Brehms Tierleben. Band 25. Ergänzungsband 1

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Kapitel 3 des Buches: Brehms Tierleben. Band 25. Ergänzungsband 1: Käfer I

Ein Blick auf das Leben der Gesamtheit

Bunte Schmetterlinge, fleißige Ameisen, zudringliche Fliegen, die Finsternis suchende Tausendfüßler, Kunstweberei übende Spinnen und noch viele andere Tiere aus der nächsten Verwandtschaft der genannten, die uns jetzt beschäftigen sollen, gehören einem Formenkreise an, der von dem in den vorausgegangenen Bänden dieses Werks betrachteten wesentlich verschieden ist. Während bei den Säugern, Vögeln, Amphibien und Fischen ein inneres Knochen- oder wenigstens Knorpelgerüst mit einer Wirbelsäule als Hauptstamm die Stützpunkte für alle nach außen sich ansetzenden Fleischteile darbietet und, durch dieselben verhüllt, seine Gliederung nicht zur Schau trägt, finden hier die umgekehrten Verhältnisse statt. Die Haut bildet einen mehr oder weniger festen Panzer, der, um seinem Träger die Beweglichkeit zu sichern, in Glieder zerfällt, die durch dünne Häute beweglich miteinander verbunden sind. Diese Glieder gruppieren sich bei den einen in Kopf, Mittel- und Hinterleib, bei den andern verschmelzen die beiden ersten Gruppen zu einer einzigen, dem sogenannten »Kopfbruststück«, bei wieder andern setzt sich nur der Kopf von der übrigen gleichwertigen Gliedergruppe ab, die Mittel- und Hinterleib in sich vereinigt. Auch das Oben und Unten an diesem gegliederten Panzer kann von Bedeutung werden, indem die Glieder z. B. von der Rückenseite her verschmolzen und nur an der Bauchseite getrennt auftreten, oder in selteneren Fällen auch umgekehrt. Die Grenzen gewisser Glieder oder Ringe ( Segmente), wie man sie auch nennt, obschon sie in den wenigsten Fällen wirklich geschlossene Ringe darstellen, setzen sich als Leisten, Zapfen und Vorsprünge verschiedener Gestalt in das Körperinnere fort, um hier den Muskeln und sonstigen Weichteilen als Anheftungspunkte zu dienen. Diese festen Glieder bilden, um es kurz zu sagen, ein äußeres » Hautskelett«. Demselben gehören meist abermals gegliederte, als besondere Anhänge erscheinende Fortsätze an, die verschiedenen Zwecken: dem Umhertasten, dem Fressen, dem Laufen, bei dem Fortpflanzungsgeschäfte dienen, oder auch ihrem Wesen nach noch nicht gedeutet werden konnten, vorwiegend aber Füße sind. Infolge dieses eigentümlichen Bauplanes hat man alle denselben für ihren Körper innehaltenden Tiere als Gliedertiere ( Insecta) dem Formkreise der bisher betrachteten Rückgrat- oder Wirbeltiere entgegengestellt. Weil aber die unserm Formkreise nicht angehörigen Ringelwürmer auch gegliedert oder eingekerbt erscheinen, wenn auch ohne gegliederte Anhänge, und weil zu Anfang dieses Jahrhunderts der Begriff »Insekt« ein engerer geworden als zu Linnés Zeiten, so legte Gerstäcker (seit 1855) unserm Formkreise den jetzt ziemlich allgemein angenommenen Namen »Gliederfüßler« ( Arthropoda) bei.

Die Gliederfüßler unterscheiden sich von den Wirbeltieren auf die eben angedeutete Weise nicht nur in ihrer äußeren Erscheinung, sondern auch durch ihren inneren Bau, wie ein flüchtiger Blick auf denselben ergeben wird. Dort zieht vom Hauptsitz, dem Gehirn, ausgehend, das Rückenmark in der Wirbelsäule dem Rücken entlang als Stamm des Nervensystems, hier finden wir an entsprechender Körperstelle das sogenannte Rückengefäß, ein gegliederter Hauptstamm für den wesentlich andern Blutlauf; wogegen dem Rückengefäß gegenüber, längs des Bauches, Nervenfäden paarweise hinlaufen, die sich in gewissen Abständen knotenartig zu den sogenannten Ganglienketten erweitern und in ihrer Gesamtheit das Bauchmark als den Hauptsitz des Nervensystems darstellen. Zwischen dem Rückengefäß und dem Bauchmark befindet sich der Ernährungskanal, der zwar auch eine Verbindung zwischen der Mundöffnung am vorderen und der Afteröffnung am hinteren Ende des Körpers herstellt, wie bei den Wirbeltieren, auch teils gerade, teils vielfach gewunden verläuft, aber in seinen verschiedenen Abteilungen von dem Verdauungskanal der höheren Tiere wesentlich abweicht. Um zu der Mundöffnung zu gelangen, drängt er sich in seinem vordersten Teil zwischen den Verbindungssträngen der beiden vordersten Ganglienpaare des Bauchmarks hindurch und bildet auf diese Weise den sogenannten Schlundring, den man wohl mit dem Gehirn der Wirbeltiere verglichen hat. Neben drüsigen Gebilden von verschiedener Beschaffenheit und Bedeutung, die zu den Ernährungswerkzeugen in irgendwelcher Beziehung stehen, füllen die Geschlechtsteile die Leibeshöhle aus, und zwar die hintersten Abschnitte derselben. Sie treten paarig auf und sind wie bei den höheren Tieren auf zweierlei Einzelwesen verteilt; ihre Öffnung liegt vor dem After. Die Werkzeuge für die Sinne finden sich bei den Gliederfüßlern nicht in der Vollständigkeit wie bei den Rückgrattieren, sondern es sind dieselben nur für das Gesicht und das Gefühl allgemein verbreitet, die Geruchs- und Gehörwerkzeuge nur bei wenigen nachgewiesen; die vorhandenen haben aber ihren Sitz hauptsächlich, wenn auch nicht ausschließlich, am Kopfe. Heute kennt man auch diese Organsysteme besser. Die Geruchsnerven endigen gewöhnlich in den Fühlern und Kiefertastern. Auch Gehör- und Geschmacksorgane sind jetzt häufiger nachgewiesen worden, obschon hier die Deutungen gewisser Nervenendigungen vielfach noch sehr unsicher sind. Hrsgbr. Die Gliederfüßler atmen weder unter Beihilfe von Lungen oder Kiemen ausschließlich durch den Mund, noch durch eine am Kopfe gelegene Öffnung, sondern der ganze Körper wird bei dieser Tätigkeit in Anspruch genommen. Ein ihn durchziehendes, in äußerst seine Röhrchen verzweigtes Gefäßnetz, die Luftröhren ( Tracheen) genannt, öffnet sich an bestimmten, zahlreichen Stellen, den Luftlöchern ( Stigmen), um allerwärts der Luft den Zutritt in das Innere zu gestatten. Kiemenbildung ist nicht ausgeschlossen und vor allem verdrängt sie bei den auch sonst als entschiedene Wassertiere nicht unwesentlich von den Land- und Luft-Gliederfüßlern abweichenden Krebsen die Luftlöcher.

Zu diesen Eigentümlichkeiten der Krebse, die von unsern weiteren Betrachtungen ausgeschlossen und dem folgenden Band vorbehalten bleiben, gehört auch der Stoff, aus welchem sie ihr Hautskelett aufbauen. Es besteht nämlich dem Wesen nach aus Kalk, während sich die Bedeckung der übrigen Gliederfüßler von einer unterliegenden Haut aus als höchst eigentümliche Masse schichtenweise ablagert. Dieselbe ist reich an Stickstoff, in Wasser, Weingeist, Äther, verdünnten Säuren oder auch in konzentrierten Alkalilaugen unlöslich und schmilzt nicht im Feuer wie das Horn, sondern glüht nur. Man hat sie unter dem Namen » Chitin« in die Wissenschaft eingeführt. Wenn somit das Chitin nur äußerlich dem Hornstoffe gleicht, trotzdem aber in Zukunft von Hornteilen oder hornigen Gebilden die Rede sein wird, so hat dies seinen Grund in der nun einmal eingebürgerten Ausdrucksweise, die nicht so leicht zu verdrängen ist, selbst wenn man längst ihre Ungenauigkeit vom wissenschaftlichen Standpunkt aus erkannt hat.

Diese wenigen Vorbemerkungen werden ausreichen, um den Formkreis der Gliederfüßler im allgemeinen zu charakterisieren und seinen Gegensatz zu den Rückgrattieren hervorzuheben; der letztere wird nach allen Seiten hin noch schärfer hervortreten, wenn wir im weiteren Verlaufe die einzelnen Abteilungen (Klassen) der Gliederfüßler näher betrachten. Es sind deren vier: die Kerbtiere oder Insekten, Tausendfüßler, Spinnen und Krebse, von denen nur die drei ersten diesem Bande angehören sollen.

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Im Wasser und auf dem Lande, an Pflanzen und Tieren, auf dem Lande kriechend oder in der Luft fliegend, allüberall, wo überhaupt tierisches Leben möglich, trifft man Insekten an, nur die hohe See muß ausgenommen werden, weil die wenigen Arten, die man in ihren Seetangen gefunden hat, zu vereinzelt sind. Je weiter nach den Polen hin, desto vereinzelter, desto ärmer an Arten, wenn auch manchmal in größeren Mengen derselben Art, treten sie auf; dementsprechend nehmen sie bis zum gänzlichen Verschwinden ab, je höher man auf den Schneebergen vordringt, wie beispielsweise auf den Alpen der Schweiz bei 2812 Meter Meereshöhe; zahlreicher, mannigfaltiger und wunderbarer in Form und Farbenpracht werden sie, je heißer der Himmelsstrich, in dem sie wohnen.

Die Insekten, Kerbtiere, Kerfe ( Hexapoda) erkennt man äußerlich daran, daß ihr gegliederter Körper in drei Hauptabschnitte zerfällt, von denen der Kopf zwei Fühlhörner und der Mittelleib sechs Beine, meist auch vier oder zwei Flügel trägt. Hinsichtlich ihrer Entwicklungsweise zeichnen sich die meisten durch Verwandlung ihrer Form auf den verschiedenen Altersstufen aus; sie bestehen, wie man sich kürzer ausdrückt, eine » Verwandlung« ( Metamorphose).

Der Kopf, für den Beschauer des vollkommen entwickelten Insekts aus einem einzigen Stücke bestehend und durch weiche Haut mit dem Mittelleibe verbunden, kann für sich allein bewegt werden, nach allen Seiten hin, wenn er frei vor jenem sitzt, mehr beschränkt, wenn er in die Höhlung vor dessen Vorderteile wie der Zapfen in seine Pfanne eingelassen ist, oder wohl gar von oben her davon überwuchert wird. Die Eingliedrigkeit ist jedoch nur eine scheinbare; denn in der ursprünglichen Anlage setzen ihn fünf Ringe, wie wir die einzelnen Glieder immer nennen werden, zusammen, von denen die beiden ersten die Augen und das Fühlerpaar, jeder der folgenden ein Kieferpaar trägt, sämtlich Werkzeuge, die für den Kerf von größter Bedeutung sind, für uns aber großenteils zu durchgreifende Unterscheidungsmerkmale darbieten, als daß wir sie mit Stillschweigen übergehen könnten. Bevor wir jedoch zu ihrer näheren Betrachtung übergehen, sei noch bemerkt, daß die Gegend zwischen den oberen Augenrändern die Stirn, der Raum hinter den hinteren Augenrändern bis nach der Mundöffnung hin die Wangen, die vordere Partie von der Stirn abwärts das Gesicht und der vorderste Teil desselben vor der Mundöffnung das Kopfschild ( clypeus) genannt wird.

Die Augen der Insekten sitzen zu beiden Seiten des Kopfes vollkommen fest. Dessenungeachtet dürfte der Kerf ein größeres Gesichtsfeld beherrschen als die Wirbeltiere mit ihren zwei beweglichen Augen. Ohne den Körper zu rühren, schaut er zugleich nach oben und unten, nach vorn und hinten, wie der flüchtige Schmetterling lehrt, der sich nicht beschleichen läßt, von welcher Seite man auch nahen mag. Der Grund von dieser Umsichtigkeit liegt in dem Baue des Insektenauges. Dasselbe besteht nämlich aus einer überraschenden Menge kleiner Äugelchen, deren Oberfläche sich als je ein regelmäßiges Sechseck schon bei mäßiger Vergrößerung erkennen läßt. In den

Morphologie und Anatomie der Insekten.

  1. Einteilung eines Insektenkörpers. a Kopf, b Vorderbrust, c Mittelbrust, d Hinterbrust, e Hinterleib.
  2. Insektenauge mit der facettenartigen Oberfläche, ein Teil geöffnet, so daß die pyramidenförmigen Einzelaugen sichtbar sind.
  3. Kopf der Honigbiene von vorn.
  4. Kopf eines Schmetterlings.
  5. Kopf von Cicada orni von vorn.
  6. Kopf des Procrustes coriaceus von unten.
  7. Rüssel von Tachina grossa. a Kinn, b Zunge, c Lippentaster, alle drei machen zusammen die Unterlippe aus. d Kinnbacken ( Mandibeln), e Kinnladen ( Maxillen), i Kiefertaster, k Kopfschild, o Oberlippe.

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