Bockelson

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In memoriam Friedrich Reck-Malleczewen

 

* 11. August 1884 in Malleczewen
? 17. Februar 1945 im KZ Dachau

 

Die Recks, nachweislich seit vierhundert Jahren auf dem Familiengut Malleczewen nahe der russischen Grenze ansässig, waren eine der typisch-ostpreußischen Gutsbesitzerfamilien, deren Söhne von jeher entweder Offiziere oder Staatsbeamte wurden. Hermann Reck, der Vater, war konservativer Reichs- und Landtagsabgeordneter sowie Kreisdeputierter. Die Verhältnisse des Lebens waren durchaus patriarchalisch. »Die Heimat«, so schreibt Reck selber, »das waren die einsamen großen Gutshöfe, die weiten Schneeflächen. Atlasblaue Seen im Geschmeide herbstgoldener Birkenwälder, Novembernebel und Treibjagden, wo am Biwakfeuer im Wald Feudalherren, Richter, Sanitätsräte und sonstige nützliche Zeitgenossen mit burgunderroten Nasen Warmbier, Erbssuppe mit Würsteln und doppel-etagige Schnäpse zu sich nahmen ... Menschenarm sind jene großen Ebenen zwischen den Höhenzügen, die vom Ural bis herab nach Ostpreußen ziehen, menschenleer und angefüllt mit Dämonen und düsteren Göttern: der Westdeutsche und sogar der Mann westlich der Weichsel wird sie nie begreifen, diese Welt. In meiner Jugend sah ich hier die letzten großen Originale dieser an Käuzen wahrhaftig nicht armen Provinz: uralte Standesherren, die, so um 1900, an der Perücke noch das Rudiment eines kleinen Zöpfchens trugen. Alte Gutsherrinnen, die ihre Höfe musterhaft bewirtschafteten und morgens, am Fenster stehend, auf einem Kornett-a-piston den Knechten Signale bliesen, wann zu futtern, wann zu satteln und wann aufs Feld auszurücken sei. Alte Sanitätsräte, die so leidenschaftliche Kunstpfeifer waren, daß sie, um Mozartarien zweistimmig pfeifen zu können, sich einen Vorderzahn ziehen ließen, Gutsbesitzer, die es sich in den Kopf gesetzt hatten, im hyperboräischen Klima Masurens die Seidenraupenzucht einzuführen und die armen Seidenwürmer so lange quälten, bis sie für die Patronatskirche auch wirklich eine Altardecke zustande gebracht hatten.«

So prägend und bestimmend aber auch die heimatliche Landschaft und das väterliche Erbe für den Knaben waren, von gleich großem Einfluß erwies sich das mütterliche, süddeutsche Blut. Von ihr stammt wohl die tiefe Schwermut, die den ostpreußischen Schnee wachgerufen hatte, die große Liebe für alles Formvolle und Beschwingte, die Abneigung gegen alles Verkrampfte und Erzwungene, alles das, was ihn später in Bayern eine heißgeliebte Heimat finden ließ. Er blieb dort freilich »Emigrant, und Emigranten haben immer das Schicksal, daß ein Stück ihres Herzens in der alten Heimat hängen bleibt und daß dann dieses Herz, solange es schlägt, bluten muß aus diesem Riß«.

Schon der Knabe zeigte jene Mischung von äußerer Robustheit mit innerer Überempfindlichkeit, die in seinem späteren Leben so oft zutage trat. Als Primaner wollte er, unerhört für eine auf Armee und Verwaltung festgelegte Familie, Musikant werden und spielte fünf Stunden täglich Beethoven und Mozart. Aber nach dem Abitur am Lycker Gymnasium trat er doch, wie seine Brüder vor ihm, in die Armee ein und begann als Fahnenjunker bei den 5. Kürassieren in Lissa im Posenschen.

Der außerordentlich freiheitsliebende junge Mensch, der zudem starke geistige Interessen hatte, merkte aber bald, daß die Welt des Kasernenhofes nicht seine Welt war, und so absolvierte er nur sein Einjährigenjahr und begann dann zu studieren. Und zwar nicht Jus, wie es eigentlich die Familientradition erfordert hätte, sondern Medizin. Zunächst einmal an seiner Heimatuniversität Königsberg, dann in Jena, Innsbruck, Wien. Neben dem Studium waren es hauptsächlich Musik und Literatur, die ihn beschäftigten, ferner Geschichte und vor allem Kriegsgeschichte. Es erschienen seine ersten Kritiken und kleinen Abhandlungen in den Zeitungen. In der Familie stießen all diese »Liebhabereien« auf erheblichen Widerstand, wie es denn auch damals in den Augen der Standesgenossen noch für »völlig unmöglich« galt, daß der junge Reck an seinen Musikabenden, an denen neben Kommilitonen auch Professoren teilnahmen, mit einem simplen Regimentsmusiker musizierte, der ein recht guter Klarinettist, war.

1908, noch als Student, verheiratete er sich mit Anna Büttner, einer jungen Kurländerin, die »im Reich« Musik studierte. Nach dem Staatsexamen war er zwei Jahre als Assistent an der Königsberger Anatomie tätig und trat dann 1912 seine erste große Amerikareise an, die ihn quer durch den ganzen Erdteil brachte. Nach seiner Rückkehr nahm er den Posten eines Feuilletonredakteurs und Theaterkritikers in Stuttgart an der Süddeutschen Zeitung an, übersiedelte aber schon bald nach München.

Erst während dieser Studien- und Nachstudienjahre lernte er westliches Denken und westliche Kultur kennen, und oft erzählte er, wie sehr ihn diese andere Welt überrascht hat. »Was kannte ich denn bis dahin«, schreibt er einmal. »Zahllose Kavallerieleutnants und Kommandeure vom bekannten Typ ?olles Austerngrab? ... ostpreußische und kurische Junker, Schiffskapitäne auch, reich mit Stout und Rindfleisch angefüllt, dachsbeiniges Valparaiser Hafengesindel, Londoner Bobbies, demütige Sarmaten, die uns daheim den Rockzipfel küßten und endlich wilhelminische Oberlehrer, die mit hochgezwirbeltem Schnurrbart davon träumten, Gardeleutnants zu sein ...« Und dann schildert er mit viel Humor, wie ihn besonders Bayern in eine strenge Schule nahm und wie ihm in der »Wilden Gungel«, jener bekannten Münchener Kammermusikvereinigung, die allzu preußischen Allüren abgewöhnt wurden.

München, die »Stadt der Jugend und der Freude«, diese bajuwarische Hauptstadt mit ihrer starken Verbundenheit zum bäuerlichen Hinterland, mit ihren Menschen, die noch nicht der Natur entfremdet, mit ihrem angeborenen Sinn für Formschönheit, Anmut, Leichtigkeit, mit ihrer barocken Lebensfreude und vor allem mit ihrer Bereitschaft, ruhig die Dinge reifen zu lassen und den Ablauf der Naturgesetze zu respektieren, München wurde ihm sofort und endgültig Heimat. »Was wäre aus dem im Zeichen des Wirtschaftsliberalismus überhitzten Deutschland geworden«, so schreibt er, »hätte es nicht Bayern gehabt mit seiner unberührten Landschaft und dem großen Reservoir seiner Ruhe? Nein, ich könnte nicht mehr zurück.«

Literarische Arbeiten, kulturphilosophische Vorträge, geschichtliche und kriegsgeschichtliche Studien, Musik, füllen nun sein Leben aus, daneben viele Fahrten und Wanderungen durch die neue Heimat, durch Österreich, Südfrankreich, Italien und den Balkan. 1925 führt ihn eine Reise durch den afrikanischen Kontinent. Schwer erkrankt an Malaria und Schwarzwasserfieber kam er zurück. Jahre der Arbeit folgten, Jahre, die viel Schicksal brachten, Krankheit, Unglück, Verluste. Nur mit rücksichtslosem Einsatz aller Kräfte gelang es ihm, diese schwere Zeit zu überstehen. Zu den persönlichen Schicksalsschlägen kam die tiefe Beunruhigung und Sorge über die politische Entwicklung in Deutschland. Er sah, wie weder die alten Stände noch die Männer der Weimarer Republik es vermochten, den Volksverführern und falschen Propheten entgegenzutreten. Im Jahre 1933 trat er zur Katholischen Kirche über, die ihm als letztes Bollwerk gegen die zunehmende Verrohung und Vermassung erschien. Inzwischen war seine Ehe geschieden worden ? seinen besten Freund nahm ihm der Tod. So zog er sich ganz auf seinen geliebten alten Hof im Chiemgau zurück und versuchte hier, nachdem er 1935 eine zweite Ehe eingegangen war, nochmals in aller Stille sein Leben aufzubauen. Aber anererbtes Verantwortungsbewußtsein und sein so ausgeprägtes Gefühl für Ehre und Menschenwürde ließen ihn niemals zu der ersehnten Ruhe kommen. Zeitungen, Radio, Freunde, Behörden, Ämter und nicht zuletzt die Parteistellen führten ihm täglich wieder den grauenhaften Irrtum vor Augen, in den das deutsche Volk immer tiefer hereingeriet. Er sah und hörte täglich, wie die Wahrheit verzerrt und Geschichte gefälscht wurde und mußte dazu schweigen. Er erlebte, wie die Menschen durch jahrelang wiederholte Propagandalügen überrumpelt wurden und durfte seine Stimme nicht erheben. Er mußte wehrlos dulden, daß alles Edle und Feine herabgezerrt und zertreten wurde, und Roheit und Gemeinheit an ihre Stelle traten. Er sah gute Menschen, die er kannte, an Kummer über dieses alles zugrunde gehen, sah Freunde in die Verbannung getrieben und andere Freunde versagen und demselben Massenwahn zum Opfer fallen und erstand dem allen ohnmächtig gegenüber, wie mit ihm die Besten seines Volkes. Wie sie erlebte er die ersten Anfänge der Expansion jenes Volksverderbers: die militärische Besetzung des Rheinlandes, die Aufrüstung, den Betrug an Österreich und bei jedem dieser Schritte zu einem neuen Kriege dachte er wohl wie sie: werden sie jetzt kommen und dem Spuk ein Ende machen, sie, die die Waffen haben und Macht? Sie, die erwartet wurden, wie in einem von Dieben und Räubern besetzten Hause die Polizei?«

Brutale Gewalt, nackter Materialismus, niederster Ungeist gewannen immer mehr an Boden. Konnten sie sich deutlicher zeigen als bei jenen scheußlichen Szenen während des bestellten. Judenpogroms im November 1938? Der Krieg brach aus, wie lange erwartet. Nach den ersten Siegen konnte man sehen, wie Hitler nunmehr Macht über die Generalität gewann und sie schließlich ganz in seine Hand bekam. Somit schwand die letzte Hoffnung auf eine Hilfe durch eigene Volksgenossen, immer deutlicher zeigte es sich, in welch furchtbare Lage wir geraten waren, in welch schauriges Entweder-Oder. Entweder unser Volk gewann diesen Krieg äußerlich, dann war die persönliche und geistige Freiheit ein für allemal tot, alle Kultur und alles, was dem Menschenleben Wert und Würde gibt, war für immer verloren. Oder wir verloren den Krieg und würden wohl auf lange Zeiten zurückgeworfen in äußere Armut und Not und in einen Existenzkampf, in dem sehr viele würden erliegen müssen.

Tag und Nacht saß man nun am Radio, vergleichend, erhoffend. Dieser kleine Apparat war ja für uns alle der einzige Ausblick in die Welt, und auch dieser war verboten und wer von ihm Gebrauch machte, konnte sein Leben verlieren. Selbst in unserm einsamen Landhaus stand er mitten im Zimmer auf einem Polster durch Decken abgedämpft, und Hausbewohner und Nachbarn, die kein Radio hatten, lagerten, im Kreis um ihn herum, während draußen die Hunde losgelassen waren, um jene Hitlerbuben zurückzuschrecken, die sogar nachts spionierend umherschlichen und denen es im Dorf auch tatsächlich einmal gelungen war, ein Bäuerlein beim »Schwarzhören« zu erwischen und verhaften zu lassen.

Ein so temperamentvoller und aufrichtiger Mensch wie Friedrich Reck konnte nicht lange für seine Feinde unbekannt bleiben. Schon im Jahre 1934 begann der ländliche Ortsgruppenleiter Material gegen ihn zu sammeln, ja, er schrieb sogar zeitweilig jedes Auto, auf, das den Weg zu dem einsamen Gutshof herauffuhr. Er horchte die Bauern aus nach irgendeinem Wort, das Anlaß zu seiner Verhaftung hätte sein können, aber die Bauern kamen nach Einbruch der Dunkelheit auf Umwegen ins Haus, um zu warnen.

In unausgesetzter körperlicher und geistiger Arbeit sah Reck das einzige Mittel, diese unerträgliche Zeit zu überwinden. In Hof und Garten wurde geschafft, Obstbäume wurden gepflanzt, Brachen aufgeforstet, Brennholz geschlagen und verarbeitet. Dazwischen als kleine Ruhepause ein kleiner Spaziergang, ein Sprung zu den Kindern, eine kleine Musikstunde mit der geliebten Flöte, oder eine anregende Unterhaltung mit auch in schwersten Zeiten immer willkommenen Gästen. Einen halben Tag nahm die geistige Arbeit ein. Sprach- und Geschichtsstudien und dann die literarische Arbeit, die immer mehr erschwert wurde durch geschriebene und ungeschriebene Zensur, und die doch nicht stocken durfte, wollte er den Hof und die große Familie durch die Zeit steuern.

Das, was ihn im Leben und Schaffen am meisten bewegte, war das alte, unmenschliche Problem von Schuld und Sühne. Auch die meisten seiner Novellen und Tropengeschichten sind im Grunde nur Paraphrasen dieses Themas, freilich nicht langweilig und lehrhaft vorgetragen, sondern bunt und tönend wie das Leben selbst und auch ebenso tief ernst wie dieses. Mehr Freude machten ihm geschichtliche und kulturphilosophische Studien. »Ich stehe im Beginne einer Reihe geschichtlicher Arbeiten«, schreibt er einmal. »Ich möchte wohl einmal, wenn mir die Zeit bleibt, den großen Roman Altpreußens, sein Hinsterben in der Caprivizeit, den Untergang der alten Familien, den Einbruch des Neuwilhelminismus ... ich möchte das alles gern schreiben. Aber ich gestehe, daß vorerst mich andere Dinge beschäftigen. Die Gedanken kreisen um die Probleme des alten Reiches, um den Einbruch der Renaissance in die gotische Welt, um das Auftauchen des Sachlichen Neuzeitmenschen, um 1789, um das Auftauchen und Verblassen des girondistischen Weltbildes ... Um die seit 25 Jahren für mich unumstößliche Gewißheit neuer geistiger Evolutionen. ? Das bißchen Arbeit war Arbeit eines Menschen«, so heißt es weiter, »der an der Lötfuge zweier Zeiten geboren wurde, es war in diesem Sinne Symptom, Ahnen, Ertasten der Zukunft. Erkenntnis, daß es »Erkenntnisse?« ? im Sinne des 19. Jahrhunderts! ? »nicht gibt, daß das, was wir so nennen, abhängig ist von unserem metaphysischen Mitschwingen, daß, in diesem Sinne, unsere entscheidenden persönlichen Erlebnisse wohl noch vor uns liegen.«

Das, was schon wie ein Schatten über seiner Kindheit durch Ahnungen gelegen hatte und ihn durch sein ganzes Leben begleitete und bedrückte, war das Wissen von der Grausamkeit des Lebens, von der Brutalität und Roheit der immer mehr aus verschüttet geglaubten Tiefen zur Herrschaft gelangenden Urroheit, von der Bedrohtheit und Hilflosigkeit alles Edlen und Feinen. Je mehr ihn diese Probleme quälten, desto mehr verfestigte sich in ihm die Gewißheit, daß Selbstlosigkeit und Selbstaufopferung im Sinne des Christentums der einzige Weg zur Rettung seien, sowohl der Rettung des Einzelnen, als auch der unserer bedrohten Kultur. Und er wußte, daß Worte verpflichten und daß er die Erkenntnisse, die er in all seinen Arbeiten, großen und kleinen, vertrat, mit dem Tode würde besiegeln müssen. Wie sehr ihn die Vorahnung seines so grausamen Endes beherrschte, erfand man nach seinem Tode unter anderem auch in seiner Bibel, in der er jene Stelle des Gespräches Christi mit Petrus drei- und vierfach an- und unterstrichen war, in der es heißt:

»Wahrlich, wahrlich, ich sage Dir: Da du jünger wärest, gürtetest du dich selbst, und wandeltest, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein Anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.«

Sein Schicksal erreichte ihn ganz kurz vor dem Zusammenbruch des Regimes, Irgendein schnöder Denunziant brachte die Lawine ins Rollen. Am letzten Dezembertag wurde er verhaftet und nach Dachau verschleppt. »Ein Urteil? Ein Urteil gibt es nicht, denn es handelt sich ja um keine Strafsache«, so erklärte man seinen Angehörigen auf der Gestapo wörtlich. Sie erfuhren, daß er unter »Sonderbehandlung« stehe, und im März teilte man ihnen mit, er sei bereits im Februar »gestorben«. Einen Teil seiner Sachen händigte man seiner Frau aus. Vieles fehlte, aber ein Brief war dabei, der zeigte, daß er am Ende doch vermocht hatte, Haß und Verbitterung, jenen »Krebsschaden der Seele«, der ihn all die letzten Jahre verfolgt hatte, zu überwinden und sein Leben dem zu opfern, dem zu dienen stets sein tiefstes Streben war. Im Schluß dieses Briefes heißt es:

»? wollt ihr mein Andenken ehren, so vergeltet Böses mit Gutem, ja, mit tätiger Hilfe.«

Gut Poing, Oberbayern, im September 1946.
Irmgard Reck-Malleczewen

»Bockelson« ? Die Warnung eines Verzweifelten

Der Untertitel dieses Buches: »Geschichte eines Massenwahns«, stand auch auf dem Titelblatt der ersten Auflage des »Bockelson« im Jahre 1937. Schon das beweist, daß Bockelson mehr ist als eine historische Studie. Er ist eines der bewußten Dokumente des innerdeutschen Widerstandes gegen das Regime der Jahre 1933-1945. Es sind innerhalb Deutschlands Bücher in dieser Zeit erschienen, die von Hand zu Hand gingen und als solche Dokumente angesehen wurden. Ob hinter ihnen wie bei Reck-Malleczewen der gleiche bewußte Wille stand, die betörten, schwer erkrankten und gleichsam hypnotisierten Massen aufzurütteln, zur Besinnung und dadurch zur Tat zu bringen, bleibe dahingestellt, so wenig die Tatsache geleugnet werden soll, daß es auch literarisch eine Opposition im Reiche gegeben hat. Es genüge hier der Hinweis auf die Leistung der »Deutschen Rundschau«. Wie deren Herausgeber Rudolf Pechel das Regime aus tiefstem Grunde haßte und aus diesem Haß und aus tiefer Liebe zu seinem Volke zugleich immer wieder auf Themen sann, die das Gewissen aufrufen sollten, dessen ständig in uns bohrenden Ruf nicht zu überhören und zur Tat vorzustoßen ? so auch Reck-Malleczewen. Ja, er haßte, aber er liebte zugleich. Er selbst schreibt: »Denke ich dieses Hasses, so überkommt mich wohl Grauen, und ich kann es doch nicht ändern und weiß nicht, wie sich anders dieses alles lösen soll. Zeihe mich niemand der Verneinung und täusche sich niemand hinweg über die Tragweite solchen Hasses. Haß drängt zur Wirklichkeit, Haß ist der Urvater der Tat. Glaubt Ihr, es gebe aus unserem verpesteten und entweihten Hause noch einen Ausgang, über dem nicht das Gebot stünde, den Satan zu hassen, um nach dem Weg der Liebe im Dunkeln suchen zu dürfen?«

Und wie ernst es ihm um beides, um Haß und Liebe war, dafür zeugen die letzten, an die Seinen hinterlassenen Worte, die seine Gattin uns am Schluß ihres Nachrufes mitteilt. Auch diese Worte, auch dieser in höchster Selbstverleugnung errungene Durchbruch zu dem größten Gebot des Christentums, in dessen Lehre der Dahingegangene die einzige Rettung für die Befreiung Deutschlands, Europas, der Welt vor der drohenden Vermassung und Verhordung sah ? sei uns verpflichtendes Vermächtnis. Deuten wir die zitierten Worte recht, so ist der Haß gegen Unrecht, Lüge, Brutalität, gegen vermessene Selbstüberhebung und Gotteslästerung eine Kraftquelle und gottgewollt, ? und schuld daran, daß wir ihn nicht alle zutiefst empfunden, in uns genährt und aus seinen Antrieben die Schmach des nunmehr versunkenen Regimes abgeschüttelt haben, war unsere säkularisierte, relativierte und materialisierte Begriffswelt, unsere Halbheit, unsere Unfähigkeit zu einem starken echten Gefühl.

Hätten wir nun aber nach den bitteren Lehren der Vergangenheit doch auch die Kraft, neben dem tiefsten Abscheu vor dem Bösen auch Liebe zu üben, die allein aus Not, Elend und bitterstem Leid herausführen kann!

Wir haben aber mehr als den Untertitel des Bockelson zum Beweis, wie unendlich schwer Reck-Malleczewen unter der Schmach der Hitlerdiktatur gelitten, wie sehr er sich gegen sie auflehnte und daß er mit diesem Buche aufklärend und politisch wirken wollte. In seinem Nachlaß nämlich fanden sich Aufzeichnungen. In längeren Zeitabständen, meist bei besonderen sichtbaren Einschnitten im Geschehen nach 1933, beim Röhmputsch, den vielen Vertragsbrüchen, den Überfällen, den Kriegserklärungen gab er seinen Empfindungen, seinen politischen Anschauungen, seiner Verzweiflung über das Geschehen unserer Tage Ausdruck. In diesem » Tagebuch eines Verzweifelten«, wie er es nennt, aber setzt er sich zugleich mit allen und jedem Problem der Zeitenwende auseinander, in die unser Geschlecht hineingestellt ist. Vieles, was heute in Diskussionen, Broschüren, Artikeln, Büchern rückschauend als Wege zur Katastrophe allmählich und im Gestrüpp zeit- und oft vorurteilsgebundener Anschauungen vielfach erst unklar und mühsam gesucht wird, ist von Reck in diesen Blättern behandelt in überwältigender Klarheit, gereift in der einsamen Stille seines Gutes als Niederschlag seiner reichen Erfahrungen auf Weltreisen, seiner Freundschaften mit vielen bedeutenden Männern des In- und Auslandes, als Frucht seines Nachdenkens und ? seines Leids. Und trotz der Überschrift, trotz alles verzweifelten Wehs, trotz allen Hasses gegen die Vermassung, den »Termitenhaufen«, wie er es nennt, ? er glaubte an sein Volk: »Dieses Volk, an dessen innersten, tief verborgenen und kaum mehr sichtbaren Kern ich unentwegt glaube, geht einer gigantischen und heilsamen Subtraktionskur entgegen.« Aber er sieht sehr klar: »Es ist wahr, daß der Süden, skeptisch gegen das preußische Siegesgeschrei, sauberer geblieben ist, es ist wahr, daß der Bauer, seinen alten unabänderlichen Lebensgesetzen und Weisheiten verhaftet, über die Siege die Achseln zuckt und ?stimmungsmäßig? nicht mitmacht, es ist wahr, daß die große Masse der Arbeiterschaft und nahezu die ganze Intelligenz in erbitterter Opposition steht. Was will es bedeuten? Die großen Drahtzieher, Industrie und der seit Ludendorff ihr verhaftete Generalstab, haben das Instrument des Terrors in der Hand, sie besitzen das Monopol auf die öffentliche Meinung und haben damit die große unproduktive Masse, Gehaltsempfänger, Büroangestellte, den großen Teil der kleinen Beamtenschaft verdummt bis zur Idiotie. Der Rest, verschmolzen aus Geschäftswelt und depossediertem Adel, aus neukreierten Offizieren und Gelegenheitsmachern ist eingeschmolzen zu einer heillosen Bourgeoisie, die, materialistischer als das verschriene Rußland, nur vom Heute lebt und nicht ahnt, welch grausiges Spiel hier begonnen hat.«

Um der bei der gewissenlosen Herrschaft des Schlagwortes heute so besonders notwendigen Klarheit der Begriffssetzung willen und um Mißverständnissen vorzubeugen ? was nennt Reck-Malleczewen Masse? »Nie werde ich die Erkenntnis aufgeben, daß der Massenmensch mit dem Proletariat keineswegs identisch ist ... daß er heute in den Direktionskanzleien der großen Syndikate und in der industriellen Jeunesse dorée weit häufiger angetroffen werden kann, als in der Arbeiterklasse, nie werde ich von der Erkenntnis lassen, daß es sich um einen unbenennbaren diabetischen Prozeß und um eine Seuche handelt, die in den oberen Schichten der modernen Soziologie ihren Anfang genommen haben.« Und an anderer Stelle: »Der Massenmensch heute beschränkt sich ja keineswegs auf die Arbeiterschaft, ja er ist in ihren Reihen vielleicht sogar seltener anzutreffen, als in gewissen, keineswegs auf enges Zusammenleben angewiesenen Bezirken der Bourgeoisie.« Es sei dies schon biologisch begründet, denn die »plötzlich und explosiv einsetzenden« uns historisch bekannten Massenbildungen ? im kaiserlichen Rom und im präkolumbinischen Inkastaat ? »sind keineswegs als Symptom überschwenglicher Gesundheit, sondern durchaus als Spät- und Verfallssymptom aufgetreten, gebunden an die Zeiten des Carakallischen Abstieges, an die Abnabelung von der Plazenta des Magischen, an die greifbare sittliche und drohende politische Destruktion.«

 

In dieses Tagebuch nun trägt Reck-Malleczewen am 11. August 1936 die Gründe, Absichten, Gedanken ein, die ihn zu dem Plane seines Bockelson veranlaßt haben.

»An meinem Buche über das Münsterer Wiedertäuferreich arbeitend, lese ich in tiefer Erschütterung die mittelalterlichen Berichte über diese echt deutsche Häresie, die in allem und jedem ..., ja selbst in den lächerlichsten Einzelheiten eine Vorläuferin der nun von uns erlebten gewesen ist. Wie das heutige Deutschland, so löst für Jahre sich auch jener Münstersche Stadtstaat völlig aus der zivilisierten Welt, wie Nazideutschland, so verzeichnet er durch lange Zeiten Erfolg über Erfolg und erscheint unbezwinglich, um schließlich in einem ganz unerwarteten Augenblick und sozusagen über eine Bagatelle zu fallen ...«

»Wie bei uns, so ist auch dort ein Mißratener, ein sozusagen im Rinnstein gezeugter Bastard der große Prophet, wie bei uns kapituliert vor ihm, unbegreiflich für die staunende Umwelt, jeder Widerstand, wie bei uns ? denn jüngst erst haben in Berchtesgaden verzückte Weiber den Kies verschluckt, auf den er, unser allergnädigster Zigeunerprimas, soeben seinen Fuß gesetzt hatte! ? ... wie bei uns also sind hysterische Weiber, stigmatisierte Volksschulmeister, fortgelaufene Pfaffen, arrivierte Kuppler und Outsider aller Berufe die Hauptstützen dieses Regimes. Die Ähnlichkeiten häufen sich in einem Maße, daß ich sie, meinen Kopf nicht noch mehr zu gefährden, direkt unterdrücken mußte. Ein Mäntelchen von Ideologie verhüllt in Münster just wie bei uns einen Kern von Geilheit, Habgier, Sadismus und bodenlosem Geltungsbedürfnis, und wer an der neuen Lehre zweifelt oder sie gar bekrittelt, ist dem Henker verfallen. Wie bei uns im Röhmputsch Herr Hitler getan, so spielt in Münster dieser Bockelson den Staatshenker, wie bei uns gilt die spartanische Legislatur, in der er das Leben der misera plebs einspannt, beileibe nicht für ihn und seine Gangsterbande. Wie bei uns umgibt Bockelson sich, unerreichbar für jedes Attentat mit seinen Tappedürs, wie bei uns gibt es Straßensammlungen und »freiwillige Spenden«, deren Verweigerung die Acht zur Folge hat, wie bei uns narkotisiert man die Masse mit Volksfesten und errichtet unnütze Bauten, um dem Mann von der Straße ja keine Atempause zum Nachdenken zu geben. Just wie Nazideutschland, so schickt auch Münster seine Fünften Kolonnen und Propheten zur Unterminierung der umliegenden Staaten aus, und daß der Münsterische Propagandaminister Dusentschnur, just wie sein großer Kollege Goebbels, gehinkt hat, ist ein Witz, den die Weltgeschichte sich vierhundert Jahre vorwegnahm: eine Tatsache, die ich, vertraut mit dem Rachebedürfnis unseres Reichslügenbeutels, wohlweislich in meinem Buch unterdrückt habe. Aufgerichtet auf den Fundamenten der Lüge reckt sich da, an der Wende von Gotik und Neuzeit für kurze Zeit ein Banditenstaat, der die ganze alte Welt nebst Kaiser und Reichsständen und allen alten Bindungen bedroht und im Grunde nur den Zweck hat, die Herrschergelüste von ein paar Banditen zu stillen, und was uns selbst heute an dem Schicksal der Münsterer von 1534 noch fehlt, ? etwa, daß man in der belagerten Stadt vor Hunger seine eigenen Exkremente und schließlich sogar seine eigenen, vorsorglich eingepökelten Kinder verschlang: all das könnte über uns just noch so kommen, wie einst über Hitler und seine Trabanten das unausbleibliche Ende der Bockelson und Knipperdolling kommen wird.

»Betroffen stehe ich vor diesen vierhundertjährigen Akten, befallen von der Ahnung, daß diese Ähnlichkeit keineswegs durch einen Zufall, sondern durch die schaurige Periodizität seelischer Abszeßentleerungen bedingt sein könnte. Denn was wissen wir schon von jenen unterirdischen Schluchten und Gewölben, die sich unter dem Lebenshaus eines großen Volkes ins Unbekannte verlieren ? von jenen Katakomben, in denen einst alle unsere trüben Wünsche, unsere Angstträume und Plagegeister, unsere Laster und vergessenen und ungesühnten Todsünden eingesargt sind seit Generationen? In gesunden Zeiten durchziehen sie als albischer Spuk unsere Träume, dem Künstler erscheinen sie als satanische Visionen ? dann stecken an unseren Kathedralen die gotischen Wasserspeier obszöne Hintern in die Luft, und es ziehen über Grünewalds heilige Tafeln mit geschnäbelten Fratzen und Krallenfüßen die Symptome aller Laster und jene Geißler, die, auf daß das Gesetz erfüllet werde, auf den Salvator einschlagen, und siehe, fast tun sie in der Automatie dieser Gesetzerfüllung dem Beschauer leid ...«

»Wie nun aber, wenn nun alles dies, was sonst in unseren Verließen verborgen gehalten wird, in der blutreinigenden Funktion eines Furunkels nach außen drängt, wenn jene Unterwelt von Zeit zu Zeit den Satan gebiert, der ihre Gruftdeckel sprengt und die bösen Geister der Pandorabüchse entweichen läßt? War es nicht just so in dem vorher und hinterher so konservativen Münster, und erklärt sich nicht dort wie bei uns die rätselvolle Tatsache, daß dies alles ohne Widerstand der Guten in einem an sich ordentlichen und nüchtern-fleißigen Volke geschah, durch die nämliche schaurige und unbrechbare kosmische Drehung, die eben, seit der ersten Stunde dieses Hitlerregimes, durch Sonnenflecken das Wetter, durch unentwegt verregnete Sommer die Ernten verdirbt, mit unbekanntem Ungeziefer die alte Erde überzieht, und in einem unvorstellbaren Ausmaße die Begriffe von Recht und Unrecht, Mein und Dein, Gerade und Ungerade, Tugend und Laster, Gott und Satan verwirrt?«

Und am gleichen Tage gibt er in seinem Tagebuch der Unerträglichkeit des Daseins unter dem Hitlerregime Ausdruck: »Mein Leben in diesem Pfuhl geht nun bald ins fünfte Jahr, seit mehr als zweiundvierzig Monaten denke ich Haß, lege mit Haß mich nieder, träume Haß, um mit Haß zu erwachen ... ich ersticke in der Erkenntnis, der Gefangene einer Horde böser Affen zu sein und zermartere mir das Hirn über das ewige Rätsel, daß dieses nämliche Volk, das vor ein paar Jahren noch so eifersüchtig über seinen Rechten wachte, über Nacht versunken ist in dieser Lethargie, in der es diese Herrschaft der Eckensteher von gestern nicht nur duldet, sondern auch ? Gipfel der Schande! ? gar nicht mehr imstande ist, die eigene Schmach als Schmach zu empfinden ...« und sagt einige Absätze weiter über Hitler: »Ich glaube nicht einmal daran, daß dieser Mann von Hause besonders amoralisch veranlagt war ? die Qualifikation eines großen Verbrechers täte ihm der Ehre zuviel an. Hätte eine deutsche Regierung durch Errichtung eines Monstreateliers, durch Bezahlen einer Presse, die ihn als größten Maler aller Zeiten feierte, beizeiten seiner maßlosen Eitelkeit genügt, ich glaube, er wäre auf ein höchst ungefährliches Gleis rangiert worden und wäre nie auf den Gedanken gekommen, die Welt in Brand zu stecken. Nein, ich glaube nicht an seine Borgia-Eigenschaften, ich glaube, daß hier der Verdrängungstrieb einer freilich aus Abfall gemachten und tief mißratenen Persönlichkeit sich zusammenfand mit einer Laune der Geschichte, die diesen, wie einst den Gerber Kleon, an den Hebeln ihrer großen Maschinerie eine Weile spielen läßt. Ich glaube, daß dieses alles sich zusammenfand mit einer Fieberstunde dieses Volkes. Ja, ich glaube, daß dieser armselige aus einer Strindbergschen Kothölle entlassene Dämon wie einst jener Bockelson sich zusammenfand mit einer Stunde der Abszeßentleerung, daß er kam als Verkörperung aller trüben sonst wohl gebändigten Massenwünsche ... oh, wahr und wahrhaftig wie sein Münsterischer Vorgänger als die Figur einer deutschen Gespenstergeschichte.«

 

Diese Auszüge aus dem »Tagebuch eines Verzweifelten« zeigen, was Reck-Malleczewen innerlich dazu getrieben hat, den Bockelson zu schreiben. Im Jahre 1936 will er warnen vor der längst klar vorausgesehenen Katastrophe. Es war seine tiefe Überzeugung, daß das Zeitalter der Masse zu einer solchen, und nicht nur in Deutschland, führen müsse. Das zeigen seine Jahre zurückliegenden Auseinandersetzungen mit Spengler, auf die er in dem Tagebuch bei der Nachricht von dessen Tode zu sprechen kommt, das beweist viel stärker noch der große Plan, an dessen Ausführung er im letzten halben Jahre vor seiner zweiten Verhaftung intensiv arbeitete. Das Manuskript des ersten Kapitels dieses unvollendeten Buches ist eine Auseinandersetzung mit Spengler und Ortega y Gasset. Es war nur der Auftakt zu einem Werk, das zusammenfassen sollte, was sein leidenschaftliches politisches Interesse, sein selbständiger unabhängiger Geist, sein Einblick in die Gebrechen der Zeit an klaren Erkenntnissen in ihm hatten reifen lassen. Es erscheint für die, die von dieser Arbeit wußten, ein unersetzlicher Verlust, daß sein grausames Ende uns um die Vollendung dieses Buches gebracht hat. Er, der als Landwirt mit der Natur und ihren Gesetzen vertraut war, er, der zugleich Arzt war, war berufen wie kein anderer, nicht nur die Diagnose unserer Zeit zu stellen, sondern auch den Weg zur Therapie zu zeigen. Denn mit naturwissenschaftlichen medizinischen Kenntnissen verband sich bei ihm ein überdurchschnittliches historisches Wissen. Beides ging ineinander über: es waren die prüfenden Augen des Arztes, mit denen er bei seinen gewissenhaften, gründlichen historischen Studien die Geschicke der Staaten, Völker und großen Persönlichkeiten betrachtete. Ein drittes, Wesentlichstes, kam hinzu. Der unbestechliche Blick des Arztes, das sichtende Auge des Historikers ? sie richteten sich immer wieder vom Objekt ihrer Forschung nach Oben. Der zürnende Gott war ihm Wirklichkeit, wie ihm Seine gerechte Lenkung alles Geschehens innerhalb der Menschheit Gewißheit war.

Er war konservativ, »aber zwischen der Haltung des konservativen Mannes und dem Nationalismus klafft ein Abgrund. Konservativ sein, heißt, an die unabänderlichen Gesetze der alten Erde glauben. An die alte Erde, die zu beben beginnt, wenn sie eines Tages sich von allem Unrat säubern will«, sagt er in seinem Tagebuch. Er bekämpfte allen Rationalismus, die bloße Herrschaft des Verstandes, die Säkularisierung aller jenseitigen Werte. Bei dem Ausbruch des Krieges mit Rußland sagt er vom deutschen Volke: »Nie ist ein Volk blöder, hilfloser in eine Katastrophe getaumelt«, denn »die deutschen Technokraten werden in den weiten hyperboräischen Ebenen dem begegnen, was sie in ihre Kalkulation nicht aufnehmen können: der Dämonenwelt eines nicht nur in der Propagandaphrase jungen, von seinen Göttern trotz allem noch nicht losgelösten Volkes«, denn »wir stehen mit diesem anhebenden Kriege dicht vor dem Zeitpunkt, in dem die Slawenwelt erstmalig dem Westen ihre Visitenkarte überreichen wird. Bei Licht betrachtet ist dieses Deutschland, das durch Hitlers Mund bei jeder Gelegenheit vom ?Allmächtigen? und der ?Vorsehung? redet, so skeptisch, wie es heute ein angealtertes Westvolk nur sein kann ? bei Licht betrachtet ist dieses Rußland, das vor vierundzwanzig Jahren sein Kreuz auf sich genommen hat und um abwegiger Ziele hungert, friert und leidet, der Fall jenes Gottesleugners, der nach einem Dostojewskiwort Gott näher ist als der Skeptiker.«

Reck-Malleczewen glaubte an Gott. Als Arzt, als Naturwissenschaftler, als Historiker und als überzeugter Christ war er tief durchdrungen von dem Unheil, das der Zerfall von Leib, Geist und Seele heraufbeschwören mußte. Er glaubte an die Macht des Geistes, den unabdingbaren Untergang des rein Materiellen, von Geist und Seele Losgelösten. Und so ruft er Hitler zu: »In jeder Deiner Reden verhöhnst Du den Geist, den Du mundtot gemacht hast und vergißt, daß der einsam gedachte ? in aller Leidenschaft gedachte Gedanke tödlicher wirken kann als alle Deine Folterapparaturen ... Du bedrohst jeden Widersacher mit dem Tod, aber Du vergißt, daß unser Haß als tödliches Gift in Dein Blut sich schleicht und daß wir jauchzend sterben, sofern wir nur Dich mit uns in die Tiefe ziehen können durch unseren Haß. Mag das Leben sich erfüllen in diesem Zeichen, mag es untergehn in dieser Aufgabe, im Schoß des Volkes, das Du heute überfällst, wurde ein Wort geboren, und ich schreibe es auf in dieser Stunde, da es Dir so gilt wie uns: Wenn sie Gott von der Erde verbannen, so werden wir unter der Erde ihm begegnen. Und dann werden wir, die unterirdischen Menschen, einen Trauergesang anstimmen zu Gott, der die Freude ist.«

 

Nach Lessing soll eine Vorrede nichts enthalten als die Geschichte des Buches. Die Geschichte des aus innerster Not entstandenen Bockelson war nicht bei seinem Erscheinen beendet. Sein Verfasser mußte sich mancherlei Beschränkungen auferlegen bei seiner Niederschrift. Für ihn selbst war Bockelson nur der Auftakt zu einem großen Werke über den gewaltigen Zusammenbruch aller Werte in einem Zeitalter der Massenbildungen, der unbeschränkten Herrschaft von Technik, in einer Zeit eines überheblichen Nationalismus und Fanatismus, eines entarteten Preußentums. Er sah den Weg zur Gesundung in neuen sittlichen Bindungen, in der Rückkehr zur demütigen Anerkennung der ? dem Verstande allerdings unzugänglichen ? irrationalen Kräfte. Drei Tage vor seiner Verhaftung tippte er an dem dritten und vierten Kapitel dieses Buches. »Am 1. 1.«, so schrieb er am 27. 12. 1944, »lege ich es aus der Hand, um Abstand zu schaffen.« Wenige Wochen später verlangte Gott das Opfer seines Todes.

Seine »in aller Leidenschaft gedachten Gedanken« werden wirken. Das ist der sichere Glaube aller, die ahnend etwas von der Macht des Geistes wissen, wie sie ihm Gewißheit war, und die sich nicht nur vor dem zürnenden Gott beugen, wie er es tat, sondern auch gleich ihm den liebenden Gott kennen, »zu dem jede Epoche unmittelbar ist« nach dem Wort Rankes. Möge auch unsere Generation vor diesem liebenden Gott »wie alle Generationen der Menschheit als gleichberechtigt erscheinen«. Dann erfüllt sich auch der Sinn des Opfertodes, den Reck-Malleczewen lange vorausahnte.

Paul Zöckler

Prologus

Das Kapitel, das hier umgeblättert wird, dürfte in des deutschen Volkes wunderlicher Geschichte als das wunderlichste, das schaurigste und zugleich das unbekannteste dastehen, obwohl es durch fast zwei Jahre die Welt in Atem hielt, eine ganz beträchtliche Stadt des alten Reiches samt einem seiner Kreise in ein Narrenhaus verwandelte und für jene alte Welt von Kaiser und Reichsständen beinahe den gleichen Brandherd bedeutete wie neun Jahre zuvor der Bauernkrieg. Wenn aber eine ganze Stadt sich für volle achtzehn Monate absperrt gegen die Außenwelt, wenn sie, nicht nur unter dem Geschrei des Mobs, sondern unter lebhafter Zustimmung auch von Handwerkern, Großbürgern, Patriziern und sogar von diesem und jenem in die Stadt gelaufenen Edelmann einen landfremden Schneidergesellen von anrüchiger Vergangenheit zum König von Zion wählt, wenn endlich dieser König, wiederum unter Zustimmung von hoch und gering, alle gewohnten Begriffe auf den Kopf stellt, alle bürgerlichen Bindungen des Mittelalters zerreißt ... wenn Edelfrauen sich sozusagen in seinen Harem drängen und wenn endlich dieses alles hinter einem Schleier von Blutdampf und hemmungsloser Gier und mißverstandener alttestamentarischer Legende sich vollzieht: dann ist es doch am Ende wohl am Platze, von einem Massenwahn, von einer rätselhaften, auf ein ganzes Gemeinwesen gefallenen Psychose zu sprechen.

Wir haben, zumal in der Geschichte des deutschen Mittelalters, nicht wenig Beispiele für solche die Masse erfassenden Psychosen, und wir sind heute auf diese Weise wohl objektiv genug, die Gesetze dieser unheimlichen Erscheinungen so kühl zu registrieren, wie wir es in der klinischen Schilderung einer körperlichen Krankheit tun. Wir wissen heute auch, daß sie immer in den großen Schicksalskehren und in den großen Wendungen der Weltgeschichte erscheinen, wenn vor den Augen eines arbeitsamen und durchaus nüchternen Volkes alte Fundamente versinken, ohne daß schon die neuen Grundlagen für ein fleißiges und formvolles Leben sichtbar wären. Und wir wissen, daß in solchen Zeiten unterirdische Gewölbe mit ungeahnten Inhalten sich öffnen ? Gewölbe, unter denen Gottes Kinder zuvor ahnungslos ihren mühevollen und freudekargen Tag gelebt haben. Und wir wollen uns auch dazu bekennen, daß es unter jeder Kultur diese unbekannten Katakomben gibt ... ja, daß es sie unter jedem des Sinnierens und der großen Gedanken noch fähigen Volke geben muß. Denn wie von Männern, so gilt auch von ganzen Völkern der Satz, daß sie in den Krisen ihrer Geschichte gar nicht wissen, wohin sie gehen.

Wir aber neigen noch immer dazu, die Renaissance, die doch dem gotischen Menschen sozusagen über Nacht den Boden seines gottgeweihten Lebens unter den Füßen fortriß ? wir neigen, sage ich, noch immer dazu, diese ungeheuerliche Weltenwende als eine simple Geschmacksänderung zu betrachten, bei der man mit der Form der Fenster- und Türbogen ein wenig die Hausfassade änderte und fortan andere Kleider trug. Wir denken viel zu sehr an diese Symptome, und wir denken viel zu wenig an die Ursachen, und wir denken am allerwenigsten an das, was hinter jenen geänderten Hausfassaden dem nordischen Menschen fortan an seiner Seele geschah und wie es kam, daß er, der bis dahin sein Geld in der Lade verschlossen hatte, fortan den Begriff des zinsenden Kapitals als geschichtsbestimmenden Faktor anerkannte und warum das Betreten Amerikas, das den Wikingern doch nur ein interessantes Abenteuer bedeutet hatte, nach Christoph Columbus alle gewohnten Begriffe umwarf und das Steuerruder auf einen gänzlich veränderten Kurs legte.

Vergegenwärtigen wir uns diese Tatsachen und werden wir uns darüber klar, wie um das Jahr fünfzehnhundert tausend uralte und geheiligte Vorstellungen zerbrachen, werden wir uns wirklich einmal klar darüber, daß das Verschwinden der alten Lebens- und Gesellschaftsformen den Einzelmenschen zunächst der Formlosigkeit und einem heillosen Individualismus überantwortete, so verstehen wir erst in ihren wirklichen Ursachen alle die Vulkanausbrüche jener Zeit, ob sie nun Bauernkrieg oder schmalkaldische Wirren oder Bildersturm oder münsterisches Zion heißen mögen. Die unsichtbare Hand der Geschichtslenkung rührte die Gewässer der Seelen um so furchtbarer um, je tiefer diese Gewässer waren, und wenn wir uns fragen, warum denn dieser Eingriff erfolgte und woher denn eigentlich diese furchtbare Wandlung des gotischen homo religiosus in die heute nun auch schon überlebt und ranzig anmutende Sachlichkeit des damals neuen Menschentyps kam, so stehen wir vor einem jener ewigen Rätsel, die die Geschichte dem unverbildeten Menschen aufgibt und deren Existenz nur die Canaille im Geist unter dem Hinweis auf alle ihre Dreigroschenerklärungen zu leugnen wagt. Das, was damals in Münster geschah, war ja nur das abgelegene Teilfeld eines kosmischen Bebens, und nicht viel anders wurde es wohl von manchen Menschen empfunden, denen die Vorgänge in Münster selbst ein tiefer Greuel gewesen sein mögen. Der brave Schreinermeister Gresbeck, der die Vorgänge aus nächster Nähe sah, urteilt höchst schlicht: »Und alles, das sie taten / das mußte alles recht sein / es war alles so Gottes Wille.« Und als das münsterische Fieber abgeklungen ist und dieser König Bockelson wieder als armseliger, von der Staatsgewalt gefaßter Schneidergeselle im Gefängnis sitzt, da berichtet der bischöfliche Kaplan Syburg, der ihn in der Haft besucht, »daß die Reue des unglücklichen Menschen außerordentlich gewesen sei und daß er nach eigenem Bekenntnis sich zehnfachen Sühnetod gewünscht habe ...«

Werden wir also mit der gleichen Ehrfurcht vor dem Geschichtswillen die Registrierung dieser Fieberphasen versuchen, so bleibt vorher doch die Frage zu beantworten, wie es gerade in diesem solide bürgerlichen und auf den ersten Blick beinahe unsinnlich zu nennenden niederdeutschen Winkel zu diesem tollen Taumel, zu diesem Orgasmus der Jahre 1534 und 1535 kommen konnte. Die Frage aber deckt sich durchaus mit der Frage nach den dämonischen Möglichkeiten der mittelalterlichen Seele, nach jenen Möglichkeiten, die in den Wasserspeiern der Dome und in Syrlins und Grünewalds mummeligen Spukgestalten Wirklichkeit wurden ... ja, noch unter den tönenden Säulen Johann Sebastian Bachs werdet ihr jenen Teufeln begegnen, die schon deswegen sein müssen, weil Gott ist. Schlagen, »auf daß das Gebot erfüllet werde«, auf den gotischen Martertafeln die Geißler auf den Erlöser beinahe wie Gottes Beamte und jedenfalls so ein, daß sie dem Betrachter fast ebenso leid tun wie der Gegeißelte selbst ... war der abendländische Geist damals solcher Weite fähig, so sollen wir uns nicht wundern, daß er auf seinen schweifenden Wanderungen auch den Dämonen, den Spottgeburten seiner Unterwelt, den Plagegeistern seiner Urrohheit und aller Todsünden begegnete.

Und abermals, wie in der Geschichtsbetrachtung so oft, steht in diesem Aspekte der Mensch vor der Tatsache, daß Heilige und Teufel auf engem Bezirk nebeneinander wohnen und daß tief in den Staub die Kreatur fallen muß, will sie das Antlitz des Ewigen schauen.

 

Vielleicht wie kein anderer Stamm des deutschen Sprachgebietes neigt der von der Natur kärglich bedachte obersächsische zur sozialen Gewitterbildung, vielleicht wie kein anderer der alemannische zum Spintisieren über religiöse Themen und zum zornigen und rechthaberischen Diskutieren der Schrift.

Der erstgenannte hatte schon 1525 mit Thomas Münzers Webergesellen in den Krieg der süddeutschen Bauernhaufen die den badischen und württembergischen und fränkischen Scharen unendlich fremde kommunistische Note gebracht; der zweite, tief in sich versunken, landet, wie noch heute aus der reichen Speisekarte schwäbischer Sekten ersichtlich, gern bei verwegenen religiösen Grübeleien, um deretwillen er dann, um ja nur ein neues Reich Gottes zu gründen, willig Hab und Gut von sich wirft und schließlich mit dem Gesetz in harten Konflikt kommt. In den Zittauer Zirkeln wurzeln die sozialen, im Schwabenland und in der stammverwandten Schweiz die eigentlich ideologischen Bestandteile der Wiedertäuferei.

Der Gedanke aber, es habe nicht das unvernünftige Kind, sondern eben der bewußte Erwachsene das Sakrament des Wassers zu empfangen, ist in dem ganzen Ideenwust dieser ersten sächsischen und schwäbischen Täufergemeinden noch das harmloseste ? weit explosiver wirkt es, daß sie sofort ins Häretische, vielfach ins Gewalttätige, fast immer aber ins Manische sich auswachsen. Schließe dich ab von der Umwelt, kleine Gemeinde der Heiligen, lebe besitzlos wie die ersten Christen ... lebe so, und du wirst, da die Wiederkehr des Herrn ja sowieso unmittelbar bevorsteht, sehr bald in deiner Mitte die Berufenen und Propheten finden ... ja, du wirst sehen, daß die Unscheinbarsten deiner Mitglieder der Gnade teilhaftig werden, Gottes Wundergesichte zu sehen und seine Stimme mit ihren irdischen Ohren zu hören ...

Der letzte Satz aber, die Verheißung von Gesichten und Stimmen als unmittelbaren Kundgebungen des göttlichen Willens, ist vielleicht der allergefährlichste, er erlaubte später, auf der Höhe der geistigen Erkrankung, nachgerade jedem Spitzbuben, sich auf die unmittelbar gehörte Stimme Gottes und eben geschaute Zeichen zu berufen, die ihm dann die Erfüllung von verzweifelt unheiligen Wünschen zusicherten. Das ziemlich irdische Paradies der Vielweiberei, das wir später in Münster verwirklicht finden, hat sich der »König« von Münster jedenfalls mit dieser Technik aufgebaut.

Noch aber, um 1530, ist das alles ja noch weltenweit entfernt von den späteren Orgien Münsters ? noch treibt es überall in deutschen Landen aus seltsamen Wurzeln: wie denn, macht es sich, von den Papisten zu schweigen, dieser Luther nicht allzu leicht mit seiner nur auf den Glauben sich berufenden Erlösung durch Jesus Christus, streckt er sich damit nicht etwa auf ein bequemes Lotterbette, und ist es nicht am Ende Zeit, sich all der guten Werke zu erinnern, durch die der Mensch, aus Erde gemacht, sich seines Vaters Gnade erst zu verdienen hat? Dunkle unterirdische Gänge führen von dieser Lehre der guten Werke hinüber in den Bezirk des alten Testaments, sie münden im weiteren Bezirk der altjüdischen Legende und im Sittenkodex der Synagoge und führen später in Münster geradeaus in die phantastische Welt des ?Reiches Sion?. So keimt es in Sachsen, so in der Schweiz, in Schwaben und sogar in Salzburg und München. Noch denkt niemand an eine politische Auswirkung, noch trägt ein sanfter und versonnener Mann, der Kürschner Melchior Hoffmann, diesen Ideenschatz durch Südwestdeutschland, durch das Elsaß, durch Schweden und Ostfries- und sogar durch Livland, hat von Monat zu Monat mehr Einfluß auf die allenthalben sich bildenden Gemeinden, korrespondiert gar mit diesem und jenem unter den Reichsfürsten, verlegt in seinen Träumen und Visionen den Sitz des neuen Jerusalems nach Straßburg, von wo aus, nach dem Wort der Apokalypse, einhundertvierundvierzigtausend Apostel mit ihm ausziehen werden, um allenthalben diese neue Lehre zu verkünden.

Den Einfluß auf die äußere Entwicklung der Dinge verliert dieser sanfte Mann, als er 1533 in Straßburg eingesperrt wird. Wohlgemerkt nur auf die äußere, da es ja allenthalben sich regt und da wir um 1532 schon getrost von einer breiten, über ganz Westdeutschland rollenden Welle der Massenhysterie reden können. Will man aber von einem unmittelbaren ?Nachfolger? Melchior Hoffmanns sprechen, so mag man wohl an jenen finsteren und gewalttätigen Haarlemer Bäcker Jan Matthys denken, der, wie wir sehen werden, auf die Münsterer Ereignisse einen unmittelbaren und entscheidenden Einfluß genommen hat: eine unheimliche Erscheinung, persönlich vielleicht unanfechtbar und jedenfalls unbelastet von all den Zweideutigkeiten, wie sie den ja ebenfalls aus Holland nach Münster importierten Bockelson umspielen. Aber eben ein gewalttätiger Mann und im Gegensatz zu Hoffmann ein Verfechter brutaler Expansion und bluttriefender Prophetokratie, wie wir sie ja in Münster sehr bald antreffen werden.

Münster aber ist damals, was man ihm heute ganz gewiß nicht mehr anmerkt, fast völlig protestantisch. Es ist fast völlig der festen Hand der alten Kirche entglitten, und seine Klöster und die in der Stadt wohnenden Vertreter des westfälischen Adels sind nebst einigen Großbürgern oder, wie man in Münster sagt, ?Erbmännern?, die letzten Nachhuten des Katholizismus. Der münsterische Protestantismus aber ist beinahe von Anfang an von ganz besonderer Art ? er will nichts wissen von all den Kompromissen Luthers, er ist höchst streitbar und beinahe häretisch, und daß es mit ihm so steht, ist nicht zuletzt dem Manne zuzuschreiben, der damals sozusagen der Modepastor der Stadt ist und Bernhard Rothmann heißt. Das Wort ?Modepastor? aber hallt mit allen seinen Nebenlauten wider in dem Urteil eines theologischen Zeitgenossen. ?Es hat sich der liebe Rothmann immer wie das ketzlein schmücken und schön machen wollen, gab sich als ein engel des lichts vor dem gemeinen Pöffel.? Und von Melanchthon kommt über ihn noch eine andere und höchst bezeichnende Kunde. Danach hat der ?liebe Rothmann? viel im Hause des aus Leipzig nach Münster verzogenen Syndikus Wiggers verkehrt, dortselbst zu den Anbetern der schöngeistigen, leichtlebigen und sozusagen als die Aspasia ihres Kreises wirkenden Frau des Hauses gehört, mit ihr ein Verhältnis angeknüpft und sie nach dem Tode des Mannes geheiratet. Scheinbar war er eben, wie ja auch sein hoher Frauenkonsum in der späteren Periode der Vielweiberei beweist, ein ?homme à femmes?, ein Mann, der schon wegen seines pastoralen Geltungsbedürfnisses das ständige Echo der Weiber brauchte.

Es ist vielleicht eben dieses ?Geltungsbedürfnis? und dieses Verlangen nach Originalität um jeden Preis, die ihn auf seinen Weg verweisen. Frühzeitig verwirft auch er die Kindertaufe, frühzeitig erlaubt er sich seltsame Abänderungen des Abendmahlsritus. »Er brach«, berichtet von ihm ein Zeitgenosse, »semmel in ein große Schüssel, gos wein darauf, und nachdem er die worte des Herrn vom nachtmahl gesprochen, hieß er die des sacraments begehrten, zugreifen und essen, davon ist er ?Stutenbernd? genannt worden, denn semmel heißt auf ihre Sprach ?stuten?«.

Der Mann mit diesem seltsamen und beinahe anstößig und doppelsinnig klingenden Spitznamen hat schon im August 1533 in öffentlicher Disputation unter allgemeinem Aufsehen seine Ansichten verteidigt, er hatte damals schon viel Anhänger auf den Gassen, und er ist von vornherein der Führer der gegen den feudalen Bischof Franz von Waldeck gerichteten städtischen Opposition, er eifert gewaltig gegen die beiden auf Luthers Rat vom Landgrafen Philipp von Hessen nach Münster geschickten Pfarrer Fabricius und Lening. Können sie denn auch nur Münsterisch reden, diese fremden Herren? Sie können es nicht, sie sind »Zugereiste«, und die fortgelaufenen Nonnen aus den alten Klöstern schelten, daß man beim Abendmahl ?nun einen hessischen Gott zu essen bekomme?. Denn die Frauen, und die der Großbürger an der Spitze, gehören schon jetzt ? weibliche Snobs gab es auch schon damals ? zu Rothmanns glühendsten Verehrern, und später wird man die Matadore des ?Neuen Zion von Münster? auf der Folter fragen, ob er, der später spurlos verschwindet, am Ende zur Behexung der Weiber sich eines Zaubertrankes bedient habe ...

Das aber hat ?der liebe Rothmann? fraglos nicht getan, er hat es nicht nötig gehabt, da ja auch ohne allen Zauber hier in Münster ein unterirdisches Feuer knisterte und jeder Schürer zumal den Weibern willkommen war. Als der Bischof Franz von Waldeck gegen den schönen Pastor und die unbotmäßige Stadt einschreiten will, unternimmt Münster schon in der Weihnachtsnacht 1532 gegen den Wallfahrtsort Telgte, wo es den geistlichen Herrn eben vermutet, eine Strafexpedition, erwischt dort freilich nur alle die feudalen Kapitelherren des Bischofs und zwingt ihn, gute Miene zu dem bösen Spiel seiner Stadt zu machen und alle Pfarrkirchen der Stadt Rothmann und seinen Schülern zu überlassen.

Bis das allzu rasche Niederreißen der alten katholischen Weltmauern sich rächt und über Nacht der allzu hastig errichtete Bau auch des Luthertums wankt. Münster ist frühzeitig überschwemmt mit täuferischen, aus Holland und dem Klevischen eingewanderten Prädikanten, die, ausgestattet mit so seltsamen Namen wie Staprade und Vinne und Roll und Klopris, zunächst den lieben Rothmann in Arbeit nehmen und taufen und so sich geistig schon eigentlich der ganzen Stadt bemächtigen. Noch ist das Patriziat und der Verwaltungsapparat der immer unruhiger werdenden Stadt dem eitlen Pastor und seinem Wirken abhold, und da ja wohl auch etwas Eifersucht auf die allzu rothmannbegeisterten Damen sich eingemischt haben mag, so einigen sich die beiden ?konservativen? (und, man möchte hier beinahe sagen ?bürgerlichen?) Konfessionen, Katholiken und Lutheraner, zu gemeinsamem Handeln und setzen bei den Bürgermeistern eine strenge Anordnung durch, in der Rothmann die Kanzel verboten wird und die fremden täuferischen Prädikanten ausgewiesen werden. Es ist nur eben längst zu spät und das Feuer nicht mehr zu löschen.

Denn die Herren denken leider gar nicht daran, das Predigtverbot und den Ausweisbefehl zu respektieren ... der Lieblingspastor der münsterischen Damen predigt deswegen unentwegt weiter, und auch die Prädikanten, die man durch das eine Tor hinausgeführt hat, kommen unter dem Gejohl des Pöbels zum andern wieder herein. Fanatisierte Weiber verjagen die einheimischen und erst recht die hessischen Prediger, Gesindel belästigt Bürgermeister und Ratsmannen, und inzwischen bläst, da die rechte Stunde gekommen scheint, holländischer Wind in die Glut ...

In den ersten Januartagen nämlich erscheinen auf Geheiß des Propheten Matthys zwei Wandersmänner, die Willem de Cuyper und Barthel Boeckebinder heißen, nehmen Wohnung bei unserem glaubenseifrigen und angesehenen Mitbürger, der Knipperdolling heißt und ein Gewandschneider und Tuchhändler ist ...

Verkünden in des Propheten Namen, daß ?die Verheißung nahe sei?, taufen außer den in Münster anwesenden Prädikanten auch den Pastor Rothmann, verschwinden schon am dritten Tage, schicken aber sofort zwei Ersatzmänner. Der eine heißt Gert tom Kloster und wird noch öfter genannt werden in der Chronik dieses tollen münsterischen Jahres ...

Der andere aber wird in dieser nun anhebenden Blocksbergorgie von Münster der ureigentliche Hexenmeister ... er wird Reformator, Prophet, Staatsoberhaupt und Haremsbesitzer in einer Person sein; Er stammt aus Leyden, er heißt Johann und ist seines Zeichens Schneider, er wird nach seinem Vater, der Bockel hieß, brevi manu Bockelson genannt und wird unter diesem Namen und als späterer König des münsterischen Zion weiterleben in der Geschichte.

Wer war eigentlich dieser Mann, der später durch mehr denn ein Jahr die deutsche Welt in Atem hielt? Seine Mutter ist die Tochter eines Kleinhäuslers ... Kötter nennt man das ja wohl in Westfalen ... die Mutter ist nach Holland gewandert, hat ihren Sohn unehelich von dem Grevenhagener Schulzen Bockel empfangen, hat ihn auf der Wanderschaft und sozusagen im Straßengraben geboren, hat den Kindesvater erst nach der Geburt des Sohnes geheiratet.

Dieser Sohn aber, eben jener Johann, erlernt das Schneiderhandwerk, kommt wandernd nach England, Portugal, Flandern und Lübeck, landet schließlich in Leyden, heiratet als Zwanzigjähriger die erheblich ältere Witwe eines Ewerführers, wird der Schneiderei müde und eröffnet in Leyden eine Kneipe, die sich von Anfang an nicht des allerbesten Rufes erfreut.

Als Kneipenwirt macht er nebenbei Gedichte und Fastnachtsspiele, hat den Ehrgeiz, in die damals in den Provinzen blühende ?Kammer der Rhetoriker?, einen Literatenklub, aufgenommen zu werden, erreicht auch dieses Ziel, gilt mit seinen Schauspielen, die nach dem Urteil des freilich etwas bigotten Kerssenbroch ?manchmal scherzhaft, meist unanständig und selten tugendhaft? sind, als Wundertier, betreibt außerdem, neben der Schneiderei und der Schankwirtschaft, ein wenig das ehrsame Gewerbe der Kuppelei ...

Zumindest dilettiert er darin. ?In seiner Kneipe?, schreibt Kerssenbroch, der als Gymnasiast die ersten Tage der Wiedertäuferzeit in Münster teilweise in nächster Nähe sah, ?stellten sich Jünglinge und junge Mädchen ein, tranken Tag und Nacht, schwelgten Tag und Nacht, hurten und spielten, machten Musik auf Geigen und anderen Instrumenten und vergeudeten ihr Vermögen.? Matthys hat ihn ziemlich früh kennengelernt, schickt ihn erstmalig schon vor 1533 nach Münster, wo der Kneipenwirt, Literat, Schneidermeister und Kuppler sich für ?die dortselbst am Werk befindlichen ausgezeichneten Prediger interessiert?, bei dem Bürger Ramers Wohnung nimmt, aber sehr bald seine Zelte abbricht. Aus Osnabrück, wo er dann auftaucht, wird er bereits wegen ?Wiedertäuferei? ausgewiesen, in Schöppingen, wo er im Hause des Gografen Heinrich Krechting wohnt, wird er in der Nacht ?durch Eingebung des Heiligen Geistes? an das Bett einer kranken Magd gerufen, die er ? denn auch als Arzt dilettiert der ehemalige Schneider ? mit seinen Heilmitteln und vor allem durch Spenden der Taufe gründlich kuriert.

Im Herbst 1533 taucht er in Koesfeld und für kurze Zeit zum zweiten Male in Münster auf, kehrt nach Leyden zu Matthys zurück, empfängt, obwohl er sie doch schon selbst gespendet hat, eigentümlicherweise erst jetzt die Taufe, reist mit Gert tom Kloster taufend durch die Provinzen, landet nach einem letzten kurzen Leydener Aufenthalt im Januar 1533 letztmalig in Münster, um die Stadt vollends in ein Narrenhaus zu verwandeln und endlich dortselbst sein ja etwas bewegtes Leben zu beschließen.

Eindrucksvoll aber ist es, die zeitgenössischen Porträts der beiden Männer zu betrachten, die die Regisseure dieser großen, wenn ja auch leider etwas blutigen Oper werden sollten. Daß Bockelson damals schon ? er stand noch in den Zwanzigern! ? wie ein Fünfziger aussieht, mag nicht nur an der Barttracht, sondern wohl auch an dieser Zeit liegen, da ja um Fünfzehnhundert mit den damals einsetzenden Freßorgien die überschlanken Gestalten Schongauers verschwinden und die deutsche Menschheit sich zu jenen Schmerbäuchen bläht, wie wir sie aus Kranachs Fürstenporträts kennen.

Wichtiger aber ist der physiognomische Unterschied der beiden Männer. Bei Knipperdolling, dem alteingesessenen und angesehenen Tuchhändler, kann sich weder das Cholerische noch die hochmütige Verbissenheit des Sektierers verbergen ? immerhin: hier ist wenigstens alles fest, scharf und, wenn man will, ehrlich verschroben ...

Bockelson aber? Das sind die verschwommenen und versulzten Züge des im Chausseegraben geborenen Bastards, des Kneipen- und Hurenwirts, der auch als Literat dilettieren konnte, des abortiv verlaufenen Schneiders, der bei seiner Zunft wahrscheinlich für einen großen Dichter, im Klub der Rhetoriker aber vermutlich für einen geschickten Gewandschneider gehalten wurde. Am Hals die Kette und am ganzen Leibe dieses Geschmeide, mit dem der Minderwertige so gern die tiefen Wunden seines Selbstbewußtseins verdeckt, über der ganzen Erscheinung aber jene Unseligkeit, die aus der Charakterschwäche so leicht ins Laster und ins Verbrechen gleitet: die Stigmata des in übler Stunde und in üblem Bette Gezeugten, der aus einem Taugenichtsdasein so leicht in die Kloake, aus dem Milieu des Dreckigen aber ins Lasterhafte und aus dem Lasterhaften endlich ins Verbrecherische und Blutdürstige wechselt. Auch Peter der Große köpfte, ?weil die Hände nichts zu tun hatten?, eigenhändig seine Strelitzen, auch die Borgias vergifteten Freunde und schliefen bei ihren Töchtern und Schwestern, und beide bleiben doch, wie Gott sie nun einmal geschaffen, mindestens prachtvolle Ungetüme, einer höheren Gnade gewärtig, weil sie aus einem Stück waren. Hier aber hatte die höhere Hand eine mißtönende Walze ins Spiel gelegt. Auch Bockelson köpft, wie wir sehen werden, eigenhändig seine Opfer, ohne daß wir wie bei Peter den schaurigen Überschwang der Kräfte geltend machen können ... auch er verwandelt eine an sich solide und vielleicht gar ein wenig unsinnliche Stadt für achtzehn Monate in ein Lupanar, aber den möchte ich sehen, der an diesem Manne etwas von der Unabänderlichkeit des sechsten Alexander oder gar von der Tragik Don Juans fände ...

Wer hier kratzt, wird zunächst nur auf eine dicke Schicht von Hysterie stoßen, wer tiefer schabt, stößt gar auf eine armselige und im Grunde unbedeutende Kreatur. Denn die Geschichte, die doch auf die Dauer immer nach unabänderlichen Gesetzen arbeitet, erlaubt sich wohl manchmal den grausamen Scherz, den Jämmerling, den Schwätzer und Hysteriker für kurze Zeit auf ihre Podeste zu heben, das Nichts für kurze Zeit zum Mittelpunkt der großen Dinge, den Pickelhäring zum wattierten Condottiere, den Gerber Kleon in der Vorstellung des Pöbels zum zweiten Perikles, den Gracchus Baboeuf in der gleichen Vorstellung zum Gracchus Cornelius zu machen ...

Dies aber immer nur für eine kurze Galgenfrist ... dies alles nur, um den Polichinel in Kürze um so grausamer zu entlarven. Um den betrogenen Betrüger unter dem Gelächter der Welt in die Gosse zu tunken, um zum Schluß einen zerfetzten und mit glühenden Zangen gezwickten ?roi dessou? in einem Eisenkäfig an die Spitze des Münsterer Lambertiturmes zu hängen.

Ein Häufchen Nichts also, geladen mit Hysterie, und füglich könnte man mich fragen, weswegen ich auf dieses Buch seinen Namen schreibe.

Dies aber ist ja auch nicht die Geschichte eines armseligen Tscheka-Königs ? es ist die Geschichte eines dämonischen deutschen Rausches, eine Episode, bei der aus den geheimen Gewölben dieser zweitsehenden fälischen Seele alle die Teufel, die Albe, die Satanasse entwichen, die man bis dahin nur auf fromme gotische Tafeln zu bannen wagte.

Der Regisseur war, trotz aller goldenen Ketten und Fingerringe, nur ein armer Hanswurst, das Fastnachtsspiel aber, das ward deswegen doch gespielt von einer um so vollblütigeren Komparserie. Und über einem der vielen Trauerspiele der sterbenden gotischen Welt hebe sich der Vorhang.

Incipit tragoedia

Der Ausbruch des münsterischen Feuers fällt, was ja wohl kein Zufall gewesen sein dürfte, ziemlich genau zusammen mit dem Eintreffen der beiden holländischen Propheten. Anfangs Januar 1534 durchlaufen die täuferischen Prädikanten Klopriss, Stralen, Roll und Staprade die Gassen, schreien Ach und Wehe über das gleißende und reiche Münster im allgemeinen und über die Geschmeideträger im besonderen, wenden sich dabei vor allem an die schmuckbehangenen Frauen der Ratsherren und ?Erbmänner? und erreichen es endlich, daß die eleganten Damen ihre Juwelen in Rothmanns Hause, wo sie angeblich zum Unterhalt bedürftiger Prediger bereitgehalten werden sollen, deponieren.

Was leider auf die herbe Kritik der zugehörigen Ehemänner stößt. Die nämlich wittern hier frühzeitig noch ganz anderen Unrat und bringen für das Treiben der geistlichen Herren das erwartete Verständnis nicht auf. Auf die vom Opfergang heimkehrenden Damen warten sie mit Ochsenziemern und Stöcken, und der Ratsherr Wördemann ?befestigte?, wie Kerssenbroch berichtet, ?sein Eheweib, das sich bei dieser Gelegenheit hatte taufen lassen, mit dem Stock dermaßen im Glauben, daß sie kaum kriechen, geschweige denn gehn konnte?.

Daß die mißtrauischen und empörten Ehemänner bei dieser Gelegenheit auch gleich den Herren Prädikanten selbst eine Tracht Prügel in Aussicht stellen, hilft blutwenig, da die Weiber nun einmal Feuer gefangen haben und selbst im feudalen Überwasserkloster die jüngeren Nonnen zu desertieren beginnen. Wovon ein zeitgenössisches Poem ein ziemlich anschauliches Bild gibt ...

?Ethliche sind ut ehren orden gebleven
Un sind uth ehren kloister gedreven
Velle waren van fleschliker begerde dull
Und weren derhalven des uprorerischen handels vull.
Se weren von groiter unkuischheit sehr verbaset
Darum hebben se uith ehren kloister nach unkuischen kerls geraset.?

Was die Äbtissin Ida von Merfeld veranlaßt, sich in einem ratlosen Brief an den Bischof zu wenden, der ihr seinerseits anbefiehlt, die Fortgelaufenen, damit nicht noch die Treugebliebenen angesteckt würden, auf keinen Fall wieder aufzunehmen.

Franz von Waldeck, der Bischof, rafft sich endlich zu energischem Handeln auf. Am 28. Januar erläßt er ein Edikt, in dem er auf die Täufer Pech und Schwefel regnen läßt, allen ihren Münsterischen Beschützern die bürgerlichen Sicherheiten aufkündigt und mit weiteren Repressalien droht. Als Antwort verlegt Rothmann, um die Anwesenheit von Spionen auszuschalten, die Gottesdienste in die Privathäuser frommer Brüder, in die man nur auf ein verabredetes Zeichen Eintritt erhält. Auch in der Öffentlichkeit erkennen sie sich nun gegenseitig an einer kleinen kupfernen Brosche, die die Buchstaben DWWF trägt: ?Das Wort ward Fleisch?, im übrigen sind sie in der aufbegehrenden Stadt eigentlich gar nicht mehr auf Heimlichkeit und illegales Leben angewiesen: auf der Straße wird der Mob, der sich inzwischen bewaffnet hat, so angriffslustig, daß die den alten Bekenntnissen treu Gebliebenen ihre Häuser in Verteidigungszustand versetzen und eine Art Selbstschutz bilden. Am dreizehnten Januar sind Bockelson und Gert tom Kloster in Münster eingetroffen.

Unter ihrem Vorsitz hat in Knipperdollings Haus sofort nach dem Erscheinen des bischöflichen Ediktes eine höchst geheime Sitzung stattgefunden, bei der allen Ernstes die frommen Prädikanten, was den ?Altgläubigen? natürlich nicht ganz verborgen bleibt, eine gegen Katholiken und Protestanten zu inszenierende Bartholomäusnacht vorschlagen. Daß unter diesen Umständen die ?Altgläubigen? beizeiten Gegenmaßnahmen vorbereiten, erscheint selbstverständlich: schon jetzt beginnen sie, mindestens mit Wissen des Bürgermeisters Judefeldt, Waffen in das auf der anderen Seite des Aa-Flusses gelegene Überwasserkloster zu schaffen, und schon jetzt dürften sie den Bischof um Intervention gebeten haben.

Mit der Bartholomäusnacht von Münster aber ist es vorerst sowieso nichts, die beiden Münsterer Sendboten verlangen zur Bearbeitung der breiten Massen noch Frist und erklären, ?noch sei die Zeit nicht gekommen, Gottes Tempel zu säubern und die eigenen Hände im Blute der Gottlosen zu beflecken?. Bemerkenswert ist, daß die Versammlung, zu der man bewaffnet gekommen ist und die man erst im Morgengrauen wieder verläßt, die beiden von vornherein nicht nur als die Sendboten des Propheten Matthys, sondern direkt als Sendboten Gottes behandelt.

Der Rat, der inzwischen erneut und wiederum vergeblich die Entfernung Rothmanns aus der Stadt versucht hat, wittert wohl den Willen zu blutiger Gewalttat, tut aber nichts weiter als das, was in solcher Lage noch jede schwächliche Regierung getan hat: er unterhandelt, redet von ?friedlich und freundlich nebeneinander leben? und läßt seinerseits ein entsprechendes Edikt anschlagen. Die Rebellen reißen hohnlachend das Edikt ab, kriechen immer häufiger und immer in Wehr und Waffen aus ihren Schlupfwinkeln ans Tageslicht und setzen es durch, daß die Stadt zu dem vom Bischof auf den zweiten Februar nach Wolbeck einberufenen Landtag neben dem Bürgermeister Judefeldt den täuferischen oder mit den Täufern doch kokettierenden Syndikus Wyck, außerdem Heinrich Redeker, der in der Telgter Überfallnacht dem bischöflichen Kavalier Melchior von Büren fünfhundert Goldgulden stahl ... endlich aber Tile Bussenschute, einen Büchsenmeister und ?fürchterlich langen Cyklopen?, wie Kerssenbroch ihn nennt, abordnet. Der Bischof empfindet diese Kommission als Herausforderung und dreht ihr den Rücken und ?dar ys de landtag mede sletten? heißt es treuherzig in einem zeitgenössischen Bericht.

Inzwischen ist unserem Rothmann leider ein Malheur zugestoßen: um Ida von Merfeld auch noch die letzten Nonnen abspenstig zu machen, hat er im Überwasserkloster gepredigt, hat die jungen Damen, was ihnen gar nicht so fern liegt, an ihre Pflicht, das Menschengeschlecht fortzupflanzen, erinnert, ist dann aber zu einer noch wirksameren Dialektik übergegangen und hat für die kommende Mitternacht den Einsturz des Klosterturmes prophezeit.

Man soll nicht, wenn man seiner Sache nicht sehr sicher ist, den Einsturz festgefügter Türme prophezeien, und Rothmann fühlt wohl selbst, daß er sich hier vergaloppiert hat. Die jüngeren Damen waren ? nach Kerssenbroch ? zwar ?mehr erfreut als erschreckt?, sie sahen, wie ringsum die alte Welt versank und sahen wohl bei den anzüglichen Redensarten des ?lieben Rothmann? eine neue bunt und verlockend sich auftun. Sie laufen unter Mitnahme ihrer Siebensachen davon und verschwinden damit in dem großen Sudkessel, zu dem Münster nun für anderthalb Jahre wird. Ida von Merfeld und die Damen von Linteloen und von Langen sind die einzigen, die bleiben.

Da es nun dem Überwasserturm nicht im mindesten einfällt, Rothmann zuliebe einzustürzen, und da Rothmanns Ausrede, das Unheil sei ja nun wohl durch die Bekehrung der Nonnen abgewendet, doch allzu wenig Eindruck macht, so retten Roll, Knipperdolling und auch Bockelson das Ansehen des täuferischen Propagandaapparates, indem sie ?in doller gestalt? auf die Straße stürmen und dort hysterisch zu brüllen beginnen ...

?Oh vader! Bettert jew! Doit bote!?

Bessert euch, tut Buße, der Tag des Herrn bricht an, der Untergang der Stadt ist nahe! Wenige bringen den Mut auf, zu lachen, die meisten sind dem münsterischen Irrenhause schon so verfallen, daß sie nun auch ihrerseits sich zur Erde werfen und beten und aufspringen und weinend sich umarmen. Ein Schneider, dessen Tochter bereits einen ähnlichen Anfall hysterischer Verzückung produziert hat, sieht, das Haupt emporhebend, ?Gott mit der Siegesfahne in den Wolken thronen und den Gottlosen drohen? und die blutrünstige und wahrscheinlich von dem brutalen Matthys ausgegebene Ankündigung, ?daß Gott nun bald seine Tenne kehren wolle?, fehlt keineswegs in dieser visionären Entleerung des Schneiders. Der Mann, völlig außer Rand und Band, springt auf den Bordsteinen herum, klatscht in die Hände, macht mit den Armen Flugbewegungen, fällt, da es mit dem Fliegen trotz aller Begeisterung nicht recht geht, zu Boden, liegt in Kreuzesform im Straßenkot. Die Gymnasiasten, die mit Kerssenbroch das alles mit ansehen, lachen, die Orgie aber dauert deswegen doch an. In diesen Nächten, die dem eigentlichen Ausbruch des Feuers vorausgehen, laufen Entflammte beiderlei Geschlechts durch die Straßen, verkünden den bevorstehenden Einsturz des Himmels, fallen unversehens in Unrathaufen, sehen aber trotzdem ?Myriaden von Engeln? und schreien, bis der heiser gewordene Kehlkopf den Dienst versagt.

Münster ist über Nacht verrückt geworden, und da es sich nicht gut leben mag in einer verrückt gewordenen Stadt, denken in diesen Tagen schon die bei leidlicher Vernunft Gebliebenen an Emigration, während die Prädikanten den Wankenden und den kleinen Leuten voran ins Ohr flüstern: ?Draußen vor euren Mauern steht schwer bewaffnet der feudale Bischof, um das in eurer Mitte keimende Reich Gottes auszurotten ... achtet also gut auf Verräter!? Es ist das alte Spiel, mit dem in allen revoltierenden Staaten und Städten die Machthaber die Aufmerksamkeit der Masse von ihren eigentlichen Plänen ablenken ? es war 1792 in Paris, es war 1917 in Moskau so und es konnte in Münster kaum anders sein. Prompt erscheint, wenn man den Aufzeichnungen eines Unbekannten Glauben schenken darf, auf dem Rathause laut schreiend der alte Krakeeler und Taschendieb Redeker, erzählt von einem Fremden, der morgens von auswärts in der Stadt angekommen sei und berichtet habe, es sei der Bischof mit einer Strafexpedition von dreitausend Reisigen schon unterwegs. Es ist der neunte Februar und trotz allen Bußegeschreis wohl etwas Karnevalsparfüm in der Luft.

Durch Botenmeister holt man den Fremden aufs Rathaus, und blitzschnell ? der Bürgermeister Tilbeck erscheint schon damals als schwankende Gestalt ? verbreitet sich die Nachricht von der drohenden Gefahr in der ganzen Stadt. Denn der Bischof, das ist den Münsterern kein geringeres Schreckgespenst, als den Parisern im September 1792 der schon auf den Vogesenkämmen stehende Herzog von Braunschweig mit seiner weißen Interventionsarmee und seinen ?tausend transportablen Galgen? es sein wird, und wenn Paris, wie ein Zeitgenosse sagt, damals ?presque électrique? ... sozusagen elektrisch gewesen ist: Münster wird durch diese Nachricht vom Herannahen des Bischofs jedenfalls nicht weniger ?elektrisiert?.

Schon um acht Uhr früh halten bewaffnete Massen auf dem heutigen Prinzipalmarkt, stoßen allerlei unzweideutige Drohungen gegen die Altgläubigen, gegen die reaktionären ?Erbmänner? und gegen die Wohlhabenden aus ? es ist von vornherein in diesem Spiel mindestens ebensoviel soziales Ressentiment wie religiöse Inbrunst ...

Not aber lehrt eben gelegentlich auch gemeinsame Gebete, und in dieser Stunde der Bedrängnis haben Katholiken und Protestanten sehr rasch ihren Hader vergessen und werden sehr schnell einig über die gemeinsame Abwehraktion. Das Überwasserkloster und der dazugehörige Kirchhof war als Waffendepot und Place darmes für den nun eingetretenen Fall schon lange vorgesehen ? dazu empfahl die Örtlichkeit sich wegen der dortselbst vorhandenen Schlupfwinkel, wegen der Gesinnung der Oberin, wegen der Nähe des Frauentores und wegen der fraglos mit dem tatsächlich heranrückenden Bischof getroffenen Vereinbarungen. Kerssenbroch, bei dem ?gegenrevolutionären? und altgläubigen Arzt Wesling in Pension und als junger Humanist selbstredend seinerseits auf der Seite der Bischöflichen, zieht mit seinem Pensionsvater in dieser Nacht selbst aus und trägt den Herren Waffen und Munition nach, nachdem Weslings Magd Assola, die den gleichen Auftrag hatte, leider von den Täufern erwischt und ihrer Last beraubt worden ist.

Es gehört zu den Spielregeln aller Revolutionen, daß Putsche dieser Art nie gelingen, ehe in den aufbegehrenden Massen der seelische Abszeß geleert ist und das Ressentiment sich ausgetobt hat ... es gehört nun einmal zu diesen Spielregeln, daß solche Anschläge nie glücken, ehe im Mob Raub-, Mord- und Rachsucht sich ihr Recht verschafft haben und alle Taschen gefüllt und alle Geltungsbedürfnisse befriedigt sind und die feurigen Propheten von gestern nach ausgiebiger Atzung vor der Staatskrippe über den Resten ihrer Beute faul verdauen.

Da aber die vulkanische Eruption von Münster im Geschichtsprogramm so notwendig war wie in einem verschlackten Körper ein Furunkelausbruch, so mußte in diesem Stadium auch dieser intra et extra muros vorbereitete Putsch scheitern. Die Altgläubigen, die ja in diesem Falle identisch gewesen sein dürften mit den Besitzenden, begeben sich, wie das mit dem Bischof ja wohl verabredet war, nach dem Frauen- und dem Judefelder Tor, heben dortselbst den täuferfreundlichen Ratsmann Palken nebst dessen Sohn auf, nehmen ihnen die Torschlüssel weg, beschlagnahmen drei Hakenbüchsen nebst Munition, bringen sie auf den Überwasserkirchhof und richten sie auf die Innenstadt, wo sie ihre Feinde wissen. Als ihre Reihen sich verstärken, besetzen sie die ganze Mittelstadt einschließlich des Domplatzes, besetzen und armieren die Domtürme, erwischen bei dieser Gelegenheit die Prädikanten Vinne und Stralen und sperren sie in den Turm dicht unter die Glockenstube.

Auf dem Prinzipalmarkt stehen die Täufer. Sie haben leider versäumt, die wichtigen Brücken der Aa und die Zugänge zum Domplatz zu besetzen, sie verbarrikadieren sich hier nun in wenig vorteilhafter Stellung hinter Fässern und den aus der Lambertikirche herbeigeschleppten Bänken. So steht man sich mit dem Feldgeschrei ?Christus? auf der altgläubigen, und ?Vater? auf der täuferischen Seite plänkelnd gegenüber, knallt fleißig aus Arkebusen und Kanonen und läßt in diese Erde, die fernerhin ja noch des öfteren den gleichen Trank kosten wird, das erste Bruderblut rinnen ? zu den Opfern dieser Nacht gehört ein junger Kommilitone Kerssenbrochs, der durch die Schläfe geschossen wird, während Kerssenbroch selbst, ?noch ein Kind und das Sausen der Kugeln noch nicht gewöhnt?, sich auf dem Aegidienfriedhof hinter dem Beinhaus verbirgt. Auf der altgläubigen Seite ermuntert der Pfarrer Fabricius die Kämpfer, drüben wirkt im gleichen Amt, gewissermaßen als Feldprediger also, der holländische Sendling Bockelson.

So also geht es auf Mitternacht, und es kann doch nicht so in alle Ewigkeit weitergehen! Die Herren auf Überwasser haben dafür gesorgt, daß, was fraglos mit dem Bischof verabredet worden ist, die Häuser ihrer Getreuen Strohkränze tragen als Zeichen, daß hier ?gute Leute? wohnen und von den sehnlichst erwarteten Mannen des Bischofs nicht geplündert werden wollen ? ja, wo in aller Welt aber bleiben diese Mannen? Es geht auf die zwölfte Stunde, und die Herren frieren und beratschlagen, und da sie fast alle humanistisch gebildete Männer sind und sich mithin auf die Lektüre des Julius Caesar und die dort geschilderte Belagerung von Alesia besinnen, so kommen sie auf den Gedanken eines Sturmangriffes, bei dem sie sich vor dem gegnerischen Arkebusenfeuer durch mitgeführte transportable Schutzdächer schützen wollen ? leider aber sagt keiner, wo er in aller Eile solche trefflichen Kriegsmaschinerien herzunehmen gedenkt. Inzwischen unternimmt drüben der Feind auch eine ?seelische Offensive?, indem mit etwa fünfzig anderen Schreihälsen Knipperdolling bis dicht unter die Mauern von Überwasser gelaufen kommt und sein übliches ?Bessert euch, tut Buße? durch die Nacht brüllt. Wozu die edlen und gestrengen Herren im Kirchhof aber keineswegs gewillt sind: sie packen nebst einer ganzen Rotte den Schreihals und sperren sie zu den übrigen ?in thorn?, wo ?he riep gliek wie die ossen plegen tho rupen?. Will sagen, das Gebrüll dauert fort bis zur kompletten Heiserkeit. Später freilich, als sie das gleich zu erwähnende Pferdegetrappel von Reitern unten auf dem Pflaster hören, ?swiegen sie stil in dem thorn un riepen nicht mehr?. Sie ahnten nämlich, daß es des Bischofs Reiter waren, und vor denen hatten sie doch einen ganz erheblichen Respekt ...

Was aber ist kurz nach Mitternacht geschehen und wie kommen die Reiter in die Stadt? Begeben hat sich folgendes: vor dem Tor ist mit Rotger Schmysing im Auftrage des Bischofs Herr Dietrich von Merfeld, Droste von Wolbeck, mit etlichen schwer bewaffneten Domherren erschienen ? auch Herr Melchior von Büren in seinem Groll über die von Redeker in Telgte gestohlene Geldtasche ist nebst den Reisigen des Bischofs gekommen. Die Herren begehren Einlaß im Namen des Bischofs, der Bürgermeister Judefeldt, ein dem alten Regime im Grunde ergebener Mann, geht ihnen entgegen, äußert einige Bedenken wegen der durch die Anwesenheit der Bischöflichen möglicherweise doch gefährdeten Stadtprivilegien, läßt sich aber, da die Herren strikten Auftrag der Respektierung dieser Privilegien haben, gleich wieder beruhigen ...

Worauf also Herr Judefeldt das Tor öffnet und die Herren, zur Ernüchterung des bislang ?in thorn? brüllenden Knipperdolling, einreiten. Jetzt erst wird Weiteres bekannt. Der Bischof ist im Anmarsch, ebenso ziehen dreitausend Bauern auf Münster, und nun endlich soll es ein Ende haben mit den Prädikanten und den ewigen Krawallen. Den Täuferischen, die, vielleicht durch Tilbeck, Wind von diesen Dingen bekommen haben, wird bänglich zumute.

Judefeldt selbst ist vollkommen einverstanden mit dem bischöflichen Plan, er sieht ein, daß hier endlich einmal gründlich Remedur geschaffen werden muß, und somit scheint das Schicksal des doch eben erst keimenden Reiches Zion besiegelt. Es kommt anders. Es kommt bei solchen Anschlägen, wenn alles schon gelungen scheint, immer ?anders? ... es erscheint nämlich in solcher Stunde immer der Mann mit dem Stearinherzen, der alles verdirbt. Es war so beim Bastillesturm, es war so 1792 bei der Verteidigung der Tuilerien, es war so 1848 bei der Räumung des Berliner Schloßplatzes durch die siegreichen Truppen, und es war also 1534 mit Fug und Recht nicht anders. Der ?andere? Bürgermeister Tilbeck ist derjenige, der hier alles verdirbt.

Kerssenbroch behauptet, es habe bereits am Abend der Bischof in einem Briefe eilige Hilfe zugesagt und die Schonung der Stadtprivilegien feierlich versprochen, Tilbeck aber habe diesen Brief ? der heute in den Archiven nicht mehr aufzufinden ist ? in Empfang genommen und unterschlagen, und es singt denn auch von ihm ein zeitgenössisches Epos:

?Unser gnedige först hadde Tilbeck einen brief gesandt
Des de veredder Tilbeck för de gemeinheit (Allgemeinheit!) nicht was bekannt
De först hadde em doen wetten und schrieffen
Seine gnaden woll de Stadt Monster by ehren rechten leten blieven
He sollte siner gnaden de porten apen halden,
Sin gnaden wolde by denen frommen luden syn haeste und balde.?

So urteilt über ihn das Epos. Das bischöfliche Versprechen, die Privilegien der Stadt zu respektieren, mußte auf alle hier Versammelten einen tiefen, dem Bischof günstigen Eindruck machen, und weil es so war, behielt Tilbeck den Brief für sich und operierte in dieser Nacht mit der in mittelalterlichen Städten ja allgemeinen Furcht vor dem Verlust der Privilegien: habe ich denn etwa unrecht mit meiner Feststellung, daß unter anderen Namen und in anderem Gewand dieser Bürgermeister Tilbeck in so ziemlich allen Revolutionsgeschichten immer wieder vorkommt?

Item, die bischöfliche Vorhut ist nun in der Stadt, im ersten grämlichen Licht des anhebenden neuen Wintertages kommen noch dreitausend Bauern hinterdrein, und den Täufern auf dem Prinzipalmarkt wird Herz und Hose schwer, und weil es so mit ihnen steht, tun sie das, was vierhundert Jahre später die Bolschewiken ihnen nachmachten, als sie die weißen Heere mit papierner und mit Wortmunition beschossen: sie schicken also, um ... ich möchte hier fast sagen ?die Bourgeoise? in Überwasser zu demoralisieren, Unterhändler, um ?Mißverständnisse? aufzuklären.

Es ist ? da in diesem tollen Münsterer Jahr dieses ehrsame Handwerk nun einmal seine ?Aristeia? erlebt ? der Schneidermeister Kibbenbrock, der aus dem Täuferlager kommt, es kommt ferner in seiner Begleitung ein Mann, der auf den etwas apokryphen Namen Swedartho hört. Diese beiden Herolde unterhandeln also. Das Geplänkel von heute war natürlich nicht gar so ernst gemeint, sie, die Täufer, haben an diesem Tage eigentlich nur eine Waffenübung abhalten wollen, und es ist einfach ein bitterböser Zufall, ihr Herren in Überwasser, wenn ihr diese unsere harmlose Absicht so mißverstanden und uns arme Leute gleich scharf beschossen habt! Wen aber sehen wir da in eurer Mitte? Doch wohl Leute des Bischofs, geschworene Feinde der Stadt, feudale große Hansen und gewohnte Schinder! Habt ihr denn auch bedacht, ihr altgläubigen Strohkranzträger, wohin dieser Einlaß des notorischen Stadtfeindes euch führen wird und daß er, ist er erst einmal Herr der Tore und Mauern, unweigerlich eure Freiheit nehmen wird ... ja, wie denn, wäre es da nicht am Ende besser, man unterhandelte und entschlösse sich, wie ihr ja selbst in eurem Edikt vorgeschlagen habt, fortan in Friede und Eintracht nebeneinander zu leben?

Also der Schneider Kibbenbrock, der nach dieser Rede sich wieder ostwärts, in die Zionsbezirke rund um St. Lambert begibt. Entschließt euch gefälligst, ihr Herren, zu einem Vertrag mit einer neben euch liegenden Kobra, ?fortan mit ihr in Frieden und Freundschaft zu leben? ...

Die Kibbenbrockschen Worte sind sorgfältig vergiftete Pfeile, ihr Gift ist wohl dosiert für die allenthalben und stets in solcher Stunde zu findenden Männer mit der lieben kleinen Rückversicherung, für die ewigen Kompromißler und die ewigen ?Weder-Ja-noch-Nein-Sager?.

Vor allem sind sie berechnet für einen Mann, der Tilbeck heißt, sie sind am Ende mit den Täufern ? wer kann denn hinter jede Büberei nach vierhundert Jahren kommen ? verabredet. In jedem Fall sind sie, sowie die beiden Unterhändler erst wieder am Westufer der Aa sind, Stichworte für ein neues Tilbecksches Lamento. ?Ist denn dieser Vorschlag, fortan in Frieden nebeneinander zu leben, wirklich so unannehmbar? Und wer bürgt dafür, daß der Bischof sein Versprechen auch wirklich hält?? Und dann vor allem: ?Habt ihr bedacht, ihr Herren, daß es Bruderblut ist, das ihr hier vergießen wollt??

Da ist es wieder, das alte Judaswort, und noch jedesmal, wenn es gesprochen wurde ? 1789 und 1848 und 1918 und in Rußland 1917 ? noch jedesmal folgte ihm eine Periode, die dann das Bruderblut nicht tropfen-, sondern bottichweise vergoß und ungleich größere Wunden schlug, als wenn man von vornherein fest zugepackt hätte. Man entschließt sich jedenfalls auch hier, zu verhandeln, und selbst der sonst einigermaßen besonnene zweite Bürgermeister Judefeldt ? denn Tilbeck war der erste! ? heißt, was er später schwer bereuen wird, den Entschluß gut. Man wählt also seine Unterhändler und gibt ihnen Aufträge, in denen viel von ?gegenseitiger Toleranz? und ?Freiheit des Glaubens? die Rede ist, man tauscht außerdem zur gegenseitigen Sicherung Geiseln Das im Münsterer Stadtarchiv liegende Tagebuch eines Unbekannten nennt als einzige Quelle ihre Namen. Es waren ?vor giselere der erbaren und ersamen Herren Wilbrant Ploniess borgermester / Hermann Herden kemmer / Johann Kerckerinck upn Bispinckhove un Eber Ocken. De upn kerhove (Kirchhof) koren vor giselere Claess Stripe / Claess Snyder / Berndt Pickert un Ever Gestemer?. aus. Als es aber erst soweit ist, ist es beschlossene Sache, was nun aus Münster für lange, lange Zeit werden soll. Ein Tummelplatz aller Reichsfalloten, ein Königreich der Unterwelt, eine Keimzelle des Wahnsinns und ein Brandherd für das ganze alte kaiserliche Reich.

Die Herren und Reisigen des Bischofs geben jedenfalls ihr Spiel verloren und reiten betrübt, und wenn man Kerssenbroch glauben darf, sogar unter Tränen davon, die dreitausend Bauern, deren Anwesenheit in solcher Masse wohl beiden Teilen gleich unheimlich war, fallen über das vom Rat freigebig gespendete Bier her, saufen sich toll und voll und marschieren wieder ab. Und um dieser Lösung nun auch den nötigen akustischen Ausdruck zu verleihen, feuert man auf beiden Seiten die geladenen Kanonen in die Luft ab, wovon in der ganzen Stadt die Scheiben geklirrt haben sollen. Kerssenbroch berichtete, Bischof Franz habe, als er von dem Ausgang gehört, Tränen vergossen, dann aber fluchend seinem Pferde die Sporen gegeben.

Was nun folgt, ist auf der täuferischen Seite eine Vorwegnahme der Carmagnolen von 1793, und hier wie dort in Paris sind es die Weiber, die die Orgie eröffnen. Kerssenbroch, hie und da in seiner lateinenen Chronik alle die Schwülstigkeiten des Barock vorwegnehmend, spricht in diesem Zusammenhange von ?Bacchantinnen, Thyaden, Mänaden, Mimalodinen, Adoniden und sogar von Tryateriden? und lädt mit diesem Aufmarsch wunderlicher Vergleiche in die Flinte ja wohl etwas allzuviel Pulver. Aber auch ohne diese vielleicht etwas allzu bilderreiche Sprache ist das, was hier geschieht, nachgerade toll genug. Mit offenen Haaren, mangelhaft und zum Teil trotz der winterlichen Jahreszeit überhaupt nicht bekleidet, kommen die Damen auf den Markt gelaufen, werfen sich in Kreuzform nieder, wälzen sich im winterlichen Straßenkot, weinen, lachen und schlagen sich an die Brust. ?Alle riefen sie freilich den Vater, keine aber den Sohn?, berichtet Kerssenbroch und verweist damit auf die Präponderanz des Alten Testaments, die für die verwegene Theologie des Münsterschen Gottesstaates maßgebend war und nicht zuletzt den Ausgangspunkt bildet für alle die Exzesse, die die Stadt in den nächsten Monaten sehen wird. Aber auch schon jetzt wird hier das Menschenmögliche geleistet, und die Damen fühlen und sehen, wie Blut vom Himmel regnet, sehen dort blaue und gar schwarze Feuer lodern, sehen auf weißem Roß auch einen goldgekrönten Mann, der, das für die Gottlosen bereitgehaltene Schwert im Arm, munter über den Himmel galoppiert. Dies aber, ihr Damen, ist bereits ein Wunschtraum, und wir werden ja bald sehen, daß der Reiter, wenig himmlisch und geradezu verzweifelt fleischlich, nicht gar so lange auf sich warten ließ.

Demgemäß also, in ihrer heißen Sehnsucht nach einem Helden, rufen sie laut nach dem ?König von Zion?, der vorerst aber nur irgendwo in einer Kneipe sitzt und auf seine Stunde wartet, und es ist im übrigen höchst interessant, wie ganz allmählich von dieser Stunde an das Wort ?König? langsam sich heranpürscht an die Hirne der Münsterer und vor allem an die ihrer Damen. Schließlich aber, als das Geschrei ? ?Grunzen von tausend Schweinen? nennt es in seiner üblen Laune Kerssenbroch ? nachgerade ekelhaft wird, findet ein angewidertes Mannsbild ein Mittel, um der Orgie ein Ende zu machen: er schießt nämlich mit seiner Büchse von einem der Markthäuser den güldenen Dachhahn herunter. Als der aber mit Donnergetöse auf das Pflaster prasselt, erwachen die Damen aus ihren frommen Räuschen, sehen vorerst keinen König von Zion mehr durch die Wolken traben und geruhen, nach Hause zu gehen und ihren Männern das Abendessen zu kochen.

Es geschieht in diesen Tagen, daß der Bürgermeister Tilbeck von dem lieben Rothmann sich taufen läßt, und es ist an diesem Tatbestande nicht zu rütteln, obwohl er selbst später, nach umgeschlagenem Wind, in einem an den Bischof gerichteten Briefe die Taufe brav ableugnet. Von Kerssenbrochs Kommilitonen aber halten es einige schon jetzt für ratsam, mit einem Stück Brot in der Tasche als Wegzehrung die Stadt zu verlassen, übrigens nicht, ohne daß der Torwächter über das mitgenommene Brot raunzt. Das Durchsuchen von Auswandernden auf Nahrungsmittel aber ist fortan an der Tagesordnung, und da die fortziehenden Frauen den Räucherspeck unter ihren Pelzröcken davontragen und der Mützenmacher Sündermann als aufrechter Zion-Patriot eine Frau ? nach Kerssenbroch ?durch unanständiges Abtasten? ? bei solchem Davonschleppen des geräucherten Nationalvermögens erwischt, entgeht auf höheren Befehl niemand mehr, der das Tor passieren will, solcher Leibesvisitation. Man sieht, daß der Gedanke an eine Belagerung und Aushungerung des werdenden Gottesreiches schon jetzt die Oberen beschäftigte.

So sehr weit hergeholt ist der Gedanke nicht. Schon auf den dreiundzwanzigsten Februar, als Zion, wie wir noch sehen werden, ausgiebig Fasching feiert, hat der Bischof nach Wolbeck die Ritterschaft in Wehr und Waffen entboten, er führt, da allzuviel aus Münster kommende Emigranten ihm mit ihren bitterlichen Klagen in den Ohren liegen, gegen Münster nichts Gutes im Schilde, er verhandelt schon jetzt über einen Beistand mit seinen mächtigen Nachbarn, die da Köln, Kleve, Lippe und Hessen heißen; Geld und Beistandsversprechen stehen ihm zur Verfügung, und so zieht denn ein Gewitter herauf über dem jungen Gottesstaate.

Von einer ?gegenseitigen Toleranz? ist in ihm übrigens nichts zu merken, und leider erfahren wir nicht, weswegen die Altgläubigen, die doch erstmalig ihre Gegner mit der Waffe in der Hand niedergehalten hatten, sich nicht zum zweiten Male auf diese Waffen und vor allem auf die Geiseln besannen. Schon die Wahl des neuen Rates, die in diesen Tagen nach städtischem Gesetz sich sowieso und auch ohne ausgebrochene Unruhen vollzogen hätte, erfolgt unter dem Druck des Terrors. Redeker, den wir als Unruhestifter schon kennengelernt hatten, hält unmittelbar vorher auf dem Markt eine Ansprache, fordert die Masse auf, ?nunmehr, nachdem der alte Rat im Gedanken an das Fleisch gearbeitet habe, einen neuen Rat in den Gedanken des Geistes zu wählen?. Und während der Pöbel das Rathaus umlagert, zeitigt der erste Wahlgang zunächst vierundzwanzig Wahlmänner, und zwar ?homines non solum sceleratissimos, verum etiam abiectissimos et vix dignos, quibus senatus vel carcerum urbis vel equorum canumque custodia committeretur? ... verkommenes und verbrecherisches Gesindel also, das ?der Rat nicht einmal zur Wartung der städtischen Gefängnisse oder als Pferdeburschen oder Hundejungen angestellt hätte?. Wie das in seinen gelegentlichen Anwandlungen eines patrizischen Hochmutes Kerssenbroch auszudrücken beliebt.

Was bei dieser Wahl sonst noch herauskommt, läßt sich ja wohl denken. An politisierten Schneidermeistern leidet Münster, da im Hintergrunde ja auch noch der Fachkollege Bockelson auf seine Stunde wartet, eigentlich keinen Mangel, und um die Präponderanz des ehrsamen Handwerks für die Zukunft noch mehr zu betonen, wählen wir als Bürgermeister Kibbenbrock und Knipperdolling, die ja nicht nur so etwas wie berufsmäßige Propheten und Halluzinatore, sondern auch Gewandschneider von Ruf und Ansehen sind.

Und inzwischen, während die Emigration der Altgläubigen immer rascher in Gang kommt, saugt Münster wie ein trockener Schwamm aus weiter und naher Umgebung alles an sich, was von der gleichen Psychose befallen ist. Siehe, es kommt allerlei Gesindel, und es erreichen unter allerlei Fährlichkeiten, wie etwa der Gograf Heinrich Krechting Der andere Krechting (Bernhard K.) ist schon 1533 in Münster als Prädikant nachweisbar., auch Männer von Stande den Berg Zions ? es kommen fortgelaufene Landsknechte und Landstreicher, es kommt aber auch ehrbares Volk, und es kommen schöne und ehrbare Frauen, wie jene Hille Feicken, die aus Friesland zu uns herwandert und im Bischof Franz den großen Holofernes haßt und für sich selbst, nicht ohne Erfolg, wie wir sehen werden, die Rolle der heldischen Judith herbeisehnt. Aus nah und fern kommen sie und kommen nicht zuletzt aus den Niederlanden, mit leeren und mit gefüllten Taschen und mit Weib und Kind und vollgepackten Wagen, und ihr langer Zug ist ein schauriger Beweis für die brausende Flamme des Wahnsinns, der in dieser Nordwestecke Deutschlands nun wütet und, nach eben erst überstandener Bauernnot, nun zum zweitenmal dem alten schwarzgoldenen Reich der Salier und der Staufer Verderben droht.

Später, im Sommer, werden ihrer noch mehr kommen, und es werden unter ihnen wiederum Männer mit altangesehenen Namen, wie Scheiffert von Merode, sein, ?des jederman, der ine gekant, ein gross verwundern?, schreibt über diesen täuferischen Edelmann ein klevischer Beamter. Die Zahl der Zugereisten aber ist bei weitem größer als die der Emigranten, und es ist ganz natürlich, daß wir für sie die leerstehenden Wohnungen dieser Emigranten und auch das gründlich von uns ausgeplünderte Niesing-Kloster in Anspruch nehmen, und schwer und frühzeitig lastet auf unserem Herzen nur eben eine andere Sorge ...

Ja, ihre Zahl überschreitet bei weitem die der Emigranten, und wie soll man sie wohl alle atzen können, diese unermeßlich vielen neuen Esser?

Noch ist in Münster jene Duliöhstimmung, die jeder Revolution folgt ... jene Euphorie, deren wir alle uns ja wohl noch aus dem Deutschland der Jahreswende von 1918 zu 1919 erinnern.

Und inzwischen steigt das Fieber, und es löst die alten Begriffe und die alte Zucht auf, und es lösen sich damit nicht zuletzt die Bande, die Eltern mit den Kindern, Geschwister und Gatten untereinander verbinden. Die Familie derer von der Recke zum Beispiel trägt doch sonst einen leidlich guten Namen, leidet aber eben unter dem Übelstande, daß es in ihr ein paar überspannte und verdrehte Frauenzimmer gibt und daß diese verdrehten Frauenzimmer sozusagen prima vista auf die Propheten Zions hineinfallen. Dergestalt nämlich, daß die eine dieser Damen, bislang Nonne in Überwasser, aus dem Kloster fortläuft, ihre daheim lebende Mutter und Schwester ebenfalls zur Taufe bestimmt und daß die drei Frauen sich in corpore in das Haus des lieben Rothmanns begeben. Als der Gatte und Vater Johann von der Recke sie dortselbst abholen will, schreien sie ihn an, er sei weder ihr Gatte noch ihr Vater mehr. Als er nach dem Niederbruche Zions seine drei leicht ramponierten Damen endlich in Empfang nehmen kann und beim Bischof eine hohe Kaution für sie und ihr künftiges Wohlverhalten erlegt, läuft die eine Tochter, die der Psychose rettungslos verfallen ist, erneut davon, um sich in einer der in Niederdeutschland noch fortvegetierenden Wiedertäufersekten für immer zu verlieren.

Inzwischen ist in Münster ja wohl auch Fastnacht herangerückt, und die neuen Herren der Stadt schicken sich an, sie gebührend zu feiern. Karnevalsgruppen, die den Bischof nebst seinen Kapitelherren darstellen, durchziehen auf Wagen die Stadt, ein baumlanger Kerl wird in Mönchskutte vor einen Pflug gespannt, und in Hiltrup, also etwa zwölf Kilometer vor der damaligen Stadtgrenze, trägt man, Psalmen plärrend und Kirchenfahnen schwenkend, unter Glockengeläute ein übelbeleumdetes Frauenzimmer um den Friedhof.

Daß es unter diesen Umständen in Münster zur Zerstörung der alten Kathedralen, dieser reinsten Manifestation des deutschen Geistes kommt, ist beinahe schon eine Selbstverständlichkeit ? immer wird die Canaille das hassen, was ihrer Gorillastirn nicht eingeht, immer wird der einmal losgelassene Pöbel mit seinem Plattfuß das zertreten, was den eigenen plumpen Fingern nicht gelingen konnte. Schon um den dreiundzwanzigsten Februar hat es damit begonnen, daß man aus den unterschiedlichen Klosterkirchen die vorhandenen Kleinodien fortschleppt, die Meßgewänder an Straßendirnen verschenkt, die Wertpapiere (ganz wie 1789 in Frankreich) raubt und verbrennt. Verwüstet und verbrannt wird in diesen Tagen das außerhalb der Stadt gelegene St. Mauritius-Stift, ausgeplündert wird das Niesing-Kloster, und was wir auf diese Weise an Platz gewinnen, das diene zur Unterkunft für alle die Brüder, die uns von allenthalben aus der Ferne zuströmen.

Unter diesen Umständen ist die Bahn ja wohl auch frei für die Zerstörung des im Zentrum der Altstadt gelegenen Domes. Der Name des Helden, der diese Orgie inszeniert, ist überliefert: an der Spitze einer Horde von Strolchen bricht Bernhard Mumme in die Kathedrale ein, um innen nachgerade wie ein Aschantineger zu hausen. Das Allerheiligste wird nach den altbewährten Rezepten aller Einbrecher verunreinigt, die Glasfenster eingeschlagen, und auf die Uhr, auf deren kunstvollen Bau ein unbekannter Meister sein ganzes Leben verwendet hat, schlägt man mit Schmiedehämmern ein. Mit Menschenkot besudelt man die Dombibliothek, verbrannt wird in den nächsten Tagen auch die von Herrn Rudolph von Langen aus Italien zusammengetragene Inkunabeln- und Stichesammlung. Die von Meister Franke gemalten Altarbilder werden zu Abtrittbrettern zersägt, der romanische Taufstein zerbirst unter Hammerschlägen. Mit Hämmern und Äxten schlägt man auf Holz- und Steinplastiken ein, die Orgel wird sorgfältig Pfeife für Pfeife zerstört. Weint denn nun, ihr Heiligen, und rauft den Bart, ihr gotischen Könige, die ihr fromm um Christi Krippe standet: vorüber ist eure Zeit ...

Vorüber die Zeit der Dombaumeister, die stumm und namenlos zurücktraten hinter ihren gottgeweihten Werken, vorüber die Zeit, da man demütig auf ihre Grabplatten das hallende ?Gott gnade? schrieb. Vorüber ist die Zeit, da die Domglocken klangen, wenn auf geduldigen Ochsengespannen des Heiligen Reiches Kaiser durch klirrende Winternächte zogen, vorüber die christlich Unität, vorbei die Zeit, da dem kaiserlichen Herrn der sichtbaren Welt aufgegeben ward, in der Idee des alten Reiches und im Unsichtbaren die große heilige Formel der Versöhnung unter den Völkern und des Friedens auf Erden zu finden. Ach, wir wußten, daß es eine solche Formel nicht gab auf dieser blutbespritzten Erde, und wußten es und suchten sie dennoch, und aus diesem unserem Suchen, dem nie ein Finden beschert sein konnte, kamen uns die heiligen Gewölbe und jener ewige Kampf mit dem Engel und zum Schluß auf unseren Grabsteinen das fromme ?Got hat syn sel?.

Der Bischof wird wohl von der Schändung seines Gotteshauses hören, er wird kommen mit Landsknechten und grobem Geschütz und Henkerstricken ? glaubt deswegen nicht, ihr hölzernen Heiligen, daß es für euch noch einmal eine Urständ geben wird. Die Menschheit, ihr lieben stammelnden Kinder des mittelalterlichen Geistes, ist über Nacht anders geworden, sie ist nun gebissen von der Schlange der Vernünftelei und wird jahrhundertelang siechen in dem vergifteten Fieberwahn, der da Gleichheit aller Menschen heißt. Es wird Zeiten geben, da ihr nur mehr Museumsstücke sein werdet, ihr werdet Schacherobjekte sein, und niemand wird mehr wissen, wo ihr einst Gott wolltet dienen, und es wird die Zeit kommen, da wird der Metzgerbursche mit seinem Hintern sich auf den Thron der deutschen Kaiser setzen, wenn man ihn im Museum daran vorüberführt.

Einmal, nach Jahrhunderten, da werden die Menschen, wie die Renaissance sie gebar, erwachen aus dem vermessenen Traum, ohne Götter leben zu wollen, einmal wird zum zweiten Male Märtyrerblut spritzen, und zum zweiten Male wird der schlummernde Gott erwachen bei dem Wehgeschrei seiner Kinder ...

Ja, einmal mag es wieder so werden. Bis dahin aber werden zahllose Geschlechter kommen und gehen, und bis dahin werdet ihr auf Kornböden und in Remisen herumstehen, und der Menschen Hand wird damit beschäftigt sein, taube Eisenautomaten zu bauen und sie an eure Stelle zu setzen. Freut euch, wenn ihr der Raritätenkammer entgeht, preist euch glücklich, wenn nun in diesen Karnevalstagen euch der Hammer der Troglodyten zersplittert, und zerfliegt ruhig in Scherben und Rauch: es ist besser so. Gute Nacht, liebe alte fromme Welt, gute Nacht, altes heiliges Reich, gute Nacht, Welt der Gottsucher und Dombauer, gute Nacht, gute Nacht.

?Der Dom is also verwoestet, datter nu nich mer ein lovelich gotzhus dan ein ungestalt verdorben gebauw antosehn. Der gliken ale kerken, gotzhuser und cloister der Stadt erbarmlich spoliert und versturt, so dat nu gantz und gar Gotz wort und sacramente nedergelacht und dat wesen dar bynnen mer einen vehischen dan menschligen leven und wesen so vergliken?, heißt es in einem an den westfälischen Landtag gehenden Bericht. Denn nach getaner Arbeit, muß man wissen, feiern unter den heiligen Gewölben die Herrschaften ausgiebig, fressen und saufen mit ihren Damen sich ausgiebig toll und voll, entleeren sich auf alten Grabplatten und benützen Weihwasserkessel als Nachtgeschirre und zerkratzen an der Wand die uralten Fresken ...

Und nur dem neuen Rat ist nicht gar so übermäßig wohl zumute dabei. Wenig wohl zumute war schon in den letzten Tagen ihres Regimes den beiden damaligen Bürgermeistern Judefeldt und Tilbeck, und sie haben wegen der eingerissenen Zustände sich brieflich beim Bischof entschuldigt, und Tilbeck, Muster aller Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit, hat den Bischof angelogen und die Nachricht von seiner inzwischen erfolgten Taufe tapfer dementiert.

Der Bischof aber, der sonst etwas weichmütige Herr, hat den Herren höchst reserviert geantwortet, und jetzt kommt dem neugewählten Rat gar eine Nachricht, die über die bischöflichen Absichten keine Zweifel mehr bestehen läßt: Syndikus Wieck wurde, als er sich aus der Stadt herausbegab, auf bischöflichen Befehl vom Amtmann Moring in Fürstenau festgenommen. Moring hat ihn zwar in der Haft eher als Gastfreund denn als Gefangenen behandelt, der Bischof aber hat mit dem Vollstreckungsbefehl den Scharfrichter gerade in dem Augenblick geschickt, als die beiden Herren, Häftling und Kerkermeister, nach dem Frühstück in aller Gemütsruhe beim Schach saßen. Und Wieck Wieck ist offenbar vom Typ des intellektuellen Räsonneurs gewesen. Er hat zur geistigen Zerrüttung Münsters viel beigetragen, hatte sich dann mit dem Neuen nicht befreunden können und verließ die Stadt. Als dann, in Gestalt des bischöflichen Scharfrichters, der Tod zu ihm kam, starb er unrühmlich genug. Er hat gejammert und geklagt und zuvor abgeschworen. ist unbarmherzig geköpft worden ...

Was aber ist gar mit unserem Prädikanten Roll geschehen, der doch als einer der Urväter des neuen Zion gelten kann? Den haben wir nämlich, weil wir seit dem Jahresende kriegerischen Unrat wittern, mit dem Auftrag ausgesandt, Truppen zu werben und Stimmung zu machen für die Stadt, just so, wie wir den Hufschmied Jacob als Propagandisten aussandten ins Jülicher Land.

Was also ist mit Roll geschehen? Zu Maastricht hat man Roll verhaftet und verbrannt! Und was unseren Meister Jacob angeht, so hat man ihn peinlich, sehr peinlich verhört, und nie werden wir auch ihn wiedersehen.

Werde dir also darüber klar, Stadt Münster, daß du in dem großen Meer, das da Heilig-Römisches Reich heißt, nur ein klein Inselchen bist, werde dir klar darüber, daß das Inselchen das große gewaltige Meer schwer herausgefordert hat, werde dir darüber klar, daß dieses große Reich mit seinem gewichtigen Apparat von kaiserlicher Gewalt und landesfürstlichem Geltungsbedürfnis grimmig sich wehren wird, wenn es sich einmal herausgefordert sieht durch eine kleine Schar von Häretikern, die hinterm Zaune geboren sind und mit denen der letzte kaiserliche Troßknecht sich nicht auf eine Bank setzte ...

Du bist, Stadt Münster, auf der deutschen Landkarte zwar nur ein kleiner, aber du bist ein recht wichtiger Fleck, und wer dich hat, der hat ganz Westfalen, und wer Westfalen hat ? hat der nicht am Ende den ganzen niedersächsischen Kreis? Und wer den erst hat, bricht der nicht dem Kaiser einen hellen Edelstein aus der alten Krone?

Auf dich schauen nun alle die weltlichen und geistlichen Landesherren, der Kaiser selbst schaut auf dich, und es tuschelt und raunt in den holländischen Provinzen, in Oberdeutschland, in Frankreich und hinter der Ostsee selbst im kimmerischen Livland, wo die hellen Nächte des Sommers die Menschen sowieso in seltsame und käuzische Ideen hineintreiben. Glaubst du aber, daß du, die sich ausgesondert hat aus dem Reich der Deutschen und die du im stillen und auch laut allen Herren und Fürsten den Tod schwörst und alles gleichmachen willst vor deinem strengen und eifernden Gott: ja, glaubst du denn wirklich, daß du ungestraft deine Apostel im Lande herumschicken darfst und daß der Kaiser das Feuer unzertreten lassen wird, bis die Funken, die aus deiner Glut sprühen, zu Flammen werden und das ganze Haus der Deutschen verbrennen?

Höre, Stadt Münster: es wird der leidenschaftliche Gedanke über Nacht oft zum scharfen Schwert, es ist der leidenschaftlich gehegte Wunsch, wofern der Wünschende die Erfüllung mit dem Leben zu zahlen bereit ist, oft schon des Wunsches Erfüllung. Knapp zweihundert Jahre nach deinem Amoklauf wird es eine Handvoll Männer geben, die man Enzyklopädisten nennt und die mit ihren Gedanken ... lediglich mit diesen wispernden Gedanken den ganzen damals gültigen Weltbau von Barockkönigen und Theokratien und ständischen Institutionen zerstören wollen ...

Und es stehen diese acht oder zehn Männer dem König von Frankreich und dem Deutschen Kaiser und der großen Kirche Petri und Millionen und aber Millionen von Menschen gegenüber, für die aus dem Donner noch immer Gottes zürnende Stimme spricht und die den frommen Glauben noch nicht verloren haben, daß in der heiligen Christnacht Gottes Hand der stummen Kreatur die Zunge löst und daß in dieser Stunde auch ihr gegeben ist, mit der Menschen Stimme den Erlöser zu preisen.

Acht oder zehn Männer also werden dann gegen eine ganze mächtige Welt stehen und werden nur fünfzig Jahre benötigen, um mit ihren wispernden Gedanken die ganze mächtige Welt samt der Krone der französischen Könige in den Staub zu werfen und in St. Denis die Gebeine dieser Könige in alle Winde zu zerstreuen, in Reims ihre heilige Oriflamme zu verbrennen und auf den Altar unserer Lieben Frau von Paris, ganz nach deinem westfälischen Muster, eine nackte Hure an die Stelle der zerbrochenen Gnadenbilder zu setzen.

Der Gedanke, du Stadt der aufbegehrenden Visionen ... der also gehegte Gedanke ist eine beinahe unbrechbare Macht, und die Kriegsleute verachten ihn nur solange, bis sie zu spät einsehen, daß er ihre Heere erweichen, daß er ihre Waffen gegen die eigenen Träger richten kann.

Alles wagend, kannst du noch immer gewinnen, dein Haus sauber haltend, kannst du mit deiner häretischen Fackel die ganze aus der gotischen Enge sich befreiende Welt entflammen. Verzage also nicht vorzeitig und tue nur das eine nicht, daß du den Kopf in den Sand steckst. In Wolbeck, in Bevergern ersäufen und verbrennen sie deine externen Anhänger, der Bischof wirbt indessen Volk zu Roß und zu Fuß, der ergrimmte Bischof zahlt gut und hat scheinbar volle Goldtruhen und verteilt in seinen Kriegsartikeln deine zu plündernde Habe schon jetzt zwischen sich und seinen Regimentern.

Höre, Münster, Seine Gnaden hat nun die Unterstützung des Erzbischofs von Köln, des Herzogs von Kleve, der Grafen von Bentheim und Lippe, und der Landgraf von Hessen, der sich bisher immer um eine friedliche Vermittelung zwischen Protestanten und Katholiken bemühte, der ist auch dabei und schickt samt ?Kraut? und Belagerungsmaschinen die beiden großen Feuerschlünde, die da ?de duiwel? und ?sin mar? heißen.

Und wenn die freundlichen Nachbarn sich für ihre Hilfe auch hohe Gelder und für ihre Kanonen grimmige Leihgebühren zahlen lassen und wenn sie ins bischöfliche Lager auch ihre Kommissare schicken, ohne deren Zustimmung Seine Gnaden keine selbständige Handlung unternehmen darf ? siehe, auch Stadt Deventer und Stadt Bielefeld und vor allem die Regentin Maria von Brabant ist dabei, und was du vor deinen Wällen, wenn du fein hinhorchst, rumoren hörst, das sind des Bischofs pochende Pulvermühlen.

Ja, er zahlt gut, der Bischof, er nimmt den Gemeinden ihre heiligen Kleinodien fort und zwingt sie, sie wieder zurückzukaufen, und von den also erzielten Schätzen zahlt er den Hauptleuten von Büren und Mengersen je einhundertundfünfzig Goldgulden im Monat, und Gerhard von Morien und Johann von Raesfeld werden ihn für achtmonatliche Feldherrndienste zusammen 1300 Gulden kosten, und was für den von der Recke, den Stedinck und Kuritzer und Iselmude und für alle die zahllosen anderen Führer und gar für die teuere Artillerie draufgeht: läßt es sich überhaupt ausdenken?

Du, Münster, bists ihm wert, und mit seinen Landsknechten hat er schon vereinbart, daß sie deine Propheten und Prädikanten nach erfolgtem Sturm beileibe nicht töten, sondern beileibe lebend ihm ausliefern: warum wohl, du münsterverwüstendes Münster?

 

Und von der Osterwoche an war Münster samt seinem Zionsreich abgeschnitten von den wärmenden und nährenden Adern des übrigen Reiches.

Urbs Dei

Eyn Christen hoert gein gelt tho hebben / et sei silver oder golt / et hoert dem einen sowol wie dem anderen.

Aus einer Predigt Rothmanns.

Der Schmied Jakob, den die Reiter der westfälischen Landstände aufgegriffen haben, wird, ehe man ihn in der zeitüblichen Weise zu Tode bringt, gründlich verhört, erweist sich angesichts des Todes als trutziger und aufrechter Mann, bereut an seinen täuferischen Lehren auch nicht ein einziges Wort, nennt den Papst stramm den Antichristen und die Kindertaufe ein Greuel und enthüllt bei seinem Verhör ein gut Teil von der seltsamen Häretikerwelt, die nun hinter den münsterischen Mauern die Herzen bewegt.

Sie haben da ?nach der Prophetie des Zacharias? die Stadt in drei Teile geteilt, sie beginnen nun die alte Zeit auszutilgen, indem sie die Straßen umbenennen, sie haben auch, vorerst ganz im Hintergrunde, einen Propheten Gemeint ist Jan Matthys, der bis zu seinem bald darauf erfolgten Tode und bis zur Nachfolgerschaft Bockelsons der maßgebende Prophet und damit der Herr der Stadt war. aus Leyden, dessen Namen der Meister aber nicht kennt ... jedenfalls aber ist dieser Prophet ?ausgesandt wie Enoch ...?

Er selbst, Meister Jakob, ist aus der Stadt gelaufen, weil er seltsame Gesichte gehabt, von denen er nun hier außerhalb der Stadtmauern Kunde geben wollte, und alle in der Stadt haben solche Gesichte, und von den Kanzeln herab verkünden die Propheten, es komme nun die Zeit, da werde Münster so volkreich sein, daß man bald den Domplatz bebauen, ja, daß man in den leeren Kirchen selbst Häuser errichten werde, nachdem man die Wohnungen der Emigranten natürlich längst beschlagnahmt habe.

Denn es sind, ihr Herren, die Gottlosen und alle die Anhänger Roms und Luthers von uns gewichen, mit Mühe und Not hat Knipperdolling verhindert, daß der geheimnisvolle Prophet aus Leyden sie nebst Weibern und Säuglingen durch das Schwert ausrottete ?als eine üble Ansteckung?. Nun aber, am Freitag nach Invocavit, hat man sie aus der Stadt getrieben, und nur wenige haben sich im allerletzten Augenblick durch reichlich verspätete Annahme der Taufe das Recht zum Bleiben erkauft.

?Es ist?, ergänzt später Meister Gresbeck aus Münster als Augenzeuge, ?ein bister wedder gewest von regen und schnigen, man sol up denselben fridagh nit einen hunt uth der stat gejagt hebben.? Und rings herum stand der Mob von Münster und schrie in Gresbecks Wiedergabe: ?Heruth gy gotlosen, Got wil einmail up wacken un iw straffen.? Wobei denn der Leydener Prophet einer der Hauptschreier gewesen ist.

Dies aber ist wirklich ein übler Auszug gewesen, es waren gebrechliche Alte und kleine, jämmerlich weinende Kinder dabei, es regnete Püffe und Hiebe, es haben schwangere Frauen vor den Mauern im Schnee geboren. Man hat den Trägern der alten und allbekannten Patriziernamen die Kleider vom Leibe gerissen und sie nicht viel anders als nackt ziehen lassen, und dem greisen Probst Dungel, einem alten, ehrwürdigen Manne, hat der Prophet Matthys einen Speer auf den Leib gesetzt, ihn ?einen alten Possenreißer und Betrüger? genannt, ihn nach Kreuz und Faden ausgeplündert und ihn so ziehen lassen.

So also ists inzwischen in Münster gegangen. Das aber, Meister Jakob, wissen wir hier draußen längst, da ja die also Vertriebenen inzwischen klagend und berichtend zu Seiner Bischöflichen Gnaden gekommen sind. Wie aber sieht es in euch selbst, will sagen in euren Herzen aus, und welch Teufel regiert nun euer Hirn, daß ihr, gestern noch fleißige und ehrbare Bürger, nun bei solchem Greuel angelangt seid?

Und Meister Jakob, also gefragt, beginnt zu reden. Von dem Strafgericht, das zwischen Fasten und Ostern ? also erschrecklich bald, ihr Herren! ? über die ganze Welt kommen werde, und nicht der zehnte Mensch werde hier draußen ihm entgehn, und nur Münster, Gottes eigene Stadt, werde verschont bleiben ...

?Der Prophet regiert das Volk und lehrt es Gottes Wort und lehrt es in Tugend zu leben und prophezeit, wie die Welt gestraft werden soll.? So der Schmiedemeister, ehe man ihn, sozusagen in allen Ehren, mit glühenden Zangen zu Tode zwickt. Wir haben aus späteren Zeiten ausführlichere und gelehrtere Ideologien des Gottesstaates, wir wollen gleichwohl bei diesem ersten Dokument verweilen. Gericht, Strafe, Buße, Weltuntergang, Tugend, Gute Werke ... ja, steckt denn in diesem Betonen des irdischen Wandels und in dem Verschweigen der Erlösung im Tode nicht die Synagoge mit Gesetzestafel und Jahwes roten Posaunen und einem trostlosen Gehenna? Und ist denn wirklich über dieser Täuferwelt mit ihrem gestrengen Belohnungs- und Straftarif unser gotisches Ringen um die Erlösung in Christus vergessen und ist es am Ende kein Zufall, was Kerssenbroch von der Zerstörung der Münsterer Kathedralen berichtet; daß man dabei alle Christusbilder zerstörte, während man alle Bilder von Juden und jüdischen Königen verschonte?

Es ist kein Zufall. Es sind 1534 noch keine sechzig Jahre her, daß der unbekannte Meister des Peringstörffer Altars die Vision des Heiligen Bernardus malte, und auf den Knien vor dem Gekreuzigten lag die sündige Kreatur und schrie und rang mit dem gemarterten Gott, bis er dennoch vom Kreuz sich löste und niedersank in die fleischernen Arme des Menschen. Dies ist, wie gesagt, noch nicht ganz sechzig Jahre her, und diese sechzig Jahre überbrücken eine ähnlich umwälzende Zeitwende, wie die Zeit um 1789 eine ist oder ? wie wir sie, die Renaissance abschließend, eben mit ganz anderen Zielen und anderer Willensbildung erleben. Die Gotik hatte ein Kollektiv, aus dem die Dome wuchsen, und dieses Kollektiv ging um Gott ? der Renaissancemensch, von der höheren Hand für vierhundert Jahre zum Herrn des Erdballs bestimmt, gründet sich auf die eigene Diesseitigkeit, und auf diesem Boden wächst alles, was wir hier erleben: die ideologische Notwelt der ?guten Werke?, jene vereiste Tugendhaftigkeit, die wir gleichzeitig bei dem Zeitgenossen Calvin, und zweihundertfünfzig Jahre später bei Calvins jüngstem Nachfahren finden, der da Robespierre heißt und schließlich paradoxerweise um der Tugend willen das Leben selbst vernichten wird. Das alttestamentlich verbrämte Kollektiv von Münster, aus der Abkehr von der deutschen Mystik geboren, zeigt frühzeitig alle jene Symptome, die sich aus der Verdiesseitigung des Lebens ergeben. Nicht zuletzt auch den terroristischen Machtanspruch des Massenmenschen, nicht zuletzt die ihm eigene Geistesfeindlichkeit und den herostratischen Haß gegen alle Tatsachen, die sich seinem Machtanspruch und der Unfehlbarkeitslehre des Magen-Darm-Kanals entziehen. Der Abstand, der jenen geheimnisvollen Peringstörffer Meister von den münsterischen Täufern trennt, ist, obwohl zwischen ihm und ihnen nur wenige Jahrzehnte liegen, ungleich gewaltiger, als der vierhundertjährige, der sich zwischen dem münsterischen und dem moskauischen Zion mit seiner Besboschnitschestwo Besboschnitschestwo = die bolschewistische Gottlosigkeit. spannt. Als die Täufer das Diktat der guten Werke und der Tugendhaftigkeit aussprachen und an die Stelle des Meister Eckhart das Buch der Richter setzten, da verleugneten sie jenen heldisch-frommen Mut zum Torso und zum Evangelium des Unvollendbaren, das gerade in den prangendsten Früchten des mittelalterlichen Geistes immer als Kern gefunden werden wird. Wir aber mußten wohl zweihundert Jahre durch die Lauge des Enzyklopädismus waten, ehe von neuem uns diese Erkenntnis zu dämmern begann.

So also verhält es sich damals in Münster. Da die Stadt sich nicht wie ein gleichgültiger Stein heraushebeln läßt aus den damals im Grunde noch immer gotischen Mauern des Reiches, so holt das Reich zum Schlage aus, und da man von den Stadtmauern aus seine drohend erhobene Faust sieht, so wappnet man sich eifrig. Als wir aus den geplünderten Kirchen die Märtyrergebeine auf die Friedhöfe schleppten und für den Staatsschatz die goldenen Geräte beschlagnahmten, da holten wir uns zur Panzerung der Bastionen auch die Grabplatten der toten Bischöfe, da gossen wir ? genau wie 1793 die Schänder der Königsgruft von St. Denis ? ihre bleiernen Särge zu Kugeln um, da gruben wir auch ? genau wie später die Pariser Sansculotten ? in den Friedhöfen und Ställen und Abortgruben nach Salpeter, da bauten wir endlich in den leeren Kirchen Pulvermühlen und Geschützgießereien und fertigten Kriegsmaschinerien selbst in jenen schönen Häusern am Prinzipalmarkt, wo unsere Richter und Propheten wohnen und unser Jan Bockelson ? der zweite Heilige nächst Matthys ? vom Hause des Herrn Melchior von Büren Besitz ergriffen hat.

Denn es ballen sich nun vor unseren Mauern des Bischofs Gewalthaufen, und mit so schweren Kriegssteuern schröpft er nun seine Hintersassen, daß es im August in Bocholt zu Unruhen kommen wird. Er beginnt die Belagerung, indem er rings um die Wälle sozusagen eine zweite Festung errichtet, und zuerst fünf, später gar sieben Gegenwerke mit Geschütz und Bastionen anlegt. Seine Landsknechte, die keineswegs gut diszipliniert sind und aus purem Mutwillen beim Anmarsch zwei Plettenbergische ? also feudale! ? Familiengüter verbrennen, lachen beim Anmarsch über das kleine Münster und meinen wohl etwas voreilig, ?es sei ein solch klein Dörflein doch nicht soviel Kriegsmaschinen und solch mageres Süpplein doch nicht soviel Feuer wert? ... sie sahens und haben sich doch ein wenig verrechnet, die frommen Knechte: gleich in den allerersten Tagen gibts einen blutigen Ausfall, bei dem sie auf dem Felde viele Tote und in der Städter Hand einen ihrer Trommler lassen, dessen abgehauener Kopf dann nebst seinem Instrument prompt auf dem Walle erscheint ...

Noch gibt es zwischen hüben und drüben alle die etwas derben und doch beinahe jungenhaften Begrüßungszeremonien, mit denen das Mittelalter solche langen Belagerungen gern begann ? Münster hat ein sorgfältig verpichtes Weinfaß nicht etwa mit Wein, sondern mit ganz anderer und wenig appetitlicher Ware gefüllt und es wohl verspundet, es schickt nun das Angebinde, sozusagen mit einem schönen Gruß, ins bischöfliche Lager hinüber ...

Wo man denn das Faß, begierig auf den Wein, zerschlägt und vor der ?Blume? sich tagelang hinterher die Nase zuhalten muß.

Innen aber, in den Mauern der Heiligen Stadt, da geht es freilich sehr viel ernsthafter zu, und Münster bläst gewaltig die Backen auf. Es wird wohl eine harte Katzbalgerei geben mit diesen rabiaten Heiligen. Kibbenbrock und Knipperdolling haben eine gewaltige Rede gehalten und haben dabei vorerst weniger an die täuferische Ideologie, als eben an den münsterischen Lokalpatriotismus und vor allem an die der Zeit bereits eigene Abneigung gegen ?große Hansen? appelliert.

Denn wer ist schon dieser Bischof? Wie alle seines Zeichens ein feudaler Herr, der die Ahnenprobe bestanden, in der Wiege schon Städtertum und städtische Freiheiten gehaßt hat und kaum nur um der Lehre willen zu Felde zieht, und, wie alle seiner Art, ja doch nur an eure Freiheiten tasten will ...

Man kann wohl sagen, daß diese bürgermeisterlichen Reden just so wirken, wie die, die in ganz ähnlicher Lage 1792 in Paris gehalten werden, als auf den Vogesenpässen die Preußen stehn. Münster organisiert seine Heerhaufen, wählt Hauptleute und Fähndriche, es verbittet sich, nachdem es in seinem rabiaten Puritanismus schon vorher alle Flöten und Geigen und Lauten und Lottospiele und Pochbretter zerbrochen hat, allen Ernstes, bei seinen Truppen die gottlosen Pfeifen und Trommeln, und erst durch sachgemäße Zitierung des Alten Testamentes und einen ernsthaften Hinweis auf Davids Harfe und die Posaunen von Jericho gelingt es den Behörden, den städtischen Gewalthaufen ihre Feldmusiken zu erhalten. Münster gibt, wie einst schon Karthago, in diesen Tagen auf seinem winzigen Bezirk ein erstes Beispiel für den ?totalen Krieg?, indem es die Knaben und sogar die Weiber zu Schießübungen heranzieht, die Mädchen im Sieden von Pech und Herabschütten von ungelöschtem Kalk unterweist und der ganzen Bevölkerung, klein und groß und alt und jung, Alarmplätze auf den Wällen anweist und jedweden Ungehorsam mit dem Tode bedroht.

Wir haben nun einen Feuerlöschdienst, dem niemand sich entziehen darf, wir haben als Vorläuferin der Pariser Lärmkanone auf unseren Wällen eine vom Feinde leider recht häufig angeschossene Alarmglocke riesigen Ausmaßes, wir halten auch öffentliche Belobigungen bereit für die Erfindung neuer Kriegsmaschinen und haben leider nur mit einer solchen Neuerung, einem Mittelding zwischen Lasso und Wurfmaschine, rechtes Malheur: die Bischöflichen nämlich, als das Ding zum ersten Male geschleudert wird, sind, statt sich zu fürchten, unverschämt genug, auf dem Lasso, das sie doch fangen sollte, mit ihren gottlosen Füßen herumzutreten und uns außerdem noch auszulachen.

Inzwischen, während wir Schanzen bauen, fordern wir die Bürger auf, eifrig auf Verräter in ihrer Mitte und auf Feinde des Gottesreiches zu achten, und als wir inzwischen alle Wappen und Gedenktafeln und alle sonstigen Erinnerungen an die alte Zeit zerhämmert und endlich auch die gottlose Dombibliothek nebst allen erreichbaren alten Urkunden verbrannt haben, da erläßt der von Gott selbst zu uns gesandte Prophet Jan Matthys ? ?ein groet langh man un hadde einen groten swarten bart un was ein Hollender?, nach Gresbeck ... item, da erläßt also unser Hohepriester eine Verordnung, die zum Umsturz aller gewohnten Begriffe nachgerade noch gefehlt hat: er beschlagnahmt alles in Privathänden befindliche Edelmetall und auch alles gemünzte Geld. Und bei dieser Maßnahme gibt es zum ersten Male so etwas wie ein Aufbegehren in der Heiligen Stadt.

Irgendein Schmied, der bei den berichtenden Zeitgenossen hie und da Truteling, meist aber Hupert Rüscher genannt wird, hat sich lange über die ewigen Plackereien beim täglichen Wachtdienst geärgert, hat, nachdem er früher den Bischof ankrakeelt hat, die nunmehrige Beschneidung der persönlichen Freiheit benörgelt und dabei schamloserweise behauptet, unser Prophet sei, wenn überhaupt einer, so jedenfalls ein ?propheta cacans? ... ein Scheißprophet zu Deutsch, und es möge an ihn, einen unwissenden Bäckergesellen aus Holland, glauben, wer da wolle, er, der Schmied, glaube jedenfalls nicht an ihn ...

Diese Äußerung fällt beim Kartenspiel in der Wachtstube, die es hören, schweigen betreten, und da unter ihnen natürlich ein paar gesinnungstüchtige Denunzianten sind, erfährt es innerhalb vierundzwanzig Stunden ?de langhe man mit den swarten bart?, den man eben so beschimpft hat. Und da steht es denn freilich schlecht um unseren Schmied.

Denn wohin soll es auch führen, wenn in dem neuen Zion der von Gott selbst gesandte Prophet mit solchen Worten apostrophiert wird und man ihn ungestraft einen Scheißpropheten nennen darf? Der Schmied also wird verhaftet und krumm geschlossen, der Prophet hält auf dem Domplatz vor einer Versammlung der ganzen Gemeinde eine furchtbare Strafpredigt, läßt den Gefesselten, der jämmerlich zittert, in die Mitte des Versammlungsringes schleifen, nennt ihn einen Gottlosen und Friedensstörer und Brecher des Heiligen Bundes, der ausgerottet werden müsse.

Was das bedeutet, ahnt wohl jeder, der neulich neben der Trommel den Kopf des gefangenen Landsknechtes auf den Wällen sah ... er ahnt es, zumal nun auch Bockelson, vorerst der zweite Heilige, zu schreien beginnt und mit einer Hellebarde herumfuchtelt. Tilbeck und Redeker, in denen nun wohl endlich ein wenig münsterische Lokalopposition gegen die beiden hergelaufenen Holländer erwacht, legen sich ins Mittel, werden aber, da mittlerweile auch der Prophet selber einen neuen Wut- und Schreianfall bekommt, von Matthys Tappedürs, ohne die der streitbare Mann sich selten zeigt, ihrerseits verhaftet und abgeführt. Da nun aber die Bahn frei ist für weitere Entladungen, sticht Bockelson mit seiner Hellebarde tapfer auf den Gefesselten ein, kann ihn zu seinem Leidwesen nicht recht durchbohren, nimmt die Büchse, schreit, ?daß die Gnadentür geschlossen sei?, nimmt eine Hakenbüchse und schießt dem Mann, der jämmerlich schreit und um sein Leben bittet, durch den Leib.

Tödlich verwundet wird der Schmied in sein Haus gebracht, bei dem Propheten selbst aber schlägt nach diesen Ejakulationen der Roheit und des Blutdurstes die Stimmung plötzlich um. Bockelson nämlich besieht sich den Verwundeten, ruft plötzlich, als habe er eine neue Eingebung: ?Er genest?, und schenkt ihm daraufhin großmütig das Leben. ?Aber?, berichtet Gresbeck, ?in dem achten dage war der borger doed.?

Das aber, liebe Brüder, ist erst der Anfang des Terrors. In Münster wagt seither niemand mehr, zu murren und aufzubegehren. Und die verlassenen Häuser der Emigranten haben wir natürlich längst beschlagnahmt, samt allem Geschmeide und zurückgelassenem Hausrat ... nun aber, wo den unglücklichen Schmied unser Blitz getroffen hat und wir auch den in der Stadt Verbliebenen die Ablieferung ihres Bargeldes und ihres Edelmetalls zumuten, nun bekommen wir in unserem im Rathaus aufgestapelten Staatsschatz tatsächlich so ziemlich alles zusammen, was an wirklichen Werten in der Stadt liegt. Will es aber dem Menschen von heute nur schwer eingehen, daß ein hergelaufener Unterweltler von heute auf morgen und ohne Widerspruch eine wohlhabende Stadt ausplündern konnte und daß dies alles am Ausgange der mittelalterlichen Welt mit ihren strengen Unterschieden zwischen mein und dein und der für den simplen Diebstahl bereitgehaltenen Todesstrafe geschah, so bedenke man, daß zweihundert Jahre zuvor, wenngleich ohne Zion und ohne Propheten, in Nürnberg sich ganz ähnliche Zustände anbahnten. Daß man auch dort die Großbürger vor die Stadt trieb, daß innerhalb der Mauern von der Armut der ersten Christen und auch der alte Irrwahn von der Gleichheit aller Menschen gepredigt wurde. Und daß Nürnberg damals so etwas wie eine christlich fundierte Generalprobe zur Pariser Kommune war und daß es einer mehr oder minder getarnten Reichsexekution bedurfte, um die alten Zustände der städtischen Oligarchie wieder herzustellen. War es also in Münster nicht genau so, daß hier in einer wirren und turbulenten Zeit nur etwas an die Oberfläche drängte, was unter ihr zu allen Zeiten geschlummert hat?

Hier geht jedenfalls nach dem Tode des Schmiedes ? der übrigens bei dem berühmten Telgter Überfall auf den Bischof einer der Hauptschreier gewesen sein soll! ? alles glatt, und selbst die goldenen, mit Emaille verzierten Knöpfe, die man damals an den Gewändern trug, werden erfaßt. ?Knöpff ab den mentlen, ring ab den krägen?, heißt es in einem alten Akt. ?Auch kunden sie nichts verborgen halten / denn es waren zwey medlin da, vom Teuffel besessen / die verrieten / was man verborgen hatte.? Und Gresbeck, der solche ungemütlichen Zustände von der neuen Religion sicherlich nicht erwartet hatte, vollendet diesen empörten Bericht: ?Wo sie einen wies konden werden / der sein gelt / silver oder golt / hadde beholden / den strafden und heven irer ein deil die kepf af / dat do niemante nicht beholden dorfte.?

Im übrigen hat der Prophet Gesichte und Visionen, in denen Gottes Stimme ihn als den berufenen Verwalter des also zusammengetragenen Schatzes bezeichnet, und da es Gott dem Allmächtigen außerdem gefällt, durch die gleiche Befehlsübermittelung die Bürger Kohues, Grueter, Kruse und Reyninck namentlich aufzurufen, so sehen wir fortan die genannten Herren als Diakonen des Amtes walten, die Bedürftigen besuchen und sie aus dem Überfluß der geflüchteten Reichen versorgen. Welche anfänglich sehr eifrige Fürsorge ja leider nicht von Dauer ist, da die Bürger, des göttlichen Auftrags vergessend, allmählich in ihrem Eifer erlahmen und es mit den Stadtarmen bald ebenso jämmerlich steht wie zuvor.

Im übrigen aber wird fleißig rationiert im neuen Zion. Nun haben wir auch eine strenge Bestandsaufnahme der vorhandenen Nahrungsmittel angeordnet, die alle Butter, alle Speckseiten, alle Rinder, Schweine und Hühner sogar erfaßt, leider aber von keiner Reglementierung des Verbrauches gefolgt ist, da wir als geborene niederdeutsche Fleischesser schon im ersten Jahre unseres Gottesreiches über tausend Rinder nebst den entsprechenden Massen an Fett, Butter und Eiern vertilgen, da außerdem die Wallbesatzungen die guten, wenn ja leider auch etwas übelriechenden Salzheringe fortzuwerfen belieben, was sie später bitterlich bereuen werden. ?Met der tid?, berichtet Gresbeck, ?hedden sie den heringk wol getten / den sie irst nicht mochten.? Und weil im ersten Jahr aus dem vollen gelebt wird, so sind auch die Tische unserer gemeinsamen Liebesmahle, von denen bald die Rede sein wird, bald etwas dürftig besetzt, und ?do moist ein jeder tho huiss gain etten/ der wat hadde. Mehr tho huiss hedden die nicht viel. Sie hedden ein jeder das sein genommen und konden nicht widderkriegen / do der hunger begunnt tho kommen.?

So verhielt es sich mit der Lebensmittelrationierung und mit den gemeinsamen Mahlzeiten, die unter grünen Bäumen eingenommen werden und bei denen dann ein Kind ein Kapitel aus dem Testament, aus dem alten natürlich, verlesen muß. Mäkler werden nicht geduldet und Säufer schon ganz und gar nicht. Als zum Beispiel der Hauptmann ?Gert de Smoker?, der von den Bischöflichen zu uns übergelaufen ist und seinen Beinamen von den ersten Zigarren hat, die er raucht und die vor vierzig Jahren Kolumbus in Amerika ? sie waren damals beinahe ellenlang und gut und gern zweifingerdick ? vorgefunden hat ... item als dieser an sich schon etwas schwer zu bändigende Hauptmann in einer Kneipe über den frühen Schankschluß krakeelt und die Wirtin gar eine Hure nennt und dem Wirt mit dem Bierkrug auf den Schädel schlägt, da fesseln wir ihn nebst seinen Saufkumpanen an die Linde auf dem Domplatz und erschießen ihn. Ordnung muß eben sein, so will es der Prophet mit dem langen schwarzen Bart, und so wollen es die zwölf Ältesten, die wir inzwischen als Senat gewählt haben und die im Rathaus nie tagen, ohne daß auf dem Tische das Testament, natürlich das alte, aufgeschlagen liegt: diese zwölf Gewaltigen, unter denen nun auch schon unser Jan Bockelson und der ebenfalls aus der Fremde zu uns gewanderte Heinrich Krechting sind.

Ein strenger Rat, Gott weiß es! Daß niemand hinfort sich noch unterstehe, seine Haustür nachts abzuschließen ? darf es denn etwa solch ein Ding wie Mißtrauen geben unter den Kindern Gottes? Und daß niemand es wage, auch nur einen einzigen Band zurückzubehalten, als wir im März alle Bücher, mit Ausnahme der Bibel, beschlagnahmen und sie öffentlich auf dem Markte verbrennen ? darf es denn noch eine andere Lektüre geben als die der Heiligen Schrift, und ist nicht jedes andere Buch Münster scheint, gemessen an der Zeit, immerhin recht zahlreiche Bibliophile beherbergt zu haben, da Kerssenbroch den Wert der damals verbrannten Bücher auf 20 000 Goldgulden bemißt. Teufelswerk? Und wie, ihr Männer, lieben Brüder, steht es eigentlich mit denen unter uns, die nicht aus freien Stücken, sondern erst nach Antritt unserer Herrschaft und unter unserem Druck und nur in ihrer erbärmlichen Angst um ihr Gut und Leben sich haben taufen lassen?

Die also sperren wir in die Lambertikirche, wo Jan Matthys ihnen furchtbar den Kopf wäscht, den nur aus Zwang Getauften Gottes Zorn und grimmen Tod ankündigt für den Fall, daß Gott ihnen nicht vergeben sollte, was er dem Bäckermeister aus Harlem in einiger Zeit persönlich mitteilen wird ...

Mit welcher Mitteilung der Prophet sich denn wieder empfiehlt, die Kirchentür von außen verschließt und die Leute für sechs Stunden in entsetzlicher Todesangst allein läßt: Schreien und Heulen ist in der Kirche. Als aber nach sechs Stunden Matthys mit seinen Tappedürs wiederkommt, wirft er sich nieder, konferiert einige Minuten mit Gott, springt auf und kündigt den Zitternden die Vergebung des Vaters an.

Noch, solange der schreckliche Schwarzbart lebt, ist es wenigstens ein halbwegs sauberes Gebilde, der Embryo einer modernen Räterepublik auf puritanischer Basis, mit der, wäre die Lehre von der Wiedertaufe nicht gewesen, auch ein Mann wie Calvin vielleicht ganz einverstanden gewesen wäre. Vor allem aber: ein Knallgasgebläse von guten Werken und von Trefflichkeit, ein mons sacer von guter Gesinnung und Humorlosigkeit, obwohl Luther doch gerade in jenen Jahren gesteht, daß er mit einem lieben Gott, der nicht auch Spaß verstünde, nichts wolle zu tun haben und obwohl doch auch ein Mann wie Matthys einmal als Kind in einer Wiege gelegen und nach einem Sonnenkringel gehascht hat. Vielleicht aber ist Humor wirklich nur eine Pflanze, die nur in fetten und satten Staaten gedeiht, nicht aber in einer Stadt der Häresien, gegen die nun das halbe Reich zu Felde zieht ...

Münster aber glaubt keineswegs an einen Gott, der Spaß versteht, der seine haust in den Wolken des Sinai und straft der Väter Sünden bis ins dritte und vierte Glied, und da Münster so tugendhaft ist und an Tugendhaftigkeit seinen Gott womöglich noch zu überbieten sucht, so erwartet es mit der Strafe nicht erst das dritte und vierte Glied, sondern fängt gleich beim ersten und bei den in flagranti ertappten Sündern selbst an und ernennt in einer seiner seltsamen Launen ? damit hoch niedrig werde und der Patrizier und Bürgermeister das Handwerk des Henkers auf sich nehme ? Knipperdolling zum Staatsscharfrichter und stattet ihn mit der Vollmacht aus, alle auf frischer Tat Ertappten ohne Gericht sofort zu köpfen: da also sieht man ihn, begleitet von vier Gewaltigen, mit geschultertem Schwert durch die Straßen ziehen und nach Opfern suchen.

An Opfern aber wird es ihm bestimmt nicht fehlen, da wir unsere Bürger nunmehr mit einer wahren Stichflamme von Gesetzen und Verordnungen beglücken. Denn die Ephoren und Ältesten, die wir im Februar wählten, die haben nunmehr den Codex veröffentlicht, nach dem der Bürger des Gottesstaates zu leben hat, und weit besser als aus den über die Mauer ins feindliche Lager geworfenen Traktätchen kann man aus ihm die wunderliche Welt erkennen, die man hier hinter den Stadtmauern sich geschaffen hat. Auf Gotteslästerung also steht Todesstrafe, und Todesstrafe demgemäß, da es sich ja um von Gott selbst berufene Beamte handelt, auf Kritik, die man an den Behörden übt. Den Kopf verliert, wer den Eltern nicht gehorcht, den Kopf verliert der ungehorsame Hausknecht und die maulende Köchin. Der Teufel holt den, der ?mit einem Trick? fischt, er holt ihn sogar, wenn er ein anderes als das in Münster übliche Gewand anlegt, und wer etwa bei der Erhebung der Lebensmittelvorräte eine Mandel Eier verschweigt, soll Knipperdollings Hand auf seiner Schulter fühlen. Das Schwert bedroht den Ehebrecher, das Schwert wartet auf alle, die nicht peinlich jene ein wenig heiklen hygienischen Gebote des Alten Testamentes über die Beziehungen der beiden Geschlechter befolgen, das Schwert trifft die alte Klatschbase und das Marktweib, das über die schlechten Zeiten mit der Nachbarin herumraunzt. Und fassungslos mag man fragen, wer nach Einführung dieses Straftarifes in Münster überhaupt noch am Leben blieb und die Tore wieder offen und den Frühling sah, ohne daß die Menschen sich selbst peinigten mit ihren Sorgen um einen Gott, der am Ende auch ohne solchen Strafkatalog auszukommen gewillt ist ...

?Wer sich nun mit diesen und ähnlichen, den heilsamen und gesunden Lehren Jesu Christi widrigen Sünden befleckt, der soll mit Bann und Schwert durch die von Gott gesetzte Obrigkeit aus dem Volke Gottes ausgerottet werden. Offenbarung XXII, Selig sind, die seine Gebote halten und zu den Toren eingehen in die Stadt, draußen aber sind die Hunde und die Zauberer und die Hurer und die Totschläger und die Abgöttischen und alle, die die Sünde lieben und tun.? Das steht unter der Verordnung. Denn Bibelsprüche und himmlische Visionen haben wir ja immer zur Hand, um unsere Maßnahmen zu begründen, wenn sie auch aus einer alten behäbigen Stadt das letzte Restchen an Lebensfreude und an unbefangenem Lachen austilgen ... steht etwas von Lachen und Lebensfreude in den eifernden und blutigen Schriften, die wir zum Staatsgrundgesetz gemacht haben?

So steht es mit Münster, als der ?große Mann mit dem schwarzen Bart? sein Prophet ist. Es rechte, wer da mag ... es rechte, wer da will, auch mit den Paroxysmen und den Greueln des Bauernkrieges just so, wie jemand mit den Phantasien eines Fieberkranken rechten mag.

Es hat doch der Himmel seine unabänderlichen Gewitter, es bebt, wenn es gerade so sein muß, selbst die festgegründete dauernde Erde ? sollen wir es da erwarten, daß die Völker ihre Schicksalswenden erleben ohne Fieberdelirien und Raserei?

Es ist just uns bestimmt worden, den Ablauf jenes ?Renaissance? genannten Prozesses zu sehen, der damals begann, es ist heute uns bestimmt, zurückzuschauen auf einen grandiosen Versuch der Menschen, ohne Götter leben zu wollen, und vier Jahrhunderte erfüllten sie mit Getöse, und jetzt erst sehen wir, wie die Nachdenklichsten unter uns sich abkehren von diesem Versuch und zurückkehren zu den frommen Geboten ihrer alten Erde.

Da es nun so ist und da in solchem Aspekt unsere Augen sich soweit geöffnet haben: müssen nicht gerade wir ermessen, wie furchtbar die Deutschen in Fieber rasen mußten, als sie vor vierhundert Jahren hervortraten aus ihren Wunderwäldern und es müde waren, Dome zu bauen, die keines Menschen Hand vollenden konnte?


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