Burch Mitsu

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[I]

Früher brachte ich jeden Sommer einige Tage in Ostende zu, nicht etwa des »guten Tones« wegen und um unter den Reichen und den ständigen Genießern eines eleganten Badeplatzes genannt zu werden, sondern lediglich, um in den gesunden Dunstkreis des Weltmeeres unterzutauchen und mich mit der lebensstarken Poesie der Seelandschaft vollzusaugen.

Für mich ist unsere westflandrische Küste immer noch das wilde Kerlingaland der ersten Jahrhunderte, das die normannischen Piraten zurückschreckte und sich lange voll leidenschaftlicher Freiheitsliebe dem Joch der »Isegrime«, der mittelalterlichen Gewaltherrscher, entwand.

In unserer Zeitneige werden in Ostende während der Saison die Isegrime durch einen Schwarm von Kosmopoliten, Bankmännern, deutschen Juden, Kokotten, Unternehmern in Gesellschaftskleidung und Schlauköpfen höheren Ranges verkörpert. Die schlimmsten Isegrime wohnen jedoch auf die Dauer im Lande selbst und heißen Reeder, Fischhändler, Fischmakler, für die unsere armen Seefischer, die flämischen Kerle von heute, das Geschlecht sind, das auf Gnade und Ungnade steuer- und tributpflichtig zu sein hat.

Die gewaltigen Badehotels, die Strandvillen mit fremden und buhlerischen Namen, in denen die dicken Geldsäcke absteigen, gefallen mir ziemlich gut, unter der Voraussetzung, daß ich sie von voller See aus genießen darf; die Entfernung verwischt dann den kleinlichen Zierat und das bauliche Flickwerk der gangbaren Architektur und enthüllt dem Auge nur die riesigen Formen und großen Linien, die in einer fast imponierenden Weise den Anblick der festen Erde begrenzen.

Doch selbst wenn ich die Mittel dazu gehabt hätte, würde ich mich wohl gehütet haben, mich in diesen mehr oder minder prächtigen Palästen überteuern und rupfen zu lassen. Nein, ich stieg in irgendeinem kleinen Gasthof des einheimischen Viertels ab, der eine Verbindung von einer flämischen Herberge und einem englischen Boardinghouse war. Mit seiner ockergelben Front, jedes Fenster, hinter dem das Geranium, jene durch und durch gutmütige Blume, scharlachrot leuchtet, mit einem grünen Lattenwerk verziert, erweckt dieses Haus das Bild insulanischer Würde, gemildert durch herzliches Wohlwollen. Im Innern glänzt alles in jener besonderen Sauberkeit, die Kriegsschiffen eigen ist. Zwischen den Pfeilerspiegeln des »Dining-room« wechseln in regelmäßiger Reihenfolge riesengroße Taschenkrebse mit den Reklamen der großen »Steamer«-Linien ab und bilden in ihrer ganzen Formlosigkeit einen Gegensatz zu den eigensinnigen Babygesichtern und den in Buntfarbendruck verherrlichten schönen Misses der Weihnachtshefte.

Ich pflegte dagegen mit Vorliebe das Vorderzimmer, die Schankstube selbst aufzusuchen, die noch viel ortseigentümlicher und anheimelnder war. Über dem funkelnden Zink der Schenktafel lasten die Regimenter der »Pinten« verschiedenen Kalibers in langen Reihen, blankgeputzt und in Erwartung einer Mobilisation für die Schlachten in Ale und Stout. Kalte Hammelkeulen und Roastbeefs, staunenerregende Schweinsschinken von York, majestätisch wie die Queen Victoria selbst, leuchten blutrünstig unter den Glasglocken, die wahre Pantheonkuppeln sind, und von Zeit zu Zeit sieht man die Frau Wirtin, eine britisch angehauchte Ostenderin mit der Gebärde einer gezähmten Menschenfresserin, nachdem sie ihr Messer gewetzt hat, von jener Fülle eine breite Scheibe lossäbeln, die der Schiffskapitän, der Janmaat einer Schaluppe, der Jachtenbesitzer, der Postdampferpassagier mit gierigem Auge anlugen.

O, diese gemütliche und leckere Herberge!

Dabei das angenehme Ein und Aus der Menschen des Meeres, von dem kleinen pausbackigen Milchbart, dem Schiffsjungen an, bis zum rauhhaarigen Untersteuermann, die sich alle mit schlenkernden Armen im Schaukelgang hierhertrollen. Franzosen aus Dünkirchen, welche in weitabstehenden, bis an den Hintersten reichenden Krempenstiefeln herangestapft kommen, in losen, Hals und Brust entblößenden Kleidern von einem zweifelhaften Weiß, geriefelt mit Klebrigkeit, auf dem Kopf eine Art Zipfelmütze, Träger von Namen, die wie Fanfaren biblischer Hörner klingen: Marie-Saint-Esprit-des-Anges! Engländer in Dunkelblau, mit dem Barett halb im Nacken, weniger zum Prahlen aufgelegt und sauberer, aber mürrisch und eigenwillig; und schließlich die Fischer von Ostende in eigener Person, von sanftem Aussehen und sanften Gebärden, hübsche Burschen, die besten Kinder auf Gottes Erde, dabei etwas unsicher und linkisch, so daß sie fast mitleiderregend wie Tölpel wirken in dieser internationalen Schenke, in der ihre Konkurrenten aus Grimsby und Ramsgate, die von ihrer Regierung ganz anders als unsere belgischen Seeleute geschützt und gefördert werden, sich benehmen, als wären sie »at Home«.

Aus gewissen Betonungen, Blicken und der Art, wie sie ihre Gläser leeren, was oft einer Herausforderung ähnlich sieht, fühle ich mehr als einmal, daß sich Faustkämpfe und Messerstechereien von Tisch zu Tisch spinnen.

Obwohl unser Baas, ein großer Teufel von Inglischmann, ein früherer Freibeuter, der noch etwas Schmuggler geblieben, selbstverständlich auf seiten seiner Landsleute steht, versteift er sich auf Unparteilichkeit und würde nötigenfalls einen jeden Angreifer, ungeachtet der Person, hinausbefördern, so daß Prügeleien, die hier im Dunstkreis des Hopfens und des Alkohols ausgebrütet werden und aufwachsen, in der Regel nur außerhalb, und zwar viel weiter weg und viel später zum Ausbruch kommen.

Inzwischen fließen die Stunden glückselig dahin im Glanz einer vokalen und choreographischen Unterhaltung. Song and dance! Das sind Vorstellungen, zu denen die Fremden ausschließlich beitragen. Da gibt es Romanzen von einem Vergißmeinnichtblau, die mit der Hingabe einer ersten Kommunikantin von bärtigen, ungeschlachten Maaten gesungen werden, die an Bord Flüche von sich geben, beißender als ihre Priemchen und reichlicher als ihr Speichel! Und die Bourrées! Und die »Bagpipes«, die englischen Dudelsäcke! Je verwirrender die Füße des Tänzers, eines derben Schiffsjungen, stricken, umso ernster wird sein Gesicht und überzieht sich zuletzt mit wer weiß was für einem Ausdruck von Sehnsucht. Und wenn er seine Vorstellung beendet hat, macht er sich daran, mit einem Lächeln für die Waisen eines Alten zu sammeln, der den großen Zug getrunken hat, oder er versucht ganz einfach ? wahrhaftig, er hat recht es einzugestehen, das Geld wird darum nicht weniger reichlich in sein Barett fließen ? zugunsten der Schiffsmannschaft auf dem trocknen die Runde zu machen.

All diese fernen Abende, diese schweigsamen Abende der Vergangenheit am Meeresstrand beim Rauchen und Trinken, während man beobachtend, zuhörend dasaß und sich köstlich ängstigen ließ wie in einem Traum! Die seelige Betäubung nach dem Baden und den Ausflügen des Tages! In der offenen Tür taucht, wie in einen Rahmen gestellt, der immer dunkler werdende blaue Samt der Nacht auf, oder das Rubinlicht eines Feuers an der Mastspitze, das neben dem Brillant eines Sternes funkelt ... Good night! Die Matrosen trollen sich langsam davon, und ihre schleppenden Schritte hört man sich taktmäßig ins Weite verlieren. Aber abseits, in der Dunkelheit der äußersten Hafendämme oder in dem letzten Hafenbassin, das dem Spektakel und Lärm der Nachtbummler offen steht, entlädt sich der Kampfruf der alten Kerle: Harop! Harop!

Unter der Äußerlichkeit des schwerfälligen und gleichmütigen Flamen von heute taucht der teure unruhige Geist der alten Gemeinden auf. Nehmt euch in acht, ihr Engländer; du, Schmachtliedgirrer, und du, Giguenstampfer! ... nehmt euch in acht! Harop! Harop!

Am Morgen, beim Öffnen meines Fensters, beschaue ich die nebeneinander in langer Reihe liegenden Fischerboote, die sich wie fröstelnd aneinanderschmiegen und an der Spitze ihres Mastes eine kleine Fahnenzunge flattern lassen. Etwas später sind sie wie durch einen Zauber entschwunden. Das Hafenbecken liegt verödet da. Nicht eine einzige Barke ist geblieben. Sie haben geschwind ihre Segel entfaltet und sind in Zügen weggeschleppt worden bis zur Hafenausfahrt; sie haben während der Flut das Meer wieder erreicht. Dafür werden sie in einigen Stunden, unter der Bedingung, daß das Meer gnädig ist, alle wieder zum Hafendamm zurückgekehrt sein. So fliegen Tauben aus und schweifen gemeinsam in Himmelsweiten.

Vor mir erhebt sich das Gebäude der Fischhalle, dessen Glocke ihre regelmäßig wiederkehrenden Rufe erklingen läßt, die wie ein langes Avegeläut anmuten. Die immer mit durchdringenden, jedoch gesunden Gerüchen durchtränkte Fischhalle fließt von Gaben des Meeres über, die sich in Austernkörben und Korbwagen häufen und vom Hafendamm durch Schiffsjungen und sehnige Fischhändler in Karren herangefahren werden. Die Fischwagen warten indessen auf einem Geleise, das mit dem Bahnhof in Verbindung steht, bis der Augenblick gekommen ist, da sie diese ganzen Fischmengen den gefräßigen Bewohnern des festen Bodens hintragen werden. Wenn sie leer sind, was zum Beispiel an Sonntagen und an den Abenden der Fall ist, dienen diese großen Eisenbahnwagen als Schauplatz für die herrlichen Versteckspiele der Hosenmätze und kleinen Mädchen, die wie die Eltern aufgeputzt sind, jener rotwangigen und rundlichen Erben einer äußerst fruchtbaren Menschengattung. Als künftiges Futter der Fische versuchen diese lachenden Bengel schon, den schaukelnden Gang eines Seebären nachzuahmen! Wie viele von diesen munteren kleinen Schelmen werden auf dem Festland sterben? Denn die See ist lange nicht immer die schmeichelnde Katze, die mit ihren Schaumzungen die schönen Damen der wundervollen Sommermonate liebkost und umspielt.

Sie ist auch lange nicht die hochherzige Ernährerin jener, die sie über ihre Abgründe lockt; im übrigen hätte sie gut ihre wundersamen Fischzüge vergeuden können, so viel sie wollte, das Beste davon, fast der Gesamtbetrag des ganzen Gewinns, füllt die Geldkästen der gierigen und habsüchtigen Makler.

Wie groß sind die Ängste, wenn die See ihre dunklen Zornausbrüche hat und wenn sie sich wie eine Gebärende hin und her wirft, denn ihr Wochenbett bereitet Trauergepränge vor, anstatt Geburten zu künden! Wie glücklich fühlen sich die Ostenderinnen, wenn niemand fehlt, wenn alle Barken in den Hafen zurückgekehrt sind! An diesen Tagen der Angst sind Legionen auf dem Hafendamm; die Frauen spähen den Himmelsrand nach dem Segel des Vaters, des Gatten, Bruders, Verlobten und des geliebten Sohnes ab. An solchen Tagen stecken die Schornsteine der baufälligen alten Häuschen zur Mittagszeit keine lustigen Rauchfahnen auf. Und die letzten Taler, die dazu bestimmt waren, den Hunger zu täuschen, schmelzen dahin, um die Ängste in den Wirtsstuben der Schenken einzulullen! An diesen Tagen hat auch der Kinderschwarm, der an den Röcken der Hausmütter hängt, weinerlich klagt und leeren Magens ist, keine Lust zum Spielen.

Und als ob die Stürme nicht emsig genug zu Werke gingen, um die dichte Bevölkerung durchzusieben, fahren ab und zu der Typhus, die Cholera und die Pocken mit einem kräftigen Besenhieb in das Gewimmel der Unglückseligen, denen man, wenn man sieht, wie schwer sie leiden, nichts Besseres glauben dürfte wünschen zu müssen, als daß sie eines Tages ein für allemal ausgelöscht würden! Dennoch beginnt hier das wuchernde Wachstum immer von neuem. Und für einen Schiffbrüchigen gibt es stets sechs Säuglinge. Der Vater betritt oft das Nachtreich der Wassertiefe, ehe sein Jüngstes das Tageslicht erblickte. Jeden Sommer entfalten die auf den Fensterbänken der elenden Hütten aufgepflanzten Geraniumstöcke nicht eine Blume weniger als sonst, und die Haushalte zählen stets dieselbe Zahl von kleinen Kindern!

Die Greise auf den Türschwellen scheinen ebenso zahlreich wie die Mütter und Kinder, und man muß annehmen, daß die See hauptsächlich nach Männern in ihrer Lebensblüte giert. Die Witwen mehrerer Ehemänner können Kinder aus verschiedenen Betten vorzeigen, Waisen verschiedener Stürme, möchte man sagen. Der letzte Ehegemahl ist häufig kaum viel älter als der älteste Sohn!

Die vielen Streifzüge in den kleinen Schiffergassen, die so häßlich, ach ja, so schmutzig und so eng, aber dennoch so malerisch belebt sind! Und das Bild der zierlichen Stadt mit bunten Häusern wie aus Nürnberger Spielzeugkästen, das der »Quai des Pêcheurs« bietet, wenn man ihn von der Ebene aus, die den neuen Leuchtturm umgibt, betrachtet!

Ich bleibe vor den Verkaufsständen der Krambuden stehen und bewirte die kleinen lungernden Bengel, denen die Lüsternheit nach leckeren Dingen die Augensterne weitet, mit einem Pfund schwarzer oder spanischer Herzkirschen. Die Gevatterinnen schöpfen Luft an der Schwelle ihrer Haustüren, bessern Netze aus oder stricken eine jener Jacken für die Männer, die aus blauer Wolle und ohne Naht sind ? wie das Untergewand unseres göttlichen Herrn und Meisters ? und sich eng um den gewölbten Rumpf schmiegen. Und die vielen Dämmerungsstunden, die ich im Anschauen dieses Fischerufers verbrachte mit seinem ewigen Wechselspiel von Abfahrt und Ankunft der Seeleute!

Wollte man sie nach ihrer äußeren Erscheinung beurteilen, so würde man diese kräftigen Tolpatsche für die trägsten Arbeiter des Erdenrundes halten. Sie führen ihre großen, phlegmatischen und kraftstrotzenden Körper an den Kais und Hafendämmen spazieren, oder liegen der Länge nach auf dem Bauche, starren in die Wolken und forschen in der fernsten Ferne des Himmelsrandes nach den Segeln der Kameraden. Einzelne von ihnen sind von einem ziegelfarbenen Braun, andere haben Gesichter, die dunkelgebrannt und wie in Holz geschnitzt sind; fast bei allen ist die Haut ebenso derb wie das Schwarzbrot, das sie essen. Sieht man sie miteinander scherzen oder unbeweglich eine ganze Ewigkeit über ihrem Glas Bier sitzen, so wäre es leicht möglich, sich über ihre Tatkraft und Regsamkeit zu täuschen.

Während der Saison lauern diejenigen von ihnen, die durch den Fischfang nicht in Anspruch genommen werden, am Hafendamm auf das Vorbeikommen der Fremden, um ihnen eine Seelustfahrt in einem jener kleinen Segelboote anzubieten, die in der Bucht am Fuße der von Seetang angefressenen Pfähle ankern. Neunmal in zehn Fällen geht der Spaziergänger vorüber und fühlt sich belästigt. Ich selbst habe zu Anfang diese bescheidenen Unternehmer kaum beachtet und hörte mit Ungeduld ihre Aufforderungen, die sie in einem verfänglichen Französisch kauderwelschten:

»Ein gutes Bris für eine kleine Seefahrt, Herr? ... Ein gutes Boot und ein gutes Matros, Herr? ...«

Eines Tages jedoch drückte das Gesicht von einem jener braven Jungen eine so beschwörende Bitte aus und zeigte solchen Verdruß bei meiner Ablehnung, daß ich, schon im Begriff weiterzugehen, einwilligte, seine Nußschale zu mieten. Er wrickte sein Fahrzeug, bis wir aus der Hafeneinfahrt herausgekommen waren. Darauf machte er sich an die Arbeit, seinen Mastbaum hochzuwinden und das Segel zu hissen.

Mein Schiffer war ein großer, hellhaariger Bursche mit ziegelbrauner Haut, starkgliedrig und kräftig wie ein reifer Mann, obgleich er noch nicht das Alter eines Militärpflichtigen hatte. Die vollen und träumerischen Lippen, um die zuweilen ein trotziger Zug spielte, enthüllten ungewöhnlich weiße und gesunde Zähne. Aus seinen blauen Augen, die jenes tiefe und einlullende Blau der warmen Julinächte hatten, quollen mitteilsame Blicke. Das offene und reine Gesicht des Jungen mit seinem einschmeichelnden und gutmütigen Ausdruck stand in einem Widerspruch zu seiner achtunggebietenden Schulterbreite und der Wölbung seiner Armmuskeln. Die Enden seiner Wolljacke waren in die enganliegenden Hosenschlitze eingestopft; ein gelber Riemen gürtete seinen Leib; auf dem Kopf saß, etwas nach hinten zurückgeschoben, die kleine Mütze der Ostender Seeleute. In dieser Ausstaffierung offenbarte er durch seine Bewegungen ungebundene Freiheit, Sicherheit und wirkliche Anmut. Obgleich ich für das einfache Volk schon immer eine Vorliebe hatte, gefiel mir dieser Junge doch noch ganz besonders.

Ich ließ mich auf ein Gespräch mit ihm ein, und es hatte den Anschein, daß er meine Zuneigung erriet und ich ihm Vertrauen einflößte, denn er teilte mir schon während der ersten Fahrt eine Menge Einzelheiten über seine Person, seine Angehörigen, seinen Stand und seinen Beruf mit.

Er hieß Burchard, oder eigentlich, kurz und vertraulich genannt, Burch Mitsu, war der zweite von fünf Brüdern, von denen der nur um zwei Jahre ältere, ein mustergültiger Fischer und Seemann, bei der Hochseefischerei Anstellung hatte und sich, wie die Seeleute, von Painpol bis Grönland, von Neufundland bis Island zu jeder Schellfischzeit auf Fischfang begab. Burch pries diesen älteren Bruder mit einer begeisterten Bewunderung und träumte davon, einmal in seine Fußtapfen treten zu dürfen.

Inzwischen machte er seine Lehrzeit an Bord eines jener Fahrzeuge durch, die den Küstenfischfang betreiben. Ich hatte meine Freude daran, den guten Jungen von sich und seinen Leuten reden zu hören. Er erzählte mir mit so viel Natürlichkeit von ihren Mühen und Gefahren, von ihren lächerlichen Gehältern, von den Sorgen, welche seine Mutter, die Witwe geblieben war, mit all den jüngeren Brüdern und Schwestern hatte, einer wahren Nestbrut und ganzen kleinen Welt, die man füttern und bewahren, mit Holzschuhen versehen und in guter Gesundheit halten mußte, er sprach mit einer solchen Hingabe, einer für den Zuhörer dieser vertraulichen Einzelheiten so wohltuenden Wärme, daß ich nicht müde wurde, ihm zu lauschen. Während er redete, hantierte er am Mast und am Segel. Seine stolze Gestalt zeichnete sich scharf von der Unendlichkeit des Landschaftsbildes ab. Mehr als einmal erinnerte ich mich, während ich ihm zuhörte, jener Stelle in Goethes Werther, wo dieser von dem Eindruck spricht, den auf ihn ein Liebesidyll machte, das mit der ganzen Betonung der echten Leidenschaft von einem Dorfburschen erzählt wurde, der der Held dieser Geschichte war. Die männliche und sanfte Sprache war wie erfüllt von einer Erkenntnis der Pflicht, die in ihrem höchsten Sinn erfaßt worden war, und alles, was er sagte, klang nach einer schlichten Innigkeit, die jenen warmen und überquellenden, einfachen Herzen aus dem Volk, jenen jungfräulichen und fast kindlichen Naturen von ursprünglicher Denkfähigkeit, sicherem Gefühl und edelmütiger Veranlagung eigen ist, denen niedrige Handlungen, Verrat und Treubruch immer unbekannt bleiben werden.

Hier habe ich einen vor mir, sagte ich mir, den es schwer, aber zugleich auch gefährlich sein würde bis zum Äußersten zu treiben! Einmal aus dem Gleichgewicht geraten, würde er niemals zu sich zurückfinden.

Ich fühlte mich diesem Gefährten immer mehr verbunden und wiederholte häufig meine Ausflüge an der Seeküste entlang bis Knocke auf der einen Seite und La Panne in der anderen Richtung.

Die Gewohnheit, ihn um mich zu sehen, wurzelte sich derartig bei mir ein, daß die Vormittage, an denen ich durch einen Zwischenfall daran verhindert wurde, mit ihm hinauszusegeln, eine Leere in meinen Tag brachten. Manchmal wurde er auch durch andere Kunden in Anspruch genommen, und ich sah mich gezwungen, mehr um ihm eine Freude zu bereiten, als aus besonderem Vergnügen daran, ein anderes Boot zu mieten und mich mit den Diensten eines seiner Kameraden zu begnügen, den mir der biedere Junge empfahl. Ich habe selbst nach und nach die Beobachtung gemacht, daß mein junger Freund diese Gelegenheiten einzurichten wußte, um einen seiner weniger glücklichen und bedürftigeren Wettbewerber aus seinem unverhofften Fund Nutzen ziehen zu lassen. Wohl keine Art angeborenen Zartgefühls dürfte ihm fremd gewesen sein. Ich hatte mich übrigens niemals über seine Vertreter zu beklagen. Es waren tüchtige Seeleute wie er, die, weit davon entfernt, wie das in diesen Zeiten des bitteren Daseinskampfes allgemein üblich ist, ihrem Gefährten die Kundschaft wegzuschnappen, oder ihn herabzusetzen, »anzuschwärzen«, um sich dadurch selbst besser in Geltung zu bringen, über Durch nur das Beste sprachen, seine Tüchtigkeit im Beruf lobten, bestätigten, was ich über seine sympathische Familie wußte, und den guten Jungen selbst in bezug auf gewisse Züge in seinem Charakter, die ihn seine Bescheidenheit gehindert hatte zu offenbaren, überboten.

In diesem Jahr, noch mehr als sonst, blickte ich dem Herannahen des Endes meiner kurzen Mußetage mit einem Gefühl der Traurigkeit und Besorgnis entgegen.

Die See fesselt und beglückt mich so, daß ich sie niemals anders verlassen habe, um nach dem großen Schmelzofen der Stadt zurückzukehren, als unter einem schmerzlichen Zusammenkrampfen meines Herzens. Und fast bis zu hellen Tränen verzweifelt, die Nase an die Scheiben gedrückt, sehe ich jedesmal vom Zug aus die Umrisse des Leuchtturms hinter der Umfassung der vom Westwind seitwärts geneigt dastehenden Bäume versinken!

Jetzt, da ich eine Seele gefunden hatte, die so trefflich der Gegend entsprach, die mein ganzes Entzücken hervorrief, ein Wesen, das mit dieser heimatlichen Natur so ganz im Einklang war, fiel mir das Abschiednehmen noch schwerer. Wie herrlich eine Gegend auch sein mag, ? bin ich doch der Meinung, im Gegensatz zu einer großen Anzahl ländlicher Misanthropen und menschenfeindlicher Bewunderer der Landschaft, daß der Mensch ihr eigentlicher Mittelpunkt, ihr wahrer Brennpunkt bleibt. Oft genügt ein menschliches Wesen, ein richtig eingeborenes Geschöpf, um den Ausdruck eines Landes zu verdichten und zusammenzufassen und uns sogar eine Rasse mit dem ganzen Nachdruck und der Großartigkeit eines Symbols zu verdeutlichen.

So verkörperte mir, ich will es nochmals betonen, dieser einfache Arbeiterjunge ? der sich dessen niemals bewußt geworden ist, welche Bedeutung er in meinen Augen besaß ?, das geheimnisvolle und ewig junge Weltmeer und den stoischen und unerschrockenen Beruf des Seemanns. Geschlechter von erlesenen Schiffbrüchigen lebten wieder auf und sprachen aus der Entfaltung dieser blonden Jugend. Dieser arme Teufel, dieser Paria stand auch in einer Wechselbeziehung zu dem flämischen Vaterlande, und durch seinen Gesichtsausdruck, der zugleich entschlossen und ruhig, männlich und rührend war, vergegenwärtigte ich mir das Aussehen jener Kerle, jener »Blaufüße« Flämisch »Blonwvoer«, eine Möwcenart und ehemalige Benennung der Kerle., die der Schrecken der Isegrime und der Normannen waren. Mehr noch als das alles fesselte mich an diesem ärmlichen, ungebildeten Fischer ein geheimnisvoller, unerklärlicher Zauber, den ich mir erst später deuten konnte. Häufig entströmte seinen Gesprächen und seinem Gesichtsausdruck, seinen einfachsten Gebärden und seinem Verhalten beim Manövrieren unseres Bootes, ja seiner ganzen Persönlichkeit, durchaus im Gegensatz zu der Bedeutung und augenblicklichen Tragweite seiner Worte und Bewegungen, ein dunkler Einfluß von nachhaltiger Wirkung. Wenn ich ihm zuhörte und ihn betrachtete, mußte ich ? ich hätte nicht sagen können, warum, ? an hochherzige Opfer denken, und ich brachte ihn unwillkürlich mit Vorgefühlen in Zusammenhang, die ebenso wehmütig waren wie das Leid über einen Verlust. Ich hatte ihn vor mir, und schon war er mir wie ein Gedenken, ich möchte fast sagen wie eine Legende. Mehr als einmal kam mir dabei der Kehrreim über unsere ältesten Vorfahren auf die Lippen: »Wir wollen die Kerle singen. Das sind ganz schlimme Lumpen. Sie wollen den Rittern Gesetze machen und tragen die Mützen verwegen!« Heute kann ich mir diese leidenschaftliche Stimme, dieses Wesen, das etwas dunkel Tragisches an sich hatte, dieses seltsame und kündende Licht erklären, das ihn zu gewissen Augenblicken mit seinen Strahlen umwob.

Mein letzter Abend in Ostende begünstigte und verdüsterte in einer eigentümlichen Weise diese geheimnisvoll freundschaftlichen Neigungen. Ich hatte lange mit Burch auf dem Meeresdamm am Fuße des alten Leuchtturms geweilt, ganz in die Betrachtung des Meeres und in seine Musik versunken. Seit Stunden redeten wir kaum mehr etwas. Wir mußten uns zur Heimkehr entschließen. Im Augenblick des Abschiednehmens blieben unsere Hände lange ineinander ruhen: »Also bis aufs nächste Jahr,« sagte ich; »wenn Sie nicht von heut auf morgen einwilligen sollten, sich einmal nach Brüssel zu wagen.«

Aber bei dem Gedanken, sich ins Innere des festen Landes zu begeben, wandte Burch wie als einzige Antwort seine kindlich ergebenen Blicke auf die katzenhafte Bezauberin und lenkte sie dann auf mich mit einem treuherzigen ungläubigen Lächeln, das, viel beredter als Worte, die entschiedene Ungereimtheit dieser Reise in bezug auf seine Person und vielleicht auch auf sein Schicksal ausdrückte.

Die See grollte und sang leise; sie hatte den Anschein, als wollte sie einen Buckel machen. Doch in diesem Augenblick unseres Abschiednehmens erhob sich dort über der leichtbewegten Fläche, fast als würde das herrische Element, das unumschränkte Gewalt über meinen treuen Kameraden hatte, eifersüchtig, eine große Woge und sprang auf uns zu; am Wellenbrecher aufleuchtend und zerstiebend, entlud sie sich wie die ferne Salve einer Kompagnie.


II

Indessen kam der Monat Juli wieder und mit ihm die wenigen Tage der ungeduldig ersehnten Muße. Nach meiner Ankunft in Ostende hatte ich meinen Freund vom vergangenen Sommer wieder aufgesucht. Er war noch immer derselbe treuherzige, prächtige und herzliche Junge, und gleich bei unserer neuen Begegnung fühlten wir unsere Zusammengehörigkeit, unsere Charaktere paßten sich einander an, als wären wir nie getrennt gewesen. Das ernste und besorgte Wesen fiel mir bei meinem treuen Kameraden auf und blieb selbst bei den Äußerungen seiner frohen Laune fühlbar. In der männlichen und klangvollen Stimme, die sozusagen aus der gleichen Gießform geflossen zu sein schien wie die großen Glocken der Belfriede in den Städten, knirschten unterdrückte und dumpfe Untertöne, die eine Befangenheit und eine wachsende Besorgnis verrieten. Sein Stolz verwehrte ihm lange, mir dieses Leid anzuvertrauen, und so sehr ich auch wünschte, sein Geständnis hervorzulocken, fürchtete ich doch, ihn durch eine unmittelbare Frage zurückzuschrecken. Ich bemerkte auch, daß seine feste und rauhe Stimme, je mehr ich ihm gütlich zuredete, um ihn dazu zu veranlassen, mir sein Herz zu erschließen, zu schwanken begann und zu ersticken drohte; und noch mehr verneinten seine tränenumflorten Augen das Lächeln ohne Falsch, das seine Lippen zur Schau trugen. Der gute Durch scherzte nicht mehr mit der sonstigen Offenheit und Ausgelassenheit in seinem angenehmen und malerischen westflämischen Dialekt, jener Sprache mit den einschmeichelnden Beugungen, die sich in einem Gezwitscher von Vokalen verlieren und deren weiche Töne so seltsam gegen das trotzige Aussehen und die energischen Gebärden derjenigen abstechen, die sie reden.

Eines Tages entschloß ich mich, seiner Zurückhaltung überdrüssig, ihn ohne Umschweife zu fragen, was ihm das Herz beschwerte. Er versuchte zu widersprechen und zu leugnen, indem er seine Stimme erhob und in ein Lachen ausbrach; ich ließ mich jedoch durch diese falsche Fröhlichkeit nicht täuschen und drang um so stärker, ja fast schon zornig auf ihn ein, durch sein Mißtrauen verletzt. »Sie haben also nicht ein bißchen Freundschaftsgefühl für mich?« kam ich schließlich dazu, ihm zu sagen. Auf diesen Vorwurf hin ließ er sich zu einer Flut von schweren und heftigen Worten hinreißen, von denen ein jedes wie Schluchzen klang und sich in Tränen aufzulösen drohte, so daß er gezwungen war, seine Erregung unter einem krampfhaften Husten zu verbergen. Er gestand und schilderte mir die große Not seiner Angehörigen und aller übrigen seines Berufes. Obendrein drohte ihm diesen Winter die Aushebung, und man würde sicherlich einen Burschen, wie er war, nicht vom Militärdienst befreien, wenn er eine schlechte Nummer zöge! Die gefährliche und mühevolle Arbeit brächte so gut wie gar nichts ein, während die Bedürfnisse von Tag zu Tag sich steigerten. Sie machten dennoch keine schlechteren Fänge, legten stets dieselbe Tatkraft und denselben Eifer bei der Arbeit an den Tag! Wie kam es, daß man um sie herum reich wurde und sozusagen mit verschränkten Armen in Üppigkeit lebte, ohne auch nur einen schlechten Tag zu haben? Warum waren die Arbeiter allein zum Dulden bestimmt! »Ist es recht, Herr,« sagte Durch, »daß wir so wenig Brot haben? Jeden Tag beschneidet uns der Brotherr noch die kleine Ration, die er uns zubilligt. Wir kosten ihnen nicht viel, den Arbeitgebern! Von dem Augenblick an, wo wir etwas zu essen haben, sind wir mit unserem Schicksal zufrieden. Das einzige, was wir uns gönnen, ist das bißchen Kohlenglut im Fußwärmer der Großmutter, ein buntes Tuch oder ein Ring aus Silber für die Braut, ein Zuckerkand, ein Babeleer Babeleer == beliebtes Zuckerwerk für Kinder. für die Kleinen, ein geblümtes Paar Pantoffeln oder Stiefel mit bunten Steppnähten und recht hohen Hacken, um den Flotten zu spielen, wenn wir mit unseren Freundinnen nach der Arbeit umherschlendern, eine Handvoll Cenß Cenß == zwei Centimen. für die kleine Hosentasche unserer schönen neuen Hose aus schwarzem Tuch ? der neuen vom letzten Ostern her ? gerade so viel, um einige Flitters Flitter == Tanz. in den Tanzsälen am Hafen zu machen und aus einem Glas zu zweien ein oder zwei Liter Braunbier zu trinken, wobei man an einem Stück »Scholle« Scholle == flämische Benennung für getrockneten Fisch. knabbert, um das Bier sanfter durch die Gurgel laufen zu lassen! Bis jetzt hat man uns diese Annehmlichkeiten nicht verweigert. Wir nahmen das Leben von der lustigen Seite, und wenn uns ein Mißgeschick überkam, bei Gott, dann ging es auch wie eine Wolke wieder vorüber, wir bissen nur noch fester auf unsere Prieme, das ist alles!«

Mittlerweile war Gust, der ältere Bruder von Burch, ein würdiges Gegenstück zu meinem Begleiter, nur noch stärker gebräunt, größer und schon bärtig, so daß man ihn ein lebendiges Bild dessen hätte nennen können, was Burch in zwei Jahren hätte werden müssen, von seinem großen Fischfang heimgekehrt, und an einem der darauffolgenden Tage, als ich die beiden Brüder zu einer Fahrt gemietet hatte, ergänzte er mir das Bild der bedauerlichen Lage der Seeleute unseres Küstenstrichs:

Die Reisenverkäufer, das heißt die Agenten, die sich mit dem Verkauf der Fischladung eines Fischerbootes für einen bestimmten Prozentsatz befassen, hatten sich mit den Reedern und Fischgroßhändlern gegen die machtlosen Meerestagelöhner verbunden. Und als ob es nicht genug damit wäre, daß diese Reisenverkäufer oder Halsabschneider die armen Teufel ohne Rücksicht ausbeuteten, brachte es der Menschenfresser Staat und die Menschenfresserin Gemeindeverwaltung, die durch einen Haufen von Steuerbeamten und Schergen verkörpert waren, auch noch dazu, sie der letzten Einnahmen zu berauben, die sie für den Preis so vieler Kämpfe und Gefahren erlangt hatten. Um ihnen zum Schluß noch den Gnadenstoß zu versetzen, machte das Ausland den belgischen Fischern auf dem Markt von Ostende selbst einen unheilvollen Wettbewerb. Ja, und die großen Seefischhändler von Ostende zogen ihnen, anstatt ihre bedürftigen Mitbürger, die ortsansässigen Fischer, zu begünstigen, die Engländer und Franzosen vor!

So kamen auch zahlreiche Boote aus Boulogne der isländischen Fischerflotte aus Ostende zuvor, zu deren Bemannung Gust gehörte und die gegen Ende Juni ins Meer gestochen war; und das Vorhandensein des französischen Schellfisches hatte bei der Versteigerung in der Fischhalle den Ostender Fisch um zehn Franken für den Korb herabgedrückt, so daß sein Wert nicht mehr betrug als siebzig Franken. Zu Gusts und seiner Kameraden Erbitterung waren es gerade die Fischagenten und Reeder aus Ostende, auf deren Bestellung die Schiffe aus Boulogne gekommen waren, um ihren Fischvorrat anzubieten.

»Und dazu sich noch sagen müssen, daß wir, wenn alles zum besten abläuft, knapp dasjenige verdienen, was wir zum Leben brauchen!« fügte der ältere Mitsu hinzu. »Urteilen Sie selbst, Herr: eine Schaluppe ist in der Regel mit vier Mann und einem Schiffsjungen bemannt und wird von einem Kapitän befehligt. Nach dem Fischfang, der, wenn das Wetter günstig ist, sieben bis acht Tage währt ? ich spreche von der gewöhnlichen Nordseefischerei ?, sich jedoch bei grober See und widrigem Wind um Beträchtliches in die Länge zieht, erreicht das Fahrzeug den Hafen mit einer Ladung, die durchschnittlich einen Wert von fünfhundert Franken hat. Der Schiffseigner zieht als erster von diesem Betrag die ganzen Gebühren für das Bugsieren, die Abgaben an die Fischhalle und die Eiskosten ab, was gut zweihundert Franken ausmacht. Er schlägt noch fünfzehn Prozent für die Havarien und die Abnutzung des Bootes sowie für die Instandhaltung der Taue darauf, was siebzig Franken ausmacht. Es bleiben also zweihundertfünfundzwanzig Franken Ertrag, wovon jeder Mann der Besatzung nur fünf Prozent erhält, was etwa zwölf Franken gleichkommt. Mit diesen zwölf Franken ist der Fischer gezwungen, den Lebensunterhalt seiner Familie zu bestreiten!

Und nicht nur die Ausländer sind es, die in Gemeinschaft mit unseren natürlichen Beschützern uns diese elende Brotrinde vom Mund fortreißen, wir werden obendrein noch von unseren Konkurrenten auf jegliche Art und Weise bei der Nordseefischerei geschädigt und verfolgt. Sie beschränken sich nicht darauf, uns ihre Häfen und Märkte zu verschließen, sie möchten selbst noch verhindern, daß wir überhaupt Fische fangen. Was die belgische Regierung anbetrifft, so ist der Schutz, den sie uns gewährt, einfach zum Lachen!«

Indem er mir darauf ausführlichere Erklärungen gab, erzählte Gust von den Zusammenstößen zwischen den belgischen Scharrnetzfischern und den englischen Heringsloggern. Die Scharrnetzfischer fischen vermittelst einer Art netzartigen Sackes. Dieses Scharrnetz, das durch ein starkes Ankertau an das Fahrzeug befestigt ist, das mit der Flut hinaussegelt, treibt auf dem Meeresgrund. Die Heringsfischer dagegen benutzen senkrechte Netze, die sich einige Meter tief unter Wasser befinden und einen Raum von einer Meile und mehr einnehmen, während sie von den auf der Oberfläche schwimmenden Schiffen gehalten werden. Der Heringslogger, der an diese schwimmenden Wände gesorrt ist, bleibt verhältnismäßig bewegungslos, während der Scharrnetzfischer fortwährend hin und her kreuzen muß. Die Folge davon ist, daß, wenn er auf seinem Weg auf die Netze eines Heringsfischers stößt, ein Weiterkommen nur dann möglich ist, wenn er sein Netz einzieht und bei diesem Manöver oft mehr als eine Stunde verliert, oder mit Gewalt durchzukommen versucht, indem er die Netze zerreißt, die ihm den Weg versperren. Zu dieser schnellen Selbsthilfe griffen in ihrer Verzweiflung über die Hindernisse, die sich ihnen überall, wohin sie sich auch wandten, in den Weg stellten, die Scharrnetzfischer, die Belgier ebensogut wie die Engländer, Holländer und Franzosen, das heißt die meisten. Aber die ehrlichen Inglischmänner verteidigten sich damit, niemals diese Gewaltmittel zu gebrauchen, und schrieben ihre ausschließliche Benutzung den flämischen Fischern zu. Sie gaben selbst einem dieser Schneidewerkzeuge, die dazu dienten, die Netze der Heringsfischer zu durchreißen, den Namen »belgian devil« und stellten dieses Vernichtungsinstrument als ein Beweisstück zur Niederschlagung der Konkurrenten bei allen Prozessen und Untersuchungen, die durch die Streitigkeiten zwischen den Fischern der beiden Völker entstanden waren, zur Schau.

Unsere einfachen Matrosen, um mit Gust und Burch Mitsu zu beginnen, sagten sich mit der ursprünglichen Logik der Kerle, der alten Ureinwohner, daß das Meer frei sei und niemand das Recht habe, sich darauf unter Ausschluß der anderen breit zu machen; demgemäß meinten sie, daß der Gebrauch des »belgischen Teufels« und jedes anderen Teufels ähnlicher Art nichts Strafbares an sich hätte. Lange also hatten sie sich schon der Tat schuldig gemacht, mit Beil- und Messerhieben den Weg durch das Garn der Störenfriede zu suchen und die Netze der Heringsfischer kurz und klein zu hauen. Jedenfalls haben unsere braven Jungen, seit der Haager Vereinbarung über ihre Pflichten aufgeklärt, jene sozusagen summarischen Betätigungen unterlassen. Man würde jetzt an Bord keines der Ostender Scharrnetzboote auch nur ein einziges der verbotenen Werkzeuge finden. Das hält die Engländer nicht ab, uns wie früher zu beschuldigen. Das Vorurteil ist besonders in Lowestoft eingebürgert, wo die Gerichte sich von einer beleidigenden Voreingenommenheit gegen die flämischen Seeleute zeigen. Klagt man sie nicht wegen Zerreißung der Netze der englischen Heringslogger an, so sucht man ihnen zum mindesten daraus einen Prozeß zu machen, daß sie ihre Lichter nicht vorschriftsmäßig aufsetzen. Bei anderen Gelegenheiten sollten unsere Fischer die Ausländer bedroht oder selbst überfallen haben, als ob es vernünftigerweise der Besatzung einer Ostender Schaluppe, die aus fünf oder sechs friedlichen Seeleuten und einem Schiffsjungen besteht, in den Sinn kommen könnte, einen mit mindestens zehn starken Burschen bemannten Heringslogger zu entern oder, wie es die Inselmänner vorgeben, zu »rammen«. Schließlich trieben die Peiniger von der anderen Seite des Kanals ihre Wut gegen unsere unglückseligen Landesgenossen so weit, daß sie sie beschuldigten, den britischen Kreuzern Widerstand zu leisten, wenn diese sie bei einem strafbaren Akt überraschten, als ob ein kleines, schwaches Fischerboot mit einer Bemannung, wie wir soeben gesehen haben, sich jemals entschließen würde, gegen vierzig bis siebzig Blaujacken der Königlich Britischen Marine zu kämpfen, die mit Gewehren versehen sind, ohne von ihrem Schutz, bestehend aus Hotchkiß-Schnellfeuerkanonen und schweren Armstrong-Vorderladern, zu sprechen.

Ich gebe hier einen großen Teil der Erläuterungen wieder, die mir Gust Mitsu in bezug auf die Lage der belgischen Fischer im Vergleich zu der der Ausländer zukommen ließ, denn diese Einzelheiten werden die Geschehnisse verständlicher machen, die sich aus dieser mißlichen und bis zur Widerrechtlichkeit unbilligen Lage ergeben sollten.

Gust berichtete mir noch, es wäre unzähligemal erwiesen, daß britische Reeder, die gegen die Belgier Klage erhoben wegen angeblich ihnen zugefügten Schadens, wie Vernichtung ihres Fischereimaterials, altes und außer Gebrauch gewesenes Gerät in See geschickt hatten, für das sie sich schlauerweise den Ersatz von unseren gutmütigen Landsleuten haben zahlen lassen.

Wenn schon die Hochseefischerei so gut wie nichts einbrachte, so war die andere noch weniger lohnend. Burch erzählte mir, daß die Fischhändler seiner Verlobten ins Gesicht gelacht hätten, weil sie gewagt hatte, für ein Dutzend Kilogramm Garnelen drei Franken zu fordern. Sie gaben ihr einfach die Ware zurück, so daß sie sich ihrem Angebot unterwerfen mußte; denn hätte sie es nicht tun wollen, würden sich die Ausbeuter an ein anderes armes Ding gewandt haben, das willfähriger und leider vielleicht noch bedürftiger und verzweifelter gewesen wäre. Und dabei sich sagen müssen, daß in den Restaurants eine Handvoll angerichteter Garnelen als Vorspeise zwei bis drei Franken kostet!

»Ach,« fragte mich der arme Junge, »warum verhandeln diese reichen Herren und Damen nicht ohne weiteres mit uns? Was soll diese Vorliebe, den reichen Händlern, den großen Lieferanten die Taschen zu füllen, die uns kaum einen Heller bewilligen für eine Sache, die sie mit einem Goldstück bezahlt bekommen?«

Ich sann darüber nach, daß auf allen Stufen des wirtschaftlichen Lebens die Vermittler die Rolle der Ausbeuter spielten. Das Mißverhältnis zwischen dem Verdienst eines angestellten Arbeiters, des Haupterzeugers der ganzen Produktion, und jenem des Händlers, der seine Gelder verdoppelte und auf Kosten der anderen schmarotzte, schrie wirklich um Rache in kommender Zeit! Und ich beklagte diese Trägheit, diese dumme Gleichgültigkeit und unsinnige Eitelkeit des Millionärs, der dem Handeltreibenden ohne zu handeln und zu feilschen fabelhafte Summen für eine Ware zahlt, für deren Erwerb oder Herstellung der elende Sklave des Bodens, des Meeres, der Bergwerke, der Fabrik oder Nähstube nicht mehr erhalten hat, als so viel, um nicht Hungers zu sterben! Indem ich diese Betrachtungen machte, fühlte ich in mir eine Wut und Auflehnung aufsteigen, die diejenige der armen Opfer jener widerwärtigen Ausbeutung übertraf, bis ich zuletzt nicht mehr wußte, was unerhörter war, das Sichbescheiden und die Sanftmut des Armen oder die Frechheit der Oligarchen!

Diese acht Tage Ferien gingen für mich in einem Zustand von Mißbehagen und Aufregung vorüber. Ich fühlte tief die Verzweiflung, die mich umgab, und wenn mir Burch nicht die Widerwärtigkeiten anvertraut hätte, die ihn und seine Berufsgenossen niederdrückten, so hätte das Äußere der Straße, das ganze Fischerviertel bis zu dem Aussehen der elenden Hütten, ja selbst bis zur schwülen Luft, die über ihnen lastete, mir ihr Elend verraten.

Die Drehorgeln und die mechanischen Klaviere der meiner Wirtschaft benachbarten Schenken, die Musikmühlen, die mich so häufig gehindert hatten zu schlafen und mir während der Sonntags- und Montagsnächte Flüche entlockten, begleiteten nicht mehr die Belustigungen der derben Tänzer, die miteinander oder mit ihrer Liebsten im Arm umhersprangen. Mehr denn je hielten sich die fremden Seeleute in einem Haufen für sich. Jede Gebärde, jedes gleichgültige Wort der sonst so friedfertigen Ostender atmete Feindschaft, Herausforderung und Haß. Heftige Wortwechsel waren jetzt an der Tagesordnung, und die Streitenden warteten nicht mehr auf nächtliche Stunden und einen entlegenen Winkel, um handgemein zu werden, sondern selbst am hellen Mittag mußte die Polizei eingreifen, um Schlägereien zu schlichten und Faustkämpfer sowie Messerhelden zur Wache zu bringen.

In der neuen und vornehmen Stadt, auf der eleganten Deichpromenade hatte man keine Ahnung von diesem Gären voll dunkler Vorbedeutung, kaum daß ein Echo jener Raufereien zum Gegenstand der beiläufigen Unterhaltungen an den Mittagstafeln der Gäste wurde oder sich in den alltäglichen Strandklatsch mischte. Ein herrliches Wetter trug dazu bei, die elegante Welt in ein üppiges Wohlbefinden und eine vegetative Ruhe zu wiegen. Die Hitze war in diesem Jahr so stark, daß sie überall anderswo, als am Meeresstrand, unerträglich wurde. Niemals, so weit die schwer zu befriedigenden Ostender denken konnten, war die Saison derartig einträglich gewesen. Die Gasthöfe, Villen und Logierhäuser waren von Badegästen überfüllt.

In den Stunden der eleganten Schaustellungen auf dem Strand vor dem Viereck des Badeplatzes gab es eine blendende Entfaltung von hellen, voll Geschick in eine reizende Unordnung gebrachten Toiletten, bot sich eine ganze Auslese von Berufsschönheiten aller Länder der Erdkugel den Blicken dar, die in sichtbar zur Schau getragenen Liebeständeleien ein Schwarm junger Dummköpfe von unerträglichem Hochmut und unleidlicher Geckenhaftigkeit umflatterte.

An den Abenden war man damit beschäftigt, im Kasino zu tanzen und leidenschaftlich zu spielen. Die bunt zusammengewürfelten Konzertprogramme im Kursaal brachten den Abonnenten der Opernhäuser und Italienischen Oper die großen Erfolge des verflossenen Winters in Erinnerung; Richard Wagner wechselte mit Delibes, und der Tanz aus den »Meistersingern« buhlte mit den Pizzicati aus »Silvia«.

Indessen faulenzten und feierten die Fischer in größerer Zahl als sonst. Sie setzten eine gewisse mürrische Großtuerei darein, den Asphalt des Wandelplatzes für sich in Anspruch zu nehmen, und legten mit finsteren Gesichtern, ohne sich von der Stelle bringen zu lassen, Beschlag auf die bequemen Bänke, die für das Nichtstun der Spaziergänger der feinen Welt vorbehalten waren.

In der Straße begrüßte sich die umherschlendernde Jugend nicht mehr mit der gewohnten Gutmütigkeit und den üblichen Späßen oder mit jenen groben, aber herzlichen Zurufen, die von Rippenstößen begleitet wurden, und die ihre guten plebejischen Gesichter breiter auflachen und fröhlicher erstrahlen ließen. Am Kanal, am Fuße des Dammes hatten die Bootsleute aufgehört, ihre Fahrzeuge und ihre guten Dienste den alltäglichen Spaziergängern auf den Deichpromenaden anzubieten.

Wenige Ostender Barken stachen jetzt in See. Der Umsatz des Hafens und der Fischhalle wurde nur vom Ausland aufrechterhalten.

Ich erinnere mich besonders eines schmerzlichen Gegensatzes dieser Totenruhe des Marktes an einem Regattatage. Die Vergnügungsjachten, die aus Dover kamen, stolz, tadellos, neu angestrichen, die Luxusboote, die die Hafeneinfahrt bevölkerten, von der aus so viele der Arbeit geweihte Schaluppen Ostendes auszogen, den drohenden Schiffbrüchen entgegen, waren, während die Kanonen ihre Begrüßungssalven donnerten, mit ihren weißen, wie das Vorhemd eines Dandy schimmernden Segeln, wie Ballschuhe glänzenden Kielen, erschienen und ließen vielfarbene Wimpel wie keck gebundene Krawatten vom Mast herabwehen. Diese Amüsierflotte, diese Besatzungen von Amateurseeleuten, diese Dilettanten der Schiffahrt zogen an den leeren, runzeligen Barken der Ostender Fischer vorüber, an streikenden Fischerbooten, die, weit davon entfernt, sich in festlichem Aufputz zu ihrem Empfang aufzutakeln wie zur sonstigen Kirmeszeit, sogar ihre Flaggen eingezogen oder ganz herabgeholt hatten.

Die Kirmes von Ostende, die mit den Festen der eleganten Welt zusammenfällt, verlieh dem Viertel der Fischer immerhin ein Aussehen von wilder Freude und Bewegtheit. Bei den Wirtsleuten, meinen Nachbarn, wiederholten die Musikautomaten unaufhörlich ihre Schleifer und langweiligen Quadrillen. Aber diese Fröhlichkeit hatte einen falschen Klang; es schien einem, wenn man die Tänzer und Trinkenden in Augenschein nahm, daß diese nur eine Abwechslung suchten, um sich einmal gründlich durch ein ungestümes Abendmahl zu betäuben, ehe sie zu einem, wer weiß welchem Golgatha hinansteigen mußten. Ich hatte die Mitsus seit mehreren Tagen nicht gesehen. Die Abwesenheit von Burch beunruhigte mich besonders. Die Nacht von Sonntag auf Montag während der Kirmes war die letzte meines Aufenthaltes in Ostende, und mein treuer Gefährte, den ich davon unterrichtet hatte, gab trotzdem kein Lebenszeichen von sich. Nachdem ich vergeblich an unserer gewöhnlichen Zusammenkunftsstelle gewartet hatte, machte ich mich auf die Suche und stieß endlich auf ihn beim Herauskommen aus einer Schenke, in der Musik spielte. Er war von seiner Braut, einer blonden Garnelenfischerin, begleitet, die er mir schon im vergangenen Jahr vorgestellt hatte; ihre üppige und gesunde Erscheinung hatte damals mein Herz erfreut. Jetzt fiel mir an ihr das hungrige und verwahrloste Aussehen einer Arbeitslosen auf. Das Elend hatte ihre rosigen und vollen Wangen ausgehöhlt, und Falten, die wie tiefe Kerben waren, sprachen von vielen brotlosen Tagen. Nur mit großer Mühe gelang es mir, die traurige Überraschung zu verbergen, die mir diese Wandlung verursacht hatte. Burch schien mehr als sonst getrunken zu haben und war durch mein Erscheinen zuerst verwirrt.

»Nun,« sagte ich mit einem Vorwurf in der Stimme, »was ist mit Ihnen? Man faulenzt, man hat sich ans Streiken gemacht, somit ...«

»Ach, Herr,« rief er erregt, »alles ist verloren, alles ist aus ... Ich kenne mich selbst nicht mehr, und ich weiß nicht, was sie noch aus mir machen werden! ... Nein, Sie können sich das gar nicht vorstellen, was sie alles erfinden, um uns auszuhungern. Sie haben sich jetzt nichts Besseres ausdenken können, als ein paar Reichen aus Antwerpen zu erlauben, sich zusammenzutun, um uns Konkurrenz zu machen und uns, den armen Teufeln, die letzte Verdienstmöglichkeit zu nehmen. Diese fremden Eindringlinge besitzen eine Schindmähre von Dampfschiff, das auf einmal hundert Personen an Bord nehmen kann, so daß jetzt alle Liebhaber von Seefahrten es aufgegeben haben, sich unserer Segelboote zu bedienen. Was sollen wir also unnütz unsere Zeit am Deich verlieren? Sehen Sie, da ist es besser, denk ich, die Sache gar nicht erst mit anzuschauen, denn die Wut macht einem das Blut kochen; und so wahr es einen Gott gibt, würden wir, von dem einzigen Bedürfnis getrieben, Dinge kurz und klein zu schlagen und vielleicht selbst Menschen anzugreifen, uns zu irgendeiner Gewalttat hinreißen lassen. Darum werden Sie mich nicht mehr auf meinem Posten sehen. Der Herr ist uns treu geblieben, das ist wahr, aber es sind unsereins viele, und da er uns nicht allesamt mieten kann, so wollte ich nicht der einzige sein, der ...«

Er beendigte seinen Satz nicht, wurde ganz verlegen und errötete, da er zu befürchten schien, sich seiner Entsagung und rührenden Treue gerühmt zu haben.

Der edle, treffliche Junge! Aus diesem Grund also mied er mich, so daß ich ihn nirgends wiederfinden konnte.

»Armer, armer Burch!« murmelte ich.

Ich fand keine anderen Worte, so zum Zerspringen voll war mein Herz von dem Wunsch, sein ganzes Wesen mit meinen Gefühlen zu umfassen.

Am vorangehenden Tag schon hatte das fatale Dampfboot, über das sich die Bootsleute von Ostende beklagten, mein Mißfallen erregt; doch wenn auch meine ästhetischen Gefühle durch diese ebenso erfinderische wie abscheuliche Maschine verletzt worden waren, auf der die den Zeitläuften nicht Rechnung tragenden Bürger wie auf dem Verdeck von einem Omnibus zusammengepfercht saßen, so bemächtigte sich meiner ein wahrer Haß, als ich erfuhr, daß der scheußliche Kasten sich nicht nur gegen die Größe und Harmonie des Meeres vergriff, sondern auch noch dazu diente, diese sympathischen Arbeiter, die meinem Herzen besonders teuer waren, auszuhungern.

»Armer, armer Burch!«

Ich mußte nur immerzu diese Worte wiederholen, ohne mich entschließen zu können, die Hände meines Freundes loszulassen, und schaute dabei tief in seine blauen Augen, um mich für alle Zeiten durch den Abglanz seiner schönen Seele in Bann schlagen zu lassen.

Hatte mich schon die Trennung im vorigen Jahr so viel gekostet, um wieviel empfindlicher war mein Schmerz heute, denn er wurde durch eine wirkliche Gewissensangst um meinen Lieblingsgefährten gesteigert. Ich hatte das Empfinden, daß er vor mir die düstersten Aussichten verhüllte, um mich nicht in Unruhe zu versetzen. Ich ging zu Bett, konnte jedoch nicht schlafen; die ganze Nacht verfolgte mich das Bild von Burch wie die Erscheinung eines schon beweinten Freundes.

In der benachbarten Gastwirtschaft nahm ein Akkordion immer wieder dieselben kläglichen, einen Tanz vorgaukelnden Weisen auf, eine trügerische Polka, wie jene, die Burch in dieser Nacht getanzt haben mußte.

Warum nur trugen mich die Klänge dieses vorstädtischen Musikinstrumentes in die legendenhaften Zeiten des Kerlingalandes zurück? Zuweilen glaubte ich, den gefühlvollen und kriegerischen Dudelsack der Ureinwohner zu hören. Außerdem bestand noch ein anderer, eindrucksvollerer und zeitgemäßerer Zusammenhang: ein Riß in dem Blasebalg des Akkordions verursachte ein klagendes Ausströmen der Töne, und in regelmäßigen Abständen, sobald die durchlöcherte Stimme angeschlagen wurde, entwich der Klang wie ein Röcheln, als ob aus einer durchschossenen Lunge das Blut mit den letzten Atemzügen hervorquoll.

Um diese Besessenheit noch zu verstärken, knallten auf dem nahen Jahrmarktplatz Raketen, Feuerwerkskörper und Gewehre. Ich kam darauf, mir den letzten Abend mit Burch auf dem Deich, am Strand des eifersüchtigen Meeres, während der Ferientage des vergangenen Jahres in die Erinnerung zurückzurufen, als mir die leuchtenden Wogen den fernen Knall von Schüssen einer Kompagnie vorgegaukelt hatten. In dieser Nacht schienen mir die Entladungen jener dunklen Schießerei bedeutend näher gerückt zu sein im Vergleich mit damals, und es war mir, als jammerte das Akkordion nach jedem Schuß, als wimmerte es, durch seine Wunde furchtbar beklemmt und dem Ersticken immer näher, nach dem Gnadenstreich.


III

Einige Tage nach meinem Eintreffen in Brüssel stellten die Zeitungen in ihrem dürren Stil den ersten Ausbruch der Unruhen fest. Ein Telegramm meldete folgendes: »Als heute Herr M. Duvyvre, Reeder und Fischagent, eine Ladung Schellfische ausländischer Herkunft zum Verkauf stellte, äußerte sich die Unzufriedenheit der Fischer in lärmenden Kundgebungen, so daß auf die Fortsetzung des Fischverkaufs verzichtet werden mußte.«

Es lag in dieser Meldung nichts besonders Tragisches; von einem Gefühl plötzlicher Unruhe gepackt, las ich jedoch immer wieder die kurze Meldung, deren Buchstaben in feurigen Zickzacklinien vor meinen Augen tanzten, dann rannte ich in einem Atemzug nach dem Bahnhof und sprang nach einer endlosen Wartezeit von einer Stunde in den Schnellzug nach Ostende.

Als ich dort gegen Abend eintraf, wies nichts auf einen Volksaufstand hin: das übliche Geschrei der Hoteldiener, Burschen, Kutscher und Gepäckträger, das einen Haufen eleganter Badegäste bestürmte, die gerade ausgestiegen waren; der lange Zug von Omnibussen und Droschken wie sonst, die unter lautem Peitschengeknall diese späten Ankömmlinge, die nicht minder zusammengepfercht waren wie ihr aufeinandergestapeltes Gepäck, nach den großen Hotels des Strandes und des Stadtzentrums brachten.

Die Rue de la Chapelle, wo ich mich dem beängstigend langen Zug anschloß, trug wie immer ihr Aussehen einer Hauptverkehrsader einer falschen Hauptstadt zur Schau, sie machte den Anschein einer Rue de la Madeleine oder Rue Neuve von Brüssel, die mit ihren Schaustellungen, Diplomen und Ladenschildern berühmter Lieferanten ans Meeresgestade ausgewandert waren. Ein unaufhörlicher Strom von internationalen Spaziergängern und Faulenzern in buntscheckiger Promenadenkleidung wandte sich mit einer gemachten Trägheit vielbeschäftigter Nichtstuer den Abendtafeln der Hotels zu, deren kommende Genüsse durch die anlockenden Küchendünste ebenso eindringlich angekündigt wurden, wie durch den Ruf der Glocken.

Die Wirtsleute des Gasthofes waren nicht wenig überrascht, mich wiederzusehen, besonders nachdem ich ihnen den Grund meiner Rückkehr mitgeteilt hatte. Sie machten sich fast über mich lustig: »Wirklich,« rief die Wirtin, »Sie nehmen diese kleinen Zänkereien in Brüssel viel zu ernst! ... Das ist nur ein Mißverständnis, mein Herr. Man wird sich schon einigen, man hat sich hier bis jetzt immer geeinigt. Unsere Fischer sind keine Leute, die sich aufs hohe Pferd setzen. Mit denen läßt sich reden, die sind doch sanft wie die Schäflein! Mit ein paar guten Worten schafft man leicht Ordnung unter ihnen. Sie haben wohl schon geglaubt, hier Greueln beiwohnen zu müssen, wie sie sich bei den unruhigen Kohlengrubenarbeitern ereignen? Da können der Herr ganz ruhig sein. Heute schon merkt man nichts mehr davon!« Und der Engländer unterstrich die Meinung seiner Frau durch ein verächtliches: »Humbug! So ein Unsinn!«

Der Optimismus meines Wirtes und meiner Wirtin beruhigte mich jedoch nur halb. Obgleich mitten in einem Arbeiterviertel wohnend, lebten sie in einem gewissen Abstand von ihren Nachbarn. Ihr verhältnismäßiger Wohlstand, ihre internationale Kundschaft und ihr Geschäft, das niemals stillzustehen brauchte, machte sie gleichgültig gegen den Hungerzustand ihrer Umgebung.

Ich begab mich auf die Suche nach den beiden Brüdern Mitsu. Es stellte sich jedoch heraus, daß nicht nur sie, sondern auch ihre ganze Familie die Wohnung verlassen zu haben schien, da ich vergeblich an der Haustüre pochte.

Diese ungewöhnliche Abwesenheit rechtfertigte meine ersten Befürchtungen. Ich suchte einige Schenken des Hafendamms auf und erkundigte mich nach meinen Freunden. Niemand konnte mir sagen, wo sie sich befänden. Die Trinkenden unterhielten sich ruhig miteinander und schienen über durchaus gleichgültige Dinge zu sprechen. Nicht eine einzige Anspielung auf die Ereignisse vom vorherigen Tag wurde laut. Mehrere Fischer, an die ich einige Worte über diese Unruhen richtete, zuckten lächelnd die Achseln, als hätte ich sie zum besten gehalten. Es war ganz sicher: entweder mißtrauten diese einfachen Leute mir, oder meine Wirtsleute waren im Recht, und die Zeitungen hatten eine alltägliche Streitigkeit aufgebauscht. Ich kam schließlich dahin, die zweite Mutmaßung für richtig zu halten, und kehrte in mein Logis zurück, fest entschlossen, am nächsten Tag den ersten Zug nach Brüssel zu benutzen.

Während ich mich ankleidete, durch die Morgenglocke der Fischhalle beruhigt, die die Käufer zum öffentlichen Verkauf zusammenrief, brach mit einemmal unter meinen Fenstern ein lauter Lärm aus, der Kai hallte von Tritten und ungewöhnlichen Zurufen wider, aus denen ich Drohungen und Auflehnung vernahm. Matrosen und Fischer rannten in der Richtung der Hafenbassins vorüber, wo das Gedränge immer lärmender wurde und anschwoll, bis es zuletzt das Aussehen eines wirklichen Aufstandes annahm.

Der Tanz fängt also doch wieder an.

Ich gehe auf die Straße hinunter, und während ich mich nach den Ursachen dieser Erregung erkundige, zeigt mir einer der Manifestanten eine englische Schaluppe und ein Scharrnetzboot aus Berwick, die soeben in den Hafen einlaufen. Eigentlich erwartete man vier Ostender Fischerboote, unter ihnen auch die »Constantia«, auf der sich der ältere Mitsu befand, und noch ganz unter dem Einfluß der Unzufriedenheit des vorherigen Tages sind die Flamen entschlossen, sich dem Verkauf der englischen Ladung zu widersetzen. Die Engländer glauben, durch einige Angestellte der Seefischhändler und durch die Anwesenheit der Fischhallenbeamten ermuntert, es mit einfachen Drohungen der Eingebornen zu tun zu haben. Goddam! Sie werden sich doch nicht durch dieses Geschrei einschüchtern lassen! Und tatsächlich, sie machen sich daran, ihre bis zum Rande mit Fischen gefüllten Körbe auf dem Kai niederzusetzen. Hätten sie wirklich recht, diese Räuber, uns für ein solches Nichts zu halten? Sollten die Flamen von heute nur noch Wirrköpfe und Jammerlappen sein, denen die großen Völker eine Verfassung aufzwingen durften, die derjenigen gleicht, welcher jene Schikanierer, die »Bullies« der Hochschulen jenseits des Kanals, ihren Prügelknaben, den sogenannten »Fags«, seit jeher unterworfen haben?

Eine Anzahl Körbe steht schon am Ufer bereit, um abgewogen zu werden, und immer noch begnügen sich die Ostender Fischer damit, sie mit unterdrückten Flüchen zu umstehen und weite Armbewegungen ins Leere zu machen. Nicht einer geht vor.

Ich empfinde ein seltsames und widersprechendes Gefühl: einerseits möchte ich mich über den harmlosen Ausgang dieses Streites freuen, anderseits verfehlt die Gefügigkeit und Schlaffheit meiner Landsleute nicht, mich aufzuregen und tief zu demütigen.

O Kerle! O Blaufüße! O Zannekin! wo seid ihr? Haben eure Nachkommen nicht einen Tropfen von eurem widerspenstigen und wilden Blut in ihren Adern rinnen?

»Vorwärts! Genug Geschrei! Zurücktreten, Platz machen!« ruft der Ablader der Fischhalle, indem er eingreift, während die Inglischmänner sich gelassen daranmachen, die schweren Körbe auf ihre Schultern zu laden.

Als hätten sie nur noch auf dieses Zeichen gewartet, stürzen sich unsere Fischer mit einemmal ohne ein einziges befehlendes Wort auf die Ware. Harop! Harop! Fußtritte nach links und rechts! Alle Fischkörbe auf dem Boden ausgeschüttet! Man könnte sagen, daß Füllhörner ihre Schätze überquellen lassen. Die schönen Fische mit den schillernden Schuppen von Perlmutterglanz und Azurbläue! Die schmackhafte frische Flut, die Hoffnung der reichen Feinschmecker in alle Winde verweht! Sie sieht jetzt schön sauber aus, die leckere Ware! Wie sie euch hier eure guten Bissen auf der Stelle zubereiten ohne Bratofen und Pfanne, diese unsere stinken Sudelköche; die wässern euch ein Waterzooi Stockfischgericht., das am Vorabend des Schmauses unsere genußsüchtigen Bürgerinnen sich nicht haben träumen lassen! Rochen, Steinbutten, Schollen, Meeraale, Schellfische, Kabeljaus, Rautenschollen, Petermännchen verwandeln sich in ebenso viele fliegende Fische, die schneller ins salzige Wasser zurückplumpsen oder auf den Boden niederklatschen, als sie aus den Schaluppen Altenglands ans Tageslicht gezogen wurden.

Merry England weicht vor Merry Belgium zurück! Ganz ihrer Freude hingegeben, machen die Flamen ihren Gegnern keine Vorwürfe mehr und fluchen auch nicht. Belustigt und frohlockend widmen sie sich dieser Ausübung mit der Ausgelassenheit von Schuljungen, die Ball spielen. Ah! ich habe sie verleumdet! Wie sehen sie schön aus, unsere Fischer, unsere muskelstarken, breitrückigen Matrosen, wie sie sich da belustigen, mit der Fußspitze die klebrigen Fische über die Köpfe ihrer bestürzten Besitzer zu schleudern. Die Gevatterinnen, die aus dem Schoß der Ufergassen herbeigeeilt sind, beteiligen sich an dem Spiel mit einer noch größeren Ausgelassenheit als ihre Männer.

Welch eine Freude, ja; doch was für eine furchtbare, düstere Lustigkeit. Wenn man so lachen muß, dann hat man keine Tränen mehr zu vergießen. Sie lachen nicht nur, sie singen auch und sie tanzen. Sie erreichen es schließlich, die verfluchte Ware ganz zu vernichten, indem sie sie mit ihren Holzschuhen zerstampfen im Tanztakt einer unbändigen Gigue.

Die Aufrührer vergreifen sich noch immer nicht an Personen; trotzdem haben es die Engländer, durch den unvorausgesehenen Streich verwirrt, für ratsamer gehalten, an Bord ihrer Fahrzeuge zu springen, von wo aus sie verblüfft der Vernichtung ihres Fischzuges zuschauen. Der Angriff hätte sich auf materiellen Verlust beschränkt, wenn nicht die Polizisten ? immer recht gelegen, diese Herren von der Polizei! ? sich darauf versteift hätten, den Wütenden die übrigens zum Genießen nicht mehr geeignete Ware, jene kotige Masse, jenes nicht näher zu bezeichnende Matrosenfischgericht zu entreißen, in das sich der leckere Fischzug der Engländer verwandelt hatte. Das bekommt den Schergen schlecht. Man bewirft sie mit den Fischstücken, man stößt sie in diese kotige Masse, man besudelt sie mit Galle und Fischmilch. Ihre Alarmpfeifen rufen eine Abteilung Gendarmen zu Hilfe. Ehe die jedoch Zeit gefunden haben, die Bajonette aufzupflanzen, werden diese ihren Händen entrissen und in Korkzieher verwandelt, wie einfacher Draht. Regellos fliehen Stockmeister und Gendarmen in der Richtung der Fischhalle, wo sie sich zu verschanzen hoffen. Der Haufen folgt ihnen auf den Fersen; er holt sie ein, kommt ihnen selbst in der Halle zuvor. Da sie in seiner Gewalt sind, wird er ihnen schon etwas Rechtes einrühren; mit einemmal vollzieht sich jedoch ein Umschwung. Einer ruft: »He, Kameraden, laßt diese armen Teufel laufen; es gibt schlimmere Bösewichte! Gehen wir lieber dem Duvyvre und Valckenier einen Besuch machen!«

Ich erkannte die Stimme von Burch Mitsu und sehe ihn um Kopfeslänge den Haufen der Aufwiegler überragen. Sie unterwerfen sich seinem Einfluß, muß man annehmen, denn sie lassen ihre Gefangenen im Stich und setzen sich darauf im rhythmischen Marschschritt in Bewegung unter Ausrufen: »Nieder mit Duvyvre! Nieder mit Valckenier!« Duvyvre und Valckenier sind Fischhändler, unter deren Adresse die englischen Fische eingetroffen sind. Ich lasse mich durch das anstürmende Volk mit fortreißen bis an die Zugänge der Schreibstuben und Niederlagen, die der Rache der Fischer verfallen sind. In einigen Minuten haben sie die Türen eingedrückt, die Fenster zertrümmert, die Fischstände abgetragen und die Ware zerstört. Wenn die Besitzer, das Unheil ahnend, es nicht für klüger gehalten hätten, zu ihren Freunden zu flüchten, hätte man ihnen wie Aalen die Haut abgezogen. Die Verwüstung geschah unter dem Grollen furchtbarer Verwünschungen: »Tod den Verrätern! Ins Wasser mit den Judasseelen! Nieder mit den Freunden der Ausländer! Sie reißen uns die letzte Kruste Schwarzbrot vom Munde! Es gibt kein Vaterland mehr! Unsere Beschützer haben uns verkauft! Die Rabenmutter hungert ihre Kinder aus! Die Seestürme sind weniger mörderisch als diese Reeder! Die schlagen Geld aus unserem Elend und wollen noch, daß unsere Leichen Gold schwitzen!«

Ihre Hoffnung aufgebend, Hand an die Ausbeuter zu legen, kehrt die immer noch von Burch Mitsu befehligte Horde, da sie nichts mehr zu vernichten findet, nach dem Hafenbassin zurück und verschmilzt mit anderen aufständischen Massen.

Die ganze Bevölkerung hat ihre armseligen Behausungen verlassen, um sich über die Hafenkais auszubreiten. Die hageren, runzeligen Mütter schleppen an ihren Röcken die hungrige und weinende Kinderschar nach. Bei der kräfteanspannenden Tätigkeit unter freiem Himmel behalten die Männer dieser Proletarierklasse ihre Jugendfrische und Gesundheit länger, der Bromgehalt der Seeatmosphäre reinigt ihre Lungen, die ihrerseits das Blut gesund erhalten. Im Gegensatz dazu sind ihre Ehegenossinnen vorzeitig entkräftet und verwelkt, durch zahlreiche Kindbetten, durch die Feuchtigkeit, den Lichtmangel und die üblen Ausdünstungen ihrer jämmerlichen Stuben. Die Seeleute haben die Abwechslung zwischen den Abenteuern und Gefahren ihrer Reisen auf dem großen Weltmeer und stürmischem, ungestümem Hafenaufenthalt; sie kümmern sich nicht um die Zukunft, tauchen immer wieder in Tätigkeit unter, und nachdem sie ihren Alkohol ausgeschlafen haben, beginnen sie aufs neue sich mit Heldentum zu berauschen. Die Frauen kennen die düsteren Nachtwachen, die Schlaflosigkeit voll von Grauen. Während der todbringenden Stürme sind die Ängste und Schrecken für die bestimmt, die an Land warten, und nicht für die unerschrockenen und arglosen Kämpfer, die sich Körper an Körper mit den unerbittlichen Elementen messen. Sie sterben aufrecht, ohne den Tod nahen zu sehen; ihre Frauen aber ringen mit dem Tode ihr Leben lang.

Heute jedoch ist an sie die Reihe gekommen, vom tragischen Hauch berührt zu werden; sie kennen weder Voraussicht mehr noch Alltagsweisheit, weder hündische Ergebenheit noch Angst vor dem Morgen. Die besänftigenden und ängstlichen Beraterinnen sind jetzt aufpeitschende Hetzerinnen geworden. Nicht allein, daß sie den Aufstand der Fischer billigen, sie ermutigen die Männer selbst, in ihrem Widerstand zu verharren. Sie gehen von Gruppe zu Gruppe, um auf ihre Brüder, ihre Verlobten, ihre Gatten einzureden. Sie finden jene beißenden Worte, die das Feuer der Wiedervergeltung selbst in den sanftesten Herzen zünden und schüren. Oho, es sollte jetzt einem von ihnen nur einfallen, in See zu stechen! Sie würden es schon auf sich nehmen, ihn tot oder lebendig ans Land zu schaffen.

Während die Fischer bei Duvyvre und Valckenier die Tat der summarischen Gerechtigkeit vollführten, haben sie sich an Bord der streikenden Barken begeben und die Segel, nachdem sie die Flaggen heruntergeholt, mit Trauerschärpen aus Flor geschmückt, als hätte die Besatzung einen der Ihren in der »großen Tasse« verloren. »Seht her!« schreien sie, auf die trauernden Barken weisend, »wir fordern den Tod!«

Mit aufgelöstem Haar, irren Augen, krampfhaft verzogenen Mündern, heiseren Stimmen standen sie da, ihre Häßlichkeit hatte etwas Überirdisches; und diese armseligen, ewig sich fügenden Geschöpfe, die vom Leben nichts anderes kannten als tödliche Sorgen und erstickendes Dunkel, erweckten die Bilder Flüche schleudernder Wahrsagerinnen und Sibyllen aus biblischen Zeiten.

Sie ließen die Männer schwören, sich bis zur Todesverachtung dem Verkauf ausländischer Fische zu widersetzen, und um diesem Schwur noch mehr Gewicht zu verleihen, leisteten sie ihn alle auf die Häupter ihrer Kinder. Eine dieser Verzweifelten drohte, indem sie ihren Säugling, den sie an der Brust trug, über das Wasser hielt, ihr Kind eher zu ersäufen, als länger eine solche Beraubung zu erdulden.

Eine Gelegenheit bot sich, ihren Groll auf die Probe zu stellen. Hat sich nicht ein Scharrnetzfischer aus Ramsgate einfallen lassen, der Feindseligkeit der Ostender Fischer Trotz zu bieten und mit seiner Fischladung den Hafen anzulaufen? Man hat ihm schnell den Geschmack an einer derartigen Herausforderung verdorben.

Auf dem Damm, von dem die »fashionable« und faulenzende Welt, die Fischer aus Zeitvertreib, die Flirter und Flirterinnen nach dem Ausbruch des ersten Getümmels eiligst geflohen waren, brandeten jetzt die Wogen der mit Steinen und Wurfgegenständen jeglicher Art bewaffneten Empörer, und ein unaufhörlicher Hagel dieser Dinge begann das Deck des Engländers zu bombardieren, nachdem er kaum die enge Hafeneinfahrt gewonnen hatte.

Die Frauen, ganz außer sich, von ihrer Leidenschaft hingerissen, hatten sich, rasend vor Wut, in die Vorderreihen gedrängt. Auf den Treppenstufen der Ausladeplätze hockend, über das Geländer hängend mit verrenkten Armen, die die Raserei mit der Länge und Gelenkigkeit von Tintenschneckenfangarmen zu begaben schien, einzelne mit Bootshaken und Hakenspießen bewaffnet, mit wild rollenden Augen, die den Anschein boten, als ob sie von einer Schleuder herausgeschnellt werden sollten, während die Brise das Schlangengewimmel ihrer Haare um ihre Gorgonenfratzen pfeifen und klatschen ließ, und die Anstrengungen ihres Geheuls einen Schaum auf ihre Lippen legten, der beißender war als jener Wogengischt, der an den Hafenpfählen nagt, boten diese Weiber einen so unerbittlichen Anblick, daß die Engländer, nachdem sie sich einige Meter in den Hafenkanal hineingewagt hatten, den Bug ihres Schiffleins rasch der offenen See zuwendeten, weil diese dantische Vision, deren Hohngelächter sie bis ins Weite verfolgte, ihnen buchstäblich Entsetzen eingeflößt hatte.

Diese erschütternde Szene veranlaßte die Regierung, endlich mit den Aufsässigen zu unterhandeln; infolgedessen sandten die Streikenden eine aus ihren beliebtesten Genossen bestehende Abordnung nach dem Rathaus.

Auf dem Rückweg vom Hafendamm erfuhr ich von Burch, welcher einer der Unterhandelnden gewesen war, daß die Fischer einen ersten Teil von Genugtuung erlangt hatten: man würde bis auf weiteres nicht mehr ausländische Fische zum Verkauf bringen; die englischen Boote sollten hinausbegleitet werden; man habe beschlossen, für einige Zeit den Verkehr der Ausflugdampfer nach Blankenberghe einzustellen; und schließlich sollte auch das scheußliche kleine Dampfboot, über das die Bootsbesitzer und -vermieter sich beklagt hatten, schleunigst nach der Schelde, in den Hafen von Antwerpen zurückkehren.

Weniger aus Menschlichkeit und aus Fürsorge für seine unbemittelten Untertanen, als um die fetten Einnahmen der Hotelbesitzer und der Kaufleute nicht zu beeinträchtigen, hatte der Magistrat diese Bedingung angenommen.

Es war höchste Zeit, das Unglück zu bannen. Schon hatten die Bewohner der Villen nördlich vom Seestrand in der Nachbarschaft des alten Leuchtturms und der Hafenbassins ganz verwirrt haufenweise im Kursaal Zuflucht gesucht, viele auch ihre Rechnung verlangt, die Koffer zugeschnallt und den Zug genommen. Die fahlen Direktoren und die Pförtner der großen Hotels, in ihrer Habsucht getroffen, zausten wütend ihren Backenbart und murmelten verzweifelt: »Dieses schmutzige Pack hätte wenigstens das Ende der Saison abwarten können!« Um einem allgemeinen Auszug der Fremden Einhalt zu tun, wurden, kaum daß die Vereinbarung mit den Fischern beschlossen war, beruhigende und altväterlich würdige Ankündigungen öffentlich angeschlagen. Die Zeitungen veröffentlichten amtliche Mitteilungen folgender Art: »Man hat die Berichte über die Unruhen stark übertrieben; nicht ein Fremder wurde belästigt, und am Badestrand wie in der Umgebung des glänzenden Kursaals hatte man selbst keine Ahnung, daß Volksunruhen stattgefunden hatten. Am Strand spielten die Kinder und waren mit dem Bauen ihrer Burgen beschäftigt, wie es unsere Zeichnung zeigt.« Und der magere, philiströse Text verwies den Leser tatsächlich auf eins jener albernen Machwerke des kreidegewandten »Mars«.

Inzwischen hatte der Bürgermeister, ungeachtet der öffentlich bekanntgegebenen Wiederherstellung der Ruhe, die Bürgerwehr aufgeboten, und die Garnison wurde nach den Kasernen beordert. Was mich anbelangt, war ich weit davon entfernt, beruhigt zu sein. »Es ist jetzt also alles aus,« hatte ich zu Burch Mitsu gesagt. »Ihr werdet euch jetzt ruhig verhalten?« ? »Ja, alles ist aus!« war seine Antwort, die mit einer heiseren Stimme und einem rätselhaften Lächeln erteilt wurde, das seinen Worten eine eher beunruhigende als versöhnliche Bedeutung verlieh. Ich fand, daß er ein wildes und irgendwie geistesabwesendes Aussehen hatte, und die dunkle Macht, die sein Wesen ausströmte, schien mir vor ihrer endgültigen Offenbarung zu stehen. Ein krampfhaftes Schweigen trennte uns, ein Geheimnis schied ihn von mir. »Ich gehöre mir selbst nicht mehr,« murmelte er sehr leise wie im Traum, »und bald wird keiner auf Erden Gewalt über mich haben!« Obgleich wir nur zu zweien in seiner bescheidenen Stube waren, schien er sich dabei an einen unsichtbaren Vertrauten zu wenden. Seine lieben Augen blickten mich nicht mehr an; sie hefteten sich auf etwas, sie schienen, ich weiß nicht in welchen Weiten zu forschen.

Jetzt, da ich seiner habhaft geworden, war ich fest entschlossen, ihn nicht mehr zu verlassen. Ich würde ihn um jeden Preis verhindern, sich bei neuen Zusammenstößen in Gefahr zu bringen. Er hatte sich genug zuschulden kommen lassen an der Ausräumung der Fischhändler Duvyvre und Valckenier, wofür man ihn sicherlich zur Rechenschaft ziehen und als den Hauptanstifter verfolgen würde.

Er wandte sich zum Gehen, ohne auf mich achtzugeben, ich ging neben ihm her. Draußen bemächtigte sich meiner ein Gefühl wirklicher Erleichterung, als ich feststellte, daß sich eine gewisse Beruhigung unter der Bevölkerung auszubreiten begann. Die Wut machte einer fieberhaften Erregtheit Platz. Eine Rotte, angeführt von einer kaum als umstürzlerisch zu bezeichnenden Trikolore, durchzog die Straßen der Stadt und sang versöhnlich die Brabanconne. Nein, das war entschieden noch nicht die große Krise! Die Wirtsleute meiner Herberge beurteilten diese Menschenart richtig: gutmütige Kinder, deren langsam aufbegehrender Zorn schnell durch heuchlerische, als Lockspeise hingeworfene Zugeständnisse zu besänftigen war! Während ich mir dieses überlegte, warf ich einen Blick auf Burch, in der Hoffnung, daß sein Gesicht meinen Optimismus bestätigen würde. Doch im Gegenteil, es genügte, ihn anzusehen, um eine unabwendbare Katastrophe vorauszuahnen. Sie ließ nicht lange auf sich warten.

Als der Zug im Begriff war, auf den Kai zu münden, ging mit einemmal ein Stoß durch die Menge, die Musik hörte auf zu spielen, die Brabançonne blieb den Singenden in der Kehle stecken, und obgleich ich den Arm von Burch ergriffen hatte und mich, so gut es ging, zur Seite auf den Bürgersteig drücken wollte, wurden wir in den Wirbelstrom hineingezogen, vorwärtsgeschoben und voneinander getrennt. Die »Constantia«, eine der Ostender Schaluppen, die man seit heute morgen erwartete, war soeben im Hafen eingetroffen, und die Menge umgab begierig lauschend die Fischer, welche dabei waren, allerlei seltsame Dinge darüber zu erzählen, daß sie einem Scharrnetzfischerboot, welches ins offene Meer hinausgeleitet wurde, begegnet wären, und daß die Engländer ohne jeden Anlaß auf sie geschossen hätten. Gust Mitsu, der zur Besatzung gehörte, war am Arm getroffen worden, und mit zurückgekrempeltem Ärmel bot er den Blicken seiner Genossen eine noch nicht verbundene Wunde dar, aus der das Blut hervorsickerte.

In einem Nu hatte sich die Wut von neuem der Menge bemächtigt; das noch schwelende, schlecht gelöschte Feuer begann lichterloh zu brennen. Sie denken sofort Rache zu nehmen. Wen aber soll man treffen? Sie besinnen sich mit einemmal darauf, daß die beiden englischen Fischerboote, die die Unruhen hervorgerufen haben, die Schaluppe »Meredith« aus Grimsby und das Scharrnetzboot »Pacific« aus Berwick, sich noch im ersten Hafenbassin befinden. Es handelt sich darum, die beiden von dort so schnell wie möglich zu vertreiben. Unter Anführung der beiden Brüder Mitsu stürzt sich alles nach dieser Richtung. Die Artillerie der Bürgerwehr, welche man unter den Waffen behalten hat, um allen möglichen Zufällen zu begegnen, taucht in demselben Augenblick auf der Brücke auf, die jenes Hafenbassin mit der Meeresschleuse verbindet. Die Aufständischen sehen, daß ihnen der Durchgang verwehrt werden soll. Der Kommandant fordert sie auf, sich vom Kai zurückzuziehen. Weit davon entfernt, diesem Befehl zu gehorchen, leisten die Fischer Widerstand und bieten den Artilleristen die Stirn. Jene pflanzen das Bajonett auf und halten sich bereit, zu laden. Die Fischer treten entschlossen auf die Wehrleute zu, entblößen ihre Brust, und indem sie die Spitzen der Waffen ergreifen, gebärden sie sich, als wollten sie sie in ihre Brust stoßen.

Es gelingt schließlich der Bürgerwehr, die Hauptmasse des Haufens auf einige Entfernung vom Kai zurückzudrängen. Trotzdem hat sie es nicht verhindern können, daß einige unerschrockene und gewandte Burschen auf die am Kai festgemachte »Meredith« springen oder wie Burch und Gust Mitsu sich in zwei Vergnügungsfahrzeuge werfen, mit denen sie dann rudernd das Scharrnetzfahrzeug erreichen, das in einer Entfernung von fünfzig Metern vom Ufer verankert liegt.

Der Kommandant der Bürgerwehr ruft sie an: »Kehren Sie auf der Stelle um!« ? »Niemals im Leben!« ? »Sofort das Schiff verlassen!« ? »Das ist Ihre Sache, uns von hier auszuquartieren!«

Und die trotzigen Schlingel suchen die Bürgerwehr zum besten zu halten mit jener Verachtung der Leute von der See für diejenigen, die mit ihren Füßen nie etwas anderes als das Parkett der Kühe plattgedrückt haben.

Burch fing sogar mit den Händen in den Taschen an, eine Bourée zu tanzen, wozu er sich selber die Melodie pfiff. Eine katzenartige und fast urwesentliche Anmut, die seiner reichen und plastischen Schönheit das höchste Gepräge verlieh, ließ mich die grimmige Stunde und die blutdürstige Umgebung vergessen.

Der Polizeikommissar forderte ihn auf: »Na, Ihr da. Burch, seid vernünftig, macht keine Narrenstreiche! Gebt den anderen ein gutes Beispiel und kehrt, wie es sich für einen guten Bürger ziemt, ans Land zurück!« Da Burch tat, als wäre er taub, wurde der Mann feierlich und fing eine Rede an. Zurufe und Gelächter übertönten seine Stimme, und man konnte nur ab und zu die großen Worte: Rechtlichkeit, Gerechtigkeit, internationale Beziehungen, Achtung vor dem Besitz, allgemeine Brüderlichkeit hören. Burch hatte nicht einmal seinen choreographischen Zeitvertreib unterbrochen. Seine spöttische und mutwillige Laune teilte sich seinen Genossen mit. Sie schienen nicht einen Augenblick über ihre vollständige Sicherheit im Zweifel zu sein.

Diese Bürgerwehrleute waren doch Ostender, gerade wie sie! Die neuen Uniformen, die blankgeputzten Säbel, die glänzenden Gewehre, das tadellos weiße Lederzeug dieser »Bürger und Soldaten« imponierte ihnen heute ebensowenig wie an den Sonntagen, wenn diese Popanze bei der Rückkehr von der Übung mit der Musikkapelle an der Spitze auf dem Exerzierplatz auftauchten und nach dem sakramentalen: »Rührt euch!« die Terrassen der Kaffeehäuser stürmten, wo sie sich paffend und Pinten leerend gute Zeit gönnten, um so lange wie möglich ihr Sonntagskostüm zur Schau zu stellen. Die Fischer erkannten unter ihnen die Söhne der reichen Reeder und nannten sie ihrerseits vertraulich beim Namen: »He, Mijnheer Chaarel! He, Mijnheer Luik!«

Ohne weiter auf diese verfluchten Aufschneider zu achten, machten sich die frischen Burschen daran, ihre Prisen in Augenschein zu nehmen. Sie ließen die Takelage, die Blöcke, die Seile spielen, entfalteten die Segel und gelten sie auf, untersuchten die Festigkeit der Taue; einzelne stiegen in die im Schiffsraum befindlichen Kabinen hinunter; andere kletterten am Haupttau empor.

Während sie derart tändelten, kam einem von ihnen plötzlich ein Gedanke:

»He! Kameraden, was meint ihr, wenn wir wirklich losführen?«

»Recht so, wir wollen die verfluchten englischen Kästen selbst auf See bringen!«

»Es gibt noch etwas Besseres,« mischte sich Burch ein. »Gehen wir einfach auf den Fischfang, indem wir uns die Fahrzeuge von unseren schlimmen Konkurrenten ausleihen! Na, was meint ihr davon?«

»Bravo! Burch. Los! He, hissen! He, hissen!«

Und alles setzt sich in Bewegung. Die Fischer auf dem Hafendamm, die den wunderbaren Vorschlag von Burch gehört hatten, fanden den Spaß nicht minder trefflich und krümmten sich vor Lachen.

»Gust Mitsu wird die Schaluppe und Burch das Scharrnetzboot befehligen!«

»Einverstanden! Teilen wir die Mannschaft!«

»Die Maschinen anheizen! An die Segel!«

Tatsächlich teilten sie sich in zwei Besatzungen und gingen an die Arbeit, den Anker zu hieven und die Schiffe unaufhaltsam loszutauen, denn es war ihre Absicht, die Schaluppe durch das mit Dampfbetrieb versehene Scharrnetzboot fortzuschleppen.

Ihre Haltung war so ungezwungen, daß sie schließlich sogar meine Besorgnis einschläferten. Selbst die Polizei und die Bürgerwehr schienen durch das Reizvolle und Ungewöhnliche dieses Streiches entwaffnet worden zu sein.

Eine schöne Fratze würden die verfluchten Goddams machen, die zurzeit bei ihrem Konsul Zuflucht gesucht hatten, wenn sie sich jetzt entschließen sollten, an Bord zurückzukehren.

Der Streich wäre vollauf geglückt.

Eine erwartungsvolle Stille war auf dem Hafendamm eingetreten. Die Zuschauer verloren nicht eine Bewegung, nicht ein Wort dieser unbezahlbaren Kerls.

Schon hievten sie den Anker des Scharrnetzbootes.

»Einen Augenblick,« rief Burch, »wir segeln selbstverständlich unter belgischer Flagge!«

Er löst die dreifarbene Fahne, die soeben erst durch die Stadt getragen worden war, vom Schaft, und eine Ecke des Fahnentuches zwischen den Zähnen haltend, klimmt er den großen Mast empor, um dort die nationalen Farben aufzupflanzen.

Mächtiger Beifall und ein kurzer, leidenschaftlicher Jubelschrei begrüßen diese letzte Steigerung der Großtat. Die Fischer ergreift ein Taumel des Frohlockens.

Burch klimmt immer höher und höher, läßt sich aber Zeit; hin und wieder verwickelt er sich in die Falten der Fahne, ein anderes Mal bleibt er rittlings auf einer Rahe sitzen und schöpft Atem, wobei er von oben ein paar derbe Zurufe mit einem anderen jungen Burschen austauscht, den er aus dem Geschrei der Menge herausgefunden hat. Alle Blicke hängen zärtlich und angstvoll an seiner Gestalt, umschließen ihn mit ihrer liebkosenden Zuneigung und ihrem kameradschaftlichen Gefühl.

Endlich hat er die Spitze des Mastes erreicht. Um schneller fertig zu werden, reißt er die englische Flagge herunter.

Ein wildes, sich Überschlagendes Hohngelächter, das diesen Frevel gutheißt, läßt die Obrigkeit aufs neue zum Bewußtsein ihrer Rolle kommen. Außerdem wird auch die Menge allzu unruhig und drängt so stark gegen die Bürgerwehrleute an, daß diese Gefahr laufen, jeden Augenblick ins Wasser gestoßen zu werden. Es muß unbedingt eingegriffen werden.

Sehr bleich, erregt und in seiner Würde als Amateuroffizier verletzt, befiehlt der Kommandant nach einer kurzen Beratung mit dem Polizeikommissar der ersten Soldatenreihe auf die Eindringlinge an Bord der englischen Schiffe anzulegen. Zugleich wird die zweite Reihe gegen die lärmende Menge gewandt und bemüht sich, sie mit erhobenen Gewehrkolben zurückzudrängen.

»Werdet ihr da endlich herunterzusteigen, zum letztenmal sag ich es euch!« ruft der Offizier zu Burch Mitsu hinüber.

Als einzige Antwort vollführt der junge Mann eine gemessen skandierte Parodie einer militärischen Ehrenbezeigung.

»Feuer!« donnert der Offizier, die ausgelassene Lachsalve der Volksmenge übertönend und erstickend.

Die Kugeln verfehlen ihr Ziel; sie haben aber, wie es auch sei, geschossen! Es steht fest, diese Muscadins, diese »Familiensöhne«, wie man sie im Bourgeoisstil zu nennen pflegt ? was einen voraussetzen lassen könnte, daß alles, was Familie heißt, für die Enterbten nicht gilt, ? diese glattgeleckten albernen Burschen mit den Puppengesichtern waren mit Pulver und Kugeln bewaffnet! Es juckt ihnen in den Fingern, sich ihrer zu bedienen, so daß die Gewehre von selbst losgegangen sind!

Meine Augen verschlangen Burch. Der große Augenblick war drohend nahe. Ich wollte mich vorstürzen, ihn durch einen Schrei beschwören. Es war unmöglich! Meine Beine waren wie gelähmt, ich war in die Schraubstöcke des Menschengewühls eingeklemmt, und vor Entsetzen atemlos, konnte ich nicht einmal einen Schrei aus der Kehle herausstoßen.

Er aber, mein junger Held, hatte sich nicht einmal umgewandt, als die Entladung erfolgte, er hatte nicht einmal gezittert. Ruhig setzte er seine Arbeit fort, die britische Flagge durch die belgische zu ersetzen, und handhabte dieses mit einer Glückseligkeit in der Haltung und jenen immer wieder überraschenden Gebärden, die mich an ihm ergötzten, wenn er sich für unsere Fahrten segelfertig machte. Seine unvergeßliche Silhouette zeichnete sich gegen einen jener Sonnenuntergänge ab, die die Erregtheit der Tagundnachtgleiche und die krampfartigen Luftspiegelungen des Septembermondes noch verschärften. Der Widerschein des Horizonts leuchtete um ihn wie in Wollust; Sankt-Elmsfeuer spielten um die Schläfenlocken seines dichten Haares: er hatte nicht mehr das Aussehen eines gewöhnlichen Sterblichen, er blendete die Blicke wie ein Auferstandener.

Das scharfe Kommando durchschnitt zum zweitenmal den bewegungslosen Raum.

Es war geschehen. Sie hatten dieses Mal richtig geschossen und gut gezielt, muß man annehmen, wie beim Taubenschießen, wenn es gilt, der Hausfrau einige Silberbestecke mit nach Hause zu bringen.

Drei Körper schlugen auf Deck nieder. In einem erkannte ich Gust Mitsu. Später erfuhr ich, daß auch zwei Zuschauer, die sich auf dem Hafendamm der anderen Seite des Wasserbeckens befanden, durch das Gewehrfeuer getötet worden waren. Er wenigstens war verschont geblieben! Meine Täuschung dauerte nicht länger als ein Seufzer.

Ich sah ihn schwanken. Seine Hände verloren, eine nach der anderen, ihren Halt, er hob die Linke gegen die Brust, verlor den Stand, und noch im leeren Raum hängend, verwickelte er sich in der mehrmaligen Drehung des Falls in das schlecht am Hißtau befestigte Fahnentuch, so daß nur sein blonder Kopf mit dem sanften, bleichen Schiffsjungengesicht aus dem dreifarbenen Leichentuch sichtbar wurde, als er unweit seines älteren Bruders auf den Rücken niederschlug. Das, was mir im vergangenen Jahr das phosphoreszierende Meer und kaum neulich erst das Akkordion während einer schlaflosen Nacht vorausgesagt hatten, sollte wirklich das verzweifelte Keuchen dieser edlen Brust bedeuten. Allmählich färbte sich durch den Strom des Blutes, der aus der zerrissenen Lunge quoll, das nationale Fahnentuch zu einem prophetischen roten Banner.

Und nun, sich auf den Ellenbogen hochrichtend, wandte Burch in der Haltung eines treuen Wächters seine brechenden Augen dem Himmelsrand zu, wo die Wolkenbauten ihm den Leuchtturm der verheißenen Revolution offenbarten ...

Was für Gründe haben mich gehindert, den Tod darauf zu suchen? Eine schwer zu schildernde Scham, ein dunkles Bewußtsein meiner Unwürdigkeit, die Scheu, mein unheiliges Blut diesem der Zukunft wohlgefälligen Opfer beizumischen. War ich nicht eher dazu verpflichtet, anstatt mein Leben zu lassen, mich mit der Volksseele zu erfüllen? Sollte ich nicht auf eine wirksamere Weise als durch vorzeitigen Tod und durch ein noch unverdientes Martyrium meinen Teil zum Glück derjenigen beitragen, die ich so sehr zu lieben behauptete! Auf solche Weise empfing ein Glaubenslehrling aus der Zeit der ersten Christen erst viel später nach den anderen die Weihe des gewaltsamen Todes.

Wenn mein Platz auch niemals unter den unmittelbaren Bedrückern dieser Unglückseligen gewesen ist, so war er doch noch nicht bei den Verfolgten! Einmal vielleicht werde ich der Armen und Enterbten würdig sein! Wenn ich meine heimlichen sozialen Vorurteile bekannt und mich von ihnen gesäubert haben werde, mich frei gemacht von den letzten Verträgen, die den Ausbeutern Nutzen bringen, wenn keine der Heucheleien des Fortschritts und der Zivilisation mein Gewissen mehr verwirren werden, dann werde ich verdienen, wenn nicht mit den in Acht und Bann Geschlagenen und mundtot Gemachten zu sterben, so doch wenigstens mich opfern zu dürfen, um ihren Nachkommen Platz zu machen.

Die äußerste Eitelkeit und Anmaßung unsererseits, würde sie nicht darin beruhen, daß wir, geängstigte Träumer und blasse Weissager kommender Umwälzungen, uns dafür berufen halten sollten, noch eine Rolle in der Aufrichtung der neuen Welt zu spielen?

Bald wird es mit den Vorzeichen und Warnungen der dräuenden Zeitneige vorbei sein. Würden wir nicht besser tun, mit jenen zu verschwinden, die wir verurteilt und gebrandmarkt haben, wir Abtrünnigen dieser Zivilisation, dieser gestürzten Moral, wir Abraum, der den anarchistischen Bauplatz versperrt!

Ebensogut heißt es, abzutreten ohne Gegenbeschuldigungen. Lassen wir die Art, uns wie Kain Gerechtigkeit zu verschaffen. Machen wir jungen Seelen Platz, Seelen ohne Gewissensbisse und ohne Vergangenheit. Die besten, die jüngsten unter den Bourgeois sind unfähig für das Werk der kommenden Erntetage, kaum daß sie mit Nutzen die Hand zur Aussaat bieten werden; sie werden im besten Fall als Dünger dienen. Wir würden nur linkische, ungeschickte und verhängnisvolle Entgleiste sein. Denn wir sind wie das Gestrüpp, welches Neuland überwuchert, und das der neue Ansiedler zu Asche verwandelt, um es als Dung dem erschöpften Boden wiederzugeben, dessen Schmarotzer es war.

Sie aber, alle, die wir lieben, die, ohne es zu wissen, sich an uns vergreifen, weil sie das Verhängnis, das Schicksal trunken gemacht hat und ihren Arm führte, sie sind die Erwählten, die uns ihrem besten Heil zum Opfer bringen werden.

Viel zu viel Glück und Vorrechte binden uns und lassen uns entarten, als daß wir würdig wären, uns im Tode mit jenen hohen Enterbten zu verbinden!

Bescheiden wir uns, am Tage der Vergeltung und des Umsturzes mit den schlechten Reichen verwechselt fallen zu müssen. Und um unseren Geliebten den stärksten Beweis unserer tiefen Zuneigung zu geben, müssen wir dieser Verkennung, dieser Verachtung zustimmen. Wir müssen die ganze Grausamkeit dieses Schicksals hinnehmen, und zwar ohne zu hoffen, daß die Vollstrecker unseres Urteils uns je beweinen werden; ja, selbst mit dem Verlangen, daß sie niemals wüßten ? damit sie nicht unnütze, überflüssige Reue fühlen ?, bis zu welchem gefahrvollen Krampf wir sie geliebt haben! Sie müssen fortfahren, uns für schuldig zu halten, damit nichts ihr klares Erneuererwerk trübt.

Um sich den Glauben und die Hoffnung unversehrt erhalten zu können, dürften sie da wohl jemals an ihrer werktätigen Liebe zweifeln?

Doch für uns, welche Wonne, die alle anderen übertrifft: von ihren unbefleckten Händen den Tod zu empfangen! So hatte Cäsar den Tod durch den Degen seiner mit Freiheit beschenkten, starken und reinen Gladiatoren gewünscht. Und um versöhnt zu sterben, harrt Amfortas Parzivals.


Georges Eekhoud

Eekhoud gehört der Weltliteratur an. Neben Camille Lemonnier und Verhaeren gebührt ihm, über allen Kämpfen des Tages, eine Ausnahmestellung im belgischen Schrifttum. Diese Bedeutung Eekhouds ist in Belgien seit Jahren anerkannt worden; das verhältnismäßig rasche Aufblühen von Eekhouds Ruhm in Frankreich ist eine Tatsache, der gegenüber die Unbekanntheit dieses am tiefsten flämischen Dichters Belgiens in Deutschland unbegreiflich ist. Es müßte denn schon sein, daß dieser große Flame, von dem eine französische Zeitschrift gelegentlich einer Huldigungsausgabe im Jahre 1912 sagt: » Son origine est essentiellement germanique«, und der als Sproß eines mit deutschem und holländischem Blut durchmischten Antwerpener Patriziergeschlechtes Eekhouds Großvater mütterlicherseits war ein Deutscher aus dem Herzogtum Nassau, während seine Großmutter mütterlicherseits eine Holländerin aus Rotterdam war. wie keiner verstanden hat, die Tiefen der flämischen Seele zu offenbaren, erst den Umweg über blutfremde Anerkennung machen sollte, um im blutverwandten Deutschland an letzter Stelle Gehör zu finden. Ein übrigens nicht einzig dastehender Fall, welcher ebenso für die seelische Gewalt der Eekhoudschen Kunst, wie für die Unzulänglichkeit des flämisch-deutschen Geistesaustausches in der Zeit vor dem großen Weltkrieg Zeugnis ablegt.

Wollte man das Wesentliche der Eekhoudschen Kunst kurz charakterisieren, so dürfte man vielleicht sagen, daß es das Großmenschliche seiner Heimatliebe ist, was dieser von einer unwiderstehlichen Dramatik durchfluteten epischen Kunst seinen verklärenden Stempel aufdrückt und Eekhouds Werk unsterblich macht. Es gibt kaum in der ganzen Weltliteratur der Neuzeit ein Beispiel einer ähnlichen Leidenschaftlichkeit der Heimatliebe, eines ähnlichen tragisch-allumfassenden Dranges, der Eekhoud zum inbrünstigen Trinker des Blutes und der Lebenssäfte seiner Heimat macht und ihn zugleich mit einer Christusaureole der selbst auf Höllenfahrten nicht verblassenden Liebe krönt.

Das Eigentümliche an Eekhouds Heimatschilderung und Heimatliebe, das seinem Werk den Stempel einer neuen »menschlichen Komödie« verleiht, liegt in seinem Zupacken seelischer Probleme. Seine Liebe dringt bis zum tiefsten Seelengrund, kennt keine Rücksicht, vermählt sich jedoch zugleich aufs engste mit dem physischen Fluidum, mit dem Fleisch und Atem seiner Heimat. So ist sie sinnlich und übersinnlich zugleich. Jesus und Dionysos sind in ihr versöhnt, was übrigens, wie uns Eekhouds »Freigeister von Antwerpen« ( Les Libertins dAnvers), jener geniale Versuch, die Geheimnisse eines Genius Loci zu entschleiern, zeigen, echt flämisch ist. Eekhouds Liebe zu seinem Volke wendet sich, jesusähnlich, mit besonderer Leidenschaft den Niedrigsten seiner Heimatgenossen zu. In jener Masse des Volkes, für das der selbstbewußte Pharisäer, welcher Art er auch sein mag, nur ein geringschätziges Lächeln hat, spürt er das Wirken heiliger Mysterien des Blutes, der Rasse und jener geheimnisvollen Kräfte, die wir Seele nennen. Sein reines Mitgefühl, das zugleich heidnische Erdenliebe, Blutliebe und Schönheitsliebe ist, bemächtigt sich des Volks- und Proletarierproblems und erweitert es zu einem Menschheitsproblem, zu einem Problem der Liebe und des Hasses aus tiefsten Seelengründen, zu einem höchst dramatischen Widerspiel der guten und bösen Machte in ihrer elementarsten Gewaltäußerung. In diesem Sinne sind seine Werke » Mes Communions«, dem die Erzählung »Burch Mitsu« entnommen ist, » Le Cycle patibulaire«, jene Galgenvogelgeschichten, welche Oscar Wilde so hoch geschätzt hat, und vor allem auch der flämische »Werther« mit dem Jesusgesicht: der Roman » LAutre Vue«, jene höchste Apotheose von Eekhouds Liebe zu den »samtenen Strolchen« und den Verbrechern aus Notwendigkeit, Offenbarungen von einer leidenschaftlichen Farbengebung und aufwühlenden Dramatik, wie sie ähnlich nur die größten Meisterwerke der altflämischen Malerei zu verkörpern vermochten.

Eekhouds Kunst, ob sie uns in wunderbar gemalten Bildnissen, die meistens junge Burschen des niedrigsten flämischen Volkes, ja vornehmlich Parias darstellen, oder in großen sozialen Gemälden, wie » La Nouvelle Carthage« und in historischen Visionen ( Les Libertins dAnvers) naht, ist die Verkünderin einer großen menschlichen Offenbarung von dem Reichtum der Allerärmsten. Sie macht uns reicher, indem sie uns Schätze von Menschenschönheit wie werdende und vergehende Träume der im Erdenkot des Volkssterbens und -aufbegehrens ewig gestaltenden Seele enthüllt, und sie deutet uns besser als jede andere Kunst die Labyrinthe der flämischen Seele in ihrer inbrünstigen Erdgebundenheit (» Kermesses«, » Nouvelles Kermesses«, » Kees Doorik«), in ihrer dionysischen Lebenskühnheit (» Mes Communions«, » Le Cycle patibulaire«) und ihrer jesushaften Lebenssüße (» LAutre Vue«, » Les Libertins dAnvers«, » La faneuse damour«).

Nimmt man Charles De Coster, den großen Dichter des »Tyll Uilenspiegel« als Ausgangspunkt der neuen flämischen Blüte im belgischen Schrifttum, so ist Eekhouds Kunst ohne Zweifel die geradlinige Fortsetzung dieser Bewegung.

Schon aus diesem Grunde ist es heute Zeit, der Kunst Eekhouds, mit einer des Meisters würdigen Sorgfalt, in Deutschland Eingang zu verschaffen. Sie ist der Schlüssel zur flämischen Seele in jenem bedeutungsvollen Sinne, wie es die altflämische Malerei war, deren unverwelklicher Zauber durch Jahrhunderte hindurch auf uns wirkt.

Der Übersetzer.


Druck der Roßbergschen Buchdruckerei in Leipzig.

 


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