Am Hofe August des Starken. Dritter Band

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1. In Berlin

In den ersten Decennien des achtzehnten Jahrhunderts war Berlin kaum erst ein schwacher Schatten von der stolzen Residenz, die sich heute an den Ufern der Spree ausdehnt. Es begann eben seine Glieder etwas zu recken; wohin man blickte, sah man neuerstehende Gebäude. Indessen hatte es doch schon ganz das Aussehen einer ansehnlichen Stadt. Das Erste, was dem Auge auffiel, waren die vielen Kasernen und Soldaten. Größte Ruhe und Ordnung herrschte in der neuen Stadt; nicht selten und nicht mit Unrecht hat man sie mit einem Kloster verglichen. Nichts geschah hier durch die Initiative oder den Willen der Bevölkerung ? alles auf Befehl von oben. Das Anwachsen der Bevölkerung, die Verschönerung der Stadt, Handel und Wandel, alles und jedes entstand und entwickelte sich hier wie mit einem Schlage und in ganz anderer Weise als anderswo. Man konnte sich schwer etwas Traurigeres denken, als diese von den schmutzigen Fluthen der Spree bespülte neue Hauptstadt Preußens. In den öden Straßen begegnete man viel mehr Soldaten als sonstigen Bewohnern und unaufhörlich war das Geschmetter der Trompeten, das Gelärm der Trommler und Pfeifer zu vernehmen ? weit häufiger als das Läuten von Glocken, denn Berlin zählte damals weit mehr Kasernen als Kirchen. In den Hauptstraßen reihten sich große Gebäude schnurgerade aneinander, denen man es förmlich ansah, daß sie nicht jedes einzeln nach dem Wunsche und Plane eines Bürgers entstanden seien, sondern daß sie insgesammt ein höherer Wille hatte aus der Erde erstehen lassen. Alles in Allem genommen, machte Berlin einen äußerst unangenehmen Eindruck, trotzdem es bereits fünf große Stadttheile und mehrere ansehnliche, da und dort verstreute Vorstädte umfaßte. Die Paläste und Villen der königlichen Familie hoben sich von den übrigen Gebäuden durch eine äußerst anspruchsvolle Architektur ohne einheitlichen Stil fremdartig ab. In der Spandauer Vorstadt bemerkte man Monbijou, das Schloß der Königin, in Strahlau das von dem König bewohnte Belvedere. Alles war neu in der preußischen Hauptstadt wie das preußische Königthum selbst; die ältesten Bauwerke konnten ihr Alter nach Decennien zählen. Da und dort langweilte sich eine einsame Statue in tiefer Verlassenheit; auf dem Molkenmarkt aber war bereits die ursprünglich für das Arsenal bestimmt gewesene Statue Friedrichs I. zu sehen. Die Straßen und Plätze harrten im Uebrigen noch meist ihrer Bewohner und damit eines regeren Lebens. Ueber die Spree hatte man eine Brücke gebaut, der man nach dem Vorbilde des Pariser Pont-Neuf den Namen »Neue Brücke« gegeben hatte; wie auf jener das Reiterstandbild Heinrichs IV., erhob sich hier dasjenige des Kurfürsten Friedrich Wilhelm.

Das königliche Schloß überstrahlte all die anderen Paläste in prächtiger Ausstattung. Schlüter hatte es so überreich mit Guirlanden verziert, daß von den Mauern fast nichts mehr zu sehen war; da dieses Meisterwerk indessen drei verschiedene Baumeister hatte und die zwei Nachfolger Schlüters Jeder nach seinem eigenen Geschmack zu dessen Verschönerung beizutragen für gut fanden, so konnte es nicht ausbleiben, daß das Ganze etwas grotesk aussah und ziemlich schlechten Geschmack bekundete.

Berlin hatte, wie gesagt, alles, um eine große Stadt zu repräsentiren ? es fehlte ihm nur noch an der hierzu nöthigen Anzahl von regsamen Bewohnern. Es war in aller Eile ein Theater erbaut worden; man hatte ein Museum, eine Bibliothek, eine Gemäldegalerie geschaffen und sie, so gut man eben konnte, ausgestattet.

Ganz im Gegensatze zu Dresden, opferte man indessen hier die Armee nicht für schöne Porzellangefäße, sondern man wog im Gegentheile die Soldaten förmlich mit Gold auf. Was die größte Sehenswürdigkeit Berlins bildete und das, worauf seine Zukunft, wie die der neuen Monarchie überhaupt beruhte, war diese wohlgedrillte Armee, die mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerkes manöverirte und sich wie ein Mann bewegte. Hier war das aus den größten Leuten, deren man in irgend einem Lande habhaft werden konnte, zusammengesetzte famose erste Grenadierbataillon entstanden; es zeigte in merkwürdigster Weise, was alles man aus dem Menschen zu machen im Stande ist und welche Stufe militärischer Ausbildung fortgesetzte Uebung und Drillung zu erreichen vermag. Der Sold dieser Riesengrenadiere stand ganz im Verhältniß zu ihrer Größe; es war dies der einzige Luxus, welchen sich die sonst in allen Dingen so übertrieben sparsame preußische Regierung erlaubte. Manche dieser Grenadiere hatten es schon zu Hausbesitzern gebracht und trieben in den Mußestunden, welche ihnen der militärische Dienst ließ, Handel oder sonst irgend einen Nebenerwerb. Das sprechendste Beispiel, wie diese Riesen umgemodelt wurden, bot Jonas, genannt der Norweger. Als er den Dienst antrat, war er ein ungeschlachter, ungeschickter, beinahe verwachsener großer Lümmel; aus ihm machte man in Berlin einen so wohldressirten, geschickten Menschen, daß er förmlich als das Ideal eines Soldaten damaliger Zeit galt, was ihm in der Folge zu einiger Berühmtheit verhalf ....

Wenn man von Dresden kam, mußte Berlin in der That den Eindruck eines Klosters machen.

Als der ganz mit Staub und Straßenkoth bedeckte Wagen der Gräfin Cosel im Galopp durch die Straßen der preußischen Hauptstadt fuhr und dessen schöne Insassin sich neugierig aus dem Fenster beugte, um sich ein wenig umzusehen, schnürte ihr der Anblick dieser langen sandigen Alleen, dieser viel eher großen Grabstätten als Wohnsitzen lebender Wesen gleichenden Häuser förmlich das Herz zusammen; doch hoffte sie hier wenigstens Sicherheit und die lang entbehrte Ruhe zu finden; unter dem Schutze der Gesetze dieses Landes glaubte sie da unbehelligt abwarten zu können, bis ihre Lage und ihr Schicksal sich wieder gebessert haben würden.

Ein von Frankfurt aus vorausgeschickter Courier hatte für die Gräfin bereits eine Wohnung gemiethet, die ihr allerdings, entsprechend den eben empfangenen äußeren Eindrücken, äußerst frostig und traurig, ja geradezu armselig erschien. Das konnte in der That nur vorübergehend eine Herberge für sie sein.

Am nächsten Tage installirte sich Zaklika in aller Form als Hüter des Hauses. Es wurden sofort alle zu längerem Aufenthalte nöthigen Einrichtungen getroffen und Vorräthe herbeigeschafft. Frau von Cosel behielt sich in ihrem neuen Heim ein kleines abgelegenes Eckzimmer zurück, wo sie sich ungestört ihren Gedanken überlassen konnte. So begann nun eine ganz neue Existenz für sie ? eine traurige, entsetzlich langweilige Existenz, in welcher die Tage mit hoffnungslosester Gleichförmigkeit aufeinander folgten.

In Berlin war es indessen nicht möglich, gänzlich unerkannt und unbeachtet zu bleiben. Noch waren nicht volle drei Tage seit der Ankunft der Gräfin Cosel verflossen, als man ihr den officiellen Besuch des Statthalters von Berlin, des Marschalls von Wartensleben, ankündigte. Fast zu derselben Stunde kam auch der Befehlshaber der Gendarmerie, Oberst Natzmer, der eben die Straße passirte, in das Haus der Gräfin, um bei den Bewohnern desselben Erkundigungen über die Fremde einzuziehen. Beide Herren entwickelten indessen die ausgesuchteste Höflichkeit.

In den höheren Gesellschaftskreisen der Residenz hatte die Neuigkeit von der Ankunft der Gräfin Cosel, namentlich als sich gleichzeitig das Gerücht verbreitete, daß sie im Besitze von Creditbriefen auf das Haus Lippmann über sehr beträchtliche Summen sich befinde, einen nicht ungünstigen Eindruck gemacht.

Obgleich die beiden Herrscher von Preußen und von Sachsen die besten Beziehungen unterhielten, deutete doch nichts darauf hin, daß man von Dresden aus gewillt sei, die Gräfin aus ihrem Asyl aufzustören.

Hier, inmitten dieser Einsamkeit, sich selbst überlassen in dieser schweigenden, in Nebel gehüllten Stadt, in dieser unheimlichen Ruhe lernte die unglückliche Frau erst die ganze Bitterkeit des Schicksals ermessen, zu welchem sie jetzt verdammt war. Unendlicher Schmerz bemächtigte sich ihrer Seele. Stundenlang verharrte sie in vollster Unbeweglichkeit, ihre großen schwarzen Augen träumerisch bald auf die Wände ihres Zimmers, bald auf die Straße gerichtet und vergeblich darnach ringend, die traurigen Erinnerungen, die sie bestürmten, aus ihrer Seele zu verbannen.

»Ist es denn so leicht, der Liebe zu entsagen?« fragte sich ihr wundes Herz im Stillen, »und muß man denn so bald schon einige Jahre des Glückes mit Vergessenheit und Undank büßen?«

König Augusts Charakter erschien ihr jetzt wie ein unlösbares Räthsel; indem sie sich die vielen Beweise von Zärtlichkeit und Anhänglichkeit, die ihr derselbe gegeben, ihre noch in frischer Erinnerung lebenden Triumphe, ihre gegenseitigen feierlichen Schwüre ins Gedächtniß zurückrief, vermochte sie nicht zu begreifen, wie der Mann, den sie so sehr geliebt, sie verstoßen konnte. Dieser ganze Mensch, wie ihn Gott geschaffen, erschien ihr als eine grausame Satire auf alles Menschenthum. Der Meineid, dieses schnöde Spiel mit den heiligsten Dingen, dieses Verleugnen und Verhöhnen der Vergangenheit erschienen ihr als ebenso viele Ungeheuerlichkeiten und sie vermochte sich nicht zu erklären, daß alles dies ruhig geschehen konnte, ohne daß die Welt darob aus den Fugen ging. Sorgsam prüfte sie ihr ganzes zurückgelegtes Leben, um einen Fehler zu entdecken, der solch harte Strafe zu rechtfertigen vermöchte ? sie konnte keine Schuld finden, welche so groß wie ihr jetziges Unglück war.

Nachdem sie so einige Tage in selbstquälerischen Gedanken verbracht hatte, ließ sie sich eine Bibel bringen, um vielleicht aus ihr Trost zu schöpfen.

Noch weilte Gräfin Cosel nicht ganz eine Woche in Berlin, als eines Nachmittags Zaklika, welcher nur vor seiner Herrin erschien, wenn er gerufen wurde oder ihr eine wichtige Mittheilung zu machen hatte, ganz niedergeschlagen ihr Zimmer betrat.

Die Gräfin hob den Kopf und sah fragend nach ihm auf. Der junge Pole verharrte nach seiner Gewohnheit in Stillschweigen.

»Was giebts?« fragte die Gräfin endlich; »bringst Du mir irgend eine unangenehme Neuigkeit?«

»Was hätte man denn Gutes zu erwarten!« sagte der junge Mann traurig. »Es haben sich bereits Spione gezeigt, die das Haus umkreisen und alles auskundschaften. Ich bin nur gekommen, um der Frau Gräfin zu rathen, daß sie auf ihrer Hut sein möge, denn wenn mich nicht alles täuscht, so wird in den nächsten Tagen irgend ein Abgesandter aus Dresden sich hier einstellen, um sich unter irgend einem Vorwande in Euer Vertrauen einzuschleichen. Es wird sich deshalb empfehlen, wenn die Frau Gräfin dabei alle Vorsicht und Klugheit walten läßt.«

Stirnrunzelnd hatte ihm die Gräfin zugehört.

»Du solltest mich doch schon kennen,« sagte sie, »und solltest wissen, daß ich nicht zu lügen und nicht zu heucheln verstehe ? auch nicht einmal durch Stillschweigen. Ich habe mich nicht gescheut, ihm und ihr Beleidigungen ins Gesicht zu schleudern, und ich werde wohl auch den Muth finden, das, was ich gesagt habe, Jedem gegenüber zu wiederholen, der Lust hat, es zu hören.«

»Verehrte Frau Gräfin,« wagte Zaklika zu bemerken, obgleich die Gräfin ihm durch eine Kopfbewegung zu verstehen gegeben hatte, daß die Unterredung als beendet anzusehen sei, »wozu soll es dienen, Euere Feinde noch mehr zu erbittern, sie noch mehr gegen Euch aufzubringen? Das wird sie ja doch nicht hindern, ihrerseits zu lügen und zu verleumden ...«

Die Gräfin antwortete nichts auf diesen Einwand. Zaklika sah zwei große Thränen aus ihren halbgeschlossenen Augen hervorschießen; rasch entfernte er sich.

Drei Tage später ließ sich ein junger, hübscher Cavalier bei der Gräfin anmelden. Es war van Tinen. Die Cosel kannte ihn bereits. War er doch einer von Jenen, die zu ihr gesandt worden waren, um ihr das bewußte Document mit der Unterschrift des Königs herauszulocken, und hatte er doch, ähnlich wie der unglückselige Watzdorf, die Ungeschicklichkeit begangen, in einem hierzu wenig geeigneten Augenblick seine so unangenehme Mission mit der Erklärung feurigster Liebe zu schließen, von welcher er vielleicht nicht sehr viel fühlte. Die Cosel hatte den Schimpf über sich ergehen lassen müssen, welcher in diesen ihrer so wenig würdigen Zumuthungen lag, und war genöthigt gewesen, die tiefe Verachtung zu unterdrücken, welche dieselben ihr eingeflößt hatten ...

Van Tinen wurde eingeführt.

Der junge Diplomat begann die Unterhaltung, indem er die große Freude ausdrückte, welche es ihm bereite, die Gräfin wiederzusehen, sowie das Erstaunen schilderte, in welches er versetzt worden sei, als er zufällig vernahm, daß sie in Berlin weile.

Cosel betrachtete ihn mit ironischen Blicken.

»Aber, mein Herr,« fragte sie, »wo waret Ihr denn, als ich Sachsen verließ?«

»Ich? Ich war in Dresden,« erwiderte van Tinen, »auch an jenem Abend, als Euer plötzliches Erscheinen der armen Dönhoff die heftigsten nervösen Anfälle zuzog. Als sich endlich der Hof von seiner Bestürzung wieder etwas erholt hatte, suchte ich Euch vergeblich überall und es war mir seither nicht möglich, zu erfahren, was aus Euch geworden.«

»Wirklich? Das freut mich sehr. Uebrigens hättet Ihr auch ganz und gar meiner vergessen können ? das ist alles, was ich jetzt noch wünsche.«

»Ich bin der Meinung, Madame, daß man da unten viel lieber wissen möchte, ob Ihr all das Unrecht vergessen habt, das man Euch angethan hat.«

Da die Gräfin hierauf die Antwort schuldig blieb, stockte die Unterhaltung einige Augenblicke.

»Ihr glaubt gar nicht,« fuhr van Tinen fort, »was für interessante Dinge sich ereignet haben, seit Ihr von Dresden weg seid! Wünscht Ihr nicht, daß ich Euch davon erzähle?«

Diese in halbvertraulichem Tone vorgebrachten Worte deuteten darauf hin, daß van Tinen bestrebt war, sich der Gräfin gefällig zu zeigen und ihr Vertrauen zu erwerben.

»Ich bin durchaus nicht neugierig darauf, mein Herr,« erwiderte Anna traurig. »Glaubt ja nicht, daß all das mich noch irgendwie interessiren könnte ... Ich glaubte einst an die Aufrichtigkeit und Wahrheit jener Welt, in der ich mich bewegte, weil ich noch glaubte, daß sie das, was sie thut, auch mit dem Herzen thue, allein heute sehe ich, daß Hochmuth und Frivolität dort alles regieren!«

»Dresden hat sich in der That gar nicht verändert,« fuhr van Tinen fort, indem er sich stellte, als habe er den Sinn ihrer Worte nicht begriffen, »wir unterhalten uns Tag für Tag recht gut. Es ist das wohl nichts neues für Euch, Madame, die Ihr so oft die Königin der herrlichsten Feste waret .... indessen ...«

Van Tinen machte eine Pause, er wollte ersichtlich durch irgend ein Zeichen der Zustimmung angeeifert sein, in seiner Erzählung fortzufahren; als aber die Gräfin beharrlich schwieg, begann er, nach und nach seine anfängliche Verlegenheit bemeisternd, von neuem: »Es war also in Laubegast ... Diese Gegend ist Euch ja doch bekannt, Madame?«

»Ich habe dort stille, sorgenfreie Tage verlebt,« sagte die Cosel still vor sich hin.

»Es war also in der Ebene von Laubegast, wo Flemming uns in den letzten Tagen eines der merkwürdigsten Feste gab, die ich je erlebte ... Der König wohnte demselben mit der Dönhoff ebenfalls bei.«

»So!« sagte die Gräfin.

»Zuerst defilirten sechs Regimenter nebst der ganzen königlichen Leibgarde zu Pferde vor uns. Auf den das Oertchen Laubegast dominirenden Höhen waren Batterien placirt und Infanterie- und Cavalleriemassen bedeckten die Ebene. Es war alles so arrangirt, daß sich das Schauspiel einer wirklichen Schlacht vor den Augen des Hofes abspielte. Alles gelang aufs vortrefflichste. Die Regimenter avancirten Zug um Zug, manöverirten, gaben Feuer, machten glänzende Angriffe, und einige Soldaten ausgenommen, die niedergeritten und unter den Hufen zertreten wurden, ging die Sache ohne weiteren Unfall ab. Aus der Entfernung gesehen, war der Effect dieses Schauspieles ein großartiger; man glaubte in der That eine mit gegenseitiger Erbitterung geführte Schlacht vor sich zu sehen, in der das Blut in Strömen floß. Der König hatte, als er diesem Schauspiele beiwohnte, zu seiner Rechten Frau von Dönhoff, zur Linken die Frau des Hetmans Potzki, beide zu Pferd und als Amazonen gekleidet. Die Cavaliere des Hofes, in prächtigen Gewändern und superbe Pferde reitend, bildeten das Gefolge. Die übrigen Damen betrachteten von ihren Wagen aus das kriegerische Spiel. Die Blüthe des weiblichen Geschlechtes, alles, was Sachsen an Schönheit und Jugend aufzuweisen hat, war da versammelt.«

Die Gräfin lächelte ironisch. »Zwei Frauen als Begleitung,« rief sie, »das ist in der That schon ein beträchtlicher Fortschritt; dann dieses fliegende Lager, diese Arrièregarde in den Carrossen ? das setzte dem Ganzen die Krone auf; das ist wirklich königlich, wahrhaftig prächtig!«

»Es ist in der That nicht zu leugnen,« fuhr van Tinen halblaut fort, »daß diese beiden Damen weder untereinander, noch gegen Andere irgendwie eifersüchtig sind ... Doch ich komme von meiner Schilderung ab ... In geringer Entfernung von unserem Standplatze waren Zelte aufgeschlagen; unter einem derselben speiste der König mit den beiden schon genannten unzertrennlichen Gefährtinnen und deren Mutter Frau von Bielinska; den Rest der Tafelgenossen bildete die Elite des Hofes.«

»Ohne Zweifel gehörtet Ihr auch dazu?« fragte die Gräfin.

Van Tinen erröthete leicht. »Nein, Madame,« erwiderte er, »ich befand mich in einem anderen Zelte; aber von diesem aus konnte ich alles genau übersehen. Während des Diners spielte das Orchester und auf jeden Toast antwortete eine Artilleriesalve. Man hörte ununterbrochen Fanfaren, Freudengeschrei und Kanonenschüsse.«

»Das muß freilich sehr schön gewesen sein,« bemerkte die Gräfin, »seid Ihr nun zu Ende?«

»O nein, Madame, das ist erst der Anfang. Nach dem Diner kam das wahre Vergnügen. Die Tafeln wurden nicht abgeräumt, denn Flemming wollte, daß seinen Soldaten die Reste des Mahles zufielen. Da das Brot etwas wenig geworden, legte man in jedes Stückchen einen Gulden. Diese schöne Idee verschlang natürlich einige Tausende. Dann wurde das Signal zum Angriff gegeben. In Schlachtordnung stürzten sich die Soldaten auf die halbgeleerten Schüsseln; Diejenigen, welche zuerst angelangt waren und sie ergriffen hatten, wurden von den ihnen zunächst Folgenden überrannt und niedergeworfen, das dritte Glied machte es natürlich dem zweiten nicht besser, bis endlich alles drunter und drüber ging und ein ganz unbeschreiblicher Tumult folgte. In buntem Durcheinander, sich die kostbaren Bissen entreißend und mitunter wüthend aufeinander einhauend, boten diese Soldaten den sonderbarsten Anblick, den man sich denken kann. Wir platzten förmlich vor Lachen. Diese Scene dauerte so lange, als noch ein Ueberbleibsel von dem Diner vorhanden war, worauf zum Rückzug geblasen wurde. Seine Majestät, von den Damen umgeben, lagerte sich sodann in einiger Entfernung auf dem Plateau des Hügels. Als es dunkel zu werden begann, wurden in dem großen Zelt des Königs Teppiche ausgebreitet; die Musik begann lustige Weisen und man tanzte lustig darauf los bis in die Nacht hinein. Flemming ging während dieser Zeit von einem seiner Gäste zum anderen, umarmte sie, animirte sie unaufhörlich zum Trinken und war einer der Ersten, denen der Wein den Kopf verwirrte. Der König selbst war mehr als gut gelaunt; er wußte indessen seine königliche Würde so gut zu wahren, daß eigentlich niemand ihm seinen Zustand recht anmerkte. Nicht ohne wahrhaftes Mitleid konnte ich den armen Kammerherrn des Königs ansehen, der, einen Präsentirteller mit einem Glas Wasser in der Hand, vor seinem Herrn stand und sich alle erdenkliche Mühe gab, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und der, wie sein Zustand bezeugte, offenbar vorher etwas ganz Anderes als Wasser getrunken hatte. Er konnte sich nicht ruhig an seinem Platze halten und wankte dergestalt hin und her, daß er sicher zu Boden gestürzt wäre, wenn man ihn mit dem Finger berührt hätte ... Nie habe ich aber noch Flemming in so guter Laune gesehen!«

»Darüber braucht Ihr Euch wahrlich nicht zu wundern,« unterbrach ihn die Gräfin, »der General feierte ja seinen Triumph und meinen Sturz!«

»Endlich machte der König Anstalten, um aufzubrechen,« fuhr van Tinen fort, »als Flemming, vollständig betrunken, sich ihm mit wahrhaft brüderlicher Vertraulichkeit an den Hals warf und, ohne der Umstehenden zu achten, deren Blicke natürlich unverwandt auf die Gruppe gerichtet waren, ganz laut, so daß wir Alle es hören konnten, ausrief: »Bruder, lieber Bruder, ich sage Dir die Freundschaft auf, wenn Du jetzt weggehst!« Madame Dönhoff, die dem König nicht von der Seite weicht, wollte Flemming darauf zur Vernunft bringen; das war indessen durchaus keine leichte Sache. Der General sah und hörte nichts; alles drehte sich mit ihm im Kreise. Als sich Frau von Dönhoff ihm näherte, kneipte er sie herzhaft in die Arme, und da sie ihm an diesem Abend besonders hübsch erschien, nahm er keinen Anstand, ihr dies in ungenirter Weise zu erklären, daß sie vor Zorn und Entrüstung laut aufschrie ? worauf sie aber bald wieder in helles Gelächter ausbrach ... Ungeachtet der Bitten Flemmings, bestiegen der König und Frau von Dönhoff nun ihre Pferde und ritten davon. Dank einem geschickten Stallmeister, welcher dem König unablässig zur Seite ritt, konnte sich Seine Majestät, welche anfänglich mehrmals nahe daran war, vom Pferde zu stürzen, im Sattel halten; man suchte den König vergeblich zu bereden, den Rest des Weges im Wagen zu machen. Statt dessen ging er in scharfen Galopp über und stieß den Stallmeister Backnitz, der sich ihm zu sehr genähert hatte, in brüsker Weise zurück; dann rief er, seinem Pferde beide Sporen einsetzend, der Dönhoff zu: »Lasset mich doch in Ruhe mit Euerer Besorgniß, Madame, mein Pferd und ich, wir kennen uns ja beide sehr gut, Ihr braucht nicht die geringste Angst um mich zu haben!« Und nun ging es ventre-à-terre, gefolgt von seiner Reitergarde und dem ganzen Gefolge von Cavalieren und Hofleuten. Die Dönhoff, von diesem Strudel mit fortgerissen, fiel vom Pferde; allein die sie umringenden Garden fingen sie noch rechtzeitig auf. Dieser Umstand machte sie wohl wieder völlig nüchtern, und trotzdem sie eine sehr geschickte Reiterin ist, zog sie es doch vor, ihren Weg im Wagen fortzusetzen.«

»Warum hat man sie nicht sich den Hals brechen lassen,« murmelte die Cosel vor sich hin.

»Das Lustigste an der ganzen Geschichte,« fuhr van Tinen fort, »war aber dieser Flemming. Trotzdem der König und die Damen sich entfernt hatten, wich er nicht vom Platze; er wollte sich noch unterhalten, wollte tanzen. In Ermangelung von Damen hielt er die Aufwärter zurück und wirbelte nun mit ihnen im Kreise herum, bis ihm die Kräfte versagten, bis der anbrechende Morgen diesem köstlichen Vergnügen ein Ende bereitete ... Und bei alledem traf den übermüthigen Flemming keinerlei Strafe, keinerlei Ungnade,« schloß van Tinen seine Erzählung.

»O, das war nicht das erstemal, daß er sich solche Freiheiten gegen den König herausnahm!« erwiderte die Gräfin. »Der König selbst hat mir einmal erzählt, daß Flemming nach einer toll durchschwärmten Nacht, während welcher er in der Trunkenheit sich gegen ihn in gröbster Weise vergessen hatte, des Morgens zu ihm ins Schloß gekommen sei und zu ihm gesagt habe: »Sire, ich habe gehört, daß Flemming sich gestern Abends ein wenig vergessen hat; Euere Majestät werden das hoffentlich nicht übelnehmen!« ... Ja, der König lacht manchmal zu solchen Dingen,« fügte die Gräfin hinzu, »und er verzeiht derlei sehr oft; wer wollte aber behaupten, daß dies immer der Fall sein und daß Flemming nicht doch noch eines Tages auf dem Königstein enden werde, wenn seine Feinde ihm so mitspielen, wie mir die meinigen, und ihn verrathen? ... Der König ist sanft wie ein Lamm,« fuhr sie ironisch fort, »nicht wahr, das ist Euere Meinung, mein Herr? Und wißt Ihr warum? Weil jede Aufregung ihn in seinem Vergnügen stören würde. Wenn irgend ein Mensch ihm nicht mehr zusagt, giebt er einfach Befehl, daß man ihn heimlich verschwinden und ihm nie mehr vor das Gesicht kommen lassen solle! So endet gewöhnlich die Komödie.«

Nach diesen Worten erhob sich die Gräfin und begann im Zimmer auf und ab zu gehen; van Tinen schwieg, sehr betroffen von dem, was er eben gehört.

»Es setzt mich nicht gerade in Erstaunen, so bittere Worte aus Euerem Munde zu vernehmen, Frau Gräfin,« sagte er endlich.

»Ja, wenn ich ein herz- und gefühlloses Geschöpf wäre, so würde ich sicherlich nicht so sehr unter der Ungerechtigkeit leiden, deren Opfer ich bin; ich würde heute um den Preis, um die Belohnung für meine früheren Gunstbezeigungen schachern. Ich könnte mich dann anders ausdrücken. Ich könnte sagen, daß August ein vortreffliches Herz habe, daß er keiner Ungerechtigkeit fähig und in dieser Sache ganz unschuldig sei, daß lediglich die Umstände diese Wandlung herbeigeführt haben oder noch besser die erste Falte auf meiner Stirne, der Ueberdruß, der sich nach einem mehrere Jahre andauernden Verhältnisse einstellen mußte, oder was weiß ich, mein Charakter, meine Heftigkeit, mein oft ohne Grund aufbrausendes Temperament; denn es ist wahr, ich hätte ja lachen können über die Affaire mit der Duval, ich hätte mich freuen können über die Ankunft der Mademoiselle Duparc, und ich hätte diese kleine Dönhoff, welche nicht mehr werth ist als alle die Uebrigen, zur Freundin nehmen können! ... Ist es nicht so, lieber Herr van Tinen, habe ich nicht Unrecht gehabt, mir nicht das Beispiel zunutze zu machen, welches mir Madame Haugwitz, Aurora Königsmark, die Esterle und die Teschen gegeben, welche Arm in Arm nach dem Leipziger Stadtwäldchen gingen und so der Welt das rührende Beispiel des herzlichsten Einvernehmens von vier Rivalinnen gaben?« Die Gräfin brach hier in ein nervöses Lachen aus. Nach einer kleinen Weile fuhr sie fort: »Nein, wahrhaftig, ich bin nicht dazu geboren, in so guter Gesellschaft zu leben; ich habe mich nie recht da hineinzufinden gewußt und die Menschen wie die Dinge nicht verstanden. Das ist mein Fehler. Ich war so naiv, zu glauben, daß in der Brust dieser Leute ein menschliches Herz schlage, daß sie ein Gewissen besäßen, daß die Liebe nicht bloß ein frevelhaftes Spiel mit edlen Gefühlen, daß die Eide heilig wären und auf die Worte der Könige zu bauen sei. Doch ach, all das waren nur Illusionen! ... Das sind meine Fehler, das ist mein wirkliches Verschulden. Darum muß ich, während die Anderen glücklich sind und von allen Widerwärtigkeiten verschont bleiben, hier vor Demüthigungen und Schande sterben!«

Diese Worte, aus dem Munde einer so bewundernswürdig schönen Frau kommend, machten einen tiefen Eindruck auf van Tinen, der dem edlen Zornesausbruche der Gräfin mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört hatte. Er fühlte sich dadurch mehr und mehr bewegt, verwirrt, ja geradezu beschämt. Die Cosel warf einen bedauernden Blick auf ihn.

»Höret mich an,« sagte sie, sich ihm nähernd, »ich weiß recht gut, daß Ihr nicht einem Gefühle des persönlichen Mitleides oder der Neugier folgend hierher gekommen seid, sondern auf Befehl ...«

»Madame ...«

»Unterbrecht mich nicht,« fuhr sie fort, »sondern höret mich ruhig bis zu Ende. Welches immer das Motiv sein möge das Euch hierhergeführt hat, ich verzeihe Euch. Weiß ich ja doch, daß es Euch ebenso wie all den anderen Höflingen als viel wichtiger erscheint, Carrière zu machen, denn wahrhafte Menschen zu sein. Wiederholt ihnen also, was Ihr jetzt hören werdet, denn ich will, daß Ihr auf den Grund meiner Seele seht. Zwischen Jenen und mir sind alle Brücken abgebrochen, und wenn Ihr ein eifriger Diener Eueres Herrn sein wollt, so erzählt in Dresden, daß Ihr es aus dem Munde der Gräfin Anna von Cosel selbst gehört habt, daß, wie sie dies dem König persönlich schon angekündigt hat, er seinen Verrath und seine Untreue mit dem Tode büßen soll. Ich wiederhole es heute: das erstemal, wo ich August wieder begegnen werde, sei es nun in einem oder in zehn Jahren, werde ich mein Versprechen einlösen und ihm eine Kugel in den Kopf jagen. Ich trage meine Pistolen ununterbrochen bei mir und ich werde mich erst an dem Tage davon trennen, wo das Stück Blei, das für ihn bestimmt ist, sein Ziel erreicht haben wird! ... Das ist es, was ich Euch noch mittheilen wollte und was Ihr Eueren Auftraggebern berichten könnt, Herr van Tinen!«

Der junge Edelmann war sehr bleich geworden. »Frau Gräfin,« begann er endlich, »so sprechen, das heißt einen ehrlichen Mann zwingen, ein Angeber zu werden und damit eine unwürdige Handlung zu begehen. Euer Verdacht gegen mich war ungerecht, Madame. Allein überseht nicht, daß ich nicht mir selbst angehöre, daß ich im Dienste des Königs von Polen stehe und daß ich ihm als Kammerherr den Eid der Treue geleistet habe. Es ist mir ganz unmöglich, die Worte, welche ich eben gehört, nicht an betreffender Stelle zu wiederholen ? ich bin dazu gezwungen; denn Ihr werdet sicherlich das, was Ihr soeben mir gesagt habt, morgen einem Anderen sagen, ja Ihr werdet Euch sogar rühmen, daß Ihr mir dieselben Drohungen schon ins Gesicht geschleudert habt! Es ist nicht mehr Servilität, sondern die Pflicht, welche mir gebietet, zu reden!«

»Ja, habe ich es Euch denn verboten, mein Herr? Im Gegentheil, ich bitte Euch ja, zu sprechen. Uebrigens werdet Ihr damit jenen Leuten gar nichts neues sagen ? ich bin überzeugt, daß August meine Drohungen noch nicht vergessen hat.«

»Aber, gnädige Frau, indem Ihr so handelt, leistet Ihr ja doch nur Eueren Feinden Vorschub. Ihr drückt ihnen immer neue Waffen in die Hände ...«

»Fehlt es ihnen denn an solchen?« unterbrach ihn die Gräfin; »eine mehr oder weniger, das macht nichts aus! Lüge, Verleumdung, Verrath, alles ist ihnen zu ihren Zwecken gut! Oder glaubt Ihr etwa, daß ich durch Selbstdemüthigung dieselben besänftigen, sie in ihren Verfolgungen erlahmen machen würde? Nein, mein Herr, die feigen Memmen sehen in mir eine stolze Natur, die ihre Niedertracht nicht zu ertragen vermag; die Elenden begreifen, daß ich ihre geschworene Feindin sein muß. Meine Ehrenhaftigkeit ist für alle diese Leute in ihrer Erbärmlichkeit ein ewiger Vorwurf! Wie könnten sie jemals einer armen Frau verzeihen, die sich geweigert hat, sich gleich ihnen zu erniedrigen und herabzuwürdigen!« Neuerdings brach die erregte Frau in herbes Lachen aus. »Betrachtet mich doch einmal, mein Herr,« fuhr sie dann fort, »und Ihr werdet finden, daß ich auch in meinem Unglück dieselbe geblieben bin, die ich war, da Ihr mich noch im vollsten Glanze sähet. Das Mißgeschick das mich betroffen, hat zwar meine Seele zerrissen, war aber nicht im Stande, mich äußerlich zu verändern.«

Während sie so sprach, füllten sich ihre Augen mit Thränen, die aber schon im nächsten Augenblick, wie von einem inneren Feuer aufgetrocknet, wieder verschwanden. Van Tinen konnte kein Auge von ihr abwenden; unter dem Einflusse, den diese merkwürdige Frau ? eine wahre Medea ? auf ihn ausübte, war er ganz und gar aus seiner Rolle gefallen ... So wie ihm war es schon vielen Zeitgenossen der Cosel ergangen, welche nach längerem Gespräche mit ihr einstimmig ihrem Erstaunen und ihrer Bewunderung Ausdruck gaben über den Wohlklang ihrer Stimme, die Beredtsamkeit ihres Mundes und die überwältigende Macht ihrer Schönheit.

Lange noch, nachdem die Gräfin zu sprechen aufgehört hatte, saß van Tinen tief bewegt und starrte unablässig in dieses zauberhafte Antlitz. Er schien innerlich mit sich selber im Kampfe zu liegen.

»Frau Gräfin,« sagte er endlich, »Ihr konntet mich sicherlich nicht in grausamerer Weise demüthigen als mit den Mittheilungen, die Ihr mir gemacht habt. Ihr habt mir da eine harte Probe auferlegt. Ich werde zweifellos ? wozu soll ich es verbergen? ? nach meiner Rückkehr nach Dresden ein strenges Verhör zu bestehen haben. Auf die an mich gerichteten Fragen Lügen zu antworten, das ist mir unmöglich, zudem wäre die Sache auch zu weittragend. Man wird jedes meiner Worte begierig auffangen und ich werde nicht wenig darunter leiden, daß ich ganz gegen meinen Willen dazu beitragen muß, Euer Unglück noch zu vergrößern.«

Es war van Tinen in diesem Augenblicke vollkommen Ernst mit dieser Aeußerung.

»Mein Unglück kann niemand auf dieser Welt mehr größer machen!« erwiderte die Gräfin. »Glaubt Ihr vielleicht, mein Herr, daß der Verlust meiner Paläste, meines Ranges in der Gesellschaft, meiner Macht mir so sehr am Herzen nagt? ... Nein, nein, was mich elend macht, das ist, daß ich nun auf kein menschliches Herz mehr zu vertrauen vermag, daß überall, wohin mein Blick fällt, ich nur Verrath und Niedertracht sehe, daß ich mir selbst, daß mein Leben mir verleidet ist ? ja, daß ich so weit gekommen bin, den Glauben an mich selbst verloren zu haben! ... Ach, nur sein Herz allein gebt mir wieder, und ich bin gerne bereit, auf alle Kronen, auf alle Güter dieser Welt zu verzichten! ... Ich liebte ihn ? in ihm war mein ganzes Sein aufgegangen, er war für mich ein Gott und ein Held zugleich. Aber ach, der Held ist zum Hanswurst geworden, der Gott ist in den Schmutz der Gosse gerollt und ich allein bin übrig geblieben und schleppe nun in dieser verachtenswerthen und niedrigen Welt ein Dasein dahin, das mir zur Last geworden ist!«

Die Gräfin brach nach diesen Worten in heftiges Weinen aus und vergeblich versuchte van Tinen sie zu beruhigen.

»O ihr schönen goldenen Träume meiner Jugend,« rief sie schmerzerfüllt aus, »was ist aus euch geworden! Ihr habt mich geflohen, ihr seid dahin, dahin!«

»Ach, Madame, ich bitte Euch, faßt Euch doch!« rief der tief erschütterte, seiner kaum mehr mächtige Cavalier, »Ihr könnt den Kummer nicht ermessen, den es mir verursacht, Euch so leiden zu sehen und durch meine Hierherkunft die Ursache geworden zu sein ...«

»Ihr seid nicht daran schuld,« unterbrach ihn die Gräfin, »ich habe Euch nur meine Wunden gezeigt, die nie vernarben können, da jeder neue Tag sie wieder aufreißt ... Geht nun hin, mein Herr, und wenn man Euch fragt, was Ihr gehört und gesehen habt, so verbergt ihnen nichts ? schont die arme, unglückliche Cosel durchaus nicht!«

Nun war van Tinen nicht mehr im Stande, an sich zu halten; das Mitleid siegte über jede andere Rücksicht und mit zitternder Stimme rief er: »Ich bitte Euch, Gräfin, um des Himmels willen, fliehet, bleibt nicht länger hier ... Ich kann Euch nicht mehr darüber sagen ... fragt mich um nichts weiter ...«

»Wie,« rief die Gräfin entsetzt aus, »hier in Berlin sollte ich nicht mehr in voller Sicherheit sein? Der König Friedrich von Preußen sollte im Stande sein, eine arme Frau ihren Henkern auszuliefern, wie König August es mit Patkul that? ... Er sollte sich doch daran erinnern, daß man ihm seinerzeit die verlangte Auslieferung Böttchers verweigert hat!«

Van Tinen blieb stumm, die Lippen fest aufeinander gepreßt.

»Wohin soll ich denn fliehen?« fuhr die Cosel wie im Selbstgespräche fort, »es giebt bald keinen Fleck Erde mehr, wohin ich mich wenden könnte! ... Weiter entfernt von Sachsen vermöchte ich gar nicht zu leben, denn immer wird mein Herz mich dorthin ziehen ... Sie sollen übrigens mit mir beginnen, was sie wollen, ich werde nicht fliehen! Das Leben ist mir ohnedies schon eine Last. Sie haben mir meine Kinder genommen und ich wüßte kaum, was sie mir noch Aergeres anthun könnten!«

Der Kammerherr wollte dieser von ihm nicht vorausgesehenen Scene ein Ende machen und griff nach seinem Hute.

»Ich bedauere Euch unendlich,« sagte er, »aber mir will scheinen, daß, so lange Ihr in dieser Gemüthsstimmung verharret, in der ich Euch heute sehe, niemand auf der Welt etwas zur Milderung Eueres Unglückes zu thun vermöchte ... Selbst Euere Freunde ...«

Höhnisch lachend, unterbrach ihn die Gräfin: »Meine Freunde, sagt Ihr? Ach, mein lieber Herr van Tinen, Ihr würdet mir in der That einen großen Gefallen erweisen, wenn Ihr mir dieselben nennen wolltet.«

»Ihr habt Freunde, Madame, mehr als Ihr vermuthet,« erwiderte der Kämmerer. »Betrachtet mich in allererster Linie als solchen.«

»Euch in erster Linie? ... Doch ja, Ihr habt nicht ganz Unrecht, solcher Freunde wie Euch ermangle ich in der That nicht. Ich könnte Euch drei oder vier aufzählen, die ebenso wie Ihr sich erboten haben, mich in meiner Witwenschaft zu trösten und das Bißchen, was mir noch geblieben ist und das wohl auch bald schwinden wird, mit mir zu theilen ... O, solcher Freunde, solcher Freunde« ? eine wahrhaft vernichtende Verachtung klang aus dem Tone ihrer Stimme, als die Cosel diese Worte dem jungen Manne zurief ? »habe ich in der That genug, das ist wahr!«

Ganz niedergeschmettert von der Heftigkeit dieses Angriffes wußte van Tinen nicht mehr, was er thun, was er antworten sollte ? er machte eine leichte Verbeugung und verließ langsamen Schrittes das Zimmer, verfolgt von den wahre Blitze sprühenden schwarzen Augen des erzürnten schönen Weibes.

2.
Von Berlin nach Halle

Dresden hatte sich seit der Flucht der Cosel in nichts verändert. Die Lebensweise des Hofes war noch immer dieselbe: man kannte nur den einen Zweck: sich zu zerstreuen und zu unterhalten.

König August begann zu altern, und wie es jedem blasirten Menschen, der das Leben flott genossen und sich keinen Wunsch versagt hat, zu ergehen pflegt, so begannen auch für ihn verschiedene Vergnügungen mehr und mehr ihren Reiz zu verlieren und immer schwieriger wurde es, neue Zerstreuungen für ihn aufzufinden ... Die Jugend findet an allem Gefallen, ihr bietet oft selbst das, was dem gereiften Alter Anlaß zur Traurigkeit giebt, Gelegenheit zu lachen; später nimmt das Vergnügen lebhaftere Farben an, es wird tiefer empfunden, greift mehr in das Gemüthsleben ein; endlich aber kommt das Alter und ihm erscheint alles schal und eitel.

August der Starke war bei jenem Zustand der Uebersättigung angelangt, wo das Vergnügen seinen Reiz verliert. An seinen ersten Liebschaften hatte bei all ihrer Flüchtigkeit doch das Gefühl auch noch einigen Antheil gehabt, das Herz hatte dabei mitgesprochen ? seine letzten derartigen Verbindungen indessen waren nur mehr sinnlichen Anregungen entsprungen. Der Firniß französischer Galanterie mußte dies allerdings mit golddurchwirktem Schleier verhüllen.

Die Feste folgten sich ohne Ende und wurden immer gesuchter und damit kostspieliger, und trotzdem langweilte sich König August. Selbst an der Jagd, die er früher so leidenschaftlich geliebt, fand er nicht mehr so wie früher Gefallen, obgleich es ihm noch ein Lächeln entlocken konnte, wenn seine Doggen einen angeschossenen Bären zu Boden rissen oder ein armer gehetzter Hirsch sich im Todeskampfe wälzte.

Seinen heranwachsenden Sohn in der Jagd, die ihm einige Aehnlichkeit mit dem Kriegsspiele bot, zu üben, gewährte ihm auch noch am ehesten Vergnügen. Der Anblick des Blutes gab nach seinen eigenen Worten den anderen Genüssen erst den rechten Geschmack; es sei dies ein nothwendiger Contrast zu dem süßen Lächeln der Frauen, den Entrechats der Ballet-Koryphäen und der einschmeichelnden Harmonie der italienischen Musik. Um diese zarten Melodien besser würdigen zu können, erschien es ihm unerläßlich, vorher das Brüllen reißender Thiere zu hören.

Inzwischen blieben die Feinde der Cosel durchaus nicht unthätig. Obgleich der König seinen Günstlingen zu verstehen gegeben hatte, daß er es durchaus nicht liebe, an sie erinnert zu werden, und ungeachtet er selbst es sorgfältig vermied, das Gespräch auf einen Gegenstand zu lenken, der irgendwie mit ihrer Persönlichkeit in Beziehung gebracht werden könnte, wußten doch der Haß und die Rachsucht der Gegner der Gräfin unter den verschiedensten Formen sich bei August Gehör zu verschaffen. Unter dem Vorwande, daß ihm Gefahr drohe und daß man auf Maßregeln zu seiner Sicherheit Bedacht nehmen müsse, wußten die unermüdlichen Verfolger im Gedächtniß Augusts das Andenken an die unglückliche Frau, natürlich in ihrem Sinne, stets wach zu erhalten und sie immer wieder ihm als bösartige und gefährliche Person darzustellen.

Die Gräfin erschien ihren Feinden jetzt, wo sie weit von Dresden entfernt, ihnen unerreichbar und vollkommen frei war, auch über beträchtliche Mittel verfügte ? man wußte, daß sie große Summen mitgenommen hatte ? nichts weniger als ungefährlich. Aus eigener Initiative und ohne den König davon zu verständigen, hatten denn auch Flemming, Löwendahl, Watzdorf, Lagnasco und Vitzthum Spione nach Berlin entsendet und sich untereinander über die einzuschlagenden Wege berathen, um die Gräfin unschädlich zu machen und sich ihrer bedeutenden Schätze zu bemächtigen. Leitete die Einen Rachsucht bei diesen Schritten, so war bei den Anderen unersättliche Habgier die Triebfeder. Die Cosel hatte während der Zeit ihrer Herrschaft Keinem von ihnen Schaden zugefügt, ja, mehrere dieser Herren hatten sogar ihr allein ihre Erhebung und ihr Glück zu danken. Der Kanzler Beichling zum Beispiel war nur auf ihre Verwendung wieder in Freiheit gesetzt worden; es war ihm gestattet worden, seine noch übrige Lebenszeit auf dem Lande zu verbringen und sich da nach Herzenslust seiner Neigung zur Alchymie hinzugeben. Löwendahl war von der Gräfin dem König empfohlen worden und verdankte ihr die Stellung, welche er einnahm. Von all den früheren Schmeichlern war ihr aber in Dresden nur ein einziger Freund geblieben: Haxthausen, welcher den Muth gehabt hatte, trotz alles Zuredens und aller Rathschläge Flemmings der armen Frau bis zu ihrem Ende treu zu bleiben. Auch Friesen hielt sich, obwohl ihm die Gräfin, wie wir wissen, seinerzeit ihre Hilfe versagt hatte, als er in Geldnöthen steckte, neutral und trug ihr nichts nach. Alle anderen Höflinge aber kannten kaum noch ein wichtigeres Ziel, als sie zu verderben, und sie fanden keine Ruhe, bis ihnen dies gelungen war. Kein Wunder also, daß fast kein Tag verging, an dem man nicht eine Gelegenheit gesucht und gefunden hätte, den König gegen die Gräfin aufzuhetzen.

Als van Tinen von Berlin nach Dresden zurückkehrte, war der Eindruck, den die unglückliche Frau auf ihn gemacht hatte, noch so lebendig in ihm und ihr Schicksal flößte ihm so tiefes Mitleid ein, daß er es einige Tage hindurch vermied, sich bei Hofe zu zeigen. Allein Löwendahl wachte; durch seine Spione von der Ankunft van Tinens benachrichtigt, ließ er diesen sogleich zu sich bitten.

»Wie habt Ihr die Dinge da oben gefunden?« fragte er ihn sofort nach seinem Erscheinen. »Erzählt mir alles! Wir hatten hier Gelegenheit, zu bemerken, daß der König für diese Cosel noch immer ein kleines Faible hat. Das erscheint uns gefährlich. Die Dönhoff und ihre Schwester passen uns viel besser, denn diese mischen sich nicht in die Geschäfte, schieben niemanden vor und scheinen gar keine Neigung dafür zu besitzen, den Hof zu beherrschen ... Allerdings kosten sie so viel, daß man selbst das größte Faß dabei ausschöpfen könnte, und der König muß nach seinem eigenen Geständniß anerkennen, daß Gräfin Cosel nicht so anspruchsvoll war. Aber alles in allem genommen sind sie eben doch weniger zu fürchten als die Cosel ... Also erzählt mir doch! Was treibt die Gräfin in Berlin? Hat sie noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben, hierher zurückzukehren? Spricht sie immer noch von dem famosen Heiratsversprechen und von ihrem Plane, dem König eines schönen Tages zu erschießen?«

Auf all diese Fragen antwortete van Tinen in betrübtem Tone: »Alles, was ich weiß, ist, daß diese Frau sich sehr unglücklich fühlt.«

»Unglücklich? Das ist ihre eigene Schuld. Sie konnte ja unter den schönsten Partien wählen, aber sie hat alle ausgeschlagen. Das königliche Heiratsversprechen muß ihr offenbar den Kopf verdreht haben. Sie hält sich gewiß noch immer für die Gattin des Königs, ja für die Königin von Sachsen selbst, nicht wahr?«

»Das ist allerdings wahrscheinlich,« meinte van Tinen, »denn sie ist ganz dieselbe geblieben; ich habe sie in nichts verändert gefunden.«

»Aber so sprecht Euch doch einmal deutlich aus, mein Lieber! Ihr habt mir ja noch gar nichts davon erzählt, was Ihr gesehen und gehört!«

»Ich gestehe Euch ganz offen, daß das, wovon ich Zeuge war, mir das Herz zerrissen hat. Gräfin Cosel ist noch immer gleich aufgebracht, gleich halsstarrig und durchaus nicht geneigt, irgend etwas zu verzeihen; allein, ihr Unglück hat mir Achtung eingeflößt. Sie ist wirtlich bewundernswürdig, sie ist großartig in ihrem Schmerz!«

»Dann ist sie nur um so gefährlicher,« erwiderte Löwendahl lachend. »Warum mußte aber auch ihre Jugend und Schönheit verblassen!«

»Was fällt Euch ein!« rief van Tinen begeistert, »sie ist heute schöner als jemals. In ihrem Marmorantlitz haben die Thränen, welche sie vergoß, der Kummer, den sie erleidet, nicht die geringste Spur hinterlassen. Sie hat in den letzten acht Jahren auch nicht das Mindeste an Frische und Anmuth eingebüßt, ihre Stirne zeigte nicht die geringste Falte ? kurz, sie strahlt auch heute noch in Jugend und Schönheit!«

»Desto schlimmer, desto schlimmer!« entgegnete Löwendahl. »Der König könnte sie sehen, er könnte Vergleiche ziehen zwischen ihr und der kleinen halbverwelkten Dönhoff, er könnte Reue empfinden ...«

»Gewiß,« bestätigte van Tinen, »es ist nicht wegzuleugnen, daß sie auf Jeden, der in ihre Nähe kommt, einen unwiderstehlichen Einfluß ausübt.«

»Habt Ihr mit ihr gesprochen?«

»Ja, oder vielmehr sie hat sich mir gegenüber rückhaltlos, mit der ganzen Bitterkeit, von der ihre Seele erfüllt ist, ausgesprochen.«

Nach und nach ließ sich der Kammerherr zu immer weiteren vertraulichen Mittheilungen herbei und erzählte endlich dem Hofmarschall alles, was dieser wissen wollte und setzte ihn so in den Stand, später Frau von Dönhoff einen mit allen möglichen Zuthaten versehenen Bericht zu erstatten.

Obgleich Marie Dönhoff ziemlich unüberlegt und von leichtsinnigem Charakter, dabei sehr furchtsam und zuweilen auch bösartig war, besaß sie doch nicht so wenig Gefühl, um einer armen, gehetzten Frau das Einzige, was ihr noch geblieben war, entreißen zu wollen ? ihre Freiheit. Sie fühlte sehr wohl das Unrecht, welches der Cosel widerfahren und dessen Ursache sie selbst war und es widerstrebte ihr, dem steten Andrängen der erbitterten Feinde der Gräfin nachzugeben. Sie hätte vielleicht denselben noch mehr Widerstand entgegengesetzt, wenn nicht ihre Mutter, die als vorsichtige und praktische Frau unausgesetzt darauf bedacht war, ihrer Tochter die Herrschaft so lange als möglich zu sichern, sie gezwungen hätte, mit Allen in ihrer Umgebung auf gutem Fuße zu bleiben.

Noch an dem Tage, da van Tinen ihm seine Erlebnisse in Berlin erzählt hatte, ließ Löwendahl sich bei Frau von Dönhoff melden; er wählte dazu eine Zeit, da dieselbe eben mit ihrer Schwester allein war. Er begann die Unterhaltung damit, daß er den beiden Damen allerlei Schmeicheleien sagte, wohl wissend, daß diese hiefür sehr empfänglich seien; dann machte er wie von ungefähr einige Anspielungen auf die Vergangenheit und verglich damit die jetzigen Verhältnisse, was ihn natürlich dahin führte, auch der Cosel zu erwähnen; schließlich machte er die Mittheilung, daß er einige neuere Nachrichten über die Exfavorite erhalten habe.

»Was macht sie?« fragte Frau von Dönhoff.

»Sie befindet sich in Berlin, unter dem Schutze des Königs von Preußen und macht ziemlich schlechten Gebrauch von ihrer Freiheit. Sie verwendet ihre Zeit dazu, uns Alle gehörig anzuschwärzen, den König und den ganzen Hof in den abscheulichsten Farben zu malen. Das ist gewiß crasser Undank; indessen sind wir schon daran gewöhnt. Uebrigens,« fügte er hinzu, »hätte das alles nichts zu bedeuten, wenn sie nicht bei jeder Gelegenheit ihre Drohung wiederholte, daß sie bei der ersten Begegnung mit dem König denselben erschießen werde.«

Mit einem Angstschrei sprang Frau von Dönhoff von dem Sopha, auf welchem sie sich niedergelassen, auf, sich die Hand vor die Augen haltend; Frau von Potzki indessen zuckte leicht die Achseln und sagte gleichgiltig: »Das sind tolle Einfälle, derentwegen man sich nicht zu beunruhigen braucht.«

»Wir würden ebenso wie Ihr denken,« erwiderte Löwendahl, »wenn wir Frau von Cosel nicht kennen würden. Ich, der ich die Ehre habe, ihr Cousin zu sein, kenne sie nur zu gut! Sie ist eine Frau, welche nie ohne Grund oder ohne die Absicht, ihre Worte zu verwirklichen, etwas sagt.«

»Glücklicherweise,« meinte Frau von Potzki, »hat es durchaus nicht den Anschein, daß sie sobald in die Lage kommen wird, dem König zu begegnen.«

»Ja, glaubt Ihr denn, meine Gnädige,« warf Löwendahl ein, »daß sie geduldig abwarten wird, bis sich ihr eine passende Gelegenheit darbietet? ... Da kennt Ihr dieses Weib wirklich schlecht! Hat sie sich nicht unbemerkt auf eine Maskerade einzuschleichen gewußt? Wer will sie daran hindern, daß sie in irgend einer Verkleidung nach Dresden kommt, hier dem König auf der Straße auflauert und ihr unglückseliges Vorhaben ausführt?«

»Ja wohl,« rief Frau von Dönhoff, »dessen ist sie gewiß fähig! O, ich ahne Schreckliches! Der König handelt sehr unklug. Diese Frau sollte ... Mein Gott, ich weiß nicht, was man mit ihr anfangen sollte ... indessen ...«

»Madame,« unterbrach sie Löwendahl, »wer seine Freiheit so schlecht anwendet und sich gewillt zeigt, Anderen Schaden zuzufügen, der muß seiner Freiheit verlustig erklärt und unschädlich gemacht werden ... Ihr werdet wohl verstehen, was ich meine?«

Die beiden Frauen schwiegen; gleichzeitig fuhr ihnen der Gedanke durch den Kopf, daß das Schicksal der Cosel sehr leicht eines Tages auch dasjenige von Marie Dönhoff sein könnte. Löwendahl schien ihre Gedanken zu errathen, denn er fügte sogleich hinzu: »Seine Majestät hat sich niemals gegen Frauen, deren Rolle bei Hof zu Ende ging, allzu streng erwiesen; ich könnte Euch diesfalls als Beispiele Damen bezeichnen, welchen Ihr hier schon begegnet seid ? allein es giebt Umstände ...«

Inzwischen war Frau von Bielinska eingetreten. Sie war unbestritten die Klügste von den drei Damen. Trotz ihres vorgerückten Alters kleidete sie sich stets mit großer Sorgfalt. Sie trat alle Augenblicke zum Spiegel und musterte ihre Toilette, um nachzuhelfen, wenn etwas in Unordnung gerathen war, vielleicht damit ihre sehr sorgfältig gepflegte und mit kostbaren Ringen bedeckte feine weiße Hand gehörig zur Geltung gelange.

Bei ihrem Eintritte begrüßte sie Löwendahl mit einem verbindlichen, halbvertraulichen Lächeln; nachdem sie einen raschen, Blick auf ihre Töchter geworfen, mischte sie sich sogleich in das Gespräch.

Frau von Dönhoff theilte ihr die Befürchtungen mit, welche die Erzählung des Hofmarschalls in ihr erregt hatte. Frau von Bielinska kannte, wenn es sich um ihre Töchter handelte, keine Rücksicht und kein Mitleid mehr; in diesem Punkte war sie äußerst empfindlich. Ihre Töchter galten ihr alles und was sie und ihre Zukunft bedrohte, brachte sie außer sich und stachelte ihren ganzen Haß und ihre Rachsucht auf.

Nachdem sie die Erzählung ihrer Tochter angehört, rief sie ganz aufgebracht: »Das ist wahrhaftig zu viel! Gegen eine Wahnsinnige darf man die Rücksicht nicht zu weit treiben. Der König ist zu gut. Diese Person greift ihn unausgesetzt an, beleidigt, beschimpft und verspottet ihn und wenn ihm ein Unglück widerfährt, wird man sich nur an sie zu halten haben ... Dem muß endlich ein- für allemal ein Ende gemacht werden.«

Man kam zuerst überein, daß Marie den König neuerdings zu warnen habe; nach einiger Ueberlegung jedoch entschloß sich die Marschallin, welche befürchtete, daß ihre Tochter diese Aufgabe nicht in genügender Weise erfüllen könnte, selbst die Sache in die Hand zu nehmen, nachdem Marie diesfalls dem Könige einige Andeutungen gemacht haben würde.

Da Löwendahl die Sorge für die Befriedigung seines Rachedurstes in so guten Händen wußte, zog er sich beruhigt zurück.

An diesem Abend fand im Hesperidengarten ? wie man den Zwinger später benannt hatte ? ein großes Ballfest statt. Dieser Garten war ganz im Geschmack jener Zeit angelegt. Die Blumenbeete und Rabatten waren mit Buchs eingefaßt; Springbrunnen, Grotten, mythologische Statuen boten eine reizende Abwechslung. Der Garten war namentlich Abends, wenn er taghell beleuchtet wurde, von überraschendem Effect. Im prächtig arrangirten Orangenwäldchen waren Sitze angebracht, die während des Tages Ruhebedürftigen einen willkommenen schattigen Aufenthalt und bei Nacht lauschige Verstecke boten. Auf den Balkons der Galerie, welche das Palais umgab, spielten Orchester, deren Melodien, von dem leichten Abendwinde entführt, sich in der Ferne verloren. In der Mitte des Gartens war ein riesiges, prächtig geschmücktes und erleuchtetes Zelt aufgerichtet und hier sollte nach den Souper der Ball stattfinden.

König August trug an diesem Abende einen prächtigen Anzug aus blauer Seide; derselbe war reich mit Silber aufgeputzt und mit Stickereien und Spitzen bedeckt. Er erschien heute jünger als sonst. Frau von Dönhoff, die sich in einer kostbaren Robe aus hellblauer Seide dicht an seiner Seite hielt, sah reizend aus; sie bot im Vereine mit ihrer Schwester alles auf, um den König zu unterhalten und den tausenderlei Spässen und frivolen Bonmots, die da aufgetischt wurden, war es zu danken, daß man einen Theil des Abends unter Lachen und Scherzen verbrachte.

Frau von Potzki und deren Schwester verstanden und ergänzten sich aufs vortrefflichste und obgleich ihre beiderseitigen Beziehungen zum König wohl geeignet gewesen wären, die Eifersucht der Einen gegen die Andere zu erregen, war doch bei keiner der beiden Damen auch nur eine Spur hiervon zu bemerken. Frau von Potzki war anscheinend zarter gebaut als ihre Schwester, war aber nichtsdestoweniger ausdauernder als diese. Ein von ihr in Begleitung eines Cavaliers unternommener Ritt von Warschau nach Danzig und zurück, ein Ritt, der mit solcher Schnelligkeit durchgeführt wurde, daß selbst ein geübter Reiter dadurch erschöpft werden konnte, und nach welchem sie nur einen einzigen Tag zu ihrer Erholung brauchte, hatte in Sachsen und Polen Aufsehen gemacht. Im Gespräche wußte sie ihrer Schwester immer im rechten Augenblick zu Hilfe zu kommen. Für diesen Tag hatte die Mutter ihr die nöthigen Weisungen gegeben; das Gespräch sollte nämlich auf die Cosel geleitet werden.

August verfiel nach kurzer Zeit wieder in seine gewöhnliche Ermüdung und Schläfrigkeit. Frau von Potzki benutzte dies, um im Laufe des Gespräches dem König in vorwurfsvollem Tone vorzuhalten, daß er sich früher, zu den Zeiten der Cosel, anscheinend viel besser unterhalten habe und mehr Vergnügen zu finden schien als jetzt, so daß es beinahe so aussehe, als ob er den Abgang der Frau von Cosel bedauere.

Der immer galante August beeilte sich natürlich zu antworten, daß es in Gesellschaft so schöner und liebenswürdiger Damen ganz unmöglich sei, Jemanden zu vermissen oder an irgend jemand Anderen zu denken.

Frau von Dönhoff ergriff rasch die Gelegenheit, hing sich an den Arm Augusts und begann nun ebenfalls von der Cosel zu sprechen; allein wie gewöhnlich fand sie sich sehr schlecht in die ihr zugewiesene Rolle, so daß ihre Mutter, die schon auf den geeigneten Moment wartete, gar bald zu interveniren genöthigt war, und nun ergossen sich Beide in Klagen und Befürchtungen betreffs der Gräfin.

Der König, über diesen doppelten Angriff überrascht, schien davon etwas unangenehm berührt zu sein. Er schwieg anfangs beharrlich, zuletzt erwachte er indessen doch aus seiner Träumerei.

»Liebe Marie,« sagte er, »macht Euch keine Sorge über mein Schicksal! Es wachen ja doch mit und ohne meinen Willen so viele eifrige Diener über meine Person; sie werden schon dafür sorgen, daß mir kein Leid widerfährt, dessen könnt Ihr versichert sein. Im Uebrigen liebe ich es nicht, von diesen Dingen zu sprechen ... Lasset uns tanzen gehen!«

Der Angriff war damit abgeschlagen, es erübrigte nichts anderes, als die Sache vorläufig fallen zu lassen. Nach dem Souper indessen, als man in kleinerem Kreise zu zechen begonnen hatte, wollten Flemming und Löwendahl den Versuch erneuern. Lange ließ sie der König ungestört fortschwatzen, obgleich ein aufmerksamer Beobachter aus der Art, wie er seine olympische Stirne in Falten zog, entnehmen konnte, daß ihm dieses Thema nicht eben angenehm sei.

»Höre, mein lieber Löwendahl,« sagte er endlich mit einem Anflug von Ironie, »Du giebst mir heute in der That einen großen Beweis von Deiner Anhänglichkeit an meine Person, indem Du mich vor der Gräfin, die ja doch Deine Cousine ist und welcher Du Deine heutige Stellung verdankst, warnst. Ich sollte mich eigentlich für den Dienst, den Du mir damit erweisest, erkenntlich zeigen, indessen kann ich Dir nicht verhehlen, daß Dein Benehmen mich einigermaßen in Erstaunen setzt ... Ich bitte Euch, überlasset doch mir allein die Sorge für meine Sicherheit!«

Löwendahl wußte hierauf nichts zu erwidern; er unternahm indessen trotzdem auf dieser Soirée noch einen Versuch, indem er van Tinen geschickt dahin zu bringen wußte, daß dieser dem König über seine Berliner Reise Bericht erstattete; August, der den Kammerherrn bekanntlich nicht recht leiden mochte, hörte ihm nur mit halbem Ohr zu und würdigte ihn keines Wortes.

Die Verschworenen sahen bald ein, daß sie einen falschen Weg eingeschlagen hatten und daß sie andere Mittel anwenden müßten, um zu ihrem Ziele zu gelangen.

*

Obgleich Gräfin Cosel fest entschlossen war, in Berlin ein sehr zurückgezogenes Leben zu führen, sah sie sich doch gar bald gezwungen, diesen Entschluß aufzugeben. Der Ruf ihrer Schönheit und ihres Geistes war ein so allgemein verbreiteter, ihre Persönlichkeit so interessant, daß man sich beeilte, ihre Bekanntschaft zu machen. ? Dazu kam noch, daß die Gräfin die meisten Angehörigen des Berliner Hofes, namentlich seit der Zeit, da der Preußenkönig in Sachsen verweilt hatte, kannte.

Die Cavaliere am Hofe Friedrich Wilhelms I., die an den täglichen Paraden, die ihren König so sehr fesselten, durchaus keinen Gefallen finden konnten und sich auf den Soiréen, welche abwechselnd beim König und bei der Königin stattfanden, entsetzlich langweilten, sehnten sich darnach, anderwärts einige Zerstreuung zu finden.

Meistens hielt sich König Friedrich Wilhelm in Potsdam oder in Wusterhausen auf. Um zehn Uhr wohnte er täglich der Ablösung der Wachen bei, dann empfing er die Minister oder machte einen Spaziergang. Der Nachmittag war stets dem Empfange hoher Militärs oder von Fremden gewidmet; dann nahm der König im Kreise seiner Familie ein bescheidenes Mahl ein und arbeitete hierauf in seinem Cabinet. Abends erschien er in den Empfangssalons, wo sich die Königin, einige Hofdamen und ab und zu ein vornehmer Fremder einfanden; man spielte dabei Piquet, LHombre, Tric-Trac und rauchte dazu. So verlief das Leben bei Hofe im Familienzirkel ziemlich einförmig. Gewöhnlich trennte man sich um elf Uhr. War der König abwesend, so empfing die Königin um sieben Uhr Abends; es wurden von ihr manchmal mehrere Personen zum Souper geladen. In diese einfache Lebensweise brachte nur selten irgend eine von einem oder dem anderen hohen Staatswürdenträger veranstaltete Soirée einige Abwechslung.

Wie man sieht, konnte Berlin keinen Vergleich mit dem lärmenden Treiben in Dresden aushalten. Am preußischen Hofe lachte man insgeheim über den sächsischen und spottete nicht wenig über die ritterlichen Vergnügungen des Königs August, die niemand ernst nahm.

Die sächsische Armee war äußerst prächtig ausgerüstet; die Uniformen derselben strotzten von Goldborten, Federn etc., während die preußische Armee sich in ihren groben blauen Kleidern sehr wenig elegant ausnahm, nur die Hußaren in ihren rothen Uniformen, welche die ganze Armee herausputzen mußten, machten eine Ausnahme. Die Officiere unterschieden sich in ihrer Ausrüstung nur sehr wenig von den gemeinen Soldaten. Bezüglich der Fahnen herrschte derselbe Unterschied; an Stelle der prächtigen Standarten mit lebhaftem Farbenspiel, die man in Sachsen führte, waren in Preußen nur einfache Fahnen zu sehen, auf deren weißem Felde, wenn sie im Winde flatterten, man einen schwarzen Adler mit ausgebreiteten Flügeln wahrnahm, über dessen Kopf die stolze Devise prangte: » Nec soli cedit!? ? ein kühner Wahlspruch, welchen allerdings die Ereignisse einer früheren Zeit rechtfertigten!

Man konnte sich kaum zwei Charaktere denken, die mehr darnach beschaffen waren, einander abzustoßen, kaum zwei Persönlichkeiten auffinden, welche mehr voneinander verschieden waren, als Friedrich Wilhelm von Preußen und Friedrich August von Sachsen.

Seit dem Tage, da der König von Preußen von Frau von Pannewitz, der gegenüber er sich einen Spaß erlaubte, welcher die Grenzen der Wohlanständigkeit überschritt, wie man sich erzählte, eine Ohrfeige erhalten hatte, schaute Friedrich kein Weib mehr an und war der treueste aller Ehemänner geworden. Seine Familie wurde von ihm sehr streng gehalten und in seinem Haushalte herrschte so große Sparsamkeit, daß man sich von der königlichen Tafel nicht allein mit völlig klarem Kopfe, sondern nicht selten auch noch mit gutem Appetit erhob. Die Ordnung wurde in Staat, Stadt, Haus, Familie und Armee bis zum starrsten Pedantismus getrieben. Wohl hatte es der Adel schon mehrmals versucht, sich gegen das ihm auferlegte Joch aufzulehnen; allein der König hatte die Widerspenstigen stets wieder zum Gehorsam zurückzuführen gewußt und gezeigt, daß seine Autorität wie ein Fels stand und durch nichts zu erschüttern war ... Die Tafel war bei Hofe, wie schon erwähnt, ganz bürgerlich gehalten. Stets wurde nach dem Essen ein Tischgebet gesprochen. Man aß für gewöhnlich auf einfachen Tellern, und nur wenn fremde Gäste zugezogen waren, wurde auf Silbergeschirr servirt, welches aber nach dem Diner sofort in den Schränken wohl verwahrt wurde.

Wohl hatte der König auch seine besonderen Vergnügungen, allein sie bewegten sich in ganz anderer Richtung als diejenigen Augusts des Starken. Wenn nach dem mageren Souper die Königin sich erhob und sich in ihre Appartements zurückzog, fand sich der König mit seinen Vertrauten zum Tabakcollegium zusammen, das heißt, man begab sich in einen kleinen Saal, wo den Gästen, ob sie nun rauchen wollten oder nicht, holländische Pfeifen gereicht wurden. Hier, an einem in der Mitte des Saales stehenden langen Tische sitzend, konnten sich die Raucher wohl etwas mehr Freiheit als gewöhnlich herausnehmen; es wurde hier sehr viel medisirt, und wer da in die Arbeit genommen wurde, von dem blieb nicht viel Gutes übrig. Jeder der Theilnehmer an dem Rauchcollegium, zu dem hier und da auch Fremde von Namen oder Rang zugezogen wurden, erhielt einen Humpen Bier vorgesetzt ? darin bestand aber auch die ganze Bewirthung. Das größte Vergnügen war es für Friedrich, sich über diesen oder jenen Gelehrten, über Mitglieder der hohen Aristokratie oder über seine Gesandten lustig zu machen. Nachdem man einige Schoppen getrunken hatte, nahmen die Scherze nicht selten eine etwas derbe Gestalt an, ja, es kam hier und da sogar zu Handgreiflichkeiten. Indessen blieben alle diese Auftritte ohne ernstere Folgen, wenn auch Einer oder der Andere in Folge derselben auf einige Tage das Bett hüten mußte.

Nicht selten wurden auch zu bestimmten Zwecken eigene Capitel im Tabakcollegium arrangirt. So z. B. wurde als Thema der Verhandlungen aufgestellt: daß die Gelehrten lauter Narren seien. Dann erschien auf einem improvisirten Katheder irgend einer der Theilnehmer dieser sonderbaren Collegien in einer blauen Sammtrobe, mit einer Perrücke mit langem Zopfe und perorirte zur großen Belustigung des Königs eine Stunde lang über das gegebene Thema.

Dies waren die einzigen Vergnügungen am preußischen Hofe. In Dresden machte man sich über Berlin lustig, in Berlin aber betrachtete man die sächsische Hauptstadt als einen wahren Höllenpfuhl. König August von Polen galt für einen Atheisten; der König von Preußen war im Gegentheile sehr fromm, aber nach seiner Art. Man erzählt sich darüber unter Anderem folgende Anekdote: Ein Kammerdiener, der eben erst seinen Dienst angetreten hatte, sollte nach dem Souper das Abendgebet sprechen; als er nun zu den Worten kam: »Gott segne und beschütze Dich,« hielt er es für passender, da er gegen den König gewendet sprach, diese Formel in die höflichere umzuwandeln: »Gott segne und beschütze Euch.« Dies mißfiel aber dem König gar sehr. »Esel!« schrie er ihn an, »lies wie es dasteht; vor Gott bin ich gerade so gut ein Hundsfott wie Du!«

Nach den zweifelhaften Vergnügungen des Tabakcollegiums, nach den mageren Hofdiners seufzte mehr als ein Höfling unwillkürlich nach besserer Gesellschaft, minder derben Witzen und einer anregenderen und geistvolleren Conversation. Die Bekannten der Frau von Cosel begannen daher allmählich ihr Haus fleißiger zu besuchen; die arme gelangweilte Frau öffnete diesen Gästen mit Vergnügen ihre Thür und bald kam jeden Abend Dieser und Jener einzeln und in aller Stille, denn in Berlin war es niemandem gestattet, zu viel Aufsehen zu machen.

König Friedrich, der von Allem, was in der Hauptstadt vorging, stets wohl unterrichtet war, wußte von diesen Besuchen, erwähnte aber nichts davon. Dies ermuthigte außer anderen Cavalieren auch einige Offiziere, der Gräfin ihre Huldigungen darzubringen. Sie kamen in der Regel vor dem Souper, und da Gräfin Cosel oft bis in die späte Nacht hinein aufblieb, so verlängerten sich die Besuche nicht selten bis Mitternacht. Dann wurde das Hausthor geräuschlos geöffnet und die Herren gingen vergnügt und friedlich nach Hause.

Anna von Cosel that sich in ihrer Unterhaltung betreffs dessen, was sie von Dresden und über den König von Polen erzählte, durchaus keinen Zwang an; denn sie glaubte den Charakter des Preußenkönigs zu genau zu kennen, um vorauszusetzen, daß er für seinen prachtliebenden und leichtsinnigen Nachbar besonders eingenommen sei.

Discretion war nun aber nicht gerade die hervorstechendste Eigenschaft der liebenswürdigen Gäste, welche die Gräfin empfing, und da sie sich gar keine Mühe gab, die Empfindungen, welche sie gegen den leichtfertigen August hegte, zu verbergen, so wurde in Berlin bald allerhand über dieses Thema geschwatzt; manches pikante Anekdötchen drang durch die bei ihr Aus- und Eingehenden bis in die intimsten Hofkreise, und man ermangelte nicht, im Tabakcollegium auch den König damit zu unterhalten; man lachte und scherzte über die Sache und nur manchmal schüttelte der König befremdet den Kopf; er schien darüber erstaunt zu sein, daß die Gräfin sich in so kühner, unverhohlener Weise über einen Monarchen ausließ, dem gegenüber er die herzlichste Zuneigung und die größte Achtung heuchelte.

Eines Abends, als wieder mehrere junge Höflinge ihrer Gewohnheit gemäß bei der Gräfin weilten und die Unterhaltung sich eben sehr lebhaft fortspann, wurde man plötzlich durch den Eintritt eines alten bekannten Generals, einen der Intimsten aus dem Tabakcollegium, überrascht. Die Anwesenheit dieses unerwarteten Gastes wirkte einigermaßen erkältend auf die vorher mit jugendlicher Lebhaftigkeit geführte Unterhaltung ein; nur die Gräfin nahm von seiner Anwesenheit weiter keine Notiz und fuhr ungenirt in ihren Ausfällen gegen den sächsischen Hof und König August fort.

Kopfschüttelnd hörte der alte General dem Gespräche zu. Er schien über das, was er hier zu hören bekam, nicht wenig erstaunt zu sein. Er blieb bis nach Mitternacht, und als bereits Alles fort war, zögerte er noch immer, sich zu entfernen, so daß die Reihe des Erstaunens nun an die Gräfin kam. Endlich erhob sich der bis dahin ziemlich wortkarg gebliebene Soldat und näherte sich in ehrerbietigster Haltung der Gräfin, um sich von ihr zu verabschieden.

»Erlaubt mir, Frau Gräfin,« sagte er mit einer ceremoniösen Verbeugung, »eine kurze Bemerkung. Ohne Zweifel verbringt man seine Zeit bei Euch sehr angenehm; allein obgleich Thüren und Fenster gut verschlossen sind, dringt doch manches Wort von dem, was hier gesprochen wird, bis auf die Straße. Wie leicht kann irgend ein ungünstiger Wind diese Worte an die Ufer der Elbe tragen, wo sie zweifellos Seine Majestät den König von Polen, unseren liebenswürdigen Nachbar und Alliirten, sehr verletzen müßten! Er könnte sich dann mit Recht darüber aufhalten, daß unser König in seiner Hauptstadt für ihn so beleidigende Aeußerungen von Mund zu Mund gehen läßt. Das wäre natürlich für unseren Monarchen sehr unangenehm ...«

Gräfin Cosel hatte überrascht den Worten des Generals zugehört und mehr und mehr verfinsterten sich ihre Züge.

»Wie,« rief sie nun, »darf man denn bei Euch nicht einmal in seiner eigenen Wohnung, zwischen seinen vier Mauern mehr reden, wie es Einem ums Herz ist?«

»O, ganz im Gegentheil,« erwiderte der General, »es steht Jedem hier vollständig frei, zu sagen, was ihm beliebt ? nur kann es dann eben passiren, daß man gezwungen ist, irgend eine Reise zu unternehmen, auch wenn man nicht gerade Lust dazu hat.«

»Gilt das etwa mir? ... Was, man wollte es wagen ...«

»Liebe Frau Gräfin,« antwortete der General mit einem Seufzer, »das gilt für Euch ebenso gut wie für jeden Anderen. Bei uns geht eben alles streng nach militärischer Disciplin. Die Einrichtungen unseres Landes sind nun einmal so und die Ordnung erfordert das ... Deshalb möchte ich Euch auch gerathen haben, Euere Abende künftighin lieber mit Piquet- oder Tric-Trac-Spielen zu verbringen ? das ist ja ganz amüsant und man läuft keine Gefahr dabei.«

Die Gräfin ließ traurig den Kopf hängen und antwortete nicht auf diese Ermahnung.

»Ihr glaubt vielleicht, Madame,« fuhr der Besuch fort, »daß das nur die Meinung eines alten Schwätzers sei, der die Dinge bloß von seinem beschränkten Standpunkte aus betrachte. Ihr könnt überzeugt sein, daß dem nicht so ist ... Vielleicht hat mich irgend Jemand beauftragt, Euch zu warnen.«

Nach diesen Worten zog sich der General grüßend zurück und ließ die ganz verblüffte und niedergeschlagene Gräfin allein.

Indessen nahm sie durchaus keine Rücksicht auf die ihr gewordene Warnung, und als an den nächsten Tagen ihre gewohnten Gäste sich wieder einfanden, sprach sie so viel und so rückhaltslos, daß man glauben konnte, sie könne es kaum erwarten, bis sich ihr jene Strenge fühlbar machen werde, an welche sie nicht recht glauben mochte.

Bald darauf aber erschien ganz unerwartet eines schönen Morgens der Statthalter von Berlin, General von Wartensleben, bei der Gräfin. Er grüßte sie höflich und begann dann eifrig seinen mächtigen Schnurrbart zu drehen. Nach diesen Präliminarien fragte er Frau von Cosel mit verbindlichstem Lächeln, ob es wahr sei, daß sie ihr Domicil zu wechseln gedenke und daß sie sich einen etwas ruhigeren Zufluchtsort ausgewählt habe ? zum Beispiel Halle.

»Ich ? nach Halle?« entgegnete die junge Frau höchlich betroffen. »Und was sollte ich denn in Halle zu suchen haben?«

»Nun, die Luft ist dort sehr gesund, die Gegend ist sehr hübsch und ? was das Angenehmste ist ? es ist dort sehr ruhig. Ihr werdet Euch da sehr wohl befinden, denn es giebt kaum einen schöneren Aufenthalt als Halle.«

Die Gräfin wußte nicht, was sie darauf antworten solle; ihre Ueberraschung wuchs bei jedem Worte des Statthalters.

»Aber, mein Herr,« stieß sie endlich heraus, »ich habe ja gar niemals daran gedacht, nach Halle zu gehen!«

»Das ist ganz einerlei,« erwiderte Wartensleben, »es hat irgend jemand dem König mitgetheilt, daß Ihr den Wunsch hegt, dorthin zu übersiedeln, und Seine Majestät hat sogleich die nöthigen Befehle ergehen lassen, damit der Erfüllung dieses Eueres Wunsches nichts im Wege stehe und daß Ihr an Euerem neuen Aufenthaltsorte mit aller möglichen Rücksicht behandelt werdet. Nun ist, wie Ihr wohl einsehen werdet, ein Befehl des Königs etwas Unwiderrufliches, und es ist das Beste, sich dem zu fügen und nach Halle abzureisen.«

Mehrere Minuten hindurch war die Gräfin keines Wortes mächtig; sie rang verzweifelnd die Hände und weinte bitterlich.

»Also ein Befehl,« sagte sie endlich, »eine Ausweisung ? und wofür denn?«

»Der König meint, daß Ihr dort besser aufgehoben sein werdet. Ihr glaubt gar nicht, Frau Gräfin, wie in den Straßen Berlins das Echo jedes Wort auffängt und ? unendlich verschärft und vergrößert ? weiterträgt. Ihr werdet Euch in dieser Hinsicht in Halle bedeutend beruhigter fühlen können. Dort hört und belauscht Euch niemand, Ihr seid dort viel freier und ungezwungener ...«

Nach diesen Worten erhob sich der General, um Abschied zu nehmen.

»Es ist übrigens nicht nöthig, Frau Gräfin,« fügte er noch hinzu, »daß Ihr Euch besonders beeilet. Wenn es Euch nicht möglich sein sollte, morgen schon abzureisen, könnt Ihr damit auch bis übermorgen Früh warten. Das Wetter ist sehr schön zum Reisen; Ihr könnt auch kleine Etappen machen. Da die Wege indessen nicht überall sehr sicher sind, hat Seine Majestät geruht, Euch eine kleine Escorte anzubieten, die Euch bis an Eueren Bestimmungsort führen und begleiten wird. Das ist eine ganz beispiellose Galanterie von Seiten unseres Königs und Ihr werdet es ihm gewiß Dank wissen.«

In höflichster Weise verbeugte sich nun General Wartensleben und überließ die Gräfin ihrer Bestürzung.

Sie fühlte sogleich, daß dieser Schlag von Dresden aus geführt wurde; man wollte offenbar nicht, daß mehr von ihr gesprochen werde, man arbeitete darauf hin, sie in aller Stille verschwinden zu lassen und sie zu zwingen, sich in ihr Schicksal zu ergeben. Der stolze, unbeugsame Geist dieser Frau empörte sich auf das heftigste bei diesem Gedanken; jeder Schlag, der sie traf, verdoppelte nur ihre Energie.

Noch an demselben Tage gab Anna von Cosel Befehl, alles zur Abreise vorzubereiten und die nöthigen Pferde zu bestellen; ohne ein Wort zu sagen, führte der stets treue und ergebene Zaklika ihre Weisungen aus.

Als der Wagen, der die Gräfin Cosel von Berlin wegbringen sollte, vor ihrem Hause hielt, hatte sich eine Menge Neugieriger daselbst angesammelt; als sie diese schöne, junge Frau ganz in Trauer gekleidet, mit hoch erhobenem Kopfe und majestätischen Schrittes aus dem Hause kommen und zum Wagen schreiten sahen, zogen sie sich scheu und ehrerbietig zurück; die Scene machte ganz den Eindruck, als ob hier ein Opfer zum Schaffot geführt werden solle.

3.
Gefangene des Königs von Preußen

In einer der engen Straßen von Halle zog seit einiger Zeit eine ganz merkwürdige Erscheinung in den Fenstern des ersten Stockwerkes eines einfachen, ja sogar ziemlich ärmlich aussehenden Hauses die Aufmerksamkeit der neugierigen Kleinstädter auf sich.

Ganze Tage lang konnte man in der Umrahmung eines dieser Fenster eine junge Frau von engelgleicher Schönheit sehen, das Auge unverwandt auf einen Punkt gerichtet, unendliche Traurigkeit über die feinen Züge gelagert und in düsteres Brüten versunken. Die Haltung und der Gesichtsausdruck dieser Frau hatten etwas Majestätisches und unwillkürlich fühlten sich die Vorübergehenden von einer gewissen Ehrfurcht ergriffen. Niemand kannte sie; erst ganz kurze Zeit zeigte sich die in allen Herzen Mitleid und Verwunderung erregende Erscheinung; ein einziger Blick auf sie ließ errathen, daß man es hier mit einer von schwerem Unglück Gebeugten zu thun habe. Stundenlang konnte man sie beobachten; ganz in Träumerei versunken und unbeweglich wie eine Statue, schien sie gar keinen Antheil an dem zu nehmen, was außer ihr vorging, nie fiel ihr Blick in die Straße und haftete an dem Antlitz eines der Vorübergehenden. Sie war ganz und gar von ihren Gedanken über die Vergangenheit oder die Zukunft in Anspruch genommen. Nur manchmal, wenn sich Gruppen von Neugierigen vor dem Hause bildeten und deren Flüstern und Murmeln bis zu ihr drangen und sie in die Wirklichkeit zurückrief, fuhr sie erschreckt auf und floh vom Fenster weg.

Die Thüren des Hauses, das die interessante Fremde bewohnte, waren beständig geschlossen. Die Frau schien durchaus keine Verbindung mit der Außenwelt zu haben, denn sie empfing gar keine Besuche. Eine Dienerin holte ihr zu den Mahlzeiten die Speisen aus einem benachbarten Wirthshause. Nur manchmal sah man einen jungen, eleganten Cavalier an das Hausthor pochen; ihm wurde Einlaß gewährt; indessen war sein Besuch immer nur von kurzer Dauer und er erschien stets gar bald mit trauriger Miene wieder. Die zahlreichen Studenten der alten Universitätsstadt, deren Aufmerksamkeit natürlich die interessante Unbekannte sofort erregt hatte, hielten ihn für den Geliebten der schönen Frau; indessen hatte es nicht den Anschein, daß dem so sei.

Bald sprach ganz Halle fast von nichts Anderem als von der schönen Fremden. Vergeblich mühte man sich ab, das Räthsel zu lösen, das dahinter stecken mußte. Unschwer war zu erkennen, daß man es mit einer Dame der feinen Welt zu thun habe; die stolze Haltung, wenn sie trotzig sich vom Fenster zurückzog, ließ errathen, daß diese Frau daran gewöhnt war, sich den Blicken der Menge ausgesetzt zu sehen, obgleich sie jetzt mit majestätischer Würde sich denselben, die sie vielleicht ehedem gesucht hatte, entzog.

Vergebens gaben sich die Nachbarn alle Mühe, den Eigenthümer des Hauses und seine Frau auszuforschen, vergebens bot man den Dienern des Hauses Geld an, um irgend etwas über die Fremde zu erfahren. ? Allen schien der Mund verschlossen zu sein. Die Befragten blickten verstohlen nach allen Seiten, zuckten die Achseln und antworteten, daß sie nichts weiter wüßten, als daß die Frau von weit hergekommen, keine Preußin und sehr krank sei. Außer den Neugierigen und Müßiggängern, welche zuweilen das Haus umstanden, sah man nicht selten auch wie zufällig Leute die Straße passiren, welche nicht schwer als Spione zu erkennen waren; bald war es ein Soldat, der, die Blicke nach den Fenstern der Fremden gerichtet, vor dem Hause mehrmals auf und ab ging; bald ein in Civil gekleidetes Individuum, dessen Gang und Haltung deutlich den Militär erkennen ließ. Abends traf von Zeit zu Zeit eine Gruppe Soldaten hier zusammen, welche oft stundenlang auf der anderen Seite der Straße bei einander stehen blieben.

Der Leser hat zweifellos längst errathen, daß die schöne Unbekannte, welcher all diese Aufmerksamkeiten galten, keine Andere war als die Gräfin Cosel. Aber wie hatte sich alles bei ihr geändert!

In Berlin konnte die Gräfin ungehindert gehen und kommen, wohin sie wollte; alle Wege standen ihr offen und bis in die letzte Zeit ihres dortigen Aufenthaltes war es ihr unbenommen, Berlin frei zu verlassen und sich zu wenden, wohin es ihr beliebte. In Halle war das ganz anders ? hier war sie Gefangene. Zaklika, der ihr selbstverständlich auch hierher gefolgt war, hatte ihr am Morgen nach ihrer Ankunft mitgetheilt, daß alle Ausgänge des Hauses überwacht werden, und daß sie in dieser Stadt eine Gefangene sei. Raimund selbst konnte anstandslos aus- und eingehen; anders aber stand es mit seiner Herrin, welcher jede Freiheit benommen war. So hatte sie gleich Sonntags, als sie zur Kirche gehen wollte, die Bemerkung gemacht, daß man ihr auf Schritt und Tritt folge; nach dieser Wahrnehmung kehrte sie sofort um und ging nach Hause zurück.

Der Hausherr, sowie seine Frau begegneten ihr stets ehrerbietig und bezeigten ihr auf jede Weise ihre Achtung; sie konnte indes kein Vertrauen zu ihnen gewinnen. Das ganze Haus stand im Dienste der Preußischen Regierung und man konnte unschwer erkennen, daß alle Maßregeln getroffen waren, um sich der Person der Gräfin zu versichern und dieser jeden Weg zur Flucht abzuschneiden. Der Hausherr war von wenig einnehmendem Aeußern und sein Gesicht verrieth List und Verschlagenheit; seine sehr blaß aussehende Frau ging geräuschlos ab und zu und vermied sichtlich jede Gelegenheit zu längerer Conversation. Zaklika hatte anfangs versucht, sich den Beiden zu nähern und ein Gespräch mit ihnen anzuknüpfen, allein sie zogen sich so rasch und auffällig vor ihm zurück, als wäre er ein Pestkranker.

Drei Tage nach der Ankunft der Gräfin in Halle wurde ihr der Kammerherr van Tinen gemeldet. Sie konnte bei der Nennung dieses Namens eine Bewegung der Ungeduld und Abneigung nicht unterdrücken; trotzdem befahl sie, den Besuch vorzulassen.

Als der junge Cavalier eintrat, schien er sichtlich verwirrt zu sein, als ob er nicht wüßte, was er sagen solle. Er sah übrigens sehr bleich und niedergeschlagen aus.

Die Gräfin empfing ihn mit den Worten: »Wollt Ihr mir gefälligst mittheilen, mein Herr, worin Euer Auftrag an mich diesmal besteht; denn ich setze voraus, daß es nicht Mitleid für mich ist, was Euch hierher geführt hat, sondern vielmehr ein Befehl Eueres Königs.«

»Da irret Ihr doch ein wenig, Frau Gräfin,« antwortete van Tinen; »sowohl das Eine wie das Andere führt mich zu Euch ... So peinlich nun aber auch der Auftrag ist, mit dem man mich betraute, habe ich es doch für besser gehalten, daß ich der Ueberbringer desselben sei, statt irgend ein Anderer, der vielleicht die Rücksichten, die man Euerem Unglück schuldet, außer Acht gelassen hätte.«

»O, ich bitte sehr, nehmet durchaus keine Rücksicht auf mich,« erwiderte die Gräfin; »sprecht unverhohlen. Ich bin zwar sehr leidend, aber ich werde all meinen Muth zusammenraffen, um die neue Botschaft zu hören. Ich bin ja ohnedies schon auf alles gefaßt und vorbereitet.«

»Ach, gnädige Gräfin,« sagte der Kammerherr, »wenn Ihr nur in einem Punkte nachgeben wolltet ... Mit ein wenig Entgegenkommen und Geduld dürfte sich ja noch alles zum Besten wenden, und wer weiß, wie sich Euer Schicksal noch gestalten könnte!«

»Was wollt Ihr eigentlich von mir?« fragte Anna kurz.

Mit einem Seufzer erwiderte van Tinen: »Man hat mich mit einem ganz bestimmten Befehl zu Euch geschickt, Madame; der König verlangt von Euch jenes Document, jenes Heiratsversprechen zurück, welches er Euch einst eingehändigt.«

»Und er glaubt wirklich, daß ich ihm dies zurückgeben werde ? daß ich darein willigen könnte, auf meine Rechte als Gattin zu verzichten, um damit zu einer gemeinen Courtisane herabzusinken, welche man davonjagt, wenn es Einem gerade beliebt? ... Mein lieber Herr van Tinen,« fügte Gräfin Cosel in ruhigem, aber festem Tone hinzu, »wenn Ihr nur deshalb hierher gekommen seid, so könnt Ihr schon heute wieder nach Dresden zurückreisen, um Denjenigen, welche Euch hierher sendeten, als mein letztes Wort die Botschaft zu überbringen, daß Gräfin Cosel niemals ? merket wohl auf ? niemals ihre Ehre verkauft hat, noch je verkaufen wird!«

»Bedenket um des Himmels willen, Madame,« rief van Tinen bestürzt, »welchen Gefahren Ihr Euch durch Eueren Starrsinn aussetzet, während Ihr ja doch, wenn Ihr den Wünschen des Königs Euch fügen wolltet, Euere Freiheit, ja, alles, was Ihr verloren habt, wiedergewinnen könntet!«

»Auch Augusts Herz?« sagte die Gräfin kopfschüttelnd leise vor sich hin ... »O nein, ich kann kein Vertrauen mehr zu ihm fassen. In seiner mit Gold und Edelsteinen bedeckten Brust wohnt kein menschliches Gefühl! ... Nichts kann ich wiedergewinnen, denn ich habe das verloren, was mir das Theuerste war auf dieser Welt. Nein ? ich kann weder an ihn, noch an die Menschen überhaupt mehr glauben!«

Sie wiederholte van Tinen neuerdings, was sie auch anderen Abgesandten des Königs schon gesagt hatte ? sie lehnte jede Concession rundweg ab. Aber der junge Cavalier gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden; zwei Stunden lang versuchte er mit allen möglichen Vernunftgründen die Gräfin umzustimmen, und als er sah, daß all seine Beredtsamkeit über diesen unbeugsamen Geist nichts vermochte, verzögerte er aus Mitleid für sie seine Abreise von Halle noch um mehrere Tage, um ihr Zeit zur Ueberlegung zu gönnen.

Jeden Tag erneuerte er seine Bemühungen, um ihren Widerstand zu besiegen ? alles vergeblich; auf sein inständiges Bitten und Flehen hatte die Gräfin nur die eine Antwort: »Ich werde dieses Document nicht herausgeben, denn auf demselben beruht meine Ehre und die meiner Kinder, welche man mir entrissen hat! Und wenn man mich tödten wollte, würde man es nicht von mir erhalten!«

Noch während sich van Tinen in Halle aufhielt, rief die Gräfin eines Tages Zaklika zu sich. Der arme Teufel hatte sich seit einiger Zeit gewaltig verändert; er war nur mehr ein Schatten seiner selbst. Zum Skelet abgemagert, bleich und das Gesicht voll Falten, konnte man ihn nur mit einem aus Mitleid und Entsetzen gemischten Gefühle betrachten; man sah es dem Manne an, daß er unter einem mit Gewalt zurückgedämmten Schmerze leide.

Man wagte im Hause der Gräfin kaum laut zu sprechen, denn man konnte darauf rechnen, daß hinter jeder längeren Unterredung ein Complot gesucht und die strenge und lästige Ueberwachung noch verschärft werde. Zaklika ging daher nur unter allerlei Vorwänden ab und zu, und während er anscheinend emsig damit beschäftigt war, die Rechnungen der gräflichen Haushaltung zu ordnen, entspann sich zwischen ihm und seiner Gebieterin folgendes, in abgerissenen Sätzen geführte Gespräch:

»Ich bin hier eine Gefangene,« begann die Gräfin.

»Wir werden von allen Seiten streng bewacht,« antwortete der Pole.

»Mißtraut man auch Dir?«

»Bis jetzt nicht.«

»Du mußt mich verlassen, um vollkommen frei zu sein.«

Zaklika sah erschreckt auf; er begann förmlich zu zittern.

»Ich soll Euch verlassen?« stieß er endlich hervor. »Was soll dann aus mir werden? Was soll ich mit mir anfangen? Welchen Werth sollte das Leben noch für mich haben, wenn ich es nicht für Euch opfern könnte? ... Es bliebe mir nichts übrig, als mich zu tödten!«

»Meine Gefangenschaft beginnt jetzt erst,« sagte die Gräfin weiter, »Du mußt Deine Freiheit wieder gewinnen ? dann kannst Du mich vielleicht retten.«

Nach kurzem Nachdenken erwiderte Raimund entschlossen: »Gut, wenn es sein muß, werde ich gehorchen.«

»Du wirst stets in Kenntniß darüber zu bleiben suchen, wo ich mich befinde, wirst alles thun, was in Deinen Kräften steht, um mich zu befreien. Der Banquier hat noch einige tausend Thaler für mich in Händen; ich werde Dir ein paar Zeilen an ihn mitgeben, denn Du mußt unbedingt über Geld verfügen können.«

»Aber, Madame ...« stotterte Zaklika.

»Nicht für Dich, sondern für mich wirst Du das Geld nöthig haben,« unterbrach ihn seine Herrin, indem sie einen langen Blick auf den armen Raimund warf, der mit einem Kopfnicken zustimmte.

»Vor allem,« fuhr die Gräfin fort, »mußt Du sehen, daß Du unangefochten von hier fortkommst; vielleicht werden sie Dich nicht ziehen lassen, wie? Du mußt ihnen auf glaubhafte Weise beibringen, daß es Dir bei mir nicht mehr passe und daß Du daher meine Dienste verlassen wollest ... Im Uebrigen handle, wie Du es für gut findest ... Du trägst meinen theuersten: meinen einzigen Schatz auf Deiner Brust, Zaklika ? die Ehre der Gräfin Cosel. Ich habe Dir dieses Kleinod anvertraut, bewahre es getreulich! ... Auf Dich allein setze ich noch Vertrauen,« fügte sie hinzu, indem sie ihm die Hand reichte, »und Du wirst mich hoffentlich nicht verrathen!«

»Ich,« rief Zaklika in tiefster Erregung, »ich Euch verrathen? ...«

Ein wildes Feuer strahlte bei diesen Worten aus seinen Augen, so daß die Gräfin unwillkürlich betroffen einen Schritt zurücktrat.

Raimund ließ den Kopf auf die Brust sinken und sagte mit dumpfer Stimme: »Ich könnte wohl für Euch sterben, aber Euch verrathen ... niemals!«

»Gut, also verlasse mich jetzt,« sagte die Gräfin, »denn wenn Du für mich handeln sollst, mußt Du frei sein und vollkommen unverdächtig erscheinen.«

Es war Zeit, das Gespräch abzubrechen, wollte man nicht Verdacht erregen. Raimund ging und kam erst am nächsten Tage wieder in Begleitung eines jungen Mannes, den er als seinen Nachfolger im Dienste der Gräfin engagirt hatte. Er bedankte sich bei seiner Herrin und stellte ihr seinen Ersatzmann vor.

Gräfin Cosel, die wohl wußte, daß der Hauswirth mit seiner Frau an der Thür horche, that, als wäre sie hierüber im höchsten Grade aufgebracht und wollte nichts von einer sofortigen Entlassung wissen. Die Liebe, welche Zaklika für die Gräfin hegte, lehrte ihn, auf Mittel zu verfallen, die ihm sonst sehr ferne lagen, ließ ihn zur Verstellung und List greifen. Er ging sofort zum Stadtmagistrat und verlangte Schutz und Hilfe in seinem Streit mit der Gräfin, deren Dienste er verlassen wolle; er berief sich dabei auch auf seine Eigenschaft als polnischer Edelmann. Als solcher könne er niemandem ein Recht einräumen, ihn wider seinen Willen zurückzuhalten.

Der preußische Beamte lachte spöttisch über diese Begründung, denn er wußte gar wohl, wie wenig Umstände man in Preußen mit der Unverletzlichkeit dieses polnischen Adels machte, den man ohneweiters in die preußischen Regimenter steckte, um ihn vorkommendenfalls in der ersten Linie zu verwenden. Er heftete forschend seine kleinen Augen auf Zaklika, doch schien ihm das schlechte Aussehen unseres Helden nicht dafür zu sprechen, daß man ihn die preußische Muskete tragen lassen solle, wobei vielleicht auch die Erwägung maßgebend sein mochte, daß man dem preußischen Staate nicht die Kosten aufhalsen dürfe, ein so abgemagertes Individuum wieder herauszufüttern.

Man säumte also nicht, den Wünschen des Polen zu entsprechen und ihm seine volle Freiheit zu geben. Zaklika ging nun auf den Markt, kaufte sich da ein Pferd und begab sich dann zur Gräfin, um sich definitiv von ihr zu verabschieden. Da man wußte, daß er gegen den Willen seiner Herrin diese verließ, gab sich niemand die Mühe, bei dieser Verabschiedung zu spioniren.

»Von hier wirst Du Dich nach Dresden begeben,« sagte die Gräfin zu Zaklika, »und dort so laut als möglich Jedem, der es hören will, erzählen, daß Du mich verlassen hast. Dann wartest Du ruhig die Ereignisse ab. Lehmann soll Dir Geld geben und Du wirst stets davon unterrichtet sein, was aus mir geworden ist. Wenn ich frei bin, kommst Du wieder zu mir ? bin ich gefangen, so rettest Du mich! Wenn man Verdacht schöpft und Dich etwa festnehmen wollte, so denke an das Papier, das ich Dir anvertraut habe. Vernichte es im äußersten Falle, aber liefere es ihnen nicht aus. Bewahre es auf, so lange Dir noch ein Schimmer von Hoffnung bleibt; erst im letzten Moment lass es verschwinden, ohne daß jemand etwas davon merkt ? denn dieses Schriftstück soll als fortwährende Drohung über dem Haupte meiner Feinde schweben.«

Gräfin Cosel war so bewegt, daß sie nicht weiter zu sprechen vermochte; sie reichte dem treuen Zaklika ihre zitternde Hand, welche dieser, das Knie beugend, lange in der seinen hielt und mit Küssen und Thränen bedeckte. Endlich entzog sie ihm dieselbe, indem sie still vor sich hin sagte: »Es giebt doch noch Menschen, welche ein fühlendes Herz in der Brust tragen!«

Mit glühenden Wangen, ganz berauscht von dem Uebermaß seiner Empfindungen, erhob sich Zaklika und entfernte sich eiligen Schrittes.

Als van Tinen am nächsten Morgen zu der Gräfin kam, fand er sie viel ruhiger als gewöhnlich, ja selbst heiter. Er hoffte zuerst, daß sie nach einiger Ueberlegung zu dem Entschlusse gelangt sei, das Schriftstück, welches man von ihr verlangte, herauszugeben, aber er begriff gar bald, daß er der Veränderung in ihrem Benehmen eine falsche Deutung gab, denn als er sich verabschiedete, sagte die Gräfin:

»Ich bedauere Euch sehr, Herr van Tinen. Ihr werdet Euch diesmal den König nicht zu Dank verpflichten, Flemming wird Euch nicht um Eueren Erfolg beneiden können und auch mein sehr ehrenwerther Vetter, Herr von Löwendahl, wird über Euch nicht sehr erbaut sein. Ja selbst auf die paar tausend Thaler, welche Euch bei günstigem Ergebnisse Euerer Mission als Lohn für Euere Mühe nicht entgangen wären, werdet Ihr verzichten müssen. Ich bin in der That zu unverständig, zu eigensinnig, nicht wahr?«

»Also sind alle meine Bitten erfolglos geblieben?«

»Ganz und gar, mein lieber Herr van Tinen,« antwortete Gräfin Anna, indem sie einen Ring vom Finger zog. »Unglücklicher Bote der irdischen Götter, ich beklage Eueren Mißerfolg, aber ich will Euch wenigstens ein Zeichen meines Wohlwollens geben ? nehmet diesen Ring; es ist ein Smaragd, dessen Leuchten mir einst in glücklicheren Zeiten Freude machte; heute hat er aufgehört, ein angenehmes Andenken für mich zu sein ? im Gegentheile, er brennt auf meiner Hand wie eine schmerzhafte Wunde. Nehmet ihn von mir an, ich bitte Euch darum!«

Schweigend nahm der Cavalier den Ring entgegen. Nach einer kleinen Pause wollte er nochmals versuchen, sie umzustimmen, allein die Gräfin schnitt ihm das Wort ab.

»Ersparet Euch jede weitere Mühe, mein Herr,« sagte sie kalt. »Ich weiß ja im voraus Wort für Wort alle die Argumente, welche Ihr mir vorzuführen habt. Wozu soll das nützen? All Euer Reden wird meinen Entschluß nicht zu erschüttern vermögen. Genug davon! ... Möge mein Schicksal sich erfüllen!«

Vor seiner Abreise kam van Tinen nochmals, um der Gräfin seine Achtung zu bezeigen; indessen unternahm er keinen Versuch mehr, etwas von ihr zu erreichen.

»Ihr verursacht mir großen Kummer, werthe Gräfin,« sagte er beim Abschied. »Ich beklage es tief, daß es mir nicht möglich ist, das Los, das Euer wartet, von Euch abzuwenden ... allein ...«

»Ich weiß, daß ich von der Zukunft nichts Gutes zu erwarten habe,« unterbrach ihn Gräfin Cosel, »das alles kann mich aber in meinem Entschlusse nicht beirren. Niemals und niemandem werde ich das schriftliche Versprechen, welches ich vom König in Händen habe, ausliefern. Es stand ihm ja frei, es mir zu geben oder nicht! Eine arme Frau so zu betrügen, sein gegebenes königliches Wort nicht halten, sondern verleugnen zu wollen ? das ist in der That so unwürdig gehandelt, daß ich selbst heute noch Anstand nehme, dies dem König zuzumuthen ... Nein, nur Flemming und Löwendahl, diese elenden Creaturen, sind es, welche diese Intrigue gesponnen haben, welche mir das letzte Zeugniß meiner Ehrenhaftigkeit rauben wollen, um es dem König zu Füßen zu legen und von ihm eine gute Belohnung in klingender Münze dafür in Empfang zu nehmen!«

Nach diesen leidenschaftlich gesprochenen Worten kehrte sie dem Kammerherrn den Rücken und verließ rasch das Zimmer.

Noch am selben Tage reiste van Tinen ab. Diese letzte Reise hatte einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen. Als er sich das erstemal in einer solchen Mission zu der Cosel begeben, hatte er sich der unangenehmen Aufgabe mit der Unempfindlichkeit und dem kalten Blute des Diplomaten entledigt; inzwischen hatten die Charakterfestigkeit, die stolze Würde und der Muth dieser Frau eine vollständige Umwandlung in seiner Meinung über sie zuwege gebracht. Er schämte sich vor sich selbst über die Rolle, die er da spielte, und sein Herz war erfüllt von Mitleid und Achtung für die Unglückliche. Mehr erbittert über Jene, die ihn geschickt, als von der hochmüthigen Art, in der ihn die Cosel verabschiedet hatte, verletzt, kehrte er nach Dresden zurück.

Nach seiner Ankunft in der sächsischen Residenz hatte van Tinen genügend Zeit, sich von seiner Reise auszuruhen. Man war bei Hofe eben mit den Vorbereitungen zu einem großartigen Feste beschäftigt, das am nächsten Tage in Morizburg stattfinden sollte. Da alle Welt mit anderen Dingen vollauf in Anspruch genommen war, kümmerte man sich nicht weiter um ihn und er selbst hatte nicht eben große Eile, über seinen Mißerfolg zu berichten.

Das Jagdschloß Morizburg war erst vor wenigen Jahren inmitten eines schönes Waldes in der Nähe von Dresden erbaut worden. Das kleine Schloß mit seinen schlanken Thürmchen, welche sich in dem klaren Wasser eines großen, von prächtigen Baumriesen umsäumten Teiches spiegelten, war ein reizender Aufenthalt. Es bildete lange Zeit das Rendezvous der feinen Gesellschaft und mit Vorliebe empfing hier August der Starke seine fremden Gäste ... Die ehemaligen Geliebten des Königs, die Teschen, Königsmark etc., begegneten sich hier nicht selten mit der Dönhoff und der Potzki.

Als Festplatz diente eine breite Böschung rings um den großen Teich, auf welcher sich eine kreisrunde Galerie erhob, die durch Guirlanden und Laubwände in Logen abgetheilt war. Auf dem Teiche sollte eine große Regatta mit venetianischen Gondeln und holländischen Barken stattfinden; außerdem wurde eine Treibjagd arrangirt, wobei das Wild in der Richtung gegen den Teich zusammengetrieben wurde, um hier unter den Streichen der Jäger zu verenden.

Der Zudrang zu diesem Feste war so groß, daß das Schloß mit seinen Nebengebäuden, die Zelte und die Wagen nicht hinreichten, um sämmtliche Gäste während der Nacht zu beherbergen; die meisten derselben übernachteten unter freiem Himmel, und da man vorher so manchen Becher geleert hatte, so war es nicht zu verwundern, wenn am anderen Morgen Dieser seine Perrücke, Jener seinen Degen suchte und da und dort auch ein kleiner niedlicher Schuh in dem Gehölze verloren gegangen war.

Van Tinen spazierte den ganzen Tag in dem schattigen Walde umher, ohne sich unter die Menge zu mischen, da er durchaus nicht in der Stimmung war, an dem allgemeinen Vergnügen theilzunehmen. Der König war im Gegentheile heute in der allerbesten Laune; er schien sichtlich Vergnügen zu finden an dem Treiben, das sich unter seinen Augen abspielte. Nie sah man ihn so zuvorkommend und so zärtlich gegenüber seinen abgedankten Maitressen als bei diesem Feste. Frau von Dönhoff verging fast vor Eifersucht, wenn er sich so angelegentlich mit der Teschen unterhielt oder wenn die Königsmark, am Arme des Königs an ihr vorüberkommend, mit stolzer Verachtung auf sie herabblickte.

König August war an diesem Tage ganz in seinem Elemente. Er gönnte sich keinen Augenblick Ruhe, ehe das von ihm selbst entworfene Programm bis in die letzten Details durchgeführt war. Dann erst setzte er sich mit seinen Intimen zur Tafel und nun folgte Toast auf Toast.

Beim Trinken lösten sich gar bald die Zungen der Tischgäste. Flemming, Vitzthum, Friesen und Andere ergingen sich in den gewagtesten Scherzen und selbst jene Damen wurden nicht verschont, welche August noch vor wenigen Minuten mit so großer Auszeichnung beehrt hatte. Die pikantesten Anekdoten, die scandalösesten Hof- und Stadtgeschichten wurden nacheinander aufgetischt.

Löwendahl hatte am anderen Ende der Tafel Platz genommen. Plötzlich sagte der König, sich gegen ihn wendend: »Mir scheint, ich habe heute auch diesen Hungerleider, diesen van Tinen hier herumstreichen gesehen.«

»Da habt Ihr Euch nicht getäuscht, Sire,« antwortete der Marschall, »er ist in der That von seiner Reise nach Halle zurückgekehrt.«

August erhob sich und Löwendahl folgte ihm in einen entfernten Winkel des Saales.

»Van Tinen hat Gräfin Cosel gesehen ? was bringt er für Nachrichten von ihr?« fragte der König.

»Er kann nur wiederholen, was Alle von dieser Frau zu berichten wissen, die sie sehen. Niemandem kann ihr Schicksal näher gehen als mir ? aber gegen eine solche Starrköpfigkeit giebt es bald kein Mittel mehr ...«

»Man muß Ihr im Austausch gegen das bewußte Document vollste Freiheit versprechen ? überhaupt alles, was sie haben will!«

»Sie sagt, daß sie dasselbe um keinen Preis der Welt hergeben werde,« antwortete der Marschall kopfschüttelnd.

August runzelte finster die Stirne.

»Man sollte der Sache ein- für allemal ein Ende machen,« fuhr Löwendahl fort, »indessen ...«

»Ja, ja, man muß der Sache ein Ende machen!« wiederholte August. »Es muß an den König von Preußen geschrieben und die Auslieferung der Cosel verlangt werden; später werden wir dann sehen, was weiter zu machen ist ...«

»Und wo wünscht Ihr, königlicher Herr, daß man sie für den Moment unterbringe?«

Nach kurzem Nachdenken erwiderte der König: »Man kann sie ja in das Schloß Nossen führen; dort wird sie Zeit haben, sich die Sache zu überlegen und ihren Entschluß zu fassen. Ich kann nicht länger dulden, daß man mir in so verwegener Weise Trotz bietet! Uebrigens langweilt mich auch die Dönhoff Tag für Tag mit dieser Geschichte. Ich habe das nun satt und möchte für einige Zeit damit in Ruhe gelassen werden!«

Diese dem König in der Ungeduld und in einem Augenblicke, da er nur auf sein Vergnügen dachte und durch nichts gestört sein wollte, entschlüpften Worte wurden von den lauernden Feinden der Cosel sofort ausgegriffen und schon am nächsten Tage in Vollzug gesetzt.

In dem Briefe, welchen man an den König von Preußen abschickte, um die Auslieferung der Gräfin Cosel zu verlangen, wurden nicht bloß die kühnen und beleidigenden Aeußerungen, die sie über den König August gethan, sondern auch ein angebliches Complot gegen dessen Leben als Gründe für diese Forderung angeführt. Die Drohungen, welche die Gräfin nicht selten ganz öffentlich hatte fallen lassen, gaben dieser Anklage eine gewisse Berechtigung. Das Schreiben wurde sofort mit einem Courier abgesandt.

Der König von Preußen war keinen Augenblick unschlüssig, was er thun solle, als er den Brief erhielt. Er ließ den Oberst von Treuenfels vom Regiment des Prinzen von Anhalt-Dessau rufen.

»Herr Oberst,« sagte er zu diesem, »Ihr sollt Euch sofort nach Halle verfügen, wo Ihr die Gräfin Cosel aufsuchen werdet. Diese müßt Ihr mit guter Bedeckung und unter Euerer Verantwortlichkeit an die sächsische Grenze bringen; dort werdet Ihr die Gräfin einem sächsischen Officier übergeben, welcher Euch eine Empfangsbestätigung auszufolgen hat.«

Treuenfels war ein noch ziemlich junger Officier. So peinlich ihm diese Mission war, verlor er doch, an strenge militärische Disciplin gewöhnt, kein Wort darüber und machte sich auf die Reise nach Halle. Als er früh Morgens in dieser Stadt angelangt war, zögerte er durch sein Zartgefühl zurückgehalten, sofort den ihm gewordenen Befehl auszuführen. Er ging wiederholt an den Fenstern der Gräfin vorüber, um sich zu vergewissern, daß sie nicht etwa entschlüpft sei, und nachdem er sie gesehen hatte, fühlte er sich umsomehr gedrungen, sich seiner unangenehmen Aufgabe mit aller erdenklichen Rücksichtnahme zu entledigen. ? Nach Tisch ließ er sich bei der Gräfin anmelden.

Obgleich diese nun längst auf ein solches Ereigniß vorbereitet war, erschrak sie doch nicht wenig, als sie einen Militär in ihr Zimmer treten sah; sie war leichenblaß geworden.

Nach einer respectvollen Begrüßung machte ihr Treuenfels die Mittheilung, daß er vom König von Preußen den Befehl erhalten habe, sie an die sächsische Grenze zu geleiten, wo sie den sächsischen Behörden ausgeliefert werden solle.

Wie vom Blitz getroffen, starrte die Gräfin ihn an. Sie war keines Wortes mächtig.

Endlich löste sich der Schreck in einen Thränenstrom auf. »Welche Ungerechtigkeit! Welche Barbarei!« rief sie wiederholt aus. Dies waren die einzigen Worte, welche sie sprach.

Sofort wurden die nöthigen Befehle gegeben, um einen Reisewagen herbeizuschaffen; man brachte die Effecten der Gräfin in demselben unter und dann stieg sie selbst halb bewußtlos und ohne irgend jemanden eines Blickes zu würdigen, geführt von dem Obersten, die Treppe herunter und ließ sich in den Wagen helfen. Weinend drückte sie ihr Gesicht in die Polster. Unmittelbar darauf setzte sich der Wagen, escortirt von einer Anzahl preußischer Cavalleristen mit dem Obersten Treuenfels an der Spitze, in Bewegung, und nun gings förmlich im Galopp der Grenze zu.

Auf der ganzen Reise blieb die Gräfin still und unbeweglich; als aber der Wagen anhielt und sie, den Vorhang zurückschiebend, sächsische Uniformen erblickte, wurde sie von einem nervösen Zittern befallen; sie rief nach dem Obersten von Treuenfels, der sogleich herbeikam. Sie begann nun in fieberhafter Hast ihre Taschen zu durchwühlen und alles, was sie Werthvolles vorfand, herauszunehmen. Es befand sich darunter auch eine kleine goldene Bonbonniere und eine Uhr mit prächtiger Camée, welche Gegenstände sie dem preußischen Officier hinhielt.

»Nehmet das als Andenken von mir,« sagte sie zu ihm, und als er sich sträubte, fuhr sie fort: »Ich bitte Euch, schlagt mir dies nicht ab; ich möchte nicht, daß diese Dinge den sächsischen Henkersknechten zur Beute werden.«

Dann leerte sie noch den Inhalt ihrer Börse aus und vertheilte ihn unter die preußischen Soldaten. Hieraus drückte sie sich wieder in eine Ecke des Wagens und zog die Vorhänge fest zu. Sie wollte nicht sehen, wo man sie hinführe und was man mit ihr beginne. Nach den Aufregungen der letzten Stunden verfiel sie nun in vollste Apathie.

Von der nicht geringen Anzahl von Leuten, welche früher den Hofstaat und die Dienerschaft der Gräfin Cosel gebildet hatten, war ihr nun gar niemand mehr geblieben. Lauter neue, unbekannte Gesichter umgaben sie. Allerdings behandelte man sie noch mit einiger Rücksicht und ihr ging nichts ab, was sie bedurfte, aber von dem Augenblicke an, da sie wieder in die Hände der sächsischen Machthaber gefallen war, hatte ihre eigentliche Gefangenschaft begonnen. Das fühlte sie jeden Augenblick.

In Leipzig wurde Station gemacht und übernachtet. Des Morgens erschien ein höherer Beamter in großer Perrücke, den Degen an der Seite, als Vollstrecker von Dresden ihm zugegangener Befehle in dem Zimmer, wo sie in Thränen und in voller Verzweiflung die Nacht zugebracht hatte. Der Mann war im Besitze einer vom König unterzeichneten Ordre, die ihm Vollmacht gab, eine genaue Durchsuchung der Effecten der Gräfin vorzunehmen und alles, was ihm gutdünke, zu confisciren. Als er eintrat, schleuderte ihm die Gräfin einen Blick voll Verachtung zu und weigerte sich, ihm irgendwelche Auskunft zu geben. Man nahm ihr nun ohneweiters ihre Koffer und Schachteln weg, an welche das Amtssiegel gelegt wurde, wühlte in ihren Kleidern und in ihrer Wäsche herum, ohne irgend etwas finden zu können, und legte selbst Hand an die letzten Schmucksachen, die ihr noch übrig geblieben waren. Nach Verlauf von etwa vier Stunden ? so lange hatte die lästige Untersuchung gedauert ? zog sich der Mann des Gesetzes zurück und der Gräfin war kaum mehr geblieben, als was sie auf dem Leibe trug.

Man kann sich kaum einen Begriff von dem Zustande machen, in welchem sich diese stolze und aufbrausende Frau befand, die sich unschuldigerweise so grausam verfolgt sah. Bald in ohnmächtiger Wuth die Fäuste ballend, bald wieder einer Ohnmacht nahe, bald in Thränen zerfließend, schien sie fast eine Beute des Wahnsinnes werden zu sollen. Die Diener, welche ab und zu gingen, konnten sich des innigsten Mitleides mit der unglücklichen Frau nicht erwehren.

Man hatte der Gräfin kaum Zeit gelassen, sich noch einen Augenblick auszuruhen, als man sie einlud, wieder in den Wagen zu steigen. Wohin man sie führte? Niemand wußte es oder wollte es ihr sagen.

Ein Reitertrupp umgab den Wagen. Die Fahrt ging in raschem Tempo fort bis zum Einbruch der Nacht. Nun sah man von dem noch sanft gerötheten Abendhimmel die Mauern und Thürme eines Schlosses sich abheben, der Wagen passirte einen dunklen Thorbogen und hielt endlich in einem weiten Hofe.

Die Gräfin warf einen raschen Blick ringsum ? der Ort war ihr gänzlich unbekannt. Das Schloß schien seit langer Zeit verlassen und unbewohnt zu sein; nur einige Diener standen zum Empfang der Ankommenden an den Thüren. Die unglückliche Frau, deren Kraft durch so viele aufeinanderfolgende Schläge ganz gebrochen war, mußte die Unterstützung dieser Leute in Anspruch nehmen, um die schmale Treppe zu ersteigen, welche ins erste Stockwerk führte. Hier geleitete man sie in eine aus mehreren gewölbten Zimmern bestehende Wohnung mit nackten rauhen Wänden und kleinen Fenstern. Einige unentbehrliche Möbel bildeten die ganze Einrichtung dieser einen düsteren Eindruck machenden Räume. Ein Schauer überlief Anna, als sie ihr neues Gefängniß betrat. Müde und abgespannt, warf sie sich auf ein Bett. Sie verbrachte die Nacht fast ganz schlaflos. Wenn sie auf Augenblicke in unruhigen Schlummer versank, wurde sie von düsteren Träumen geängstigt und schreckte bald entsetzt wieder auf.

Endlich begann es zu grauen und die in Purpur getauchten Wölkchen am Firmament verkündeten das Nahen des Tagesgestirnes. Im Schlosse schlief noch Alles und nur der eintönige Schritt einer Schildwache schallte dumpf aus dem Corridor in das Zimmer herein, als die Gräfin sich erhob; rasch eilte sie ans Fenster, durch dessen kleine, in Blei gefaßte Scheiben kaum ein schwacher Schimmer des erwachenden Tages drang. Das Panorama, welches sich ihr darbot, zeigte ihr nichts Bekanntes. Sie sah eine große Ebene vor sich, in der Ferne von dunklen Wäldern begrenzt; da und dort hob sich von der weiten Fläche eine dichte Baumgruppe oder ein kleines Dörfchen ab. Aus den Schloten der niederen Hütten stiegen bläuliche Rauchsäulen zum Morgenhimmel empor; in der ganzen Umgebung war alles still und öde.

Das Schloß lag auf einem stumpfen Bergkegel, an dessen Fuße sich ein kleiner Weiler ausdehnte. Da unten zog sich auch eine von verkrüppelten Weidenbäumen eingefaßte Straße hin, allein niemand war darauf zu sehen; nur eine Heerde Kühe zog mit gesenkten Köpfen der nahen Weide zu, von einem ärmlich gekleideten kleinen Hirten gefolgt.

Aus dem Schlafzimmer, wo Gräfin Cosel die Nacht zugebracht, begab sie sich nun leisen Schrittes in einen angrenzenden kleinen Saal, in dessen Mitte ein großer eichener Tisch stand; an der Mauer liefen lange Bänke hin, einige alte Stühle standen umher und an einer der Wände hingen zwei sehr alte, verstaubte Porträts; über einem großen Kamin waren zwei schon etwas schadhafte, in Stein gehauene Wappenschilder angebracht, welche nebst den erwähnten Porträts den einzigen Schmuck dieser kahlen Wände bildeten.

Aus diesem Saale kam man in ein drittes, rundes, ziemlich kleines Zimmer, das eine Ecke des Schlosses bildete und aus dessen Fenstern sich die Aussicht in eine andere, mehr bergige und abwechslungsreichere Gegend eröffnete, welche indessen der Gräfin ebenso wenig bekannt war als die früher gesehene. In diesem Thurmzimmer fand sie einen in die Mauer eingelassenen Schrank und in einem der Fächer desselben eine alte, halb von den Ratten zerfressene und über und über mit Staub bedeckte Bibel vor. Rasch griff sie darnach, allein das Buch entglitt ihren Händen und zerfiel, auf den Fußboden aufschlagend, fast ganz. Eine eiserne, fest verriegelte Thür schien von hier in einen geheimen Gang des Schlosses zu führen.

Inzwischen war der Tag voll angebrochen und die Schwalben begannen das Fenster zu umflattern, in dessen Umrahmung sie ihr Nest gebaut hatten. Gräfin Cosel begab sich wieder in ihr Schlafgemach, wo die zu ihrer Bedienung bestimmten Frauen ihrer Weisungen harrten. Sie nahm ein Glas Milch zum Frühstück und kehrte dann wieder zum Fenster zurück, in dessen tiefer Nische eine Steinbank angebracht war, auf der man bequem die Aussicht genießen konnte. Forschend ließ sie ihre Blicke über die lang sich hindehnende Straße gleiten; einige Wagen, eine vorüberziehende Heerde, einige Landleute ? sonst war nichts zu sehen, als vom Winde aufgewirbelte Staubwolken, die sich in der Ferne verloren.

Langsam verstrichen die Stunden, bis endlich eine der Dienerinnen die Gräfin einlud, sich zum Speisen zu begeben. Mechanisch ließ sich Anna an dem schweren Eichentisch nieder und genoß etwas Weniges von den ihr vorgesetzten Speisen. Unwillkürlich traten ihr Thränen in die Augen, wenn sie der Zeiten gedachte, wo sie als Königin bei den Festen des Hofes glänzte und Monarchen ihr zu Füßen lagen. Ihre herrlichen schwarzen Augen, die einst Alle bezauberten, hatten trotz der vielen vergossenen Thränen nichts von ihrem Feuer verloren ? allein das Glück war von ihr geflohen.

Neuerdings kehrte sie ans Fenster zurück. Hoffte sie, irgend jemanden kommen zu sehen, der sie befreien werde, oder war es nur das natürliche Verlangen jedes Gefangenen, wenigstens mit den Augen in jener herrlichen freien Natur zu leben, von welcher Kerkermauern und Gitter sie trennen, was sie an das Fenster zog? ... Der Gedanke an Zaklika gab ihr wieder einige Hoffnung. Sie rechnete darauf, daß er sie nicht lange in ihrem Unglück ohne Hilfe lassen werde.

Allein, weder an diesem noch am nächsten Tage erspähte sie irgend jemanden, der sie zu retten käme ? immer dieselbe Aussicht auf Viehheerden und deren Hirten, hie und da von einem ländlichen Fuhrwerk unterbrochen. All diese Leute zogen vorüber, ohne auch nur einen Blick auf ihr Gefängniß zu werfen. Vergeblich lief Anna von einem Fenster zum anderen. ? Nichts unterbrach die einförmige ländliche Stille. Am Abend des zweiten Tages kam ein halbnacktes kleines Mädchen in die Nähe ihrer Fenster, um da Gras heimzuholen. Die Gräfin warf demselben ein kleines Geldstück zu, das man ihr zufällig noch gelassen hatte, und fragte die Kleine halblaut, wie das Schloß heiße, das ihr als Gefängniß diene. Das Kind blieb einige Secunden ganz erschreckt stehen, dann rief es mit halb unterdrückter Stimme: »Nossen!« und lief eiligst davon.

Trotzdem sie nun den Namen ihres Aufenthaltes kannte, wußte die Gräfin noch immer nicht viel; sie erinnerte sich nur, diesen Namen früher vielleicht zwei- oder dreimal flüchtig gehört zu haben, und wußte, daß sie sich nicht allzuweit von Dresden, in der Gegend von Meißen befand. Sie, die einst die Begnadigung Beichlings, seiner Brüder und Mitschuldigen zu erwirken vermochte, sie, die das Los Böttchers und so mancher Anderer erträglicher gestaltet hatte, sie mußte nun selbst in bitterer Gefangenschaft schmachten und keine Seele schien daran zu denken, sie daraus zu befreien ... Von neuem kam ihr der Gedanke an Zaklika ? allein, was konnte dieser letzte Freund ausrichten gegen den König, gegen ihre Wächter, gegen all ihre Feinde, welche ihr den Untergang geschworen hatten!

Am dritten Tage nach ihrer Ankunft in Nossen, als sie, ihren traurigen Gedanken nachhängend, wieder am Fenster saß, bemerkte sie von weitem auf der Straße einen Reiter dahertraben; er schien von Dresden zu kommen und ritt sehr langsam, fortwährend neugierig die Gegend und namentlich das Schloß, dem er sich näherte, betrachtend. Er hatte offenbar absichtlich den Gang seines Pferdes verlangsamt und schien nach irgend etwas auszuspähen. Seine Kleidung und Haltung erinnerten die Gräfin lebhaft an den treuen Zaklika, und sie beeilte sich, mit ihrem Taschentuch dem Reiter ein Zeichen zu geben. Dieser seinerseits zog sofort ebenfalls sein Taschentuch, that, als ob er sich den Schweiß von der Stirne wische, und winkte einigemale unauffällig nach dem Schlosse hin, zum Zeichen, daß er das Signal gesehen und verstanden. Es war also in der That Raimund. Die Gräfin gerieth durch diese Entdeckung in freudige Bewegung, denn wenn Einer auf der Welt sie noch retten konnte, war er es. Der Pole ritt in langsamem Schritte unter den Fenstern der Gefangenen vorüber und verschwand bald an einer Biegung des Weges.

Nachdem Zaklika sich in Halle von der Gräfin verabschiedet hatte, war er noch in dieser Stadt verblieben, einestheils um über die Sicherheit seiner Gebieterin zu wachen, anderentheils, um, falls sie abreiste oder wo anders hingeführt würde, ihre Spur verfolgen zu können. Nach Ablauf weniger Tage hatte er indes von den preußischen Behörden den Befehl zur Abreise erhalten. Nach kurzer Ueberlegung schlug er den Weg nach Dresden ein.

Hier angekommen, galt sein erster Gang dem Bankier Lehmann. Als dieser ihn kommen sah, erschrak er sichtlich. Er beeilte sich, vorsichtig die Thüren zu schließen, und fragte Zaklika ängstlich, ob er sicher sei, daß ihn niemand bei ihm eintreten gesehen habe. Erst nachdem Zaklika ihn über diesen Punkt beruhigt hatte, athmete er etwas erleichtert auf, hatte aber immer noch Mühe, seiner Aufregung Herr zu werden. »Ihr wisset nicht,« sagte er endlich stockend, »was hier vorgeht? ... Wer an dem ganzen Unglück Schuld ist, das ist schwer zu sagen. Es mußte wohl so kommen und heute wäre alles Klagen darüber unnütz. Der König ist ungeheuer aufgebracht und das ist gewiß nicht leicht zu nehmen, da er ein kaltherziger und unversöhnlicher Mensch ist ... Gräfin Cosel ist verloren!«

Schweigend hörte Zaklika die entmuthigenden Worte Lehmanns.

»Ja, ja, Gräfin Cosel ist unzweifelhaft verloren!« fuhr dieser nach einer kurzen Pause fort. »Wenn einmal jemand den König zum Aeußersten gebracht hat, dann verzeiht er ihm niemals mehr und verfolgt ihn unablässig und ohne Erbarmen. Anna von Cosel hat ihm offen Trotz geboten und hat sich geweigert, ihm das mit seiner Unterschrift versehene Document, das er verlangte, auszuliefern ? sie ist unrettbar verloren! König August hat befohlen, ihr alles wegzunehmen, was sie besaß, ihr bewegliches und unbewegliches Gut, ihr Geld, ihren Schmuck ? kurz, alles; Löwendahl erhielt diesbezüglich strenge Weisungen. Pillnitz wurde wie die übrigen Güter der Gräfin zu Gunsten des Staatsschatzes eingezogen. Der König hat angeordnet, daß alles, was ihr gehörte, inventarisirt werden solle, wie er sagte, um die Zukunft ihrer Kinder sicherzustellen und ihr zugleich die Möglichkeit zu benehmen, sich zu rächen oder sich seiner Verfolgung durch die Flucht zu entziehen.« Lehmann trat nun dicht an Raimund heran und sagte zu ihm: »Man hat mir alles weggenommen, was die Gräfin bei mir deponirt hatte. Der König schickte Leute, die meine Bücher durchforschten, und da diese natürlich genauen Aufschluß gaben, sah ich kein Mittel, mich dieser Gewaltthat entgegenzustemmen!«

»Wie? ... Alles haben sie genommen?« rief Zaklika aus. »Es ist Euch aber doch jene Euch insgeheim anvertraute Summe geblieben, welche zu beheben die Gräfin mich beauftragte?«

Bei diesen Worten nahm er ein Messerchen vom Tische, trennte das Futter seines Wamses auf und zog das Billet hervor, das ihm die Gräfin für Lehmann übergeben hatte. Zitternd nahm Lehmann es entgegen und durchflog es rasch.

»Wisset wohl,« sagte Lehmann, »was uns Beiden passiren würde, wenn man dieses Papier in unseren Händen sähe? Ich würde in Euerer Begleitung eine Reise nach dem Königstein unternehmen, mein Haus würde geplündert und meine Kinder zu Bettlern gemacht werden; denn Flemming, Löwendahl und die Anderen von dieser Sippe würden gierig die Gelegenheit ergreifen, einen Blick in meinen eisernen Geldschrank zu werfen, wo ich meine Ersparnisse aufbewahre.«

Schon der bloße Gedanke hieran bewirkte, daß der ehrliche Jude wie Espenlaub zitterte.

»Also habt Ihr den Feinden der Gräfin auch jene Summe ausgeliefert?« fragte Zaklika in voller Verzweiflung.

Forschend betrachtete Lehmann einige Augenblicke den Frager, ohne ein Wort zu erwidern; er schien mit sich selbst zu kämpfen.

»Hört mich an,« sagte er endlich; »schwört mir bei allem, was Euch theuer und heilig ist, daß Ihr mich nicht verrathen werdet, selbst nicht, wenn Euer Leben auf dem Spiele stünde ...«

Lehmann öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und entnahm derselben ein mit Diamanten besetztes Kreuz, welches die Prinzessin Teschen einmal bei ihm verpfändet hatte.

»Schwört mir darauf!« sagte er zu Zaklika.

Raimund nahm das Kreuz in die eine Hand, hob die andere zum feierlichen Eide und sagte mit fester Stimme: »Ich schwöre es! ... Es wäre übrigens nicht nöthig gewesen,« fügte er hinzu, indem er dem Juden das Kreuz wieder einhändigte, »mir diesen Schwur abzunehmen, mein Wort hätte Euch genügen können. Raimund Zaklika hat noch niemals jemanden betrogen oder verrathen!«

Lehmann, noch immer bleich vor Angst, wendete kein Auge von dem jungen Polen. »Und wenn man Euch nun festnähme,« sagte er, »und dieses Geld bei Euch fände?«

»Es wird niemanden überraschen, Geld bei mir zu finden, und wenn es sogar eine größere Summe wäre. Die Gräfin kann es mir ja während meiner langjährigen Dienste in ihrem Hause geschenkt haben!«

»O, der Fiscus rafft alles zusammen, selbst die Geschenke, welche die Gräfin gemacht, oder die Kleinodien, die sie irgend jemandem anvertraut hat.«

»Auf jeden Fall weiß man, daß ich niemals ganz besitzlos war; übrigens wird man mich wohl in Ruhe lassen ... Nun, wollt Ihr mir das Geld geben oder nicht!«

Lehmann überlegte noch eine Weile. »Ihr könnt mich und meine Kinder unglücklich machen,« sagte er dann, »allein ich will meine Schuldigkeit thun. Ich möchte mir nicht den Vorwurf aufs Gewissen laden, daß ich die Gräfin in ihrem Unglück verlassen oder verrathen habe. Wir Alle glauben an einen Gott und vor ihm sind alle Unglücklichen gleich!«

Er erhob sich, öffnete den eisernen Schrank und begann nun das Geld aufzuzählen, indem er die einzelnen Häufchen auf seiner Schreibtafel notirte und zusammenrechnete. Zaklika athmete erleichtert auf und wischte sich die dicken Schweißtropfen von der Stirne. Um seine Aufregung etwas zu dämpfen, griff er nach einer in der Nähe stehenden Flasche mit Wasser und leerte rasch ein paar Gläser; dann setzte er sich nachdenklich an das andere Ende des Tisches, stützte den Kopf in die Hand und überwältigt von Müdigkeit und Aufregung, schlief er alsbald ein.

Als Lehmann mit seinem Rechnen und Zählen fertig war, wendete er sich nach Zaklika um und war nicht wenig überrascht, ihn eingeschlafen zu sehen und es ließ sich daraus schließen, was der arme Mann durchgemacht haben mußte, wenn im ersten Augenblicke der Ruhe, der ihm gegönnt war, der Schlaf ihn so überwältigen konnte. Der Bankier schlich sich auf den Zehen in das anstoßende Zimmer, wo er voll Ungeduld das Erwachen des jungen Polen abwartete, denn bei aller Zuneigung zu demselben machte es ihm doch große Sorge, ihn so lange in seinem Hause beherbergen zu müssen.

Trotz seiner Erschöpfung dauerte der Schlaf Zaklikas, der in steter Unruhe lebte, nicht lange und bald sprang er erschreckt von seinem Stuhle auf, rieb sich die Augen und blickte verwundert um sich. Da erblickte er das Geld auf dem Tische und sofort entsann er sich wieder, wo er sich befand. Er raffte dasselbe geräuschlos zusammen und barg es rasch in seinem Gürtel bei den paar Goldstücken, die sich noch in seinem Besitze befanden. Da trat Lehmann in das Zimmer und sah ihm schweigend zu; als Zaklika nach seinem Hute griff, näherte er sich ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Gott allein weiß, ob und wann wir uns wiedersehen werden! Euer Muth und Euere Entschlossenheit erfüllen mich mit Bewunderung, beunruhigen mich aber gleichzeitig sehr. Doch darf man niemanden, der im Begriffe ist, eine gute That zu begehen, daran hindern wollen ... Ihr habt mich sehr muthlos gesehen, indessen möget Ihr deshalb nicht schlecht von mir denken, denn ich habe nur um meiner Kinder willen so große Besorgniß; diese sind mein einziges Glück, mein Leben, und das möge mir als Entschuldigung dienen. Bevor Ihr mich nun verlasset, bitte ich Euch noch, das, was ich Euch jetzt anbiete, nicht zu verschmähen. Die Gräfin hat mir sehr bedeutende Summen anvertraut und dieses Geld hat sich unter meinen Händen beträchtlich vermehrt. Unsere Rechnung ist abgeschlossen, ich habe alles zurückgezahlt, wie ich mit gutem Gewissen sagen kann, aber das Unglück der Gräfin ist derart, daß man da anders rechnen muß als gewöhnlich. Nehmet daher noch den kleinen Betrag an, welcher ihr von rechtswegen zukommt ? es ist für Euch und für Euere Herrin ... Und nun geht! Gott möge Euch in seinen Schutz nehmen!«

Bei den letzten Worten hatte Lehmann unter seinem Rocke einen mit Gold gefüllten Beutel hervorgezogen, den er Zaklika in die Hand drückte. Dann fügte er hinzu: »Vergesset nicht, daß ich Euch nicht kenne, daß Ihr niemals bei mir waret!«

»Ich danke Euch im Namen meiner Herrin!« erwiderte Raimund, dem Juden die Hand reichend.

»Geht durch den Garten!« sagte Lehmann und öffnete ihm die Thür. »Gott befohlen!«

Zaklika hütete sich wohl, seinen Weg durch die Stadt zu nehmen, wo er so leicht von jemanden erkannt werden konnte. Er überlegte einen Augenblick, wohin er sich wenden solle. Er hatte sein Pferd in der der Elbe zunächst liegenden Vorstadt bei einem Wenden eingestellt; zu jener Zeit wohnten nämlich noch viele Angehörige dieses slavischen Volksstammes in diesem Stadtviertel. Zu der Zeit, da er noch am Hofe lebte, hatte er sich in seinen vielen freien Stunden gar oft hier herumgetrieben. Er hatte in dem slavischen Idiom, welches die Leute, meist arme Fischer, da sprachen, zu seiner Ueberraschung manche Aehnlichkeit mit seiner Muttersprache entdeckt; auf diese Weise war er leicht mit den Leuten bekannt geworden, und namentlich an Einen derselben, Namens Haulik, hatte er sich enger angeschlossen.

Haulik war katholischer Religion und Zaklika hatte ihm eines seiner Kinder aus der Taufe gehoben; seither wurde der Pole von den braven Leuten als zur Familie gehörig betrachtet. Der Fischer lebte in ziemlich ärmlichen Verhältnissen. Früher hatte er beträchtliche Grundstücke in der Nähe seines kleinen Hauses sein eigen genannt, allein er war vom Unglück verfolgt worden und Stück für Stück war das Erbtheil seiner Väter in die Hände der Deutschen gefallen. Es war ihm nur ein kleiner Streifen sandigen Bodens geblieben, der ihm natürlich blutwenig abwarf. Haulik ernährte sich und seine Familie von dem Ertrage seiner Fischerei, und so wenig dies auch war, so mußte es eben für die bescheidenen Bedürfnisse der armen Leute ausreichen.

Zaklika hatte früher diesen seinen Freund sehr häufig besucht; sie setzten sich dann zusammen auf eine Bank vor dem kleinen Häuschen und plauderten hier oft bis spät in die Nacht hinein, theilten sich ihren Kummer mit und trösteten sich gegenseitig. Der Wende erinnerte sich noch gerne der früheren besseren Zeiten.

»Diese ganze Gegend gehörte einst uns,« pflegte er zu erzählen, »aber mit List und Gewalt haben sie uns von unserem Erbe vertrieben. Heute dürfen wir es kaum mehr wagen, in unserer Muttersprache miteinander zu verkehren, und bald wird nichts mehr von uns übrig sein als eine große Grabstätte. Man läßt uns die Wahl, zu werden, wozu uns Gott nicht geschaffen hat, oder auszusterben. In den Städten schließt man uns von jedem Amte aus; es genügt, ein Wende zu sein, um bedrückt und verfolgt zu werden. Unsere Zahl vermindert sich von Tag zu Tag ? wir sind hoffnungslos dem Untergange geweiht, wir sind dazu verdammt, spurlos vom Erdboden zu verschwinden!«

Manchmal erwachte in der Brust des Fischers die Erinnerung an irgend eine alte slavische Melodie, welche er dann leise vor sich hinsummte.

So oft Zaklika in die Stadt gekommen war und ungesehen bleiben wollte, hatte er stets bei Haulik Absteigequartier genommen. Er fand da einen kleinen Stall für sein Pferd, ein zwar hartes Bett und ein bescheidenes Mahl, bestehend aus einer Schüssel voll gekochter Grütze und einem Glas Bier, dafür aber waren es aufrichtige Herzen, die ihm die Gastfreundschaft boten, und die Hände, welche sich in die seinen legten, waren die ehrlicher und wohlmeinender Leute.

Auch diesmal war Zaklika von seinen Freunden in der Fischerhütte mit lebhafter Freude empfangen worden; sie fragten ihn niemals um das, was er trieb, sondern sie erkundigten sich nur darum, ob er sich wohl befinde und glücklich sei.

Als Zaklika Lehmanns Haus verließ, begab er sich zu Haulik, um da die Nacht zuzubringen. Am nächsten Morgen lenkte er, dicht in seinen Mantel gehüllt, seine Schritte über die Elbebrücke nach dem sogenannten »Narrenhause«, um Fröhlich abzupassen und ihn auszufragen. Nachdem er hin und her gedacht hatte, war es ihm als das Klügste und Einfachste erschienen, sich bei seinem alten possirlichen Freunde um das zu erkundigen, was ihm zu wissen nöthig war. Man weiß, daß dieser täglich zu derselben Stunde seine Wohnung verließ, um sich, bald zu Pferd, bald zu Fuß, ins Schloß zu begeben, denn sein Dienst begann dort sofort nach dem Frühstück. Man konnte sicher sein, ihm jeden Morgen Punkt neun Uhr auf der Brücke zu begegnen. Zaklika ging bis zum Hause des Hofnarren, um ihn ja nicht zu verfehlen, und setzte sich auf die Stufen seiner Thür.

Zur bestimmten Minute erschien der alte Possenreißer mit seinem spitzen Hute und dem traditionellen Frack auf der Schwelle seines Hauses; als er da einen Fremden sitzen sah, welcher ihm den Weg versperrte, stieß er ihn leicht mit dem Fuße an und sagte:

»Heda, mein lieber Freund ? entschuldigt, wenn ich Eueren Namen nicht zu nennen vermag ? ist es nur ein Zufall, daß Ihr mein Haus zu Euerer Herberge gewählt habt?«

Als Zaklika sich auf diese Anrede umwendete, erkannte ihn der Spaßmacher sofort.

»Ah, Ihr seid es! Ja, was ist denn aus Euch geworden, mein lieber Herr?« rief er aus. »Ihr seht ja fast so schlecht aus wie Einer, der sich gerade verheiratet hat!«

»Ich komme eben von der Reise.«

»So? Ihr seid, wie ich glaube, katholisch ? da kommt Ihr wohl direct aus dem Fegefeuer?«

»O, ich habe die halbe Welt durchstreift,« erwiderte Raimund. »Was giebt es denn neues in Dresden?«

»Ihr fragt mich da etwas viel auf einmal, denn, ein getreuer Historiograph brauchte zur Antwort auf diese Frage ein Stück Pergament so groß wie eine Ochsenhaut ... Ihr wollt wissen, was bei uns vorgeht,« sagte er lachend, »mein lieber Freund, warum fragt Ihr denn nicht lieber, was hier nicht vorgeht?«

»Könnt Ihr mir nicht sagen, was aus meiner ehemaligen Herrin geworden ist?« fragte Zaklika weiter.

»Euere ehemalige Herrin? Beim Gottseibeiuns, ich vermag nicht zu errathen, wen Ihr damit meint ...«

»Nun, die Gräfin Cosel!«

Vorsichtig blickte Fröhlich um sich, legte dann den Finger an den Mund und flüsterte: »Um Gotten willen, schweigt davon. Das ist ein Name, den niemand mehr in Gegenwart des Königs auszusprechen wagen darf ... Ach Gott, es giebt da so wenig mehr zu lachen und Ihr wißt, daß ich vom Lachen lebe und wahrscheinlich auch am Lachen sterben werde.« Fröhlich starb in der That zu Warschau am Lachkrampf.

»Ja, könnt Ihr mir denn nicht sagen, was aus ihr geworden ist?«

»Wie, Ihr wißt davon gar nichts! Ja, wo kommt Ihr denn her?«

»O, ich komme aus sehr fernen Gegenden!«

»Aber diese Neuigkeit hat ja doch schon die ganze Welt durchlaufen und man spricht überall davon. Die Sache ist folgende: Diejenige, welche durch acht Jahre das Herz unseres Königs gefangen hielt, ist nun selbst eine Gefangene ... Aber ich glaube, daß diese Gefangenschaft länger dauern wird als ihre Herrschaft.«

»Und wo befindet sie sich denn nun?« fragte Zaklika ungeduldig.

»Wie mir scheint, im Schlosse Nossen,« antwortete Fröhlich und fügte mit dem ihm eigenthümlichen sonderbaren Lachen hinzu: »Ich glaube indessen, daß man sie nur vorläufig dort untergebracht hat; gewiß wird man für sie noch ein anständigeres Gefängniß ausfindig machen ... Ich möchte wahrhaftig keine Frau sein! Wenn ich zu wählen hätte, so möchte ich am liebsten ein Esel sein. Der Esel wird nicht gegessen, denn sein Fleisch ist zu zäh; seine Haut ist so dick, daß sie den Stockschlägen widersteht, und wenn der Herr Langohr auf seine Weise zu singen anfängt, so läuft alles davon und man läßt ihn in Ruhe. Da er überdies betreffs gastronomischer Genüsse nicht wählerisch ist und sich mit den einfachsten Gerichten begnügt, ja sogar mit einem alten Besen, wenn ihm gerade nichts anderes zwischen die Zähne kommt, so ist doch der Esel das glücklichste Geschöpf auf der Welt, meint Ihr nicht auch?«

Zaklika, welcher dem Geschwätz des alten Narren nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte, sondern ganz in Gedanken versunken war, wiederholte mechanisch vor sich hin: »Nossen ... Nossen!«

»Ah, ich frage ihn um seine Meinung über den Esel und er antwortet mir: Nossen!« sagte Fröhlich achselzuckend. »Was geht Euch denn dieses Nossen an, mein lieber Herr Zaklika! ... Doch sprechen wir lieber nicht von so traurigen Dingen. Lebt wohl!«

Der Possenreißer verabschiedete sich damit in freundschaftlicher Weise, nahm seine Amtsmiene, nämlich sein stereotypes Lächeln wieder an und entfernte sich.

Zaklika hatte nun glücklich erfahren, was er wissen wollte; Haulik konnte ihm wahrscheinlich weitere Aufschlüsse geben und ihm die Gegend bezeichnen, wo jenes Schloß zu suchen war.

Noch am nämlichen Tage, nachdem er von dem Fischer die nöthigen Auskünfte erhalten hatte, machte er sich auf die Suche nach der Gräfin.

Als er in die Nähe von Nossen kam und das Signal bemerkte, welches seine unglückliche Gebieterin ihm gab, war er ganz glücklich, denn er dachte sich, daß schon seine Anwesenheit in der Nähe der Gräfin Trost in ihrer Gefangenschaft bringen werde.

Diese Gegend war nur von Deutschen bewohnt. Als Zaklika in der nächstgelegenen Herberge abstieg, gab er sich für einen Händler aus und fragte alsbald den Wirth um Auskunft, ob nicht in der Nachbarschaft vielleicht da und dort Felle zu verkaufen wären. Dann begab er sich in das ihm angewiesene Zimmer des »Goldenen Hufeisen« ? so war das Gasthaus benannt, in welchem er sein Hauptquartier aufschlug ? und ordnete seine Sachen.

Schloß Nossen war ganz von einer alten, halbverfallenen Mauer umgeben. Zur Bewachung der Gräfin Cosel waren ein paar Mann Soldaten in dem Gebäude einquartiert. Man ließ zwar niemanden in das Innere des Schlosses, doch war die Wachsamkeit sonst nicht besonders groß. Die Fenster der Gräfin waren ziemlich hoch vom Boden entfernt, so daß man einen Fluchtversuch nicht befürchten zu müssen glaubte und auf dieser Seite des Schlosses, wie Zaklika später bemerkte, auch keine Wache aufgestellt war. Die Soldaten rauchten und spielten sorglos im Hofe und in den weiten Gängen des alten Gebäudes. Es war also ganz leicht, bis unter die Fenster der Gräfin heranzukommen; doch lag immerhin, da der Berg ganz kahl war, die Gefahr nahe, daß man von den Leuten, welche unten auf der Straße gingen, gesehen und erkannt werde.

Um sich in Nossen längere Zeit aufhalten zu können, ohne Verdacht zu erwecken, mußte Zaklika zur List greifen. Er begann über einen heftigen Gichtanfall zu klagen, der ihm die Weiterreise unmöglich mache, obgleich er anderwärts sehr dringend zu thun hätte. Der Wirth vom »Goldenen Hufeisen« war durchaus nicht böse darüber, daß sich ihm die Aussicht eröffnete, seinen Gast nebst dessen Pferd längere Zeit beherbergen und beköstigen zu können, da er hieraus beträchtlichen Nutzen zu ziehen hoffte; er fand also, daß der Zustand des Fremden die größte Schonung benöthige und er empfahl ihm zugleich als ausgezeichnetes Heilmittel Einreibungen mit Bärenschmalz.

Als Raimund Abends mit dem Wirth beim Nachtessen saß, war es ihm ein Leichtes, Letzterem die Zunge zu lösen. Der Pole hatte während seines langen Aufenthaltes in Sachsen so vortrefflich Deutsch gelernt, daß es niemandem einfiel, in ihm einen Fremden zu suchen, was das Vertrauen vielleicht etwas zurückgeschreckt hätte. So erzählte ihm denn der Wirth schon am ersten Abend in geheimnißvoller Weise, daß man kürzlich in das benachbarte Schloß eine Dame gebracht habe, welche einst in näheren Beziehungen zum König gestanden. Er nannte ihm gleichzeitig die Anzahl der Soldaten, welche sie zu bewachen hatten, sowie all die Vorsichtsmaßregeln, die zur Verhinderung einer etwaigen Flucht getroffen worden waren.

Die gefangene Gräfin bot natürlich für die biederen Bewohner von Nossen und der Umgebung eine unerschöpfliche Quelle der abenteuerlichsten Erzählungen. Der ehrenwerthe Herr Wunsch, der Wirth vom »Hufeisen«, erzählte seinem Gaste, daß sie früher ihren eigenen Hofhalt geführt und über Tausende von Dienern in goldgestickten Livreen zu gebieten gehabt habe; jetzt aber bestehe der ganze Personalstand ihres Haushaltes aus zwei Frauen, von denen die Eine als Haushofmeisterin und die Andere als Kammerfrau fungire, aus einem Koch und einem kleinen Küchenjungen.

Zaklika schlief die erste Nacht ganz herrlich in dem Wirthshause; am anderen Morgen kaufte er dem Wirth einige Schaffelle ab, welche dieser ihm offerirte und die er baar bezahlte. Dann gab er vor, einen kleinen Spaziergang machen und sich die Umgebung und das Schloß ein wenig besehen zu wollen.

Als er des Abends nach der Herberge zurückkehrte, stellte er sich wieder leidend, verlangte neuerdings eine Portion Bärenschmalz und zog sich nach seinem Schlafzimmer zurück, um da ungestört seinen Gedanken und Plänen nachzuhängen.

4.
Ein vereitelter Fluchtplan

An einem der nächsten Tage, als Zaklika in der großen Wirthsstube bei einem Glase warmen Bieres saß, traten drei Soldaten von der Schloßwache ein und verlangten geräuschvoll zu trinken.

Zaklika musterte die Ankömmlinge aufmerksam und glaubte in ihnen Leute zu erkennen, welche er oft im königlichen Schlosse in Dresden als Schildwachen stehen gesehen. Er täuschte sich nicht, denn Einer von den Dreien betrachtete ihn sehr scharf und rief dann an seinen Tisch herüber: »Heda, lieber Freund, mir scheint, wir sollten uns kennen! Meiner Treu, ich muß Euch schon irgendwo gesehen haben!«

»Es kommt mir ebenso vor ... Ich habe früher, bevor ich mich dem Handel zuwendete, ziemlich lange am Hofe gedient, bis mir das Brot, welches man dort ißt, nicht mehr schmecken wollte. Ich habe Euch, wie ich glaube, mehr als einmal im Schloß zu Dresden bei unserem geliebten König die Wache halten sehen.«

»Jetzt fällt mirs ein ? Ihr seid ja Derjenige, welcher so geschickt Hufeisen zerbrach!« rief der Soldat aus.

»O, das war damals!« sagte Zaklika bescheiden. »Zu jener Zeit habe ich auch manchmal einen Ochsen bei den Hörnern genommen und ihn gezwungen, auf dem Fleck stehen zu bleiben ... Heute weiß ich nicht, ob ich das noch bei einem ausgewachsenen Schaf fertig brächte!«

Lachend nahm der Soldat an dem Tische Zaklikas Platz; dieser ließ zu trinken bringen und bald herrschte das beste Einvernehmen zwischen ihnen.

»Offenbar um uns unsere Sünden abbüßen zu lassen, hat man uns hier zum Wachestehen verdammt,« meinte der Soldat. »Und wozu? ... Um ein paar Unterröcke zu bewachen! Meiner Treu, ich langweile mich hier zum Sterben! Wenn man wenigstens aus Rücksicht für uns dieser Gräfin ein paar hübsche junge Mädchen zur Dienstleistung zugewiesen hätte ... aber die Haushofmeisterin hat schon ihren Fünfziger auf dem Rücken, und was die Kammerfrau betrifft, so zählt sie sicher auch ihre vierzig Sommer. Sie sind Beide so unappetitlich, daß es selbst in dieser Wildniß Keinem von uns einfällt, Einer von ihnen die Cour zu machen.«

»Und werdet Ihr lange hier bleiben?«

»Das wissen die Götter! Es ist hier nicht gerade, um fett zu werden, aber vor lauter Schlafen wächst man sich an. Nicht die mindeste Abwechslung, nicht die mindeste Beschäftigung, außer dem Wachestehen, Essen und Schlafen!«

»Könnt Ihr Euch die Zeit nicht mit Kartenspielen vertreiben?«

»Mit wem denn? ... Es ist eine Seltenheit, daß Einem von uns ein paar Groschen in der Tasche bleiben, und selbst wenn das der Fall ist, denken wir nicht mehr daran, denn wir haben schon genug gespielt und sind dessen überdrüssig!«

Mißmuthig griff der Soldat nach seinem Schoppen, um zur Bekräftigung seiner Worte einen tüchtigen Schluck zu nehmen.

Zaklika hatte da eine sehr werthvolle Bekanntschaft gemacht. Als die Soldaten sich erhoben, um in das Schloß zurückzukehren, begleitete er sie anscheinend ganz absichtslos und immerfort plaudernd bis zum Schloßthore und auf ihre Einladung in das Innere des Schlosses. Die Kameraden der Zurückkehrenden, die auf Strohbündeln herumlagen, waren durchaus nicht unangenehm überrascht von dem Besuche, sie schienen vielmehr ganz erfreut zu sein, einmal ein neues Gesicht zu sehen. Raimund lachte und plauderte ganz herzlich mit ihnen, man brachte Karten herbei, und als der Fellhändler erst einige Thaler verspielt hatte, geriethen die Soldaten in die heiterste Laune. Als er sie verließ, äußerte er den Wunsch, sich das Schloß ein wenig näher zu besehen, und anstandslos ging er dann rings um die alten Mauern herum. Der commandirende Officier war in die Stadt geritten, wo er mit der Tochter eines reichen Fleischers musicirte und sich die Zeit vertrieb, so gut es eben ging.

Zaklika, der sich noch immer leidend stellte, verschob seine Abreise von Woche zu Woche; er durchstreifte die Gegend, kaufte da und dort Häute, zeigte sich sehr mürrisch und verdrießlich über den gezwungenen Aufenthalt und that nebenbei sein Möglichstes, recht oft unter irgend einem Vorwande in das Schloß zu kommen und womöglich bis zur Gräfin vorzudringen. Dem standen indes fast unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege. Der Theil des Schlosses, wo Gräfin Cosel gefangen gehalten wurde, lag dem von den Soldaten bewohnten entgegengesetzt. Hier wohnte niemand außer dem alten Schloßverwalter. Durch die Vermittlung der Soldaten gelangte Zaklika endlich dazu, dessen Bekanntschaft zu machen, und er gab sich redliche Mühe, dieselbe auszunutzen. Der Schloßverwalter besaß eine zahlreiche Familie und war sehr geizig. Mit Hilfe seines Geldes gelang es Zaklika nach und nach, dies oder jenes, was ihm für seine Zwecke nutzen konnte, von dem Alten zu erfahren. Wo hinaus die Fenster der Gräfin lagen, wußte er bereits, und jetzt erfuhr er auch, wohin der geheime Gang führte, dessen eiserne Eingangsthür in dem runden Eckzimmer sich befand, das zur Wohnung der Gräfin gehörte. Jene Thür oder jener Gang führte nämlich in einen großen, unbewohnten Saal, in dem allerlei alte Urkunden, Geräthe, Waffen u. s. w. aufbewahrt wurden. Zaklika zeigte eine ganz besondere Vorliebe für Alterthümer und äußerte den lebhaften Wunsch, jenen Saal und seinen Inhalt zu besichtigen, allein der alte Verwalter, welcher die Schlüssel dazu verwahrte, schien ihn nicht zu verstehen.

Als die Beiden einst bei einander saßen und das Gespräch auf die gefangene Gräfin gekommen war, suchte Zaklika den Alten mürbe zu machen und ihm Mitleid für seine Herrin einzuflößen. Forschend blickte der etwas mißtrauisch Gewordene den Fremden an.

»Gräfin Cosel,« sagte Raimund leichthin, »zählt bei Hofe noch sehr viele und einflußreiche Freunde; ja, Manche behaupten, daß sie von einem Tage zum anderen wieder zu Macht und Ansehen kommen könne. Es würde mich durchaus nicht in Erstaunen setzen, Herr Herzog« ? so nannte sich der Verwalter ? »wenn eines Tages jemand zu Euch käme und Euch eine bedeutende Summe anböte, um die Gräfin auf einige Minuten sehen und sprechen zu können ...«

Aufmerksam spähte er nach dem Alten, um zu sehen, welchen Eindruck seine Worte auf ihn machten; dieser strich sich unruhig seinen grauen Bart.

»Was würdet Ihr wohl in einem solchen Fall thun?« fragte Zaklika möglichst unbefangen.

»Das wäre eine gefährliche Versuchung,« meinte Herzog kopfschüttelnd. »Meiner Treu, ich würde thun, was Luther mit dem Teufel that ? ich würde dem Versucher mein Tintenfaß an den Kopf werfen.«

Er brach dabei in ein gezwungenes Lachen aus.

Aus dem Schlosse herauszukommen, war nach dem, was Zaklika gesehen, offenbar nicht besonders schwierig; viel schwerer erschien es ihm, die Mittel zur weiteren Flucht zu beschaffen, ohne der Gefahr einer Verfolgung ausgesetzt zu sein, bevor man sicheres Gebiet erreicht hatte. Nicht die geringste Sorge verursachte Raimund die Wahl des Ortes, wohin man sich zu wenden hätte. Die guten Beziehungen, welche der sächsische Hof mit den Regierungen von Oesterreich und Preußen unterhielt, schlossen von vornherein den Gedanken aus, auf den Schutz eines dieser beiden Länder zu zählen. Polen schien Zaklika noch den sichersten Zufluchtsort zu bieten, und obwohl er schon seit langer Zeit alle Beziehungen zu seinem Heimatlande abgebrochen hatte, hoffte er doch, dort noch einige alte Bekannte und entfernte Verwandte aufzufinden, welche ihn nöthigenfalls unterstützen könnten. Er zog dabei namentlich auch die Thatsache in seinen Calcul, daß, wenn August der Starke in Polen auch viele Anhänger zählte, er dort auch eine beträchtliche Anzahl Gegner hatte.

Ebenso war es keine leichte Sache, die zu seinem Unternehmen nöthigen Pferde und Menschen in Sachsen ausfindig zu machen, wo der Hof überall seine Späher hatte.

Zaklika schrieb, nachdem er mit sich über die nächsten Schritte im Reinen war, einige Zeilen an die Gräfin, worin er sie verständigte, daß er abreisen werde, um alles Nöthige für ihre Flucht vorzukehren; er befestigte das kleine Billet unbemerkt an dem grauen Faden, welchen die Gräfin vom Fenster ihres Thurmzimmers heruntergelassen hatte. Er besuchte dann noch den Schloßverwalter und ließ im Gespräche mit ihm durchschimmern, ohne ihm irgend etwas von seinem Plane zu verrathen, daß nicht fünfzig, sondern vielleicht tausend Thaler für ihn zu verdienen sein würden, wenn es sich träfe, daß man in einer wichtigen Sache seiner bedürfte.

»Mit dem netten Sümmchen von tausend Thalern,« sagte er zu dem Alten, ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfend, »könntet Ihr Euch ganz ruhig mit Euerer Familie in einem netten Häuschen jenseits des Rheins niederlassen und dort leben wie der Vogel im Hanfsamen.«

Der alte Verwalter erwiderte kein Wort, sondern lachte nur verstohlen vor sich hin, indem er zustimmend nickte.

Nachdem Zaklika noch die Soldaten im »Goldenen Hufeisen« in freigiebigster Weise regalirt hatte, verabschiedete er sich von ihnen, indem er versprach, daß er die Gegend bald wieder besuchen werde, um Häute aufzukaufen.

Das Geld, welches ihm Lehmann eingehändigt hatte, war vollauf genügend, um das geplante Unternehmen zu gutem Ende zu führen; in der Besorgniß jedoch, seine Hilfsmittel durch die Flucht ganz zu erschöpfen, entschied sich Zaklika definitiv für den Weg nach Polen als die billigste Route.

Nach der Abreise Raimunds verfiel Gräfin Cosel in einen fieberhaften Zustand. Jeden Tag lief sie unzähligemale zum Fenster ihres Thurmzimmers, in der Hoffnung, an dem dort hängenden Faden irgend eine Botschaft zu finden, welche sie zu beruhigen vermöchte. Aber die Zeit verstrich, ohne daß sie eine Nachricht erhielt, und sie verzehrte sich in Ungeduld, indem sie ganz vergaß, welche Schwierigkeiten es zu überwinden galt; um ihre Flucht zu bewerkstelligen. Die Gräfin schien zu glauben, daß der treue Pole sie sofort retten müsse, nachdem sie ihn darum gebeten hatte.

Inzwischen versuchte sie, eine der beiden Frauen, welche man ihr beigegeben hatte, an sich zu ziehen. Beide waren unfreundliche und schwer zugängliche Geschöpfe. Die Jüngere hatte indessen doch noch ein gutmüthigeres Gesicht und schien sogar ein gewisses Mitleid für die Gräfin zu empfinden. Nur mit dieser konnte sie hin und wieder ein paar Worte wechseln. Gräfin Cosel hatte ungeachtet ihrer Gefangenschaft ihr Benehmen gegen die sie bedienenden Personen in nichts geändert; sie war noch immer dieselbe hochmüthige Dame, wie da sie einst als Königin am sächsischen Hofe herrschte; sie duzte stets ihre Dienerschaft und wußte jede Vertraulichkeit fernzuhalten. Indessen zeigte, sie sich nun gegen Magdalena, die jüngere ihrer Dienerinnen, etwas freundlicher; es gelang ihr aber nur dadurch, sie zu gewinnen, indem sie sich über die ältere, die Haushofmeisterin, bei ihr beklagte und durch insgeheim gespendete kleine Geldgeschenke zwischen den beiden Frauenzimmern Eifersucht erweckte. Es dauerte indessen einen ganzen Monat, bis Magdalena einigermaßen Vertrauen zu ihr faßte.

Und Zaklika kam noch immer nicht!

Da er in Dresden sehr bekannt war, mußte er mit großer Vorsicht zu Werke gehen, um keinen Verdacht zu erregen. Sein Freund Haulik vermittelte ihm einige nützliche Bekanntschaften in Bautzen. Diesen Ort nahm er denn auch als Centrum seiner Operationen in Aussicht. Alle diese Vorbereitungen nahmen aber sehr viel Zeit in Anspruch. Der Sommer und der Herbst verflossen rasch und der Winter war herangekommen. Angesichts der schlechten Straßen und der leicht verfolgbaren Spuren bei einem Schneefall, wäre es gewagt gewesen, in dieser Jahreszeit etwas zu unternehmen. Zaklika kehrte also nach Nossen zurück, um die Gräfin zu bitten, sich bis zum Frühjahre zu gedulden. Herzog verschaffte ihm wieder eine Zusammenkunft mit derselben, während welcher die ins Vertrauen gezogene Magdalena Wache hielt, damit die Beiden nicht von Unberufenen überrascht würden. Die Unterredung währte denn auch länger als die erste und man konnte die Sache bis in die kleinste Einzelheit besprechen. Die Flucht wurde definitiv auf den Frühling vertagt; Zaklika zweifelte keinen Augenblick daran, daß Herzog, wenn man ihm eine ansehnliche Summe als Köder hinhielt, im entscheidenden Augenblicke zur Durchführung seines Planes die Hand bieten werde.

Der Winter gestaltete sich dieses Jahr besonders streng und hielt außerordentlich lange an. Nun ist es eine alte Erfahrung bei derlei Unternehmungen, wie Zaklika und die Gräfin sie planten, daß, je länger sich die Sache verzögert, die Chancen des Gelingens sich vermindern. Die Personen, welche man dabei nothgedrungen in das Geheimniß einweihen muß, gewinnen Zeit zur Ueberlegung, werden endlich ängstlich, beginnen zu plaudern und bald ist alles entdeckt und vereitelt. So ging es auch hier. Herzog ließ sich eines Tages, da er den Spirituosen etwas mehr als gewöhnlich zugesprochen hatte, in Gegenwart seiner Frau ein paar unkluge Worte entschlüpfen, welche diese neugierig machten: sie begann ihn geschickt auszuholen und erfuhr bald alles, was er selbst wußte. Diese Frau nun, welche noch habgieriger als ihr Gatte war, dachte sich, daß man am besten thäte, wenn man schon einmal dabei sei, nach zwei Seiten hin Verrath zu üben und mit beiden Händen den Lohn hiefür einzustreichen. Sie beredete also ihren Mann, scheinbar auf den Plan des Polen einzugehen, um von ihm das versprochene Geld zu erhalten, gleichzeitig aber die Behörden zu verständigen und ihnen die Flüchtlinge auszuliefern.

»Auf diese Weise,« sagte sie dem Schwankenden, »kann man ein nettes Sümmchen verdienen, sich gleichzeitig seine Stelle sichern, die Gunst des Hofes erwerben und setzt sich dabei nicht der mindesten Gefahr aus.«

Der Verwalter strich sich bei diesen Auseinandersetzungen seiner klugen Ehehälfte schweigend seinen Bart; es war an seinem Gesichte abzulesen, das ihm die Idee ganz wohl gefiel. Man mußte indessen das Frühjahr abwarten.

Gräfin Cosel, die sich durch die bestimmte Aussicht auf baldige Befreiung sehr gehoben fühlte, machte ihren beiden Dienerinnen zu Weihnachten werthvolle Geschenke, um sie sich geneigt zu machen. Magdalenens fühlte sie sich auch schon so sicher, daß sie ihr eines Tages, ohne es eigentlich zu wollen, mehr verrieth, als gut war; sie forderte nämlich ihrer Kammerfrau das Versprechen ab, daß diese sie begleiten werde, falls sich bezüglich ihres Aufenthaltsortes im Frühjahr eine Veränderung ergeben sollte ... Diese Worte gaben der Frau sehr viel zu denken; eine unerklärliche Angst bemächtigte sich ihrer. Längere Zeit überlegte sie bei sich, was sie thun solle, endlich erwirkte sie sich unter dem Vorwande, ihrer Familie einen Besuch abstatten zu wollen, die Erlaubniß, auf einige Tage nach Dresden zu gehen. Ihre Schwester war im Hause der Dönhoff bedienstet und zu dieser begab sie sich sogleich nach ihrer Ankunft in der Stadt. Die Beiden berathschlagten nun und kamen zu dem Schlusse, daß es das Klügste sein werde, der Marschallin Bielinska das Gehörte mitzutheilen, da man sicher sein konnte, von ihr reichlich dafür belohnt zu werden.

Die Marschallin und ihre beiden Töchter erschraken natürlich nicht wenig, als wie ein Blitz aus heiterem Himmel plötzlich die Nachricht unter sie fuhr, daß die Cosel von Nossen zu entfliehen gedenke. Sogleich wurde Löwendahl davon verständigt. Dieser ordnete sofort die Festnahme der beiden der Gräfin beigegebenen Frauen, sowie die Ablösung der in Nossen liegenden Wache durch eine andere Compagnie Soldaten an. Man verdoppelte die Wachposten und der alte Schloßverwalter wurde noch am selben Tage nach Dresden abgeführt. Als Gräfin Cosel des anderen Morgens aufstand, fand sie in ihrem Vorzimmer einen ihr unbekannten Officier in Begleitung eines Beamten, welcher den Auftrag hatte, eine genaue Untersuchung einzuleiten und zugleich alle Schlösser und Thüren zu prüfen.

Diese bedrohlichen Maßnahmen brachten Gräfin Cosel sehr in Harnisch ? allein, was wollte sie gegen die Gewalt ausrichten? Sie mußte alles ruhig über sich ergehen lassen. Sie wagte es nicht, sich um die Ursachen all dieser Veränderungen zu erkundigen, da sie Zaklika, über dessen Schicksal sie im höchsten Grade beunruhigt war, zu compromittiren befürchtete. Glücklicherweise hatte er in Nossen unter fremdem Namen sich aufgehalten und hatte ihn niemand gekannt; höchstens die Soldaten konnten plaudern ... Das von Zaklika erhaltene Billet hatte sie längst vernichtet, es blieb also kein Beweis irgend einer Schuld außer der Aussage Magdalenens.

Von diesem Tage an war das Leben in Nossen für die Cosel vollends unerträglich geworden. Die neuen Dienerinnen, welche man ihr geschickt hatte, waren ganz und gar unzugänglich und verschlossen.

Als der Beamte mit seiner Untersuchung fertig war und sich zurückgezogen hatte, näherte sich der Officier, welcher ihn herbegleitet hatte, in respectvoller Haltung der Gräfin und sagte:

»Ihr werdet Euch wohl kaum mehr des unbedeutenden jungen Mannes erinnern, Frau Gräfin, welcher mehr als einmal in glücklicheren Zeiten, wenn er den Dienst bei Seiner Majestät zu versehen hatte, Euch sah und nicht vergessen konnte. Ihr könnt es mir aufs Wort glauben, Madame, daß die Aufgabe, die mir hier zutheil wurde, mir peinlich und schmerzlich ist; trotzdem machte ich keinen Schritt, mich ihr zu entziehen, in der Hoffnung, Euch so vielleicht irgend eine Kränkung ersparen zu können. Gestattet mir nun, die Bitte an Euch zu richten, Euere Lage nicht selbst zu verschlimmern!«

Die Gräfin warf ihm einen stolzen, fast abweisenden Blick zu. Nach einer Weile sagte sie: »Wenn Ihr mir beweisen wollt, daß Ihr Mitleid für mich fühlt, so sagt mir, was man in Betreff meiner entdeckt und wer mich denuncirt hat.«

»Die näheren Umstände sind mir nicht bekannt,« erwiderte der Officier; »alles, was ich weiß, ist, daß Löwendahl auf Befehl des Königs die Wache und das gesammte Personal des Schlosses gewechselt hat und daß der Schloßverwalter gefangen gesetzt und eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet wurde.«

»Und ist sonst niemand verhaftet worden?«

»Außer den zwei Frauen, welche zu Euerer Bedienung hier waren, niemand, so viel ich weiß,« antwortete der Officier; dann fügte er hinzu: »Ich werde täglich hierherkommen. Vor der Welt muß ich mich Euch gegenüber als hart und unzugänglich zeigen, Madame, aber wenn ich Euch irgendwie nützlich sein und etwas dazu beitragen kann, Euer Los zu erleichtern, so bin ich gern dazu bereit.«

Damit grüßte er und entfernte sich.

Es verstrichen einige Tage, während welcher sich die Gräfin in tödtlicher Angst um das Schicksal Zaklikas befand. Dieser weilte eben in Dresden, als sich das Gerücht verbreitete, daß ein Plan zur Befreiung der Cosel entdeckt und vereitelt worden sei. Seine erste Sorge war nun, sich zu verbergen, da er befürchten mußte, daß man nach ihm fahnde.

Es war zwar gewiß sehr unklug, sich bald darauf nach Nossen zu begeben, allein Raimund dachte sich, daß die Gräfin sehnsüchtig auf irgend ein Zeichen von ihm warte, um zu erfahren, ob er der Gefahr entgangen und frei sei.

Bis zu ihr zu gelangen, war nun aber ganz unmöglich; Tag und Nacht standen jetzt Schildwachen vor ihren Fenstern. Der arme Raimund irrte schon drei Tage, der Kälte und dem Schnee trotzend, als Bettler verkleidet, in der Umgebung des Schlosses umher und zerbrach sich vergeblich den Kopf, um ein Mittel ausfindig zu machen, der Gräfin eine Nachricht zukommen zu lassen, als er zufällig auf der Straße einem jener wandernden Krämer begegnete, die gegen die Weihnachtszeit zu mit einem kleinen Wagen von Ort zu Ort, von Haus zu Haus ziehen und ihre Waaren feilbieten.

Ein glücklicher Zufall fügte es, daß der Mann ein alter Bekannter von ihm war; er hatte ihn oft bei seinen wendischen Freunden in der Dresdener Vorstadt gesehen und ihm früher dann und wann eine Kleinigkeit für die Frau oder die Kinder Hauliks abgekauft. Beim Anblick dieses Krämers kam ihm plötzlich eine Idee.

»Ihr geht nach Nossen?« fragte er ihn.

»Ja, aber ich werde mich dort wohl nicht aufhalten.«

»Das ist sehr schade, denn Ihr würdet dort im Schlosse sicherlich gute Geschäfte machen, mein lieber Treu. Gräfin Cosel wohnt jetzt dort und obgleich sie eigentlich eine Gefangene ist, hat sie doch noch genug Geld und eine zahlreiche Dienerschaft um sich, so daß sie gewiß den Wunsch hegt, Einkäufe zu Weihnachtsgeschenken zu machen. Wenn es Euch gelingen sollte, bis zu ihr zu kommen, so würdet Ihr das schwerlich zu bereuen haben, das könnt Ihr mir aufs Wort glauben!«

Die Augen des alten Hausirers glänzten begierig.

»Ich danke,« sagte er, Raimund die Hand reichend, »der Rath ist nicht schlecht und ich werde ihn befolgen.«

»Die unglückliche Frau!« fuhr Zaklika fort; »sie ist jetzt recht unglücklich ... und doch ist ihr noch so viel geblieben, daß wir Beide damit mehr als genug hätten. Uebrigens könntet Ihr mir wohl einen kleinen Gefallen thun; wenn Ihr sie seht, so könnt Ihr eines ehemaligen Dieners von ihr erwähnen.« Dabei fuhr er sich mit der Hand über die Augen, wie um eine Thräne abzuwischen; »ja, ich habe auch einstmals in ihrem Hause gedient,« sagte er traurig vor sich hin.

»Und was soll ich ihr von Euch ausrichten?« fragte der Handelsmann theilnahmsvoll.

»O nichts, gar nichts ... oder sagt ihr, daß ihr ehemaliger Diener, der Hufeisen zerbrach, noch lebt und in der Welt umherirrt ...«

»Von Nossen werde ich direct nach Hause zurückkehren,« sagte Treu, »denn Weihnachten naht heran und dieses Fest will ich bei meiner Familie verbringen; wo werde ich Euch wieder treffen, falls ich eine Antwort zu bestellen hätte?«

»O, was das betrifft, so werden wir uns schon in der Gegend wieder sehen, wahrscheinlich wieder auf der Straße, denn ich jage hier Hasen.«

Wie jeder Kaufmann, wenn ihm ein Gewinn in Aussicht steht, ließ sich der Krämer die Sache sehr angelegen sein. Nachdem er Zaklika verlassen und in der Herberge etwas ausgeruht hatte, nahm er seinen transportablen Kramladen auf den Rücken und ging damit nach dem Schlosse. Die Wachen, welche diesfalls strenge Ordre hatten, wollten ihn nicht passiren lassen, allein der Alte ließ sich nicht so leicht abweisen und machte dabei so viel Lärm, daß der Officier herbeilief, um zu sehen, was es gebe.

Mit diesem konnte er sich viel leichter verständigen; er schickte zu der Gräfin und ließ fragen, ob sie vielleicht etwas zu kaufen wünsche. Ob diese nun hoffte, sich damit ein wenig zu zerstreuen, oder ob sie ahnte, daß der Krämer noch irgend etwas anderes als seine Waaren bringe ? genug, sie ließ ihn zu sich bescheiden.

Der Waarenvorrath des armen Handelsmannes war nun allerdings nicht darnach beschaffen, um ein an den größten Luxus und die kostbarsten Dinge gewohntes Auge zu fesseln, allein für den Gefangenen ist jede Gelegenheit zur Zerstreuung erwünscht. Gleichgiltig und geringschätzig musterte Gräfin Cosel fast Stück für Stück der zum Verkauf ausgelegten Gegenstände. Als Treu sah, daß sie allein waren, erinnerte er sich des Auftrages, welchen er von Zaklika erhalten hatte; er näherte sich der Dame und sagte leise zu ihr:

»Man hat mich ersucht, Frau Gräfin, Euch zu sagen, daß Euer treuer Diener, der Hufeisen zerbrach, wohlauf ist und in der Welt herumstreift.«

Der Krämer war nicht wenig überrascht von der schnellen Veränderung, welche seine Botschaft in den Zügen der Gräfin hervorbrachte; ein heller Freudenstrahl flog über ihr Gesicht, als sie die Worte des Alten hörte.

»Wer hat Dir den Auftrag gegeben, mir das zu sagen?« fragte sie hastig.

»Der Betreffende selbst, Madame,« erwiderte Treu. »Ich traf ihn hier in der Nähe. Wenn ich nicht irre, sagte er mir, daß er hier jage.«

Die Worte des Krämers wirkten wie ein Talisman; denn plötzlich fand die Gräfin zur großen Freude des Krämers alle seine Waaren vortrefflich und nach wenigen Minuten war sein Lager fast ausverkauft. Nachdem sich die Gräfin die Worte Zaklikas nochmals hatte wiederholen lassen, bezahlte sie den ambulanten Kaufmann und entließ ihn. Dieser begab sich wieder nach dem »goldenen Hufeisen« und machte auch hier noch so gute Geschäfte, daß er beschloß, da zu übernachten. Des anderen Morgens machte er sich mir bedeutend gelichtetem Waarenvorrath und gefüllten Taschen auf den Rückweg nach Dresden. In geringer Entfernung von Nossen traf er an einer einsamen Stelle der Straße wieder auf Zaklika.

»Nun,« fragte der Pole, »habt Ihr die Gräfin gesprochen, habt Ihr meine Botschaft ausgerichtet?«

»Das ist gewiß! Uebrigens schien die Gräfin darüber sehr erfreut zu sein! ... Und was ich für famose Geschäfte sowohl im Schlosse als in der Herberge gemacht habe! Ich bin Euch sehr dankbar; Gott vergelte es Euch!«

Zaklika lag es auf der Zunge, dem Manne zu sagen, daß er zum Mindesten gleich viel Ursache habe, ihm dankbar zu sein. Indessen hielt er an sich und drückte dem Alten nur freundschaftlich die Hand, worauf dieser, ein lustiges Liedchen pfeifend, seine Straße zog.

Inzwischen nahm die Untersuchung gegen die drei Verhafteten ihren Verlauf; sie wurden strengen Verhören unterzogen. Der alte Herzog war ein zu geriebener Bursche, um sich ein Geständniß herauspressen zu lassen; auch die beiden Frauenzimmer sagten, erschreckt über die unerwarteten Folgen ihres Uebereifers, sehr reservirt aus. Nach einigen Tagen ward Herzog in Freiheit gesetzt, jedoch seines Amtes enthoben; ebenso wurden die beiden Frauen ohne jede Entschädigung entlassen.

Die Plauderei der Letzteren blieb indessen nicht ohne weitere ernsten Folgen. König August fürchtete die Gräfin zu sehr, um bei dem, was er erfahren hatte, gleichgiltig zu bleiben, er kannte sie zu genau, um nicht zu wissen, wie ernst er ihre Drohungen zu nehmen habe. Er war durch die Nachricht von dem geplanten Fluchtversuch von Nossen nicht wenig beunruhigt und gab sofort Befehl, in Stolpen einige Zimmer herzurichten und die Gräfin dorthin zu überführen. Dieses befestigte Schloß schien ihm als Gefängniß mehr Sicherheit zu bieten als Nossen.

So wollte es eine sonderbare Fügung des Schicksals, daß die unglückliche Frau in demselben alten Schlosse der Bischöfe von Meißen, das sie einige Jahre vorher mit ihrem geliebten August besucht hatte, nicht weit von dem Orte, wo die alte Hexe Mlawa ihr dazumal so düstere Prophezeihungen gemacht, die wenigen Jahre eines Glückes, welches ihr die neidischen Höflinge nicht verzeihen konnten, abbüßen sollte!

Als August die erwähnte Ordre gab, leitete ihn dabei weniger eine augenblickliche Zorneswallung über die Hartnäckigkeit der muthigen Frau, welche sich durch nichts davon abbringen ließ, auf ihrem vermeintlichen Rechte zu bestehen, als ein unbestimmtes Gefühl der Furcht für sein eigenes Leben. Von diesem Moment an war Gräfin Cosel verloren, den niemals verzieh der König Denjenigen, welche es wagten, ihm offen Trotz zu bieten oder gar ihn einschüchtern zu wollen ...

Zwei Tage vor dem Weihnachtsabend war im Schlosse zu Nossen eine ganz ungewohnte Unruhe und Bewegung zu bemerken ... Vor dem Thore harrte ein Wagen, umgeben von einer Reiterescorte, um Gräfin Cosel nach Stolpen zu bringen.

Der Officier, den wir schon kennen lernten, fand nicht den Muth, der Gräfin die Nachricht von ihrer Uebersiedlung mitzutheilen. Er fühlte tiefstes Mitleid mit ihr, denn so schmerzlich ihr auch die Gefangenschaft bisher schon gewesen sein mochte, so war dies doch nichts im Vergleiche zudem, was nun ihrer wartete.

Als Gräfin Cosel das Geräusch und Getrappel im Hofe vernahm, sprang sie unruhig von ihrem Stuhle auf, warf die alte Bibel, in welcher sie eben geblättert hatte, auf den Tisch und lief zur Thür. Es war ihr plötzlich ein beseligender Gedanke gekommen. Sie hatte schon so oft in Stunden beschaulichen Nachdenkens sich gesagt, daß August, gerührt von ihrem Unglück, eines Tages Mitleid fühlen, sein Herz der Wahrheit und Gerechtigkeit erschließen werde ... Was Wunder also, daß sie nun von der Hoffnung ergriffen ward, daß das Getöse, welches sie vernahm, für sie die Befreiung, die Erlösung bedeute!

Zitternd war sie an der Thürschwelle stehen geblieben, als diese sich öffnete und ein Mann in Amtstracht eintrat, der sie mit einer tiefen Verbeugung begrüßte. Die Gräfin wich rasch einen Schritt zurück und preßte die Hand auf ihr stürmisch pochendes Herz. Das Erscheinen eines Beamten hatte ihr bisher stets nur Schlimmes gebracht. Der Mann hielt in einer Hand ein mit dem königlichen Siegel versehenes Schriftstück, in der anderen seine Brille.

»Was wollt Ihr?« fragte die Gräfin mit zitternder Stimme. »Sprecht, was wollt Ihr hier?«

»Gräfin Cosel, ich habe von seiner Majestät den Befehl erhalten, Euch sofort nach Stolpen zu geleiten,« erwiderte der Mann des Gesetzes; »diesen Ort hat der König als Euere fernere Residenz Euch gnädigst anzuweisen geruht.«

Ein markdurchdringender Schrei entrang sich den Lippen der Gräfin; sie mußte sich gegen die Mauer lehnen, um nicht umzusinken. Im nächsten Augenblick aber gerieth sie in einen ganz unbeschreiblichen Zustand der Aufregung; sie rannte in heller Verzweiflung gegen die Thür, als wollte sie sich den Kopf zerschmettern. Auf den Schrei waren ihre zwei Dienerinnen herbeigeeilt, welche sie nun mit Gewalt festhalten wollten; allein mit übermenschlicher Anstrengung entwand sich Anna ihren Armen und ein schreckliches Wuthgeheul, ein Gemisch von unarticulirten Klagelauten und bitteren Verwünschungen entströmte ihrem Munde.

Der Beamte stand rathlos und bleich vor Schrecken dieser Scene gegenüber.

Man sah sich genöthigt, um den königlichen Befehl auszuführen, die Gräfin gewaltsam nach dem Wagen zu tragen, der ihrer wartete. Nachdem sie in Krämpfe verfallen war, wobei sie bald wild um sich schlug, bald laut schluchzte und schrie, verfiel sie endlich in einen Zustand völliger Erschöpfung.

Es war am 24. December 1716, als sich hinter der unglücklichen Frau die Thore des Schlosses Stolpen schlossen und ihre thränenerfüllten Augen die düsteren Umrisse des Thurmes Sanct Johann erblickten, der von da ab ihr Gefängniß sein sollte.


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