Am Hofe August des Starken. Zweiter Band

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1. Ein Blick in die Zukunft.

Der König von Schweden hatte noch nicht einmal das sächsische Gebiet verlassen, als August schon wieder von neuem, ja in erhöhtem Maße das Leben voll Zerstreuungen und Lustbarkeiten begann, welches er zu führen gewohnt war. Diesem leichtsinnigen Monarchen mangelte es nie an Zeit, wenn es galt sich zu amüsiren. Aber die Staatscassen waren nun vollständig erschöpft; die Schläge, welche Sachsen erlitten, und die schwedische Occupation hatten den finanziellen Ruin des Landes vollendet, welchem eine grenzenlose Verschwendungssucht es schon nahe genug gebracht. König August war jedoch nie um Auskunftsmittel verlegen, wenn es galt, die Lücken des Schatzes auszufüllen, und wir haben bereits gesehen, wie er in solchen Fällen vorzugehen pflegte.

Gräfin Cosel ihrerseits, die zu dieser Zeit im Zenith ihrer Macht und der königlichen Gunst stand, beherrschte in wahrhaft despotischer Weise den König und das Land. Alle Versuche der Höflinge, ihren Gebieter aus dem Joche dieser hochmütigen Frau zu befreien, waren bisher an der blinden Leidenschaft desselben für sie gescheitert. Frau von Cosel war die unzertrennliche Gesellschafterin Augusts bei allen seinen Vergnügungen; mit seltener Geschicklichkeit erfand sie tagtäglich etwas Neues, um ihn ohne Unterlaß zu beschäftigen und zu fesseln; denn sie kannte seinen Charakter zu genau, um nicht zu wissen, daß sie ihn nicht zum Ausruhen und Nachdenken kommen lassen durfte, wollte sie verhindern, daß Langeweile und Uebersättigung sich seiner bemächtigten. Auf diese Weise gelang es ihr, die unbedingteste Herrschaft auszuüben und zu behaupten. Ihre Schönheit, täglich im neuen Lichte glänzend, überstrahlte alles an dem prachtliebenden sächsischen Hofe; die an denselben kommenden Fremden konnten nicht umhin, die Anmuth und den Geist der Gräfin zu bewundern, und alles war darüber einig, daß sie die verführerischeste Frau ihrer Zeit sei.

Einige Zeit nach dem Rückzuge der schwedischen Truppen, nach einer langen Reihe von Bällen, Carroussels und ähnlichen Vergnügungen, während Dresden überfüllt war von Fremden, Gesandten und allerlei fahrenden Rittern, welche der Glanz des Hofes dahin gezogen hatte, inaugurirte August in feierlicher Weise das berühmte Vogelschießen.

Während der ganzen Dauer dieses Festes begleitete Anna den König, dessen Brust ein kostbarer goldener Küraß bedeckte, auf einem milchweißen Zelter, in einem Amazonencostüme, wie es sich kaum schöner und kostbarer denken läßt. Ihre elegante Haltung zu Pferde, die Sicherheit, mit welcher sie die kühnsten Reiterstückchen executirte, sowie ihre Geschicklichkeit im Fechten und Ringstechen erregten ungetheilteste Bewunderung.

Im Schießen bewies sie einen erstaunlich scharfen Blick und eine ebenso sichere Hand. Lord Peterborough, welcher eines Tages ihren Meisterschüssen zusah, fand nicht genug Worte, um sein Erstaunen und seine Bewunderung auszudrücken. Wenn sie auf dem Festplatze eintraf, wurde sie mit einer Artilleriesalve begrüßt, und der König, welcher sie überallhin führte, schien in der That überall nur der Erste ihrer Vasallen zu sein. Die Elite des hohen Adels, die Edelleute des Hofes und die höchsten Würdenträger des Staates umgaben sie und bildeten so ihren Hofstaat. Welche Frau an ihrem Platze hätte sich nicht dem Wahne hingegeben, daß diese Herrlichkeit ohne Ende sein werde!

Wenn manchmal der ehrliche Haxthausen, ihr aufrichtiger Freund, oder der treue Zaklika, welcher so selten zu sprechen wagte, mit warnenden Worten der Zukunft und der allbekannten Unbeständigkeit und Frivolität des Königs gedachten, runzelte Anna die Stirne und sagte zornfunkelnden Auges: »Ich bin seine Frau! Seine Maitressen konnte er verlassen, aber seine Gemahlin ? er wird es nie wagen! Er weiß übrigens sehr wohl, wessen ich in einem solchen Falle fähig wäre. Er ist sich gewiß darüber klar, daß ich selbst im Stande wäre, ihn zu tödten!«

Bei dem diesmaligen Vogelschießen errang sich Mr. Robinson, der englische Gesandte, die Würde des Schützenkönigs. Er empfing den ersten Preis aus den Händen der schönen Gräfin. Der Tag wurde mit einem festlichen Gastmahl zu Ehren des Siegers beschlossen.

So ging das Jahr, welches so unglücklich für Sachsen und seinen König begonnen hatte, unter einer ununterbrochenen Kette von Vergnügungen zu Ende. Anna entwarf das Programm für die einzelnen Festivitäten und August beeilte sich, es nach ihren Wünschen ausführen zu lassen. Der Einfluß der Geliebten des Königs war ein so großer und unumschränkter, daß zu dieser Zeit ihre Feinde kaum mehr wagen durften, den Mund zu öffnen, um ihrer Abneigung gegen die schöne Despotin Worte zu leihen. Der Staatsschatz war geleert und das arme Volk seufzte unter der erdrückenden Last der Steuern und Abgaben aller Art, deren Hoym stets neue ersann.

Zu Ostern begleitete die Gräfin Cosel den König auf die Leipziger Messe. August II. hatte eine große Vorliebe für Vergnügungen der Art, wie sie sich ihm hier darboten. Er entkleidete sich bei dieser Gelegenheit vollständig der königlichen Majestät, mischte sich unter die Menge und ließ sich ohneweiters vom Volke drängen und stoßen. Man sah ihn oft ganze Tage lang, die Pfeife im Munde, in den Straßen der Stadt herumstreifen, die gröbsten Vergnügungen aufsuchend, und sehr oft in Gesellschaft von Leuten, deren Sitten und Gewohnheiten mit den Gebräuchen am Hofe im grellsten Contraste standen.

Der König hatte mit seinem Gefolge im »Gasthof zum Apfel« Absteigequartier genommen. Dort gab man sich Tag und Nacht allen möglichen Tollheiten hin. Hervorragende Fremde und die Mitglieder der verschiedenen Theater nahmen an diesen Orgien theil.

Alles, was Anna dagegen thun konnte, war, daß sie so viel als möglich den Leidenschaften des Königs Zügel anzulegen und zu verhindern suchte, daß er sich ganz und gar den tollen Ausschweifungen überließ. Ihn völlig von diesem Treiben zurückzuhalten, war unmöglich.

Selbst zu der Zeit, da Karl XII. noch in Sachsen weilte und die ausländischen Kaufleute ? nachdem sie demselben einige Hunderttausend Thaler gezahlt ? die Messe unter dem Schutze der schwedischen Truppen eröffnet hatten, konnte sich August nicht enthalten, dieselbe zu besuchen. Die Leipziger Messe war damals das Rendezvous aller Abenteurer und Abenteurerinnen der Welt. Es genirte indes den Beherrscher Sachsens sehr wenig, daß die Gesellschaft, in die er sich da begab, mehr als gemischt war; er zeigte sich niemals sehr wählerisch in der Wahl seiner Zerstreuungen und nahm sie, wo und wie sie sich ihm boten.

Der 12. Mai, der Namenstag König Augusts, wurde diesmal glänzender denn je begangen. Prinz Eberhard von Württemberg und Hohenzollern und eine Menge anderer hoher Gäste waren hierzu nach Dresden gekommen. Man trank bis zum Uebermaß, jagte, machte Ausflüge in die Umgegend, und Gräfin Cosel fehlte bei keiner dieser mannigfaltigen Vergnügungen; sie war hierin ebenso unermüdlich wie August selbst.

Nahe bei Niesitz in der Lausitz, dem ehemaligen Wohnsitze eines alten slavischen Volksstammes, liegt seit Jahrhunderten, am Fuße eines Berges hingelagert, ein kleines Dorf, welches früher den Namen Stolpen trug. Hinter demselben erheben sich gigantische schwarze Basaltfelsen, welche aussehen, als wären sie bei einer mächtigen Umwälzung aus dem Schoße der Erde ausgeworfen worden. Symmetrisch nebeneinander gereiht, von regelmäßigen Formen, hat es den Anschein, als hätte eine übernatürliche Kraft sie hier aufgeschichtet. Auf der Spitze dieser Felsen erhebt sich ein Jahrhunderte altes Schloß, welches das Dorf beherrscht, das am Fuße des Berges liegt. Von den Zinnen seiner Thürme öffnet sich dem Auge eine fast unbegrenzte Fernsicht in die Ebene nach allen Richtungen der Windrose. Gegen Süden erblickt man in der Ferne die waldbedeckten Berge Sachsens und Böhmens; im Westen ziehen sich am Horizont, gleich einem Panorama, die zackigen Spitzen jener Gebirge hin, welche die reichen Kupferminen Sachsens bergen, und im Vordergrunde ragen gleich riesigen Pyramiden die Bergkuppen empor, auf denen sich die Festungen Sonnenstein, Dittersbach und Ohorn erheben; im Osten dehnen sich ebenfalls in langen Linien Wälder und Berge aus.

Das alte Schloß Stolpen, in früheren Zeiten Eigenthum der Bischöfe von Meißen, war durch diese verschönert und restaurirt worden. Es bot noch in den Tagen, von denen wir sprechen, einen ganz imposanten Anblick, wenn auch die spitzen Thürme etwas verwittert dreinschauten und der Blitzschlag sie wiederholt beschädigt hatte. Das Schloß war von einer starken Mauer umgeben, die von Bastionen flankirt wurde; als Piedestal dienten ihm die von der Natur verliehenen mächtigen Reihen dunkler Basaltfelsen, welche der Ewigkeit zu trotzen schienen.

Zu Schloß Stolpen gehörten ein prächtiger Park und ausgedehnte Wälder.

König August, den die bei aller Abwechslung auf die Dauer doch etwas eintönigen Vergnügungen der Hauptstadt öfters zu langweilen begannen, liebte es, von Zeit zu Zeit das Land zu durchstreifen und dem edlen Waidwerk obzuliegen.

An einem schönen Julimorgen, ehe noch die Hitze der Jahreszeit sich fühlbar machte, standen königliche Stallmeister und Reitknechte vor dem Schlosse, die ungeduldig den Boden scharrenden Pferde am Zügel haltend. Am Vorabend hatte man in Gegenwart des Königs von jenen mächtigen und merkwürdigen Basaltpfeilern gesprochen, deren wir oben erwähnt. August konnte sich ihrer nicht mehr erinnern und er wollte sie heute besichtigen.

Der Thau lag noch auf den Bäumen und den Spitzen der Gräser und begann eben in den ersten Strahlen der Sonne zu zerfließen, als der König erschien, gefolgt von einer Schaar von Höflingen und Dienern. Er war eben im Begriffe, in den Sattel zu steigen, als Zaklika erschien, um sich im Auftrage der Gräfin Cosel über das Ziel des Ausfluges zu erkundigen.

»Sage Deiner Herrin,« antwortete August, »daß ich im Begriffe bin, nach Stolpen zu reiten, und daß sie, wenn sie es wünscht, dort mit uns zusammentreffen mag, denn ich kann nicht warten, bis die Gräfin ihre Toilette beendet hat, weil bis dahin leicht die Hitze unerträglich werden könnte.«

Die Geliebte Augusts hatte sich heute etwas verstimmt vom Lager erhoben und wartete nun am Fenster, bis Zaklika zurückkam und ihr die Antwort des Königs brachte. Sie fühlte sich tief verletzt dadurch, daß August ihr nichts von dem projectirten Ausfluge mitgetheilt hatte, und noch mehr grollte sie darüber, daß er nun nicht einmal warten wollte, bis sie bereit war, den Ritt mitzumachen. Sie gab Befehl, sogleich ihr Leibpferd zu satteln und Haxthausen, sowie verschiedene andere junge Edelleute zu bitten, sie möchten sich fertig machen, um sie in einer halben Stunde zu begleiten. Die Gräfin wollte dem König zeigen, daß sie nicht nöthig hatte, große Toilette zu machen, um schön zu sein, und sie hatte sich vorgenommen, ihn einzuholen, bevor er noch Stolpen erreicht haben würde.

Noch war die halbe Stunde nicht ganz um, als schon die jungen Höflinge, welche die Suite der Gräfin bilden sollten, im Hofe des Palais versammelt waren. Ihr Reitpferd, ein herrlicher weißer Araber mit wallender Mähne, einen scharlachrothen, reich mit Gold verzierten Sattel auf dem Rücken, wieherte ungeduldig.

Sobald Gräfin Cosel davon benachrichtigt war, daß ihr Gefolge im Hofe versammelt sei, eilte sie herbei. Sie bezauberte Alle durch ihre geschmackvolle und reizende Toilette. Auf dem Kopfe trug sie einen blauen Hut, den eine lange weiße Feder zierte; eine mit Goldstickerei bedeckte Jacke von derselben Farbe umfing ihre Taille, und ein weites und langes Reitkleid, ebenfalls mit Goldborten besetzt, vervollständigte das elegante und reizende Costüm.

Sie schwang sich leichten Fußes in den Sattel; die Zügel ihres vor Ungeduld scharrenden, feurigen Renners ergreifend, wendete sie sich nach ihrer Begleitung zurück und rief, nachdem sie mit graziösem Lächeln gegrüßt hatte, die mit kostbaren Steinen besetzte Reitpeitsche durch die Luft schwingend:

»Meine Herren! Seine Majestät hat mich sozusagen herausgefordert ... Eine halbe Stunde ist verflossen, seit der König von hier abritt, und wir müssen ihn, selbst wenn ich mir dabei den Hals brechen sollte, einholen, bevor er Stolpen erreicht hat. Lasset uns aufbrechen ? und ventre à terre! Wer mein Freund ist, folge mir nach!«

Nach diesen Worten lenkte die kühne Amazone ihr Pferd nach dem Ausgange des Schloßhofes, nahm die Zügel fest in die Hand und galoppirte davon. Zaklika und ihr Stallmeister sprengten ihr nach, um sofort bei der Hand zu sein, falls ihrer Gebieterin ein Unfall zustoßen sollte. Der Rest des kleinen Trupps folgte diesen und so jagte die Cavalcade unaufhaltsam über die Brücke und durch die Straßen der Stadt; nachdem man die Altstadt durchschnitten, hielt man sich rechts, in der Richtung der Wälder von Stolpen. Glücklicherweise waren die Pferde gut ausgeruht, die Straßen, welche man passirte, breit, gut erhalten und zu dieser Stunde noch wenig belebt, so daß die tolle Jagd ohne Unfall abging.

Die junge Frau, deren Wangen glühten und aus deren Augen ein eigenthümliches Feuer strahlte, trieb ihren Renner fieberhaft zu rasender Eile an; sie schien eine Wollust an dieser wilden Hetzjagd zu empfinden. Keines der Pferde vermochte ihren Araber einzuholen, alle blieben weit zurück.

So ging der ungestüme Ritt mitten durch Gehölze, Felder und Wiesen. Manchmal bot die Gegend den Anblick trostloser Unfruchtbarkeit. Diese wenig cultivirten, streckenweise fast wüsten Gegenden waren größtentheils noch von den Ueberresten eines alten slavischen Volksstammes, den Wenden, bevölkert, deren Vorväter einst die Herren des Landes gewesen. Man sah von Zeit zu Zeit ein wendisches Dorf auftauchen mit niedrigen, strohgedeckten Hütten, von Baumgärten, namentlich Kirschbäumen, umgeben. Manchmal begegneten die Cavaliere auf ihrem Wege einem dieser armen Bauern, der ehrerbietig die Mütze zog, wenn die glänzende Gesellschaft vor seinen Augen vorbeiflog. Kaum hatte er die ihm zugerufene Frage, ob der König hier vorbeigekommen wäre, beantwortet, als die flüchtige Erscheinung schon wieder seinen Blicken entschwand.

Die Pferde waren bereits buchstäblich mit Schaum bedeckt.

Nachdem diese wilde Hetzjagd etwa eine Stunde gedauert hatte, bat der Stallmeister die Gräfin, zu kurzer Rast Halt zu machen; sie schien ihn nicht zu hören. Endlich aber mäßigte sie doch den Schritt ihres Renners und hielt dann plötzlich bei einer alten Hütte still, die am Wege lag. Die ganze Gesellschaft folgte natürlich ihrem Beispiele und hielt die heftig schnaubenden und wiehernden Pferde an.

Auf der Schwelle der erwähnten Hütte stand eine Frau in vorgerückten Jahren, mit gelbem, runzeligem Gesichte, mit Lumpen bedeckt und auf einen Stock gestützt. Sie richtete mit einer Art verachtungsvoller Theilnahmslosigkeit ihre Augen auf die Cavaliere, gleichsam als gehörten dieselben einer ganz anderen Welt an als sie selbst. Als ihr Blick dem der Gräfin begegnete, schauerte diese unwillkürlich zusammen.

Einer der Cavaliere erkundigte sich bei der Alten nach dem König und seinem Gefolge. Sie schüttelte den Kopf und antwortete mit einem Achselzucken:

»Weiß ich, von welchem König Ihr redet? ... Wir ... wir haben keine Könige mehr ? sie sind todt!«

Diese in mürrischem Tone und in fast unverständlicher Weise gegebene Antwort genügte natürlich dem Frager nicht, und eben war er im Begriffe, weiter in die Bettlerin zu dringen, um die gewünschte Auskunft zu erlangen, als ein Mann mittleren Alters, mit langen Haaren, bekleidet mit einer dunkelbraunen, mit mehreren Knopfreihen besetzten Weste und kurzer Hose, aus dem Häuschen herauskam und, respectvoll den Hut ziehend, im reinsten sächsischen Dialekt sich an die Gesellschaft wendete.

Er theilte mit, daß König August bereits einen Vorsprung von drei Viertelstunden habe und daß es wohl kaum möglich sein werde, ihn noch einzuholen, falls er nicht etwa noch unterwegs Halt gemacht haben sollte. Das erschien aber wenig wahrscheinlich, da von der Stelle, auf welcher man hielt, bis nach Stolpen sich kaum ein zum Verweilen passender Ort fand.

Gräfin Cosel, welche allmählich die Hoffnung, den König noch unterwegs zu erreichen, schwinden sah, erkundigte sich, ob es nicht einen kürzeren Weg gäbe, um auf diese Weise vielleicht doch noch ihren Willen durchzusetzen; sie erhielt jedoch die Auskunft, daß kein solcher vorhanden und daß das zur Rechten sich hinziehende Thal sehr sumpfig und mit dichtem Gestrüppe bewachsen sei, so daß es unmöglich wäre, da zu Pferde zu passiren.

Die Gräfin stieg nun ab und gestattete ihrem Gefolge, sich hier einen Augenblick auszuruhen. Die Hitze war bereits fast unerträglich geworden. Die Gefährten der Gräfin, welche heftigen Durst empfanden, verlangten Wasser von dem Bauer. Dieser bot ihnen einen Trunk Bier an. Das ländliche Getränk, so wenig es für die verwöhnten Gaumen der Höflinge gebraut sein mochte, däuchte ihnen doch, trotzdem es etwas sauer schmeckte, ganz ausgezeichnet und erfrischte sie jedenfalls.

Inzwischen waren die Blicke Annas neuerdings auf die alte Bettlerin gefallen, welche noch immer, auf ihren Stock gestützt, neben der Thür der Hütte stand und sich nicht im Geringsten um das zu kümmern schien, was um sie herum vorging.

»Wer ist diese Frau?« fragte die Gräfin den Bauer, mit dem Finger auf das alte Weib zeigend.

Dieser antwortete mit verächtlichem Achselzucken:

»Es ist eine Slavin, eine Wendin. Sie treibt sich immer hier herum und es ist mir nicht möglich, sie mir vom Halse zu schaffen. Dieses Anwesen habe ehedem ihrem Vater gehört, behauptet sie. Gegenwärtig bewohnt sie eine elende, halb in die Erde eingegrabene Hütte am Fuße jenes Berges. Niemand weiß, wovon sie lebt. Ich sehe sie täglich durch die Felder schleichen, unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd. Wer weiß ? vielleicht ist sie behext oder noch wahrscheinlicher ist sie selbst eine Hexe. Ich wollte ihr gerne Geld geben, damit sie nicht mehr hierherkomme; aber sie will nichts davon hören und sagt, daß sie diese Gegend niemals verlassen werde, daß dies die Erde ihrer Väter sei, daß ihre Gebeine da ruhen müßten. Manchmal, wenn der Sturm heftig braust und tobt, hört man sie singen. Man schaudert bis ins Mark, wenn man ihre Stimme vernimmt ... Es wäre gefährlich, sie davonzujagen,« setzte der Mann leise hinzu, »denn sie weiß mehr als andere Leute und es könnte böse Folgen für Einen haben. Sicherlich steht sie mit bösen Geistern in Verbindung ... Sie hat von diesen auch die Gabe der Weissagung,« schloß der Bauer nach einer kurzen Pause, »wenn Die etwas vorhersagt, trifft es immer ein.«

Die Gräfin, durch diese Erzählung erst recht neugierig gemacht, wendete sich um und that einige Schritte gegen das alte Weib zu.

Die Leute ihres Gefolges, welche etwas von Hexerei und Zauberei sprechen gehört, traten scheu zurück.

»Wie nennt sie sich?« fragte die Cosel den Bauer.

Dieser besann sich einige Augenblicke; endlich sagte er, jedoch so leise, daß die Gräfin es kaum verstehen konnte: »Mlawa!«

So leise aber auch der Mann diesen Namen ausgesprochen, die Alte hatte es dennoch gehört, denn sie fuhr aus ihrer Lethargie auf, erhob stolz das Haupt, und während sie mit einer raschen Kopfbewegung ihr langes graues Haar zurückwarf, nahm ihr Gesicht einen strengen Ausdruck an und ihre Augen suchten den, der eben ihren Namen genannt.

Die Cosel näherte sich der Bettlerin, ohne auf die betroffenen Mienen ihrer Umgebung zu achten.

Die beiden Frauen maßen sich einige Secunden lang mit ihren Blicken.

»Wer bist Du, arme Alte?« fragte endlich die Gräfin. »Deine silbergrauen, allen Unbilden des Wetters und allen Stürmen ausgesetzten Haare und Dein Elend rühren mich. Sage mir doch, was ist Schuld an Deinem Unglück?«

Mlawa schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht unglücklich,« sagte sie trotzig; »denn in mir lebt noch die Erinnerung an schönere Zeiten. Hier bin ich noch, was meine Ahnen waren ? Königin.«

»Du ? eine Königin?« rief die Cosel.

»Ja, ich könnte es sein,« fuhr die Alte fort, »denn in meinen Adern rollt ja noch das Blut der alten Könige dieses Landes ... Wenn Du auch heute Königin bist, vergiß nicht, daß Du morgen ebenso arm, ebenso tief gesunken sein kannst, wie ich! Es ist alles möglich auf dieser Welt.«

»Von welchen Königen, von welchem Lande sprichst Du?« fragte die Gräfin verwundert.

Die alte Frau erhob ihre Hände und indem sie auf die ganze Gegend ringsum wies, rief sie aus:

»Dies alles gehörte uns, bevor Ihr gekommen seid! ... Ja, dieses Land war frei, bis die Eueren es in Ketten und Bande schlugen. Sie haben uns behandelt wie wilde Thiere, während wir doch gute und gastfreundliche Menschen waren. Brot und Salz in den Händen, kamen wir jedem Fremdling freundschaftlich entgegen, wir hatten kaum eine andere Waffe als unsere Leier, unsere Gesänge. Ihr aber ? Ihr habt unser Volk ausgerottet mit Feuer und Schwert, und im frevelhaften Uebermuthe habt Ihr uns noch verspottet in unserem Elend! Euere Race hat sich hier festgesetzt, sich vermehrt und hat uns als Parias von dem Boden unserer Väter, von der Erde der Wenden vertrieben! ... Ja wohl!« fuhr Mlawa nach einer Pause in traurigem Tone fort, »das ist die Erde, die Gott meinen Vorfahren gegeben und welche die Fremdlinge uns geraubt haben. Aber wenn es mir nicht vergönnt sein soll, darauf zu leben, so wird mich doch kein Mensch daran hindern können, hier zu sterben! Von hier aus wird meine Seele leichter den Weg zu den Meinigen finden!«

»Kannst Du die Zukunft voraussagen?« fragte die Gräfin, von einer unwiderstehlichen Neugier ergriffen.

»Das kommt darauf an, wem und wann,« antwortete Mlawa in gleichgiltigem Tone.

»Mir zum Beispiel?«

Die Alte betrachtete die vor ihr stehende schöne Frau eine Weile und sagte dann mit einem gewissen Mitleid im Blicke:

»Was soll es Dir nutzen, Deine zukünftigen Geschicke im Voraus kennen zu lernen? Diejenigen, welche sich so hoch emporgeschwungen haben wie Du, können nur wieder herabkommen oder herabstürzen ... Verlange nicht mehr darüber zu hören ...«

Anna erbleichte bei diesen Worten und ihre Lippen zitterten merklich; allein sie wollte nicht schwach und muthlos erscheinen, darum zwang sie sich zu einem Lächeln, obgleich ihr Thränen in die Augen traten.

»Sprich!« sagte sie, »ich habe vor gar nichts Furcht. Ich weiß dem Glück ins Gesicht zu sehen, wie der Adler in die Sonne; ich weiß aber auch dem Ungewissen, ja dem Schrecklichsten entgegenzugehen ...«

»Wenn nun aber die Nacht des Unglücks lange, sehr lange dauerte?«

»Sie wird wohl nicht ewig währen ? wie?«

»Wer weiß, wer weiß!« erwiderte Mlawa auf diese Frage der Gräfin, indem sie die Hand gegen sie ausstreckte.

Anna trat einen Schritt zurück, als wollte sie verhüten, daß die alte Bettlerin sie berühre ? war doch in jener Zeit der Glaube an Hexen, Zauberei und böse Geister noch ein allgemein verbreiteter.

»Du brauchst keine Angst zu haben, meine Schöne!« bemerkte Mlawa ruhig; »ich werde Deine hübschen weißen Finger nicht beflecken. Ich bedarf nur der Augen, um aus Deiner Hand zu lesen.«

Die Gräfin zog ihren Handschuh aus und streckte Mlawa ihr reizendes Händchen mit den zarten Fingern, an welchen kostbare Ringe blitzten, entgegen.

»Was das für ein hübsches Händchen ist!« sagte Mlawa, dasselbe mit ihren Blicken fixirend. »Es verdient wahrhaftig, daß Könige ihre Lippen darauf drücken! ... Aber, mein Kind, ich sehe da schreckliche Dinge ... Diese Hand hat schon mehr als Ein Gesicht getroffen, dessen Augen zu kühn waren ? nicht wahr?«

Anna erröthete, blieb aber die Antwort auf die Frage schuldig. Mlawa fuhr fort, nachdenklich und kopfschüttelnd ihre Hand zu betrachten; der Ausdruck ihres Gesichtes wurde dabei immer düsterer.

»Nun?« rief endlich die Gräfin ungeduldig aus.

»Du gehst dahin, wohin Dein Schicksal Dich ruft,« sagte Mlawa mit Nachdruck. »Konnte je ein Sterblicher seiner Bestimmung entgehen? ... Nach einer langen Reihe glücklicher Tage erwartet auch Dich das Verhängniß! Du wirst Dein Glück mit langer Strafe büßen. Gefangenschaft, traurige Tage ohne Ende, Nächte ohne Schlaf, ewige Thränen werden Dein Los sein. Mutter bist Du und wirst ohne Kinder sein, Frau ohne Ehegatten, Du bist Königin ? und wirst zur Sklavin werden! ... Deine Freiheit erlangst Du wieder und Du wirst sie verwünschen ? Du wirst ... Nein, nein, frage nicht weiter! ...«

Anna stand nach diesen schrecklichen Worten wie versteinert da; ihr Antlitz war marmorblaß. Sie versuchte zwar zu lächeln, aber ihre Lippen weigerten sich, ihr den Willen zu thun und preßten sich schmerzlich aufeinander.

»Was habe ich Dir gethan,« sagte sie mit zitternder Stimme, »daß Du mich so erschreckst mit Deinen Prophezeihungen?«

»Ich bemitleide Dich!« erwiderte Mlawa. »Doch warum wolltest Du im Innersten meiner Seele lesen? Weißt Du nicht, daß der herbste Kummer in mir wohnt und daß meine Worte, von einer Verbitterten kommend, nur bitter lauten, nur verwunden können? Geh ? ich beklage Dich!«

Mlawa versank nun wieder in ihre Träumerei.

»Bist Du hiernieden etwa die einzige Unglückliche ...?« murmelte sie vor sich hin. »Millionen bejammernswerther Geschöpfe sind in Elend über die Erde gegangen und gestorben, ohne ein Grabmal, ohne ein Andenken zu hinterlassen ... Der Wind hat ihre Asche verweht! Wie Du haben Tausende in Gefangenschaft, in langer, langer Sklaverei geseufzt ... Meine Vorfahren, die Könige, meine Väter sind in Eisen gestorben ? und ich, Mlawa, ich bin die Letzte ? und die Deutschen verjagen mich von dem Herde meiner Väter!«

Gräfin Cosel nahm schweigend ein Goldstück und hielt es der alten Wahrsagerin hin, aber diese wies es mit einer stolzen Handbewegung zurück und sagte:

»Nein nein, ich nehme kein Almosen an ... Dort oben« ? fügte sie hinzu, indem sie zum Himmel emporwies ? »dort oben könnt Ihr einstens Euere Schuld abtragen.«

Nach diesen Worten ergriff die Alte ihren Stock und entfernte sich langsam nach der weiten Ebene zu.

Die Gefährten der Gräfin hatten sich während dieser ganzen Unterhaltung in ehrerbietiger Entfernung gehalten und waren ganz erstaunt über den Muth oder vielmehr die Verwegenheit ihrer Gebieterin. Nach ihrer Ansicht war es geradezu verwegen, mit einer solchen Hexe zu verkehren. Auch der Bauer, welcher an Cosels Seite stehen geblieben, war nicht wenig verwundert über den seltsamen Vorgang.

Als die Gräfin zu ihrem Gefolge zurückkehrte, war sie sehr bleich; niemand wagte es aber, sie über die Ursache hiervon zu befragen. Nachdenklich und ernst bestieg sie ihr Pferd, und langsam setzte der kleine Reitertrupp seinen Weg fort. Die Gräfin ließ die Zügel achtlos über den Hals ihres Pferdes hängen.

Bald erschienen am Horizont vor ihnen die hohen Thürme von Stolpen mit ihren spitzen Dächern, malerisch auf den imposanten Basaltstützen sich erhebend. Bei diesem Anblick unterbrach der Stallmeister das bisher herrschende Stillschweigen und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Stolpen!«

Eine kleine Stunde später hielt man vor den Mauern des Schlosses, wo der König sammt seinem Gefolge die Gräfin erwartete; denn die Cavalcade war ihm schon längere Zeit vorher signalisirt worden.

August trat lächelnd auf seine Geliebte zu mit den Worten:

»Wenigstens eine Stunde schon ist es, daß wir Euch erblickten und erwarteten.«

»Und ich,« erwiderte Anna, »ich habe mindestens eine halbe Stunde im Gespräch mit einer alten Bettlerin verloren, welche mir die Zukunft enthüllte.«

Der König betrachtete sie aufmerksam.

»Und was hat sie Dir vorausgesagt?« fragte er.

Anna blickte ihn traurig an, während zwei große Thränen über ihre Wangen rollten. Ihre ungewöhnliche Bewegung, welche August nicht entging, verstimmte ihn. Er versuchte sie durch zärtliche Worte zu beruhigen und in ihre gewohnte fröhliche Laune zu versetzen, doch vergeblich.

Als sie dem Schlosse entlang gingen, trachtete er, ihre Gedanken von dem, was sie so trüb stimmte, abzulenken und sagte:

»Was doch dieses Stolpen, die alte Residenz der Bischöfe von Meißen, für ein prächtiger Wohnsitz ist!«

Anna überlief ein Schauer, als sie die finsteren Mauern betrachtete.

»Abscheulich,« sagte sie, »ganz abscheulich! Ich bin erstaunt, daß Ihr darauf verfallen konntet, hierher zu kommen, um Euch zu zerstreuen. Dies ist wahrlich ein hierzu wenig geeigneter Ort, mein König. Man athmet hier eine Atmosphäre, welche mit dem Andenken an Kriege, Foltern und ähnliche traurige Dinge geschwängert ist.«

»Geliebte!« versetzte August hierauf, »Euere schönen Augen vermögen die düsterste Gegend für mich zu einem Paradies zu gestalten. Wo Ihr weilt, ist überall Lust und Freude!«

Galant bot er nun seinen Arm der Gräfin, welche sich nachdenklich auf denselben stützte. So machte man die Runde um das düstere Gebäude. Die Züge Annas blieben bleich und träumerisch, während Augusts Gesicht in Heiterkeit erstrahlte. Vielleicht dachte der mildherzige Monarch in diesem Augenblicke an die Gefängnisse auf dem Königstein und dem Sonnenstein und sagte sich in Gedanken, daß, wenn deren Räume für die stets anwachsende Menge der Gefangenen nicht mehr ausreichen sollten, man für dieselben in Stolpen Platz finden könnte ... Ohne Zweifel mochte das einer von den Gründen sein, welche ihn bestimmten, nachdem man das Schloß von außen besichtigt hatte, den Wunsch zu äußern, nun auch das Innere desselben näher in Augenschein zu nehmen.

Anna lehnte es ab, ihn dabei zu begleiten, und blieb auf der Terrasse vor dem Gebäude. August aber verfügte sich in das Schloß. Er besuchte zuerst den Sanct Donatus-Thurm, stieg dann in die Gemächer hinunter, welche ehemals die Henker mit ihren Knechten bewohnt hatten, begab sich hierauf, geführt von dem Beschließer, in den aus späterer Zeit stammenden, von dem Bischof Johann VI. erbauten Sanct Johannes-Thurm und von da in eine große düstere Halle, die einst als Folterkammer gedient hatte. Von da stiegen sie in die unterirdischen Kerker hinunter, in welche man seinerzeit unbotmäßige Mönche und Missethäter geworfen hatte. Der Führer zeigte dem König hier nacheinander das sogenannte »Mönchsloch«, das mit dem Namen »Richtergehorsam« belegte und das »Burgverließ« benannte Gefängniß, in welch letzteres die Verurtheilten auf einer Leiter, die dann zurückgezogen wurde, hinabsteigen mußten. Alles war hier noch ziemlich gut erhalten. König August besah mit lebhafter Neugier jeden Winkel der schauerlichen Gelasse, wie wenn er nach Spuren der armen Opfer, welche hier geschmachtet, gesucht hätte. Nachdem man endlich wieder ans Tageslicht emporgestiegen war, warf er noch einen prüfenden Blick auf die starken Umfassungsmauern und ging dann langsam nach dem Ausgang.

August fand die Gräfin noch auf der nämlichen Stelle sitzen, wo er sie verlassen hatte. Sie war in ein bei ihr ganz ungewöhnliches Nachdenken versunken und betrachtete mit einem gewissen Entsetzen die finsteren Mauern und Thürme des festen Schlosses.

»Das ist wahrhaftig ein schlecht gewählter Ort für eine Vergnügungstour,« sagte sie, »und der heutige Ausflug dürfte den Fröhlichsten verstimmen. Ich habe das Innere dieses Gebäudes nicht gesehen, aber schon was ich von hier aus wahrnehme, macht einen recht unangenehmen Eindruck auf mich. Es ist mir, als hörte ich die Klagen und das Wimmern Derjenigen, welche in diesen Mauern zu leiden hatten.«

August lächelte.

»Diejenigen, welche hier weilten, haben nicht ungerecht gelitten. Man kann nicht mit allen Verurtheilten Mitleid haben ... Aber, theuere Freundin, warum setzt Ihr Euch so finstere Gedanken in den Kopf? Wenden wir diesen Mauern den Rücken und gehen wir, wenn es Euch beliebt, in den Park. Ich habe Zelte dahin bringen lassen und dort erwartet uns ein köstliches Mahl. Nach dem Dessert wird man eine kleine Jagd veranstalten und Ihr werdet uns gewiß hierbei aufs neue Proben jener Geschicklichkeit geben, welche wir schon so oft zu bewundern Gelegenheit hatten.«

Die Anordnungen des Königs waren aufs beste ausgeführt worden. Nahe dem Eingange des Parkes war ein prachtvolles türkisches Zelt aufgeschlagen ? eine Trophäe, welche sich Sobieski unter den Mauern Wiens von den Osmanen geholt hatte ? und unter dem Zelte stand die gedeckte Tafel. Anna nahm den Ehrenplatz neben ihrem königlichen Geliebten ein. Aber die sonst so lustige, ja ausgelassene Gesellschaft konnte heute nicht recht in Zug kommen. Die Schwüle des Tages schien sich schwer auf die Gemüther der Höflinge gelegt zu haben. Selbst Kyau, der unerschöpfliche Kyau, schien heute mit seinem Witze zu Ende zu sein ? er brütete still über seinem Glase. August liebte es nicht, seine Umgebung in solcher Stimmung zu sehen; er beendete rasch das köstliche Frühstück und erhob sich sodann von der Tafel. Sogleich wurden von den Piqueurs die Jagdflinten herumgereicht. Man drang in den schattigen Park ein und die Jagd nahm ihren Anfang.

Nichts war aber heute im Stande, die Wolke zu verscheuchen, welche sich auf die Stirne der schönen Anna gelagert hatte. Unausgesetzt klangen die unheilverkündenden Worte der alten Wahrsagerin in ihren Ohren. Obwohl sie sich sagen mußte, daß gar nichts darauf hindeute, daß sie jemals bei dem König in Ungnade fallen könnte, war sie doch nicht im Stande, der traurigen Gedanken, welche sich ihrer bemächtigt hatten, Herr zu werden. August dagegen trug an diesem Tage eine geradezu tolle Lustigkeit zur Schau, und als ob er es darauf angelegt hätte, sich mit der Cosel in Widerspruch zu setzen, wurde er nicht müde, die Schönheiten Stolpens zu rühmen und die Wichtigkeit hervorzuheben, welche ein so fester Platz nahe der Grenze des Königreiches für ihn habe.

Der Tag war schon weit vorgerückt, als der Monarch, nachdem er mehrere Rehe und einen Eber erlegt hatte, das Zeichen zum Rückzug gab.

Der König stieg zu Pferde, Anna that desgleichen und ritt an seiner Seite. Die übrigen Theilnehmer an dem Ausfluge folgten. Man hatte indes kaum den Fuß des Berges erreicht und die letzten Häuser des Marktfleckens Stolpen hinter sich, als sich von Westen her ein heftiger Sturm erhob und ein Gewitter losbrach, welches die Gesellschaft nöthigte, sich nach einem Zufluchtsorte umzusehen. Da es in dem kleinen Flecken, welchen man eben passirt hatte, schwer möglich gewesen wäre, für den König und sein Gefolge ein passendes Obdach zu finden, sah man sich wohl oder übel gezwungen, nach dem Schlosse zurückzukehren. Das Schloß, das schon seit langer Zeit keine Gäste mehr gesehen hatte, mußte nun seine Pforten dem Könige öffnen, der sich mit der Gräfin nach dem Johannes-Thurme begab; die Höflinge ihrerseits zogen sich in die Räume des Sanct Donatus-Thurmes zurück.

Einige Strohsessel, an den Wänden hinlaufende Bänke und ein großer eichener Tisch bildeten die ganze Ausstattung des feuchten und dumpfigen gewölbten Saales, in welchem der König mit Anna ein Asyl gefunden hatte. Die Gräfin schmiegte sich fröstelnd an August an und rief aus:

»O, mein Geliebter, wie schaurig ist es hier! Wie bedrückend diese Mauern sind! Man fühlt ordentlich den Hauch des Todes durch dieses öde Gemach ziehen.«

»Wenn ich hätte voraussehen können, daß wir genöthigt sein würden, ein Obdach in diesem alten Thurme zu suchen, so wäre eines dieser Gemächer auf meinen Befehl etwas wohnlicher eingerichtet worden. Was wollt Ihr, Gräfin ? in diesen Mauern hauste eben lange niemand anders als Mönche, Gefangene und Kerkermeister. Das war niemals eine Stätte des Vergnügens; deshalb darf es Euch nicht wundernehmen, wenn die Wände und Möbel sich etwas schmucklos und altmodisch präsentiren.«

Gleichsam als wollten die Elemente das Ihrige dazu beitragen, den düsteren Eindruck zu verstärken, den dieser Ort auf die Gräfin machte, die heute zum erstenmale das Gefühl der Furcht kennen lernte, fiel nun schwerer Hagel nieder, der die in Blei gefaßten kleinen Scheiben der hohen Fenster zertrümmerte und prasselnd von den Dächern des Schlosses abprallte. Die Blitze zuckten fast ununterbrochen durch die graue Finsterniß und schauerlich wiederhallte das dumpfe Rollen des Donners in dem hohen Saale. Plötzlich fuhr ein Blitzstrahl an dem Donatus-Thurm hernieder und hüllte ihn von oben bis unten in ein grelles Feuermeer. Anna stieß einen Angstruf aus, der König aber blieb dabei ganz ruhig. Der Blitzschlag hatte nicht gezündet und an Stelle des Hagels ging nun ein ausgiebiger Platzregen nieder. Nachdem das Unwetter beiläufig eine halbe Stunde das Bergschloß umtobt hatte, verzog es sich langsam und bald zeigte sich am Firmamente ein herrlicher Regenbogen. Es fiel nun noch ein feiner Sprühregen, während sich das zerrissene Gewölk purpurroth zu färben begann und die Strahlen der untergehenden Sonne die erfrischte Natur in prächtiger Beleuchtung zeigten.

Anna athmete erleichtert auf.

»Gehen wir, gehen wir, mein theuerer Freund,« sagte sie zu August, »die Luft, die ich hier athme, lastet mir centnerschwer auf der Brust.«

Bald darauf saßen Alle wieder zu Pferde. Die durch das Gewitter gereinigte Luft war nun von angenehmster Frische und die Reiter sogen sie in gierigen Zügen ein, während sie von neuem den Weg nach der Stadt einschlugen.

Als man an der Hütte vorbeikam, bei welcher des Morgens die Begegnung der Gräfin mit der alten Wendin stattgefunden hatte, sah sich Anna forschend nach Mlawa um ? doch diese war nicht zu sehen. Als man aber eine Strecke weit geritten war, erblickte Anna die Alte, die am Rande der Straße stand, als erwarte sie den Zug, um, wie so viele andere Neugierige da und dort, den König zu sehen. Als Gräfin Cosel an ihr vorbeikam, warf Mlawa der Favoritin einen langen mitleidsvollen Blick zu und lächelte ihr wie einer alten Bekannten traurig nach. August wendete sich mit Abscheu von der alten zerlumpten Bettlerin ab, als er ihrer ansichtig wurde, und gab seinem Pferde die Sporen ...

In solcher und ähnlicher Weise suchte sich König August II., der eben eine Krone verloren, die ihn so viel gekostet hatte, die Zeit zu vertreiben. Er haßte Karl XII. aus ganzer Seele und beklagte sich bitter über das schwere Schicksal, das ihn getroffen. Noch mehr aber war er ungehalten über die undankbaren Polen. Ihnen allein schrieb er all sein Unglück zu, und selbst Diejenigen unter ihnen, welche, auf eine andere Wendung der Dinge in der Zukunft bauend, im Geheimen noch zu seiner Partei gehörten, wurden von ihm nur mit Zornesausbrüchen empfangen. Der königliche Athlet, der die Helden und großen Krieger um ihren Ruhm beneidete und der sich als geharnischter Ritter in allerlei martialischen Stellungen malen ließ, konnte es nicht verwinden, daß ein bartloser, junger Mann ihn besiegt, ja ihm in seinem eigenen Lande Gesetze dictirt hatte.

August fühlte das Bedürfniß, seinen verdüsterten kriegerischen Ruhm durch irgend eine kühne That wieder etwas aufzufrischen. In dieser Absicht stellte er dem Kaiser von Oesterreich seinen Degen zur Verfügung und begab sich nach Flandern, um dort gegen die Franzosen zu kämpfen. Unter dem strengsten Incognito trat er in den Stab des Prinzen Eugen von Savoyen ein. Hier wollte er nun durchaus Proben seines Muthes und seiner persönlichen Tapferkeit ablegen und setzte sich so oft unnöthigerweise jeder Gefahr aus, daß Marlborough und Prinz Eugen gezwungen waren, ihm das ihm anvertraute Commando wieder abzunehmen, damit nicht unnützerweise ein so kostbares Leben zum Opfer falle.

August pflegte öfter zu sagen, im Kriege müsse man ein wenig Fatalist sein und an eine Vorausbestimmung glauben.

Die bösen Zungen nahmen daraus Anlaß, zu verbreiten, daß der König, namentlich seit er dem Protestantismus abgeschworen hatte, an gar nichts mehr glaube. »Man sagt« ? schrieb Loen ? »daß der König seine Religion gewechselt habe; ich könnte leichter daran glauben, wenn er jemals eine solche gehabt hätte.« Sicher ist, daß August wenig Aufhebens von dem neuen Glauben machte, den er angenommen hatte. Man erzählt sich, daß er seinen Lieblingshund ? wahrscheinlich der nämliche, welcher den Flacon mit Böttchers Tinctur umgeworfen hatte ? einen geweihten Rosenkranz um den Hals hing.

Nach einem kurzen Aufenthalte im Lager der Kaiserlichen bekam August Heimweh, und in Voraussicht, daß die Belagerung von Lille geraume Zeit in Anspruch nehmen werde, beschloß er, Sachsen und seine Cosel wiederzusehen. Aber bevor er in seine Staaten zurückkehrte, hielt er sich ? immer unter dem Incognito eines Grafen von Torgau ? in Brüssel auf, und das Erste, was er daselbst that, war, die reizende Tänzerin Duparc zu einem Souper bei dem berühmten Restaurateur Vernus »zum Füllhorn« zu laden.

Vier Koryphäen der Oper, König August, Vitzthum, Bauditz und der Graf W?, tafelten da bis zum frühen Morgen. Beim Abschied mußte die hübsche Tänzerin dem König versprechen, daß sie nach Dresden kommen werde. Man sieht, daß die Gräfin Cosel ihm bereits etwas gleichgültiger zu werden begann.

2.
Ein Intermezzo.

Das Scepter, welches August II. für die Dauer seiner Abwesenheit den Händen der Gräfin Cosel anvertraut hatte, erschien nach und nach den sächsischen Höflingen als sehr drückend. Herrschsüchtig wie sie war, übte sie ihre Macht mit der Zuversicht einer Frau aus, welche von der Zukunft nichts zu befürchten hat; den Werth des Geldes nicht im Mindesten kennend, vergeudete sie es mit wahrem Raffinement. In dem Maße aber, wie ihre Macht über den König wuchs, vergrößerte sich auch von Tag zu Tag die Zahl ihrer Feinde. Niemals hatte eine der vielen Geliebten des leichtsinnigen Monarchen einen so unumschränkten Einfluß auf ihn ausgeübt. Die sonst so servilen Höflinge, welche gewohnt waren, ihrem Gebieter blindlings zu gehorchen, lehnten sich doch gegen das Joch dieser Frau auf und versuchten alle möglichen Mittel, sie zu stürzen. Fürstenberg, der Statthalter, und Flemming arbeiteten mit vereinten Kräften auf dieses Ziel los. Gräfin Cosel ahnte mehr diese Complote, als sie selbe wahrnahm. Wenn Zaklika, der eifrig Wachende, seine Gebieterin von dem, was am Hofe vorging, unterrichtete, hatte sie dafür nur ein wegwerfendes Lächeln und schenkte der Sache wenig Aufmerksamkeit.

Mit der Zeit nahmen diese Intriguen größere Dimensionen an; die Feinde der Gräfin kamen bereits in Conventikeln zusammen, wagten jedoch noch nicht, ihr offen den Krieg zu erklären. Sie waren vorläufig nicht geneigt, auf einen so ungleichen Kampf einzugehen, sie warteten daher auf die Rückkehr des Königs und auf irgend welche Symptome der Erkaltung zwischen ihm und seiner Favorite, um dann die Action zu beginnen. Die in den Hofintriguen gewandtesten und ränkevollsten Damen und Herren der vornehmen Gesellschaft reichten sich gegenseitig die Hand in dem Bestreben, den Sturz der Cosel herbeizuführen. Die Gräfin ihrerseits bot, ziemlich alleinstehend, nur von einer kleinen Anzahl am Hofe weniger einflußreicher Freunde umgeben, ihren Gegnern die Spitze. Zwischen diesen beiden Parteien gab es noch eine dritte, die der Unentschlossenen und klug Berechnenden, welche auf einen geeigneten Moment warteten, um sich auf die Seite der Stärkeren zu stellen. Man machte sich allseits auf einen langen Kampf gefaßt; indessen waren die Feinde der Gräfin nicht nur leidenschaftlich ergrimmt, sie zeigten auch Ausdauer, und sie kannten den Charakter des Königs zu gut, um nicht ihres schließlichen Triumphes in einer mehr oder minder nahen Zukunft sich versichert zu halten.

Es war in der That anzunehmen, daß die Cosel mit ihrem Hochmuth, ihrer Verschwendungssucht, ihrem jähzornigen Charakter trotz aller Anstrengungen ihrer Phantasie, um den König zu unterhalten, ihm eines Tages lästig werde. August hatte zwar bis jetzt Gefallen an diesem Verhältniß gefunden, aber von einem Tage zum anderen konnte sich die Wagschale zu Gunsten von Cosels Feinden neigen.

Alle, die am Hofe irgend einen Einfluß besaßen oder Geltung hatten, waren gegen sie. Fürst Egon von Fürstenberg, Graf Flemming, die Gräfin Reuß, Fräulein Hülchen, Frau von Vitzthum waren ihre Todfeinde geworden; die unausstehliche Baronin Glasenap aber trieb sich nur in ihrer Nähe herum, um zu spioniren und dann auf ihre Kosten allerlei erfundene Geschichtchen zu erzählen. Klugerweise die Abwesenheit des Königs für ihre Zwecke ausbeutend, hatten sich der Statthalter und Flemming dahin verständigt, Jeder für sich auf das nämliche Ziel hinzuarbeiten, nämlich August den Starken dahin zu bringen, daß er der Cosel überdrüssig werde, indem sie ihm von ihren extravaganten Launen und von dem wahrhaft fürstlichen Aufwand berichteten, den die Gräfin mache und der den Staat ruiniren müsse. Sie malten dies alles in so grellen Farben, daß der König, der Sache müde, ihnen endlich die Erlaubniß gab, den Anforderungen seiner Geliebten bis zu einem gewissen Grade Widerstand entgegenzusetzen. Fürstenberg ergriff daraufhin die nächste Gelegenheit, die Befehle der Gräfin zu ignoriren, welche hierüber höchlich entrüstet war. Wenn das Gefühl ihrer eigenen Würde sie nicht abhielte, erklärte sie, so würde sie den Statthalter aufsuchen und ihn öffentlich ohrfeigen. Fürstenberg kannte ihren Charakter sehr wohl und zweifelte durchaus nicht daran, daß sie bereit sei, eines Tages ihrer Drohung die That folgen zu lassen. Flemming zog gleichermaßen durch eine unüberlegte Aeußerung einen Sturm und die Rache der Cosel auf sein Haupt.

Beide gaben sich indessen, durch einen Brief von Bauditz davon unterrichtet, daß Mademoiselle Duparc vom König eingeladen worden war, nach Dresden zu kommen, der Hoffnung hin, daß das Regiment der Gräfin Cosel bald seinem Ende zuneigen werde und daß der Moment des Handelns bevorstehe.

Inzwischen war August in Dresden angekommen und hatte sich, ohne sich weiter um Fürstenberg zu kümmern, sofort nach dem Palast der »vier Jahreszeiten« begeben, wo er seine Geliebte auf dem Wege vollster Genesung, schöner und zärtlicher als je, aber in Thränen aufgelöst, fand.

»O, Sire!« rief sie, indem sie sich ihm an den Hals warf, »mit welcher Ungeduld habe ich Euere Rückkunft erwartet! Nie noch habe ich Euch sehnlicher herbeigewünscht als diesmal! ... Ach, rettet mich vor meinen Verfolgern! Bin ich denn nicht mehr Euere geliebte Cosel, habt Ihr mich denn wirklich verstoßen, daß diese Menschen es wagen dürfen, mich zu beleidigen, zu insultiren?«

»Wer?« fragte der König.

»Euere Berather, Euere intimsten Freunde. Flemming, dieser gemeine Trunkenbold, und Fürstenberg, dieser schleichende Intriguant, haben mich ja schon zum Gespötte der Leute gemacht! Als sie mich leidend sahen, haben sie sich verabredet, mich so lange zu quälen, bis ich vor Aerger und Kummer sterbe. O, mein König, rettet mich ? oder sagt mir lieber gleich, daß Ihr mich verstoßet!«

August beugte sich nach seiner langen Abwesenheit sofort wieder unter das Joch seiner unvergleichlich anmuthigen Geliebten. Sie hatte bald wieder dieselbe Macht über ihn gewonnen, welche sie vordem besaß.

»Sei ruhig, meine Liebe,« sagte August, »ich werde Flemming und Fürstenberg schon dafür bei den Ohren nehmen. Es scheint mir aber fast, daß Du Dir Dinge, die sicher ohne böse Absicht geschahen, zu sehr zu Herzen genommen hast. Man muß das auf Rechnung Deiner Krankheit setzen ...«

»Ohne böse Absicht? ... Du weißt, wie es scheint, nicht, daß diese Leute meine erbittertsten Feinde sind und daß meine ganze Umgebung dem gleichen Zwecke nachstrebt wie sie. Diese mir neidischen, auf mich eifersüchtigen Menschen wollen mich von Deinem Herzen reißen!«

Anna weinte heftig. Der König war kein Freund von Thränen; er that sein Möglichstes, sie zu trösten.

Als August, nachdem er mehrere Stunden bei der Gräfin verbracht hatte, in sein Schloß zurückkehrte, stand er wieder vollständig unter dem Zauber dieser Frau, und auf die erste Klage, welche Fürstenberg gegen sie vorzubringen versuchte, antwortete er ihm trocken mit dem Befehle, am nächsten Tage zu der Gräfin zu gehen und sie um Verzeihung zu bitten. Der Fürst schwieg.

»Ihr Beide,« fuhr der König fort, indem er sich zugleich an den ebenfalls anwesenden Flemming wendete, »habt Unrecht, und da ich keinen Zank und Streit in meiner Nähe liebe, werdet Ihr alle Zwei morgen zur Gräfin Cosel gehen und Frieden mit ihr schließen.«

Flemming, welcher es hie und da wagen durfte, dem König zu widersprechen, entgegnete:

»Sire, das wäre doch zu demüthigend für mich.«

»Und doch wird es geschehen müssen,« versetzte der König kalt, »wenigstens wenn Du es nicht vorziehst, überhaupt dem Hofe Adieu zu sagen ? denn bei der ersten Begegnung würde es einen Streit absetzen, die Cosel ist schwer zu besänftigen, und ich liebe einmal die Scandale nicht!«

Der General mochte noch so sehr über diese Zumuthung entrüstet sein ? nach einem Blick des Einverständnisses auf Fürstenberg kam er zu der Ueberzeugung, daß ihre Zeit noch nicht gekommen sei, daß man sich daher den Befehlen des Königs fügen müsse, und demgemäß handelten sie.

Am anderen Morgen ließ König August die beiden Herren in den Palast der vier Jahreszeiten rufen; es blieb nichts übrig, als Folge zu leisten.

Der Monarch selbst führte die Schuldigen bei der Gräfin ein. Diese empfing sie mit zorngeröthetem Gesichte und mit dem ganzen Stolz einer Königin.

»Ich glaube,« sagte August, »daß lediglich ein Mißverständniß Ursache zu den Beschwerden gegeben hat, welche die Gräfin gegen Euch erheben zu sollen glaubt wegen Eueres den ihr schuldigen Respect außer Acht lassenden Benehmens. Ich wünsche diesbezüglich alle unangenehmen Vorkommnisse und Erinnerungen verwischt zu sehen. Gräfin Cosel wird das Vorgefallene vergessen und Ihr, meine Herren, werdet ihr nichts nachtragen, wenn der Gräfin im Eifer einige Worte entschlüpft sind, welche Euch mißfallen mußten. Ich ersuche Euch also, das Geschehene zu vergessen!«

Während der König sprach, maßen sich die beiden gegnerischen Parteien mit den Blicken, in denen der Gräfin drückte sich Zorn und Verachtung aus, während aus den Augen Fürstenbergs tiefer Haß und aus jenen Flemmings Spott und Hinterlist leuchteten. Trotzdem verbeugten sich die Beiden mit der ausgesuchtesten Höflichkeit und man konnte die Worte, welche sie hierbei murmelten, leicht als eine Entschuldigung hinnehmen.

Man gab sich beiderseits keinen Illusionen über die Aufrichtigkeit dieses Friedens hin; man wußte, daß es nur ein Waffenstillstand von kurzer Dauer sein und daß bei der ersten passenden Gelegenheit der Kampf nur um so heftiger entbrennen werde.

Nach dieser officiellen Aussöhnung, deren geringen Werth August jedoch sehr wohl begriff, zogen sich Fürstenberg und Flemming zurück, der König aber blieb noch bei seiner Cosel.

Seine Liebe zu der schönen Anna dauerte nun schon fünf Jahre. Man wartete schon seit längerer Zeit vergeblich auf Anzeichen, welche darauf schließen ließen, daß August seiner Cosel überdrüssig sei. Die Gräfin Reuß und Frau von Vitzthum, welche beide die nächste Anwartschaft zu beanspruchen schienen, die Stelle der Favorite einzunehmen, suchten vergeblich nach einer Falte, nach irgend einem Schatten auf den Zügen der Gräfin ? die schöne Geliebte des Königs gehörte zu jenen bevorzugten Wesen, welche mit ewiger Jugend begabt zu sein scheinen und über deren Antlitz Schmerz und Kummer keine Gewalt haben. Die vorübergehenden Liebschaften Augusts mit Weibern, die tief unter der Cosel standen, konnten ihn zerstreuen, ihn auf Augenblicke unterhalten, niemals aber die Leidenschaft verdrängen, welche er für Diejenige hegte, die alle Frauen durch ihren edlen Charakter und ihren hellen Geist so hoch überragte. August, von Natur aus eitel, konnte in der That stolz sein auf diese seine Eroberung, während er über seine Anderen gar oft zu erröthen Ursache hatte. Bisher war ihm noch kein Weib begegnet, welches Anna an Schönheit, an Geist und Charakter erreicht hätte; selbst die Verleumdung prallte machtlos an ihr ab, denn ihr Thun und Lassen lag offen da und bot auch nicht den geringsten Anlaß zu irgend einem Verdachte wider sie. Alles, was ihr vorgeworfen werden konnte, war ihr grenzenloser Hochmuth und die Prätension, welche sie auf den Titel einer Gemahlin Augusts und einer Königin erhob.

Kurze Zeit nach den Vorfällen, welche wir soeben erzählt haben, suchten die Feinde der Gräfin neuerdings Zwistigkeiten zwischen ihr und dem König hervorzurufen. Die an Fräulein Duparc ergangene Einladung, nach Dresden zu kommen, bot ihnen hierzu erwünschte Gelegenheit. Sie kannten den eifersüchtigen Charakter der Cosel und wußten, welche Vorwürfe, ja Drohungen August wegen seiner kleinen Liebschaften schon hatte über sich ergehen lassen müssen. Man beschloß, sich hierbei der Glasenap zu bedienen.

Als der König die Duparc einlud, nach Dresden zu kommen, hatte er ihr nicht mitgetheilt, wer er sei. Die Tänzerin, welche ihn nur unter dem Namen eines Grafen von Torgau kannte, suchte ihn, als sie in Dresden anlangte, vergeblich in der ganzen Stadt. Sie hatte in dieser Stadt eine Tante, welche Mitglied der Truppe des königlichen Theaters war. Zu dieser begab sie sich. Die Tante führte sie zu dem Kämmerer Murdachs, der Director der königlichen Schauspiele war und den der König vorher instruirt hatte. Sie war nicht wenig erstaunt, als sie sah, daß ihre Nichte mit der größten Zuvorkommenheit von dem Kammerherrn empfangen wurde, daß dieser sich in galantester Weise ihr zur Verfügung stellte und ihr den Wunsch ausdrückte, sie in dem Ballet: »Die Prinzessin von Elis«, das zur Feier der Rückkunft des Königs in Vorbereitung war, debutiren zu sehen. Obgleich der Kammerherr stets im Namen des Grafen von Torgau sprach, begannen sowohl Tante als Nichte die Wahrheit zu ahnen, und sie sahen sich in ihrem Verdachte noch bestärkt durch die Geschenke, welche ihnen der angebliche Graf insgeheim zuschickte.

Der ganze Hof erfuhr gar bald, daß Mademoiselle Duparc vor freudiger Aufregung in Ohnmacht fiel, als sie den König im Theater erblickte und in ihm den Grafen von Torgau wiedererkannte, und daß August sofort der Schauspielerin Beltour die Weisung zukommen ließ, der ohnmächtig Gewordenen die sorgfältigste Pflege angedeihen zu lassen.

Gräfin Cosel fühlte sich sehr verletzt durch diese übergroße Besorgniß für die Gesundheit einer Abenteurerin.

»Mir dünkt,« sagte sie in wegwerfendem Tone, »daß dies etwas zu viel Güte für ein unbekanntes Geschöpf ist, welches sicherlich nicht eine solche Aufmerksamkeit verdient.«

Etwas pikirt entgegnete August darauf: »Mit Recht hätte man mir schon oft Vorwürfe machen können über meine Güte für Leute, welche dieselbe mißbraucht haben; ich glaube indessen, daß Fräulein Duparc bescheidener sein wird.«

Dieser Vorgang spielte sich in der Loge der Gräfin ab. Die Letztere, welche kaum ihrer Erregung Herr werden konnte, warf sich in einen Fauteuil und rief aus: »Euer Majestät scheinen einen ganz besonderen Gefallen an Landstreicherinnen zu finden!«

Der König, welcher nach diesen Worten nicht ohne Grund eine unliebsame Scene befürchtete, erhob sich und begab sich nach der Loge der Königin, wo sich auch sein Schwager, der Markgraf von Brandenburg-Baireuth, befand.

Allein in ihrer Loge zurückgeblieben und den Blicken, sowie dem spöttischen Lächeln des ganzen Hofes ausgesetzt, blieb Gräfin Cosel noch einige Augenblicke, das Haupt tief auf die Brust gesenkt, wie vernichtet sitzen; dann rief sie ihre Leute herbei und sagte, daß sie sich unwohl fühle.

Man führte sie zu ihrem Tragsessel und sie kehrte nach Hause zurück.

August, welchen jeder Versuch, seine Absichten zu durchkreuzen, in die lebhafteste Entrüstung versetzte, unterließ es, sich zu ihr zu begeben, ja, er ließ nicht einmal Erkundigungen nach ihrem Befinden einholen.

Die Cosel verbrachte den ganzen Abend in Thränen, in voller Verzweiflung und unter den schmerzlichsten Empfindungen. Sie dachte schon an keinerlei Besuch mehr, als noch ziemlich spät in der Nacht die Baronin Glasenap ganz unerwartet zu ihr kam.

Bei dem aufgeregten Zustande, in welchem sich die Gräfin befand, schien es ihren Feinden, daß man, wenn man ihre Eifersucht noch mehr erregte, namentlich da der König durchaus keine Rücksicht auf sie nehmen zu wollen schien, leicht den unvermeidlich scheinenden Bruch beschleunigen könne.

Mademoiselle Duparc konnte zwar in keiner Hinsicht einen Vergleich mit der Gräfin Cosel aushalten, die Tänzerin hatte sich auch nie davon träumen lassen, ein so hohes Ziel zu erreichen; aber es schien jetzt vor allem gerathen zu sein, sich ihrer zu bedienen, um die Cosel zu stürzen oder wenigstens deren Macht zu erschüttern.

Man konnte keine bessere Wahl treffen, wenn man das Feuer schüren wollte, als indem man die verschlagene Glasenap zu der Gräfin schickte. Sie heuchelte der in Thränen aufgelöst auf ein Sopha hingestreckten Cosel gegenüber das größte Mitleid und begrüßte sie mit folgenden Worten:

»Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, meine Liebe, wie es mir das Herz zerreißt, wenn ich an Euer Schicksal denke ... Ich weiß alles. Ich habe gesehen, was sich zugetragen hat ... Ich bin entrüstet darüber, bin außer mir! Aber das ist alles noch nichts ? Ihr wisset nicht, was der König nach Euerem Weggehen gethan hat? ... Das setzt allem die Krone auf. Er ließ den Kammerherrn Murdachs rufen und befahl ihm, ein Souper zu arrangiren, zu welchem er die Duparc und drei andere Schauspielerinnen einlud. Ich weiß das alles aus der besten Quelle. Nach dem Theater begab er sich zu Murdachs und traf mit diesen Damen zusammen ... Die Tänzerin warf sich ihm zu Füßen, er hob sie voll Güte auf und zeigte während des ganzen Soupers die liebenswürdigste Laune. Er ist in diesem Augenblicke noch mit der Duparc zusammen; indessen hat er die anderen Schauspielerinnen, deren Jeder er ein Geschenk von dreihundert Thalern nebst einer schönen Robe gemacht, weggeschickt.«

Während die hinterlistige Glasenap ihr alles dies erzählte, machte die Gräfin fast übermenschliche Anstrengungen, um ihre Aufregung zu bemeistern.

»Ich bin durchaus nicht sehr erstaunt über das, was Ihr mir da erzählt,« sagte die Gräfin. »Glaubt ja nicht, daß ich deshalb eifersüchtig wäre. Ich habe das schon erlebt, er kehrte zur Teschen zurück, liebte Henriette Duval und so viele Andere, die ich nicht aufzählen will. Wenn ich weine, so geschieht es über die Selbsterniedrigung des Königs; ich bedauere ihn mehr als mich selbst.«

Bei diesen Worten erhob sich Anna vom Sopha und trocknete ihre Thränen. Das plötzliche, unvermuthete Auftauchen dieser warmen Freundin ließ sie eine neue Intrigue ahnen; sie fühlte die Nothwendigkeit, dagegen auf der Hut zu sein, und so kam es, daß der Besuch der Baronin eine ganz andere Wirkung hervorbrachte, als beabsichtigt war. Die Cosel unterdrückte ihren Unmuth und blieb nun völlig ruhig. Baronin Glasenap versuchte vergeblich ihren Zorn zu erregen. Der Schmerz über die erlittene Kränkung zerwühlte zwar ihr Herz, aber sie ließ davon nichts merken und es gelang ihr, sich vollständig zu beherrschen.

»Liebe Baronin,« sagte sie endlich, »ich fühle meinen Werth zu sehr, als daß eine solche Laune des Königs mich besonders angreifen sollte; es ist dies nicht die erste und wird sicherlich auch nicht die letzte sein. Wir Frauen müssen uns leider an Dinge dieser Art gewöhnen. Ich schäme mich für den König, allein ich fürchte nicht, daß dieser Zwischenfall sein Herz mir entfremden könnte.«

Des anderen Tages hatte sich die neue Leidenschaft des Königs bereits wieder etwas mehr abgekühlt. Er kam zwar des Morgens nicht wie sonst zur Cosel, denn er hatte einigermaßen Furcht vor der Lebhaftigkeit ihres Temperaments, aber er schickte Vitzthum als Parlamentär.

Vitzthum hatte bis jetzt an keiner der Intriguen gegen die Gräfin theilgenommen und stand daher auf gutem Fuße mit ihr; er gab sich denn auch den Anschein, als käme er aus eigenem Antriebe, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Er fand sie zwar etwas traurig gestimmt, aber ruhig, ihre ältere Tochter auf den Knien haltend. Sie ließ kein Wort fallen über die Vorfälle des gestrigen Abends. Der Graf fragte sie, wie es ihr gehe, und wagte seinerseits keinerlei Anspielungen auf das, was sich Tags vorher zugetragen hatte, zu machen.

»Ich befinde mich wohl, wie Ihr seht, Graf,« sagte die Cosel mit einem leichten Lächeln; »habe ich etwa ein leidendes Aussehen?«

»Ihr seid immer gleich schön, Madame!«

»Und Ihr, Graf, immer gleich artig und freundlich gegen mich.«

Man sprach von verschiedenen gleichgiltigen Dingen; Vitzthum, welcher sah, daß die Gräfin nicht zuerst von August oder der Duparc reden wollte, hielt sich nicht lange bei ihr auf, sondern empfahl sich gar bald und ging dann zu dem König zurück, um diesem mitzutheilen, daß er die Cosel gegen alle Erwartung ruhig gefunden hatte.

Die Feinde der Gräfin lauerten inzwischen mit lebhaftester Neugierde, ob der König sich ihr wieder nähern würde, nachdem er ihr so deutlich seinen Unwillen zu erkennen gegeben hatte.

Gegen Abend begab sich August zu der Gräfin.

Die Nachricht davon verbreitete sich rasch und alles war enttäuscht. Man rechnete nun noch ein wenig auf die Heftigkeit der Cosel.

Sie sowohl als der König beobachteten indessen viel zu viel Vorsicht und Zurückhaltung bei dieser Begegnung, als daß irgend ein Anzeichen eines Zerwürfnisses zu Tage getreten wäre. Der König war offenbar nicht gesonnen, Anna aufzugeben. Er war an ihre Gesellschaft zu sehr gewöhnt und obgleich die frühere Glut der Leidenschaft in seinem flatterhaften Herzen seit geraumer Zeit schon etwas erkaltet war, so machte doch die Gewohnheit ihr Recht geltend ... Er konnte die Duparc nicht als gleichberechtigt mit Anna anerkennen. Letztere aber war Mutter; sie entschloß sich, der Königin nachzuahmen und die Unbeständigkeit dessen, den sie als ihren Gemahl betrachtete, als etwas Unabwendbares hinzunehmen.

»Ihr habt mir gestern im Theater eine nicht sehr angenehme Scene bereitet,« sagte der König. »Ihr wisset doch zur Genüge, wie wenig ich ein Freund solcher Auftritte bin, namentlich wenn sie sich in der Oeffentlichkeit abspielen. Gesteht, daß derlei weder meiner, noch Euerer würdig ist.«

»Sire, meine Liebe für Euch ...«

»Sollte Euch vernünftiger machen,« unterbrach sie der König.

»Die Liebe ist von allen Leidenschaften diejenige, welche am wenigsten vernünftig macht,« erwiderte Anna. »Und verlange ich denn etwas so Unmögliches ? die Liebe meines Gebieters, aber eine beständige Liebe!«

»Daß Ihr Euch diese lächerliche Eifersucht nicht abgewöhnen könnt!«

»Gebt mir keinen Anlaß dazu!« warf Anna ein.

Der König zuckte mit den Achseln. »Kindereien!« rief er aus.

Die Gräfin antwortete nichts darauf. Sie ersah aus den Mienen des Königs, daß noch kein Grund vorlag, für ihre Herrschaft zu fürchten. Als sie schieden, waren sie völlig ausgesöhnt. Indessen nahmen die Beziehungen zwischen ihnen von diesem Augenblicke ab doch einen etwas geänderten Charakter an; an die Stelle der aufrichtigen, leidenschaftlichen Liebe trat mehr eine rücksichtsvolle Aufmerksamkeit und Galanterie.

Des anderen Tages kam die Baronin Glasenap wieder zu der Gräfin, um dieser zu erzählen, daß der König noch immer Zusammenkünfte mit der Tänzerin Duparc habe und daß er sie mit Gunstbezeigungen und Geschenken überhäufe. Die Cosel aber empfing sie sehr kalt und brachte sie durch ihre Gleichgiltigkeit fast ganz aus der Fassung.

Die Höflinge und namentlich Frau von Reuß und Fürstenberg, welche gehofft hatten, daß die Affaire einen anderen Ausgang nehmen werde, begriffen, daß die Gräfin entschlossen sei, ihren Charakter zu verleugnen, ihren Stolz zu bezähmen, um trotz allem und allem ihre Stellung als Maitresse des Königs zu behaupten. Alle waren darüber höchlichst erschrocken. Die Cosel von ehedem war ja weit weniger zu fürchten als die neue Cosel.

Die romantische Scene mit der Ohnmacht der Duparc hinter den Coulissen, das Souper bei Murdachs ? dieses ganze Carnevalsabenteuer, das man zu einem Ereigniß aufbauschen wollte, ergab, wie man sah, ein ganz anderes Resultat. Der König, der sich im ersten Augenblick durch die Eifersucht, welche Frau von Cosel so offen zur Schau getragen hatte, abgestoßen und verletzt fühlte, erblickte darin nach einiger Ueberlegung nur eine neue Probe wahrhafter Zuneigung und fühlte sich dadurch sehr geschmeichelt. So oft er die Gräfin sah, mußte er jedesmal bittere Vorwürfe wegen der Duparc hinnehmen; aber immer endeten diese Auftritte mit voller Versöhnung und neuen Zärtlichkeitsbezeigungen.

August wollte nie seine Fehler eingestehen.

»Aber liebe Cosel,« sagte er lächelnd, »Ihr gebt Euch da Hirngespinnsten hin und quält Euch unnöthigerweise. Wie könnt Ihr nur daran denken, daß ich eine Andere liebe? Habt Ihr denn irgend einen Beweis dafür? Bin ich weniger zärtlich, weniger hingebend, weniger folgsam als früher? Bin ich nicht stets bereit, auch Euere leisesten Wünsche schon im voraus zu erfüllen? Darf ich denn keine Frau mehr ansehen oder mit ihr sprechen, ohne daß Ihr mich beschuldigt, ich mache ihr den Hof? Ich bin aufrichtig, und glaubt mir, wenn ich Euch nicht über alles in der Welt liebte ? diese ewigen Eifersüchteleien, diese unaufhörlichen Vorwürfe hätten mich Euch schon längst entfremden müssen.«

Auf diese halb feierlich, halb in scherzendem Tone vorgebrachten Betheuerungen antwortete Anna: »Ich weiß wohl, Sire, daß ich Euch mit meinen Tag für Tag wiederkehrenden Klagen ermüde und langweile; aber ich muß doch ein offenes Auge haben für das Verhalten und die Liebschaften meines Herrn und Gebieters. Indessen sind all meine Aufmerksamkeit und Klagen nicht im Stande zu verhindern, daß ich betrogen werde ? ich und tausend Andere, ebenso eifersüchtige wie ich.«

Der König lächelte befriedigt, denn die ihm zugedachte Jupiterrolle schmeichelte seiner Eitelkeit ...

Er hatte stets wieder von neuem Grund, sich Vorwürfe machen zu lassen und sich zu rechtfertigen. Die Duparc, ein Geschöpf, welches eben nur gerade für die flüchtige Laune eines Libertins gut genug war, hatte August nicht lange zu fesseln vermocht. Ihr gemeines Benehmen, ebenso wie dasjenige der anderen Theaterkoryphäen, erweckte gar bald in dem König das Bedürfniß nach besserer Gesellschaft. So erlangte denn die Cosel nach kurzer Zeit ihren früheren Einfluß wieder; ja, zum großen Aerger all Jener, welche ihren Sturz beschlossen hatten, schien derselbe eher noch zu wachsen und sich zu befestigen.

Der deutlichste Beweis dafür, daß die Gräfin das Herz des Königs noch immer voll und ganz besaß, ergab sich im folgenden Jahre, als König Friedrich IV. von Dänemark, auf der Rückkehr von Italien begriffen, bei der Durchreise in Dresden seiner Tante, der Königin Eberhardine, einen Besuch machte. August, welcher stets darauf bedacht war, ohne Rücksicht auf die Kosten die glänzendsten Feste und Vergnügungen zu ersinnen, um die übrigen europäischen Höfe durch den Glanz des seinigen zu verdunkeln, war gesonnen, seinen erlauchten Neffen auf die großartigste Weise zu empfangen und zu bewirthen.

Er selbst entwarf das Programm zu den überraschenden Unterhaltungen, welche Friedrich IV. zu Ehren stattfinden sollten, und die Unterthanin des Dänenfürsten, Gräfin Cosel ? bekanntlich eine geborene Holsteinerin ? war dazu ausersehen, hierbei die hervorragendste Rolle zu spielen. War sie doch in der That so schön, daß selbst ihre Feinde dies rückhaltslos anerkennen mußten. Wenn sie nun gar in den geplanten Festspielen als Göttin, Fee oder Königin auftrat, so mußte sie ganz entschieden durch ihre majestätische Haltung und durch den Glanz ihrer Schönheit alle Frauen, die sie umgaben, verdunkeln. August selbst fand für sich eine Art Rechtfertigung darin, daß er einem so ausgezeichneten und hervorragenden Weibe seine Huldigungen darbrachte.

Sobald die Nachricht, daß Friedrich IV. nach Dresden kommen werde, in der Hauptstadt einlangte, wurde sogleich das Festprogramm für die ganze Dauer seines Aufenthaltes in dieser Stadt festgestellt. Fürstenberg, Pflug und Flemming, begleitet von einem großen Gefolge von Kammerherren, Cavalieren und Pagen, sowie einer Truppenabtheilung mit einer Musikkapelle an der Spitze, wurden dem jungen Monarchen zur Begrüßung entgegengeschickt.

Aus Schicklichkeitsrücksichten, damit die Königin ihren Neffen ungestört begrüßen konnte, mußte Gräfin Cosel am Tage der Ankunft des dänischen Monarchen zu Hause bleiben. Mit einer glänzenden Suite ritt ihm August selbst bis auf zwei Meilen vor Dresden entgegen und geleitete ihn dann unter dem Donner der Geschütze, den lauten Begrüßungen der Volksmenge und dem Geschmetter der Trompeten in die Stadt. Die Straßen, durch welche sich der Zug bewegte, sowie alle öffentlichen Gebäude waren feenhaft beleuchtet und vor dem Schlosse harrte eine Abtheilung Garde in ihren goldstrotzenden Uniformen der Ankunft des Souveräns. Auf der großen Freitreppe des Palastes empfing Königin Eberhardine mit ihrem Sohne den jungen König und geleitete ihn in ihre Gemächer. August folgte ihnen allein nach.

Als man in den großen Empfangssaal eingetreten war, stellte die Königin ihrem Gaste alle ihre Hofdamen vor, welche da versammelt waren. Dieser officielle Empfang dauerte indes nur kurze Zeit; nachdem sich Friedrich noch einige Minuten mit der Königin und ihrer Familie unterhalten hatte, ließ er sich von dem Hausherrn nach den für ihn bestimmten Gemächern führen. Hier wurde ein paar Augenblicke ausgeruht, worauf August den Arm seines Gastes nahm und ihn durch die gedeckte Galerie aus dem Schlosse nach dem Palaste der Cosel führte, um dort mit ihm den Abend zu verbringen.

An den folgenden Tagen bildete den Höhepunkt der Festlichkeiten ein äußerst glänzendes Souper im großen Saale des Schlosses, mit all dem Ceremoniell, wie es am damaligen sächsischen Hofe eingebürgert war. August liebte es, bei solchen Gelegenheiten gleich Ludwig XIV. die höchste Pracht zu entfalten. Alle die Edelleute, welche irgend ein Amt bei Hofe bekleideten, die Haushofmeister, Mundschenke, Küchenmeister, ein ganzes Heer von Pagen etc., mit ihren prächtigsten Gewändern angethan, umstanden die reichbesetzten Tafeln.

Dem dänischen Herrscher wurde ein Platz zwischen der Königin und dem König angewiesen ... Eine Kanonensalve dröhnte nach dem ersten Toast über die Stadt, das Orchester brach in schmetternde Fanfaren aus.

Der Anblick des Saales war wirklich ein feenhafter. Das Gold, das Silber, die Krystalle, diese Lichtströme und diese Blumenmassen bekundeten einen Reichthum und Luxus, wie ihn nur wenige der fürstlichen Höfe in Europa aufzuweisen hatten.

Die Tafel, deren goldenes Service reich mit Edelsteinen incrustirt war ? wahre Meisterwerke der Goldschmiedkunst gab es da zu sehen ? umschwebten die Damen des prachtliebenden Hofes Augusts des Starken, eine schöner als die andere, wie lebende Blumen.

Gräfin Cosel war aber entschieden die Schönste unter ihnen. In ihrem Costüme, das von Diamanten strahlte, glich sie einem Wesen aus anderen Sphären. Die kostbaren Edelsteine in ihren prächtigen Haaren und am Gürtel erglänzten wie Thautropfen im Sonnenschein.

Der König von Dänemark, auf welchen sie großen Eindruck gemacht hatte und der übrigens stets ein sehr galanter Fürst war, wollte nicht dulden, daß die Gräfin während des Soupers stehen bleibe, und um zugleich seinem Wirthe ein Vergnügen zu machen, bat er diesen inständig, er möge gestatten, daß sie an der Tafel bei den Gästen des Königs platznehme. Auf ein Zeichen des Letzteren brachte man ein Tabouret für die Cosel herbei, was natürlich die anderen Damen, welchen eine solche Ehre nicht zutheil wurde, gar sehr ärgerte und in ihrem Hasse und ihrer Eifersucht gegen die schöne Favorite neu bestärkte.

König Friedrich verweilte vierzig Tage in der sächsischen Hauptstadt, und die in Bezug auf Unterhaltungen und Zerstreuungen geradezu unerschöpfliche Erfindungsgabe des Königs brachte es zuwege, daß seinem Gaste jeden Tag ein neues Vergnügen geboten werden konnte. Niemand verstand es wie August, die Lustbarkeiten eines fürstlichen Hofhaltes zu vervielfältigen. Er war ein Meister in der Kunst, allerlei Ueberraschungen vorzubereiten, und erregte durch solche Theatercoups eigener Erfindung gar oft Staunen und Bewunderung. Es war dies vielleicht das bedeutendste Talent des Monarchen, und dieses wurde von seinen Zeitgenossen auch einstimmig gebührendermaßen anerkannt.

Alle diese Festivitäten waren natürlich sehr kostspielig. Noch lange nach Augusts Regierung suchte man sie nachzuahmen, aber es gelang nicht, ihnen an Pracht und Glanz Ebenbürtiges an die Seite zu stellen. Die Dresdener Carnevalsfeste, welche in den Höfen des königlichen Schlosses oder auf dem Marktplatze der Altstadt stattfanden, lockten stets eine Menge von Edelleuten, Höflingen u. s. w. herbei. Da man zur Theilnahme an diesen Aufzügen nur im Costüme und unter Nachahmung der Gebräuche der verschiedenen Völker zugelassen wurde, so ruinirte sich der Adel hierbei, da Einer den Anderen an Pracht und Kostbarkeit des Costüms zu übertreffen suchte.

Dieselbe Mannigfaltigkeit wie in den hier erwähnten Festen, herrschte auch in den Jagdvergnügungen jener Zeit. Da gab es Hirschjagden mit wohldressirten Hundemeuten, Eberjagden zu Pferd in den Wäldern nächst Dresden, dann Fuchs-, Hasen-, Fasan- und Rebhuhnjagden. Am meisten Gefallen fand König August stets an Wildschweinjagden.

Was endlich die übrigen ritterlichen Vergnügungen und Uebungen jener Zeit anbelangt, so cultivirte man namentlich das Ringstechen, die Carroussels, das Wettlaufen und das Scheibenschießen bei Fackelschein. In dem geräumigen Garten des sogenannten »Zwingers« waren die Scheiben zu letzterem mit einer Vorrichtung versehen, welche bewirkte, daß, sobald die Kugel ins Centrum einschlug, sich ein Feuerwerk entzündete. Hunderte von Raketen erhellten gleichzeitig die Luft. An die Schützen wurden je nach ihrer Geschicklichkeit werthvolle Preise vertheilt. Ebenso waren Schlittenfahrten und Schlittschuhlaufen in der kalten Jahreszeit sehr beliebte Unterhaltungen.

Am längsten hielten sich in Polen im achtzehnten Jahrhundert die beliebten »Wirthschaften« und die Jahrmärkte. Die vornehmen Damen übernahmen hierbei die Rolle von Wirthinnen, Marketenderinnen, Verkäuferinnen und bedienten ihre Gäste in anmuthigster Weise. Die hierzu Eingeladenen verkleideten sich als Bauern oder Zigeuner. Solche Feste fanden stets des Nachts bei glänzender Illumination statt; meist war hierzu auch ein Marionettentheater aufgestellt und wurden Musikkapellen auf Estraden an verschiedenen Orten postirt.

Wenn es König August einmal einfiel, eine Schlittenfahrt machen zu wollen, und es stellte sich Thauwetter ein, so wußte man diesem Uebelstande unschwer abzuhelfen; auf Tausenden von Wagen mußten die Bauern den Schnee vom Gebirge herbeiführen und auf den Straßen, welche die Schlitten passiren sollten, aufschichten.

Die Maskenfeste und Bälle, welche man in dem ungeheuren Saale des Zwingers oder auf einem freien Platz vor demselben veranstaltete, zeichneten sich ebenfalls durch außerordentliche Pracht aus. Sieben Riesenluster mit mehr als fünftausend Kerzen erleuchteten den großen Saal taghell. Im Audienzsaale nebenan wurden achtzehn große Tafeln, beladen mit den köstlichsten Gerichten und den herrlichsten Weinen, für die Gäste des Königs aufgestellt. Zu den Maskenfesten war der Eintritt Jedermann gestattet, der in einem anständigen Costüme erschien und beim Eingang seinen Namen nannte.

Manchmal verließen die Masken wohl auch in einem Anfall übermüthiger Laune den Ball, zerstreuten sich in den Straßen der Stadt und stürmten in die Häuser der friedlichen Bürger, wo sie das Unterste zu oberst kehrten. Unter dem Titel der Carnevalsfreiheit war es den so Ueberfallenen verboten, den Eindringlingen die Thür vor der Nase zuzuschlagen, und da von den Kutschern an bis zu den höchsten Würdenträgern hinauf Alles Masken trug, so wagte man es umsoweniger, jenem Verbote zuwider zu handeln, als man nie sicher war, ob nicht vielleicht der König selbst sich unter den Uebermüthigen befand.

Das französische Theater, die italienische Oper, die Ballete, die Concerte, für welche man geradezu kolossale Summen aufwendete, boten ebenfalls viel angenehmen Zeitvertreib. Die Gagen einzelner Säuger und Musikanten erreichten für jene Zeit ganz unerhörte Beträge. Die erwähnten Institute kosteten zusammen dem Staatsschatze sicherlich mehr als achtmalhunderttausend Thaler jährlich.

Die militärischen Schauspiele, Revuen, Manöver, Scheinkämpfe etc. dienten gleichfalls dazu, dem Hofe Zerstreuung zu bieten. Man bezog Feldlager in den Umgebungen der Stadt und amüsirte sich da in vollster Ungebundenheit unter Gottes freiem Himmel. ? Jeder Tag brachte ein neues improvisirtes Fest, nöthigte zu neuen Ausgaben, zur Anschaffung neuer Costüme. Doch das waren Dinge, welche den König wenig kümmerten. Jeder, der bei den verschiedenartigen Schauspielen und Aufzügen seine bestimmte Rolle zugetheilt bekommen hatte, war gehalten, sich darnach zu costümiren, um dieselbe entsprechend darzustellen. Bald war es die Vermählung des Jupiter, bald Spiele des Mars, bald ein Fest der Diana oder des Mercur, was man darstellte; es wäre geradezu ermüdend, alle diese Schauspiele und Maskeraden hier aufzuzählen.

Die Anwesenheit des Dänenkönigs in Dresden gab natürlich Anlaß, alles, was in dieser Richtung bisher am sächsischen Hofe geleistet worden war, zu überbieten. König August wollte dem Neffen einen Beweis seines Reichthums und der Pracht und Vornehmheit seines Hofes geben.

Gräfin Cosel feierte in diesen Tagen ihre höchsten Triumphe. Die beiden Könige kleideten sich in ihren Farben; bei Illuminationen und Feuerwerken sah man überall ihren Namenszug strahlen; sie vertheilte die Preise an die Sieger bei den ritterlichen Spielen; beim Ringstechen überragte sie alle Damen des Hofes durch ihre Geschicklichkeit. Wo sie erschien, wurde sie mit Huldigungen überhäuft.

Die Augen der schönen Frau leuchteten vor Glück und Stolz. Dem König schmeichelten ihre Erfolge nicht wenig. Sie errieth ihrerseits jeden seiner Wünsche, gab ihm in allem Rathschläge und unterstützte ihn bei der Ausführung seiner oft etwas extravaganten Programme.

Das glänzendste und großartigste dieser Feste war ohne Zweifel ein »Zug der Götter und Göttinnen«, der bereits im Jahre 1695 einmal aufgeführt worden war, aber mit bedeutend weniger Pracht und Glanz.

Der König von Dänemark figurirte dabei in der Rolle des Jupiter, August in derjenigen Apollos und die Cosel stellte Diana vor, umgeben von einem Schwarm bezaubernder Nymphen. Hinter ihnen kam ein prächtiger vergoldeter Wagen mit einer Musikkapelle. Auch die Königin hatte den Wunsch geäußert, an diesem Feste theilzunehmen. Sie befand sich in einem das Sanctuarium der Vesta vorstellenden Wagen und verrichtete dort die priesterlichen Functionen dieser hehren Göttin.

August konnte es noch immer getrost wagen, die Rolle des Apollo zu spielen. Er hatte seine majestätische Haltung noch voll und ganz bewahrt und sein Antlitz verrieth nicht im mindesten, daß er irgendwie unter den Schicksalsschlägen, welche sein Land getroffen, gelitten hätte.

Anna von Cosel und König August waren wahrhaft unermüdlich inmitten all dieser Vergnügungen und fühlten sich dabei Beide ganz in ihrem Element. Die Gräfin folgte ihrem königlichen Geliebten auf Schritt und Tritt; sie verschwanden nur vom Schauplatze, um der nöthigen Ruhe zu pflegen.

Anna strahlte vor Freude; ihre Erfolge schienen sie förmlich zu berauschen. Wie konnte dies auch anders sein! Ist ja doch das Herz einer Frau so wenig darnach beschaffen, Schmeicheleien und Huldigungen zu widerstehen, und vollends den Schmeicheleien eines ganzen Hofes ...

Eigens für die Cosel waren die Ringelrennen arrangirt worden, in denen sie so leichte Triumphe davontrug. Die beiden Könige wetteiferten an Aufmerksamkeit für sie; der Eine führte sie am Arme, der Andere hielt sich an ihrer Seite; der Hofstaat ging hinter ihnen. Die Königin aber sah der Scene von ihrer Loge aus zu ...

3.
Feinde ringsum.

Angesichts der Triumphe der Cosel bei den Ringelstechen und Carroussels, in welchen sie eine für ihr Geschlecht ganz ungewöhnliche Geschicklichkeit und Bravour an den Tag legte, fühlte der frivole König August, der an den Siegen der Gräfin regen Antheil nahm, seine Liebe zu ihr wieder von neuem sich entflammen.

Eine große, auserlesene Gesellschaft, darunter natürlich viele Gäste des Hofes und eine große Anzahl von Fremden, wohnte diesen vom herrlichsten Wetter begünstigten Schauspielen bei. In den Logen und den amphitheatralisch aufsteigenden Galerien, welche den großen Turnierplatz umsäumten, sah man Tausende von Neugierigen und die gewähltesten und prächtigsten Toiletten. Die fürstlichen Zuschauer klatschten den Siegern eifrig Beifall, für die Cosel hielten sie herrliche Geschenke bereit. Niemand schien die von Neid und Ingrimm verzerrten Gesichter der Hofdamen und der ihnen ergebenen Cavaliere zu beachten; niemand hörte die hinter den Fächern geflüsterten boshaften Bemerkungen ? der Triumph Annas schien ein unbestrittener zu sein ...

Seitwärts in einer Ecke, inmitten einer Schaar von Angehörigen des königlichen Hofstaates, welche nicht an diesen Spielen theilnahmen, hielt sich der arme Zaklika auf, dieser treue Diener der schönen Gräfin. Er war vielleicht der Einzige in dieser großen Menge, welcher ihr wahrhaft zugethan war und der ihr zum Lohne für ihre Launenhaftigkeit die grenzenloseste Verehrung entgegenbrachte. Wahrlich, der Dienst bei der Cosel war weder leicht, noch angenehm ? aber Raimund diente mehr seinem Herzen als der Gräfin. Er liebte sie noch immer hoffnungslos und weder die zur Schau getragene Geringschätzung, noch die Launen und der Hochmuth seiner schönen Gebieterin waren im Stande, ihn ihr abwendig zu machen, während er seinerseits sich nicht im Geringsten Mühe gab, eine so thörichte Leidenschaft, die sein ganzes Sein ausfüllte, aus seinem Herzen zu reißen.

Auch er war im Geheimen stolz auf die Ehren, welche Derjenigen zufielen, die er so sehr liebte ? obgleich ihn zu Zeiten auch wieder ein Gefühl der Beunruhigung über die Folgen dieser Triumphe beschlich. Er fürchtete für sie von der Eifersucht der Welt, die nicht leicht ein so übermäßiges Glück verzeiht; er wußte auch, wie wenig man auf das Herz des Königs bauen dürfe, der so leicht und schnell durch ein Paar andere schöne Augen zu entflammen und der so ungnädig und undankbar gegen Diejenigen war, die er einst geliebt hatte, sobald eine neue Leidenschaft sich seiner bemächtigte.

Nicht weit von Zaklika standen, mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt, einige Höflinge. Aus dieser Gruppe hörte man kein Zeichen des Beifalles, keinen Laut der Bewunderung für die Königin des Turniers. Ganz nahe bei Raimund aber standen hinter einem Pfeiler zwei ihm ganz unbekannte Personen, die mit gedämpfter Stimme sich unterhielten. Der Erste war ein Mann reiferen Alters mit schon etwas ergrauendem Haar und glattrasirtem Gesicht, der Zweite schien ein Fremder zu sein. So leise die Beiden auch miteinander sprachen, so verstand Zaklika doch, ohne es eigentlich zu wollen, was sie sagten.

»Sie ist schön, sehr schön, die Maitresse Eueres Königs,« sagte der Fremde. »Mit dieser könnte er sich schon einmal endgiltig zufriedengeben!«

Der Alte lächelte ganz eigenthümlich auf diese Bemerkung und erwiderte dann: »Wenn ich das alles so betrachte und mich der Vergangenheit erinnere, so sehe ich nur zu gut das unvermeidliche Ende, welches auch Dieses nehmen wird. Ich fürchte sehr, daß die heutigen Triumphe die letzten der Gräfin Cosel sein werden. In dieser Beziehung habe ich schon Einiges erlebt. Ich sah die zauberhaft schöne Aurora auf dem Gipfel ihrer Macht; dann die reizende Esterle; ich glaube noch heute die hübsche Spiegel, die so liebenswürdige Teschen zu sehen. Madame Cosel hat sich mit überraschender Sicherheit lange genug im Sattel gehalten. Sie kann vielleicht noch eine Zeit lang ihrem Schicksale entgehen, aber daß es ihr gelingen werde, König August für die Dauer zu fesseln, das glaube ich nicht!«

»Man erzählt sich aber doch, daß der König ihr das Versprechen gegeben habe, sie zu seiner rechtmäßigen Gemahlin zu erheben?« entgegnete der Fremde.

»Ich bin der Meinung, daß die Fürstin Teschen sich der gleichen Illusion hingegeben und daß die schöne Aurora dieselben Hoffnungen gehegt hat. Unsere Königin erfreut sich aber einer ganz ausgezeichneten Gesundheit, und ich glaube bestimmt, daß die bezaubernde Amazone, welche Ihr hier seht, nicht glücklicher sein wird als ihre Vorgängerinnen ...«

»Ich dagegen zweifle sehr, daß sie diesen bald nachfolgen werde,« antwortete der Fremdling, ungläubig lächelnd.

»Wer kann das sagen!« murmelte der alte Herr vor sich hin; dann fuhr er etwas lauter fort: »Betrachtet doch einmal diese lange Reihe hübscher Gesichter, auf welchen sich deutlich Aerger, Neid, Eifersucht abmalen. Mit wenigen Ausnahmen haben so ziemlich alle diese Damen für einen Tag ? vielleicht manche für mehrere ? das Herz des Königs besessen ... Etwas tiefer, dort an der Ecke der Tribüne, seht Ihr eine Gruppe von französischen Tänzerinnen oder Schauspielerinnen. Unter ihnen befindet sich auch die Duparc, welche augenblicklich noch mit der stolzen Cosel sich in die Gunst des Königs theilt, und zwar aus dem einzigen Grunde, weil sie, obwohl hundertmal weniger schön als die Gräfin, dafür tausendmal frecher ist. Wer weiß, ob nicht vielleicht morgen schon König August unter jenen Ballerinen eine entdeckt, die ihm wieder besser gefällt und welcher er die Abenteurerin opfert?« ...

Hinter Zaklika befand sich eine andere Gruppe von Höflingen, welche ganz laut und unverholen ihrem Hasse gegen die Favorite Ausdruck liehen.

»Um so besser,« sagte die eine der Creaturen Fürstenbergs, »daß sie so triumphirt und sich so hoch als möglich erhebt; ihr Fall wird dann nur um so empfindlicher für sie sein. In dieser Fluth von Gunstbezeigungen und Ehren wird ihr Hochmuth sich noch mehr steigern, sie wird nun noch anspruchsvoller, ihr Joch unerträglicher sein. Das muß endlich dem König doch zu viel werden, und es ist nicht schwer vorauszusehen, daß der Tag nahe ist, wo ihr Fuß ausgleitet.«

»O, das wird wohl nicht ganz glatt ablaufen,« antwortete ein Anderer, »der Bruch, wenn er eintritt, dürfte sich nicht so friedlich abspielen. Die Gräfin trägt stets eine geladene Pistole und ein vom König unterzeichntes Heiratsversprechen bei sich. Sicher wird sie nur mit irgend einem Eclat, einem Geniestreich vom Schauplatz verschwinden.«

»Drei Jahre sind es nun schon,« nahm ein Dritter das Wort, »daß wir ihren Sturz prophezeihen und all unsere Vorhersagungen haben sich bis jetzt als trügerisch erwiesen.«

Auch der geistreiche Baron Kyau, dem wir schon mehrmals begegnet sind, befand sich in dieser Gruppe. Er hielt sich indessen etwas abseits und vermied es, sich in das Gespräch zu mischen. Einer der Herren fragte ihn nun auch um seine Meinung.

»Ich verstehe zu wenig von der Astronomie, meine Herren,« gab der Baron zur Antwort, »um sagen zu können, wann dieses oder jenes Gestirn in unserem Gesichtskreis erscheint oder daraus wieder verschwindet; überdies soll es ja auch gewisse Sterne geben, welche unveränderlich bleiben ...

Etwas weiter von dieser Gruppe saßen in einer der Logen Gräfin Reuß, Frau von Vitzthum, Fräulein Hülchen und die Baronin Glasenap.

»Wir tragen ganz allein die Schuld an dem, was da vorgeht,« sagte die Gräfin Reuß, indem sie einen tiefen Seufzer ausstieß, zu Frau von Vitzthum gewendet. »Seit zwei oder drei Jahren hat der König ja nicht ein einziges nennenswerth hübsches Gesichtchen zu sehen bekommen. Wir haben uns zu wenig Mühe gegeben, ein solches ihm zu zeigen.«

»Ich kann diese Cosel durchaus nicht leiden,« erwiderte die Angeredete, »aber ich muß gestehen, daß es schwer sein wird, Jemanden ausfindig zu machen, der nach ihr noch Gefallen finden könnte ...«

Gräfin Reuß lächelte ironisch.

»Ihr kennt weder die menschliche Natur, noch den Charakter und den Geschmack des Königs zur Genüge,« sagte sie ruhig. »Nach der blonden Teschen mußte Euere Schwägerin dem König gefallen: nach den blonden Haaren kommen die schwarzen, nach diesen aber werden von neuem die goldblonden Flechten ihren Cours haben ... Die Cosel geberdet sich ja förmlich als Göttin ? sicher wird er nun nach der Liebe einer einfachen Sterblichen trachten ? einer Bäuerin, einer Duparc, welche mit ihm in der Sprache der Schenken und der Fischweiber spricht.«

»Daß König August sich nicht aus ihren Netzen herauszuwickeln vermag, das setzt mich nicht gerade in Erstaunen, aber daß dieser König von Dänemark sich nachgerade auch darin zu fangen scheint, das ist denn doch zu viel. Seht doch, welch zärtliche Blicke er ihr zuwirft!«

»Und mit welch hochmüthiger Geringschätzung sie ihn behandelt!«

»Wahrlich, wenn ich nicht eher zum Weinen gestimmt wäre,« sagte Fräulein Hülchen vor sich hin, »so könnte ich lachen über diese tolle Abenteurerin!«

»Diese Perle Sachsens ist in ihrem heutigen Anzug mehr als eine Million werth!« meinte die Glasenap.

Man konnte überall derartige Bemerkungen unter der Zuschauermenge hören; aber diese geflüsterten und gemurmelten Ausbrüche des Neides und der Eifersucht erreichten das Ohr des Königs nicht. August errieth indessen so ziemlich, was in den Herzen seiner scheelsüchtigen Höflinge vorging; er fand ein Vergnügen daran, die Leidenschaften der Menschen zu erregen und die Kämpfe, die sich daraus entspannen, zu beobachten.

Nachdem das Turnier, das Preisschießen und das glänzende Abschiedssouper, welches August seinem Gaste zu Ehren gab, beendet waren, kehrte Anna von Cosel in ihr Palais zurück. Ihr Gesicht trug noch den Ausdruck des Triumphes, aber sie fühlte sich doch sehr ermüdet, ja, wie von einem Fieber ergriffen. Nachdem sie ihren Schmuck abgelegt und sich ihrer Oberkleider entledigt hatte, warf sie sich auf ein Sopha, um auszuruhen, und versank in eine Art Träumerei.

Tiefe Ruhe herrschte in dem Palast. Von Zeit zu Zeit hörte man in einem der Vorzimmer oder Gänge verhallende Schritte, dann war alles wieder wie ausgestorben.

Die Stille der Nacht machte auf Anna nach all dem Tumult, dem Beifallsgeschrei, dem Schmettern der Musik einen ganz eigenartigen Eindruck. Sie empfand eine gewisse Leere um sich und fühlte sich ebenso geistig wie physisch abgespannt; eine unendliche Traurigkeit bemächtigte sich ihrer.

Wiederholt waren heute inmitten ihrer Erfolge ihre Augen dem höhnischen Blicke Flemmings begegnet und dieser Blick hatte ihr Innerstes getroffen. Ihr Herz erbebte unter demselben, und Zorn und Furcht stritten sich um die Herrschaft in ihr. Obgleich gar kein äußerer Anlaß für solche Empfindungen vorlag, konnte sie sich ihrer doch nicht erwehren.

Vergeblich rief sie sich alle die Erlebnisse dieses Tages ins Gedächtniß zurück: die Beweise hoher Achtung und Zuneigung von Seiten des Königs, ihren unbestrittenen Sieg über alle Nebenbuhlerinnen ? es gelang ihr nicht, den Eindruck zu verwischen, den jene Blicke auf sie ausgeübt hatten; es war ihr, als schwebte eine große Gefahr über ihrem Haupte. Ihre Augen füllten sich unwillkürlich mit Thränen und bange Besorgniß befiel sie. ? So überkommt uns oft mitten in den glücklichsten, fröhlichsten Augenblicken des Lebens ein Vorgefühl von dem, was uns die Zukunft Trübes bringt.

Still vor sich hinbrütend, auf jedes Geräusch aufmerksam lauschend und die Augen auf die gegenüberliegende Wand geheftet, wo das Porträt Augusts angebracht war, überließ sich die Gräfin lange ihren Gedanken. Sie erwartete heute den König nicht mehr. Er sollte am anderen Morgen Dresden verlassen, um seinen Gast nach Berlin zu begleiten. Dort harrten seiner neue Feste, dort sah er wieder neue Gesichter, andere Leute ...

Plötzlich ließen sich in dem Corridor, der durch eine Treppe mit der nach dem königlichen Schlosse führenden Galerie in Verbindung stand, Schritte vernehmen. Das konnte nur August sein. Rasch flog Anna zu einem Spiegel, um ihre Toilette ein wenig zu ordnen. Ihr üppiges Haar ließ sich nicht leicht durch eine ungeübte Hand bemeistern. Mit einer ihrer reizenden weißen Hände hielt sie ihr dunkles Haar, während die andere bemüht war, den lose übergeworfenen Schlafrock festzuhalten, als der König eintrat. Auf den ersten Blick erkannte sie, daß August sich in einem Zustand befand, in dem sie ihn selten sah und in welchem er sich in der Regel hütete, sich bei ihr blicken zu lassen.

Das feierliche Abschiedsgelage, das er seinem Neffen zu Ehren gegeben, den soeben zwei Hofbedienstete mit allen einem so hohen Gaste gebührenden Rücksichten zu Bette gebracht, dieses Abschiedsgelage hatte mit einem gegenseitigen Zutrinken aus großen Humpen geendigt, und so sehr König August sich auch an derlei Forcetouren gewöhnt hatte, war er doch bei diesem Wetttrinken nicht ganz ungestraft geblieben. Ohne die Unterstützung des Kammerdieners, der discreterweise am Fuße der Treppe zurückgeblieben war, hierher gekommen, kostete es dem König so große Anstrengungen, sich im Gleichgewichte zu erhalten, daß er sich beim Eintreten in das Zimmer der Gräfin sofort nach einem Sitz umsah, auf den er sich mit Wohlbehagen niederließ. Sein Gesicht glühte, sein Auge war umschleiert, und die ersten Worte, die er hervorbrachte, klangen fast unverständlich.

»Anna,« sagte er, »wie Du siehst, bin ich noch gekommen, um Dir Lebewohl zu sagen ... Du hast heute einen so erfolgreichen Tag erlebt, wie kaum jemals wieder ein Weib! ... Ich hoffe, daß Du Dich mir dafür dankbar bezeigen wirst.«

Bei diesen Worten brach er in lautes Lachen aus.

Die Gräfin wendete ihm ihr schönes Antlitz zu, auf dem tiefe Betrübniß lagerte.

»O, mein Herr und Gebieter,« antwortete sie, »bin ich Euch nicht für jeden Tag gleichen Dank schuldig? Doch scheint Ihr weder die haßerfüllten Blicke, welche mir ringsum zuflogen, noch das unverschämte spöttische Lächeln meiner Feinde gesehen zu haben, denn wenn Ihr das bemerkt hättet, würdet Ihr sicher begreifen, daß ich durchaus nicht in freudiger Stimmung nach Hause zurückgekehrt bin.«

August lachte immer noch fort.

»Das ist die Tragikomödie des Lebens,« sagte er dann mit philosophischem Gleichmuth; »ich habe meinen Karl XII. und Du hast Deinen Flemming. Irgend etwas hat Jeder auf dieser Welt, was ihm das Leben sauer macht. Doch man muß eben die Welt nehmen, wie sie ist ... Vergiß auf diese Dinge ? komm, sei heiter und fröhlich!«

»Ich kann nicht!« antwortete Anna.

»Auch nicht aus Liebe zu mir?« fragte August.

Die Gräfin warf einen langen Blick auf ihn und trotz ihrer gedrückten Stimmung trat ein leises Lächeln auf ihre Lippen, indem sie entgegnete:

»O, mein theuerer Freund, wenn Ihr immer bei mir, immer an meiner Seite wäret, wenn ich nur auf Euch zu achten hätte ? wahrlich, mein Leben würde nur Freude und Lust sein!« Sie trat bei diesen Worten auf August zu, ergriff seine Hand und fuhr dann fort: »Ich würde keinen Schritt von Euch weichen, Euch nicht aus meinen Armen lassen ... Doch leider ist das nur ein schöner Traum, denn Ihr entfliehet mir ja selbst, um in der Welt herumzuflattern, und wer weiß, wann ich Euch wiedersehen werde!«

»An dem Tage werde ich gewiß nüchterner sein als heute,« antwortete der König mit einem leichten Lächeln. »Ich liebe den Wein sehr, aber es verdrießt mich stets, wenn er die Herrschaft über mich gewinnt.«

»Wann wird mein geliebter Gebieter wiederkehren?« fragte Anna zögernd.

»Darüber mußt Du die Sterndeuter fragen, denn ich weiß es in der That nicht. Wir gehen nach Berlin, und das Einzige, worauf ich mich freue, ist das, daß nach den Festen in Dresden diejenigen, welche uns in Berlin erwarten, sich wohl recht ärmlich ausnehmen werden. Der kleine Friedrich wird uns mit seinen großen Soldaten amüsiren, bei Tisch uns aber sicherlich halb verhungern lassen ... Berlin nach Dresden! Hahaha!« lachte August. »Das wird lustig werden! Ich gehe eigens dahin, um mich an dem Unterschied und an unserer Ueberlegenheit zu ergötzen.«

»Kommt Ihr mir aber ja treu und beständig zurück, Sire!« sagte Anna, immer noch von den nämlichen trüben Gedanken beherrscht.

»Von Berlin?« rief August lachend. »Ueber diesen Punkt kannst Du ganz ruhig sein, Theuerste; meine Tugend wird dort nicht Gefahr laufen, denn der brandenburgische Hof ist wohl der keuscheste und langweiligste, der auf der Welt existirt.«

»So?« fragte Anna, »und die Dessau?«

Der König erwiderte darauf kopfschüttelnd: »Es ist wahr, sie ist sehr schön ? aber wenn sie katholisch wäre, könnte sie nichts Besseres thun, als in ein Kloster gehen und Nonne werden. Sie hat auch nicht das geringste Verständniß für Galanterie; beim mindesten Worte zieht sie sich stets scheu zurück. Es giebt für mich nichts Unerträglicheres als Frauen dieser Art!«

August machte nach diesem Ausruf eine Bewegung, um sich zu erheben, und fuhr sich dabei so unbehutsam über die Stirne, daß seine Perrücke ganz auf die Seite geschoben wurde.

Die Gräfin bemühte sich rasch, sie wieder an ihre richtige Stelle zu bringen, und der König, ganz gerührt über diese Aufmerksamkeit, küßte ihr die Hand.

»Ich reise morgen, meine liebe Cosel,« sagte er dann, »und habe vor meinem Weggehen noch eine kleine Bitte an Dich zu stellen. Ich habe zwischen Dir und Flemming den Vermittler gemacht, Ihr habt nun Frieden miteinander geschlossen. Ich wünsche, daß dieser Friede ein dauerhafter, daß er ein ewiger werde. Mir zuliebe hört endlich auf, Euch gegenseitig auffressen zu wollen.«

Anna runzelte die Stirne.

»Sire,« erwiderte sie, »diese Mahnung müßt Ihr an Flemming richten und nicht an mich. Er läßt es tagtäglich an der mir schuldigen Rücksicht fehlen, er ist mein bitterster Gegner. Es ist nicht Sache der Gräfin Cosel, der Gemahlin Augusts ...«

Der König lächelte bei diesen Worten ganz eigentümlich; wie ein Blitz zuckte es in seinen Augen.

»Es ist nicht an mir,« fuhr Anna würdevoll fort, »einem Flemming zu weichen. Ich werde ihm niemals die Ehre erweisen mich vor ihm zu fürchten oder mich vor ihm zu beugen! ...«

»Aber ich dulde diese ewigen Zänkereien einmal nicht ...«

»Befehlt ihm, Sire, daß er nachgebe und in mir die Mutter Euerer Kinder ehre!« erwiderte Anna voll Hoheit, »das wird das sicherste Mittel sein, einen Frieden zu erlangen und zu befestigen, welchen niemand sehnlicher herbeiwünscht als ich.«

Nach diesen Worten, auf welche der König nichts zu erwidern wußte, folgte ein stummer Abschied. Die Cosel hing voll Zärtlichkeit am Halse Augusts, welcher sich bei seinem etwas unsicheren Stande auf die Lehne eines Sessels stützen mußte, um nicht zu wanken. Die Gräfin bot ihm sodann ihren Arm und führte ihn die wenigen Schritte bis zur Thür.

Als der König langsam die Galerie entlang nach dem Schlosse ging, sah er etwas ernst darein.

Wer mag errathen, was dabei in seiner Seele vorging? Wünschte er wirklich, daß zwischen der Cosel und Flemming aufrichtiger Friede herrsche, oder lag es nicht vielleicht in seiner Absicht, mit jenem gewissen Macchiavellismus, den wir bereits an ihm wahrzunehmen Gelegenheit hatten, zwischen diesen Beiden eine fortgesetzte Fehde zu unterhalten? ... Wir werden das später sehen ...

Kaum war August in seine Gemächer zurückgekehrt, als er sogleich Flemming rufen ließ.

Als dieser bald darnach erschien, nahm August eine aufgebrachte und zugleich etwas spöttelnde Miene an.

»Die Cosel beklagt sich über Dich, Alter,« sagte er nach einer Weile, »man muß ihr etwas nachgeben, muß auf das hören, was sie sagt und ihr nichts nachtragen. Du kennst ihren Charakter und weißt auch, wie viel ich selbst von ihr zu erdulden habe.«

»Sire,« sagte Flemming, welcher mit dem König auf ziemlich vertrautem Fuße stand und zur rechten Zeit manchmal auch geistreich und witzig zu sein wußte, »Euere Majestät und ich können in diesem Falle nicht in eine Parallele gezogen werden; unsere Position ist dazu eine zu sehr verschiedene. Wenn Ihr hie und da von Seite der Gräfin Unangenehmes über Euch ergehen lassen müßt, so werdet Ihr dafür wenigstens durch ihre Liebe entschädigt.«

»Und meine Freundschaft,« versetzte der König, »zählst Du diese für gar nichts?«

»Sire,« antwortete Flemming mit einer tiefen Verbeugung, »die Arithmetik ist, wie Ihr wißt, nicht meine starke Seite. Es dürfte daher gerathen sein, wenn wir von Ziffern ganz absehen ...«

»Um zu Ende zu kommen,« sagte der König, »ich wünsche, daß Du mit der Cosel Frieden haltest.«

»Das ist ziemlich schwer,« antwortete der General, »schmeicheln und mich verstellen ist nicht meine Sache, mich ihr zu beugen, das bin ich vollends nicht im Stande, denn mein Rückgrat ist schon etwas alt und steif.«

Bei diesen Worten brach der König in lautes Lachen aus. »Du hast es da übrigens,« rief er aus, »durchaus nicht mit einer Undankbaren zu thun; denn ich kann Dich versichern, daß sie Dich zum mindesten ebenso sehr hasset, wie Du sie hassest. Sie behauptete neulich, daß Du ein veritables Affengesicht besitzest ... Ich finde, daß sie dabei doch etwas übertreibt.«

Flemming hob rasch den Kopf; seine Augen funkelten vor Wuth. Er brummte einige unverständliche Worte vor sich hin, die sicherlich keine Lobeshymne auf die Geliebte des Königs waren. Wenn der König die Absicht hatte, jede Verständigung zwischen ihm und der Cosel unmöglich zu machen, so konnte er wirklich nicht geschickter dabei zu Werke gehen.

Es ist an der Zeit, uns ein wenig näher mit dem Manne bekannt zu machen, welcher einen so entscheidenden Einfluß auf die Geschicke der Heldin unserer Erzählung nehmen sollte.

Graf Jakob Heinrich von Flemming war einer der gewandtesten Höflinge seiner Zeit. Es wurde ihm mit Recht nachgerühmt, daß er zu den Wenigen zähle, welche sich eine lange Zeit hindurch in der Gunst des wankelmüthigen Sachsenfürsten zu erhalten wußten, ja er verstand es, sich ihm förmlich unentbehrlich zu machen. Man behauptete allgemein, daß der Kurfürst von Sachsen die Krone Polens namentlich seinen Bemühungen zu verdanken hatte.

Eine seiner nächsten Anverwandten hatte sich im Jahre 1684 mit Przebendowski, dem Krongroßschatzmeister und Castellan von Kulm, verheiratet und durch dessen Vermittlung hatte der General in Polen viele Verbindungen angeknüpft, welche ihm in der Folge gute Dienste leisteten. Für die damalige Zeit ziemlich unterrichtet, mehr Diplomat als Soldat, obgleich er sich dem Waffenhandwerk als Beruf zugewendet hatte, stand er an Schlauheit und Geschicklichkeit keinem der Staatsmänner jener Epoche nach. In der Politik war er ein eifriger Schüler Macchiavellis und es galt ihm als Princip, daß jedes Mittel erlaubt und gut sei, wofern es nur zu dem gewünschten Ziel führe.

Natürlich suchte Flemming, dessen Streben dahin ging, am Hofe Augusts allen politischen Einfluß an sich zu reißen und den König sozusagen unter seine Vormundschaft zu stellen, in geschickter Weise alle Diejenigen von den Staatsgeschäften fernzuhalten, welche er im Verdacht hatte, daß sie ihm als Rivalen gegenübertreten könnten. Hoym war ihm unbequem, daher arbeitete er unausgesetzt im Stillen an seinem Sturz, er fürchtete den Einfluß der Gräfin Cosel und war deshalb bemüht, an ihre Stelle irgend eine unbedeutende Person zu bringen; Schulenburg erschien ihm als gefährlich und er hatte daher schon lange ein wachsames Auge auf ihn.

Er hielt stets ihm passende Leute in Reserve, um sie bei erster Gelegenheit auf die Plätze der ihm Mißliebigen zu bringen; es waren Creaturen, die ihm alles zu verdanken hatten, ihm mit Leib und Seele ergeben waren und gierig auf eine freigewordene Stelle lauerten. Wackerbart, Watzdorf, Manteuffel waren auf diese Weise seine Anhänger und treu ergebenen Diener geworden. Voll Eigendünkel und mit großem Selbstbewußtsein begabt, Pflegte er zu Zeiten, wo er redseliger als gewöhnlich war, zu seinen Vertrauten zu sagen: »Es ist meine festeste Ueberzeugung, daß die Gelegenheit den Menschen zu dem macht, was er ist. Es giebt Niemand, der nicht für irgend eine Sache die erforderliche Befähigung besäße, sobald sich ihm die Gelegenheit bietet, seine Kräfte daran zu versuchen und sie durchzuführen. Ich vermöchte dafür keinen überzeugenderen Beweis beizubringen, als meine eigene Geschichte. Als ich in die Welt trat, wendete ich mich der militärischen Laufbahn zu, ich hatte keinen anderen Ehrgeiz, als in der Folge ein Regiment zu erhalten ? und nun seht Ihr mich heute als ersten Minister und Feldmarschall« ? er wurde im Jahre 1711 mit dieser Charge bekleidet ? »obgleich ich niemals ein Collegium gehört habe. Ich kann füglich sagen, daß ich Sachsen und Polen regiere, ohne auch nur die Gesetze dieser beiden Länder ordentlich zu kennen, und trotzdem wird niemand behaupten können, daß ich meinen Posten nicht ehrenvoll ausfülle.«

Diesem stolzen Selbstgefühle im Vereine mit seiner Kühnheit hatte er seine glänzende Carrière zu verdanken. Allerdings war gar bald nicht zu verkennen, daß seiner militärischen Begabung jede Erfahrung mangelte und daß seine Thätigkeit als Minister gar häufig die nöthige Schulung und Formgewandtheit vermissen ließ. Sehr lebhaften und aufgeweckten Temperamentes, heiteren Sinnes und voll Lebenslust, hatte er doch ein sozusagen martialisches Aussehen; seine Anordnungen und Befehle waren stets sehr bestimmt und kurz, und er duldete durchaus keinen Widerspruch. Sehr reizbar, ließ er sich leicht vom Zorn hinreißen, doch konnte ihn ein witziges Wort sogleich wieder entwaffnen, denn er liebte geistreiche Leute und schlagfertige Einfälle. Er war Augusts Freund, Vertrauter und Genosse bei seinen Vergnügungen. Es passirte ihm nicht selten, daß er in seiner Familiarität, die ihm dem König gegenüber gestattet war, etwas zu weit ging, doch verstand er es stets, solche Verstöße rasch wieder gutzumachen.

Flemming führte ein wahrhaft fürstliches Haus. Er hatte eine sehr zahlreiche Dienerschaft und hundert Pferde in seinen Ställen stehen. Er sprach außer der deutschen Sprache auch fertig französisch und polnisch und war auch im Lateinischen nicht unbewandert; er wußte das Leben zu genießen, ohne deshalb seine Geschäfte dabei zu vernachlässigen, konnte ungestraft ganze Nächte hindurch an Trinkgelagen sich betheiligen und auf solche durchschwelgte Nächte nach einem kurzen Schlafe von kaum einer halben Stunde sich vollständig erfrischt wieder erheben. Mit solchen Eigenschaften ausgerüstet, konnte es ihm nicht fehlen, daß er großen Einfluß gewann an einem Hofe, an dem Vergnügungen und Intriguen die hauptsächlichsten Beschäftigungen waren. Flemming war ein Mann von Eisen, trotz seiner Lebhaftigkeit dem äußeren Anschein nach ein Phlegmatiker und stets Herr seiner selbst.

Sein Aeußeres bot übrigens nichts besonders Bemerkenswerthes; er war ziemlich klein von Gestalt, untersetzt, hatte ein rothes Gesicht und wenig ausgeprägte Züge. Er trug, obwohl dies bei Leuten von Stand in jenen Tagen nicht Sitte war, keine Perrücke, sondern lange Locken. Flemming häufte sich große Schätze an und vermehrte stets seine Güter; er that nichts umsonst und wußte sich bei wichtigen Geschäften stets sein Trinkgeld zu sichern ? oft so ansehnliche Trinkgelder, daß König August eines Tages, als er erfahren hatte, es seien Flemming bei einer solchen Transaction fünfzigtausend Thaler in die Tasche gefallen, zu ihm sagte: »Höre, Flemming, ich weiß, welche Summe Du erhalten hast ? das ist zu viel für Dich allein, Du wirst mir die Hälfte davon abtreten.«

Der Minister willigte ein. Dieser Zug kennzeichnet den Gebieter und seinen ersten Diener wohl am besten ...

Gegen einen Mann von dem Charakter Flemmings, welcher derartig begabt war und sich so meisterhaft zu beherrschen verstand, anzukämpfen, das war gewiß ein gefährliches Unternehmen für eine Frau von so leidenschaftlichem und heftigem Temperament, wie die Gräfin Cosel, welche überdies jahrelange Erfolge und Triumphe verblendet und verwöhnt hatten. Ueberdies standen ja hinter Flemming als seine natürlichen Verbündeten alle die Feinde der Gräfin und, was noch mehr sagen will, ihre giftigen Rivalinnen.

Die lange Dauer ihres Glückes hatte die Eifersucht des ganzen weiblichen Hofstaates aufs heftigste erregt, umsomehr, da man nicht im Stande war, irgend etwas aufzufinden, was der Cosel schaden oder sie in den Augen des Königs herabsetzen konnte. Inmitten dieses verderbten Hofes, wo Liebschaften so leicht angeknüpft und so rasch wieder gelöst wurden, konnte ihr niemand auch nur das geringste Vergehen vorwerfen, obwohl sie fortwährend von einer ganzen Schaar Bewunderer und Anbeter umringt war. Die eifrigsten Spione vermochten keinen Anhaltspunkt zu entdecken, der sich gegen sie verwenden ließ, ja selbst die Verleumdung war nicht im Stande, ihr etwas anzuhaben. Die Cosel konnte in der That stolz auf sich selbst sein, denn an Charakter und Anstand, im Benehmen und Lebenswandel übertraf sie alle Frauen ihrer Umgebung. Ihre Feinde geriethen in gelinde Verzweiflung, da sie tagtäglich hören mußten, daß die Gräfin sich durchaus nicht als Maitresse des Königs, sondern vielmehr als seine Gemahlin betrachte.

Die tadellose Aufführung der Cosel, weit entfernt, ihre Feinde zu entwaffnen, war indessen nur geeignet, ihren Haß und ihre Verbitterung zu vermehren. Man hetzte fortwährend General Flemming gegen sie auf, und selbst Vitzthum wurde von seiner Frau schließlich dahin gebracht, weniger aus Bosheit als aus Leichtsinn, die Reihen ihrer Feinde zu vermehren ...

Der Feldzugsplan war entworfen. Es handelte sich nur noch darum, eine entsprechend schöne und gewandte weibliche Persönlichkeit zu finden, welche vor dem Schicksal, das man eben der Gräfin Cosel zu bereiten sich anschickte, nicht zurückschreckte, und die sich entschließen konnte, die traurige und erniedrigende Rolle einer Eintagsfavoritin Augusts II. zu übernehmen. Wußte man doch, wie schwach der König war und daß er jeder nur ein wenig koketten Frau unterliegen mußte! Man mußte ihm auf halbem Wege entgegenkommen, ihm eine neue glänzende Erscheinung zuführen, ihn vorbereiten für eine neue Eroberung, welche die alte seinen Wünschen entrückte.

So begann denn die neue Campagne gegen die Gräfin Cosel.


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