Das Geistliche Jahr

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Kapitel 1 des Buches: Das Geistliche Jahr

Annette von Droste-Hülshoff

Das Geistliche Jahr

1818-1820 / 1839-1840


Am Neujahrstage
Am Fest der Heiligen Drei Könige
Am ersten Sonntage nach Heilige Drei Könige
Am Feste vom süßen Namen Jesus
Am dritten Sonntage nach Heilige Drei Könige
Am vierten Sonntage nach Heilige Drei Könige
Am Feste Mariä Lichtmeß
Am fünften Sonntage nach Heilige Drei Könige
Fastnacht
Am Aschermittwochen
Am ersten Sonntag in der Fasten
Am zweiten Sonntag in der Fasten
Am dritten Sonntag in der Fasten
Am vierten Sonntag in der Fasten
Am fünften Sonntag in der Fasten
Am Feste Mariä Verkündigung
Am Palmsonntage
Am Montag in der Charwoche
Am Dienstag in der Charwoche
Am Mittwochen in der Charwoche
Am Gründonnerstage
Am Charfreitage
Am Charsamstage
Am Ostersonntage
Am Ostermontage
Am ersten Sonntage nach Ostern
Am zweiten Sonntage nach Ostern
Am dritten Sonntage nach Ostern
Am vierten Sonntage nach Ostern
Am fünften Sonntage nach Ostern
Christi Himmelfahrt
Am sechsten Sonntage nach Ostern
Pfingstsonntag
Pfingstmontag
Am ersten Sonntage nach Pfingsten [Dreifaltigkeit]
Am Fronleichnamstage
Am zweiten Sonntage nach Pfingsten
Am dritten Sonntage nach Pfingsten
Am vierten Sonntage nach Pfingsten
Am fünften Sonntage nach Pfingsten
Am sechsten Sonntage nach Pfingsten
Am siebten Sonntage nach Pfingsten
Am achten Sonntage nach Pfingsten
Am neunten Sonntage nach Pfingsten
Am zehnten Sonntage nach Pfingsten
Am elften Sonntage nach Pfingsten
Am zwölften Sonntage nach Pfingsten
Am dreizehnten Sonntage nach Pfingsten
Am vierzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am fünfzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am sechzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am siebzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am achtzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am neunzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am einundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am zweiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am dreiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am Allerheiligentage
Am Allerseelentage
Am vierundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am fünfundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am sechsundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am siebenundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am ersten Sonntage im Advent
Am zweiten Sonntage im Advent
Am dritten Sonntage im Advent
Am vierten Sonntage im Advent
Am Weihnachtstage
Am zweiten Weihnachtstage [Stephanus]
Am Sonntage nach Weihnachten
Am letzten Tage des Jahres

Am Neujahrstage

Das Auge sinkt, die Sinne wollen scheiden:
»Fahr wohl, du altes Jahr, mit Freud und Leiden!
Der Himmel schenkt ein neues, wenn er will.«
So neigt der Mensch sein Haupt an Gottes Güte,
Die alte fällt, es keimt die neue Blüte
Aus Eis und Schnee, die Pflanze Gottes, still. –

Die Nacht entflieht, der Schlaf den Augenlidern:
»Willkommen junger Tag mit deinen Brüdern!
Wo bist du denn, du liebes neues Jahr?« –
Da steht es in des Morgenlichtes Prangen,
Es hat die ganze Erde rings umfangen
Und schaut ihm in die Augen ernst und klar.

»Gegrüßt du Menschenherz mit deinen Schwächen,
Du Herz voll Kraft und Reue und Gebrechen,
Ich bringe neue Prüfungszeit vom Herrn!« –
Gegrüßt du neues Jahr mit deinen Freuden,
Das Leben ist so süß, und wärens Leiden,
Ach, alles nimmt man mit dem Leben gern.

»O Menschenherz, wie ist dein Haus zerfallen!
Wie magst du doch, du Erbe jener Hallen,
Wie magst du wohnen in so wüstem Graus?«
O neues Jahr, ich bin ja nie daheime,
Ein Wandersmann durchzieh ich ferne Räume,
Es heißt wohl so, es ist doch nicht mein Haus.

»O Menschenherz, was hast du denn zu treiben,
Daß du nicht kannst in deiner Heimat bleiben
Und halten sie bereit für deinen Herrn?«
O neues Jahr, du mußt noch viel erfahren;
Kennst du nicht Krieg und Seuchen und Gefahren?
Und meine liebsten Sorgen wohnen fern.

»O Menschenherz, kannst du denn Alles zwingen?
Muß dir der Himmel Tau und Regen bringen?
Und öffnet sich die Erde deinem Wort?«
Ach nein, ich kann nur sehn und mich betrüben,
Es ist noch leider nach wie vor geblieben,
Und geht die angewiesnen Wege fort.

»O tückisch Herz, du willst es nur nicht sagen,
Die Welt hat ihre Zelte aufgeschlagen,
Drin labt sie dich mit ihrem Taumelwein.«
Der bittre Becher mag mich nicht erfreuen,
Sein Schaum heißt Sünde, und sein Trank Gereuen,
Zudem läßt mich die Sorge nie allein.

»Hör an, o Herz, ich will es dir verkünden,
Willst du den Pfeil in seinem Fluge binden?
Du siehst sein Ziel nicht, hat er darum keins?«
Ich weiß es wohl, uns ist ein Tag bereitet,
Da wird es klar, wie Alles wohl geleitet
Und all die tausend Ziele dennoch Eins.

»O Herz, du bist von Torheit ganz befangen!
Dies Alles weißt du, und dir kann noch bangen!
O böser Diener, treulos aller Pflicht!
Ein jeglich Ding füllt seinen Platz mit Ehren,
Geht seinen Weg und läßt sich nimmer stören,
Dein Gleichnis gibt es auf der Erde nicht.«

»Du hast den Frieden freventlich vertrieben!
Doch Gottes Gnad ist grundlos wie sein Lieben:
O kehre heim in dein verödet Haus!
Kehr heim in deine dunkle wüste Zelle,
Und wasche sie mit deinen Tränen helle,
Und lüfte sie mit deinen Seufzern aus!«

»Und willst du treu die Blicke aufwärts wenden,
So wird der Herr sein heilig Bild dir senden,
Daß du es hegst in Glauben und Vertraun.
Dann darf ich einst an deinem Kranze winden,
Und sollte dich das neue Jahr noch finden,
So mög es in ein Gotteshäuslein schaun!«




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