Am Hofe August des Starken. Erster Band

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1. In vino veritas.

Es war im Herbste. Im königlichen Schlosse zu Dresden, das schwarz und finster über die dunklen Schatten, welche es umgaben, hoch emporragte, herrschte Grabesstille. Der August war kaum zu Ende, die Zeit der Regen und eiskalten Winde noch nicht gekommen, alle Bäume trugen noch ihren vollen Blätterschmuck. Wenngleich die Tage zu dieser Jahreszeit schön, die Nächte lau und klar zu sein pflegen, stürmte es in jener Nacht, da unsere Erzählung beginnt, dennoch mit geradezu winterlichem Ungestüm. Ein kalter, von Norden kommender Wind jagte die dunklen Wolken über den Himmel, zerriß sie und drängte sie wieder zusammen, so daß der blasse Schimmer der Sterne kaum auf Augenblicke sichtbar war.

Am Sanct Georgs-Thor, vor dem Gitter des Schlosses und in den Höfen desselben gingen schweigende Schildwachen langsam auf und nieder. Die Fenster der königlichen Empfangssäle, denen sonst die rauschenden Klänge entzückender Tanzweisen, der Glanz von tausend und abertausend Kerzen entströmten, starrten heute lichtlos in die Nacht hinaus.

Diese Ruhe, diese Todtenstille war eine Seltenheit am Hofe Augusts II., den man den Starken nannte und der diesen Beinamen in der That verdiente. Besaß er doch die Kraft, nicht allein Hufeisen, sondern auch Herzen zu brechen, ließ er sich doch von keinerlei Mißgeschick und Kummer bewältigen, blieb er doch immer unerschütterlich, unbeugsam.

Der Dresdener Hof hatte sich durch seinen Glanz einen europäischen Ruf erworben, die Verschwendung, die Pracht, welche dort herrschten, suchten ihresgleichen.

In diesem Jahre aber war August der Starke durch einen schweren Schlag getroffen worden; die polnische Krone, die er sich mit solchen Unkosten erworben hatte, war ihm durch den Schweden entrissen worden, der ihn noch vollends aus Polen vertrieben hatte. Jetzt stand er von neuem auf sächsischem, ererbten eigenen Boden und grübelte über die Wechselfälle des Lebens nach, beweinte sowohl den Wankelmuth der Polen als die Millionen, welche ihn die Königskrone jenes Landes gekostet hatte.

Daß die Polen August den Starken, den so liebenswürdigen, edlen Monarchen, nicht anbeten, für ihn nicht in den Tod gehen wollten, war sowohl dem König als seinen Unterthanen geradezu unbegreiflich. Er zeihte sie, die Polen, des schwärzesten Undanks. Um Augusts Erbitterung nicht zu steigern, vermied es seine Umgebung aufs sorgfältigste, ein Wort über die Polen oder die Schweden in seiner Gegenwart fallen zu lassen und auf die jüngsten verhängnißvollen Ereignisse anzuspielen, die höchst demüthigend gewesen und für welche König August sich dereinst glänzende Genugthuung zu verschaffen hoffte.

In Dresden lebte man seit der Rückkehr des Königs wieder in Saus und Braus. Man mußte sich doch Mühe geben, die umdüsterte Stirne des liebenswürdigen Monarchen aufzuheitern! Um so auffälliger war daher die tiefe Stille, welche heute im Schlosse herrschte. Die Vorübergehenden waren darüber höchlich verwundert. Wußte man doch, daß der König sich in Dresden befand, hieß es doch, daß er den Entschluß gefaßt habe, Fest an Fest zu reihen, um Karl XII. von Schweden, seinem Feinde, Aerger zu bereiten und ihm zu beweisen, daß dem starken August das erlittene Mißgeschick nicht sehr zu Herzen gegangen war.

Wer aber in jener stürmischen Nacht bis in den zweiten Hofraum des Schlosses gedrungen wäre, hätte sofort erkannt, daß im Innern des Palais noch reges Leben herrschte.

Die Fenster der ersten Etage waren trotz des kalten Wetters weit geöffnet und durch die Lücken der nicht ganz geschlossenen schweren Vorhänge drang ein heller Lichtstrom. Von Zeit zu Zeit ertönte im Innern der königlichen Gemächer ein lautes Gelächter, auf das ein bald leises, bald lauteres Murmeln mehrerer Stimmen oder auch momentanes Stillschweigen folgte. Oft brach nach einer Rede eine Salve stürmischen Beifalls los und dabei erklang von neuem jenes schallende Gelächter, ein wildes, ausgelassenes Lachen, welches nur von einem Manne kommen konnte, der sich nicht davor zu fürchten brauchte, daß man ihn so lachen höre, daß man ihm dies als unschicklich anrechnen werde.

So oft dieses wilde Gelächter erscholl, hielt die Schildwache unten im Hofe still und blickte secundenlang zu den hell erleuchteten Fenstern hinauf, um dann seufzend ihre monotone Wanderung von neuem fortzusetzen.

Der Contrast zwischen dem anscheinend ausgestorbenen Schlosse, der stummen Stadt, den entfesselten Elementen und der königlichen Orgie war geradezu von peinlicher, fast unheimlicher Wirkung.

Seit jener seltsame Wahnwitzige, der sich Karl XII. nannte, August den Starken besiegt hatte, versammelte dieser seine Freunde immer häufiger zu schwelgerischen Gelagen. König August schämte sich seiner Niederlage derart, daß er es geflissentlich vermied, öffentlich zu erscheinen. Selbst bei Hofe zeigte er sich nicht. Da der Vergnügungssüchtige aber ohne Zerstreuung nicht existiren konnte, war er auf den Gedanken verfallen, die Zeit im Kreise seiner Vertrauten mit Trinken todtzuschlagen.

Es wurde da goldener, köstlicher ungarischer Wein aufgetragen, welcher aus Reben stammte, die alljährlich unter der Aufsicht königlicher Abgesandter abgelesen und gekeltert wurden. Der König ließ die Becher ohne Unterbrechung füllen und leeren, bis endlich der Tag graute, die schlaf- und weintrunkenen Gesellen zu Boden sanken und August lachend sich erhob, um von Hoffmann, seinem Lieblingskammerdiener, unterstützt, das Lager aufzusuchen.

Zu diesen bacchantischen Gelagen wurden nur die Vertrauten des Königs gezogen, weil August, wie man sagte, den Personen, welche er nicht liebte, im weinseligen Zustande höchst gefährlich werden konnte. Augusts herkulische Kraft machte seinen Zorn fürchterlich. Außerdem besaß der König eine unbegrenzte Gewalt. In den Morgenstunden, wenn er noch nüchtern war, pflegte er sich zu beherrschen. Zwar wurde sein Gesicht im Zorn feuerroth, die Augen schossen Blitze und die Lippen bebten, allein er blieb immer Herr seiner selbst und wandte nur Demjenigen, welcher seinen Zorn erregt, mit einer brüsken Bewegung den Rücken. Anders am Abend. Wehe dem, der ihn Abends reizte! Der Unglückliche, welcher August erzürnte, konnte, ehe er sichs versah, zum Fenster hinausfliegen, um sich die Hirnschale auf dem Pflaster des Hofes zu zerschmettern.

Zum Glück stellten sich diese Zornesanfälle selten ein. Im Privatleben, in intimen Kreisen war August ja der liebenswürdigste, nachsichtigste, gütigste Gebieter der Welt; ja man hatte gar oft bemerkt, daß seine Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit in dem Maße stiegen, als seine Antipathie gegen Jemanden zunahm. Sein Naturell war eben edel und barmherzig und drängte ihn, Diejenigen zu trösten, die er vernichten ? mußte. So geschah es, daß Diejenigen, welche auf seinen Befehl nach dem Königstein abgeführt werden sollten, nach jener Festung, wo die in Ungnade gefallenen Günstlinge Augusts häufig jahrelang schmachteten, am Vorabend vor ihrer Verhaftung von dem König immer herzlichst umarmt wurden, als wären sie seine besten und liebsten Freunde.

Sich zu unterhalten, das war es hauptsächlich, wonach August strebte. Kein Wunder daher, wenn er sich zuweilen heißhungerige Bären vorführen ließ und sich an dem Schauspiel ergötzte, sie einander auffressen zu sehen. Auch liebte er es, seine Günstlinge betrunken zu machen und sie alsdann gegen einander aufzuhetzen. Wenn die weintrunkenen Gesellen handgemein wurden, wie herzlich konnte August da lachen! Der Anblick war ja so drollig.

Zwietracht in die Geister der Höflinge zu säen, war für den König eine leichte Sache. Kannte er doch die Verhältnisse, ja die Geheimnisse jedes Einzelnen genau. Was immer bei Hofe geschehen mochte, das erfuhr August durch seine Spione, die sich auch gegenseitige Angebereien zu Schulden kommen ließen. Nichts entging ihm, und was er nicht sehen konnte, das errieth er. Niemand wußte, wer den König von allem, was vorging, in Kenntniß setzte. Jedermann beargwöhnte seinen Nächsten; der Bruder fürchtete den Bruder, der Gatte die Gattin, die Eltern ihre Kinder.

August den Starken aber erheiterte die Angst dieser guten Leute; er konnte über ihren panischen Schrecken laut auflachen. Es unterhielt ihn, von der Höhe seines Thrones aus der Komödie des Lebens zuzusehen, doch verschmähte er es nicht, sich zuweilen an derselben zu betheiligen und die Rolle des Herkules oder des Apollo zu spielen. Am Abend übernahm er aber am liebsten die des Bacchus.

Der Saal, in welchem sich der König und dessen Gäste befanden, war glänzend erleuchtet. Glitzerndes, blankes Krystall- und Silbergeräth stand auf den eichenen Consolen, ein silbernes Faß mit goldenem Reif thronte auf dem Buffet, in dessen Nähe, rings um einen länglichen Tisch aus geschnitztem Eichenholz, die Genossen der schwelgerischen Gelage des Königs saßen. Unter ihnen bemerkte man den vor Kurzem aus Rom zurückgekehrten Grafen Taparel Lagnasco, Wackerbarth aus Wien, Watzdorf, den sogenannten »Bauern von Mansfeld«, Fürstenberg, Friesen, Vitzthum, Hoym und den berühmten Friedrich Wilhelm Freiherrn von Kyau, einen der geistreichsten Männer seiner Zeit, der, mit unversiegbarem Witze begabt, trotz seiner ewig ernsthaften Miene die Fähigkeit besaß, die betrübtesten, verdrießlichsten Menschen zum Lachen zu bringen.

Starr vor sich hinsehend, einen düsteren, brütenden Ausdruck auf dem sonst so heiteren Gesichte, saß August am oberen Ende des Tisches, das Haupt auf den auf der Lehne des Sessels ruhenden Arm gestützt. Die leeren Flaschen, welche neben seinem Pocal vor ihm auf dem Tische standen, lieferten den Beweis, daß er nicht eben jetzt zu zechen begonnen. Indes hatte der göttliche Nektar heute nicht die gewöhnliche Wirkung gehabt, sein goldener Reflex war noch nicht auf die düsteren Gedanken des Fürsten gefallen, dessen ganzes Wesen Schwermuth athmete.

Die Gäste nahmen wiederholt einen Anlauf, ihren Gebieter zu erheitern. Vergebens! Träumend starrte er ins Leere; er sah sie nicht, er hörte sie nicht. Dieses Benehmen war auffallend genug von Seite eines Fürsten, der stets bemüht war, sich zu zerstreuen und zu unterhalten, und der alles auf die leichte Achsel zu nehmen Pflegte. Kein Wunder daher, daß ihn die Höflinge nicht ohne Bestürzung von der Seite ansahen und bedenklich die Köpfe schüttelten.

»Gott steh uns bei!« raunte Fürstenberg seinem Nachbar Wackerbarth ins Ohr. »Sich Dir den König an! Was mag ihn plötzlich verstimmt haben? Es ist schon elf Uhr. Um diese Stunde pflegt er sonst über alle Maßen fröhlich zu sein. Wir unterhalten ihn nicht ...«

»Dafür kann ich nicht, bin ich doch nur ein Fremder hier,« fiel Wackerbarth in leisem Tone ein und drückte seine weinseligen Augen zu. »Ihr, die Ihr immer um ihn seid, solltet doch wissen, was ihm fehlt.«

Hier wandte sich Graf Lagnasco gegen die beiden Herren und bemerkte: »Vermuthlich langweilt ihn die Lubomirska.«

»Ich glaube eher, daß die Schweden an seiner üblen Laune schuld sind,« sagte der Wiener. »Donnerwetter, so eine Niederlage ist unverdaulich ...«

»Bah!« unterbrach ihn Fürstenberg. »Er denkt gar nicht mehr an die Schweden. Seid unbesorgt, Wackerbarth, Schweden findet dereinst seinen Meister, und das kommt dann uns zugute. Nein,« fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, »nicht Schweden ists, was des Fürsten Herz beschwert, sondern die Lubomirska, deren er überdrüssig ist. Lagnasco hat Recht. Es ist unumgänglich nothwendig, daß wir für ihn eine neue Maitresse finden.«

»Ist das nicht leicht genug?« fragte Wackerbarth.

»Gewiß,« lachte Lagnasco. »Immerhin hättet Ihr wohl gethan, uns aus Wien eine neue Esterle mitzubringen.«

Das Gespräch verstummte, denn August war aus seinem stillen Brüten erwacht und ließ jetzt seinen scharfen Blick über die Gäste schweifen. Seine Augen blieben an dem am unteren Ende der Tafel sitzenden Freiherrn von Kyau haften. Der wunderliche Mann schien sich über seinen Gebieter oder vielmehr über dessen Stimmung lustig zu machen; denn er hatte die Beine von sich gestreckt und zog aus seiner Brust die tiefsten Seufzer hervor. Das Haupt ruhte melancholisch auf seiner Rechten, während die linke Hand schlaff herabhing. Er sah in dieser Stellung so komisch aus, daß August unwillkürlich lachen mußte. Nun brachen selbstverständlich sämmtliche Höflinge in helles Lachen aus, obwohl nur Einige von ihnen wußten, worüber der König zu lachen geruht hatte.

Kyau-rührte sich nicht.

»Nun, Kyau, was ist Dir?« rief August in heiterem Tone. »Hast Du kein Geld? Hat Deine Geliebte Dich betrogen? Wer Dich sieht, möchte glauben, ein unsichtbarer Geier zerfleische Dein Inneres. Sprich, Prometheus, was fehlt Dir?«

»Mich quält kein persönliches Uebel, mein Fürst,« seufzte der Baron. »Ich habe weder Hunger noch Durst, mich drückt weder Liebe noch Eifersucht, noch Mangel an Geld. Trotzdem bin ich verzweifelt.«

»Wer aber hat Dich in diesen beklagenswerthen Zustand versetzt?« rief August.

»Kein Geringerer als Euere Majestät,« erwiderte in tragischem Tone Kyau. »Was mich so traurig stimmt, ist das Schicksal meines geliebten, unglücklichen Gebieters. Schön wie ein Gott, stark wie ein Herkules, schien er mit seinem edlen Herzen und seiner unvergleichlichen Tapferkeit zum Glück geboren, die Welt sollte zu seinen Füßen liegen ? und dennoch besitzt er nichts, nichts!«

»Wahr, wahr!« murmelte August mit zusammengezogenen Brauen und gesenktem Blick.

»Wir sind hier unser Viele und Keinem von uns gelingt es, unseren königlichen Herrn aufzuheitern,« fuhr Kyau mit komischem Pathos fort. »Seine Maitressen altern und hintergehen ihn, sein Wein versauert, sein Geld wird gestohlen. Wenn er aber seine treuen, ihm ergebenen Diener zu fröhlichem Gezeche herbeiruft, so thut er ihnen mit der Miene eines Leichenbitters Bescheid. Das ists, mein Fürst, was mich bekümmert.«

August erfaßte lächelnd seinen Pocal und stieß ihn wiederholt gegen den Tisch. In Folge dessen stürzten die beiden Zwerge, welche bislang regungslos neben dem Buffet gestanden hatten, herbei und stellten sich in ehrerbietiger Haltung vor dem König auf, seines Befehles gewärtig.

»Tramm,« sagte August zu einem der beiden Zwerge mit aufgeheiterter Miene, »schaff uns Ambrosia! Wahrlich, der Wein den wir getrunken, war allzu zahm!«

»Ambrosia« nannte man jenen berühmten Wein, den Zichy eigens für den König aus nicht gekelterten Trauben hatte bereiten lassen. Es war geradezu ein einziger Wein, süß und ölig, dabei aber heimtückisch, daß er einen Riesen umzuwerfen vermochte. Die beiden Zwerge eilten aus dem Saale. Nach einigen Secunden erschien ein Neger in orientalischer Tracht, in den Händen ein silbernes Servirbrett, auf welchem ein ungeheuerer Krug stand. Die Herren erhoben sich von ihren Sitzen und verneigten sich mit komischem Ernste vor dem göttlichen Nektar. König August aber rief, gegen Kyau gewendet:

»Baron, ich ernenne Dich zu meinem Mundschenk. Walte Deines Amtes!«

Kyau betrachtete die Gläser, welche die Zwerge unterdessen auf den Tisch gestellt hatten. Sie schienen ihm nicht zuzusagen. Nachdem er den Kleinen leise einige Worte zugeflüstert hatte, brachten sie eine Anzahl Gläser von verschiedener Größe herbei.

Mit der straffen Haltung eines Mannes, der sich seiner Würde wohl bewußt ist, stellte Kyau die Gläser auf. Rings um den königlichen Pocal kam ein Kranz kleiner Gläser zu stehen, welche von einem Kreise noch kleinerer umgeben wurden. Unter den letzteren fanden sich welche, die nicht größer als ein Fingerhut waren.

Die Gäste beobachteten schweigend das Beginnen des Mundschenken. Kyau nahm den Krug und begann den Wein auszuschenken. Zunächst füllte er die kleinsten Gläser; wenngleich jedes einzelne Gläschen nur wenige Tropfen Weines zu fassen vermochte, so war doch die Zahl der Gläschen so groß, daß der Mundschenk zwei Drittel des Kruges leeren mußte, um sie zu füllen. Der Nest wurde in die größeren Gläser gegossen; für den König waren nur wenige Tropfen geblieben. Kyau tröpfelte die Neige des Kruges in den fürstlichen Pocal und blickte zum König hinüber.

»Ein sauberer Mundschenk, fürwahr!« rief August. »Du scheinst zu glauben, daß ich zuletzt bedient zu werden verdiene. Was soll das bedeuten?«

Die Herren lachten verlegen. Kyau aber sagte, den leeren Krug auf den Tisch setzend, mit der Ruhe, die ihm eigen war:

»Die Antwort auf die Frage ist nichts weniger als neu; was Euere Majestät jetzt sah, sehen Sie ja alle Tage. Wie ich mit dem Weine verfuhr, so verfahren die Minister unseres königlichen Herrn mit den Einkünften des Staates. Zunächst füllen die unteren Beamten ihre Säckel, hierauf thun die höheren ein Gleiches und kommt endlich die Reihe an den König, so ist nichts mehr da ...«

»Bravo!« unterbrach ihn händeklatschend der Fürst. »Dieses Gleichniß wäre eines Aesop würdig gewesen! ... Jetzt aber lass schnell auch für mich Wein herbeibringen, auf daß ich mein Glas auf Dein Wohl leeren kann.«

Kaum war der Fürst mit seiner Rede zu Ende, als der Neger mit dem ambrosischen Weine erschien. Während Kyau den riesigen Pocal des Fürsten füllte, fiel so mancher böse Blick auf ihn. Wie sehr die Herren auch über den Einfall des Mundschenken gelacht hatten, Jeder ärgerte sich im Stillen darüber. Indes traten alle mit lächelnder Miene vor König August hin, beugten ein Knie und hielten die gefüllten Becher, welche sie in den Händen hatten, hoch empor.

»Es lebe der sächsische Herkules!« rief Kyau. Der Toast ging von Mund zu Mund und August leerte seinen Pocal nach einem gnädigen Kopfnicken gegen den Baron, während die Herren aufsprangen, gleichfalls ihre Gläser leerten und dann wieder an dem Tische Platz nahmen.

»Mein Herr und König,« rief Fürstenberg, »lass uns von dem reden, von dem allein zu dieser Stunde gesprochen werden sollte, von den Wesen, welche bei Tag und Nacht regieren: von den Frauen!«

»Wohlan, es soll ein Jeder uns das Bild der Dame seines Herzens zeichnen,« sprach August. »Fange Du an, Fürstenberg!«

Ein boshaftes Lächeln umspielte bei diesen Worten die Lippen des Fürsten. Augusts Liebling aber wurde über und über roth; er warf einen verzweifelten Blick auf seinen hohen Gebieter und bat ihn, er möge ihm die Beschreibung seiner Schönen erlassen.

»Nein, nein!« riefen mehrere Stimmen zugleich. »Das Porträt, Fürstenberg, das Porträt!«

Fürstenberg zögerte, er hatte vollauf Grund hierzu. Denn die Dame, in welche er in einem kritischen Moment des Lebens sich verliebt hatte oder vielmehr zu haben vorgab, diese Dame schminkte sich die Jugendfrische an und zählte mehr als vierzig Jahre. Frau von Friesen war Witwe und besaß viel Geld, während Fürstenberg keines hatte. Er strebte zwar nicht nach der Hand der reichen Witwe, aber er war ihr steter Begleiter. Sowohl bei allen Festen wie auf der Reise sah man ihn immer mit ihr.

Die Gesellschaft bestand darauf, daß Fürstenberg ihr seine Schöne schildere. Alle schrien durcheinander. Endlich wurde der Lärm so groß, daß der König Stillschweigen gebot.

»Du sträubst Dich vergebens, Fürstenberg,« rief August lachend. »Muth, mein Junge, und fange an! Male sie uns vor, wie sie sich selbst nicht schöner malen könnte.«

Der junge Mann leerte sein Glas in Einem Zuge, wie um sich Muth zu machen, und begann:

»Die Dame meines Herzens ist die Blume der Frauen. So mancher unter Euch dürfte anderer Meinung sein, dürfte meiner Dame einen Vorwurf daraus machen, daß sie ihre Schönheit künstlichen Mitteln verdankt. Was verschlägts? Ist doch dadurch ihre Schönheit ewig, wie die der Unsterblichen, braucht sie doch das nicht zu fürchten, was so Viele ängstigt ? den Zahn der Zeit!«

Schallendes Gelächter unterbrach diese Rede.

»Hoym!« rief jetzt August und heftete seinen Blick auf Fürstenbergs Nachbar, einen Mann von schönem Körperbau, dessen Gesicht mit den kleinen, listigen, stechenden Augen jedoch nicht besonders anziehend war. »Hoym, jetzt ist an Dir die Reihe, zu erzählen. Wir lassen keinerlei Ausflüchte gelten. Du bist, was die Weiber betrifft, ein feiner Kenner, und Glück hast Du bei den Frauen, wie kein Anderer. Auch wissen wir alle, daß galante Abenteuer Dir zum Bedürfniß geworden sind. Erzähle uns also eine lustige Geschichte ? beichte, Hoym, beichte! Du weißt ja, daß das, was an diesem Orte zur Sprache kommt, nie ausgeplaudert wird.«

Hoym lachte vergnügt und blinzelte die Gäste der Reihe nach an. Die Bewegungen seines Kopfes, der bald nach dieser, bald nach jener Seite fiel, sein gezwungenes Lächeln, seine glühenden Wangen, kurz, alles an ihm verrieth, daß er betrunken war.

Sowohl dem König als seinen Gefährten war es angenehm, daß sich der Finanzminister Hoym in einem Zustande befand, wo die Zunge sich durch den Verstand nicht im Zaume halten läßt. Sie hofften die ergötzlichsten Geschichten aus dem Munde des Betrunkenen zu vernehmen.

Hoym stand im Rufe eines Don Juan. Es hieß zwar, daß er seit einigen Jahren einen gesetzteren Lebenswandel führe, weil er sich verheiratet habe. So Mancher wußte indes, daß er noch immer seinen galanten Abenteuern nachging, daß es aber jetzt im Stillen geschah, während er früher aus seinem Glück bei den Weibern kein Hehl gemacht hatte. Seine Gattin sah man nie ? es hieß, daß Hoym sie irgendwo auf dem Lande verborgen halte.

Auf ein Zeichen des Königs füllte Kyau den Becher des Finanzministers. Dieser nahm den Pocal und trank den ambrosischen Wein mit jener unbewußten Gier, welche den Betrunkenen, die der Nachdurst verzehrt, eigen ist. Sein Gesicht wurde feuerroth.

»Meine Maitresse soll ich schildern?« lallte Hoym. »Wie wäre das möglich, da ich keine Maitresse besitze. Wozu auch? Ist doch meine Frau schön wie eine Göttin.«

Auf diese Worte folgte allgemeines Gelächter. Nur der König blieb ernst und blickte Hoym unverwandt an.

»Warum lacht Ihr?« fragte Hoym mit schwerer Zunge. »Glaubt Ihr, was ich gesagt, sei nicht wahr? O, wer meine Frau nicht gesehen hat, weiß nicht, wie Venus aussah. Ja, ich bin überzeugt, daß Aphrodite neben ihr für eine Waschfrau gelten würde. Haha! Wie wäre es möglich, sie zu schildern? Ihre Augen sind von unwiderstehlicher Gewalt, ihre Formen von classischer Schönheit, ihr Lächeln ... ah, dieses einzige Lächeln! ...«

Die Einen zuckten mit den Achseln, die Anderen lächelten ungläubig. August aber schlug mit der Faust auf den Tisch und rief:

»Weiter, weiter! Und seufze nicht so oft; schildere rascher und besser! Wir wollen ein anschauliches Bild von diesem unvergleichlichen Geschöpfe haben.«

»Ihr Lächeln ist unbeschreiblich,« fuhr der Finanzminister in fast unverständlichem Lallen fort. »Leider lächelt sie nur selten; denn meine Göttin ist streng, ja furchtbar!«

Er hielt inne.

»Fahre fort,« herrschte ihn August an. »Beschreibe uns ihre Schönheit.«

»Wer vermöchte die Vollkommenheit zu schildern?« lallte Hoym und starrte zu der Decke des Saales empor.

»Ich fange an, zu glauben, daß seine Gattin in der That schön ist,« bemerkte Lagnasco.

»Liebt er sie doch seit drei Jahren,« rief ein anderer Edelmann. »So lange ists, daß er auf fremdem Gebiete nicht mehr jagt.«

»Bah, er übertreibt!« meinte Fürstenberg. »Er ist ja betrunken. Schöner als die Teschen-Lubomirska kann seine Frau nicht sein.«

Hoym warf einen scheuen Seitenblick auf den König. Dieser fragte ihn in ruhigem Tone, ob seine Gattin wirklich schöner sei als Lubomirska, seine, Augusts Geliebte. »Sei aufrichtig,« fügte August hinzu. »Hier braucht man nichts zu berücksichtigen als die Wahrheit.«

»O, mein Fürst!« rief Hoym in Heller Verzückung, »die Prinzessin ist schön, ich weiß es; meine Frau ist aber beiweitem die Schönere von Beiden, ja ich behaupte, daß der Hof, die Stadt, ganz Sachsen, ganz Europa nicht ihresgleichen aufzuweisen hat. Welch ein Weib! Ein einziges Wesen!«

Hoym hielt plötzlich inne. Sein Blick war zufällig auf August gefallen und der lauernde Ausdruck seines Gesichtes hatte ihn erschreckt. Der König schien keines seiner Worte, keine seiner Bewegungen verlieren zu wollen. Der Schrecken ließ in Hoym die Besinnung wieder aufdämmern; er wollte seine Worte zurücknehmen, aber es war schon zu spät. Er schwieg, und ohne auf die Zurufe der Gesellschaft zu achten, die ihn bat, in seiner Rede fortzufahren, ließ er sein Haupt auf die Brust sinken, um den seltsamsten Gedanken nachzuhängen.

August aber winkte dem Freiherrn von Kyan, die Becher zu füllen. Der königliche Mundschenk gehorchte, worauf Fürstenberg einen Toast auf August-Apollo ausbrachte.

Die Herren erhoben sich. Einige leerten ihre Gläser mit gebeugtem Knie, Andere stehend. Hoym wankte und mußte sich auf die Tischplatte stützen, um sich aufrecht zu halten. Die Trunkenheit, welche der Schrecken momentan verscheucht hatte, kehrte mit verdoppelter Vehemenz zurück; ohne zu wissen, was er that, nahm er sein volles Glas in die zitternde Hand und trank es aus.

Hinter dem Sessel des Königs stand Fürstenberg, Augusts treuer Gefährte, der Vertraute all seiner galanten Intriguen dem er den familiären kurzen Beinamen »Fürstchen« gegeben hatte.

»Fürstchen,« begann August-Apollo, gegen seinen Günstling gewendet, in gedämpftem Tone, »der Accisor hat die Wahrheit gesprochen. Wir müssen ihn zwingen, uns den Schatz, welchen er seit einigen Jahren so behutsam verbirgt, zu zeigen. Ich gebe Dir carte blanche ? thu, was Du willst; spare weder Geld noch Mittel, nur zeige sie mir. Ich will seine Frau sehen.«

Fürstenberg lächelte. Diese Laune konnte ihm und Anderen Vortheil bringen. Prinzessin Teschen, die augenblickliche Geliebte des Fürsten, hatte viele Feinde, namentlich unter den Parteigängern und Freunden des Kanzlers Beichling, dessen prächtiges Palais in der Pirnaschen Gasse nach seinem Sturze in ihren Besitz übergegangen war. Zwar vertheidigte Fürstenberg die Maitresse des Königs gegen alle Angriffe seitens der Damen des sächsischen Hofes, aber das verhinderte ihn nicht, jetzt gegen sie aufzutreten, sie der Gefahr auszusetzen, von einem anderen Weibe verdrängt zu werden.

Die etwas verwelkte Schöne mit dem sentimentalen Wesen begann August, der bei den Frauen ein heiteres, muthwilliges Naturell liebte, zu mißfallen. Fürstenberg, der dies wußte, errieth den Hintergedanken seines Gebieters. Er trat zu dem Finanzminister und raunte ihm ins Ohr:

»Accisor, Accisor! Ich erröthe für Dich, denn Du hast eine freche Lüge ausgesprochen; Du hast Dich über uns lustig gemacht. Vergaßest Du, daß Dein König zugegen ist? Wir wollen ja glauben, daß Deine Frau kein gewöhnliches Weib ist, allein eine Venus, eine Göttin, eine Teschen ist sie nicht! Gestehe es nur, Du hast übertrieben!«

»Tausend Donnerwetter!« schrie der Betrunkene, »ich habe nicht gelogen! Jetzt aber laßt mich in Frieden, Blitz-Element!«

August nahm die Heftigkeit Hoyms nicht übel. Bei den königlichen Trinkgelagen war alles erlaubt. Im betrunkenen Zustande durften die unbedeutendsten Gäste den Goliath ungestraft umarmen.

»Hoym!« rief Fürstenberg laut, »ich wette tausend Ducaten, daß Deine Frau die Schönen des Hofes an Anmuth nicht übertrifft.«

»Die tausend Ducaten sind mein!« jubelte der Accisor. »Sie sind mein!«

»Darüber werde ich entscheiden,« fiel August in ernstem Tone ein, »und zwar ohne Verzug. Hoym muß seine Gattin nach Dresden kommen lassen und sie uns bei dem nächsten Hofball vorstellen.«

»Er soll sofort schreiben! Sogleich! Der königliche Eilbote bestellt den Brief!« riefen verschiedene Stimmen.

Das erforderliche Schreibzeug herbeizubringen und Hoym eine Feder in die Hand zu drücken, war das Werk eines Augenblicks. Auf ein Zeichen des Königs fing der unglückliche Mann an zu schreiben, was ihm August dictirte. Sobald die an seine Frau gerichtete Aufforderung, unverzüglich nach Dresden zu kommen, zu Papier gebracht war, entriß man ihm den Brief und einer der Höflinge stürzte mit demselben davon, um dem Eilboten des Königs den Befehl zu ertheilen, das Schreiben nach Laubegast zu befördern.

»Fürstchen,« flüsterte der König seinem Günstling ins Ohr, »ich fürchte, daß Hoym seinen Befehl widerrufen würde, wenn er zur Besinnung erwachte. Gieb ihm zu trinken, bis er sich nicht mehr rühren kann.«

»Sire, er hat sich ja bereits fast zu Tode getrunken,« meinte Fürstenberg.

»Desto besser!« lachte der König. »Wenn er stürbe, ließe ich ihn auf meine Kosten mit Gepränge bestatten. Es fände sich schon Jemand, der den Accisor ersetzte.«

Dieser Scherz, der keineswegs im Flüsterton vorgebracht worden war und den die Zunächststehenden gehört hatten, veranlaßte einige Höflinge, sich um den beklagenswerthen Accisor zu schaaren und ihn durch hunderterlei Sticheleien und Toaste zu zwingen, Glas auf Glas zu leeren. Eine halbe Stunde später fiel Hoym, wie vom Schlage gerührt, vom Stuhle herab.

Auf einen Wink des Königs sprangen zwei Heiducken herbei, um den Finanzminister aufzuheben und ihn aus dem Saale zu schaffen. Weniger aus Mitleid als aus Vorsicht ließ man den Bewußtlosen in ein an das Cabinet des Königs anstoßendes Gemach bringen, statt ihn in seine Wohnung zu transportiren. Er wurde auf ein Ruhebett gelegt und dem Riesen Cojanus mit dem gemessenen Befehl übergeben, nicht zu gestatten, daß er das Schloß verlasse, für den Fall, als er aufwache und nach Hause zu gehen wünsche. Es wäre indes nicht nöthig gewesen, diese Vorsichtsmaßregel zu treffen. Denn Hoym verbrachte unter erbärmlichem Stöhnen die ganze Nacht in bewußtlosem Zustande.

Im Trinksaale wurde die Orgie fortgesetzt, nachdem die Heiducken mit dem Accisor ihn verlassen hatten. Der König war bei heiterster Laune; seine Ausgelassenheit spiegelte sich auf den Gesichtern sämmtlicher Hofleute ab. Als der Tag zu grauen anfing, wurde August, der allein noch aufrecht saß, von den Heiducken auf sein Lager gebracht.

Vielleicht beschuldigt mich der Leser der Uebertreibung ... Ach, leider entspricht jeder Zug, jede Einzelheit dieses Zeitgemäldes, selbst die geringfügigste, der reinen Wahrheit.

Fürstenberg, der sich geschickterweise die volle Klarheit seines Geistes zu bewahren gewußt hatte, richtete sich in die Höhe und betrachtete eine Weile schweigend den Schauplatz der Orgie. Dann sagt er bei sich: »Uns steht eine neue Herrschaft bevor. Lubomirska ist ein gefährliches Weib; sie macht sich allzuviel mit der Politik zu schaffen, sie könnte sich noch einen uns verhängnißvollen Einfluß erringen und den König nach Willkür leiten. Wozu brauchte August eine Frau von Verstand? Den König lieben, ihn unterhalten, darin besteht die Mission einer Favoritin. Wir werden uns diese Hoym ansehen! ...«

Gräfin

Anna von Hoym, spätere Gräfin Cosel

2.
Anna von Hoym.

Laubegast liegt zwei Stunden von Dresden an dem Ufer der Elbe. Zu jener Zeit bestand das kleine Dorf nur aus wenigen, inmitten uralter Linden und Buchen und hoher Tannen gelegenen, von reichen Edelleuten bewohnten Häusern.

Dorthin begab sich insgeheim der Finanzminister Augusts II., so oft es ihm die Geschäfte erlaubten, und brachte daselbst den Abend oder einen Theil des Tages zu. War der König nicht in Dresden, so hielt sich Hoym ganze Wochen in Laubegast auf.

Hoyms Haus in Laubegast glich allen übrigen Häusern jener Zeit. Auf dem hohen Dache bemerkte man die den französischen Gebäuden eigenthümlichen Mansarden, die Mauern waren mit Statuen und Zierat in halb erhabener Arbeit geschmückt. Die Arbeiter, welche aus Dresden gekommen waren, das Haus zu restauriren, hatten dem bescheidenen Gebäude fast ein elegantes Aussehen gegeben. Man sah es demselben an, daß sein Besitzer bemüht gewesen war, es zu verschönern. Den kleinen Hof umgab ein geschmackvolles Gitterwerk, das von Vasen tragenden Säulen durchbrochen war; zwei Pfeiler, welche die übrigen Säulen überragten, bildeten das Portal und trugen eine Gruppe pausbackiger Engel, welche ihrerseits zwei Laternen emporhielten.

Hübsche Statuen und Marmorvasen mit exotischen Blumen schmückten das Peristyl. Von mächtigen Bäumen umgeben, sah das Gebäude stattlich genug aus. Doch es herrschte eine klösterliche Stille darin, es war dort öde wie in einer Ruine. Man vermißte jene zahlreiche, lärmende, hin und her rennende Dienerschaft, die den herrschaftlichen Häusern eigen ist. Zwei alte Kammerdiener, einige Mägde und eine Dame, welche gegen Abend, ein Buch in der Hand, in dem Garten unter den hohen Bäumen lustwandelte, schienen die einzigen Bewohner des Hoymschen Hauses zu sein.

Der Anblick dieser Dame erregte bei den Bewohnern von Laubegast zugleich Ehrfurcht und Bewunderung. Im Gebüsche und hinter den Baumgruppen versteckt, lauerten sie ihr auf, um sie zu betrachten. Sie war aber auch eine seltsame Erscheinung für jenen Ort.

Niemand hatte noch etwas Aehnliches erschaut, etwas Schöneres erträumt. Die junge Frau war von hoher Gestalt und edler Haltung. Sie hatte schwarze, klare, durchdringende Augen und eine selten schöne, blendend weiße Hautfarbe. Wenn sie so unter den hohen Bäumen dahinschritt, strahlend von Jugend und Schönheit, erfüllte sie Diejenigen, welche sie sahen, mit einer Art Scheu. Es lag etwas Gebieterisches, Königliches in ihrem Wesen, so daß Jedem bei ihrem Anblick die Luft anwandelte, sich ihr zu Füßen zu werfen.

Sie war immer traurig und ernst ... Ihre Augen, ihre Lippen lächelten nie; wenn sie zum heiteren Himmel emporschaute, so drückte ihr Blick nicht die mindeste Freude aus. Sie sah gewöhnlich entweder still vor sich hin oder ihre Augen hafteten unverwandt an der grauen Wasserfläche der Elbe oder an den farbenreichen Blumen des Gartens, die sie niemals pflückte und deren Duft sie nie einsog. Sie schien unglücklich zu sein. Oder empfand sie nur Langeweile? Jedermann wußte, daß sie seit mehreren Jahren ein fast ganz einsames Leben führte. Es besuchte sie niemand außer Frau von Vitzthum, die Schwester ihres Gatten. Hoym war es nichts weniger als angenehm, daß Anna mit seiner Schwester verkehrte. Er wußte, daß diese einst bei August II. eine Zeit lang in Gunst gestanden und noch immer die Hoffnung hege, den verlorenen Einfluß wiederzugewinnen. Hoym suchte seine Frau gegen die Cabalen des Hofes zu wappnen; er hätte seine gefährliche Schwester von ihr fernzuhalten gewünscht. Allein Frau von Vitzthum zuckte bei seinen Bitten, der unschuldigen Anna keine Schilderungen des verderbten Dresdener Hofes zu machen, die Achseln, und hörte nicht auf, ihre Schwägerin zu besuchen, ihr skandalöse Histörchen über August den Starken und dessen Umgebung zu erzählen.

Die arme Einsiedlerin langweilte sich zum Sterben; die Lecture und die Promenaden bildeten ihren einzigen Zeitvertreib. Sie verschlang die frommen, schwärmerischen Werke protestantischer Schriftsteller und verließ das Haus nur unter der Obhut eines alten Kammerdieners.

Dieses einförmige Leben war freilich monoton genug; dafür brachten auch die Leidenschaften keine Stürme in dasselbe. Hoym, der im Anfänge seiner Ehe mit Anna ungemein zärtlich und zuvorkommend gegen diese gewesen, Hoym war von allzu leichtfertigem Wesen, als daß er lange seinen liederlichen Neigungen hätte widerstehen können. Er war des Glückes zuletzt überdrüssig geworden und vergaß jetzt zuweilen, daß er eine Frau besaß. Zwar liebte er sie noch immer, aber auf eine Weise, das heißt mit Eifersucht. Er suchte seinen Schatz vor der ganzen Welt zu verbergen und erlaubte seiner Gattin nur dann zu ihrer Zerstreuung nach Dresden zu kommen, wenn der König und der Hof nicht daselbst weilten und die Hauptstadt wie ausgestorben war.

Die Gefangenschaft der letzten Jahre hatte die junge Frau mit tiefster Verbitterung erfüllt, die traurigsten Gedanken in ihr erregt, einen Abscheu vor der Welt in ihr wachgerufen, der sie ascetisch stimmte. Für sie war das Buch des Lebens geschlossen; sie hatte sich darein ergeben, freudelos zu vegetiren, bis ihr Geist erlösche, und sie war doch schön wie ein Engel, zählte nur vierundzwanzig Jahre und sah so jung aus, daß sie für ein achtzehnjähriges Mädchen gelten konnte.

Frau von Vitzthum, die im Alter der glühenden Leidenschaften sowohl ihre Jugendfrische als einen Theil ihrer Reize verloren hatte, konnte ihrer Schwägerin diesen Anschein ewiger Jungfräulichkeit nicht verzeihen. Auch die herrlichen Eigenschaften der jungen Frau bereiteten ihr Aerger; ihr edler Tugendstolz, die Entrüstung, welche jedwede Ausschweifung in ihr hervorrief, ihre Verachtung für Intriguen und Lügen, ihre wahrhaft königliche Hoheit erfüllten die so lebensfrohe, lebhafte und falsche Frau mit Neid und Bitterkeit. Oft regte sich in ihr der Wunsch, Anna gedemüthigt zu sehen.

Frau von Hoym liebte ihre Schwägerin nicht; im Gegentheil, sie empfand tiefe Abneigung vor ihr. Ihren Gatten aber verachtete sie. Von Frau von Vitzthum hatte Anna schon längst erfahren, daß Hoym ihr untreu war. Mit einem Blick hätte sie es vermocht, ihn zu ihren Füßen hinzustrecken; sie war sich ihrer Allmacht bewußt, allein sie schätzte ihren Gatten zu gering, als daß sie gewünscht hätte, ihn zu bestricken. Sie empfing ihn mit Kälte und entließ ihn mit Gleichgiltigkeit. Seine Zornesausbrüche vermochten nicht, sie aus ihrer Apathie aufzurütteln oder sie zu veranlassen, ihre würdevolle Haltung aufzugeben.

Jeder Tag währte in Laubegast eine Ewigkeit. In den langen, einsamen Stunden gedachte die junge Frau oft der Heimat, des geliebten Holstein, und faßte alsdann den Entschluß, nach Brockdorf zu den Ihrigen zurückzukehren, einen Entschluß, den sie aber alsbald wieder aufgab, weil sie von Seite ihrer Angehörigen nichts als Gleichgiltigkeit zu erhoffen hatte. Ihre Eltern waren schon längst gestorben. Auch war es wahrscheinlich, daß sie am Hofe der Prinzessin von Braunschweig, einer geborenen Fürstin Holstein-Plön, keine Aufnahme finden würde, weil diese ihr wohl noch nicht verziehen haben mochte, daß sie, Anna, ihre Hand gegen den Prinzen Ludwig Rudolf erhoben hatte, als dieser einst, von der Schönheit des Mädchens entzückt, den Versuch machte, dasselbe zu küssen.

Wenn auch Dresden in geringer Entfernung von Laubegast lag und die Equipagen und Reiter der Hauptstadt zu jeder Stunde des Tages durch den Ort kamen, so war es Frau von Hoym dennoch gelungen, von keinem der Höflinge Augusts jemals gesehen zu werden. Von Keinem? Nein. Einer hatte sie erblickt, und zwar ein junger Pole, der vom Zufall oder vielmehr durch ein tückisches Verhängniß an den Hof Augusts II gezogen worden war.

Während seines ersten Aufenthaltes in Polen unterließ August der Starke es nicht, die wunderbare Kraft, welche ihm die Natur verliehen hatte, zur Schau zu bringen. Täglich gab er den polnischen Edelleuten nach der Mahlzeit einige Kunststücke zum Besten, welche darin bestanden, daß er einen Pocal aus massivem Silber zermalmte, Thaler und Pferdehufe zerstückte. In Piekary sahen einmal Augusts Gäste staunend, aber schweigend einer solchen Kraftparade zu. Sie mochten sich im Stillen fragen, was diese Riesenhände, in welche das Schicksal Polens gelegt worden war, aus ihrem Lande machen würden; da brach der Erzbischof von Kujavien plötzlich das Stillschweigen, überhäufte den König mit Complimenten, fügte aber, anscheinend harmlos, hinzu, daß er einen Mann, einen Jüngling, kenne, der das Gleiche zu leisten vermöge.

Zornesröthe ergoß sich über König Augusts Gesicht. Da es aber am Anfang seiner Regierung war und er es für politisch hielt, den Liebenswürdigen zu spielen, verbarg er den Unwillen, den die Worte des Bischofs in ihm geweckt, und bat diesen, ihm seinen Nebenbuhler vorzustellen. »Ihm sei noch nie im Leben ein Mensch begegnet,« fügte der König hinzu, »der sich mit ihm hätte messen können.«

Der Bischof verbeugte sich und versprach, dem Befehle gelegentlich nachzukommen, nahm sich aber im Stillen vor, dies aus Schicklichkeitsgründen zu unterlassen. Erst nachdem August ihn an sein Versprechen gemahnt, ließ er Zaklika, so hieß der junge Herkules, durch seine Leute suchen.

Zaklika, der einer alten, verarmten, adeligen Familie Polens entstammte und nicht die Mittel hatte, den in der Armee ihm gebührenden Rang einzunehmen, arbeitete seit einiger Zeit in einer dunklen Kanzlei in Warschau, um sich das tägliche Brot zu verdienen. Dort fanden ihn die Abgesandten des Bischofs. Da seine Kleidung nichts weniger als hoffähig war, ließ ihn der geistliche Herr vom Kopf bis zu den Füßen ausstatten. Mit dem Aussehen seines Schützlings wohl zufrieden, wartete der Bischof auf einen günstigen Augenblick, ihn dem König vorzustellen. Dieser Moment ließ nicht lange auf sich warten. Schon bei der nächsten Kraftschaustellung wandte sich der starke August gegen den in einer Ecke des Saales sitzenden Bischof Kujavien und sagte:

»Hochwürden, wo bleibt jener starke Mann, den Ihr uns zu zeigen versprachet?«

Der Bischof gab eine ausweichende Antwort; als aber der König darauf bestand, den jungen Herkules zu sehen, ließ er den polnischen Edelmann kommen.

Zaklika war von hoher Gestalt und von schönem, kräftigem Wuchs, doch sah er nicht aus wie ein Herkules, denn er war sehr schüchtern und hatte rosige Wangen wie ein junges Mädchen.

August der Starke lächelte, nachdem er Zaklika mit den Augen gemessen hatte. Da dieser von Adel war, durfte er dem König die Hand küssen. Hierauf ergriff August einen der beiden Silberpocale, welche vor ihm auf dem Tische standen, schloß denselben in seine Hand ein und zerdrückte ihn; der Wein, welcher sich auf dem Boden des Gefäßes befand, ergoß sich über den Tisch.

August schob dem Jüngling den zweiten Pocal hin und sagte mit einem ironischen Lächeln:

»Jetzt triffts Dich! Der Pocal ist Dein, wenn es Dir gelingt, ihn zu zermalmen.«

Zaklika näherte sich mit schüchterner Miene dem Tische, an welchem König August saß, und nahm den Pocal in die Hand. Alle Anwesenden waren neugierig auf den Ausgang des Auftrittes. Einen Augenblick der Spannung, es ergoß sich eine tiefe Glut über das Antlitz des Jünglings, dann ein Druck und der Pocal war zermalmt.

Das Gesicht des Königs drückte die höchste Verwunderung aus. Er warf dem Bischof einen vielsagenden Blick zu, während die Höflinge sich Mühe gaben, den Erfolg des Polen dadurch zu schmälern, daß sie behaupteten, der von ihm zerbrochene Pocal sei dünner wie der des Königs und bereits versehrt gewesen.

August aber sprach kein Wort. Er fing an, Hufeisen zu zerbrechen, als wären sie von Glas statt von Eisen, und machte seinem Rivalen ein Zeichen, er möchte ein Gleiches thun. Zaklika brach einige Hufeisen ohne jedwede Kraftanwendung entzwei. Von den Hufeisen ging man zu den Thalern über. Es kostete August einige Anstrengung, einen Thaler zu theilen. Die Hofleute hatten Zaklika einen spanischen Thaler, der massiver als der sächsische war, hingeschoben, weil es ihnen, dem König zuliebe, darum zu thun war, daß der Pole Fiasco mache; allein Zaklika brach das Geldstück beim ersten Versuche entzwei.

Die Stirne des Monarchen verfinsterte sich. Die Höflinge waren verzweifelt darüber, daß ein so unschickliches Spiel aufs Tapet gebracht worden war. Nachdem König August dem polnischen Jüngling beide silberne Pocale geschenkt hatte, sagte er, daß er Zaklika in seiner Nähe behalten wolle.

In Folge dessen erhielt Zaklika eine bescheidene Stelle am Hofe August II.; er bezog einen Gehalt von einigen hundert Thalern, ward mit glänzenden Kleidern versehen und hatte wenig oder gar nichts zu thun. Dem König, der nie mit ihm sprach, sich aber häufig nach ihm erkundigte und den Befehl ertheilte, daß dem jungen Polen alles, was er brauche, verabreicht werde; dem König mußte Zaklika stets folgen, wohin immer dieser sich auch begeben mochte. Indes hatte der junge Edelmann viel freie Zeit. Da die Personen, mit welchen der junge Pole verkehren mußte, nur deutsch und französisch verstanden, gab er sich dem Studium dieser beiden Sprachen mit Eifer hin.

Nach zwei Jahren sprach er sie ziemlich gut. Die Vergnügungen aber, welche am Hofe gang und gäbe waren, langweilten ihn, auch verachtete er die Höflinge. Er pflegte die Umgebung Dresdens zu durchstreifen; da war kein Berg, den er nicht erklommen, keine Gartenmauer, die er nicht erstiegen hätte, kein steiler Abhang an der Elbe, der ihm nicht bekannt gewesen wäre. Noch war ihm nie, auch nicht an den gefährlichsten Stellen, ein Anfall von Schwindel gekommen, geschweige denn, daß ihm ein Unfall zugestoßen wäre.

Während eines dieser Ausflüge sah Zaklika zu seinem Unglück Anna von Hoym. Ihr Anblick verlegte ihm den Athem, versteinerte ihn. Er glaubte zu träumen; ihm war es, als könne ein so schönes Geschöpf kein irdisches Wesen sein. Als die schöne Frau schon längst verschwunden war, stand Zaklika noch immer und starrte ihr traumverloren nach. Endlich kehrte er, von namenloser Angst erfüllt, wie ein Trunkener nach Dresden zurück.

Von dem Tage an gehörte der arme Jüngling nicht mehr sich selbst; er lief alle Tage nach Laubegast, und je öfter er hinausging, desto größer ward sein Leid.

Da Zaklika keine Freunde besaß, vertraute er sich niemandem an, und so konnte ihm auch niemand sagen, daß man in seiner Lage das Feuer fliehen müsse, um zu genesen, statt sich demselben immer wieder zu nähern. Die Liebe zu der schönen Einsiedlerin machte ihn zuletzt geistig und physisch krank.

Annas Kammerfrauen, welche ihn tagtäglich um die Besitzung schleichen sahen, lauerten ihm auf und entdeckten gar bald, was in ihm vorging. Davon in Kenntniß gesetzt, ließ Anna den Unglücklichen, der ihr ohne Zweifel Mitleid einflößte, unverzüglich zu sich heraufbitten. Als Zaklika erschien, schalt sie ihn wegen seiner Unbesonnenheit aus und befahl ihm aufs nachdrücklichste, sich weder in der Nähe des Hauses, noch in der Umgebung wieder sehen zu lassen.

Da niemand außer der Herrin des Hauses zugegen war, wagte Zaklika, den seine Liebe kühn gemacht hatte, der Dame seines Herzens zu sagen, daß es kein Verbrechen sei, ein Weib zu betrachten; daß ihn kein anderer Wunsch beseele als der, seine Augen an ihrem Anblick zu werden. Er lasse sich von niemandem verbieten, nach Laubegast zurückzukehren; er wolle sich das Glück, sie wiederzusehen, verschaffen, auch wenn er dafür gesteinigt werden sollte, da er ja doch vor Schmerz sterben müßte, wenn er sie nicht mehr sähe.

Frau von Hoym war über die Kühnheit des Jünglings sehr erzürnt. Sie schalt ihn, sagte, sie werde ihren Gemahl von allem in Kenntniß setzen, wenn er sich in Laubegast wieder blicken ließe. Sie drohte vergebens. Zaklika ließ sich von dem gefaßten Entschlusse nicht abbringen.

Von dem Tage an ging die schöne Frau am Ufer der Elbe spazieren, wo der junge Mann sie nicht mehr sehen konnte.

Mehrere Wochen vergingen, ohne daß sie ihren zudringlichen Verehrer erblickt hätte. Sie glaubte schon, daß er ihre Spur verloren habe. Da sah sie aber eines Tages auf der Oberfläche des Wassers einen Kopf schwimmen. Es war der des verliebten Jünglings, der sich den Anblick seiner Schönen auf diesem ungewöhnlichen Wege verschaffte.

Diesmal gerieth Frau von Hoym in hellen Zorn und rief ihre Leute herbei. Zaklika aber tauchte unter und war verschwunden. Fast hätte er den tollen Streich mit dem Leben gebüßt. Die Kleider hemmten seine Bewegungen und seine Glieder zogen sich krampfhaft zusammen, so daß er nur mit großer Mühe das Ufer erreichte.

Es gelang ihm in der Folge einen Winkel ausfindig zu machen, von welchem aus er Frau von Hoym sehen und das verhängnißvolle Gift der Liebe einschlürfen konnte. Ob die Schöne dies wußte oder ob sie that, als merke sie es nicht, vermögen wir nicht zu sagen. Jedenfalls war von dem Jüngling in Laubegast nicht mehr die Rede. So auch am Hofe. Niemand achtete mehr auf ihn. August wäre es vielleicht nicht unangenehm gewesen, wenn er sich den Hals gebrochen hätte. Gleichwohl ließ er ihn ungestört seine Wege gehen und kümmerte sich lange nicht um ihn.

Da ließ er ihn eines Tages rufen. Seine Majestät hatte in einem Augenblick des Zornes einem starken Pferde den Kopf abgehauen. Nun wollte August dem Hofe zeigen, daß sein Nebenbuhler es ihm nicht nachthun könne. Man führte denn ein altes Dragonerroß vor, an dem das neue Experiment versucht werden sollte. Vorher hatte man den polnischen Jüngling beiseite geführt, um ihm zu sagen, daß er diesesmal keine Probe seiner Riesenkraft zum Besten geben solle, wenn er sich die Gunst des Königs erhalten wolle. Für dergleichen höfische Subtilitäten war indes unser Held nicht geschaffen; er verstand sie einfach nicht. Zaklika begriff nur Eines: daß August einem Pferde den Kopf abgehauen habe, und daß man glaube, er könne solches nicht zu Stande bringen. Bei diesem Gedanken stieg ihm das Blut in den Kopf. Vor den Augen des Königs und denen des versammelten Hofes suchte er sich ein scharfes Schwert aus, prüfte dessen Schneide und hieb ohneweiters den Kopf des Rosses ab. Er gestand später, daß ihn der Arm und die Schulter volle acht Tage darnach schmerzten.

August sprach kein Wort; er zuckte nur mit den Achseln und entfernte sich, um seinen Unmuth wegzutrinken. Von diesem Augenblick an richtete niemand mehr das Wort an den armen Zaklika. Jeder suchte ihn zu meiden und diejenigen, welche ihm noch wohl wollten, riethen ihm, in aller Stille schleunigst den Hof, die Stadt zu verlassen, da er sich durch sein Bleiben der Gefahr aussetze, bei dem geringfügigsten Anlaß auf den Königstein abgeführt zu werden.

Raimund Zaklika zuckte bei diesen Warnungen furchtlos mit den Achseln und blieb.

Nun verfiel August der Starke auf den Gedanken, zu versuchen, ob sein Nebenbuhler sich mit ihm auch im Trinken messen könne. Dieses Experiment wurde natürlich mit Erfolg gekrönt. Denn der arme Junge trank gewöhnlich Wasser und konnte sich selten den Luxus eines Glases Bier vergönnen. Gar bald bat er den König, er möge ihm gestatten, nichts mehr zu trinken. Allein August begnügte sich nicht mit diesem Siege. Er zwang ihn förmlich, noch einen riesigen Humpen zu leeren, der den Jüngling vollends umwarf. Zaklika wurde in Folge dessen schwer krank, ein heftiges Fieber hätte ihn beinahe hinweggerafft. Allein er genas wieder. Auch seine Riesenkraft kehrte zurück, und zwar in einem solchen Grade, daß sich niemand mehr mit ihm zu messen wagte.

Zaklikas kindische Wanderungen nach Laubegast begannen aufs neue. Indes verwandelte ihn die Liebe allmählich. Er ward ernst, gesetzter, mit einem Worte ein anderer Mensch. Anna von Hoym hatte vor ihrem Gatten keine Geheimnisse; von Zaklika sprach sie aber nie mit ihm. Hatte sie ihn vergessen? ?

In Laubegast wurde das Gitterthor mit einbrechender Dämmerung geschlossen; die Diener lösten die Ketten der Hofhunde und gingen alsdann zur Ruhe. Nur Frau von Hoym blieb länger auf.

Während der König mit seinen Höflingen zechte und Hoym im trunkenen Zustande die Schönheit seiner Gemahlin rühmte, konnte diese kein Auge schließen. Der Sturmwind sauste über die Felder, umkreiste heulend das Haus und brach krachend die Aeste der Bäume ab.

Auf ihren weißen Arm gestützt, in ernste Gedanken versunken, schaute die schöne Frau auf ein vor ihr liegendes, aufgeschlagenes Buch nieder. Es war die Bibel, welche Anna mit Vorliebe las. Die Apokalypse und mehrere Episteln Paulus interessirten sie in hohem Grade.

Es war schon sehr spät, die Lichter mußten erneuert werden ... Da ließ sich das Getrappel herannahender Pferde vernehmen; die Thiere schienen vor dem Hause still zu halten, es wurde an dem Gitterthor heftig gerüttelt, die Hofhunde fingen an laut zu bellen ...

Frau von Hoym richtete sich zitternd in die Höhe. Ein nächtlicher Ueberfall war zu jener Zeit eine Seltenheit, namentlich in dem Dresden so nahe liegenden Dorfe Laubegast. Immerhin kamen solche Ueberfälle zuweilen vor. Ausgeartete Soldaten, namentlich Fahnenflüchtige, die sich bei Tage in den Bergen aufhielten, erschienen nächtlicherweile hin und wieder in den Dörfern und trieben allerlei Unfug, der ihnen den Kopf kostete, wenn es der Justiz gelang, sie zu erwischen.

Frau von Hoym schellte und rief, um die Dienerschaft zu wecken. Gar bald waren alle Bewohner des Hauses munter. Unten wurde noch immer an dem Gitter gerüttelt, bellten die Hunde ununterbrochen ... Als die mit Waffen versehenen Diener in den Hof hinaustraten, sahen sie bei dem flackernden Lichte vieler Fackeln, daß der nächtliche Ruhestörer ein königlicher Bote war. Hinter diesem stand eine mit sechs Pferden bespannte Carrosse. Vorreiter und Lakaien in der Livrée des Königs, Fackeln in den Händen, umgaben den Wagen.

Nachdem den Hunden die Ketten angelegt worden waren, öffnete sich das große Thor und der Courier des Königs wurde zu der Herrin des Hauses geführt.

Als die junge Frau den Eilboten wahrnahm, meinte sie, es sei ihrem Gatten ein Unglück zugestoßen und wechselte die Farbe. Als sie aber auf dem Schreiben die Schriftzüge Hoyms erkannte, erholte sie sich alsbald, mußte jedoch unwillkürlich an den Kanzler Weichling denken, der während der Nacht urplötzlich verhaftet, auf Befehl Augusts nach dem Königstein gebracht und all seiner Habe beraubt worden war. Hoym hatte seiner Gattin wiederholt erklärt, daß ihm der unstete Charakter des Königs keine geringe Sorge mache, daß er sich nicht eher in Sicherheit fühlen würde, als bis er sich, seine Gattin und sein Vermögen ins Ausland gebracht hätte.

Aus Erfahrung wußte man, daß man August am meisten zu fürchten hatte, wenn er am freundlichsten war, daß er gleich jenem gefährlichen Raubvogel seine Opfer in Schlaf zu wiegen liebte, ehe er sie erwürgte.

Anna von Hoym dachte also, daß ihren Gemahl das Schicksal des Kanzlers getroffen habe. Es war ihr bekannt, daß Hoym wegen der Accise, die er eingeführt, im ganzen Lande verhaßt war und seine Feinde auf eine Gelegenheit lauerten, ihn zu stürzen. Sie war daher nicht wenig überrascht, als sie in dem Schreiben den Befehl fand, sofort nach Dresden zu ihrem Gemahl zu kommen. Diesem Befehle nicht Folge zu leisten war nicht rathsam. Außerdem trieb schon die Neugier sie an, sich ehestens auf den Weg zu machen. Ihre Leute mußten die Reisevorbereitungen schleunigst treffen. In weniger als eine Stunde stieg Frau von Hoym in den königlichen Wagen. Die Pferde zogen an, und das Portal des Hauses, das sie nicht wieder betreten sollte, fiel klirrend zu.

Während der Fahrt durchkreuzten die seltsamsten Gedanken ihren Kopf. Es erfüllte sie eine geheimnißvolle Angst, eine tiefe Trauer und Thränen standen in ihren Augen. Obgleich sie nicht wußte, welches Schicksal ihrer harrte und nichts darauf hinwies, daß ihr ein Unglück bevorstehe, konnte sie sich dennoch einer namenlosen Angst nicht erwehren.

Sie wußte, daß der König nach mehrjähriger Abwesenheit mit seinem, den Intriguen holden Gefolge von neuem in Dresden residirte. Die Jagd nach königlicher Gunst, nach Ehren und Würden hatte bereits begonnen, eine Jagd, bei welcher keinerlei Mittel für unerlaubt galt. Dem Anscheine nach ging es an diesem Hofe immer lustig her; in Wirklichkeit spielten sich aber furchtbar tragische Ereignisse nur allzu oft dort ab. Während die Besiegten, die Gestürzten, im Kerker schmachteten, tanzten die Sieger, die in Gunst Stehenden, zu den fröhlichsten Weisen ... Wie oft hatte Anna von Hoym nach der Höhe geblickt, auf welcher die Festung Königstein thronte, und hatte dabei an die Geheimnisse, an die Geopferten gedacht, welche diese grauen Steine bargen.

Es war eine dunkle Nacht. Die königlichen Lakeien ritten mit Fackeln voraus, die Pferde mit dem Wagen folgten im Galopp. Sie hatten Dresden gar bald erreicht. Die Carrosse hielt vor dem in der Pirnaschen Straße gelegenen Hause des Cabinetsministers still, in dem alles schlief, obwohl der Accisor noch nicht heimgekehrt war. Gräfin Hoym mußte lange warten, ehe sie eingelassen wurde. In der Wohnung des Ministers, welche den ganzen ersten Stock des Hauses einnahm und nur aus einigen Empfangssälen, der Kanzlei und einem Schlafzimmer bestand, fand sich kein der jungen Frau gehörendes Gemach. Neben dem Arbeitscabinet lag ein großer, düsterer Saal, in dem sich die ermüdete Dame ein Lager bereiten ließ, nachdem sie durch alle Räume des Appartements gegangen war und zu ihrer Verwunderung ihren Gemahl nirgends gefunden und von der Dienerschaft erfahren hatte, daß der Minister einem Bankett beim König anwohne und gewohntermaßen, wie sich der befragte Lakei ausdrückte, wahrscheinlich erst bei Tagesanbruch, wenn nicht noch später, nach Hause kommen werde.

Frau von Hoym schloß sich mit ihrer Kammerfrau in den düsteren Saal ein, ließ die Thür verriegeln und begab sich zur Ruhe. Sie konnte aber nicht schlafen, sondern verfiel in eine krankhafte Betäubung. Bei dem geringsten Geräusch schnellte sie empor und blickte geängstigt in dem leeren Raume umher.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie endlich, von Ermüdung überwältigt, einschlief. Da ging aber die Thür des Nebenzimmers auf, ein schwerer Tritt ließ sich vernehmen, Anna erwachte.

In dem Glauben, Derjenige, welcher in dem anstoßenden Cabinete auf und ab ging, sei ihr Gatte, erhob sie sich vom Lager und ließ sich von ihrer Kammerfrau eiligst ankleiden.

Gräfin Annas Morgentoilette war bald beendet. Das elegante Negligé erhöhte ihre Schönheit, Aufregung und Ermüdung verliehen ihr neue Reize. Mit raschen Schritten ging sie zu der Thür, schob den Riegel zurück, öffnete und blieb überrascht an der Schwelle stehen.

Vor ihr stand ein alter Mann im schwarzen, talarartigen Kleide der protestantischen Priester. Seine ungemein hohe Stirne war von einem Kranze weißer Haare umgeben, seine grauen Augen glänzten mit eigenthümlicher Pracht in ihrer tiefen Höhlung, ein bitterer Zug lag um seinen Mund. Das Gesicht des Alten, das nichts weniger als schön war, drückte Weltverachtung, Ernst und Milde zugleich aus, und war so originell, so seltsam, daß es die Augen des Beschauers festhielt, ja bannte.

Anna sah ihn unverwandt an und er stand regungslos vor ihr, gleichsam als ob ihn die Erscheinung dieses himmlisch schönen Wesens erstarrt hätte. Aus seinen Augen sprach ebenso viel Ueberraschung als Bewunderung.

Endlich machte er einen Schritt vorwärts. Dabei hob er seine Arme mit einer unbeschreiblichen Bewegung empor ? es war, als wolle er die junge Frau zugleich segnen und zurückstoßen.

Die Beiden sahen sich fragend in die Augen. Keines kannte das Andere. Anna sah sich in dem Zimmer um, und als sie ihren Gatten nicht erblickte, war sie im Begriffe, sich zurückzuziehen, als der Priester sie im Tone des innigsten Mitleids fragte:

»Kind, wer seid Ihr?«

3.
Versuchungen.

Wer ich bin?« wiederholte Anna von Hoym mit erstauntem Blicke. »Diese Frage dürfte doch eher ich an Euch richten, der Ihr in meinem Hause seid!«

»In Euerem Hause? rief verwundert der Priester. »Seid Ihr denn die Gattin des Ministers?«

Frau von Hoym bejahte die Frage des Geistlichen mit einer stolzen Kopfbewegung.

Der Fremde schwieg eine Weile; sein Blick, der auf Anna gerichtet war, drückte Trauer und Theilnahme zugleich aus. Zwei große Thränen rollten über seine faltenreichen Wangen herab und er sprach in feierlichem Tone, indem er sich der jungen Frau näherte:

»Warum betratest Du, ein reines Gefäß der Tugend, diesen brennenden Boden? Warum beflecktest Du, die der Allmächtige zu seiner Verherrlichung schuf, Deine reinen Füße mit dem Staube dieses lasterhaften Babylon? ... O, Du strahlendes Geschöpf, Schwester der Engel, sag mir, weshalb Du nicht von diesem Herde wüster Ausschweifungen, von diesem Orte der Verdammniß fliehst? ? Warum Du in dieser Hölle verweilst! Wer war so niederträchtig, Dich in diese unreine Welt zu locken? So sprich doch! Du stehst so ruhig und gleichgültig, als wüßtest Du nicht, welche Gefahr Dir droht? Antworte mir ? seit wann bist Du hier?«

Die junge Frau war so bestürzt über diese Rede, daß sie keinen Laut Hervorbringen konnte. Die Worte des alten Priesters hatten sie bewegt, verwirrt, eingeschüchtert, aber zugleich empört. Indes fehlte ihr der Muth, ihrer Entrüstung Ausdruck zu geben. Noch ehe ein Wort über ihre Lippen gekommen war, fuhr der Geistliche fort:

»Unglückliche! Wißt Ihr denn, wo Ihr seid? Wißt Ihr, daß Ihr auf schwankendem Boden steht, daß hier diejenigen verschwinden, welche Anderen im Wege sind, daß hier das Leben für werthlos erachtet, daß es für einen Augenblick der Wollust hingeopfert wird?«

»O, mein Vater, wie fürchterlich sind die Bilder, welche Ihr mir da zeigt!« rief Frau von Hoym. »Welchen Zweck verfolgt Ihr, indem Ihr mich derart erschreckt?«

»Meine Tochter, ich habe auf Euerer Stirne, in Eueren Augen gelesen, daß Ihr unschuldig seid, daß Ihr keine Ahnung davon habt, was hier vorgeht. Befindet Ihr Euch nicht erst seit kurzer Zeit hier?«

Anna erwiderte: »Seit wenigen Stunden.«

»Man sieht es Euch an, daß Ihr Euere Kindheit und Euere Jugend nicht in dieser Umgebung verbrachtet. Wie ganz anders sähet Ihr aus, wenn dies nicht der Fall wäre!«

»Ich wurde im Holsteinschen erzogen ? dort liegt meine Vaterstadt. Während meiner Ehe mit dem Grafen Adolph von Hoym lebte ich immer auf dem Lande, sah Dresden nur aus der Ferne und ...«

»Und niemand hat Euch erzählt, was in der Hauptstadt vorgeht,« ergänzte der würdige Mann in leisem Tone. »Ja, ja, all das hatte ich beim ersten Anblick errathen. Gott erlaubt mir zuweilen, in die Tiefen der Menschenseele zu dringen. Als ich Euch erblickte, erfaßte mich das innigste Mitleid; es war mir, als sähe ich eine blendend weiße, abseits vom Wege aufgeblühte Lilie, der sich eine Rotte schändlicher Buben näherte, um sie zu zertreten. In jener Ferne, wo Ihr das Licht der Welt erblicktet, dort in der Einsamkeit hättet Ihr aufblühen, Euch entfalten sollen, für Gott allein!«

Der Geistliche schwieg und versank in tiefes Nachdenken. Nach langem Schweigen trat Anna an ihn heran und sagte mit bewegter Stimme: »Und Ihr, mein Vater, wer seid Ihr?«

»Ich? ... Ich? ... sagte er in gedehntem Tone. »Ich bin ein Unglücklicher, den Alle verspotten und verachten. Ich bin die verhallende Stimme in der Wüste, Derjenige, welcher den Verfall und den Ruin, die Zerstörung, die Tage der Prüfung und der Buße prophezeit. Ich bin das Werkzeug des Herrn; meine Stimme ist zuweilen mächtig, auf daß die Menschen sie hören und ? meiner alsdann spotten mögen. Ich bin der Priester, dem die Gassenjungen nachlaufen, dessen schwarzes Gewand sie mit Koth bespritzen, den sie mit Steinen bewerfen; ich bin Derjenige, dessen Warnungen verachtet werden, ein Thor in den Augen der Mächtigen und Reichen der Erde, vor Gott aber ein Gerechter, Reiner!«

Bei den letzten Worten erlosch die Stimme des ehrwürdigen Mannes und er neigte traurig das Haupt.

»Welch seltsamer Zufall, daß ich Euch, mein Vater, an der Schwelle dieses Hauses begegnete,« sprach nachdenklich Frau von Hoym. »Ihr warnt mich vor den Gefahren, die mich umgeben. Ist das nicht ein Fingerzeig Gottes?«

»Es ist ein Werk der Vorsehung,« erwiderte feierlich der Greis. »Wehe denen, die ihre Winke nicht befolgen! ... Doch Ihr wolltet erfahren, wer ich bin ... Mein Name ist Schramm; ich bin nur ein armer Prediger, der zu seinem Unglück auf der Kanzel die Wahrheit gesprochen hat und den nun die Rache der Mächtigen verfolgt. Ich bin hierhergekommen, um Herrn von Hoym, der mich in seiner Jugend kannte, zu bitten, sich für mich zu verwenden. Was aber führte Euch hierher, verehrte Frau? Wer veranlaßte Euch, nach Dresden zu kommen?«

»Mein Gemahl,« erwiderte einfach Frau von Hoym.

»Bittet ihn, diesen Ort allsogleich verlassen zu dürfen! Ich habe sie Alle gesehen, diese Schönen des Hofes, und ich kann Euch versichern, werthe Frau, daß Ihr tausendmal schöner als diese vielgerühmten Schönheiten seid. Wehe Euch, wenn Ihr hier verweilet. Giftige Spinnen werden Euch mit ihren Intriguen umgarnen, werden kein Mittel scheuen, um Euch zu verführen. Mit süßen Reden, Sirenengesang, Sinnengenüssen, fascinirenden Blicken, Lügen ? damit wird man Euch zu Fall bringen. Sinne und Augen werden Euch geblendet werden; man wird Euch mit der Schande vertraut machen, bis Ihr endlich berauscht, entkräftet, besiegt in den Abgrund stürzt, der schon so Viele verschlang.«

Die junge Frau furchte die Stirne und entgegnete: »Ich bin nicht so schwach, als Ihr meint. Wohl weiß ich, daß man mir Fallen stellen wird, indes lechze ich nicht nach den Freuden und Genüssen dieser Welt, welche ich von oben herab betrachte, weil sie tief unter mir liegt.«

»Vertrauet Eueren Kräften nicht, mein armes Kind,« rief der exaltirte Priester; entfliehet dieser Hölle und rettet Euere unschuldige Seele vor sicherem Verderben!«

»Wohin sollte ich fliehen?« fragte die junge Frau. »Ist doch mein Schicksal an dasjenige meines Gatten gebunden, liegt es doch nicht in meiner Macht, diese Fesseln zu sprengen. Ich bin übrigens Fatalistin und glaube, daß ich dem, was mich erwartet, nicht entgehen kann. Fasciniren und berauschen, besiegen lasse ich mich nicht. Ich bin stolz und stark und werde Diejenigen, welche mich verführen und gängeln wollen, bezwingen und beherrschen.«

Mit verwundertem, erschrockenem Gesichtsausdruck starrte der Geistliche die junge Frau an, die in stolzer Haltung vor ihm stand, eine bezwingende Gewalt im Auge, ein verächtliches Lächeln auf den Lippen.

In diesem Augenblick ging die Thür auf und ins Zimmer trat Graf Hoym, auf dessen gemeinen Zügen die Ausschweifungen der vergangenen Nacht deutlich ihre Spuren hinterlassen hatten. Sein Aeußeres war nichts weniger als vornehm; von rüstigem Wuchs, hatte er linkische Bewegungen, seine lebhaften grauen Augen schossen häufig Blitze und seine Stirne furchte und glättete sich fortwährend mit nervöser Hast.

»Schon wieder hier, wahnwitziger Fanatiker!« rief der Minister, als er Schramm erblickte. Dabei trat er in das Zimmer, warf einen finsteren Seitenblick auf seine Frau und fuhr, ohne diese zu begrüßen, in zornigem Tone fort: »Immer das alte Lied. Zuerst machst Du dumme Streiche und dann kommst Du zu mir, damit ich die Dir drohende Gefahr abwende. O, ich weiß alles ? Du wirst davongejagt und in irgend eine Einöde, unter Bauern, geschickt werden! Und ich bin nicht gewillt,« fuhr Hoym mit erhöhter Stimme fort, »Dich in Schutz zu nehmen. Danke Gott, daß man Dich in einen vergessenen Erdenwinkel schafft ? es hätte Dir Schlimmeres zustoßen können. Glaubst Du denn, daß Euch Schwarzröcken an unserem Hofe alles erlaubt sei?« schrie der Minister und trat so nahe an den Geistlichen heran, daß man glauben konnte, er wolle Hand an ihn legen; »vermeint Ihr, daß man dasjenige, was Ihr das Wort Gottes nennt, auch den Leuten ganz unverblümt sagen könne, die an die süße Kost der Schmeichelei gewöhnt sind? Wollt Ihr hier etwa die Rolle der Apostel, der Heidenbekehrer spielen?«

»Ich bin ein Werkzeug des Herrn,« versetzte ruhig der Geistliche, »und habe geschworen, für die Wahrheit zu kämpfen. Im Nothfalle wäre ich auch bereit, mich dem Märtyrerthum zu weihen.«

»Einer solchen hohen Ehre wirst Du nicht theilhaftig,« hohnlachte Hoym. »Du kannst nur Fußstöße und Hiebe erhalten, verspottet und davongejagt werden.«

»Gottes Wille geschehe!« erwiderte demüthig Schramm. »So lange ich hier weile, wird mich keine Gewalt der Erde zum Schweigen bringen.«

»Du predigst vor tauben Menschen,« fiel der Minister ein. »Doch genug des müßigen Geredes! Thue, was Du willst, mich geht es nichts mehr an. Ich will und kann mich nicht für Dich verwenden. Kann man hier doch nur mit Mühe sein eigenes Haupt schützen. Ich habe Dir übrigens oft genug gesagt, daß man zu schweigen, oft auch zu schmeicheln wissen muß, will man nicht zertreten werden. Was ist da zu machen? Die Zeiten von Sodom und Gomorrha sind wieder gekommen! Lebe wohl, Schramm! Gott helfe Dir! Ich habe nicht die Zeit, Dich weiter anzuhören.«

Der Geistliche verbeugte sich schweigend und schritt nach dem Ausgang. Indem er die Schwelle betrat, wendete er das Haupt und warf auf Frau von Hoym einen vielsagenden Blick. Der Minister fing diesen Blick auf und erbebte.

»Schramm, Du thust mir leid,« sagte er begütigend. »Ich werde für Dich thun, was in meiner Macht steht. Aber um Gottes willen, verhalte Dich still, vertiefe Dich in Deine Bibel und lege Deiner Zunge Zügel an ... Ich rathe Dirs zum letztenmal!« ...

Schramm verließ schweigend das Zimmer; er schien die Rede des Ministers überhört zu haben. Als das Ehepaar allein war, trat eine peinliche Pause ein. In sichtlicher Verlegenheit ging Hoym im Cabinet hin und her, nahm ein Papier vom Schreibtisch, legte es wieder nieder, hüstelte und sah seine Gattin verstohlen an. Eine gewisse Kälte herrschte seit einiger Zeit zwischen den beiden Gatten. Der Minister scheute vor der bevorstehenden unvermeidlichen Aufklärung zurück.

Die junge Frau brach endlich das Stillschweigen. »Weshalb ließet Ihr mich hierher kommen, Graf?« frug sie in vorwurfsvollem Tone.

Hoym fuhr von seinem Sitze auf. »Weshalb?« wiederholte er und begann das Zimmer mit lebhaften Schritten zu durchmessen. »Weil mir niederträchtige Menschen so viel zu trinken gaben, daß ich nicht mehr wußte, was ich that, ich Unglücklicher, ich Thor, ich Wahnsinniger!«

»Ich darf also nach Laubegast zurückkehren?« fragte Anna kalt.

»Nein, das dürft Ihr nicht! Aus der Hölle entkommt man nicht so leicht,« lachte er bitter. »Mir habt Ihr es zu verdanken, daß Ihr hineingeriethet. Und Ihr werdet nicht wieder herauskommen, das dürft Ihr mir getrost glauben!«

Bei diesen Worten riß Hoym seinen Rock auf, als fürchte er, zu ersticken, und warf sich wie verzweifelt in einen Lehnstuhl. »Es ist zum Wahnsinnigwerden!« fuhr er leise fort. »Wer aber vermöchte dem Könige die Stirne zu bieten!« ...

»Dem Könige?« fragte befremdet die junge Frau in gedehntem Tone.

»Ja wohl, Verehrteste, dem Könige! Mit Allen müßte ich ringen; denn Alle haben sich gegen mich verschworen: der König, Fürstenberg, Vitzthum, vermutlich auch meine Schwester. Sie haben erfahren, daß ich eine schöne Gattin besitze; sie wissen, daß ich ein Thor bin, und fanden Mittel, mich zu zwingen, ihnen mein Weib zu zeigen.«

»Wer mag mit ihnen von mir gesprochen haben?« frug Anna mit vollendeter Ruhe.

Der Minister war verwirrt und schwieg. Er vermochte es nicht, einen Fehler zu bekennen, dessen schreckliche Folgen er schon jetzt zu fühlen begann. Zähneknirschend, der schrecklichsten Folter preisgegeben, stampfte er mit den Füßen ... Plötzlich stand er auf, sein Zorn legte sich, sein Gesicht erbleichte und nahm einen kalten, ironischen Ausdruck an.

»Es ist zu spät, zurückzutreten; dem Nebel ist nicht mehr auszuweichen. Man hat mich gezwungen, Euch nach Dresden zu rufen, Anna. Der König wünschte es ... Und August-Jupiter pflegt Diejenigen, welche sich seinen Wünschen entgegensetzen, zu vernichten, er treibt mit Allem und Allen sein Spiel und eignet sich Anderer Schätze und Eigenthum an, um diese alsdann mit seinen königlichen Füßen zu zertreten, sie beiseite zu stoßen.«

Der Minister hielt plötzlich inne und blickte erschrocken im Zimmer umher, wie um sich zu überzeugen, daß kein Fremder seine Worte vernommen habe. Hierauf begann er von neuem auf und ab zugehen und fuhr fort: »Ich habe mit Fürstenberg gewettet, daß Ihr schöner als all jene Frauen seid, welche aus ihrer Schönheit hier am Hofe Münze schlagen. Bin ich nicht ein Thor? O, gebt es nur getrost zu! Ich war wahnsinnig! ... Unser vielgeliebter König wird über unsere Wette entscheiden, und mir fallen natürlich die tausend Ducaten zu!«

Das Gesicht der jungen Frau drückte die tiefste Verachtung aus.

»Das ist erbärmlich, niederträchtig, mein Herr!« rief Anna mit bebender Stimme. »Ihr habt mich in Laubegast gefangen gehalten, mich zur Einsamkeit, zur Langweile verurtheilt, und nun bringt Ihr mich hierher, damit ich gleich einer Schauspielerin auf der Bühne mit meinen Augen, meinem Lächeln Euch zu einer Handvoll Ducaten verhelfe. Welche Niederträchtigkeit, welche Schmach!«

»Ueberhäuft mich mit Vorwürfen, Anna, zeigt mir die Verachtung, welche ich Euch einflöße, ich habe sie wohl verdient. Mein Vorgehen war schmählich ... und unbegreiflich,« fügte Hoym schmerzlich hinzu. »Das reizendste Geschöpf von der Welt durfte ich mein nennen, seine Schönheit strahlte nur mir ? und ich war so stolz und glücklich, einen solchen Schatz zu besitzen! ... Da flüsterte mir ein böser Dämon ein unsinniges Wort, eine Art Herausforderung ins Ohr, und ich verlor den Verstand.«

Der Unglückliche rang verzweifelt die Hände. Die Gräfin aber wendete sich gegen die Thür und sagte in befehlendem Tone: »Lasset anspannen, Herr Graf. Ich müßte mich vor mir selber schämen, wenn ich noch einen Augenblick hier bliebe. Habt Ihr mich verstanden, Graf? Ich will meinen Wagen, meine Pferde!« Hoym lächelte mit Bitterkeit und sagte: »Habt Ihr denn noch nicht begriffen, Gräfin, daß Ihr geradezu eine Gefangene seid. Es würde mich nicht Wunder nehmen, wenn die Ausgänge dieses Hauses besetzt wären. Glaubt mir, Gräfin, Ihr könnt nicht fliehen, und gelänge es Euch auch, die Dragoner des Königs würden Euch verfolgen und zurückbringen.«

Die Gräfin sank in den ihr zunächst stehenden Lehnstuhl und schlug in heller Verzweiflung die Hände vor das Gesicht. Ihr Gemahl trat an sie heran, berührte leise ihren Arm, wie um ihre Aufmerksamkeit zu erregen und sprach in besänftigendem Tone: »Vielleicht ist das Uebel nicht so groß, als es mir erscheint. Wir wollen kalt und besonnen reden. Anna, hört mich an! Hier fallen nur diejenigen Frauen, welche Lust dazu haben. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr ja häßlich erscheinen, eine strenge, abstoßende Miene zur Schau tragen ... Das dürfte uns Beide retten.« Hier dämpfte Hoym seine Stimme und er flüsterte: »Ihr kennt unseren König wohl nicht? ... Er ist ein großmüthiger, prachtliebender Fürst, Gräfin,« fuhr der Minister ironisch fort, »der das Gold, welches ihm aus meinen Accisen und aus dem schwarzen Brot der Armen zufließt, mit vollen Händen ausstreut! Einen herrlicheren König hat die Welt nicht aufzuweisen; es ist keiner, dessen Vergnügungen kostspieliger, zahlreicher und seltsamer wären. Er bricht die stärksten Hufeisen in zwei Stücke, er bricht die Herzen der Frauen und wirft sie achtlos, beiseite, er wirft seine Lieblinge in den Kerker ? dies alles vollbringt er mit unvergleichlicher Anmuth! August ist ein so liebenswürdiger Fürst, wenn man seine Launen befriedigt!«

Nachdem sich der Graf wiederum überzeugt hatte, daß kein Lauscher in der Nähe sei, fuhr er in leisem, kaum hörbarem Flüstertöne fort: »Er liebt die Frauen, ja; es dürfen aber nicht immer die nämlichen sein, er bedarf immer wieder neuer Waare. Den Tribut, welchen die Griechen jenem Ungeheuer zu liefern hatten, das sich mit Jungfrauen sättigte, fordert auch der starke August vom sächsischen Volke. Wer vermöchte seine Opfer zu zählen! Viele sind bekannt, Hunderte aber in Vergessenheit gerathen. Der Geschmack des Königs ist gar eigenthümlicher Art. Wenn er des Sammtes und der Seide überdrüssig ist, findet er an gröberer Waare Gefallen. Die Welt schreibt ihm drei Gattinnen linker Hand zu ? ich könnte deren mehr als zwanzig aufzählen. Aurora Königsmarck ist noch immer schön, die Spiegel noch immer jung, Prinzessin Teschen die Favoritin des Tages; allein er ist ihrer satt, er lechzt nach neuer Beute. Warum solle er auch nicht, der liebe, gute Augustin! Wer vermöchte ihm zu widerstehen, ihm, der schön ist wie ein Apollo, stark wie ein Herkules, imposant wie ein Jupiter, wollüstig wie ein ...«

»Warum erzählt Ihr mir das?« unterbrach, sichtlich entrüstet, die Gräfin ihren Gatten. »Meint Ihr, ich sei so niedrig, beim ersten Wink des Fürsten die Bahn der Ehre zu verlassen? Ihr verkennt mich, mein Herr, Ihr beschimpft mich!«

»Ich kenne den Adel Eueres Herzens, meine Anna,« sagte er mit Wärme; »weiß aber zugleich, wessen diese Hofleute fähig sind. Der König und seine Vertrauten flößen mir Furcht ein, nur Eines vermöchte mich zu beruhigen ... Euere Liebe,« setzte er stockend hinzu.

»Ich habe Euch Treue gelobt, die muß Euch genügen,« fiel Anna mit edlem Stolze ein. »Mein Herz habt Ihr nicht zu gewinnen verstanden. Ihr seid jedoch im Besitze meines Wortes. Frauen meines Schlages lassen sich keinen Eidbruch zu Schulden kommen.«

»Der Glanz einer Krone ließ schon so manche ihre Pflichten vergessen!« seufzte Hoym.

»Die Maitresse eines Mannes vermöchte ich nie und nimmer zu werden!« rief die Gräfin leidenschaftlich. »Es wäre mir nicht möglich, diesen Makel auf der Stirne zu tragen ...«

»Dieser Makel prägt sich nicht tief ein, Gräfin. Er schmerzt nur secundenlang; die Wunde vernarbt schnell, man fühlt sie nur allzu bald nicht mehr ...«

»Euer Benehmen ist schmachvoll, Graf,« unterbrach ihn Anna in heftigem Tone. »Nachdem Ihr mich gezwungen habt, hierherzukommen, führt Ihre beleidigende, schimpfliche Reden, erschreckt mich mit Drohungen ...«

Sie kam nicht weiter, gerechter Zorn schnürte ihr die Kehle zu. Bewegt trat Hoym näher.

»Vergebt mir, Anna,« sagte er demüthig. »Mein Verstand hat sich verwirrt, ich weiß nicht mehr, was ich Ihne, was ich sage. Meine Ahnungen betrügen mich gewiß, meine Befürchtungen werden sich als grundlos erweisen! ... Morgen ist großer Hofball. Seine Majestät wünscht, daß Ihr Euch auf demselben zeigt. Wenn Ihr Euch Mühe gebt, minder schön zu erscheinen, so sind wir gerettet, Anna. Es ist ja so leicht, linkisch, ungraziös, unliebenswürdig, zerstreut zu sein, gelangweilt und langweilig auszusehen. Sucht dem König zu mißfallen, ich verliere so gerne meine Wette ...«

»Spart Euch die Mühe, fortzufahren; denn ich bin nicht gewillt, diese Komödie zu spielen. Mir ist alles, was falsch ist, in hohem Grade verhaßt. Seid indes in Betreff Euerer Ehre unbesorgt ? Anna Constanze von Brockdorf zählt sich nicht zu jener Classe von Frauen, welchen es nach königlicher Gunst gelüstet, die ihre Ehre gegen eine Handvoll Edelsteine eintauschen. Macht Euch keine Sorgen, Graf, ich werde nicht auf dem Hofball erscheinen.«

Hoym wechselte die Farbe und sagt nach kurzer Pause:

»Bedenkt, Gräfin, daß es sich durchaus nicht um eine Kinderei handelt, sondern daß mein Vermögen, ja mein Kopf auf dem Spiele steht. Ihr müßt auf diesem Ball erscheinen ? es ist des Königs ausdrücklicher Wunsch.«

»Den ich nicht erfüllen werde,« erwiderte stolz die Gräfin.

»Sie wollen August dem Starken trotzen?« fragte Hoym.

»Weshalb nicht? Er ist unser Gebieter, das Land gehört ihm; es existiren indes zwei Dinge in diesem Lande: die häusliche Ehre und die Familien seiner Unterthanen, über die hat der König nicht zu verfügen, über die hat Gott zu bestimmen. Was hätte ich also von Seite Augusts zu befürchten?«

»Euch widerführe freilich nichts, dieses weiß ich!« lachte Hoym bitter. »Ist doch König August gegen alle Frauen von übertriebener Galanterie. Ich aber käme nach Königstein, unsere Güter würden confiscirt werden und den Höflingen zufallen ...«

Hoym schlug beide Hände vor das Gesicht und fuhr, wie vom Schmerze überwältigt, mit gebrochener Stimme fort:

»Ihr kennt diesen Menschen nicht, Anna. Wenn ihm auch die Anmuth eines Apollo eigen ist, so gleicht er nichtsdestoweniger auch dem blitzeschleudernden Jupiter. Er verzeiht Ungehorsam niemals. Ich wiederhole es, Ihr müßt bei Hofe erscheinen, Anna, oder ich bin ein verlorener Mann!«

Frau von Hoym schritt, ohne ein Wort zu sagen, aufs neue dem Ausgange zu. Er folgte ihr und flehte sie an, sie möge dem König nicht trotzen. In demselben Augenblick ging die Thür auf und ein Diener meldete:

»Gräfin Reuß und Frau von Vitzthum.«

Hoym wandte sich mit zorniger Miene gegen den Diener, in der Absicht, diesem zu bedeuten, daß in diesem Augenblick niemand vorgelassen werden dürfe. Indes war es schon zu spät, schon zeigte sich im Rahmen der Thür die aristokratische Erscheinung der reizenden Gräfin, hinter welcher der neugierig vorgestreckte Kopf der Schwester Hoyms sich sehen ließ.

Hatte Hoym gehofft, daß die Vorkommnisse der gestrigen Nacht in Dresden noch nicht bekannt geworden, so ergab sich aus dem Besuch dieser beiden Damen, daß er sich leider getäuscht. Was er gestern im Rausche gethan, mochte heute schon Allen bekannt sein. Jedenfalls wußten die beiden Damen darum; denn Gräfin Reuß würde das Haus des Ministers nicht betreten haben, wenn sie nicht gewußt hätte, daß dessen Gattin sich in demselben befand.

Die Damen traten ein, der Lakai entfernte sich. Gräfin Reuß war eine noch ziemlich junge, ungemein vornehme Frau von etwas üppigem Wuchs mit einem heiteren Gesichtsausdruck. Ihre frischen rothen Wangen hoben sich von ihrem matten Teint reizend ab und das schwarze Kleid, welches sie trug, hob ihre schöne Gesichtsfärbung hervor. Die Gräfin war im Ganzen eine sehr anziehende Erscheinung und niemand konnte weniger geeignet erscheinen, Schrecken einzuflößen als sie. Trotzdem hatte Hoym bei ihrem Anblick die Farbe gewechselt. Für ihn hatte dieser Besuch eben eine drohende, schreckliche Bedeutung ...

Gräfin Reuß ging, ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen, mit ausgestreckten Händen auf die Dame des Hauses zu, indem sie in sanftem, harmonischem Tone sagte:

»Da seid Ihr endlich, theuere Gräfin! Ich kann Euch mit Worten nicht ausdrücken, wie erfreut ich über Euere Ankunft bin, wie glücklich es mich macht, die Erste zu sein, welche Euch in Dresden willkommen heißt. Glaubt um des Himmels willen nicht, daß mich bloße Neugier hierher trieb; o nein, was mich zu Euch führt, ist der Wunsch, Euch nützlich sein zu können.«

Als sie endlich Annas Hände nach einem letzten kräftigen Druck losließ, verneigte sich diese vor der neuen Bekanntschaft. Es war eine tiefe Verbeugung, doch zugleich eine kalte, gleichsam abwehrende.

»Euch, Graf,« fuhr die schöne Frau, zu dem Minister sich wendend, fort, »Euch sollte ich zürnen, weil Ihr mich von der Ankunft Euerer Gemahlin nicht in Kenntniß gesetzt habt. Ganz zufällig erfuhr ich die gute Nachricht von Hülchen.«

»Wie, Hülchen wußte es schon?« entfuhr den Lippen Hoyms, der seinen Unwillen nicht länger zu verbergen vermochte.

»Gewiß! Ganz Dresden weiß um die Ankunft Euerer lieben Gattin,« erwiderte Gräfin Reuß in anscheinend harmlosem Tone. »Man spricht überall nur von Euch Beiden. Und Jedermann ist der Meinung, daß es von Euch, Graf, recht war, Euere arme Gemahlin dem Einsiedlerleben, das sie schon seit so langer Zeit führt, zu entreißen ... Ihr werdet also morgen bei Hofe erscheinen?« fuhr sie, an die Gattin Hoyms sich wendend, fort. »Für Euch, die Ihr die Welt nicht kennt, ist dies ein großes Ereigniß. Ich bitte Euch, Gräfin, ganz über mich und Frau von Vitzthum zu verfügen, wir wünschen Beide sehnlichst, Euch mit Rath und That beizustehen.«

»Ihr seid sehr gütig, Gräfin,« versetzte Frau von Hoym ruhig. »Es war zwischen meinem Gatten und mir eben von diesem Feste die Rede. Mir scheint es indes nicht unumgänglich nothwendig, daß ich diesen Hofball besuche. Ich werde doch das Recht haben, unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit zu Hause zu bleiben. Man dürfte mir Glauben schenken,« fügte Anna mit einem leisen Anflug von Ironie hinzu, »da unverhofftes Glück nicht selten erschüttert, die Nerven angreift ...«

»Ich rathe Euch, Gräfin, von diesem Vorwande keinen Gebrauch zu machen,« fiel Gräfin Reuß lebhaft ein. »Niemand würde Euch Glauben schenken, da Ihr die Kraft und Schönheit einer Juno besitzt und durchaus nicht darnach ausseht, als wenn Ihr so leicht erregbare Nerven hättet.«

Mit diesen Worten nahm die schöne Dame die Hand an, welche ihr Graf Hoym bot, um sie in den Salon zu geleiten.

Frau von Vitzthum und Anna folgten ihnen. Die Erstere legte ihren Arm in den ihrer Schwägerin, hemmte ihre Schritte und flüsterte ihr zu: »Liebe Anna, Du hast keinen Grund, Dich vor diesem Balle zu fürchten, Dich zu weigern, auf demselben zu erscheinen. Einmal muß Deine Sklaverei, Dein monotones Leben aufhören ? ich bin glücklich darüber, daß diese Stunde endlich gekommen zu sein scheint. Du wirst unseren Hof ? unseren einzigen Hof, unseren herrlichen König sehen! Beneidenswerthe! Dir winkt die glänzendste Zukunft, das magst Du mir glauben, und ich wünsche Dir von Herzen Glück dazu.«

»Ich habe mich an die Einsamkeit gewöhnt,« antwortete Anna. »Ich empfinde keine Sehnsucht nach etwas Anderem.«

Die Damen hatten den Salon erreicht, aus dem sich soeben Herr von Hoym in Folge der Meldung eines Dieners, Beamte der Accise wünschten ihn zu sprechen, entfernt hatte. Gräfin Reuß ließ sich zwischen der Dame des Hauses und deren Schwägerin nieder und sagte, die Hände der Ersteren ergreifend: »Es ist für mich ein wahres Glück, Euch in die Welt, welche Ihr noch nicht kennt, einführen zu dürfen. Verschmäht meine Rathschläge nicht. Ich kann Euch in vielen Dingen von Nutzen sein. Graf Hoym hat Euch unwillkürlich einen Schemel unter die Füße geschoben, aus dem gar bald ein Piedestal werden kann. Gräfin, Ihr könnt Euch auf die höchsten Höhen schwingen ... Seid Ihr doch schön wie ein Engel.«

Gräfin Hoym schwieg eine Weile, sie wußte offenbar nicht, was sie auf diese Rede erwidern solle. Nach einigem Nachdenken hob sie in kaltem Tone an: »Wenn Ihr die Vermuthung hegt, daß ich mich mit ehrgeizigen Plänen trage, so täuscht Ihr Euch, verehrte Gräfin. Ich stehe nicht mehr in dem Alter, wo man frivolen Träumen nachhängt. In meiner Einsamkeit hatte ich Zeit und Muße genug, über die Welt und über mich selbst nachzudenken, und das Ergebniß davon ist, daß ich nichts Anderes wünsche, als jenen Frieden und jene Ruhe, welche ein einsames Leben bieten.«

Gräfin Reuß lachte und behauptete, die schöne Einsiedlerin von Laubegast werde gar bald anderen Sinnes werden. »Einstweilen lasset uns auf ein anderes Thema übergehen, ein Thema von höchster Wichtigkeit, lasset uns von der Toilette reden, die Ihr, theuere Gräfin, morgen tragen werdet. Liebe Vitzthum, kommt uns hierbei zu Hilfe, lasset uns berathen, wie sich unser schöner Schützling ankleiden soll. Ihm dürfen wir diese Sorge nicht überlassen, weil er sich nicht mit dem erforderlichen Ernste damit befassen würde.«

»Wie sie sich auch immer kleiden möge, Anna wird unfehlbar die Schönste sein,« schmeichelte die Schwägerin. »Die Teschen, welche die Jugendfrische verloren hat, kann sich mit unserer theueren, jugendlichen, schönen Anna nicht messen. Sie wird alle Frauen des Hofes an Schönheit überstrahlen. Nach meiner Ansicht wäre die einfachste Toilette für Anna am passendsten. Anderen, minder schönen Frauen ist es gestattet, sich der Schminke und des Flitters zu bedienen; Anna aber bedarf keiner solchen Zuthat, um vollendet schön zu sein. Ein schlichter, mädchenhafter Anzug würde sich am besten für sie eignen.«

Dieses Gespräch wurde lange fortgesetzt. Im Anfang schwieg Gräfin Hoym. Das zuvorkommende, fast zudringliche Benehmen, die Dienstwilligkeit dieser beiden Damen, welche auf Anna nicht den Eindruck uneigennütziger Wesen machten, erfüllte die junge Frau mit Angst und Mißtrauen. Allmählich ließ sie sich aber von dem Interesse, welches Toilettefragen den Damen einzuflößen pflegen, fesseln und betheiligte sich an der so wichtigen Debatte. Darüber verflog die Verstimmung, welche die jüngsten Geschehnisse hervorgerufen. Die junge Frau war jetzt heiter, sie lachte und warf häufig witzige, treffende Bemerkungen hin.

Gräfin Reuß nahm alle Bonmots der Herrin des Hauses mit schallendem Gelächter auf und überschüttete sie förmlich mit Complimenten.

»Ihr seid ein anbetungswürdiges Geschöpf,« rief sie. »Wie unwiderstehlich, wie unvergleichlich in Geberden und Reden! Ihr habt Euch in Euerer Zurückgezogenheit allen Zauber, alles Feuer der ersten Jugend bewahrt, theuere Gräfin. Morgen wird sich der ganze Hof zu Eueren Füßen werfen. Hoym sollte schon jetzt alle feine Pistolen laden. Die Teschen aber wird bei Euerem Erscheinen gewiß in Ohnmacht fallen.«

Und nun erzählte Gräfin Reuß, wie Fürstin Lubomirska bei dem Ringelstechen in Warschau, als König August vom Pferde geworfen wurde, vor Schreck und Theilnahme in Ohnmacht fiel, und sich dadurch die Neigung des königlichen Helden eroberte. Beide hätten das Bewußtsein zu gleicher Zeit verloren; wie angenehm das Erwachen gewesen, ließe sich begreifen.

»Als die Fürstin die Augen wieder öffnete,« fuhr die Gräfin Reuß fort, »sah sie August vor ihr knien ... O, wie haben sich die Zeiten geändert! Jetzt dürfte den König eine Ohnmacht der Teschen-Lubomirska nicht im mindesten bewegen. Ihr Reich ist seinem Ende nahe. Während der jüngsten Leipziger Messe soll er über seinem Glücke bei den französischen Schauspielerinnen sie zu lieben verlernt haben, und man will wissen, daß er unlängst dem Fürsten Egon von Fürstenberg anvertraut habe, sein Herz sei frei und er wolle es der ersten Schönen, welcher er begegnen werde, zu Füßen legen.«

Diese Rede ängstigte die junge Frau. »Ich will hoffen, verehrte Gräfin,« sagte sie, »daß in Eueren Worten keine Anzüglichkeit liegt, daß Ihr mich nicht im Verdacht habt, ich wolle gegen Schauspielerinnen und Favoritinnen in die Schranken treten. Wahrlich, der Preis lockt mich nicht! Wie könnte ich mich mit einem Herzen begnügen, das durch die Liebe zu einer Teschen entweiht wurde!«

Gräfin Reuß erröthete bei diesen Worten, die sie nicht erwartet hatte.

»Natürlich!« erwiderte sie rasch. »Wer dachte auch an dergleichen! Ich plaudere, um zu plaudern. Uebrigens kann es nicht schaden, Euch auf alle Fälle zu wappnen. Doch lasset uns zu unserem früheren Gespräche zurückkehren. Wir schicken Euch also Kleidermacherinnen und Kaufleute. Für den Fall, als Ihr Euere Diamanten in Laubegast gelassen habt, oder Ihr solche nicht besitzet, empfehlen wir Euch Herrn Noeyer ? ein verschwiegener, zuvorkommender Mann ? der Euch feenhafte Hals- und Armbänder, welche am Hofe noch nicht getragen wurden, leihen wird.«

Damit verabschiedeten sich die beiden Damen von der Gräfin Hoym, die ihren Besuch schweigend bis an die Thür des Salons begleitete. Der Minister, dessen Cabinet mit Accisebeamten gefüllt war, hatte sich nicht mehr blicken lassen.

Die beiden Damen stiegen, ohne ein Wort zu sprechen, in den Wagen der Gräfin Reuß und schwiegen lange. Endlich fragte Frau von Vitzthum: »Was denkt Ihr von meiner Schwägerin?«

Gräfin Reuß antwortete: »Mich dünkt, daß Euer Bruder sich von heute an als Witwer betrachten darf. Anna ist zwar stolz und ihr Widerstand dürfte von langer Dauer sein. Schwierigkeiten aber reizen den König. Sie ist schön wie ein Engel, geistreich, kühn, seltsam ? kurz, sie besitzt Eigenschaften, welche nicht nur anziehen, sondern auch zu fesseln vermögen. Suchen wir sie für uns zu gewinnen, ehe sie die Zügel erfaßt; denn nachher dürfte uns dies nicht mehr gelingen. Wir wollen mit vereinten Kräften wirken, Theuerste! Durch dieses Geschöpf werden wir den König, die Minister, Alle und Alles leiten können! Was die Teschen betrifft, so ist sie unwiderruflich verloren. Dafür danke ich dem Herrn! Habe ich doch von dieser sentimentalen, langweiligen Person nie das Geringste erlangen können! Uebrigens sehe ich nicht ein, warum die Teschen-Lubomirska nicht zufrieden sein sollte. König August hat ihr Kind anerkannt, ihr einen fürstlichen Namen verliehen, sie besitzt immense Reichthümer. Wozu braucht sie noch mehr? Ihre Herrschaft hat lange genug gewährt. Der König langweilt sich, er ist unglücklich. Es ist daher nur billig, daß wir Mittel finden, ihn zu zerstreuen, ihm sein Mißgeschick vergessen zu machen. Fürstenberg soll uns helfen, die Teschen zu stürzen und Anna von Hoym zu erheben. Hierzu wird ein großer Aufwand von Takt, Schlauheit und Geduld erforderlich sein. Anna ist zu stolz, um sich im Sturme erobern zu lassen.«

»Der arme Hoym!« lachte Frau von Vitzthum. »Wenn er nur halbwegs klug ist ...«

»Wird er sich die Erhebung Annas zunutze machen,« ergänzte die weltkluge Dame. »Der Roué liebt seine Gattin schon längst nicht mehr. Außerdem hat er die Grube, in die er fallen wird, selbst gegraben.«

»Diese Grube dürfte Fürstenbergs Werk sein,« meinte Hoyms Schwester.

»Nein, nein! Der gute Mann hat es sich selbst zu verdanken, wenn ... wenn ... König August an seiner Frau Gefallen findet. Doch hört! Anna sollte morgen ein goldgelbes Kleid und rothe Korallen tragen. Das würde ihrem rabenschwarzen Haar, ihrem kindlich-frischen Teint gut stehen. Ist Euch der Glanz, die Glut ihrer Augen niemals aufgefallen?«

»Ja ? ihre Augen drücken aber eine grenzenlose Weltverachtung aus.«

»Diesen Fehler werden sie verlieren, das mögt Ihr mir glauben! Wenn Anna den König sieht, wenn dieser sich Mühe giebt, ihr zu gefallen, so verliert sie den Kopf, dafür stehe ich, und dann verschwindet auch jener hochmüthige, überlegene Ausdruck, der in ihren Augen liegt.«

4.
Fürstin Teschen.

Das Palais des auf dem Königstein in Gefangenschaft lebenden Exkanzlers Beichling, welches die Fürstin Teschen bewohnte, lag in einer der schönsten Straßen Dresdens, und zwar in der Pirnaschen Straße. Ein geborenes Fräulein von Böckum, lebte die Fürstin getrennt von ihrem Gatten, dem Fürsten Lubomirski, und war die Maitresse en titre Augusts des Starken, der ihr bei der Geburt eines Kindes den Namen Teschen aufgedrungen hatte. Das Palais in der Pirnaschen Straße war ein Geschenk des Königs. Die Fürstin mochte es zum Lohne dafür erhalten haben, daß sie sich an dem Sturze Beichlings betheiligt hatte.

Wenn die Fürstin nicht auf ihren in der Lausitz gelegenen Besitzungen oder auf ihrer Herrschaft Hoyerswerda weilte, war sie in ihrem prächtigen Dresdener Palaste, wo sie geradezu einen fürstlichen Aufwand machte.

Die glücklichen Zeiten der glühenden Liebe, der ritterlichen Galanterie schienen aber auf immer entschwunden zu sein, jene schönen, unvergeßlichen Zeiten, wo König August nicht leben konnte, wenn er seine geliebte Ursula nicht jeden Tag sah, da die Fürstin in den Farben Sachsens gekleidet, auf einem feurigen Rosse im Vollbewußtsein ihrer Jugendkraft an der Seite ihres königlichen Geliebten einherjagte.

Ja, es waren glückliche Zeiten gewesen, die man unter glänzenden Festen, tollen Maskeraden, fröhlichen Reisen verbracht hatte, schöne, unvergeßliche Zeiten, welche von den Hofpoeten besungen und als einzig gepriesen worden waren.

Die schöne Ursula ahnte längst, daß diese glücklichen Zeiten nicht ewig währen würden. Dies mochte ihr in jener Ballnacht mit erschreckender Klarheit vor die Seele getreten sein, in jener denkwürdigen Nacht, wo sie und ihr königlicher Geliebter auf Veranstaltung der unerbittlichen Königin von Preußen mit Aurora Königsmarck, der Gräfin Esterle und Frau von Haugwitz, den drei abgedankten Favoritinnen Augusts, zusammentrafen. Königin Sophie Caroline wollte sich an der Verwirrung des leichtfertigen Fürsten und seiner Geliebten weiden. Es sollte diese Begegnung eine Strafe dafür sein, daß August die Prinzessin Anhalt-Dessau, Carolinens Hoffräulein, mit solch ungestümer Huldigung verfolgte und behelligte.

Fürstin Teschen verstand das ihr damit gleichsam zugerufene Memento mori; trotz aller Betheuerungen von Seite ihres Geliebten sah sie ein, daß der flatterhafte, unthätige Augustin ? dies war der Spitzname Augusts des Starken und ihm galt das so populäre Lied: »Ei, du lieber Augustin« ? daß Augustin sie dereinst verrathen und verlassen würde. Der König hatte bisher, das heißt bis zur Zeit, da unsere Erzählung beginnt, neben zahlreichen geheimen Liebesabenteuern nie verfehlt, die Fürstin mit zartester Rücksicht zu behandeln, und sich den Anschein gegeben, als sei er noch immer von der tiefsten Leidenschaft für sie durchdrungen.

Noch übte Fürstin Teschen über König August viel Einfluß aus, noch führte ihre kleine Hand die goldenen Zügel ihrer Eintagsherrschaft mit der ihr eigenen Gewandtheit; allein Ursula fühlte, daß ihr diese Zügel dereinst, ja vielleicht schon bald, würden entrissen werden. Zwar zeigte ihr der Spiegel noch ein schönes Antlitz, dem Spuren von Jugendfrische nicht fehlten, allein dieses Gesicht entbehrte desjenigen Reizes, nach welchem der König fortwährend Verlangen trug, nämlich des Reizes der Neuheit. Was August noch zu ihr hinzog, was ihn den Verkehr mit ihr anziehend finden ließ, war Ursulas Geist, ihr Verstand. Er bewunderte sowohl ihr geistvolles Gespräch, als die Gewandtheit, welche sie bei den schwierigsten Fällen an den Tag legte, sowohl ihren Sinn für die Künste der Intrigue und ihre raffinirte List als ihre weibliche Politik.

Noch verbrachte König August täglich mehrere Stunden in ihrer Gesellschaft. Trotzdem hätte der Teschen jetzt der Muth gefehlt, das auszusprechen, was sie einst der Königin Eberhardine, der Gemahlin Augusts, sagte, als diese sie gefragt hatte, ob sie noch lange in Dresden zu bleiben beabsichtige. Da sie mit dem Könige gekommen sei, werde sie auch nur mit dem Könige abreisen! Das waren die Worte, welche sie zu der Königin sprach.

Um die Lippen, welche einst mit so stolzer Zuversicht gesprochen, hatte sich ein schmerzlicher Zug eingegraben, die schönen blauen Augen, welche damals so kühn geblitzt hatten, waren jetzt oft thränenfeucht, weil die Fürstin täglich, stündlich des Befehles gewärtig war, Dresden zu verlassen. Zwar fehlte es noch an greifbaren Zeichen, daß diese Befürchtung kein Hirngespinnst sei. Denn bei Hofe hatte sich anscheinend nicht die geringste Veränderung zugetragen. Die Wünsche der Teschen wurden erfüllt, ehe sie dieselben aussprach, Alles huldigte ihr, sie war nach der Königin die Erste am Hofe. Und doch las die Fürstin ihren bevorstehenden Sturz von den Gesichtern der Höflinge ab, deren kaum merklich ironisches Lächeln, deren verstohlene, boshafte Blicke ihr nicht entgingen. Auch sie mochten erkannt haben, daß des Königs Liebe zu ihr in eine banale Galanterie ausgeartet war, daß er für sie, die Fürstin Teschen, wie für seine Gemahlin, die fromme Königin Eberhardine, nur Gleichgiltigkeit hege.

Die schöne Ursula hatte den König einst leidenschaftlich geliebt. Damals wiegte sie sich mit der Hoffnung, den Wankelmüthigen für alle Zeiten an sich zu fesseln und dereinst Königin zu werden. Diese Hoffnung war jedoch gar bald entflohen; Ursula hatte schon längst eingesehen, daß sie das Los aller Derjenigen theilen würde, die August geliebt hatte. Der Enttäuschung folgte die Erkaltung ihrer Gefühle. Zwar war sie noch immer bemüht, dem König zu gefallen, ihn durch ihr geistreiches Gespräch aufzuheitern, zu unterhalten, aber das geschah nur aus Eitelkeit, aus Koketterie. Sobald sie allein war, verwandelte sich ihre Heiterkeit in Trauer; sie schloß sich ein, ließ ihren Thränen freien Lauf und sann auf Rache, nach der ihr wundes Herz lechzte. Das schien der König zu ahnen, denn je häufiger die Fürstin an ihren Oheim, den Cardinalprimas von Polen, Nadziejowski, schrieb, desto eifriger war August bemüht, sie von seiner Liebe, von seiner Treue zu überzeugen. Er war sich der Gefahr bewußt, die ihm drohe, für den Fall, als er sich die Nichte des ersten Würdenträgers von Polen zu seiner Feindin machen würde. August fürchtete sich vor der Strafe, ehe er sie verdiente.

Fürstin Ursula hatte sich ihre so kurze Herrschaft um hohen Preis erworben. Zwar waren ihr während dieser Herrschaft irdische Güter und Gold in Fülle zugeflossen, diese Herrschaft hatte sie aber zugleich mit Schmach bedeckt, sie in die zweideutige Lage eines gatten- und obdachlosen Weibes versetzt. Für den Fall, daß sich ihre trüben Ahnungen erfüllen sollten, konnte sie, die Ehrvergessene, in ihre Heimat zurückkehren? Nein, hierzu hätte sie die Stirne nicht gehabt.

Sie harrte täglich mit ahnungsvollem, bangem Herzen des Urtheiles, das sie verbannen sollte. Oft blieb sie stundenlang in die trübsten Gedanken versenkt, benetzte den Scheitel des Kindes, das sie dem König geboren und er durch einen Kuß anerkannt hatte, mit heißen Thränen und fühlte sich namenlos unglücklich, noch ehe sie eigentlich das Recht hatte, zu klagen.

Der Palast der Teschen war noch immer der Mittelpunkt des Hofes, der Versammlungsort einer zahlreichen Schaar eleganter Damen und Cavaliere. Besonders den Letzteren verschaffte König August den Zutritt sehr gern. Er hoffte ohne Zweifel, daß es dem Einen oder dem Anderen gelingen würde, das Herz des Weibes zu erobern, dessen er überdrüssig war. Eine larmoyante Liebe, wie die der Fürstin, vermochte August den Starken nicht lange zu fesseln, der niemals geweint hatte und dem Thränen und Vorwürfe geradezu unerträglich waren.

Heute war die Fürstin in Verzweiflung. Mit fieberhafter Eile ging sie in ihrem Gemach auf und ab und fragte sich wohl zum hundertstenmal, ob sie die Herausforderung, die man ihr zuwarf, annehmen solle oder nicht. Diejenigen, welche sich ihre wahren Freunde nannten und jeden Morgen zu hinterbringen pflegten, was der König am vergangenen Tage gethan und gesprochen, hatten ihr auch die Geschehnisse der vorigen Nacht mitgetheilt. Sie war von allem in Kenntniß gesetzt worden, von der Wette Hoyms, von der Ankunft der Gräfin, von den damit verbundenen Intriguen ? kurz, die Fürstin wußte alles.

Es war diese Ankunft ein Ereigniß, womit sich die ganze Hauptstadt beschäftigte. Gegen 11 Uhr Vormittags sprach man schon überall davon. Niemand hatte die Gräfin gesehen, niemand kannte sie und doch behauptete Jedermann, daß sie wunderschön sei. Man wußte, daß sie im Jahre 1680 geboren war, daß sie in dem Alter der Lubomirska-Teschen stand. Ob sie eine Blondine wie diese oder eine brünette Schönheit sei, darüber vermochte niemand Auskunft zu geben. Kyau, der unerbittliche Kyau, sollte Denjenigen, die ihn gefragt hatten, ob Gräfin Hoym wirklich von einziger Schönheit sei, folgende Antwort gegeben haben: »Fragt nicht darnach, ob sie schön sei, denn die Schönheit ist diesesmal Nebensache. Hauptsache ist, daß sie der Anderen nicht gleichsehe!«

»Der Anderen nicht gleichsehen ? ihr, der einst so heißgeliebten Ursula nicht gleichsehen durfte die Neuangekommene, wollte sie Gnade finden vor den Augen des nach neuer Liebe, nach einem neuen Antlitz sich sehnenden Königs!« rief die Fürstin bei sich und biß sich vor Zorn die Lippen blutig.

Die Vorzimmer der fürstlichen Gemächer waren an diesem Morgen fast leer; niemand meldete sich zu dem Lever der Geliebten des Königs. Diejenigen, welche sonst diesem Lever anzuwohnen pflegten, liefen heute in der Stadt herum, entweder um irgend etwas Neues über das Tagesereigniß zu erfahren oder um eine hierauf bezügliche Neuigkeit zu verbreiten und damit Sensation zu erregen.

Es hieß, König August habe gewohntermaßen das Programm zu der am folgenden Tag stattfindenden Festlichkeit höchsteigens entworfen und sei dabei bemüht gewesen, sozusagen sich selbst zu übertreffen. Ferner erzählte man sich, daß der König mit fieberhafter Ungeduld den Augenblick erwarte, wo er über die Wette, welche Fürstenberg mit Hoym eingegangen, würde entscheiden können.

Der Besuch, den die Gräfin Reuß und Frau von Vitzthum der Heldin des Tages abgestattet, war stadtbekannt, und die Leute meinten, die beiden Damen hätten dabei einen nichts weniger als uneigennützigen Zweck im Auge gehabt. Frau von Vitzthum aber sagte Allen, welche es hören wollten, daß ihre Schwägerin sämmtliche Damen des Dresdener Hofes an Schönheit übertreffe.

Fürstin Teschen ging lange ruhelos im Zimmer auf und nieder. Sie rang dabei verzweiflungsvoll die Hände und weinte heftig. Dreimal hatte sich der König ihrem Joche entzogen, und dreimal war es ihr gelungen, ihn von neuem zu fesseln. Jetzt aber hatte die entscheidende Stunde geschlagen, das sagte ihr das ahnungsvolle Herz. Schmerzerfüllt warf sie sich auf das Sopha ... da kam ihr plötzlich ein wunderlicher Gedanke. Schnell entschlossen, das auszuführen, was ihr eben eingefallen, rief sie ihre Zofe herbei und flüsterte dieser einige Worte ins Ohr. Hierauf hüllte sie sich in einen Mantel, warf einen dichten Schleier über ihr Haupt und eilte in den Garten, wo eine Sänfte für sie bereit stand. Nachdem sie eingestiegen war, trugen ihre Diener die Sänfte eine mit jungen Bäumen bepflanzte Allee hinab und hielten vor einem Pförtchen still, das in den Hoymschen Garten führte und durch einen alten Gärtner geöffnet wurde. Die Fürstin eilte durch die Laubgänge nach dem Hause, huschte unbemerkt durch dasselbe, erstieg die Treppe und pochte an eine gegenüberliegende Thür. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe geöffnet wurde. In der schmalen Thürspalte zeigte sich der Kopf einer Kammerfrau, welche die tiefverschleierte Frau mit neugierigen Blicken maß und sie nach ihrem Begehr fragte. Fürstin Teschen drückte der Kammerfrau, ohne ein Wort zu sprechen, einige Ducaten in die Hand, schob sie sanft beiseite, trat in das Vorzimmer ein und ging einer dem Eingang gegenüberliegenden Thür zu.

Anna von Hoym lehnte am Fenster, mit dem Rücken gegen dasselbe gewandt, als sich die Thür aufthat und eine in Schwarz gekleidete, verschleierte Frauengestalt auf der Schwelle erschien. Von diesem zweiten Ueberfall unangenehm berührt, richtete sich die Gräfin stolz in die Höhe und fixirte die unbewegliche Erscheinung im Rahmen der Thür mit zusammengezogenen Brauen.

Die Fürstin aber schwieg, warf mit zitternder Hand ihren Schleier zurück und starrte Anna stundenlang mit weitgeöffneten Augen an, um alsdann erbleichend, mit bebenden Lippen die Hände auszustrecken, wie eine Stütze suchend, einige Schritte vorwärts zu wanken und bewußtlos auf das Sopha, welches unfern der Thür stand, zu sinken.

Frau von Hoym sprang hinzu, ihr beizustehen. Anna sowohl als die herbeigerufene Kammerfrau der Gräfin gaben sich alle Mühe, die Bewußtlose wieder ins Leben zu rufen. Endlich schlug der seltsame Besuch die Augen auf, sah sichtlich verwirrt im Zimmer umher und heftete von neuem ihren Blick mit demselben betroffenen Ausdruck wie zuvor auf die schöne Gräfin, der sie durch ein Zeichen zu verstehen gab, daß sie mit ihr allein zu sein wünsche.

Anna winkte der Kammerfrau, sie möge sich entfernen.

Diese gehorchte.

Als die beiden Damen allein waren, begann Fürstin Teschen:

»Verzeiht mir ... Ich wollte Euch sehen; ich wollte Euch warnen ... Meine Pflicht, mein Gewissen führten mich zu Euch ...«

Sie hielt inne, wie einer Antwort gewärtig. Allein Gräfin Hoym schwieg und blickte sie mit ihren großen Augen betroffen an. Dem einsamen Leben, das die Gräfin bislang geführt, war plötzlich eine wechselvolle, fieberhafte Existenz gefolgt, in der sie sich nicht zurechtzufinden wußte. Der jetzige Auftritt erhöhte nach allem, was heute schon geschehen war, die Besorgniß und die Angst, welche sich ihrer bemächtigt hatten, seit sie Laubegast verlassen.

»Betrachtet mich,« fuhr die Fürstin nach kurzer Pause fort. »Ihr tretet das Leben in dem Augenblicke an, da ich es beschließe. Es gab eine Zeit, wo ich das war, was Ihr jetzt seid: unschuldig, sorglos, glücklich, geehrt von aller Welt, in Frieden mit Gott und meinem Gewissen. Ich hatte einen schlichten, aber makellosen Namen gegen einen fürstlichen eingetauscht, war zu hohem Ansehen gelangt. Da kreuzte plötzlich ein Mann, der eine Krone trug, meinen Lebenspfad. Ein Lächeln seines stolzen Mundes ließ mich alles vergessen. Er legte seine Krone, seine Unterthanen, sein Herz zu meinen Füßen, mir schwindelte, ich folgte ihm. Und jetzt ... jetzt besitze ich nichts als einen geborgten Namen, ein gebrochenes Herz, einen schmachvollen Titel. Sonst ließ er mir nichts. Mein Glück ist zu Ende, meine Zukunft trostlos. Das Schicksal meines Kindes erfüllt mich mit Angst; ich stehe allein auf der Welt, meine Angehörigen verleugnen mich. Diejenigen aber, welche noch gestern sich vor mir beugten, werden mich morgen nicht mehr kennen, und er, für den ich alles hingegeben, wird mich wie eine Fremde von sich stoßen.«

»Warum sucht Ihr mich zu erschrecken,« fragte die Gräfin mit unsicherer Stimme. »Was soll das bedeuten? Wer seid Ihr?«

»Was ich heute bin, weiß ich nicht; gestern war ich ... Königin.«

»Ich aber strebe nach keiner Krone!« rief Gräfin Hoym. »Weiß ich doch, daß sie die Stirne, auf der sie ruht, versengt. Wozu alle diese Drohungen, diese Mahnungen, die mir hier von allen Seiten zugerufen werden?«

»Es sind nur Warnungen, verehrte Gräfin,« erwiderte Fürstin Teschen in ernstem Tone. »Uebrigens schmückt jene versengende Krone bereits Euere Stirn, die Welt hat sie Euch vor der Zeit auf das Haupt gedrückt. Mich beseelte nur der Wunsch, Euch die Dornen zu zeigen, welche unter diesem goldenen Reife verborgen liegen.«

»Ihr verkennt mich,« entgegnete ruhig die Gräfin. »Mich gelüstet nicht darnach, meine Hand nach solcher Krone auszustrecken, dazu bin ich zu stolz! Ich möchte nur eine Krone besitzen, die ich mit ins Grab nehmen dürfte. Beruhigt Euch daher ...«

Sie schwieg aus Mitleid für das unglückliche Weib, das während ihrer Rede in heftiges Schluchzen ausgebrochen war. Nach einer Pause fuhr die Gräfin leise, wie zu sich selbst sprechend, fort: »Welch wundersame, unbegreifliche Dinge widerfahren mir heute! ... Wie gerne flüchtete ich nach Laubegast!« Dann näherte sie sich der Fürstin und fragte mit weicher Stimme: »Wollt Ihr mir nicht sagen, wer Ihr seid, wie Ihr heißt?«

»Ursula Teschen,« erwiderte leise die Fürstin. »Wer sie ist, wißt Ihr! Vielleicht errathet Ihr jetzt, weshalb man Euch nach Dresden kommen ließ. Der blasirte Gebieter sehnt sich nach Wechsel!«

»Die Feiglinge treiben also Handel mit uns, als wären wir ihre Sklavinnen!« rief die Gräfin aus.

Achselzuckend erwiderte Fürstin Teschen: »Wir sind ihre Opfer.«

»Ich ? ein Opfer? O nein, mich werden sie nicht hinopfern! Ich will kein Opfer sein! Ich bin so stolz, daß ich den Tod der Schmach vorziehe.«

Die Fürstin betrachtete Anna eine Weile schweigend mit einem traurigen Ausdruck in den Augen und seufzte endlich:

»Wenn Ihr mich nicht verdrängt, so wird es eine Andere thun. Denn meine Stunde hat geschlagen!«

Damit zog sie den Schleier wieder über ihr Gesicht und erhob sich von ihrem Sitze. »Jetzt seid Ihr gewarnt, sucht Euch zu vertheidigen!«

Nach diesen Worten verließ Fürstin Teschen das Zimmer, in dem Gräfin Hoym nachdenkend zurückblieb, während die Geliebte des Königs nach der Stelle eilte, wo sie ihre Sänfte gelassen. Schon war sie in dieselbe gestiegen, schon hatten sich die Träger in Bewegung gesetzt, als ein junger Officier mit blassem Gesichte hinzustürzte und die Hand auf den Sänftenschlag legte. Die Träger hielten still und Fürstin Teschen schob die schon halbzugezogene seidene Gardine des Fensters rasch zurück.

Der Hinzugetretene war ein junger Mann von schönem, aristokratischem Aeußeren, mit ausdrucksvollen, energischen Zügen, die jedoch in diesem Augenblick der Schmerz, die Entrüstung gleichsam verzerrte. Er stand wie Einer, der nicht weiß, ob er seinen Augen trauen darf.

»Seid Ihr es wirklich, Fürstin?« rief er. »Ihr, Ihr ... in diesem Hause! O mein Gott! Sagt mir die Wahrheit, Fürstin, ich beschwöre Euch, täuscht mich nicht, seid aufrichtig! Ich will mich auf immer entfernen, Ihr sollt mich nie Wiedersehen, aber gesteht mir alles, verhehlet nicht, daß ...«

»Was Ihr thöricht seid!« fiel die Fürstin dem jungen Mann in die Rede. »Seht Ihr denn nicht, daß ich im Hause Hoyms war? ... Ihr könnt doch unmöglich glauben, daß ich in den Minister verliebt sei?« Hier legte sie ihre Hand auf die des Mannes und fuhr in sanftem Tone fort: »Kommt mit mir, mein Prinz. Ihr dürft nicht eher von mir gehen, als bis Ihr eingesehen habt, wie ungerecht Euer Verdacht ist. Verlacht mich nicht, klagt mich nicht an, nicht in diesem Augenblick ... Das wäre gar zu grausam; ich könnte es nicht ertragen, es würde mich tödten!«

Die Blicke, welche die schöne Frau dabei auf den jungen Prinzen warf, waren so beredt, so überzeugend, daß er alsbald den gehegten Verdacht aufgab. Auf seinem Gesichte lag jetzt keine Spur mehr von der Trauer und der Sorge, welche es vorhin überschattet hatte. Helle Freude leuchtete in seinen großen Augen, indem er schweigend neben der Sänfte einherging. Als sie das Haus erreicht hatten, half er der Fürstin aussteigen und führte sie an der Hand in ihre Gemächer.

Erschöpft sank die junge Fürstin auf das Sopha, gab dem Prinzen ein Zeichen, er möge neben ihr Platznehmen und rief, nachdem sich der junge Mann neben sie gesetzt: »Ich bin empört, außer Fassung, mein Prinz! Wißt Ihr, wo ich war? Bei ihr, bei jenem Weibe, das von feigen Höflingen nach Dresden gelockt wurde, um den König zu amüsiren, ihm Neues zu bieten und um mich zu stürzen! Kennt Ihr die Gattin des Ministers Hoym, Prinz?«

Ludwig von Württemberg schüttelte das Haupt. »Ich habe von ihr reden gehört; Hoym ist heute die Zielscheibe der abgeschmacktesten Witze. Es heißt, man habe ihn gestern gezwungen, zu viel zu trinken, um ihn zu bewegen, seine Frau zur Schau zu stellen ...«

»Ich habe sie gesehen, diese Frau,« unterbrach ihn die Fürstin, fieberhaft erregt. »Sie ist sehr schön, sehr gefährlich, und wird den König eine zeitlang beherrschen ...«

»Gott sei Dank!« jubelte der Prinz. »Dann werdet Ihr endlich, endlich frei!«

Fürstin Teschen warf einen durchdringenden Blick auf den Prinzen, der über und über roth wurde und verwirrt zu Boden sah. Es trat eine Pause ein. Endlich reichte Ursula dem Prinzen ihre Rechte, der sie mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Seine heißen Lippen ruhten noch auf dieser feinen, weißen, aristokratischen Hand, als sich plötzlich ein scharfes, spöttisches Lachen vernehmen ließ.

Eine kleine Frau war unbemerkt in das Zimmer getreten und näherte sich jetzt, mehr tänzelnd als gehend, den Beiden, indem sie mit unverkennbarer Schadenfreude in die Hände klatschte.

»Bravi! Bravissimi!« schrie das kleine Persönchen, welches nichts weniger als schön war, obwohl dessen Züge mit den so lieblichen der Fürstin eine entfernte Aehnlichkeit hatten. Das Alter dieses Kobolds ließ sich nicht leicht bestimmen. Die kleine Frau mochte zwanzig, konnte aber auch dreißig Jahre zählen. Ihr Gesicht war eines derjenigen, welche nie jugendlich aussehen und nie altern. Sie hatte böse, stechende graue Augen von merkwürdiger Beweglichkeit, um ihre Lippen spielte immer ein ironisches Lächeln, jeder Zug ihres Gesichtes verrieth ihr boshaftes, zänkisches, schadenfrohes Wesen. Ihrer Toilette sah man es an, daß sie sich Mühe gab, die einzigen Reize, welche sie besaß, nämlich ihre kleinen Füße und ihre hübsche Taille, vortheilhaft hervorzuheben. Diese Frau war die Schwester der Fürstin Teschen, die Gattin des Baron Glasenap und die Freundin des berühmten Generals Schulenburg.

»Bravi! Bravissimi!« kreischte die Baronin, indem sie vor ihre Schwester und den Prinzen hintrat und einen tiefen Knix machte. »Bitte, lasset Euch nicht stören! Wir sind ja unter uns! Du hast Recht, Schwesterchen, Dich trösten zu lassen, vollkommen Recht! Denn, wozu sollte mans verschweigen? ? Die Stunde hat geschlagen, wo Du den König aufgeben, Dich vom Hofe zurückziehen mußt. Du handelst wie ein guter General! Ein solcher läßt sich den Rückzug nie abschneiden!«

Prinz Ludwig, welcher bei dem Eintreten der wegen der Intriguen und Uneinigkeiten, die sie anstiftete, bei Hofe unbeliebten, ja verhaßten und gefürchteten Dame Fürstin Ursulas Hand hatte fallen lassen und aufgestanden war, verharrte mit gesenktem Blick neben dem Sopha, in dessen Ecke die Geliebte des Königs lehnte und den Redeschwall der Baronin geduldig über sich ergehen ließ.

»Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen, Schwester,« fuhr die unerträgliche Frau von Glasenap fort. »Ich bin sehr beschäftigt. Doch Pflege ich im Augenblick der Gefahr immer zu erscheinen, wie Du weißt. Du hast wohl schon erfahren, daß Frau von Hoym nach Dresden berufen wurde? ... Ich kenne diese Frau, ich sah sie einst vor Jahren und prophezeite damals, daß sie gleich der schönen Helena Unheil stiften werde. Sie ist geradezu ein Wunder an Schönheit, brünett, was allen blonden und rothhaarigen Damen ein Dorn im Auge sein mag,« schaltete die boshafte Frau, auf die lichten Haare der Fürstin anspielend, leise kichernd ein. »Und geistreich ist sie auch; ihre Lebhaftigkeit, ihr Stolz, ihre königliche Haltung suchen ihresgleichen, kurz, Dein Reich, Schwesterchen, ist zu Ende. Doch, was verschlägts? Verfolgen Dich doch die Fürstentitel! Dir ist das Glück günstiger als mir, die ich nur einen armseligen Baron aus Pommern zu erangeln vermochte. Du hingegen hießest Fürstin Lubomirska, heißt jetzt Fürstin Teschen und wirst Dich dereinst Fürstin von Württemberg nennen.«

Der junge Prinz trat mit einer zornigen Geberde an das Fenster, während die Teschen mit gesenktem Blick murmelte: »Wenn ich nur wollte, fände sich ein Vierter ...«

»Gewiß! Soll ich Dir sagen, wie er sich nennt?« fragte die Baronin und fuhr, indem sie sich zu dem Ohr der Schwester hinabneigte, flüsternd fort: »Er heißt Prinz Alexander Sobieski. Der aber heiratet Dich nicht, meine Theuerste ? der kleine Ludwig von Württemberg hingegen ist bereit, es zu thun.«

Fürstin Teschen wandte sich von ihrer Schwester mit einer tiefsten Abscheu ausdrückenden Geberde ab. Die Baronin lachte, ging im Zimmer hin und her, wobei sie sich häufig im Spiegel betrachtete, und blickte von Zeit zu Zeit ihre Schwester oder den Prinzen von der Seite an. Dabei schwätzte sie unbefangen weiter.

»Wenn Du klug bist, Ursula,« fuhr sie fort, »so wirst Du aus diesem Kampfe als Siegerin hervorgehen; die Hoym kann dem König nicht lange gefallen; ihre Person wird ihn anziehen, ihr Hochmuth ihn abstoßen, so daß er die sanfte Teschen gar bald wieder liebenswerth finden wird. Was läßt sich da thun? Die Launen eines Königs kann man nur verzeihen. Den Königen ist das erlaubt, was gewöhnlichen Sterblichen verboten wird. ? Lebt wohl, Durchlaucht!« rief sie hier mit einer Verbeugung, die zu tief war, als daß sie ernst gemeint sein konnte, dem von der Fürstin Teschen sich verabschiedenden Prinzen zu. Ihr war der warme Händedruck der Beiden nicht entgangen.

Prinz Ludwig grüßte sie und ging.

»Ursula saß in Gedanken verloren auf dem Sopha; ihre Schwester betrachtete sie eine Weile und sagte endlich: »Du darfst die Geschichte nicht tragisch auffassen, Schwesterchen. Was ist denn am Ende so Furchtbares geschehen? Der König ist der blonden Frauen überdrüssig, voilà tont! Dir gehört die fürstliche Herrschaft von Hoyerswerda und der prächtige Palast des Exkanzlers Beichling. Du besitzest Millionen und Diamanten in Hülle und Fülle, die Zukunft Deines Sohnes ist gesichert, Du bist schön und jung, Prinz Ludwig ist einer Verbindung mit Dir nicht abgeneigt ... Was willst Du mehr, mein Täubchen?«

»Des Königs Liebe,« erwiderte Ursula, indem sie aufs neue zu weinen anfing.

»Bah! Die Zeiten, wo Du Dich darnach sehntest, sind längst vorüber! Euere Liebe hat, wenn ich mich anders nicht irre, kaum sechs Monate gedauert, während welcher Zeit Eines das Andere insgeheim zum mindesten zehnmal hinterging. Was?«

»Schwester!« rief entrüstet die Fürstin.

»Oder wie, hätte ich mich geirrt?« sagte in ironischem Tone die Baronin. »Dann staune ich darüber, daß es Dir gelang, die Liebe des Prinzen von Württemberg so lange zu erhalten. Welch ein anspruchsloser Jüngling! So viel Hingebung, solche Uneigennützigkeit ist bei den Männern heutzutage selten anzutreffen.«

Baronin von Glasenap kicherte und schlug alsdann einen anderen Ton an. »Lubomirska,« sagte sie ernst, »ich will Dir einen guten Rath ertheilen. Wenn sich ein König von seiner Geliebten trennt, fordert er gewöhnlich seine Brillanten zurück. Deshalb rathe ich Dir, schaffe die Deinigen an einen sicheren Ort.«

Die Fürstin, in Gedanken verloren, schien die Worte der Baronin überhört zu haben. Diese fragte plötzlich mit lauter Stimme: »Erscheinst Du auf dem Balle?«

Bei den letzten Worten war die Prinzessin vom Sopha aufgesprungen.

»Ob ich ...« stockte sie. »Natürlich werde ich gehen!« fügte sie in entschlossenem Tone hinzu. »Ich werde in schwarzen Gewändern, in Trauer, ohne Juwelen erscheinen ? ein seltsamer Anblick bei Hofe. Die schwarze Farbe steht mir doch gut, nicht wahr, Therese?«

»Unstreitig ? Schwarz kleidet alle Frauen schön. Wenn Du aber hoffst, den König und die Hofleute mit Deinem Trauergewande zu rühren, so giebst Du Dich einer Täuschung hin, Ursula. Nicht bemitleiden wird man Dich, sondern auslachen ... Tragödien sind am Hofe Augusts nicht in der Mode.«

»Möglich, ich will trotzdem die Trauer anlegen ? ja, das will ich thun! Ich werde vor ihn, den Ungetreuen, hintreten wie ein dunkler Schatten, wie ein Gespenst ...«

»Das vor der reizenden, lebhaften, von Jugend und Schönheit strahlenden Gräfin von Hoym nichts anderes thun wird, als was alle Gespenster zu thun pflegen ... verschwinden. Mein Gott!« rief die Baronin, nachdem sie einen Blick auf die Caminuhr geworfen, »wie spät es ist! Ich muß Dich verlassen, Ursula, doch sehe ich Dich bald wieder! Auch ich werde auf dem Balle sein, aber nicht auf der Bühne, sondern im Zuschauerraum, wo den Actricen Beifall gespendet wird, wo sie bewundert oder verspottet werden. Also auf Wiedersehen!«


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