Aus indischer Seele

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Mrinmaji

I

Apurbakrischna hatte sein Examen bestanden und kehrte von Kalkutta in sein heimatliches Dorf zurück.

Der Fluß war klein; in der regenlosen Zeit trocknete er fast ganz aus. Aber jetzt, nach dem Regen, war sein Wasser über die Ufer gestiegen und umspülte die Wurzeln der Hecken und Bambusgebüsche des Dorfes.

Wochenlang war der Himmel von dichten Regenwolken verhangen gewesen. Heute zum erstenmal strahlte die Sonne wieder vom wolkenlosen Himmel.

Und der Geist des Jünglings, der da auf dem Schiffe saß, glich dem jungen Flusse, dessen windgeschaukelte, überströmende Wasser im Sonnenlicht fröhlich glitzerten.

Das Schiff legte pünktlich an der Landungsbrücke an. Apurba konnte vom Fluß aus das helle Dach seines väterlichen Hauses hinter den Bäumen hervorlugen sehen. Man wußte zu Hause nichts von seinem Kommen, deshalb erwartete ihn niemand an der Landungsbrücke. Der Bootsmann wollte seinen Koffer nehmen, doch Apurba griff selbst nach seinem Gepäck und sprang in freudiger Hast ans Ufer.

Allein das Ufer war glitschig, und kaum hatte er den Fuß aufs Land gesetzt, so glitt er aus und fiel mit seinem Koffer in den Schlamm. Und wie er hinfiel, ertönte irgendwo ganz in der Nähe ein helles, liebliches Lachen, so daß die Vögel erschreckt von dem Aschokabaum neben ihm aufflogen.

Apurba schämte sich sehr; er raffte sich schnell auf und sah sich um. Da erblickte er auf einem Haufen von Ziegelsteinen, die ein Frachtschiff am Ufer abgeladen hatte, ein Mädchen. Sie saß da und lachte in übermütigem Spott.

Apurba erkannte sie. Es war Mrinmaji, die Tochter der zugezogenen Nachbarsfamilie. Die Leute hatten ihre Heimat weiter unten am Fluß; vor zwei Jahren hatten sie bei einer Überschwemmung ihr Heim verlassen und waren hierher ins Dorf gekommen.

Von diesem Mädchen wurde manche skandalöse Geschichte erzählt. Die Männer im Dorfe nannten sie mit sichtlichem Wohlgefallen ein tolles Ding, aber die Frauen waren entsetzt über ihr freies und zuchtloses Benehmen. Sie trieb sich den ganzen Tag mit den Kindern des Dorfes herum, während sie sich um ihre Altersgenossinnen gar nicht kümmerte oder sie mit Geringschätzung behandelte.

Vielleicht war sie so eigenwillig, weil sie der Liebling ihres Vaters und von ihm sehr verzogen war. Die Mutter selbst klagte darüber bei ihren Freunden und Nachbarn, aber da sie wußte, daß jede Träne des Mädchens dem Herzen des Vaters weh tat, konnte auch sie das Kind nicht weinen sehen.

Mrinmaji war von dunkler Hautfarbe. Das Haar fiel ihr in krausen Locken in den Nacken. In den großen dunklen Augen ihres knabenhaften Antlitzes war nichts von Scheu oder Verschämtheit, aber auch keine Spur von Koketterie. Sie war groß und schlank gewachsen, ihr Körper war voll erblüht, gesund und kräftig. Aber es fiel niemand ein, nach ihrem Alter zu fragen; sonst hätten die Leute die Eltern getadelt, daß sie noch unverheiratet war.

Wenn fremde Handelsschiffe an der Landungsbrücke des Dorfes anlegten und die Dorfbewohner aufgeregt an den Fluß eilten, wenn die Mädchen am Flusse schnell ihr Antlitz bis zur Nasenspitze züchtiglich verhüllten, kam Mrinmaji mit flatternden Locken, irgendein nacktes Kind auf dem Arm, plötzlich angelaufen. Furchtlos wie ein junges Reh, das noch nichts von Jäger und Gefahr weiß, stand sie da und schaute neugierig zu, bis sie schließlich zu ihren Spielgefährten zurücklief, um ihnen eine lebhafte und ausführliche Schilderung von den fremden Leuten und allem, was sie taten und mit sich führten, zu geben.

Unser Freund Apurba hatte das Mädchen schon mehrmals, wenn er in den Ferien zu Hause war, gesehen und gelegentlich ? oder auch ungelegentlich ? an sie gedacht. Wir sehen in der Welt viele Gesichter, aber ohne daß wir sagen können warum, prägt sich plötzlich eins unserm Geiste ein. Der Vorzug, der dies bewirkt, ist nicht nur seine Schönheit, es ist noch etwas anderes: es ist die geheimnisvolle Welt des Innern, die sich so selten in einem Menschenantlitz ganz rein und ungehemmt ausdrückt. Wo sie dies tut, da fällt uns dies Antlitz unter tausenden auf und läßt uns nicht los. Aus Mrinmajis Antlitz und Augen sprach eine ganz echte und unverdorbene Frauennatur, eigenwillig und ungezähmt wie das Wild des Waldes. Daher konnte Apurba das Mädchen, als er es einmal gesehen hatte, nicht wieder vergessen.

Ich brauche dem Leser wohl nicht erst zu sagen, daß Mrinmajis übermütiges Lachen, so lieblich es auch klingen mochte, dem unglücklichen Apurba höchst peinlich war. Er gab schnell dem Bootsmann seinen Koffer und eilte mit rotem Kopf heimwärts. Es war vorher alles so schön gewesen ? das Flußufer, der Schatten der Bäume, der Gesang der Vögel, seine zwanzig Jahre! Und wenn auch der Ziegelhaufen sonst nichts Besonderes an sich hatte, so hatte doch das Wesen, das auf ihm saß, über diesen rauhen, harten Sitz einen Glanz von Schönheit gebreitet. Ach, daß er schon bei seinem ersten Auftritt in dieser Szene der Lächerlichkeit anheimfallen mußte! Hätte das Schicksal sich etwas Peinlicheres und Grausameres für ihn ausdenken können?

 

II

Mit beschmutzten Kleidern ging Apurba im Schatten der Bäume seinem Hause zu, während ihn vom Ziegelhaufen her das übermütige Lachen verfolgte.

Die Mutter, Rama Ray, die als Witwe allein mit den Dienstboten im Hause lebte, war aufs höchste erfreut über die unerwartete Ankunft ihres Sohnes. Es ging sofort an ein eifriges Zurüsten für ein festliches Mahl; die Leute mußten laufen, um frische Milch, Sahne, Fisch usw. herbeizuschaffen, und die ganze Nachbarschaft nahm an der Freude und Aufregung teil.

Nach dem Essen fing Rama an, von der Heirat zu sprechen, die sie für ihren Sohn plante. Apurba war darauf gefaßt, denn der Plan war alt. Aber der Sohn hatte als Antwort auf das alte Lied der Mutter auch wieder seinen alten Kehrreim: erst müsse er sein Studium beenden, vorher könne er nicht an Heiraten denken. Bis jetzt halte Rama sich damit abweisen lassen, aber heute wollte sie von keinem Aufschub mehr hören. Am Ende sagte Apurba: »Erst muß man die Braut sehen, danach können wir dann die Sache beschließen.« ? »Die Braut habe ich gesehen«, sagte Rama, »darum brauchst du dich nicht zu kümmern.« ? Doch Apurba war sehr geneigt, sich darum zu kümmern. Er sagte: »Ich kann das Mädchen nicht heiraten, wenn ich sie nicht vorher gesehen habe.« Die Mutter fand das eigentlich ungehörig, aber sie erklärte sich einverstanden.

Als Apurba am Abend seine Lampe gelöscht hatte und zu Bett gegangen war, kam von jenseits aller Geräusche der Regennacht, aus einer fernen Stille, ein übermütiges, helles, liebliches Lachen an sein einsames, schlafloses Lager und klang ihm ununterbrochen im Ohr. Und unaufhörlich verfolgte und quälte ihn der eine Gedanke, wie er das Ausgleiten von heute morgen wieder wettmachen könne. Könnte er dem Mädchen doch begreiflich machen, daß er ungeheuer viel gelernt hatte, daß er lange in Kalkutta studiert hatte, daß er in einer Monatsschrift mit Namen »Leuchte des Alls« Bücher rezensierte und daß in seinem Koffer unter Essenzen, Lackschuhen und buntem Briefpapier ein ganz vollgeschriebenes, dickes Heft wie die im Schoße der Nacht ruhende Morgenröte auf sein Ans-Licht-Kommen wartete! Wenn er auch durch einen bösen Zufall in den Schlamm geglitten war, so war er doch darum kein tölpelhafter Dorfjunge, über den man geringschätzig lachen durfte!

Am folgenden Tage machte Apurba sich fertig, um die ihm bestimmte Braut zu besuchen. Es war nicht weit; sie wohnte im selben Dorfbezirk. Er kleidete sich mit besonderer Sorgfalt an. Schulter- und Lendentuch verschmähend, legte er einen seidenen Tschapan an, setzte einen Turban auf, zog ein Paar neue Lackschuhe an die Füße und machte sich, einen seidenen Schirm in der Hand, frühmorgens auf den Weg.

Im Hause des voraussichtlichen Schwiegervaters verursachte sein Erscheinen große Freude und Aufregung. Er wurde vom Hausherrn aufs höflichste empfangen, während drinnen die Frauen das Mädchen, besten Herz vor Angst zitterte, eifrig abrieben, um ihrer Haut die richtige Röte und Frische zu geben. Darauf wurde sie mit aller Kunst frisiert und geschmückt, in einen leuchtenden Sari Ein großes Tuch, das als Obergewand um den ganzen Körper drapiert wird. gehüllt und endlich dem Bräutigam vorgeführt. Schweigend saß sie dann in einer Ecke, den Kopf fast bis auf die Knie gesenkt, während eine ältere Magd sich hinter ihr aufstellte, um ihr Mut zu machen. Ihr kleiner Bruder war auch da und starrte unentwegt diesen neuen Menschen an, der in seine Familie eindringen wollte; er musterte mit großer Aufmerksamkeit seinen Turban, seine Uhrkette und seinen jungen Schnurrbart. Apurba strich sich eine Weile schweigend diesen neugewachsenen Schmuck, schließlich fragte er das Mädchen ernst: »Was lernst du in der Schule?« Aber von dem verhüllten Bündel Scheu und Verlegenheit, das da in der Ecke hockte, kam keine Antwort. Nachdem er seine Frage ein paarmal wiederholt und die Magd dem Mädchen von hinten verschiedene ermutigende Rippenstöße versetzt hatte, antwortete sie leise und monoton, als hätte sie es auswendig gelernt: »Lesen, Grammatik, Erdkunde, Arithmetik, indische Geschichte.« Jetzt hörte man draußen schnelle Schritte, und im selben Augenblick kam Mrinmaji mit wirrem Haar ins Zimmer gestürmt. Ohne Apurba eines Blickes zu würdigen, ergriff sie die Hand des kleinen Bruders Rakhal und wollte ihn mit sich ziehen. Rakhal aber war noch lange nicht mit seinen Beobachtungen fertig und hatte keine Lust, sie abzubrechen. Die Magd, obwohl sie sich immer noch bemühte, sich zurückzuhalten und leise zu sprechen, fing an, Mrinmaji mit scharfer Stimme zu schelten. Apurba nahm seine ganze Würde zusammen, hielt den turbanbedeckten Kopf hoch und spielte nachlässig mit seiner Uhrkette. Endlich, als Mrinmaji ihren Spielgefährten durchaus nicht bewegen konnte, mitzukommen, gab sie ihm einen gehörigen Klaps auf den Rücken, zog geschwind der Braut den Sari hinten vom Kopfe herab und war wie der Wind zum Zimmer hinaus. Die Magd brummte wütend, während Rakhal über den Streich, den Mrinmaji seiner Schwester gespielt hatte, belustigt lachte. Den Schlag auf den Rücken, den er selbst bekommen hatte, nahm er nicht weiter übel, an dergleichen war man beim Spiel gewöhnt. Ja, einmal, als Mrinmajis Haarknoten sich wieder gelöst hatte und die Locken auf den Rücken herabfielen, war Rakhal plötzlich von hinten mit einer Schere gekommen und hatte angefangen, sie abzuschneiden. Mrinmaji hatte ihm wütend die Schere entrissen und schwipp schwapp den Rest ihrer Haare und dann seine eigenen mitleidslos weggeschnitten, so daß die lockigen Haarbüschel wie dunkle Trauben auf den Boden fielen. Derlei Bestrafungen waren zwischen den beiden üblich.

Die schweigende Gesellschaft drinnen blieb nicht mehr lange zusammen. Das Bündel in der Ecke richtete sich schließlich auf und ging mit der Magd hinaus. Apurba strich sich noch eine Weile nachdenklich den spärlichen Schnurrbart, dann schickte er sich an fortzugehen. Aber als er an die Tür kam, sah er, daß seine neuen Lackschuhe nicht mehr dastanden, und soviel er auch suchte, er konnte sie nirgends entdecken.

Die Leute im Hause gerieten alle in große Aufregung, und ein Hagel von Schelten und Schimpfen erhob sich gegen den Schuldigen. Da alles Suchen sich als vergeblich erwies, mußte Apurba schließlich ein Paar alte Schuhe des Hausherrn anziehen und begab sich mit seinem seidenen Tschapan und Turban hinaus auf die schlammige Dorfstraße, die er mit größter Vorsicht entlang zu schreiten begann.

Als er dann an den einsamen Pfad kam, der am Teich hinführte, hörte er plötzlich wieder jenes helle, übermütige Lachen, als ob eine neckische Waldgottheit, durch das Dickicht spähend, die absonderliche Fußbekleidung Apurbas bemerkt hätte und sich darüber totlachen wollte. Apurba stand erschrocken und verwirrt still und sah sich zögernd um. Da trat die Schuldige ganz frech aus dem Gebüsch hervor, warf ihm seine neuen Schuhe hin und wollte entfliehen. Aber Apurba ergriff schnell ihre Hände und hielt sie fest.

Mrinmaji wand sich und versuchte, ihre Hände zu lösen und davonzukommen, aber es gelang ihr nicht. Durch die Zweige fielen die Sonnenstrahlen auf ihr von krausen Locken umrahmtes hübsches Schelmengesicht. Wie ein Wanderer sich neugierig über den sonnenbeglänzten, klaren Fluß beugt, um ihm auf den Grund zu schauen, so blickte Apurba wie gebannt in Mrinmajis Antlitz und in ihre blitzenden Augen. Langsam lösten sich seine Hände von den ihren, und er gab seine Gefangene frei. Hätte Apurba sie im Zorn geschlagen, so würde sie sich darüber gar nicht gewundert haben, aber was diese merkwürdige stumme Strafe bedeuten sollte, konnte sie absolut nicht verstehen.

 

III

Apurba wußte es den ganzen Tag so einzurichten, daß er seiner Mutter nicht begegnete. Er war zum Essen eingeladen und kam erst spät nach Hause. Als er dann gegen Abend zu Rama ins Zimmer trat, fragte diese: »Nun, Apurba, hast du das Mädchen gesehen? Wie gefällt sie dir? Hast du deine Wahl getroffen?«

Apurba antwortete etwas verlegen: »Ja, Mutter, ich habe die Mädchen gesehen, und ich habe meine Wahl getroffen.«

»Was für ein Mädchen hast du denn sonst noch gesehen?« fragte Rama erstaunt.

Und nun erfuhr sie, daß die Wahl ihres Sohnes auf Mrinmaji gefallen war! Eine solche Wahl, nachdem er soviel gelernt hatte!

Zuerst war Apurba sehr verlegen, aber als Rama nun anfing, heftige Einwände zu machen, war es mit seiner Verlegenheit aus. Er erklärte zornig, er würde keine andere heiraten als Mrinmaji. Wenn er sich nur vorstellte, daß er so eine leblose Puppe heiraten sollte wie die andere, so ergriffe ihn ein Ekel vor dem Heiraten überhaupt.

Nachdem Mutter und Sohn ein paar Tage lang mit tiefgekränktem Gesicht umhergegangen waren und weder essen noch schlafen konnten, trug Apurba den Sieg davon. Rama sagte sich, daß Mrinmaji ja noch ein Kind sei und ihre Mutter es nicht verstanden habe, sie zu erziehen; wenn sie nach der Hochzeit in ihre Hände käme, würde sie sie schon ganz umwandeln. Und sie fand auch, daß Mrinmaji eigentlich ein hübsches Mädchen sei. Zwar, wenn sie an ihre kurzgeschnittenen Haare dachte, wollte ihr Herz verzweifeln. Aber sie hoffte, daß, wenn sie die Haare fest zusammenbinden und tüchtig Öl hineintun würde, auch dieser Schaden mit der Zeit zu beheben sei.

Alle Leute im Dorfe erklärten Apurba für toll, als sie von der Wahl hörten. Manche hatten zwar das wilde Mädchen gern, aber sie deswegen als Schwiegertochter ins Haus zu nehmen, nein, das wäre niemandem eingefallen!

Mrinmajis Vater Ischan Mazumdar wurde benachrichtigt. Er hatte eine Art Schreiberposten bei einer Schiffahrtsgesellschaft und wohnte weiter unten am Flusse in einem kleinen, mit Zink gedeckten Schuppen, wo er die Verladung der Waren und den Fahrkartenverkauf zu besorgen hatte.

Als er den Heiratsantrag für seine Tochter erhielt, schossen ihm die Tränen in die Augen. Ob aus Freude oder Schmerz oder beidem, das hätte er selbst wohl nicht sagen können.

Er schrieb an den Direktor der Gesellschaft und bat um Urlaub, um bei der Hochzeit seiner Tochter zugegen sein zu können. Aber der Direktor fand den Anlaß zu unwichtig und schlug den Urlaub ab. Darauf schrieb Ischan an die Seinen, man möge die Hochzeit bis zum Pudschafest Das größte Fest in Bengalen, Anfang Oktober, zu Ehren der Göttin Kali. verschieben, da ihm dann eine Woche Urlaub zustände. Allein Rama erklärte, man dürfe nicht warten, da der für die Hochzeit günstigste Tag Nach dem bengalischen Kalender. gerade in diesen Monat falle.

Nachdem Ischan auf beiden Seiten abschlägig beschieden war, ergab er sich traurigen Herzens in sein Schicksal und fuhr fort, Waren abzuwägen und Fahrkarten zu verkaufen.

Indessen bemühte sich Mrinmajis Mutter und mit ihr alle älteren Frauen des Dorfes, das Mädchen über ihre künftigen Pflichten zu belehren. Tag und Nacht plagten sie sie damit. Ihr Hang zum Spielen, ihr schnelles Laufen, ihr lautes Lachen, ihr ungezwungener Verkehr mit den Knaben, ihr ungeniertes Sichsattessen, alles wurde einer strengen Kritik unterzogen, so daß die guten Frauen am Ende den Erfolg hatten, ihr die Heirat als etwas Fürchterliches erscheinen zu lassen. Sie hatte das Gefühl, als ob ihr junges Leben zu Kerker und Galgen verurteilt sei.

Und wie ein widerspenstiges Füllen krümmte sie den Nacken, bäumte sich und sagte: »Ich heirate nicht!«

 

IV

Aber das half nichts, sie mußte heiraten. Darauf wurde sie in eine andere Schule genommen. Ihre ganze frühere Welt mußte sie draußen lassen, als sie eines Tages in das Zenana ihrer Schwiegermutter eintrat.

Rama begann sofort ihr Besserungswerk. Mit strengem Gesicht sagte sie: »Nun höre einmal, mein Töchterchen, du bist jetzt kein unreifes Kind mehr; in unserm Hause hast du dich anständig zu benehmen. Deine frühere Art paßt nicht hierher.«

Aber das war nicht der richtige Ton, um auf Mrinmaji zu wirken. Sie dachte bei sich: Nun, wenn meine Art nicht hierher paßt, so paßt sie anderswohin! Am Nachmittage ließ sie sich nicht mehr blicken. Man fing an, nach ihr zu suchen. Schließlich zog man sie aus ihrem heimlichen Versteck hervor. Sie saß unter einem Feigenbaum, hinter dem Gerümpel von Radhankanta Thakurs zerbrochenem Wagen. Wie die Schwiegermutter, dir Mutter und sämtliche wohlmeinenden Leute des Dorfes ihr Vorwürfe machten, das mag der phantasievolle Leser sich selbst ausmalen.

In der Nacht überzog sich der Himmel mit dichten Wolken, und mit lautem Geprassel setzte der Regen ein. Apurba rückte im Bett sachte ein wenig auf Mrinmajis Seite und flüsterte ihr zu: »Mrinmaji, liebst du mich nicht?«

»Nein«, erwiderte sie prompt, »ich werde dich niemals lieben!« Alles, was sich an Zorn und Rachedurst in ihr angesammelt hatte, schleuderte sie gleichsam wie einen Donnerkeil auf Apurbas Haupt.

»Warum? Was habe ich dir denn zuleide getan?« fragte Apurba betrübt.

»Du hast mich geheiratet!« erwiderte Mrinmaji.

Es war schwer, sich dieser Anklage gegenüber zu rechtfertigen. Allein Apurba liest sich noch nicht entmutigen. Er sagte sich, daß es ihm irgendwie schon gelingen werde, dies widerspenstige Herz zu bezwingen.

Am nächsten Tage, als Rama bemerkte, in welcher rebellischen Verfassung ihre Schwiegertochter war, schloß sie sie in ihrem Zimmer ein. Zuerst gebärdete Mrinmaji sich wie ein Waldvogel, den man plötzlich in einen Käfig sperrt und der lange ungestüm umherflattert. Als sie endlich sah, daß sich keine Gelegenheit zur Flucht bot, warf sie sich aufs Bett und begann in ohnmächtigem Zorn das Bettuch mit den Zähnen zu zerreißen. Dann warf sie sich bäuchlings auf den Fußboden und rief, unaufhörlich schluchzend, nach ihrem Vater.

Da trat jemand leise ins Zimmer und kniete bei ihr nieder. Liebevoll wollte er ihr das wirre Haar aus der Stirn streichen. Aber Mrinmaji zog heftig den Kopf zurück und stieß seine Hand weg. Apurba flüsterte ihr leise ins Ohr: »Ich habe heimlich die Tür aufgeschlossen. Komm, wir schleichen uns durch die Hintertür in den Garten!« Mrinmaji schüttelte heftig den Kopf. »Nein!« stieß sie unter Schluchzen hervor. Apurba faßte sie am Kinn und versuchte, ihr Gesicht zu heben. »Sieh doch einmal, wer da steht«, sagte er. An der Tür stand Rakhal und sah die am Boden liegende Spielgefährtin ganz fassungslos an. Aber Mrinmaji sah nicht auf; heftig stieß sie Apurbas Hand zurück. Apurba sagte: »Rakhal wollte dich zum Spielen abholen, gehst du mit?« ? »Nein!« rief sie zornig. Als Rakhal sah, daß er so ungelegen gekommen war, machte er sich zögernd wieder davon. Apurba blieb schweigend neben Mrinmaji sitzen. Schließlich schlief diese, vom Weinen erschöpft, ein. Da erhob er sich leise, ging auf den Zehen hinaus und schloß die Tür wieder ab.

Am folgenden Tag erhielt Mrinmaji einen Brief von ihrem Vater. Er sagte ihr, daß er zu seinem Schmerze nicht zur Hochzeit seiner geliebten Minu hätte kommen können und daß er dem jungen Paar aus tiefstem Herzen seinen Segen schicke.

Mrinmaji ging zu ihrer Schwiegermutter und sagte: »Ich gehe zu meinem Vater.« Rama war entrüstet. »Was für ein Einfall ist das nun wieder!« schalt sie. »Zu deinem Vater willst du reisen! Ohne überhaupt zu wissen, wie du dahinkommst! Bist du denn ganz verrückt?« Mrinmaji antwortete nichts und ging hinaus. Sie schloß sich in ihrem Zimmer ein, und wie ein verzweifelter Mensch die Gottheit anfleht, so rief sie zu ihrem Vater: »Vater, hole mich von hier fort! Hier habe ich niemanden! Ich werde sterben, wenn ich hier bleibe!«

Als es Nacht war und Apurba fest schlief, stand sie leise auf und schlich sich hinaus aus dem Hause. Am Himmel zogen zwar noch Wolken, aber es brach genug Mondlicht hindurch, um den Weg zu erhellen. Mrinmaji hatte keine Ahnung, welche Straße nach dem Orte führte, wo ihr Vater wohnte. Aber sie hatte die bestimmte Vorstellung, daß sie nicht fehlgehen könne, wenn sie den Weg einschlüge, auf dem der Briefbote immer gegangen kam. So trabte sie denn tapfer darauflos. Aber als die Nacht sich ihrem Ende neigte, spürte sie doch eine große Müdigkeit in allen Gliedern. In den Bäumen an der Straße fingen bei dem um diese Stunde ungewohnten Geräusch ihrer Schritte ein paar Vögel leise und zaghaft an zu zwitschern. Sie hielt zögernd an und überlegte, wie spät es wohl sein mochte. Da sah sie vom Ende der Straße her den Fluß schimmern. Schnell schritt sie weiter und gelangte an einen großen Marktplatz. Wieder stand sie unschlüssig still, denn sie wußte nicht, nach welcher Seite sie abbiegen mußte. Da hörte sie bekannte stapfende Fußtritte. Es war der Postbote, der mit dem Briefsack auf der Schulter schweren Schrittes daherkam. Mrinmaji ging auf ihn zu und sagte in müdem, klagendem Ton: »Ich will nach Kuschigan zu meinem Vater, kannst du mich nicht mitnehmen?« ? »Kuschigan? Ich weiß gar nicht, wo das ist«, antwortete der Mann. Darauf stieg er ins Postboot, weckte den Bootsmann, und schon fuhr das Boot ab. Man hatte keine Zeit für mitleidige Fragen.

Allmählich wurde es auf dem Marktplatz und auf der Brücke lebendig. Mrinmaji stieg die Landungsstufen hinab und rief einem Bootsmann zu: »Bootsmann, kannst du mich wohl nach Kuschigan fahren?« Bevor der Bootsmann ihr antworten konnte, rief ein Mann von einem andern Boot herüber: »Wer ist denn das? Mütterchen Minu, wie kommst du hierher?« Mrinmaji erwiderte eifrig: »Ach, Banamali, ich will zu meinem Vater nach Kuschigan, bringe mich mit deinem Boot hin!« Banamali war ein Bootsmann aus dem Dorfe. Er hatte mit Erstaunen das Mädchen erkannt und sagte nun: »Zu deinem Vater willst du? Nun gut, komm, ich bringe dich hin.« Mrinmaji stieg ein.

Das Boot fuhr ab. Der Himmel hatte sich wieder dicht bewölkt, und es fing an zu regnen. Das kleine Boot schaukelte auf dem in der Regenzeit angeschwollenen Fluß auf und ab; Mrinmaji fühlte sich von Müdigkeit überwältigt; sie zog sich den Sari über Gesicht und Füße und legte sich im Boot nieder, und von Mutter Natur sanft und liebevoll gewiegt, schlief sie bald den sorglosen Schlummer eines Kindes.

Als sie erwachte, befand sie sich im Bett, im Hause ihrer Schwiegermutter. Die Magd stand neben ihr, und sobald sie sah, daß Mrinmaji sich rührte, rief sie: »Sie ist wach!« Sogleich kam Rama herein und fing an, ihr bittere Vorwürfe zu machen. Mrinmaji sagte nichts, sie sah die Schwiegermutter nur mit weitgeöffneten Augen an. Als diese aber anfing, auf die schlechte Erziehung ihres Vaters zu schelten, sprang Mrinmaji auf und eilte ins Nebenzimmer, das sie von innen verriegelte.

Apurba fühlte sich durch dies alles aufs tiefste gedemütigt, aber er bezwang seine Scham und sagte zu Rama: »Mutter, könntest du sie denn nicht auf ein paar Tage zu ihrem Vater reisen lassen?«

»Nie und nimmer!« erklärte Rama, und darauf fing sie an, ihn mit Vorwürfen zu überhäufen, daß er, der unter so vielen Mädchen der Gegend die Wahl gehabt hatte, ihr eine solche Wildkatze ins Haus gebracht.

 

V

Den ganzen Tag stürmte und regnete es draußen, und im Hause herrschte ein Unwetter anderer Art.

So verging auch der folgende Tag. In der Nacht darauf weckte Apurba Mrinmaji leise und sagte: »Mrinmaji, wollen wir zu deinem Vater fahren?«

Mrinmaji ergriff heftig seine Hand. »Ja, laß uns fort!« flüsterte sie.

»Komm denn«, sagte Apurba, »wir müssen schnell machen. Ich habe ein Boot an der Landungsstelle bereit.«

Mrinmaji sah ihn einen Augenblick dankbar an. Dann sprang sie auf, kleidete sich eilig an und war im Nu bereit. Apurba ließ einen Brief zurück, damit die Mutter sich nicht ängstigen sollte, und dann schlichen sie hinaus.

Als sie in der dunklen Nacht die stille, menschenleere Dorfstraße entlang gingen, faßte Mrinmaji zum erstenmal freiwillig und vertrauensvoll die Hand ihres Gatten. Die freudige Erregung ihres Herzens strömte bei der weichen Berührung gleichsam in seine Adern über und ließ sein Blut tanzen.

Das Boot fuhr ab. Trotz ihrer Erregtheit schlief Mrinmaji bald ein. Als sie am Morgen erwachte, welch ein Gefühl der Befreiung und Freude! Und all das Neue, das sich ihren Augen bot! Die Dörfer zu beiden Seiten, die Märkte, die Reisfelder, die Wälder! Und dann all die Schiffe, die an ihnen vorüberfuhren! Mrinmaji stellte tausend Fragen, jede Kleinigkeit wollte sie wissen: was für ein Schiff das eben war, woher jenes wohl kam, wie dieser Ort hieß ? alles Fragen, für deren Beantwortung Apurba seine Buchgelehrsamkeit nicht verwenden konnte. Seine Kalkuttaer Freunde wären gewiß sehr verlegen gewesen, wenn sie alles hätten beantworten sollen, aber er gab auf jede Frage Antwort, wenn auch das meiste nicht ganz mit der Wahrheit übereinstimmte. Z. B. bezeichnete er ganz kühn die Sesamsäcke aus einem Schiff als Leinsamensäcke, den Ort Pandschbere als Raynagar und ein Amtsgericht als Gutsverwaltungsgebäude. Aber die vertrauensvolle Fragerin war mit diesen zweifelhaften Auskünften durchaus zufrieden.

Am folgenden Tage langte das Boot gegen Abend in Kuschigan an. In seinem kleinen Schuppen, der von einer trüben Öllaterne spärlich erleuchtet war, saß Ischan an seinem Pult und machte Eintragungen in ein großes, in Leder gebundenes Rechnungsbuch. Da trat plötzlich das junge Paar ein. »Vater!« rief Mrinmaji. Diesen Laut hatte dieser Raum noch nie gehört.

Ischan stürzten die Tränen aus den Augen. Er war so überwältigt, daß er nicht wußte, was er sagen oder tun sollte. Sein Schwiegersohn und seine Tochter erschienen ihm wie Prinz und Prinzessin; wie er ihnen zwischen allen diesen Juteballen einen würdigen Thron herrichten sollte, dafür wollte seinem verwirrten alten Kopf gar keine Idee kommen.

Und dann das Essen ? das war erst eine Sorge! Als armer Schreiber pflegte er sich selbst nur irgendwie etwas Reis zuzurichten ? wie sollte er nur heute, an einem solchen Freudentage, eine passende Mahlzeit schaffen? Aber Mrinmaji sagte: »Weißt du, Vater, jetzt kochen wir alle zusammen.« Und Apurba stimmte freudig zu.

Der Raum war eng und dürftig, aber wie aus dunkler Enge der Brunnen um so fröhlicher emporsprudelt, so begann hier aus der Armut selbst ein Strom von Freude sich zu ergießen.

So vergingen drei Tage. Zweimal täglich legte das Dampfschiff regelmäßig an. Welch ein Getriebe, welch eine bunte Menschheit! Und am Abend, wenn das Flußufer in vollkommenem Schweigen dalag, wie man dann die ungehemmte Freiheit genoß! Dann machten die drei sich zusammen ans Kochen, und wieviel Spaß hatten sie bei ihren eifrigen Zurüstungen ? wenn eins von ihnen etwas verkehrt machte, oder wenn sie über einer Sache die andere vergessen hatten! Darauf setzten Schwiegervater und Schwiegersohn sich zum Essen In Indien essen die Männer zuerst., und während Mrinmaji mit liebevollen Händen und leise klirrenden Armbändern die Speisen auftrug, neckten die beiden sie mit tausend kleinen kritischen Bemerkungen, um ihr fröhliches Lachen oder ihr gespieltes Gekränktsein hervorzurufen.

Aber schließlich sagte Apurba, daß sie nicht länger bleiben könnten. Mrinmaji bat ihn inständig, noch ein paar Tage zuzugeben, doch Ischan selbst erklärte, daß es nicht anginge.

Beim Abschied zog der Vater die Tochter an seine Brust, legte seine Hand auf ihr Haupt und sagte mit erstickter Stimme: »Nun geh zu deiner Schwiegermutter, mein Kind, und werde das Licht und die Lakschmi ihres Hauses! Niemand soll sich über meine Minu beklagen können!«

Weinend brach Mrinmaji mit ihrem Gatten auf. Und Ischan kehrte in seine nun zwiefach freudlose Hütte zurück, um Tag für Tag, Monat für Monat Waren abzuwägen und Eintragungen in das große lederne Buch zu machen.

 

VI

Als das Sünderpaar wieder zu Hause ankam, empfing Rama sie mit strenger Miene, sagte aber kein Wort. Dadurch, daß sie ihnen keine Vorwürfe machte, nahm sie ihnen die Gelegenheit, ihr Vorgehen zu rechtfertigen. Diese schweigende Anklage, dieser stumme Groll lag unaufhörlich wie ein Alp auf dem ganzen Hause.

Schließlich wurde es Apurba unerträglich. Er ging zu seiner Mutter und sagte: »Mutter, die Ferien sind zu Ende, ich muß jetzt wieder nach Kalkutta.«

Rama sagte gleichgültig: »Und deine Frau?«

»Meine Frau bleibt hier.«

»Nein, mein Junge, das geht nicht; die mußt du mitnehmen.«

Apurba war tief verletzt. Aber er sagte nur leise: »Gut.«

Die Vorbereitungen wurden getroffen. Als Apurba sich am Abend vor der Abreise schlafen legen wollte, sah er, daß Mrinmaji weinte.

Es ging ihm wie ein Stich durchs Herz. Traurig fragte er: »Mrinmaji, gehst du nicht gern mit mir nach Kalkutta?«

»Nein«, erwiderte sie.

»Hast du mich denn nicht lieb?«

Auf diese Frage erhielt er keine Antwort. Früher wäre ihr die Antwort leicht gewesen, aber jetzt war sie sich über den Zustand ihres Herzens nicht mehr so ganz klar.

»Wird es dir schwer, von Rakhal fortzugehen?« fragte Apurba.

»Ja«, erwiderte sie leichthin.

Obwohl unser gelehrter Jüngling von der Höhe seiner Weisheit sehr auf den Knaben Rakhal herabsah, konnte er sich doch einer quälenden Eifersucht nicht erwehren. Aber er sagte gelassen: »Ich werde wohl lange nicht nach Hause kommen können.«

Mrinmaji sagte nichts auf diese Ankündigung.

»Es kann vielleicht zwei Jahre oder länger dauern.«

»Wenn du wiederkommst, bring mir doch ein Messer mit drei Klingen für Rakhal mit!«

Apurba richtete sich im Bett auf. »Du willst also hierbleiben?« fragte er.

»Ja, ich werde zu meiner Mutter gehen.«

Apurba seufzte. »Gut«, sagte er, »meinetwegen. Solange du mir nicht schreibst, daß ich kommen soll, werde ich fortbleiben. Ist dirs so recht?«

Mrinmaji hielt es für überflüssig, diese Frage zu beantworten. Sie schlief bald ein, aber Apurba konnte keinen Schlaf finden. Er schob das Kissen hoch und blieb halb aufgerichtet im Bett sitzen.

Der Mond war inzwischen aufgegangen, und sein Licht fiel auf Mrinmajis schlummerndes Antlitz. Apurba sah sie unverwandt an. Wie sie dalag, erschien sie ihm wie die Prinzessin im Märchen, die durch die Berührung mit dem silbernen Zauberstabe in Schlaf versenkt war. Wenn er doch den goldenen Zauberstab fände, um ihre schlummernde Seele zu wecken und den Blumenkranz mit ihr zu tauschen! Der silberne Zauberstab war Lachen, der goldene Tränen.

Früh am Morgen weckte er sie und sagte: »Mrinmaji, ich muß nun fort. Komm, daß ich dich zu deiner Mutter bringe.«

Mrinmaji stand auf. Apurba faßte ihre beiden Hände und sagte: »Jetzt habe ich eine Bitte an dich. Ich habe dir so oft beigestanden, willst du mir nun zum Abschied eine Belohnung geben?«

»Was für eine?« fragte Mrinmaji erstaunt.

»Gib mir einen Kuß!«

Als Mrinmaji diese merkwürdige Bitte hörte und dabei Apurbas ernstes Gesicht sah, mußte sie lachen. Sie bezwang sich jedoch, neigte ihr Gesicht vor und schickte sich an, ihn zu küssen. Aber als sie ihm ganz nahe war, konnte sie sich nicht mehr halten und fing an zu lachen. Zweimal machte sie einen Versuch, doch schließlich gab sie es auf, schlug den Sari vors Gesicht und brach in ein sprudelndes Gelächter aus. Apurba faßte sie strafend am Ohrzipfel.

Er war in einer schwierigen Lage. Er hätte sich ja einfach den Kuß rauben können, doch das wollte er nicht. Gleich einer stolzen Gottheit wartete er auf ein freiwilliges Opfer; er wollte nicht selbst die Hand danach ausstrecken.

Mrinmaji lachte nicht mehr. Apurba führte sie im Dämmerlicht auf der einsamen Straße zum Hause ihrer Mutter. Als er wieder zurückkam, sagte er zu Rama: »Mutter, ich habe mir überlegt, daß meine Frau mich in Kalkutta bei meiner Arbeit stören würde. Freundinnen hat sie dort auch nicht. Da du sie nicht hier bei dir behalten willst, habe ich sie zu ihrer Mutter gebracht.«

Mutter und Sohn schieden in stummem Groll.

 

VII

Mrinmaji fühlte sich im Hause ihrer Mutter sehr unbehaglich. Das Haus schien ihr ganz verwandelt. Die Zeit wollte gar nicht hingehen. Sie wußte nicht recht, was sie eigentlich tun sollte, wohin sie gehen, wen sie besuchen sollte.

Sie hatte plötzlich das Gefühl, daß sie weder im Hause noch im ganzen Dorfe irgendeinen Menschen hätte. Es war wie eine Sonnenfinsternis am hellen Mittage. Sie konnte gar nicht begreifen, wie sie heute dies brennende Verlangen hatte, nach Kalkutta zu reisen, von dem sie noch gestern abend nichts gespürt hatte! Gestern hatte sie noch nicht gewußt, daß das, was sie so eigensinnig aus ihrem Leben hinausstoßen wollte, sie mit starken Banden nach sich ziehen würde.

Ihr altes Schlafzimmer im mütterlichen Hause kam ihr jetzt fremd vor, denn die, die darin gewohnt hatte, hatte an ihr keinen Teil mehr. Ihre Erinnerungen gingen in ein anderes Haus, in ein anderes Zimmer und schwärmten dort um ein anderes Lager.

Draußen bekam niemand sie zu sehen. Ihr fröhliches Lachen war verstummt. Als Rakhal sie einmal aufsuchte, fühlte er sich ganz eingeschüchtert. Von Spielen war nicht mehr die Rede.

Eines Tages sagte sie zu ihrer Mutter: »Mutter, bringe mich wieder zu meiner Schwiegermutter!«

Inzwischen konnte Rama das kummervolle Gesicht des scheidenden Sohnes nicht vergessen, und es quälte sie der Gedanke, daß sie ihn dazu genötigt hatte, seine Frau ins Haus ihrer Mutter zurückzubringen.

Da trat eines Tages Mrinmaji mit verhülltem Haupt zu ihr ein. Ehrfurchtsvoll neigte sie sich vor ihr und nahm den Staub von ihren Füßen Die übliche Form der Ehrfurchtbezeigung, indem man mit den Händen die Füße des Betreffenden und dann die eigene Stirn berührt.. Mit nassen Augen zog Rama sie empor und drückte sie an die Brust. In einem Augenblick war aller Streit zwischen den beiden ausgelöscht. Wie Rama ihrer Schwiegertochter ins Gesicht sah, war sie ganz betroffen. Das war ja nicht mehr Mrinmaji! Eine solche Veränderung hätte sie nie für möglich gehalten. Nur eine ganz große Kraft konnte eine solche Umwandlung bewirkt haben.

Sie hatte die Absicht gehabt, Mrinmaji ihre Fehler nach und nach abzugewöhnen, aber ein andrer, unsichtbarer Erzieher hatte sie auf andere und schnellere Weise zu einem ganz neuen Geschöpf gemacht.

Wie gut die beiden sich jetzt verstanden! Einigen Willens schafften sie zusammen ihre Tagesarbeit, und im Hause herrschte vollkommener Friede und Harmonie.

Aber wie Mrinmaji allmählich zu einem ernsten, liebevollen Weibe erwachte, da erwachten in ihr auch Schmerzen, die sie nie gekannt hatte. Dunkel und tränenvoll zogen schwere Wolken wie die ersten Regenwolken des Juli am Himmel ihres Herzens herauf und warfen in das Dunkel ihrer von langen Wimpern umsäumten Augen einen Schatten tiefen Ernstes. Sie sagte sich im stillen: »Wenn ich mich selbst nicht verstand, warum konntest denn du mich nicht verstehen? Warum straftest du mich nicht? Warum ließest du dich so leicht von mir weisen? Wenn ich widerspenstiges Ding nicht mit dir nach Kalkutta gehen wollte, warum nahmst du mich nicht gewaltsam mit fort? Warum hörtest du immer auf mein Wort und meine Bitte und ertrugst meinen Ungehorsam?«

Und dann dachte sie an den Morgen, wo Apurba sie auf der einsamen Straße am Fluß ergriffen und nur schweigend angeschaut hatte. Alles wurde ihr wieder lebendig gegenwärtig: der Fluß, die Straße, der Baum, unter dem sie standen, das Licht der Morgensonne und jener ernste, herzwehgedrückte Blick, dessen Sinn sie jetzt plötzlich ganz verstand. Und dann der Kuß, den sie an jenem Abschiedsmorgen nach Apurbas Mund ausstreckte und dann zurückzog, dieser unerfüllte Kuß schwebte jetzt, wie eine Luftspiegelung vor dem verschmachtenden Vogel, beständig als versäumte Gelegenheit vor ihren durstigen Lippen. Jetzt sagte sie sich nur immer: »Ach, hätte ich doch damals dies oder jenes getan, hätte ich auf seine Frage doch diese Antwort gegeben! Wäre ich doch die gewesen, die ich jetzt bin!«

Apurba hatte darunter gelitten, daß Mrinmaji ihn nicht verstand; jetzt fragte sich Mrinmaji ein Mal über das andere: »Was denkt er nur von mir? Versteht er mich wohl?« Und bei dem Gedanken, daß er sie nur als unartiges, widerspenstiges, törichtes Mädchen hatte kennengelernt, daß er nichts ahnen konnte von dem überquellenden Reichtum ihres Frauenherzens, das imstande und bereit war, seinen Liebesdurst zu löschen ? bei diesem Gedanken wurde sie von Reue und Scham und Selbstvorwürfen gequält. Und was sie Apurba an Küssen und Zärtlichkeit schuldete, zahlte sie seinem Kopfkissen, indem sie es an Lippen und Brust drückte und mit Tränen netzte.

So verging eine lange Zeit. Apurba hatte gesagt: »Wenn du mir nicht schreibst, komme ich nicht.« Hieran erinnerte sich Mrinmaji eines Tages. Sie schloß sich in ihrem Zimmer ein, um den Brief zu schreiben. Apurba hatte ihr schönes rosa Briefpapier mit Goldschnitt geschenkt. Davon nahm sie ein Blatt, und nachdem sie eine Weile nachdenklich davor gesessen, machte sie sich entschlossen an ihre Aufgabe. Ohne Anrede begann sie kurzweg: »Warum schreibst du mir nicht? Wie geht es dir? Komm nach Hause!« Weiter wollte ihr nichts einfallen. Alles Wesentliche hatte sie zwar damit gesagt, aber die Menschen pflegten ihre Briefe länger zu schreiben und dem, was sie auf dem Herzen hatten, noch allerlei hinzuzufügen. Nachdem sie also wieder eine ganze Weile nachgedacht hatte, schrieb sie: »Nun schreib mir einen Brief, und sage mir, wie es dir geht, und komm nach Hause. Mutter geht es gut, Bischu und Puti geht es gut; gestern hat unsre schwarze Kuh ein Kalb gekriegt.« ? Damit endete der Brief. Wiewohl sie sich große Mühe gegeben hatte, waren die Zeilen doch schief geraten, die Buchstaben sehr ungleich, und die Finger waren schwarz von Tinte. Sie faltete den Brief sorgfältig zusammen, steckte ihn in den Umschlag und schrieb dann mit großen Buchstaben darauf: » Srijukta Babu Apurbakrischna Ray.« Daß außer dem Namen noch sonst etwas auf dem Briefumschlag stehen mußte, ahnte sie nicht. Und da sie sich schämte, die Schwiegermutter den Brief sehen zu lassen, schickte sie ihn heimlich durch eine zuverlässige Magd auf die Post.

Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß dies Schreiben ergebnislos war.

 

VIII

Die Ferien kamen, aber Apurba kam nicht nach Hause. Rama sah daraus, daß er ihr noch böse war.

Auch Mrinmaji schloß aus seinem Schweigen, daß er ihr grollte, und wenn sie an ihren Brief dachte, hätte sie vor Scham sterben mögen. Apurba hatte es nicht der Mühe wert gefunden, auch nur ein Wort auf ihren Brief zu antworten; vielleicht hatte er, als er ihn gelesen, über das dumme Mädchen die Achseln gezuckt ? das Herz krampfte sich ihr zusammen, wenn sie sich das vorstellte. Immer wieder fragte sie die Magd: »Hast du den Brief auch richtig eingesteckt?« Und die Magd versicherte ihr hundertmal: »Gewiß, ich habe ihn eigenhändig in den Briefkasten geworfen; Babu muß ihn inzwischen bekommen haben.«

Endlich rief Rama Mrinmaji eines Tages zu sich und sagte: »Bouma Bouma = Schwiegertochter., Apurba ist schon so lange nicht nach Hause gekommen, ich möchte einmal nach Kalkutta fahren, um ihn zu besuchen. Kommst du mit?« Mrinmaji nickte eifrig, dann lief sie in ihr Zimmer, schloß die Tür, warf sich aufs Bett, drückte das Kissen an die Brust, sprang wieder auf und tanzte vor Freude im Zimmer umher. Aber dann wurde sie plötzlich ernst. Zweifel und Angst stiegen in ihr auf, sie setzte sich still auf den Rand ihres Bettes und fing leise an zu weinen.

Schon am folgenden Morgen machten die beiden reuigen Frauen sich zu ihrer Bußfahrt nach Kalkutta auf, ohne Apurba vorher zu benachrichtigen. Ramas Tochter war in Kalkutta verheiratet; sie stiegen im Hause des Schwiegersohnes ab.

Apurba hatte die ganze Zeit vergeblich auf einen Brief von Mrinmaji gewartet. Nachdem er heute lange mit sich gekämpft, brach er gegen Abend sein Gelübde und setzte sich hin, um ihr zu schreiben. Aber ihm wollte das rechte Wort nicht einfallen. Er suchte vergeblich nach einer Anrede, die zugleich seine Liebe und sein Gekränktsein ausdrücken sollte, und seine Muttersprache erschien ihm sehr unzulänglich und armselig. Als er so dasaß und sich den Kopf zerbrach, kam ein Brief von der Schwester mit der Nachricht, die Mutter sei da, er solle schnell kommen und mit ihnen zu Abend essen. Alle seien wohlauf. ? Trotz dieses Nachsatzes war Apurba beunruhigt. Schnell eilte er zum Hause seines Schwagers.

Kaum hatte man sich begrüßt, so fragte er: »Sind alle zu Hause wohl, Mutter?«

»Ja, alle sind wohl. Ich wollte dich abholen, da du zu den Ferien nicht nach Hause gekommen bist.«

»Hast du dir deswegen die Umstände gemacht? Ich hatte so viel zu arbeiten, deshalb blieb ich noch hier.«

Beim Essen fragte die Schwester: »Dada Bezeichnung für den älteren Bruder, auch Vetter oder Freund., diesmal bringst du nun wohl deine Frau mit?«

Dada war verlegen. »Ich weiß nicht, ich will sehen ? ich habe so viel zu arbeiten«, sagte er.

Der Schwager lachte. »Ach was, das sind nur Vorwände«, rief er. »Er hat nur Angst, sie uns zu bringen!«

»Ja, vor uns kann man auch Angst haben«, meinte die Schwester. »Wenn das Kind uns plötzlich zu sehen kriegt, kann sie leicht einen Schreck bekommen.«

So scherzten sie miteinander, aber Apurba war immer noch voll innerer Unruhe. Die Sache wollte ihm nicht gefallen. Warum war Mrinmaji nicht mit der Mutter gekommen? Vielleicht hatte die Mutter sie mitnehmen wollen, und sie hatte nicht gewollt. Er scheute sich, danach zu fragen. Und so saß er da und war mit der Einrichtung der Welt gar nicht einverstanden.

Als sie noch beim Essen saßen, erhob sich ein heftiger Regensturm.

»Dada«, sagte die Schwester, »heute mußt du hierbleiben.«

»Nein, ich muß nach Hause«, erwiderte Apurba, »ich habe zu arbeiten.«

»Was willst du denn in der Nacht arbeiten? Bleib nur ruhig hier, du versäumst damit nichts.«

Nach vielem Drängen gab Apurba endlich nach. Nach einer Weile sagte die Schwester: »Du siehst müde aus, Dada, bleib nicht länger auf, geh lieber gleich zu Bett.«

Apurba war nicht abgeneigt. Er sehnte sich danach, allein zu sein und auf keine Frage mehr antworten zu brauchen.

Als er ins Schlafzimmer kam, war kein Licht da. »Der Wind muß es ausgelöscht haben«, sagte die Schwester, »soll ich Licht bringen, Dada?«

»Nein, es ist nicht nötig, ich werde ganz gut im Dunkeln fertig.«

Als die Schwester hinaus war, tappte er sich in der Dunkelheit vorsichtig zum Bett. Doch als er sich hinlegen wollte, hörte er ein leises Klirren, und im selben Augenblick legte sich ein weicher Arm um seinen Nacken und umschlang ihn fest, und bevor er einen Ruf des Staunens ausstoßen konnte, fühlte er eine tränenüberströmte Wange an der seinen, und ein heißes Lippenpaar preßte sich auf seinen Mund. So hatte doch der goldene Zauberstab seine Märchenprinzessin berührt, und was ihr Lachen ihm verweigert hatte, brachten ihm jetzt ihre Tränen dar.

 

Der Gast

I

Der Gutsherr von Kanthaliya, Matilal Babu, war mit seiner Familie auf der Heimreise. Sie reisten zu Schiff. Als sie eines Tages um die Mittagszeit bei einem Marktflecken anlangten und das Mittagsmahl rüsteten, trat ein etwa fünfzehnjähriger Brahmanenknabe an das Schiff heran und fragte: »Babu, wohin fährst du?«

»Nach Kanthaliya«, antwortete Matilal Babu.

»Kannst du mich unterwegs bei dem Dorfe Nandi absetzen?« fragte der Brahmanenknabe.

Matilal Babu bejahte und fragte: »Wie heißt du?«

»Ich heiße Tarapad.«

Der Knabe war von heller Gesichtsfarbe und sehr schön. Er hatte große, ausdrucksvolle Augen, und um seinen feingeschnittenen Mund spielte ein liebliches Lächeln. Als Bekleidung trug er nur ein schmutziges Lendentuch, der übrige Körper war nackt. Er war tadellos gebaut; es war, als hätte die Meisterhand eines Künstlers diese zarten, runden Glieder mit größter Sorgfalt geformt. Man hätte glauben können, dieser Knabe sei in seiner früheren Geburt Aszet gewesen, und kraft seiner strengen Übungen sei er nun, nachdem das Körperliche zum größten Teil vernichtet, zu voller Brahmanenschönheit erblüht.

Matilal Baku sagte freundlich: »Nimm dein Bad, Baba, und dann komm und iß mit uns.«

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte Tarapad. Und damit machte er sich ganz unbefangen daran, beim Zurichten zu helfen. Matilal Babus Diener war Hindu; beim Fischzerteilen und ähnlichen Verrichtungen war er nicht sehr geschickt. Tarapad besorgte diese Sachen in kurzer Zeit, richtete auch mit großer Geschicklichkeit einen Salat her. Als das Essen fertig war, badete er im Fluß, öffnete sein Bündel und band ein reines Lendentuch um, dann kämmte er mit einem kleinen Holzkamm sein dichtes Haar, so daß es hinten über den Nacken fiel, legte seine heilige Schnur um und ging ins Schiff zu Matilal Babu.

Matilal Babu führte ihn in das Innere des Schiffes zu seiner Frau und seiner neunjährigen Tochter. Als Matilals Frau Annapurna diesen schönen Knaben sah, hatte er sofort ihr Herz gewonnen. Sie ließ ihn sich zum Essen neben Matilal Babu setzen In Indien ißt der Mann zuerst; erst wenn er gesättigt ist, ißt die Frau.. Der Knabe war kein starker Esser. Als Annapurna sah, daß er wenig aß, dachte sie, er wäre befangen, und nötigte ihn zu diesem und jenem. Aber er erklärte bald, er sei mit dem Essen fertig, und gab ihren Bitten nicht nach. Man sah, daß der Knabe genau das tat, was er wollte, aber doch in einer so natürlichen Art, daß es nicht wie Laune oder Eigenwillen aussah. Sein Benehmen zeigte keine Spur von Verlegenheit.

Nachdem alle gegessen hatten, rief Annapurna ihn zu sich heran und fing an, ihn auszufragen. Aber eine ausführliche Erzählung erhielt sie nicht. Sie erfuhr nur mit kurzen Worten, daß der Knabe mit sieben oder acht Jahren von Hause fortgelaufen war.

»Hast du keine Mutter?« fragte Annapurna.

»O ja«, sagte Tarapad.

»Liebt sie dich denn nicht?«

Tarapad fand diese Frage sehr merkwürdig. Er lachte und sagte: »Warum sollte sie mich nicht lieben?«

»Aber wie konntest du sie dann verlassen?« fragte Annapurna.

»Sie hat ja noch vier Söhne und drei Töchter.«

Annapurna war über diese merkwürdige Antwort etwas entsetzt. »Wie du redest!« rief sie. »Soll man dir, weil du fünf Finger hast, einen Finger abschneiden?«

Tarapad war noch jung, aber er hatte seine ganz ausgesprochene Eigenart. Er war der vierte Sohn seiner Eltern; sein Vater war gestorben, als er noch klein war. Obwohl er eine ganze Reihe von Geschwistern hatte, war er doch sehr mit Liebe verwöhnt, sowohl von der Mutter und den Geschwistern als von dem ganzen Dorfe. Auch der Lehrer pflegte ihn nie zu schlagen; wenn er es getan hätte, so hätten alle Verwandten und Freunde sich darüber aufgeregt. So war also durchaus kein Grund, weshalb er von Hause hätte fortlaufen sollen. Selbst das arme, vernachlässigte Kind, das überall die Früchte von den Bäumen stiehlt und von den Eigentümern vielfältig dafür gestraft wird, bleibt in seinem heimatlichen Dorfe und kehrt immer wieder zu seiner strafenden Mutter zurück, und dieser vom ganzen Dorf geliebte Knabe verließ eines Tages leichten Sinnes das Dorf und schloß sich einer fremden Schauspielertruppe an.

Alles begab sich auf die Suche, und man brachte ihn ins Dorf zurück. Seine Mutter drückte ihn an die Brust, ihn mit ihren Tränen benetzend, auch seine Schwestern weinten vor Freude; sein ältester Bruder versuchte zwar, seine schwere Pflicht als Vormund zu erfüllen und ihm wegen seiner Flucht sanfte Vorwürfe zu machen, aber auch er verzieh ihm bald und liebkoste ihn. Die Mädchen des Dorfes riefen ihn von einem Hause ins andere und suchten ihn durch viel Liebenswürdigkeit und Schmeichelei zu fesseln, aber er ertrug keine Fessel, wenn es auch die Fessel der Liebe war. Sein Gestirne hatte ihn so heimatlos gemacht. Wenn er fremde Schiffer ihr Schiff auf dem Fluß hinziehen sah oder einen Sannyasin, der aus einem fernen Lande kommend, unter dem großen Feigenbaum des Dorfes Obdach nahm, oder Zigeuner, die auf der Steppe am Flußufer kleine Matten flochten und Körbe aus Bambusrinde fertigten, dann wurde sein Herz unruhig, und ihn überkam eine Sehnsucht nach der liebelosen Freiheit der großen Erde. Als er immer wieder entfloh, gaben die Seinen und die Leute im Dorfe ihn endlich auf.

Zuerst hatte er sich einer fahrenden Schauspielertruppe angeschlossen. Aber als der Besitzer ihn wie einen eigenen Sohn zu lieben begann und er der Liebling der ganzen Truppe geworden war, als man ihn überall, wo die Truppe spielte, besonders einlud und vor allem die Frauen ihn mit Freundlichkeiten überschütteten, da war er eines Tages, ohne irgend jemandem etwas zu sagen, verschwunden, und niemand hörte wieder von ihm.

Tarapad fürchtete jegliche Bande, wie ein junges Reh, und wie dies Tier liebte er auch die Musik Man sagt in Bengalen, daß das Reh durch Musik zu Tränen gerührt wird.. Der Gesang der Truppe hatte ihn zuerst von Hause fortgelockt. Beim Klang des Liedes rann ein Entzücken durch alle seine Adern, und sein ganzer Körper schwang gleichsam im Rhythmus der Melodie. Als er noch klein war, pflegte er, wenn seine Eltern ihn in ein Konzert mitnahmen, ganz still und ernst wie ein Erwachsener dazusitzen, nur leise den Kopf nach dem Takt der Musik bewegend, so daß die Erwachsenen sich Gewalt antun mußten, um nicht über den kleinen Kerl zu lachen.

Und es war nicht nur die Musik. Wenn der Herbstregen auf das dichte Laub der Bäume fiel, wenn am Himmel die Wolken riefen und im Walde der Wind heulte und klagte wie ein verwaistes Dämonenkind, dann wurde sein Herz von Unruhe gepackt. Am stillen Mittag der ferne Ruf des Geiers hoch oben in den Lüften, der abendliche Lärm der Frösche in der Regenzeit, das Zirpen der Heimchen in der Nacht ? alles erregte ihn tief.

Vom Zauber der Musik angezogen, hatte er sich ein andermal einer fahrenden Sängerschar angeschlossen. Die Sänger hatten ihn mit großem Fleiß in ihrer Kunst unterrichtet, und dabei hatten sie ihn bald wie ein zahmes Vögelchen ganz in den Käfig ihres Herzens eingeschlossen. Aber als der Vogel die Lieder gelernt hatte, war er eines Tages auf und davon geflogen.

Zuletzt war er zu einer Akrobatentruppe gegangen. Von Anfang Juni bis Mitte Juli finden hierzulande an verschiedenen Orten nacheinander große Messen statt. Bei dieser Gelegenheit fahren Schauspielertruppen, religiöse Sänger, Wettsänger, Tänzer und die verschiedensten Händler zu Schiff auf den kleinen Flüssen von einer Messe zur andern. Im letzten Jahre hatte eine kleine Akrobatentruppe aus Kalkutta bei diesen fahrenden Messen zur Unterhaltung beigetragen. Tarapad war anfangs bei den reisenden Kaufleuten auf dem Schiff gewesen und hatte für sie den Betelverkauf besorgt. Darauf hatte die erstaunliche Gewandtheit der Akrobatenkinder sein spontanes Interesse erregt, und so hatte er sich der Truppe zugesellt. Er selbst hatte mit der Zeit durch fleißige Übung die Flöte meisterhaft spielen gelernt; bei den Akrobaten mußte er in schnellem Tempo die leichten Weisen von Lakhnau Zentrum der mohammedanischen Kultur (engl. Lucknov). spielen; das war seine einzige Aufgabe.

Von dieser Truppe war er nun zuletzt geflohen. Er hatte gehört, daß man im Dorfe Nandi großartige Vorbereitungen traf, um ein Liebhabertheater zu gründen; er hatte gerade sein Bündel geschnürt und sich auf die Reise nach Nandi gemacht, als die Begegnung mit Matilal Baku stattfand.

Wenn Tarapad auch verschiedenen Truppen angehört hatte, so hatte er doch allen gegenüber seine innere Unabhängigkeit bewahrt. Er hatte in der Welt schon manches rohe und gemeine Wort gehört und manches Häßliche gesehen, aber davon hatte nichts in seinen phantasievollen Geist Eingang gefunden. Wie dieser Knabe überhaupt keinerlei Bande duldete, so ließ auch sein Geist sich durch nichts fesseln. Er schwamm auf dem trüben Wasser dieser Welt reinen Gefieders wie ein Schwan dahin. So oft auch seine Neugierde ihn hinabtauchen ließ, sein Gefieder wurde weder durchnäßt noch beschmutzt. Als daher der alte Matilal Baku den Ausdruck natürlicher Reinheit und jugendlichen Frohsinns auf dem schönen Antlitz dieses heimatlosen Knaben sah, da schlug ihm sein Herz in Liebe entgegen und er nahm ihn ohne Frage oder Bedenken bei sich auf.

 

II

Nach dem Essen fuhr das Schiff weiter. Annapurna fing an, den Knaben liebevoll nach seiner Heimat und den Seinen zu fragen, aber Tarapad gab kurze Antworten und suchte möglichst bald davonzukommen. Der Fluß war infolge des Regens bis an den äußersten Uferrand gestiegen und versetzte durch sein selbstvergessenes Ungestüm Mutter Erde ganz in Unruhe. In der wolkenfreien Sonne schien alles ? das halb im Wasser stehende Schilf am Flußufer, die dichten, saftigen Zuckerfelder und die dunkle Waldreihe fern am Horizont ? wie mit einem goldenen Zauberstabe berührt und vor dem bewundernden Blick des sprachlosen blauen Himmels zu neuer Schönheit erwacht und erblüht. Alles war voll sprühenden Lebens, voll Erregung und voll beredten Ausdrucks.

Tarapad hatte sich auf das Dach des Schiffes in den Schatten des Segels zurückgezogen. Sein Blick schweifte von dem grünen Wiesenhang zu den überschwemmten Jutefeldern und den wogenden Reisfeldern, zu dem schmalen Pfade, der vom Landungssteg nach dem Dorfe führte, und zu den schattigen Bäumen, die das Dorf umhegten. Dieser wolkenlose, klare Himmel, diese allgemeine Bewegtheit, Lebendigkeit, Beredtheit, diese Mannigfaltigkeit und unbegrenzte Weite, dies unermeßliche, ewige, schweigende All, es war diesem jungen Knaben verwandt. Gleichwohl zog es den Ruhelosen keinen Augenblick an seine Brust. Am Flußufer liefen die Kälber mit tanzenden Schwänzen, das Füllen drüben sprang mit zusammengebundenen Vorderbeinen umher und fraß Gras, der Fischreiher stand spähend auf den Netzpfählen der Fischer und holte sich plötzlich mit blitzschnellem Schwung seine schwimmende Beute. Die Knaben tollten im Fluß und schlugen aufeinander ein; die Mädchen standen bis zur Brust im Wasser und wuschen, eifrig mit den Händen reibend, den Saum ihres Kleides, das sie über dem Wasser ausbreiteten, wobei sie sich mit lauten Stimmen lustige Geschichten erzählten; die hochgeschürzten Fischfrauen kamen mit ihren Körben und kauften Ware von den Fischern ? dies alles sah der Knabe mit unersättlicher Neugier, nichts entging seinem durstigen Blick.

Allmählich machte er sich mit den Bootsleuten bekannt, und bald machte es sich ganz von selbst, daß er ihnen die Ruderstange aus der Hand nahm und selbst anfing zu stoßen. Als der Steuermann rauchen wollte, ergriff er das Steuer; wenn das Segel umgelegt werden mußte, war er gleich mit großer Geschicklichkeit bei der Hand.

Gegen Abend rief ihn Annapurna und fragte: »Was willst du zu Abend essen?«

»Ich esse, was ich bekomme«, erwiderte Tarapad, »mitunter esse ich auch gar nichts.«

Die Gleichgültigkeit dieses schönen Brahmanenknaben ihrer Gastlichkeit gegenüber war Annapurna nachgerade etwas schmerzlich. Sie hätte ihn so gern durch ein besonders schönes Mahl erfreut, aber sie konnte nicht herausbekommen, was er gern aß. Sie machte sich allerlei Umstände, ließ Milch, Süßigkeiten und andere gute Sachen aus dem Dorfe holen. Tarapad aß wieder sehr mäßig; Milch trank er nicht. Als Matilal Babu ihn mit stummem Wink darauf hinwies, sagte er kurz: »Ich mag sie nicht.«

So vergingen ein paar Tage auf dem Flusse. Tarapad half freiwillig und geschickt bei jeder Arbeit. Wo sich seinen Augen etwas Neues bot, dahin lief sein neugieriger Blick; wo es etwas zu tun gab, bot er sogleich die Hand. Aber wie er der stets regen Natur in ihrer Tatkraft glich, so glich er ihr auch in ihrer absoluten Unbekümmertheit. Jeder Mensch hat seinen festen Wohnsitz, aber Tarapad glich einer fröhlichen Welle auf dem endlosen Strom der Zeit ? nichts verband ihn mit Vergangenheit und Zukunft, er tanzte in sorglosem Spiel dahin.

Dabei hatte er sich bei den verschiedenen Truppen, denen er sich anschloß, die verschiedensten Unterhaltungskünste angeeignet. Seinem mit keinerlei schweren Gedanken belasteten Gedächtnis prägte sich alles mit wunderbarer Leichtigkeit ein. Weltliche und geistliche Lieder, Duette, große Schauspielrollen, alles hatte er stets auf der Zunge bereit. Matilal Babu las eines Abends, wie er es oft zu tun pflegte, seiner Frau und Tochter aus dem Ramayana vor; es war die Stelle, wo Kuscha und Lava eingeführt werden. Plötzlich kam Tarapad, der seine Begeisterung nicht mehr bezwingen konnte, vom Deck herunter und sagte: »Lassen Sie das Buch! Ich werde Ihnen die Stelle Vorsingen!«

Darauf begann er das Lied von Kuscha und Lava. Und wie seine flötengleiche, süße Stimme Daschurayas Verse wie auf leichten Schwingen dahintrug, da kamen die Bootsleute alle herbei und standen mit vorgeneigtem Haupt an der Tür, die Reisenden auf den vorüberfahrenden Schiffen horchten sehnsüchtig, und ein lauschendes Schweigen breitete sich weithin über die beiden Ufer.

Als er geendet hatte, seufzten alle schmerzlich auf. In Annapurnas Augen standen Tränen; sie drückte den Knaben an ihre Brust und preßte ihre Lippen auf seinen Scheitel. Matilal Babu dachte: Wenn doch dieser Knabe bei mir bleiben wollte, ich wollte ihn ganz wie einen Sohn halten! ? Nur das Herz der kleinen Tochter Tscharuschaschi war von Eifersucht und Haß erfüllt.

 

III

Tscharuschaschi war das einzige Kind ihrer Eltern; sie war also die alleinige rechtmäßige Besitzerin der Elternliebe. Ihre Launen kannten keine Grenzen. Ihre Speisen, ihre Kleidung, ihre Haarfrisur, alles mußte nach ihrer besonderen Art sein, aber diese Art war niemals die gleiche. Wenn sie irgendwo eingeladen war, war die Mutter immer in Angst, daß die Tochter in bezug auf ihren Anzug irgendeinen unmöglichen Einfall haben könnte. Wenn die Frisur einmal nicht nach ihrem Sinn geriet, so konnte man das Haar noch so oft lösen und wieder neu frisieren, es war ihr nicht recht zu machen, und schließlich gab es ein großes Geheul. So war es mit allem. Wenn sie aber guter Laune war, so war ihr alles recht. Dann zeigte sie sich äußerst liebevoll, drückte die Mutter an sich und überschüttete sie mit Zärtlichkeiten. ? Dies kleine Mädchen war ein schwer zu lösendes Rätsel.

Nun fing sie an, Tarapad mit erbittertem Haß zu verfolgen. Auch die Eltern quälte sie auf jede Art und Weise. Beim Essen schob sie mit weinerlichem Gesicht den Teller zurück, das Essen schmeckte nicht. Sie schlug das Mädchen und klagte über alles. Wenn Tarapad alle durch seine Künste unterhielt, so wurde ihr Zorn dadurch nur noch vermehrt. Sie wollte nichts Gutes an ihm anerkennen, und je beliebter er wurde, desto gereizter wurde sie gegen ihn. An dem Tage, als Tarapad das Lied von Kuscha und Lava sang, dachte Annapurna: »Die Vögel des Waldes werden von seinem Gesang bezaubert, heute wird auch gewiß das Herz meiner Tochter gerührt!« Sie fragte sie: »Nun, wie gefällt es dir, Tscharu?« Doch Tscharu gab keine Antwort und schüttelte nur heftig den Kopf. Die Geste sagte deutlich: »Es gefällt mir gar nicht und wird mir nie gefallen!«

Der ungebärdige Charakter dieses dunkeläugigen Mädchens erschien Tarapad höchst merkwürdig. Er machte oft den Versuch, sie durch Geschichtenerzählen, durch Gesang oder Flötenspiel zu gewinnen, aber er fand keinen Dank. Nur wenn er am Mittag in den Fluß stieg, um zu baden, und sein hellfarbiger, schlanker Körper strahlend wie ein junger Flußgott sich leicht und frei im Wasser bewegte, dann konnte das Mädchen sich den Genuß dieses Anblicks nicht versagen. Sie wartete immer die Zeit ab, aber sie ließ niemand ihr Interesse merken. Eifrig an einem wollenen Schal strickend, saß sie in der Nähe und warf nur von Zeit zu Zeit einen verächtlichen Seitenblick auf Tarapads Schwimmkünste.

 

IV

Als sie an dem Dorfe Nandi vorbeikamen, beachtete Tarapad es gar nicht. Gelassen und ruhig glitt das große Schiff dahin; bald unter Segel, bald von den Bootsleuten gezogen, gelangte es von einem Arm des Flusses in den andern. Auch den Insassen flössen die Tage inmitten all der mannigfaltigen friedlichen Schönheit und getragen von der leisen, süßen Musik der Wellen, leicht und froh dahin. Niemand beeilte sich, es wurde oft spät, bis sie ihr Bad nahmen und zu Mittag aßen; oft auch machten sie, wenn sie an ein größeres Dorf kamen, schon vor Abend halt und legten nahe bei einem sonnengeküßten, von Heimchensang erfüllten Walde an.

So vergingen zehn Tage, bis sie in Kanthaliya anlangten. Um die Gutsherrschaft zu empfangen, standen Sänften und Pferde bereit, und die Dienerschar verstärkte mit ihrem sinnlosen Hinundherrufen das Geschrei der aufgescheuchten Dorfkrähen.

All dieser Aufstand dauerte eine ganze Zeit. Inzwischen war Tarapad schnell vom Schiff gestiegen und streifte überall im Dorf umher. Wenn er dort auch keinen Menschen hatte, den er Onkel oder Tante oder Dada oder Didi nannte, so hatte er doch schon im Laufe von zwei Stunden mit dem ganzen Dorfe Freundschaft geschlossen. Vielleicht gerade weil diesen Knaben nirgends ein wirkliches Band knüpfte, konnte er sich so leicht und schnell mit allen anfreunden. So hatte er in wenig Tagen alle im Dorfe gewonnen.

Der Grund seiner allgemeinen Beliebtheit war, daß er auf jeden einzugehen verstand. Durch keinerlei Kastenvorurteile gehemmt, paßte er sich jeder Lage und jeder Aufgabe mit Leichtigkeit an. Mit den Knaben war er ganz Knabe, wiewohl mit einer gewissen Überlegenheit und Besonderheit; Erwachsenen gegenüber war er nicht Kind, aber auch nicht altklug; mit den Kuhhirten war er Kuhhirt, obwohl Brahmane. Eines jeden Arbeit wußte er mit geübter Hand anzufassen. Wenn er beim Zuckerbäcker eintrat, um zu plaudern, und dieser sagte: »Dadathakur, setz dich einen Augenblick, ich komme gleich«, so nahm Tarapad ohne Zögern Platz und fing an, mit einem Fächer die Fliegen von dem Gebäck zu verscheuchen. Er selbst konnte meisterhaft backen; auch verstand er allerlei von der Webe- und Töpferkunst.

Tarapad hatte sich das ganze Dorf unterworfen, aber die Eifersucht eines kleinen Mädchens hatte er nicht besiegen können. Vielleicht war das erbitterte Verlangen dieses Mädchens, ihn aus dem Dorfe zu verbannen, gerade das, was ihn in diesem Dorfe festhielt.

Aber es ist schwer, die Rätsel eines Mädchenherzens zu lösen; davon gab Tscharuschaschi den Beweis.

Die Tochter des Brahmanen Thakur, Schonamani, war mit fünf Jahren Witwe geworden. Sie war Tscharus gleichaltrige Freundin. Sie war durch Kränklichkeit oft ans Haus gefesselt und konnte ihre Freundin nicht besuchen; aber wenn sie wohl war und sie besuchte, kam es fast jedesmal, oft ohne irgendwelchen Grund, zu einem Streit zwischen den beiden Freundinnen.

Heute fing Tscharu an, sehr breitspurig zu erzählen. Sie hatte sich vorgenommen, durch den bis in alle Einzelheiten ausgeführten und ausgeschmückten Bericht über ihren neu erworbenen Schatz, mit Namen Tarapad, die Neugierde ihrer Freundin aufs höchste zu spannen. Aber als sie dann vernahm, daß Tarapad Schonamani durchaus kein Fremder war, daß er ihre Mutter Maschi Tante., und daß sie selbst ihn Dada nannte, daß er nicht nur Mutter und Tochter mit seinem Gesang zu unterhalten pflegte, sondern daß er Schonamani auf ihre Bitte sogar eigenhändig eine Flöte fabriziert hatte, da fühlte Tscharu sich wie von einem Pfeil ins Herz getroffen. Tarapad gehörte doch ihr allein; sie wollte ihn heimlich für sich aufbewahren, die andern sollten nur eine Ahnung von seiner Existenz bekommen, sollten von weitem von seiner Schönheit und seinen Tugenden hören und Tscharuschaschi dafür Dank wissen. Wie war dieser kostbare Brahmanenknabe Schonamani so leicht zugänglich geworden? Wenn sie und die Ihren ihn nicht mitgebracht und bei sich behalten hätten, so hätte Schonamani ihn nie zu sehen bekommen. Und nun nannte sie ihn Dada! Sie war ganz außer sich vor Zorn.

Aber wie kam es, daß Tscharuschaschi Tarapad, den sie die ganze Zeit mit den Pfeilen ihres Haffes verfolgt hatte, nun durchaus für sich allein besitzen wollte? Das verstehe, wer kann!

Am selben Tage entzweite Tscharu sich wegen einer geringfügigen Sache heftig mit ihrer Freundin. Dann ging sie in Tarapads Zimmer, ergriff seine Flöte, trat und stampfte darauf, so daß sie kurz und klein brach.

Als sie gerade ihren Zorn an dem unschuldigen Instrument ausgelassen hatte, trat Tarapad ins Zimmer. Mit großer Verwunderung blickte er auf das Bild gänzlicher Vernichtung. »Warum hast du denn meine Flöte zerbrochen, Tscharu?« fragte er. Tscharu sah ihn mit flammendem Gesicht und blitzenden Augen an: »Weil ich es will, darum!« sagte sie und gab der zersplitterten Flöte noch ein paar überflüssige Fußtritte; dann lief sie laut weinend aus dem Zimmer. Tarapad hob die Flöte auf und besah sie von allen Seiten ? damit war nichts mehr zu machen. Er mußte lächeln, als er an das plötzliche unverdiente Schicksal seiner alten Flöte dachte. Tscharuschaschi wurde ihm immer mehr ein Gegenstand neugierigen Interesses.

Seine Neugierde hatte noch ein anderes Feld; das waren die englischen Bilderbücher in Matilal Babus Bibliothek. Mit der Außenwelt war er sonst gut bekannt, aber in die Welt dieser Bilder konnte er nicht recht eindringen. Er hatte sich mit Hilfe seiner Phantasie allerlei erklärt, aber sein Geist blieb doch durchaus unbefriedigt dabei.

Als Matilal Babu Tarapads Interesse an den Büchern sah, sagte er eines Tages: »Möchtest du wohl Englisch lernen? Dann kannst du alle diese Bilder verstehen.« Tarapad sagte sogleich: »Ich werde es lernen.«

Matilal Babu war sehr erfreut. Er sprach mit dem Leiter der höheren Schule, Ramratan Babu, und übergab ihm am folgenden Abend den Knaben, damit er ihn mit der englischen Sprache bekannt mache.

 

V

Tarapad machte sich mit seiner starken Gedächtniskraft und mit ungeteiltem Eifer und Interesse an seine Aufgabe. Er betrat gleichsam eine neue Welt, und um die alte kümmerte er sich jetzt nicht mehr. Die Leute im Dorf bekamen ihn nicht mehr zu sehen; wenn er am Nachmittag am einsamen Flußufer hinging und dabei seine Aufgaben auswendig lernte, beobachteten ihn die bewundernden Knaben von ferne, aber sie wagten nicht, ihn zu stören.

Auch Tscharu sah jetzt nicht viel von ihm. Sonst war er zum Essen ins Frauenhaus gekommen und hatte seine Mahlzeit unter Annapurnas liebevoller Fürsorge eingenommen; aber weil ihm das zuviel Zeit nahm, bat er Matilal Babu, draußen essen zu dürfen. Annapurna war darüber betrübt und wollte es nicht dulden, aber Matilal Babu freute sich über den Eifer des Knaben und willigte in die Neuerung ein.

Da erklärte Tscharu plötzlich: »Ich will auch Englisch lernen!« Die Eltern nahmen diesen Einfall ihres launenhaften Töchterchens anfangs mit liebevollem Scherz auf, aber Tscharu machte dem Scherz bald durch einen Tränenstrom ein Ende. Schließlich willigten die hilflosen Eltern ein, und Tscharu wurde dem Lehrer zu gemeinsamem Unterricht mit Tarapad übergeben.

Jedoch ein ernstes Studium lag diesem unruhigen Mädchen durchaus nicht. Sie selbst lernte nichts und hinderte nur Tarapad am Arbeiten. Aber wenn sie auch nicht lernen wollte, so wollte sie doch auf keinen Fall hinter Tarapad zurückbleiben. Als er ihr weit vorauskam und sogar ein neues Lehrbuch anfing, wurde sie zornig, und des Weinens war kein Ende. Sie wollte auch ein neues Buch haben; wenn für Tarapad ein neues Buch gekauft würde, sollte für sie auch eins gekauft werden. Tarapad setzte sich, wenn es Zeit war, immer von selbst an die Arbeit und fing an zu schreiben oder auswendig zu lernen. Das konnte das eifersüchtige Mädchen nicht ertragen; sie beschmutzte sein Schreibheft heimlich mit Tinte, stahl ihm die Feder oder riß sogar die Lektion, die er zu lernen hatte, aus dem Buch heraus. Tarapad pflegte alle Bosheiten mit heiterer Gelassenheit zu ertragen; wurde es gar zu arg, so schlug er sie, aber zähmen konnte er sie nicht.

Da fand er zufällig ein Mittel. Eines Tages hatte er im Ärger sein beschmutztes Schreibheft zerrissen und saß nun ziemlich ratlos, mit ernstem, traurigem Gesicht da. Tscharu kam an die Tür; sie dachte, heute würde sie Schläge bekommen. Aber ihre Erwartung erfüllte sich nicht. Tarapad sagte kein einziges Wort und blieb stumm sitzen. Tscharu fing an, unruhig aus und ein zu gehen. Bisweilen kam sie ihm so nahe, daß Tarapad ihr, wenn er wollte, unvermutet einen Schlag auf den Rücken hätte versetzen können. Aber er tat es nicht und blieb in ernstes Schweigen gehüllt. Dem Mädchen wurde die Sache unheimlich. Sie hatte es nicht gelernt, um Verzeihung zu bitten, und doch war ihr reuevolles kleines Herz ganz krank vor Sehnsucht nach der Verzeihung ihres Klassengenossen. Als sie gar nicht wußte, was sie tun sollte, nahm sie ein Stück Papier von Tarapads zerrissenem Heft, setzte sich neben ihn und schrieb mit großen Buchstaben: »Ich will nie wieder dein Heft mit Tinte beschmieren.« Als sie fertig war, blieb sie unruhig sitzen und wartete augenscheinlich darauf, daß Tarapad es beachten sollte. Als Tarapad dies sah, war es ihm nicht mehr möglich, ernst zu bleiben; er fing an zu lachen. Aber darüber geriet die Kleine ganz außer sich vor Scham und Zorn; sie sprang auf und stürzte aus dem Zimmer.

Schonamani war inzwischen schon ein paarmal gekommen, hatte schüchtern von außen ins Schulzimmer geguckt und war dann wieder fortgegangen. Sie verstand sich eigentlich ganz gut mit Tscharu, aber sobald es sich um Tarapad handelte, hatte sie Angst vor ihr. Als nun Tscharu aus dem Zimmer war, kam sie vorsichtig herein und blieb an der Tür stehen. Tarapad sah von seinem Buch auf und sagte freundlich: »Ach, da ist ja Schona! Wie geht es dir? Was macht Maschi?«

»Du bist lange nicht bei uns gewesen«, sagte Schonamani, »Mutter läßt sagen, du möchtest doch einmal kommen. Sie hat Schmerzen in der Hüfte und kann darum nicht ausgehen.«

In diesem Augenblick kam Tscharu zurück! Schonamani wurde ganz verlegen. Es sah aus, als sei sie heimlich gekommen, um der Freundin den Kameraden abspenstig zu machen. Tscharu sah sie herausfordernd an und sagte mit erhobener Stimme: »Ah, Schona! Du kommst in der Schulzeit hierher, um zu schwatzen? Das werde ich Vater sagen!« Sie fühlte sich plötzlich verpflichtet, Tarapads Arbeit zu beaufsichtigen und aufzupassen, daß er in seinen Studien durch niemand gestört wurde. Aber weshalb sie selbst so zur Unzeit in Tarapads Arbeitszimmer gedrungen war, das wußte außer Gott auch Tarapad sehr gut. Schonamani jedoch griff in ihrer Angst und Verlegenheit zu allerlei unwahren Erklärungen, und als Tscharu ihr schließlich verächtlich mit der Bemerkung, daß sie lüge, das Wort abschnitt, ging sie gekränkt und tief beschämt fort. Tarapad rief ihr mitleidig nach: »Ich komme heute nachmittag zu dir, Schona!« Tscharu zischte ihn wie eine Schlange an: »Du willst zu ihr gehen? Hast du denn nicht zu arbeiten? Ich werde es dem Lehrer sagen!«

Tarapad ließ sich durch diese Drohung nicht einschüchtern und besuchte an demselben und auch am folgenden Nachmittage die Familie Thakur. Das drittemal aber begnügte Tscharu sich nicht mit leeren Drohungen; sie befestigte leise und vorsichtig an Tarapads Zimmertür eine Kette, zog ein Schloß, das sie von einer Truhe ihrer Mutter abgenommen hatte, hindurch und schloß zu. Den ganzen Nachmittag mußte Tarapad in seiner Gefangenschaft bleiben; als es Zeit zum Abendessen war, öffnete sie ihm. Tarapad sagte in seinem Zorn kein Wort und wollte, ohne zu essen, fortgehen. Tscharu geriet in große Angst. Sie flehte ihn mit demütig gefalteten Händen an: »Ich verspreche dir fußfällig, ich werde nie wieder so etwas tun! Ich flehe dich auf meinen Knien an, komm und iß!« Und als Tarapad auch darauf nicht hörte, fing sie furchtbar an zu weinen, so daß er schließlich doch umkehrte und sich zum Essen setzte.

Wie oft gelobte Tscharu inständig, daß sie freundlich gegen Tarapad sein und ihn nie wieder ärgern wolle! Aber wenn Schonamani oder irgendein anderer dazwischenkam, wurde sie gereizt, und es war ihr unmöglich, sich zu beherrschen. War sie ein paar Tage lang besonders artig gewesen, so machte Tarapad sich schon auf einen baldigen heftigen Ausbruch gefaßt. Aus welcher Richtung und bei welchem Anlaß der Angriff kommen würde, das konnte niemand sagen. Dann folgte ein großer Sturm, auf den Sturm folgte ein großer Tränenguß, und darauf sonniger, lieblicher Friede.

 

VI

So vergingen fast zwei Jahre. So lange Zeit hatte Tarapad sich noch nie von einem Menschen halten lassen.

Vielleicht übte das Studium eine so große Anziehung auf seinen Geist; vielleicht änderte sich auch seine Natur mit den Jahren und sein Geist setzte sich bei den Genüssen und dem Luxus dieser Welt allmählich zur Ruhe; ? vielleicht hatte die aufreizende, ewig wechselnde Schönheit seiner Schulgefährtin unbemerkt sein Herz in Fesseln gelegt.

Inzwischen hatte Tscharu ihr elftes Jahr vollendet. Matilal Babu fing an, sich nach einem passenden Schwiegersohn umzusehen und bekam ein paar gute Heiratsvorschläge. Da sie im Heiratsalter war, durfte sie jetzt nicht mehr ausgehen, und damit hörte auch der englische Unterricht auf. Die Folge von dieser plötzlichen Absperrung war, dass Tscharu im Hause eine solche Wirtschaft machte, daß sie alles auf den Kopf stellte.

Da sagte Annapurna eines Tages zu Matilal Babu: »Warum suchst du noch lange nach einem Schwiegersohn? Tarapad ist doch ein guter Junge, und unsre Tochter hat ihn gern.«

Matilal Babu war sehr überrascht. »Wie wäre das möglich?« sagte er. »Wir wissen gar nichts über Tarapads Familie. Ich will meine einzige Tochter nur einem Manne von sehr guter Herkunft geben.«

Eines Tages kam ein Bote von der Familie Raydanga. Man wollte Tscharu schmücken und ihm vorführen. Aber sie schloß sich in ihrem Schlafzimmer ein und war nicht herauszubringen. Matilal Babu stand draußen und bat und drohte, aber es nützte alles nichts. Schließlich ging er zu dem Boten zurück und sagte ihm, seine Tochter sei plötzlich erkrankt; er könne sie leider heute nicht sehen. Der Bote mußte unverrichtetersache wieder abziehen. Da dachte die Familie Raydanga, das Mädchen hätte vielleicht irgendeinen Fehler, daher hätte man diese Ausrede gebraucht, und man gab die Sache auf.

Nun fand Matilal Babu, daß es doch vielleicht für alle Fälle gut sei, sich nach der Familie Tarapads zu erkundigen. »Wenn ich ihn bei mir im Hause behalten kann«, sagte er sich, »so brauche ich mein einziges Kind nicht in ein fremdes Haus zu schicken.« Er sah auch wohl ein, daß man im Hause des Schwiegervaters die Launen seiner schwierigen Tochter nicht so leicht ertragen würde.

Nach langer Beratung mit seiner Frau schickte er also Leute aus, die sich in Tarapads Heimat umhören und alles über die Familie in Erfahrung bringen sollten. Sie brachten die Nachricht, daß die Familie zwar arm, aber sehr angesehen sei. Darauf schickte er einen Boten mit dem Heiratsvorschlag an die Mutter und Brüder Tarapads. Diese waren sehr erfreut und zögerten keinen Augenblick, ihre Einwilligung zu geben.

Matilal Babu und Annapurna fingen jetzt an, über den Hochzeitstermin zu beraten, aber seine natürliche Neigung zur Vorsicht und Zurückhaltung veranlaßte Matilal Babu, noch nichts von der Sache verlauten zu lassen.

Aber Tscharu ließ sich nicht einsperren. Von Zeit zu Zeit machte sie wie ein Mahratta-Räuber plötzlich einen Einfall in Tarapads Arbeitszimmer und störte bald durch Zorn, bald durch Zärtlichkeit, bald durch Gleichgültigkeit den stillen Frieden seines Studiums. Und der sonst innerlich so freie und ungebundene Brahmanenknabe wurde jetzt zeitweise durch nie gekannte Erregungen aus dem innern Gleichgewicht gebracht. Der, der sonst leichten Sinnes und von nichts berührt oder gehemmt auf den Wellen des Zeitstromes dahingehüpft war, saß jetzt oft wie geistesabwesend da und träumte in den Tag hinein. Bisweilen ließ er seine englischen Bücher liegen und ging in die Bibliothek Matilal Babus, wo er in den Bilderbüchern blätterte. Die Phantasiewelt, die er sich jetzt aus diesen Bildern schuf, sah ganz anders und viel bunter aus als die frühere. Er konnte auch jetzt nicht mehr über Tscharus merkwürdiges Benehmen lächeln; es kam ihm auch nie mehr der Gedanke, sie zu schlagen, wenn sie Bosheiten ausübte. Ihm selbst erschien diese geheime Wandlung und Verstricktheit wie ein Traum.

Matilal Babu hatte die Hochzeit auf einen glückverheißenden Tag Der bengalische Kalender gibt die Tage an, die für Hochzeiten günstig sind. im Monat Sraban Juli/August. festgesetzt und ließ Tarapads Mutter und Brüder holen; aber Tarapad sagte er nichts davon. Er beauftragte seinen Agenten in Kalkutta, englische Musikanten zu engagieren, und gab ihm eine große Liste von Sachen, die er für das Fest besorgen sollte.

Die Regenzeit nahte; am Himmel sammelten sich Wolken. Der Fluß war fast ausgetrocknet und allmählich nur noch hier und da als schmutziger Teich stehengeblieben, in dem die kleinen Boote während der trocknen Zeit unter Wasser aufbewahrt wurden. Die tiefen Räderspuren der Ochsenkarren auf der trocknen Lehmstraße am Flußufer waren steinhart geworden.

Da kam eines Tages der Wasserstrom, gleich der ins Vaterhaus heimkehrenden Göttin Durga jubelnd dahergestürzt und warf sich mit fröhlichem Lachen an den sehnsüchtigen Busen des Dorfes. Nackte Knaben und Mädchen eilten ans Ufer und tanzten und sangen und sprangen in ihrer Freude immer wieder mit ausgebreiteten Armen ins Wasser, als wollten sie es an die Brust drücken. Von allen Seiten kamen die Leute aus ihren Hütten herausgelaufen, um ihren alten, geliebten Freund zu begrüßen ? in das ausgetrocknete, leblose Dorf war plötzlich von irgendwoher eine große Woge von Leben eingeströmt.

Kleine und große Schiffe kamen von nah und fern mit ihrer Ladung herbei; auf den Landungsstufen des Marktplatzes erklang am Abend die Musik der fremden Bootsleute. Zu den Dörfern an beiden Flußufern, die das ganze Jahr hindurch in ihrem verborgenen Winkel mit ihrem kleinen Haushalt beschäftigt einsam ihre Tage verbracht hatten, kamen jetzt in der Regenzeit die Schiffer in ihren bunten Booten und brachten ihnen ihre Waren aus der großen Welt da draußen. Sie waren mit einem Male über ihre Kleinheit hinausgewachsen in dem Gefühl ihrer Verwandtschaft mit der übrigen Welt. Das ganze Land war voll Erregung und gesteigerten Lebens. Der Lärm der Menschenmenge war von fernen Reichen her in dieses stille Tal gedrungen und machte die Lüfte von allen Seiten erzittern.

Um diese Zeit hatte Kudulkatar Nag Babus berühmte Truppe bei Gelegenheit des Wagenfestes Wagenfest des Gottes Wischnu, des großen »Jagannath« (Herrn der Welt), wobei der Gott auf hohem, schwerem Prunkkarren mit großen Rädern, unter Begleitung von Tausenden von Pilgern, durchs Land gezogen wird. eine Messe angesagt. An einem Mondscheinabend stand Tarapad auf der Landungsbrücke und sah die Schiffe vorüberfahren: Karusselleute, Schauspieler, Händler, alles fuhr auf dem neuen Strom schnell und fröhlich dahin, der Messe zu. Eine Musikkapelle aus Kalkutta stimmte in flottem Tempo ein lustiges Stück an, die Sänger sangen zur Begleitung der Geige, und beim Hahaha des Finale Am Schluß eines Gesangstückes schließen die Sänger allemal mit diesem Ruf, in den bisweilen die ganze Zuhörerschaft einstimmt. machten die begeisterten Bootsleute mit ihren Trommeln und Zimbeln zwar ohne Wohlklang, aber mit um so mehr Lärm die Lüfte bersten. Des erregenden Schauspiels war kein Ende. Allmählich stieg vom östlichen Horizont her ein riesiges schwarzes Wolkensegel bis zur Mitte des Himmels empor und verdeckte den Mond, der Ostwind fuhr mit Gewalt daher, die Wolken jagten einander, die Wasser des Flusses erhoben sich mit boshaftem Lachen, in den schwankenden Baumgruppen am Flußufer verdichtete sich das Dunkel, die Frösche fingen an zu quaken, das Zirpen der Heimchen schien die Finsternis durchsägen zu wollen; es war, als ob heute die ganze Welt ihr Wagenfest feierte: die Räder drehten sich, die Fahnen flatterten, die Erde erzitterte ? die Wolken türmten sich, der Fluß jagte dahin, die Schiffe mit ihm, und darüber Musik und Gesang ?

Und allmählich fing es an in den Wolken zu grollen, Blitz auf Blitz zerriß den Himmel, von der fernen Finsternis her kam schon der Geruch eines wolkenbruchartigen Regens. ? Nur das Dorf Kanthaliya am Ufer des Flusses schloß seine Haustür, löschte das Licht und legte sich schlafen.

Am folgenden Tage kamen Tarapads Mutter und Brüder zu Schiff in Kanthaliya an; am selben Tage kamen von Kalkutta drei große Schiffe mit den bestellten Waren und hielten an der Landungstreppe, und am selben Tage, frühmorgens, kam Schonamani mit einem Päckchen Mangopaste schüchtern an Tarapads Schultür und wartete auf ihn ? aber Tarapad kam nicht. Bevor das Netz der Liebe und Freundschaft ihn von allen Seiten einschließen konnte, war dieser Brahmanenknabe in der dunklen Regennacht zu seiner großen, freien, liebelosen Mutter, der weiten Welt, geflüchtet.

 

Enttäuschung

Bei meiner Ankunft in Dardschiling war der Himmel ganz von Regenwolken verhangen. Es war nicht verlockend, aus dem Hause zu gehen, aber im Hotel zu bleiben, lockte mich noch weniger.

So zog ich denn nach dem Frühstück meine dicken Stiefel an, hüllte mich in meinen Regenmantel und ging hinaus. Es regnete unaufhörlich, und die dichten Wolkennebel ringsum erweckten die Vorstellung, der Schöpfer hätte sich daran gemacht, den ganzen Himalaja von der Weltkarte wegzuradieren.

Als ich auf der menschenleeren Kalkuttaer Straße dahinging, dachte ich bei mir, daß ich bald genug haben würde von diesem freudlosen Wolkenreich; ich bekam Sehnsucht, meine altgewohnte Welt mit all ihrer Fülle bunten Lebens wieder an die Brust zu drücken und in alle meine Sinne aufzunehmen.

Da hörte ich plötzlich in der Nähe das klägliche Weinen einer Frau. In dieser Welt voll Kummer und Elend ist solch ein Laut nichts Besonderes, zu einer andern Zeit und an einem andern Orte hätte ich mich vielleicht gar nicht danach umgewandt; aber hier drang dieser Laut wie das Weinen der ganzen fernen Welt, von der ich getrennt war, an mein Ohr.

So folgte ich denn der Stimme und erblickte abseits von der Straße eine Frau, die in ein Aszetengewand gehüllt war. Ihre schweren goldbraunen Haarflechten waren oben auf dem Kopf zu einer dichten Krone geschlungen. Sie saß auf dem Stein und weinte leise vor sich hin. Das war kein Augenblickskummer; hier weinte sich ein lange aufgestautes Leid aus, das in dieser Wolkenfinsternis und Menschenöde erschöpft zusammengebrochen war.

Ich konnte der Frau nicht ansehen, zu welcher Volksrasse oder -klasse sie gehörte. So fragte ich sie kurzweg auf hindustanisch: »Wer bist du? Was fehlt dir?«

Sie antwortete nicht sogleich, sondern blickte nur aus tränenumflorten Augen zu mir auf.

»Hab keine Angst vor mir«, sagte ich, »ich bin ein Gentleman.«

Sie lächelte und sagte in reinem Hindustanisch: »Angst kenne ich schon lange nicht mehr, wie ich auch keine weibliche Scheu mehr kenne. Es gab wohl eine Zeit, Babudschi, wo ich mich in dem Zenana abgeschlossen hielt und selbst meinen Bruder nicht dort eintreten lassen wollte; heute gibt es in der weiten Welt keinen Purdah Vorhang, der die Frauen vornehmen Ranges den Blicken der Männer entzieht. mehr für mich.«

Ich war etwas ärgerlich; wie konnte diese elende Frau mich so ohne weiteres mit Babudschi anreden? Man sah mir doch von außen den Sahib an! Ich hätte im ersten Augenblick am liebsten gleich Schluß gemacht und wäre stolz wie ein Europäer, den Zigarettenrauch um die erhobene Nase blasend, davongedampft. Doch die Neugierde siegte bald über diese Regung, und ich fragte ein wenig hochmütig über die Achsel hin: »Kann ich etwas für dich tun? Brauchst du etwas?«

Sie sah mich eine Weile ruhig an, dann sagte sie einfach: »Ich bin die Tochter des Fürsten von Badraon, Golam Kader Khan.«

Ich ahnte nicht, was für ein Land Badraon sein mochte, und wußte auch nichts von dem Fürsten Golam Kader Khan und wie es kam, daß seine Tochter im Aszetengewande auf der Kalkuttaer Straße von Dardschiling saß und weinte ? und ich glaubte auch nicht daran. Aber die Geschichte fing an, interessant zu werden! Ich wollte mir den Spaß nicht verderben, daher machte ich mit ernstem Gesicht eine tiefe Verbeugung und sagte: »Verzeih, Prinzessin, ich konnte nicht wissen, wer du bist.«

Sie schien mir dies auch nicht weiter übelzunehmen, sondern lud mich mit einer Handbewegung ein, auf einem Stein neben ihr Platz zu nehmen.

Ich sah, daß diese Frau gewohnt war zu befehlen, und machte ohne Zögern von der unerwarteten Ehre Gebrauch, den harten, moosbewachsenen Steinsitz an der Seite der Prinzessin Nurunnischa oder Meherunnischa oder Nurulmulk Landläufige arabische Namen für Prinzessinnen. einnehmen zu dürfen. Das hatte ich mir, als ich, mit meinem Regenmantel angetan, das Hotel verließ, nicht träumen lassen.

»Wer hat dich in diesen Zustand gebracht, Prinzessin?« fragte ich sie.

Sie schlug sich vor die Stirn. »Wie kann ich wissen, wer dies alles macht!« sagte sie. »Wer verdeckt diese gewaltigen Himalajaberge mit einer armseligen Nebelwolke?«

Ich ging nicht weiter auf diese philosophische Betrachtung ein, sondern sagte nur zustimmend: »Ach ja, wer weiß um die unsichtbaren Geheimnisse! Der Mensch ist nicht viel mehr als ein Wurm!«

Ich hätte die Diskussion aufgenommen und die Prinzessin nicht so leicht davongelassen, aber mein Sprachschatz reichte nicht aus. Das bißchen Hindustanisch, das ich für den Verkehr mit Hoteldienern und Gepäckträgern brauchte, genügte nicht, um mit einer Fürstentochter oder sonst jemand über Determinismus und Willensfreiheit zu diskutieren.

Die Prinzessin sagte: »Die seltsame Geschichte meines Lebens ist heute zum Abschluß gelangt. Wenn Sie befehlen, so erzähle ich sie Ihnen.«

»Befehlen!« rief ich beschämt. »Wenn Sie die Gnade haben, sie mir zu erzählen, wird es mir eine Ehre sein, Ihnen zuzuhören.«

Man denke nicht etwa, daß ich genau diese Worte auf hindustanisch sagte ? ich hätte sie sagen mögen, aber ich wußte sie leider nicht.

Während die Prinzessin erzählte, war mir, als ob ein sanfter Morgenwind über ein taugebadetes, goldenhäuptiges Kornfeld strich ? so leicht und anmutvoll glitt der Strom ihrer Rede dahin. Und ich hatte sie so ohne weiteres in meinem radebrecherischen Hindustanisch angeredet! Eine so vollkommene Gewandtheit des sprachlichen Ausdrucks war mir nie begegnet; während sie zu mir sprach, empfand ich zum erstenmal in meinem Leben meine eigene barbarische Unzulänglichkeit. Sie erzählte: »In den Adern meines Vaters floß das Blut der Könige von Delhi. Daher war es schwer, für mich einen Bräutigam zu finden, der dem Familienstolz genügte. Ein Fürst von Lakhnau hatte sich um mich beworben; der Vater zögerte noch ? da brach der Sepoy-Aufstand Sepoys oder Sipahis = eingeborene Truppen (1856-62). aus, und ganz Hindustan wurde vom Rauch der Kanonen verfinstert.«

Ich hatte die hindustanische Sprache nie aus dem Munde einer Frau, geschweige denn einer vornehmen Dame gehört; nun wurde mir klar, eine wie edle Sprache es ist ? und daß sie der Vergangenheit angehört. Heute, in dieser Zeit der Eisenbahnen, des Telegraphen und der Arbeitshast, wo die edlen Geschlechter ausgestorben sind, ist alles klein und schmucklos geworden. Während ich der Prinzessin zuhörte, stieg inmitten des Nebelnetzes dieser modernen englischen Gebirgsstadt vor meinem geistigen Auge wie durch Zauberkraft die Idealstadt der mohammedanischen Könige auf ? ich sah die hochragenden Marmorpaläste, die breiten Straßen, die langgeschwänzten Pferde mit ihren goldgestickten Samtdecken, die Elefanten mit ihren prächtigen, goldgefransten Sitzen, die Bewohner mit ihren vielfarbigen Turbanen, ihren seidenen Gewändern und weiten Hosen, ihren gekrümmten Schwertern um den Gürtel und ihren goldgeschnürten Schnabelschuhen ? alles weit und großzügig: der Raum, die mußevolle Zeit, die Gewandung und die ganze Lebensform.

Die Prinzessin erzählte: »Unsere Burg stand am Ufer der Jamuna. Unser Feldherr war ein hindustanischer Brahmane. Sein Name war Kescharlal.«

Es war, als ob die Frau die ganze Musik ihrer Stimme in diesen Namen ausströmen ließ. Ich hatte meinen Stock auf den Boden gelegt und saß in gespannter Erwartung unbeweglich da.

»Kescharlal war ein vornehmer Hindu. Ich stand jeden Morgen in aller Frühe auf und sah durch das kleine, runde Fenster des Serails Kescharlal bis an die Brust im Wasser stehen, das erhobene Antlitz der aufgehenden Sonne zugewandt, die Hände anbetend gefaltet. Danach saß er in seinem nassen Gewand auf der Flußtreppe, und nachdem er mit tiefer Andacht sein Gebet verrichtet, sang er mit reiner, schöner Stimme die Morgenhymne.

Ich bin zwar Mohammedanerin, aber ich hatte nie etwas von religiösen Dingen gehört, und die Riten meiner eigenen Religion waren mir unbekannt. Denn dazumal hatten sich sowohl bei unsern dem Luxus und Trunk ergebenen zügellosen Männern als auch in unsern vergnügungssüchtigen Serails die Bande der Religion vollständig gelockert.

Ob nun Gott mir einen natürlichen Hang zur Religion gegeben hat, oder aus einem andern Grunde ? jeden Morgen, wenn ich im neu erblühten Sonnenlicht Kescharlal im stillen Gebet auf den weißen Landungsstufen der blauen Jamuna sitzen sah, wurde mein aus seinem Schlaf erwachtes Herz von Andacht überflutet. Die helle, jugendlich schlanke Gestalt des keuschen, frommen Kescharlal erschien mir wie eine reine Opferflamme, und die Seele des mohammedanischen Mädchens neigte sich anbetend vor der Glorie des Brahmanen.

Ich hatte eine Hindusklavin. Sie nahte jeden Tag ehrfurchtsvoll dem jungen Feldherrn und nahm den Staub von seinen Füßen Eine indische Ehrfurchtsbezeigung: man berührt mit den Händen die Füße des Betreffenden und dann die eigene Stirn.. Wenn ich auch Freude darüber empfand, so konnte ich mich doch eines Gefühls der Eifersucht nicht erwehren. Bei religiösen Festlichkeiten speiste und beschenkte diese Sklavin bisweilen die Brahmanen. Ich selbst gab ihr Geld zu diesem Zweck und sagte einmal: ?Willst du Kescharlal nicht auch einladen?? Sie aber erwiderte ganz erschrocken: ?Wie könnte ich das wagen? Kescharlal Thakur ißt nicht mit andern und nimmt auch keine Gaben an.?

So konnte ich Kescharlal auf keine Weise, weder mittelbar noch unmittelbar, meine Ergebenheit zeigen, und dadurch wurde die Sehnsucht meines Herzens nur immer brennender.

Einer unsrer Vorfahren hatte die Tochter eines Brahmanen mit Gewalt entführt und geheiratet. Wenn ich in meinem einsamen Winkel im Serail saß, fühlte ich den heiligen Strom ihres Blutes in meinen eigenen Adern fließen, und es beglückte mich, wenn ich mir vorstellte, daß diese Blutsgemeinschaft mich auch ein wenig mit Kescharlal verband.

Von meiner Hindumagd kannte ich das ganze Wesen und die Gebräuche der Hindureligion, kannte alle Sagen von den wunderbaren Taten der Götter, alle herrlichen Geschichten aus dem Ramayana und Mahabharata bis in alle Einzelheiten; und wenn ich ihren Erzählungen zuhörte, stieg vor meinem Geiste eine wundervolle Vision der Hinduwelt auf. Bild auf Bild zog vorüber ? ich hörte den Klang der Muschelhörner, sah die vergoldeten Zinnen der Tempel, atmete den Wohlgeruch des Weihrauchs, den lieblich gemischten Duft der Blumen und des Sandelbalsams, staunte über die unerhörte Macht der Jogis, die Heiligkeit der Sannyasins, die hehre Größe der Brahmanen, über das bunte Spiel der in Menschengestalt auf die Erde herabgestiegenen Götter. Dies alles wurde mir zu einer ganz alten, ganz fernen, ganz unwirklichen Zauberwelt. Mein Geist glich einem kleinen verirrten Vögelchen, das in der Dämmerung in den Ruinen eines alten Palastes umherflattert und sein Nest sucht.

Um die Zeit begann der Aufstand der Sepoys gegen die Engländer. Auch bis an die Wälle unsrer kleinen Burg schlugen die Wogen des Tumults.

Kescharlal sagte: ?Jetzt werden wir die Rindfleischesser aus unserm heiligen Lande jagen, und dann wird das Schicksal entscheiden, ob Hindu oder Muselmann über Hindustan herrschen soll.?

Mein Vater war ein vorsichtiger Mann; er ließ sich zwar in schmähenden Worten über die englische Rasse aus, aber dann sagte er: ?Sie haben eine ungeheure Macht; die Hindus können es mit ihnen nicht aufnehmen. Ich kann nicht auf unsinnige Hoffnungen hin meine Burg aufs Spiel setzen ? ich werde nicht gegen die englischen Truppen kämpfen.?

Diese kaufmännische Vorsicht meines Vaters in einem Augenblick, wo das Blut aller Hindus und Mohammedaner zum Freiheitskampf entflammt war, erfüllte uns alle mit Verachtung. Kescharlal erschien bewaffnet an der Spitze des Heeres und erklärte meinem Vater: ?Wenn Ihr Euch uns nicht anschließt, so werde ich Euch in dem Augenblick, wo der Kampf beginnt, gefangennehmen und die Burg besetzen.?

?Sei ohne Sorge?, sagte mein Vater, ?ich werde auf eurer Seite bleiben.?

?Wir brauchen Geld aus der Schatzkammer?, sagte Kescharlal.

Aber mein Vater gab noch nichts her. ?Ich werde es schon herausgeben, wenn es nötig ist?, sagte er.

Ich nahm meinen sämtlichen Schmuck ab, vom Stirndiadem bis zu den Fußspangen, tat alles in ein Bündel und schickte meine Hindumagd heimlich damit zu Kescharlal. Er nahm es! Ein Glücksschauer überrieselte meinen schmuckberaubten Körper!

Kescharlal ließ die rostigen Gewehre und die alten krummen Schwerter putzen und hielt alles bereit ? da kam eines Nachmittags plötzlich ein Abgesandter der englischen Regierung in gestrecktem Galopp daher und ritt mit seinen Rotjacken in unsre Burg ein.

Mein Vater unterrichtete ihn heimlich von dem Verrat.

Kescharlal hatte sein Heer so in der Gewalt, daß jeder bereit war, auf sein Wort mit dem Schwert in der Hand zu sterben.

Das Haus meines verräterischen Vaters war mir zur Hölle geworden. Mir wollte vor Zorn und Schmerz und Scham und Haß die Brust zerspringen; dennoch kam keine Träne aus meinen Augen. Ich legte die Kleider meines feigen Bruders an und stahl mich in dieser Verkleidung unbemerkt aus dem Palaste.

Als dann die Wolken von Staub und Rauch sich etwas verzogen hatten und das Geschrei der Soldaten und der Lärm der Geschosse schwieg, war die Abendluft von der furchtbaren Stille des Todes erfüllt. Die untergehende Sonne färbte das Wasser der Jamuna blutigrot, der Abendhimmel war vom Licht des Mondes hell erleuchtet.

Auf dem Schlachtfelde bot sich weithin nach allen Seiten der grausige Anblick des Todes. Zu einer andern Zeit wäre mein Herz in Mitleid ganz verzweifelt, aber nun ging ich wie eine Traumwandelnde umher ? ich suchte Kescharlal ? auf irgend etwas anderes zu achten, erschien mir wie Untreue.

Nachdem ich lange umhergesucht hatte, sah ich plötzlich beim hellen Mondlicht der Mitternacht nicht weit vom Schlachtfelde am Ufer der Jamuna etwas unter einem Mangobaum liegen. Es war Kescharlal, der neben dem Leichnam seines treuen Dieners Deoki Nandan lag. Man konnte denken, daß vielleicht der Herr den tödlich verwundeten Diener oder der Diener den Herrn vom Schlachtfelde an diesen geschützten Ort gebracht hätte und darauf selbst in den Frieden des Todes hinübergeglitten wäre.

Zuerst stillte ich meine langgehegte Sehnsucht, Kescharlal meine Ehrfurcht zu erweisen. Ich warf mich zu seinen Füßen nieder, löste meine bis zu den Knien reichenden Haarflechten und wischte immer wieder damit den Staub von seinen Füßen. Dann legte ich seine kalten Lotosfüße an meine brennende Stirn, und wie ich sie küßte, brach der langunterdrückte Strom meiner Tränen ungehemmt hervor.

Da regte sich Kescharlal und stieß einen Schmerzenslaut aus. Als ich erschrocken seine Füße losließ und mich erhob, sagte er mit geschlossenen Augen und heiserer Stimme: ?Wasser!?

Schnell lief ich hin und tauchte mein Gewand in den Fluß, dann drückte ich das Wasser zwischen Kescharlals geöffnete Lippen. Er hatte einen furchtbaren Hieb über die Stirn erhalten, der das linke Auge verletzt hatte. Ich riß einen nassen Streifen von meinem Gewande und verband seine Wunde.

Nachdem ich viele Male zum Fluß hinabgestiegen war und immer wieder seine Lippen und sein Auge genetzt hatte, kam er allmählich zum Bewußtsein zurück. Ich fragte ihn: ?Soll ich noch Wasser bringen??

?Wer bist du?? fragte er.

Ich konnte nicht anders, ich mußte sagen: ?Ich bin Ihre treuergebene Sklavin. Ich bin die Tochter des Fürsten Golam Kader Khan.? ? Ich dachte bei mir: Das Glück soll mir niemand rauben, daß Kescharlal vor seinem Tode doch noch von mir und meiner tiefen Verehrung für ihn erfährt.

Kaum hatte Kescharlal gehört, wer ich war, so fuhr er wie ein wütender Löwe auf und schrie: ?Die Tochter des Verräters! Eine Ungläubige! Du hast mir vor dem Sterben Wasser gegeben und so mein religiöses Verdienst vernichtet!? Dabei versetzte er mir mit der Rechten einen gewaltigen Schlag gegen die Stirn. Es wurde mir dunkel vor den Augen.

Damals war ich sechzehn Jahre alt. Des weiten Himmels sengend heißer Sonnenstrahl hatte die rosige Lieblichkeit meiner jungfräulichen Wange noch nicht hinweggenommen. Dies war mein erster Schritt aus dem Serail hinaus, und dies war die Begrüßung, die ich von der Gottheit meiner Welt empfing!«

Ich hatte die ganze Zeit mit meiner erloschenen Zigarette regungslos wie eine Statue dagesessen und der Erzählung zugehört. Nun brach ich plötzlich aus: »Das Tier!«

»Inwiefern ein Tier?« sagte die Prinzessin. »Ist der ein Tier, der in der Sterbequal das Wasser von seinen verschmachtenden Lippen zurückweist?«

Ich schwieg verwirrt.

Die Prinzessin fuhr fort: »Zuerst war mir, als sei plötzlich die ganze Welt zerschmetternd auf mein Haupt gefallen. Aber dann kam ich zur Besinnung. Ich beugte mich vor diesem strengen, heiligen Brahmanen, und mein Herz rief: ?O Brahmane, du nimmst ja niemals den Dienst der Unreinen, die Speise der Fremden, die Geschenke der Reichen, die Liebe der Frauen; du bist anders und einsam und fern ? woher sollte ich das Recht haben, mich dir darzubieten??

Was in Kescharlal vorging, als er sah, wie die Prinzessin das Haupt vor ihm in den Staub beugte, weiß ich nicht; auf seinem Antlitz zeigte sich weder Staunen noch inneres Schwanken. Er sah mich einen Augenblick unbewegt an, dann erhob er sich schnell. Ich streckte erschrocken die Hand aus, um ihn zu stützen, er wies sie schweigend zurück, ging mit mühsamen Schritten zur Flußtreppe und stieg die Stufen hinab. Dort lag ein Fährboot angebunden, aber kein Fährmann war zu sehen. Kescharlal stieg ins Boot, band es los, und bald fuhr es mit der Strömung dahin und war meinen Augen entschwunden.

Lange stand ich in jener Nacht, die gefalteten Hände wie anbetend nach dem verschwundenen Fährboot ausgestreckt, am schweigenden Ufer. So hätte ich am liebsten mein nutzloses Leben mit der ganzen Last meines Herzens, mit der ganzen Last meiner Jugend, mit der ganzen Last meines verschmähten Opferwillens wie eine vorzeitig abgefallene Blüte in die stille, mondbeglänzte Flut der Jamuna hinabgleiten lassen.

Und doch konnte ich es nicht. Zwar, der Mond am Himmel, die dunklen Bäume am Ufer, die stillen Wasser des Flusses, und über dem Mangohain die im Mondlicht schimmernden Zinnen unsrer Burg ? alles sang in schweigender Harmonie das Lied des Todes. Nur ein auf dem wellenlosen Busen der Jamuna dahingleitendes unsichtbares Schifflein riß mich von den lockend ausgestreckten Armen des erlösenden Todes fort auf den Pfad des Lebens. Und ich fing an, wie eine Zauberschlafbefangene umherzuirren, bald im Schilf, bald auf dem Sande, bald am zerbröckelten Uferabhang, bald im dichten Gestrüpp des Waldes.«

Hier schwieg die Erzählerin. Auch ich blieb stumm.

Nach einer langen Pause fuhr sie fort: »Was dann geschah, ist sehr schwer zu erzählen, ich könnte auch heute die einzelnen Erlebnisse gar nicht mehr unterscheiden. Ich wanderte wie durch einen dichten Wald; wie ich mich hindurchfand, weiß ich selbst nicht. Aber in all dieser Zeit meines Lebens begriff ich, daß nichts unmöglich und unausführbar ist. Man könnte denken, daß eine Prinzessin unter solchen Umständen nie den Weg durch die Welt finden könnte. Das ist eine falsche Vorstellung. Wenn sie einmal draußen ist, so findet sie auch einen Weg. Es ist zwar kein Prinzessinnenweg, aber es ist ein Weg ? ein Weg, auf dem beständig Menschen gehen und kommen. Er ist rauh und voll endloser An- und Abstiege und Verzweigungen, er ist mit unzähligen Hemmnissen und Gefahren bestreut, aber es ist ein Weg.

Der Bericht von meiner langen Wanderung auf der großen Menschenstraße ist keine liebliche Unterhaltung, aber auch wenn er es wäre, hätte ich nicht die Kraft und den Mut dazu. Ich will nur kurz zusammenfassend sagen, daß, wenn ich auch viel Leid und Not und Gefahren und Kränkungen durchzumachen hatte, das Leben dennoch nicht unerträglich war. Gleich der brennenden Rakete genoß ich die Freiheit der Bewegung. Solange ich schnell dahinging, fühlte ich den Brand nicht. Heute ist der Funke höchsten Glückes, den ich bei dem größten Leid in mir fühlte, erloschen, und ich bin wie ein totes Ding im Staube des Weges liegengeblieben ? heute ist meine Wanderung zu Ende gekommen, und damit meine Geschichte.«

Die Prinzessin schwieg. Ich widersprach innerlich; hier konnte sie doch auf keinen Fall enden. Nachdem ich eine Weile geschwiegen hatte, sagte ich in gebrochenem Hindustanisch: »Verzeihen Sie meine Dreistigkeit ? es würde das Herz Ihres Dieners erleichtern, wenn Sie ihm den letzten Teil Ihrer Geschichte erzählen wollten.«

Die Prinzessin lächelte. Ich verstand, daß es meinem gebrochenen Hindustanisch galt. Wenn ich meine Rede in tadellosem Hindustanisch hätte loslassen können, so hätte sie sich mir gegenüber wohl nicht so frei gefühlt, aber da ich ihre Muttersprache so wenig kannte, war schon dadurch eine große Distanz zwischen uns geschaffen; die Sprache bildete gleichsam eine schützende Schranke.

Sie fuhr fort: »Ich hörte oft von Kescharlal, aber es war mir nicht möglich, ihn zu Gesicht zu bekommen. Er hatte sich Tantiyatopis Schar angeschlossen und fiel bald von Westen, bald von Norden, bald von Süden plötzlich wie ein Donnerkeil über dies unglückliche Land her; ebenso plötzlich war er dann wieder verschwunden.

Da legte ich ein Aszetengewand an und begab mich nach Benares unter die Schüler Schibananda Svamis. Ich studierte mit großem Fleiß die heiligen Schriften, verfolgte aber dabei auch mit höchster Spannung die Berichte über den gegenwärtigen Aufstand.

Allmählich gelang es der britischen Regierung, das Feuer des indischen Aufstandes auszutreten. Da hörte ich plötzlich nichts mehr von Kescharlal. Alle die Heldengestalten, die aus allen Enden Indiens herbeigeströmt und im blutroten Licht furchtbarer Zerstörung sichtbar geworden waren, tauchten plötzlich in Finsternis unter.

Da hielt es mich nicht länger. Ich verließ die Zufluchtsstätte, die ich bei meinem Guru Geistlicher Lehrer. gefunden hatte und ging im Aszetengewande wieder hinaus auf die Straße der Menschen. Ich wanderte von einem heiligen Ort, von einem Tempel zum andern ? nirgends hörte ich etwas von Kescharlal. Einige, die ihn dem Namen nach kannten, sagten: ?Wenn er nicht im Kampf gefallen ist, so wird er ein Opfer der Rache der Regierung geworden sein.? Aber ich sagte mir: ?Nein, Kescharlal ist nicht tot. Dieser Brahmane, diese verzehrende Flamme kann nicht erlöschen; sie brennt auf irgendeinem unzugänglichen, einsamen Altar, um mein Selbstopfer aufzunehmen.?

In den heiligen Schriften der Hindus steht geschrieben, daß ein Schudra Niedrigste Kaste. durch Wissen und Aszese Brahmane werden kann. Ob dies auch für einen Mohammedaner gilt, ist nicht erwähnt ? es gab ja damals noch keine Mohammedaner. Ich wußte, daß meine Begegnung mit Kescharlal noch lange nicht stattfinden würde, denn ich mußte ja erst Brahmanin werden.

So vergingen dreißig Jahre. Ich war innerlich und äußerlich, in meinem Denken und Reden und Handeln Brahmanin geworden; das Blut meiner brahmanischen Ahne floß unverfälscht in meinen Adern, und ich hatte nur noch das eine Verlangen, durch gänzliche Selbstaufgabe zu den Füßen des Brahmanen, der an der Schwelle meiner Jugend gestanden und der der Leitstern meines ganzen Lebens geworden war, dies Leben zu krönen.

Während des Aufstandes hatte ich viel von Kescharlals Heldentaten gehört, aber das alles hatte sich meinem Geiste nicht eingeprägt. Wie ich ihn zuletzt gesehen ? in der schweigenden Mondnacht auf den stillen Fluten der Jamuna in einem kleinen Boot allein dahintreibend ?, so lebte er in meiner Seele. Ich sah Tag für Tag nur das eine Bild: wie der Brahmane den Strom hinabschiffte, Tag und Nacht irgendeinem unbestimmten großen Geheimnis folgend ? ohne Gefährten, ohne Diener ? er bedurfte ihrer auch nicht; dieser reine, in sein Inneres versenkte Mensch war sich selbst genug. Nur des Himmels Planeten und Monde und Sterne beobachteten ihn schweigend.

Da erhielt ich die Nachricht, daß Kescharlal der Rache der Regierung entronnen und nach Nepal geflüchtet sei. Ich wanderte nach Nepal. Nachdem ich dort lange gesucht hatte, erfuhr ich, daß er seit lange Nepal verlassen hätte; niemand wußte, wohin er gegangen war.

Darauf wanderte ich weiter, über Berg und Tal. In diesem Lande wohnen keine Hindus, sondern aus Bhutan eingewanderte Barbaren; sie haben keinerlei Speise- und Reinlichkeitsgesetze, sie haben ganz andere Götter und Kulte. Ich war in beständiger Angst, daß meine durch langjährige geistliche Übungen erworbene Reinheit durch irgend etwas befleckt werden könnte, und suchte mich, so gut ich konnte, vor jeder verunreinigenden Berührung zu schützen. Ich wußte, daß mein Boot sich dem Ufer näherte und daß das Ziel meines Lebens nahe war.

Was soll ich noch weiter sagen! Das letzte ist so wenig. Wenn eine Lampe im Erlöschen ist, so bläst ein Hauch sie aus ? wozu soll ich das noch weiter ausführen!

Nach achtunddreißig Jahren kam ich hierher nach Dardschiling, und heute morgen sah ich Kescharlal.«

Da die Erzählerin schwieg, fragte ich gespannt: »Sie haben ihn gesehen?«

»Ich habe den alten Kescharlal gesehen, wie er in seinem Bhutanhause mit seiner Bhutanfrau und seinen Kindern in schmutziger Kleidung auf seinem schmutzigen Hofe Mais aushülste.«

Die Geschichte war zu Ende. Ich wollte ein beruhigendes Wort sagen. »Wenn er achtunddreißig Jahre als Geächteter unter niedern Kasten leben mußte, wie sollte er sich da rein halten?«

Die Prinzessin erwiderte: »Das verstehe ich wohl. Aber mit welcher Illusion war ich umhergezogen! Wie konnte ich wissen, daß das Brahmanentum, das mein junges Herz stahl, nur eine Gewohnheit des Körpers und des Geistes war! Ich hatte es für echte Religion gehalten, für etwas Ewiges! Wenn es das nicht war, warum hatte ich dann mit sechzehn Jahren mein Vaterhaus verlassen und in jener Mondscheinnacht mein eben erblühtes, von Anbetungseifer zitterndes Selbst mit Leib und Seele dem Brahmanen dargeboten? Und als mir zum Lohn die furchtbare Kränkung von seiner Hand zuteil wurde, warum hatte ich sie schweigend und demütig gesenkten Hauptes wie eine Weihe von der Hand des Gurus hingenommen? O Brahmane, du konntest deine Gewohnheit ablegen und eine andere Gewohnheit annehmen, aber wo soll ich für mein vergeudetes Leben und für meine vergeudete Jugend ein anderes Leben und eine andere Jugend hernehmen?«

Damit erhob sich die Frau und sagte: »Namaskar, Babudschi!«

Im nächsten Augenblick verbesserte sie sich: »Selam, Babu Sahib!« Mit diesem mohammedanischen Gruß nahm sie gleichsam von dem morschen, verstaubten Brahmanentum Abschied. Noch ehe ich ein Wort sagen konnte, verschwand ihre Gestalt wie eine Wolke im grauen Nebel des Himalaja.

Ich schloß eine Weile die Augen und sah die mannigfaltigen Bilder der Erzählung noch einmal im Geiste an mir vorüberziehen. Ich sah die sechzehnjährige Königstochter auf ihrem bequemen Samtsitz am runden Fenster der väterlichen Burg am Ufer der Jamuna ? ich sah die in Andacht versunkene Aszetin im Tempel des Pilgerortes beim abendlichen Lampenopfer ? und endlich sah ich auf dieser Kalkuttaer Straße von Dardschiling die in Nebel gehüllte Gestalt der unter der Last ihres gebrochenen Herzens zusammengesunkenen Alten ?

Als ich die Augen öffnete, hatten sich die Wolken zerteilt, und der Himmel glänzte in freundlichem Sonnenschein. Die englischen Damen kamen in Schiebewagen, und die englischen Herren zu Pferd heraus, um die frische Luft zu genießen; von Zeit zu Zeit spähten ein paar neugierige bengalische Gesichter aus ihren Halstüchern hervor neugierig zu mir herüber.

Ich erhob mich schnell. Vor diesem sonnenerhellten, frei eindringenden Blick der Welt erschien mir diese wolkenverhüllte Geschichte schon nicht mehr wahr. Ich glaube, daß der Rauch meiner Zigarette, mit dem Nebel der Berge sich mischend, die Geschichte in meiner Phantasie zusammengebraut hat, und daß weder die mohammedanische Brahmanin, noch der Brahmanenheld, noch die Burg am Ufer der Jamuna jemals Wirklichkeit gewesen ist.

Nachwort

Der indische Dichter Rabindranath Tagore (der Name lautet eigentlich Thâkur) entstammt einer alten, hochangesehenen Brahmanenfamilie, die seit dem 10. Jahrhundert im öffentlichen wie im geistigen Leben Bengalens eine ruhmvolle Rolle gespielt hat. Sein Vater, Debendranath Tagore, ist bekannt als der Führer des Brahma Samadsch, der monotheistischen Kirche Indiens, der freiesten und geistig bedeutendsten unter den Religionsgemeinschaften, die im modernen Indien unter christlichem Einfluß entstanden sind. (Sie konnte in diesem Jahre ihr hundertjähriges Bestehen feiern.) Rabindranath wurde am 7. Mai 1861 als jüngster von sieben Brüdern geboren. Seine Jugend verfloß in dem alten, weitläufigen Familienhause, wo der Knabe, durch seine Jugend einsam, von Dienern mehr tyrannisiert als betreut und mit Unterrichtsstunden überbürdet, im Verkehr mit den Bäumen und Pflanzen des Innengartens seinen besten Trost fand. Seine Jugend fiel in die Zeit, wo sich in Bengalen unter dem Anhauch des europäischen Geistes neues Leben regte, die moderne Literatur ihre ersten Werke von Rang hervorbrachte und die ersten Anfänge der Swadeschibewegung in Erscheinung traten. Das Haus Tagore war ein Mittelpunkt namentlich der künstlerischen und literarischen Bestrebungen, wie denn ein Bruder des Dichters Philosoph, ein andrer Musiker und ein Vetter Maler ist. So war es eine geistig bewegte, mit mannigfachen Keimen geschwängerte Luft, die der heranwachsende Jüngling atmete.

Mit 17 Jahren wurde er nach England geschickt zu seiner juristischen Ausbildung, aber er blieb schon im Lateinlernen hängen. Statt dessen versenkte er sich in die englische Literatur, besonders die großen Lyriker des 19. Jahrhunderts: Shelley, Wordsworth, Browning. Denn ihm war längst klar, daß er zum Dichter geschaffen war und nichts andres sein konnte. Und nach seiner Heimkehr floß der Strom der Dichtung ununterbrochen. Er lebte meist zurückgezogen im Vaterhause oder er begleitete einen Bruder, der an verschiedenen Orten als Richter wirkte. In dieser Zeit erhielt der Dichter durch visionäre Erlebnisse seine volle Reife und sein endgültiges Gesicht. Mit 22 Jahren heiratete Tagore und nahm nun eine Wohnung mit Ausblick auf eine Siedlung, wo arme Leute wohnten. Im übrigen ließ er sich vom Strome des geselligen und literarischen Lebens der Hauptstadt treiben. Aber weder die Freuden der Geselligkeit noch die einsame Muße und das Sicheinspinnen in eine Traumwelt konnten den Dichter auf die Dauer befriedigen, der nach Tätigkeit und Berührung mit der realen Welt verlangte. So griff er freudig zu, als sein Vater ihn aufs Land schickte, zur Verwaltung eines Familiengutes Schilaidah am Padmaflusse. In den Jahren, die Tagore hier verbrachte (1891-1895), gewann er die intime Vertrautheit mit dem Leben und Charakter des bengalischen Landvolkes, von der seine Erzählungen zeugen.

Ein erstaunlich reiches und mannigfaches Dichterwerk hat Tagore geschaffen, das noch beständig wächst und von dem wir nur den kleineren Teil kennen, der in englischer Übersetzung erschienen ist. Es umfaßt alle Gattungen der Poesie: Lieder, Verserzählungen, Spruchdichtung, dramatische Dichtungen und Singspiele, Romane und Novellen; dazu Lebenserinnerungen, religiöse und andere Vorträge, Abhandlungen und Kritiken aus den verschiedensten Gebieten. Doch Kern und Herz seines gesamten Werkes ist seine Lyrik. Er ist seinem innersten Wesen nach Lyriker, Sänger, Poet, wie Goethe; aber, wie bei Goethe, ist um diesen Kern ein universales Dichter- und Menschentum gewachsen, das fast alle geistigen Bestrebungen seiner Zeit in sich vereinigt, so daß Tagore der Repräsentant des indischen Volkes in einem so umfassenden Sinne ist, wie es selten einem Menschen zuteil wurde. ? Von dieser Lyrik haben wir eine recht unzulängliche Vorstellung, denn wir kennen sie nur in dem schlichten Prosagewande, das ihr der Dichter gab, als er sie der abendländischen Welt darbot. Im Urtext ? Tagore dichtet ausschließlich in seiner bengalischen Muttersprache ? sind sie dagegen in mannigfachen kunstvollen Strophen mit reichem Reimschmuck abgefaßt. Denn sie sind nicht zum Lesen bestimmt, sondern zum Singen. Der Dichter erfindet sie singend zugleich mit der Melodie, indem er zum Teil Volksweisen benutzt; er singt sie seinen Schülern und Freunden vor, und so verbreiten sie sich weiter und gehen von Mund zu Mund. So ist ein großer Teil dieser Lieder Gemeinbesitz des Volkes geworden und wird gesungen, so weit bengalische Sprache verstanden wird. In einziger Weise vereinigt Tagores Lyrik die schlichte Anmut des Volksliedes mit der Formvollendung hoher Kunst.

Man kann bei Tagore zwischen weltlicher und geistlicher Dichtung unterscheiden, ohne daß sich eine scharfe Grenze ziehen ließe; denn auch die Liebesdichtung und die Lieder vom Kinde (»Der zunehmende Mond«) rühren an die tiefsten Saiten des Herzens, wie sich in der geistlichen Dichtung nirgends eine Absage an die Welt ausdrückt. Immerhin bemerken wir um die Jahrhundertwende einen Wandel in seiner Dichtung, indem von nun an die ausgesprochen religiöse Dichtung überwiegt. Mehrere Gedichtbände, von denen uns eine Auswahl in »Gitanjali« (spr. gîtândschali) vorliegt, und das große mystische Drama »Der König der dunklen Kammer« sind die Hauptdenkmäler dieser Periode. Gleichzeitig ändert sich auch das Leben des Dichters. In alter Zeit pflegte der Inder hoher Kaste sich in einem gewissen Alter von Haus, Familie und Geschäft zu lösen, um als Waldeinsiedler oder wandernder Bettler ganz seinem Seelenheil zu leben. Der Vater, Debendranath, hatte ein Stück Heideland in abgelegener Gegend erworben, wo er in jedem Jahre einige Wochen oder Monate in völliger Weltabgeschiedenheit zubrachte; er nannte es Santiniketan (Wohnsitz des Friedens). Hierher zog sich der Sohn zurück, allerdings nicht zu beschaulicher Muße, sondern zu einer neuen Tätigkeit. Im Dezember 1901 eröffnete er eine Schule, zunächst für wenige Kinder, eigene und die von Freunden, um ihnen ein Aufwachsen in voller Freiheit inmitten der freien Natur zu ermöglichen. Dies war der Keim, der sich zu der viele Zweige umfassenden Schulsiedlung ausgewachsen hat, die heute Weltruf genießt. In eben diesen Jahren trafen den Dichter schwere Schicksalsschläge: er verlor kurz nacheinander sein geliebtes Weib und zwei hoffnungsvolle Kinder. Dadurch wurde der Zug zur Weltabgeschiedenheit noch verstärkt. Doch war auch diese Wendung nicht endgültig. Vielmehr sammelte Tagore in der Einsamkeit Kräfte und Gedankenvorrat für neues, fruchtbares Wirken auf die Welt mit noch größerem Radius.

Im Frühjahr 1912 trat er abermals eine Reise nach England an. Während der langen Überfahrt übertrug er eine Auswahl seiner religiösen Lyrik in englische Prosa; so entstand das schon erwähnte »Gitanjali«. Die englischen Freunde waren begeistert und veranlaßten, daß die Sammlung gedruckt und der Öffentlichkeit übergeben wurde (März 1913). Mit diesem Buche, von dem im gleichen Jahre noch 13 weitere Auflagen erschienen, wurde Tagore aus dem indischen Dichter zum Weltdichter, zumal als ihm im Herbst 1913 daraufhin der literarische Nobelpreis zuerkannt und dadurch die außerenglische Welt auf ihn aufmerksam gemacht wurde. Dem ersten Bande folgten rasch weitere Proben seiner Dichtung, die Lyrik vom Verfasser selbst übertragen, die Dramen und Erzählungen mit wenigen Ausnahmen von Freunden und Schülern. Aber das Abendland lernte Tagore auf dieser Reise nicht nur als Dichter kennen, er trat auch als Prophet, als religiöser Verkünder vor die Menschheit des Westens mit einer Reihe von Vorträgen, die er zuerst an drei amerikanischen und englischen Universitäten hielt und die dann im Oktober 1913 unter dem Titel »Sadhana« als Buch erschienen. Es enthält das persönliche Glaubensbekenntnis des Dichters und zugleich die religiöse Botschaft Indiens, denn Tagore verkörpert die indische Religion auf ihrer höchsten Entwicklungsstufe, befreit von dem weltverneinenden Pessimismus und Aszetismus ihrer Vergangenheit und zu neuem Leben erweckt durch den Geist der Neuzeit und die Berührung mit der europäischen Kultur.

Dieser Reise sind dann weitere gefolgt, nach den verschiedenen Ländern Europas, Asiens, Amerikas. Sie standen alle im Dienste einer Idee: eine innigere Verbindung, ein Verhältnis gegenseitigen Verstehens und seelischer Sympathie herzustellen zwischen den Völkern des Ostens und des Westens. Auch nach Deutschland ist der Dichter gekommen, sobald die Nachwirkungen des Krieges es erlaubten (Frühling 1921). Damals war ihm ein neuer Plan aufgegangen: er wollte seine Schule zu einer internationalen Universität ausbauen, als Werkzeug der geistigen Berührung und gegenseitigen Befruchtung von Indien und Europa. Aber gerade da setzte die indische Unabhängigkeitsbewegung mit großer Energie ein, und alles Interesse wandte sich der Politik zu; eine feindliche Haltung gegen alles Europäische, die Tendenz, sich dagegen abzuschließen, gewann die Oberhand, und der Einfluß Tagores wurde von dem Gandhis verdrängt. So konnte jener Plan nur unvollkommen verwirklicht werden. Immerhin ist in Santiniketan im Laufe der Jahre neben der Elementarschule eine Frauenschule, eine Kunstschule, eine Ackerbauschule und eine Anstalt für orientalische Studien entstanden.

Tagores Lyrik ist von wunderbarer Zartheit und Innigkeit; sie ist ganz Klang und Duft, von aller Stofflichkeit, aller Erdenschwere befreit. Auch seine dramatischen Dichtungen sind in hohem Grade idealistisch und voll latenter Lyrik; sie spielen mehr im Reiche der Phantasie als in einer örtlich und zeitlich bestimmten Wirklichkeitswelt. Ganz anders die epischen Werke. Sie stehen mit wenigen Ausnahmen fest auf dem Boden der Wirklichkeit; ihr Schauplatz ist das heutige Indien, und sie geben uns tiefe Einblicke in das indische Volk, seine Sitten und Einrichtungen, vor allem in seine Seele und seinen Charakter. Auch ihr Zweck ist nicht die Wiedergabe äußerer Tatsachen, sie behandeln psychologische und ethische Themen, und die Hauptgestalten haben ihr Leben aus der Seele des Dichters. Während die großen Romane in der gebildeten Gesellschaft der Hauptstadt oder unter dem Landadel spielen, führen uns die kürzeren Erzählungen in die Welt des Dorfes, der die überwiegende Mehrheit des indischen Volkes angehört. Der weitaus größte Teil hat tragische Tönung. Von diesen Novellen liegen drei Sammlungen in englischer Übersetzung vor, die den reichen Vorrat doch längst nicht ausschöpfen. Die drei Proben, die hier ausgewählt sind und die bisher noch in keiner europäischen Sprache übersetzt waren, zeigen Tagores Erzählkunst von verschiedenen Seiten. »Enttäuschung« entwirft das altindische Ideal des sittenreinen Brahmanen und des ganz von selbstloser Liebe beherrschten Weibes in einem leuchtenden Bilde, das durch die kühle Ironie der Umrahmung in eine Ferne und Unwirklichkeit gerückt wird. So große sittliche Kräfte in ihm wirken und ihm Wert geben, es ist eine versunkene Welt, für die in der Gegenwart kein Raum ist. In dieser Erzählung ist die tiefe Offenbarung der indischen Seele und die souveräne Kunst der Darstellung gleich bewunderungswürdig. »Der Gast« zeigt Tagores tiefes Verständnis für die Kindesseele. Es ist das Bild eines edlen Wildlings, der, ein Stück ungebrochene Natur, in seinem unbedingten Freiheitsbedürfnis jede Bindung scheut, auch die der Liebe, und daher überall nur als Gast auftritt, nirgends heimisch wird. »Mrinmaji«, der das in Indien seltene Glück widerfährt, aus Liebe geheiratet zu werden, erscheint anfangs als ein weibliches Gegenstück zum »Gast«, aber sie ist nur noch zu jung, ein ausgelassenes Kind, als sie, nach indischer Sitte, in die Ehe tritt, und muß erst durch Entbehrung und Sehnsucht zum Weibe reifen. Eine der wenigen Erzählungen des Dichters, die in ungetrübtem Glück enden.

Wandsbek, den 28. Oktober 1930.
Heinrich Meyer-Benfey.

 


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