Brehms Tierleben. Band 25. Ergänzungsband 1

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Kapitel 4 des Buches: Brehms Tierleben. Band 25. Ergänzungsband 1: Käfer I

Erste Ordnung. Die Käfer ( Coleoptera)

Beißende Mundteile, eine freie Vorderbrust, ein angewachsener Hinterleib und zu Decken erhärtete Vorderflügel, die eine Naht bilden, sind die äußerlichen Kennzeichen, eine vollkommene Verwandlung die Entwicklungsweise der Käfer.

Der Kopf steht in den seltensten Fällen frei vor dem Halsschilde, sondern ist mehr oder weniger tief in dasselbe eingelassen und daher in seiner Beweglichkeit verschiedenartig beschränkt. Auf seine Anheftungsweise und auf seine Gestalt, von der die Verlängerung der vorderen Gegend zu einem Rüssel als die auffälligste erwähnt sein mag, begründen sich die mannigfachen Unterschiede. Hinsichtlich der beißenden Mundteile wurde oben das Nötige gesagt, in bezug auf die Käfer sei hier nur noch bemerkt, daß ihre Kiefertaster aus vier, die Lippentaster aus drei Gliedern zusammengesetzt sind, und daß an der Unterlippe das Kinn gegen die meist ungeteilte Zunge bedeutend überwiegt. Die Netzaugen sind ganz oder ausgerandet, und zwar manchmal so tief, daß sie jederseits in eine obere und eine untere Gruppe von Äugelchen zerfallen, dagegen kommen mit sehr wenigen Ausnahmen Punktaugen gar nicht vor. Nirgends findet sich eine so wechselnde Verschiedenheit der Fühler, wie bei den Käfern. Am beständigsten zeigen sie sich in der Gliederzahl elf, obschon Schwankungen zwischen vierunddreißig Gliedern nicht ausgeschlossen sind; größere Unterschiede kommen in der Länge vor, die größten jedoch in der Form, die an Borste, Faden, Keule, Säge, Kamm, Fächer und anderes erinnert, auch ihrer Unregelmäßigkeit wegen keinen Vergleich zulassen. Manche dieser Formen sind für gewisse Familien, wie Kammhörner, Blatthörner usw. bei der Einteilung von Bedeutung geworden, wie wir später sehen werden.

Der freie Vorderbrustring gelangt hier, wie bei allen andern ihn besitzenden Kerfen, gegen die übrigen zu der vollkommensten Entwicklung und übt durch seine Form wesentlichen Einfluß auf die Gestalt des ganzen Käfers aus. Der Mittelbrustring tritt entschieden in den Hintergrund, denn er bedarf keines größeren Innenraumes für die Anheftung von Muskeln, weil die Mittelbeine die am meisten untergeordnete Rolle spielen und die Flügeldecken keine Flugwerkzeuge sind; wo das Schildchen deutlich entwickelt ist, schiebt es sich in einen Ausschnitt der Deckschilde ein. Auch der hinterste Brustring bleibt unentwickelt, namentlich nach oben. Nur bei solchen Käfern, deren Hinterbeine beim Schwimmen oder Springen zu besonderen Kraftanstrengungen verurteilt sind, reicht er an der Bauchseite weit nach hinten und bedeckt teilweise die ersten Bauchschuppen.

Charakteristisch für die Käfer werden ihre Flügeldecken insofern, als dieselben in der sogenannten Naht geradlinig in der Mittellinie des Körpers zusammenstoßen, vielleicht richtiger gesagt, sich aneinander falzen. Bei andern Kerfen, deren Vorderflügel zu Decken erhärtet sind, greift die eine unbestimmt über die andere über und die Nahtbildung geht verloren, wie in den »klaffenden« Flügeldecken bei Meloe und einigen andern Käferausnahmen gleichfalls beobachtet wird. Meist liegen die Flügeldecken dem Rücken nicht einfach auf, sondern sie umfassen mit ihrem umgebogenen »Außenrande« die Körperseiten mehr oder weniger innig. Der Zusammenstoß des Außen- mit dem Vorderrande bildet die Schulter, und je weniger scharf diese hervortritt, desto mehr verschwindet der Gegensatz der eben genannten Ränder, desto kürzer wird der Vorderrand. Nur bei den gestutzten Flügeldecken kommt auch ein Hinterrand zur Geltung sowie ein Nahtwinkel und Außenwinkel; in den meisten Fällen spitzen sich die Flügeldecken am Ende zusammen oder jede einzeln so zu, daß sie mit der Leibesspitze zusammen aufhören, oder daß sie von letzterer den dann auch auf dem Rücken mit Chitin bedeckten äußersten Teil als Steiß ( Pygidium) frei lassen. Ein solcher bleibt bei den gestutzten Flügeldecken stets sichtbar, es fehlt aber auch nicht an Käfern ( Kurzflügler), bei denen die Flügeldecken so kurz sind, daß der größte Teil des Hinterleibes frei bleibt und wie am Bauche, so auch auf dem Rücken einen Chitinpanzer trägt. Die Hinterflügel pflegen von wenigen kräftigen Adern durchzogen zu sein und in der Mittelgegend des Vorderrandes einen Chitinfleck, das Mal, zu tragen, an dem sie sich umklappen, um durch weitere Längsfaltung unter die Decken verborgen werden zu können. Hinsichtlich dieser Zusammenfaltung hat man allerlei Unterschiede beobachtet und mit Namen belegt, die wir hier mit Stillschweigen übergehen. Diese dünnhäutigen Hinterflügel befähigen allein zum Fluge, und wo sie fehlen oder verkümmern, was nicht selten vorkommt, geht daher auch das Flugvermögen verloren, und die Verwachsung der Flügeldecken in der Naht ist dann öfters eine weitere Folge dieser Unregelmäßigkeit.

Je nach Aufenthalt und Lebensweise der Käfer verwandeln sich die vorherrschend dem Gange und Laufe dienenden, mehr schlanken Beine in Schwimm-, Grab- oder Springbeine. Erstere sind in allen ihren Teilen breitgedrückt, durch Borstenwimpern noch weiter verbreitert, nur in wagerechter Richtung beweglich und sitzen meist ausschließlich am letzten Brustringe. Die Grabbeine zeichnen sich durch schwache, bisweilen verkümmerte Füße, breite, am Außenrand gezähnte Schienen und kurze, dicke Schenkel aus, eine Bildung, die in ihrer höchsten Entwicklung den Vorderbeinen zukommt. Das Springen wird nur durch die Hinterbeine bewirkt, wenn sie aus stark verdickten Schenkeln und geraden, verhältnismäßig langen Schienen bestehen. Auf die Anzahl der Fußglieder hat man bei der Einteilung wenigstens früher großes Gewicht gelegt und diejenigen Käfer fünfzehige ( Pentamera) genannt, die an allen Füßen fünf Glieder tragen, vierzehige ( Tetramera), deren nur vier oder wenigstens scheinbar vier, wenn das eine sehr kleine unter seinem Nachbargliede versteckt liegt. Die Verschiedenzeher ( Heteromera) zeichnen sich durch fünf Glieder an den vorderen, bei nur vier an den hintersten Füßen aus, und die Dreizeher ( Trimera) setzen wenigstens die Hinterfüße aus nur drei Gliedern zusammen.

Die innige Verwachsung des Hinterleibes mit dem Brustkasten geht so weit, daß der erste Bauchring die Gelenkpfanne für die Hinterhüften bilden hilft, ihm folgen gewöhnlich noch sechs Bauchringe nach, ihre Gesamtzahl kann jedoch auch bis vier herabsinken. Auf der Rückenseite lassen sich meist acht Ringe unterscheiden, die weichhäutig sind, soweit sie sich unter dem Schutze der Flügeldecken befinden. Außer röhrenförmiger oder stachelartiger Verengung an der Spitze des Hinterleibes, die zur Ablage der Eier dient (Legröhre), finden sich bewegliche und paarige Anhängsel dort bei den Käfern nicht, und in diesem Umstande liegt ein sicheres Unterscheidungsmittel zwischen einem Käfer und einem Geradflügler, dessen Flügeldecken ausnahmsweise in einer Naht zusammenstoßen (Ohrwurm).

Form und gegenseitiges Verhältnis der drei Hauptabschnitte des Körpers sind so mannigfach, daß sich die Gestalt der Käfer unmöglich auf eine gemeinsame Grundform zurückführen läßt, denn zwischen der Linienform finden sich alle denkbaren Übergänge bis zu der Kreisform, von der flachen Scheibenform bis nahe zu der Kugel. Hier treten drei Hauptkörperteile in ihren Umrissen scharf getrennt auf, dort schließen sie sich eng und fest in ihren Grenzen aneinander. Buckel, Hörner, Spitzen, manchmal bis zu überwuchernder Größe entwickelt und die betreffenden Teile, Kopf oder Halsschild, fast zur Unkenntlichkeit umgestaltet, bilden hier, Stacheln, Borsten, Flaumhaare oder Schuppen auf glattem oder rauhem Untergrunde dort eine drohende Bewehrung, einen prunkenden Schmuck, ein schlichtes Kleid. Die Farben sind vorherrschend trübe und eintönig, namentlich bei den Kindern gemäßigter und kalter Erdstriche, aber auch bunt, prachtvoll glänzend, und in dieser Hinsicht den edlen Steinen und Metallen nicht nachstehend.

Unsere Kenntnis von den Larven der Käfer ist zur Zeit noch sehr mangelhaft; denn auch angenommen, daß zu den sechshunderteinundachtzig als bekannt von Chapuis und Candèze (1853) aufgezählten Arten noch eine gleiche Anzahl hinzugekommen wäre, was entschieden nicht der Fall, so bleibt eine Menge von rund dreizehnhundert Arten noch gewaltig zurück hinter der der Käfer selbst, die man doch immer auf achtzigtausend schätzen darf. In ihrer äußeren Erscheinung bieten die Larven auch nicht annähernd die Mannigfaltigkeit der Käfer. Da die meisten verborgen leben, gehen ihnen die vom Lichte bedingten bunten Farben ab und ein schmutziges oder gelbliches Weiß ist vorherrschend. Sie haben alle einen hornigen Kopf und außer diesem zwölf (elf) Leibesglieder, keine Beine oder deren sechs hornige an den drei Brustringen. Dieselben bestehen aus fünf Gliedern und endigen in eine, bei einigen Familien in zwei und in einzelnen Fällen in drei Krallen. Der Kopf, der sich öfters etwas in den ersten Leibesring zurückziehen läßt, ist geneigt, so daß sich die Mundteile der Brust nähern, oder er steht gerade aus und zeigt in seinen Formen mancherlei Unterschiede. Die einfachen Augen, wenn sie nicht, wie häufig genug, ganz fehlen, stehen zu eins bis sechs jederseits des Kopfes. Faden- oder kegelförmige Fühler finden sich bei vielen zwischen den Augen und der Wurzel der Kinnbacken. Sie bestehen in der Regel aus vier, jedoch auch aus weniger Gliedern, deren drittes nicht selten mit einem seitlichen Anhängsel versehen ist. Die Freßwerkzeuge, bei denen, die ihre Nahrung kauen, in der Mundöffnung angebracht, bei andern, die sie saugend zu sich nehmen, vor jener stehend und dieselbe bedeckend, entsprechen denen der Käfer. Bei den Fleischfressern fehlt meist die Oberlippe und die verlängerte Stirn, oder ein davon abgesondertes Kopfschild übernimmt den Schluß der Mundöffnung von oben her. Obgleich einzelne Teile der Unterlippe fehlen können, so bildet sie doch einen beständigeren Mundteil als selbst der Unterkiefer. Die zwölf Leibesglieder sind glatt und hart, weich und querrunzelig, entweder so ziemlich gleich unter sich, oder die drei vordersten zeichnen sich, weil dereinstiger Brustkasten, irgendwie vor den übrigen aus; auch das wird durch andere Form oder durch Anhängsel, die wie der ausstülpbare After vieler beim Fortkriechen als »Nachschieber« dienen, charakteristisch. An der Seite des ersten oder in dessen nächster Nähe und an den Seiten noch acht weiterer Ringe vom vierten ab liegen bei den zwölfringeligen Käferlarven die Luftlöcher; bei den nur elfgliederigen der Wasserkäfer und einiger andern ( Donacia) zählt man jederseits nur deren acht, indem sich das neunte mit der Leibesspitze vereinigt.

Die Puppen gehören zu den Mumienpuppen und lassen alle Teile des künftigen Käfers, Beine, Fühler, Flügel, jeden mit seinem Häutchen umschlossen und frei dem Körper anliegend, erkennen; sie zeigen sich bei Störungen ungemein beweglich, liegen frei in einem Lager, welches die Larve vor der Verwandlung durch Ausnagen ihres bisherigen Aufenthaltsortes kunstlos hergerichtet hat, ruhen in nur seltenen Fällen in einem zusammengeleimten Gehäuse oder hängen, wie viele Schmetterlingspuppen, mit ihrer Leibesspitze an einem Blatte, wenn die Larve frei auf diesem lebte.

Je nach der Größe des Käfers bedarf er nach dem Ausschlüpfen eine kürzere oder längere Zeit, um zu erhärten und sich, besonders seine Flügeldecken, vollkommen auszufärben, immer aber eine entschieden längere Frist als die meisten übrigen Kerfe, wie dies in der reichlicheren Chitinbekleidung der Käfer seine Begründung findet.

Obschon gewisse Käfer äußerst lebhaft im Sonnenschein umherfliegen, andere die Nachtzeit hierzu wählen und dann etwa nur dem Jäger auf dem Anstande oder dem Gelehrten auf seinem Arbeitstische zu Gesicht kommen, wenn er in den Sommernächten bei offenen Fenstern studiert und jene durch den Lichtschein herbeilockt, so sind doch die geflügelten Käfer mehr als die meisten andern Kerfe an den Boden oder die ihn bedeckenden Pflanzen gebunden, leben hier geräuschlos und versteckt, unbemerkt und nicht vorhanden für die Mehrzahl der Menschen, die allenfalls dem neckisch in der Luft sich schaukelnden, bunten Schmetterlinge, der wilden Libelle mit ihren glitzernden Flügeln, dem lärmenden Grashüpfer, der brummenden Hummel und summenden Biene ihre Aufmerksamkeit schenken. Den Bewohnern eines Flußtales biete sich dann und wann die beste Gelegenheit dar, nicht nur Käfer in ungeahnten Massen beieinander zu sehen, sondern auch deren Gebundensein an die Erdscholle so recht zu erkennen. Zum erstenmal im Jahre sind es die oft mit dem Eisgange verbundenen Überschwemmungen, das andere Mal solche im Hochsommer, wenn anhaltende Gewitterregen die Flüsse bis zum Übertreten angeschwellt haben. Beide Überschwemmungen liefern der Kerfwelt gegenüber ein höchst interessantes Bild, und zwar jede ein anderes.

Zu der Zeit des Eisganges liegen die Tausende von Kerbtieren, unter denen die Käfer die überwiegende Mehrzahl liefern, in der winterlichen Erstarrung, und nur einzelne, die an höheren, länger von der Sonne beschienenen Berglehnen schliefen, haben etwa den wohltuenden Einfluß von deren Strahlen empfunden und fangen an, ihre Gliedmaßen zu recken. Da kommen die kalten Fluten dahergebraust, wühlen alles, was lose ist, auf und nehmen auf ihrem Rücken mit sich weg, was den physikalischen Gesetzen nach schwimmt. Kleine Holzstückchen, Schilfstengel, Pflanzensamen und das übrige Gekrümel, an dem alle Flußufer keinen Mangel leiden, kommen schließlich an den Rändern des Wasserspiegels zur Ruhe und lagern sich beim allmählichen Zurücktreten des Wassers ab, in langen Reihen die Stellen bezeichnend, bis zu welchen es gestanden hatte. Diese Ablagerungen sind die redenden Zeugen von dem, was auf dem überfluteten Boden gelegen hat, ihre Untersuchung ist eine bequemere oder mühevollere, je nachdem man sie vornimmt. Greift man gleich anfangs eine Partie der noch feuchten Ablagerungen auf, trägt sie heim, füllt Glasgefäße mit ihnen teilweise an, die in der Stube aufgestellt werden, so wird man ein reges Insektenleben in denselben bemerken, sobald die Feuchtigkeit verschwunden ist und die wohltuende Wärme ihre Wirkungen geltend macht. Stellt man einige längere Holzstäbchen in diese Gefäße, so sind diese bald von unten bis oben mit Käfern der verschiedensten Art bedeckt, die eine in größerer Stückzahl als die andere. Gründlicher fällt die Untersuchung an Ort und Stelle aus, nur muß man die Zeit abwarten, bis die wärmenden Sonnenstrahlen die Schläfer erweckt und das Angeschwemmte so ziemlich getrocknet haben, so daß die Feuchtigkeit nur noch an den unteren Schichten haftet. In diesen zeigt sich dann ein Kribbeln und Krabbeln von allen denjenigen Insekten, die angeflutet sind und sich zunächst noch unter diesem sicheren Verstecke heimisch fühlen, bis sie sich nach und nach bei mehr vorgeschrittener Luftwärme zerstreuen, der Nahrung und der Fortpflanzung nachgehend. Außer den Käfern und deren Bruchstücken sind es Wanzen, Spinnen, diese und jene Schmetterlingsraupe, Tonnenpüppchen und andere, je nach der Gegend für das bestimmte Flußtal oder für verschiedene Flußtäler. Beiläufig bemerkt, ist dem eifrigen Forscher ein sicheres Mittel hierdurch geboten, die in vollkommenem Zustande überwinternden Käferarten seiner Gegend kennenzulernen.

Gleich im Endverlaufe für das Geschick der Schiffbrüchigen, aber verändert in der anfänglichen Erscheinung gestaltet sich das Bild bei sommerlicher Gewitterüberschwemmung. Die Fluren sind jetzt belebt von allerlei Getier, namentlich auch die Wiesen, in der Regel die nächsten Nachbarn der Flüsse. Die unmittelbare Umgebung der Stelle, an der die entfesselte Natur ihre himmlischen Schleusen öffnete, läßt selbstverständlich keine Beobachtungen der in Rede stehenden Art zu, sondern nur die ferneren, wo die Gewässer langsamer vordringen und von Stunde zu Stunde immer tiefer in das Land einfressen. Faßt man diese allmählich sich vorschiebende Grenze zwischen der Wiese und dem Wasser in das Auge, so wird man ein sehr bedrängtes, darum ungemein reges und dabei vollkommen lautloses Leben gewahr. An einem Grasstengel eilt ein Laufkäfer empor, ihm folgt ein rotes Sonnenkälbchen und eine schwerfälligere Chrysomele bildet die Nachhut auf der Flucht; gleich daneben klimmt ein schwarzer Läufer in die Höhe, aber ach! das schwache Blatt biegt sich unter seiner Last und das Wasser bespült ihn. Er verliert die Besinnung nicht, hält fest noch den Halm, der ihn retten soll, und kehrt um, nach oben. Vergeblich, er ist zu schwer, er zieht sein Blatt mit sich hinunter und versinkt. Nun läßt er los; ängstlich zappelnd rudert er im ungewohnten Elemente, aber er hält sich oben und kommt vorwärts. Der starke Stengel eines Doldengewächses ist glücklich erreicht, er hat noch Kraft genug, ein Stück in die Höhe zu kommen. Da trifft er einen Blattkäfer, eilt in Hast über ihn fort; dieser ist erschreckt, läßt sich fallen und befindet sich in gleicher Lage wie eben er, der sich endlich ermattet hinsetzt, die Fühler durch die Freßzangen zieht, mit den Vorderbeinen sich putzt und – weiterer Gefahr entgangen zu sein scheint. Da kommt ein anderer geschwommen, hier wieder einer, jeder in seiner Weise, die ihn die Not eben lehrt. Da ein dritter, es ist ein gestreckter, schön kupferglänzender, der viel am Wasser verkehrt. Wie erstarrt streckt dieser Schilfkäfer seine sechs Beine von sich, die Fühler gerade vor und läßt sich vom Wasser forttreiben, anscheinend vollkommen in sein Schicksal ergeben. Die Fühler stoßen an etwas, mechanisch gehen sie auseinander und gleiten mit ihren Innenflächen an jenem Etwas entlang. Der günstige Umstand wird benutzt, die Beine zeigen Leben und gemächlich sehen wir unsern Schwimmer an einem Grashälmchen herankriechen, als wäre ihm nichts widerfahren. Hier am Rande sitzen gedrängt aneinander auf einem Blatte rote und schwarze, grüne und blaue Käfer und scheinen zu beraten, was zu tun sei, um der Gefahr zu entrinnen; denn aufgerichtet sind ihre Vorderteile und die Fühler in steter Bewegung. Ein paar grüngläserne Augen stierten von der Seite her schon längst nach ihnen. Schwapp! und sie befinden sich bereits auf dem Wege in einen Froschmagen; was nicht erschnappt ward, zappelt ratlos in allerlei Stellung im Wasser. Ein Weidenbüschchen von wenigen Ruten ragt weit über die benachbarten Gräser und Kräuter hervor, eine mächtige Schutzwehr für seine ursprünglichen Bewohner, ein sicherer Hafen für manchen Schiffbrüchigen. Darum ist es aber auch belebt von jeglichem Volke. Ruhig kneift der schlanke Schnellkäfer in die jungen Johannistriebe oder neben ihm der untersetzte breitschultrige Weber ( Lamia textor). Ein grüner Rüßler mit schwefelgelbem Saume der Flügeldecken ( Chlorophanus viridis), sein Männchen auf dem Rücken, marschiert eben etwas höher hinauf, weil es da unten zu feucht wird. Sie alle saßen und fraßen und kosten hier, ehe die Flut kam und werden das Geschäft fortsetzen, wenn jene sich verlaufen hat; sie wohnen hier, ziehen allenfalls ein Stockwerk höher, wenn es not tut, und halten gute Nachbarschaft mit noch manchen andern, grünen oder blauen, hüpfenden oder nur kriechenden Blattkäferlein. Auf einer freien Wasserfläche, welche die kahlen, noch hervorragenden Ränder einer kleinen Bucht bespült, ist die Hilflosigkeit entschieden noch größer und an ein Flüchten auf das Trockene, und wäre es nur für wenige Augenblicke, nicht zu denken. Das Wasser treibt Blätter, Schilf, Holz, Baumrinde und anderes in größeren oder kleineren Bruchstücken in Menge an, Korkpfropfen, Pflanzensamen usw., alle reich belebt von unfreiwilligen Schwimmern. Da kommt auf einem Schilfstückchen ein kleiner Mistbewohner ( Aphodius) angesegelt, der gewiß schon eine tüchtige Wasserreise auf diesem gebrechlichen Fahrzeuge zurückgelegt hat; dort läßt sich eine Landassel, ein Tausendfuß, die beide den Kerfen nicht angehören, herbeiflößen oder in den ruhigeren Hafen treiben. Ruhe herrscht in demselben, aber die Ruhe der Verzweiflung. Die angetriebenen Stückchen schwanken auf und nieder, stoßen und drängen einander, das eine sinkt, um seinem eben auftauchenden Nachbar den Platz einzuräumen. Alles kocht und wallt durcheinander, ohne Feuer, ohne Geräusch. Zwischen dem allen nur lebende Landbewohner, denen es nicht möglich, an dem Ufer emporzukommen oder auch nur auf der Oberfläche des Wassers sich auf Augenblicke zu erhalten. Man denke sich an die Stelle dieser Bedrängten und man wird die Traurigkeit ihrer Lage in voller Größe begreifen. Ihre Lebenszähigkeit ist jedoch größer als man glauben sollte: sie bietet den Naturkräften, die Häuser umwerfen und Steinblöcke fortwälzen können, Trotz und – sie sind gerettet. Hier strandet eine Schicht Röhricht, gehoben von sanfter Welle, dort bleibt sie im Trockenen zurück, sobald das Wasser zurückweicht, was in der Regel bald geschieht, und es wiederholt sich für die Streifen des angeschwemmten Röhrichts das, was schon oben erzählt wurde, nur mit dem Unterschiede, daß das Krabbeln und Kribbeln und Durcheinanderrennen des Insektenheeres sofort beginnt, wenn die haftende Kraft des Wassers aufgehört hat. Wenn man aber zu diesem Zeitpunkte die Schar der Geretteten mustert, muß man sich wundern, eine große Menge solcher anzutreffen, die unter Mittag im Sonnenscheine, oder des Abends vom Geruche ihrer Nahrung angelockt, oder sonst zum Vergnügen lustig umherfliegen. Hatte sie die Flut überrascht? Mochten sie keinen Gebrauch von ihrer Flugfertigkeit machen, weil es eine ungewöhnliche Zeit, eine außergewöhnliche Veranlassung war? Auch bei andern Gelegenheiten, z. B. wenn sie in die vom Forstmann angelegten Fanggräben geraten sind, befreien sie sich nicht durch Wegfliegen, sie sind eben vorherrschend und mit Vorliebe Fußgänger.

Damals, als größere Wassermassen unsere Erde bedeckten und ganz andere Umwälzungen auf ihr vorgingen, als eine heutige Überschwemmung erzeugen kann, ging, wie zur Jetztzeit, mancher Käfer zugrunde, der nach und nach, aber in fossiler Form, den Forschern wieder zu Gesicht gekommen ist. Man kennt jetzt gegen tausend Arten; sie beginnen im Steinkohlengebirge, mehren sich aber im Tertiär und im Bernstein. Die ältesten Käfer sind die sogenannten Lias-Käser. Sie lassen sich aber zu keiner der gegenwärtigen Formengruppen in verwandtschaftliche Beziehung setzen. Dagegen stehen die Tertiär-Käfer überall in verwandtschaftlichen Beziehungen mit rezenten Formen, oder genauer müßte es umgekehrt heißen. – Heute kennt man etwa 300 000 verschiedene Käferarten. Hrsgbr.

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Was die Einteilung der Käfer betrifft, so haben sich seit Linné eine nicht unbedeutende Anzahl der tüchtigsten Entomologen bemüht, eine möglichst natürliche Anordnung herzustellen; denn es läßt sich nicht leugnen, daß keine andere Insektenordnung von so zahlreichen Männern der Wissenschaft bearbeitet worden ist, wie gerade die Käfer. Ein Fabricius, Latreille, Westwood, Burmeister, Erichson, Le Conte und wie alle die Neueren heißen mögen, die einzelne Familien bearbeitet und sich mit ersteren hohe Verdienste um die Erkenntnis und Klassifikation der Käfer erworben haben. Da es jedoch hier nicht am Platze ist, weder die Gründe zu erörtern für die Zweckmäßigkeit der einen oder der andern Methode, noch eine annähernde Vollständigkeit eines Systems zu geben, so führen wir die paar näher zu besprechenden Arten unter den Familien und in der Reihenfolge auf, die Lacordaire Das heute immer mehr zur Annahme gelangende System der Käfer stammt von Ganglbauer. Hrsgbr. annimmt. Derselbe hat uns in seinen » Genera des Coléoptères« ein unsterbliches Werk hinterlassen, das seit dem Jahre 1854 die volle Tätigkeit seines Verfassers in Anspruch genommen hat, aber leider unvollendet geblieben ist, weil der Tod jenen zu frühzeitig abgerufen hat; es schließt mit den Bockkäfern im neunten Bande ab und charakterisiert keine Art, sondern nur die Gattungen und Familien.

siehe

Feld-Sandkäfer ( Cicindela campestris)


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