Aus Prager Gassen und Nächten

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Der Clamsche Garten

Westend von Prag. Endstation der Elektrischen, die Smichow und Koschi? durchquert.

Über dem Gittertor steht die Aufschrift »Klamovka« mit so großen Goldbuchstaben, daß jeder erkennen müßte, die hohe, von blütenschweren Bäumen überdachte Mauer umschließe keine öffentlichen Anlagen, keinen Privatpark. Es ist offenbar ein Wirtshausschild, das dringlich zum Eingange lädt. Aber das Tor ist versperrt, und keine Klingel ist vorhanden, die einen öffnenden Pförtner herbeizurufen vermöchte. Und selbst wenn man in der abzweigenden Weißbergstraße das offenstehende Seitentürchen entdecken, durch dieses eintreten und die Stiegen zum Garten hinaufschreiten würde, so müßte man umkehren, denn ein Zettel verwehrt strenge dem Fremden den Eintritt. Der abweisende Inhalt des kleinen Zettels auf dem Seitentor kontrastiert mit der einladenden Aufschrift der großen Tafel auf dem Haupttor. Sodaß man doch in Zweifel gerät, ob hier ein Wirtshausgarten oder ein Herrschaftspark sei.

Beides oder keines von beiden. Früher haben Grafen und Gräfinnen hier im Clamschen Garten auf schattigen Kieswegen lustwandelt. Aber später wurde der gräfliche Park an einen bürgerlichen Gastwirt verkauft, und der baute in der Mitte des Gartens ein Gasthaus mit einem Tanzsaal.

Nun aber wird hier auch nicht mehr getanzt. Seit heuer. Noch im vorigen Jahr war die »Klamovka« am Sonntag nachmittag ein Wallfahrtsort der Dienstmädchen, der Burschen und Mädchen aus dem Volke, und oben im Saale wurden bis spät in den Abend Quadrillen und Walzer getanzt, besonders schlürfend der Sechsschrittwalzer, der im Volksmund »Na ?est« heißt, dessen charakteristisches Merkzeichen die langgezogenen, langsamen Schritte bei der Linksdrehung sind, und bei dem man in erheuchelter oder echter Verzückung die Augen zu schließen hat. In den Pausen aber gingen die Liebespaare, sich umschlungen haltend, hinunter in den Garten, in dem die hohen Christusakazien, die duftenden Syringensträucher, die schattigen 2 Kastanienbäume, die silberglänzenden Rotbuchen, die dichten Ahornsträucher und die verzweigten Hagedornbüsche in Blüte standen. Wenn auch die Blütenpracht von den Liebespaaren wohl kaum eines Blickes gewürdigt worden ist ? der Einfluß des Milieus muß doch im Unterbewußtsein seinen Nachhall geweckt haben, dem Frühling der Herzen muß es doch inmitten des Frühlings der Natur am wohlsten gewesen sein. Sonst wären die jungen Leute doch in nähere Sonntagstanzlokale gezogen, wie in das Weinberger Bräuhaus, in das Gasthaus »Na Slovanech« auf dem Karlsplatz, wo der Wirtsgarten nur aus paar verkrüppelten Bäumen besteht. Doch dort wars nie so voll wie in der »Klamovka«.

Zwölf Jahre tanzte man hier. Am Anfang schien es, als wolle sich das entlegene Tanzlokal nicht einbürgern, und der alte Hlava?ek, der für den Ankauf des Gartens und für die Aufführung des Wirtshausbaues sein Vermögen verwendet hatte, schoß sich aus Verzweiflung eine Revolverkugel ins Herz. Sein Sohn aber hatte mehr Glück und allsonntäglich war es voll im Clamschen Garten.

Vor zwei Jahren aber haben die Barmherzigen Brüder den herrlichen Garten gekauft, um in ihrem menschenfreundlichen Wirken keine Stockung eintreten zu lassen, falls ihr jetziges Spitalsgebäude in der Josefstadt als Opfer der Assanierung fallen würde. Von heuer ab bleibt das Gasthaus unvermietet und das Gartentor steht geschlossen. So werden die Nachfolger der Liebespaare, die sich hier im Garten ihrer Jugend freuten, die bleichen Kranken sein, die humpelnd oder in Rollwägelchen wehmütig den Glanz der Blumen betrachten und den Duft der Blüten atmen werden. Es kann sein, daß vielleicht einmal ein alter Patient oder ein krankes Mütterchen, den Garten betretend, schwermütig lächeln werden, weil sie in diesem Garten, der nun ihr Krankenasyl sein soll, in der schönsten Zeit ihres Lebens viel geweilt haben und seither nicht mehr. So wird ihnen doppelt wehe ums Herz sein. Aber das Gefühl wird kein bedauerndes sein. Denn auf der »Klamovka« ging es nicht ausschweifend zu, wie z. B. in einer unmittelbar benachbarten Gartenwirtschaft, welche heuer als Erbe der »Klamovka« die Koschi?er Jugend übernommen hat und auf deren Usancen ein Mordprozeß des vergangenen Jahres ein böses Licht warf. Auf 3 der »Klamovka« gab es nie eine »parta«, wie die Platten im Prager Vorstadtjargon heißen. Hier hatte fast jedes Mädchen bloß einen ständigen Tänzer, den Liebhaber. Wenn der gewechselt wurde, gab es stumme Katastrophen.

So hat beispielsweise einmal ein Artillerie-Freiwilliger hier Unheil angerichtet. Der hatte richtig kalkuliert, daß seine schmucke Uniform ihm hier ein siegendes Liebesglück verschaffen müsse, und war in den Clamschen Garten gefahren. Sein Eintritt in den Saal war eine Sensation. Hierher, wo schon die Uniform eines Infanterie-Pferdewärters auf die unbefangenen Mädchenherzen elektrisierend einwirkte, kam ein Einjährig-Freiwilliger mit tadellosem Scheitel, blanken Lackkanonen, silbernen Salonsporen, hellblauen Kammgarnhosen, dunkelbraunem Waffenrock mit dem verschnürten Schützenzeichen und einem vorschriftswidrigen Flitterstern auf dem feuerroten Kragen! Er kam in den Saal und musterte die Paare kritischen Blickes. Dann wählte er sich ein Mädel zum Tanz, ein Mädel, dem die Stammgäste prophezeiten, daß es gar bald von der blonden Jarmila den von allen angestrebten Titel »Hv?zda Klamovky«, des Sterns des Clamschen Gartens, erben werde. Er tanzte, tanzte wieder, und der junge Monteur, der bis zur Stunde der Liebhaber der Kleinen gewesen war, der tanzte nicht. Der saß in dem Saalteile, der durch Säulen vom Tanzsaale geschieden und für die Biertische reserviert war. Als es 8 Uhr und gerade eine Tanzpause war, ging er zu dem Mädel, das mit dem goldstrotzenden Galan promenierte.

»Komm nach Hause, Bo?ena.«

»Ich will nicht.«

»Ich muß doch um 9 Uhr im Elektrizitätswerk sein. Sonst wirft man mich hinaus.«

»Dann wird man dich eben hinauswerfen.«

»Du weißt doch, daß mein Vater beim Bürgermeister war, damit ich die Stelle bekomme.«

»Ich halte dich nicht. Du kannst ja gehen.«

Den letzten Satz sprach sie schon davontanzend, denn die Musik hatte das tschechische Volkslied begonnen, das an zwei blaue Augen die Frage richtet, warum sie voll Tränen seien. Der Monteur empfindet das Schmerzliche des letzten Satzes doppelt schmerzlich, weil es im Arme des anderen gesagt worden ist. 4 Er fühlt, daß das Mädel, indem sie ihn abwies, dem anderen eine Liebeserklärung gemacht hat. Fühlt, daß sich jetzt die zwei fester aneinander schmiegen und vielleicht über ihn, den heimgeschickten Dritten lächeln. Der Bursch geht zu seinem Platz zurück und ist blaß.

Allein fortgehen kann er nicht, trotzdem die Bo?ena das behauptet hat. Sonst geht das Mädel mit dem Kanonier nach Hause, und dann lächeln die zwei nicht mehr, sondern sie lachen. Noch mehr Leute, die Stammgäste der »Klamovka« würden alle lachen über »k?en«, den Wurzen, der ein Mädel zum Tanz führt, damit dieses mit einem anderen nach Hause gehen könne. So bleibt der junge Monteur sitzen bis 9 Uhr (die Stunde, zu der er bei der Kontrolluhr im Elektrizitätswerk sein soll) längst vorbei ist. Er sitzt bloß beim Bier und möchte sichs nicht anmerken lassen, wie sehr ihm die Musik in das Herz schneidet, die seinem Mädel zum Tanz mit einem anderen aufspielt. So wiederholt er sich die Worte, die ihm ein Freund im Vorbeigehen tröstend zugerufen: »Was liegt an einem Mädel!« Spät abend geht er mit der Bo?ka nach Hause. Er weiß gar wohl, daß sie sich für morgen ein Stelldichein mit dem Freiwilligen verabredet hat, er weiß gar wohl, daß jetzt alles aus ist. Er hat aber wenigstens die Blamage verhütet, er begleitet wenigstens das Mädel nach Hause, mit dem er gekommen war. Mag es ihn immerhin seine Stellung gekostet haben!

Es war zum letztenmale, daß er mit Bo?ka heimging. Es war zum letztenmale, daß er auf der »Klamovka« getanzt hat. Auch wenn das breite Gittertor nicht verschlossen wäre, würde er nicht mehr hingehen. Er verkehrt jetzt in anderen Lokalen. Fast täglich mit einem anderen Mädel. Und wenn jetzt jemand seine Begleiterin verlangend mustert, dann muntert er sie noch auf, den Blick zu erwidern. Er hat auch gar nichts dagegen, wenn sie jetzt mit jemandem den ganzen Abend tanzt, ja selbst wenn sie dann mit dem anderen nach Hause geht. Er fürchtet nicht mehr, als »k?en« zu gelten. Er will nur Geld haben. »Was liegt an einem Mädel!« Das Wort, mit dem er sich damals zu trösten versuchte, ist seine Lebensmaxime gewarden?.?.?.

Eine Pointe hat die Geschichte nicht. Es sei denn, man wollte es vielleicht als Pointe ansehen, daß an manchen Abenden auch die Bo?ka (die ginge übrigens heute auch nicht mehr auf 5 die »Klamovka«) zu seiner Klientel zählt. Der Artillerie-Freiwillige tanzt aber schon lange nicht mehr mit ihr.

Das war so einer von den kleinen Romanen, die im Clamschen Garten begonnen haben. Sie stehen nirgends verzeichnet und jeder der Besucher kannte nur einen solchen Roman. Und wenn man die Sehenswürdigkeit des Gartens zeigt, so weist man auf das »Himmelchen«, einen runden, entzückenden Kapellenbau, durch dessen sternförmige Öffnungen in der Wölbung das Himmelslicht strahlt, so zeigt man den hübschen Eselsstall, so zeigt man den aus Stein gemeißelten Pferdetrog, der auf einem mit einem steinernen Zaunzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal für des Grafen Clam-Gallas Schlachtroß »Cassil« darstellt, so zeigt man den Platz, auf dem Prinz Wilhelm von Auersperg an einem Maitage vor vierunddreißig Jahren im Duell sein Leben ließ. Aber man zeigt nicht die Sträucher, in denen mancher junge Mensch seinen Liebesgram ausgeweint hat, man zeigt nicht die Stelle, von der aus der blasse Monteur seinem davontanzenden Liebesglück nachblickte. 6


Die Gemeindetruhe

Die Einführung der Gemeindetruhe sei den Kommunalbehörden aller Weltstädte ans Herz gelegt. Nicht etwa, daß diese Empfehlung meinem ausgeprägten Lokalpatriotismus oder irgend einem anderen Gefühle entspringen würde. Persönliche Beziehungen verknüpfen mich mit der Gemeindetruhe nicht. Ich kann auch aus eigenem nichts über das Innere dieses hermetisch verschlossenen Verkehrsmittels sagen. Aber es ist ganz hübsch. So sagt mein Freund Franta Cu?ek, der in der Gemeindetruhe geboren wurde, schon oft in ihr nach Hause gefahren ist und auch mutmaßlich einst mittels dieses Vehikels in die »Pathologie« geschafft werden wird. Der kennt das »Etui«, wie er es in dem Tonfall der tschechisch-französischen Verbrüderung ausspricht, in- und auswendig. Von weitem und um die Ecke erkennt er, welche Nummer jene Truhe hat, die da herangerasselt kommt, um irgend einen Gast unseres Stammlokales nach Hause zu befördern. Ohne je den Zettel zu betrachten, der an der Rückseite des Korbes baumelt und eine rote Ziffer ? die Wagennummer ? trägt.

Daß Franta Cu?ek die Lenker des Gefährtes kennt, ist ganz natürlich. Er steht mit allen auf Du und Du und sein »Serbus« wird von dem menschlichen Zweigespann mit gleicher Herzlichkeit erwidert. Aber diese private Freundschaft hat natürlich nicht etwa zur Folge, daß Franta den Lenkern bei der Ausübung ihrer Berufspflicht irgendwelche Erleichterungen gewähren würde. Dienst ist Dienst. Es ist ein schöner Zug im Leben Frantas, daß er einmal einem dieser Automedonten, dem Jaro Roztopil, mit dem er selbst treu befreundet war, das linke Auge ausgeschlagen hat, als dieser ihn in den Korb zu betten versuchte. Trotzdem das linke Auge für jeden Menschen im Sommer nur eine unnötige Mehrbelastung des Körpergewichtes darstellt, trotzdem das linke Auge zum ehrsamen Gewerbe des Gemeindetruhenwärters nicht unbedingt erforderlich ist und trotzdem Jaro Roztopil anläßlich dieser in Ausübung der Berufspflicht erlittenen Wunde aus dem Stadtsäckel ein Schmerzensgeld erhalten hat, 7 lassen es seither die beiden Truhenmänner nicht mehr auf die Betätigung von Frantas Unparteilichkeit im Dienste ankommen. Sobald sie an den Ort kommen, auf welchen man sie begehrt, und sehen, daß Franta Cu?ek zu ihrem Passagiere auserkoren ist, dann eilen sie mit unheimlicher Schnelligkeit auf ihn zu und umklammern aus einem nicht in die Augen springenden Grunde seine vier Gliedmaßen mit gußeiserner Gewalt. Der eine hält Frantas rechten Arm und den rechten Fuß, dem anderen ist die ehrenvolle Aufgabe zugewiesen, mit den linken Gliedmaßen ein Gleiches zu tun. Oh, Franta Cu?ek wehrt sich noch immer nach Leibeskräften, aber es hilft ihm nicht mehr viel. Er fällt, wie einst Cäsar von Brutus Hand, von den Händen seiner Freunde. Er fällt in die Truhe, ohne daß er im Kampfe mit seinen Widersachern siegreich geblieben wäre. Sein einziger Erfolg ist höchstens, daß er manchmal einen Fuß aus der Umklammerung der beiden befreit und einem von diesen durch einen Tritt die Uniform beschmutzt hat.

Ach, die Uniform der Gemeindetruhenwärter! Wer kennte sie nicht, diese Livree: Die fesche Bluse aus blauweißer Leinwand, der nur im Winter durch ein einfaches braungestricktes Cachenez verhüllte Hals, die hohen Kanonenstiefel und die Eishackerhosen, die Ledermütze von undefinierbarer Farbe mit dem blechernen Wappen der königlichen Hauptstadt darauf ? gibt es etwas Einfacheres, etwas Schöneres? Ist das nicht schöner als der blaue Frack, den man in Wien vor kurzem als Festkleidung für die Magistratsfunktionäre bestimmt hat?

Übrigens sei erwähnt, daß die Chauffeure der Gemeindetruhe ihre Uniform in Ehren tragen. Ihre Aufgabe ist schwer, aber sie erfüllen sie gut. Nicht nur dann, wenn sie ihren Passagieren à la Franta beim Einsteigen in die Karosserie behilflich sind, sondern auch beim Entladen des Korbes. Dieses Entladen ist, da die Seitenwände des Korbes nicht heruntergeklappt werden können, sondern fix sind, nicht so einfach, als sich ein Laie auf dem Gebiete des modernen Verkehrswesens denken würde. Aber das Problem wird dennoch auf findige Weise gelöst. Indem man die Truhe zu einem Tobogan umwertet. Wenn nämlich die Truhe an ihrem Endziele, dem Hof des Arrestgebäudes angelangt ist, so wird sie derart aufgestellt, daß der Korb windschief auf den Rädern ruht und die Füße des 8 Etui-Inhaltes nach unten zu gerichtet sind. Nun klappen die aurigae den Deckel auf, heben die Beine ihres Pflegebefohlenen in die Höhe und schieben dessen Rumpf längs der schiefen Ebene so weit hinab, bis die Beine des Passagiers über die untere Wand des Korbes ragen. Dann tritt man auf die Füße des Korbinsassen, diese senken sich zu Boden, und der Passagier steht vertikal auf Mutter Erde. Ein sichernder Druck auf den Rücken hindert ihn an dem Rückfall in das Vehikel.

In nach zarterer Weise ist man jenen Passagieren beim Aussteigen behilflich, deren Reiseziel nicht der Hof des Polizeigefangenhauses, sondern der Flur des Krankenhauses ist. Denn auch solche gibt es. Wenn jemand auf der Straße überfahren wird und mit gebrochenem Schenkel daliegt, wenn jemand von Krämpfen oder von Blutsturz befallen wird, so holt ihn, wenn ihn nicht inzwischen der Teufel geholt hat, nach sehr geraumer Zeit die Gemeindetruhe ab und führt ihn ins Spital, wo er in den meisten Fällen noch lebend ankommt. Das ist das einzige, was Franta Cu?ek gegen die Gemeindetruhe einzuwenden hat. Das ist auch wirklich ein Mißbrauch dieses Vehikels. Wie kommen jene Leute, die Zeit und Geld für Alkohol geopfert und sich so mühselig das Anrecht auf die unentgeltliche Beförderung in diesem städtischen Fahrzeuge erwarben haben, dazu, dieses Recht mit jedem ixbeliebigen auf der Straße ganz unabsichtlich und ganz zufällig erkrankten Menschen zu teilen? Geradezu unappetitlich ist das! Aber das ist der einzige Fehler des Etuis und dieser Fehler vermag die Liebe Cu?eks zu seinem Fahrzeug nicht zu erschüttern. Und wenn er auch immer wieder von seinen Ausflügen per Schub nach Prag zurückbefördert wird ? er empfindet es nicht unangenehm. Denn Prag ist die angestammte Heimat der Gemeindetruhe.

Ja, anderswo gibt es so etwas nicht. Man läßt zwar auch in anderen Städten die Leichen, die Bierleichen und die prosaisch Erkrankten nicht unbemerkt bis zu ihrer Auferstehung auf der Straße liegen. Aber in den anderen Weltstädten gibt es Räderbahren, bei denen die beiden Holme verschiebbar und die Füße der Bahre (nicht, wie in Prag, die des Kranken) umgeklappt werden können. Die Bahre dieser Transportmittel ausländischer Provenienz wird am Endziel der Reise einfach vom Rädergestell abgehoben ? ein ungeheurer Nachteil, weil die 9 Prager Entlade-Prozedur »System Rutschbahn« dadurch unmöglich wird. Auch besitzen die auswärtigen Bahnen keinen Deckel, sondern ein zum Abknöpfen eingerichtetes Plantuch, das dem Kranken das Hinausblicken auf die Straße gestattet, aber es den Passanten verwehrt, das Gesicht des Patienten zu sehen. Daß dies eine Verletzung der Gleichberechtigung ist, liegt klar auf der Hand. Aber was kann man auch von einer Truhe verlangen, die keine Truhe ist!

Es gibt eben nur ein Prag, es gibt eben nur eine Gattung von Gemeindetruhen. Nur schade, daß es nur den breiteren Volksschichten möglich ist, dieses ebenso vornehme, wie praktische Straßenfahrzeug zu benützen. Warum könnte man nicht die Droschken und Fiaker durch Gemeindetruhen erster und zweiter Güte ersetzen? Sogar zu Gummiradlern könnte man die Gemeindetruhen umgestalten. Auf dem Josefsplatze stehen die Automobildroschken unbenützt. Würde man hier nicht auf dieser Stelle (vor dem Repräsentationshaus) einen Standplatz für Gemeindetruhen mit mehr Erfolg errichten können? Ich glaube nicht, daß ein Einheimischer oder ein zufälliger Fremder der Versuchung widerstehen könnte, wenn ihm aus dem Munde von Etui-Chauffeuren die einladenden Rufe entgegenschallen würden: »Gemeindetruhe gefällig?«, »Fahrn mr Euer Gnadn?« und »Einsteigen, meine Herrschaften, einsteigen!« 10


Verzehrungssteuer

»Loctroi, sil vous plaît.«

Der städtische Verzehrungssteuerbeamte am Bahnhofsausgang in Paris spricht diesen höflichen Satz in höflichem Ton, fast entschuldigend. So höflich, daß in dem Fremden gar nicht die Befürchtung wachgerufen wird, er werde jetzt Koffer und Kolli öffnen und nach Nahrungsmitteln und Getränken durchsuchen lassen müssen. Den Fremden aber, der dennoch auf die Vermutung kommen würde, daß die höfliche Frage bitterbös gemeint sei, beruhigt der Baedeker vollkommen: »Die Kontrolle, die auf dem Bahnhof stattfindet, erledigt sich für die Fremden in der Regel durch die Erklärung, daß man nichts Steuerpflichtiges bei sich führe.«

Prag ist, wie hier ausdrücklich festgestellt sei, nicht Paris. In Prag darf der Fremde ? wenn einen solchen vielleicht widrige Winde von der Route des internationalen Fremdenverkehres in unsere gastliche Stadt verschlagen würden ? den Bahnhof ungehindert verlassen. Die höfliche Vorstellung des Oktroi-Beamten bleibt dem Ankommenden erspart. Aber wenn er ahnungslos, den Koffer in der Hand, dem Hotel zustrebt, muß er sich über den Mann entsetzen, der mit einer Harpune in der Rechten, in kriegerischer Uniform, an irgend einer Wegkreuzung aus dem Hinterhalte auf ihn zuspringt und ihm in einer Weise Halt gebietet, die selbst den Marschall Vorwärts zum Stehen gezwungen hätte.

Und mit dem bloßen Schrecken kommt man nicht davon. Der Koffer muß geöffnet werden, auch wenn der Reisende tausendmal beteuern würde, daß er den Kofferschlüssel nicht bei sich trage, da diesen seine Frau in ihrer Handtasche schon tags vorher nach Prag genommen habe, auch wenn er zehntausendmal beeiden und durch Zeugen erhärten würde, daß der Koffer weder einen Apfel, noch ein Kognakfläschchen, sondern bloß Wäsche und nichts als Wäsche enthalte. Der Prager Baedeker müßte bemerken, daß die Bediensteten der Verzehrungssteuer 11 hier in ihrem Pflichteifer vor keiner Mühe ? des Fremden zurückschrecken. Im Prager Baedeker könnte dem Reisenden empfohlen werden, sich auf empirischem Wege von dem Pflichteifer der Akzise-Bediensteten zu überzeugen. Zum Beispiel so: Man lege eine Zündhölzchenschachtel, die man vorher mit Spagat kreuz und quer verbunden und hernach vierfach versiegelt hat, auf die offene Handfläche und versuche, sich aus der Parkstraße durch den gegenüber dem Staatsbahnhofe gelegenen Eingang in den Stadtpark zu begeben. Auf die forschende Frage des Akzisaken erwidere man, man kenne den Inhalt der Schachtel nicht. Ein alter Onkel habe sie dem Überbringer mit dem strikten Auftrag anvertraut, sie erst nach seinem Tode zu öffnen. Der Verkehrsbedienstete wird unnachsichtlich den Schachtelträger entweder zu dem Akzisgebäude an der Ecke der Bolzanogasse oder zu jenem gegenüber dem Neuen deutschen Theater weisen, wo sich das Frage- und Antwortspiel wiederholen und nachher die verdächtige Schachtel geöffnet werden wird. Man weide sich sodann an dem Gesichte der Beamten beim Anblick der in der Schachtel befindlichen Zündhölzchen.

Viel leichter ist es, ein lebendes Schwein an dem uniformierten Argus vorbeizuschaffen, als eine Streichhölzchenschachtel. Das lehrt die Geschichte jener Wette, die vor etlichen Jahren in einem Gasthause in Dejwitz geschlossen und damals viel besprochen worden ist: Ein Dejwitzer Fleischhauer hatte mit einem Gastwirte gewettet, daß er ohne Wagen mit einem großen lebenden Schwein die Tor-Akzise des Bruskatores passieren werde. Der Fleischhauer erklärte das Schwein und 40 Kronen, der Wirt den Kaufpreis für das Schwein und zwei Hektoliter Bier als Einsatz. Der Fleischer stand auf und ging in seinen Laden. Hier packte er seinen großen Hund, band ihm das Maul zu und steckte ihn in einen mächtigen Sack. Dann ging er zum Bruskator. Auf die Frage des Verzehrungssteuer-Bediensteten erwiderte er, scheinbar ein Lachen verbeißend: Er trage seinen Fleischerhund, der Anzeichen von Tollwut zeige, zum Tierarzt. Der Torwächter schenkte dieser plumpen Ausrede kein Gehör und band den Sack auf. Im selben Augenblicke sprang der eingesackte Hund, der vielleicht auch die Befürchtung seines Herrn verstanden hatte, aus dem Sacke und jagte mit Riesensätzen zurück, den heimischen Fleischtöpfen zu. 12

»Sie sind daran Schuld. Das größte Unglück kann jetzt geschehen!« Diese Worte schrie der Fleischer dem pflichttreuen Bediensteten, der vor dem Bruskator, wie das bekannte Haustier vor dem neugemalten Haustor stand, erregt zu und rannte dem »tollen« Hunde noch. Zu Hause band der Fleischer seinem größten Schwein den Rüssel zu und steckte es in den Sack. Dann ging er in das Gasthaus, in dem die Zeugen der Wette versammelt waren. Er zeigte ihnen den Inhalt des Sackes, nahm diesen huckepack auf den Rücken und forderte die Gesellschaft auf, ihm unauffällig in beträchtlicher Distanz zu folgen. Beim Bruskator warf er dem noch immer bestürzten Akzismann einen verachtungsvollen Blick zu und sprach kein Wort. Der Wächter erst recht nicht. So ging der Fleischer ruhig über die Verzehrungssteuerlinie und am Abend wurde bei Schweinsbraten und bei zwei Hektolitern Bier das Schwein des Fleischhauers jubelnd erörtert.

Nicht nur von Schwein, sondern auch von Pech wissen die Bewohner der Oktroi-Häuschen ein trauriges Liedchen zu singen. War da einmal in Prag ein junger Schauspieler ? heute wirkt er in Hamburg ? dessen Spezialität die Darstellung von Paralytikern war. Der hatte einst den Entschluß gefaßt, den Wächtern einen Schabernack zu spielen. Mit einem großen Paket unter dem Arm, in respektvoller Entfernung von einer eingeweihten Freundesschar gefolgt, versuchte er es, sich an dem Verzehrungssteuerkontrollor unterhalb des Belvedere vorbeizuschleichen. Dieser aber packte den ertappten Schmuggler, und dieser begann sofort zu winseln und den Paralytiker zu spielen. »Hab ich ein Pech, hab ich ein Pech,« wiederholte er schluchzend, und auf die Frage nach dem Inhalt seines Pakets hatte er keine andere Antwort. Bis es dem Bediensteten zu bunt wurde, er den Deckel des Pakets aufhob und mit schnellem Griff in das Innere fuhr. Über und über mit Pech bedeckt war seine Hand, als er sie herauszog. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Pech hab,« sagte der Paralytiker, der plötzlich wieder normal geworden war, und lächelte infam und schadenfroh darüber, daß auch einmal ein anderer »Pech gehabt« hatte.

Ein übler Streich, der in den Tagen des Hagenbeckschen Besuches der Aktualität nicht entbehrt, wurde vor wenigen Jahren dem Manne gespielt, der am Ende des Wenzelsplatzes 13 auf Nahrungsmittelschmuggler zu warten hat. An einem Winterabend, gegen 9 Uhr fuhr ein Möbelwagen aus der Stadt Weinberge gegen Prag. Auf Anruf des Akzisbediensteten ließ der Kutscher die Pferde stoppen. Als aber der Mann seines Amtes walten wollte, trat ein Herr, der den Wagen begleitete, auf ihn zu und bat, dies möge unterlassen werden, da der Inhalt nicht ungeldpflichtig sei und eine Überraschung darstelle. Der Verzehrungssteuer war aber unerbittlich und nach längerem Hin- und Herreden öffnete er selbst die Türe des Möbelwagens. In demselben Augenblick sprangen aus diesem Wölfe, Bären, Löwen, Tiger und Leoparden mit ohrenbetäubendem Gebrüll heraus. Der biedere Wächter sprang entsetzt zurück und streckte seine einzige Waffe, den Bratspieß, mit dem er ansonsten friedlich unter die Sitze der Equipagen und Straßenbahnwaggons, in die Rückenkörbe der Weiber und in die Heu- oder Kohlenladung der Lastwagen zu stochern pflegte, abwehrend von sich. Aber der Gebrauch der Waffe war nicht nötig, denn die Bestien kehrten nach kaum einer Minute wieder zurück ? es war eine Künstlergesellschaft, die als Menagerie zu einem Maskenball nach Prag fuhr. Der Verzehrungssteuerbedienstete atmete hörbar auf.

Auf verschiedene Weise wurden die Leute geprellt, denen die Aufgabe obliegt, für die Lebensmittelteuerung zu sorgen. Sie waren nicht nur die Zielscheibe von Scherzen und Wetten, sondern auch von vielen Schmugglertricks. Aber die gelungensten dieser Gaunerstreiche sind nicht bekannt. Weil sie eben gelungen sind. 14


Floßfahrt

Wittenberg, den 1. Juli 1910.

In Prag hatte unser Floß fünf Tage lang Haft halten müssen. Mit schweren Ketten gefesselt lag es im Smichower Floßhafen. In den Gegenden am Oberlauf der Moldau, an der Maltsch und der Luschnitz ließ es nicht ab zu regnen, und auf der Moldau war Hochwasser. Wegen der Gefährlichkeit und wegen der Anordnungen der Strompolizei ? oder eigentlich nur wegen dieser ? durfte man nicht abfahren. Aber dann sank der Moldauspiegel auf 60 Zentimeter über der Normale ? die Grenze des Erlaubten. So fuhren wir.

Das Floß war prachtvoll. Keine dünnen Stöcke, wie sie hauptsächlich von der Sazawa her geflößt werden, sondern breite Riesenstämme. »Eine Salon-Prahme«, hatte mir Herr Max Winterberg versichert, als er meine ihm erstaunliche Bitte, auf einem Floß der Firma »Löwy u. Winterberg« bis nach Sachsen fahren zu dürfen, in liebenswürdiger Weise erfüllt hatte. Majestätisch schwammen die Balken dahin, ein breites Stück der Moldau erfüllend. Doch schon hinter der Palackybrücke, unter welcher der Mauteinnehmer zu unserem Floß gerudert kam, um die Zahl der Holztafeln zu kontrollieren, nahmen wir eine schmälere Formation an. Es hieß »Einzeln abfallen«, denn das Schittkauer Wehr war in der Nähe, und dessen Floßschleuse ist eng. Während wir bisher mit zwei nebeneinander befestigten Holztafeln gefahren waren, mußte jetzt die linke Floßhälfte losgelöst und rückwärts befestigt werden.

Floßführer und Floßknechte arbeiteten fieberhaft. Der Vorderteil des Floßes wurde durch einen mächtigen Überlegbaum an der nächstfolgenden Tafel befestigt, damit er von der Gewalt der Wassermassen der Schleuse nicht zu tief gerissen werde. Die Durchschlagsstämme, welche je zwölf Balken zu einer Tafel verbinden, wurden scharf darauf angesehen, ab sie nicht schadhaft geworden seien. Die Bindwieden, die Weidenbänder, welche die 15 dreizehn Tafeln des Floßes aneinander festhalten, wurden mit Wasser besprengt, damit sie nicht zu spröde seien und von der Wucht des Schleusenwassers nicht zersprengt würden. Die Flößer bohrten mit Energie und Schwung die harpunenartigen Staaken tief in den Moldaugrund und schritten, sich mit dem ganzen Körper gegen die eingebohrte Stange stemmend, rüstig vorwärts, wobei sie natürlich immer an derselben Stelle blieben, da sich das Floß mit gleicher Schnelligkeit in entgegengesetzter Richtung bewegte. An den Rudern war man beschäftigt, die Prahme in die Verlängerung der Schleuse zu bringen ? keine leichte Arbeit, denn das Schittkauer Wehr ist schief gegen den Stromstrich gelegen, weshalb auch die Kanalisierungskommission seine Demolierung und die Errichtung eines neuen Wehres in der Höhe der Schittkauer Mühle projektiert. Das Wehr teilt sich überdies gegen das linke Moldauufer in zwei Arme und das Floß, das mit Mühe richtig in die erste Schleuse eingefahren ist, muß wenige Meter hinterher, inmitten der Gewalt der Schleusenströmung schon in die zweite einlenken. Die Vorsichtsmaßregeln, die der alte Steuermann Vrabec und seine beiden nicht jüngeren Flößer Kolenský und Kone?ny ? die aus drei Leuten bestehende Bemannung des Floßes war zusammen 182 Jahre alt ? getroffen hatten, verfehlten ihre Wirkung nicht: Trotzdem die Stämme krachend an den Schleusenrand stießen, kamen die schwimmenden Balken unversehrt durch Strömung und Gischt, und lenkten, die Schützeninsel links liegen lassend, zum Altstädter Wehr ein.

Beim »Frantischek« erhielten wir Vorspann. Der Remorqueur »Austria«, der die Ehre hat, der erste Dampfer im Weichbilde Prags zu sein, schleppte uns nun bis zum Neumühl-Wehr unterhalb der Karlsbrücke ?dem letzten Wehr alter Konstruktion, das bis zur Mündung zu passieren ist. Bisher waren die einzelnen Tafeln des Floßes nur lose aneinander geknüpft gewesen, sodaß, unmittelbar nach Passieren der Schleuse, der Vorderteil schon gegen die Moldaumitte gesteuert werden konnte, ohne daß die noch vor oder innerhalb der Schleuse befindlichen Floßteile aus ihrer Fahrtrichtung gebracht worden wären. Nachdem das Neumühlwehr durchfahren war, wurde dem Floß durch Anspannen der Bindwieden eine steife Formation gegeben. Die Schleuse des neuen Nadelwehres bei der Hetzinsel ist nämlich 16 lang, und es ist streng erforderlich, daß der rückwärtige Teil des Floßes die gleiche Richtung habe, wie die ersten Tafeln.

In Holleschowitz wurde Halt gemacht. Die Schregge, ein um einen festen Punkt drehbarer Riesenbalken, wurde von zwei Flößern senkrecht aufgestellt, und die Spitze bohrte sich tief in den Moldaugrund ein. Ächzend blieb das Floß stehen. Nun ging es auf den hier in breiter Reihe verankerten anderen Flößen ans Land, in das Wirtshaus »Ba?tecký«. Das war mit Flößern dicht gefüllt. Gesprächsthema: Zwei Prahmen seien in der Hetzinsel-Schleuse auseinander gegangen und die Bemannung, die selbst in Gefahr geschwebt habe, müsse nun den ganzen Tag arbeiten, die Stämme wieder zu ordnen und zu binden. Die Erregung ist allgemein. Darüber, daß die Schleuse schlecht sei, sind alle einig. Auch gegen die Ansicht, daß die deshalb an die Statthalterei gerichtete Eingabe ohne Erfolg bleiben werde, erhebt sich kein Widerspruch. Aber über die Art der Abwehrmaßregeln kann man sich nicht einigen.

»Wir sollten einfach erklären, daß wir nicht durchfahren,« meint aufgeregt ein junger Flößerbursch.

»Dann fahren einfach andere durch!« erwidert ihm ruhig ein Steuermann.

»Wir sollten uns auf andere Sachen kaprizieren, so lange die Schleuse nicht gebessert wird,« meint da ein blutjunger Bursch ? der jüngste Steuermann auf der Moldau. Der Sprosse eines Podskaler Flößergeschlechts. Sein Vater ist Floßtransporteur in der Kanzlei einer großen Prager Holzfirma, drei seiner Brüder sind Steuermänner, ein vierter, der gleichfalls Floßführer war, hat vor Jahren den Flößertod im Helmschen Wehr gefunden. »Wir sollten die Flöße ausmessen. Und wenn eines länger ist als 130 Meter, sollten wir nicht darauf fahren ? so wie es das Gesetz vorschreibt.«

»Das ist unmöglich,« wirft ein alter Flößer ein. »Man kann doch die Stämme nicht abschneiden, wenn sie um einen Meter länger sind!«

»So müßte eben eine Tafel weniger angekoppelt werden,« meint der junge Floßführer.

»Na, dann legt man sie eben als Fracht auf die Prahme, und du bist gerade dort, wo du warst. Im übrigen würde sich 17 das Ausmessen der Flöße nur gegen die Holzhändler richten, und die haben mit der Schleuse nichts zu tun.«

Der junge Steuermann läßt nicht locker: »Wenn sich die Holzhändler der Sache annehmen würden, würde schnell Abhilfe geschaffen werden.«

»Schmarrn!«, belehrt ihn der Alte. »Die Holzhändler haben sich gegen die ganze Moldaukanalisierung eingesetzt, welche die Flößerei fast ruiniert hat. Und was hats ihnen genützt?«

Jetzt ist das Fragen an mir: »Wieso hat die Kanalisierung dem Floßtransport geschadet?«

»Weil sie die ganze Moldau verschandelt hat. Ist denn das noch ein Fluß? Gibt es denn noch unterhalb Prags eine Strömung? Lauter gestautes Wasser, lauter Tümpel. Jede Weile muß man sich von Remorqueuren ans Gängelband nehmen lassen. Von Holleschowitz bis Troja, von der Selzer Dynamitfabrik bis Kletzan, von ?alow bis Libschitz, von Libschitz nach Mi?owitz, von da nach Wranian, von hier nach Ho?in, dann nach Be?kowitz, dann nach Wegstädtl müssen wir uns von den Remorqueuren ins Schlepptau nehmen lassen. Lauter Vorspann, lauter blöde Schleusen. Gott sei Dank, daß das Land kein Geld hat. Sonst hätten sie uns auch schon in Leitmeritz und Raudnitz solche Hürden errichtet. Lauter Wehrmeister, lauter Kontrolle?.?.?.«

»Nicht einmal ein Mädel kann man sich mitnehmen,« brummt ein junger Flößer, ein »Padskalák« von reinstem Wasser, der sich eine Schmachtlocke so tief über das rechte Auge gekämmt hat, daß er auf diesem fast blind sein muß.

»Na, du nimmst dir ein Mädel auf jeden Fall mit! Und wenn du es unter dem Floß vor dem Wehrmeister verstecken müßtest.« So ruft man lachend dem »Don Juan von der Wasserkante« zur Antwort, und selbstgefällig streichelt das Wassergigerl seine Stirnlocke.

Dann ergreift mein Steuermann das Wort: »Früher wars eine Kunst zu flößen. Wenn man sich nicht auskannte, saß man flugs auf dem Trockenen. Im Jahre 1872 flößte ich mit zwei anderen jungen Burschen am alten Buchta vorüber. Der Buchta, das war ein guter Steuermann. Jetzt ist er schon lang tot. Damals war er auf einer Sandbank stecken geblieben und 18 mußte Wasser stauen, um die Prahme flott zu kriegen. Als wir vorbeischwammen, schimpfte der Alte: Verfluchte Buben! Wir alten Esel bleiben stecken und die fahren glatt vorbei!«

Wenn jetzt der Steuermann nur hinzugefügt hätte, daß ein solches Auffahren auf Sand heute nicht mehr vorkommen könne, so hätte er den Anschein zu erwecken vermocht, er habe die Geschichte vom alten Buchta nur erzählt, um zu zeigen, wie damals selbst der erfahrenste Steuermann eine böse Fahrtunterbrechung erleiden kannte. Aber der Erzähler hat darauf verzichtet. Offen rühmt er sich des Buchtaschen Zitates, dessen Datum er sich durch 38 Jahre gemerkt, in denen er etwa 1200 Floßfahrten unternommen. Der Fluch des alten Buchta ist dem alten Vrabec ein kostbares Vermächtnis.

Ein Bediensteter der Schiffahrtsgesellschaft kommt jetzt in das Gasthaus und meldet, daß der Remorqueur, der andere Flöße bis Troja gezogen hat, eben zurückkehrt. Man bricht auf und bald schwimmt das Floß wieder talwärts.

Im Karolinentaler Hafen werden je vier Flöße zu einem Schleppzuge, dem »Transport«, rangiert. Die beiden vorderen Prahmen werden mit zwei Seilen an den Schleppdampfer gebunden und die vier Flöße mit einander verknüpft. Jetzt ist für die Flößer Zeit zur Rast. Nur hie und da muß an den Vorderrudern gearbeitet werden, damit man bei scharfen Biegungen des Flusses nicht an das Ufer anrenne. Im übrigen wird jetzt bloß für das eigene Wohl gesorgt. Steuermann und Flößer setzen sich auf die Holzladung, die auf dem Floße ruht, und stecken ihr Pfeifchen in Brand. Einer der Flößer richtet den Feuerherd her. Rasenstücke, die aus Prag mitgenommen worden sind, werden auf der Holzladung hoch aufgeschüttet und reichlich mit Wasser begossen. Dann klatscht der »Hafner« mit der flachen Rückseite einer Schaufel das Erdreich glatt, wobei dem anderen Flößer einige andere Kotpatzen in das Gesicht fliegen, was von diesem mit unvergleichlich prachtvollen Schimpfworten (Made in Podskal) quittiert wird. Nun wird ein Stück von einem Rundbalken abgesägt, klein gehackt, und bald flackert ein lustiges Herdfeuer über den Wassern. Die irdenen Kochgefäße hat einer der an vielen Stellen heranrudernden Marketender den Flößersleuten gegen ein stattliches Stück Buchenholz eingetauscht. Jetzt brodelt 19 Kaffee in den Gefäßen, dem ein verteufelt starkes Quantum Rum beigemengt wird. Dann wird gejaust. Um die Fahrt braucht man sich nicht zu sorgen.

Das gestaute Wasser ist still und unbeweglich. Lautlos fährt das Vierfloß durch diesen Teich, und nur sein Vorderrand wird von leichten Wellen umspült, die der vorauseilende Remorqueur verursacht. Fast scheint es, als ob dadurch, daß dem Flusse die Strömung genommen wurde, auch die Uferlandschaft ihrer Romantik verlustig gegangen wäre. Es fehlt den Bäumen, deren Zweige auf das Wasser überhängen, es fehlt den Sträuchern, welche die beiden Flußränder umrahmen, ein strömendes, an das Ufer plätscherndes Wasser. Die ganze üppige Landschaft sieht eintönig drein. Die Balken des Floßes schaukeln nicht, man spaziert auf ihnen wie auf einem Parkettboden.

Um so mächtiger wirkt der Kontrast, wenn man durch die Schleusen fährt. Etwa zweihundert Schritt vor dem Wehr wendet sich der Dampfer mit einem schrillen Pfiff, die vier Flöße des Transports knüpfen sich von einander und vom Remorqueur los, und fahren einzeln ? eine Distanz von 400 Metern einhaltend ? durch die Schleusen. Das ist ein Nervenkitzel. Man möchte aufjauchzen während dieser Fahrt. Die Wellen schlagen hoch über die Balken und peitschen das lodernde Herdfeuer, ohne es verlöschen zu können, in das Geräusch der aus der Höhe zurückklatschenden Wogen mischt sich das dumpfe Krachen der Randbalken der Floßtafeln, die in ohnmächtiger Wut gegen die Steinwände des künstlichen Hohlweges Sturm laufen und jeden Augenblick die Prahme zu zerschellen drohen. Einzelne Balken sind durch das darüber schlagende Wasser verdeckt und es scheint, daß die Binden entzweigegangen, das Floß in seine Bestandteile zerrissen worden sei. Die Plattform der Prahme, die erste Floßtafel, ist vollständig unter den schäumenden Wassermassen vergraben, trotzdem ein am zweiten Floßgliede befestigter Mastbaum sie krampfhaft in die Höhe zerrt. In der Mitte der zweiten Floßtafel steht der Steuermann, auf deren rechtem und linkem Rande die beiden Gehilfen. Und wenn das Ende der Schleuse nahe ist und die Vordertafel aus dem Wasser emportaucht, dann rennen die drei in wilder Hast, der Wogen nicht achtend, die hoch über ihre Wasserstiefel schlagen, zu den Steuerrudern. Es gilt nach innen zu lenken, sonst würde die 20 Gewalt des Schleusenwassers die schwanke Prahme auf die Uferböschung treiben. Kaum ist das Wehr passiert, so glätten sich die Wasser, die Balken ordnen sich wieder parallel und an das Toben des Elementes, in dessen Mitte man sich eben befunden, erinnert nur noch ein Blick nach rückwärts: Das nächste Floß saust kämpfend die Schleuse hinab?.?.?.

Hinter jeder Schleuse sammeln sich die vier Flöße des Transportes wieder, ein anderer Remorqueur wird vorgespannt, und es geht bis zum nächsten Wehr.

In Jedibab, einem von Gott und Menschen verlassenen Nest, machten wir Nachtquartier. Das Dörfchen liegt nicht ein mal am Ufer, und man hat von diesem noch gute 20 Minuten auf schlechten Wegen zu gehen. Aber Jedibab hat das Glück 33 Kilometer von Prag gelegen und derjenige bewohnte Punkt zu sein, welcher dem Nadelwehr von Wranian am nächsten liegt. Die Flöße kommen nachts hier an, und da sie die Kammerschleuse nicht mehr passieren können, so wandert die Bemannung in das Dorf, das auf diese Weise zu einem gar nicht zu verachtenden Fremdenverkehr gekommen ist. Man aß hier in der Schenke ein Stück warmen Brotes und trank ein ebensolches Bier. Dann wurden Strohsäcke ins Wirtslokal geschafft und man ging schlafen. Draußen peitschte ein scharfer Regen die Fensterscheiben. Das nahmen die Flößer mit schadenfrohem Lachen zur Kenntnis, denn einer von ihnen, der erklärt hatte, es falle ihm nicht ein, das teuere Hotellogis (in Jedibab beträgt der Preis für das Nachtlager 8 Heller, in einigen anderen Stationen wird nichts berechnet) zu bezahlen, war draußen am Floße über Nacht geblieben. Die anderen malten sich schon aus, wie sie ihn am Morgen uzen wollten. Aber dazu kam es nicht. Als um ½2 Uhr nachts aufgestanden und die Weiterreise angetreten wurde, goß der Himmel noch immerfort Wassermassen auf das Floß, das oben bald ebenso feucht war, wie unten. Die Balken waren naß und glatt, bei jedem Schritte, den man machte, rutschte der Fuß aus und man fiel in das tote Wasser zwischen den einzelnen Balken und Tafeln. Finstere Wolken, die wie schwarze Berge aussahen, schienen wenige Schritte vor dem Floße zu liegen und den ganzen Strom zu verstellen. Das Floß fuhr weiter, aber da sich die Distanz zwischen ihm und den schwarzen Bergen durch Stunden nicht verringerte und die Ufer in dem Nebel nicht 21 erkennbar waren, so sah es aus, als ob sich die Prahme nicht von der Stelle rühre, als ob sie mit einer unsichtbaren Schregge festgehalten würde.

Dabei knurrte der Magen. Im Jedibaber Restaurant haben wir früh weder Kaffee noch Brot bekommen und an ein Feueranmachen auf dem Floße war in dem gießenden Regen nicht zu denken. Proviant hatten wir nicht und kein einziger schwimmender Marketenderwagen ließ sich blicken. Wenn ein Gasthaus von der Ferne sichtbar wurde, dann brüllte der alte Flößer Kolenský mit heiserer Stimme, der die Verzweiflung eine furchtbare Gewalt lieh, sein »Pivo« über Wasser und Land. Immer heiserer, immer verzweifelter klang sein Sehnsuchtsschrei, und als er hinter der Sprachgrenze, von Liboch und von Wegstädtl an, nach »Bier« zu schreien begann, tönte sein Ruf wie der Todesschrei eines verwundeten Hirsches. Die Leute an den Ufern vernahmen das Flehen und eilten mitleidsvoll in das Gasthaus, wo der Wirt ein Paar Gläser einschenkte und in den Kahn einstieg, um zum Floße zu rudern. So sehr er sich aber auch beeilen mochte ? die Strömung war schneller und unser Floß war schon vorbei, als er herankam. Der Wirt wartete in der Mitte des Stromes und bot dann seine Biere der Bemannung der nächsten Flöße ? unseres schwamm als das erste ? zum Kaufe an. Diese konnte natürlich nicht in jedem Orte Bier trinken und am Abend erzählten uns die Flößer in der Schenke, wie die Wirte auf den Booten geflucht, als ihnen das mit so viel Eindringlichkeit bestellte Bier auf dem Halse blieb. Was aber können die Flüche aller Wirte gegen jeden einzelnen Fluch bedeuten, den der durstige Kolenský jedesmal ausstieß, wenn er sah, wie das von ihm bestellte Bier den »Nachfahrern« angeboten wurde!

Ein Anlegen des Floßes während der Fahrt ? sei es wegen Sturmes, Regengusses oder Hagelschlags, sei es infolge Hungers oder selbst Durstes ? gibt es nicht. Nur wenn der Flößer Feierabend machen muß, weil es ihm die Vorschrift anordnet und weil er die Ufer nicht mehr erkennt, hält er an. Er weiß, daß ihm die Reise als solche sehr gut bezahlt wird (so erhält z. B. der Steuermann für die 2½ Tage währende Fahrt nach Mittelgrund 59 K.), daß er aber auch an den Tagen, an denen er sich auf keinem Holztransport befindet, daß er auch in den vier Wintermonaten von seinen Reisehonoraren 22 zehren muß. Er muß trachten, von seiner Fahrt so bald es möglich zurück zu sein, um einen neuen Holztransport zugewiesen zu erhalten. Das ist der oberste Grundsatz des Flößers, und trotz des verzweifelten Durstes fiel es dem alten Kolenský nicht ein, ein Anlegen des Floßes zu verlangen. Erst um 7 Uhr abends nahmen wir, die wir um ¼2 Uhr nachts aufgebrochen waren, in Birnai, einem Dorfe oberhalb Aussigs, unser Frühstück (einige Bierquargel) ein.

Um 1 Uhr nachts brachen wir wieder auf. Die Nacht, durch die wir glitten, war dunkel, aber die machtvollen Zacken der Uferberge waren sichtbar. Drohend und schwarz schob sich der zerklüftete Workotsch in das nächtliche Elbtal hinein, rechts blickte der Schreckenstein noch düsterer als sonst übers Land. Es war ein Anblick, den selten ein Tourist zu genießen Gelegenheit hat, vom Niveau des Wassers die wechselnden Schattenrisse des Elbpanoramas zu bestaunen. Eine Reise durch eine Silhouettenlandschaft. Wenige Stunden später wurden auch die Hänge der Uferlandschaften sichtbar, allerdings nur in dem bizarren Rahmen der Nebelrisse. Als wir hinter Tetschen das Elbesandsteingebirge erblickten, war schon die Morgensonne mit glänzendem Leuchten aufgegangen und bestrahlte die Elbfluten und die seltsamen Felsgebilde an den Ufern. Das ruhig dahingleitende Floß war wohl ein besonders geeignetes Beobachtungsniveau für die Schönheit der Landschaft.

Ich bin auf der Elbe weitergefahren. Noch immer ? jetzt bin ich in Magdeburg ? ist, wenn man von der stellenweisen Remorquage absieht, die Elbströmung die einzige treibende Kraft für das Fahrzeug, dessen Passagier ich bin. Auf meiner Fahrt habe ich manches herrliche Bild auf den Elbufern gesehen, aber noch nichts hat die Pracht der Landschaft zu übertreffen vermocht, die sich in der Heimat, von Leitmeritz bis über die Grenzen des Nachbarlandes bis zur Bastei nächst Wehlen breitet. 23


Gäste der Polizei

Departement für die öffentliche Sicherheit.« So steht es auf dem Torschild. Aber das ist ungenau, unpräzis. Sagt zu viel, also zu wenig. Denn in das Gebiet der öffentlichen Sicherheit gehören auch Baubehörden, Schieneninspektionen, Feuerwehren Rettungsstationen, Kesselprüfungen, Automobilvorschriften, Kutscherschulen und viele andere Dinge, mit denen das Sicherheitsdepartement nichts zu tun hat. Immerhin bleiben ihm noch mehr als genug Agenden. Und auf die Art dieser Agenden weist viel deutlicher als die Aufschrift auf dem Schilde das Relief hin, das über dem Tore prangt und eine Zusammenstellung dreier Symbole zeigt: Das Richtbeil, das Fascesbündel und die Wage der Themis. Nun wird zwar hier im Departement das Richtbeil nicht geschwungen, die Themis hat hier noch nicht ihre wägende Tätigkeit zu entfalten und die Fasces, das Sinnbild der strafenden Gewalt über Tod und Leben, dürfte eigentlich erst die nächsthöhere Instanz, der Gerichtshof, mit voller Berechtigung im Wappen führen. Jedoch das Sicherheitsdepartement ist Agentie und Werbeamt, und wenn es durch seine Beamten und Detektivs nicht das Menschenmaterial herbeischaffen würde, so könnten sich die symbolischen Manipulationen mit Richtbeil, Fasces und Wage im allgemeinen nur auf die kleinen Gauner, die genügsamen Dorfdiebe und die armen Landstreicher erstrecken, welche die Gendarmerie dem Landesgerichte überantwortet.

Übrigens ist es die Verbrecherwelt nicht allein, auf die sich die Tätigkeit des Sicherheitsdepartements erstreckt. Mit allerhand Anliegen kommt man in diese Räume. Da ist ein ehrsamer Handwerksmann, der sich seit einigen Tagen durch die Amtslokalitäten schleicht. Auf seinem Wege muß er durch das Zimmer der Detektivs. Die kennen den wackeren Bürger und schütteln die Köpfe: Wie der in den letzten Tagen gealtert ist! Der Ankömmling geht zu dem Beamten, der die Vermißten und Wiedergefundenen in Evidenz führt. Dieser, ein junger Polizeikonzeptspraktikant, kennt schon des Alten Begehr und hat diesem schon einigemale den Bescheid 24 gegeben, daß man von dem Aufenthalte seines Sohnes, der nach mißglückter Prüfung nicht mehr nach Hause zurückgekehrt ist, noch immer nichts wisse. Heute aber ist die Nachricht da, eine Hiobspost: Die Leiche des jungen Mannes ist aus der Moldau gezogen worden. Der junge Polizeipraktikant spielt verlegen mit dem Bleistift. Wie soll er dem Alten die furchtbare Botschaft beibringen. Er nötigt ihn, sich zu setzen. Da weiß der bedauernswerte Handwerksmann schon alles.

»Tot?«, stößt er hervor. Und bald hält er das Telegramm in Händen, das im Lapidarstil die Bestätigung der ärgsten Befürchtungen des Vaters birgt.

»Tot«, schluchzt der Alte, »tot! Und ich bin schuld. Ich habe ihn studieren lassen, damit ers besser hat, wie ich! Tot!«

Am gegenüberliegenden Tisch wird ein Fall von grundverschiedener Natur verhandelt, aber auch etwas, was mit der öffentlichen Sicherheit gar wenig zu tun hat, auch etwas Unkriminalistisches im Kriminaldepartement. An den Grenzen des Polizeirayons ist ein Weib aufgelesen worden, das kaum viel mehr als einen Meter groß, taubstumm, irrsinnig und halbblind ist und nun apathisch bei dem Tische des Kommissärs steht. Dieser hat auf den ersten Blick gesehen, daß aus der Alten über ihre Identität und Heimatszuständigkeit nichts herauszubekommen ist, und so setzt er sich resigniert und schreibt zuerst einen kurzen Begleitakt an das Taubstummeninstitut, wohin die Arme zunächst gebracht werden muß, damit man dort versuche, mittels Zeichensprache ihr irgendwelche Angaben zu entlocken. Aber im Taubstummeninstitut wird man die Alte nicht behalten, weil sie irrsinnig ist, ebensowenig wie man sie in der Landesirrenanstalt aufnehmen wird, weil sie taubstumm ist. Und so muß ein zweiter Akt an den Magistrat abgesandt werden, der aus dem Tschechischen ins Amtsdeutsch übersetzt, folgendermaßen lautet: »Inliegend beschriebene, unbekannte Taubstumme wird zur Unterbringung in das Gemeindearresthaus bis zur Feststellung ihrer Heimatszuständigkeit in Empfehlung gebracht.« Und dann muß die Beschreibung, die polizeiliche Photographie, die Stilisierung der Notiz für den »Polizei-Anzeiger« erfolgen. Unwillig brummt der Kommissär in den Bart: »Wenn nur die Gemeindevorsteher in die Bluse solcher Kretins den Namen der Heimatsgemeinde einnähen ließen, dann könnte man solche arme Leute gleich per Schub 25 nach Hause befördern, und alle diese Scherereien, Schreibereien und Suchereien wären erspart!« Ja, wenn! Aber das tun die Gemeindevorsteher wohlweislich nicht, denn jeden Tag, der mit den Recherchen verloren geht, hat die Gemeinde an Erhaltungskosten für den lästigen Dorftrottel erspart!

Die Expediträume des Sicherheitsdepartements beherbergen gleichfalls eine Gruppe unkriminalistischer Gäste. Fünf oder sechs Männer und eine junge Frau stehen dort beisammen. Jeder hält eine Harfe in der Hand und die gibt alles an ? Legitimation, Heimatsort, Leidensgeschichte und Begehr. Aus dem Harfenistenstädtchen Nechanitz sind sie, von wo die böhmischen Wandermusikanten stammen, und ihre Schicksale sind die ewig alten: Vom Impresario engagiert, ausgebeutet und ohne Entlohnung verlassen, von den österreichischen Auslandsbehörden nach Prag einwaggoniert, kommen sie ins Sicherheitsdepartement der Polizei, um eine Reiseunterstützung zu erbitten. Jeder erhält eine Eisenbahnkarte von Prag nach Königgrätz oder den Fahrpreis von K 4·40 auf die Hand. Und von Königgrätz gehen sie zu Fuß ins Heimatsstädtchen und leben hier, bis sie wieder ein Impresario engagiert, ausbeutet, ohne Entlohnung verläßt?.?.?. . ad infinitum.

Selbst im anthropometrischen Kabinett kann man oft unkriminelle Leute sehen, obzwar dieses, wie schon aus dem Namen und der daraus zu deduzierenden Bestimmung ersichtlich ist, nur für die Rückfälligkeit, beziehungsweise die zu befürchtende Rückfälligkeit der hier gemessenen Verbrecher eingerichtet ist, und obzwar hier schon das Milieu, und die Einrichtungsstücke darauf deuten, welche Beachtung man den Inhaftaten zollt. Mit Kopfzirkeln, Ohrmessern, Meßkreuzen, Sitzhöhenmaßen, Narbenmaßen, Fingerdruckkissen und dem übrigen Instrumentarium der beiden Bertillons wird man doch nicht die Personaleigentümlichkeiten bedauernswerter Bettler, harmloser Kretins und unterstützungsbedürftiger Musikanten auf der Meßkarte verewigen! Gewiß nicht. Man braucht aber auch nicht zu glauben, daß jedes halbwegs ehrliche Gesicht, das man hier auf Ohren-, Nasenlänge und Pupillennuance mißt, gleich das Wort von der »Verbrecherphysiognomie« Lügen straft. Gar viele Abdrücke von Finger-Papillarzügen, die in die Meßkarten-Registratur einverleibt worden sind, müssen nie wieder hervorgeholt werden. Und der im anthropometrischen Kabinett tätige Beamte hat schon von seinen 26 Klienten, besonders jenen, die im jugendlichen Übermut entgleisten, das Wort gehört:

»Meine Maße werden Sie nie mehr brauchen!«

Das verrät, schon nach dem Tonfall, Selbstmordabsicht. Aber der Beamte hat da einen alten Kniff. Er mißversteht absichtlich.

»Nun, es freut mich zu hören,« bemerkt er wohlwollend, »daß Sie von nun an alle derartigen Entgleisungen vermeiden wollen. Denn wenn Sie noch ein zweites Mal hierher kommen, dann sind Sie für Ihr ganzes Leben als Verbrecher gebrandmarkt.«

»Das bin ich schon,« lautet die stereotype Antwort, »jetzt kommt es in die Zeitungen, alle Leute erfahren es?.?.?.?.?.«

»Nun, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie von jetzt ab ein ehrlicher Mensch sein wollen, dann verspreche ich Ihnen, mich dafür einzusetzen, daß Ihr Name nicht in die Zeitung kommt. Einmal ist keinmal! Ihr Ehrenwort?«

Gar mancher gibt hier im anthropometrischen Kabinett das ehrenwörtliche Versprechen. Und mancher hält es auch.

Wenn dann wirklich nach ein paar Jahren ein solcher junger Mann als ehrlicher, tüchtiger Mensch in das Sicherheitsdepartement kommt, um sich dafür zu bedanken, daß man ihn einst so vom Selbstmord abgehalten, dann ist das auch ein unkriminalistischer Besuch bei der Kriminalpolizei. Der einzige freilich, den man dort gerne sieht. 27


Café Kandelaber

Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an, wenn ich so um fünf Uhr früh beim Café Kandelaber mein Frühstück verzehre. Es ist zwar ein famoser Trunk, der 80gradige, mit angenehm im Magen flammendem Rum vermengte Tee, der hier kredenzt wird ? aber er bleibt doch nur ein Frühstück, ein verteufelt kategorischer Schlußpunkt nach einer schönen, kaum begonnenen Nacht. Das ist es, was mich grollen macht. Ich bin bös auf die ganze Welt. Es ist aber auch wirklich zu arg mit ihren Einrichtungen. Jedes Schulkind weiß z. B., daß der Erfinder der Dampfmaschine James Watt hieß. Weil dieser beim Brodeln eines Teekessels auf die Idee kam, die Dampfmaschine zu erfinden. Auch schon etwas? Ein anderer Erfinder, der wohl beim Vorbeifahren einer Dampfmaschine, sei es einer Lokomotive oder einer Lokomobile auf die Idee kam, sie als Teekessel zu verwerten, ist keinem Schulkinde bekannt, seinen Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch. Und doch ist die Verwendung der Lokomotive als Teekessel ? das »Café Kandelaber« ? eine Erfindung, die Hunderten von müden Pilgern im nächtlichen Prag die Wohltat eines aufpulvernden, wärmenden Trankes gewährt. Der Namen eines solchen Wohltäters wird in der Weltgeschichte nicht verzeichnet! Ich muß meinen Groll hinunterspülen.

»Frau Jemelka, noch einen Achtziggradigen, Zwanzigprozentigen um fünf, etwas zum Aufweichen und zwei Retten.«

Frau Jemelka stellt ein Glas unter die Mündung des Messingrohres, dreht den Hahn nach rechts und läßt die Essenz in mein Glas rinnen, in welches nun das heiße Wasser kommt. Dann sucht sie mir eine Mohnbuchte zum »Aufweichen« aus und gibt mir zwei »Sport«. Sie weiß ganz gut, daß mit der Bestellung der Retten ? so wird der Ausdruck »Zigaretten« in vorgerückter Nachtstunde abgekürzt ? nur »Sport« gemeint sein können, damit die Zeche die runde Summe von 20 Hellern ausmache.

Jawohl, bloß zwanzig Heller! Man zeige mir, bitte, ein Kaffeehaus, wo für dieses Geld ein warmes Frühstück mit 28 Mehlspeise und Zigaretten erhältlich ist. Dabei habe ich noch die feinere Teesorte, die um 10 Heller ? nobel muß die Welt zugrunde gehen! ? getrunken und »Sport«, statt der billigen und hier bedeutend stärker verlangten »Drama« geraucht.

Frau Jemelka steckt das Zwanzighellerstück in eine Blechbüchse, die ihr als feuer- und einbruchssichere Kassa dient. Zwölf Prozent gehören der »Cafetiere«, die nicht selbständige Unternehmerin ist, sondern eine Angestellte der Kleinschen Likörfabrik vom »Roten Stern« in Karolinental. Das fahrbare Teehaus ist Eigentum der Kleinschen Fabrik und diese liefert die Essenz, die Tee, Rum und Zucker enthält. Den Erlös der verkauften Quanten, abzüglich der Provision von zwölf Prozent, muß Frau Jemelka abführen.

Keine Angst, die gesetzte, ins Pragerische transponierte Geisha kommt trotz alledem auf ihre Kosten. Das ambulante Teehaus, das manchen nächtlichen Passanten nährt, nährt auch seinen Mann. Im Winter kommen die Bettmeider frierend zu dem Teeverschleiß, um sich an dem behaglichen Koksofen zu wärmen, im Sommer aber gibt es zahllose Menschen, welche den im Einkehrhaus »U val?u« zu entrichtenden Logierpreis von 20 Hellern als eine überflüssige Ausgabe betrachten, und lieber in der lauen Luft der Gassen umherspazieren. Die statten dann dem »Café Kandelaber« längere Besuche ab und geben oft dreimal so viel Geld aus, als das Nachtquartier kosten würde.

Außerdem haben die Kandelaber-Cafetiers noch ganz gute Nebeneinkünfte. Wenn irgend ein Neuling kommt ? an der Frage nach dem Preise eines Glases Tee ist er erkennbar ? dann wird ihm statt der feinen, der 10 Heller-Essenz, die 8 Heller-Essenz gereicht, aber das Greenhorn muß den teuereren Preis bezahlen. Oder wird der Hahn des Kesselrohres zurückgedreht, bevor das vorschriftsmäßige Quantum der Essenz herausgeronnen ist. Wehe aber, wenn der Teemann eine solche Manipulation bei einem gewiegten Bummler in Anwendung bringen wollte! Der weiß ganz genau, daß der rechte der beiden durch ein festes Schloß vor Verfälschung oder Verwässerung durch den Kandelaberwirt geschützte Kessel die teure, der linke Kessel die billige Essenz birgt, und der wacht mit Argusaugen darüber, daß kein Tröpfchen der vorgeschriebenen Essenzmenge im Rohre des Kessels bleibe. 29 Der würde für einen Übervorteilungsversuch Worte finden, die selbst in dem Milieu des Café Kandelaber ihre Wirkung nicht verfehlen würden.

»Café Kandelaber.« Eigentlich haben die gastlichen Lokomotiven, die in der Nacht an den Straßenecken Station machen, offiziell einen anderen Namen. »Ambulance heißer Getränke« steht mit goldenen Lettern auf der Wagenfront. Aber der Ausdruck hat sich nicht eingebürgert. Er trifft auch nicht mehr so recht zu. Freilich ist das Teehaus ambulant, und um die neunte Abendstunde kann man das nicht mehr ungewohnte, darum aber nicht minder seltsame Schauspiel genießen, eine Lokomotive mit einer vorgespannten Dogge durch die Straßen fahren zu sehen. Dann aber bezieht sie ihren Standplatz, den sie jahraus, jahrein innehat, der Hund kuscht sich zwischen den Rädern, und Wagen und Hund rühren sich bis zum Morgengrauen nicht von der Stelle. Früher, vor etwa dreißig Jahren, war das anders. Da fuhr der Teemann durch die Straßen und machte nur auf Anruf eines hungrigen oder durstigen Passanten Halt. Dieses Geschäft, das nur auf dem Zufall einer solchen Begegnung aufgebaut war, rentierte sich nicht. So zogen sich denn die Kandelaber-Cafetiers resigniert an die Ecken der Gassen oder an die Kandelaber der Plätze zurück. Und siehe da! Kaum hatte sich der Planet in einen Fixstern verwandelt, so war er schon beliebt. Da der Berg nicht mehr zum Mohammed kam, da kamen die Mohammedaner zum Berg. Der Ausdruck »Café Kandelaber«, dessen beide Worte so prächtig mit einander kontrastierten, wurde populär und er ist dieser Erfrischungsstelle bis zum heutigen Tage geblieben, obwohl jetzt eine Verwechslung möglich wäre, da sich ein findiger Wirt für sein Nachtkaffeehaus in der Karlsgasse, dessen Stammgäste sich aus denselben Gesellschaftsschichten rekrutieren, aus denen die Gäste der fahrbaren Teehäuser stammen, den Namen »Café Kandelaber« behördlich protokollieren ließ.

Von da ab erfreuten sich die fahrbaren Teehäuser steten Zuspruchs. Die Droschkenkutscher des nahen »Staffels« und der gleichfalls dicht benachbarte Würstelmann polemisierten und pokulierten, bis längst das Licht auf der Höhe des städtischen Kandelabers verlöscht und die Wagenlaterne des »Kaffeehauses« angezündet war. Zu ihnen gesellten sich Nachtvögel verschiedener Gattungen und blieben auch keine kürzere Zeit stehen. Der 30 Teewagen auf dem Altstädter Ring erfreute sich einer so außerordentlichen Beliebtheit, daß sie dem Wirte sogar verhängnisvoll wurde. Hier strömten nämlich zu der Zeit, als noch die Josefstadt nicht assaniert und voll von niedrigen Beiseln war, nach der Gasthaus-Sperrstunde verschiedene Leute zusammen, die hier ihre Affären der Liebe, des Alkohols und des Verbrechens fortsetzten. Das ging gar nicht leise und gar nicht ohne blutige Raufhändel ab. Das »Café Kandelaber« war fast täglich in den Rapporten des Altstädter Polizeikommissariates erwähnt und schließlich verbot man dem Wirt diesen Standplatz. Er durfte den Ring überhaupt nicht mehr passieren und erst als die dunkelsten Häuser der Josefsstadt dem Erdboden gleichgemacht worden waren, durfte er wieder in das gelobte Land einziehen. In der letzten Zeit wird diese Geschichte in den Kreisen der »Kandelaber«-Gäste besonders oft besprochen. Man glaubt, daß durch dieses seinerzeitige Platzverbot ein Präzedenzfall vorhanden ist, der dem Teemann vom Josefsplatz verhängnisvoll werden kann: Man werde ihm diesen Platz verbieten, damit er dem Repräsentationshaus keine Konkurrenz mache.

Es ist fünf Uhr geworden. Schon graut der Tag und dem Leser. Ich muß meine sachlichen Erwägungen schließen, wenn ich noch rechtzeitig zum Five-oclock-tea ins »Café Kandelaber« kommen will. 31


Geschichten vom Brückenkreuzer

Man kann freilich von einer Brücke nicht verlangen, daß sie außer einem Fluß auch noch die sozialen Gegensätze überbrücken soll. Aber die Prager neuen Brücken verschärfen diese Gegensätze noch, denn die Armen haben jetzt oft einen nahen Weg vor sich und müssen doch ? um den Brückenkreuzer zu ersparen ? den Umweg über die älteste Brücke, die unentgeltliche Karlsbrücke, machen. Durch die Prager Brücken werden zwar die Stadtteile verbunden, aber die Bewohner dieser Stadtteile haben keine Ursache dafür verbunden zu sein. Denn der Brückenkreuzer ist eine Unbequemlichkeit für die Reichen, eine empfindliche Ausgabe für die Armen. Jedesmal, wenn man in Prag eine Brücke schlägt, so schlägt man dem modernen Verkehrswesen ein Schnippchen und die Logik aufs Haupt, indem man je ein Mauthäuschen an die Brückenenden setzt.

Das Vergnügen, in den verschiedenartig duftenden Anlagen des Stadtparkes und auf dem von Alpinisten sehr geschätzten Pflaster der Prager Straßen zu promenieren, hat man ganz umsonst. Aber die Notwendigkeit über eine Brücke zu gehen, die muß man bezahlen. Obwohl das Prager Pflaster noch teurer ist als die Prager Brücken. Von der Verkehrshemmung, welche die Einhebung der Brückenmaut bedeutet, gar nicht zu reden. Man stelle sich vor, daß auf der Weidendammer oder auf der Potsdamer Brücke in Berlin jeder Passant stehen bleiben, jedes Auto stoppen müßte, um zwei oder fünf Pfennige zu bezahlen. Auch der gemütliche Wiener würde wohl verteufelt ungemütlich werden, wenn er sein »letztes Kranl« wechseln müßte, um über die Aspernbrücke gehen zu dürfen.

Aber es wird uns doch ein Äquivalent für die Entrichtung des Brückenzolls geboten. Das sind die Straßenbilder und die Geschichten, die sich auf diese Institution gründen, und um die uns jede andere Stadt beneiden muß. Hier fleht ein Bettelweib mit weithin hörbarem Weinen die Gnade des Brückentyrannen an, dort nimmt ein kleines Kindermädchen den ihr anvertrauten fünf Jahre alten Bengel keuchend auf den Arm, hier schlängelt 32 sich ein Gamin zwischen zwei Straßenbahnwagen auf die Brücke, dort springt ein Prager »Pepík« vor dem Mauthäuschen auf die Elektrische, um jenseits des Häuschens wieder abzuspringen ? alles, um zwei Heller zu ersparen.

Auch andere Typen und Geschichten sind bekannt. Ein Einjährig-Freiwilliger hat den Brückenkreuzer prinzipiell ? »ich lasse mir nichts schenken« ? bezahlt, trotzdem ihn die Uniform zu freiem Eintritt berechtigte. Von dem Jungtürken, der es absolut nicht verstehen konnte, wie ein fremder Mann auf offener Brücke von ihm ein Bakschisch zu verlangen wage, und dem schließlich eine hundertköpfige Menschenmenge zu Hilfe kam, war im November des vorigen Jahres in allen Blättern zu lesen. Der uralte Ulk des Defilees im Gänsemarsch ist bei den Bewohnern des Mauthäuschens gar nicht beliebt, weil sich diese die Mühe nehmen müssen, die Teilnehmer des Zuges, für die der Letzte zahlen soll, genau zu zählen. Zum Glück läuft der zahlungspflichtige Letzte gewöhnlich davon, so daß ein Rechenfehler ohnedies gleichgültig ist. Es gibt viel solcher Scherze.

***

Rückte da neulich ein Marsjünger in Zivilkleidern, nur an der keck über dem linken Ohre baumelnden Mütze als k. u. k. Infanterist kenntlich, vom Ernteurlaub nach Prag ein. An dem Smichower Ufer streckte ihm der Zöllner begehrlich seine Hand entgegen. Der Urlauber aber verweigerte die Zahlung des Tributs. Er sei Soldat und als solcher brauche er keinen Kreuzer zu zahlen. Der Mauteinnehmer wies auf die Zivilmontur des Widerspenstigen, dieser legitimierte sich mit seinem Urlaubsschein als Angehöriger der Armee. Da die Frequenz auf der Brücke gerade sehr groß war, so hatte sich bereits ein stattliches Häuflein von Zuschauern um die streitenden Parteien geschart. Nun konnte der Zöllner erst recht nicht nachgeben, wenn er nicht sein Ansehen einbüßen wollte. Aber auch dem Krieger kam es nicht in den Sinn, der Klügere zu sein, und er bestand auf seinem Schein. Wer weiß, welche Dimensionen der Rechtsstreit genommen hätte, wenn nicht zufällig ein Einjährig-Freiwilliger des Weges gekommen wäre, der in hilfsbereiter Weise für seinen Fahnenbruder zwei Heller auf das Opferbrett der Stadtgemeinde niederlegte? Der also losgekaufte Urlauber aber setzte seinen Weg 33 nicht sogleich fort, sondern eilte in die genau gegenüber dem Mauthäuschen auf der Brücke gelegene Tabaktrafik. Er kaufte sich für die ersparten zwei Heller zwei »Drama«-Zigaretten und zog, die eine »Drama« zufrieden im Munde haltend, die andere kokett hinter dem Ohre, unter dem Lachen des Publikums so stolz über die Brücke, wie einst im Mittelalter siegreiche Belagerer über die endlich heruntergelassene Zugbrücke in die Burg des Feindes gezogen waren.

***

Einmal hatte einer meiner Couleurbrüder zur endlichen Bezahlung seiner Schulden 200 Kronen erhalten. Kaum hatte er uns von diesem sensationellen Ereignis auf unserer Bude, die sich in dem Gasthaus auf der Judeninsel befand, in Kenntnis gesetzt, als wir auch schon beschlossen, damit dem Brückenmann der Franzensbrücke einen Streich zu spielen. Zehn Bursche wurden je mit einer Zwanzigkronennote beteilt, selbstverständlich erst nachdem sie sich »auf Grand-Cerevis« ? die Eidesformel beim Biertisch ? verpflichtet hatten, sie wieder zurückzustellen. Nun ging es dem Mauthause zu. Der erste von uns reichte dem Zöllner die Banknote und dieser gab murrend 19 Kronen 98 Heller zurück. Dann kam der zweite, und gleichzeitig streckten acht andere Hände dem Mauteinnehmer die Banknoten zu. Der gute Mann war entsetzt. »Es könnte doch einer für alle Herren zahlen,« wandte er ein. »Wir kennen einander ja gar nicht,« war unsere Antwort. Nun wollte uns der Einnehmer mit großmütiger Gebärde die Entrichtung erlassen. Aber wir wollten uns keinesfalls unserer Prager Bürgerpflicht begeben, wollten den Stadtsäckel nicht schädigen. Schließlich machte Meister Zöllner dem Konflikt ein Ende, indem er sich in seine Hütte verkroch. Da mußten wir denn doch von dannen, ohne unserer Bürgerpflicht Genüge getan zu haben. Wahrscheinlich hat sich der Zöllner darüber ins Fäustchen gelacht. Wir aber lachten laut.

***

Einmal zogen wir aus der »Quelle« in Bubentsch nächtlicherweile nach Prag. Als wir zum Kleinseitner Brückenkopf des Kettenstegs kamen, schlief der Zöllner bereits den Schlaf des Gerechten und an seinem Fenster war der Holzladen heruntergelassen, denn drüben am andern Ufer versah der andere 34 Mauteinnehmer ? wie allnächtlich ? für ihn den Dienst. Schon wollten wir weckend an die Bude klopfen, als uns ein üppig gelaunter Kommilitone davon abhielt. Er legte still einen Kreuzer auf das Brett vor dem geschlossenen Schalter und befahl uns, ihm in einer Distanz von einigen Schritten über die Brücke zu folgen. Bei der Josefstädter Brückenmündung trat ihm der Zerberus mit heischender Hand entgegen. Unser Freund tat sehr erstaunt. Er werde doch nicht zweimal zahlen, man zahle doch nur beim Betreten der Brücke und das habe er getan.

»Das ist eine Lüge,« erklärte der Brückenhüter, »drüben ist ja geschlossen. Sie müssen hier bezahlen.«

»Ob drüben geschlossen ist, geht mich nichts an. Darauf habe ich nicht geachtet. Ich habe drüben bezahlt, wie ich immer beim Betreten der Brücke zahle.«

Der Zöllner rief die heilige Hermandad herbei. Der Wachmann kam und mein Freund verlangte die Sicherstellung des Mauteinnehmers, da er von diesem durch das Wort »Lüge« beleidigt worden sei. Der Zöllner leugnete nicht.

»Der Herr hat behauptet, drüben gezahlt zu haben und das ist eine Lüge!«

Unser Freund verlangte nun erregt, der Wachmann möge konstatieren, ob der Kreuzer wirklich drüben liege. Dies werde bei der Verhandlung in der Ehrenbeleidigungsklage das wichtigste Moment sein. Das sah der Wachmann ein und war bereit mit unserem Freunde auf das jenseitige Ende der Brücke zu gehen. Der Zöllner, der eine eventuelle Beeinflussung des Polizisten vermeiden wollte, sperrte seine Bude und ging mit. Wir hinterdrein. Als der Zug wieder glücklich auf der anderen Seite war, erblickte man das künftige Corpus delicti: Der Kreuzer lag friedlich auf dem Schalterbrett. Mit majestätischer Handbewegung wies unser Freund auf ihn. Der Brückner war geschlagen. Schon wollte er mit mißmutiger Gebärde den Kreuzer an sich nehmen, als unser Kommilitone herzusprang und ihn einsteckte.

»Über eine Brücke, auf der man die Passanten derart behandelt, gehe ich nicht. Wir gehen über die Elisabethbrücke.« Und zum verdutzt dastehenden Zöllner gewandt, fügte er hinzu: »Auf diese Weise treiben sie alle ihre Kundschaften der Konkurrenz in die Arme.« 35


Der Chef der Prager Detektivs

Der alte Lederer«, der Chef der Prager Polizeidetektivs, hat gestern, am 30. März 1909, im Sicherheitsdepartement sein Pensionierungsgesuch geschrieben, heute übergibt er es und morgen macht er schon keinen Dienst mehr. Zum erstenmale seit 38 Jahren. (Von den Krankheitszeiten abgesehen, die er im letzten Jahre zu bestehen hatte.) Nun hat er ausgedient und geht in den Ruhestand. Die Kunde wird bei allen, die ihn kennen ? und die Zahl derer, die ihn kennen, ist immens ? Interesse erwecken, mit Bedauern sehen ihn wohl nur wenige aus dem Amte scheiden. Er war bestgehaßt. Ein Bann, analog jenem, der vor Jahrhunderten den Henker umsponnen, hat auch ihn, den »Spitzel«, den »Spion«, den »Schnüffler« umgeben. Dergleichen Charakterisierungsworte gebrauchte man immer, wenn man in der Nacht einen Begleiter auf den alten Lederer aufmerksam machte, wenn dieser, Stock und Hände auf dem Rücken haltend, mit gebückter Haltung und patrouillierenden Augen über das Trottoir wandelte. In den Spelunken hatte man ärgere Namen für ihn. Aber noch keiner hat es gewagt, sie ihm ins Gesicht zu schleudern. Man hatte vor dem Alten Respekt.

Revertenten und berufsmäßige Nachtwandlerinnen verschwanden, sobald sie ihn von der Ferne sahen, mit größtmöglicher Akzeleration um die Ecke. Und wenn er so gegen vier oder fünf Uhr früh in die Schenke »Zum Kranz«, »Bei den 3 Sternchen«, im »Goldenen Zweier«, »Zur Schokolade«, »Beim Frosch« oder »Beim Banzett« erschien, dann sprangen die auf den Tischen, auf den Bänken oder auf dem Fußboden schlafenden Stammgäste beiderlei Geschlechtes flugs auf, als ob der kommandierende General eine Wachmannschaft beim Kartenspiel erwischt hätte. Die schlaftrunkenen Augen der Nächtlinge blickten scheu auf den Gefürchteten und mit heuchlerischer Devotion scholl ihm allerseits ein »Ruku líbam, milostpane« (Küss die Hand, 36 gnä Herr) entgegen. Alle kannten ihn. Aber auch er kannte alle. Sein Blick durchschnitt das rauchgeschwängerte Lokal. Schon hat er einen erspäht, der aus Prag für immer ausgewiesen ist. Er winkt ihm und ohne ein Wort der Widerrede zu dulden, nimmt er den Liebhaber Prags bis zum nächsten Wachposten mit. Oder er schaut jemanden an, den er nie zuvor gesehen: »Sie sind der R. S.!« Aus den Worten eines Steckbriefes hat er sich das Bild des R. S. konstruiert und nun den Gesuchten erkannt. Das war seine Spezialität, Spürsinn oder Routine?

Aber die Unbeliebtheit in den Verbrecherkreisen hätte ihm in den Kreisen der gesetzmäßig lebenden Bürgerschaft Sympathie gesichert, wenn sich der Detektivinspektor Lederer nicht aus beruflicher Pflicht auch in ein Gebiet hätte einmischen müssen, in welches eine Einmengung spürender Behörden mit vielem Rechte von der Allgemeinheit sehr angefeindet wird: Das Gebiet der Politik. Für diese Idiosynkrasie gegen »Spitzeltum« in der Politik hat der alte Lederer am meisten leiden müssen. Erst während der letzten Grabenkrawalle ist er in der Nähe des Spinka von einer Gruppe tschechisch-nationaler Sozialisten erkannt und bedroht worden, die Sozialdemokraten haben gegen ihn Gerichtsprozesse angestrengt und sogar von deutscher Seite ist der eifrige Geheimpolizist einmal weidlich durchgeprügelt worden. Noch dazu auf reichsdeutschem Boden. Das war am Sonntag, den 12. Juli I897. Die österreichischen Behörden hatten den Egerer Volkstag verboten, aber damit nichts erreicht. Denn die Teilnehmer zogen in hellen Scharen nach dem nahen bayrischen Städtchen Waldsassen, um hier ? von keinem »landesfürstlichen Kommissär« gehört und gestört ? zu beraten und zu beschließen. Aber man hatte »oben« um so größeres Interesse an der Versammlung jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle und ? so zog Herr Lederer mit einer Kornblume im Knopfloch, als unentwegter Alldeutscher gleichfalls nach Waldsassen. Aber er wurde erkannt, und er, der was erfahren wollte, hat nur Schlimmes erfahren. Auch sonst hat er zahlreiche Reisen in politischer Spürmission unternommen, aber er muß hiebei von einem Mißgeschick à la Waldsassen verschont geblieben sein, denn nur der eine tragikomische Fall ist bekannt geworden. U. a. hat Inspektor Lederer bei Kaiserreisen in der ganzen Osterreichisch-ungarischen Monarchie als Auge des Gesetzes fungiert und ist spähend auf den 37 Spuren Wilhelm des Redseligen, King Edwards und Milans des weiland Lebenslustigen gewandelt. Sogar ein Sonnen- oder Löwenorden wurde ihm verliehen, zum Dank dafür, daß er den Beherrscher des Perserreiches vor eventuellem Mißgeschick behütete.

Bei der Ausmittlung von Verbrechern hat er gute Dienste geleistet. Freilich von moderner Kriminalistik, von Daktyloskopie und Anthropometrie, von Kopfzirkeln, Meßkreuzen, Narbenmaßen und dem übrigen Instrumentarium der beiden Bertillons verstand er ebensowenig wie seine Klienten von Ehrlichkeit. Aber er erkannte seine Prager, Weinberger und ?i?kower Einbrecher an der Art, wie der Einbruch ausgeführt war. Und verstand sie zu finden. Besonders in der Josefstadt, die vor ihrer Assanation das Heim der Prager Kamorra gewesen war, kannte sich Lederer ? er war dort jahrelang Polizei-Wachkommandant gewesen ? in jedem Schlupfwinkel aus und jeden einzelnen Bewohner und jede einzelne Bewohnerin der zahllosen Beisel mit Namen.

Aber auch in besserem Milieu ließ den Detektivinspektor sein Spürsinn nicht im Stich. Da ließ er sich auch durch Eleganz und weltmännisches Auftreten nicht blüffen. So hat er aufs Geratewohl einmal im Kaffeehaus einen gutgekleideten Herrn nur deshalb festgenommen, weil er champagnisierte und freizahlte. Der Herr protestierte. Aber der alte Lederer ließ sich nicht irre machen. Im Sicherheitsdepartement wollte man ihn schon ausschimpfen, daß er jemanden grundlos festgenommen habe. Man forschte aber nach der Provenienz des Geldes und da stellte sich heraus, daß der Arretierte ein eigenes Telegraphenamt in Nusle inszeniert, aus diesem Geld angewiesen hatte und beheben ließ. Der Name dieses Mannes ist seither in der Geschichte des Postbetruges Europas geläufig: Plocek.

»Ich hab gleich gesehen, daß der das Geld nicht schwer verdient hat,« sagte der alte Lederer, als er die Prämie für seinen Fang ausbezahlt erhielt.

Er war bei allen Morden der letzten Jahre zur Stelle: beim Mord am Omladinisten Mrwa, an der Juwelierin Gollerstepper, an den Mädchen Hruza und Klima im Polnaer Walde, am Hotelier Wolf, am Liebespaar Takacz-Hanzely zu Krtsch, am Schulmädchen Smr?ek, am Portier des Gewerbemuseums Schan?l, 38 am Gefangenaufseher Kaucky und an der neuvermählten Frau Novotny in der Böhmerwaldgasse. Immer machte er sich als einer der ersten auf die Suche. Manchmal mit Glück, manchmal mit Unglück. Sein Name war in den Berichten über Prager Kriminalfälle stereotyp. Darum geziemt es sich, das heutige Datum als das des Tages zu registrieren, da der alte Lederer aufhört, seines Amtes zu walten. 39


Der Mann mit der Straßenspritze

Wenn es regnet, ist es naß. Besonders in Prag. Hier werden nämlich bei Regen die Straßen besprengt. Manchmal während des Regens, manchmal nach und manchmal vor dem Regen. In den beiden erstgenannten Fällen müßte man nichts besonderes erblicken, weil man ja zu der Vermutung kommen kann, der bekannte Satz, daß Feuchtigkeit des Erdbodens Regen zur Folge habe, sei auch in der Umkehrung richtig. Aber daß man in Prag auch vor dem Regen die Straßen besprengt, ist interessant. Es kommt ja auch nur selten vor. Dann ist es aber umso interessanter.

Der Mann, dem die ehrenvolle Aufgabe obliegt, die Bazillen des Prager Straßenstaubes mit den Bazillen des Prager Wassers in fruchtbaren Zuchtverkehr zu bringen, ist näherer Beachtung wert. Sie wird ihm auch zuteil. Dort, wo der Spritzenmann ist, dort ist auch die Straßenjugend. Die kennt die Prager Spritzenschläuche ganz genau und weiß, daß sie feine Löcher haben, durch die beim Spritzen hohe Wasserstrahlen in die Luft steigen. Diese kleinen Löcher lassen sich bequem mit einem Finger zuhalten und wenn man diesen wegzieht, so spritzt der dünne Strahl mit verdoppelter Gewalt in die Höhe oder auf einen Passanten. Ja, das Spritzen ist eine Lust für die jeunesse dorée der Straße. Aber auch ältere Passanten, die ohnedies schon um der sengenden Sonnenglut willen, sich nicht der Eile befleißigen wollen und die ? die Abneigung der Muhme Mephistos gegen das Staubschlucken teilend ? lieber auf besprengtem Pfade weiterwandeln wollen, bleiben stehen und schauen dem Mann mit der Straßenspritze zu. Schon die Vorbereitungen, die dieser trifft, wirken erfrischend. Ich glaube, dieses Straßenbild wäre ein famoser Stoff für eine Pantomime. Sie wäre abendfüllend.

I. Akt. (Eine schmutzige Straße.) Leute treten auf, die sich den Schweiß aus dem Gesichte wischen und dann die Taschentücher auswinden. Plötzlich malt sich Begeisterung in ihren Zügen und freudigen Antlitzes weisen sie in die rechte Kulisse. Aus dieser kommen zunächst barfüßige Knaben und Mädchen mit 40 Jubel und Tanz. Dann rollt ein Handwagen heran, der ein großes Faß trägt. Der Wagen wird von einem Spritzenmann geschoben, ein zweiter geht neben dem Wagen. Der Spritzenmann rekognosziert das Terrain. Fragend blickt er seinen Genossen an. »Soll man hier spritzen?« Die Antwort scheint eine verneinende Gegenfrage zu sein: »No, soll man hier spritzen?« Aber Passanten und Straßenjugend drängen sich an die beiden Begleiter des Fasses heran und bitten flehentlich um einen Gespritzten für das Straßenpflaster. Die beiden nicken Gewährung und senken den Vorderteil des Wagens zur Erde. Die Zuschauer (auf der Bühne) treten scheu zurück. Die Spritzenleute beginnen je eine Tabakspfeife anzuzünden. Der Vorhang fällt langsam.

II. Akt. (Spielt eine halbe Stunde später. Personen: Wie im ersten Akt.) Die Spritzenleute vollenden das Anzünden der Tabakspfeife. Sie nehmen ein T-förmiges Eiseninstrument, das wie ein jugendlicher Galgen aussieht und halb Schraubenschlüssel, halb Pfropfenzieher ist, vom Faßwagen und heben mit der einen Zacke dieses Werkzeuges den Deckel des Hydranten in die Höhe. Ein süßer Geruch steigt aus den Tiefen empor. (Das Orchester spielt: »Das duftet nach Trèfle incarnat« aus »Graf von Luxemburg«.) Der Duft erfüllt das Theater. Die Zuschauer (auf der Bühne) verschwinden im Hintergrund. Die Zuschauer (im Zuschauerraum) auch. Der Vorhang fällt rasch.

III. Akt. Aus dem Faß wird durch dessen obere Öffnung ein Metallrohr herabgenommen, das im Sonnenglanze glitzert, wie das Rheingold in der Komischen Oper zu Wesseli-Mezimosti. Am Ende des Rohres hängt ein Elefantenrüssel, aber es ist gar kein Elefantenrüssel, sondern ein Spritzenschlauch. Das andere Ende des Rohres wird irgendwo in dem Abgrund befestigt, aus dem die bereits beschriebenen unbeschreiblichen Düfte steigen. Damit das T-Instrument sich nicht zurückgesetzt fühle, schraubt man es gleichfalls an den Hydranten. Die Zuschauer denken nun wie Schiller: Wohl, nun kann der Guß beginnen. Aber damit ists noch nichts. Dem einen Spritzenmann ist das Feuer der Tabakspfeife ausgegangen und er bemüht sich nun, ein Zündholz an einem Teile seiner Hose anzuzünden. Der Vorhang fällt diskret.

IV. Akt. Die Pfeife brennt. Einer der beiden Spritzenleute kurbelt den Miniaturgalgen, der andere packt den 41 Spritzenschlauch, dessen Mündung das Straßenpflaster zärtlich küßt. Wasserströme, welche die neue hechtgraue Felduniform tragen, strömen durch den Schlauch und verwandeln die Gegend um den Hydranten in eine romantische Meereslandschaft. Ein schmuckes Dienstmädchen, einen Korb mit Eßwaren unter dem Arme, kommt des Weges und lächelt den Wassermann an, der den Schlauch hält. Ein Strahl der Freude zuckt über sein Gesicht und ein Strahl Wasser über das ihre. Der Spritzenmann hat nämlich in seiner freudigen Erregung die mit dem Schlauch bewehrte Hand erhoben. Auch die Eßwaren sind angenehm besprengt worden und der Korb sieht aus wie ein volles Lavoir. Das Mädchen schimpft. Die Spritzenmänner bleiben ihr die Antwort nicht schuldig und gebrauchen einige Ausdrücke?.?.?.?. (Der Vorhang fällt über Anordnung der Zensurbehörde sehr rasch.)

V. Akt. Es wird fortgespritzt. Alle Passanten erhalten eine Dusche gratis. Hier erhält ein hellgelber Herrenüberzieher eine schön braune Glasur, dort wird einem Panamahut Gelegenheit geboten, zu erweisen, ob er wirklich wasserdicht ist. Mit Wilhelm Tell-artiger Sicherheit lenkt der schlichte Bedienstete der Prager Kommune sein feuchtes Geschoß gegen die wandelnden Ziele. Oft weiß er mit ein und demselben Strahl mehreren Ahnungslosen etwas von dem erfrischenden Naß der Moldau zuteil werden zu lassen. Längst hat sich die Straße in das Schwarze Meer verwandelt ? der Spritzenmann arbeitet weiter, als gälte es den Kanal trocken zu legen. Da fängt es zu regnen an. (Man verwende den Platzregen aus »Das Weiße Rößl.«) Die Spritzenmänner freuen sich höchlichst, denn im Regen ist die Arbeit viel angenehmer. Sie lassen aus dem Schlauche Wasser in das Faß des Wagens laufen, damit sie mit Hilfe der bekannten Holzkannen auch jene Straßenteile besprengen können, zu denen der Spritzenstrahl nicht gelangen kann; wenn der Regen diese Stellen näßt, so gilt das nicht. Das Faß ist bald gefüllt und nun kommt der Deckel wieder auf den Hydranten, Röhre, Schlauch und Schraubenschlüssel wieder auf den Wagen. Es regnet weiter ? besonders faule Äpfel und Eier aus dem Zuschauerraum. Der Vorhang fällt mit wolkenbruchartiger Geschwindigkeit.

Auf Hofbühnen und anderen großen Theatern kann man statt des Faßwagens fahrbare Riesenspulen verwenden, um die sich der Spritzenschlauch ringelt, die Aufführung verliert dadurch 42 nicht an Lokalkolorit, da man solche Spulen beim Besprengen der Prager Hauptstraßen verwendet. Anderer Requisiten bedarf mein Mimodrama nicht. Trotzdem mir die Tantiemen ganz gut zustatten kämen, sage ich den Theaterdirektoren ganz offen: Das Stück braucht nicht sofort aufgeführt zu werden, denn der Stoff bleibt dauernd aktuell. In Prag wurde seit jeher die Straßenbesprengung so betrieben und wird auch weiter so betrieben werden. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhundertes haben diese Arbeit Leute besorgt, welche von Feuerwehrmännern auf der Straße ad hoc engagiert worden waren und unter deren Aufsicht spritzen mußten. Daß diese Leute die Sache nicht mit jener virtuosen Sicherheit, nicht mit jener genialen Schlauchtechnik betreiben kannten wie das wohlorganisierte städtische Spritzenkorps von heute, liegt klar auf der Hand. Ist das nicht Fortschritt genug? Ein Mehr wäre von Übel, hieße die Tradition verleugnen. Und die Stadt Prag hält auf Tradition. Strahlend war früher die Straßenbesprengung, strahlend soll sie auch in Zukunft sein. Das ist eine Beruhigung für mich. Kann doch meine Pantomime nie veralten, wenn die Männer, die spritzen, nie selbst »gespritzt« werden. 43


Eine Nacht im Asyl für Obdachlose

Eine Minute von der Elisabethstraße entfernt, in der alltäglich Fiaker, Automobile, Straßenbahnwagen, Equipagen und Droschken nach dem Baumgarten hinausfahren, zweigt von der Klemensgasse die Neumühlgasse ab. Sie ist keine Verkehrsstraße, vier scharfe Ecken bildend, kehrt sie zur Klemensgasse zurück. Hier ist nichts mehr von Promenade, nichts mehr von Luxusfuhrwerken zu merken. Nur wenige Passanten bevölkern sie. Abends jedoch sammeln sich hier Gruppen von Menschen an, die des Augenblickes harren, wo sich das Tor des Hauses Nr. 11 eröffnet, auf dem in großen schwarzen Lettern die Worte »Útulna ? Asyl« stehen.

In diesem Haus, das Eigentum des Prager Asylvereines für Obdachlose ist, habe ich gestern übernachtet. Bei einem Freunde, der in der nahen Sametzgasse wohnt, hatte ich mich vorher in full dress geworfen. Den Rock, den ich anhatte, hatte voriges Jahr unser Dienstmädchen einem Bettler geschenkt, aber dieser hatte die Annahme des Geschenkes unter schweren Beleidigungen abgelehnt. Wenn in dem Hut, den ich aufgesetzt hatte, noch die Firmabezeichnung erkenntlich wäre, könnte man ihn als famoses Mittel für Erpressungen verwenden: Der Hutmacher würde jeden Betrag bezahlen, um diese seinen Namen tragende Schmach aus der Welt zu schaffen. Der Rock hatte zwar keine Fasson, aber dafür hatte er auch keine Farbe und Löcher, auf die jede Regimentsfahne stolz sein könnte. Die Risse der Stiefel waren durch die in sanften Wellenlinien hinabfallenden roten Socken teilweise verdeckt. Die Hosen ? reden wir nicht davon.

So ging ich, in den wahrlich nicht verwöhnten Gassen des Petersviertels peinlichstes Aufsehen erregend, zum Asylhaus. Hier waren schon Gruppen von Obdachlosen angesammelt. Einige saßen auf dem Geländer, das die schmalen Anlagen der Klemenskirche umfriedet, andere auf den Stufen am rückwärtigen Kircheneingang. Etliche standen vor dem Eingang eines Gasthauses in der Klemensgasse, wieder andere an die Häuser der Neumühlgasse gelehnt. 44 Auch Frauen waren darunter. Im ganzen etwa 70 Leute. Ein Doppelposten der Polizei hielt Wache.

In der Gruppe, in der ich mich anstellte, war ein fünfzehnjähriger Bauarbeiter, der gerade von seiner Fußwanderung aus Triest in Prag eingetroffen war. Dann ein Prager Geschäftsdiener, elternlos und ohne Verwandte, der ohne Stellung war. Vor anderthalb Tagen hatte er bei einem ehemaligen Kollegen eine Suppe bekommen, seither hatte er überhaupt nichts gegessen. Unter anderen Umständen hätte ich diese Angabe vielleicht skeptisch aufgenommen. Aber hier konnte ich nicht daran zweifeln. Was für ein Interesse hätte er gehabt, die Kollegen, die gleich ihm arg im Bruch waren, zu belügen? Erwarten konnte er von ihnen ja nichts. Ich versprach ihm meine Suppenportion für den Fall, daß ich, trotzdem ich kein Dienstbuch habe, in das Asyl eingelassen würde. Ich hätte einen verdorbenen Magen und könne nichts essen. Seither wich der Bursche nicht von meiner Seite, damit er in das gleiche Zimmer mit mir komme. Seine einzige Sorge, die er fortwährend zu mir äußerte, war die: »Ob man dich nur ohne Büchel hineinlassen wird?« Von Zeit zu Zeit kamen Besuche zu unserer Gruppe. Leute, die Arbeiter suchten. In meinem Leben habe ich nicht so viele Engagementsanträge erhalten, wie vorgestern. »Bist du ein Müllergehilfe?« fragte mich ein wohlgenährter Herr, der auf unsere Gruppe zugetreten war. Nein, ich sei kein Müllergehilfe. Damit aber gab sich der Herr noch nicht zufrieden: »Willst du nicht in der Mühle arbeiten?« Ich müsse morgen abreisen, sagte ich und der Vertrag war nun endgültig gescheitert.

Von den übrigen Aktionen, die nichts geringeres zum Zwecke hatten, als meine wertvolle Arbeitskraft für verschiedene Unternehmungen, wie einen Brückenbau, eine Schneiderwerkstätte etc. zu gewinnen, sei noch eine erwähnt. Ein Bäckergehilfe kam zu mir: »Du bist ein Bäcker?« Wieder verneinte ich. »Das macht nichts,« sagte jener. »Du könntest heute nachts bei uns in der Werkstätte statt meiner arbeiten. Mein Mädel ist heute früh nach Prag gekommen und ich möchte gern mit ihr ausgehen. Du brauchst nicht viel zu machen, nur soll der Alte nicht merken, daß einer fehlt. Ich gebe zwanzig Kreuzer.« Ich erklärte, daß ich ablehnen müsse. Ich hätte schon drei Nächte nicht geschlafen. 45

Die Arbeitgeber waren nicht die einzigen Personen, die um unsere Gunst warben. Zwei Frauen traten auf einzelne von uns zu und boten uns privates Logis an. Mich forderten sie nicht auf, ich sah sehr schäbig aus. Aber auch bei den anderen hatten sie kein Glück, da ihre Forderung zu hoch war. Je zwei hätten in einem Bette schlafen und jeder dreißig Heller zahlen sollen. Ein jüngerer Wanderbursche ließ sich in Unterhandlungen ein, aber ein erfahrenerer Genosse zog ihn zurück. »Unsinn! Im Asyl schläfst du allein im Bett, zahlst keinen Heller und kriegst noch zweimal Suppe.« Da mußte denn die Wohnungsvermieterin wieder abziehen.

Wir standen von ¾6 Uhr abends bis 7 Uhr. Dann wurde das Tor geöffnet, entweder weil der Hausvater sehen wollte, wieviel Leute draußen seien, oder weil irgend ein Angestellter des Asyls eingelassen wurde. Das Öffnen des Tores war das Signal zur Vergatterung vor diesem. In weitem Bogen drängte sich die Schar der Obdachlosen. Die Frauen wurden in die erste Reihe gelassen. An sie schlossen sich, auf Anordnung eines alten Kunden, zunächst die Leute, die schon tags vorher die Gastfreundschaft des Prager Asylvereines genossen hatten. In den nächsten Reihen standen die Obdachsuchenden, welche die Bestätigung ihrer Genossenschaft darüber in Händen hatten, daß sie stellungslos und »auf der Walz« in Prag seien. Dann kamen diejenigen, die durch ihr Arbeitsbuch den Nachweis ihrer Arbeitslosigkeit führen konnten und deshalb das Anrecht auf Annahme in das Obdach der Obdachlosen besaßen. Zuletzt die Schar jener Burschen, die zwar stellungslos waren, aber schon zwei oder drei Tage im Asyl genächtigt hatten, sie wußten wohl, daß sie kaum wieder Einlaß finden würden und berieten, wo sie im Falle ihrer Abweisung nächtigen würden. Die einen schwärmten von einer sehr schönen Scheuer in ?i?kow, die anderen waren entschieden für den Stall eines Prager Einkehrhauses, wo es allerdings drei Kreuzer Quartiergeld koste, wieder andere propagierten eine Exkursion in den Kinskygarten oder den Karlspark.

Auch die drei anderen Schichten ? jetzt waren auch die Obdachlosen, diese untersten Repräsentanten der menschlichen Gesellschaft in Gesellschaftsschichen geteilt ? debattierten eifrig. Ein Alter, mit schwarzem Bart und Havelock, führte das große Wort. Das Thema der Debatte war nichts geringeres, als ? 46 die Frage der Landtagstätigkeit. Es war die finanzpolitische Seite, welche diese in Lumpen gekleideten Menschen am meisten interessierte. In der Naturalverpflegsstation hatte man ihnen den Mangel verschiedener Gegenstände mit der Finanznot begründet, und deshalb waren viele für die Flottmachung des Landtages, aber einzelne waren dagegen, indem sie erklärten, wenn die Regulierung der Landstraßen wieder in vollem Maße aufgenommen werde, dann gäbe es wieder lauter Schikanen von seiten der Wegmeister.

Das neuerliche Öffnen des Tores machte diesen hochpolitischen Erwägungen ein Ende. Man ließ die Frauen ? größtenteils beschäftigungslose Feld- und Fabriksarbeiterinnen ? ein und schloß wieder. Dann, nach etwa zehn Minuten die Männer. Ein Asylbediensteter rief die Gruppe aus. Einzeln wurde man eingelassen, jeder mußte sich legitimieren. Bei der Gruppe »Arbeitsbücher« fand auch ich mich ein.

»Wo hast du dein Arbeitsbuch?«, fragte mich der Mann an der Pforte.

»Ich habe keines,« war meine Antwort. »Ich komme aus Reichenberg und wollte ins Spital. Aber man hat mich nicht aufgenommen, weil überfüllt ist.«

»Warum fährst du nicht zurück?«

»Ich habe kein Geld. Auf der Polizei werden sie mir ein Rückreisebillett geben. Aber erst morgen. Nachmittag wird nicht amtiert, und da haben sie mich hergeschickt.«

»Wer hat dir das gesagt, daß du hergehen sollst?«

»Der Offizial S?.?.?.« Ich nannte den Namen des Beamten, der die Reiseunterstützungen aushändigt, und dies genügte, um den Auguren von der Richtigkeit meiner Aussage zu überzeugen. Aber er hatte noch eine Besorgnis:

»Weshalb wolltest du ins Krankenhaus?«

»Ich habe Herzschwäche.«

Er sah mir forschend ins Gesicht, ob ich wirklich krank sei. Nun aber war ich ? welche ein Zufall! ? ausnahmsweise, ganz ausnahmsweise in der vorigen Nacht »auf dem Flam« gewesen und war blaß. Da ließ er mich denn aus Mitleid ein. »Ein Neuer!«, rief er einem anderen Bediensteten zu, der auf der anderen Seite des Tores stand und Protokoll führte. Ich gesellte mich zu den anderen Obdachlosen, die sich im Hausflur 47 drängten. Der Asylbedienstete wandte sich nun an die, die draußen harrten. »Ist noch jemand, der noch nicht zwei Nächte hier war?« Keine Antwort. »Gute Nacht, hochgeehrte Herren,« mit diesem ironischen Gruß schloß er das große Tor. Nun stellte sich ein Angestellter des Asyls auf die erste Stufe der Wendeltreppe und ordnete an:

»Stiefel abputzen, Hemdkragen öffnen, paarweise antreten!»

Geräuschvoll wurde diesem Befehle Folge geleistet und vom ersten Stock erscholl die zweite Order:

»Die beiden ersten herauf!«

Nach etwa einer Minute: »Die beiden nächsten herauf.« Und so fort. Oben wurden alle eingehend nach Ungeziefer untersucht. Von Zeit zu Zeit hörte man von oben Schimpfen und Protestieren, und dann kam immer ein Obdachloser wieder die Treppe herunter: Man hatte bei ihm das Gesuchte gefunden?.?.?. Das Tor öffnete sich und der Paria ward entlassen. Ich war mit dem hungernden Handlungsdiener im Paar. Man fand nichts bei mir, und meiner Aufnahme stand nichts im Wege. Man wies mir ein Bett an.

In einem kleinen Zimmer, in dem vier Betten standen, wurde ich einquartiert. Meine Zimmergenossen zogen ihre Stiefel aus und nahmen je ein Paar der harten Lederpantoffeln, die auf dem Eisenofen lagen. Ich zog gleichfalls die »Batschkaren« an, setzte mich aber dabei auf das Bett. Das war ein Fehler, denn ein zufällig in das Zimmer tretender Angestellter des Hauses fragte mich sofort, ob ich eigentlich glaube, daß ich im Spital sei. Ich vermutete, daß dies eine rhetorische Frage sei, und beantwortete sie nicht. Damit gab sich der Asylbedienstete nicht zufrieden.

»Du bist aber ein Häuschen« (hajzl), meinte er. Was er damit sagen wollte, weiß ich nicht, aber ich vermute, daß dies ein Schimpfwort gewesen sei, da er gleich darauf die Mitteilung hinzufügte, daß ich ein »Bastard« (parchant) sei. Diese Angabe ist unrichtig, doch der Asylbedienstete konnte sich ja irren. Wieso er aber von mir behaupten konnte, daß ich ein »Lausbub« (v?ivák) sei, während doch die unmittelbar vorhergegangene Untersuchung vollständig negativ verlaufen war, ist mir unverständlich. Trotzdem habe ich es unterlassen, den Asylmann zu kontrahieren. Für einen künftigen Ehrenrat, der mich eventuell 48 dafür zur Verantwortung ziehen würde, daß ich grundlose Beschuldigungen nicht mit der ritterlichen Forderung durch die Waffe beantwortet habe, sei gleich vorweg bemerkt, daß meine Kartellträger in das Asylhaus überhaupt nicht eingelassen worden wären, da man eines Arbeitsbuches oder des Nachweises einer Gewerbeausübung unbedingt zum Eintritte bedarf.

Der Asylbedienstete, dessen Groll ich mir zugezogen hatte, kam nach einer Pause von etwa zehn Minuten wieder in unser Zimmer. Diesmal war seine Mission viel sympathischer. Er legte jedem von uns ein Stück Brot auf das Bett und bestimmte dann zwei von uns zum Holen der Suppe. Ich ? war ich doch sein Feind! ? war einer von den zweien. So ging ich denn mit meinem Arbeitsgenossen die Stiegen hinunter in den ebenerdig gelegenen Küchenraum. Hier stand ein Holztablett für uns bereit, das mit fünf gefüllten Blechtassen beladen war: die Suppe. Wir beförderten die Ladung in unser Zimmer. In den Blechtassen stak kein Silberlöffel, sondern bloß ein schlichter Zinnlöffel, was wohl der Grund dafür gewesen sein mag, daß jeder meiner Zimmergenossen den Gebrauch des Löffels verschmähte und den Inhalt direkt aus der Schale trank. Ich verkostete einen Löffel und erfüllte dann das Versprechen, dem hungrigen Handlungsdiener meine Suppenportion zu schenken, leichten Herzens. Leichten Herzens, weil mich die ungewohnte Auftischung des Kuverts beeinflußt hatte. Den anderen aber schmeckte die Suppe ganz famos, wie an ihren behaglichen Mienen zu erkennen war.

Ich benützte die Souperpause, um in den Räumen des Asyls Umschau zu halten. Einzelne Zimmer waren doppelt so groß wie das unsrige und beherbergten dementsprechend die doppelte Anzahl von Betten. Im ganzen sind in den beiden Stockwerken, die für die Männer bestimmt sind, 78 Betten untergebracht. Es sind eiserne Kavalets, die einen Strohsack, einen Roßhaar-Kopfpolster, eine benähte Drillichdecke und ein ziemlich reines Leintuch enthalten. Überhaupt herrschte auf den Wänden und Fußböden der Schlafsäle, auf den Gängen, Stiegen und auf der die ganze Front umgebenden Pawlatsche eine peinliche Sauberkeit ? kein wunder bei der eisernen Disziplin, über die ich kurz vorher in so energischer Weise belehrt worden war. 49

Als die Suppe verzehrt und die Holztasse samt den Suppennäpfen unter meiner Mitwirkung wieder in die Küche getragen worden war, setzten wir uns auf die Stühle, und es begann die Konversation. Schon die Art des Bekanntwerdens war eine viel bessere, als sie in der Gesellschaft üblich ist. In den Salons geschieht die Vorstellung durch eigene Initiative, sie ist aufdringlich, jeder gleichgültige Mensch stellt sich jedem gleichgültigen Menschen vor und nennt seinen gleichgültigen Namen, der überhaupt nicht verstanden wird. Im Asyl fragt einer den anderen: »Was für einen Beruf hast du?« Mit der Antwort ist alles Wissenswerte über den Schlafgenossen gegeben. Nach dem Namen wird nicht gefragt. Namen sind Schall und Rauch.

Ich erfuhr, daß mein Bettnachbar zur Linken ein Kanalräumer, beziehungsweise ein Kutscher sei, der nur in den letzten vierzehn Tagen mangels anderer Beschäftigung der Prager Gemeinde nächtlicherweile beim Entleeren der Kanäle behilflich gewesen, aber gerade tags vorher wegen allzu großer Trunkenheit im Dienst entlassen worden war. Er war übrigens nicht bös darüber: »Länger als vierzehn Tage bin ich ohnedies seit zehn Jahren in keiner Stadt gewesen.«

Das Bett zu meiner Rechten hatte mein neuer Freund, der Handlungsdiener inne, links von dem Kanalräumer war ein Zuckerbäckergehilfe aus Hartburg bei Graz, der von dort geradewegs zu Fuß nach Prag gekommen war. Bei diesem kam ich durch ungeschickte Beantwortung seiner Fragen in den Verdacht ein Protz zu sein. Er fragte mich nämlich, ob ich schon in Hamburg gewesen sei und ich bejahte.

»Wie ists dort im Asyl?«

Ich mußte wahrheitsgemäß antworten, daß ich dies nicht wisse. Ich hätte bei einem Freunde geschlafen, sagte ich.

»Und wie weit ist es von hier?«

»Zu Fuß?«, schlüpfte mir als Gegenfrage aus dem Mund und das war dumm.

»Willst mi eppa pflanzen?«, fuhr er mich bös an. »I wer doch net im Fiaker hinfahren!«

Zum Glück machte der Kanalräumer, der sich auch Jahre lang in Deutschland herumgetrieben hatte und nicht nur deutsch, sondern auch italienisch ? der Verkehr mit den italienischen Erdarbeitern brachte das mit sich ? verstand, weiteren 50 Angriffen des steirischen Zuckerbäckers gegen mich ein Ende. Er teilte ihm mit, daß er von Prag nach Hamburg etwa zwölf Tage zu gehen habe, wenn er täglich fünfzig Kilometer zurücklege. In Hamburg gebe es zwei Asyle, er möge aber nicht in das Polizeiasyl gehen, denn dort werde jeder Kunde photographiert. Auch im Asyl der Magdeburger Arbeiterkolonie möge er sich nicht aufhalten, dort müsse man vor der Aufnahme das Arbeitsbuch abgeben und müsse Holz sägen und hacken, »ärger wie im Arbeitshaus.« Dann gab der Kanalräumer dem Zuckerbäcker noch einige geographische Ratschläge. Er beschrieb ihm den Weg, den er einschlagen müsse, um vier Heller Überfuhr zu ersparen, und nannte ihm die Straßen, auf denen gute Zwetschken zu erhaschen seien. Auch über die Schubverhältnisse, über die Handhabung des Vagabundagesetzes und über die Naturalverpflegsstationen und die Herbergen in den einzelnen Orten sagte er dem Zuckerbäcker manch kräftiges Wörtlein.

Während des Gespräches zog der Kanalräumer wiederholt ein Fläschchen aus der Tasche und stärkte sich. Schließlich war der Schnaps alle.

»Hols der Teufel, daß man hier kein Bier kriegt,« brummte der Kanalräumer wütend.

»Ich wär wieder froh, wenn ich rauchen könnte,« sagte ich, um etwas zu sagen.

»Hast du denn ein Stückchen Zigarette?« meinte jener mit lauerndem Blick. »Ich würde mich draußen einsperren und rauchen.«

Ich brach in der Tasche eine »Sport« in die Hälfte und reichte meinem Schlafgenossen eine Hälfte. Der hatte sie kaum in der Hand, als sich schon der Zuckerbäckergehilfe an ihn herandrängte und ihn flehentlich bat: »Schenk mir ein Stückel.« Da wurde denn die halbe Zigarette redlich geteilt.

Um 9 Uhr verlosch das Gaslicht. Ich benützte die Dunkelheit, um mich in Kleidern auf das Bett zu werfen. Während der Nacht schloß ich kein Auge. Rechts neben mir schnarchte der postenlose Geschäftsdiener wie ein Lokalbahnzug, links neben mir stieß der Kanalräumer in seinem alkoholschweren Schlaf wüste Drohungen gegen irgend ein Mädel aus, von dem er träumte. Aus dem Nebenzimmer drang in Intervallen von je zwei Minuten ein Husten herein, als ob der Mann zu 51 ersticken drohe. Es dauerte lange, lange bevor es sechs Uhr wurde. Endlich aber schrillte eine Glocke: Reveille. Alles kleidete sich an und machte das Bett zurecht. Bald darauf kam der Aufseher und besah das Werk kritischen Auges. Hier fand er die Decke zu wenig geglättet, dort war das Leintuch unten zusammengefaltet, statt unterhalb des Kopfpolsters. Schließlich verließ er uns, um auch die Nachbarräume mit seiner Inspektion zu beehren. Als er wiederkam, legte er jedem von uns einen »Pandur«, einen runden Wecken, auf das Bett und wir durften wieder Suppe holen.

Nach einer halben Stunde ertönte ein lauter Ruf des Asylvaters: »Magazin!« Das war das Avisa für die Obdachlosen, sich um den bis dahin versperrten Schrank zu scharen und daraus die Ranzen und Kofferchen in Empfang zu nehmen, die sie hierher in Verwahrung gegeben hatten. Um 7 Uhr wurde das Tor geöffnet und der Strom der Obdachlosen mündete wieder in die Stadt. Der Doppelposten der Polizei stand wieder da und schaute uns mißtrauisch an.

Die meisten der Obdachlosen begaben sich zunächst in die Arbeitsvermittlungsanstalt im »Alten Gericht«, dann in jene von ?i?kow. Ohne das Visum dieser beiden Institute finden sie anderswo weder eine Genossenschaftsunterstützung, noch Aufnahme im Asyl. Ich schlich mich wieder in das Haus in der Sametzgasse, in dem mein Freund wohnte. Der Hausbesorger und die Hausbewohner, die mir begegneten, blickten mir mit unverhohlenem Mißtrauen nach, bis mir die Wohnungstüre geöffnet wurde. Nun restaurierte ich mich so weit, um kein Refus von seiten eines Droschkenkutschers erwarten zu müssen und fuhr dann nach Hause. Hier angekommen, telephonierte ich ins Bureau, daß ich wegen Unwohlseins fernbleiben müsse. Ich gedachte einen langen Schlaf zu tun. Vorher habe ich aber noch gründlich gebadet ? eine Tatsache, die zwar selbstverständlich ist, die ich hier aber im Interesse meiner nicht obdachlosen Bekannten doch hier besonders registrieren will. 52


Das Lied vom Kanonier Jaburek

An den Korridorwänden in den Kasernen hängen Schlachtenbilder, Porträts ruhmreicher Feldherren, Gedenktafeln für gefallene Soldaten des Regiments. Alles in schönen Rahmen. Dann hängt noch in jedem Kompagniegang ein »Verzeichnis der Gastlokale, deren Besuch der Mannschaft untersagt ist«. Diese Tafeln haben den schönsten Rahmen. Mit Recht. Denn in Friedenszeiten kann der Soldat seinen kriegerischen Sinn und seine persönliche Tapferkeit nirgends so gut erweisen, wie in den Wirtshäusern. Und in den »Gastlokalen, deren Besuch der Mannschaft untersagt ist«, wurde eben dieser kriegerische Sinn und diese persönliche Tapferkeit ruhmreich erprobt. Also ist es nur löblich, daß dieses Verzeichnis der Kriegsschauplätze und Schlachtfelder kostbar eingerahmt wird.

Die Schlachten werden manchmal gegen Zivilisten geführt. Diese sind aber verächtliche Gegner. Sie haben keine Waffen. Man wirft die Kerle einfach hinaus, und gut ists.

Ernster ist es schon, wenn sich zwei Teile unserer Armee, jener, der dem Reichskriegsminister, und jener, der dem Landesverteidigungsminister untersteht, wacker bekriegen. Wer nie einen Fernkampf der Biergläser, oder einen Nahkampf der Ohrfeigen mitgemacht hat, der sich zwischen den Angehörigen der Landwehr und jenen des Heeres entsponnen hat, der kennt Euch nicht, Ihr himmlischen Mächte, die Ihr von Zeit zu Zeit die Militärbehörden veranlaßt, das Verzeichnis der verbotenen Gastlokale um eine neue Nummer zu bereichern.

Ob es nun bei Trunk oder Tanz ist ? immer kommt die Rivalität zwischen den Teilen der Wehrmacht zum Ausdruck, immer ist diese in zwei Gruppen gespalten. Ja, selbst wenn eines jener Soldatenlieder, deren Absingung im Felde die Offiziere nur nach Gewaltmärschen nachsichtig und stillschweigend dulden, im Wirtshause angestimmt wird, stört die friedliche Gruppe durch ein anderes Lied die Harmonie der Stimmen. Nur eine 53 Ausnahme gibt es: Das Lied vom Kanonier Jaburek. Zu dessen Gesang vereinigen sich Landwehrmänner mit Heeressoldaten, die Träger der schwarzen mit jenen der grauen Mützen, Infanteristen und Sanitätssoldaten, die Soldaten, die Wunden schlagen, und die Soldaten, die Wunden lindern, die Pioniere, die im Kriege Bauten errichten, und die Artilleristen, die im Kriege Bauten zerstören. Es ist ein hochheiliger Kantus.

Die einmütige Ehrung, die dem Liede zuteil wird, ist ein Beweis von Sinn für kriegerische Heldentaten. Denn der Kanonier Jaburek, über dessen Persönlichkeit leider weder das deutsche, nach das tschechische Konversationlexikon etwas zu verzeichnen wissen, ist ein Mann, gegen den die anderen Helden der Kriegsgeschichte aller Zeiten und Völker ein Nichts darstellen. Der vielbesungene Leonidas zum Beispiel hat bei der Verteidigung des Engpasses von Thermopylae ? wie ein zeitgenössisches Marterl meldet ? nicht anders gehandelt, als »wie das Gesetz es befahl«. Aber der Kanonier Jaburek! Wo steht im Wehrgesetz geschrieben, daß jemand, dem der Kopf wegfliegt, sich noch entschuldigen muß, daß er seine Hände nicht salutierend an den Kopf legen könne, wo steht im Exerzierreglement, daß jemand?.?.?. aber dem Liede sei nicht vorgegriffen.

Die Epopöe hat siebzehn vierzeilige Strophen und ist in tschechisch-deutscher Sprache abgefaßt. Eigentlich ist sie tschechisch, aber sie ist von militärischen Ausdrücken, wie »Feuerwerkr«, »Kmán« (Gemeiner), Lunte, »meldovati« und deutschen Flüchen derart durchsetzt, daß vom Tschechischen nicht viel übrig bleibt. Komponist und Textdichter des Liedes sind, wie jene des Liedes »Prinz Eugen, der edle Ritter«, nicht bekannt. Das Lied vom Kanonier Jaburek behandelt ? wie vielleicht schon der Name erraten läßt ? die Geschichte des Kanoniers Jaburek. Dieser hat in der Königgrätzer Schlacht, im dichtesten Kugelregen, während sich Gemeine, Chargen, Offiziere, Pferde und Kanoniere (man beachte die Reihenfolge dieser Rangsliste) in ihrem Blute wälzten, seinen Heldenmut bewährt:

»Bei der Kanone dort
Stand er und lud in einem fort,
Bei der Kanone dort
Stand er und lud noch fort.« 54

Jedesmal wenn eine seiner zwei Zentner schweren Kanonenkugeln in die preußischen Reihen einschlägt, hört man auf der Gegenseite auf Jaburek fluchen. Aber dieser schießt weiter. Der General, der von Jabureks tapferem Verhalten gehört hat, eilt herbei und bietet diesem einen Trunk aus seiner Feldflasche an. Aber der Kanonier weist die freundliche Aufforderung mit der noch freundlicheren Aufforderung ab, der General möge seine Spassetln für sich behalten, ihm auf den Buckel steigen und ihn weiter schießen lassen:

»Bei der Kanone dort
Stand er und lud in einem fort etc.«

Der Held schießt wie ein Wahnsinniger und zertrümmert ein feindliches Regiment. Kronprinz Friedrich von Preußen reitet vorbei und sieht den Recken ? oder, um mit den Worten des Liedes zu sprechen:

»V tom ho vid? kronprinc Friedrich:
»Her je den Kerl erschieß ich.«

Der Kronprinz selbst feuert gegen Jaburek, und die ganze preußische Armee erwählt sich das gleiche Ziel, um sich beim Kronprinzen einzuschmeicheln. Eine Kartätsche fliegt dem Artilleristen durch den Mund in den Magen, aber der Getroffene nimmt sie schnell wieder heraus und schießt ruhig weiter. Eine gegnerische Petarde reißt dem Schützen beide Arme ab, doch er zieht schnell seine hohen Stiefel aus und schießt mit den Füßen weiter. Schon aber kommt, von einem preußischen Freiwilligen (»prajský frajbilik«) gefeuert, ein Shrapnell herangeflogen und reißt Jabureks Kopf ab. Der Kopf fliegt am General vorbei und meldet diesem im Vorübergehen, daß er nicht salutieren könne. Aber Jaburek selbst steht noch immer bei der Kanone dort und ladet in einem fort. Endlich wird seiner Aufopferung eine Grenze gesetzt: Der Feind schießt auf seine im Fluge befindlichen Geschosse, und diese fallen in die eigenen Reihen zurück. Da gibt Jaburek das Laden auf (bei dieser Strophe soll der Refrain entfallen), er packt seine Kanone und eilt aus der Schußlinie. Dafür aber ? für die Rettung der Kanone nämlich ? wird er geadelt und heißt von da ab »Edler von die Jaburek«. Er hat jetzt den Adelsstand, und über das Fehlen seines Kopfes tröstet er sich mit dem 55 Bewußtsein, daß ? das Lied schließt sehr gehässig ? die kopflosen Adeligen angeblich doppelt geachtet seien. Auf seinem Wappen stehen die Worte:

»Bei der Kanone dort
Stand er und lud in einem fort,
Bei der Kanone dort
Stand er und lud noch fort.«

Dieses ist das Lied vom Kanonier Jaburek, dessen Namen die Kriegsgeschichte verschweigt. Aber sein Ruhm lebt im zechenden Soldatenkreise weiter, und jedesmal wenn das Lied den Refrain »laden« bringt, nehmen die Sänger dem tapferen Recken zu Ehren eine stärkende Ladung zu sich. Und das Lied hat siebzehn Strophen. 56


Die Erlaubnis zum Fußballspiel

Mein kleiner Bruder kam gestern aus dem Gymnasium nach Hause.

»Heute ist uns erlaubt worden, in einen Fußballklub einzutreten.«

So, so. Ich habe diesen Beschluß des Landesschulrates schon gekannt. Aber doch?.?.?. Das, was da den Gymnasiasten aus dem schwarzen Buche vorgelesen worden ist, war der Epilog für eine Zeit, die erfüllt war von einem monomanen Fanatismus der Jugend, für eine Zeit, deren Bedeutung längst über den Rahmen der Sportrubrik hinausgewachsen ist. Die Regierungszeit des Fußballs ist beendet. Le roi est mort.

Man darf jetzt in einen Fußballklub eintreten. Wer uns vor fünfzehn Jahren gesagt hätte, daß einmal eine solche Erlaubnis kommen werde, dem hätten wir nicht zu glauben vermacht. Auf das Fußballspielen standen damals alle Todesstrafen, die die Schule zu fällen hat: Strenges Prüfen, Karzer, Repetieren. Selbst bei den Jugendspielen mußten wir, die wir an zehrendem »Ballfieber«, an der »englischen Krankheit« litten, uns beim Barlaufspiel und beim Passatschlagen langweilen, und erst als wir dann alle von den Jugendspielen wegblieben, erlaubte man uns für jeden Spieltag ein knapp bemessenes Fußballwettspiel.

Wehe dem, dessen Zugehörigkeit zu einem Klub man in der Schule in Erfahrung brachte. Und doch: Wir spielten fast alle. Was bedeuteten die ärgsten Strafen gegenüber dem Vergnügen zweimal je fünfunddreißig Minuten der Gelegenheit nachjagen zu dürfen, ein Goal zu schießen. Freilich man ließ alle möglichen Vorsichtsmaßregeln walten. In der Zeitung waren oft alle zweiundzwanzig Spieler und der Schiedsrichter eines Wettkampfes nur mit Pseudonymen angekündigt, zum Spielfelde wählte man die äußersten Ränder der Kaiserwiese, des Dejwitzer Exerzierfeldes und des Invalidenplatzes (der Teil, der hart an die Heinesche Besitzung grenzt, war immer von Schülermannschaften bevölkert), um vor den Blicken eines vielleicht 57 patrouillierenden Professors möglichst gedeckt zu sein, und die Mannschaftsitzungen fanden in den verstecktesten Spelunken der Kleinseite, auf dem Belvedere, von Dejwitz und Karolinental statt. Nicht die Angst vor den Professoren allein, auch allerhand Unbequemlichkeiten hatten die Mittelschüler zu bestehen, die im vorigen Jahrhundert, um die Mitte seines letzten Dezenniums dem Sporte oblagen. Zum Eintritt in die bestehenden Vereine, die einen eigenen Sportplatz hatten, reichten weder der Mut (nicht der Mut gegenüber der Schule, sondern der Mut gegenüber den maßgebenden Faktoren des Klubs), noch die Geldmittel. So mußte man denn den Wahlspruch »Mein Feld ist die Welt« beherzigen und auf den unverbauten Flächen Prags die Balltechnik üben. Da warf man sich denn schon zu Hause in Dreßhemd, Stulpen, Schienbeinschützer und Dreßhosen, zog darüber die Straßentoilette an, und stapfte, trotz sengender Sonnenglut, in der doppelten Kleidung auf die Kneippwiese, auf den Invalidenplatz, nach Dejwitz aufs Exerzierfeld, auf die Holleschowitzer Heide, in den Canalschen Garten. Dort zog man die Straßenkleider aus und warf sie auf zwei Haufen aufeinander, die in einer Breite von sechs Metern von einander entfernt waren, die Kleiderhaufen bildeten die Goalstangen. Die Anschaffung des Fußballes, sowie die Reparaturen seiner irdischen Hülle und seiner leider auch nicht unsterblichen Seele wurden aus den vereinigten Taschengeldern der Elf bestritten, und wenn man sich vom Schuster fünf feste Lederstöpsel auf die Stiefelsohlen nageln ließ, so konnte man schon in dem Wahne leben, ein Paar englischer Treter sein eigen zu nennen. Man bedurfte keiner Goalnetze, keiner Querpfosten, man bedurfte keiner Ankleidekabinen und keiner verschließbaren Utensilienkästen, manchmal auch keines Unparteiischen und keines Goalrichters, ebensowenig wie man der Erlaubnis der Professoren bedurfte. Man spielte.

Dafür kannten einen die Schüler der ganzen Anstalt, und mit scheuer, schrankenloser Bewunderung schauten die Schüler zu den Fußballkapazitäten der nächsthöheren Klasse auf. Und wenn solch einer der »erstklassigen Menschen« im Schulhofe oder auf dem Korridor eine Orangenschale in die Höhe »kickte«, dann ging ein Murmeln der Anerkennung durch die Reihen. Wenn der Sekundaner irgend eines Gymnasiums den Tertianer irgend einer Realschule kennen lernte ? was war da der Gegenstand 58 des Gesprächs? Die Namen der Großen im Fußballreich, mit denen der Untergymnasiast derselben Anstalt anzugehören die Ehre hatte. Was Wunder, daß der Ehrgeiz nach solchem Ruhm das Fußballfieber noch mehr entfachte, daß zu Hause und in der Schule mit allen Gegenständen »gedribbelt«, »kombiniert« und »geshootet« wurde, die nicht niet- und nagelfest waren. Die Professoren teilten allerdings weder die Liebe zum Fußballspiel, noch das Verständnis für die Leistungen seiner Jünger. Sie haßten das »rohe Spiel« und dieser Haß zeitigte oft die komischesten Blüten. Wenn in irgend einer Klasse wirklich irgend ein schwerblütiger Junge saß, der beim Fußballspiel nicht mittat, dann konnte man mit tödlicher Sicherheit darauf rechnen, daß er bei den Professoren in den Verdacht geraten werde, ein Vorkämpfer des Fußballsportes zu sein. Und ein Turnlehrer, der es besonders scharf aufs Fußballspielen abgesehen hatte, warf in der Besprechung eines Jugendspiel-Wettspieles dem besten Stürmer vor, daß er beim Laufen eine schlechte ? Körperhaltung einnehme. Natürlich wurden solche Kritiken ebenso belacht, wie der Vorschlag eines sonst ganz intelligenten Schulpädagogen, man möge, um Füße und Hände in gleichem Maße auszubilden, mitten im Fußballwettspiel nach jedem Goal Hantelübungen einführen?.?.?. Seit dieser Kinderzeit des Fußballsportes sind fünfzehn Jahre verstrichen. Mancher der einstigen Märtyrer in Fußballdreß gehört heute dem Lehrkörper einer Mittelschule an, und so ist doch ein sportfreundlicher Erlaß herausgekommen.

Weshalb aber der Nekrolog? Fängt denn nicht erst jetzt, da die letzte Hürde genommen ist, die Renaissance des Fußballsportes an? Mit nichten. Gerade jetzt, da der fußballspielenden Jugend auch der letzte Hauch des Märtyrertums genommen ist, da nicht mehr der romantische Reiz des Verbotenen besteht, da man gewissermaßen unter der Patronanz der Schule ein Endback oder ein Forward sein darf, gerade jetzt wird die Jugend aufhören, mit ungeteilter Begeisterung bei der Sache zu sein. Die Sportliebe war nur eine Ingredienz.

Und wenn nun auch noch ein Erlaß des Landesschulrates herausgegeben werden sollte, der den Gymnasiasten und Realschülern gestattet, Studentenverbindungen zu bilden, dann verbrenne ich das grünsilbernblaue Band unserer Pennälerblase und sage endgültig meiner Jugendzeit ade?.?.?. 59


Bei »Antouschek«, dem Wasenmeister

Genau eine halbe Stunde, nachdem es einem widerwärtig geworden ist, die endlose Beneschstraße in Pankratz zu durchschreiten, zweigen die Telephonstangen nach rechts ab, und man hat ihnen zu folgen. In der T?ebizskygasse sieht man zum höchsten Erstaunen, daß die Gegenden, die man vorher durchschritten hat, höchstentwickelte Großstadt waren. Im Verhältnis nämlich. Auf einem Feldweg geht es weiter gegen Dworetz. Der Schnee ist weiß wie das Kleid einer Kranzeljungfer, wenn er doch auch kniefrei wäre! Auch die Volants sind von stilwidriger Färbung: Braune Spuren der Wagenräder, die den Schnee in Kot verwandelt haben.

Schließlich kommt man zu einem Bildstock, dem man ganz deutlich ansieht, daß er vor Jahren grün angestrichen war. In einer blauen Nische steht eine winzige, mit Gold bemalte Nepomukstatue. Rechts und links vom Bildstock stehen Häuser. Links ein kleines, verfallenes Anwesen, rechts eine Reihe von langen Gebäuden, an die sich eine Umfriedung schließt. Man würde diese Besitzung für ein Bauerngut halten können, aber der breite Schlot dementiert diese Vermutung. Aber auch eine Fabrik ist es nicht. Das Hundegebell, das herausdringt, verkündet, daß hier die Prager Abdeckerei, die thermochemische Vernichtungsstation ist.

Im Hofe drinnen steht ein Bursche. Hohe Stiefel und ein am Rocke befestigtes blaues Emailschild mit der Umschrift »Kontumaz- und thermochemische Station« und sein Aussehen sind die Abzeichen seiner Würde: Man hat einen jener Meister des Lassowurfes vor sich, die ihre Kunst nicht in der Prärie des wilden Westens, sondern in den Straßen Prags, nicht an Büffeln, sondern an Hunden ausüben. Ich frage den Schinderknecht nach seinem Herrn und bald stehe ich vor Herrn Rudolf Ne?vara, dem Wasenmeister von Prag. »Antouschek« nennt ihn der Volksmund, seitdem vor sechzig Jahren der Gehilfe eines seiner Vorgänger im Amte, der Anton Schek dadurch populär geworden war, weil 60 sein Familienname gleichzeitig die tschechische Diminutiv-Endung ist. Ich trage Herrn Antouschek-Ne?vara mein Begehr vor, die Vernichtungsstation besichtigen zu dürfen, und wir treten bald einen Rundgang durch die Gebäude an.

Zuerst öffnet Herr Ne?vara die Türe zum langgestreckten Hundestall, in dem vierzig Boxe für Hunde sind. Ein wütendes Gekläff geht an: Morituri te salutant! Sie sind alle »morituri«, die schönen stichelhaarigen Foxe, die eleganten Windspiele, die putzigen Pudel hinter den schwedischen Gardinen. Drei Tage waren sie in »Untersuchungshaft« in der Aufbewahrungs-, der Kontumaz-Station für eingefangene Hunde untergebracht, die sich auf der Taborer Reichsstraße zwischen den beiden unbeschreiblich schönen Wyschehrader Toren befindet, und hier hätten sie ihre Besitzer binnen drei Tagen durch Entrichtung der Geldstrafe auslösen können. Das haben diese aber nicht getan und nun sind die Hunde dem Tode geweiht. Vielleicht bellen sie so wütend, weil die treuen Viecher über die Untreue der Herren erbittert sind, vielleicht bellen sie so wütend, weil sie wissen, daß sie eines unverschuldeten Todes sterben müssen, vielleicht bellen sie so wütend, weil sie sich über den Unverstand der Menschen ärgern, welche diese schönen Exemplare der Hunderasse zwecklos hinrichten, statt sie zu verkaufen. Morgen müssen sie sterben. Ein aus unmittelbarer Nähe abgegebener Schuß aus dem Stutzen und der vom Menschen verlassene Genosse des Menschen wälzt sich in seinem Blute, oder ? bei den kleineren Hunden wird es so gemacht ? ein Beilhieb auf den Kopf und ein Hundeleben hat geendet. Man glaubt einen wehmütigen Ton in dem erbitterten Bellen und Winseln und Knurren und Kläffen mitklingen zu hören.

Wir verlassen den traurigen Hundekerker. Draußen im Hofe springen einige Hunde, darunter ein prächtiger reinrassiger Bernhardiner, namens »Cyrano«, liebkosend an Herrn Ne?vara hinauf. Sie sind von diesem begnadigt worden und gehören zum Personale der Prager Fronerei. Schmeichelnd schmiegen sie sich an das Knie ihres Herrn, den Henker ihrer Stammesgenossen. Solidaritätsgefühl mit ihren eingekerkerten oder justifizierten Kameraden scheinen sie also nicht zu kennen, diese Hunde.

Der Rundgang wird fortgesetzt, er führt jetzt in die Räume, die dem Zwecke der Anstalt, der gefahr- und geruchlosen Vernichtung 61 der Tierkadaver dienen. Wir betreten zunächst den Seziersaal, wo die Kadaver enthäutet und wie die täglich hierher kommenden Konfiskate der Schlachtbank und der Markthalle zerstückelt werden. Die Stücke werden dann durch ein in der Wand angebrachtes Mannsloch in einen Apparat geworfen, der im angrenzenden Maschinensaale an der Wand steht. Dieser Apparat ist der sogenannte Kafilldesinfektor, der vom Antwerpener Schlachthausdirektor de la Croix erfunden und von der Firma »Rietschel & Henneberg« in Berlin im Jahre 1882 zum erstenmale in Deutschland hergestellt worden ist. Der Bruder des Herrn Ne?vara ist hier am Werke. Er scheint der technische Leiter des Unternehmens zu sein. Wenn der Apparat gefüllt ist, verschließt er ihn hermetisch und leitet hernach zwischen die doppelten Wände des Behälters Dampf von fünf Atmosphären. Dadurch findet eine Trocknung der Fleischteile statt, und die durch den Siebboden ablaufende Flüssigkeit wird durch den im Rezipienten sich entwickelnden Dampf in einen zweiten Zylinder gedrückt. Nun wird der Apparat durch sechs Stunden einer Temperatur von hundertfünfzig Grad ausgesetzt, worauf man durch den Dampf alle noch vorhandene Flüssigkeit und das ausgeschiedene Fett in den Rezipienten drückt. Aus diesen gelangt das Fett in den rechts vom Kafilldesinfektor stehenden Fettabscheide-Apparat, während das Leimwasser in den auf der linken Seite des Desinfektors stehenden Verdichtungsapparat strömt. Der nun fast trockene und geruchlose Inhalt wird nun in eine riesige Maschine gebracht, die in der Mitte des Seziersaales steht: Den Podewilsschen Trockentrommelmühl-Apparat, in dem die Fleischreste zu »Tierkörpermehl,« einem feinen Pulver zermahlen werden, das einer Kunstdüngerfabrik in Pankratz verkauft wird. Die größeren Knochen werden in einem anderen Apparate zu Knochenmehl ? gleichfalls ein Düngemittel ? zermahlen. Eine hydraulische Presse, die unter einem Drucke von vierhundert Atmosphären das Tierkörpermehl zu runden Kuchen zu pressen vermag, steht außer Betrieb. Während in Deutschland diese Tierkörpermehl-Kuchen als Futtermittel stark verwendet werden, vermochten sie sich in Prag trotz ihres großen Protein-Gehaltes nicht einzubürgern. Außerdem stehen im Maschinensaal ein mächtiger Ventilator, Trockenapparate und Schöpfpumpen in Betrieb. 62

An den Maschinensaal schließt sich der Kesselraum mit der 6 H. P. starken Dampfmaschine und einem Dampfkessel von zwölf Meter Heizfläche. Hinter dem Kesselraum befindet sich das Fettmagazin, in dem große Fässer voll Tierfett stehen. Auf einer schmalen Stiege gelangt man in den Trockenraum für Häute und das Magazin für Tierkörpermehl ? weite Bodenräume, in deren Mitte der breite, rote Schlot den Dachstuhl durchbricht. Auf der Erde liegen braune Berge, die wie aufgeschichtete Ackerkrume aussehen, und Tierkörpermehl sind. In einer Ecke ist ein gelbes Pulver, das Knochenmehl aufgeschüttet. In einer anderen liegen Knochen. Wenn man sie angreift, dann zerbröckeln sie in der Hand. Sie sind entfettet, entleimt, sterilisiert.

Der Rundgang ist beendet und Herr Ne?vara lädt mich in seine Wohnung ein. Wir kommen durch ein Zimmer, in dem sein jüngstes Söhnchen auf der Erde mit einem Hunde spielt ? das billigste Spielzeug dortzulande. Dann sprechen wir vom Fach. Herr Ne?vara kennt die Geschichte des Prager Abdeckereiwesens ganz genau, ist sie doch zum Teile seine eigene Familiengeschichte. Sein Großvater, der nach in den städtischen Urkunden nicht »Ne?vara« sondern »Neschwara« hieß, und sein Vater waren Wasenmeister, seinen ältesten Sohn, der Sekundaner ist, will Herr Ne?vara Tierarzneikunde studieren lassen. Dem Abdeckergewerbe ist längst die »Anrüchigkeit« genommen, die vor Jahrhunderten seinen Angehörigen die Heirat mit ehrbaren Mädchen, den Eintritt in die Zünfte, in den Militärstand, die Zuweisung von Ehrenstellen verbot und die Erblichkeit dieses Berufes anordnete, aber freiwillig erbt sich dieses seltsame Handwerk noch heute vom Vater auf den Sohn fort.

Herr Ne?vara kennt die Geschichte seiner Vorgänger auch über seine eigene Ahnenreihe hinaus. Aus einer Schublade holt er ein vergilbtes Dokument hervor: Den Freibrief, mittels welchem Maria Theresia den Schindern und deren Freiknechten gestatte, eine Ehe mit einem bürgerlichen Mädchen einzugehen, allerdings unter der Bedingung, daß diese Männer vorher ihrem Gewerbe entsagen mußten. Das muß ein hochwichtiger Akt gewesen sein, anno dazumal, denn er ist vom Fürsten Karl Egon Fürstenberg und »ad mandatum Sacra-Caesarea Regineque Majestatis ex Consilio Regii Gubernii« von Johannes Arnvers gezeichnet. 63

Das Amt des Schinders wurde in Prag vom Scharfrichter versehen, man stellte die Vernichtung der zum Tode geweihten Menschen jener der »abgestandenen« Tiere gleich. Im Jahre 1860 wurde der Henkersdienst verstaatlicht, die Abdeckerei aber nicht. Die Konzession zur Ausübung des Wasenmeistergewerbes erhielt für die am rechten Moldauufer gelegenen Teile Prags A. Ne?vara, der Großvater des heutigen Inhabers, für das linke Ufer J. Je?ábek, dessen Amt heute ein ehemaliger Wachmann namens Josef ?erny in der Kontumazstation Tejnka bei B?ewnow ausübt. Die Ne?varas haben früher ihr Gewerbe in der Salnitergasse beim Rudolphinum ausgeübt, an der Stelle, wo heute das tschechische akademische Gymnasium steht. Herr Ne?vara erzählt von Medizinern, die in seiner Jugendzeit in diese Wasenmeisterei kamen, um hier verschiedene Experimente an den Tieren zu machen. »Unsere häufigsten Besucher von damals sind heute Professoren an der deutschen medizinischen Fakultät,« fügt Herr Ne?vara hinzu. Meine Frage, ob die Tiere eventuell zu Vivisektionszwecken an die Universitätsinstitute abgetreten werden, verneinte Herr Ne?vara. Nur bei besonders interessanten Fällen von Tiererkrankungen bitten sich die physiologischen Institute das Materiale aus, wenn sie nicht selbst solches haben. Aber das kommt fast nie vor.

Dann beginnt Herr Ne?vara auf sein Geschäft zu schimpfen. Er habe die thermochemische Vernichtungsstation nach reichsdeutschem Muster mit einem Aufwande von 50.000 Kronen so errichtet, daß nicht nur die hygienische Vernichtung aller Kadaver, sondern auch deren Verarbeitung möglich sei. Er habe sich aber verspekuliert. Das Materiale sei gering, die Verwendungsmöglichkeit nach weit geringer. Von der Geldstrafe, die für ausgelöste Hunde entrichtet werde, bekomme er ein Drittel, etwa dreitausend Kronen im Jahr. Davon könne er die Betriebsspesen nicht decken. An die Vernichtung der Kadaver ? darunter jährlich etwa tausend Hunde ? müsse er jedes Jahr einen Betrag von dreißigtausend Kronen daraufzahlen und bemühe sich daher seit neun Jahren um die Zuweisung einer Subvention von der Stadtgemeinde. Seine Gesuche werden aber ohne Motivierung abgelehnt. Auch sein Antrag, daß man, so wie dies in anderen Städten geschah, den Maulkorbzwang abschaffen und bloß jene Hunde abfangen und vernichten möge, welche ohne Hundmarke herumlaufen, habe keinen Erfolg gehabt. Die Verwertung der 64 Hundekadaver lohne sich nicht und Pferde, welche ein ergiebiges Verwertungsmaterial bilden, werden seit dem Aufschwunge des Pferdeselchergewerbes fast niemals mehr hergebracht. So sei die Abdeckerei buchstäblich auf den Hund gekommen.

»Ja, warum üben Sie denn Ihr Gewerbe aus, wenn Sie wirklich so viel zusetzen müssen?«, ist meine Frage.

»Ich werde es auch aufgeben. Mir liegt schon der Antrag vor, das Unternehmen in eine Farbenfabrik umzuwandeln, und das werde ich tun.«

Es fehlte noch, daß Herr Ne?vara seiner Klage das Faustsche Wort anfügen würde: »Es möchte kein Hund so länger leben« und man müßte diesem Fachmann sein Leid glauben. So aber weiß man nicht, ob er es mit seinem Entschluß gar so ernst meint, ob wirklich dieses Institut bald der Vergangenheit angehören soll, ob ein besseres oder ein schlechteres nachfolgen, und wie in Zukunft dem Hundeleben in Prag ein Ende gemacht werden wird. 65


Razzia

Vor der Streifung, da gehts ja hoch her. Da wird getanzt, gespielt, getrunken, geschäkert, geraucht, gesungen, gestritten, geschrien, geschimpft und gerauft, daß es eine Freude ist. Weiß der Teufel, wenn der Herr Oberkommissär Protiwenski dabei wäre, er würde es gewiß nicht übers Herz bringen, das Idyll mit rauher Hand stören zu lassen. Aber er ist nicht dabei und er kann am Morgen, wenn er die Razzia anordnet, noch nicht wissen, daß es am Abend in den heimzusuchenden Lokalen so lustig sein wird.

»Die Detektivs?.?.?. (folgen etwa zwölf Namen) haben um halb 10 Uhr abends gestellt zu sein.« Das ist die Ordre, die jede Woche ? die Wochentage wechseln in zwangsloser Reihenfolge ab ? mindestens einmal ergeht. Es ist das Aviso zu der kombinierten Streifung, welche drei oder vier Partien der Sicherheitsbeamten von verschiedenen Ausgängen aus gegen einen gemeinsamen Treffpunkt unternehmen. Auf diese Weise bilden die Polizeigruppen eine Kette, und keinem der lichtscheuen Individuen, die aus einer Spelunke in die benachbarten wandeln, kann das Glück widerfahren, daß er immer vor oder immer nach dem Erscheinen der Streifung kommt und so den Fangarmen der Polizei entgeht. Außer diesen kombinierten Streifungen gibt es auch noch Generalstreifungen, die mindestens zweimal im Jahr unter Mitwirkung aller Polizeibeamten vorgenommen werden, und kleine Streifungen in bestimmte Lokale, die zur besonderen Beaufsichtigung allen Grund geboten haben. Immer werden die Razzien nur von Beamten in Zivilkleidern und von Geheimpolizisten vorgenommen, damit der nächtliche Spaziergang nicht zu großes Aufsehen errege und das Erscheinen in den ominösen Gasthäusern, Schlupfwinkeln, Massenquartieren und Branntweinschenken nicht vorzeitig avisiert werde.

Als noch die alten Häuser der Josefstadt standen, waren die Stätten des Verbrechens und der Ansteckung dort konzentriert. Damals konnte man in einem Hause oft mehr verdächtige und gesuchte Subjekte festnehmen, als heute in etlichen Streifungen. 66 Allerdings wurde dieser Vorteil durch das opferwillige Wirken der Theresia Bartunek fast aufgehoben, von deren in den achtziger Jahren entfalteten Tätigkeit die Verbrechergilde noch heute dankbar schwärmt. Theresia stand oft nächtelang am Johannisplatz in einem Versteck und wartete, bis aus der Türe des Kommissariates die Beamten traten. Dann eilte sie ? halb Läufer von Marathon, halb Retterin des Kapitols ? von einer Spelunke zur anderen, riß die Türe auf und ließ den Warnungsruf »?trajfu?k« ertönen?.?.?. Heute sind die Nährböden des Lasters zerstreut. Kein Stadtteil, der frei von ihnen wäre, kein Stadtteil, in den nicht Razzien unternommen werden müßten.

Kurz nach zehn Uhr abends öffnet sich das schwere Eisentor des Sicherheitsdepartements in der Bartholomäusgasse. Etwa fünfzehn mit Stöcken bewehrte Männer treten hinaus: Polizeibeamte und Detektivs. Es bilden sich drei Gruppen: die eine zieht zur Postgasse hinunter und wendet sich dann gegen die Obere Neustadt hin. Die beiden anderen Gruppen schreiten zur Altstadt zu. Bei der Husgasse biegt die Altstädter Partie ab und die Gruppe, welche die Untere Neustadt mit ihrem Besuche beehren will, zieht durch die Perlgasse und über den Obstmarkt weiter.

Alsbald haben sie zu tun, allerdings nur mit einer belanglosen Klientel: Es sind Passantinnen, welche die ihnen schon längst bekannten Polizeibeamten mit einem grenzenlos ehrfürchtigen und wohl oft heuchlerischen »Küß die Hand, gnädiger Herr« begrüßen. Paßrevision. Man sieht nach, ob in dem Dienstbuch des Mädchens das Datum des vergangenen Montags eingetragen ist, und sie können ihren Weg fortsetzen. Manche »gehen bloß zu ihrer Schwester«, aber da die mißtrauischen Polizeibeamten aus verschiedenen Gründen dieser rührenden Schwesterliebe absolut nicht glauben wollen, so muß die Dame statt zu ihrer Schwester auf die Wachstube gehen. Eine wieder kann das Buch nicht finden, sie habe es verlegt. Auch diese Buchverlegerin wird dem nächsten Wachmann übergeben, der dem schönen Fräulein Arm und Geleite bis zum nächsten Kommissariat anbietet. Sie wehrt sich: Sie sei weder Fräulein, weder schön und könne ungeleitet nach Hause gehen. Aber das nützt ihr nichts. 67

Die Streifenden setzen ihren Weg fort. Die Wachposten auf der Straße grüßen nicht, der Gruß würde das Inkognito der Zivilpolizisten lüften, und ihr Nahen könnte leicht drahtlos an die interessierten Stellen depeschiert werden. Endlich ist man vor einem Gasthaus, aus dem Jubel und Lärm auf die Straße dringt. Plötzlich wird es drinnen still, jemand, der gerade im Hausflur war, ist in das Lokal gestürmt und hat

das Erscheinen der Streifung gemeldet. Jäh verstummt der Lärm. Paare, die sich zärtlich verschlungen hielten und eben unzertrennliche Liebe schworen, stieben auseinander und rennen, wie die Zecher, die gerade das Glas zum Munde führen wollten, wie die Kartenspieler, die eben den Eichel-Ober übertrumpfen wollten, den Ausgängen zu. Aber die sind besetzt: Im Haupteingang steht der Beamte, an den Seiteneingängen Detektivs. Die aufgeschreckten Gäste sehen, daß an ein Entkommen nicht zu denken ist, und kehren wieder in den Saal zurück.

»Ganz untertänigster Diener, hohe Regierung,« so tönt es devot von den Lippen des Wirtes, der an den Beamten herantritt, ehrerbietig die speckige Kappe zieht und sich im rechten Winkel verbeugt. Der Wirt hat alle Ursache, mit den Polizeibeamten höflich zu sein, wenn diese auch jetzt seine besten Gäste wegführen werden: Schon mehrere Male ist ihm mit der Entziehung der Konzession gedroht worden und wieder hat vor kurzem ein Gast seines Lokales einen anderen derart liebkost, daß am nächsten Tage in den Zeitungen unter dem Titel »Eine tödliche Ohrfeige« darüber berichtet wurde.

Der Beamte ignoriert den Gruß. Rundgang und Cercle beginnen. Ein Mädchen sitzt nahe der Türe an einem Tisch, neben ihr ein Jüngling. Die beiden markieren ein zärtliches Gespräch und scheinen sich um die Eintretenden gar nicht zu kümmern. Sie haben verabredet, ein Brautpaar darzustellen.

»Was machen Sie hier?« fragt der Beamte das Mädchen.

»Ich bitte, ich bin mit meinem Bräutigam hier.« Fast beleidigt klingt das. Und der Galan nickt eifrig Bestätigung.

»So, so, Fräulein Harlak, Sie haben wohl geglaubt, daß ich Sie nicht erkennen werde, weil Sie jetzt ein Jahr in Brünn waren?« Die Erkannte wird blaß. Der Beamte wendet sich in strengem Ton an ihren Partner: »Das ist also Ihre Braut?« 68

Der »Bräutigam« hat jedoch »Spundus« gekriegt und er verleugnet seine Braut. Er schweigt. Da wird aber die Verratene, die kurz vorher noch so zärtlich schien, sehr fuchtig:

»Was? Zehn Glas Bier hab ich Dir schon gezahlt und jetzt willst Du mich nicht kennen. Du Hundekerl, Du?.?.?.« Ein Wink des Beamten beendet den Redeschwall der Jungfrau. Ein Detektiv führt sie zu dem neben der Türe gelegenen Tisch, wo sich alle versammeln müssen, welche der Beförderung in »Direktor Wej?iks Hotel«, das Polizeigefangenhaus, wert erachtet werden.

Inzwischen hat der Beamte einem Manne seine Aufmerksamkeit zugewendet, der allein an seinem Tisch sitzt. Fast die ganze Biertasse ist schraffiert ? jeder Strich bedeutet ein Glas, das der einsame Zecher hinter die fehlende Binde gegossen hat. Beamter und Gast blicken einander in die Augen und über beider Gesichter huscht ein Lächeln, das zu sagen scheint: Sieh da, ein alter Bekannter!

»Guten Abend, Herr Kommissär,« bricht der Zecher das Schweigen.

»Schönen guten Abend, Herr Lojsa,« wünscht der Kriminalpolizist. »Was machst Du denn hier?«

»Ich trinke,« antwortet Lojsa naiv und treuherzig.

»So? Du weißt wohl nicht, daß jetzt schon zwölf Uhr ist, und daß Du (Lojsa steht unter Polizeiaufsicht) um acht Uhr abends zu Hause sein sollst?«

»Gnädiger Herr, ich habe jetzt zwei Tage Holz gehackt und da wollte ich heute?.?.?.«

»Holz hast Du gehackt? Es wird wohl das Holz einer Wohnungstüre gewesen sein. Der Kratochwil ist gestern wegen Einbruchs festgenommen worden und hat gesagt, Du könntest sein Alibi nachweisen.«

»Ja, Herr Kommissär, das kann ich nachweisen!«

»Kannst Du? Umso besser.« Und schon führt ein Polizist den stillen Zecher zu dem Sammelplatz neben der Tür, wo schon Fräulein Harlak Aufstellung genommen hat. Hier haben übrigens auch die Kellnerinnen des Lokales Posto gefaßt, um von den »Auserwählten« die Zeche einzukassieren.

Der Polizeikommissär hat wieder einen alten Freund erspäht: »Ku?elka, Du hast doch Prag!«, ruft er ihn an. Das ist ein elliptischer Satz, das Prädikat »verboten« ist zu ergänzen. Aber jeder, 69 der das Prager Rotwälsch versteht, versteht auch dieses Satzfragment.

Revertent Ku?elka will in einer langatmigen Rede dem Kommissär auseinandersetzen, welch wichtige Angelegenheiten ihn nach Prag geführt haben, während ihn in Wirklichkeit die schönen »Arbeitsgelegenheiten« und der gleichgestimmte Freundeskreis wieder in die Landeshauptstadt riefen, aus deren Polizeirayon er dauernd abgeschafft ist. Der Beamte hört ihm einen Augenblick lang aufmerksam zu und scheint seinen Argumenten voll beizustimmen. Dann sagt er freundlich zu Ku?elka:

»Dorthin stell dich.« Da weiß der erfahrene Ku?elka, daß alle weiteren Rekriminationen vergeblich sind und stellt sich zur Tür.

Das Frage- und Antwort-Spiel geht weiter. Der Polizeibeamte läßt sich Arbeitsnachweise zeigen und erkundigt sich nach dem Obdach der Gäste. Manchmal fallen die Antworten befriedigend aus, manchmal aber endet das Spiel mit dem Wink gegen den Formierungsplatz bei der Türe. Alle Gäste sind verhört worden. Da wendet sich der Beamte zu dem Billardbrett und stöbert mit seinem Stock unter die Wachsleinwand, die das Billardbrett bis zum Boden bedeckt. Unten ist jemand. Das hat der Beamte ohnedies gewußt und wollte nur den Zeitpunkt der Entdeckung möglichst lange hinausschieben, damit der dort Versteckte schon die Hoffnung schöpfe, die Polizei überlistet zu haben. Aber als die Person auf seine Aufforderung hin hervorkriecht, ist der Beamte des Kriminalbureaus doch überrascht:

»Die tolle Andula! Wie kommst Du denn her? Um vier Uhr hat Dich der Polizist über die Rayonsgrenze hinausgeführt, und jetzt bist Du wieder hier!«

»Zu Fuß, gnädiger Herr, bin ich wieder zurückgegangen. Ich glaube, daß ich früher hier war, als der Polizist auf dem Kommissariat. So bin ich gelaufen. Meine ganzen Lackschuhe sind kaput. Neun Gulden haben Sie gekostet. Und jetzt werde ich wieder eingesperrt.«

Das Mädel, ein siebzehnjähriger Fratz, der verderbter ist, als die ältesten Kolleginnen, verzieht schmollend das Gesichtchen, das nicht unschön genannt werden kann. 70

Der Polizeibeamte sagt seinen Refrain: »Stell Dich dorthin.« Dann kommandiert er den Ausgehobenen »rechts um, Marsch«, der Wirt zieht noch devoter sein Käppi, draußen übernehmen uniformierte Polizisten die Eskorte. Weiter geht die Razzia.

Nach der Streifung ist in den Lokalen die ganze Stimmung verflogen. Der spärliche Rest der Gäste zahlt seine Zeche, und wenn ein Polizeiorgan die Flüche hören würde, die der vorher so devote Wirt jetzt gegen die Behörden ausstößt, so würde es diesem wohl nicht gut ergehen.

Um halb 2 Uhr nachts treffen die Partien der Sicherheitsleute, wie verabredet, beim Pulverturm zusammen. Die einzelnen Beamten erstatten dem Rangshöchsten Bericht über die Vorkommnisse, die Detektivs werden nach Hause entlassen. Die Razzia ist beendet, der Boden der Großstadt wieder einmal gekehrt worden. Vierundfünfzig Verhaftete. In der Aufnahmskanzlei des Polizeigefangenhauses werden ihre Personalien aufgenommen, die Taschen untersucht, Zellen angewiesen.

Am nächsten Tage werden Akten geschrieben, ärztliche Untersuchungen vorgenommen. Die Verhafteten werden nun in den bekannten grünen Karossen in das Strafgericht, in das Bezirksgericht, in das Allgemeine Krankenhaus oder in die »Fi?panka«, das städtische Arbeitshaus, befördert. Da gibt es dann Requirierungen und Erhebungen, die Heimatszuständigkeit muß ermittelt, der Schubkostenersatz verlangt, Convoyanten für die abzuschiebenden Personen beordert werden und was dergleichen schöne Schreibereien mehr sind.

Was Wunder, daß dann die betroffenen Beamten mehr als die Prager Verbrecher und Vagabunden über die Prager Streifzüge der Polizei schimpfen! 71


Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin

Das rote Riesenhaus, das neben dem Garnisonsfilialspital breitspurig dasteht und die Lorettogasse verstellt, beherbergt gar seltsames Volk. Die Häftlinge der Strafanstalten sind unschuldige Waisenknaben gegen die Gäste dieser Anstalt, welche ? ausdrücklich wird das hervorgehoben ? durchaus keinen Strafzweck verfolgt. In den Strafhäusern gibt es Diebe, Betrüger, Raubmörder aus Not, Raubmörder aus Überlegung, Affektsverbrecher, die vielleicht ein zweites- oder ein drittesmal das Verbrechen nicht mehr verüben würden. In der Zwangsarbeitsanstalt wohnen nur Individuen, deren Strafliste ganz beträchtliche Dimensionen angenommen hat. Die Quantität der Strafen, nicht die Qualität entscheidet. Manche der Zwänglinge haben über hundert Strafen aufzuweisen, und wenn einer oder der andere auch ein mehrfach vorbestrafter Dieb oder Mörder ist, so ist er das nur nebenbei, und diese Bagatelle hat mit seiner Detention im Arbeitshause gar nichts oder nur wenig zu tun.

Die dreihundertdreißig braungekleideten Bewohner der Landeszwangsarbeitsanstalt sind aus harmloseren Gründen hier. Die Reichsgesetzblätter Nr. 89 und 90 vom Jahre 1885 haben die Errichtung der Zwangsarbeitsanstalten bloß zur Vermeidung von Vagabundage und Bettelei verfügt. Die Anstalten sollen einerseits ein Prohibitivmittel gegen das Landstreichertum, gegen die Belästigung durch Vagabunden und für die Verhütung. von Verbrechen sein ? ein Zweck, der wohl erfüllt wird. Aber andererseits sollen auch die hierher kommenden arbeitsscheuen Individuen gebessert, zur Arbeit erzogen werden. Damit ist es nichts. Siebzig Prozent bleiben ungebessert. Und die restlichen dreißig Prozent sind auch zum Teile als dubios zu buchen, denn wenn auch keine Mitteilung von einer Gerichtsstrafe eines oder des anderen Entlassenen eintrifft, wer bürgt dafür, daß nicht der biedere Landstreicher in der Zelle irgend eines Bezirksgerichtes unter falschem Namen Obdach gefunden hat? In den 72 Besserungsanstalten für Jugendliche sind gute Resultate aufzuweisen. Aber in die Prager Anstalt kommen nur Leute im Alter von achtzehn bis fünfzig Jahren und die können sich an seßhafte Lebensweise nicht mehr gewöhnen. Der Staub der Landstraße ist ihnen Lebenselement geworden, die Mühen der Fußwanderung und die Chikanen der Gendarmen fechten sie nicht mehr an, ein wilder Reisewahn hat sie gepackt, sie wandern von Ort zu Ort, der Schubwagen ist ihnen eine feine Reisegelegenheit, das Arrest ein famoses, warmes Obdach. Arbeiten ? wozu? Wer weiß, ob sie nicht recht haben.

Gar mancher von ihnen hat Haus und Hof verlassen, um arm durch die Welt zu flanieren, viele lassen den Lohn in den Händen ihres Arbeitsgebers zurück, sie schleichen sich ? vom Reisefieber plötzlich gepackt ? bei Nacht und Nebel aus dem Hof und wandern auf Straßen und Feldrainen geldlos ins Weite. Was man braucht, kann man erbetteln, kann man stehlen. Gelegenheit zum Diebstahl ist immer da, Häuser, Ställe und Scheuern stehen offen. Und doch: Die Zahl derer, die in ihren hundertzwanzig Vorstrafen kein einziges Diebstahlsdelikt aufzuweisen haben, ist nicht gering. Ihre Liste ist einförmig. Immer kehren nur die §§ 1 und 2 des Vagabundagegesetzes wieder. Ehrliche Vagabunden. Sie sind auch durch die wiederholte Detention in Zwangsarbeitsanstalten nicht zu bessern und ? nicht zu verderben.

Denn auch die Gefahr des schlechten Einflusses ist nicht ausgeschaltet, da in den Zwangsarbeitsanstalten die ehrlichen Vagabunden mit wiederholt bestraften Schwerverbrechern beisammen sind. Wünschenswert wäre, wenn für die Gewohnheitsverbrecher eigene Arbeitshäuser errichtet werden würden, oder wenn man sie deportieren würde.

Immerhin wäre es ungerecht, wenn man nicht konstatieren wollte, daß auch unter den gegebenen ungünstigen Verhältnissen jährlich eine ganz respektable Zahl von Gebesserten die Anstalt verläßt. So zum Beispiel ein lichtscheues Individuum, das vor Jahren an einem Raubmord in Prag beteiligt gewesen war. Der Gerichtshof hatte ihm eine mehrjährige Kerkerstrafe zuerkannt und sich außerdem für die Zulässigkeit seiner Abgabe in eine Zwangsarbeitsanstalt ausgesprochen. Die »gemischte Landeskommission« bei der Statthalterei, welche die Aufnahme in die 73 Arbeitsanstalten verfügt, entschied sich für den Antrag des Gerichtes, und so kam der Bursche nach längerer Haft in Pankratz in die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin. Hier benahm er sich so korrekt, daß man nach einem Jahre zu seiner bedingten Entlassung schritt, d. h. ihm eine Anstellung besorgte und ihn außerhalb der Anstalt wohnen läßt, trotzdem er noch in deren Stand gehört, und von dieser, wenn er sich nicht bewähren würde, jederzeit eingezogen werden kann. Aber er bewährt sich. In der Schneiderwerkstätte, in der er als Lehrling arbeitet, hat nur der Meister, nicht aber auch seine »älteren«, aber halb so alten Arbeitskollegen eine Ahnung von seinem Vorleben. Der Verein zum Wohle entlassener Sträflinge zahlt ihm die Wohnung, Kleidung und einen Zuschuß von wöchentlich zwei Kronen für Wäsche und Nachtmahl gibt ihm die Anstalt, die übrige Kost erhält er von seinem Meister. Er arbeitet überaus strebsam, und der einstige Raubmörder freut sich schon darauf, bald Geselle werden und sich sein Brot ehrlich selbst verdienen zu können.

Mag sein, daß man sich irrt, und daß der Bursche wieder zur alten Lebensweise zurückkehrt, wenn er dem Auge der Anstaltsleiter entrückt ist. Denn eigentlich sind alle Zwänglinge während der Zeit ihrer Internierung fleißig und folgsam. Sie arbeiten an den Handwebstühlen, an der Erzeugung von Papiersäcken, in den Tapezierer-, Schuster-, Schlosser- und Tischlerwerkstätten, in der Korbflechterei und im Anstaltsgarten, in der Küche und auf den Gängen, in den Arbeitskolonien auf den Feldern und Stallungen der kaiserlichen Güter in Litowitz, Hostiwitz, Rot-Aujezd und Tachlawitz, der Privatgüter zu Dubetsch, Kletzan, Biechowitz und Radigau, sie planieren und regulieren den Erdboden beim Bau der Landesirrenanstalt in Bohnitz und verrichten in der Kadettenschule, in der Strakaschen Akademie, im Palais Toskana und in der Landesfindelanstalt verschiedene Handlangerdienste. Sie arbeiten, weil sie von den anderen abgesondert werden würden, wenn sie das nicht täten. Strafen oder ein anderer Zwang zur Arbeit werden in der Zwangsarbeitsanstalt nicht angewendet. Dessen bedarf es umso weniger, als die Zwänglinge am Lohn ihrer Arbeit partizipieren. Sie sind in drei Klassen eingeteilt. Acht Monate bleiben sie in der dritten, der letzten Gehaltsklasse, in der sie zwanzig Prozent von ihrem 74 Verdienst erhalten, der Rest fließt dem Anstaltsfonde zu. Nach Ablauf der acht Monate rücken sie in die zweite Klasse vor, in der sie fünfundzwanzig Prozent behalten dürfen, nach weiteren acht Monaten in die erste Klasse, in der dreißig Prozent ihres Arbeitsertrages ihr eigen sind. Einen Teil dieser Dienstprämie darf der Zwängling zur Aufbesserung seiner Kost verwenden. Das Nachtmahl ist wohlweislich schon so frugal bemessen, daß es einer solchen Aufbesserung dringend bedarf ? ein Ansporn zur Arbeit. Der Rest der Verdienstesprämie wird dem Korrigenden aufbewahrt und oft erhält dieser nach Ablauf seiner Internierung ? diese währt mindestens zwei und höchstens drei Jahre ? einen ersparten Betrag von hundert Kronen ausgehändigt.

Die Hoffnung auf die Aushändigung des Verdienstes kann manchen nicht vor dem Entweichen abhalten. Aus dem Anstaltsgebäude selbst kann wohl niemand flüchten, denn die Gittertüren auf den Korridoren und die dichtgekreuzten Eisenstäbe in den Fenstern haben aus dem alten Palast der Trauttmansdorffs, aus diesem stillen Kleinseitner Patriziergebäude, in dessen Garten vor drei Jahrhunderten Tycho de Brahe seine erste Sternwarte errichtet hatte, einen Käfig gemacht. Aber draußen in den Arbeitskolonien, wo die Sonne zur Wanderschaft lädt, wo das rote Wirtshausschild so freundlich zum langentbehrten Schnapsgenuß auffordert, wo ein Hügel dem Zwängling zeigt, daß kein Aufseher in der Nähe und die Welt so groß ist, da packt den Vagabunden die alte Leidenschaft, da vergißt er, daß ihn seine Kleidung stigmatisiert, da vergißt er, daß ihm die Flucht arg bekommen wird, da vergißt er, daß er für jede Strafe zwei Monate länger in der verhaßten Anstalt bleiben muß, da vergißt er, daß in der Zwangsarbeitsanstalt auch Pfähle sind, an die man strafweise angebunden wird.

Dort in der Ecke der Korbflechterwerkstätte sitzt so ein Bursche, der erst vor kurzem entwichen und wieder eingebracht worden ist. Direktor Til?er geht vorbei und fragt auch ihn, wieviel er heute gearbeitet habe. Die Antwort wird in kaum verständlichem Tone geknurrt. Und aus den Augen des Gefragten kommt ein wilder Blick des Hasses, eine Botschaft jener Gefühle, die vor kurzem die Revolte der Korrigenden in Bohnitz entfacht und ein Menschenleben gekostet haben. 75


Theatervorstellung der Korrigenden

In dieser historischen Woche, in der aus Anlaß des Regierungsjubiläums so viele Veranstaltungen »Fürs Kind« stattfanden, gab es auch eine, deren Arrangeure ihre Veranstaltung als Selbstzweck betrachteten. Kein »Anlaß«, kein »wohltätiger Zweck«. Und wer war es, der diese Ehrlichkeit bewies? Die Korrigenden in der Landeszwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin.

Am Donnerstag um halb 3 Uhr nachmittags fand oben eine Theatervorstellung statt. Direktor Til?er hatte mir nach Erscheinen eines Artikels, den ich über Bewohner und Einrichtungen der Hradschiner Zwangsarbeitsanstalt veröffentlicht hatte, die Einladung zu dieser Vorstellung gesandt, damit ich »bei dieser Gelegenheit auch die lichteren Seiten des Anstaltslebens kennen lernen« möge. So kam ich hinauf.

Im Hofe waren die Zwänglinge. Aber nur wenige promenierten, nur wenige vergnügten sich am Kegelspiel. Die meisten drängten sich vor dem breiten Tor, das sich nun bald öffnen sollte, um die Theaterbesucher in das Haus zu lassen. Sie drängten sich und zwängten sich, wie die Leute an den Kassen zu den Maifestspielen. Aber sie benahmen sich doch wie Menschen dabei, und wenn ein Besucher kam, machten sie willfährig Platz.

Gespielt wurde im Korbflechtersaale. Der war sorgfältig adaptiert. An der einen Breitseite stand festgezimmert die Bühne.

Vor Jahren wurden aus dem Dekorationsmagazine des Deutschen Landestheaters durch dessen Intendanten, weiland Abg. Dr. Ludwig Schlesinger, der Zwangsarbeitsanstalt mehrere Flächen kassierter Kulissenleinwand überwiesen. Aus einem dieser Stücke war der Vorhang geschnitten und mit Lyra, Lorbeer und Maske bemalt worden. Oben das Landeswappen und einige naive Landschaften. Irgend eines Korrigenden Werk. Vor der Bühne brennen zwei halbverdeckte Gaslampen ? die einzige Beleuchtung des langen Saales. So nimmt sich der Zuschauerraum gar seltsam aus. An zweihundert Zuschauer mit dumpfen Gesichten und scharfen Blicken. Einige haben die braunen Flanelljacken anbehalten, andere sitzen in den schmutzigweißen Zwilchkleidern 76 auf den Bänken da. Das sind fast die einzigen Toilettenunterschiede im Publikum. An der Wand stehen die Aufseher in Uniformen als Logenschließer. Vor die Bankreihen, auf denen die Korrigenden sitzen, sind zwei Reihen von Stühlen gestellt, die sonst in den Wachzimmern verteilt sind: Die Fauteuils für die Gäste. Denn auch Gäste sind da. Einige Frauen und Kinder von Aufsehern, sowie von Landwehrfeldwebeln und Oberfeuerwerkern aus der Nachbarschaft. Vor den Fauteuilreihen bedecken ausrangierte Bettdecken aus den Schlafsälen die Steinfliesen ? Teppiche.

Heute ist deutsche Theatervorstellung, »Deutsches Landestheater« wie die Zwänglinge sagen. Das »Tschechische Nationaltheater« hat eine Woche vorher gespielt. Aber das Publikum ist zweisprachig. Wenn auch mancher kein Wort von dem versteht, was da oben auf der Bühne gesprochen wird, so freut er sich doch der Kleider und des Gehabens seiner deutschen Kollegen auf dem Podium.

In einer Nische neben der Bühne sitzt das Orchester. Vier Mann. Der Kapellmeister fehlt dem »Deutschen Landestheater«?.?.?. Die Musikanten dirigieren selbst. Der Primgeiger ist ein alter, gebückter Mann mit einer Brille, der krampfhaft in sein Notenblatt blickt. Der zweite Violinist hat blondes, aufwärts gekämmtes Haar und einen stattlichen Schnauzbart: er ist ein ehemaliger Musikfeldwebel, der von Stufe zu Stufe gesunken ist, und nicht zum erstenmale dem Orchesterpersonale der Hradschiner Zwangsarbeitsanstalt angehört. Neben ihm spielt ein etwa vierzigjähriger Mann die Flöte, sein schwarzes, gescheiteltes Haar ist tief in die Stirne gekämmt ?der Typ des »?uma?«, des böhmischen Dorfmusikanten. Der vierte und letzte in dieser Kapelle ist der Harfenist. Sein Instrument hat er sich während seiner Detention, in den Mußestunden, die ihm nach seinen Taglöhnerarbeiten beim Bau der Bohnitzer Landesirrenanstalt geblieben sind, selbst angefertigt, und er beherrscht das Instrument ganz famos, trotzdem er nie Harfespielen gelernt hat. Sie sind Tausendsassas, diese Gegner der Arbeit.

Gegenüber an der Wand lehnt ein Feuerwehrmann. Bei näherer Betrachtung merkt man aber, daß es gar kein Feuerwehrmann ist, sondern ein Korrigend, der den Feuerwehrmann spielt, weil eben ein solcher zu jeder anständigen Theatervorstellung 77 gehört. Der Mann hat blankgeputzte Röhrenstiefel, einen sauber gewaschenen Zwillichanzug, einen Feuerwehrhelm ? aus Pappendeckel und einen Gürtel aus dem gleichen feuersicheren Material. Er ist von seiner Rolle ganz durchdrungen und sein Blick schweift fortwährend durch den Saal, inspizierend und Bewunderung heischend.

Man spielt heute, laut dem autographierten Pragramm, das auch die Namen der Darsteller nennt, drei Einakter. Zunächst das »Versprechen hinterm Herd«. Hinter der Bühne wird geläutet, die Musik bricht jäh ab, der Souffleur kriecht coram publico in einen in der Korbflechterei hergestellten Strandkorb, dessen offene Seite der Bühne zugewendet ist. Der Vorhang hebt sich bis etwa zur halben Bühnenhöhe. Dann kann er nicht weiter. Aber der Darsteller des »Freiherrn von Strietzow« legt selbst Hand an, ein Ruck und der Vorhang ist ganz oben. Die Erwartungen, die man nach dieser vielversprechenden Leistung des »Baron Strietzow« an diesen knüpft, werden leider nicht erfüllt. Dieser Schauspieler hat kein Gefühl für das Parodistische, das in dieser Rolle des Berliner Salontirolers liegt. Er redet nicht »berlinerisch«, sondern den Dialekt, den man in seinem Heimatsorte Georgswalde bei Schluckenau spricht. Sein Kostüm ist schon aus technischen Gründen kein karikiertes, kein gigerlhaftes, und so maßt er sich auch nicht das Recht an, anders zu sein, wie die übrigen Darsteller, die echte Tiroler sein sollen. Sogar wenn er aus seinem Notizbuch einen verstümmelten »Nationalgesang« vorträgt, singt er ihn wie ein Schnadahüpfel. Er trägt ihn vor, so gut er eben kann, und würde es unverständlich finden, daß ein Schauspieler absichtlich patzen soll.

Grandios ist der Darsteller des Wirtes und Wilddiebes Quantner. Sein Lob wäre nur in Superlativen zu singen. Wenn er sich räuspert, wenn er sich schneuzt, wenn er sich seine Pfeife ansteckt, wenn er sich nach herzhaftem Trunk mit der Zunge den Bart reinigt, wie er sein Versprechen, daß alles, was hinterm Herde liegt, des Dirndls Eigentum sein soll, langsam und schwerfällig auf das Papier kritzelt, ist er von einer Echtheit, wie sie kein Berufsschauspieler aufzubringen vermag. Und wie er dann mit geballter Faust auf seinen unfolgsamen Sohn zustürzt ? das kann kein Mime kopieren, das muß von klein auf gelernt sein. Da sich die Biographie dieses vortrefflichen Schauspielers in keinem 78 Bühnenlexikon vorfindet, sei erwähnt, daß »Quantner«, ein etwa fünfzigjähriger Mann, schon zum viertenmale im hiesigen Arbeitshaus deteniert ist. Nach seiner Freilassung treibt es ihn immer wieder in die Alpen, wo er im Sommer und Winter umhervagiert. Aber auch auf den Bergen, wo angeblich die Freiheit wohnt, gibt es Gendarmen, und die bewirken es, daß er immer wieder nach Prag, zum Schauspielerberuf, zurück muß. Nach der Überzeugungstreue, mit der er den Wilddieb auf der Bühne verkörpert, könnte man schließen, daß er dieses Handwerk auch außerhalb der Bühne auszuüben gewohnt ist. Wie dem auch sei: Erwischt wurde er wegen dieses Deliktes noch nicht, denn unter seinen achtzehn Vorstrafen finden sich nur solche wegen Landstreicherei, Diebstahls, Vagabundage u. dgl.

Das »Nandl«, die brave Bauerndirn, spielt ein jüngerer Korrigend. Er sieht ganz reizend aus und beherrscht seine Rolle vortrefflich. Den Sohn des Quantner und Geliebten der Nandl spielt gleichfalls ein junger Bursch. Er war noch vor kurzem in der Arbeitsanstalt für Jugendliche in Grulich interniert, hat sich aber nicht dauernd gebessert, obwohl er dort brav und fleißig gewesen war. Gleich nach seiner Entlassung hatte er seine Kleider verkauft und sich einer umherziehenden Zigeunertruppe angeschlossen. Aus der Hradschiner Anstalt, in die er dann gebracht worden ist, ist er entwichen, als er zur Arbeitsleistung in die Findelanstalt beordert worden ist. Sein Spiel ist gedrückt. Er geht fast fortwährend im Hintergrund der Bühne auf und ab und bringt seine Sätze halb zaghaft, halb mürrisch hervor. Das wirkt sehr gut, denn er gibt ja einen unglücklichen Liebhaber.

Das Stück ist aus. Das Publikum klatscht stürmisch und die Darsteller machen ungelenke Komplimente. Der Vorhang fällt. Herr Direktor Til?er willfahrt in liebenswürdiger Weise meinem Wunsche, die Bühne von rückwärts besichtigen zu dürfen. Man stellt die Kulissen zum nächsten Stücke auf. Der Protagonist, der »Quantner«, hockt auf der Schulter des »Feuerwehrmannes« und schlägt oben auf der Kulisse zwei Nägel ein. Auch »Fräulein Nandel« zimmert eifrig und keiner von den Akteuren ist müßig. Die Anordnungen schwirren durcheinander: Einen Regisseur scheint es nicht zu geben, und ein Aufseher darf nicht hierher. Die Künstler achten streng auf die Wahrung ihrer Autonomie. 79 Auf einem Tisch liegt ein dickes Heft, auf dem von ungeschickter Hand mit Bleistift unorthographische Sätze gekritzelt sind: Die Rolle.

Das zweite Lustspiel beginnt. Es heißt »Ein Zwiegespräch« und der Witz besteht darin, daß ein alter Sonderling einen Besucher für den Aspiranten auf die Wärterstelle bei seiner Katze hält, während sich der Fremde um die Hauslehrerstelle bei der Tochter des Privatiers bewirbt. Den Hauslehrer spielte ein junger Bursch, ein wiederholt vorbestrafter Einbrecher, ganz gut. Aber den größten Beifall hatte er, als er wie unversehens an seinen Partner anstieß, und in einem prächtigen Purzelbaum zu Boden stürzte. Ebenso bildete es im nächsten Stücke, dem Lustspiel »Er muß taub sein«, den Höhepunkt der Handlung, als der von seiner Taubheit geheilte Hausherr plötzlich die Beschimpfungen seines Dieners vernimmt, und diesem einen Fußtritt in den Rücken versetzt, der entschieden an anderer Stelle nach § 421 StG. geahndet worden wäre. (Stürmischer Beifall.) In diesem letzten Stücke spielt übrigens auch ein ehemaliger Bauzeichner, der sich ganz als Gentleman benimmt und seine Mahlzeit in einer Weise verzehrt, die auch den höchsten Anforderungen des guten Tones entspricht.

Zum Schluß der Vorstellung singen die Darsteller aller Stücke ein weihevolles Abschiedslied »Gute Nacht«. Es ist ganz rührend, wie diese wetterharten Feinde der menschlichen Gesellschaft den feierlichen, kindlichen Choral anstimmen.

Alles ergießt sich in den Hof, um sich draußen die Tabakspfeife anzuzünden. Nur die Akteure müssen hierbleiben. Sie haben die Kostüme abzulegen und einzupacken, damit sie morgen der Maskenleihanstalt wieder rückerstattet werden können, von der sie um den Preis von drei Kronen ausgeliehen worden sind. Dies sind die ganzen Barauslagen: sie werden aus den Zinsen des Depositenfonds und durch freie Spenden des Direktors gedeckt. Dann muß die Bühne abgenommen, die Kulissen, der Vorhang und der geflochtene Souffleurkasten wieder ins Magazin getragen werden. Jetzt hört für die Schauspieler das Benefizium auf, am Abend eine Stunde länger aufbleiben und die Rollen lernen zu dürfen, in dem Saal, in dem sie heute akklamierte Künstler waren, müssen sie morgen auf den Steinfliesen sitzen und Weidenruten zu Körben flechten. Für geraume Zeit bleibt ihnen nur die Erinnerung an ihren Erfolg, an die »lichteren Seiten des Anstaltslebens«. 80



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