Das Grab des weißen Königs

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1

Mein Freund, der Archäologe Doktor Paul Röster, befand sich bereits etliche Wochen in London, als auch ich dort eintraf. Nachdem ich die dringendsten Angelegenheiten erledigt und die ersten Artikel an meine Zeitung gesandt hatte, machte ich mich nach ihm auf die Suche.

Es gehörte kein sonderlicher Spürsinn dazu, ihn zu finden, ich brauchte einfach bloß ins Britische Museum zu gehen und erwischte ihn richtig vor einem abscheulichen mexikanischen Götzen, den er mit dem Ausdruck seligster Verzücktheit betrachtete. Fräulein Thea Siebertz, seine Assistentin, die gleich ihm das Ruinenfeld der Archäologie beackerte, half ihm dabei. Sie klappte eben die Kamera zu, mit der sie das Scheusal aufgenommen hatte, und, als sie mich erblickte, die Augen auf.

»Na also«, sagte ich, indem ich meinen Freund auf die Schulter schlug, »da bist du ja!«

Er wandte sich um und schien nicht sonderlich verwundert, mich neben sich zu sehen. Bei seinen mexikanischen Altertümern waren ihm Raum, Zeit, Kausalität und die sonstigen philosophischen Grundtatsachen unseres Daseins zu Belanglosigkeiten verblaßt.

Immerhin ermannte er sich dazu, meinen Händedruck zu erwidern und einige Worte der Begrüßung mit mir zu wechseln.

»Und was hast du außer deinen Vitzliplutzlis bisher von London gesehen?« fragte ich, nachdem das Wiegehts und Wowohnstdu erledigt war.

Er starrte mich an, als habe ich mich erkundigt, ob er inzwischen dem Sultan von Marokko seine Aufwartung gemacht habe. Meine Frage war ebenso an ihn wie an Fräulein Siebertz gerichtet, und sie gab mir auch, mit einem nur dem feineren Ohr hörbaren Werben um Bedauern, zur Antwort: »Gesehen, Herr Doktor? Das Britische Museum! Wir machen von früh bis abends Notizen und Aufnahmen, und abends ordnen wir die Notizen und entwickeln die Aufnahmen.«

Es war genau so, wie ich es gedacht hatte, und ich ließ die junge Dame nicht im Zweifel darüber, daß jenes Bedauern, das sie anrief, in vollem Ausmaße bei mir vorhanden war: »Du warst also noch nicht im Covent Garden Theater? Nein? Im Haymarket Theater? Nein? Im Vaudeville Theater? Nein? In der Alhambra, im Hippodrom? Nein? Im Hydepark, in Windsor, in Hampton Court, im Regent Park? Nein? Also ich muß sagen ?«

Paul machte einen Versuch, sich in die Brust zu werfen, was ihm nur sehr unvollkommen gelang: »Die Regierung hat mich hierhergeschickt, um zu arbeiten, nicht, um mich zu unterhalten ...«

»Ja, ich weiß«, unterbrach ich ihn, »der österreichische Dalles, das ist ein Gott von furchteinflößender Mächtigkeit. Kein Götterhimmel eines anderen Volkes oder einer anderen Zeit hat seinesgleichen, nicht einmal der mexikanische. Aber du solltest bedenken, daß auch der kraftstrotzendste Pinzgauer nicht dauernd im Geschirr bleiben kann.«

Paul war es gewiß noch niemals in den Sinn gekommen, sich mit einem gewöhnlichen Einspännergaul zu vergleichen, geschweige denn mit einem Pinzgauer. Er schwieg betreten, und ich fuhr fort, aufgemuntert durch ein Nicken seiner Assistentin: »Ich gebe dir noch drei Tage Zeit, dich archäologisch auszutoben und vor dem Gott Dalles zu rechtfertigen. Dann komme ich, um dich zu holen.«

Damit verließ ich ihn und nahm einen Dankesblick der jungen Dame mit auf den Weg.

Dieser Blick lebte drei Tage in mir und besonnte meinen ganzen Innenmenschen, so daß nicht einmal die Düsternis eines echten Londoner Nebels viel über ihn vermochte. Eine solche magische Gewalt hatte ein Blick aus diesen grünen Augen ? oder waren sie grau? Man konnte es ebensowenig sagen wie von ihrem Haar, ob es blond war oder rötlich. Fräulein Siebertz war ein sportlich straffes Mädel, schlank, ohne in den modischen Ungeschmack übertriebener Magerkeit zu verfallen, und dabei war sie sehr tüchtig in ihrem Fach, eine Hoffnung sozusagen, was ihr auch die ehrende Auszeichnung eingebracht hatte, bei einer Leuchte wie meinem Freund Paul Noster Assistentin sein zu dürfen. So wog sie daheim Studium und Arbeit gegen den Betrieb aller Arten von körperlichen Übungen, des Schwimmens, Tennisspielens, des Bergsteigens und der rhythmischen Gymnastik sorgsam und besonnen ab und hatte auch viel Sinn für Losgebundenheit im Vergnügen. Sie war weit entfernt von jenen Schauerweibern, die noch in der vorhergegangenen Generation von Studentinnen und Blaustrümpfen in der Absage an das Geschlecht die erste Bedingung einer Rechtsangleichung an den Mann erblickt hatten.

Sie war, mit einem Wort, innen und außen herum genau so, wie es meinem Geschmack und meinen Wünschen entsprach. Aber das mußte eine völlig hoffnungslose Angelegenheit bleiben. Denn es konnte meinem Scharfblick nicht entgehen, daß sie durch eine unbegreifliche Fügung des Herzens meinem Freund insgeheim innig verbunden war, diesem kurzsichtigen Paul Noster, der offenbar keine Ahnung hatte, was da neben ihm blühte und wuchs. Jeden andern hätte ich mit kalter Entschlossenheit irgendwie zu beseitigen versucht, diesem Nachtwandler gegenüber war ich machtlos, aber man versteht, daß ich manchmal wütend auf ihn war und ihm am liebsten eine hineingehauen hätte.

Etwas Ähnliches dachte ich, als ich am Abend des dritten Tages wieder ins Britische Museum kam, kurz vor Schluß, als der Strom der Besucher schon zu einem spärlichen Rinnsal geworden war. Und auch dies dachte ich, daß Fräulein Thea Siebertz eine junge Dame von vierundzwanzig Jahren war, und daß sie heuer noch keinen Urlaub gehabt hatte.

Ihre Augen leuchteten auf, als ich eintrat. Es sah ganz so aus, als hätte sie mich schon sehnsüchtig erwartet.

»Wo ist Paul?« fragte ich erstaunt, da der Mann der Wissenschaft nicht zu erblicken war.

Sie klappte ein Heft zusammen und deutete mit schalkhaftem Lächeln nach einem Paar Schuhen und zwei verknitterten und verschobenen Hosenbeinen, die unter einem steinernen Ungetüm hervorschauten, einer Art Jaguar aus Andesit, der sich zähnefletschend zum Sprung niederduckte. Es war zu erraten, daß es mein Freund war, der in diesen Gelehrtenhosen stak und unter dem Bauch des Jaguars lag.

Ich packte ihn ohne Umschweife an den Schuhen und zog daran: »Komm hervor!« knurrte ich rauh.

Ich zog noch einmal, und es glückte mir, ihn hervorzuholen. »Alles hat seine Grenzen«, sagte ich, »auch die Wissenschaft!«

»Er hat eine Inschrift auf dem Bauch!« wandte Paul ein, indem er sich aufsetzte.

»Schwer zugänglich, was?«

»Und schwer zu entziffern. Ziemlich verwischt, kaum lesbar! Haben Sie alles geschrieben, Fräulein, was ich diktiert habe?«

»Du wirst gut tun, ihm den Bauch mit einer Glühbirne zu bestrahlen.«

»Das ist eine Idee! Es wird nichts anderes übrigbleiben, als ...!«

»Es wird dir nichts anderes übrigbleiben, als jetzt mit uns zu kommen. Ich habe dich lange genug deinen steinernen Bestien und mexikanischen Ölgötzen überlassen ...«

»Erlaube mir!«

Ich beendete die Verhandlungen, indem ich Paul beim Arm packte und auf die Füße stellte, ein Beginnen, das offensichtlich der jungen Dame vollen Beifall hatte.

»Wohin gehen wir!« fragte mein Freund.

»Du wirst es sehen! Jedenfalls aus dem grauen Altertum fort in die Neuzeit!«

»Ausgezeichnet!« sagte ein Herr, der auf leisen Sohlen durch die Dämmerung herangekommen war und nun unerwartet unter uns stand. »Gestatten Sie, daß ich mich dieser Expedition anschließe.«

Es war Mister James Tabor Forst, zweiter Kustos an der Abteilung für mexikanische Altertümer. Ich hatte ihm vor Jahren einmal für einen Zeitungsartikel im Verlaufe einer halben Stunde meine staunenswert gründliche Kenntnis des Britischen Museums abgezapft. Über seine wissenschaftliche Eignung war mir nichts bekannt, vielleicht verdankte er seine Stellung dem Umstand, daß er in Mexiko drüben geboren war. Halbblut, aus der Ehe eines englischen Kaufmanns mit einer Indianerin. Die Rassen schienen sich in ihm so gemischt zu haben, daß alles Geschmeidige und Weiche ausgelöscht war und die Härten der Bildung englischer Gesichter sich durch den scharfen indianischen Schnitt bis zu einer starren, steinernen Unbeweglichkeit gesteigert hatten. Es war unleugbar eine Ähnlichkeit mit den gewissen mexikanischen Gesichtsmasken von gehärteter Undurchdringlichkeit vorhanden, mit den Köpfen von Krieger- oder Priestergestalten. Man hätte den Kopf des lebenden Mister Forst unmittelbar jenen Rümpfen aus Hämatit oder Andesit aufsetzen können.

Im übrigen war Mister Forst ein Mann von Welt, von einer gleichmäßigen Höflichkeit nahe dem Nullpunkt der Gefühle, immer tadellos gekleidet, zu tadellos vielleicht für unsere Auffassung von dem Äußeren eines Mannes der Wissenschaft. Aber mein Gerechtigkeitsgefühl sagte mir, daß Hosen mit Bügelfalten und Lackschuhe kein unbedingtes Hindernis für Leistungen aus dem Gebiete der Altertumskunde sein müßten.

Er hatte auch in Deutschland studiert, in Heidelberg, wo er viel mit Korpsstudenten verkehrt haben wollte, selbstverständlich mit solchen des weißen Kreises, die das Feinste vom Feinen sind. Zum Beweis gab er gelegentlich eine phantasievolle Beschreibung der »Heidelberger Rose«, aus der hervorging, daß er sie für eine Art Gewächs hielt, das er irgendwie mit dem tausendjährigen Rosenstock in Hildesheim verwechselte.

Es war ein gewisses Widerstreben in mir, unser Beisammensein durch diesen Fremden stören zu lassen, und mein Freund schien ebensowenig entzückt zu sein. Wie er mir später bekannte, brachte auch er Mister Forst keine übertriebene Zuneigung entgegen, wenn er auch nicht so weit ging wie seine Assistentin, die behauptete, dieser Gentleman sei dazu bestellt, Nosters Arbeit zu überwachen und vielleicht wegzuschnappen, was möglich sei.

»Ich bin mit einer bestimmten Absicht hierhergekommen«, sagte Mister Forst, als unsere Zustimmung zu seinem Anerbieten ein wenig auf sich warten ließ, »mit derselben wie Mister Schopp. Wollte Sie nämlich für einen Abend Ihrer Arbeit entführen.«

Paul wehrte sich noch ein wenig. Er warf einen Blick aus den Jaguar und bemerkte wehmütig: »Ich wäre gern heute noch dahintergekommen!«

»Schlechtes Licht heute«, sagte Mister Forst, »übrigens ? es gibt Dinge, hinter die Sie niemals kommen werden.«

Täuschte ich mich, oder war wirklich ein Klang überlegenen Spottes und heimlicher Schadenfreude in diesen Worten. Ich sah den Mann an, aber in dem steinernen Gesicht rührte sich nichts.

»Keiner von uns!« setzte er hinzu. »Sie sollten heute wirklich Schluß machen. Unser Direktor Breadsley meint auch, wir hätten uns gegen einen so berühmten Besuch bisher wenig gastfreundlich betragen. Und es wäre an der Zelt, uns ein wenig um Sie zu kümmern.«

Paul schien einzusehen, daß ihm nichts anderes übrigblieb als sich zu fügen, und verschwand hinter der Glastür in dem Kabinett, um seine Arbeitskleidung gegen den Straßenanzug zu vertauschen.

Wir nahmen unten ein Auto, dessen Lenker ich unser Ziel zuflüsterte, und noch ehe wir losfuhren, war Noster schon mit Mister Forst in ein Gespräch über die Hieroglyphen auf dem Bauch des Jaguars vertieft.

Es war mir nicht unlieb, daß Thea Siebertz mir überlassen blieb.

»Wohin fahren wir?« fragte sie.

»Tanzen Sie gern?« fragte ich zurück.

»Leidenschaftlich!« Ihre Augen waren ganz groß vor Freude. »Finden Sie das gräßlich?«

»N?ein! Warum soll man nicht tanzen, wenn man daneben noch für andere Dinge Zelt behält.«

»Wissen Sie, wenn man solange eine kranke Tante pflegen mußte! Meine Schwester und ich waren jahrelang angebunden. Sie werden lachen: im vollen Sinne des Wortes ?angebunden?. Sie war so ein schwacher, alter Mensch mit ganz zerstörten Nerven, es mußte immer eine von uns mit ihr schlafen. Und morgens mußte sie zur bestimmten Stunde ihre Medizin bekommen. Aber einen Wecker neben ihr loszulassen, das wäre ihr sicherer Tod gewesen. Da hat sich nun die von uns, die den Nachtdienst hatte, eine Schnur um die große Zehe gebunden. Die ging durch das Schlüsselloch in das Vorzimmer, und wenn die Stunde für die Medizin kam, zog die andere draußen daran. Da wurde man wach davon ganz ohne Schrecken für die Tante.«

»Tapferes Mädel!«

»Ach was! Die arme Tante ist nun doch tot ... Und der alte Großvater, mit dem ich nachher lebte, auch ...« Sie unterbrach sich: »Und wohin fahren wir?«

»Zur Olympia Hall. Dort ist das größte Tanzereignis im Gang, das London zur Zelt zu bieten hat.«

»Was ist das?«

»Warten Sie! Aber sagen Sie Paul nichts davon. Er wäre imstande, uns noch im letzten Augenblick auszureißen.«

Die Warnung war unnötig gewesen. Denn als wir ankamen, lag Paul noch immer im Geist unter dem Bauch seines Jaguars, und ich glaube kaum, daß er von dem brausenden Lärm, der uns umgab, mehr als ein undeutliches Geräusch, und von der Lichtfülle, die auf uns herabstürzte, mehr als einen beiläufigen Schimmer wahrnahm. Draußen vor dem Rundbau schrien zweimeterhohe Feuerschriften aus Glühbirnenbuchstaben in die Nacht, über dem Eingang, über der teppichbelegten Treppe vor der Kasse wiederholten andere Transparente, Tafeln, Plakate immer dasselbe: »Wett-Dauertanz! Preis zweitausend Pfund! Fünfter Tag!«

Wir betraten den Saal und setzten uns in eine der Logen, die gleich dem übrigen Zuschauerraum in wohltuender Dämmerung lagen. Das ganze blendende Licht des Raumes wurde von den Scheinwerfern der Decke auf das Parkett gesammelt, und in diesem grellen, kalkweißen, unbarmherzigen, kochenden Stoff dort unten tanzte eine Anzahl von Paaren zu einer müden, gleichmäßigen, schleichenden Musik, die aus irgendeinem unsichtbaren Loch hervorkroch.

2

Wenn ich sage: tanzten, so ist das nicht so zu verstehen, als ob noch viel von Rhythmus, von Vergnügen der Bewegung, von Lust der Körper und was sonst das Wesen des Tanzens ausdrücken mag, darin zu sehen gewesen wäre.

Es waren lebendige Leichname, die da unten herumwankten, torkelten und taumelten, Leichen, die sich paarweise aneinanderkrallten, um nicht umzufallen. Ein Tanz von Gespenstern, angestachelt durch eine Zaubermusik, die sie aus Gräbern herausgetrieben hat, eine Art zäher Besessenheit, hervorgerufen durch den Klang von zweitausend Pfund, die dem Sieger versprochen waren. Sie hatten vor fünf Tagen zu tanzen begonnen und tanzten heute noch, hatten all die Tage und Nächte durchgetanzt, im langsamen Takt der Musik zwar, aber ohne Aufhören, immer im gleichen mörderischen grellen Licht und in der lauen Wärme dieses klebrigen Getönes.

»Das ist schrecklich«, sagte Thea an meiner Seite.

Und nach einer Weile: »Das ist abscheulich!«

Irgendwie hatte sich auch Paul Nosters Jaguar endlich davongemacht. Paul trat vor, stützte sich auf die Logenbrüstung wie ein Festredner und fragte verwundert: »Ja, was machen denn die Leute da unten?«

»Sehen Sie«, erläuterte ich, »dort in den rotweiß gestreiften Zelten, die rings um den Saal aufgestellt sind, da werden die Maschinen frisch geölt. Zwei Stunden müssen sie tanzen, dann dürfen sie eine Viertelstunde lang auf den Feldbetten, die dort aufgestellt sind, ruhen und sich flach ausstrecken. Das ergibt zweieinhalb Stunden Ruhe auf einen Tag und eine Nacht Tanzen. Dann, nach fünfzehn Minuten, kriegen sie Kognak eingeflößt, werden mit heißen Tüchern gerieben und geschlagen wie Boxer, oder man spritzt ihnen Eiswasser ins Gesicht. Dann müssen sie wieder hinaus in das Licht und die Musik. Sie dürfen sich auch während des Tanzens den elektrischen Massagegürtel umlegen lassen oder die Tabletten nehmen, die ihnen die Krankenpflegerinnen in den Mund schieben, aber ihr Partner muß sie dabei immer in Tanzstellung halten, und sie müssen die Schritte machen ... immer Tanzschritte. Und hier sitzen die Zuschauer, dort unten haben Sie die Berichterstatter der Zeitungen. Die dürfen aufstehen und hinausgehen ans Büfett, essen ein Lachsbrötchen, trinken ein Glas Wein und kommen wieder zurück. wenn es ihnen zu langweilig wird, packen sie zusammen und fahren heim. Die anderen müssen tanzen ... aber übrigens, ich glaube, als ich vor zwei Tagen zum erstenmal hier war, da gab es etliche Paare mehr als heute. Es müssen einige ausgeschieden sein. Mit hundertzwanzig Paaren hat es begonnen ...«

Wie um meine Vermutung zu bestätigen, fiel in diesem Augenblick mitten im Saal eines der Paare auf den spiegelnden Boden hin, gerade unter der riesenhaften Uhr, die da ausgestellt war, und deren großer Zeiger im grellen Licht ruckweise von Minute zu Minute sprang, während der kleine mit tödlicher Langsamkeit vorwärts schlich.

Das Paar sank einfach zusammen, als hätte es in diesem lauen Geplätscher von Musik seinen Lebenssaft verströmt, als seien ihm Blut, Wille, Vernunft, Bewußtsein ausgeronnen, und nun lagen Tänzer und Tänzerin übereinander wie ein unordentliches Bündel Kleider. Ein Arzt kam aus einem der Zelte hervor, fühlte den Puls, zwei Krankenpflegerinnen in weißen Kleidschürzen und Häubchen machten sich um die Gefallenen zu schaffen. Dann brachten auf den Wink des Arztes einige Diener Bahren herbei, nahmen das Bündel auseinander und trugen die Erledigten zum Saal hinaus, während die Wiederantretenden von Ordnern aus den Zelten herangebracht wurden wie Automaten, die man auf den Platz führt, wo sie ihr Spiel beginnen sollen.

»Sehen Sie nur«, fuhr ich fort, »sie tanzen mit geschlossenen Augen, die Lider sind dick verschwollen, der Mund steht ihnen offen, die Finger sind starr wie aus Holz.«

»Nein«, erschauerte Thea, »das ist grauenhaft!«

Mister Forst, der neben mir saß, hatte sich vom Logenschließer ein Opernglas geben lassen und schien einem Paare unverwandt mit den Blicken zu folgen. Ich glaubte zu bemerken, daß seine Aufmerksamkeit einer jungen Frauensperson galt, einem Mädchen von einer seltsamen, ausländischen Schönheit, das auch mir schon vor zwei Tagen bei meinem früheren Besuch aufgefallen war. Sie hatte einen breitschulterigen Neger zum Tänzer und war von einer Gelöstheit und Preisgabe ihres Selbst, als wollte sie es in völliges Vergessen dahinschmelzen lassen.

»Es ist merkwürdig«, sagte ich, »daß gerade die schlanksten Frauen, die am zartesten aussehen, wie die da unten ... ja, die ... die mit dem braunen, feingeschnittenen Gesicht ... es muß eine Malaiin oder Indianerin oder dergleichen sein ... die mit dem Neger ..., daß die am ausdauerndsten und am widerstandsfähigsten sind. Der Neger hat Filzpantoffeln an, aber sie trägt nicht einmal eine Knöchelbinde wie die anderen. Und wie sie tanzt ... es ist eine Art Selbstmord!«

»Kommen Sie fort«, sagte Thea, »das halte ich nicht aus!«

Ich begann, etwas spät, einzusehen, daß ich meine Freunde an einen einigermaßen vergnüglicheren Ort hätte bringen sollen. Aber vor zwei Tagen war es noch gar nicht so schlimm gewesen. Da hatten die Damen in der Freiviertelstunde sogar noch die Kleider gewechselt oder sich drüben im »Schönheitssalon« neben dem Eingang ondulieren, pudern und schminken lassen. Jetzt war es jedoch wirklich kein erträglicher Anblick mehr. Und ich versuchte mich mit meinem guten Willen zu trösten, mit der lebhaften Absicht, Paul Noster durch dieses Schauspiel zu einer Vergleichung mit einem Übermaß in allerlei anderen Dingen zu veranlassen, etwa zum Beispiel in der mexikanischen Archäologie. Aber ich hatte offenbar kein Talent fürs Lehrhafte, und die Umstände waren nicht danach angetan, daß ich die beabsichtigte Nutzanwendung jetzt hätte laut und deutlich aussprechen dürfen.

Paul Noster fiel die Parallele jedenfalls nicht von selber ein. Er stand noch immer in der Haltung eines Festredners an der Brüstung und fragte verschüchtert: »Ja, aber warum machen das die Leute da unten?«

Mister Forst streckte den Zeigefinger bedeutungsvoll vom Opernglas empor, ohne es von den Augen zu nehmen: »Zweitausend Pfund!« sagte er in einem Ton erregter Verbitterung. »Übrigens ... übrigens, ich glaube ... ja, da unten im ersten Rang über dem dritten Zelt von links sitzt der Mann, der das Ganze veranstaltet hat, ein Mister Brög, ein Amerikaner.« Und er fügte mit einem höhnischen Lachen hinzu: »Steinreich ... Einer von denen, die glauben, sich alles gestatten zu können, und die alle Menschenschicksale durcheinanderschieben möchten wie Dominosteine.«

Damit reichte er mir das Opernglas herüber, und ich sah mir den Mann an, der das Ganze veranstaltet hatte. Er saß in seiner Loge, die nur um zwei Meter über dem Tanzboden erhöht war, hatte einen Sherry-Cobler vor sich aus der Brüstung stehen und sog von Zeit zu Zeit an dem Strohhalm. Wenn er nicht an dem Strohhalm sog, dann putzte er seine Nägel mit den Instrumenten eines Täschchens für Handpflege, das neben dem Sherry-Cobler lag. Er tat ganz so, als ob er bei sich zu Hause wäre, und es schien ihm ebenso gleichgültig zu sein, daß man ihm dabei zuschaute, wie, daß sich inzwischen eine Anzahl von Menschen um einen Scheck auf zweitausend Pfund willen vor ihm in ein besseres Jenseits hinübertanzte. Wenn diese Gleichgültigkeit und Gelangweiltheit nicht gemacht war, dann besaß er jedenfalls das Gemüt eines Fleischhackerhundes und ebensolche Umgangsformen.

Ich betrachtete ihn durch das Opernglas lange und gründlich, und je länger ich ihn betrachtete, desto mehr ging meine entrüstete Anteilnahme aus dem Allgemeinen ins Besondere über. Schließlich hatte sich meine Vermutung so verdichtet, daß sie nahezu Gewißheit geworden war.

»Du, Paul«, sagte ich, indem ich das Glas an Noster weitergab, »ich weiß nicht ... ich glaube ... mir ist ...«

»Was denn?« fragte Noster und untersuchte mit dem Glas beharrlich eine Loge am entgegengesetzten Ende des Saales, in der zwei ältere Damen saßen.

»Dein Vitzliputzli soll mich in der tust zerreißen ...«

»Ich bitte dich, sag nicht immer Vitzliputzli wie die Schulkinder, der Gott heißt Huitzilopochtli!«

»Also, der oder ein anderer soll mich holen, wenn das nicht unser Brög ist.«

»Was für ein unser Brög?«

»Na ? unser Brög, mit dem wir in Krems auf der Schulbank gesessen haben.«

»Nicht möglich!«

»Sag nicht unmöglich, bevor du ihn dir nicht angesehen hast.« Und damit gab ich seinem Glas die Richtung auf den Gentleman mit dem Sherry-Cobler und der Nagelfeile.

Paul zwinkerte eine Weile durch das Glas, drehte es um, betrachtete das Objektiv, als ob er einen Verdacht gegen seine Objektivität hätte, setzte abermals an und zwinkerte noch eine Weile.

Dann sagte er. »Ich weiß nicht ... ich glaube fast auch ... eine Ähnlichkeit ist gewiß vorhanden. Soweit man nach so viel Jahren und auf diese Entfernung ? ...«

»Das muß jedenfalls festgestellt werden!« sagte ich mit plötzlichem Entschluß.

Paul war plötzlichen Entschlüssen wenig gewogen. »Wie willst du das feststellen?«

»Man könnte ihn doch einfach fragen, ob ers ist.«

»Und wenn ers nun nicht ist?« wandte Paul bedachtsam ein.

»Es kann uns nichts weiter passieren, als daß ers nicht ist. Gib deine Karte her!«

Während Paul seine Karte aus einem Wust von Zetteln hervorgrub, die seiner Brieftasche den Umfang einer Aktenmappe gaben, zückte ich die meine und schrieb drei Worte darauf.

Ich schrieb darauf: »Sei nicht so!«

Das war das Schibboleth unserer Lausbubenzeit gewesen, das geheime Kenn- und Losungswort unseres Triumvirats, eine jener belanglosen Redensarten, die, immer wiederholt und in wechselnden Betonungen auf die verschiedensten Fälle angewandt, schließlich zu einer Art verblödeter Tätowierung des Geistes führen, die ein ganzes weiteres Menschenleben nicht mehr auszulöschen vermag.

Sodann rief ich den Logendiener und gab ihm mit den Karten meinen Auftrag, und nun warteten wir, ob der Pfeil sitzen würde.

Mister Forst war unseren Verhandlungen mit Spannung gefolgt und fragte jetzt: »Kennen den Mann, wie?«

»Ich glaube nicht zu irren, daß er unser Mitschüler gewesen ist.«

»Nicht unmöglich. Soviel ich weiß, ist er ein geborener Deutscher oder Österreicher oder so was.«

»Kennen Sie ihn denn auch?«

»Beiläufig! Ist der Neffe unsres Direktors Breadsley. Da war ja seine Mutter! Breadsleys Schwester! Eine Engländerin!«

»Oder so was!« fügte ich gereizt hinzu; in dem Ton des Mannes war etwas Geringschätziges, das meine Galle aufregte.

Ich hatte indessen nicht Zeit, das Geplänkel fortzusetzen, denn inzwischen war der Diener unten in die Loge des Mannes getreten und hielt ihm würdevoll wie ein Zeremonienmeister die beiden Karten hin. Der Mann ließ den Strohhalm aus den Zähnen, nahm mit nachlässiger Gebärde die Karten in Empfang und schaute im nächsten Augenblick überrascht auf. Ich konnte durch das Glas deutlich beobachten, daß er eine Frage an den Diener richtete, sah den wohlerzogenen älteren Herrn mit dem Kopf nach unserer Loge deuten, und dann stand der Mann unten auf. Er nickte, noch immer seiner Sache nicht genau gewiß, zu uns empor. Ich nahm das Glas von den Augen und nickte zurück.

»Es ist wirklich Brög«, sagte ich.

Ja, es war unser Brög, der zwei Minuten später in unsere Loge trat.

Es gibt Menschen, die ihrem Gesicht das ganze Leben hindurch etwas Jungenhaftes bewahren, etwas Freches, Schnippisches, Ungezogenes, eine weiche Bildung der Nase, des Mundes, des Kinns, die im Laufe der Jahre erstarrt, aber die Form nicht wesentlich ändert. So einer war Brög, und da er bartlos geblieben war ? schon deshalb, weil ihm ein Bart überhaupt nicht wuchs, und wir hatten es ihm vorausgesagt und ihn damit aufgezogen ?, so brauchte ich mir auf meine Scharfsichtigkeit nicht allzuviel einzubilden, wenn das Dasein etwas an diesem Gesicht gewandelt und gehärtet hatte, so war es die Stirn und vor allem natürlich die Augen, die manchmal einen Blick wie grauer Stahl hatten.

Er breitete seine Arme aus. »Paul!« sagte er mit etwas wackeligem Ton, als seien die Stimmbänder nicht fest genug angezogen, und dann: »Bernhard!« Und dann tat er etwas, was für die Olympia Hall, für London, für ganz England einschließlich der Dominions völlig unerhört war, er zog uns an sich und gab jedem von uns zwei Küsse von schallender Brüderlichkeit auf die Wangen, ganz so, wie wir drei Triumvirn uns nach den Ferien zu begrüßen pflegten.

»Männer von Athen!« rief er, und sein Jungengesicht schwamm in Verzückung wie ein rosiger Schinken in Madeiratunke. »Männer von Athen, welch günstiger Wind hat euch an diese Küste geweht?«

Es war keine Spur von Gleichgültigkeit und Langeweile mehr vorhanden, der ganze Mensch sprühte Freude und Begeisterung, und es dauerte eine gute Weile, ehe wir dazu kamen, ihn Fräulein Siebertz vorzustellen. Für Mister Forst hatte er eine gemessene Verbeugung flüchtigen Bekanntseins, der ich entnahm, daß die gegenseitige Einstellung ungefähr die gleiche war.

»Aber daß wir einander gerade hier begegnen müssen«, sagte er, als er sich etwas beruhigt hatte, »der Genius dieses Ortes paßt wenig zu einem so wundersamen Wiederfinden. O Männer von Athen, wir wandern aus!«

Ich konnte ihm nur recht geben, und wir brachen auf.

Eben als wir die Loge verließen, entstand unten auf dem Tanzboden ein kleines Getümmel.

Es war eine Tänzerin zusammengebrochen, die Braune, Schlanke, die so tollwütig selbstzerstörerisch getanzt hatte. Jetzt hatte sie ihr Teil weg. Sie hing schlaff mit gelösten Gliedern und baumelndem Kopf in den Armen des Negers, aber der stand auch nicht fest auf seinen Filzpantoffeln, er schwankte, und schließlich ließ er seine Last aus den Parkettboden niedergleiten.

»Das arme Ding!« sagte Thea mit einem Laut des Bedauerns.

Ich mahnte sie durch eine leise Berührung zum Gehen, und dabei streifte mein Blick zufällig Mister Forst. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß dieser hier so gar nicht ungewöhnliche Vorfall seinen übertriebenen Gleichmut in eine solche Erregung verwandeln könnte. Er war ganz grün geworden und starrte in den Saal hinab, und ich hatte den Eindruck, es fehlte wenig daran, daß er aus unserer Loge mit einem Satz auf den Tanzboden gesprungen wäre.

Dann stieß er uns beiseite, drängte zur Tür und lief die Treppe hinunter. Wir folgten ihm in den Saal und kamen gerade dazu, als das junge Mädchen von den Dienern auf die Bahre geladen und zwischen den Beinen der Tanzenden, die ihr Getorkel nicht unterbrechen durften, in eines der Zelte geschafft wurde.

Mister Forst schlug vor den Trägern den Zeltvorhang auseinander, und ich weiß nicht, was uns antrieb, hinter ihm gleichfalls einzutreten. Vielleicht war es Theas so plötzlich erwachtes Mitgefühl, das auch auf uns überging und uns an dem Schicksal der Tänzerin teilnehmen ließ.

Das Mädchen sah in seiner tiefen Bewußtlosigkeit erbarmungswürdig aus, ihre Augen lagen in schwarzblauen Höhlen, ihre Nase war spitz und blaß, und aus dem Mund kam ein dünner rötlicher Faden mit Speichel vermischten Blutes hervor. Aber all das vermochte nicht völlig ihre fremdartige, rätselhafte Schönheit zu zerstören, diese Schönheit eines kranken Vogels aus fremdem Land, der sich unter unserem Himmel voll Telegraphendrähten und Bogenlampen den Tod geholt hat.

Forst stand neben dem Feldbett, auf das man sie gelegt hatte, und sein Gesicht war eine stumme Frage der Angst an den Arzt.

»Ja«, sagte dieser, indem er das Hörrohr von der Brust der Bewußtlosen nahm, »ich habe sie gewarnt ... ich habe ihr das Weitertanzen sogar verboten ... aber sie wollte nichts hören ... in ihrem Zustand ...«

»Wird sie wieder ...?« stotterte Forst.

»Mein Gott ... es ist die Lunge und das Herz! Ich habe die Verantwortung abgelehnt. Sie war nicht zu halten. ?Lassen Sie mich, was liegt an meinem Leben? ... und was so dumme Redensarten sind, als wäre sie eine Selbstmordkandidatin ... Es ist eine Art Wahnsinn ...!«

Eine der Krankenpflegerinnen reichte ihm ein kleine silberne Spritze, eine andere betupfte eine Stelle des Armes mit Jod, und dann stach der Arzt die dünne Nadel in das Fleisch und drückte den Kolben langsam herab.

Nach einigen bangen Minuten schlug die Kranke die Augen aus, große, dunkle, mit dem Glanz des Fiebers über einer Brunnentiefe äußerster Erschöpfung.

»Anita!« sagte Forst, indem er ihre Hand erfaßte.

Sie schaute ihn an, ihr Blick wanderte gleichgültig von ihm fort, dann sah sie uns, und da bewegten sich die Tiefen dieser Augen, ihre Lippen bewegten sich, versuchten Laute zu formen.

Thea war ganz leise an sie herangetreten, hatte ihre Hand genommen und sich über sie gebeugt. Inmitten der berufsmäßigen, gemessenen, leisen Pflichterfüllung der Pflegerinnen strömte aus ihrem Herzen die Fülle fraulichen Mitleidens.

»Wo ist ...?« vernahmen wir endlich eine schleierzarte, gehauchte, matte Stimme.

»Wer?« fragte Thea mit unendlicher Sanftheit.

»Der Herr ... aus Ihrer Loge ...«

Es fiel uns jetzt erst auf, daß Brög nicht mit uns in das Zelt eingetreten war.

»Anita!« sagte Forst mit einem Beben in der Kehle.

»Ich will ihn holen«, erbot sich Thea und lief hinaus, und das Mädchen faltete die Hände über der Brust und lag wie in Erwartung einer großen Seligkeit, fast mit dem Schimmer eines Lächelns auf dem eingefallenen Gesicht.

Aber Thea kam ohne Brög zurück, etwas kleinlaut und verlegen, wie mir schien. »Er ist nicht mehr da ... man hat ihn geholt, er ist eben fortgefahren.«

Das Versinken des Schimmers von Lächeln in die Abgründe von Enttäuschung war ein trauriger Anblick. Und dabei sah die Kranke Thea fest an, eindringlich forschend, als wolle sie dahinterkommen, was alles man ihr aus Mitleid verschwieg; und dann schob sie ihre Hand über die Theas, die sich auf den Rand des Feldbettes stützte.

»Sie sind gut!« sagte sie und wandte den Kopf der Zeltleinwand zu, und der Arzt machte uns ein Zeichen, zu gehen. Mister Forst schien bleiben zu wollen, er zögerte, aber das Zeichen galt auch für ihn, und er mußte uns folgen.

Draußen vor dem Säulenportal stand Richard unter dem lausenden Lichtband, auf dem die Worte: »Wett-Dauertanz! ? Preis zweitausend Pfund! ? Fünfter Tag!« einander unablässig folgten, und rauchte eine Zigarette.

»Warum sind Sie nicht mit hineingekommen!« fragte Thea vorwurfsvoll.

Richard warf die Zigarette fort. »Das ist eine zu lange Geschichte, um sie Ihnen zu erklären«, brummte er beinahe unartig. »Aber glauben Sie mir, es war besser so, daß sie mich nicht zu sehen bekommen hat.«

»Eigentlich sind sie es«, sagte Mister Forst so heftig und haßerfüllt, daß es klang, als führe er einen Streich, »Sie sind es, der für das alles die Verantwortung trägt.«

»Wenn sich Narren und Närrinnen finden, die mitmachen«, meinte Richard gemütlich, und dann nannte er dem Türsteher die Nummer seines Autos.

3

Auf dem Wege zum Ritz Hotel zwang Forst seiner entrüsteten Aufwallung wieder den gewohnten Gleichmut auf. Aber an der Tür empfahl er sich im richtigen Gefühl vollkommener Überflüssigkeit, und wir machten ihm den Abschied nicht schwer. »Wenn drei Freunde nach so langer Zeit zusammenkommen, so sprechen sie doch vor allem von einer Vergangenheit, an der man keinen Anteil hat! Nicht wahr?« Dagegen war nichts einzuwenden, und wir versuchten auch nichts dergleichen.

Wir konnten uns also in die Vergangenheit versenken und taten es auch so ausgiebig, daß ich nicht genau sagen kann, wie die Speisenfolge zusammengestellt war. Aber es ist anzunehmen, daß sie dem Geschmack und den Erfahrungen eines Mannes wie Brög entsprach, wenigstens schimmert eine fabelhafte Sache, an der ein Hummer ? oder war es eine Languste? ? entscheidend beteiligt war, undeutlich in meiner Erinnerung.

Wir nahmen der Reihe nach unsere Professoren vor und dann die Kameraden, auch deren spätere Lebensläufe, soweit sie uns bekannt waren, und dann kamen unsere eigenen Streiche an die Reihe, ein ganzes Register von Übermut und Dummheit und Unverschämtheit. Das Triumvirat, ob es so was unter der heutigen Jugend noch gab? Kein Mensch hätte uns überzeugen können, daß wir nicht sozusagen die letzten Mohikaner der alten besseren Zeit gewesen wären.

Fräulein Thea Siebertz saß dabei, und obgleich sie an dieser hier ausgedeckten Vergangenheit keineswegs unmittelbar beteiligt war, konnte ich ihr doch anmerken, daß ihr diese Art von Ausgrabungen mindestens ebenso wichtig und bedeutungsvoll war wie sämtliche mexikanischen Altertümer zusammengenommen.

Schließlich drängten sich unsere Mägen gegen die Westen, und da auch unser erster Seelenhunger gesättigt war, begannen wir ein wenig nachdenklicher zu werden.

Brög wurde sogar auffallend nachdenklich, schwieg eine Weile, während Paul noch dem verstorbenen Professor Piger so etwas wie einen Nachruf hielt, stopfte dann eine halb gerauchte Zigarette in das Maul eines kleinen bronzenen Japanlöwen, der solche Stummel aufzufressen bestimmt war, und sagte: »Ihr werdet mich natürlich für eine Art von Ungeheuer halten ... nach dem, was ihr in der Olympia Hall gesehen habt.«

Er hatte das mit einem halben Lächeln gesagt, einem etwas kümmerlichen Lächeln für einen Gewaltmenschen, und sah uns, Fräulein Siebertz mit eingeschlossen, flüchtig an.

Es war schwer, auf diese Frage sogleich eine passende Antwort zu geben ? nach einem solchen Abendessen mit einer fabelhaften Hummersache ? wie gesagt ? und vor einigen Flaschen Johannisberger Kabinett. Erklärlicherweise wanden wir uns ein wenig darum herum.

»Nehmt euch kein Blatt vor den Mund, Männer von Athen! Und auch Sie, mein Fräulein!« setzte Richard mit einer kleinen Verbeugung hinzu. »Sagen Sie es rund heraus, daß Sie es für einen Unfug halten.«

Paul räusperte sich und wurde rot, aber er zeugte für die Wahrheit: »Ich kann nicht sagen, daß ich diese Veranstaltung besonders sinnvoll finde.«

»Einfach ? haarsträubend!« ergänzte Thea geradezu.

Richard Brög ließ sich Zeit zur Antwort: »Und wenn es nun meine Absicht wäre, zu beweisen, daß es keinen Unsinn gibt, der haarsträubend genug ist, um nicht mitgemacht zu werden? Wenn ich zeigen wollte, daß die Menschheit niederträchtig genug ist, aus jeden Unfug einzugehen und sich bis zum äußersten zu erniedrigen, wenn ein paar hundert Pfund als Preis ausgesetzt sind?«

»Es ist ...«, warf ich ein, um auch meinerseits meinen ethischen Standpunkt festzulegen, »es ist ... hm ... also, wenn ich recht verstehe, eigentlich sozusagen eine Bilanz, um nicht zu sagen ein Querschnitt durch die Mentalität ...«

»Glaubst du«, schnitt mir Brög den philosophischen Faden ab, »es hätte eine einzige Zeitung zu schreiben gewagt, daß es eine ungeheure Gemeinheit von mir ist und daß die Menschheit gegen einen solchen Kerl wie mich eigentlich Front machen müßte? Aber meine Millionen verkleben den Mund der öffentlichen Meinung. Das Äußerste, was die sich zu schreiben unterfangen haben, war Snob und Spleen, aber unter allerlei mildernden Umständen.«

»Es muß schon etwas sehr Schönes sein«, wandte ich ein, »wenn man mit seinem Geld ... und du wirst ja auch gewiß andererseits zu anderen Zwecken ...«

Meine sittliche Ehrenrettung blieb unvollendet, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Tür unseres Sonderzimmerchens, und es schob sich ein fremder Mann herein, ein Mann mit braunem vorzeitlichem Havelock und Sandalen an den Füßen. Die grauen Haare trug er lang nach hinten über den Kopf gestrichen, und sie waren so dünn, daß man eine gräßliche Narbe ziemlich deutlich sehen konnte, die an der Schläfe begann und sich gegen den Schädel hinzog. Es sah aus, als sei der Schädel an dieser Stelle zertrümmert gewesen und nur notdürftig wieder zugeheilt.

Er trat ganz still und demütig ein, kam, ohne ein Wort zu sagen, an unseren Tisch, legte eine Karte zwischen die Rheinweinrömer und Obstteller und ging lautlos wieder hinaus wie eine Geistererscheinung.

Brög nahm die Karte auf, sah sie an und reichte sie mir. Es war das Bild des Mannes in Havelock und Sandalen darauf, und daneben stand: »Der Mann ohne Namen! Der Mann ohne Namen! Wandert infolge Wette zu Fuß um die Welt und lebt vom Erlös dieser Karte.«

»Auch so eine neue Art von Bettel!« sagte ich, »die Leute kommen in alle Gasthäuser, gehen von Tisch zu Tisch, legen solche Karten hin und holen sie nach einiger Zeit wieder ab. Ganz einträgliches Geschäft, glaube ich. Und sehen dabei die Welt, wenn sie nicht etwa irgendwo in der nächsten Straße ihre ruhige Dauerwohnung haben.«

»Schreckliche Narbe, was!« sagte Richard, ohne auf meine hartherzigen Deutungen einzugehen.

»Schrecklich! Man konnte meinen, daß überhaupt kein Knochen da ist und das Gehirn unmittelbar unter der Haut liegt.«

»Na ...«, kehrte Richard zu unserem Gespräch zurück, indem er mit der Karte zu spielen begann, sie zusammenbog und wieder aufschnellen ließ, »mit meinem Geld! Ich hoffe, ihr liegt nicht auf dem Bauch vor ihm wie die anderen.«

»Nein«, sagte ich großartig, »gewiß nicht. Das tun wir höchstens vor anderen Dingen, vor steinernen Jaguaren und so.«

»Aber ihr seid natürlich glühend darauf verpicht, zu erfahren, wie das aus mir geworden ist. Eine ganz einfache Sache.«

»Alle großen Dinge sind im Grunde einfach!« bekräftigte ich.

»Mein Vater war nur ein kleiner Beamter. Aber da war ja meine Mutter, eine Engländerin, wie ihr wißt. Und da gab es so einen mütterlichen Verwandten in Amerika, der hatte eine Farm in Kalifornien. Es machte kein Mensch Gebrauch von ihm, dachte niemand an ihn. Und auf einmal war eine Erbschaft da, die Farm und noch so Zeug. Das war mir so gleichgültig, als läge sie auf dem Mond. Ich war Jurist, plante eine geregelte europäische Laufbahn, Rechtsanwalt und so weiter, nichts lag mir ferner als Geldmachen im großen Stil. Auf einmal wurde das anders, und die Juristerei kam mir albern und kleinlich vor. Ich ging übers Wasser und schaute mir die Farm an und stocherte so aufs Geratewohl im Boden herum. Und eines Tages riß mir plötzlich ein Strahl aus der Erde meine Bohrmaschine und meine Arbeiter und mich selbst über den Haufen. Ich hatte auf meinem Grund eine mächtige Masse Öl angebohrt. Das war der Anfang. Später kam Eisen dazu und Kohle und Graphit und Baumwollpflanzungen im Süden und Diamantengruben in Südafrika.«

»Ganz einfach«, sagte ich, »wirklich! Es gibt kein einleuchtenderes Rezept, rasch Millionär zu werden.«

»Und dann«, setzte Brög hinzu, indem er die Karte des Mannes ohne Namen auf eine niederträchtige Weise mißhandelte, »bekam ich erst die ganze Erbärmlichkeit zu sehen. Alle Philosophen haben darüber geschrieben ... vom Hörensagen. Aber unsereiner muß all das erleben, und man muß schon einen guten Magen haben, um es zu vertragen. Man leidet unter ständigem Brechreiz. Zuletzt aber begann mir die Sache doch wieder Spaß zu machen, und ich kam darauf, wie ich mein Geld auf eine dieser Menschheit würdige Weise verwenden könnte. Es gibt keinen Akt der großen Komödie der letzten Jahre, an dem nicht meine Dollars irgendwie teilgenommen hätten. Ich habe die russische Revolution in ihren Anfängen finanziert und dann die weißen Gegenrevolutionen ... die ungarische Räterepublik und ...«

»Aber das da in der Olympia Hall«, unterbrach Thea, der offenbar die politischen Kämpfe minder schrecklich erschienen als das Schauspiel, dessen Zeugin sie gewesen war.

»Mein Fräulein«, sagte Richard, »ich habe in einer der angesehensten Neuyorker Kirchen einen merkwürdigen Gottesdienst gesehen. Es sind da nach Abwicklung des üblichen frommen Programms zwölf Tänzerinnen aufgetreten ? sie haben wenig zu erraten übriggelassen ?, die dem Publikum das damals modernste ihrer Kunst: Shimmy, Tango, Charleston, Java und so weiter vorgeführt haben. Darüber ist es dann in der Kirche zwischen den Freunden und Feinden dieser Neuerung zu einer Rauferei gekommen. Aber beim nächsten Gottesdienst waren die zwölf Tänzerinnen wieder da, und die Kirche war überfüllt, und bei der dritten Aufführung war sie zum Bersten voll. Und als man den Pastor vor einem Konzil zur Rede stellte, hat er gemeint, darauf komme es an, daß die Kirche voll sei, und die Kirche müsse mit dem Zeitgeist Schritt halten, und der Tanz sei ein hervorragendes Mittel, um auch solche Leute in das Gotteshaus zu bringen, die sonst niemals daran dächten, hinzugehen.«

»Nun, und?« fragte Thea herausfordernd.

»Nun, was sie gesehen haben, war auch eine Art Gottesdienst. Der älteste Gottesdienst der Welt, dem schon Moses vergebens seine Tafeln entgegengeschleudert hat.«

»Sag einmal, Richard«, fragte Paul plötzlich, der nach seiner Art still und hartnäckig inzwischen seinen besonderen Gedanken nachgehangen zu haben schien, »du bist doch verheiratet?«

Ich wußte nicht, ob ich richtig gesehen hatte, aber Brög machte den Eindruck eines Mannes, der nachts auf der Straße im Nebel unerwartet von einer Wagendeichsel angerempelt wird. Dann faltete er die Karte des Mannes ohne Namen sorgfältig harmonikagleich in Streifen zusammen und zog sie wieder auseinander. »Wie kommst du darauf? Ich denke nicht daran, verheiratet zu sein.«

Pauls Gedankenarbeit war jedoch eine zu dickflüssige Masse, um jemals sogleich aus der Richtung gebracht werden zu können. »Oder gewesen ...? Ich entsinne mich ganz deutlich, daß ich von dir ? vor Jahren schon ? eine Anzeige bekommen habe.« Die Sache hatte offenbar Eindruck auf Paul gemacht, weil sie ihm unter seinem mexikanischen Gerümpel nicht abhanden gekommen war.

»Muß ein Irrtum sein«, sagte Brög, griff nach seinem Glas und trank es auf einen Zug aus.

»Nein«, unterstützte ich Paul, »ich erinnere mich auch. Das war so eine Anzeige in zwei Teilen, vorn eine Radierung, eine Rosenlaube und zwei Tauben oder so was Tiefempfundenes. Ich habe dir sogar einen Glückwunsch geschickt.«

»Gott weiß, mit wem ihr mich da verwechselt«, entgegnete Brög und zog eine Tasse zu sich heran, auf der einige schwärzliche Nudeln von Havannazigarren in ihren gläsernen Röhrchen lagen.

4

Paul wollte eben erwidern, als ein Stimmengemurmel vor der Tür unseres Sonderzimmerchens, das schon vorher unser Unterbewußtsein behelligt hatte, mit einemmal zur Vernehmlichkeit anschwoll.

»Lassen Sie mich hinein«, hörten wir eine demütige und verzagte Stimme.

»Nein, wenn ich Ihnen sage!« entschied eine andere Stimme mit obrigkeitlicher Barschheit, als sei ihrem Besitzer die Polizeigewalt eines Engels mit stammendem Schwert vor den Toren des Paradieses gegeben. »Tut mir leid, Sie nicht zuvor schon gesehen zu haben ... Gäste belästigen! ... Der Manager duldets nicht.«

»Karte drin gelassen«, bettelte der kleinlaute Einlaßwerber.

»Sieh mal nach, was es gibt!« sagte Brög.

Ich stand auf und öffnete die Tür. Draußen stand der Mann mit der Narbe, und der Kragen seines Havelocks war in der Hand des Kellners, der uns zugeteilt war, und die ganze Gruppe war in deutlicher Fortbewegung von der Tür begriffen.

»Lassen Sie doch den Mann herein!«

Der Kellner gab den Kragen des Havelocks frei und machte etwas, das man bei einiger Phantasie als eine Art Verbeugung auslegen konnte. »Ach bitte, Herr, wie sie wünschen!« Er zuckte die Achseln mit einem Ausdruck von Mißbilligung, wie ein richtiger Paradieswächter, dem eine unverantwortliche Instanz in den Arm mit dem flammenden Schwert gefallen ist.

»Kommen Sie herein, Mann!« lud ich den Befreiten ein.

Er trat hinter mir an den Tisch, seine Blicke suchten die Karte, und es ging ein Zucken von Gekränktheit über sein Gesicht, als er sah, was für ein schmähliches Schicksal ihr Richard bereitet hatte.

»Weltenbummler, was?« fragte Brög mit einer Nachlässigkeit, die mir den Verdacht nicht nehmen konnte, daß ihm dieser Weltenbummler sehr zurecht gekommen sei, um einer aufdringlichen Fragerei auszuweichen.

»Ja, Herr!« sagte der Mann, indem er zwei Augen von einem ausgeblaßten Himmelblau auf Brög richtete. Seine Stimme klang mühsam und zerstört, als sei mit seinem Rachen etwas nicht in Ordnung.

»Zu Fuß? Ist ein bissel weit! Ehe Sie da einmal herumkommen ...«

»Zeit nehmen.«

»Natürlich! Und ohne Namen! Wieso ohne Namen?«

»Habe natürlich Namen. Heinrich Schwarz. Aber das nicht mein richtiger Name.«

Sie hatten bisher miteinander englisch gesprochen, jetzt fuhr Richard aus deutsch fort: »Sind wohl ein Deutscher, was? Ja? Aber erlauben Sie ? das geht mir nicht ein. Da laufen Sie also mit einem falschen Namen in der Welt herum? Was sagt denn die Polizei dazu?«

»Polizei ... mir ... Namen Heinrich Schwarz gegeben«, entgegnete der Mann seelenruhig, als sei ein Name irgend etwas, das man einfach bei der Polizei holen könne.

»Ja, zum Donnerwetter, wie soll ich denn das verstehen? Warum tragen Sie denn dann nicht Ihren richtigen Namen?«

»Weiß ich nicht! Vergessen!«

»Wollen Sie uns Rätsel aufgeben?« schrie ich den Mann an. »Oder uns zum Narren halten?«

Richard aber schien an dem Menschen mehr Anteil zu nehmen, als bei einem Verächter der Menschheit eigentlich zu vermuten war, und beschwichtigte mich mit einer Handbewegung; der Mann nahm seinen Blick von Brög fort und richtete ihn auf mich, und seine Augen waren gar nicht mehr blaßblau, sondern tiefdunkel und abgründig. »Herr«, sagte er mit zitternder Stimme, »? wäre gar nicht ... Weg zu Fuß um die Welt, wenn ... Namen wüßte. Säße irgendwo ... Geschäftsmann ... Beamter, oder sonst was ... wäre reicher Mann.«

»Ach was nicht gar!« sagte ich spöttisch.

»Laß ihn doch«, entschied Brög, »wollen Sie uns das nicht erzählen!«

Der Mann sah mich andauernd an, als liege ihm vor allem daran, meinen Widerstand zu überwinden, seine Augen wurden immer dunkler, und unter der Narbe begann es zu ziehen und zu wühlen. Man konnte glauben, sein Gehirn arbeiten zu sehen, und es sah ganz gefährlich aus, als müsse in einem nicht zu fernen Augenblick ein Durchbruch erfolgen.

»Herr«, sagte er, keuchend und mühsam um das Wort ringend, in England gewesen ... reicher Mann. Geld aus der Bank. Dann ... Krieg ... Gefangenenlager ... ausgebrochen, geflohen ... daheim an die Front ...«

»Das wissen Sie alles?« fragte ich mißtrauisch.

»Weiß ich«, nickte er eifrig, »dann Rußland irgendwo ... bum, verschüttet, das da«, und er tupfte mit den zitternden Fingern auf den weißlichen Rand der Narbe ... »ganz finster ... lange ... lange ... dann wieder hell ... alles fort ... Name ... wo ich in England gewesen bin ... Bank, wo Geld liegt ... alles ...«

»Sie wissen nicht mehr, auf welcher Bank ...?«

»Weiß nicht«, sagte der Mann traurig, »reich ... sehr reich ... weiß ich ... liegt Geld irgendwo, weiß nicht, wo ... wächst, wächst ... ich das da!« Er faßte seinen schäbigen Havelock und zog ihn ein Stück vom Körper ab, »arm ... sehr arm.«

»Drücken sich aber sonst beinahe zusammenhängend aus«, wandte ich kühl ein.

Die Narbe war ruhig geworden, aus den Augen des Namenlosen wich die Tiefe, er schüttelte den Kopf, als wolle er sagen, das habe wenig demgegenüber zu bedeuten, was er verloren habe.

Brög hatte seine Brieftasche hervorgeholt: »Hier, nehmen Sie einen Betrag für Ihre Weltreise!« sagte er, indem er eine Hundertpfundnote auf den Tisch legte, »ich würde Ihnen mehr geben, aber ich nehme an, daß ich über einen gewissen Betrag nicht hinausgehen darf, wenn Sie Ihre Wette nicht verlieren wollen.«

Über den Mann schien eine trübe Stumpfheit gekommen zu sein, er nahm die Note, ohne sich sonderlich zu verwundern, und schob sich demütig zur Tür hinaus, geradeswegs in die Klauen des Kellners, der ihn nach einem kurzen Wortwechsel abführte.

»Schwindel!« sagte ich, denn ich wollte um keinen Preis vor Richard so dastehen, als faßte ich die Welt mit der Butterseite des Gefühls auf.

»Muß kein Schwindel sein«, äußerte Brög nachdenklich, »ich erinnere mich ... da war so eine Geschichte bei Wilna oder sonstwo in Polen. Da ist im Krieg ein Soldat in einem Keller verschüttet worden, in dem ungeheure Mengen Lebensmittel aufgespeichert waren. Acht Jahre hat er dort unten gelebt, acht Jahre, und hat sich von den Vorräten ernährt. Endlich hat man ihn gefunden. Er hatte die Sehkraft und die Sprache und das Gedächtnis verloren, war zu einem Tier geworden, biß um sich und kroch aus allen vieren. Nach drei Tagen ist er gestorben, das Tageslicht hat ihn umgebracht. Dieser ? Heinrich Schwarz kann noch von Glück sagen.«

»Es ist wohl so«, ließ sich Thea hören, »daß eine gewisse Partie des Gehirns zerstört worden ist, wo der Name sitzt!«

»Und das Bankkonto!« ergänzte ich.

Thea gab mir durch einen Blick zu verstehen, meine Roheit sei empörend, und dann schwiegen wir alle vier eine Weile.

Ich weiß nicht, welche besondere Art von Gedankenverschlingungen über das Wesen des Reichtums Richard beschäftigt haben mögen, jedenfalls sagte er jetzt ganz unvermittelt zu Paul: »Und was würdest du tun, wenn du so reich wärst wie ich!«

»Ich!« fragte Paul, aus dem Gleichgewicht gebracht.

»Ja, du!«

Da sich Paul solchermaßen vergewissert sah, daß wirklich er gemeint sei, wurde er sehr rot, antwortete aber, ohne einen Augenblick zu zögern: »Ich würde mit allen Mitteln den Nachweis zu erbringen suchen, daß wirklich die aztekische Kultur ureuropäisch-arischer Herkunft ist.«

»Ja, ich weiß, habe so etwas von dir gelesen. Ja! Hast da in Rußland ganz merkwürdige Funde gemacht.«

»Und die schwedischen Felsbilder!« fügte ich hinzu, um zu zeigen, daß mir Nosters Arbeitsgebiet nicht ganz unbekannt sei. Und das seiner Assistentin natürlich, bei der ich durch meine Hartherzigkeit gegen den Mann ohne Namen offenbar an Boden verloren hatte.

»Ja, die schwedischen Felsbilder!« gab Brög zu, und es war ihm anzusehen, daß er von dieser Seite von Pauls ausgedehnter Tätigkeit keine Ahnung hatte. »Und ihr werdet euch gefragt haben, warum ich mein Geld dazu verwende, um Revolutionen und Dauertänze und derlei Volksbelustigungen zu finanzieren. Man kann ja sein Geld auch der Wissenschaft zur Verfügung stellen, wenn einem schon die Wohltätigkeit zum Hals hinauswächst. Aber es weiß kein Mensch, welcher Schwindel dabei mit unterläuft. Ach habe so meine Ansichten und Erfahrungen in dieser Hinsicht.«

»Die Wissenschaft ...«, wollte sich Paul entrüsten.

Aber Richard winkte ab: »Nicht jeder hat so reine Hände wie du«, sagte er, und dann nahm sein Gesicht einen undeutbaren Ausdruck an, Hohn und Grausamkeit und Genugtuung in einem, Gott weiß, wie das alles miteinander auf diesem Jungengesicht Platz hatte. Und dann setzte er hinzu: »Wir sprechen noch darüber. Ihr werdet mich besuchen ... du und Bernhard, übermorgen, wenns recht ist! Abgemacht? Und nun nichts mehr davon. Es ist zwölf, gerade Zeit, in die Alhambra zu gehen. Dort treten jetzt die indischen Fakire auf, unglaublich, was die alles leisten ...«

Und dann war wirklich an diesem Abend nicht weiter von der Wissenschaft die Rede.

5

Am übernächsten Tag wanderten Paul Noster und ich den Hügel hinter Wimbledon hinan, auf dem Brögs Londoner Landhaus lag.

»Nicht zu verfehlen«, hatte Richard gesagt, »mehr gegen Kingston zu, hinter Richmond Park, ihr braucht euch nur nach dem Buddhistischen Kloster zu richten und dem Tempel mit dem chinesischen Dach, der liegt gleich daneben.«

Wir sahen auch wirklich nach kurzem Suchen eine Art phantastischen Taubenschlags vor dem Abendhimmel, eine für England höchst unpassende Architektur, die man mit einiger Nachsicht für buddhistisch und chinesisch oder doch irgendwie östlich ansprechen konnte.

Und gleich daneben lag Brögs Landhaus in einem großen Park, den die Dämmerung noch größer machte, und dann gingen wir über eine breite Treppe, durch eine Halle und eine Flucht von Zimmern, immer hinter einem Malaien oder Inder her, sofern man nach einem braunen Gesicht, einem weißen Turban und einem sehr leisen Schritt schließen konnte.

Ich hatte den Eindruck, als sei in Brögs Haus ein bißchen viel fremdländisches Gerümpel zusammengedrängt, Waffen und Teppiche und Statuen und Möbel aus aller Welt. Es mochte überaus selten und kostbar sein, aber es war aufgestapelt wie in einer Raritätenkammer, und es erschlug einen durch seine Fülle.

Ungefähr so hatte ich es erwartet, aber dann kam doch eine Überraschung.

Denn zuletzt pochte der schattenhafte Malaie oder Inder an eine gewöhnliche eichene Tür, und auf ein Brummen dahinter ließ er uns ein. Da standen wir zwischen vier weißen, getünchten Wänden, in denen nichts zu sehen war als ein eisernes Feldbett, ein kahler Tisch und einige Stühle, die ihre biedere Rechteckigkeit wirklich nicht mehr übertreiben konnten, sonst nichts. Außer Richard natürlich, der dasaß, eine kurze Pfeife rauchte und eine Zeitung las. Ich sah sogleich, daß es dasselbe Blatt war, in dem ich heute morgen den langen Artikel über den Wettdauertanz in Olympia Hall gelesen hatte, einen sehr gewundenen Artikel, der aber schließlich doch darauf hinauslief, daß man diesen Unfug verbieten sollte. Und es stand auch eine kleine Nachricht dahinter, daß bei zweien der unglücklichen Bewerber Tobsucht ausgebrochen war, so daß man sie hinter Schloß und Riegel hatte bringen müssen, und daß eine der Tänzerinnen im Sterben lag, vielleicht sogar schon gestorben war.

An der Art, wie Richard die Zeitung zusammenlegte und von sich wegschob, merkte ich, daß es ihm wohl nicht erwünscht wäre, gerade davon zu beginnen. Ich tat also, als sähe ich die Zeitung gar nicht, und schaute mich in Richards Zelle um. Es war eine gewollte Nüchternheit in diesem Raum, eine absichtsvolle Einfachheit und eine Geste von Weltflucht, die nach dem Gang durch die Üppigkeiten aller Zonen und Völker doppelt aufreizend wirkte.

»Ein Mönchsleben«, sagte ich, nachdem wir uns herzlich die Hände geschüttelt hatten, »so eine Art moralische Speisesoda für verpatzte Mägen von Lebenskünstlern.«

»Das ist noch Wollust der Welt«, lächelte Brög und deutete nach dem phantastischen Taubenschlag, den man durch das einzige Fenster sehen konnte, »dort drüben im Kloster habe ich eine Kammer, die ist noch viel einfacher.«

Es wirkte tröstlich, daß es in diesem ausbündig aszetischen Raum doch einen verborgenen Wandschrank gab, dem Richard eine Flasche Whisky nebst Gläsern und eine reichlich bestellte Rauchkiste entnahm. »Gibts drüben nicht!« sagte er mit einem Blick nach dem Taubenschlag.

Dann saßen wir um den Tisch herum und konnten uns davon überzeugen, daß es richtig sei, wenn es heißt, unbequemes Sitzen schärfe den Geist.

»Ich habe euch zu mir gebeten«, begann Brög, »weil ihr eine Frage an mich gerichtet habt, auf die ich die Antwort schuldig geblieben bin.«

Wir saßen gespannt da und wußten nicht gleich, was gemeint sei.

»Es war doch eine junge Dame dabei, dieses Fräulein Siebertz, und vor jungen Damen kann man über manche Dinge nicht so recht sprechen.«

»Mein Gott, Thea«, berichtigte ich ihn, »ein junges Mädchen von heute ... die Zeiten sind vorüber ...«

»Nun dann ? wars also meinetwegen«, fiel mir Brög ins Wort, »daß ich euch nicht die Wahrheit gesagt habe. Ihr habt mich gefragt, ob ich verheiratet bin. Nun, die Wahrheit ist, daß ich verheiratet bin. Oder vielmehr, ich bin es gewesen.«

Paul und ich sahen einander an, denn gerade über diesen Punkt hatten wir noch nachher miteinander gesprochen und uns darin bestärkt, daß wir uns nicht geirrt haben könnten. Und dann sah Paul wieder Richard an und fragte mit aufrichtiger Betrübnis: »Tot?«

Richard lachte ein Lachen mit dreißig Prozent Schwefelsäure: »Nein, sehr lebendig! Aber nicht für mich. Geschieden!«

Das dumpfe Schweigen fiel ein, das nach einer solchen Eröffnung am Platz ist.

»Stellt euch vor«, sagte Richard nach einer Weile und schluckte, »stellt euch vor ... das reizendste Geschöpf, das ihr euch denken könnt. Frühling, Tauglanz im Morgensonnenschein, jeder Grashalm eine Perlenschnur, Extrakt aus zehntausend Fliederblüten, Narzissen, Himmelsschlüsseln ... das duftigste, zarteste Wesen, ein Wunder ? alles noch zu wenig. Und allein auf der Welt, ohne Familie, alles weggestorben, also schutzbedürftig. Aber sehr gut erzogen und verwöhnt, anspruchsvoll, immer mit neidvollen Augen, wenn ein Auto vorüberkam.«

»Ein Verbrechen der Erziehung«, warf ich ein, »die Eltern glauben immer, sie würden ewig leben, dann kommts anders, und das Unheil ist da.«

Richard nickte mir zu, daß ich es richtig erfaßt hätte. »Und ich daneben als der kleine Jurist in den Anfängen. Mit Aussichten auf ein langsames Emporklimmen, viel zu langsam. Versteht ihr nun, warum ich mich plötzlich dieser Farm drüben entsonnen habe? Sie hätte ja als meine Frau mitkommen können, aber ich sah ein, es war nichts für sie. Ich ließ sie also hier, und damit sie nicht so schutzlos dastehe, gab ich sie einem Verwandten in Obhut, meinem Onkel, einem älteren, durchaus würdigen Herrn in sehr geachteter Stellung. Er mußte mir versprechen, sie wie seinen Augapfel zu hüten.«

»Und dann bist du ja sehr rasch herausgekommen.«

»Ja ... wohl doch nicht rasch genug. Ich habe die Zähne zusammengebissen und geschuftet, immer noch ein Stück weiter, damit sies ganz aus dem vollen haben könnte. Dann kam ich, um sie zu holen. Sie war schöner noch als zuvor, aber irgendwie ... der Duft war fort, der Morgenglanz erloschen, etwas Fremdes spießte sich mir entgegen, eine Art war da, spöttisch über mich hinwegzusehen, eine Kälte, und ich merkte, daß sie über Dinge und Menschen urteilte, als säße ihr ein Splitter vom Spiegel des Satans im Auge. Und so zog sie unsere Verbindung zuerst eine Zeitlang immer wieder hinaus, machte Ausflüchte, und ich glaubte zu bemerken, daß sie mir etwas sagen wolle und es doch nicht zu sagen wage.«

Richards Jungengesicht war grau und voll Gram, und zwei Glas Whisky verschwanden hintereinander, als würden sie in ein Loch gegossen. »Und dann kams«, fuhr er fort, »ich muß es euch sagen, damit ihr alles besser versteht. Dann kams, als ich Ernst machte und schon die Hochzeit bestellt war und alles. Dann sagte sie mir, daß sie nicht mehr dieselbe sei, als ich sie verlassen. Und kurz und gut, daß sie sich von einem Manne habe nehmen lassen. Nicht einmal, vielmals, eine ordentliche, ausgiebige Liebschaft, während ich drüben in allem Schmutz und Unrat des Geldverdienens herumkroch und mich vor mir selber darüber schämte, wozu ich mich hergab. Ja, und sie müsse es mir sagen, ehe ich sie heirate, damit ich Bescheid wisse und mir überlege, ob ich sie jetzt noch zur Frau wolle.«

»Das ist ...«, sagte ich, »das ist doch wenigstens ... ehrlich und anständig!« und weiter fiel mir nichts ein.

Paul sagte gar nichts. Er riß nur die Augen auf, und seine einfache Gelehrtenseele war offenbar in ihrem Glauben an die Menschheit erschüttert.

»Ihr könnt euch denken, welchen Kampf es mich gekostet hat. Ein Kampf ...! Wochenlang ging ich so knapp am Rand des Abgrundes hin, tagelang mit einem Revolver in der Tasche. Na ? und schließlich, ich weiß nicht, was ein anderer getan hätte, ich weiß nicht einmal, ob das, was ich getan habe, für einen Menschen von Ehre überhaupt möglich ist. Trotz alles Elends und aller Not brannte ich nach ihr, brannte ich in hellen Flammen. Und ich habe mich zuletzt entschlossen, sie doch zu heiraten.«

Paul atmete auf. Jedenfalls schien ihm das die einzig richtige Lösung, so eine Art Wiederherstellung der Weltordnung.

»Aber ich hätte es nicht tun sollen«, fuhr Richard fort. »Denn was nun begann, war ein Höllenleben. Ich wollte natürlich wissen, wer es gewesen war, der mir Heli genommen hatte. Aber da rannte ich gegen eiserne Wände. Sie erzählte mir freiwillig alles, was sich zugetragen hatte, und es schien ihr Vergnügen zu machen, mir Einzelheiten zu geben, die mich zur Raserei brachten. Aber der Frage nach seinem Namen verweigerte sie die Antwort. Nur so viel sah ich, daß sie in ihrem Wesen völlig verwandelt war. Durch diese Liebschaft war etwas entfesselt worden, das vorher unter ihrer Erziehung, ihrer Wohlbehütetheit, der Bürgerlichkeit der Familie verborgen gelegen hatte. Ich sah in Abgründe, die mir unbekannt gewesen waren, und die mir wohl auch unbekannt geblieben wären, wäre sie rein in die Ehe getreten. Sie wäre dann wohl Frau und Mutter geworden, durch diese zügellose, voreheliche Leidenschaft aber waren alle dirnenhaften Triebe in ihr erweckt worden. Und vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich aus ihr Bekenntnis hin darauf verzichtet hätte, sie zur Frau zu nehmen. Aber es scheint, daß sie mich gerade darum zu verachten begonnen hat, weil ich ihr nicht entsagen konnte. Wer kennt sich in Frauen dieser Art aus? Ich glaubte sie zu gewinnen durch Güte, Verzeihung und etwas, das ich für Edelmut hielt, was aber nur Dummheit war. Zum Dank versäumte sie keine Gelegenheit, mir ihre Verachtung zu zeigen und mich zu demütigen. Sie deckte ihre ganze Schamlosigkeit auf, trug sie höhnisch zur Schau, sie wußte um Dinge Bescheid, die mir die Haare sträuben machten. Und das wuchs sich alles immer mehr zu einem offenkundigen Haß aus.«

Ich glaubte, es sei jetzt wohl angezeigt, meine Kenntnis der Frauenseele zur Geltung zu bringen: »Vielleicht ... wenn du sie einmal ordentlich übers Knie gelegt hättest ...«

Aber Brög schüttelte den Kopf. »Das ist kein Rezept für mich. Einmal habe ich etwas dergleichen versucht, da hat sie mir ins Gesicht gelacht, und ich war entwaffnet. Es war ein Höllenleben, wie gesagt. Jahrelang. Dann habe ich eingesehen: wenn ich nicht zugrunde gehen will, so muß ich mich von ihr trennen.«

»Gott sei Dank! Das Vernünftigste, was du tun konntest.«

»Das Vernünftigste vielleicht ? aber schwer genug. Nachher war es mir ja leichter, und ich lebte wieder auf.«

»Weißt du, was aus ihr geworden ist?«

»Nein. Nach der Scheidung habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ich habe sie natürlich durch eine Summe abgefunden, die der Größe meiner Enttäuschung angemessen war. Ich wollte alle Bande zwischen mir und ihr auf einmal und für immer zerschneiden.«

»Und den Namen jenes Menschen hast du nie erfahren?«

»Die letzten Wochen unserer Ehe haben wir auf meinem Weingut in der Champagne verbracht. Und auf einmal war der Krieg da, gerade, als hätte unsere Ehe auf diese Explosion gewartet. Es war eine Explosion, die auch uns auseinanderriß, mich hierhin, sie dorthin. Die Advokaten haben dann das übrige besorgt. Dann ist der Krieg über die Champagne hingezogen. Und nachher, als alles vorüber war, da habe ich das Bedürfnis gehabt, unsere letzte gemeinsame Wohnstätte noch einmal wiederzusehen.«

»Sehr unvorsichtig!« sagte ich.

»Gewiß. Und noch ganz anders, als du es meinst. Die Weingärten waren eine Wüstenei von Trichterfeldern, unser Haus eine Ruine, aber wie durch einen boshaften Witz des Schicksals stand in den Trümmern der Schreibtisch meiner Frau. Er war geborsten, die Laden aufgerissen, Geheimfächer bloßgelegt. Und nun wußte ich auf einmal, wer jener Mann gewesen war ... aus den Briefen, die da lagen. Ich war indessen ruhiger geworden ... es war der gleichgültige Name irgendeines Unbekannten. Und ich muß sagen, da nun alles zu Ende war, konnte ich nicht einmal einen ehrlichen Zorn gegen ihn aufbringen. Mein Gott, er hatte getan, was alle jungen Leute an seiner Stelle tun würden. Er hatte eine Gelegenheit benützt, er hatte genommen, was ihm dargeboten wurde. Aber dennoch wäre es besser für mich gewesen, ich wäre dem verräterischen Schreibtisch meiner Frau im Bogen ausgewichen.«

»Warum?«

»Es war etwas anderes da, was mich entsetzte und dann zur Raserei brachte. Andere Briefe ... Briefe jenes Verwandten, dem ich Heli anvertraut hatte ... und der mir sein Ehrenwort gegeben hat, sie zu hüten, als sei sie seine eigene Tochter. Und aus diesen Briefen ging hervor, daß er es gewesen war, der Heli mit dem jungen Mann zusammengebracht hatte, der diese Liebschaft begünstigte, kurz, der den Kuppler gemacht hat und ihre Abneigung gegen mich schürte. Und ich kam dann auch auf den Grund dafür.«

»Nun?«

»Wäre ich ein armer Teufel geblieben, so hätte er gewiß meine Ehe nicht im Keim zerstört. Nun aber war ich reich geworden, und er hatte den teuflischen Plan gefaßt, das Zustandekommen meiner Heirat zu verhindern. Und da sie doch zustande kam, hat er unsere Gemeinschaft wieder vernichtet. Er ging als treuer Freund unbehelligt aus und ein und streute dabei Gift. So hat seine Rechnung zuletzt doch gestimmt. Er rechnete darauf, daß meine Ehe auseinandergehen müsse, und daß ich dann wohl für alle Zeiten von den Weibern genug haben werde. Er war mein einziger Verwandter, nicht viel älter als ich und möglicherweise der Erbe meines Vermögens.«

Paul gab durch die Nase eine Art Wiehern von sich, und das deutete, soweit mir bekannt, das Äußerste an Erregung an, wozu er sich versteigern konnte.

»Ein Ehrenmann, das muß ich sagen!« bekräftigte ich so kaltblütig als möglich. Und dann nahm auch ich zwei Whiskys hintereinander. Was Brög anlangt, so brauchte man ihn nur anzusehen, um sich über zwei Dinge vollkommen klar zu sein, erstens, daß er diese Frau Heli, mochte sie ihm was immer angetan haben, noch immer liebte, und zweitens, daß er diesen Verführer und Verderber seiner Frau mit dem legendären, unerbittlichen Haß bedachte, den das ostindische Mungo gegen Schlangen hegt.

Jetzt aber wurden wir alle endlich dessen inne, daß schon seit geraumer Zeit ein gekrümmter Knöchel die Tür der Zelle bearbeitete, und aus ein Knurren Richards steckte der braune Leisetreter seinen weißen Turban herein und meldete in einem mehr als schauderhaften Englisch, der Herr Direktor Breadsley sei drüben.

»Sagen Sie, wir kommen sofort!« beschied ihn Brög.

Paul warf den starren Panzer seiner Entrüstung ab und belebte sich sofort durch die Aussicht auf diese willkommene Begegnung mit einem Menschen seiner engeren Welt.

»Direktor Breadsley vom Britischen Museum?« fragte er. »Dein Onkel, soviel ich weiß?«

»Ja, der Bruder meiner Mutter!« lächelte Richard ingrimmig, »ich habe ihn eingeladen, heute mit uns zu speisen.« Und dann setzte er hinzu und drückte jedes Wort wie einen Stempel in eine bildsame Masse: »Ich habe es für nötig gehalten, euch alles dies vorher zu erzählen, damit ihr wißt, mit wem ihr es zu tun habt.«

In meinen Gehirnwindungen brannte in rasender Eile ein ganzes prasselndes Feuerwerk ab.

»Nimm dich zusammen«, flüsterte ich Paul zu, dessen Ahnungslosigkeit mir bedenklich schien, während wir durch Richards Raritätenkabinett der Halle zuschritten, wo uns der Besucher erwartete. »Nimm dich zusammen. Laß dir nichts anmerken. Er ist es!«

»Wer?«

»Nun, dieser Breadsley!«

6

Es war unter diesen Umständen eine merkwürdige Mahlzeit, die uns in einem steifen, gotischen Speisezimmer vereinigte, das so echt war, als sei es eine überaus geglückte Nachahmung. Richard war von einer gefährlichen unterirdischen Heiterkeit und so liebenswürdig wie ein Borgia, der sein Opfer bewirtet. Direktor Breadsley, ein rosiger, umgänglicher Herr mit der Glatze eines lebenskundigen Biedermannes, spielte den freundlichen alten Onkel mit einer vollendeten Gelassenheit. Er sah wirklich nur um weniges älter aus als einer von uns, offenbar ein sehr spät geborener Bruder von Richards Mutter. Freilich schien mir, als sei seine Harmlosigkeit nur über eine gewisse Unsicherheit gestülpt, und manchmal hatte ich von ihm den Eindruck eines Menschen, der auf Stelzen durch einen Sumpf geht, von dem er die eine oder andere unangenehme Überraschung befürchtet. Aber vielleicht täuschte ich mich damit.

Und Paul zerbrach sich unentwegt den Kopf über meine Andeutung, die offenbar nicht ausführlich genug gewesen war, ihm die Lage völlig zu erhellen. Jedenfalls brannten meine Worte in ihm gleich einer Lunte, und ich war neugierig, wann sie an die Pulverkammer geraten würde.

Ich hielt es für angebracht, ihn anderweitig zu beschäftigen, und lenkte das Gespräch auf schwedische Felsbilder und die Ähnlichkeit der altgermanischen Bandornamentik mit der der Azteken und erreichte wirklich damit, daß Paul das Wort ergriff und nun eine halbe Stunde nichts mehr zu hören war als von Ausstrahlungen der Kultur und vorgeschichtlichen Wanderungen und megalithischen Steinkreisen und Hieroglyphen und Runenschriften und den Verhältniszahlen der Pyramiden in Ägypten und Mexiko und ihren Beziehungen zur Astronomie. Alles das half mir aber nicht darüber hinweg, daß es mir vorkam, als sei dieses Diner eine Henkersmahlzeit und Richard der höflich lächelnde Scharfrichter.

»Wir wollen«, sagte Richard, als er die Tafel aufhob, »bevor wir es uns gemütlich machen, noch einige meiner neuen Erwerbungen ansehen. Mir liegt viel daran, dein Urteil zu hören, Onkel! Es ist einiges darunter, über das ich den Fachmann befragen möchte. Dein untrüglicher Instinkt, deine außerordentliche, nie irregehende Kenntnis in diesen Dingen ... ich bitte dich, sie einmal nicht der offiziellen Wissenschaft und den Sammlungen des Britischen Museums zuzuwenden, sondern meinen bescheidenen, tastenden Liebhaberneigungen zur Verfügung zu stellen.«

Direktor Breadsley zog die Augenbrauen hoch und schaute Richard mit einem wachsamen Blick an. Vielleicht suchte er einen Vorwand, dieser Prüfung, die ihm anscheinend unbehaglich war, zu entgehen, aber es fiel ihm wohl nichts Triftiges ein, da er nun einmal als Mann der Wissenschaft aufgeboten war.

Und dann führte uns Richard durch seine Raritätenkammer von Haus und zeigte uns einzelne Stücke ? wie mir vorkam, ziemlich wahllos ? eine unendliche Menge von Figuren des javanischen Schattenspieltheaters ? »sehr billig, von einem Schiff, aus dem die Pest war, da haben sies um jeden Preis losschlagen wollen« ? und japanische Masken und tibetanische Räuchergefäße, und dann kamen wir zum Eigentlichen ? Breadsleys ureigenstem Gebiet, wie Richard mit besonderer Verbindlichkeit sagte, nämlich den Bildern. Es gab einige Brouwers und Jan Steens und alte Sienesen, wie sie sich zu Dutzenden bei besseren Sammlern herumtreiben, und zuletzt standen wir vor einer Leinwand, auf der es ziemlich dunkel war, aber nicht so sehr, daß man nicht doch einen liegenden Frauenakt hätte erkennen können und zwei musizierende Männer, einer mit einem Ding, das, ich glaube, Gamba hieß, und ein anderer mit einer Flöte. Und vielleicht war noch ein dritter da, wenigstens gab es Andeutungen davon im Hintergrund, die vielleicht besser zum Vorschein gekommen wären, wenn man die Kruste von Staub und Schmutz entfernt hätte. Und das Ganze war, soweit erkennbar und ich davon etwas verstehe, geradezu glorreich gemalt wie von einem ganz großen Meister.

»Das ist mein Glanzstück«, sagte Richard mit einem unheimlich triumphierenden Lächeln, »die Perle meiner Sammlung, ein echter Giorgione. Ein Gegenstück zu seinem berühmten Konzert.«

Dem Direktor Breadsley schien der Anblick dieses Bildes den Atem zu verschlagen, aber ich sagte mir, das sei wohl der Neid des Kenners, der einen andern im Besitze eines Stückes sieht, das man gerne selbst unter den Schätzen seines Museums hätte. »Wo ? wo hast du das her?« fragte er kurzatmig.

»Drüben gekauft«, antwortete Brög obenhin, »in Amerika. Der Mann wollte es mir nicht für Europa verkaufen. Sagte, er habe sich verpflichtet, es nur für Amerika herzugeben, und solchen Unsinn. Schließlich habe ich es ihm dreifach überzahlt, damit ich es nach England mitnehmen konnte.«

Es kam mir seltsam vor, daß auf der blanken Stirn Breadsleys auf einmal eine ganze Reihe von Schweißperlen zu sehen war, die immer größer wurden und schließlich ineinanderliefen. Im übrigen betrug er sich ganz so, wie es einem Kenner zukommt, der einen schwierigen Fall zu entscheiden hat. Er trat vor und zurück und wieder vor, zwinkerte mit den Augen, legte den Kopf schief auf die Schulter, ja, er wackelte sogar, was nicht jeder Kenner trifft, mit den Ohren. Und endlich sagte er mit einem Ausdruck tiefen Bedauerns: »Mein lieber Junge, diesmal hast du daneben gegriffen ... ich kann dir nicht helfen. Das ist niemals ein Giorgione gewesen.«

»Oh«, machte Richard, »das täte mir aber leid.«

»Wenn du viel Geld dafür ausgegeben hast, kann es dir auch leid tun, mein Junge. Es ist ein minderwertiger Versuch in der Art des Giorgione. Du weißt doch, wie selten die Giorgiones sind. Und daß einer den Augen der Wissenschaft entgangen wäre, ist doch im höchsten Grad unwahrscheinlich. Ja, ja, du mußt dich damit abfinden, daß du hereingefallen bist. Denn schau nur ...«, und damit begann Breadsley, indes er sich den Schweiß von der Stirn wischte, eine längere Erörterung mit erstens, zweitens und drittens von Komposition und Valeurs und Pinselführung, daß man hätte meinen können, dieses Bild sei von einem Koch oder einem Haarkünstler in seinen Mußestunden gemalt. Als er geendet hatte, war von dem Gemälde nichts übrig als eine übel mißhandelte Leinwand, es war, figürlich gesprochen, von den Klauen dieser vernichtenden Kritik in der Luft zerrissen.

Brög hatte den schwitzenden Kunstrichter sprechen lassen, während sich seine höhnische Vergnügtheit nur immer mehr zu steigern schien, je mehr dieser den falschen Giorgione in Grund und Boden trat. Seine Augen hielten den Onkel unter einem blanken, scharfen Leuchten fest, mit einem raubtierhaften Blick wie dem einer Katze, die mit einer rettungslos verlorenen Maus spielt.

Schließlich gingen Breadsley der Atem und die Beweisgründe aus.

Richard genoß noch eine Weile das Schweigen der Zertrümmerung, das dem Urteil folgte. Dann sagte er langsam und bedächtig: »Ich wäre untröstlich, ja ganz untröstlich, wenn ich nicht ...«

»Was denn?«

»Wenn ich nicht ein Zeugnis für die Echtheit hätte, ein Zeugnis, das dem deinen die Wage hält.«

»Ich verstehe nicht.«

Aber Brög schmetterte heil und fröhlich in Breadsleys krebsrotes Gesicht hinein: »Das Zeugnis des Direktors Thomas A. Breadsley vom Britischen Museum, eines Gelehrten von Weltruf, das bestätigt, daß dies ein echter Giorgione ist.«

»Was soll das heißen?« krächzte Breadsley, und ein neuerlicher Schweißausbruch, noch heftiger als der vorige, näßte seine Stirn.

»Es soll heißen, daß ich im Besitz eines Briefes bin, in dem Professor Breadsley dem amerikanischen Händler bezeugt, daß er einen echten Giorgione von ihm gekauft hat. Dieser Brief ist nicht billig gewesen, er hat mich ebensoviel gekostet als das Bild selbst. Aber beide gehören nun einmal zusammen, und ich bedauere es nicht, so viel dafür angelegt zu haben, da ja nun die Echtheit bewiesen ist.«

Ich muß gestehen, daß die Angelegenheit anfing, meine Fassungskraft zu übersteigen, und Paul war es deutlich anzusehen, daß sie die seine längst überstiegen hatte.

Aber Breadsley war auf einmal sehr ruhig geworden, ganz unwahrscheinlich ruhig, ruhig wie ein Faß Ekrasit vor der Entzündung oder wie eine Schlange in Angriffsstellung, die ihre Ringe zusammenlegt und den Kopf hin und her wiegt. Er war auch gar nicht mehr krebsrot, sondern ganz blaß, und er sagte, während er die Zähne zu einem bedrohlichen Lächeln entblößte: »Möchtest du mir nicht nähere Aufklärung über deine seltsamen Behauptungen geben?«

»Mit Vergnügen«, sagte Richard mit der gleichen unzerstörbaren Heiterkeit, »? es läuft sozusagen auf ein praktisches Christentum hinaus. Die Rechte soll nicht wissen, was die Linke tut. Direktor Thomas A. Breadsley vom Britischen Museum, der Gelehrte von Weltruf, hat bei einer gründlichen Überprüfung ein Bild im Britischen Museum, das bisher unter dem Namen Giorgione ging, als plumpe Fälschung oder Nachahmung erkannt, unwürdig, das Publikum und die Forschung weiterhin irrezuführen, und hat dieses in die tiefsten Abgründe der Magazine verbannt. Und Direktor Thomas A. Breadsley, der Gelehrte von Weltruf, hat eine Weile später dasselbe Bild als den echten Giorgione, der es in der Tat ist, nach Amerika verkauft und hat, um die Bedenken des Käufers zu beschwichtigen, ihm ein Zeugnis der Echtheit ausstellen müssen unter gewissen Sicherstellungen gegen Mißbrauch freilich. Sicherstellungen, die allerdings vor der Überzeugungskraft meiner Dollars wesenlos geworden sind.«

»So!« sagte Breadsley, und mir begann beim Anblick der Brandung von kalter Wut in diesem Mann um Richard bange zu werden.

»Ja«, fuhr Brög unbekümmert fort, »und dieser Giorgione ist nicht der einzige Fall dieser Art, den Thomas A. Breadsley mit Hilfe seines getreuen Mister Forst durchgeführt hat. Und zum Ausgleich der Sache hat Thomas A. Breadsley, der Gelehrte von Weltruf, eine ganze Anzahl von Fälschungen als echte Stücke in die Galerie des Britischen Museums aufgenommen, um an den Provisionen der Händler seinen Anteil zu verdienen.«

»Du scheinst also der Meinung zu sein, daß aus unseren Magazinen Bilder verschwinden können. Nun, es würde sich ja feststellen lassen, ob der ausgeschiedene sogenannte Giorgione dort noch vorhanden ist.«

»Ich bin überzeugt davon«, sagte Brög strahlend, »irgendeine Leinwand wird schon in euren Magazinen liegen, die man zur Not für diese hier ausgeben kann. Es laufen genug arme Teufel von Malern herum ... nicht wahr! Um ein paar lumpige Pfund machen die alles, wissen vielleicht nicht einmal, zu welchem Zweck. Aber das da, dieses Bild ist das richtige, das einmal dem Britischen Museum gehört hat.«

Breadsley zog die Lippen von den Zähnen zurück, und es kam ein breites, noch recht wohl erhaltenes Gebiß zum Vorschein, dem jede Art von Nüsseknacken zuzutrauen war: »Gefasel!« sagte er verächtlich, »es würde dir schwerfallen, das zu beweisen.«

»Du meinst, weil du dir die Mühe gegeben hast, den Stempel des Britischen Museums auf der Rückseite zu beseitigen! Aber da haben sie jetzt in den Banken so allerhand Mittelchen, weißt du, um den Fälschern auf die Sprünge zu kommen. Die ausgelöschten Tinten leben da wieder auf, man sieht ganz genau, was einmal dagestanden hat.« Und damit hob Richard das Bild mit der Gewandtheit und der Kraft eines Möbelpackers von der Wand und lehnte es umgekehrt vor uns hin. Und da stand auf der Kehrseite der Leinwand groß und breit und unverkennbar der Stempel des Britischen Museums vor unser aller Blicken.

Ich glaube, dies war auch der Augenblick, in dem endlich der Funke der von mir entzündeten Lunte die Pulverkammer in Paul Nosters Kopf erreichte. Er stieß ein kurzes Wiehern durch die Nase und murmelte etwas, und wenn ich nicht irre, so sollte das heißen: Unerhört! Dabei sah er den gelehrten Kollegen von Weltruf mit dem Entsetzen an, das der gute Bürger für ein plötzlich in seine Lebenswege einbrechendes sittliches Monstrum empfindet.

Breadsley aber bewahrte eine bewunderungswürdige Kaltblütigkeit. »Hast du mich deshalb eingeladen«, sagte er, »um mir diesen Blödsinn zu erzählen? Und hast du darum auch deine ? Freunde dazu bemüht?«

Richards Jungengesicht war voll frühlingsfrischer Heiterkeit: »Ich habe meine Freunde beigezogen, damit das Wissen um diese Dinge nicht untergeht, wenn ich etwa ... plötzlich von der Bühne abtreten sollte. Und was dich betrifft, so möchte ich, daß du dir darüber klar bist, daß du einen guten, dauerhaften Strick um deinen Hals trägst, und daß es in meinem Belieben steht, ihn zuzuziehen.«

»Nach dieser Eröffnung wirst du dich nicht wundern, wenn ich mit Nachdruck erkläre, daß du mir seit jeher als der widerwärtigste Kerl, als der aufgeblasenste dumme Junge erschienen bist, den die Sonne jemals zu bescheinen das zweifelhafte Vergnügen gehabt hat. Und du wirst dich weiter nicht wundern, wenn ich den Wunsch habe, diese gastliche Stätte zu verlassen.«

»Halt!« sagte Richard, als Breadsley sich nach diesen Worten umwandte und aus unserer Mitte verschwinden wollte. »Nur noch eine kurze Feststellung. Für den Fall, daß ich etwa ... unerwartet plötzlich von der Bühne abtreten sollte. Man kann nicht wissen! Und da du ja, falls ich etwa ohne Testament sterben sollte, als mein einziger Verwandter in Frage kommst, wird es dich gewiß interessieren ... nun, dieser Fall wird nicht eintreten. Ich möchte dich nicht darüber im Zweifel lassen, daß ein Testament da ist, und daß ich über mein Vermögen verfügt habe. Ich habe einen Erben.«

Breadsley stand, von einem unsichtbaren Lasso in seinem glorreichen Abgang gehemmt. »Ich habe mirs gedacht«, knurrte er zähnefletschend, »da läuft wohl irgendwo ein unehelicher Balg von dir herum.«

»Ich danke dir für diesen schmeichelhaften Irrtum«, belehrte ihn Brög sonnig, »aber es ist nichts dergleichen. Mein Universalerbe steht hier.«

Es war selbst für einen Breadsley zu viel auf einmal, »Wer? Wo?« keuchte er.

»Mein Freund Paul Noster!« sagte Richard mit einer schwungvollen Handbewegung.

Es gab einen kleinen Krach! In der glasgedeckten Bildergalerie Brögs standen in gleichen Abständen Stühle an der Wand, diese steiflehnigen, furchtbar hochmütig aussehenden Stühle aus irgendeinem der Schlösser Ludwigs des Vierzehnten, echte Stühle, ohne Zweifel. Und aus dem nächststehenden dieser Stühle saß Paul Noster inmitten einer kleinen Wolke aus der Polsterung aufsteigenden Staubes, während in den alten Beinen des Stuhles der Schreck über die plötzliche Belastung noch knackend nachklang.

Zuerst sah es aus, als sei Breadsley wirklich auf dem besten Weg zu zerspringen. Aber dann warf er sich mit einem Ruck herum und setzte seinen unterbrochenen Abgang fort. Er schritt die lange Galerie hinab, und es schien mir, als ziehe er einen stark entwickelten Kometenschweif von Pech- und Schwefeldämpfen hinter sich her.

Als ich mich den andern wieder zuwandte, saß Paul noch immer auf dem Stuhl aus Ludwigs des Vierzehnten Zeiten und rieb sich die Stirn mit einem Ausdruck, als sei ihm eben eröffnet worden, daß er zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt sei.

»Ja ... Richard! Richard!« stammelte er endlich, »was fällt dir ein?«

»Ihr müßt verzeihen, sagte Brög kleinlaut, »daß ich euch zu Zeugen dieser verwandtschaftlichen Auseinandersetzung gemacht habe. Aber es war notwendig, damit ihr ? man konnte es fast wörtlich nehmen ? im Bilde seid. Und ich brauche euch wohl nicht eigens zu bitten, alle diese Dinge vorläufig gegen jedermann geheimzuhalten.«

»Ich kann das unter keinen Umständen annehmen«, erwiderte Paul mit finsterer Entschlossenheit.

»Darüber ist kein Wort mehr zu verlieren. Das Testament ist gestern in aller Form gemacht worden und liegt bei meinem Notar.«

»Richard!« beschwor Paul, nun wieder ganz wehmütig, »wie sollte ich ?«

»Du tust mir einen unschätzbaren Gefallen, ja mehr als das. Es ist eine Art Lebensversicherung für mich. Diesem Menschen ... diesem Breadsley ist alles zuzutrauen. Da war so eine Geschichte mit seinem Vorgänger am Museum, das war einer von jenen Leuten, die einen Gutschein für hundertjährige Lebensdauer zu haben glauben. Er saß da, und Breadsley konnte nicht um ihn herum. Dann ist dieser lederne, zählebige Vordermann plötzlich unter seltsamen Umständen gestorben, und Breadsley rückte an seine Stelle. Ich weiß natürlich nichts und habe mich gehütet, hineinzusteigen. Ich will auch nichts geradezu behaupten, wofür mir die Beweise fehlen, aber ich habe mir so meine Gedanken gemacht. Und ich finde ein gewisses Gefühl von Sicherheit darin, einen Universalerben zu haben und einen Riegel vor alle Hoffnungen zu schieben.«

Paul starrte in die aufgerissenen Abgründe.

Und dann meinte Brög, wir hätten so viel geredet, daß uns ein Glas Portwein nicht unwillkommen sein dürfte. Ich hatte zwar nichts geredet, aber hatte doch gegen den Portwein nichts einzuwenden, den uns der geräuschlose Malaie in Richards Rauchzimmer brachte. Über Paul aber vermochten auch die zwei Gläser Wein nichts, die wir ihm einflößten, er saß vollkommen hilflos in einem Klubsessel versunken, die Arme lagen auf den Lehnen, und er schien sich durchaus nicht damit abfinden zu können, auf einmal ein Universalerbe geworden zu sein.

»Paul, raffe dich auf«, ermunterte ich ihn, »das Unglück ist gar nicht so groß, wie du glaubst.«

»Es ist selbstverständlich«, unterstützte mich Richard, »daß du schon jetzt über mein Geld verfügst. Zum Besten der Wissenschaft. Du brauchst bloß zu sagen, was du unternehmen willst. Es gibt kein Hindernis für deine Arbeit und deine wissenschaftlichen Ziele mehr. Eine Rechtfertigung vor dir selbst, sozusagen, weißt du.«

Es machte Richards Seelenkenntnis alle Ehre, dies gesagt zu haben. Dieses Wort von der Rechtfertigung war wie ein Rettungsseil, das Paul zugeworfen wurde. Er ergriff es. Seine Arme auf den Sessellehnen belebten sich, in seine Eingesunkenheit kam Haltung, er richtete sich empor, er stand aus und begann, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer hin und her zu gehen. Es war, als hätte ihm die Wissenschaft in eigener Person zugerufen: Steh auf und wandle!

»Du darfst mir nicht böse sein«, flüsterte mir Richard über die Portweinflasche hinweg zu: »daß ich nicht dich ausersehen habe ... Aber du kannst dir selbst helfen, während er ... Und dann, daß es Paul ist, also ein Kollege, ärgert ? ihn mehr.«

Ich denke, ich bin nie so großartig gewesen wie in diesem Augenblick. »Es ist selbstverständlich!« sagte ich. Und da kam auch schon Paul vom Fenster auf uns zugewandelt und blieb vor uns stehen und war eine Flamme von innerer Ergriffenheit: »Wenn es denn sein soll ... und ich ... dann kann ich ja mein Lebenswerk ...«

»Jawohl«, schob ihm Richard voran, »in jeder Hinsicht.«

»Also, das ist die wichtigste Frage: der Zusammenhang zwischen der alteuropäischen, der urgermanischen Kultur und jener der Mayas und Zapoteken!«

Aha! dachte ich, die Bandornamentik und die Felsbilder!

»Nicht der mindeste Zweifel«, loderte Paul, »nicht der mindeste Zweifel für mich. Ich ? ich weiß es. Aber die anderen! Da handelt es sich um den streng wissenschaftlichen Nachweis. Und er könnte erbracht werden. Die schwedischen Felsbilder, Schiffe und Männer und Dinge darauf, die man nicht anders deuten kann denn als Elefanten, Kamele und andere Tropentiere. Sie sind mit ihren Schiffen über See gefahren, diese Leute, in grauester Vorzeit schon. Vor Kolumbus haben die Wikinger schon Amerika entdeckt, Winland! Und vor den Wikingern waren noch andere drüben. So erklärt sichs. Die fremden Tiere auf den Felsbildern und die Anklänge an Ureuropa drüben.«

»Das ist einleuchtend!« sagte Richard, als sei schon jetzt auch für ihn der letzte Zweifel ausgeschlossen.

»Ja, und dann! Dieser weiße Gott oder König der mexikanischen Legende! Quetzalcoatl!«

»Jawohl, Quetzalcoatl natürlich!« bestätigte Richard.

»Sie erzählen, daß ein weißer Mann übers Meer gekommen sei, der ihnen Glaube, Sitte, Recht, Getreidebau und alle Handwerke gelehrt habe. Ein weißer Mann, eben dieser Quetzalcoatl, den sie dann zu ihrem König und Gott gemacht haben. Dieser weiße Mann ist keine Mythe, er ist eine historische Gestalt.«

»Nichts ist gewisser«, schürte Richard das gelehrte Feuer.

»Eine historische Gestalt!« schrie Paul auf dem Siedepunkt, »irgendeiner von diesen vorzeitlichen Seefahrern. Im äußersten Fall ein Wikinger, schon im Dämmern der Geschichte. Und es handelt sich darum, das Grab dieses weißen Königs zu finden. Ich werde es finden und ihm sein Geheimnis entreißen!«

»Hm!« machte Richard, und auf einmal war es, als ersticke die Fröhlichkeit seiner aufmunternden Zustimmung unter einem Schatten von Bedenken. Er schien plötzlich gar nicht mehr so darauf erpicht, Pauls Pläne zu fördern und seine Begeisterung anzufachen. Aber davon merkte Paul in seiner Hingerissenheit natürlich nichts und fuhr fort: »Aus diesem Grab werde ich mir die Beweise holen, es wird sprechen müssen, dieses Grab, der Tote wird auferstehen und für mich zeugen.«

»Hm!« machte Richard noch einmal, und dann betrachtete er aufmerksam seine Nägel: »Hast du bedacht, Paul ... man soll die Toten ruhen lassen. Es tut nicht gut, alte Gräber aufzureißen.«

»Die Wissenschaft!« posaunte Paul, »die Wissenschaft kann vor Sentimentalitäten nicht haltmachen.«

»Das sind keine Sentimentalitäten, mein Lieber. Was wissen wir von den geheimen Kräften, die in solchen Gräbern eingeschlossen sind und die wir mit frevelnder Hand entfesseln? Diese Priester und Könige der Vorzeit, die dem magischen Menschen noch näherstanden, mögen im Besitz von seltsamen Kenntnissen gewesen sein, mit denen sie die Gräber gebannt haben. Wir beschwören Furchtbares herauf, wir geben uns Mächten preis, denen wir keinen Namen wissen.«

Es war mir überaus verwunderlich, Richard so sprechen zu hören, Richard Brög, der unter uns Jungen der unentwegteste Vertreter des gesunden Menschenverstandes gewesen war. Die Mitglieder des theosophischen Vereins, den einige der Kameraden gebildet hatten, pflegte er nicht anders als die Nachteulen zu nennen.

Ich kam mir ungeheuer überlegen vor, ihn mit seiner eigenen Vergangenheit in die Enge treiben zu können, und strahlte im hellsten Licht der Aufgeklärtheit: »Richard«, sagte ich, »seit wann bist du unter die Okkultisten gegangen? Machst du auch diesen modrigen Unfug mit? Glaubst du an Zauberei und Magie und das ganze Brimborium, das sich jetzt so breitmacht?«

»Gewisse Dinge geben jedenfalls zu denken«, erwiderte Richard. »Diese Sache mit dem Grab des Tut-ench-Amon zum Beispiel ...«

»Nun, die Leute haben Pech gehabt! Ein paar dumme Zufälle haben die alten Weiber in Aufruhr gebracht. Eine giftige Fliege ? was ist das schon für eine Zauberei!«

»Man kann es auch anders auslegen«, sagte Richard kopfschüttelnd.

Aber ich war entschlossen, ihn gründlich abzuführen: »Wie ich für meine Zeitung in Moskau war, hat sich dort eine merkwürdige Geschichte abgespielt. Jeder Russe ist davon überzeugt, daß die unterirdischen Gänge im Kreml, diese Gänge mit den Gräbern von Bischöfen, Patriarchen und Fürsten voll von Schätzen sind. Da ist die Mitra des Patriarchen Nikon, die allein einen Wert von vierzig Millionen Mark haben soll. Ein Edelstein ist darin, der Julius Cäsar gehört hat. Und es sollen sich dort Reste der großen Bibliothek des Zaren Iwan des Schrecklichen befinden, in der sich die aus dem Brand geretteten Manuskripte der alexandrinischen Bibliothek erhalten haben. Es wird erzählt, daß Napoleon im Jahre 1812 in dieses Gewölbe hinabgestiegen ist, um der Sache nachzugehen. Aber er soll so fürchterliche Dinge dort unten zu sehen bekommen haben, daß er das Gewölbe außer sich vor Schrecken fluchtartig verlassen hat. Napoleon! Nun, die Bolschewiken haben keine Ehrfurcht vor den Gräbern toter Bischöfe und Fürsten, hingegen können sie alle Arten von Kostbarkeiten sehr gut brauchen. Eine Abteilung Rotgardisten ist beauftragt worden, die Schätze aufzusuchen und ans bolschewikische Tageslicht zu bringen. Aber die Leute sind ganz bestürzt zurückgekommen und haben zuerst gar nicht recht sagen wollen, was sie so eingeschüchtert hat. Schließlich haben sie bekannt, sie hätten die Mumie eines Patriarchen aus dem Sarg heben wollen, aber sie sei so schwer gewesen wie ein Stein und habe angefangen zu wimmern. Da hat man nun eine Kommission hinuntergeschickt, um die Sache zu untersuchen. Wirklich, der mumifizierte Kirchenfürst ist schwer wie ein Stein und wimmert ganz erbärmlich. Die Arbeiter werfen die Werkzeuge hin und laufen davon. Aber die Kommission hält aus und geht dem Spuk auf den Grund. Und findet, daß man den alten Herrn nicht aus den Sarg heben kann, weil er in Ketten angeschlossen gewesen ist, und daß man, wenn an ihm gezogen wird, einen Blasebalg am Kopfende des Sarges in Bewegung setzt, der ein Ächzen und Wimmern hervorbringt. Und ganz ähnlich war es mit den unheimlichen Erscheinungen bei den anderen Särgen. Ich kann sonst die Bolschewiken nicht leiden, aber diese Sache haben sie angepackt wie vernünftige moderne Menschen.«

»Du wirst hoffentlich nicht sagen wollen«, meinte Richard mit einem Lächeln, »daß ich mich vor Blasebälgen und dergleichen fürchte.«

Es war Vorsicht am Platze, dieses Lächeln warnte mich. »Fürchten! Nein!« sagte ich, »nur daß du einer gewissen Suggestion ...«

»Es ist mir sicherlich auch nicht um mich«, fuhr Richard mit demselben gefährlichen Lächeln fort, »das wirst du wohl auch nicht glauben, sondern um die anderen.« Er wies mit einer Bewegung des Kopfes auf Paul Noster hin.

Von alledem hatte Paul Noster nichts gehört. Er hatte in der Handbücherei des Rauchzimmers einen großen Atlas entdeckt und sich damit in eine Ecke gesetzt, wo er ihn aus den Knien hielt und den Finger auf der Karte von Mexiko spazieren schickte. Sein Blick umfaßte das Land seiner Sehnsucht von Meer zu Meer, und seine Phantasie wühlte offenbar bereits in der Erde und grub die fabelhaftesten Beweise aus, die Beweise für seine Überzeugung, vor der ihm Leben und Tod zu einem Nichts zusammenrannen.

Richard Brög sah eine Weile zu, dann stand er auf und legte Paul die Hand auf die Schulter: »Nun, und wann glaubst du mit deinen Vorbereitungen fertig zu sein?«

Paul schaute auf, das Gesicht geladen von archäologischen Spannkräften, die Funken zu sprühen schienen. Er stieß den Finger auf einen Punkt der Karte und sagte ein Wort, ein einziges Wort: »Mitla!« Ich vergaß es damals gleich wieder, aber es sollte mir dann später noch recht deutlich in Erinnerung kommen.

Ich weiß nicht, wie es kam, daß mir in diesem Augenblick plötzlich neben seinem Gesicht das des Mister Forst erschien, mit jenem Ausdruck höhnischer Schadenfreude, als er gesagt hatte: »Es gibt Dinge, hinter die Sie niemals kommen werden.«

7

Mein Aufenthalt in London ging zu Ende, und ich hatte keinen Anlaß, ihn zu verlängern. Ich hatte genug von blutigen Beefsteaks und Londoner Novembernebel und schlechten Zigarren und dem niederträchtigen Bier. Mit Paul Noster und Richard Brög war jetzt durchaus nichts anzufangen, die hatten sich in die Vorbereitungen für Mexiko gestürzt und hatten es verstanden, auch Thea Siebertz so darein zu verwickeln, daß sie kaum mit der Nasenspitze hervorschaute.

Ich glaube, alle miteinander merkten es kaum, daß ich ihnen bald genommen sein würde, jedenfalls legten sie meinem Abgang keine sonderliche Bedeutung bei.

Am Morgen des Tages vor meiner Abreise kam ein Brief. Martha Mirar schrieb mir, sie habe erfahren, daß ich in London sei, und sie habe den dringenden Wunsch, mich zu sehen, und sie wohne in Mrs. Morris Pension, Cromwell Road. Martha Mirar, die Sängerin, die ich in Wien kennengelernt hatte, als sie dort das war, was man in der Theatersprache einen »gemöchteten Stern« nennt. Ich weiß nicht, ob man mich gleich verstehen wird. Sie war immerfort im Aufgehen, immerfort im Aufgehen, ein oder zwei Jahre lang; sie hatte sich selbst als Sängerin entdeckt und wartete nun von einem Tag zum andern, bis die Astronomen des Kunsthimmels sie ebenfalls entdecken würden. Ihr Verbrauch an Gesangslehrern war überwältigend, und sie setzte eine Menge von Leuten in Bewegung, denen sie durch bestrickende Liebenswürdigkeit Empfehlungen für Theaterdirektoren, Konzertunternehmer, Bühnenagenten und andere entscheidende Männer abpreßte. Sie war immer auf dem Weg zu einer Probe, einem Vorsingen, einer Besprechung mit einem dieser Gewaltigen. Damals vertrat ich einen auf Urlaub befindlichen Kollegen im Richteramt über die musikalischen Ereignisse, und so sah ich mich auch bald der holdesten Betörung preisgegeben. Aber ich zog mich auf gut münchhausenisch heraus und tat wohl daran. Denn kurze Zeit später bearbeitete Martha Mirar den wieder eingerückten Kollegen öffentlich mit einer Reitpeitsche, weil er anläßlich eines Konzerts über sie zu schreiben gewagt hatte, sie hätte nicht so zu schreien brauchen, es habe ihr doch kein Mensch etwas getan.

Was schließlich bei diesem ganzen Gestrampel herauskam, war ein Engagement am Stadttheater in Bautzen. Und dann verschwand Martha Mirars Stern aus meinem Gesichtsfeld. Ich hörte nur, er sei später in einer Revue als Venus aufgegangen, bekleidet mit einer Strahlenkrone auf dem Haupt. Aber das kann auch Verleumdung sein.

Immerhin: die Dringlichkeit ihres Wunsches, mich zu sprechen, verbündete sich mit einer gewissen Neugierde meinerseits, sie zu sehen, und so machte ich mich noch selben Tages nach Mrs. Morris Pension Cromwell Road auf. Cromwell Road ist eine der Straßen nahe dem Ausstellungsgelände, und das Haus war eines jener unglückseligen älteren Londoner Gebäude, gleich weit entfernt von der biederen Gemütlichkeit der Dickenszeit wie von neuzeitlichem hellem Behagen.

Ich stieg eine mit zerrissenen roten Teppichen belegte Treppe hinauf, entkam glücklich der Gefahr, in den Löchern dieser Herrlichkeit von Teppich hängen zu bleiben und mir die Beine zu brechen, und dann läutete ich an der Tür von Mrs. Morris Pension.

Als man mir aufmachte, drängte sich zunächst jemand, der zu gleicher Zeit hinaus wollte, etwas ungestüm an mir vorüber. Auf dem Vorplatz war es rechtschaffen dunkel, der Mann hatte es offenbar sehr eilig, schob sich mit abgewandtem Gesicht an der Hand entlang, und dann lief er rasch die Treppe hinunter ? sehr unvorsichtig im Hinblick auf den Teppich ?, aber alles das zusammen konnte nicht verhindern, daß ich den Eindruck hatte, der eilfertige Herr sei Mister Breadsley, Direktor des Britischen Museums.

Es ging mich aber weiter wenig an, ob es Mister Breadsley war oder nicht, und übrigens stand ich eine Minute später Martha Mirar gegenüber.

Sie war noch immer das schöne Weib von früher, vielleicht noch schöner und von einer geradezu dämonischen Schlankheit. Man sah es ihr an, daß es eine ehrlich erhungerte dämonische Schlankheit war.

Und das Haar war von einem ganz unwahrscheinlich prächtigen Tizianblond, viel prächtiger als irgendein einfach gottgewolltes Tizianblond, als es etwa das Theas war.

Ich hatte gar nicht gewußt, daß wir in Wien so innig befreundet gewesen waren, und es fehlte zu einer Umarmung nur gerade ein fingerbreit Nachgiebigkeit von meiner Seite.

»Ach, Sie Schlimmer«, sagte Martha Mirar, »Sie sind in London, und ich bin in London, und Sie kommen nicht zu mir.«

»Wie soll ich? ... Ich habe doch gar keine Ahnung gehabt.«

»Man soll aber Ahnungen haben ... Ahnungen von der Nähe seiner Freunde ... die psychischen Strahlungen, wissen Sie, die alles durchdringen.«

»Bei diesem Nebel ...« wandte ich ein.

Und dann stellte mich Martha Mirar einem kleinen gelbgesichteten Herrn mit schwarzem, gestutztem Schnurrbärtchen vor, einem Herrn Señor Ramon Herrera. Er erhob sich aus einer Ecke des scheußlichen roten Plüschsofas, der Ausgeburt eines kranken Tapezierergehirns, und verbreitete eine Wolke von Wohlgeruch um sich.

In welchen Beziehungen er zu Martha Mirar stand, erfuhr ich nicht, aber ich glaubte nicht fehlzugehen, wenn ich annahm, er müsse ein Theateragent oder irgendein anderer ehrlicher Makler auf der Kunstbörse sein.

»Sie trinken den Tee mit uns, nicht wahr?« bestrickte mich die Sängerin mit süßestem Wohllaut.

Ich ergab mich, obwohl ich mir eingestand, daß meine Neugierde zur Genüge befriedigt war.

Ach, wie sie hin und her schwebte und ihre geschmeidige Schlankheit als Brillantfeuerwerk sprühen ließ. »Wenn ich Freunde zum Tee bei mir sehe, dann dulde ich keine fremde Hand«, sagte sie und lachte silbern wie die silberne Teekanne aus Alpaka, die sie vor uns auf den Tisch setzte. Dann summte der Samowar, und Martha Mirar ordnete mit zierlich gespitzten Fingern Tassen und Teller und Sandwichs und Bäckereien und Obst.

Die Frage lag nahe, wie Martha Mirar von meinem Londoner Aufenthalt erfahren habe.

»Sie Schäker!« drohte die Sängerin, »glauben Sie, es konnte verborgen bleiben, wenn Sie in London sind! Wollten Sie den Vogel Strauß spielen? Da hätten Sie für Ihre Zeitungen keine Londoner Briefe schreiben dürfen. Obzwar bei euch Journalisten ... man muß das nicht immer wirklich gesehen haben, worüber man schreibt, nicht wahr?«

»Nein!« sagte ich mit Überzeugung.

»Nun, aber bei Ihnen ... es hatte so den Stempel der Unmittelbarkeit, was ich von Ihnen gelesen habe.«

»Besten Dank.«

»Es war mir klar, daß Sie wirklich in London sind. Und das übrige ist nichts weiter als etwas Kombinationsvermögen und Detektivinstinkt.«

Wir tranken Tee, Martha Mirar und ich in enger Nachbarschaft, Señor Herrera etwas weiter ab auf dem rotplüschenen Sofa. Er sagte nichts, aber er duftete dafür um so eindringlicher.

»Ihre Talente!« sagte sie zwischen zwei Brötchen, »Sie haben noch weit mehr Talente, als ich seit jeher wußte.«

»Weil Sie übrigens vorher vom Strauß gesprochen haben ... Ihre Salome! Ihr Rosenkavalier! Welche Erfolge! Die Kritik hat ja Kopf gestanden.«

Ich hatte richtig getippt, Martha Mirar funkelte hell auf. »Ja, nicht wahr? Und nun bereite ich mich für eine Tournee nach Lateinisch-Amerika vor ... Buenos Aires, Rio de Janeiro, Mexiko ... eine ganz große Sache ...«

Ich merkte, Martha Mirars Stern war immer noch im Aufgehen.

»Ich habe es mir lange überlegt ... aber meine Freunde sind unnachgiebig. Sie wollen mich durchaus drüben haben. Unter Bedingungen, sage ich Ihnen ... ich muß meinen Freunden den Willen tun, um sie nicht ganz unglücklich zu machen.«

Und sie erläuterte ihre Beziehungen zu Lateinisch-Amerika durch einen strahlenden Blick auf den Mann mit dem schwarzen Schnurrbärtchen. Señor Herrera verneigte sich, und die Duftwolke um ihn kam in eine schwüle Bewegung.

»Señor Herrera ist Mexikaner«, wandte sie sich wieder zu mir.

Ich hatte keinen Augenblick daran gezweifelt.

»Er kann nur sehr schlecht Englisch und gar nicht Deutsch. Und Sie?« fuhr Martha Mirar lebhaft fort, »erzählen Sie von sich ... was treiben Sie in London?«

»Arbeit ist auch in London des Bürgers Zierde ...«

»Sie werden doch nicht unaufhörlich bei der Schreibmaschine sitzen. Nein ... liebster Freund, ich weiß mehr von Ihnen, als Sie glauben. Man hat Sie gesehen ... in der Olympia Hall ... in Ritz Hotel ...«

»Ihre Detektivtalente sind überraschend. Übrigens die Olympia Hall ... das war Dienst.«

»Und sie haben überaus interessante Bekanntschaften wieder aufgefrischt. Dieser Richard Brög ... alle Welt spricht von ihm, man ereifert sich über diesen Dauertanz und seine Opfer.«

Es war erstaunlich, was Martha Mirar alles wußte, und irgendwie regte sich im tiefsten Unterbewußtsein eine warnende Stimme vor so viel beflissener Nachforschung auf meinen Wegen. »Ein alter Schulkamerad«, sagte ich so gleichmütig als möglich, indem ich aufpaßte wie ein Haftelmacher.

»Das sind die dauerhaftesten Freundschaften«, sagte Martha in einer schwärmerischen Tonlage. »Wissen Sie, daß ich diesen Menschen, diesen Brög, glühend gern kennenlernen möchte. Er muß ein sonderbarer Mensch sein ... dieser Nabob. Und ich sammle doch bedeutende und schon recht sonderbare Menschen. Können Sie mich nicht irgendwie mit ihm zusammenbringen?«

Ich atmete auf, daß dieser Fischzug nicht mir galt. Aber es war mir klar, daß ich Richard vor nichts eifriger behüten mußte, als daß er Martha Mirar in den Weg lief. Nicht vielleicht, weil ich fürchtete, sie könnte in seinem Herzen Unheil stiften. Aber sie war imstande, unter den einfachsten Dingen von der Welt unbeschreibliche Verwirrung anzurichten.

»Nun, können Sie mir diesen Gefallen tun?« drängte die Sängerin und legte ihre heiße kleine Hand mit betörendem Nachdruck aus meine Pfote.

»Gewiß!« sagte ich. »Nichts ist leichter. Warten Sie ... Heute haben wir Montag. Morgen ist Richard, soviel ich weiß, vergeben. Aber Mittwoch ... Mittwoch dürfte er frei sein. Ich rufe Sie Mittwoch an, wann und wo.«

»Sie sind ein Engel!« dankte sie mir mit himmlisch verheißungsvollem Augenglänzen.

Dann dachte ich, daß ich hier nun wohl nicht weiter benötigt werde, zog die Uhr, bedauerte, daß ich noch eine dringende Besorgung zu machen hätte, und ging einige Minuten später durch die Mitte ab.

»Also auf Mittwoch!« rief Martha Mirar noch einmal, und Señor Herrera fächelte mir etwas von seiner Duftwolke nach.

Ich suchte Richard und Paul auf und fand sie in dem Magazin am Regents Canal, das Richard gemietet hatte, und in dem sie jetzt ihre Tage verbrachten unter einer Menge von Kisten und zwischen zwei Ameisenzügen von Lastträgern, die alles beiseitestießen, was ihnen vor die Füße kam. Richard thronte hoch oben auf einem Turm von Fässern und schrie wilde Befehle in das Getümmel, und Paul hielt eine Schablone und einen Pinsel in der Hand und malte mit schwarzer Farbe rätselhafte Buchstaben auf kleine Blechtonnen, die so aussahen, als enthielten sie einen fürchterlichen Sprengstoff. Nahe der Tür stand Thea und verglich eine Liste mit irgend etwas, das da an ihr vorübergetragen wurde.

Ich merkte, daß keine Möglichkeit war, bis zu Richard oder Paul vorzudringen, und wandte mich an Thea. »Morgen fahre ich also«, sagte ich.

Sie nickte mit dem Kopf, und dabei baumelte ein Schmuck, den ich bisher an ihr noch niemals gesehen hatte, an ihrem Hals hin und her. »Siebenunddreißig ? achtunddreißig«, murmelte sie und machte Bleistiftstriche in ihre Liste.

Irgendwie fesselte mich dieser unbekannte Schmuck um Theas Nacken, und ich sah ihn mir genauer an. Er bestand aus einem seinen Goldkettchen, dessen Glieder winzig kleine Krebse oder Skorpione darstellten, die einander mit den Scheren an den Schwänzen hielten, und vorne hing eine Kugel aus einem Metall oder einem Stein daran, auf der das Bild einer Art Eidechse nur eben angedeutet war. Das Ganze machte einen durchaus fremdartigen Eindruck, wie ein Stück aus einer weitentlegenen Welt, und nahm sich seltsam an dem braunen Hals des Mädchens aus.

»Mexikanisch? Was?« fragte ich.

»Einundvierzig ? zweiundvierzig«, murmelte Thea und machte Bleistiftstriche. »Denken Sie«, unterbrach sie sich, »die Indianerin damals in der Olympia Hall, die den Blutsturz bekam, Sie erinnern sich ... dreiundvierzig ? vierundvierzig ... die ist nun doch gestorben. Gestern haben es die Blätter gebracht. Mit Ausfällen auf Brög. Und gestern kommt ... fünfundvierzig ? sechsundvierzig ... gestern kommt so ein kleiner, schmutziger Junge, ein Indianerjunge, meint Herr Brög, und bringt mir in einem Kästchen ... siebenundvierzig ? achtundvierzig ? bringt mir dieses Halsband ...«

»Von der Indianerin?«

»Von der Indianerin«, bestätigte Thea, »und ich soll es, soweit man ihn verstehen konnte ... neunundvierzig ? achtundvierzig ? nein, fünfzig ... er sprach ein scheußliches Englisch, der Junge, wissen Sie ? als ein Andenken tragen.«

Ich habe damals gleich gesehen, daß Sie das arme Ding ins Herz geschlossen hat. Eine plötzlich entstandene Zuneigung ... aber man sollte solchen fremden Schmuck nicht ohne weiteres tragen«, sagte ich kopfschüttelnd, denn aus einmal erschien es mir bedenklich, daß Thea dieses Halsband einer Frau trug, von der man sagte, daß sie Richards Geliebte gewesen sei. Und gleich daraus bemerkte ich, daß ein solches Bedenken eigentlich mit Richard Brögschen Gedankengängen eine verdammte Ähnlichkeit hatte.

»Ich glaube nicht«, entgegnete Thea, ihre Liste umwendend, »daß mir das arme kleine Mädel damit etwas Schlimmes zugedacht hat. Einundfünfzig ... zweiundfünfzig ...«

Es war mir versagt, weitere Einwendungen zu machen, denn der Lastträger, der da eben kam, groß und breit wie ein Schubladenkasten, wollte unentwegt durch mich hindurch, und ehe ich mich dessen versah, war ich mit beinahe zerquetschten Füßen und verbeulten Rippen vor der Tür. Ich konnte mich nur noch eben mit einer Hand an den Türstock klammern und zurückrufen: »Sagen Sie Richard und Paul, sie sollen sich zu unserem nächsten Wiedersehen mehr Zeit nehmen als jetzt zum Abschied.«

»Dreiundfünfzig ? vierundfünfzig!« murmelte Thea und machte Bleistiftstriche.

Und dann war ich gänzlich draußen.

Am nächsten Morgen fuhr ich nach Wien zurück.

8

Ich war einige Wochen daheim gewesen und hatte von meinen Freunden in London mit keiner Zeile ein Lebenszeichen erhalten. Vielleicht kletterten sie noch immer auf den Fässern in ihrem Magazin herum und zählten Kisten, vielleicht auch ? ja, wahrscheinlich sogar ? waren sie überhaupt schon abgereist.

Die erste Nachricht, daß sie es noch nicht waren, brachte mir eine englische Zeitung, die von dieser Unternehmung als von einer bevorstehenden Sache sprach. Mit Unterstützung der Königlichen Akademie der Wissenschaften in London. Das war mir etwas Neues. Was zum Teufel hatte die Königliche Akademie der Wissenschaften mit Paul Nosters Ausgrabungsplänen zu tun?

Jedenfalls kam noch am selben Tag ein Telegramm: »Abreise sogleich London. Mitmachst meine Kosten Expedition Mexiko. Richard.« Ich fand, daß Richard bei seinen Mitteln das Telegramm ganz gut etwas ausführlicher hätte halten können und daß es nicht angehe, über mich so einfach verfügen zu lassen. Und überdies war da in den nächsten Wochen eine Menge Zeugs los, bei dem ich dringend gebraucht wurde.

Aber dann kam ich in unsere Redaktion, und der Chef ließ mich rufen und sagte mir, er habe telephonisch mit London gesprochen und Herrn Brög zugesagt, daß ich komme, und ich habe Urlaub, solange es nötig sei, und wir seien ein Weltblatt, und meine Originalberichte würden großen Eindruck machen. Ich merkte, daß der Chef sehr für Großzügigkeit war, wenn sie ihn nichts kostete, und daß Richard Brög auch bis hierher zu wirken verstand. Daneben stellte ich mir Paul Noster vor mit seinen strafbar vertrauensvollen Augen und Richard mit der seltsamen Zaghaftigkeit gewissen Dingen gegenüber, und vor allem natürlich Thea mit dem Schmuck der toten Indianerin um den Hals ? vielleicht würden sie mich brauchen.

Drei Tage später war ich in London.

Keinen Augenblick zu früh, denn in Richards Villa sagte man mir, er befinde sich bereits im Hafen, das Schiff ginge in einigen Stunden. Als ich zum Limeho Bassin kam, sah ich wirklich auch schon die zwei Ameisenzüge zwischen dem Magazin und einem großen Dampfer hin und her wimmeln, beladen zum Schiff und ledig zum Magazin zurück. Richard stand beherrschend auf einem Feldherrnhügel von Konservenkisten und regelte den Verkehr. Obzwar er eigentlich allen Anlaß gehabt hätte, sich zu wundern, schien er meine Anwesenheit für selbstverständlich zu nehmen. Mehr Zeit als bei meinem Abschied hatte er aber auch diesmal nicht, er gab mir nur flüchtig die Hand und sagte: »Fräulein Siebertz ist schon an Bord.« Er hatte offenbar ihr die Abwicklung der gesellschaftlichen Pflichten überlassen.

»Erlaube ?« sagte ich.

»Was denn?« schrie er zurück. »Ausrüstung? Ausrüstung ist meine Sache. Findest alles, was du brauchst.«

Es gelang mir nach einigem Suchen, Thea aufzutreiben. Sie stand in einem grauen Reisekleid aus dem zweiten Oberdeck, und ich glaubte aus ihrer Begrüßung etwas wie Dankbarkeit dafür herauszufühlen, daß ich gekommen war.

Wir schauten in das Tohuwabohu der letzten Stunden vor einer Abfahrt, das zu unsern Füßen tobte.

»Ich bin froh«, sagte Thea mit einem leisen Seufzer, »daß der Wirbel dieser Wochen zu Ende ist. Arger kann es nicht mehr kommen.«

»Ich verstehe nicht«, sagte ich, »warum Richard so unendlich viel mitnimmt. Wir reisen doch nicht ins dunkelste Afrika. Schließlich ist Mexiko so so etwas wie ein Kulturstaat. Und die Stadt Mexiko eine Stadt wie jede andere. Ich glaube sogar, daß man in Mexiko-Stadt mehr Dinge zu kaufen bekommt als in Scheibbs oder Rötzschenbroda.«

»Herr Brög sagt, er wolle unabhängig sein«, lächelte Thea, »aber ich glaube, er braucht diesen ganzen Wirbel, um ?«

»Warum?«

»Nun, um sich zu ... betäuben«, zögerte Thea. »Aber vielleicht irre ich mich«, setzte sie hinzu.

Damit mochte sie wohl nicht ganz unrecht haben, nach allem, was ich um Richard wußte, und ich bewunderte das weibliche Feingefühl, mit dem sie Dinge ertastete, die ihr doch verborgen waren. Ich mußte wenigstens annehmen, daß Paul ebenso geschwiegen hatte wie ich.

»Da kommt Herr Noster!« sagte Thea plötzlich lebhaft und mit einem so freudigen Ton, daß ich einen Riß an meinem Herzen spürte. Ach, immer noch hing sie an ihm, und ich war so hoffnungslos wie zuvor.

Paul kam über die Landungsbrücke, im Gespräch mit einem andern Herrn in einem tadellosen Trenchcoat und mit einem hellgelben neuen Lederköfferchen in der Hand ? Mister Forst, wenn mich nicht alles täuschte.

»Ist das nicht Mister Forst?« fragte ich, keineswegs erbaut von der Aussicht, während einiger Tage dieses Menschen unbewegtes Gesicht immer irgendwo in der Nähe zu haben, »muß der auch gerade jetzt hinüberfahren!«

»Ja ... und was sagen Sie ... er fährt mit uns.«

»Soll das heißen ? mit uns?«

»Genau das!« sagte Richard Brög, der eben hinzugetreten war, ingrimmig. Er hatte seinen Beobachtungsstand verlassen, die Ameisen liefen nur mehr leer vom Schiff fort, und er stand jetzt da und machte das Gesicht einer wütenden Hyäne. »Dieser Kerl ... ich glaube, wenn der einen Topf Milch anschaut, so wird sie sauer ... ausgerechnet der!«

»Ja, ich sehe nicht ein ... warum nimmst du ihn dann mit?«

»Mitnehmen? Ich?« zischte er mich aus allen Ventilen an. »Ich? Sehr gut das! Da hat doch die englische Regierung einen Vertrag mit der mexikanischen Regierung, mit irgendeiner dieser Regierungen, sie haben immer mehrere dort drüben. Bezüglich der Ausgrabungen. Sie beanspruchen das Recht, teilzunehmen, eine Kontrolle, weißt du. Und das Britische Museum steckt seine Nase hinein und die Akademie der Wissenschaften ...«

»Ja, die Königliche Akademie der Wissenschaften«, sagte ich, »will wohl was von den Funden?«

»Die Hälfte! Die andere Hälfte bleibt drüben in Mexiko. Solche Verträge machen die Leute. Und da haben sie uns diesen Mister Forst angehängt.«

»Du wirst dir doch noch aussuchen dürfen ...«

»Nein«, schrie Richard. »Habe mich natürlich gesträubt. Mit Händen und Füßen. Aber die waren hartnäckig. Sie haben ihren Vertrag und können die Erlaubnis verweigern, wenn wir nicht tun, was sie wollen. Gilt ? Gott weiß, wieso ? als erster Fachmann, dieser Mister Forst ? Der!! Und nun haben wir ihn auf dem Hals.«

»Werden ihn kaltstellen, meine ich.«

»Sehr kaltstellen! wird sich wundern.«

Paul Noster und Mister Forst hatten uns entdeckt und kamen auf uns zu, Paul, beglückt wie ein Kind vor Weihnachten, außer sich von der Aussicht auf eine unendliche Reihe von Jaguaren und Opferaltären und das geheimnisvolle Grab, und Mister Forst gemessen und höflich wie immer. Jeder andere wäre in der Weltraumkälte, die Richard Brög ausströmte, sogleich erfroren, Mister Forst aber schien in seiner steinernen Unbeweglichkeit für alle Seelentemperaturen unempfänglich.

Er schritt gepanzert durch die steife Förmlichkeit der Begrüßung, wenigstens anfänglich. Aber auf einmal gab es ihm doch einen Ruck. Und das war, wie sein Blick die Kette um Theas Hals traf. Die anderen schienen es gar nicht bemerkt zu haben, aber ich glaubte mich nicht zu irren, daß er zusammenfuhr, als er diese Kette sah, und daß er dann Thea ganz seltsam, mit einer Art von gespannter Aufmerksamkeit betrachtete. Vielleicht war es ein Wiedersehen, vielleicht erinnerte ihn der Schmuck an seine frühere Besitzerin, die, wie ich mir nicht nehmen ließ, der einzige Mensch gewesen zu sein schien, für den sich in diesem Steinklumpen etwas regte wie ein lebendiges Herz.

Indessen stieß der Dampfer seinen zweiten gellenden Pfiff aus, und die Begleiter der Reisenden begannen das Schiff zu räumen. Richard ließ Mister Forst andauernd seinen Rücken sehen, einen Rücken, der eine sehr deutliche Miene von Nichtachtung an sich hatte, stützte sich auf die Bordbrüstung und schaute in das Getümmel hinab.

Und auf einmal faßte er meinen Arm und zeigte auf irgend etwas in der Menge, die sich auf der Landungsmauer zum Abschiednehmen aufstellte. »Schau dorthin!« sagte er. »Siehst du ihn?«

»Wen denn?«

»Dort unten. An der Landungsbrücke. Den Mann. Der Mann ohne Namen. Der mit der Narbe ... weißt du.«

Jetzt sah ich den Mann. Er stand nahe der Brücke, einen korbgeflochtenen Kinderwagen vor sich, in dem etliche Pakete lagen, und der den Leuten im Gedränge einigermaßen im Weg zu sein schien, denn eine ältere Dame vollführte mit einem Schirm vor dem Gesicht des Mannes ein beängstigendes Gefuchtel und machte ihm offenbar heftige Vorwürfe. Der Mann aber gab keine Antwort und schaute unentwegt mit einem Ausdruck von tiefer Schwermut den Dampfer an, der sich langsam vom Ufer loszumachen begann.

»Komm mit!« sagte Richard und zog mich fort. Wir liefen über die Brücke, an der sich schon die Matrosen zum Einziehen rüsteten, und Richard packte den Mann an der Schulter und rüttelte ihn aus seiner Versunkenheit aus.

»Was machen Sie denn hier?« fragte Richard herzlos mit der durch die Umstände gebotenen Kürze.

»Um die Welt herum«, entgegnete der Mann, der von der Polizei einen neuen Namen bekommen hatte, Heinrich Schwarz, glaube ich. Und dabei schaute er nicht Richard an, sondern mich, und in seinen Augen von ausgeblaßtem Himmelblau lag etwas wie ein Vorwurf, als sei ich dafür verantwortlich, daß er nicht ohne weiteres drauflos wandern könne.

»Mit dem Kinderwagen da?« forschte Richard.

»Mein Gepäck!« sagte der Mann und schob den Kinderwagen hin und her, wie es die Kindermädchen tun, wenn sie ein schreiendes Baby beschwichtigen wollen, und schob ihn der älteren Dame mit dem Schirm über die Hühneraugen. Sie unterbrach sich augenblicklich in ihrem Abschiedsschmerz und vernichtete ihn mit einem wütenden Dolchstoß ihrer Augen: »Schauen Sie doch endlich, daß Sie weiterkommen, mit Ihrem Dingsda!«

»Wird sich schwer machen lassen«, sann Richard, »mit dem Kinderwagen über den Atlantik. Glaube, Sie kämen nicht einmal bis Greenwich. Nüssen anders herum. Hinten herum.«

»Schon versucht!« Durch Deutschland und Polen bis nach Rußland. Ein Mann sagte: ?Asien brennt!? Und wie Sie: ?Anders herum!? Schließlich großes Wasser da ... großes Wasser dort ... muß hinüber!«

»Hm«, meinte Richard, »und bei diesem Kinderwagentransport sind die hundert Pfund wohl draufgegangen? Sagen Sie, was gilt denn die Wette eigentlich?«

Ob die Erwähnung der hundert Pfund eine Erinnerung in dem verstörten Geist des Mannes aufweckte, war nicht festzustellen, denn der Ausdruck seines Gesichtes veränderte sich nicht. Aber er beugte sich zu mir herüber und flüsterte geheimnisvoll: »Meinen Namen! Meinen verlorenen Namen!«

»Es ist doch klar, daß das eine fixe Idee von ihm ist«, sagte ich ungeduldig, denn die Matrosen machten Miene, die Landungsbrücke zurückzuziehen.

»Und da fehlt Ihnen jetzt das Geld zur Überfahrt?« drängte Richard. Der Mann nickte schwermütig.

»Haben Sie Ihre Papiere?«

»Heinrich Schwarz!«, und er tippte mit dem Finger auf ein flaches Paketchen im Kinderwagen, ein in Zeitungspapier eingeschlagenes Buch oder etwas dergleichen, während der Dampfer einen langen, gellenden, bösartigen Pfiff ausstieß.

»Also vorwärts! Sie fahren mit.« Und damit gab Richard dem Mann einen Stoß in den Rücken, der ihn samt dem Kinderwagen in Bewegung setzte. Er leistete weder Widerstand, noch verwunderte er sich weiter darüber, er schob den Kinderwagen über die Landungsbrücke auf den Dampfer, gerade noch im letzten Augenblick, ehe die Matrosen mit dem Abbruch der Beziehungen zum Kai Ernst machten.

Und dann gab es ein kleines Handgemenge mit dem Obersteward, der nach der Fahrkarte des Mannes fragte und sehr ungehalten etwas von Einschmuggeln sagte und den zweiten Zahlmeister rief. Bis Richard erklärte, er sei Richard Brög und werde alles in Ordnung bringen und basta, worauf dann alle Widersetzlichkeit in einer Reihe von ehrerbietigen Verneigungen auslief.

Wir überließen es dem Mann ohne Namen, sich selbst und seinen Kinderwagen zu verstauen, und fuhren aus einem Geflatter von weißen Taschentüchern hinter einem kleinen, schwarzen, schnaufenden Schleppdampfer her die Themse hinab.

Am nächsten Morgen schwammen wir im Kanal und hatten abscheuliches Wetter. Ich fand in meiner Kajüte Ölzeug für mich bereitgelegt ? Richard hatte wirklich an alles gedacht ?, zog es an und stieg auf das Hinterdeck hinan, wo ich Richard und Paul gesehen hatte, die vor irgendeinem in Segeltuch gehüllten Ungeheuer standen und in seine Betrachtung versunken schienen. Es war ein großmächtiges Ding, das da festgemacht war, der Sturm zauste an dem Tuch herum und hob bald den einen, bald den andern Zipfel, worauf ein unverständliches Gewirr von Stangen und Schrauben oder Platten von einem glänzenden Metall, wahrscheinlich Aluminium oder etwas Ähnlichem, zum Vorschein kam.

Ich gesellte mich zu den Freunden, stemmte mich gegen den Wind und schaute seinen Bemühungen eine Weile zu.

»Was ist denn das für ein Ding?« fragte ich endlich.

»Unser Flugzeug!« antwortete Richard, indem er eine Zigarre wegwarf, die der Sturm in einen glimmenden Besen verwandelt hatte.

»Unser Flugzeug? Wieso?« staunte ich.

»Verdammter Wind!« brummte Richard. »Nun, wir fliegen doch selbstverständlich hinüber.«

»Fliegen hinüber?«

»Ja, von den Azoren nach Mexiko.«

»Ich denke, der Dampfer ...«

»Wir laufen selbstverständlich vorher die Azoren an. Und von dort fliegen wir.«

Es sah Richard ähnlich, daß wir selbstverständlich die Azoren anliefen, anstatt wie vernünftige Menschen geradeswegs nach Mexiko zu fahren, und daß wir selbstverständlich so nebenbei einen kleinen Ozeanflug unternahmen. Ich hatte mich um nichts gekümmert und gestern abend meine Reisemüdigkeit sogleich hinter Woolwich zu Bett gebracht, und das kam davon, wenn man Richard Brög alles überließ.

»Hast du einen tüchtigen Piloten?« fragte ich zur Vorsicht.

»Piloten? Bin ich selber!« entgegnete Richard mit verblüffender Gelassenheit. »Bin schon oft genug geflogen!« Und indem er mich mit einem niederträchtig heiteren Augenzwinkern anschaute, fuhr er fort: »Ganz große, verläßliche Maschine das da. Ein Riesenflugzeug! Das beste seiner Art. Kann zwei Passagiere mitnehmen. Sogar drei, wenns darauf ankommt.«

Ich merkte, daß es darauf abgesehen war, ich sollte einer von den zweien oder dreien sein. Und ich muß gestehen, daß ich über andere Zukunftsaussichten schon maßloseres Entzücken empfunden habe.

So sehr ich mich aber anstrengte, meine eigentliche Meinung tief unten luftdicht abzuriegeln, es muß doch irgendwie etwas davon unversehens ans Tageslicht geraten sein.

»Übrigens!« sagte Richard mit einem niederschmetternden Wohlwollen. »Übrigens brauchst du durchaus nicht mitzufliegen. Ich hatte nur gedacht, du würdest mit Vergnügen die Gelegenheit ergreifen ... Kommt nicht alle Tage. Und gibt, ich weiß nicht wie viele große Feuilletons.«

Der Wind warf sich über die Leinenplache, zerrte wütend daran, und schließlich gelang es ihm, unter Triumphgeheul wieder einen Zipfel zurückzuschlagen. Ich bekam eine der Aluminiumplatten zu sehen, ein Stück der Tragflächen vielleicht, und darauf stand mit riesigen weißen Buchstaben das Worte: Quetzalcoatl«.

»So heißt es?« fragte ich.

»Fräulein Siebertz hat es so getauft!« antwortete Richard Brög mit warmer Genugtuung.

»Ja, Thea!« bestätigte Paul und sah unglaublich einverstanden aus.

Also Thea hatte es getauft! Thea! Quetzalcoatl, der weiße Gott! Und das war also eine völlig abgemachte Sache, die Theas Segen hatte.

»Ich fliege selbstverständlich mit«, sagte ich in einem Ton, der es nicht geraten erscheinen ließ, in meine Begeisterung einen Zweifel zu setzen.

»Nun gut«, nickte Richard gemütlich, »wir drei. Ihr beiden und ich.«


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