Boris Godunow

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Kapitel 3 des Buches: Boris Godunow

Anhang: Die von Puschkin ausgeschiedenen Szenen

I

Im Klostergarten.

Grigori und ein böser Mönch.

Grigori. Oh, wie traurig, oh, wie einsam fließt das Leben uns dahin!
Tage kommen, Tage gehen – Eines sieht und hört man nur:
Vor den Augen – schwarze Kutten, in den Ohren – Glockenklang.
Gähnend schlendert man am Tage, schläft vor Langeweile ein,
Und des Nachts bis Sonnenaufgang wälzt man schlaflos sich im Bett.
Kommt einmal der Schlaf, dann ängstgen schwarze Träume das Gemüt,
Daß man froh ist, wenn die Glocke, wenn der Krückstock einen weckt.
Nein, ich kanns nicht länger tragen! Fort aus dieser Zelle, fort!
Groß ist Gottes Welt ja, alle Wege stehn mir frei – ich flieh.

Mönch. Ja, ihr lebenslustgen jungen Mönche, euer Los ist hart.

Grigori. Wenn doch Litaun sich empörte, wenn der Khan sich doch erhüb –
Ha, wie wollt ich dann mit meinem Schwerte mich in Lust ergehn!
Wie, wenn plötzlich der Zarewitsch stieg aus seines Grabes Nacht,
Wenn er riefe: »Hei, ihr Freunde, die ihr Treue mir gelobt –
Fangt Boris, den Zarenmörder, führt den Feind geknebelt her!«

Mönch. Narrenspossen! Nie erwecken wir zum Leben den, der tot,
Nein, ein anderes bestimmte dem Zarewitsch sein Geschick . . .
Aber höre: wenn es sein soll, nun, so sei es denn auch ganz . . .

Grigori. Sprich, was meinst du?

Mönch.                                       Wenn ich deine Jugend, deine Kräfte hätt,
Wenn nicht vor der Zeit im Barte sich manch graues Haar gezeigt . . .
Du verstehst mich?

Grigori.                         Nichts versteh ich!

Mönch.                                                         Höre! Unser dummes Volk –
Willig glaubts dem Wundertruge, läßt betören sich gar leicht;
Nie vergessen die Bojaren, daß Boris ihr gleicher war,
Immer noch verehren alle des Warägers alten Stamm.
Altersgleich mit dem Zarewitsch bist du – wärst du schlau und kühn . . .
Nun, verstehst du? Schweigen.

Grigori.                                             Ich verstehe.

Mönch.                                                                   Und was sagst du?

Grigori.                                                                                                   Ha, es sei!
Bin Dimitri, bin Zarewitsch.

Mönch.                                       Gib die Hand mir – du wirst Zar.


II

Schloß des Wojewoden Mnischek in Sambor.

Marinas Putzzimmer.

Marina, Rusia (mit Ankleiden beschäftigt). Dienerinnen.

Marina vor dem Spiegel. Nun, bist du fertig? Gehts nicht rascher von der Hand?

Rusia. Trefft erst die schwierge Wahl – was paßt zum Kleide?
Was legt Ihr heute an? Ob Euer Perlenband,
Ob das smaragdene Geschmeide?

Marina. Die Demantkrone.

Rusia.                                 Schön! Die habt Ihr auch getragen
Das letztemal im Königsschloß zum Tanz.
Da machtet Ihr durch Eurer Schönheit Glanz
Die Männer seufzen und die Fraun verzagen.
Es sah Euch damals auch, glaub ich, zum erstenmal
Der junge Bronski, der sich dann erschossen.
Wie viele Tränen sind um ihn geflossen!
Ach, freilich blieb ihm keine Wahl.
Ein jeder sagts: man braucht Euch bloß zu kennen,
Um gleich in Liebe zu entbrennen.

Marina. Kannst du nicht schneller machen?

Rusia.                                                           Gleich.
Heut rechnet Euer Vater sehr auf Euch.
Wohl sah Euch der Zarewitsch nicht vergebens,
Und zu verbergen weiß er sein Entzücken nicht;
Verwundet ist er schon, nun ist es Eure Pflicht,
Daß Ihr ihn trefft im Kern des Lebens.
Er ist in Euch verliebt und zeigt es unverhohlen,
Ist Euer Gast seit einem Monat schon,
Denkt an den Krieg nicht mehr, nicht an den Zarenthron,
Und ärgert Russen sowie Polen.
O Gott! Soll mirs beschieden sein?
Nicht wahr, wenn Ihr nach seinen Siegen
Mit ihm auf Moskaus Thron gestiegen,
Dann, hoff ich doch, gedenkt Ihr mein?

Marina. Was meinst du, werd ich Zarin sein?

Rusia. Wer sonst als Ihr? Wer mag in diesen Reichen
An Schönheit, Herrin, sich mit Euch vergleichen?
Der Mnischek Haus ist hoch wie irgendeins gestellt,
An Geist bezwingt Ihr alle Welt –
Glücklich, wenn Euer Blick Beachtung mag gewähren,
Wer Eures Herzens Liebe kann beschwören!
Sei es auch unser König in Person,
Sei es von Frankreichs Prinzen einer,
Nicht bloß der hergelaufne Zarensohn:
Woher der kommt und wer er ist, weiß keiner!

Marina. Er ist des Zaren Sohn und anerkannt von allen.

Rusia. Doch weiß man, daß er vorges Jahr
Noch Knecht bei Wischnewezki war.

Marina. Verborgen hielt er sich.

Rusia.                                         Ich lass es mir gefallen.
Allein, ist Euch noch nicht bekannt,
Was man von ihm erzählt – und zwar nicht bloß die Feinde?
Er wär ein Meßner bloß, aus Moskau durchgebrannt,
Der ärgste Schelm in der Gemeinde!

Marina. Welch törichtes Geschwätz!

Rusia.                                                 Ei nun, ich glaub nicht dran.
Ich sage nur, daß er sein Schicksal segnen kann,
Wenn Ihr so gütig seid, ihm Euer Herz zu schenken,
Statt einen andern zu bedenken.

Dienerin kommt gelaufen.
Die Gäste sind versammelt.

Marina.                                         Wunderschön!
So kannst du schwatzen bis zur Tageshelle,
Indessen kommt mein Putz nicht von der Stelle.

Rusia. Gleich, gleich. Bewegung unter den Dienerinnen.

Marina für sich.           Er muß die Wahrheit mir gestehn.


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