Das Ereignis in der Schrun

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Kapitel 1 des Buches: Das Ereignis in der Schrun

Peter Rosegger

Das Ereignis in der Schrun

In einem Städtchen Oberfrankens lebte eine, Schullehrerswitwe mit Namen Mändeg. Sie bewohnte eine Dachstube, arbeitete im Nähen und Plätten und lebte sehr still und einfach und sehr glücklich dahin. Ihr Glück bestand in einem – um die Zeit dieser Geschichte – zwanzigjährigen Jüngling, ihrem einzigen Kinde. Für das lebte, arbeitete, darbte, sparte, betete sie, und ihr Opfer hatte der Himmel in Gnaden belohnt.

Eines Tages kam der Sohn heim vom Gymnasium mit glänzendem Zeugnisse, glänzendem Gesichte und jubelnd. Die Anstalt war absolviert und in zwei Monaten beziehen wir die Hochschule zu Leipzig! Auch einen Brief hatte Gottfried bei sich – vom Direktor an Mutter Mändeg.

Hochachtbare Frau!

An diesem Tage, als ich Ihren Sohn Gottfried von unserer Anstalt scheiden sehe, empfinde ich es so recht, wie lieb ich den blonden Jungen habe und ich ergreife die Gelegenheit, um Sie zu diesem Sohne zu beglückwünschen. Rührend waren uns oft die Opfer, die Sie seit sieben Jahren für ihn gebracht haben; der nun heimkehrende gesunde, hübsche, mit wahrhaft edlen Eigenschaften des Geistes und des Herzens ausgestattete Jüngling soll Ihnen eine wohlverdiente Genugtuung sein. Gottfried war in unserer Anstalt ein Muster der Sittsamkeit und des Fleißes, bei seinen Lehrern wie bei seinen Kameraden gleich beliebt. Besonders zeichnete er sich durch kindliche Treuherzigkeit, durch Mut und Besonnenheit und durch einen lebhaften Natursinn von seinen Altersgenossen aus. Seit meiner Wirksamkeit an der hiesigen Anstalt ist es das erste Mal, daß die Schüler unter sich für einen Kollegen eine Ehrengabe sammeln, um ihm eine Ferienreise zu ermöglichen. Gottfried soll nun seinen langgehegten Wunsch, eine Reise in die Alpen zu machen, ausführen. Wir alle geben ihm den Segen für die Zukunft mit, in der Sie, hochgeschätzte Frau, große Freude und Ehre an Ihrem Sohne erleben werden.

Mit aufrichtiger Hochachtung

G.v.Elser, Direktor.

Selig, überselig war Mutter Mändeg; sie reichte ihrem Sohne nur so in stiller Ehrerbietung die Hand und schaute ihm in das liebe, offene Gesicht. »Sieh, sieh!« sagte sie dann, »du bist aber doch ein Schlingel!«

Hernach am Abend, als die Leute sich unter der Ebereschen-Allee ergingen, führte Gottfried das kleine behendige Frauchen auch spazieren und alles kam herbei, um den Studenten zu begrüßen; aber die Mädchen, mit denen er in früheren Jahren kindisch gescherzt hatte, wechselten ein wenig die Farbe ihrer Wangen und verhielten sich eingezogen. Nur die Fräulein Töchter des Oberrichters nickten ihm gar freundlich zu und der Herr Oberrichter lud ihn für jeden Sonntag während der Ferienzeit zum Mittagsmahl ein.

Gottfried mußte danken, er beabsichtige, eine mehrwöchentliche Gebirgsreise anzutreten. »Wohlan,« meinte der Oberrichter, »hoffentlich werden die Steinadler Sie uns nicht entführen und wenn sie zurückkehren, sind Sie unser.«

Mutter Mändeg merkte wohl, ihr Sohn war nicht mehr der ihre wie einst, da er Knabe gewesen, alle Welt wollte teil an ihm haben; da schloß sie ihren Arm enger an den seinen, zog ihn heimwärts in die Dachkammer und vertraute ihm in Scherz und Ernst, sie wisse sich vor Eifersucht gar nicht zu fassen, sie wolle ihn noch in den Käfig sperren.

»Das ist gar nicht nötig, Mutterle,« sagte Gottfried, preßte ihre Hand an seine Brust und trillerte das Lied:

»Du hast eine güldne Ketten
Ums Herz mir angelegt.«

»Du!« drohte das Frauchen und hob den Zeigefinger, »man möchte nicht allemal gern untersuchen, wer euch Herren Studenten die güldne Ketten ums Herz hat angelegt!«

»Aber Mutter!« er küßte sie flüchtig.

»Daß ichs nur offen sage,« wendete die Mutter ein, »mit deinen Küssen bin ich nicht mehr zufrieden, s ist wohl ein Kuß, aber es ist der Gottfried nicht mehr dran.«

»Er ist noch dran,« sagte der junge Mann, packte sie in die Arme und drückte und küßte, und kosete sie so gewaltig, daß sie einen Schreckruf tat. Ein solcher Kuß – da war freilich der Gottfried dran, aber nicht der Knabe mehr. Sie schwieg und war schier verwirrt wie ein Mädchen – beruhigt hatte sie der Kuß eigentlich nicht. Indes, wenn einem Sohne die Zeit der Liebe naht, da wird auch die Liebe der Mutter zu ihm eine andere. Und Frau Mändeg war so glücklich. »Daß du jetzt nicht mehr bei mir bleibst in den Vakanzen, wie sonst,« sagte sie, »das ist ganz selbstverständlich; ich wäre ja im Himmel, und das verlange ich nicht auf der Welt.«

Zwei Tage gab er ihr zuliebe zu, dann packte sie sein Ränzel. O, was sie ihm alles mitgeben wollte an Wäsche, an Beschuhung, an sonstigem Zugehör! Gottfried mußte es ihr immer wiederholen, daß auf Fußwanderungen im Gebirge das kleinste Gepäck das beste sei. So bepackte sie ihn – was er sich gern gefallen ließ – mit Segenswünschen und Ermahnungen, mit Bitten und Beschwörungen, ja recht auf sich achtzuhaben und gesund wieder heimzukehren. Als er dann reisefertig an der Tür stand – schlank und frisch und schön, das Auge schon voll Wanderlust, da schoß die Mutter plötzlich an ihn heran, faßte ihn am Arm und sagte: »Nein, Gottfried, ich lasse dich doch nicht fort. Was willst du in der fremden Welt? Bleib daheim!«

»Lebe wohl, Mutter!« Ein rascher Händedruck, da war er davon. In Mutter Mändegs Stube war es wieder öde und einsam, wie es sonst gewesen, und wieder trat das stille Sinnen und Gedenken an ihn hervor, das Sorgen und Kümmern, das Hoffen auf die Wiederkehr, wie es sonst gewesen und das üppige Ausmalen der Zeit, wenn er wieder daheim sein werde. – Ob sie viel von Gottfried träume? ward Frau Mändeg eines Tages, als sie ihre Arbeit ins Haus des Oberrichters gebracht, von dem jüngsten »Fräulein Tochter« gefragt.

Sie träume gar nicht von ihm. – Ja, das sei ganz in Ordnung, an was man wachend beständig denke, das ruhe im Schlafe. Auch die Gedanken müßten sich ausrasten. So das kluge Fräulein. Trotzdem träumte Mutter Mändeg in einer der nächsten Nächte, ihr Sohn sitze unten im Buchenwalde am roten Kreuze und füttere ein schneeweißes Vöglein. Das Vöglein sang: »Du hast eine güldne Ketten...« In einer zweiten Nacht träumte ihr dasselbe, nur daß sie am Kreuze den Gottfried nicht sah, sondern bloß den Vogel; dieser hüpfte an den Balken hin und her und sang: »Du hast eine güldne Ketten ...« Dann war eine Nacht nichts, aber in der darauffolgenden sah die Mutter im Traume wieder das rote Kreuz, sah aber nicht den Gottfried und auch nicht den Vogel, doch hörte sie singen: »Du hast eine güldne Ketten...«

Der Vormittag nach dieser Nacht brachte eine Depesche. Der Austräger, der die Depesche selbst aufgefangen hatte, sprach: »Es wird gewiß so schlimm nicht sein. Der junge Herr hat nur etliche Pfennige ersparen wollen, es taugt aber nicht, bei Depeschen so undeutlich sein,« und überreichte das Telegramm.

»Gottfried Mändeg aus Aching in Oberfranken verletzt. Mutter womöglich sofort kommen. Dorf Schrun in Tirol.

Jakob Höfinger, Pfarrer.«


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