Dafnis

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Kapitel 1 des Buches: Dafnis

Arno Holz

Dafnis


Carmina non prius audita
Musarum sacerdos
Virginibus puerisque canto.

Horatius Flaccus.

Nohtwendiger Vor-
bericht an den guht-
hertzigen Leser

Wer in seiner grünen Jugend hat wohl nie den Pegasum geritten? Dihses ädle Thier ist seit Olims Zeiten / inssondre seit der lihbe Herr Opitius uns durch seine kluge aber zihrliche Leyer von denen schrökklichten Schulmeistren befreyt hat / dermahßen hergenommen worden / die Pritzschenmeistrische Poëtastri und Wortefolterer haben sich mit Reveräntz zuvermälden / so Hümpelweis an seinen Schwantz gehänckt / daß es fast Verwundrens ist / wie das geqwählte Lufft-Pferd nicht schon lengst seinen letzten Othem von sich gegäben.

Dannenhero hätte auch ich es fürgezogen / meine schlächten Mißgebuhrten billig unter der Banck vermodern zu lassen / alß meine wenige Fehder durch den Trukk ans Licht zu gebären / wenn einige lose Leute / die ihre Weißheit mehr dem Ovidio alß denen Scriptoribus Sacris verdancken / meine einfältige Wihsen-Lider nicht schon auff allen Märckten und in den Schäncken sängen.

Sich auf dihse Ahrt bey der Posterität fortzupflantzen / erachte ich aber for eine eusserste Gefahr. Der Vinum terribile zu Teutsch Land-Wein verkehrt seine Momus-Brüder nicht blohß zu stinckente Huren-Jäger und Ehebrecher / er bewegt sie auch gleichsahm nur all zu offt / unter die zihrlichste Inventiones ihr eigen albres Gemächte zu mängen; wordurch dan auß einem vihlleicht lobwürdigsten Pindus-Rösgen im Huy eine Sau-Distel geworden.

Homerus / der Kayser aller griechischen Tichtmeister / wäre so heut seinem eignen Eumaeo gleich / hätte er es for klüglich erachtet / uns seine ohnstärbligte Arien nur durch die Gurgeln solcher sich blizz-blazz voll gesoffen habenter Susannen-Brüder zu vermachen; und gar von des ohnvergleichlichen Maro göldener Eneïs wäre kein Fäzzgen mehr gantz / wenn dihser Venusinische Adler aller Boeten es sich nicht hätte verdrüßen lassen / seine mit zihmlichem Fleiß verfärtigte Libligkeiten – wie beym Plinio gebührlich nach zu läsen – Syllaba for Syllaba in gleichsahm wäckserne Täfelgens zu ezzen.

Kortz / ich will itzt meine boetische Kinder / nachdäme ich ihre Vatterschafft vor der gelährten Welt nun doch nicht mehr abstreitten kan / allen der Teutschen Boeterey vernünfftigen Lihbhaberen zu sonderbahrlichem Gefallen herfür und an den Tag gegäben sehn / nicht wie sie zu ihren Zincken / Krumbhörnern und Cythren jene söffische Nacht-Raben im Blauen Frosch oder im Nakkten Bauch brüllen / sondren wie ich sie fürmahls in meinem blühenden Frühling / alß Justgen noch ihren Zahn hatte und Pärlindgen noch an jener Ekke wohnte / nicht ohne Vergnügen gemacht habe.

Ob wohl ich über die erste Kützel-Jahre lengst hinauß bün / ob wohl dihses schwartze Falten-Kleid / daß schon Lutherum gezihrt / dihsen schorbigten Mahden-Sakk nunmehro gnädigst fast ins dreissigste Jahr däkkt –die Pesth-Zeit darbei einberechnet – so bekänne ich doch gern / daß ich stähts mit grosser Lust frölig war. Der blawe Himmel / die kleine weisse Anemonen / der Bäche Silber-Fluß / der bundten Fehder-Singer Hertz-zwingente Musica sind mir sälbst heute / wo mein Fuhß bereits wanckt und die Hahre auff meinem Haubte beginnen gezählt zu werden / noch ümmer allzeit recreationes animi. Und möchte ich drümb spähter auch ins hellische Fewer geworffen und zu Aschen verbrännt werden – ich weiß es wohl / der for uns am Creutze gehangen / wird daß nicht zu lassen – so stipulirte ich trutzdem: ich halte dihse Ahrt Fröligkeit for einer ächte Gemühts-Artzeney!

Johanna Catharina Barbara / der ich von meinen sächzehn Söhnen – vier läben noch – die erste sihben dancke / habe ich auff ihrem Hügel äben sovihle Rohsen-Stökke gesäzzt und mein altes Hertz freut sich / wenn morgends im Junio bey lihblich herfürbrechenter Morgen-Röhte das runde Himmels-Naß vergleichbahr fast Pärlen dran hanget. Sollt ich drümb drauern / daß sie schon sälig ist? Der Herr hat sie mir gegäben / der Herr hat sie mir genommen / der Nahme des Herrn sey gelohbt!

Marianne Charlotte Elisabeth! Deine Hände auff mir ruhten weich und dein zahrter Leib schänckte mir von meinen Söhnen – von meinen Töchtern räde ich nicht – die nächsten sechs. Ümb dein Grab stehn Lilgen und über ihm / abens im Mandel-Baum / wenn der silbre May-Mohnd gleichsahm wie auß unsrem kleinen Kürchlein scheint / singt der Vagel Kiwitt. Sollt ich mich drümb mit Thränen blagen / daß du schon Oben auff mir wartest? Der Herr hat dich mir gegäben / der Herr hat dich mir genommen / der Nahme des Herrn sey gelohbt!

Concordia Beate Emerentia! Du gebahrst mir die übrige drey / und so der Herr will / druckstu mir mahl die Augen zu. Sollt ich schon itzt mich drümb verschrökken?

Ich weiß / daß mein Erlöser lebt!

Meinen Jesum lass ich nicht;
weil er sich for mir gegäben /
so erfordert meine Pflicht /
Kletten-weis an ihm zu kläben.
Er ist meines Läbens Licht /
meinen Jesum lass ich nicht!

Möchte aber einem nihdrichten / nichtsnüzzichen Zoilo / auß dessen unlihblichen Phrasibus der gestern getrunckene Broihan rülpst / beyfallen / daß ich mich dermahlß zu vergnügt gezeigt und daß / wie dem Aeschylo seine Tragödien allzusehr nach der Bouteille geschmäkkt / so meine Bucolica nach der Venus röchen / so recriminire nur / daß schon Salomo in seinem Canto Canticorum nicht die Buhlerin Abisag vermeynt hat / sondern das Newe Jerusalem. Also habe auch ich nie die zerlumpte und außgeflikkte Pauren-Magd / des Marsyas Tochter / Mopsa auß Frygien vermeynt / sondern stähts nur die Dame Sophia; zu Teutsch die Aedle Weißheit!

Mollinchens Cädern-Leib / der Nivula vollkommentliche Brüste / Laurettens Spihl-Krystalle sampt aller übrigen verlihbten Materie / sowie jene haarichte Wald-Gespenster und verwunderliche Meer- Monstra waren mir nur Repositoria Apollinis. Nicht / weil ich mich dardurch in das Concept einer geschikkten Person sezzen wollte / sondern auß Modestie. Denn jene ungesalzzte Witzdölpel und Bappihr-Beschmizzer / jene neue eingebüldete Klüglinge / die da meynen / man könne alles / auch ohne das kluge Alterthum / gleichsahm auß seinem eigenen Cerebello zihn / sähe ich mit dem berühmbten Scaliger lihber for Pikkelhäringe / denn for Boeten an. (Cest entre nous!) Alle gescheute und civilisirte Gemühter werden solche tölpische Ertz-Bärenheutter mit grohßer Hertzhafftigkeit verlachen. Es ist ein tieffer Sinn / daß die Gracien nakkend gehn. Hoffe demnach gäntzlich / man wird meine wohl-gemeynte Metaphores nicht for grohbe Realia nähmen und in meinem schlächten Buche nichts fünden / waß Gottes Wort oder der Augspurgischen Confession zurwihder lieffe. Die mir von Natur ankläbenten Fehler habe ich nie zu verbergen gedrachtet / aber ich bün kein dorckelnder Silen und halten den Parnass nicht for einen Sau-Koben.

Sollten jedoch wihder Verhoffende die Pharisäische Mükken-Fänger und Sadduceische Caameel-Verschlukker / dihse Ornamenta Germaniae / die nicht mehr Hirn in ihrem Kopff haben alß eine Märtens-Gantz / auß einem vihlleicht zu nachdrükklichen Bey-Wort die Occasion suchen / mich mit ihren verleumbdischen und stachlichten Ottern-Zungen auß dem majestätischen Musen-Saal unter die Sakk-Pfeiffer und Orgel-Dreher zu drängen / so dörfften dihse Licht scheuente Anonymi dihse höchst gelährte Kaninichen sich füglig fürsehn for ihr auff geworffenes Wurst-Maul; sintemahlen es eine besondere Force meines Naturells ist / daß ich die göldene Heer-Trompete nicht minder zu blahsen verstähe / wie die buchserne Flöhte.

Die Guhtwilligen aber / denen ich mit Verschweigung ihrer Vorzüge nichts an ihrer Würde entzogen haben will / wollen bedäncken / daß die Versche / die ich hihr alß Errores juventutis mich nicht scheue ihrem Judicio zu unterbreiten / blohß meine schlächten sind.

Die guhten habe ich for mir
selbst behalten.

Adieu!


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