Auf Regierungs-Lande

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Kapitel 2 des Buches: Auf Regierungs-Lande

Es war ein Abend so dunkel, daß sich kaum die unmittelbar nächsten Gegenstände unterscheiden ließen, als ich an einem Punkte des oberen Mississippi das kurz zuvor angelangte Dampfboot verließ. Zwei qualmende Kienfackeln beleuchteten nur notdürftig das abgedachte Ufer, und als ich dieses erstiegen hatte, lag die Finsternis vor mir wie ein Brett. Nur hier und da blitzte es in der Entfernung wie ein Irrlicht auf – dort lag die Stadt Dubuque, in welcher ich zu übernachten gedachte; aber vergebens bemühte ich mich, den Schein einer Straße, die mich über das unbekannte Terrain leiten sollte, zu entdecken.

Hinter mir hatte soeben eine andere Persönlichkeit das Ufer erklommen und trat jetzt mit einem: »Sackerti, hier brauchts Katzennatur!« neben mich – das war Fritz Leutner, der Kamerad und Schicksalsgefährte auf meiner Reise hierher, sowie der ziemlich abenteuerlichen Fahrt, welche noch vor uns lag, der aber im Augenblicke ebenso ratlos in die Finsternis hineinblickte, als ich selbst.

Es waren allerdings, als wir angelegt hatten, zwei Hotelwagen zur Aufnahme der angekommenen Passagiere vorhanden gewesen; wir beide aber gehörten leider nicht zu einer Klasse von Reisenden, welche an die Benutzung derartiger Bequemlichkeiten denken durften. Wir hatten zur Ersparung der Reisekosten unsere Schiffspassage mit unserer Hände Arbeit bezahlt, hatten an den Haltestellen Holz für die Feuerung herbeigeschleppt, das Ausladen der Fracht mit besorgt, und hatten so auch jetzt erst nach getaner Arbeit das Boot verlassen dürfen. Leutner hatte freilich etwas von Desertieren gebrummt, um in Gesellschaft der übrigen Reisenden die Stadt erreichen zu können; ein Blick nach unseren Habseligkeiten aber, welche unter dem Auge des »Frachtmeisters« und nicht unbemerkt von diesem erreicht werden konnten, hatte ihn schnell den Gedanken daran aufgeben lassen.

Wie wir beide aber, die wir uns für zwei durchaus anständige, gebildete Menschen hielten, in unsere jetzige Lage geraten waren, ist eine von den tausend Geschichten, wie sie in Amerika alle Tage passieren und kaum noch des Erzählens wert sind. Ich war meines Zeichens deutscher Ökonomieverwalter – beiläufig das schlechteste Geschäft, das jemand vor seiner Übersiedlung nach Amerika getrieben haben kann; er paßt weder mit dem, was er weiß, noch, mit dem, was ihm anklebt, in irgendeine amerikanische Branche hinein, wenn er nicht zur gröbsten Arbeit greifen will – und zu dieser letzteren hatte ich mich länger als ein volles Jahr bequemt, um die wenigen Geldmittel, welche ich aus Europa mit herübergebracht, die aber zum Ankaufe eines Besitztums nirgends auch nur zur Hälfte ausreichten, nicht aufzehren zu müssen. Ich hatte als Knecht auf einer amerikanischen Farm gearbeitet und dabei leidlich Englisch gelernt, war dann, als die Feldarbeit zu Ende gegangen, Lastträger, Handlanger bei Häuserbauten und zuletzt während der Cholerazeit Totengräbergehilfe geworden, bis ich endlich eingesehen, daß ich auf diese Weise nie zu einer Selbständigkeit gelangen, daß ich trotz meiner Gymnasialbildung geistig zugrunde gehen würde, und ich mich kräftig zum Einschlagen eines neuen, wenn auch etwas abenteuerlichen Weges aufraffte. Fritz Leutner, der früher angehender Forstmann gewesen, sich aber vom Teufel in Gestalt eines rotbäckigen Mädchens hatte blenden lassen, mit dem er seinen Eltern zum Trotz nach Amerika durchgegangen war und den ich dann als Leidensgefährten meiner mühseligen Beschäftigungen getroffen, unglücklicher noch als ich, da er Frau und Kinder ernähren mußte – hatte eigentlich den ersten Anstoß zu der Idee gegeben, die unserer beider Leben eine andere Richtung geben sollte. Zum besseren Verständnis derselben aber muß ich einige Worte vorausschicken.

Es war die Zeit, als der Landstrich Minnesota für das Paradies der Einwanderer galt. Fast jeder der westlichen Staaten hat eine ähnliche Periode durchgemacht; vor Minnesota waren Wisconsin und ein Teil von Illinois das Ziel aller Wünsche; noch früher waren es Ohio und Missouri, und wer gerade zur rechten Zeit am rechten Platze war, wurde oft mit einem Stück wilden Landes, auf welches ihm vorher niemand zehn Dollars geliehen hätte, in Jahresfrist ein reicher Mann.

Was aber besonders nach Minnesota eine Menge kräftiger Arme zog, war das mehr als früher in Ausübung gebrachte Vorkaufsrecht, das Recht, sich auf den der Vereinigten Staaten-Regierung noch gehörigen Ländereien (dem sogenannten Kongreß- oder Regierungslande) ohne jede Anzahlung niederzulassen, und das in Besitz genommene Land erst ein Jahr nach der Zeit, in welcher es zum öffentlichen Verkauf ausgeboten ward, mit höchstens eineinviertel Dollar per Acker zu bezahlen. Dieses Vorkaufsrecht hat allerdings nur Anwendung auf den wirklichen Ansiedler, und das Gesetz bindet den Genuß des Rechts an die Erfüllung bestimmter Bedingungen, wozu der Aufbau eines Hauses, das Abholzen und Einzäunen eines Stück Landes und eine festgesetzte Zeit steten Aufenthaltes gehören; dessen ungeachtet aber hat die Spekulation Wege gefunden, diese Bedingungen zu umgehen. Ganze Banden von Herumstreichern haben es zu ihrem Geschäfte gemacht, an zehn verschiedenen Orten auf einmal sich niederzulassen, durch falsche Eide das Besitzrecht auf ganze Strecken des reichsten Landes zu erwerben und durch Schikane oder offene Gewalt jeden Ansiedler aus ihrer Nähe zu vertreiben, der nicht für bares Geld die Abtretung des benötigten Bodens von ihnen erlangen, sondern von seinem eigenen Vorkaufsrechte Gebrauch machen will.

Diese eben berührten Verhältnisse sollte ich indessen erst später kennen lernen.

Mir hatte sich Leutners Gedanke, nach Minnesota zu gehen und uns eine Heimat und Selbständigkeit aus dem Urwalde herauszuhauen, als das einfachste Ding der Welt vor die Augen gestellt, an das ich schon längst selbst hätte denken sollen, zumal mein kleines, bis jetzt noch immer gerettetes Kapital zur Beschaffung der anfänglich notwendigen Lebensmittel und der nötigsten Bedürfnisse für den späteren Farmbetrieb hinreichte. Und wenn auch ein Mensch allein ein derartiges Unternehmen nicht wohl wagen durfte, so war mir doch ein Mißlingen für unsere vier kräftigen Arme als eine halbe Unmöglichkeit erschienen. Leutner hatte noch viel weniger etwas von Schwierigkeiten hören wollen und behauptet, daß außer einer Flinte mit der nötigen Munition, die uns für den Anfang, ebenso ernähren werde, wie den Indianer die seinige, einer tüchtigen Axt und einer starken Hacke durchaus keine weitere Ausrüstung erforderlich sei, und war auch, als es endlich zum Abmarsch gehen sollte, richtig nur mit seinen drei Notwendigkeiten nebst einer erschreckend dünnen Reisetasche und so allen Geldes bar erschienen, wie es nur ein Hinterwaldfarmer nach einer schlechten Ernte sein mag. Für seine Frau, welche den Druck ihres bisherigen Loses wohl noch tiefer gefühlt, als Leutner selbst, und die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft sich mit jedem Arrangement einverstanden erklärt, war eine Dienstbotenstelle in einer amerikanischen Familie, welche ihr die Beibehaltung ihres Kindes erlaubt, ermittelt worden, und so hatten wir das erste nach St. Louis bestimmte Dampfboot, das uns als Deckarbeiter an Bord nehmen wollte, bestiegen, hatten uns auf gleiche Weise von St. Louis nach Dubuque hinaufgearbeitet und gedachten, von hier aus uns eine neue Bootgelegenheit nach St. Paul, der Hauptstadt Minnesotas, zu verschaffen. Dort wollten wir uns über den leichtesten Weg zur Ausführung unserer Absicht wie nach den Lokalitäten erkundigen, die nötigsten Anschaffungen machen und dann frisch ins Innere des Landes gehen – es kam aber anders. –

»Sackerti, hier können wir unser Nachtquartier im ersten besten Graben nehmen, wenn wir aufs Geratewohl losgehen!« fuhr Leutner fort, nachdem er, seinen Bewegungen nach, umsonst versucht, die Dunkelheit vor uns zu durchdringen; da wurde rechts hinüber plötzlich ein Feuer sichtbar, als ob ein Gegenstand, der es verborgen, entfernt worden sei, oder die Tür zu einem Hause, in welchem eine Kaminflamme loderte, sich geöffnet habe, und eine kurze Weile strebten wir vergebens, über die Erscheinung völlig klar zu werden.

»Werdens noch ohne Kopfzerbrechen erfahren!« rief endlich Leutner. »Jedenfalls ist es ein Zielpunkt, und das muß immer genug für einen alten Jäger sein – bleib nur dicht hinter mir!«

Er begann, die Hacke von der Schulter nehmend und damit behutsam das Terrain vor sich sondierend, in gerader Linie auf den hellen Punkt loszuschreiten; aber je näher wir diesem kamen, desto weniger konnten wir über die Natur desselben einig werden. Wir sahen eine weiße, erleuchtete Rückwand, ohne doch andere Bestandteile eines Gebäudes zu bemerken, bis endlich Leutner plötzlich rief: »O, by devil, es sind Movers mit ihren hell überspannten Wagen!«

»Movers!« (Am besten durch das deutsche Wort »Auszügler« übersetzt.) Ich hatte erst ein einziges Mal eine der sonderbaren kleinen Karawanen gesehen, die keine andere Weltgegend als der Westen der Vereinigten Staaten aufzuweisen hat, aber schon soviel über die eigentümliche Menschenklasse, der sie angehören, vernommen, daß bei dem einen Worte sofort in mir ein reges Interesse für das immer deutlicher werdende Bild vor uns lebendig wurde.

Wie zur Zeit der Reife die Samenkapsel der Pflanze springt und die einzelnen Körner dem Zuge des Windes folgen, so trennen sich aus den angesiedelten Staaten, sobald diese eine gewisse Bevölkerungsdichte erreicht haben, zerstreute Teile der Bewohnerschaft los und wenden sich als Samen der sich ausbreitenden Kultur nach dem Teile des wilden Westens, welcher nach den augenblicklichen Verhältnissen die besten Aussichten verspricht. Es scheint eine vom Schicksal für diesen Zweck eigens bestimmte Menschengattung unter den Amerikanern zu existieren, die sich unheimlich im Lande fühlt, sobald die Wohnung des nächsten Nachbars bis auf Sehweite an ihr Besitztum heranrückt, und deshalb westwärts vor der nahenden Zivilisation und dem gesellschaftlichen Leben zurückweicht – die gar oft der erste Erbe der neu vertriebenen Indianer ist, oft aber auch mitten unter diesen sich ihr neues Blockhaus aufschlägt. Und es ist wunderbar einfach, wie diese Übersiedlungen mit Frau und Kind geschehen. Nachdem der »alte Platz« meist für ein Spottgeld verkauft ist, wird alles, was zu den Wirtschafts- oder Farmutensilien, was zu den übrigen Habseligkeiten der Familie gehört, auf einen der gewöhnlichen, mit Segeltuch überspannten Wagen geladen, die Zugochsen – in selteneren Fällen wohl auch Pferde – werden vorgespannt, die beiden Kühe hinten angebunden, Frau und Kinder kriechen unter die Plane und, von seinem Hunde umsprungen, treibt der Farmer das Gespann die nächste Straße westwärts, immer westwärts der Wildnis entgegen. Der wohlverwahrte Wagen ist Wohnung und Nachtquartier, jede Farm am Wege bietet für ein Geringes die nötigen Nahrungsmittel für Menschen und Vieh, und wenn abends an einem möglichst vor dem Winde geschützten Orte halt gemacht worden ist, schließen sich die Augen sorglos zum Schlafe, das Wächteramt allein dem unter dem Wagen liegenden Hunde überlassend.

Was wir jetzt im Näherkommen sahen, sprach indessen von einer größeren Wohlhabenheit, als sie gewöhnlich unter dieser eigentümlichen Menschenklasse angetroffen wird. Die beiden Wagen, von welchen der kleinere jedenfalls das Feuer verdeckt hatte und soeben erst dicht neben den anderen geschoben zu sein schien, waren stark und wohl erhalten; zwei kräftige, gut gefütterte Pferde wurden soeben an die Räder des einen gebunden, während unter der Deichsel des anderen zwei Ochsen, vom Joche befreit, im Grase lagen und dahinter vier Kühe die kurzgehörnten Köpfe hervorstreckten. Unweit des Feuers auf einem Stuhle saß, bequem vorgebeugt, eine der breitschultrigen Männergestalten, wie man sie unter der amerikanischen Farmerbevölkerung des Westens so oft trifft; zwei Schritte von ihm, den Rücken gegen uns gekehrt und nur als dunkler Schatten sich abzeichnend, hatte sich eine weibliche Gestalt zur Flamme niedergebogen, anscheinend mit der Bereitung des Abendessens beschäftigt, und aus der vorderen Öffnung des kleineren Wagens blickten hellbeschienen zwei frische, neugierige Kindergesichter hervor.

Ein lautes Hundegebell empfing uns, als wir in den vollen Feuerschein gelangten – ein Pfiff des aufschauenden Mannes brachte es zur Ruhe; dann aber überlief sein Blick scharf unsere ganze Erscheinung, bis ich, meinem Gefährten zuvor, mit einem herzhaften »Guten Abend!« herantrat und meine Reisetasche zu einer kurzen Rast auf den Boden setzte.

»Wir konnten den Weg nach der Stadt nicht auffinden und sind dem Scheine Ihres Feuers nachgegangen!« fügte ich hinzu, und ein schweigendes Nicken beantwortete meine Erklärung.

»Setzen Sie sich, Gentleman!« sagte er dann und wandte den Kopf, als befinde er sich vor der Kaminflamme eines wohleingerichteten Zimmers und wolle die nächststehenden Sitze heranziehen; kaum mochte er sich aber der wirklichen Umgebungen bewußt werden, als er sich auch mit einem kurzen Kopfschütteln erhob und sich nach den Wagen zurückwandte.

Ich wollte mir eben einen Gedanken machen, daß wir es hier nicht mit der gewöhnlichen Art »Movers« zu tun haben könnten, als sich die Frauengestalt vom Feuer aufrichtete und, einen flüchtigen Blick auf uns werfend, einen Moment voll bestrahlt uns gegenüber stand – es war eben nur ein Moment, dann hatte sie sich weggedreht und schritt den Kindern zu; ich aber meinte »eine Erscheinung« gehabt zu haben. Ich hatte in ein Gesicht geblickt von so tadelloser Weiße und Klarheit, daß die Glut des Feuers eben nur ein feines Rosa über Stirn und Wangen zu hauchen vermocht hatte, voll eigentümlicher stolzer und doch so wunderbar ansprechender Züge; ich hatte mit einem Blicke den Ernst, welcher zwischen den großen dunkelbeschatteten Augen ruhte, und den weichen Ausdruck um den frischen, feingeschnittenen Mund erfaßt – das war kein Gesicht, wie es in die nächtliche Szene um uns her hineinpaßte, und selbst das einfach aber in modernem Geschmack aufgebundene dunkle Haar wollte sich nicht mit der Stellung, welche ihre ganze Umgebung bezeichnete, vereinigen lassen. Meiner Überraschung nachgebend, wandte ich mich, um ihr nachzusehen – schlank und kräftig wie eine Tanne erhob sich ihre Gestalt; ihre Kleidung war sichtlich von grobem Stoffe, aber sie schloß so fehlerlos um den Oberkörper, daß sich die eleganten, jugendlichen Formen desselben kaum vorteilhafter hätten abzeichnen können; der rauchende Blechtopf, welchen sie mit beiden Händen gefaßt hielt, hätte wohl am wenigsten ihre Erscheinung heben können, und doch war es, als müsse in ihrer Weise der Handhabung selbst die niederste Beschäftigung geadelt werden. Ich fühlte die Plötzlichkeit des Eindrucks, welchen das überraschende, völlig ungewöhnliche Bild in mir hervorrief, und erst die Stimme des zurückgekehrten Farmers, welcher zwei Stühle ins Gras setzte und zum Sitzen einlud, brachte mich wieder zu mir selbst.

»Wir wollen Ihnen nicht lange zur Last fallen,« sagte ich, nur um etwas zu sprechen, während ich, gleichzeitig mit Leutner, seiner Aufforderung folgte; »wir sind auf dem Wege nach Minnesota, verspäteten uns aber auf dem Dampfboote und dachten, vielleicht hier etwas über einen sicheren Weg nach der Stadt hinüber zu hören.«

»Nach Minnesota!« wiederholte der Mann langsam, als habe das Wort zumeist seine Aufmerksamkeit erregt, und seine Augen überliefen aufs neue unser Äußeres, wie unser geringes Gepäck. »Wollen spekulieren?« setzte er hinzu, während die Falte zwischen seinen Augenbrauen sich tiefer abzeichnete.

»Spekulieren?« mußte ich auflachen. »Ja, mit unseren Fäusten auf das, was der Boden hergeben will! Wir dachten erst in St. Paul die nötigen Anschaffungen für eine Niederlassung zu machen.«

»Werden dort einen ziemlich großen Geldbeutel dazu nötig haben,« brummte der Farmer, und sein Blick nahm einen eigentümlichen Ausdruck an; »sind wohl beide Deutsche, wie ich der Sprache nach vermute; kennen Sie denn die Farmerei und das Land dort?«

Es lag etwas in dem Tone der Frage, das meine Eigenliebe verletzte; ich hatte genug von Amerika gesehen, um meine Erfahrung auch dem Eingeborenen gegenüber geltend machen zu dürfen. »In Minnesota gerade wären wir noch nicht,« erwiderte ich nachlässig, »aber man muß alles in der Welt einmal kennen lernen –«

»Wie das Huhn sagte, als ihm die Köchin den Hals umdrehte!« unterbrach mich plötzlich eine Stimme in meiner unmittelbaren Nähe, und vom Feuer grinste mir ein lustiges Gesicht entgegen, das die eben angebrannte kurze Tabakspfeife zwischen die Zähne nahm. In der kurzen, halbverwachsenen Gestalt, welche sich dem Blicke bot, erkannte ich schnell die Persönlichkeit, welche bei unserer Ankunft die Pferde an die Räder befestigt; ehe ich aber an eine Antwort denken konnte, nahm der Farmer, welcher den Zwischenfall kaum zu beachten schien, das Wort wieder. »Ich fragte nur, weil hierzulande die Erfahrung oft mehr kostet, als dabei herauskommt,« sagte er ruhig; »jeder muß aber selbst am besten wissen, was er tut!«

»Sie meinen, daß wir in St. Paul zu teuer kaufen würden?« fragte ich, zunächst von einer unbestimmten Sorge um mein kleines, mit mir geführtes Vermögen ergriffen.

»Ich denke, nicht teurer, als dort der Wert ist; es wird manchem nur schwer werden, diesen wieder herauszubringen!« erwiderte er. Meine augenblickliche Sorge aber ward von einem leisen Ärger über seine sonderbare Miene und die unbestimmte Art seiner Antworten verdrängt.

»Man wird eben sein Bestes tun müssen!« versetzte ich kalt.

»Wie der Hase sagte, als die Hunde hinter ihm her waren!« klang die frühere Stimme wieder.

»Oder wie der Stock sagte, als er einem Naseweisen auf den Buckel fiel!« rief Leutner, sich mit rotgewordenem Gesichte von seinem Stuhle erhebend.

Der Farmer ließ ein kräftiges Lachen hören. »Hast du deinen Mann gefunden, Jim?« sagte er in sichtlich erwachter guter Laune; der Verwachsene aber richtete die kleinen, blitzenden Augen auf seinen Gegner und schien in einer angenehmen Überraschung dessen Gesicht zu studieren.

»s ist ein voreiliger Schlingel mit seiner Zunge,« fuhr der Alte lachend fort, »aber er meints nicht böse, und wenn ich sage, daß ich es auch gut mit Ihnen meine, Gentlemen, so mögen Sie mir aufs Wort glauben. Ich habe Landsleute von Ihnen in dem neuen Landstriche getroffen, wohin jetzt alles läuft; sie hatten ihr weniges Geld in die notdürftigste Einrichtung gesteckt und saßen in der Wildnis, kaum daß sie sich vor dem Hungertode schützten – sie sind eben den Wald nicht gewohnt und verstehen die Dinge nicht am rechten Ende anzupacken, haben sich zu Anfang auch aus reiner Gutmütigkeit und Friedlichkeit das Fell über die Ohren ziehen lassen. Es sind ausgezeichnete Menschen, die Deutschen, bei denen noch ein Wort gilt; aber den Wald klarzumachen, sollten sie uns überlassen!«

»Das heißt also,« fragte ich, durch die unerwartete Redseligkeit des Sprechenden zu einem unwillkürlichen Mißtrauen angeregt, »der Deutsche soll immer nur von dem Amerikaner aus zweiter Hand kaufen, und diesem nicht durch eigenen Unternehmungsgeist das Geschäft verderben –?«

Der Farmer sah mich mit einem hellen, scharfen Blicke an und wandte dann diesen nach meinem Gefährten. »Sie haben sicher schon etwas von unserem Lande gesehen und gekostet,« sagte er mit einem Lächeln, in welchem Spott und Gutmütigkeit miteinander zu streiten schienen, »jedenfalls aber noch nicht genug, sonst würden Sie die Pionierarbeit im Hinterwalde nicht zu den guten Geschäften zählen – werden aber vielleicht noch ihre Erfahrungen machen. – Sie wollten den Weg nach Dubuque wissen,« fuhr er dann fort, während seine Züge einen ruhigen, kalten Ausdruck annahmen; »wenn Sie von hier auf die äußersten Lichter losgehen, werden Sie kein Hindernis in Ihrer Richtung treffen.«

Ein Ruf hinter uns unterbrach ihn und ich wußte, daß dieser aus keinem anderen Munde, als dem des unlängst von uns gegangenen Mädchens kommen konnte; der eigentümliche Wohllaut darin schien alle meine Nerven zu berühren. Der kleine Verwachsene sprang von dem Feuer, an welchem er sich niedergehockt, auf und eilte davon, aber auch der alte Farmer wandte sich nach dem Tone und verließ uns nach kurzem Aufhorchen. Und jetzt erst begannen sich mir mit schwerem Drucke alle Zweifel, welche die Worte des Alten über unser bevorstehendes Unternehmen in mir erregt, fühlbar zu machen. Was sollte aus meiner ganzen Zukunft werden, wenn er wahr gesprochen und ich mir mit Aufopferung meines wenigen Geldes vielleicht nur ein Elend in der Wildnis erkaufte?

»Willst du ein Wort hören, Alter?« unterbrach Leutner halblaut meine Gedanken; »der Mann kennt Minnesota, und ich möchte mich aufknüpfen lassen, wenn die ganze Gesellschaft nicht dorthin auf dem Wege ist. Du traust ihm nicht ganz – alles recht! Aber ich meine, wir hätten dort kaum etwas zu riskieren, wenn wir uns ihm vorläufig anzuschließen versuchten. Zum Betrügen von ein paar armen Teufeln scheint mir überhaupt die ganze Sache hier nicht angetan; dort hinten im kleinen Wagen muß etwas wie eine kranke Person liegen, und das Mädchen – Sackerti! wenn doch der Mensch nicht schon verheiratet wäre – nun, in Kniffen und Pfiffen scheint die mir am wenigsten bewandert zu sein!«

Ich sah nach dem Wagen zurück, und ein eigentümliches Bild bot sich meinem Blicke. Aus einem Stuhle neben dem hinteren Ende der Deichsel, welches als Tisch dienen mußte, saß das Mädchen, ein Kind auf dem Schoße, ein zweites zu ihrer Seite, beide abwechselnd aus einer Blechschüssel fütternd; trotz der sichtlichen Liebe aber, mit welcher sie ihr Werk verrichtete, drängte sich mir wieder die frühere Beobachtung auf, daß etwas in ihrer Haltung und Bewegung liege, welches weit über ihre Beschäftigung und Umgebung stehe, und ich fühlte, daß schon das Interesse für sie, so plötzlich dies auch erwacht war, mich bestimmen könnte, auf Leutners Vorschlag einzugehen. Aus der Hand des Verwachsenen, welcher am Boden der Speiseverteilung obzuliegen schien, nahm der Farmer soeben ein kleines Blechgefäß voll rauchender Flüssigkeit und reichte es einer bleichen Gestalt, die sich aus dem offenen Vorderende des Wagens bog, schien noch einige Worte zu reden und wandte sich dann wieder nach uns zurück. »Der Kaffee ist fertig, Gentlemen,« sagte er, mit kalter Höflichkeit an uns herantretend, »Sie sind zu einem Bissen Abendbrot, so gut wirs geben können, willkommen!«

»Ich möchte Sie erst um zwei Worte bitten, Sir,« erwiderte ich, mit meinem Entschlüsse rasch fertig werdend. »Sie gehen selbst nach Minnesota?«

»Es ist allerdings meine Absicht!« erwiderte er, das Auge aufmerksam hebend.

»Nun, um Ihnen zu beweisen, wieviel ich auf Ihre freundliche Warnung gebe,« fuhr ich fort, »möchte ich Sie ohne weitere Vorrede fragen, ob wir beide uns nicht Ihnen anschließen und später von Ihrer Erfahrung Gebrauch machen dürfen.«

Er ließ ein eigentümliches Hm! hören, dem eine neue, kurze Prüfung unserer Gestalten folgte. »Unter Umständen wäre mir Ihr Vorschlag ganz angenehm gewesen,« versetzte er endlich; »ich gehe aber weder nach St. Paul, wo Sie sich erst auszurüsten gedenken, noch kann ich darauf warten, bis Sie morgen früh in Dubuque ausgeschlafen haben werden; die Tage sind heiß, und ich breche früh auf. Ehrlich gestanden, möchte ich auch keine Verantwortung für Ihre Zukunft auf mich nehmen, so vorteilhaft eine Bereinigung der Arbeitskräfte sonst auch sein würde.«

»Und gäbe es denn keinen Weg, diesen gegenseitigen Vorteil zu erlangen?« fragte ich. Jetzt wo ich mit meinem Antrage so gut als abgewiesen war, wurde es mir plötzlich, als hänge von seiner Annahme eine ganze Zukunft voll Glück für mich ab. »Wir sind es ja, die Ihnen den Vorschlag machen, Sir, also kann doch von einer Verantwortlichkeit Ihrerseits gar nicht die Rede sein!«

»Sie haben kaum erst Ihr Mißtrauen ein paar einfacher Worte halber ausgedrückt – kann Ihnen das allerdings nicht verdenken – verlangen aber jetzt ein ganzes Teil Vertrauen meinerseits!« erwiderte er und fuhr, wie mit sich zu Rate gehend, langsam über sein Gesicht. »Ich will Ihnen einfach sagen, wie es steht,« begann er nach einer kurzen Pause von neuem; »ich hätte wohl Gerät genug, um Ihnen für den ersten Augenblick damit aushelfen zu können; ein Pferd aber, das Sie vor allen Dingen brauchen werden, hätten Sie mir abzukaufen, und zwar zwischen heute und morgen. Das Tier bleibt dann an seinem Platze, bis wir an Ort und Stelle sind, und Sie hätten damit Ihren Teil zu der gemeinschaftlichen Reise beigetragen. Hoffentlich werden Sie die Mittel hierzu wenigstens haben?«

Sein Auge wanderte in eigentümlicher Forschung von mir zu Leutner und wieder zurück; ich aber meinte seinen Gedanken zu erraten, und es drängte mich, die Idee, als seien wir möglicherweise ganz mittellose Lumpen, die sich anhingen, wo sie ohne Kosten mitzukommen glaubten, rasch zu beseitigen. »Sie werden mir den Preis sagen, werden mir Ihre Hand darauf geben, daß es sich um einen einfachen, ehrlichen Kauf handelt, und morgen, bei Tageslicht, schließen wir ab – denn, sehen werde ich die Ware wohl erst dürfen!« erwiderte ich und hielt ihm die Hand entgegen, »Was Sie aber sonst zu unserer Unterstützung tun, wird sich wieder auf andere Weise wettmachen lassen.«

»So!« erwiderte er, langsam die breite Rechte in die meine legend, während die forschende Miene sich in einen Zug von Zufriedenheit auflöste; »es ist zwar ein etwas schnell abgeschlossenes Kompagniegeschäft, aber mag es denn so sein. Genauere Bekanntschaft werden wir noch miteinander machen müssen, an mir aber solls nicht liegen, wenn Sie nicht zu gegenseitiger Zufriedenheit ausfällt. Jetzt sollen Sie gleich Ihr Abendbrot erhalten und Jim wird Ihnen dann ein paar Decken zum Nachtlager besorgen. Werden morgen andere Einrichtungen treffen, habe eine Frau krank im Wagen,« fuhr er fort, während ein tiefer Schatten über sein Gesicht ging; »es wird indessen nicht das erstemal bleiben, daß Sie Ihr Bett im Grase aufschlagen müssen!« Er wandte sich zurück, wo soeben das Mädchen die Kinder wieder in den Wagen hob und dann selbst sich leicht auf die Deichsel schwang, um ihnen zu folgen; mir aber wurde es, als habe sich plötzlich ein so klarer, bestimmter Lebensweg vor mir geöffnet, daß ich kaum etwas anderes zu tun habe, als ihm rüstig zu folgen.

Eine halbe Stunde darauf warf Jim zwei kleine Haufen wollener Decken für uns neben die Wagen, »Es wird ja wohl eins sein wie das andere – wie die Bratwurst sagte, als sie gefragt wurde, ob sie gekocht oder gebraten sein wolle!« sagte er mit seinem lustigen Grinsen, das stereotyp bei ihm zu sein schien.

»Sie! die Bratwurst wäre mir lieber als Ihr schlechter Witz!« rief Leutner, ein Stück hartgeräucherten Speck in seiner Hand betrachtend, an dem bereits die Anstrengungen seiner Zähne sichtbar waren, und machte sich dann mit einem undeutlichen Brummen an die Bereitung seines Lagers; meinerseits war bald dasselbe Geschäft vollbracht, und den Kopf auf der untergelegten Reisetasche starrte ich in den dunkeln Himmel über mir. Das kaum erst mit dem alten Farmer abgeschlossene Übereinkommen trat vor mich; ein Gedanke folgte dem anderen, und bald begann ein unangenehmes Gefühl von Zweifel über die Klugheit meines Verfahrens in meiner Seele herauszukriechen. Ich hatte dem Manne mein Wort gegeben, hatte daraufhin sein Lager angenommen und mußte es halten; wenn ich mich aber jetzt eines großen Teiles meines Geldes für das Pferd entäußerte, mich in den übrigen nötigen Dingen auf die Aushilfe des neuen Gefährten stützend, so war ich völlig in seiner Hand und, einmal in der Wildnis, fast ganz seinem guten Willen preisgegeben, während ich nicht die geringste andere Garantie als sein ehrliches Gesicht für mich hatte. Auf der anderen Seite aber war es mir auch noch nie so klar als an diesem Abende geworden, auf wie unsicheren Füßen ein Unternehmen stand, das von uns beiden allein in völlig unbekannten Verhältnissen begonnen wurde.

Ein lautes »Verdammt!« von Leutners Seite unterbrach meine Gedanken; er schien ebensowenig schlafen zu können, als ich, und ich rief ihn halblaut an, um nach der Ursache seiner Erregung zu fragen.

»Nun ja,« erwiderte er unwirsch, »da soll auch ein ehrlicher Mensch gelassen bleiben. Spricht da das bucklige Kerlchen von Bratwurst, jetzt, wo wir schon so gut wie in der Wildnis sind, und nun will mir der Klang nicht wieder aus den Ohren. Ich habe eine Sehnsucht danach, daß ich geradezu das Heimweh bekommen könnte. Sackerti, und sich nun hier daran abarbeiten zu müssen!« Er hob das halbverzehrte Stück Speck in den düstern Feuerschein und warf sich auf die Seite, meine lachenden Bemerkungen, die ich geflissentlich fortsetzte, um nicht wieder meinen eigenen unangenehmen Gedanken zu verfallen, nur mit einem verdrießlichen Grunzen beantwortend; als sich aber endlich ein deutliches Schnarchen seinerseits hören ließ, fühlte auch ich bald den Schlaf über mich kommen.

Es konnte wohl kaum mehr als eine Stunde vergangen sein, als mich die kalte Nase des Hundes, welcher auf meinen Decken ein weicheres Lager zu suchen schien, wieder weckte. Ein leises Lüftchen strich über die weite Ebene, und das niedergebrannte Feuer warf nur noch einen roten Glutschein in die nächste Umgebung. Ich hatte von dem Mädchen geträumt, das wie ein seltsames Rätsel für mich unter dieser Umgebung stand; noch meinte ich die Traumbilder, die nur undeutlich in meine Erinnerung traten, mich wohltuend berühren zu fühlen, und eine wundersüße Empfindung durchschlich mich, wenn ich an den nächsten Morgen dachte, der mich zu einer längeren Reise in so nahe Berührung mit ihr bringen sollte. Fast meinte ich indessen mit offenen Augen weiter zu träumen, als ich zufällig den Blick nach dem verlöschenden Feuer wandte – dort stand sie mit geneigtem Haupte, den schmalen Oberkörper eng in ein leichtes Tuch geschlagen, während die kurzen Unterkleider einen hellbeleuchteten kleinen nackten Fuß bis über den feinen Knöchel erblicken ließen; sie stand regungslos, starr in die Glut sehend, als habe sich ein einziger Gedanke ihrer ganzen Seele bemächtigt – da trat plötzlich die Gestalt des Farmers in den Kreis des Feuerscheins und legte behutsam, als wolle er die Dastehende nicht erschrecken, seine Hand auf ihre Schulter.

»Betsy, Kind, du bist unglücklich – ich wußte ja, daß es bald genug so kommen würde,« sagte er halblaut; der leise Luftzug trug indessen jedes Wort zu meinen Ohren. »Aber, Betsy, es ist noch Zeit für dich, einen Schritt zurückzutun, der mir einmal schwer auf dem Gewissen liegen könnte.«

Sie hatte ruhig den Kopf gehoben, und mir wurde jetzt volle Muße, dies bleiche, schöne Gesicht, in welchem Ernst und Lieblichkeit so wunderbar ineinander schmolzen, zu betrachten.

»Warum redest du so, Vater,« erwiderte sie; »ist denn alles, was mich betrifft, noch immer nicht bestimmt genug ausgesprochen worden? Wo du mit den anderen bist, da bin auch ich; für das übrige aber laß Gott sorgen, der das Unglück geschickt hat, ohne dein Verschulden. Ich bin nur in Sorge um die Kranke – was sollte denn werden mit ihr und den Kindern, wenn ich nicht bei euch bliebe?«

Der Mann sah einige Sekunden lang in den dunkeln Nachthimmel und sein Gesicht verzog sich zu einem Ausdrucke bitteren Grolles. »Du bist so brav, Betsy, als es nur ein Kind sein kann, und sie ist doch nicht einmal deine Mutter,« sagte er dann, sich mild zu der Angeredeten wendend. »Ich will dir wenigstens den Schein von Hoffnung geben, der mich zur Wahl unseres künftigen Aufenthaltes bewogen. Ich habe Grund, zu vermuten, daß Barclay, der Schuft gegen Gott und Menschen, sich nach Minnesota gewandt hat; und sind wir nicht vom Himmel verurteilt, für immer ausgestoßen aus der alten Heimat zu sein, so finde ich ihn, und dann – verlaß dich darauf, werde ich ihn zum Sprechen bringen.«

»Laß uns nehmen, was kommt. Vater, und uns nicht an vielleicht vergebliche Hoffnungen klammern,« erwiderte sie, den Blick wieder in die Kohlen senkend; »es ist überall eine Heimat, wenn wir nur treu beieinander stehen.«

»Gott erhalte dir deine Kraft!« murmelte der Farmer, daß es nur wie ein Hauch zu meinen aufmerksam lauschenden Ohren kam; da zischte es in den Kohlen auf, und rasch bog sie sich nieder, ein kleines Blechgefäß aufnehmend. »Ist sie sehr unruhig?« fragte der Mann.

»Ich denke, sie wird nach dem warmen Tranke schlafen können!« war des Mädchens Antwort, mit welcher sie leicht dem Wagen an der Seite meines Lagers zueilte.

Der Zurückgebliebene sah ihr nach, schüttelte dann wie in tiefer Sorge den Kopf und trat langsam in die Dunkelheit zurück; durch das Verdeck des Wagens neben mir aber begannen jetzt Stimmen zu dringen, bald ein halblautes Klagen, bald ein trostreiches Zusprechen – dann erhob sich Kindergeschrei, augenscheinlich aber schnell beschwichtigt, und zu meinem Ohre drang ein halbleiser Gesang, weich und melodisch; ich horchte überrascht auf – das war eine Weise, die mich in frühere, glücklichere Jahre, wo ich noch nicht zur Ökonomie gegriffen, versetzte; das war Schuberts »Ständchen«, und die wiegenden Töne voll leiser Melancholie übten in dieser Umgebung einen noch kaum empfundenen Zauber auf mich aus. Wie kam das Lied hierher, fast an die Grenze der Zivilisation? Ich lauschte, bis der Gesang leiser und leiser verklang und die frühere lautlose Stille über meiner Umgebung lag. Dann trat das Bild dieses Mädchens vor mich, das sich zur Wirtschafterin, Kranken- und Kinderwärterin der kleinen Karawane hergab, und als endlich der Schlummer wieder über mich kam, folgte es mir, zur lichten Gestalt eines Schutzengels umgewandelt, in meine Träume.

Ein prachtvoller Sonnenaufgang fand uns am nächsten Morgen schon in der offenen Prärie, durch die wir, der Richtung des Mississippi folgend, unseren Weg nahmen. Nur hier und da in der Entfernung zeigten sich einzelne Waldpartien, und die Zugtiere gingen auf dem ebenen Boden munter vorwärts. Über der Deichsel des hinteren mit den Ochsen bespannten Wagens saß Leutner neben dem kleinen Verwachsenen und schien sich bereits auf den muntersten, vertraulichsten Fuß mit diesem gesetzt zu haben; ich aber wanderte in einer Stimmung, so hell wie der Morgen selbst, neben dem Farmer her, welcher zur Seite der Pferde den vorderen Wagen leitete. Unser Übereinkommen war vor der Abfahrt abgeschlossen und unterschrieben worden. Ich konnte ein Pferd beurteilen und hatte mit wenigen Blicken auf die beiden Tiere echt kentuckyscher Zucht gesehen, daß von einer Übervorteilung bei dem geforderten Preise keine Rede sein konnte. Ich hatte in gutem Golde gezahlt, jeden Gedanken über die möglichen Gründe, welche den Mann bei seinem Verfahren geleitet haben konnten, zurückdrängend, hatte einen kurzen, vorläufig mit Bleistift ausgefertigten Schein über den abgeschlossenen Kauf erhalten und bei dieser Gelegenheit durch die Unterschrift den Namen meines neuen Reisegefährten, John Wilson, erfahren, und war jetzt in einem regen Gespräche mit ihm über die Verhältnisse von Minnesota, über deutsche Ökonomie und amerikanische Farmerei begriffen. Der Mann war wohl einen halben Kopf größer als ich, und als ich ihn beim klaren Morgenlichte zuerst in das Gesicht voll ruhiger Haltung und in das ernste Auge gesehen, hätte ich ihm alles frühere Mißtrauen abbitten mögen. Jetzt ging er, den Kopf leicht nach mir gesenkt, an meiner Seite und sprach seine Ansichten in so klarer, sicherer Weise aus, daß oft, wenn er sich durch einen Kraftzuruf an die Pferde unterbrach oder die Peitsche völlig fuhrmannsgerecht hob, ich überrascht aufblicken mußte, um die zwei verschiedenen Persönlichkeiten, welche sich nebeneinander darzustellen schienen, mit einander vereinigen zu können. Ich hätte gern eine Frage nach dem Woher und den Gründen seiner Übersiedlung getan, ich fühlte seit dem gestern Abend belauschten Gespräche das lebendigste Interesse für die Vergangenheit der ganzen Familie – wenn sich nur nicht bei jeder unwillkürlichen Berührung seiner früheren Verhältnisse ein eigentümlicher, starrer Ernst zwischen seinen Augen gebildet hätte, der mir stets den Gesichtsausdruck des Mädchens, wie ich es nachts zuerst am Feuer gesehen, wieder vor die Seele rief, und er bei solchen Gelegenheiten nicht zugleich auf einen ganz entfernten Gegenstand übergesprungen wäre. So sprach ich von meiner Vergangenheit, von meinen Eltern und meiner früheren Stellung, und er schien mit Interesse meiner Erzählung zu folgen; aber zu einer ähnlichen Aussprache seinerseits, wenn auch nur andeutungsweise, kam es nicht.

Wir mochten eine Stunde auf unserem Wege sein, als er plötzlich die Pferde anhielt und an die Wagenöffnung trat. »Steig aus ein Weilchen, Betsy, daß dir die Füße nicht steif werden, wir haben jetzt Hilfe und ich kann bei der Mutter bleiben,« sprach er in das Innere, und seinem Tone mischte sich ein Klang fast wie schmerzlicher Zärtlichkeit bei. Eine Erwiderung wurde von innen laut, und er reichte mir die Peitsche.

»Endlich doch!« klang es in mir. Ich hatte, als ich noch im Halbdunkel meine Morgentoilette hinter dem Wagen gemacht, in einer Regung von Eitelkeit frische Wäsche angelegt, mein Halstuch mit besonderer Sorgfalt gebunden und sogar eine Zeitlang geschwankt, ob ich nicht meinen einzigen besseren Rock mit meinem Reisekittel vertauschen sollte; fast hatte es mir aber, als Jim den Kaffee gekocht und keines der beiden weiblichen Wesen sichtbar geworden, scheinen wollen, als habe ich die Sorgfalt um meine Erscheinung unnütz verschwendet. Und trotzdem überflog mich jetzt, als das Mädchen, kaum die sorglich ausgestreckte Hand des Farmers benutzend, sich leicht aus dem Wagen schwang, ein eigentümlich beklemmendes Gefühl; ich hätte viel darum gegeben, wenn ich hätte lesen können, was hinter diesem ernsten Auge bei meinem ersten Erblicken vorging. Sie grüßte leicht; aber dieser Gruß, der völlig an die moderne Welt erinnerte, paßte zu ihrem groben, kurzen Kleide und ihren dicksohligen Schuhen, wie der runde italienische Strohhut, welchen sie sich jetzt leicht in das reiche, schwarze Haar drückte.

»Nur vorwärts!« rief der Farmer, welcher rasch das Innere des Wagens gewonnen hatte, und ich mußte mich den Pferden zuwenden. Ich gewahrte nichts von des Mädchens weiteren Bewegungen, aber ich fühlte bald in seltsamer Weise, daß sie vielleicht zwei Schritte zur Seite neben mir herging; es drängte mich, ein Gespräch mit ihr einzuleiten, aber je länger ich schweigend vorwärts schritt, je mehr schien mir mein Gehirn den Dienst zu einem vernünftigen Anfange zu versagen.

»Sie haben Minnesota noch nicht gesehen. Miß?« begann ich endlich, mich nach ihr wendend, obgleich ich mir die Frage recht gut selbst hätte beantworten können.

»Vater war allein von uns allen dort,« erwiderte sie, mit ihrem eigentümlichen Ernste zu mir aufblickend.

»Und Sie fürchten sich, schon nach den kurzen Andeutungen, die er gestern davon gab, nicht vor einer Zukunft dort?«

»Fürchten? Weshalb?« fragte sie, und mir war es, als erhalte ihr Ton etwas Fremdes, Abweisendes; in mir aber stieg bei dem Gedanken an das wilde Land, dem wir zustrebten, ein warmes Gefühl von Mitleid mit diesem jungen, schönen Wesen, das augenscheinlich in den leichtesten Verhältnissen erzogen war, auf. Ich hätte ihr sagen mögen, daß ich sie belauscht, daß sie mich zu ihrer Stütze und ihrem Helfer, wo dies nur angänglich sei, machen, daß sie mich als ihren wärmsten Freund betrachten möge; aber ein Blick in ihre trotz aller Jugendlichkeit so sonderbar in sich abgeschlossenen Züge dämpfte meine Empfindung.

»Sie haben doch sicher eine Gesellschaft verlassen, die Sie schwer in der Wildnis vermissen werden,« antwortete ich auf ihre Frage, werden viele der gewohntesten Bedürfnisse zu entbehren haben.«

Sie sah mich einen Moment groß und wie forschend an. »Ich verstehe Sie nicht ganz, Sir!« sagte sie dann ruhig und wandte den Blick in die Weite. »Ich bin bei den Meinigen doch sicher in der besten Gesellschaft, und was ihnen genügt, kann jedenfalls auch mir genug sein.«

Ich mochte das angeschlagene Thema nicht weiter verfolgen, und eine kurze Weile gingen wir schweigend nebeneinander.

»Ist es indiskret. Miß,« begann ich dann wieder, »wenn ich frage, woher Sie das Lied haben, das Sie in letzter Nacht den Kindern vorsangen? Ich hörte es bei meinem zufälligen Erwachen und meinte mich dadurch fast wieder nach Deutschland versetzt.«

Ein bestimmtes Interesse schien in ihrem Auge aufzublitzen, als sie jetzt den Kopf nach mir drehte; dann aber färbte ein leichtes Rot ihre Wangen, als habe sie sich auf einer Übereilung betroffen, und ihr Blick wandte sich wieder der früheren Richtung zu. »Ich glaube, es ist ein deutsches Lied, Sir,« erwiderte sie; indessen haben wohl viele Kompositionen von fremden Meistern ihren Weg zu uns gefunden.«

»Und Sie haben sich mit dem Studium einzelner von ihnen beschäftigt?« hatte ich den Mut, zu fragen – da klang plötzlich Jims Stimme hinter uns:

»Nicht so sehr vertieft – wie der Hund zum Maulwurf sagte, als er ihn aus dem Loche holte – die Pferde gehen von der Straße!« und riß mich aus meinem Glücke.

Mein erster Blick flog dem Rufer zu, aus dessen Gesicht mir ein wunderliches Gemisch von Ärger und grinsender Lustigkeit entgegenblickte; mein zweiter galt dem Gespann, das allerdings einige Fuß breit den unbefahrenen Prärieboden berührte, deshalb aber weder eine Warnung noch eine Rüge verdient hatte, und etwas verwundert blickte ich aufs neue zurück. Jim schnitt mir aber statt aller Erklärung nur eine Grimasse, und Leutner winkte mir lachend zu, nur ruhig vorwärts zu gehen. Als ich mich nach Betsy umsah, hatte sie sich niedergebeugt, um einen der hochstengligen Unkrautbüsche zu betrachten; fast schien es mir, als wolle sie absichtlich zurückbleiben, und ärgerlich über den buckligen Störenfried trieb ich die Pferde zu rascheren Schritten an. –

Wir hatten während der heißen Mittagsstunden in der Nähe einer Farm Rast gemacht. Die Frau im Wagen schien kränker geworden zu sein, wie mir die sorgenschwere Miene unseres Hauptes, des alten Wilson, andeutete, der meiner kaum zu achten schien. Bald stieg er in den Wagen, nur um ihn unruhig wieder zu verlassen und eine Forderung an Betsy zu richten, welche ihre Aufmerksamkeit bereits zwischen den unruhigen Kindern im Schatten der Gefährte und einem kargen Feuer mit einem Blechtopfe daran teilte – bald entfernte er sich von den Wagen und blickte mit tief gerunzelter Stirn ins Weite. Jim war mit Leutner nach dem Farmhause gegangen, um Lebensmittel für uns wie Futter für die Zugtiere aufzutreiben, und ich trat nach kurzem Zögern dem schwer beschäftigten Mädchen in den Weg.

»Darf ich Ihnen nicht in etwas helfen, Miß, ich hoffe, wenigstens die Kinder ruhig halten zu können?« fragte ich. Fast schien sie aber mein Erbieten zu belästigen. Sie schüttelte nur mit einem kurzen Aufblicken nach mir den Kopf und wollte an mir vorübereilen; dann aber blieb sie wie sich besinnend stehen und wandte sich mit einem Versuche zu lächeln zurück.

»Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, Sir; Sie würden aber zum Helfen noch zu fremd unter uns sein!« sagte sie, und war im nächsten Augenblicke schon wieder in voller Tätigkeit, ohne meiner weiter zu achten. Ich aber meinte in ihrem Gesichte trotz des halben Lächelns den Rat gelesen zu haben, aus dem augenblicklichen Zusammenleben nicht auch sogleich die Notwendigkeit einer schnellen, anderweitigen Annäherung zu folgern, und das Gefühl einer empfangenen Verletzung, wo ich sie am wenigsten verdient, machte sich in mir geltend. Waren denn die Verhältnisse um uns nicht der Art, daß die gewöhnlichen Schranken der Konvenienz von selbst wegfielen, und gingen wir denn nicht in die Wildnis, wo ein nahes Zusammentreten der Menschen völlig zur Notwendigkeit ward? Sie sollte sich indessen nicht wieder über mich zu beklagen haben. Mit dem Gedanken wandte ich mich ab, um den erwarteten Lebensmitteln entgegenzugehen, aber ich fühlte, wie der Trost, den mir der Stolz bot, mir weher tat, als er mich beruhigte.

Als wir nach mehrstündiger Rast wieder aufbrachen, wies mich Wilson, zu größerer Bequemlichkeit für mich, wie er sagte, nach dem hinteren Wagen – ich fühlte ja wohl, daß er es nur tat, um mit seiner Familie allein zu sein, und ich zog es vor, dem kleinen Zuge vorauszuwandern, nur meine Verstimmung als Begleiterin. Es war wunderbar, wie schnell die hellen Bilder, die mir am Morgen vorgeschwebt, geschwunden waren; eine Zukunft voll Einsamkeit und Arbeit, aber eigener Tatkraft, in der ich trotz meiner Armut mir noch die rechte Achtung erringen würde, stand jetzt vor mir, und war auch das Bild ein kaltes, so fühlte ich doch, daß ich einen neuen Halt darin gewann und nicht so schnell wieder meinen unbewachten Empfindungen zur Beute werden würde.

Der Weg führte den ganzen Nachmittag durch eine eintönige Prärielandschaft, in welcher nur in weiter Entfernung nach dem Mississippi zu sich hier und da einmal eine Farm als Abwechslung für das Auge zeigte, und ich war froh, als die Dunkelheit herabsank, die nötigen Vorbereitungen für unser Nachtquartier getroffen wurden und ich mir endlich in derselben Art wie am Abend zuvor mein Lager bereiten konnte. Leutner schien, der Weise nach, in welcher er dem kleinen Jim beim Ausschirren der Tiere und dem Zusammensuchen von Feuerungsmaterial zur Hand ging, besserer Laune als ich selbst zu sein, und ich ärgerte mich fast, als er vergnügt summend seine Decken ausbreitete und sich dann neben mich warf.

»Hast du schon dicke Freundschaft mit deinem Wagenkameraden geschlossen?« fragte ich.

»Nun, laß mir das Kerlchen, es ist gar nicht so übel,« erwiderte er, sich behaglich ausstreckend; »wenigstens erfährt man doch, mit wem man es eigentlich zu tun hat, und ich bin heute schon zur Erkenntnis gekommen, daß wir noch lange nicht die Unglücklichsten in der Welt sind.«

Ich horchte auf; trotz meines Vornehmens, mich um die Familie nicht weiter zu bekümmern, als durchaus erforderlich, fühlte ich doch bei den letzten Worten mein Interesse sich wieder so lebendig als nur je regen.

»Weißt du,« fuhr er halblaut fort, als dränge ihn das eigene Bedürfnis zur Mitteilung, »die Leute sind jedenfalls vor kurzem noch reich gewesen, wenigstens deutet alles, was Jim erwähnt, darauf hin. Sie kommen aus Kentucky und müssen dort eine große Farm mit einer Menge Schwarzer besessen haben. Die Kranke im Wagen ist des alten Wilson zweite Frau und Jim ist ihr Bruder; das Mädchen aber ist von der ersten Frau und bis voriges Jahr bei einer Tante in Louisville erzogen worden. Übrigens möchte ich mich aufknüpfen lassen,« fuhr der Erzähler mit leisem Lachen fort, »wenn der kleine Kerl trotz seines halben Buckels nicht in das Mädchen verliebt ist; heute morgen, als er dich so angelegentlich mit ihr sprechen sah, schien er es kaum auf seinem Platze aushalten zu können, und als er es fertigbrachte, euch zu trennen, meinte ich, er solle vor lauter Lustigkeit einen Anfall von Epilepsie bekommen. Wenn du dir einen recht bitteren Feind machen willst, so brauchst du dich nur viel mit dem Mädchen abzugeben.«

»Ist keine Gefahr vorhanden!« erwiderte ich ihm. Mein Ton mochte aber mehr von dem, was in mir lebte, verraten haben, denn er hob den Kopf, als strebe er, den Ausdruck in meinem Gesichte zu erkennen.

»So bleibt der Friede erhalten – gut schien mir es aber immer, dir den Stand der Dinge mitzuteilen«, sagte er, sich langsam wieder zurücklegend, und ich hätte ihm für den launigen Klang in seinen Worten eine Grobheit sagen können. »Vor kurzer Zeit also«, fuhr er fort, »müssen die Leute fast alles verloren haben; Jim scheint sich aber selbst nicht klar über das Wie zu sein und hatte auf meine vorsichtige Frage nur eine Verwünschung über diese Welt voll lauter Halunken. Die Frau ist jedenfalls von dem Schlage tiefer getroffen worden, als es die übrigen vermutet, denn erst als die Reise angetreten worden, sind die Folgen recht bei ihr sichtbar geworden; vom dritten Tage nach der Abfahrt an hat sie den Wagen nicht mehr verlassen können, und der alte Wilson, der im Rücken keine Heimat mehr gehabt, hat mit der kranken Frau vorwärtsgehen müssen. Dem Mädchen wäre ein Unterkommen bei ihrer Tante sicher gewesen, sie hat sich aber im Unglücke nicht von ihrem Vater trennen mögen und ist mutig mit ihm und den übrigen der Wildnis entgegengegangen. Ein Hauptmädchen, Sackerti,« setzte er wie in halb unterdrücktem Enthusiasmus hinzu, »und ich kann dem kleinen Jim seine Leidenschaft kaum verargen – ein wahres Glück nur, daß der Friede dabei nicht in Gefahr kommt!«

Ich war jetzt am wenigsten in der Stimmung, auf seine Neckerei einzugehen, konnte aber wohl durch ein ärgerliches Wort mehr verraten, als mir lieb gewesen wäre, und wandte dem Erzähler, so gern ich auch noch eine Frage über verschiedene Einzelheiten getan hätte, mit einem: »Gute Nacht, ich bin müde!« den Rücken.

Er hob von neuem den Kopf, folgte dann indessen mit einem: »Hm, merkwürdig – aber auch gut!« meinem Beispiele.

Jedenfalls hatte ich mich in meiner Verstimmung am Nachmittage zu weit gehen lassen und ihm selbst den Stoff für seine augenscheinlichen Vermutungen geliefert; noch einmal aber, das wußte ich, sollte er keinen Nutzen für seine gute Laune aus meiner Schwäche ziehen. Ihre Erscheinung, ihre ganze Art, sich zu benehmen, war mir jetzt völlig klar. Sie hatte eine Zukunft, auf welche sie ihre Erziehung hingewiesen, ihrer kindlichen Liebe geopfert; aber in ihrem übrigen Fühlen blieb sie Dame der ganzen Welt gegenüber – es war das nur völlig amerikanisch, und sie war wohl ein Charakter, ihre Stellung auch unter den drückendsten äußeren Verhältnissen aufrecht zu erhalten. Ich aber konnte in ihren Augen natürlich kaum etwas anderes als einen eingewanderten armen Teufel, dessen Schicksal ihn zufällig in ihre Nähe verschlagen, vorstellen. Nun, wenigstens sollte sie erleben, daß sie auf das, was unabhängig von der äußeren Lage sich in eines Menschen Innerem bergen mag, nicht allein Ursache hatte, stolz zu sein. –

Fünf Tage waren vergangen, seit wir uns dem alten Kentuckyer angeschlossen, und während der letzten vierundzwanzig Stunden fehlte uns bereits jede Spur einer leitenden Straße. Wir hatten den Minnesotafluß und ein Stück bewaldeten Hochlandes passiert, seitdem aber auch kein Zeichen menschlicher Tätigkeit mehr getroffen; das Knarren unserer Räder war der einzige Laut, welcher die endlose, nur zeitweilig von einzelnen Gebüsch- und Baumpartien unterbrochene Prärie um uns her zu beleben schien.

Wilson wanderte voraus, bald seine Richtung nach dem Stand der Sonne regelnd, bald sich durch Beobachtung der einzelnen Waldgruppen orientierend; er schien bei seiner früheren Anwesenheit in dem pfadlosen Landstriche sich genaue Merkzeichen für seine jetzige Reise gesammelt zu haben – und still schritten wir übrigen Männer neben den beiden Wagen ihm nach. Fast war es, als übe die tote Einförmigkeit der Gegend einen bedrückenden Einfluß auf die allgemeine Stimmung aus, und selbst die Zugtiere schienen nur verdrossen ihre Arbeit zu tun. Ich aber stellte, das Auge über die weite Ebene streifen lassend, Betrachtungen über unser künftiges Leben in einer solchen, von allem menschlichen Verkehr abgeschnittenen Gegend an. – Die inneren Beziehungen in unserer kleinen Gesellschaft waren trotz des längeren Beisammenseins wenigstens in bezug auf mich noch ebenso lose, wie am ersten Tage, und schienen sich auch kaum anders gestalten zu wollen. Der Farmer, sichtlich von der Sorge für seine kranke Frau eingenommen, die nach Leutners Berichten mehr und mehr ihre Kraft verlor, schien kaum für uns beide einen Blick zu haben – mein Gespräch mit ihm am ersten Morgen war auch unser letztes geblieben; seine ganze Haltung während der Zeit aber hatte deutlich den Mann, der gewohnt ist, über anderen zu stehen und auch das, was ihn bedrückt, allein zu tragen, durchschimmern lassen, und ich begann mir zu sagen, daß ich mich in ein derartiges Verhältnis eben nur so lange finden werde, als mich die unbedingte Notwendigkeit daran kette. Meine Stellung zu Betsy aber machte das unbehagliche Gefühl bei dieser Art von Zusammenleben nur noch schärfer. Ich war in meiner Haltung dem Mädchen gegenüber meinen gefaßten Entschlüssen treu geblieben, hatte mit äußerlicher Kälte bei den zeitweiligen Begegnungen den Höflichkeitsformen genügt, ohne es je wieder zu versuchen, ein Wort mit ihr auszutauschen; hatte nur selten in einer unbewachten Minute den Blick ihren Bewegungen folgen lassen und unbewußt mich in diese ernsten, weichen Züge, deren Charakter ich jetzt so ganz verstehen konnte, versenkt, dann aber mein Äußeres einer um so strengeren Regelung unterworfen; hatte mich zu keiner Inkonsequenz verführen lassen, als ich zu zwei verschiedenen Malen bemerkt, wie ihr Blick in sichtlicher Aufmerksamkeit auf mir ruhte. Es mochte wohl eine Sonderbarkeit für sie sein, einen armen Deutschen als »Gentleman« zu sehen. Aber ich fühlte, daß dieser auferlegte Zwang bei der nahen Berührung, in welche mich jeder Tag mit dem Mädchen brachte, am wenigsten dazu diente, ein Gefühl zu unterdrücken, das mich bei ihrem ersten Erblicken gefangengenommen und unter dem Kampfe dagegen nur immer mächtiger wurde; daß ich, ihr stets gegenüber, mich mit der Zeit wohl innerlich aufzureiben vermöchte, aber nur durch eine Trennung von Leuten, die in uns wohl nie etwas anderes als »Arbeitskräfte« sehen würden, zu meiner früheren Ruhe gelangen könne. Ich hatte mir vorgenommen, die Zeit abzuwarten, in welcher wir die von dem alten Wilson bereits ausgewählte Landsektion erreicht haben würden, dort die Möglichkeit eines Anfanges auf eigene Faust genau zu prüfen und dann mit Leutner die nötigen Schritte zur Erringung einer Selbständigkeit, abgetrennt von den übrigen, zu versuchen. Jenem mußte seiner zurückgelassenen Familie halber selbst etwas an der Verwirklichung eines derartigen Planes liegen.

Es war fast Mittag und wir hatten den Saum eines kleinen Gehölzes erreicht, als der vorauswandernde Wilson plötzlich stehen blieb und uns mit erhobenem Arme zu halten winkte. Er kam zurückgeschritten, und schon von weitem konnte ich einen hellen Ausdruck von Genugtuung, welcher sein Gesicht belebte, wahrnehmen.

»Noch eine acht oder zehn Meilen, Jungens, und wir sind zur Stelle,« rief er näher kommend; »dort vorn ist bereits das Blockhaus unseres nächsten Nachbars.«

In merkbarer Erregung trat er an die Öffnung des kleinen Wagens und sprach hinein, aber Betsys erscheinender Kopf winkte ihm Stille.

»Sie hat lange nicht so ruhig geschlafen, laß Sie, Vater«, sagte das Mädchen, sich leicht und geräuschlos aus dem Wagen schwingend, und der Farmer nickte befriedigt.

»Wenn wir erst wieder auf eigenem Boden sind, soll sie sich, denk ich, bald ganz erholen«, setzte er hinzu und wandte sich dann nach uns zurück. »Wir wollen hier Mittagsrast halten und dabei gleich unseren ersten Nachbarbesuch abstatten,« fuhr er fort; »hoffentlich läßt sich etwas für eine vernünftige Mahlzeit auftreiben.«

Sein Ton klang aufgeweckter, als während unserer ganzen Reise, und Leutner mit dem kleinen Jim, welche bis jetzt stets das Fouragieramt versehen, waren bald in Begleitung des Alten hinter der nahen Waldecke verschwunden.

Ich hatte den Tieren das Geschirr gelockert und mich dann im Schatten der Wagen auf den Boden geworfen; Betsy, das älteste der Kinder an der Hand, war den Davongehenden langsam ein Stück gefolgt, hatte dann jenes zum Spielen im Grase allein gelassen und sich am Rande des Gehölzes auf einen umgestürzten Baumstamm gesetzt. Sie sah in tiefem, ernstem Sinnen der Richtung zu, in welcher der künftige »eigene Boden« liegen sollte, und es gewährte mir eine Art schmerzlichen Vergnügens, die leisen Veränderungen in ihren Zügen, je nachdem ihr Gedankengang sie bestimmen mochte, zu beobachten. Es war vielleicht die letzte Gelegenheit, mich noch einmal unbemerkt und ungestört dem verbotenen Genusse hinzugeben, und ich gab mir zur Rechtfertigung gegen mich selbst das Versprechen, daß dies der Abschied von dem lieben Bilde sein solle – in den nächsten Tagen schon mußte sich unser künftiges Verhältnis festgestellt haben.

Da sah ich plötzlich neben ihrem kleinen, bis zum Knöchel vom Kleide freien Fuße, der, zurückgesetzt, hart an dem Baumstamme ruhte, sich etwas regen, wieder verschwinden und von neuem zum Vorschein kommen. Jetzt schlängelte es sich dicht neben ihr an dem Stamme in die Höhe, und ich meinte, das Herz müsse mir im plötzlichen Schrecken stille stehen – das war ein Geschöpf, welches von meiner früheren Arbeit auf amerikanischen Farmen mir nur zu wohl bekannt war – eine Klapperschlange, und eine Sekunde fühlte ich jedes meiner Glieder wie gelähmt. Ich wußte, es war keine dringende Gefahr, solange das Mädchen regungslos in ihrer jetzigen Stellung blieb, daß aber auch die kleinste, unbewußte Bewegung ihres Fußes den tödlichen Biß herbeiführen konnte. Ein blitzschneller Sprung hätte sie ungefährdet aus dem Bereiche des mörderischen Reptils bringen können, aber der erste Laut von mir, der sie aus ihren Gedanken schreckte, mußte sie auch dem Verderben überliefern. Alles dies schoß rasch wie ein einziger Strahl durch mein Gehirn; aber im nächsten Augenblicke hatte sich mir auch schon das alleinige Mittel zu einer möglichen Rettung gezeigt. Es konnte fehlschlagen, ich wußte es, und dann um so sichereres Verderben bringen, aber ich wußte auch, daß es hier galt, alles gegen alles zu setzen und daß ich nicht einen Moment zögern durfte. Im Fluge hatte ich die kurze Entfernung zwischen den Wagen und dem Stamme gemessen und blickte dann aus nach Wilsons langer Peitsche – sie stak zwei Schritte von mir hinter den Pferden, und mit einer peinlichen Angst, das kleinste Geräusch zu verursachen, erhob ich mich, schob mich vor und fühlte endlich den lederumflochtenen Stiel zwischen meinen Fingern, fühlte aber auch zugleich das Beben meiner Hand, die mir jede sichere Fühlung des Rettungsinstrumentes zu verweigern schien. Da sah ich, wie Betsy gedankenvoll den Kopf hob, wie die Schlange sich lang aus ihrem Schlupfwinkel unter dem Stamme heraufstreckte, als wolle sie eine bestimmtere Untersuchung des fremden Gegenstandes neben sich vornehmen; schon der nächste Moment mußte eine weitere Bewegung des Mädchens bringen – und alle meine Besonnenheit zusammenraffend, scharf zielend, ließ ich die Peitschenschnur durch die Luft pfeifen. Klatschend schlug sie gegen die verwitterte Rinde des Stammes, daß ein Hagel kleiner Holzstücke aufflog; mit einem Schmerzensrufe aber fuhr das Mädchen in die Höhe, einem Rufe, der mir wie ein glühendes Eisen in die Seele fuhr – hatte ich gefehlt und war das Unglück geschehen? Mein nächster, rascher Blick indessen zeigte mir da, wo Betsy aufgesprungen, ein braunes, sich krümmendes Stück im Grase, während unweit davon ein zweites, halb von dem Baumstamme verborgen, sich bemerkbar machte. Noch kaum meinem Glücke trauend, war ich in zwei Sprüngen heran, mit dem Fuße das Schwanzende, dem eine mächtige Klapper folgte, aus seinem Verstecke hervorstoßend – die Peitschenschnur hatte wie ein Messer den Körper der Schlange mitten durchschnitten!

Ich sah auf und merkte jetzt erst, daß meine Stirn mit Schweiß bedeckt war. Betsy stand zwei Schritte von mir, mit großen, erschreckten Augen bald mich, bald die beiden Stücke des toten Reptils betrachtend, als könne, sie sich noch nicht in das Geschehene finden, und erst als ich in dem möglichst gleichgültigen Tone sagte: »Die Schnur hat Sie wohl mit getroffen, und Ihnen wehe getan, Miß – aber ich konnte nicht anders, wenn ich Sie vor dem giftigen Bisse schützen wollte; man soll auf unbewohntem Lande sich vor derartigen alten Stämmen hüten!« – schien sie zur vollen Einsicht der überstandenen Gefahr zu kommen. Ich aber wandte mich, meine Stirn trocknend, mit einer leichten Verbeugung ab; es war in dem Augenblick eine Art Wollust für mich, zu tun, als sei meinerseits kaum etwas Besonderes geschehen; als ich aber den Klang ihrer Stimme: »Mister, wollen Sie nicht einen Augenblick erlauben?« hinter mir hörte, meinte ich doch kaum Kraft genug zu haben, die jetzt erst sich in mir geltend machende Aufregung niederzuhalten. Ich drehte mich um und sah sie mit ausgestreckter Hand mir folgen.

»Sie haben mich hier geradezu einem sicheren Tode entrissen, Sir,« sagte sie, ihr dunkles Auge in unverhüllter innerer Bewegung auf mich richtend; »ich weiß noch nicht einmal Ihren Namen, aber erlauben Sie doch, daß ich Ihnen jetzt soweit danke, als ich es vermag.«

Sie wußte meinen Namen noch nicht, während eine einzige Frage an ihren Vater sie davon hätte unterrichten können – so tief hatte ich ihr gestanden! Und das war gerade genug, um mir meine volle Ruhe zurückzugeben.

»Ich wüßte kaum, was so dankenswert wäre,« erwiderte ich, nur leicht und höflich ihre Hand berührend, die ich in anderer Stimmung so gern fest zwischen meine beiden genommen hätte; »ein einfacher Peitschenhieb, Miß, den wohl überall die einfachste Menschenliebe geboten hätte.«

Sie sah mich groß und ernst an, während sie langsam ihre Hand sinken ließ. »Habe ich Sie mit irgend etwas beleidigt, Sir?« fragte sie nach einer kurzen Pause, und in mir zuckte bei ihren Worten die Lust auf, ihr ohne Rückhalt zu sagen, wie ich über unsere beiderseitige Stellung fühlte, auch daß ich nicht zur mechanischen Arbeit allein erzogen worden sei und wie weh sie mir mit der Art ihres Begegnens getan – aber ich bezwang mich.

»Sie haben mich jedenfalls nie beleidigen wollen, Miß, und an weiterem liegt doch so wenig!« entgegnete ich ihr.

Ihr Blick aber blieb forschend an meinem Gesichte hängen, das wohl nicht so kalt erscheinen mochte, als ich ihm gern den Ausdruck gegeben hätte, und nach einer kurzen Weile sagte sie in leiserem Tone: »Aber Ihren Namen wollten Sie mir sagen, Sir!« Sie mochte wohl dadurch mir eine notwendige Artigkeit zu erzeigen glauben, deren Annahme mir jetzt indessen nur wie eine Selbstdemütigung erschienen wäre, und ich schüttelte leicht den Kopf.

»Lassen Sie das, Miß,« entgegnete ich; »ein Name ist ein leerer Klang, wo die Person nichts bedeutet, und ich kann nur wiederholen, daß im Augenblicke nirgends ein Grund zu einem höheren Interesse für mich vorliegt, als bisher.«

Ich wandte mich ab, um mich eines Zwanges entledigen zu können, der kaum stark genug für meine neu aufwallenden Empfindungen gewesen wäre; noch ein Wort hätte sie zu mir reden dürfen, und ich hätte wahrscheinlich allem, was in mir lebte, Ausdruck gegeben – aber sie schwieg und ließ mich gehen. Ich fühlte wohl, daß ich mir eine Genugtuung ihr gegenüber errungen; dennoch aber konnte ich mich gleichzeitig einer Art Unzufriedenheit mit mir selbst nicht erwehren, und es währte, als ich meinen früheren Platz wieder eingenommen, geraume Zeit, ehe ich den Mut fand, wieder aufzusehen. Dort stand sie und hatte soeben die Klapper von dem Körper der Schlange gelöst, wandte sich damit dem Kinde zu, um es aus dem Grase aufzuheben und schritt dann, ohne einen Blick nach mir zu werfen, nach der anderen Seite der Wagen. Es war doch das beste gewesen, wie ich gehandelt; ihr Stolz war sichtlich verletzt, aber sie durfte mir jetzt nicht die Achtung verweigern, welche bei einer anderen Weise meines Begegnens dieser Stolz wohl am wenigsten hätte aufkommen lassen – im übrigen aber konnte es nur bei meinen früheren Entschlüssen bleiben.

Ich wollte soeben dem Beispiele unserer Zugochsen und Kühe folgen und mir bis zur Rückkehr der Fouragierenden eine möglichst bequeme Lage im Grase verschaffen, als Wilsons kräftige Stimme sich bereits wieder in kurzer Entfernung hören ließ und mich auf die Füße brachte. Ein erfolgreicher Streifzug konnte in dieser kurzen Zeit kaum stattgefunden haben, so nötig wir auch dessen bedurften – die beiden letzten Tage war nur von den Überresten früheren Überflusses gezehrt worden – und mit einiger Spannung schritt ich den Rückkehrenden entgegen. Voran bog Wilson um die Ecke des Gehölzes in Gesellschaft eines breitschultrigen, sehr hinterwaldsmäßig aussehenden Mannes, welcher, die beiden Hände in den aufgerissenen Hosentaschen, einen kritischen Blick über unsere Wagen nebst dem daneben ruhenden Vieh streifen ließ und kaum die Worte seines eifrig sprechenden Begleiters zu beachten schien. Hinter ihnen kamen Jim und Leutner zum Vorschein; und das Gesicht des letzteren ließ mich sofort auf eine gründliche Täuschung schließen.

»Well, Sir,« hörte ich den Hinterwaldsmann sagen, als Wilson eine Pause machte, »Sie haben da mehr Rindfleisch bei sich, als sich fünfzig Meilen in der Runde würde auftreiben lassen, und da Ihre übrigen Lebensmittel wahrscheinlich in gleicher Weise bestellt sind, so kann ich Ihnen nur raten, die Mittagsmahlzeit einmal zu übergehen und zu warten, bis Sie Ihre eigenen Fässer aufschlagen können. Ich habe noch ein Paar Schweine im Walde, mag sie aber nicht schlachten, bis die Jungen davon größer geworden sind, und schlage mich so einstweilen mit Maisbrot und etwas übriggebliebenem altem Speck durch; man muß das in der jetzigen Jahreszeit wohl einmal lernen.«

»Aber Sie haben vielleicht ein Huhn, das Sie mir ablassen könnten, ich bezahle Ihnen gern einen ordentlichen Preis dafür!« unterbrach ihn der Alte, welchem hörbar die Geduld auszugehen schien; »es ist mir nur wegen meiner kranken Frau dort im Wagen, die notwendig einer kräftigen Brühe bedarf!«

»Glaub es Ihnen, Sir,« nickte der andere gleichmütig; »es ist der schlimmste Platz und jetzt die schlechteste Zeit hier für Kranke. Wollen Sie mir meinen Claim (Anspruch auf das besiedelte Land), mein Blockhaus und mein übriges Gerümpel abkaufen, so gebe ich Ihnen die Paar Hühner dazu; sonst aber könnte ich doch keins davon ablassen, bis nicht die junge Brut groß geworden ist; dann haben wir indessen so viele Enten und Sumpfvögel hier, daß das Hühnerschlachten eine reine Verschwendung wäre.«

Wilson schien nur mit Mühe den aufsteigenden Unmut niederzuhalten. »Es handelt sich ja doch um das augenblickliche Bedürfnis, Sir, und ich fordere nicht viel!« erwiderte er. »Sie klagten über Mangel an Whiskey, ich habe etwas bei mir und biete Ihnen einen Tausch an –«

Nur einen Augenblick zuckte deutlich ein Gelüste nach dem geliebten Getränk durch die Züge des Angeredeten, dann aber fuhr er mit der Hand über den Mund, als wolle er jeden Gedanken daran hinwegwischen, und zog langsam die Augenbrauen in die Höhe. »Es wäre gut, Sir,« sagte er, »wenn Sie das Wort hier nicht zu oft aussprächen; es gibt bei uns eine Sorte von Ungeziefer, das davon angezogen wird, wie die Fliegen vom Sirup. Ich meine es gut, Sir, und hoffe mir in kurzem selbst zu einem nachbarlichen Schluck bei Ihnen verhelfen zu können, wenn ich Ihnen auch im Momente nichts anzubieten habe –« Er hielt plötzlich seinen Schritt an und stieß mit dem Fuße die beiden Stücke der toten Klapperschlange aus dem Grase auf, »Nun, ich sehe, Sie wissen schon mit Ungeziefer umzuspringen,« fuhr er fort, »und wünsche nur, daß Sie es mit der zweibeinigen Art ebenso verstehen –«

»Was ist es, wovon Sie reden?« fragte Wilson, aufmerksam werdend.

»Werdens wohl bald besser sehen, als ich es Ihnen sagen könnte!« nickte der andere ruhig. »Und wenn Sie gut tun wollen, so stützen Sie sich auf nichts anderes als sich selber, richten sich so kurz und schnell auf Ihrem Lande ein, als könne es Ihnen unter den Füßen weggezogen werden, und denken vor allen Dingen daran, daß Nehmen sehr vielen Menschen ansteht, besonders da, wo noch kein Sheriff zu fürchten ist – von Geben aber die wenigsten etwas wissen mögen!«

Der alte Farmer schien kaum recht auf die letzten Worte gehört zu haben. »Es wird nichts helfen, als daß wir uns noch ein paar Stunden mit der eigenen Sättigung gedulden,« sagte er, sich unmutig nach uns wendend; »die Tiere müssen indessen befriedigt werden. Dort an der Waldecke ist Wasser und das Gras steht kräftiger als hier; während sie aber weiden, mag uns wenigstens ein Tropfen Kaffee etwas auffrischen!«

Der Hinterwäldler nickte wohlgefällig und schob in sichtlicher Behaglichkeit seine Hände noch tiefer in die Taschen. »Es ist eine ganze Weile her, Sir, daß ich den letzten Kaffee gerochen habe,« sagte er; »wird Ihnen aber mit der Zeit wohl auch noch einmal so geschehen –!«

Eine Stunde darauf zogen die Tiere wieder an, und kaum hatten wir eine kurze Anhöhe hinter dem Gehölze erreicht, als sich auch eine Landschaft vor uns aufrollte, die fast den vollen Gegensatz der eintönigen, von uns bis jetzt durchwanderten Strecken bildete. Rechts und links war die sanft aufsteigende Prärie von einem dichten Gürtel saftigen Laubholzes umschlossen, während die Mitte, nur von einzelnen, zerstreuten Baumgruppen besetzt, fast das Ansehen eines geschmackvoll angelegten Parks gewann. Ein kräftiger Bach wand sich glitzernd nach dem rechts liegenden Waldsaume hinüber and bildete dort einen kleinen, im Sonnenlichte funkelnden See. Fast wie ein Hohn der Kultur nahm sich in diesem Bilde das kurz vor uns liegende, sorglos ausgerichtete Blockhaus unseres Hinterwäldlers mit dem von einer verfallenen Einzäunung umschlossenen dürftigen Maisfelde aus, und trotz des gehobeneren Gefühls, in welches mich die veränderte Gegend versetzt, konnte ich mich einer Art stillen Drucks bei dem Gedanken an eine eigene ähnliche Selbständigkeit nicht erwehren.

» By devil! Wie sollten wir wohl hier durchkommen, wenn wir allein wären?« begann Leutner neben mir, als habe er meine Gedanken erraten. »Nicht einen Schwanz von Wild, nicht ein armseliges Eichhörnchen gibt es zu schießen, und nur zuzeiten sollen sich Wasservögel hierher ziehen – ich bin wahrlich neugierig, ob der Alte Lebensmittel genug für uns alle mit sich hat. Bis wir uns eine Herde Schweine groß gezogen oder der Erde etwas abgewonnen haben, ist sehr viel Zeit zum halben Verhungern; der nächste Ort aber soll über dreißig Meilen weit liegen und selbst dort kaum das Notwendigste zu bekommen sein.«

»Wir haben A gesagt, Fritz, und müssen jetzt auch herzhaft das B versuchen!« war alles, was ich zu erwidern vermochte, und ein bedenkliches Kratzen in den Haaren seinerseits zeigte, daß der Trost wenig anschlagen wollte; ich aber beobachtete, um meine eigene Stimmung zu kräftigen, die sich immer malerischer entwickelnde Szenerie, den kräftigen Boden, welchen der üppige Graswuchs und die schlank emporschießenden Baumstämme kaum unrecht beurteilen ließen, und überschlug, wie verhältnismäßig wenig Arbeit bei vereinten Kräften erforderlich sei, um den wilden Prärieboden, der kein mühseliges Abholzen verlangte, in ein wohlkultiviertes Eigentum umzuwandeln. Das prächtige Stückchen Erde durfte nur genügend bekannt werden, um zahlreiche Ansiedler herbei zu ziehen, und dann mußten auch die nötigen Bequemlichkeiten schnell zur Hand sein. Dann –! Aber Jahr und Tag konnte dies selbst unter den günstigsten Verhältnissen noch dauern!

Unser neuer Nachbar war mit dem Versprechen, sich bald wiedersehen zu lassen, von uns gegangen, und wir hatten unsere Richtung rechts hinüber nach dem See genommen.

Wilson, der zeitweise in den Wagen hineinsprechend bisher neben den Pferden hergegangen war, wandte sich jetzt zurück und winkte mich an seine Seite.

» Well, Sir,« sagte er mit gedämpfter Stimme, als wolle er mich in sein besonderes Vertrauen ziehen, »Sie haben uns da eben, wie mir meine Tochter sagt, vor einem großen Unglücke bewahrt, und wenn das auch wie Sie gemeint, nur einfache Menschenpflicht gewesen, so nehme ich mir doch etwas mehr aus der Sache – sehe, daß Sie unser Land schon ebenso haben kennen lernen, als Sie sich den Gentleman bewahrt haben, und wenn ich Ihnen jetzt nicht mit Worten weiter danke, so hoffe ich doch, das in anderer Weise bald tun zu können. Ich gestehe Ihnen zugleich, nach dem, was unser guter Nachbar hat laut werden lassen, daß ich Ihr Zusammentreffen mit uns als eine wahre Fügung betrachte. Wahrscheinlich haben Sie ebensowenig den bestimmten Sinn aus den Reden des Mannes herausfinden können, als ich selbst, aber jedenfalls dürfen wir uns auf irgendein Hindernis für unsere Vornehmungen gefaßt machen, das ohne die Verstärkung durch Sie und Ihren Kameraden sich vielleicht nicht beseitigen lassen würde – ich habe nur einzelne Vermutungen, kenne aber die Redeweise dieser Art Menschen, der man am besten nur durch Taten antwortet, wenn man nicht von ihnen abhängig werden will. Lassen Sie uns also jetzt an kein getrenntes Interesse denken, bis wir über die Verhältnisse völlig klar sind; was heute zur Gründung einer Existenz für meine Familie durch Sie geschieht, soll durch uns später in ähnlicher Weise ausgeglichen werden, und die Notwendigkeit für uns, nicht allein in dieser Einsamkeit dazustehen, mag Ihnen Bürgschaft sein, daß ich kein Opfer zur Gründung Ihrer späteren Selbständigkeit scheuen werde!«

Es tat mir zwar eigentümlich wohl, als mir der Redende jetzt die Hand reichte und die meine herzhaft drückte; ich wußte, daß er in voller Aufrichtigkeit sprach, – die veränderte Weise seines Benehmens aber war zuletzt doch nur aus der Notwendigkeit unserer Hilfe hervorgegangen. Selbst in seiner Sprache glaubte ich noch hier und da den Ton einer Art biederer Herablassung klingen zu hören, und so klar es mir jetzt auch war, daß eine spätere Selbständigkeit für uns sich nur aus einem anfänglichen festen Anschließen an die amerikanische Familie entwickeln konnte, so warnte mich doch eine innere Stimme, nicht weiter darin zu gehen, als es die äußeren Verhältnisse verlangten, damit, wenn die Anfangsschwierigkeiten beseitigt, mich eine neue Täuschung über unsere gegenseitige Stellung nicht um so empfindlicher treffe. Betsy empfand ihre Verpflichtung gegen mich, sie hätte wohl sonst kaum so schnell über den Vorfall zu ihrem Vater gesprochen – aber so sollte es auch bleiben; ich fühlte darin einen Halt gegen meine Empfindungen für das Mädchen, die mich doch nur, solange ich in ihrer Nähe war, in eine peinliche Stellung zu ihr brachten – und wäre auch vieles zwischen uns anders gewesen, so sah ich doch ein, daß sie nicht für die Dauer auf dem wilden Lande bleiben könne, ohne an innerer Entbehrung zugrunde zu gehen.

»Dort drüben ist unser Platz!« fuhr Wilson, der in meinem stummen Händedrucke eine volle Antwort gefunden zu haben schien, in die Ferne deutend, fort; »ein Boden, der uns noch vor Winter eine Ernte bringen wird, Wasserkraft für mehr als ein Mühlwerk – nur ein wenig Glück jetzt, und wir haben den Anfang zu einer Niederlassung, die bald von sich reden machen soll!«

Er trieb die Pferde zu rascherem Gange an und schritt, einen hellen Blick über die Gegend werfend, von meiner Seite.

»Ja, Glück werden wir jedenfalls nötig haben,« brummte Leutner hinter mir, »wo eine Flinte ein unnützes Möbel ist, und wir im besten Falle vor lauter Speck und gesalzenen Schultern selber zu Schweinefleisch werden können!«

Nach einer Stunde hatten wir den kleinen See passiert, der klar wie ein Forellenteich die Sonnenstrahlen blitzend zurückwarf, und verfolgten den Lauf des Baches, bis dieser in dem beginnenden dichten Gehölze sich verlor, und hier, am Waldessaume, hielt Wilson die Pferde an und sagte: »Kinder, wir sind zur Stelle, Gott segne unseren Eingang!«

Und als ich nun einen raschen Rundblick über das malerische, schweigende Landschaftsbild um uns warf, mußte ich mir sagen, daß, wenn der Mensch irgendwo in der Abgeschlossenheit von der übrigen Welt glücklich zu sein vermag, wir eines der geeignetsten Fleckchen im neuen Vaterlande dafür gefunden hatten. – –

Drei Tage darauf bot der Ort unserer Ankunft bereits ein ganz verändertes Bild. Die Wagen, zehn bis zwölf Schritte voneinander gerückt, waren durch zwei Wände von leichten Pfosten und dazwischen geflochtenen jungen Stämmen miteinander verbunden, so einen Raum bildend, in welchem eine Anzahl Fässer mit gesalzenem und geräuchertem Fleische, Mehl, Bohnen und Dauerzwieback, sowie ein Vorrat von Acker- und Hausgerät aufgestapelt lagen – vor dem möglichen Regen durch wasserdichte Decken geschützt – der aber auch zugleich den Ort für den nächtlichen Aufenthalt des Viehes abgab. Obgleich in einer anscheinend menschenleeren Wildnis, war es doch Wilsons erste Sorge gewesen, einen Schutz für sein mitgebrachtes Eigentum herzustellen, und die Wagen, jetzt ihrer Ladung entledigt, boten uns allen bis zur Vollendung des bereits in Angriff genommenen Blockhauses ein bequemes Nachtquartier. Innerhalb des Einganges zu dem Raume stand, leicht überdacht, der transportable Küchenofen, an welchem Betsy waltete und jetzt ohne Jims Unterstützung ernst und unverdrossen für die leiblichen Bedürfnisse der ganzen Gesellschaft sorgte. Eine milchlose Kuh war am ersten Morgen von Wilson durch einen Schuß getötet und von Jim kunstgerecht zerlegt, die einzelnen Stücke aber, von der frischen Haut umwickelt, in einem mit Reisig ausgelegten Loche im Boden geborgen worden; es war weniger aus Sorge um frische Kost für uns geschehen, als um ein zuträgliches Nahrungsmittel für die Kinder und die Kranke zu erhalten. Die letztere lag noch immer im Wagen, anscheinend schmerzlos, wie mir Leutner aus Jims Munde mitteilte, aber auch unfähig, sich aufzurichten, und nur von etwas Brühe lebend, welche das Mädchen ihr sorglich jeden Tag bereitete.

Die bisherige Totenstille der Landschaft aber ward jetzt von den Schlägen der Äxte und dem Geprassel der stürzenden Bäume, von Jims Geschrei, welcher seine Ochsen die gefällten Stämme aus dem Walde schleifen ließ, und von Wilsons anleitenden Rufen unterbrochen; mit Anbruch jedes Tages begann die allgemeine Arbeit, eine Arbeit, anfänglich so ermüdend und kraftaufreibend, daß wenigstens für uns Deutsche alle Willensstärke dazu gehörte, um unsere Freudigkeit für das begonnene Werk aufrecht zu erhalten; daß Wilson, als ich am zweiten Tage nach dem Fällen eines Baumes die Arme wie gebrochen sinken ließ, mich mit einem gutmütigen Lächeln fragte, ob ich noch immer die Pionierarbeit für ein gutes Geschäft halte.

Ich fühlte mich klein dieser amerikanischen Zähigkeit gegenüber, mit welcher ich den Alten stets den schwersten Teil einer Arbeit ergreifen, mit der ich Jim trotz seiner verwachsenen Gestalt rüstig und immer einen Witz auf den Lippen sich abmühen sah, mit welcher Betsy, ohne jemals ein Zeichen von Überdruß oder Ermüdung blicken zu lassen, den vielseitigen Ansprüchen ihrer Stellung genügte; aber dieses Gefühl spornte mich zu einer Ausdauer an, die ich unter anderen Verhältnissen kaum besessen hätte – ich hätte wohl noch mehr ertragen, um mich diesen Leuten gegenüber nicht schwach zu zeigen – und als der Alte beim Sturze des letzten, zum Hause bestimmten Baumes sagte: Well, Sir, Sie haben ein so braves Stück Arbeit geliefert, wie ich es nie erwartet!« empfand ich eine größere Genugtuung, als sie mir nur jemals geworden.

Mit Betsy war ich während dieser Lehrtage nicht ein einziges Mal zusammengetroffen, und wo es hätte geschehen können, war ich der Gelegenheit ausgewichen. Körperlich oft bis auf den letzten Rest meiner Kraft erschöpft, fühlte ich auch meinen Geist ohne Energie zum Verbergen dessen, was ich einmal nicht mehr aus meinem Innern reißen konnte – und ich mochte mir, ihr gegenüber, nicht selbst eine Niederlage bereiten. Übrigens konnte dieses nahe Zusammenleben kaum länger dauern, als bis Wilsons Blockhaus fertig geworden und das unsere, weiter oben am Bache, in Angriff genommen wurde; dann mußte sich das jetzige unhaltbare Verhältnis von selbst lösen.

Es war am Morgen des fünften Tages, und »alle Hände« waren bereit, um das Aufeinanderschichten der abgepaßten Stämme für das Blockhaus zu beginnen. Es sollten nach Wilsons Plan zwei kleine Vierecke, mit einem zwischen beiden freigelassenen Gange, nebeneinander gestellt und dann durch das Dach miteinander verbunden werden, was die Schwierigkeit des Bewegens langer Baumstämme für uns beseitigte, und bereits lag auf dem sorgfältig geebneten Boden der Rahmen der vier ersten, wohl ineinander gefügten Stämme, welcher zugleich als Schwelle für den künftigen Fußboden dienen sollte, als ein rasches Aufsehen Wilsons unsere Aufmerksamkeit von der Arbeit abzog.

Von der nächsten Waldecke jenseits des Baches kam eine Gestalt quer über das offene Land auf uns zu, welche ich im ersten Augenblicke für die unseres »Nachbars« hielt, im nächsten aber auch diesem die damit angetane Beleidigung im stillen abbat; denn war die Kleidung des Genannten hier und da zerrissen, so suchte man an der des Herankommenden umsonst nach einer ganzen Stelle; ein zerlöcherter Hut, dessen Krempe ihm nur zum kleinsten Teile treu geblieben war, beschattete ein von einem wilden Barte fast ganz überwuchertes Gesicht, und die Überbleibsel eines Paares früherer Schuhe wurden nur durch Hilfe einzelner Strick-Fragmente an den Füßen festgehalten. Trotz dieses Äußeren näherte sich der Mensch in der ganzen Zwanglosigkeit amerikanischen Selbstvertrauens, sprang mit einem leichten Satze über eine schmale Stelle des Baches und trat mit einem lauten »Guten Morgen!« an uns heran, anscheinend neugierig unsere begonnenen Arbeiten musternd. Wilsons Blick war kalt und ernst auf ihn gerichtet und nur zwischen seinen Augenbrauen zuckte es wie eine unangenehme Erwartung.

»Macht einen Claim?« Einen Claim machen: ein Stück Regierungs-Land in Anspruch nehmen, wie es das Gesetz dem wirklichen Ansiedler vorschreibt. fuhr der erstere fort, ohne sich an das ihn empfangende Schweigen zu kehren, und streckte seine Hände in die beiden Löcher, wo einstmals seine Hosentaschen gewesen sein mochten. »Hm, scheint gut ab zu sein und es mit Eurer Niederlassung verdammt ernst zu nehmen – habt Euch gerade das beste Stückchen in der ganzen Gegend herausgeschnitten, 25 Dollars der Acker wert, sobald er nur erst einen Cent wert ist!«

»Und was treiben Sie hier, Fremder?« fragte Wilson, die Augen ein weniges dichter zusammenziehend.

»Gehe auf meinem Lande spazieren, Sir, wenn Sie nichts dawider haben!« erwiderte der andere und blickte den Farmer mit einer Art höhnischer Herausforderung an. »Kann Ihnen aber auch ein paar prächtige Plätze verkaufen, habe gerade hier neben an ein Viertel von 160 Ackern, weiter oben zwei andere Viertel und noch ein Viertel drüben auf der anderen Seite!«

»So!« brummte Wilson, »müssen tüchtig darauflos geschworen haben, Fremder.« Der Ansiedler hat eidlich zu erhärten, daß er nicht aus Spekulation, sondern zu eigener Niederlassung das gewählte Land (nicht über ¼ Sektion oder 160 Acres) beansprucht, sowie den gesetzlichen Bestimmungen über den Bau eines Hauses usw. genügt hat.

» Pshaw! Es läßt sich keiner, der die Sache versteht, durch so einen Eid dumm machen! Haben einen Burschen hier, einen gewesenen Advokaten oder dergleichen, der jedes Loch im Gesetze kennt und die Schliche weiß. Alles, was einer zu tun hat, ist, daß er geradedurch schwört. Im übrigen aber würde es für keinen, der darum ein Wort verlieren wollte, gut sein, lange seine Nase in unsere Verhältnisse zu stecken; er würde das hiesige Klima bald zu heiß für sich finden!«

»So, also auch mit einem Advokaten seid Ihr schon gesegnet,« erwiderte Wilson, aufmerksam den Kopf hebend, während für einen Moment ein leichtes Rot das Braun seiner Backen durchschimmerte; »kann man nicht erfahren, wie der Mann heißt, falls man ihn selbst einmal gebrauchen wollte?«

»Haben hier ein schlechtes Gedächtnis für Namen, Sir,« gab der Zerlumpte zurück; »im übrigen war es aber etwas anderes, was ich sagen wollte. Es gibt eine Sorte von Leuten hier, die sich nicht gern von Fremden einen Claim vor die Nase setzen lassen, ehe sie ihre eigenen nicht verkauft. Es ist deshalb nicht gerade das Freundschaftlichste, was gegen Euch gebraut wird, und so dachte ich, Euch ehrlich zu warnen, ehe Ihr mit Euerer Bauerei hier Euch zu viele Mühe macht.«

Wilson nickte langsam, als habe er nur die Bestätigung einer Vermutung erhalten. »Können dieser Sorte von Leuten sagen,« erwiderte er, sich bald wegdrehend, »daß hier Amerikaner sind, die ihr Recht behaupten werden, solange einer davon noch eine Hand rühren kann, und daß jeder weitere ähnliche Besuch das gebührende Willkommen finden wird!« Er wandte sich äußerlich kalt nach uns und gab das Zeichen zur Fortsetzung der Arbeit.

»Sie dürfen den Leuten nicht böse sein, Käptn,« sagte der Fremde mit einer Art ironischer Gutmütigkeit; »es läßt sich niemand gern in seine Töpfe gucken, und seinen Vorteil nimmt auch jeder gern wahr. Im übrigen habe ich meine Schuldigkeit getan, und eine ehrliche Warnung gegeben; können gehen oder bleiben, mir solls gleich sein.«

Er nahm seinen Weg wieder zurück, ohne daß Wilson auch nur mit einem Auge sich um ihn zu bekümmern schien; kaum hatte jedoch jenen der Wald aufgenommen, als der Alte mit tief gerunzelter Stirn den Kopf hob. Wir werden unseren Boden wahrscheinlich erkämpfen müssen, Jungens,« sagte er, »und Gott weiß allein, was uns vielleicht schon die nächste Viertelstunde bringt; aber ich denke, sie sollen hier ein hartes Stück zu beißen bekommen.«

»Wie der Anker sagte, als die Haifische nach ihm schnappten«, setzte Jim hinzu.

Das Auge des Verwachsenen hob sich in einem so herausfordernden Mute, wie er sich kaum mit der kleinen Gestalt vereinigen ließ. »Ich denke, Vetter Wilson, unsere vier Rifles könnten schon manches Loch machen.«

»Im höchsten Notfalle, ja, und wir wollen auf alles vorbereitet sein«, nickte der Alte gedankenvoll. »Vor allem aber heißt es jetzt, auf einen ordentlichen äußeren Schutz denken. Sobald die Gewehre schußfertig sind, muß fürs Leben gearbeitet werden, daß wenigstens die Hälfte des Blockhauses in die Höhe kommt, solange noch Zeit dafür ist. Kommt dann eine ganze Horde dieser Spitzbuben, so mag sie kommen. Hier im Freien aber sind wir und unsere Vorräte für die Übermacht leichte Beute. Also geladen, und dann los mit der Arbeit, was nur die Arme ertragen wollen!«

»Also doch ein paar Schüsse in Aussicht, wenns auch nur eine Wolfsjagd gilt,« knurrte Leutner, als wir, dem Alten voran, eilig nach den Wagen schritten; »nun, hoffentlich sollen sie auch hier den Fritzen und sein Gewehr kennen lernen, trotz aller Rifles.«

Betsy saß, mit den Kindern beschäftigt, im Innern des eingeschlossenen Raumes und betrachtete verwundert unser Beginnen. »Was gibt es, Vater?« fragte sie.

»Ein pures Privatvergnügen, wie die Frau zur Nachbarin sagte, als sie ihren Mann prügelte!« lachte Jim und stieß eine Kugel in den Lauf.

»Eine Maßregel zur Vorsicht, Kind,« sagte der Farmer, sich mit einem Blicke auf den kleinen Wagen dem Mädchen nähernd; »laß die Mutter nichts merken, wie sich auch die Verhältnisse um uns her gestalten mögen – wir haben mehr Gesellschaft um uns, als mir für unsere Ruhe lieb ist.«

»Mutter ist sehr schwach, Vater, sie hat heute kaum die Brühe von mir nehmen können«, erwiderte Betsy, einen Blick voller Sorge in das Auge des Alten senkend.

Dieser rieb sich hastig die Stirn, »Wir dürfen uns jetzt nicht niederbeugen lassen und müssen das beste hoffen, solange noch Hoffnung ist, Kind – solche Zustände sind gar oft die Zeichen, wenn sich die Krankheit bricht«, sagte er, als weise er geflissentlich jeden neu beunruhigenden Gedanken von sich. »Wir haben einen Wink erhalten, daß wir wohl von unseren nächsten Nachbarn belästigt werden könnten; durch ein dabei gefallenes Wort aber ist eine Vermutung, die ich schon einmal gegen dich ausgesprochen, wieder in mir lebendig geworden, und bestätigt sich diese, so weiß ich, daß es nur dieser Nachricht bedarf, um die Mutter wieder auf die Beine zu bringen. Also stark, Betsy,« fuhr er fort, dem Mädchen die Hand auf die Schulter legend, »mögen sich auch für einen Moment die Verhältnisse innen oder außen gestalten, wie sie wollen! – Und damit ich es später nicht vergesse, Jim,« wandte er sich nach uns zurück, »es ist möglich, daß dir bald ein bekanntes Gesicht vor die Augen kommen wird – den Mann müssen wir aber lebendig und unbeschädigt haben. Merk es vorläufig und sieh darauf.«

Der Verwachsene riß die Augen auf, als könne er den Sinn der Worte nicht erraten. Als ihm aber Wilson mit einem: »Wirst schon klug werden, jetzt nur an die Arbeit!« zunickte, trat in sein Gesicht fast ein Ausdruck von der Energie eines aufmerksamen Spürhundes.

Der Alte war wieder nach dem Bauplatze vorangeschritten, und bald standen wir, die geladenen Gewehre in unserer unmittelbaren Nähe, von neuem an der verlassenen Arbeit, die jetzt mit einer Eile gefördert wurde, wie diese unsere vereinten Kräfte nur zu ermöglichen vermochten. Baumstamm auf Baumstamm fügte sich im Viereck übereinander, und als endlich eine kurze Rast gemacht werden mußte, schlug der Alte zum ersten Male sein Whiskeyfaß auf, um die nachlassenden Kräfte wieder anzuspornen. Als der Mittag herankam, war der Bau bis zur Höhe des Daches vorgeschritten; eine schmale Türöffnung und an jeder der drei übrigen Seiten eine Fensteröffnung warteten der Schließung; statt der mitgebrachten Glasfenster für die letzteren aber begann Wilson diese mit den starken, kurzen Brettern, welche wir zur Dachdeckung roh aus den zersägten Stämmen weicher Holzarten gespalten, doppelt zu vernageln, diesen Schutz noch durch einen von einer Ecke des Fensters bis zur anderen querüber befestigten Balken stärkend und nur in der Höhe des Daches eine schmale Öffnung als »Lugaus« und Schießscharte lassend. Die ohnedies starke Tür sollte noch durch einen jungen Baum als Vorlegebalken geschützt werden, und so, wenn uns nur Zeit zur Vollendung blieb, durften wir wohl ruhig den Versuchen zu unserer Vertreibung entgegensehen.

Unser Mittagsmahl war angesichts der sorgenden Miene des Alten, welcher die Augen kaum eine Sekunde von einer scharfen Überwachung der ganzen Gegend ruhen ließ, ungewöhnlich schweigsam ausgefallen, und wir hatten uns soeben an die Arbeit begeben, um eine Art Dachstuhl aus jungen Stämmen herzurichten, als Wilson auf die langsam herkommende Gestalt des Mannes zeigte, welchen er uns selbst zuerst als Nachbar vorgestellt hatte.

»Möchte wohl wissen, ob der Mensch nicht zuletzt auch nur ein Spion der hiesigen Spitzbubenbande ist,« sagte der Alte; »es ist mir seit heute morgen, als müßten Ehrlichkeit und zerrissene Hosen zwei ganz entgegengesetzte Dinge sein. – He, alter Kamerad,« rief er, als der Besprochene in Hörweite gelangt war, »ist das auch nachbarliche Manier, sich bis heute nicht sehen zu lassen? Der Whiskey wartet schon manchen Tag, und nun kommt her und faßt eine Stunde lang mit an, wenn Ihr Euch Euer Teil davon verdienen wollt.«

Der Angerufene fuhr mit der Hand unter seinen Hut, und eine sichtliche Verlegenheit spielte in seinem Gesichte. »Sind scharf vorwärts gegangen, wie ich sehe,« sagte er herantretend, »möchte aber doch wohl wissen,« setzte er mit einem scheuen Rundblicke hinzu, »ob Sie noch keinen anderen Besuch als den meinen gehabt haben?«

»Jawohl, Sir, und der Willkommen für einen zweiten steht schon hier«, erwiderte Wilson, auf die geladenen vier Rifles und unsere beiden Doppelgewehre deutend. »Sie sind aber ein ehrlicher Nachbar und werden uns deshalb helfen, in noch bessere Sicherheit zu kommen. Bring eine Flasche Whiskey, Jim.«

»Halt an, Sir,« rief der Herangekommene fast ängstlich, »ich habe seit manchem Monate keinen Tropfen auf die Zunge gebracht, aber ich möchte doch nichts ›unter falschen Voraussetzungen‹, wie die Advokaten sagen, annehmen. – Eine helfende Hand an Ihren Bau zu legen, wies anderwärts Nachbarspflicht ist, kann ich nicht,« fuhr er, seine Stimme dämpfend, fort, »oder ich hetze mir selber das ganze Ungeziefer auf den Hals. Ich wollte nur zusehen, wie es steht, und ob ich Ihnen mit einem Rate dienen könnte. Noch ein einziges Paar ordentlicher Ansiedler hier bei uns, und wir halten die ganze Rotte in Respekt; bis dahin aber muß der einzelne sehen, wie er sich am besten Ruhe schafft. Bei mir ist wenig zu holen, das hat mich bis jetzt geschützt, und ich darf mir nicht mutwillig die Rache auf den Hals ziehen.«

Wilson hatte während der ganzen Rede mit festem Blicke in das Gesicht des Sprechenden gesehen. »So, dann kommt hierher, Mann, und bleibt bei uns!« erwiderte er.

»Richtig, und dann brennen sie mir während dessen mein bißchen Eigentum nieder,« war die kopfschüttelnde Antwort; »habe selber schon daran gedacht, aber es geht nicht.«

»Nun, und was meinen Sie, wie lange wir noch Zeit zu unserer Sicherstellung haben?« fragte der Alte nach einer kurzen Pause, während welcher er den Blick des anderen fest in dem seinen hielt.

»Sie müssen am besten wissen, was vorgegangen ist,« erwiderte jener; »selbst das schuftige Pack hier hat eine Art Gesetz gebildet, wonach es handelt. Zuerst kommt gegen jeden, der ausgebissen werden soll, die ehrliche Warnung, dann die verschärfte Warnung, und wenn auf beide nicht gehört wird, zuletzt die Exekution. Zwölf Stunden müssen zwischen jeder dieser Maßregeln liegen, und ich habe bereits in einzelnen kleineren Fällen gesehen, daß streng auf die Fristen gehalten worden ist.«

»Und wollen Sie mir wohl sagen, wie stark die Bande ist, die hier haust?« fragte Wilson weiter.

»Können Sie mir sagen, wieviel Präriehunde ihren Bau um uns haben?« gab der Befragte zurück. »Das Ungeziefer steckt in seinen Schlupfwinkeln, und es zählt sich böse, wo man am besten tut, die Hand davon zu lassen.«

»Aber Sie nehmen für Ihre ehrliche Mitteilung eine freundlich gegebene Stärkung mit nach Hause?« sagte der Alte, ohne seinen forschenden Blick zu ändern.

»Mit großem Danke, Sir«, war die ruhige Antwort. »Ich kann mir denken, daß Sie mir selbst nicht trauen möchten, werden es aber vielleicht noch lernen.«

Wilson neigte mit einem: »Soll mich freuen, Sir!« langsam den Kopf und sandte Jim mit einem Winke nach dem Whiskeyfasse; dann drehte er sich wieder kalt unserem Baue zu, und die Arbeit begann in voller Rüstigkeit von neuem. Jim aber schien die Gelegenheit wahrzunehmen, um eine neue Freundschaft zu schließen, wenigstens klang ein lautes Lachen des Hinterwäldlers durch unser Arbeitsgeräusch, und beide schüttelten sich beim Scheiden herzhaft die Hände. –

Am Abend waren Dach und Giebel des Blockhauses wetterdicht geschlossen. Die Dunkelheit war indessen so rasch über uns gekommen, daß Wilson den Gedanken, schon heute einen Teil des Umzuges vorzunehmen, aufgab. Dafür aber war nach dem Abendimbiß eine abwechselnde Wache abgesprochen worden, um so mehr, als wir schon am vorletzten Tage unseres Marsches den Hund durch irgendeinen giftigen Bissen, den er aufgelesen, eingebüßt. – Der Alte hatte die erste Nummer bis zum Aufgange des Mondes, als die unsicherste Zeit, übernommen, und wir anderen lagen, todmüde von der Anstrengung des Tages, auf dem Stroh unseres Lagers. Mir war die zweite Nummer zugefallen, und kaum glaubte ich mich dem Schlafe entreißen zu können, als mich Wilson zur Ablösung rief und mir unermüdliche Aufmerksamkeit mit Auge und Ohr einschärfte. Die Gegend lag noch in einem dunkeln Dämmerlichte, bald aber hob sich das glänzende Nachtgestirn voll über dem Walde empor und ließ jeden kleinen Punkt unserer Umgebung deutlich hervortreten. Da, wo die Wagen an das Flechtwerk der Verbindungswände stießen, war es allein möglich, einen Blick über die Landschaft zu erlangen, und die Pflicht des Wachenden war es, von einer dieser Lücken zur anderen zu gehen und das sich darbietende Terrain im Auge zu behalten; je öfter ich indessen meine langsame Runde machte, je länger hielt es mich an den einzelnen Lugplätzen fest – die lautlose Stille um mich her und das matte Licht, in welchem Gras und Laub unbewegt zu schlafen schienen, schufen eine Art träumerischer Stimmung in mir; Bilder aus längst vergangenen glücklichen Zeiten stiegen in mir auf und wurden durch andere, aus den geheimsten Wünschen meines Herzens gewoben, abgelöst; unbewußt gab ich mich den süßen Eindrücken hin, bis ich, mich meiner Pflicht erinnernd, erschreckt auffuhr – um indessen nur nach kurzem Umherwandern mich aufs neue selbst zu vergessen. Zuletzt war es mir wie im Traume, als habe ich schon seit mehreren Minuten ein eigentümliches Geräusch außerhalb des abgeschlossenen Raumes gehört, aber erst als ich aus einer Art Halbschlummer, in welchen ich während des Stehens verfallen, zu mir selbst kam, wurde ich mir dessen bewußt und eilte mit jetzt völlig wachen Sinnen, die mögliche Ursache davon zu ergründen. Nirgends indessen bot sich dem Blicke etwas Ungewöhnliches – da klangen dieselben raschelnden Laute deutlicher als zuvor, und schnell entschlossen setzte ich den Fuß in das Flechtwerk der einen Wand, um darüber hinweg einen freien Blick nach der Gegend des Geräusches zu erlangen. Ich schwang mich auf, erhielt aber im gleichen Augenblick einen Stoß in die Seite, der mich herabwarf und einen Schritt zurücktaumeln ließ – von außen knallte ein Schuß, und ich hörte die Kugel klatschend in einen jenseits der gegenüberstehenden Wand befindlichen Baum schlagen; zugleich aber sah ich auch Betsys helle Gestalt, wie im Fallen begriffen, dicht vor mir, und mechanisch hatten sich meine Arme ausgebreitet, um sie aufzufangen. Dieses alles war so völlig in einem Schlage geschehen, daß ich wie halb betäubt das Mädchen an meiner Brust fühlte: im nächsten Augenblicke aber hatte sie sich schon wieder aufgerafft, faßte kräftig meinen Arm und zog mich nach einer der Lücken.

»Dort läuft er,« sagte sie, nach einer dem Walde zueilenden, deutlich erkennbaren Gestalt zeigend – »es ist nur der eine, aber seine Kugel war für Sie! – Und jetzt,« setzte sie hinzu, mir ihr Gesicht langsam und ernst zudrehend, »jetzt sind wir wohl quitt, Mr. Namenlos!«

Ich fragte mich in diesem Augenblicke nicht, wie das überraschende Ereignis zusammenhänge – in mir war plötzlich die Erkenntnis erwacht, daß das Mädchen sich mehr mit mir beschäftigt haben müsse, als ich jemals geahnt, und hatte mich wie eine Ahnung des Glückes durchrieselt; noch meinte ich den Druck ihrer Hand an meinem Arme zu fühlen, und, überkommen von meinen Empfindungen, mit einem unwillkürlichen bebenden: »Miß Betsy!« faßte ich nach ihrer Hand.

Da ward an der anderen Seite des Raumes die Stimme des Alten laut, welchen der Schuß vom Schlafe aufgeschreckt und aus dem Wagen getrieben zu haben schien, und nach einem raschen, großen Blicke in meine Augen, als wolle sie hier eine Erklärung für den Ton meines Ausdrucks finden, entzog sie mir leise ihre Hand.

»Es ist nichts von Bedeutung, Vater, oder wenn etwas beabsichtigt worden, so ist es schon vorüber,« sagte sie, sich nach dem nahenden Farmer wendend; »ich bin die einzige gewesen, welche den Vorgang beobachtet hat, und ich will deshalb kurz erzählen. Es sind noch kaum zehn Minuten her – ich konnte nicht schlafen und blickte unter der Wagenplane ins Mondlicht hinaus, als ich nach dem Walde zu etwas Lebendiges im Grase bemerkte, das ich indessen bald als einen vorsichtig herankriechenden Menschen erkannte. Ich mochte um des einen willen nicht sogleich Lärm machen und beobachtete. Auf etwa dreißig Schritte, bis an einen der alten Baumstümpfe herangekommen, mochte er wohl entdeckt haben, daß jemand hier Wache halte, er schien eine Weile scharf aufzuhorchen, dann kroch er hinter den Stumpf, und ich konnte sehen, wie er sein Gewehr schußfertig machte. Eben wollte mich eine unbestimmte Sorge überkommen, und ich machte mich bereit, den Wagen zu verlassen, als ich bemerkte, wie der Mensch ein absichtliches Geräusch, wahrscheinlich an der Rinde des Baumstumpfes, hervorrief, dann scharf herüberlugte und das Gewehr hob; als er aber seine wahrscheinliche Erwartung, daß sich jemand von uns zeigen solle, nicht erfüllt sah, begann er dasselbe Spiel zum zweiten Male, und ich wußte nun, was er beabsichtigte. Ich sprang aus dem Wagen, um nötigenfalls zu warnen, und kam noch gerade recht, um den Gentleman hier, als er über die Wand hinweg nach dem Geräusche forschen wollte, vor der Kugel zu bewahren.«

»Räubergesindel!« rief der Alte, welcher sichtlich gespannt der Erzählung gefolgt war, mit dem Fuße aufstampfend: »das war jedenfalls ihre sogenannte verschärfte Warnung, und was weiter folgen mag, läßt sich nach der Probe voraussehen – wir haben keine Stunde zu verlieren, um uns in Sicherheit zu bringen!« Er blickte, die Augen dicht zusammengezogen, in den mondhellen Himmel und machte dann einen raschen Gang durch den Raum. »Es ist hell genug zum Umzuge, und die Ermüdung hat unter solchen Verhältnissen kein Recht,« fuhr er wieder stehen bleibend fort; »halte einen starken Kaffee für uns alle bereit, Betsy, ich werde die anderen wecken, und in einer halben Stunde müssen wir an der Arbeit sein.«

Er wandte sich mit raschen Schritten dem großen Wagen zu, und auch Betsy wollte mit einem kurzen Blicke nach ihm sich wegdrehen. Ich aber, der während des vergangenen Tages sich mit den verschiedensten Kampfbildern, in welchen wir unsere Rolle spielen könnten, vertraut gemacht, dachte jetzt an diese am wenigsten und trat dem Mädchen in den Weg.

»Ich heiße Henry Winter, Miß,« sagte ich, »und nun, da ich Ihnen vorgestellt bin, weisen Sie doch meine Hand zu einer kurzen Hilfsleistung nicht zurück?«

Sie sah mich mit ihren großen Augen wie befremdet an. »Wir sind in einer so ernsten Lage, Sir,« erwiderte sie, »daß es wohl keine Zeit zu leichten Redensarten ist.«

»Ich spreche auch so ernst, Miß,« versetzte ich, meinem inneren Drang folgend, »und Ihre jetzige Antwort wiegt, seit Sie einmal meine Hilfe zurückgewiesen, so schwer für mich, daß meine Frage in jeder Lage gerechtfertigt wäre.«

Ein leichtes Rot trat in ihr Gesicht, »Ich verstehe Sie nicht ganz, Mr. Winter,« sagte sie; »indessen habe ich wohl jetzt das wenigste Recht, die Hand eines Freundes zurückzuweisen ...«

Vom Wagen wurden Stimmen laut und sie eilte mit einem raschen Umblicke davon. Ich aber stand noch eine Sekunde, den leichten Bewegungen ihrer schlanken Gestalt folgend – in meinen Ohren klang das Wort »Freund« aus ihrer Rede wieder, das so weit in seinem Begriffe war und doch jetzt wie eine stille Verheißung mir das ganze Herz durchwärmt hatte – dann griff ich nach dem leeren Wassereimer und eilte damit nach dem Bache.

Als ich zurückkehrte, war sie bereits beschäftigt, das Feuer im Ofen zu entzünden, und ein Aufblick, von einem hellen Lächeln des Dankes begleitet, lohnte mir, als ich den Wasserstrahl in das für den Kaffee bestimmte Gefäß schießen ließ. Ohne ein weiteres Wort jetzt zu wagen, aber voll eines Gefühls glücklicher Befriedigung, wandte ich mich ab und traf auf Jims Gesicht, welcher mit vorgebogenem Kopfe und groß aufgerissenen Augen erst mich und dann das Mädchen anstarrte. Fast hätte ich in meiner glücklichen Stimmung über den Ausdruck seiner Züge lachen können, wenn mir nicht plötzlich Leutners frühere Bemerkung über die stille Leidenschaft des kleinen Menschen durch den Kopf gefahren wäre.

»Wie stehts, Jim?« fragte ich mit möglichster Gleichgültigkeit.

»Immer lustig! wie die Katze sagte, als sie die Ratte aus der Wurstkammer jagte!« erwiderte er bissig und drehte sich weg. Ich aber folgte dem Rufe Wilsons, der bereits mit angezündeter Laterne neben den Fässern und Gerätschaften stand, um die nötigen Anordnungen zum Beginne des Umzuges zu erteilen. –

Das anbrechende Morgenlicht fand uns noch in voller Arbeit, wenn auch das Hauptsächlichste geborgen war. Mit einem wunderbaren Umblicke hatte der Alte die Anordnung zur Unterbringung der verschiedenartigen Gegenstände getroffen, ohne daß diese den inneren Raum des Blockhauses, der allerdings für zwei Gemächer bestimmt gewesen, aber dennoch für die Zahl der Menschen und Dinge beschränkt genug erschien, allzusehr beengten. Aus den aufrecht übereinander gestellten Vorratsfässern war eine Wand gebildet worden, welche ein Drittel des inneren Raumes abtrennte und das Lager der Kranken wie Betsys und der Kinder Schlafstätte verdeckte. Das mitgebrachte Haus- und Ackergeräte hatte seinen Platz auf den Sparren unter dem Dache, welche später zum Halt für die Zimmerdecke dienen sollten, gefunden, die vier größten Mehlfässer aber waren an den vier Wänden verteilt, um von hier aus zur Höhe der gebildeten Schießscharten zu gelangen. Der Kochofen, dessen Rohr durch die Dachbedeckung geleitet war, stand in einer freien Ecke, während die zweite von einem mit Trinkwasser gefüllten Fasse und einem Haufen kleiner Holzstücke, die bei unserem Baue abgefallen, eingenommen ward. Aus den vier Leitern der beiden Wagen war eine sich an das Haus schließende Einzäunung gebildet, in welcher die Pferde und das Hornvieh, sorgfältig an das Haus und die zur Befestigung eingeschlagenen Pfosten gekettet, untergebracht wurden – wir hatten leider keinen anderen Schutz für die Tiere, als unsere eigene Wachsamkeit, und Jim hatte sich ausbedungen, den Posten zu ihrer Bedeckung zu übernehmen. Die übrigen Teile der Wagen waren auseinander genommen und zur Verstärkung der Einzäunung verwandt worden.

Die Arbeit war bei Betsys Kaffee so glatt und rüstig vorwärtsgegangen, daß sich die lebendigste Stimmung unter uns gebildet hatte, bis beim ersten Morgenlichte die Kranke aus dem Wagen gehoben ward, um sie auf das für sie bereitete Lager zu schaffen. Während sie in dem steten Halbdunkel unter der Plane gelegen, hatte wohl keiner ihrer Angehörigen den Zustand gänzlicher Verfallenheit wahrgenommen, in welchem sie jetzt die helle Beleuchtung zeigte, und Betsy, die dem Alten und Jim hilfreiche Hand geleistet, brach bei dem Anblicke, welcher ihr jetzt wurde, in ein halb krampfhaftes Schluchzen aus. Jim, als dürfe er seine Empfindungen nicht zeigen, preßte die Lippen zusammen und hielt, starr auf einen Punkt sehend, jeden seiner Züge angespannt. In Wilsons schmerzlich verzogenem Gesichte aber zuckte es, als halte er nur mühsam den inneren Jammer von einem lauten Ausbruche zurück. So ward die Kranke nach dem Hause geschafft, während ich die beiden lustig krähenden Kinder nachtrug, und unter einem allgemeinen Drucke, den selbst Leutner sichtlich nicht von sich zu weisen vermochte, ward hastig die noch übrige Arbeit vollendet, worauf zuletzt die früher erbauten Schutzwände auseinander gerissen wurden, um dem Feinde keinen gedeckten Punkt zu lassen.

Es mochte neun Uhr geworden sein, als Jim dem gesamten Vieh noch einmal reichliches Futter vorwarf und dann als letzter in das Blockhaus trat, dessen Tür er fest hinter sich schloß. In dem nur notdürftig erhellten Räume machte der Alte die Runde, nochmals die sichere Lage jedes untergebrachten Gegenstandes prüfend und dann uns übrigen die Posten an den verschiedenen Fenstern anweisend.

»Es scheint doch, als bewähre sich unser Nachbar als ehrlicher Mensch,« sagte er mit wieder völlig ruhiger, kalter, Stimme, »und nach seiner Vorhersagung könnten wir uns jede Minute auf die sogenannte Exekution gefaßt machen.«

»Wird auch nicht lange auf sich warten lassen,« knurrte Jim; »es wäre gut, wenn jeder von uns so zuverlässig und uneigennützig wäre, als der Mann; ich sehe immer jedem auf den ersten Blick an, was an ihm ist!« Er wandte die kleinen, funkelnden Augen nach mir; ich aber hielt es für das geratenste, weder seine Äußerung noch seinen Blick zu verstehen.

»Wir werden den ersten Schuß des Gesindels abwarten, dann aber vor die Mündung nehmen, was sich nur zeigt«, fuhr der Alte fort. »Zwei Rifles stehen hier in Reserve, und wer einmal nichts zu tun hat, mag dem anderen im Laden beispringen.«

»Ich sorge schon dafür, soviel ich kann, Vater«, ließ sich Betsys Stimme hören, und als ich mich umwandte, sah ich das Mädchen auf dem einzigen vorhandenen Tische Pulverhorn und Kugelbeutel zurechtlegen und altes Papier in passende Stücke zerreißen.

Der Alte hatte nur ernst genickt und wollte dann seinen Posten an dem Fenster, wo sich das Lager der Frauen befand, einnehmen, als ein plötzlicher halblauter Ruf Leutners: »Sackerti, da sind sie schon!« seinen Gang unterbrach und ihn jenem zur Seite brachte. Ein herbeigerücktes zweites Faß hatte ihm hier rasch eine gleichfalls bequeme Stellung zur Beobachtung geschaffen; jetzt aber sah auch ich von meinem Platze aus, was vorging.

Ein Haufen von wohl fünfundzwanzig zerlumpter, wilder Gestalten, die sämtlich mit Revolvern, vielleicht der Hälfte ihrer Zahl nach aber mit Rifles und Jagdgewehren bewaffnet waren, schien soeben aus dem Walde getreten, von dem veränderten Aussehen unseres Platzes indessen ziemlich unangenehm überrascht zu sein. Überall traf der Blick auf unschlüssig umherschauende Gesichter, während sich bald einzelne, scheinbar beratende Gruppen bildeten. Das Blockhaus wies mit einer seiner Ecken auf die Stelle, wo sie den Wald verlassen, und von meinem wie Leutners Fenster aus ließen sich die Vorgänge ungehindert wahrnehmen.

»Einen einzigen Dank für ihre verschärfte Warnung sollte man ihnen doch schicken,« brummte der Letztgenannte; »ich sehe dort den Schuft, der immer gerade durchgeschworen hat und jetzt den Hauptsprecher zu machen scheint ...«

»Nicht einen Schuß, ehe wir nicht wissen, woran wir mit ihnen sind!« erwiderte der Alte, und schien, als ich einen kurzen Blick nach ihm warf, scharf jede der rüden Gestalten einzeln zu prüfen. Diese mochten es indessen für geraten gefunden haben, sich aus dem Bereiche unserer Gewehre zu bringen, und zogen sich hinter die Bäume zurück. Kaum eine Minute aber war der letzte Mann verschwunden, als es in einer völligen Linie in den Büschen aufblitzte und unter dem scharfen, eigentümlichen Knattern einer regellosen Salve die Kugeln teils in unsere Fensterdeckungen, teils in unmittelbarer Nähe derselben einschlugen. Ich hatte unwillkürlich das Gewehr an die Backe gerissen, die leicht in Rauch gehüllten Büsche zu meinem Ziele nehmend, und mein Schuß krachte mit dem Leutners zusammen; gleichzeitig aber erfolgte hinter mir ein nervöses Aufschreien der erschreckten Kinder, begleitet von einem tiefen Jammerstöhnen der Kranken, das peinlich alle meine Nerven aufregte. Mit einem unartikulierten Laute tiefer Sorge sprang Wilson zu Boden und wollte dem Mädchen folgen, das bleich dem abgetrennten Räume zueilte, am Eingänge desselben aber wurde er von der letzteren zurückgehalten.

»Bleib da, wo du nötiger bist, Vater,« sagte sie, »hier kannst du wenig helfen!« und nach einem leisen Nicken, wie mit Anstrengung seine Fassung zusammenraffend, schritt jener wieder nach seinem früheren Platze.

Eine Weile tiefer Stille, nur zeitweise durch ein halbes Schluchzen der Kinder unterbrochen, folgte jetzt, eine Stille, die, augenscheinlich drückend auf uns allen lag und die doch keiner unterbrechen zu wollen schien. Jim, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, blickte starr durch seine Schießscharte über der Tür nach dem außen befindlichen Vieh, Leutner schien, wie ein Jagdhund auf dem Anstände, einer neuen Erscheinung der Feinde zu warten, und der Alte schwere Gedanken durch den Kopf zu wälzen. Sichtlich wirkte es wie eine Erleichterung, als endlich der letztere wieder begann:

»Es ist eben nur Gesindel, das sich wahrscheinlich hüten wird, sich die Zähne an unseren Blockwänden auszubeißen. Bewahre uns nur der Himmel vor einem Unglück im Hause,« setzte er mit einem Blicke nach dem abgeschlossenen Raume hinzu, »und sie sollen es wohl müde werden, uns zu plagen!«

»Ich meine fast, sie haben irgend etwas vor,« sagte jetzt Leutner, den Blick unverwandt nach dem Walde richtend; »die Luft ist still und doch bewegt sich aller Orten das Gebüsch.«

Ich blickte hinüber, mußte aber meine ganze Aufmerksamkeit anwenden, um die eben gefallene Bemerkung bestätigt zu finden – es war mehr wie ein allgemeines Zittern, welches durch das Unterholz ging, als werde es durch regelmäßig fortgesetztes Arbeiten an seinen Wurzeln erschüttert.

Wieder folgte eine Stille geschärfter Beobachtung, die nur durch Jims Bewegungen, der danach zu brennen schien, eine Aussicht durch mein Fenster zu erlangen, bei jedem rückwärts geworfenen Blicke meinerseits aber sich brummig wieder abwandte, unterbrochen wurde, und ich wollte ihn eben mit einem gutmütigen Worte an meine Seite einladen, als ein grimmiges: »Da!« des Alten meine volle Aufmerksamkeit wieder nach außen lenkte.

Aus dem Schatten des Waldes wälzten und schoben sich plötzlich, von unsichtbaren Händen bewegt, eine Anzahl großer Reisigbündel aus das freie Land heraus und nahmen in Gruppen zu drei und vier ihre Richtung dem Blockhause zu.

» Damnd!« brummte der Alte, in welchem seine volle Energie wiedererwacht zu sein schien, nach einer kurzen Weile der Beobachtung, »daran habe ich nicht gedacht! Sie schieben uns die Dinger vor die Nase, brennen sie an und braten uns lebendig, wenn wir nicht beizeiten die frische Luft suchen; indessen wollen wir erst einmal klar werden, wie dicht ihre Bündel ausgefallen sind. Jim, zu dem Gentleman dort ans Fenster! Und nun, sobald sie in halbe Schußweite kommen, mitten auf jedes von den Dingern gehalten. Wo eine Kugel durchgeht, muß sie den Mann dahinter treffen.«

Kein Laut folgte als Antwort, aber in dem Schweigen sprach sich die ganze Spannung auf die nächsten Minuten aus. Langsam, aber in stetem, regelmäßigem Fortschreiten näherten sich die beweglichen Schanzen, die zugleich als gefährlichste Angriffswaffe gegen uns dienen sollten; fast hatten die vordersten schon die Mitte des Raumes zwischen uns und dem Walde erreicht, als der Alte halblaut sagte: »Laßt uns von meinem Fenster aus erst einmal einen Probeschuß tun und versucht dann ihr dort euer Heil.«

Die beiden Schüsse knallten und kleine Stückchen Reisig flogen von zweien der vordersten Bündel empor; aber nur einen Moment trat ein Stocken in ihrer Bewegung ein, dann nahmen sie ruhig ihren Weg weiter, und mit einem dumpfen Laute griff der Alte nach einem Reservegewehre.

Ich fühlte den kleinen, neben mich getretenen Menschen vor Aufregung beben, als dieser jetzt seine Rifle hob, und einen Augenblick überkam mich selbst das überwältigende Bewußtsein von der Schwierigkeit unserer Lage; es war sichtlich gar nicht möglich; auf die jetzige Weise uns dieser heranrückenden Bollwerke zu erwehren, und dachte ich sie mir erst rings um das Haus in Brand, so schien mir durchaus nichts übrigzubleiben, als uns samt den Frauen und Kindern im Freien dem Angriffe der Übermacht preiszugeben. Ich sah ohne Täuschung Jims Kugel von ebensowenig Erfolg begleitet, als die beiden ersten; wir standen viel zu tief, um den hinter ihrem Reisigschutze herankriechenden Männern einen Schaden zufügen zu können, und ich mochte nicht einmal einen neuen vergeblichen Versuch dazu machen.

Da durchblitzte mich plötzlich ein lichter Gedanke, aber es war die höchste Zeit, wenn er noch ausgeführt werden sollte, und ich sprang hastig zur Erde, dem Alten, welcher sich eben wieder zum Schusse bereit machte, in den Arm fallend.

»So geht es nimmermehr, Sir,« rief ich; helfen Sie mir hinauf unters Dach – ein Brett vom Giebel losgerissen, und von dort aus muß sich etwas von den Halunken, wärs auch nur ein Glied von jedem und wenn auch nur erst im Näherkommen, der Kugel bloßstellen – wir stehen hier viel zu tief!«

Er sah mich starr an, und dann zuckte ein Blitz des Verständnisses in seinem Auge auf. Sein Blick flog nach dem Dache. »Dort liegt eine von den Türen über den Sparren und gibt einen festen Stand – vorwärts denn,« rief er mit auflebendem Gesichte, »hier auf meine Schultern, Sir!«

Ich hatte bereits von dem Fasse am Fenster aus den nächsten der quer über den Raum laufenden Sparren erfaßt und schwang mich jetzt mit Wilsons Hilfe hinauf.

»Mir nach, Leutner, es wird nicht an einem genug sein!« rief ich zurück, und kaum hatte ich den angedeuteten Standpunkt gewonnen und mit Leichtigkeit eines der Bretter des Daches losgedrückt, als auch schon der Freund hinter mir stand und eine gleiche Öffnung für sich in dem Dache schuf. Ich warf einen rasch prüfenden Blick hinaus. Kaum noch dreißig Schritte waren die vordersten Reisigbündel entfernt, und die Zeit ließ sich fast auf die Minute berechnen, in welcher sie das Haus erreicht haben würden. Aber ich sah auch mit einem halben innerlichen Jauchzen bereits einzelne Füße je nach der Bewegung der herankriechenden Feinde hinter ihrer Deckung erscheinen – noch zehn Schritte näher und es mußte sich ein bestimmteres Ziel für den Schuß finden.

»Das wird doch so nichts,« brummte jetzt Leutner hastig; »sie geben zu wenig von ihrem Körper preis, als daß wir unserer Kugel sicher sein könnten, und zwei Fehlschüsse müßten uns die ganze Gesellschaft auf den Hals schaffen – hier gehört eine tüchtige Schrotladung her, die ihnen die Beine lahm machen wird. Nimm mein Gewehr, und ich besorge das übrige!«

Ich hatte auf den ersten Blick erkannt, wie glücklich Leutners Gedanke war, die Schrotläufe unserer beiden Doppelgewehre waren seit unserer Abreise noch geladen, ein voller Schrotbeutel aber befand sich bei unserem Gepäck und mit einer fast fieberhaften Spannung erwartete ich den Augenblick, in welchem ich meinen ersten Schuß abgeben konnte.

Da sah ich plötzlich das vorderste Reisholzbündel eine raschere Bewegung annehmen, und wie aus ein Signal folgten die nächsten in gleicher Schnelle; noch zwei Minuten, und sie mußten heran sein. Ich aber konnte jetzt auch ein Paar mit Lumpen bedeckter, sich abarbeitender Beine wahrnehmen, und in der nächsten Sekunde krachte mein erster Schuß. Das krampfhafte Zusammenzucken der für mich sichtbaren Körperteile, wie der plötzliche Stillstand des drohenden Bündels zeigten mir meinen Erfolg. Schon waren indessen die Nachfolgenden heran, und Leutners Gewehr aufraffend schoß ich von neuem – mit einem wilden Schrei schnellte eine Gestalt in die Höhe, um ebenso schnell wieder unsichtbar zu werden; aber jetzt war ich waffenlos, während sich in erschreckender Schnelle das dritte und vierte Bündel näherten und wohl sechs bis acht gleichartige Bollwerke ihre Richtung nach der anderen Seite des Hauses nahmen. Ich wollte soeben mit einem Rufe halber Verzweiflung mich nach dem Innern des Hauses wenden, als Leutners Stimme wieder neben mir klang:

»Hier ist frisches Futter, nur scharf drauf – die abgeschossenen Gewehre hinunter, dort ladet, was Hände hat!«

»Um Gottes willen nach der anderen Seite!« rief ich, die dargebotene Rifle an die Backe reißend und im nächsten Augenblicke folgte ein heulender Fluch meinem Schusse, der auch zugleich, noch ehe ich nach dem mir wieder heraufgereichten Gewehre faßte, die nächst heranrückende Schanze zum Stehen gebracht zu haben schien. Im selben Momente hörte ich Leutner in meinem Rücken das Dach aufbrechen; zwei Schüsse folgten kurz hintereinander, ein verwirrtes Geschrei ward laut, und: »Lauft für euer Leben, wenn ihr nicht tote Menschen auf dem Platze sein wollt!« klang Leutners brüllende Stimme – ich sah plötzlich die ganze Gruppe der Reisholzbündel ihre Bewegung verlieren, aber mehr als ein halbes Dutzend Menschen wie von einem panischen Schrecken gejagt, über das offene Land nach dem Walde stürzen. »Hurra!« hörte ich Jims johlenden Ruf von unten, zwei Schüsse knallten den Fliehenden nach; dann aber tönte des Alten Stimme: »Laßt sie laufen, sie sollen wenigstens merken, daß sie nicht mit gleichem Gesindel zu tun haben!«

»O, so eine Schrotladung ist Gold wert,« rief jetzt Leutner, mit dem Lachen heller Befriedigung sich nach mir wendend; »ich glaube, ich habe mit dem ersten Schusse dreien, die sich schlecht gedeckt hatten, einen Denkzettel gegeben – wie sie laufen!«

»Aber denen hier vergeht es!« erwiderte ich, nach den Opfern meiner Schüsse deutend, welche soeben den Versuch machten, ins Gras gedrückt unbemerkt davonzukriechen. Sie mußten ihren Bewegungen nach manches Schrotkorn im Fleische haben, und wir beobachteten sie, bis, eine Strecke entfernt, der eine sich erhob und rasch davonhinkte, während die beiden anderen, nach einem kurzen Versuche, seinem Beispiele zu folgen, ins Gras zurückfielen und mit möglichster Beschleunigung ihre Weiterreise auf Händen und Knien antraten.

Wir durften uns sagen, daß die augenblickliche Gefahr vorüber war, und noch glühend vor Erregung, aber voll des Gefühls eines gelungenen Schlages, faßte ich die Sparren, auf welchen ich stand, und ließ mich in den unteren Raum hinab. Wilson fing mich halb in seinen Armen auf, mein erster Blick indessen blieb an Betsys Gesichte hängen, das mit einem fast strahlenden Ausdrucke sich nach mir gewandt hatte.

»Das war ein Streich, Sir, der vielleicht so viel wert ist, als unser aller Leben und Eigentum!« rief der Alte; »an die Lehre werden sie eine Zeitlang denken!«

Ich hätte in einer Empfindung von Glück, die plötzlich in mir aufschoß, den Sprecher am liebsten umarmen mögen, aus der Ecke aber trafen mich Jims unmutig zusammengezogene Augen, die jeden meiner Blicke zu bewachen schienen, und unwillkürlich zügelte ich meine Aufwallung. »Leutner hat wohl das Beste getan, Sir!« erwiderte ich, die mir dargebotene Hand drückend.

»Keine Flatterien hier – das Beste muß erst noch getan werden, und das sogleich!« rief der Genannte, sich von dem Dachraume niederlassend. »Wenn die Teufelsbündel stehen bleiben, wo sie find, so liegen uns wieder ein Paar von den Schuften dahinter, ehe wir es nur wissen!«

Wilson nickte dem leicht zur Erde Springenden zu. »Vorwärts denn,« sagte« er, wie in kurzem Entschlusse, »die Bänder rasch zerschnitten und dann Feuer hinein; du aber, Betsy, hältst Wache, falls sich irgend etwas Verdächtiges vom Walde her zeigen sollte!«

Nach fünf Minuten loderte prasselnd der Halbkreis des dürren Reisholzes auf, mit dichtem Qualm jede Fernsicht verdeckend.

Wir hatten uns nach einem schnellen Rückzuge ins Haus auf unsere früheren Posten begeben, falls die kaum zurückgeschlagene Rotte, von dem Rauche verborgen, einen neuen Angriff versuchen sollte: aber alles blieb ruhig, und nach einer Viertelstunde bezeichneten nur noch einzelne Haufen weißer Asche und verglimmender Kohlen den Ort der beseitigten Gefahr.

Mittag war bereits vorüber, als wir endlich zu völliger Ruhe gelangten. Betsy war mit der Bereitung eines Mahles beschäftigt, während der Alte in dem abgetrennten Raume bei der Kranken verweilte; Jim stand als Posten unter dem Dache, die Umgebung überwachend, und während Leutner sich auf das Stroh unseres Lagers geworfen, der Zeit wartend, in welcher er Jims Stelle einnehmen sollte, saß ich seitwärts auf meiner Reisetasche und verfolgte die Bewegungen des Mädchens oder verlor mich in dein Studium ihres weichen, reinen Profils. Zeitweise stieg ein erhöhtes Rot in ihrem Gesichte auf, als habe sie meinen beobachtenden Blick bemerkt, und dann eilte ich, meinen Kopf abzuwenden und ein Geräusch, wie durch irgendeine Beschäftigung hervorgerufen, zu erzeugen, bald indessen, wenn auch vorsichtiger, mich dem früheren Genusse wieder hingebend. Die Ereignisse seit dem letzten Wende hatten mich der Familie näher gebracht, als je, mir war es, als sei eine ganze Kluft zwischen dem Mädchen und mir geschwunden, und die Ahnung von einem Paradiese, welches wohl in dieser Wildnis noch für mich erblühen könne, wollte mich bisweilen beschleichen; aber der nächste nüchterne Gedanke zeigte mir, wie doch ihres Bleibens hier nimmermehr für die Dauer sein könne. Die Kämpfe, welche ich selbst durchzumachen gehabt, als der Tod meines Vaters mich allen Hoffnungen aus eine wissenschaftliche Laufbahn entrissen und mich zu einem Verwandten unter Pferde und Kühe, Knechte und Mägde geworfen, standen noch jetzt klar vor meiner Seele, und wie sollte sie, die zu so Vielfachen gesellschaftlichen und geistigen Bedürfnissen erzogen war, trotz ihrer starken Seele und kindlicher Liebe hier ausdauern können! Die Neuheit der Verhältnisse, die Erregung durch unsere gefährdete Lage mochten ihr das gewählte Los jetzt weniger fühlbar machen; wenn aber einmal die Ruhe eintrat, und in der ermüdenden Eintönigkeit ihrer Stellung, in dem engen Kreise der sich Tag für Tag gleichmäßig abspinnenden rohen Beschäftigungen, in der Einsamkeit und Abgeschnittenheit von aller Welt die früheren Neigungen erwachten und in der Unmöglichkeit ihrer Befriedigung sich zur peinlichen Sehnsucht nach dem früheren Lebenskreise verwandelten, dann konnte es doch kaum eine andere Wahl für sie geben, als eine Rückkehr in die alten Verhältnisse oder ein trauriges Verkümmern in sich selbst. Meine alleinige Hoffnung aber, die einzige Möglichkeit einer Selbständigkeit für mich, haftete an diesem Boden, auf dem für sie niemals eine frohe Existenz erblühen konnte.

Ich senkte den Kopf in beide Hände und hätte am liebsten die Zeit schon da gesehen, wo ich, fertig mit jeder Hoffnung, sie wiederzusehen, auch von diesem Kämpfen und Schwanken befreit sein würde.

Unsere Mahlzeit war vorüber; sie war stiller gewesen, als sich nach den stattgehabten Vorgängen hätte erwarten lassen. Wilson schien während des Aufenthaltes in dem hinteren, Raume seine ganze Seele wieder mit Sorge um die Kranke gefüllt zu haben, und Betsys Züge spiegelten in der stillen Beobachtung ihres Vaters, nur den Ausdruck seines Gesichts wieder, Jim aber, den Leutner von seinem Posten abgelöst, schien seiner Miene und den zeitweilig still geschnittenen Grimassen nach mit sich und der Welt zerfallen zu sein. Nach geschehener Sättigung indessen hatte der Alte darauf gedrungen, daß, während er selbst die Wache übernehme, wir uns zum Schlafen niederlegen möchten, um einzubringen, was in der letzten Nacht versäumt worden, und für einen möglichen Angriff in der kommenden Nacht wieder frisch auf den Füßen zu sein – er selbst wollte dann später etwas zu ruhen versuchen – und so hatten wir, nachdem sich Betsy zurückgezogen, unsere abgearbeiteten Glieder auf das Stroh geworfen und bald im tiefen Schlafe der Ermüdung Gefahr und Sorge vergessen. –

Draußen war soeben die Sonne im Untergehen, und warf rote Lichter durch die schmalen Öffnungen des Hauses in das Innere desselben, als ich durch einen kräftigen Ruf des Alten aufgeschreckt wurde: »Alle auf die Posten!« befahl er auf meinen Gegenruf. »Dort kommt ein Parlamentär, aber der Teufel traue dem Frieden!«

Ich rüttelte die anderen wach und stand bald, das Gewehr in der Hand, wieder an meiner Luke.

Über den offenen Raum zwischen dem Hause und dem Walde kam eine der verwilderten Gestalten, von welchen sich uns heute schon eine ganze Musterkarte gezeigt, und schwang einen Stock mit einem weißen Lappen daran.

Wilson, welcher seine Stellung unter dem Dache behalten, ließ den Menschen bis auf etwa fünfzehn Schritte herankommen und rief ihm dann ein gebieterisches »Halt!« zu.

Der Herankommende stand und hielt ein zusammengelegtes Stück Papier in die Höhe.

»Niederlegen und dann fünfzig Schritt zurück!« lautete der neue Befehl des Farmers.

Der Mann gehorchte, sicherte seine Botschaft noch durch ein beschwerendes Stück Holz und wandte uns dann mit einem: »Es braucht keine Antwort!« den Rücken.

»Hole das Ding, Jim, aber gib dich nicht bloß,« fuhr Wilson fort, als der Bote wieder in den Büschen verschwand; »alles das kann nur ein Mittel sein, um uns herauszulocken!« und während Leutner und ich uns schußfertig hielten, der Alte aber sich zum Herabkommen anschickte, kroch Jim behutsam dem überbrachten Schreiben zu.

Aber die Vorsicht war unnötig, nichts regte sich in den Büschen, und bald nahm Wilson das ziemlich beschmutzte und zerknitterte Papier aus Jims Hand, es mit unverhohlener Spannung entfaltend.

Einige Sekunden lang ruhten seine Augen prüfend auf der ziemlich unbeholfenen Bleistiftschrift, dann schüttelte er wie getäuscht den Kopf und begann laut zu lesen:

»Möge der Teufel mit allen Euren Seelen zur höllischen Verdammnis fahren, Amen!

Es sei Euch hierdurch mitgeteilt, daß wir nicht wieder Narren genug sein werden, Euch offen anzugreifen; aber wir werden Euch von unserem Boden vertilgen, so wahr als eine Kugel noch ein Loch in Eure verurteilten Leiber zu machen vermag. Kein Glied von Euch soll sich im freien Sonnenlichte zeigen, ohne daß es nicht zum Ziel für zehn geladene Läufe wird, keine Nacht soll über Euch herabsinken, ohne daß nicht die Todesgefahr über Euch kommt, wo Ihr sie am wenigsten vermutet: verfolgt sollt Ihr werden im Hellen und Dunkeln, in jedem Busche und in jedem Graben soll für Euch ein Mörder auferstehen, und wolltet Ihr zehn Jahre keinen Fuß aus Eurem Baue setzen, so würde Euch doch die Kugel dann noch eben so sicher finden als jetzt. Und so seid verdammt, daß Euer Fleisch ein Futter für den Präriewolf werde und Eure Gebeine an der Sonne bleichen.« Wörtlich der Wirklichkeit entnommen.

Eine kurze Weile nach dem Ende dieser Vorlesung herrschte ein tiefes Schweigen; ich konnte mich eines unheimlichen Eindrucks, welchen das Schriftstück auf mich hervorgebracht, nicht erwehren, so gern ich auch über die Fassung desselben ein Wort des Spottes geäußert hätte. Ich fühlte mit der Stärke, der Überzeugung, daß diese Menschen im bittersten Ernste auszuführen entschlossen seien, was sie gedroht, daß uns nicht ein offener Kampf, sondern ein Ringen gegen den Meuchelmord bevorstehe, und ähnliche Gedanken mochten die Gehirne der übrigen durchkreuzen.

»Es scheint bei alledem noch eine gewisse Form und Spitzbuben-Ehrlichkeit unter diesen Schuften zu existieren,« begann endlich Wilson mit einem finsteren Lächeln; »sie hätten sonst ihre Absichten, auch ohne diese Warnung ausführen können« – Er machte eine neue Pause, während die in ihm wechselnden Gedanken sich auf seiner Stirn abzuzeichnen schienen. »Vorläufig«, fuhr er dann fort, »wollen wir so genau auf unserer Hut sein, als nur möglich – das Weitere wird sich nachher finden. Der Mond geht spät auf, und trotz aller Gefahr muß vom Einbruche der Dunkelheit an jemand außerhalb des Hauses die Runde machen –«

»Das übernehme ich, Vetter Wilson!« unterbrach ihn Jim hastig; »es ist nicht notwendig, daß immer nur andere sich hervortun!«

Der Alte nickte, und trotz seiner ernsten Stimmung zuckte ein launiger Ausdruck um seinen Mund. »Sollst deinen Willen haben, Vetter Jim,« erwiderte er, »und außerdem freut es mich, daß du endlich einmal ohne deine Narreteien sprechen kannst!«

Der Verwachsene warf mit einem brummigen Laute einen unmutigen Blick auf mich, als sei hier die Erklärung für sein verändertes Wesen zu finden, und kehrte sich wieder seiner Luke zu.

Wilson aber fuhr langsam mit der Hand über sein Gesicht und sagte: »Ich muß mir die ganze Lage der Dinge einmal ordentlich im Kopfe umwenden und wir sprechen dann weiter – bis dahin und so lange es hell ist, lassen Sie den Wald nicht außer Augen!« Er wandte sich dem hinteren Räume zu und überließ uns unseren eigenen Gedanken.

»Ist doch wirklich eine Art Mausefalle, in die wir geraten sind,« sagte Leutner halblaut, an mich herantretend; »hast du einen Gedanken über das, was zu tun ist, Alter?«

»Aushalten, Fritz, und den Dingen, wie sie kommen mögen, mutig ins Auge sehen!« erwiderte ich ihm.

Er fuhr sich mit der Hand hinter die Ohren. »Dann wird freilich auch für mich nichts anderes übrigbleiben,« brummte er, »wenn ich auch nicht einsehe, warum sich nicht anderwärts ein ebenso hübscher Platz, aber ohne die hungrigen zweibeinigen Wölfe finden sollte.«

»Würdest du jetzt den Alten verlassen, der seine Frau wahrscheinlich nicht mehr transportieren kann?« fragte ich.

»Nun, deine Anhänglichkeit mag ihren eigenen Haken haben,« erwiderte er mit einem launigen Ausblick; »aber du hast schon recht,« fuhr er rasch fort, als er die Änderung in meinen Zügen gewahren mochte, »wir können schon ehrenhalber nicht anders, und so denn los, in Gottes Namen!« –

Die Dunkelheit war hereingebrochen, und von den aufgestapelten Fässern herab erleuchtete eine qualmende Öllampe nur mühsam die beiden geschiedenen Räume.

Jim hatte bereits seine Wache außer dem Hause angetreten, während Leutner, welcher sich erboten, ihn beim Aufgange des Mondes abzulösen, auf seinem Strohlager schlief.

Betsy, nachdem sie die Kinder zur Ruhe gebracht, saß bei der Kranken, und Wilson maß, wie mit schweren Gedanken beschäftigt langsamen Schrittes die Länge des Blockhauses.

»Wie stehts?« fragte der letztere halblaut, als das Mädchen in dem Eingange zu dem vorderen Räume erschien.

Die Angeredete schüttelte mit einem traurigen Aufblicke zu dem Frager den Kopf und ließ, wie in sich zusammenschaudernd, sich auf einem der vorhandenen Stühle nieder.

Der Alte nickte, als beantworte er, nur einen eigenen Gedanken, durchschritt noch einmal den Raum und folgte dann mit einem: »Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen reden, Mr. Winter!« Betsys Beispiele. Sein Ton war so kleinlaut, während er den Kopf wie in völliger Niedergeschlagenheit sinken ließ, daß ich nicht ohne Besorgnis vor einer neuen, entmutigenden Nachricht meinen Sitz dem seinen nahe rückte.

»Ich höre, Mr. Wilson!« sagte ich, während er mit sich zu Rate zu gehen schien, wie seine Mitteilung einzuleiten.

»Sie sind uns während der kurzen Zeit, welche wir zusammen sind, ein so wirklicher Freund geworden, Sir, und ich habe so viel an Ihnen achten lernen,« begann Wilson nach einer kurzen Pause mit gedämpfter Stimme, einen vorsichtigen Blick nach dem schlafenden Leutner werfend, »daß ich es für eine wahre Gewissenspflicht halte, mich klar gegen Sie über unsere Lage auszusprechen. Mit zwei Worten: ich hoffe soviel wie nichts von unserem Widerstande gegen eine Bande, welche den Vorteil der großen Übermacht und den einer völligen Gewissenlosigkeit gegen uns hat. Morgen schon ist vielleicht unser gesamtes Vieh niedergeschossen, und wenn unser jetziger Wasservorrat zu Ende geht, wird wahrscheinlich der Weg nach dem Bache uns durch die versteckten Rifles dieser Menschen verlegt sein. Ich hätte, seit ich die Verhältnisse und die Schwierigkeiten einer ruhigen Niederlassung erkannt, Sie samt Ihrem Kameraden gar nicht weiter in unser Schicksal verwickeln sollen, ich sehe es jetzt nur zu gut ein; indessen konnte ich mich von einer Hoffnung nicht losreißen, deren Erfüllung unser aller Schicksalen eine ganz andere Wendung gegeben haben würde, und zu meiner eigenen Rechtfertigung, wie als Zeichen meines herzlichen Vertrauens gegen Sie, lassen Sie mich Ihnen kurz ein paar Worte aus meiner Vergangenheit sagen.« Er legte beide Arme auf seine Knie, blickte eine kurze Weile schweigend zu Boden und fuhr dann fort:

»Ich war ein wohlhabender Mann, Sir, als meine erste Frau starb. Meine Betsy war indessen damals noch zu jung, um die Hausfrau auf einer nicht unbedeutenden Farm ersetzen zu können, und ich entschloß mich zu einer zweiten Ehe. Meine jetzige Frau besaß zusammen mit zwei Brüdern ein ausgedehntes, wohlkultiviertes Grundeigentum, und um nicht durch gerichtliche Auseinandersetzung und Verkauf einen großen Teil des Wertes in fremde Taschen wandern zu sehen, einigte ich mich mit den Brüdern dahin, daß der ältere meine bisherige Farm als Abstandsquantum übernahm, der jüngere, Jim, bei uns blieb und zu seinem Ertragsteile berechtigt war, ich aber das ganze Grundeigentum übernahm, Betsys Anteil daran feststellte und unter die Zahl der großen Grundeigentümer eintrat. Erst später entdeckte ich bei einzelnen Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarn, daß die Vermessungen und die Ausstellung der Besitztitel in einer unverantwortlich liederlichen Weise vorgenommen worden waren; manche meiner Papiere nicht einmal mit der Nummer der von mir besessenen Landsektionen, und um die ganze Angelegenheit zu einer prompten Ordnung, wenn auch mit einigem Verluste, zu bringen, übergab ich die gesamten Dokumente meinem gewöhnlichen Rechtsbeistande, einem alten, geriebenen Advokaten. Bei den nun angestellten Recherchen aber ergaben sich noch andere, wunderbare Dinge. Einzelne Jahrgänge der Rekord-Bücher, in der Land-Office waren seit längerer Zeit verschleppt und eine völlig neue gerichtliche Feststellung meines Grundeigentums war fast unvermeidlich. Dazu fanden sich Spuren eines alten Erbanspruchs, von dessen endlichem Schicksale sich aber nichts entdecken ließ. Indessen griff die Energie meines Anwaltes bald durch die ganze Verwirrung; sein erster Gehilfe, ein gewisser Barclay, war wochenlang auf meinem Besitztums beschäftigt, um die nötigen Feststellungen zu machen, und die ganze Angelegenheit war bereits bis zum Schlusse gediehen, meine gesamten Papiere aber noch in der Hand des Advokaten– da trifft mich plötzlich die Nachricht, daß der alte Mann drei Tage vor dem Tage der Mitteilung tot in seinem Bette gefunden worden ist. Seine Office war geschlossen, als ich nach der Stadt komme; seinen zweiten Schreiber finde ich wohl bald auf, von seinem Gehilfen Barclay aber ist nichts zu entdecken. Ich erhalte endlich die Erlaubnis, die mir gehörigen Papiere aus dem Nachlasse zu entnehmen – obgleich sich aber alles, was sich auf andere Klienten des Verstorbenen bezieht, in der vollsten Ordnung findet, sind meine Dokumente doch ohne alle Spur verschwunden. Ich glaubte damals noch an keinen Diebstahl und hoffte, daß bei der Abwicklung der gesamten Angelegenheit des Toten sich das Verlorene von selbst finden werde; acht Tage darauf aber werde ich schrecklich aus meinem Traume gerissen – der längst totgeglaubte Erbanspruch ist plötzlich lebendig geworden, tritt mit früheren Besitztiteln auf die ganze Ausdehnung meines Grundeigentums. samt einer Forderung auf Entschädigung für so und so viele Jahre der Besitzvorenthaltung gegen mich auf, und ich habe diesem nichts, gar nichts entgegenzusetzen, als mein einfaches Wort, während meine Eigentumspapiere die Grundlosigkeit des ganzen Anspruchs mit einem Schlage nachgewiesen haben würden. Noch stemmte ich mich dagegen, an ein absichtliches Bubenstück zu glauben, als mir meine Frau mitteilte, daß Barclay während einer kurzen Abwesenheit meinerseits einige Papiere aus meinem Schreibtische verlangt und sie ihm ohne Verdacht den Schlüssel dazu übergeben habe, als ich beim raschen Revidieren auch das Verzeichnis meiner Dokumente, welches der alte Advokat mir als eine Art Quittung ausgestellt, vermisse. Die Ahnung, welche mir jetzt aufging, ward nur zu bald bestätigt, als ich bei meinen Nachforschungen nach dem Verschwundenen die Überzeugung erhielt, daß schon seit mehreren Wochen ein lebhafter Verkehr zwischen Barclay und denjenigen, welche mir jetzt mein Eigentum entreißen wollten, stattgefunden hatte. Trotz aller angewandten Mittel aber konnte ich keine Spur von dem schuftigen Schreiber entdecken; der Prozeß begann und ward schnell genug infolge aller mangelnden Beweise für mein Eigentumsrecht zugunsten meiner Gegner entschieden. Fast mußte ich es noch wie eine Gabe des Mitleids betrachten, daß ich mir die zu einer Niederlassung im Westen nötigen Dinge von meinem bisherigen beweglichen Eigentum reservieren durfte, denn dieses reichte kaum aus, um die gleichzeitig erhobene Entschädigungsforderung und die Gerichtskosten zu decken.

So entsetzlich dieser Schlag nun auch war, so erhielt er doch seine größte Schärfe durch den Gram meiner Frau, welche ihren Leichtsinn in bezug auf Barclay als die Hauptursache unseres Ruins betrachtete. Wie dieser endlich zur fixen Idee gewordene Gedanke in ihr gearbeitet, würden Sie erkennen, wenn Sie heute ihre Leidensgestalt, die früher ein Bild der frischen Gesundheit war, betrachten.«

Der Erzähler richtete sich mit einem tiefen, halbunterdrückten Atemzuge langsam aus seiner gebückten Stellung auf und fuhr dann fort: »Als ich das erstemal die hiesige Gegend besucht, um eine neue Heimat für meine Familie auszuwählen, war ich bei meiner Rückreise auf die Spuren einer Persönlichkeit getroffen, die mich gar nicht zweifeln ließen, daß es Barclay sei, welcher sich ebenfalls nach dem Westen von Minnesota gewandt. Ansiedlungslustige für die hiesige Gegend sind noch selten, und so war seine städtische Erscheinung auf den einzelnen Farmen, welche er mit zwei oder drei Begleitern berührt, aufgefallen. Erneute Nachforschungen in der Heimat, die ich bei früheren Bekannten des Menschen anstellte, gaben meinen Vermutungen noch mehr Grund, und ich trat die zweite Reise hierher fast in einer Art von Gewißheit an, mit dem Burschen an dem einen oder dem anderen Orte zusammenzutreffen.«

Ein lauter Ruf des wachehaltenden Jim unterbrach in diesem Augenblicke den Sprechenden und ließ uns beide unwillkürlich nach den Gewehren greifen.

»Was ist es, Jim?« rief der Alte nach einer der Luken springend.

»O, nur der Nachbar,« war die beruhigende Antwort; »er wird später, ins Haus kommen und einen Schluck mit uns nehmen!« und langsam nahm der Farmer seinen früheren Platz wieder ein.

»Ich glaubte eine Zeitlang,« fuhr der letztere von neuem fort, »den Menschen in die hiesige spitzbübische Landspekulation verwickelt zu finden, es wäre ganz ein Wirkungskreis für ihn gewesen; der heutige Tag indessen, welcher uns die Bande Mann für Mann vorgeführt und uns auch eine Probe ihrer Schreibkunst gebracht, hat mich von dieser trügerischen Hoffnung befreit. Ich würde infolge dessen Ihnen vorgeschlagen haben, den hiesigen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen und uns nach irgendeinem anderen Platze umzutun, wenn nicht mein krankes Weib, an deren Lager schon der Tod steht, die aber trotzdem noch manchen Tag in ihrem jetzigen Zustande fortatmen mag, mich an die Scholle fesselte. Von Ihnen indessen kann ich unter diesen Umständen nicht länger eine Teilnahme an unserem Schicksale, die nur eine Reihe von ruchlosen Opfern sein würde, fordern, und ich mache Ihnen deshalb folgenden Vorschlag. Sie haben mir ein Pferd abgekauft. Ich drang damals auf diesen Handel, um Ihres Interesses an unserem Unternehmen sicher zu sein – Ihr Geld steht Ihnen jetzt wieder zu Diensten, falls Sie eigene Pläne zu verfolgen wünschen. Ist es Ihnen noch mit einer Ansiedlung ernst, so überlasse ich Ihnen den kleinen Wagen, das nötige Ackergerät und eine Partie Lebensmittel; damit mögen Sie in Begleitung Ihres Kameraden nach dem nächsten Orte, der leicht aufzufinden sein soll, aufbrechen – kurz vor Tagesanbruch werden wir am wenigsten in unseren Vorbereitungen dazu gestört werden – und von dort aus können Sie sich nach einer friedlicheren Gegend umsehen. Sollte es Ihnen dann passen, uns von Ihrem Aufenthaltsorte zu benachrichtigen, so wäre es möglich, falls wir noch leben, daß uns Gelegenheit würde, Ihnen zu folgen.«

»Erlauben Sie mir nur eine Frage, Sir,« unterbrach ich ihn; »geht Ihr Vorschlag allein aus der Rücksicht gegen uns hervor, oder wird er, wenn auch nur zum Teil, durch Ihre eigenen Wünsche bedingt?« – Ich dachte in diesem Augenblicke nicht an die gebotene Selbständigkeit, ich fühlte nur die innere Unmöglichkeit, so plötzlich und vielleicht auf Nimmerwiedersehen von der Familie zu scheiden, jetzt, wo unser Beistand am nötigsten war, und ein Ausweichen der Gefahr mir kaum besser als eine verächtliche Feigheit erschien.

»Meine eigenen Wünsche?« erwiderte der Alte, mit einem Ausdrucke der Verwunderung aufsehend. »Habe ich Ihnen denn nicht gesagt, daß ich gelernt habe, Sie von Herzen zu achten, und daß ich nur daran denke, Sie nicht durch die peinlichen Verhältnisse, welche uns hier halten, in Gefahren zu verwickeln, denen Sie leicht ausweichen können?«

» Well, Sir, dann bleibe ich hier«, erwiderte ich, nur den bereits gefaßten Entschluß aussprechend, »und Leutner steht da, wo ich stehe! Erlauben Sie, Sir,« fuhr ich fort, als Wilson sich wie zu einer Einwendung erhob, und ließ meiner aufsteigenden Erregung den Zügel, »als noch von keiner Gefahr die Rede war, vereinigten Sie Ihr Interesse mit dem unseren, obgleich wir Ihnen nichts als unsere Arbeitskraft zu bieten hatten; und jetzt, wo unsere Gegenwart vielleicht etwas zu Ihrer Sicherstellung beitragen kann, sollen wir um der entstandenen Gefahr willen uns von Ihnen trennen und unserem eigenen Vorteile nachgehen? Sie kennen eben die Deutschen noch nicht, Sir –, solange Sie uns nicht ganz bestimmt die Tür weisen, wird Ihr Schicksal auch das unsrige sein.«

»Habe ich es nicht vorausgesagt, Vater?« klang jetzt Betsys Stimme wie in einer freudigen Genugtuung, und als ich aufsah, traf ich, auf einen wunderbar hellen Blick des Mädchens, mit welchem sie, die Hand gegen mich ausgestreckt; auf mich zutrat.

»Ich danke Ihnen, Mr. Winter,« sagte sie, »und ich weiß auch, daß Vater Ihren jetzigen Entschluß Ihnen nie vergessen wird.«

Ich fühlte diese weiche, kleine Hand sich leicht wie in halber Scheu um meine Finger schließen und hielt sie unwillkürlich fest; mein Blick hatte sich in dieses tiefe, glänzende Auge gesenkt, das sich offen und warm mir hinzugeben schien, und kaum hörte ich das gedehnte: »Hm!« des Alten, das halb seine Zufriedenheit, halb seine Unentschlossenheit zur Annahme unseres bereitwilligen Opfers auszudrücken schien – da sprang plötzlich die Tür des Hauses auf.

»Er ist da, Vetter Wilson, er ist da!« klang die Stimme des hereinstürzenden Jim.

Die Hand des Mädchens löste sich wie im Schrecken aus der meinen, und wir Männer sahen uns in der Überraschung nach den Gewehren um. Der rasche Blick des Verwachsenen aber hatte schon die Gruppe, welche sich ihm beim Eintritte geboten, erfaßt, sein Schritt stockte, und langsam ließ er das starr gewordene, weit aufgerissene Auge von mir zu dem Mädchen und dann in das Gesicht des Farmers wandern, ohne auf das angelegentliche: »Was ist los – wer ist da?« des letzteren zu achten. Mit dicht zusammengezogenen Brauen und aufeinander gepreßten Lippen wandte er endlich den Kopf nach der Tür, durch welche soeben bedächtig der Nachbar eintrat, und sagte verdrossen: »Der hier wird am besten das Nähere sagen können, ich habe es von ihm – Barclay ist da!«

Der Name schien fast wie ein Hammerschlag auf die Nerven des Alten zu wirken; er zuckte in die Höhe, sein Blick sprang von dem Verwachsenen nach dem Eingetretenen, und in der nächsten Sekunde lag auch schon seine Hand an dem Arme des letzteren: »Barclay, Sir – Barclay? Wo, um Gottes willen?«

Der Angeredete sah mit einem Lächeln der Verwunderung zu dem erregten Manne auf. »Nun nicht gerade auf dieser Stelle hier,« erwiderte er ruhig, »aber ich glaube, er wird zu finden sein, wenn so viel an ihm gelegen ist – ich habe gehört, daß er am Fieber niederliegt ...«

»Und wie kamen Sie zu dieser Mitteilung an Jim?« fragte Wilson, in dessen Gesicht sich deutlich die Sorge, in eine neue Täuschung zu geraten, spiegelte.

»Ich habe gar keine Nachricht geben wollen, Sir,« erwiderte der Hinterwäldler, welchem die durch seine Worte hervorgebrachte Wirkung sichtlich unerklärlich erschien; »ich ließ mir von dem kleinen Gentleman hier erzählen, was vorgegangen – ich hatte die Schüsse gehört, mochte aber vor Dunkelwerden nicht nachfragen – und sagte, es sei noch ein Glück, daß der Barclay nicht dabei gewesen, der schlauer ist, als alle die anderen; da fuhr der Mann hier auf: ›Das ist das bekannte Gesicht, von dem Wilson gesprochen!‹ Ich mußte ihm haarklein beschreiben, wie der Mensch aussieht, und dann riß er mich mit sich nach der Tür...«

»Und du meinst sicher zu sein, Jim, daß es der Rechte ist?« fragte Wilson von neuem, der mit einer peinlichen Spannung in allen Zügen kaum das letzte Wort des Erzählers abgewartet hatte; »es mag so manchen Barclay geben.«

»Aber es hat nicht jeder eine so rote Warze auf der Nase, trägt auch nicht eine grüne Sammetweste, mit weißen Knöpfen, wenn sie auch jetzt zerrissen ist, und ist zugleich ein Stück von einem Advokaten,« erwiderte Jim, noch brummig, aber völlig bestimmt, »er gibt die Kniffe und Pfiffe zu allen Schlechtigkeiten an ...«

»Und nicht jeder ist nach dem Westen von Minnesota gegangen«, nickte Wilson, während ein eigentümliches Leuchten in sein Gesicht trat. »Mann,« fuhr er dann fort, aufs neue den Arm des Hinterwäldlers ergreifend, »wenn ich durch Sie an diesen Barclay gelangen kann, so haben Sie wahrscheinlich, eine Familie vom Elende gerettet und mögen selbst bestimmen, wie ich Ihnen den Dienst vergelten soll – jetzt sagen Sie nur um Gottes willen rasch, wie und wann es geschehen kann, aber bedenken Sie dabei, daß der Mensch freiwillig sich keinem Besuche von mir aussetzen wird.«

»Konnte mir das schon denken,« erwiderte der andere, sich nachdenklich mit der Hand unter den Hut fahrend, »aber es würde jetzt gerade passen, wenn es doch einmal sein muß. Ganz ohne Gefahr wirds kaum abgehen, denn einige von der Bande wohnen nur ein paar Schritte von seiner Hütte; indessen könnten wir, solange der Mond noch hinter dem Walde ist, wenigstens unbemerkt hingelangen.«

»Dann los, Mann, im Augenblicke!« rief Wilson, ohne seine Aufregung zu verbergen: »Mein Gott, mein Gott, wenn es möglich wäre!« setzte er, die Stirn in die Hand drückend, hinzu. Eine halbe Minute lang stand er so, scharf überlegend, dann hob er, wie völlig mit sich fertig, rasch den Kopf. »Du mußt zurückbleiben, Jim, falls irgend etwas mit der Kranken vorfiele,« sagte er; »im übrigen ist das Haus so fest, daß es selbst im Falle eines Angriffes schon durch zwei, wie du und Mr. Leutner, gehalten werden könnte; nötigenfalls versteht auch Betsy ein Gewehr abzudrücken – von Bedenklichkeiten kann im Augenblicke keine Rede sein. Wenn Sie uns aber begleiten wollen, Sir,« wandte er sich nach mir, »Sie werden die ganze Wichtigkeit des jetzigen Ganges erkennen ...«

Ich hatte bereits nach meinem Hute und Gewehr gegriffen, während er Laterne und Feuerzeug zu sich nahm. Noch einmal überflogen seine Blicke den ganzen Raum, er nickte dem Mädchen, das mit großen, aufmerksamen Augen die Szene beobachtet und jetzt einen Blick voll warmer, unausgesprochener Sorge auf ihrem Vater haften ließ, beruhigend zu und wandte sich dann mit einem: »Wir sind fertig, Sir!« an unseren Führer.

»Schon recht, Sir, und ich bin auch bereit,« nickte dieser; »ein tüchtiger Schluck Whiskey ist aber ein gutes Mittel gegen das Fieber bei solchen Nachtmärschen.«

Jim war schon mit der Flasche bei der Hand und trank dem Hinterwäldler »auf gute, lange Kameradschaft« zu; seine kleinen Augen glänzten dabei in einer Art finsterer Befriedigung, und ich strebte vergebens, einen Sinn in diesen eigentümlichen Gesichtsausdruck zu legen; unser Aufbruch indessen, nachdem ich ehrenhalber selbst eine Portion des »Fiebermittels« zu mir genommen, unterbrach meine Beobachtungen. Als ich, den anderen folgend, die Tür wieder schließen wollte, warf ich noch einen Blick nach Betsy, und fast war es mir, als habe sie ihn erwartet; ein heller Strahl aus ihrem Auge traf mich; mir aber, als ich jetzt rasch den Vorangegangenen nachschritt, tauchte plötzlich die Vorstellung in der Seele auf, daß ich jetzt doch nur auf dem Wege sei, um jeden Gedanken an das Mädchen für mich zu der lebendigsten Torheit zu machen. Erreichte Wilson bei dem Manne, den er suchte, seinen Zweck, so stand mir mit einem Schlage wieder die reiche, vornehme Familie gegenüber, die schnell genug dem jetzigen Elende den Rücken kehren und uns zum Danke höchstens einen Teil ihrer Habseligkeiten zur eigenen Ansiedlung zurücklassen würde. Einen Moment zuckte der freventliche Wunsch in mir auf, unser Führer möge zum Schuft an uns werden, uns statt an den rechten Ort lieber in eine Falle führen, wenn es mir nur gelänge, den Alten daraus zu befreien. Bald genug aber, war ich wieder bei klarem Verstande und ich konnte in voller Ruhe mich selbst verhöhnen, daß ich meinen früheren Entschlüssen nicht treu geblieben.

Geräuschlos und völlig von der Dunkelheit geborgen, waren wir dem Laufe des Baches bis zum Rande des Waldes nachgeschritten; hier aber blieb der Führer stehen.

»Wir müssen jetzt einzeln gehen,« sagte er halblaut; »es ist kaum ein Weg zu nennen, den wir einschlagen werden, und ich muß erst selbst den Eingang ins Gebüsch suchen, desto sicherer sind wir aber vor jeder Überraschung.« Er entfernte sich, und ich trat an Wilsons Seite.

»Halten Sie den Mann für so zuverlässig, um sich ihm unbedingt anzuvertrauen?« fragte ich leise.

»Wir haben nur die Wahl, etwas zu riskieren, oder die ganze Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufzugeben,« entgegnete er in gleicher Weise; »volles Vertrauen ist indessen noch immer seltener getäuscht worden, als halbes!«

Ein leiser Pfiff des Hinterwäldlers ließ uns diesem folgen, und eng hintereinander, einer sich an den Kleidern des anderen festhaltend, schritten wir in die Gebüsche hinein. Für mich war es nach der ersten Minute schon ein Rätsel, auf welche Weise der Führer seine Richtung fand, mitten durch dichtes Strauchwerk, das mir das Gesicht peitschte und die vollste Sorge für unsere geladenen Gewehre nötig machte, ging der Weg – oder auch kein Weg, denn fast jeder Schritt stieß auf Unebenheiten aller Art, während sich aus Wurzeln und Gestrüpp hemmende Schlingen um die Füße legten. Mühselig, aber möglichst jedes Geräusch vermeidend, mochten wir uns so wohl eine halbe Stunde vorwärts gearbeitet haben, als plötzlich ein schwacher Lichtschein vor uns aufdämmerte, wir ebenen Grasboden unter die Füße bekamen und unser Führer seinen Gang anhielt. Wir standen am Rande eines kleinen, freien Platzes, welcher vom Horizonte bereits das erste schwache Licht des aufgehenden Mondes empfing. Von der Seite her klang das Murmeln des Baches, dessen Krümmungen wir wahrscheinlich abgeschnitten hatten.

»Dort ist es,« sagte der Hinterwäldler leise, auf einen dunkeln Gegenstand fast am Ende des freien Raumes zeigend; »jetzt nur kein Geräusch, gleich hinter den nächsten Büschen sind die Hütten von seinen drei Kameraden, die mit ihm herkamen!«

Er begann den Platz, dem Saume des Waldes folgend, zu umgehen, bis deutlicher als vorher ein niederes Gebäude sich uns in dem Dämmerlichte bemerkbar machte. Eigentlich war es nichts als ein jungen Stämmen geformtes, auf den Boden gestelltes Dach; indessen konnte die Höhe am Eingange wohl einem Manne von gewöhnlicher Größe das Aufrechtstehen erlauben.

»Ich werde auf der Wache bleiben, daß uns nichts Unvorhergesehenes überrascht,« begann unser Führer von neuem; »merken Sie nur auf meinen Pfiff, falls der Teufel sein Spiel haben sollte – und nun besorgen Sie Ihr Geschäft.«

»Und Sie glauben sicher zu sein, daß er sich hier befindet?« fragte Wilson hastig.

»Ich weiß, daß er krank am Fieber niederliegt, jetzt nur keine unnützen Worte mehr!« klang die leise Antwort, und damit war der Redende in den Büschen verschwunden.

Fast zwei Minuten stand der erstere schweigend und schien unsere Lage ins Auge zu fassen. »Folgen Sie mir so unbemerkt als möglich,« sagte er dann mit sorgfältig gedämpfter Stimme; »lassen Sie, sobald ich eingetreten bin, Ihre Blicke nicht von mir und meinem Gegner und halten Sie stets Ihr Gewehr schußfertig, man kann nicht wissen, was sich ereignet, und ich werde freier handeln können, wenn ich diesem ausgefeimten Spitzbuben gegenüber mich gedeckt weiß.«

Er reichte mir mit einem kräftigen Drucke die Hand und begann dann kriechend den Raum bis zur Hütte zurückzulegen. Dort zündete er eine Laterne an, den Schein mit dem Flügel seines weiten Rockes verdeckend, und ließ nur einen einzigen Strahl die Tür des Gebäudes bescheinen. Als ich das letztere erreicht, sah ich den Alten bereits aufrecht in dem halb geöffneten Eingange stehen und das Licht jeden Gegenstand im Innern erhellen.

Auf einem niederen, ärmlichen Lager, welches völlig die Hälfte des überdachten Raumes einnahm, lag eine von wollenen Decken verhüllte Gestalt, die indessen, kaum daß der Lichtschein ihr Gesicht berührte, aufschnellte und wie mechanisch einen Revolver vom Kopfende des Bettes in die Höhe riß. Im gleichen Augenblicke aber hatte auch Wilsons freie Rechte die bewehrte Hand des anderen gefaßt und hielt sie mit sichtlicher Übermacht fest.

»Keinen Laut, Sir, und keine Feindseligkeit!« rief der Alte mit unterdrückter Stimme, in welcher indessen seine ganze Energie klang; »ich komme nicht als Feind – eine einzige drohende Kundgebung aber, und Sie sind ein toter Mann, Barclay!«

Das bleiche Gesicht des Dasitzenden hatte sich in starrer Überraschung nach dem Redenden gehoben und sein bewaffneter Arm sank nieder; dann wandte er das Auge mir zu, der ich mit der Hand am Drücker des Gewehrs in dem halbgeöffneten Eingange stand, und seine abgemagerten Züge schienen sich in einem langsam auftauchenden spöttischen Lächeln zu beleben.

»Mr. Wilson also, jedenfalls unser neuer Nachbar,« sagte er dann, sich mit demselben sarkastischen Ausdrucke dem Alten wieder zuwendend; »Sie scheinen sich viele Umstände gemacht zu haben, um mir einen Besuch abzustatten. Hätten Sie mir Ihre Karte gesandt, damit ich eine Ahnung von Ihrer Anwesenheit erhalten, so würde ich Ihnen vielleicht den nächtlichen Weg erspart haben.«

»Ich warne Sie, Barclay, nicht in dieser Weise mit mir zu reden,« erwiderte Wilson, welchem der aufsteigende Zorn in das Gesicht trat. »Sie sind dieses Mal in meiner Gewalt, Sir.«

»Bitte, lassen Sie mein Handgelenk los, wenn Sie es nicht zerbrechen wollen,« sagte der andere, ohne seinen Ton zu ändern; »zu besserem Verständnis mögen Sie ja meinen Revolver dort auf den Kasten legen«

Der Alte warf einen finstern, scharfen Blick in sein Gesicht, erfüllte dann aber sein Begehr, und Barclay legte, den Kopf auf den Ellenbogen stützend, sich langsam wieder zurück.

» Well, Sir, Sie sind nun hoffentlich von meiner Harmlosigkeit überzeugt,« begann der letztere von neuem; »darf ich wohl jetzt noch dem Zwecke Ihres unerwarteten Besuches fragen?«

Wilson setzte bedächtig die Laterne neben den Revolver, verschränkte dann die Arme über seiner Rifle und sagte: »Ihre Unverschämtheit erreicht wirklich fast Ihre Schlechtigkeit, Sir. Sie wissen also nicht, weshalb ich hier, in der Wildnis des Westens, mit Ihnen zusammentreffe?«

»Ich kann mir allerdings eine Art Zusammenhang denken,« erwiderte jener mit einem unangenehmen Lächeln, »indessen lasse ich Ihnen gern das Wort.«

Auf Wilsons Stirn zog sich ein drohendes Unwetter zusammen. »Wenn Sie mich ferner mit dieser Redeweise reizen, Sir,« versetzte er dumpf, obgleich jedes Wort scharf und bestimmt hörbar wurde, »so schnüre ich Ihnen Hände und Füße zusammen und nehme Sie mit mir ...«

»Sollte Ihnen doch etwas schwer werden, und ich möchte Sie bitten, Ihrer selbst halber den Spaß nicht zu versuchen!« unterbrach ihn der Daliegende, während es unheimlich in seinen eingesunkenen Augen aufblitzte. »Sehen Sie sich wohl vor, Sir, auf welchem Boden Sie stehen – ich habe Sie ohne Falsch empfangen, sobald ich Sie erkannte; achten Sie das, sonst möchte Ihr Weg in jeder Beziehung ein unglücklicher gewesen sein!«

»Und wenn Sie also wissen, weshalb ich hier bin,« versetzte der Alte, als sei er unsicher über sein ferneres Verfahren geworden, »warum fügen Sie zu Ihren Übeltaten gegen mich noch den Spott? Warum reizen Sie einen Mann, den Ihre Schandtat ins Unglück gestürzt?«

Barclay richtete sich langsam auf und zuckte die Achseln. »In dieser Sprache, Sir, werden wir nie zu einem Resultate miteinander gelangen«, sagte er. »Was Sie Schandtat nennen, war für mich eine notwendige Genugtuung – Sie sehen, ich lege mich nicht einmal aufs Leugnen und werde mich ganz ruhig gegen Sie aussprechen. Ihre Besitztitel, ehe sie meiner Hand übergeben wurden, hätten vor keinem Gerichte eine Geltung erlangen können, und daß die jetzigen Eigentümer nicht schon längst ihren Vorteil wahrgenommen, hat eben nur in ihrer Unbekanntschaft mit den Verhältnissen gelegen. Well, Sir, ich ordnete Ihre Angelegenheiten, ich saß halbe Nächte lang, den Ursachen jener Fehler durch Berge von Rekordbüchern und Aktenstücken nachgehend, ich plagte mich wochenlang durch Feststellung der Vermessungen auf Ihrem Grund und Boden ab, und was ich endlich ermittelte, berichtigte und feststellte, was Ihnen Ihr Eigentum sicherte, war eine Tat, die genau so viel Wert besaß, als hätte ich Ihnen Ihr ganzes Vermögen neu geschenkt. Und womit haben Sie mir gelohnt? Fragen Sie doch, ob der reiche Mann auch nur die kleinste Anerkennung für den talentvollen, gewissenhaften Arbeiter hatte, ob der stolze Pflanzer selbst nur an den einfachsten Dank gedacht – was ich getan, mußte einfache Schreiberpflicht sein, wenn auch im ganzen Kentucky vielleicht nur wenige wieder Blick, Kenntnis und Ausdauer genug haben mögen, um eine ähnliche Aufgabe zu lösen. Well, Sir, ich hielt deshalb meine Arbeit für mein Eigentum und nahm sie an mich – der Erfolg wird Ihnen ja gezeigt haben, was sie wert war.«

»Und Sie waren es zugleich, der mir die alten Erbansprüche auf den Hals hetzte!« sagte Wilson, mit fest auf den Sprecher gerichtetem Blicke.

Barclay verschränkte die Arme und blickte eine Weile vor sich hin, als habe er die Frage kaum gehört. »Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Sir,« sagte er endlich plötzlich; »ich habe das Leben hier satt, das Fieber läßt mich weder leben noch sterben, und seit ich gefunden habe, daß andere Menschen noch undankbarer sein konnten, als Sie es waren, habe ich oft an Ihre Lage gedacht und hätte mich auch wohl mit Ihnen in Verbindung gesetzt, wenn mir Ihr Aufenthalt bekannt gewesen wäre. Was glauben Sie denn wohl, was dem Schreiber, der Ihnen Ihr Eigentum sicherte, gebührt hätte?«

Über des Alten Gesicht schoß eine jähe Röte, um eben so schnell einer tiefen Blässe zu weichen. »Ich will davon nicht reden, Barclay,« erwiderte er langsam, »ich möchte aber wohl von der Belohnung sprechen, die ich jedem zusichern würde, der die berichtigten Besitztitel in meine Hände legte ...«

Ein geringschätziges Kopfschütteln des anderen unterbrach ihn. »Das tuts nicht, Sir,« sagte er, »und ein kleiner Fall wird Ihnen die Sache völlig erläutern. Als ich die Arbeit, welche ich für Sie vollendet, nicht vergütet bekam und sie somit als mein Eigentum betrachten mußte, dachte ich natürlich daran, sie anderweit zu verwerten. Ich verkaufte sie an die Inhaber des Ihnen bekannten Erbanspruchs, die, nach geschehener Übereinkunft mit mir, die Papiere vernichteten ...«

Wilson fuhr aus, wie von einer Schlange gestochen. »Sie sagen, die Papiere – die Besitztitel seien vernichtet?« rief er, während sein Auge einen Ausdruck von Entsetzen annahm.

»Lassen Sie mich meinen Fall ruhig auserzählen«, erwiderte Barclay kalt, und nur ein leises, höhnisches Zucken um seine Mundwinkel deutete die Genugtuung über den hervorgebrachten Eindruck an. »Ich erhielt eine kleine Summe auf die Hand und die schriftliche Versicherung der Auszahlung einer bei weitem größeren für den Tag, an welchem das Grundeigentum in die Hände des Betreffenden übergehen würde. Diese Summe sollte dazu dienen, mir zum Eintritt in die wirkliche Advokatur, der mir bei meiner bisherigen Armut unmöglich geworden, zu verhelfen, und meine ausgedehnte Kenntnis im Landgeschäfte würde sich dann hier, in Minnesota glänzend bezahlt haben. Statt des mir zugesicherten Betrages aber erhielt ich einen Brief voll Hohn, in welchem ich gewarnt wurde, jemals etwas von den zurückbehaltenen und vernichteten Besitztiteln verlauten zu lassen, da ich dadurch nur die Bekanntschaft des Kriminalgerichtes machen werde. – Well Sir, und ähnlich könnte es mir möglicherweise mit der von Ihnen zugesicherten Belohnung gehen. Antworten Sie einfach auf meine Frage: »was glauben Sie, daß dem Schreiber, der damals Ihr Eigentum sicherte, gebührt hätte?«

Auf Wilsons Gesichte zuckte Hoffnung und zweifelndes Mißtrauen in seltsamer Weise durcheinander. »Was die Arbeit für andere wert gewesen, muß sie jedenfalls auch für mich wert sein«, sagte er endlich, während sein Auge gespannt an Barclays Zügen hing.

Dieser nickte ruhig. »Ich hätte fünftausend Dollars zu erhalten«, erwiderte er.

»Und ich wäre bereit, sie zu zahlen, sobald ich dazu in den Stand gesetzt würde«, war Wilsons rasche Antwort.

Barclays Auge wandte sich nach mir. »Nehmen Sie zur Beruhigung meinen Revolver, Mr. Wilson, er ist zuverlässig, und lassen Sie dann Ihren jungen Mann dort etwas beiseite treten«, sagte er in geschäftlichem Tone. »Wir wollen unseren Beitrag in der Form Rechtens abschließen, und bedürfen dazu des Notars, der einige Schritte von hier wohnt, sowie der nötigen Zeugen. – Die Blokade meiner Tür aber«, setzte er mit einem Anfluge seines früheren Spottes hinzu, »könnte unrecht von ihnen verstanden werden.«

»Aber Sie sagten mit voller Bestimmtheit,« erwiderte der Alte, die Brauen wie im neuerwachten Mißtrauen zusammenziehend, »daß die Papiere, um welche es sich handelt, vernichtet worden seien!«

»Richtig, das heißt die Papiere, welche ich den jetzigen Besitzern Ihres Eigentums auslieferte. Halten Sie denn aber wirklich den Barclay für ein solches Kind,« fuhr der Sprechende mit einem verächtlichen Lächeln fort, »daß er in einer derartigen Sache nicht mit der vollsten Vorsicht zu Werke ginge? Die Originale Ihrer Besitztitel sind im besten Verwahr; was vernichtet wurde, waren recht gut gelungene Abschriften.«

Er zuckte wie mitleidig die Achseln und setzte dann den Finger an den Mund – drei gellende Pfiffe klangen hintereinander, und ich, einem raschen Winke des Farmers, der seine Rechte aus den Revolver legte, folgend, trat vom Eingange hinweg in den Schatten des Gebäudes. Nach kaum einer halben Minute tönte ein anderer leiser Pfiff aus den Gebüschen – das Warnungszeichen unseres Führers, das freilich jetzt nutzlos geworden – und wenige Sekunden darauf sprangen drei zerlumpte Gestalten aus dem Schatten des Waldes, einen Moment vor dem Lichte in der Hütte stutzend, dann aber um so hastiger der offenen Tür zueilend.

Als ich vorsichtig meinen früheren Posten wieder einnahm, hing die Laterne an einem Haken des niederen Daches; vor dem Kasten aber kniete einer der letzterschienenen Männer, mit der Anfertigung einer Schrift nach Barclays Diktat beschäftigt. Es war jedenfalls der eigentümlichste notarielle Akt, dem ich in den Vereinigten Staaten beigewohnt; die Schnelligkeit indessen, womit die Anordnungen dazu getroffen worden, zeigte, daß derartige Verhandlungen an diesem Orte schon häufig stattgefunden haben mußten.

Nach dem sich jetzt entwickelnden Vertrage bekannte Wilson, dem usw. Barclay für geleistete Arbeiten, die genau spezifiziert wurden, fünftausend Dollars aus freiem Willen zugesichert zu haben, und versprach, diese drei Monate nach dem Datum des Vertrages zu zahlen, sich jeder künftigen Einwendung zu enthalten und die Kosten dieser Verhandlung zu tragen.

Die Unterschrift der Parteien wie der Zeugen erfolgte hierauf; der Hieb mit einem Holzstücke brachte den nötigen Eindruck des Notariatssiegels auf das Papier, und der »Notar« wollte eben die Schrift an Barclay übergeben, als Wilson mit einem lauten: »Halt, Sir, die Übergabe des Wertes für den zugesicherten Betrag muß erst erfolgen!« das Papier faßte. Die peinlichste Spannung war in seinen Zügen, die ich noch nie so bleich gesehen, ausgedrückt. In Barclays Gesicht aber zuckte hell derselbe Hohn auf, wie im Verlaufe des anfänglichen Gespräches, und in einer mich plötzlich überkommenden Sorge, daß der ganze Vorgang nur eine Komödie zur Verdeckung einer schlimmen Absicht gewesen sein könne, hob ich das Gewehr. Ich hatte zwei Schüsse bereit und jedenfalls hoffte ich, dem Alten Raum zur eigenen Verteidigung schaffen zu können.

»Ohne Sorge, Mr. Wilson; wir sind hier Leute von Wort, wie Sie vielleicht schon selbst in Erfahrung gebracht haben,« sagte jetzt Barclay mit seinem unangenehmen Lächeln, »und so wahr als ich Ihnen jetzt die echten Papiere zur Wiedererlangung Ihres Besitzes aushändigen werde, so gewiß wird sich auch die leiseste Zögerung in Erfüllung Ihrer Zahlungsverpflichtung an Ihnen rächen, wo immer Sie sein mögen. Eine Kleinigkeit nur ist noch zu ordnen. Die Kosten für Notar und Zeugen betragen hundert Dollars, und wir erwarten Ihre Äußerung über Erlegung derselben.«

»Lassen Sie mich erst sehen und fühlen, Sir, wofür alles dies ist, und dann werde ich Ihnen antworten«, erwiderte Wilson finster.

Barclay warf einen Blick auf seine Spießgesellen, als scheue er sich, vor deren Augen das verlangte, so wertvolle Objekt zum Vorschein zu bringen; im nächsten Momente indessen fiel sein Blick auf mich, und er schien beruhigt. Hinter seinem Bette zog er ein langes Bowiemesser hervor, öffnete mit einem Schnitte das Kopfende seiner Matratze, und eine Ledertasche an einem Riemen ward sichtbar. Bedächtig öffnete er diese und überreichte mit einem halb spottenden: »Sehen und fühlen Sie denn, Sir!« dem Alten ein kleines Paket zusammengebundener Papiere.

Wilson hatte fast krampfhaft danach gefaßt, trat rasch zur Laterne und schien jedes einzelne Blatt einer peinlich ängstlichen Prüfung zu unterwerfen; dann aber hob sich seine Brust unter einem tiefen, langen Atemzuge, während ein helles Rot in seine braunen Wangen trat.

»Und wenn es mir möglich sein sollte, diese hundert Dollars Kosten zu erlegen,« sagte er, das belebte Auge hebend, »so wird mir die Versicherung, daß ich unbelästigt mein Haus erreichen und unbelästigt meinen Wegzug ordnen kann?«

»Wir belästigen niemand, der mit uns in Geschäftsverbindung tritt,« erwiderte Barclay; »übrigens mögen Sie mein und dieser Männer ehrliches Wort dafür nehmen.«

»Wir geben unser ehrliches Wort dafür!« klang es in drei verschiedenen Stimmlagen, während die Blicke von »Notar und Zeugen« gierig jeder Handbewegung des Farmers folgten.

Dieser griff jetzt, das Gewehr in seinen Arm werfend, unter seine Weste und zog an einer Schnur eine gefüllte Geldtasche hervor, leerte sie bedachtsam und zählte zehn Goldstücke auf den Kasten – augenscheinlich dieselben, die ich ihm für das Pferd gezahlt; kaum machte aber der Notar Miene, die Hand danach auszustrecken, als auch seine beiden Genossen wie zwei Habichte sich darauf stürzten, und mit einem Fluche, seine Krankheit vergessend, Barclay von seinem Lager sprang.

Von der nun folgenden Szene vermochte ich indessen nichts zu beobachten, denn Wilson hatte die Tür gewonnen und riß mich mit einem: »Ich bin mit ihnen fertig!« fort nach dem Gebüsch.

Ein zweimaliger halblauter Pfiff folgte uns, und ich erkannte das Zeichen des getreuen »Nachbars«; aber nicht eher, als bis uns der Wald völlig deckte, hielten wir an und erwarteten sein Nachkommen.

Erst als wir wieder unseren Rückweg fast vollbracht und aus den Büschen tretend das vom hellen Mondlicht beschienene Blockhaus erblickten, ward ich inne, daß während unseres Ganges nicht ein einziges Wort verlautet hatte. Mir war es von dem Augenblicke an, wo unsere Expedition als gelungen betrachtet werden konnte, klar geworden, daß damit auch mein Schicksal entschieden war und ich mich aus eine Zukunft vorzubereiten hatte, die außer der Gesellschaft Leutners nichts als eine Selbständigkeit voll Entsagung und Mühsal, eine Selbstständigkeit, die schon längst ihren früheren Nimbus in meiner Anschauung verloren hatte, bot. Jetzt erst meinte ich mir ganz bewußt zu werden, wie tief Betsys Bild mit allem meinen Denken und Träumen verwebt gewesen, wie ich, selbst während meiner vernünftigsten Entschlüsse zu mutiger Aufgabe jeder unnützen Hoffnung, meine Liebe zu dem Mädchen nur genährt und gepflegt hatte, und bedurfte meiner ganzen Stärke, um mir sagen zu können, daß die jetzige schnelle Entscheidung noch ein Glück für mich sei und mich vor späterem, noch härterem Kampfe bewahre.

Wilson aber mochte eine ganze Heerschar leichter, rosiger Gedanken, die ihn der Gegenwart entzogen, zu seinen Begleitern gehabt haben, denn selbst als wir ins Freie traten, schien er kaum auf uns zu achten und lenkte mit einem hellen, glücklichen Lächeln und beschleunigten Schritten seinen Gang dem Blockhause zu.

Unsere Annäherung war dort bereits bemerkt worden; Leutner, der alle vorhergegangenen Verhandlungen verschlafen, öffnete mit einem Gesichte, in welchem zehn Fragen zu stehen schienen, die Tür, und Betsys Augen blickten uns in einer Mischung von Spannung und leuchtender Befriedigung über unsere Rückkehr von demselben Platze entgegen, welchen sie bei unserem Abgange eingenommen.

Wilson trat rasch auf sie zu, küßte sie und sagte: »Es wird alles wieder gut werden, Kind, komm jetzt erst zur Mutter; wenn ihr irgend noch eine Arznei helfen kann, so bringe ich sie ihr!« Er nahm die Lampe von den Fässern und trat mit dem Mädchen in den hinteren Raum, während unser Führer gleichmütig nach einem Stuhle gegriffen und sich mit einer herzhaften Begrüßung des Verwachsenen an dessen Seite niedergelassen hatte; dann herrschte eine kurze Weile Totenstille, bis plötzlich ein lautes Aufschluchzen Betsys hörbar ward. »Zu spät, Vater,« klang es weinend, »zu spät – sie ist tot!« ...

Es war am Abend des folgenden Tages und eine Reihe trüber Stunden vorüber. Am Waldesrande, beschattet von zwei gewaltigen Eichen, erhob sich ein Grabhügel, und darunter, umhüllt von einer weichen Decke, ruhte auf einem Lager von frischem Laube und Moos sie, welche die Heimat und das wiedergekehrte Glück nicht mehr hatte erblicken sollen. Der Ernst des Ereignisses, wie die damit verknüpften traurigen Arbeiten hatten jede Besprechung über die nächste Zukunft verdrängt; die weiche Stimmung aber, in welche ich selbst durch Betsys Tränen, des alten Wilsons Klagen und die eigentümliche starre Trauer Jims versetzt worden war, hatte in mir eine volle Klarheit und Einigkeit mit mir selbst hervorgerufen. Ich wußte, daß ich Abschied zu nehmen hatte von meinem kurzen Glücke, es war mir, als sei es mit eingesenkt worden in dem Grabe am Waldessaume, und wenn ich auch ahnte, daß der rechte Schmerz erst für mich kommen mußte, sobald ich mich allein mit dem Freunde in der großen Wildnis finden würde, so war ich doch jetzt völlig gefaßt und hatte bereits mit Leutner abgesprochen, welche Schritte unsererseits getan werden sollten, wenn die Familie ihre Heimreise angetreten.

»Sollst es, soweit es an mir liegt, nicht zu bereuen haben, Alter, daß du treu zu einem Kameraden hältst,« hatte der letztere beim Ende unseres Gesprächs gesagt; »ich habe alles gesehen, wie es steht, verlaß dich darauf, und kann mir auch denken, wie es in dir jetzt aussehen, mag; aber wer weiß, ob dies Ende nicht das Beste für dich ist, und sobald erst meine Frau uns nachkommen kann, soll auch dafür gesorgt werden, daß du nicht ohne dein Teil bleibst – ich habe schon oft daran gedacht.«

Ich konnte ihn nur mit seinen Torheiten schweigen heißen; viel hätte aber nicht gefehlt, so hätte ich trotz meiner errungenen Fassung bitterlich losgeweint, und ich zwang mich von dieser Minute an, nicht einen Blick mehr in Betsys Gesicht, das durch den Ausdruck der Trauer nur doppelt an Liebreiz gewonnen, zu tun.

Während des ganzen Tages hatte sich nicht die Spur von unseren lästigen Nachbarn gezeigt; Wilson schien auch so völlig auf die Erfüllung von Barclays »ehrlichem« Worte zu zählen, daß er nach dem Begräbnis noch lange mit dem Mädchen im stillen Gespräche auf einem Baumstamme im Freien saß, während Jim sich mit dem Vieh beschäftigte, augenscheinlich dabei mehr seine eigenen Gedanken verfolgte und dann den herankommenden »Nachbar« in Beschlag nahm.

Ich hatte mich soeben, um eine Weile mit mir allein zu sein, nach dem Innern des Blockhauses begeben, als ich den Alten mir nachkommen hörte.

»Setzen Sie sich einmal einen Augenblick zu mir her,« sagte er, einen Stuhl aus der Ecke ziehend; »die Tote hat ihr Recht erhalten, und das Leben tritt wieder so gebieterisch an uns heran, daß wir es nicht von uns weisen dürfen.«

Ich wußte, daß jetzt unsere Auseinandersetzung folgen würde, und ich konnte einer plötzlich über mich kommenden Empfindung, unter der ich meinte, mein Herz sich in körperlichem Schmerze zusammenziehen zu fühlen, nicht wehren; ich mußte, ehe ich meinen Stuhl herbeizog, einige Sekunden lang meine ganze Kraft aufbieten, um einigermaßen das verbergen zu können, was in mir vorging.

»Sie sind von allem, was sich seit gestern zugetragen, durch eigene Teilnahme unterrichtet,« fuhr Wilson, als ich ihm gegenüber saß, in herzlicher Sprechweise fort, »und die Bedeutung der Ereignisse muß Ihnen durch meine frühere Erzählung völlig klar geworden sein. Es bedarf eben nur der Vorlegung der von Barclay wiedererlangten Papiere, um mich in der kürzesten Zeit in den Wiederbesitz meines vollen Eigentums zu setzen, und ich mag mich der Gnade der hiesigen Land-Haifische nicht vierundzwanzig Stunden länger überlassen. Was ich von Ihnen denke, Mr. Winter, wissen Sie, und ich schieße wohl nicht fehl, wenn ich annehme, daß Sie in einem ähnlichen Verzweiflungsentschlusse wie ich selbst nach einer Ansiedlung hier gegriffen haben. Ich will jetzt nicht noch einmal von dem Danke, den ich Ihnen schuldig bin, reden, aber ich mache Ihnen den Vorschlag, mit uns den Rückweg anzutreten und es mir zu überlassen, Ihnen eine Selbständigkeit zu gründen. Schlagen Sie ein, Sir! Für Ihren Kameraden wird sich ebenfalls etwas finden – mein Grundbesitz ist, Gott sei Dank; so groß, daß er uns allesamt ernähren kann – und glauben Sie mir, daß es für mich eine Herzenspflicht ist, Sie der hiesigen Wildnis zu entreißen.«

Er hielt mir seine Hand hin, und mir war es zwei Sekunden lang, als könne für meine sich durchkreuzenden Empfindungen kaum genug Raum in meiner Brust sein. Ich sah eine Zukunft vor mir, die allen bisherigen Kämpfen um eine erträgliche Existenz ein Ende machte, die mich, wohl zu gleicher Zeit in einen Gesellschaftskreis führte, wie ich ihn für mich solange ersehnt – und doch wußte ich in demselben Augenblicke auch, daß ich sie nicht annehmen durfte, wenn ich mich nicht in einem fortgesetzten Kampfe gegen eine Leidenschaft, die jetzt am allerwenigsten zum Heile führen konnte, aufreiben sollte. Mir stand, wie durch einen Zauberschlag hervorgerufen, Betsys Bild in dem ganzen Glanze ihrer wiedergewonnenen Stellung, gefeiert von der reichen, jungen Männerwelt ihres Gesellschaftskreises, während ich, nur durch die Freundlichkeit des Alten irgendwie untergebracht, im mühsam verborgenen Seelenkampfe beiseite zu stehen hatte, vor Augen, und ich fühlte es mit der Stärke der Überzeugung, daß ich nur in weiter Ferne von ihr, wo sich nicht jeden Tag in ihrem Anblick meine Qual erneute, aus eine endliche Wiedererlangung meiner Ruhe rechnen dürfe. Alle diese in mir aufschießenden Gedanken und Vorstellungen aber hatten wohl kaum einige Sekunden Zeit beansprucht, und als ich langsam meine Hand in die des Alten legte, war ich auch mit meinem Entschlusse völlig fertig.

»Sie sind so freundlich gegen mich, Sir,« erwiderte ich mit der größten Ruhe, welche ich in mein Gesicht zu legen vermochte, »daß ich mit wahrem Schmerze einsehe, welchen großen Riß Ihre Abreise in unserem hiesigen Leben hervorbringen wird – denn, Mr. Wilson, ich werden wohl nicht den Weg, den ich einmal zur Erarbeitung einer Selbständigkeit eingeschlagen habe, wieder aufgeben. Lassen Sie mich einen Augenblick reden,« fuhr ich hastig fort, als er mit einer Miene voll Überraschung und Abweisung mir ins Wort fallen wollte; »ich weiß, wie gut Sie es mit mir meinen, aber ein deutsches Sprichwort sagt: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! Und mein Himmelreich, Sir, ist, von niemandes Wohltaten, sei er mir auch der Liebste, abzuhängen, und das, was ich habe, meiner eigenen Tatkraft zu verdanken –«

»Aber, by devil Sir! Wer spricht denn von Wohltaten? Was wissen Sie denn von meinen Plänen mit Ihnen?« fiel er mir ins Wort; mich aber erfaßte es fast wie Angst, daß er sich weiter auslassen und mich auf die nackte unbegründete Weigerung, mit ihm zu gehen, zurücktreiben werde.

»Ich bat Sie, mich sprechen zu lassen, Sir,« schnitt ich seine Rede ab, »und um schnell zum Ziele zu gelaufen, möchte ich Sie fragen: Sie glauben mir einigen Dank schuldig zu sein, Mr. Wilson?«

»So ist es, Sir!« nickte er, sein Auge in scharfer Beobachtung aus mein Gesicht heftend.

»Nun, so bitte ich Sie, diesen Dank damit zu quittieren, daß Sie mit keinem weiteren Worte in mich dringen, sondern mich, zum Guten oder Bösen, wie es kommen mag, meinem Schicksale überlassen. Ich mag Ihnen vielleicht etwas sonderbar erscheinen, Mr. Wilson, aber glauben Sie mir, es ist das beste für mich, daß wir voneinander so kurz scheiden, als wir uns zusammengefunden.«

Der Alte schwieg eine kurze Weile, schüttelte dann den Kopf und erhob sich. »Ich verstehe Sie nicht, Sir,« sagte er, »aber ich will keinem Menschen etwas aufdringen, das er nicht mag. Ich gestehe Ihnen, daß Sie mir einen Lieblingsplan zunichte machen, indessen – nun, wir müssen dann später anders miteinander reden!« Er schritt in sichtlicher Unzufriedenheit ins Freie hinaus; ich aber drückte das Gesicht in beide Hände and wußte nicht, sollte ich mir Glück wünschen, daß ich das Schwerste überwunden, oder einem Jammer über mich selbst, der plötzlich in meinem Innern herausdrang, freien Lauf lassen.

Noch saß ich so, vergebens bemüht, Herr über meine Erregung zu werden, als sich eine leichte Hand auf meine Schulter legte und ich, erschreckt aufblickend, in Betsys groß und durchdringend auf mir ruhendes Auge sah. »Auch das noch!« durchzuckte es mich, und im nächsten Augenblicke war ich auf meinen Füßen, mit aller Macht meine Fassung heraufbeschwörend. Ihre Hand war herabgeglitten, aber ihr Blick ruhte noch immer mit einem eigentümlichen Zittern der Erregung in den meinen.

»Vater sagt, Sie wollen hier bleiben, Sir, und er könne Sie zu keiner Änderung Ihres Entschlusses bewegen, – ist das wirklich so?« begann sie.

»Es ist so, Miß!« erwiderte ich, noch einmal meine ganze Seele in diese weichen, geliebten Züge versenkend.

»Aber mir werden Sie Ihre Gründe für einen solchen Entschluß sagen,« versetzte sie, während ihre Stimme einen erhöhten Klang annahm; »ich habe Sie kennen gelernt, Sir; ich habe auch von Vater die Geschichte Ihrer Jugend erfahren, und ich weiß, daß Sie allein hier ebensowenig werden ausdauern können als ich es ohne meine Familie gekonnt hätte – Sie werden hier elend werden, Mr. Winter!«

Ich nickte; ich dachte nicht mehr daran, niederzudrücken, was in mir lebte – daß ich ihr nicht folgen könnte, wußte ich ja; und so sollte mich zuletzt wenigstens nicht noch ein schmerzender Zwang peinigen. »Ich werde vielleicht elend werden, Miß Betsy,« erwiderte ich, »aber ich werde dann denken, das Liebste, was mir geschwunden, sei gestorben, und werde nicht das dreifache Elend erleben müssen, das Glück vor Augen zu haben und nicht einmal danach ringen zu dürfen! Fragen Sie mich nicht weiter, Miß; vielleicht ist schon mehr gesprochen worden, als gut war!«

Ein hohes Rot war plötzlich in ihr Gesicht geschossen, aber sie senkte das Auge nicht. »Und wenn ich nun trotz Ihrer Rätsel verlangte, daß Sie mit uns gingen,« sagte sie, während sie vergebens ein Beben in ihrer Stimme unterdrücken zu wollen schien, »wenn ich Ihnen sagte, daß, wer im Unglücke mit uns ausdauern wollte, auch im Glücke bei uns zu jedem Platze berechtigt ist –«

»Miß Betsy, um Gottes willen, Sie wissen nicht, was Sie tun!« preßte es sich unwillkürlich aus meiner Brust – ich hatte ihre Hand ergriffen, ohne es zu wissen, und fühlte einen fast krampfhaften Druck; ich sah in ihr Auge, in welchem es wie aufsteigende Tränen zu zittern begann, und mein ganzes Denken überwältigend brach sich plötzlich das Vorgefühl eines unendlichen Glückes in mir Bahn. »Betsy!« rief ich, dem vollen inneren Drange Raum gebend, und im nächsten Momente lag sie in einem ausbrechenden Tränenstrome an meiner Brust.

»Henry, wenn Sie nicht mit uns gehen, bin ich selbst elend!« schluchzte sie, und ich hielt sie, im Sturme meiner Empfindungen kaum meiner selbst recht bewußt, fest an mich geschlossen; bald aber hob sie kräftig den Kopf wieder, lächelte mich durch Tränen an und sagte: »Jetzt kommen Sie, daß der Vater beruhigt wird!«

Unweit des Hauses stand Wilson mit Leutner, Jim dem »Nachbar« zusammen, und der Erstgenannte lüftete im augenscheinlichen Unmute einmal nach dem anderen den Hut. »Jetzt bleibt nur übrig, daß ich mich auch entschließe, hier zu bleiben, so sind wir alle beieinander!« ließ sich seine Stimme hören.

»Warte, Vater, er geht mit uns!« rief Betsy und damit hoben sich auch alle Gesichter nach dem hellen, unerwarteten Laute. Sie hatte fest meine Hand gefaßt, als wolle sie zeigen, daß sie bereit sei, mit mir vor die ganze Welt zu treten; ich aber konnte trotzdem einem leisen Bangen, das mich bei dem Gedanken an dieses Hintreten vor den Alten erfaßt, nicht wehren, und unwillkürlich hatte ich den Ausdruck der sämtlichen Gesichter vor uns im Fluge aufgefangen.

Leutners nachdenkliche Züge nahmen fast den Charakter einer völligen Verblüfftheit an, als er den ersten Blick auf uns geworfen.

Jim wandte rasch den gehobenen Kopf wieder fort und nickte mit einem finsteren Lächeln.

Der Alte aber hielt das beobachtende Auge bald auf mich, bald auf das Mädchen geheftet, bis wir heran waren, und streckte mir dann langsam die Hand entgegen.

»So!« sagte er in einem Tone, der zwischen Ernst und Laune mitten inne stand, »nun, ich nehme vorläufig Ihr Wort, daß Sie uns nicht allein ziehen lassen, und so wird ja auch wohl der Kamerad keine Bedenken mehr haben – jetzt, Jim, wie steht es mit dir?«.

»Ich bleibe hier, Sir, wie ich gesagt,« erwiderte der Angeredete, langsam aufsehend; »ich werde mit dem Nachbar hier zusammen wirtschaften und jedenfalls damit am besten für mich sorgen. Wo es keine Menschen gibt, ist auch der Bucklige noch etwas wert und ist nicht in Gefahr, von jedem, der nur ein paar gerade Schultern hat, ausgestochen zu werden. Nebenbei aber ist dann auch meine Schwester nicht so allein in ihrem Grabe. Wenn ich einmal etwas brauche, Vetter Wilson, werde ich es Ihnen sagen lassen; im übrigen aber gehört das, was mein ist, einmal meiner Schwester Kindern!« Er faßte den Arm des Hinterwäldlers und wandte sich mit diesem dem Blockhause zu ...

Ich habe nur noch wenige Worte zu sagen. Das Hornvieh, die gesamten Vorräte- und Gerätschaften wurden noch an demselben Abende dem Verwachsenen übergeben und von diesem und seinem neuen Gefährten nach dem mehr gesicherten Blockhause des letzteren geschafft.

Am anderen Morgen traten wir übrigen mit den Pferden und dem kleinen Wagen unter Führung des »Nachbars« den verhältnismäßig kurzen Weg nach St. Paul an, um von hier aus die Reise nach Kentucky in einem Mississippi-Dampfer zu machen.

Heute, wo ich dies zur Erinnerung für meine künftigen Kinder niederschreibe, liegen schon längst die Tage der Not hinter mir. Ich teile mit dem alten Wilson die Sorge für die Bewirtschaftung des Komplexes von Ländereien, die nach kurzer Revision des früheren Prozesses ohne Schwierigkeiten wieder in seinen Besitz gelangt waren.

Betsy ist schon lange mein süßes Weib, und Leutner mit seiner Frau bewirtschaftet eine eigene kleine Farm, die er mit Wilsons Hilfe erworben.

Von Jim aber ist uns nur ein einziges Mal, und zwar bald nach unserem Einzug in die wiedergewonnene Heimstätte, Nachricht geworden. Er schrieb über St. Paul, daß er sich völlig zufrieden fühle und daß Barclay in einer Auseinandersetzung mit seinen Spießgesellen erschlagen worden sei. Dadurch ward es auch erklärlich, daß Wilsons Schuldverschreibung an den Genannten nie zur Zahlung präsentiert wurde.

Oft aber, wenn ich an einem langen Abende mit Betsy und dem Alten zusammensitze, gedenken wir der sonderbaren Umstände, die uns zusammengeführt, und der Tage auf Regierungs-Lande.


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