hier, im Herzen der Altstadt, ein hell erleuchteter Platz, eine reich besetzte Tafel mit Wein und Rauchfleisch, ein König in buntem Wams und güldener Krone ... ein wahrer Coeur-König mit Höflingen und einer Kapelle von Flöten und Geigen und Pauken und einem Harem von sechzehn Weibern. Jenseits des festlichen Lichtkreises aber ist Herbstnebel und Herbsteskälte. Das Chaos und des Feindes Schwert.

Ein Uhr nachts. Die Gassen an den Mauern sind in alten Städten gemeinhin die Armeleutegassen, sind dunkle, schmutzige und übelriechende Gassen, wo man in Unrathaufen und auf tote Katzen tritt und wo man auf den Zinnen schon die dunklen Silhouetten schweigender Wächter sieht.

Paukenkrach klingt nun ganz leise schon, der Schein des unentwegt weitergehenden Festes leuchtet noch rötlich wie eine ferne Feuersbrunst, hier aber ist Dunkelheit, herbstliches Naßkalt, Flüstern der Wächter, die da leise, leise, auf daß kein Feind den Aufbruch bemerke, die Schlüssel drehen.

Hier ist die liebe Nacht. Und gleich hinter den eichenen Torflügeln, da steht er, Arzt aller verwirrten Herzen, Heiler aller verirrten Hirne, Tröster aller zerbrechenden Kreatur, Beichtvater aller Sünder. Komm her, du Knecht Gottes. Komm denn, lieber Tod.

Spes desperata

Die Meinung was / so sie die Oberhand behielten / dass sie beide / geistliche und weltliche oberkeit ausrotten und doten wolten wess stantz der auch were / nymantz übersehen.

Aus dem Bekenntnis des gefangenen Münsterschen Propagandisten Zillis Leitgens.

Es sind seltsam verständnisvolle Worte, die Leopold von Ranke für Bockelson gefunden hat, es berührt auf den ersten Blick eigentümlich, den großen Historiker des XIX. Jahrhunderts zu sehen, wie er, entschuldigend und sogar bewundernd, für den König von Münster seine Jugend, seine Vielseitigkeit, seine verführerische Rednergabe und seine angeblich so vorteilhafte Erscheinung ins Treffen führt ... als Dinge, die ihn in so turbulenter Zeit auf abschüssige Bahnen locken mußten.

Ranke aber lebte in einem von den Ausbrüchen der Unterwelt noch nicht bedrohten Zeitalter gesicherter und somit weitherziger Bürgerlichkeit, er begegnete dem destruktiven Menschentyp allenfalls dort, wo dieser destruktive Mensch als allgemein bestaunter und verabscheuter Schwerverbrecher auf der Anklagebank saß ...

Dort betrachtete man ihn mit den erstaunten Augen einer toleranten Zeit als ein Monstrum, und das, was das gegenwärtige Erdbeben an seinen jeweiligen Herden massenhaft an die Oberfläche befördert ? der Mensch des Kollektivs ? er mußte den Zeitgenossen Rankes noch weltenfern sein. Uns, unter deren Füßen nun der Erdboden abermals wankt, ist nicht so dieser Bockelson selbst interessant. Interessant ist vielmehr das, was er, der Sohn des Acheron, damals schon ausrichten konnte. Was er ausrichtete unter behäbigen und soliden Bürgern und unter Geistlichen, die wenige Monate zuvor noch redlich ihre Gemeinde betreut hatten. Unter Nonnen und Edelfrauen und all diesen Menschen, denen doch gestern alle diese strengen Bindungen des Mittelalters noch gar nicht als unerträgliche Fesseln erschienen waren.

Interessant ist somit nicht das Individuum Bockelson, sondern eben seine Auswirkung, und typisch für das, was er sich ohne Widerspruch erlauben durfte, ist eine Szene, die sich während dieses Abendmahles, noch vor dem Auszuge der Apostel, ereignet hat. Während dieses Mahles nämlich bemerkt der König einen unbekannten, einen kürzlich durch die Münsterschen gefangenen und von ihnen zur Feier sozusagen als Katecheten mitgebrachten Landsknecht. Der König wird auf das ihm nicht vertraute Gesicht aufmerksam, er fragt den Mann, was sein Glauben sei, und auf seine Art antwortet der angetrunkene Gefangene, er wisse von einem Glauben überhaupt nichts, sondern wisse nur von Saufen und von Weibern.

Solche Antworten aber soll man nicht geben bei der offiziellen Veranstaltung eines Staates, der die Spiegel zerbricht und den Weibern die bunten Hauben schwarz färbt, man soll so auch nicht zu einem Könige sprechen, der gestern noch einen ganz anderen und nicht sehr königlichen Beruf hatte und durch solch gemeine Diktion doch an die Zeiten erinnert werden könnte, wo er selbst als Kneipenwirt inmitten seiner Gäste tagtäglich solche Worte und solche Lebensphilosophie angehört hatte.

Bockelson also schluckt seinen Ärger über die Antwort noch einmal herunter, fragt, als König eines biblischen Reiches einer biblischen Sprache sich bedienend, den Mann, wie er zu solchem Hochzeitsmahl ohne hochzeitlich Gewand habe erscheinen können und bekommt von dem Landsknecht den wiederum etwas massig geratenen Bescheid, ?er sei zu solchem Hurensouper überhaupt nicht geladen, sondern ohne große Lust von den Münsterschen mitgebracht worden ...?

Derlei aber kann sich ja nun ein König nicht gut gefallen lassen, und Bockelson läßt den Mann ergreifen, schreit ihn an, er sei der Judas in Person, läßt sich das Richtschwert bringen und schlägt ihm bei währendem Abendmahl den Kopf ab. Der Leichnam bleibt bis zum Morgen an Ort und Stelle liegen, und da außerdem diese Szene sich vor aller Augen abgespielt hat, so ist es mit der Stimmung gründlich vorbei.

Solches also konnte, ohne ein Murren zu hören, der gleiche Mann sich erlauben, für dessen Reich in dieser Stunde die Apostel in das Ungewisse hinausziehen, und man kann nicht sagen, daß die Tat einen günstigen Auftakt gibt für ihre Reise. Dem Bischof ist ihr Aufbruch natürlich längst verraten, längst hat er sämtliche Behörden angewiesen, scharf auf etwa auftauchende münsterische Prädikanten zu achten, und sowie diese Leute die ihnen zugewiesenen Städte betreten, ist es trotz mancher in diesen Städten anzutreffenden täuferischen Gesinnung um sie auch schon geschehen.

Um so mehr, als sie keineswegs, wie es doch klug gewesen wäre, in die Städte sich einschleichen, sondern sofort nach Passieren der Tore mit dem bekannten täuferischen Bußegeschrei durch die Gassen ziehen. In Warendorf tauft Klopriss, der seinem glatten Gesicht einen verwilderten Bart hat wachsen lassen, im Hause eines täuferischen Ratsherrn zwar noch fünfzig Personen und hat auch die kleine Stadt bald so weit, daß sie alle bischöflichen Aufforderungen zur sofortigen Verhaftung des Mannes mit Stillschweigen oder, nach einem alten Akt, ?mit spitziger unde verhoenliger antworte? bescheidet ...

Ja, daß die auf dem Markte stehende Menge drauf und dran ist, zur Sprengung des münsterischen Belagerungsringes auszuziehen, und daß der Bischof schließlich mit seiner bewaffneten Macht zur Wiederherstellung der Ordnung in Warendorf einrücken muß.

Sein Erscheinen aber wirkt Wunder. Über Nacht ist er da, läßt das auf dem Markt stehende und geladene Warendorfer Geschütz in die Luft abfeuern, daß sämtliche Warendorfer Fensterscheiben springen, besetzt mit seinem Fußvolk alle wichtigen Punkte der Stadt und fordert die Herausgabe der im Rathaus festgehaltenen Prädikanten.

Die schreien zwar Wehe über die Verächter der neuen Lehre und drohen mit dem König Bockelson, der den Frevel schon rächen werde, haben damit aber keinen sonderlichen Erfolg. Sie werden nämlich, obwohl auch der Rat über den unerbittlichen Bischof murrt, ausgeliefert und es werden die meisten von ihnen in wenigen Tagen ? keine zwei Wochen nach dem eben geschilderten Abendmahl ? auf einer über neun Fässern errichteten Bühne geköpft und die Leiber öffentlich zur Schau gestellt.

Hier verblutet trotz der Fürbitte seiner adligen Standesgenossen und trotz der sogar vom Nachrichter selbst vorgebrachten Fürsprache Herr Dietrich von Alfen, hier auch unser altbekannter und bewährter Gottfried Stralen, und geköpft werden außerdem, da der getaufte Ratsherr Erpo Holland unvorsichtigerweise ihr Verzeichnis hat herumliegen lassen, sogar einige von Klopriss ebenfalls getaufte Warendorfer. Aufgehoben für den qualvolleren Feuertod wird nur Klopriss selbst, den der Bischof wie ein seltenes wildes Tier dem Erzbischof von Köln schickt und der erst im Februar 1535 in Brühl ?vermöge Römisch Keyserlicher Constitution mit deme feur vom leben zum dode bracht und gestraifft? wird. Nicht ohne daß er zuvor beim Verhör Bockelson ?groissen verstand in der hilligen schrifft und groisse wohlsprechenheit? nachrühmt, nicht ohne daß er bekennt, er wolle sofort lieber nach Rom gehen, als zu der zweiten Frau, die er, Klopriss, nach seiner ersten noch genommen habe ...

Nicht ohne, daß er sich übrigens als standhafter Mann erweist und in seiner Überzeugung stirbt, ohne auch, wie leider Amtsbruder Stralen tut, unnötig münsterische Geheimnisse auszuplaudern. Die Stadt Warendorf aber wird wegen ihres zweideutigen Verhaltens manches Rechtes beraubt und auch für landtagsunfähig erklärt, und so endet die Wärendorfer Mission ziemlich traurig. Die nach Soest Gesandten, unter denen sich auch Dusentschnuer und Schlachtschaf befinden, dringen mit ihrem üblichen Bußegeschrei sofort in die Ratsstube ein, werden aus der Stadt gewiesen und trotz ihres Gezeters über das unbelehrbare Soest ergriffen und auf dem Walle hingerichtet. Wobei einer der Prädikanten dem Scharfrichter sagt, sein Hals sei für das Richtschwert unverletzlich, der Scharfrichter aber, ohne jedes Verständnis für solche Behauptung, mit der doppelten Kraft zuhaut und den gefeiten Kopf vom Halse springen läßt und damit die münsterische Prophetie leider wieder einmal Lügen straft.

Es endet schlecht in Warendorf, es endet schlecht in Soest, es endet ebenso schlecht in Coesfeld, wo die Apostel sich vor ihrer Hinrichtung gar bitter über Dusentschnuer beklagen, der sie verführt habe. Ja, so endet es auch in diesem für die täuferische Lehre so gar nicht empfänglichen Coesfeld, wo sie im Verhör ausplaudern, wie sehr das Volk über die Königsproklamation gemurrt habe und wo es leider auch geschieht, daß mehrere Apostel, darunter sogar unser bewährter Beckmann, um Gnade flehen. Und was geschieht gar im Norden, in Osnabrück? Dort geraten sie versehentlich zu einem Glaubensgenossen, der gar kein Glaubensgenosse ist, werden verhaftet und lassen sich singend abführen. Sie erregen zwar einigen Aufruhr bei jungen Handwerkern, die psalmodierend und raunzend vor dem Kotter stehen und die Gefangenen befreien wollen, werden gleichwohl unter Bedeckung nach Iburg gefahren. Angesichts des Schafotts aber schreit der verängstigte Schulmeister Heinrich Graes aus Borken verzweifelt dem auf dem Schloßbalkon stehenden Bischof zu, ob er denn nicht einem Gefesselten Gnade gewähren wolle. Der Bischof wird aufmerksam, läßt Graes zu sich kommen und verhört ihn. Und hier beginnt eine tolle Geschichte, von der schon hier der Anfang wenigstens erzählt sei.

Der Mann nämlich, den doch nun sozusagen der Heiligenschein der Märtyrer umgeben sollte, macht sich, wofern man ihm nur das Leben schenken wolle, anheischig, wichtige Geheimnisse der Stadt auszuspähen und zu diesem Zwecke nach Münster zurückzukehren. Der Bischof, der ihm zunächst mißtraut, nimmt ihn in Eid, läßt ihn, auf Graes eigene Anweisung, gefesselt und bei Nacht und Nebel bis unmittelbar unter die Mauern der Stadt schaffen, wo die Wachen den Apostel des Herrn, den einzigen Heimgekehrten erkennen und das Volk von Münster ihn unter Lobgesängen dem Könige zuführt. Dort aber erzählt dieser Graes auf die Frage, wie er habe heimkehren können, eine wahre Räubergeschichte von einem Engel des Herrn, der ihn aus dem Iburger Gefängnis befreit habe ... er erzählt auch anschaulich von den Martern der übrigen und begegnet mit all diesen Engelgeschichten zuerst zwar einigem Mißtrauen, weiß aber mit der Versicherung, daß draußen alles gut täuferisch gesinnt sei, Bockelsons Herz für sich zu gewinnen. Wird zum Propheten erklärt, wird von allen Staatspredigern als Muster starken Glaubens bezeichnet, nimmt fortan an allen wichtigen Beratungen teil und erfährt alles, was er wissen will.

Natürlich hängt, da ja täglich bischöfliche Überläufer und Gefangene in die Stadt kommen, die um Graes in Iburg gespielte Rolle wissen ? natürlich hängt unter solchen Umständen sein Leben am seidenen Faden, natürlich kann jeder Tag ihm das Verhängnis bringen und natürlich sucht er fortan nach einer Gelegenheit, aus der Stadt wieder zu entkommen. Und wir werden ja auch bald sehen, wie ihm dieses Vorhaben glückte und wie schlecht es Münster dabei erging.

Vorderhand aber ist festzustellen, daß das Leben dieser armseligen Apostel ganz umsonst geopfert ist, und da es, wie wir bald sehen werden, inzwischen nicht mehr sehr gut steht mit dem neuen Zion, was bleibt uns da übrig, als auf die Intervention der täuferischen Brüder in Friesland und Holland zu hoffen und zu ihrer Alarmierung doppelt laut in das Sprachrohr der Propaganda zu schreien?

Was Münster in diesen Spätherbst- und Wintermonaten auf diesem Gebiet leistet, verrät fast allenthalben des lieben Rothmann gepflegte Literatenhand, es ist ein beachtliches Feuer, das in Holland entfacht wird und von dort aus um ein Haar das ganze Reich in Brand gesteckt hätte. Da, wie wir bald sehen werden, das Verlassen der Stadt noch immer ziemlich leicht ist, so erreichen fast alle diese neuen Wanderprediger, die man bis Dezemberende mit reichlichem Geld, mit geheimen Briefen und mit Rothmanns Traktätchen aussendet, ihr Ziel, und wir werden bald sehen, wie kräftig ihre Saat aufging. Darüber hinaus fliegen wieder, an Stöcke und Pfeile gebunden, die Broschüren und Briefe über die Wälle ins bischöfliche Lager, sie kleben, von überkühnen Täufern dort angeheftet, gar an den Türen der Blockhäuser. Sie hetzen wieder einmal den Landsknecht zur Insubordination auf, wandern auch bei Bauer und Bürger von Hand zu Hand und überzeugen die einfältigen Leute immer mehr davon, wie bieder und harmlos doch im Grunde die armen Täufer seien und welches Unrecht der Bischof tue, sie so hart zu bedrängen. Diese Rothmannschen Schriften sind damals überall und sind doch nirgends recht zu fassen, sie hecken allenthalben nach dem Muster der ihre Tochtergeschwülste zeugenden Krebsgeschwulst neue Täufergemeinden. ?Daer sint?, sagt später, anfangs 1535, der schon erwähnte Schulmeister Graes aus, ?daer sint geschickt uth Monster dusent boeken ? Bücher ? in allen umliegenden steten und dorpen / welck bock is genant »von der Wrache« ? Rache ? / um dat gemeine volck uprorech ? aufsässig ? to maken.?

Knipperdolling nämlich schreit, wenn er wieder einmal mit einem seiner Brüllanfälle durch die Straßen läuft, nicht mehr wie früher nach Buße, er schreit neuerdings ?Rott aus, rott?, und wenn König Bockelson in diesen dunklen Spätherbsttagen melancholisch sein nahes Ende und seinen noch gewaltigeren Nachfolger ankündigt, so sagt er, daß dieser nach ihm kommende Gewaltige ?alles Hohe niedrig? machen werde. Mit dem gleichen chiliastischen Haß wütet auch die Rothmannsche Schrift gegen alles, was nicht nach münsterischem Rezept eingeebnet ist und wütet demgemäß gegen die Stände des Reiches. Sie gebärdet sich höchst makkabäisch und verrät ihre Wut über die steigende Not Zions in verwegenen Wunschbildern, sie stützt sich auf jedwede passende alttestamentliche Greuelprophetie und ganz besonders auf Hesekiel XXX. ?Babylon? ? das ist natürlich alles, was nicht münsterisch ist ... Babylon wird für die Bedrängung des Gottesreiches schwer gezüchtigt und nach Hesekiel XXX. soll zu Zoan ein Feuer angezündet und ?der Bal von Noph umgestürzt werden?, und allenthalben verrät sich jenseits dieser alttestamentlichen Exegese der unbändige Wunsch des lieben Rothmann, alle bestehende Ordnung zu vernichten und nach dem Rezepte aller Unterweltssöhne das Oberste nach unten und vor allem das Unterste nach oben zu kehren. So verhält es sich mit diesem Buch ?Von der Rache?. Und es leistet an Unverschämtheit das Äußerste am Schluß, wo es nach all diesen Drohungen mit Feuerbrand und Schinderei auf jene Sanftmütigen verweist, denen nach Christi Wort das Reich Gottes gehören wird. Gerade dieser dialektische Salto aber, das ist mit all seinen Zungenkünsten der liebe Rothmann. Das ist der aus dem Leim gegangene Pastor mit den neun Frauen, das ist, um ein russisches Wort zu gebrauchen, der rabiat gewordene Popensohn, dem auf die Dauer das Leben nie, die Dialektik aber immer gehorcht: Urahn jenes Pjotr Stepanowitsch aus Dostojewskis ?Dämonen?, Urahn aller modernen Wort-Bravos, deren einzige Waffe die Dialektik, deren Ziel Zersetzung um jeden Preis und deren Erbschaft Massenwahn heißt. Das Schicksal hat diesen Rothmann nicht wie die übrigen Führer Münsters an den Lambertiturm gehängt, und es wäre ja auch unziemlich, selbst dem ärgsten Bösewicht mehr als die Auslöschung aus dem Leben zu wünschen. Wurde aber nach dem Fall der Stadt nun einmal mit glühenden Zangen gezwickt, wurden die Knipperdolling und Bockelson vor ihrem Schafottode zuvor wie wilde Tiere als Schaustücke durchs Land gefahren: so wäre es recht und billig gewesen, es hätten alle diese Strafen zuvor den intellektuellen Drahtzieher, eben diesen Rothmann, getroffen. So ist er spurlos in jener ominösen Johannisnacht des Jahres 1535 und wohl unter den damals getürmten Leichenhaufen für immer verschwunden. Was bestehen bleibt, das ist die ihm und gerade ihm aufzubürdende Verantwortung für das unermeßliche Elend der Stadt und für alle die Blutbäche, die in diesen achtzehn Monaten in ihre Erde gesickert sind.

Die Schrift ?Von der Rache? bleibt in diesen Monaten seine einzige literarische Tat nicht. Als im Dezember 1534 endlich, wie wir noch sehen werden, ?die vier Churfürsten vom Rheyn / auch der Rheynischen, Niederländischen und Westphälischen Kreyss stendt Botschafter und Rhet? zur Beratung über die Lage und die notwendigen Maßnahmen zusammentreten, da wenden sie sich auch, den Münsterischen ihre mannigfachen Häresien und Untaten vorhaltend, mit einer Schrift an die Heilige Stadt und erhalten von ihr natürlich geharnischte Antwort. Ganz besonders an den Landgrafen Philipp von Hessen richten sie aus Münster einen Brief, der am zehnten Januar 1535 abgefertigt wird und der, weil er wiederum Rothmanns Urheberschaft verrät, im Auszuge wenigstens hier wiedergegeben sei ...

?Gott der Allerhöchste, ein Herr der Heerscharen und allein ein unsterblicher König, der wie ein Buch die Himmel breitet und den Grund der Erde gefestigt hat ... macht selig und erhöret alles, was in Christus nach seinem Willen lebt, verwirft aber und erniedrigt alles, was hoch und hoffärtig ist auf Erden. Derselbe Gott also, den wir allein ansehn und fürchten, der wolle auch Euch nach Euerm guten Willen Gnade und Barmherzigkeit verleihen. Amen.

Besonders lieber Phillips, Landgraf zu Hessen, wiewohl wir daraus, daß ihr dem sogenannten und papistischen Bischof, der unser geschworener Feind ist, samt den anderen Babylonischen gewaltige Hilfe mit Geschütz und Knechten gewährt habt, leicht zu entnehmen haben, wessen wir uns von Euch zu aller Zeit versehn sollen, so haben wir doch sonderliche Ursach, mit guter Vertröstung und Hoffnung an Euch zu schreiben.

Erstlich verwundern wir uns sehr, daß Ihr samt den sogenannten Evangelischen des Evangeliums so vergessen habt und daß Ihr das, was Ihr als Greuel erkanntet, nun gegen uns handhabt und stärken helft.

Die Obersten unserer Feinde wollen nicht verstatten, daß wir mit jemanden sprechen, wollen auch nicht erlauben, daß unsere Schriften und Bücher gelesen werden. Lieber, aus welcher Ursache denn? Wahrlich, weil der Teufel sehr wohl weiß, daß kein Ding stärker ist als die Wahrheit. Es ist aber jämmerlich, daß die, die sich des Evangeliums rühmen, das Evangelium also verfolgen. Daß die Papisten als die rechten Babylonischen uns verfolgen, ist noch zu verstehn. Daß aber die Evangelischen als Freunde der Wahrheit und Liebhaber Christi nun den lügenhaften Christen beistehn und helfen, Lieber, wer mag solche Unbescheidenheit aussprechen?

Wir wollen darum, frommer Philipps, Ihr wollt die Sache wohl bedenken, daß Ihr uns hört und uns wenigstens einen Titel oder eine Ursache unserer Mißhandlung angebt. Wir haben mit etlichen Evangelischen, die sich zwinglisch oder lutherisch nennen, verhandelt und von ihnen, wofern wir übel gehandelt hätten oder falscher Lehre wären, Zeugnis gefordert. Es ist uns aber bis auf den heutigen Tag keine andere Antwort geworden, als daß wir Ketzer sind. Ist das denn Bescheides genug?

Es ist ja nicht nötig, so viel schwere Kriegskosten mit viel Blutvergießen gegen uns zu gebrauchen, denn wir sind allerzeit erbötig gewesen, dem göttlichen Rechte genug zu tun, wenn uns jemand nachweist, daß wir unrecht haben. Haben wir aber recht, so wollen wir bis ans Ende unseres Lebens um der Gerechtigkeit willen der Welt Feindschaft tragen. Denn wir sind gewiß mit dem Bann des göttlichen Geistes versiegelt, daß man uns vor Gott keine sträfliche Schuld kann auflegen. Darum sind wir auch ganz unverzagt. Wir wissen, der Welt Anschläge gegen uns werden nicht alle geraten, denn unsere Erlösung säumt nicht und das Feuer, das angesteckt ist, werden alle Wasser der Erde nicht auslöschen können.

Wir wollen nun von etlichen Stücken, die bei uns ans Licht gekommen sind und an denen der gemeine Mann und vielleicht auch Ihr auf den ersten Blick Euch stoßen mögt, einen klaren Bericht geben. Demnach schicken wir Euch hier eine gedruckte Schrift Es war die bekannte ?Restitution? Rothmanns. zur Anweisung unserer christlichen Lehre. Wenn Euch nun die Wahrheit lieb ist, so leset die Schrift mit Fleiß und prüft und richtet nach der Wahrheit mit gerechtem Gericht.

Wir hören, daß es in der Welt unleidlich erachtet werde, daß bei uns des neuen Tempels ein König aufgerichtet worden ist, sie schelten und lästern greulich darüber. Nun wißt Ihr ohne Zweifel, daß Christus gesagt hat, daß nicht ein Titelchen der Heiligen Schrift unvollbracht bleiben soll. Nehmt also die Propheten zur Hand und seht, was sie von dem babylonischen Gefängnis und der Vollendung dieser Welt sagen und was die Parabeln Christi, was der Apostel Schrift und was die Apokalypse zeugt und wie den Babylonischen vergolten werden soll und zu welchem Reiche und zu welcher Herrlichkeit Gottes Volk aus allen Enden der Welt versammelt werden soll.

Wenn Ihr das mit Fleiß überlegt und dann die Schrift, wie Paulus zu Thimotheus sagt, voneinander scheiden könnt, so werdet Ihr gewiß vernehmen, ob wir von uns selbst einen König aufgerichtet haben oder ob er von Gott anderswo verordnet ist.

Wir bitten Euch, achtet uns doch nicht so keck und unverständig, daß wir zu unserem eigenen Verderben solches Fastnachtsspiel anrichten und bei uns dulden.

Auch möchten wir durch verständige und getreue Brüder mit Euch reden, oder mit beständigen, geschickten und frommen Männern, die nicht wie Fabricius Schon im November war Fabricius, der aus den Januarwirren des Jahres 1534 bekannte hessische Geistliche, als Unterhändler in der Stadt gewesen und hatte, da die Besprechungen in einem Tage sich nicht erledigen ließen, durch eine Nacht sogar die reichlich gewährte Gastfreundschaft des Königs genossen. Die Verhandlungen waren durchaus negativ verlaufen, am nächsten Morgen aber hatten die königlichen Räte Fabricius im Vertrauen zu verstehen gegeben, daß der König sich nun einmal zu weit vorgewagt habe und nicht zurück könne, daß übrigens ein wesentliches Hemmnis für alle Verständigungen die Person des Bischofs sei: mit einem weltlichen Fürsten werde man weit eher verhandeln können. mit geschmückten Lügen an- und abziehen, von der Wahrheit zwischen Euch und uns handeln. Dann vermuten wir und wissen sicherlich, Ihr werdet gegen uns und Christi Wahrheit anders gesinnt sein, als Ihr durch lügenhaftes und falsches Anbringen täglich über uns berichtet werdet.

Laßt uns darauf Eure Meinung vernehmen, so sollt Ihr uns zu aller Billigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit allzeit bereit finden.

Gegeben aus Münster, den 10. Januar 1535.

Aus göttlicher Ordnung und Vereinigung
der Regenten und Gemeinde der Stadt Münster.

Also schreibt Münster. Der ?besonders liebe Philipps, Landgraf zu Hessen?, verfehlte nicht zu antworten, und es ergab sich aus diesem Hin und Her der offenen Briefe ein richtiger Federstreit, der von einer Replik zur anderen immer heftiger wurde und erst kurz vor der Einnahme der Stadt endigte. Wer im übrigen zwischen die Zeilen sieht, liest dort ziemlich viel. Im August waren die bischöflichen Unterhändler mit dem barschen Bericht heimgeschickt worden, daß ihre Sache die des Antichrists sei, im Oktober noch hatte einer der Apostel geäußert, ?man solle dem Bischof, statt ihn schalten und walten zu lassen, ein Haarseil durch den Hintern ziehen?. Man sieht also, daß mit dem Laub des Jahres 1535 auch die Stimmung gefallen war, man hört zum ersten Male auf der täuferischen Seite das Wort ?Unterhandlung?, und man tut gut, seine Schlüsse zu ziehen ...

Man mag nun fragen, warum denn der Bischof und seine zahlreichen Bundesgenossen, die so oft Ultimaten gestellt und im August doch selbst günstige Bedingungen geboten hatten, im Januar die gebotene Hand nicht ergriffen? Die Frage muß mit einem Hinweis auf die von Münster betriebene Propaganda und die oft geäußerten oder angedeuteten Ziele der Stadt beantwortet werden. Der Bischof wußte, daß weiteres Verhandeln nur auf weitere Zersetzung seines Heeres hinauskommen würde, er wußte jetzt, daß der Waffenstillstand einen faulen Frieden mit glimmendem Revolutionsfeuer bedeutete, er wußte, daß es ein Kampf auf Leben und Tod war, der nur mit der Vernichtung der einen Partei beendet werden konnte.

Dabei steht seine Sache selbst im Spätherbst 1534 militärisch keineswegs gut. Im Oktober, gerade um die Zeit der Apostelentsendung, hat eine arge Seuche, wahrscheinlich eine Typhusepidemie, das Lager des kleveschen Kontingentes befallen. Vergeblich bietet der Bischof den Landsknechtsführern die Verbrennung des verseuchten Lagers und das Beziehen neuer Quartiere an ? der klevesche Haufe verläßt einfach die Linie, ergießt sich plündernd und sengend über das Hinterland, und es muß die bischöfliche Kavallerie aufgeboten werden, um die Marodeure unschädlich zu machen.

Der Ausfall wird zwar mit neuen und drückenden Kosten ersetzt, das Überlaufen zu den Täufern aber dauert an, und außerdem erhebt sich weit hinter den Linien der Belagerungsarmee eine noch schlimmere Gefahr. Denn man glaube doch nicht, daß in so bewegter, von revolutionären Gewittern so überzogener Zeit ein solcher Aufwand an Propaganda wirkungslos verpuffen konnte! Wir werden bald sehen, daß die Wirkung dieser Propaganda in Friesland und Holland des Königs einzige große Hoffnung war, wir werden sehen, daß er nach Norden und nach Westen just so sehnsüchtig ausschaute, wie hundert Jahre nach ihm das belagerte Magdeburg nach dem schwedischen Ersatzheer ausgeschaut hat.

Wir erleben es andererseits, daß auf der Koblenzer Tagung von mehreren Seiten bereits das Schicksal des Bischofs für den Fall erörtert wird, daß man sich zur Aufhebung der Belagerung gezwungen sieht, und man muß zugeben, daß die Möglichkeit einer solchen Aufhebung groß genug ist. Abgefangene münsterische Kuriere gestehen, daß insgeheim zwischen der Gegend von Aachen und der Küste zum Entsatz des Täuferreiches vier beträchtliche Heerhaufen aufgestellt werden; am 24. Januar 1535 berichtet der Statthalter Schenck von Tautenburg von einem Haufen von tausend Täufern, die sich bei Groningen zum Marsch auf Münster formiert haben, und in der Gegend von Utrecht sollen es nach den damals umlaufenden Gerüchten gar ihrer 18 000 sein! Der Herzog von Geldern, ein fanatischer Katholik, nimmt den als Christus in persona sich ausgebenden Propheten Schuhmacher gefangen, und auch bei Utrecht wird durch reguläre Truppen und aufgebotene Bauern die Ordnung leidlich gewahrt. Gleichwohl wimmelt es auf allen Landstraßen und in allen Schlupfwinkeln der niederdeutschen Städte von täuferischen Emissären, Amsterdam und Leyden leben ihretwegen in ständiger Panik, in Ostfriesland hofft man in jenen Monaten, es werde demnächst sich ganz Ober- und Niederdeutschland erheben. So ist also die Interventionsgefahr erst jetzt akut geworden, und erst im Frühjahr des kommenden Jahres werden wir es erleben, daß diese über der Belagerungsarmee hängende Donnerwolke endgültig sich entlädt und verknattert. Und mit gutem Grund hat schon im Spätherbst der bedrohte Bischof Mainz und Trier, den Kurfürsten von der Pfalz und Lüttich und sogar Burgund um Hilfe angerufen, was dann endlich am 26. Dezember 1534 zu der schon erwähnten Koblenzer Tagung führt. Was beschlossen wird, das ist das gemeinsame Tragen der Belagerungskosten, es ist ferner eine zu diesem Zweck erhobene Umlage von fünfzehntausend Gulden monatlich, und es ist endlich die Bestellung des Grafen Wirich von Dhaun zum obersten und vom Kaiser noch zu bestätigenden Feldhauptmann von Münster Bisheriger Oberster Feldhauptmann war, wenigstens dem Namen nach, der Bischof..

Das ist nicht sonderlich viel, es bedeutet im Angesicht der rabiaten Stadt eher eine defensive, denn eben eine offensive Maßnahme, und neuerlich taucht die Frage auf, weswegen man also an der Jahreswende nicht verhandelte. Eine klippe und klare Antwort finden wir in einem der beiden uns erhaltenen Briefe, die, allerdings erst um die Osterzeit 1535, der bei den Belagerern sich aufhaltende Kriegskommissär Justinian von Holtzhausen nach Frankfurt an seinen Vater schreibt: ?So balt man mit inen handeln wil / so wollen sie mit schrifften überzeugt sein / so man aber das selbig tut / sagen sie / wir felschen die schrift und seien Durcken und heiden. In somma / wan man nit uf ire meinung die schrift deuttet / so gelt es bei inen nicht.? Das bedeutet ja wohl: wir hier in Münster wollen mit solchen Wortgefechten lediglich Zeit gewinnen bis zur Stunde der Intervention, wir wollen uns mit diesen Unterhandlungen eine Hintertür aufhalten für den Notfall. Vorerst aber wollen wir, wie wir das dem hessischen Prediger Fabricius ja verbatim gesagt haben, ?lieber das Kind im Mutterleibe essen?, ehe wir unser großes Ziel aufgeben: von dem alten Reichsbau auch nicht einen Stein auf dem andern zu lassen, alles hineinzuzwängen in die alttestamentliche Ordnung unseres Zionstempels. Und vor allem: die Herrschaft unseres Königs und die Herrschaft all seiner unterschiedlichen Propheten ein für allemal und für immer zu untermauern.

Denn was bedeutet schon diesem Kneipenwirt von ehedem dieses Münster viel mehr als eben ein Instrument zur Befriedigung seines Geltungsbedürfnisses? Sehnsüchtig schaut er in diesen Spätherbstwochen nach Westen und nach der ersehnten Intervention aus, und diese Intervention ist wohl der Kern aller Illusionen, mit denen er nun, im sinkenden Licht des späten Jahres, seine Untertanen über die beginnende Not hinwegzutrösten versucht. Zu Ostern also wird die Stadt längst frei sein, verlangt wird ja nur noch eine kurze Zeit der Entbehrungen. Schon dieses Neujahr wird das herrlichste sein, das man seit tausend Jahren gefeiert hat ... ja, wenn man den Aussagen münsterischer Überläufer glauben darf, so macht in diesen Tagen die Majestät ihren Untertanen weis, es hätten inzwischen sich die Könige von Engelland, von Schottland und von Frankreich taufen lassen.

Was ja einigermaßen an die roten Fahnen erinnert, die, nach den Versicherungen der deutschen Revolutionäre, im November 1918 über den Kriegsschiffen und den Schützengräben der Entente flatterten. Der holländische Ersatz aber bleibt nun einmal die große Parole der münsterischen Staatsleitung, und in den Kellern des gotischen, von Knipperdolling bewohnten und noch heute erhaltenen Hauses werden damals jene Propagandaschriften gedruckt, die, die Stimmung aufrecht zu erhalten, im voraus das Eintreffen jenes Ersatzes und vor allem auch das Strafgericht schildern, das dann über dem Bischof niedergehen werde.

Der König unterstützt diese Propaganda durch die Verkündigung seiner Visionen, die ihm ?heute um die dritte Stunde vor Tag? geworden sind, und wieder einmal hat er Gottes Stimme gehört ...

?Unzähliges Volk sollst du zu meines Namens Ruhm erwecken.? Und die Männer sollen ihren Weibern das Glaubensbekenntnis abfragen, aber; wenn wir bitten dürfen, nicht das alte ?Ich glaube an Gott den Vater?, sondern ?Ich glaube an das Neue Reich und an den Grund meiner Taufe.?

Kommen die melancholischen Stunden, so verkündet er auch wieder einmal, daß seine Stunde bald kommen werde, läßt sich aber auf die Dauer, ausgerüstet mit einem schier unerschöpflichen Lebenswillen, in seinem Optimismus nicht irre machen. Er kommt, wie im November der Prediger Fabricius seinem Herrn berichtet hat, dem Unterhändler noch immer sehr stolz im schwarzen Samtwams und im weißdamastenen Mantel entgegen, und auf Rothmanns Verlangen muß Fabricius vor ihm stehend seine Botschaft ausrichten, während doch der übrige Hofstaat sitzt. Im übrigen ist die Aufnahme des Gastes, da der König Lebensmittel in Hülle und Fülle für sich beschlagnahmt hat, beinahe üppig, und die Majestät führt ihn leutselig herum und zeigt ihm die mannigfachen Einrichtungen der Stadt. So steht es in diesen Monaten des sinkenden Lichtes mit Bockelson selbst.

Wie aber steht es eigentlich in diesen lichtlosen Monaten mit der Stadt, mit diesem Münster, das nun auf die holländische Hilfe sich wie aufs Evangelium verlassen muß? Die Abschließung ist, wie der aus der Stadt heimgekehrte Fabricius dem Bischof berichtet, weniger vollkommen, als es im Hochsommer geplant war, und weil auf diese Weise zwischen den beiderseitigen Linien das Hin und Her im Herbst ziemlich rege gewesen ist, so ergibt sich aus den Aussagen gerade jetzt, wo der beginnende Mangel zahlreiche Überläufer, Zwischenträger und auch Hamsterer aus den Mauern treibt, ein ziemlich klares Bild von der Lage. Fabricius schon hat die Straßen verödet, die Menschen stumm und bedrückt gefunden, und daß niemand mit ihm sprechen durfte, ist nach den Erfahrungen früherer Parlamentäre beinahe selbstverständlich. Was die übrigen, die aufgefangenen Kuriere, was der ehemals begeistert täuferische und nun von der Täuferei gründlich enttäuschte Edelmann Scheiffert von Merode und der ebenfalls von Münster angewiderte Diener des Malers Lutger to Ring berichten, das enthüllt freilich ein schon recht verdüstertes Bild. Was in der Stadt gegenwärtig herrscht, ist noch kein Hunger ? den wirklichen Hunger Nach Aussagen des anfangs 1535 verhafteten Propagandisten Zillis Leitgens verfügt Münster um die Jahreswende noch über 200 Kühe und 96 Pferde, sowie über Bier und Brot für ein volles Jahr. Die geringe Zahl der Pferde ist darauf zurückzuführen, daß man im Sommer, ehe man an das Essen von Pferdefleisch dachte, gegen 300 Pferde geschlachtet und in der Haut verscharrt hatte, um die Heubestände zu schonen. Die Angaben über Bier und Brot sind fraglos falsch, da bei Richtigkeit die notorische Hungersnot von 1535 nicht zu erklären wäre. Die Zahl der Einwohner, die vor der Errichtung des Täuferstaates auf 12 000 zu schätzen sein dürfte, gibt Zillis Leitgens auf 1100 wehrfähige Männer, 700(!) Schüler und 2000 Weiber an. Graes ? siehe unten ? gibt übereinstimmend mit anderen Quellen und wohl auch richtiger 1300 Männer, 6000(!) Weiber an. Graes, wohl im Bestreben, dem Bischof etwas Angenehmes zu sagen, behauptet, es seien schon im Dezember Katzen und Mäuse verzehrt worden. Kurioserweise wird auch über Weibermangel berichtet ? alle Frauen, die Witwen der hingerichteten Apostel ausgenommen, seien nun vergeben. werden wir erst später kennenlernen ? es ist aber auch kein rechtes westfälisches Schalten und Walten mit Speck und Eiern und schwarzem Brot und dickem Bier und fetter Kost, und von unserem guten Speck gar hat kein Haus mehr als höchstens noch eine Seite, und zu was nützt es unter solchen Umständen, daß der König große Worte macht und ankündigt, wir würden nun bald von dem heurigen überreichen Schweinesegen des Landes da vor den Mauern die Würste und die Speckseiten zu essen bekommen?

Außerdem beschlagnahmt der König selbst für seine Hofhaltung uns die besten Bissen, und was nützt uns der Speck, der in den Kaminen der immer schwerer zu erreichenden Bauerndörfer hängt, wenn es bei uns in Münster schon so weit ist, daß jeder des anderen Kochtopf mit schelen Augen überwacht? Man hat bei uns nun Hauslisten aller Nahrungsberechtigten angelegt, man hat uns das private Backen und Brauen im eigenen Hause verboten, man hat uns den schweren süßen Pumpernickel genommen und mutet uns nun das mit Gerste und Hafer vermischte Gemeindebrot zu. Die ärmere Bevölkerung ißt gar Pferdefleisch, und auch dieses Pferdefleisch ist schon rationiert, und allenthalben erscheinen wieder einmal diese Diakonen und machen Bestandsaufnahmen der Vorräte und beschlagnahmen den Überfluß, obwohl von einem Überfluß in Münster nun wirklich nicht mehr die Rede sein kann.

Und damit ist die Ernährungslage der Stadt im Spätherbst absichtlich so geschildert, wie sie damals der unsterbliche und zu allen Zeiten vorhanden gewesene Querulant, der ja bei solcher Gelegenheit immer aufersteht, geschildert haben mag. Tatsache ist jedenfalls, daß die Stimmung zerfällt, und daß dunkle Gerüchte von Mund zu Mund gehen ... leise, leise, da ja auf allen die Angst vor Knipperdollings Henkerschwert lastet. Inzwischen nörgelt man insgeheim so sehr herum, daß Bockelson, um die Müßiggänger zu beschäftigen, alte Häuser abreißen läßt ?Item na dem se buten ? außen ? der stat nicht mer to arbeiten, danoch die gemeinheit ? Gemeinde ? in arbeide geholden, rotten unde thosammenkompst der gemeinheit dairmede verschoent moechte werden / so laten se binnen der stat umblanx der muren und sunst allenthalven unnutte ? unnütze ? huser nedderbrechen und verwoesten.?, ja, wenn man Herrn Scheiffert von Merode und seinen etwas konfusen und etwas defaitistisch klingenden Aussagen über die Stadt Man kann ihm freilich nicht trauen. Er war im Sommer 1534, wie erinnerlich, in heller Begeisterung in die Stadt gekommen, Klopriss hatte vor ihm gewarnt und ihn scheinbar von vornherein als unzuverlässigen Menschen empfunden. Die Begeisterung kühlte merklich ab, sowie der allererste Mangel sich bemerkbar machte. Er ist anfangs Dezember 1534 aus der Stadt gelaufen. Seine Aussage beim Verhör durch die Bischöflichen macht entschieden den Eindruck, als habe er sich durch geflissentliches Übertreiben der Münsterschen Nöte Vorteile verschaffen wollen. Glauben schenken darf, so machen die Nörgler neuerdings auch vor des Königs geheiligter Person selbst nicht mehr halt, da, nach Scheiffert, ?die gemeinheit ? Gemeinde ? up den konningk eine suspicie hebbe / derweil he boeke ? Bücher ? und geld uthgesant / dat he vielleichte dem gelde na tho folgen werde?.

Münster, mit anderen Worten, wirft seinem König vor, daß er sein Archiv und sein Geld ins ?Ausland? geschafft habe und traut ihm zu, daß er bald desertieren und seinem Gelde nachreisen werde, und alles in allem wären wir damit angelangt bei jenem Raunen und Tuscheln und jenem Gerede von umgehendem Verrat, das es in jeder belagerten Stadt ... im Paris von 1870, in dem von Bazaine verteidigten Metz und wahrscheinlich schon im belagerten Karthago und im mythischen Troja gegeben hat, da nun einmal das Leben in Gefahr, das dem einen Bedürfnis ist, den andern in seiner ganzen Jämmerlichkeit enthüllt ... heute, wie damals. Tatsächlich aber ist Münster, auch militärisch, damals schon schwächer, als der Bischof es durch seine Kundschafter erfährt, tatsächlich leidet es vor allem auch an Munitionsmangel und muß den Schwefel für sein Kanonenpulver von alten Weinfaßdauben abkratzen und gestattet seinen Geschützmeistern Schüsse aus schweren Kanonen nur noch auf besonders lohnende Ziele und stellt, um dem Geraune über diesen Mangel zu begegnen, in der Vorhalle des Rathauses, wo jeder sie sieht, zwei mit Kohlen gefüllte Fässer und gibt den Inhalt für Pulver aus.

Das alles ist wohl schlimm, will aber, da es 1760 mit dem Preußen des Großen Friedrich kaum weniger schlimm stand, noch nicht gar so viel besagen: Wahrsager mit glückhaften Kriegsprognosen hat zur Hebung der Stimmung auch Friedrich im Bunzelwitzer Lager auftreten lassen, und belangvoll sind für uns alle diese damals obwaltenden Umstände nur in einem einzigen Aspekte ...

Erfüllte nämlich dieses aus dem trüben sozialen Begehren der Zeit gekommene und durch seine kommunistischen Parolen beim Pöbel werbende Täuferreich wirklich ein gebieterisches und dauerhaftes Gebot inmitten einer großen Zeitwende, so hätte ihm kein Hunger und kein Defaitismus etwas anhaben können. So wäre, da nichts so siebenfach Erz bricht wie Märtyrerblut, aus der Blutsaat der toten Apostel ein unüberwindliches Heer erwachsen, so hätte die ganze alte schwarzgoldene Reichsherrlichkeit nebst Kaiser Carolus Quintus und allen vereinigten Königen des Abendlandes nie und nimmer genügt, um diese Bedrohung der mittelalterlichen Welt auszulöschen. Denn die mit den Energien einer großen Zeitwende aufgeladene Idee ist unbrechbar und unbesiegbar, und in eben solchen Zeiten ist der in der Brust des Menschen mit aller Leidenschaft und Todesbereitschaft gehegte Wunsch beinahe schon des Wunsches Erfüllung.

Und so wäre es ja wohl auch hier gewesen, wäre wirklich dieses aus Altem Testament, Kommunismus und gesteigerter Sexualität entstandene Reich mehr gewesen als ein schauriger, aber doch eben nur im Nebenbette eines großen Stromes entstandener Wirbel. Mehr als das hysterische Geschöpf eines ehrgeizigen und hemmungslosen Unterweltlers, mehr als eine jäh aufflammende, schließlich aber doch wieder einmal ausheilende Massenpsychose. Denn es sind noch nicht einmal die späteren Zeiten des wirklichen Hungers, es sind ja schon die relativ noch immer gesicherten Herbstmonate, in denen die Stimmung zerbröckelt und das Schicksal kentert. Das Schicksal nämlich erlaubt sich manchmal ein schaurig Spiel mit den Erdensöhnen und wiegt sie dann in die Illusion von nie abreißenden Glücksserien und gestattet es wohl auch, daß ein Kneipenwirt König wird und mit den Hebeln der großen Geschichtsmaschinerie spielen darf ...

Bis dann diese Maschinerie plötzlich auf hohe Touren kommt und in ihr Triebwerk den Maschinisten selbst hineinreißt und erbarmungslos zermalmt. Ist dieser Zeitpunkt erst erreicht, so geht es hemmungslos bergab. Dann erst wird alles, was früher durch ein Wunder immer gut ausging, zum unseligen Zufall, und wo selbst eine so hehre Erscheinung wie Karl XII. von Schweden nach neun glückbegünstigten Jahren weitere neun voll unfaßbarer Schicksalsschläge erlebt, da macht dieses Schicksal mit diesem Bockelson genannten Sohn des Chaos wahrlich keine Ausnahme.

Der wehrt sich gegen das aufsteigende Verhängnis wie er kann, faßt noch einmal in einem Artikelbrief die Gesetze Zions strenge zusammen Es finden sich Strafbestimmungen für unbegründete Denunziationen und Strafbestimmungen für ?Falsche Propheten?, unter denen aber nach Sachlage wohl alle diejenigen zu verstehen waren, die jammerten und trübe in die Zukunft sahen. Interessanterweise richtet sich übrigens ein Teil der Artikel erneut gegen verkappten Verrat, gegen Meuterei und gegen alle Vorbereitungen zur Desertion. Entfernt sich jemand ohne Wissen seiner Vorgesetzten und seiner Ehefrau aus seinem Quartier, so soll schon nach drei Tagen die Ehefrau einen anderen Mann nehmen dürfen. Verboten wird außerdem das Beziehen nicht anbefohlener Wachen. Man wußte wohl genau, daß es allzuoft der Vorbereitung einer Desertion gedient hatte., läßt eine neue Liste der Wehrfähigen aufstellen und läßt die Mannschaft fleißig exerzieren und ersinnt, vielleicht in zeitgemäßer Anlehnung an die von der Zeit neu entdeckte Antike, eine neue Kriegsmaschinerie: es werden nämlich schwer bestückte und mit Sicheln versehene Wagen, die man nach dem Muster des Florentiner ?Carocchio? mit Fahnen ausgestattet hat, zu einer stoßkräftigen Einheit zusammengefaßt. Sie sollen bei einem Ausfall, von dem man ja fortwährend spricht, als Kern des täuferischen Angriffes in den Feind gefahren werden, bleiben aber leider, weil ein Ausfall Nach den Aussagen von übergelaufenen und dann von den Bischöflichen wieder gefangenen Landsknechten ist ein Ausfall für die Oktober-Novemberwende geplant gewesen ? also gerade für die Zeit, in der das bischöfliche Heer durch die erwähnte Seuche und die oben berührten Vorgänge beim Kleveschen Kontingent geschwächt war. nicht stattfindet und uns ja auch die Pferde fehlen, als Wagenburg und gewissermaßen als Zitadelle auf dem Markt stehen und spielen erst später eine Rolle, als das Schicksal Pech und Schwefel auf die Stadt regnen läßt. Die ?Spieltage? auf dem Domhof, die bei der gerade in Ruhestellung liegenden Mannschaft mit Karten- und Ballspiel für Ablenkung von allen unerwünschten Gedanken sorgen sollen, müssen leider wieder abgesagt werden, da ?der Koningk sich duncken liet / dat sie wolten werden to wilde?. Immer wieder tauchen die Gerüchte über einen geplanten Ausfall auf, und immer wieder lockt der Gedanke an die versunkene Welt draußen vor den Toren, und dazwischen hat der König, weitab von jeder Politik und aller Verwaltungsarbeit, seine Visionen und Stunden geschickt gespielter Abwesenheit, aus denen er dann mit neuen herrlichen Offenbarungen über die unausbleibliche Erlösung und eine neue herrliche Zukunft erwacht. ?Unde so?, berichtet Gresbeck, ?hebben sie dem gemeinen volck dat schönste vorgemacht / so lang als sie immer konden. Sie mochten vast predicken / mehr ? aber ? die verlosunge ? Erlösung ? quam nicht.? Es will nicht mehr helfen, daß der König vom Fenster aus seinem Volke die Geschichte von David vorliest, für den der Engel des Herrn streitet, es will nicht mehr helfen, daß er mit seinem Rennspieß im Ringelstechen den ersten Preis gewinnt und auch in einem Wettlauf auf dem Domplatze Sieger bleibt und daß dann noch einmal vor etwas kärglich besetzten Tafeln ein gemeinsames Mahl folgt. ?Dair geit kein hoveren for etten?, stellt Gresbeck fest und meint, daß auch das glanzvollste höfische Spiel den Magen nicht füllt. Auch dann nicht, wenn hinterher die königlichen Trabanten ? die zum Teil aus verkommenem niederen Klerus bestehen ? dem Volke einen Schwertreigen vorführen, oder wenn gar Se. Majestät zum Abschluß unter dem Schall von Pfeifen und Trommeln mit seinen sechzehn Frauen dem Volk einen Schautanz vortanzt, samt dem ganzen Gefolge, das sich bei dieser Gelegenheit in den gestohlenen Kleidern und in dem Schmuck der vertriebenen Altgläubigen zeigt. ?Et was?, fügt Gresbeck mit der Giftigkeit des eingeborenen Münsterer Bürgers hinzu, ?et was Hollenders werck. Wan ein Hollender is sieven jiar alt / so iss hei up dem allerweisesten als hei werden wil.? Es nützen also auch Schwerttänze und Wettspiele nichts mehr, und wenn die Stimmung der Massen erst sinken will, dann kommt ganz von selbst der Augenblick, wo auch der Terror nichts mehr nützt. Gerade diese öffentlichen Schauspiele, bei denen Bockelson noch immer prachtvoll wie die Morgensonne über dem Meer erscheint, sie untergraben sein Ansehen und seine Popularität, und es schadet ihm der höfische Pomp gerade bei dem Pöbel, dessen täuferische Begeisterung in nuce eine Begeisterung für den Programm-Kommunismus Zions gewesen ist: wie denn, war die ganze Beschlagnahmung unserer armseligen Habe zu etwas anderem gut, als diesem Schneider eine fürstliche Lebenshaltung zu gestatten, und haben wir dabei etwa mehr gewonnen als eben einen hergelaufenen Lumpenkönig mit Harem und gestohlener Krone?

So spricht nun in Münster wohl der Arme. Und mit dem Wohlhabenden von ehedem vereinigt er sich in dieser Frage: Ja, ist denn dieses Hadern um das bißchen Taufe es wirklich wert, daß wir uns deswegen mit der ganzen Umwelt und mit dem Kaiser und mit allen seinen Gewaltigen verfeindeten? Und war der Streit um die Taufe am Ende nur eine Marotte, und lohnte es sich wirklich, daß wir um dieser ?Boferei? willen unser bescheiden oder reichlich bemessenes Leben zerstörten und daß ? dies ist die schwerwiegendste Frage ? wir eingeborenen Münsterer nun hungern müssen, um die Oligarchie dieser Holländer und Friesen zu schützen?

Die letztgenannte Frage, gestellt vom beleidigten Münsterer Lokalpatriotismus, ist die schwerwiegendste, weil auch die Ärmsten der Armen sie stellen, und Tatsache ist jedenfalls, daß seit der Jahreswende König und Propheten Zions es mit einer ständigen und schwer greifbaren Opposition und gar mit einer ganz abscheulichen Neigung zu Verrat und Sabotage zu tun haben; Opposition gibt es nun gar innerhalb der täuferischen Oligarchie, und als Knipperdollings Weib ? das legitime wohlgemerkt und nicht etwa die neben ihr gehaltene Kebse ? zu murren beginnt, da sieht man sich dazu gezwungen, sie mit dem Richtschwert in der Hand durch volle zwei Stunden auf dem Marktplatz auszustellen. Schlimmer noch steht es um sechs münsterische Männer und Frauen, die um die Flucht von Überläufern gewußt und die eigene vorbereitet und den Deserteuren für den feindlichen Hauptmann da draußen Briefe mitgegeben haben, in denen sie schmachvoll von Zion abrücken und im voraus um Gnade betteln ...

Was ja wohl darauf schließen läßt, daß diese sechs mit dem Falle der Stadt als mit einer Selbstverständlichkeit gerechnet haben. Dies wird natürlich mit dem Schafottode aller sechs Verräter geahndet, und daß eins von den Weibern, ?die Dreiersche?, Knipperdollings Bettgenossin gewesen ist, ficht den Herrn Statthalter nichts an. Er, der dieses Mal nicht selbst den Henker spielen sollte, reißt, als der für diese Hinrichtung bestellte Scharfrichter zu viel Zeit verliert, dem Manne das Schwert aus der Hand und köpft seine ehemalige Geliebte eigenhändig ...

Und was ist denn das Verbrechen dieser sechs Leute erst gegen die gräßliche Tat, mit der ein Erwählter, der einzige heimgekehrte Apostel, sich befleckt? Wir entsinnen uns ja wohl, daß Heinrich Graes mit seinen Gefährten in Osnabrück ergriffen und daß er als einziger gegen das Versprechen gewisser Gegenleistungen vom Bischof begnadigt wurde. Wir entsinnen uns auch, wie er in die Heilige Stadt zurückkehrte und wie er dort als wunderbar Gefeiter auftrat und wie er zum Propheten ernannt und fortan zum engeren Rat des Königs zugelassen wurde ...

So ist es mit Heinrich Graes ergangen. Und dann hat er an die zahllos in die Stadt flutenden bischöflichen Überläufer gedacht, die um diese Doppelrolle wissen und ihn früher oder später verraten mußten, und es hat dem Borkener Schulmeister das Feuer unter dem Stuhl gebrannt, und er hat sich plötzlich, natürlich auf Grund einer neuen göttlichen Aufforderung, zum Herbeiholen von mehreren tausend Bewaffneten aus Wesel, aus Amsterdam und aus Deventer erboten und für diese neue Apostelfahrt sich ein Beglaubigungsschreiben des Königs erwirkt ...

Und hat es denn auch ?für den vom himmlischen Vater erleuchteten Propheten Heinrich Graes? erhalten und ist anfangs Januar 1535 damit aufgebrochen. Hat sich schnurstracks nach Iburg zu des Bischofs Gnaden begeben und hat ihm alles Wissenswerte, wie aus seiner noch erhaltenen Aussage ersichtlich, verraten: die innere Lage der Stadt, ihre mannigfachen unterirdischen Verbindungen nach außen, die geheimen niederdeutschen Brudergemeinden, die auswärtigen Waffendepots und auch die namentliche Liste der Weseler, dem Bischof mithin ausgelieferten Brüder.

Das hat Graes getan. Vor allem hat er auch dem Bischof gesagt, wie nun die einzige Hoffnung des Königreiches auf die Intervention von außen eingestellt sei und wie Bockelson sich gar erboten habe, man solle ihn, den König, wie einen gemeinen Mann köpfen, wenn zu Ostern die Erlösung noch immer nicht gekommen sei.

Die Graesschen Angaben werden natürlich sofort an alle gefährdeten und von Graes bezeichneten Behörden und Magistrate weitergegeben, und diese Warnung erreicht es denn, daß später die auswärtigen Nester ausgehoben und die Verbindungen mit ihnen durchschnitten werden und daß jene von Bockelson so sehnlich erwartete Hilfe endgültig ausbleibt.

Denn nun wird Graes, der übrigens von Iburg aus an die Gemeinde zu Münster korrekterweise einen noch wiederzugebenden Absagebrief schreibt, von dem mißtrauischen Bischof mit zwei ihn überwachenden Begleitern ausgestattet, alle drei werden als Täufer vermummt und nach Wesel geschickt. Dort verschaffen die drei sich ohne weiteres mit Bockelsons Geleitbrief Zutritt zu den Täufergemeinden und fordern sie in des Königs Namen auf, alle Waffen in einem von Graes bezeichneten Hause zusammenzutragen. Kaum aber ist das geschehen, da rückt in Wesel unter ungeheurer Aufregung der aufsässigen Stadt der natürlich verständigte Herzog von Jülich ein und hebt das ganze Nest aus und hält streng Gericht. In weißem Gewand müssen die überführten Täufer einen Bußgang um den Kirchhof tun und müssen künftig stehend dem Gottesdienst beiwohnen. Worauf sie wieder in die Kirche aufgenommen werden. Ihre Führer Otto Vincke, Schlebusch und noch mehrere andere müssen, allerdings erst nach dem Niederbruch Münsters, das Haupt auf den Todesblock legen.

Graes aber, der ehemalige Apostel, der aus dem Paulus über Nacht ein Saulus wurde und die eigenen Brüder ans Messer lieferte?

Der wird, abseits der Münsterer Katastrophe, seine Tage friedlich als rehabilitierter Katholik und als Schulmeister in Borken beschließen und dahingehen im Schein der Sterbekerze und wohlversehen mit allen Tröstungen der altehrwürdigen Kirche. Und seine täuferische Häresie und sein Apostelgang nach Osnabrück und seine Errettung durch den Engel des Herrn, das alles wird ihm samt seinem kurzbemessenen Prophetentum und samt dem kurzbemessenen Königreich Münster nur noch eine vage Erinnerung und so etwas wie eine im Alter schwer verständliche Jugendeselei sein.

Just so, wie der reife Mann, der eine Vogelhecke pflegt und mit den zierlichen Bauern von Star und Hänfling sich umgibt, es wirklich nicht mehr verstehen kann, daß er als Klippschüler eine kurzbemessene Periode hatte, in der er Vogelnester zerstörte und die junge Schwalbenbrut vor den Augen der jammernden Eltern zertrat.

So also verhält es sich mit Heinrich Graes. Denn auch so kann man eine feurig begonnene Prophetenlaufbahn beschließen, und vielleicht hat es sogar seinen verborgenen Sinn, daß es auch solche vielgewandte Odysseusse gibt, und wir wollens heute, nach vierhundert Jahren, mit einem Lächeln quittieren ...

Und wollen hier erst, ehe wir für immer Abschied nehmen von Heinrich Graes, jenen Absagebrief zitieren, den er, schon im Januar 1535 von Iburg aus, an seine Münsterer Freunde schrieb.

An die gleichen Münsterer, deren erwählter Prophet er eben noch war und von denen er sich, gestern sozusagen, verabschiedet hat ...

?Gott verleihe uns allen aus Gnade in milder Barmherzigkeit seinen Geist.

Amen.

Liebe Mitbürger. Derweil die Sache sich also begibt / daß Gott mir die Augen hat geöffnet, daß ich den falschen und vergifteten Brocken ? vergiftigen inbroke ? des Handels gesehen habe / den man jetzt in Münster treibt / und da mich Gott also aus der Stadt vor einen Spiegel gefordert hat und daß jeder an mir sich spiegele / daß alles Betrug ist / was man jetzt in der Stadt treibt: so ist meine demütige Bitte ? demodige bede ? / daß Ihr alle einmal die Augen auftut ? es ist hohe Zeit ? und einsehet / daß Euer Treiben wider Gott und sein göttliches Wort ist.

Die vorigen Propheten sind nämlich alle Propheten gewesen wie ich / so daß Ihr armen dummen Menschen nicht merken könnt / daß es alles Betrug und Verführung ist ? altosamen betrog unde verleidung ? womit Ihr umgeht. Ich weiß Bescheid. Wolltet Ihr Euch doch noch bekehren und von dem ungöttlichen Handel weichen / Ihr würdet alle Euer Leben behalten.

Hiermit seid Gott befohlen. ?To merer erkenntnisse dat gy mogen den schriften geloven / soe hebbe ick min signet hir unden an gedruckt / welck iuw bekant is.?

Dies alles in dem so bieder klingenden mittelalterlichen Westfälisch, das die Worte doppelt gewichtig und treuherzig erklingen läßt. Nicht wir wollen über den Schreiber, hinter dem möglicherweise für den Fall der Verweigerung der Henker bereit stand, den Stab brechen und wollen uns erinnern, daß man solche Briefe schreiben kann und daß es einem hinterher womöglich gut geht und man lange lebt auf Erden. Es sei denn, daß manchmal die quälenden Erinnerungen kommen und alle die Plagegeister, die hinter dem einherziehen, was der weise alte Fontane ein ?Untätchen? nannte. Vielleicht.

Das sei einem höheren Richter überlassen.

Wenn aber erst von einem ehemaligen Propheten und Apostel solche Briefe geschrieben werden können, ist dann nicht der Zauber, der jede neue Glaubensgemeinschaft mit unsichtbaren Feuerflammen umgibt, verflattert ... ja, müssen dann nicht die Schwingen gebrochen sein, die sie einst über alle Abgründe hinwegtrugen?

Und wenn somit die Großen und Erwählten Verrat üben ? kann man dann von den Kleinen, von den Namenlosen und Mitläufern und den Widerwilligen gar verlangen, daß sie um einer fadenscheinig und brüchig gewordenen Sache willen hungern und leiden und die kurzen Tage verschütten, die der Kreatur beschert sind?


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