Das Geschichtenbuch des Wanderers

----------

























Kapitel 1 des Buches: Das Geschichtenbuch des Wanderers

Wenn Dämonen spielen.

Aus dem Leben eines Freundes.

Es war das reizendste Erkerzimmer, das ich je bewohnt habe. – Es war mit mattfarbigem Sammte tapeziert, mit meisterhaften Jagd- und Genrebildern geschmückt, mit echt orientalischen Teppichen belegt, mit kunstvoll geschnitzten Eichenholzmöbeln bestanden, und es hatte an der Wand einen elfenbeinernen Telegraphentaster, der nach der Versicherung des Hausherrn bereit war, neu auftauchende Wünsche des Gastes promptest zu erfüllen. Und das war noch das Wenigste, denn derlei besitzt in irgend welcher Stadt jeder reiche Schlucker.

Aber zwei Fenster waren da, deren Spiegelscheiben so hell und rein waren, daß man meinte, sie stünden offen und die reine Nordlandsluft wehe aus und ein. Das eine Fenster zeigte die hellgrünen Buchen- und Eichenwälder von Jasmund und die weißen Strandfelsen von Stubbenkammer, das andere die blaue, unabsehbare Fläche des Meeres. Die sinkende Nachmittagssonne legte Gold auf die Wälder, Silber auf die Kreidefelsen, und ein Segelschiff am Horizont leuchtete wie ein aufsteigendes Sternlein. Ich hatte an jenem Tage zum erstenmale das Meer gesehen. Ich war erst vor zwei Stunden von der Reise gekommen, die von Wien bis Rügen zwei Tage und Nächte ununterbrochen gedauert hatte. Die Neugierde, den alten Freund zu sehen und wie sich der einstige arme Zimmermalerjunge als Gutsbesitzer ausnehme, hatte mir weder ein Interesse an den malerischen Elbe-Ufern der sächsischen Schweiz, noch an der stolzen Kaiserstadt Berlin aufkommen lassen. In Stralsund hatte er mich erwartet – es war sonst noch der alte Bursche, aber Welt hatte er nun, als wäre er geborner Majoratsherr gewesen auf diesem zauberhaften »Edelsitz« Zurkow. In drei Stunden hatten wir mit den feurigsten Hengsten, die mich je durch die Luft gerissen, die ganze Insel Rügen von Westen nach Osten durchschnitten.

Auf Zurkow angelangt, erwartete uns ein Mahl, welches zwei weißbehandschuhte Diener servierten, die so stumm waren, wie der Fisch im Wasser. Mein Gastherr wußte auch nicht gleich, wo und wie er das vor sechs Jahren durch eine plötzliche Studienreise nach Italien unterbrochene Gespräch wieder anknüpfen sollte und glaubte es am schicklichsten damit zu thun, daß er die Abwesenheit seiner Frau entschuldigte, die einer unaufschiebbaren Familienangelegenheit wegen nach Putbus gefahren sei.

Und ich? Fürwahr, mit einem Millionenmann, den man in der Künstlerblouse eines Wandmalers so oft gesehen und so liebgewonnen hat, spricht sichs etwas unglatt. Ich konnte nicht leugnen, daß Alles sehr gütig und wohlgemeint war, was mir in diesem Hause zu widerfahren begann, und doch blickte ich immer wieder mit verstohlenem Mißtrauen auf den Gastherrn hin, ob ers denn wirklich sei, der gute Wendel Blees. Daß ers gewesen war, konnte man hie und da noch spüren, aber ob ers noch sei, das schien mir in der That zweifelhaft. Ein hübscher Junge war er immer gewesen, aber sein Schnurrbärtchen war nun entschiedener, seine Gesichtszüge ausdrucksvoller und vornehm blaß, sein Mund höflicher und sein braunes Auge lebhafter geworden. Daß er seine Absicht, Künstler zu werden, nicht bewerkstelligt hatte, war aus seinem ganzen Wesen unschwer zu ersehen. Nirgends der schöpferische, idealbeschwingte Geist; überall der formenängstliche, emporgekommene, reiche Mann. An dem überladenen Aufputz der Tafel, an der Auswahl der ziemlich auffallenden Leckerbissen und an der etwas barschen Art, womit er die Dienerschaft behandelte, war zu erkennen, daß er in diesen Verhältnissen nicht immer heimisch gewesen und das rechte Maß nicht ganz leicht zu treffen wisse.

Nachdem ich meine Reise-Erlebnisse zur Noth skizzirt und meinem Freunde über mein allgemeines Befinden die geziemende Mittheilung gemacht hatte, schloß Wendel, daß ich von der Reise ermüdet sein würde und wies mir mein Zimmer an, »um mich auszuruhen«.

Ich hatte nun unersättlich zu den Fenstern hinausgeschaut in die mir so seltsame, zauberhaft schöne Gegend. Ich hatte eine der vortrefflichen Cigarren angebrannt und mich auf das Ruhebett hingestreckt und den mich umgebenden Luxus betrachtet und in die stille leere Luft hinein gefragt: Wendel Blees, du leichtsinnig Wienerkind, wie kommst du zu diesem Herrensitz im Inselreiche der Hünen?

Es war damals kaum neun Jahre her, als ein aufgeschossenes Bürschchen ziemlich selbstsicher in meine Arbeitsstube getreten war, meine Bilder scharf angeblickt und mich gebeten hatte, daß ich ihn in seiner Absicht unterstützen möge, er wolle Maler werden. Wer er wäre? fragte ich. »Nichts«, war seine Antwort, »ich bin ein Waisenkind, das ein entfernter Verwandter aufgezogen und dann im städtischen Rechnungsamte untergebracht hat, wo ich Ziffern zeichnen soll. Das ist aber nichts, ich bin durchgegangen, denn ich will Maler werden.« Ob er mir Proben von seinem Talente zeigen könne? Da hatte er schon mehrere Papierblätter aus der Tasche gezogen; dieselben enthielten Zeichnungen aus dem Schönbrunner Thiergarten, aus dem Militärleben und eine Auffahrt bei Hofe; Manches war mit ziemlich grellen Farben bemalt. Nachdem ich diese Bilder besehen hatte, sagte ich zu dem jungen Mann, daß ich aus diesen Proben nichts zu erkennen vermöge und ihm doch rathe, sich einem Beruf zuzuwenden, der weniger trügerisch sei, als das Künstlerthum. Er verwies auf Maler, die so klein wie er angefangen, es aber zum Ruhm gebracht hätten. Ich blieb bei meiner Ansicht, lud ihn aber ein, wenn er in seinen freien Stunden neue Bilder versuchen sollte, mir dieselben seinerzeit wieder zu bringen. Das war das erste Begegnen mit Wendelin Blees. Wir sahen uns von diesem Tage an oft. Obwohl ich gar nichts für ihn zu thun vermochte, schloß er sich an mich. Da er bei einem Maler nicht unterkommen konnte, so ging er zu einem Anstreicher in die Lehre, denn die Farbe hatte ihms angethan. Die freien Stunden, die er hatte, war er bei mir, sah meinen Arbeiten zu und übte sich selbst. Er eignete sich eine gewisse Technik an, aber es war kein Schwung da, keine Originalität – überhaupt kein Talent.

Ich sagte es ihm, er glaubte mir nicht.

Indeß gewann ich ihn lieb, anfangs seines Interesses für die Kunst wegen, später, weil er ein offener, herzens- und geistesfrischer, fröhlicher Junge war. Schrullen hatte er freilich, oft so wunderliche Schrullen, daß ich mir dachte: das wächst sich zu einem Narren oder doch zu einem großen Manne aus. Er war um ein Bedeutendes jünger als ich, aber wir wurden Freunde. Er hatte eigentlich keine Bildung genossen, aber er hatte liebenswürdige Naturanlagen, und wenn in seinem Wesen auch ein gewisser Trotz lag, so diente derselbe mehr zur Stählung seines Charakters, als um anderen Menschen unangenehm zu sein. Es hat sich manch strenge geschulter Mann als mein Freund bekannt, der mir nicht so viel war, als der kleine Wendel. Er hat, in Bezug auf das, während unseres zweijährigen Beisammenseins nur eine einzige Dummheit gemacht. Auf mehreren Ausstellungen erregte ein Bild von mir besonderes Aufsehen. Als Folge des Beifalls erwuchsen – wie das immer so geht – auch die Widersacher. Einen solchen Widersacher, es war ein Zeitungsredacteur, forderte der kleine Wendel meines Bildes wegen zum Duell. Der Redacteur machte ihn abtreten und lachte ihn aus. Nun kam er wüthend zu mir und ich lachte ihn auch aus.

Seinem Meister, dem Anstreicher und Zimmermaler, war er ein fleißiger Gehilfe, aber Niemand als ich wußte, mit welchem Widerwillen er das Handwerk betrieb. Und eines Tages trat er aufgeregter als sonst in meine Stube und sagte, daß er nun komme, um von mir Abschied zu nehmen. Er habe sich so viel erspart, daß er nach Italien gehen könne, um sich an den berühmten alten Meistern zu unterrichten.

Ich fragte, ob er wohl ermesse, was er gesagt habe. Er antwortete, daß ich noch von ihm hören würde und daß er auch als Künstler meiner Freundschaft, die ihm das Theuerste auf dieser Welt sei, würdig werden wolle. Ich suchte ihm in der Eile ein paar Empfehlungsschreiben aufzudrängen, dann ging er. Ging ohne Geld – denn sein Erspartes half ihm kaum bis über die Grenze – ohne Kenntnisse, ohne Freunde und ohne Plan nach Italien.

Von dem Tage seiner Abreise an war er verschollen. Und wars jahrelang, so daß mein Gedenken an ihn voll Wehmuth wurde, wie man eines Todten gedenkt. Mein Leben ging in der Stille fort, aber jedes Jahr machte mich um mehrere Jahre älter, weil mit dem Wachsen meiner Einsicht mich meine künstlerischen Erfolge, so lärmend dieselben auch sein mochten, immer weniger und weniger befriedigen wollten. Die Ehre, welche mir die durch Effect leicht zu bestechende Menge zollte, vermochte meinen inneren Unmuth nicht aufzuwiegen und so zog ich mich sachte zurück in die Beschaulichkeit, lebte der Natur und machte Reisen von Gallerie zu Gallerie, um das an Anderen mit Ehrfurcht zu bewundern, was mir selbst nicht gelingen wollte. Von Wendel fand ich auch nicht die leiseste Spur. Da erhielt ich eines Tages in Wien das folgende Schreiben:

»Geschätzter Freund!

Für den Fall Du einmal Lust nach malerischen Landschaften hast, so reise nach der Insel Rügen. Und wenn Du dort sein wirst, so versäume ja nicht, nach dem Landgute Zurkow zu fragen, denn der Besitzer desselben ist ein alter Freund von Dir, der Dich bittet, es Dir bei ihm recht wohl ergehen zu lassen. Er hofft, daß Du seiner nicht vergessen haben wirst und freut sich sehr, Dich nach sechs Jahren endlich wieder zu sehen. Es ist Dein alter

Wendelin Blees.«


Akzeptieren

Diese Website benutzt Google Analytics um seinen Nutzen zu messen. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren