Das grüne Gesicht

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Kapitel 1 des Buches: Das grüne Gesicht

Gustav Meyrink

Das grüne Gesicht


Erstes Kapitel

Vexiersalon
van
Chidher Grün

las der vornehm gekleidete Fremde, der auf dem Fußsteig der Jodenbreestraat unschlüssig stehengeblieben war, auf der schwarzen Ladentafel eines schräg gegenüberliegenden Gebäudes eine kuriose Inschrift aus weißen, auffallend verschnörkelten Buchstaben.

Neugierig geworden, oder um der Menge nicht länger als Zielscheibe zu dienen, die ihn in holländisch bärenhafter Plumpheit umdrängte und ihre Glossen über seinen Gehrock, seinen blanken Zylinder und seine Handschuhe machte, – lauter Dinge, die in diesem Stadtteil Amsterdams zu den Seltenheiten gehörten, – überquerte er zwischen hundebespannten Gemüsekarren hindurch den Fahrdamm, gefolgt von ein paar Gassenbuben, die, die Hände tief in die unförmlich weiten, blauen Leinwandhosen vergraben, mit krummen Rücken, eingezogenem Bauch und gesenkten Häuptern, dünne Gipspfeifen durch die roten Halstücherknoten gesteckt, sich in schlurrenden Holzschuhen faul und schweigsam hinter ihm dreinschoben.

Das Haus, in dem der Laden des Chidher Grün in einen gürtelartig rings herumlaufenden, rechts und links bis in zwei parallele Quergäßchen sich hineinziehenden schmalen Glasvorbau mündete, schien, nach den trüben leblosen Fensterscheiben zu schließen, ein Warenspeicher zu sein, dessen Rückseite vermutlich in eine sogenannte Gracht abfiel – eine der zahlreichen, für den Handelsverkehr bestimmten Wasserstraßen.

In niedriger Würfelform aufgeführt, glich es dem oberen Teil eines dunklen viereckigen Turmes, der im Lauf der Jahre allmählich bis zum Rande seiner steinernen Halskrause – des jetzigen Glasvorbaues – in der weichen Torferde versunken war.

Mitten im Schaufenster des Ladens lag auf einem mit rotem Tuch bespannten Sockel ein dunkelgelber Totenkopf aus Papiermaché von unnatürlichem Aussehen, – der Oberkiefer unter der Nasenöffnung viel zu lang und die Augenhöhlen und Schatten um die Schläfen schwarz getuscht, – und hielt zwischen den Zähnen ein Pique-As.

Het Delpsche Orakel, of de stemm uit het Geesteryk, stand darüber geschrieben.

Große Messingringe, ineinandergreifend wie Kettenglieder, hingen von der Decke herab und trugen Girlanden grellbemalter Ansichtskarten, die warzenübersäte Gesichter von Schwiegermüttern mit Vorhängeschlössern an den Lippen darstellten oder bösartige, mit Besen drohende Ehegattinnen; andere Bildchen dazwischen in transparenten Farben: üppige junge Damen im Hemde, den Brustlatz schamhaft festhaltend, und darunter die Erklärung: Tegen het Licht te bekijken. Voor Gourmands.

Verbrecherhandschellen, als die berühmte Hamburger Acht bezeichnet, daneben ägyptische Traumbücher in Reihen ausgebreitet, künstliche Wanzen und Schwaben (ins Bierglas des Wirtshausnachbars zu werfen), bewegliche Nasenflügel aus Gummi, retortenförmige Glasflaschen mit rötlichem Saft gefüllt: das köstliche Liebesthermometer oder der unwiderstehliche Schäker in Damengesellschaft, Würfelbecher, Schüsseln mit Blechgeld, der Coupéschrecken (ein unfehlbares Mittel für die p. p. Herren Handlungsreisenden, während der Eisenbahnfahrt dauernde Bekanntschaften anzuknüpfen), bestehend aus einem Wolfsgebiß, das man unter dem Schnurrbart befestigen konnte, – und über all der Pracht reckte sich aus strumpfschwarzem Hintergrund segnend eine Wachsdamenhand, um das Gelenk eine papierne Spitzenmanschette.

Weniger aus Kauflust, als um der Fischgeruchsaura seiner beiden jugendlichen Begleiter zu entrinnen, betrat der Fremde den Laden.

In einem Lehnstuhl in der Ecke, den linken Fuß mit dem arabeskenverzierten Lackschuh über den Schenkel gelegt, studierte ein dunkelhäutiger Kavalier, violett rasiert und mit fettglänzendem Scheitel – der Typus eines Balkangesichtes – die Zeitung und blitzte einen messerscharfen, musternden Blick nach ihm, während gleichzeitig eine Art Waggonfenster in dem mannshohen Verschlag, der den Raum für die Kunden von dem Innern des Geschäftes trennte, prasselnd herabgelassen wurde und in der Öffnung die Büste eines dekolletierten Fräuleins mit hellblauen verführerischen Augen und blonder Pagenfrisur erschien.

Im Handumdrehen hatte sie an der Aussprache und dem stockenden Holländisch: Kaufen, gleichgültig was, irgend etwas, erkannt, daß sie einen Landsmann, einen Österreicher, vor sich habe, und begann ihre Erklärung eines Zauberkunststückes an drei rasch ergriffenen Korkpfropfen in deutscher Sprache, wobei sie den ganzen Charme wohlgeübter Weiblichkeit in allen Schattierungen spielen ließ, vom Stechen mit den Brüsten nach dem männlichen Gegenüber angefangen, bis zum fast telepathisch-diskreten Hautduftausstrahlen, das sie durch gelegentliches Achsellüften noch wirksamer zu gestalten verstand.

Sie sehen hier drei Stöpsel, mein Herr, nicht wahr? Ich lege den ersten in meine rechte Hand; hierauf den zweiten, und schließe die Hand. So. Den dritten stecke ich – sie lächelte errötend – in die Tasche. Wieviel habe ich in der Hand?

Zwei.

Nein, drei.

Es stimmte.

Dieses Kunststück heißt: die fliegenden Korke und kostet nur zwei Gulden, mein Herr.

Schön; bitte zeigen Sie mir den Trick!

Wenn ich vorher um das Geld bitten darf, mein Herr? Es ist Geschäftsusance.

Der Fremde legte zwei Gulden hin, bekam eine Wiederholung des Experimentes zu sehen, das lediglich auf Fingerfertigkeit beruhte, mehrere neuerliche Wellen weiblichen Hautgeruchs und schließlich vier Korkstöpsel, die er voll Bewunderung auf die kaufmännische Umsicht der Firma Chidher Grün und mit der festen Überzeugung, das Zauberkunststück niemals nachmachen zu können, einsteckte.

Sie sehen hier drei eiserne Gardinenringe, mein Herr, begann die junge Dame abermals, ich lege den ersten – – da wurde ihr Vortrag durch lautes Johlen, gemischt mit schrillen Pfiffen, von der Gasse her unterbrochen und gleichzeitig die Ladentür heftig aufgerissen und klirrend wieder ins Schloß geworfen.

Erschreckt drehte sich der Fremde um und erblickte eine Gestalt, deren wundersamer Aufzug sein höchstes Erstaunen erweckte.

Es war ein riesenhafter Zulukaffer mit schwarzem, krausem Bart und wulstigen Lippen, nur mit einem karierten Regenmantel bekleidet, einen roten Ring um den Hals und das von Hammeltalg triefende Haar kunstvoll in die Höhe gebürstet, so daß es aussah, als trüge er eine Schüssel aus Ebenholz auf dem Kopfe.

In der Hand hielt er einen Speer.

Sofort sprang das Balkangesicht aus dem Lehnstuhl, machte dem Wilden eine tiefe Verbeugung, nahm ihm dienstbeflissen die Lanze ab, stellte sie in einen Regenschirmständer, und nötigte ihn, mit verbindlicher Handbewegung einen Vorhang zur Seite ziehend, unter höflichem: Als t u belieft, Mijnheer; hoe gaat het, Mijnheer?, in ein Nebengemach einzutreten.

Bitt schön, vielleicht auch weiter zu kommen, wendete sich die junge Dame wieder an den Fremden und öffnete ihren Verschlag, und ein wenig Platz zu nehmen, bis sich die Menge beruhigt hat; dann eilte sie zur Glastür, die abermals aufgeklinkt worden war, stieß einen vierschrötigen Kerl, der breitbeinig auf der Schwelle stand und im Bogen hereinspuckte, mit einer Flut von Verwünschungen: stik, verrek, god verdomme, fall dood, stek de moord zurück und schob den Riegel vor.

Das Innere des Ladens, das der Fremde inzwischen betreten hatte, bestand aus einem durch Schränke und türkische Portièren abgeteilten Raum mit mehreren Sesseln und Taburetts in den Ecken, sowie einem runden Tisch in der Mitte, an dem zwei behäbige alte Herren, anscheinend Hamburger oder holländische Kaufleute, mit gebannter Aufmerksamkeit beim Lichte einer elektrisch montierten Moschee-Ampel in Guckkästen – kleine kinematographische Apparate, wie das Surren verriet – stierten.

Durch einen dunklen, aus Warenstellagen gebildeten Gang konnte man in ein kleines Bureau mit auf die Seitengasse mündenden Milchglasfenstern hineinblicken, in dem ein prophetenhaft aussehender alter Jude im Kaftan, mit langem weißem Bart und Schläfenlocken, ein rundes seidenes Käppi auf dem Haupte und das Gesicht im Schatten unsichtbar, regungslos vor einem Pulte stand und Eintragungen in ein Hauptbuch machte.

Sagen Sie, Fräulein, was war das vorhin für ein merkwürdiger Neger? fragte der Fremde, als die Verkäuferin wieder zu ihm trat und die Vorstellung mit den drei Gardinenringen fortsetzen wollte.

Der? Ich, das ist ein gewisser Mister Usibepu. Er ist eine Attraktion und gehört zu der Zulutruppe, die im Zirkus Carré auftritt. – Ein sehr fescher Herr, setzte sie mit leuchtenden Augen hinzu. Er ist in seiner Heimat medicinae doctor – – –

Ja, ja, Medizinmann, – ich verstehe.

Ja, Medizinmann. Und da lernt er bei uns bessere Sachen, um, wenn er wieder heimkommt, seinen Landsleuten gehörig imponieren zu können und sich gelegentlich auf den Thron zu schwingen. – Der Herr Professor des Pneumatismus, Herr Zitter Arpád aus Preßburg, unterrichtet ihn grad, – sie hielt mit den Fingern einen Schlitz im Vorhang auseinander und ließ den Fremden in ein mit Whistkarten austapeziertes Kabinett schauen.

Zwei Dolche kreuzweis durch die Gurgel gestochen, so daß die Spitzen hinten herausragten, und ein blutbeflecktes Beil tief in einer klaffenden Schädelwunde steckend, verschluckte das Balkangesicht soeben ein Hühnerei und zog es dem Zulukaffern, der abgelegt hatte und sprachlos vor Staunen, nur mit einem Leopardenfell bekleidet, vor ihm stand, aus dem Ohr wieder heraus.

Gern hätte der Fremde noch mehr gesehen, aber die junge Dame ließ rasch die Portière fallen, da ihr der Herr Professor einen verweisendem Blick zuwarf und ein schrilles Klingeln sie überdies ans Telephon rief.

Seltsam bunt wird das Leben, wenn man sich Mühe gibt, es in der Nähe zu betrachten, und den sogenannten wichtigen Dingen den Rücken kehrt, die einem nur Leid und Verdruß bringen, dachte der Fremde, nahm von einem Bord, auf dem allerhand billiges Spielzeug lag, eine kleine offene Schachtel herunter und roch zerstreut daran. Sie war angefüllt mit winzigen, geschnitzten Kühen und Bäumchen, deren Laub aus grün gebeizter Holzwolle bestand.

Der eigentümliche Duft nach Harz und Farbe nahm ihn einen Augenblick ganz gefangen. – Weihnachten! Kinderjahre! Atemloses Warten vor Schlüssellöchern; ein wackliger Stuhl mit rotem Rips überzogen, – ein Ölfleck darin. Der Spitz – Durudeldutt, ja, ja, so hat er geheißen – knurrt unter dem Sofa und beißt der beweglichen Schildwache ein Bein ab, kommt dann, das linke Auge zusammengekniffen, schwerverstimmt hervorgekrochen: die Feder des Uhrwerkes ist losgegangen und ihm ins Gesicht gesprungen. – Die Tannennadeln knistern, und die brennenden roten Kerzen am Christbaum haben lange Tropfbärte. –

Nichts vermag die Vergangenheit so schnell wieder jung zu machen, wie der Lackgeruch von Nürnberger Spielzeug, – der Fremde schüttelte den Bann ab, es wächst nichts Gutes aus der Erinnerung: Erst läßt sich alles süß an, dann hat das Leben eines Tages plötzlich ein Oberlehrergesicht, um einen schließlich mit blutrünstiger Teufelsfratze – – – nein, nein, ich will nicht! – er wandte sich dem drehbaren Büchergestell zu, das neben ihm stand. Lauter Bände in Goldschnitt? – Kopfschüttelnd buchstabierte er die wundersamen, ganz und gar nicht zur übrigen Umgebung passenden, gekerbten Rückentitel: Leidinger, G., Geschichte des akademischen Gesangvereins Bonn, Aken, Fr., Grundriß der Lehre vom Tempus und Modus im Griechischen, Neunauge, K. W., Die Heilung der Hämorrhoiden im klassischen Altertum? – nun, Politik scheint, Gott sei Dank, nicht vertreten zu sein – und er nahm: Aalke Pott, Über den Lebertran und seine steigende Beliebtheit, 3. Band vor und blätterte darin.

Der miserable Druck und das elende Papier standen in verblüffendem Gegensatz zu dem kostbaren Einband.

Sollte ich mich geirrt haben? Handelt es sich vielleicht gar nicht um eine Hymne auf ranziges Öl? – der Fremde schlug die erste Seite auf und las erheitert:

Sodom- und Gomorrhabibliothek
Ein Sammelwerk für Hagestolze.
(Jubiläumsausgabe.)
Bekenntnisse eines lasterhaften
Schulmädchens.
(Fortsetzung des berühmten Werkes:
Die Purpurschnecke)

Wahrhaftig, man glaubt die Grundlage des zwanzigsten Jahrhunderts vor sich zu haben: außen brummliges Gelehrtengetue und innen – der Schrei nach Geld oder Weibern, brummte er vergnügt und lachte dann laut hinaus.

Nervös fuhr der eine der beiden wohlbeleibten Handelsherren von seinem Guckkasten empor (der andere, der Holländer, ließ sich nicht stören), murmelte verlegen etwas von wunnerschoenen Sstädteansichten und wollte sich schnell entfernen, nach Kräften bestrebt, seinem durch den überstandenen optischen Genuß ein wenig ins Schweinskopfartige zerflossenen Gesichtsausdruck wieder das altgewohnte Gepräge des unentwegt auf geradlinig strenge Lebensauffassung gerichteten Edelkaufmanns zu verleihen, da leistete sich der satanische Versucher aller Schlichtgesinnten in Gestalt eines hämischen Zufalls, aber fraglos in der Absicht, die Seele des Biedermanns nicht länger im Unklaren zu lassen, in welch frivoler Umgebung sie sich befand, einen höchst unziemlichen Scherz:

Durch eine allzu eilige Flatterbewegung beim Anziehen des Mantels hatte der Handelsherr mit dem Ärmel das Pendel einer großen Wanduhr in Bewegung gesetzt, und sofort fiel eine mit trauten Familienszenen bemalte Klappe herunter; nur erschien statt des zu erwartenden Kuckucks der wächserne Kopf nebst spärlich bekleideten Oberleib einer über die Maßen frechblickenden Frauensperson und sang zum feierlichen Glockenklang der zwölften Stunde mit verschleimter Stimme:

Tischlah sejen
ganz verwejen,
hobeln flott drauf los;
fein und glatt
wird das Blatt – – –

Blatt, Blatt, Blatt – ging es plötzlich, sich rhythmisch wiederholend, in einen krächzenden Baß über. Entweder hatte der Teufel ein Einsehen oder war ein Haar ins Grammophongetriebe geraten.

Nicht länger gesonnen, neckischen Kobolden zum Opfer zu fallen, suchte der Chef der Meere mit empört gequäktem aarch anstößich fluchtartig das Weite.

Obschon mit der Sittenreinheit nordischer Völkerstämme wohl vertraut, konnte sich der Fremde dennoch die übermäßige Verwirrung des alten Herrn nicht recht erklären, bis ihm langsam der Verdacht dämmerte, er müsse ihn irgendwo kennengelernt haben, – ihm wahrscheinlich in einer Gesellschaft vorgestellt worden sein. Ein schnell vorübergehendes, damit verknüpftes Erinnerungsbild: eine ältere Dame mit feinen traurigen Zügen und ein schönes junges Mädchen, bestärkte ihn in seiner Annahme, nur konnte er sich des Ortes und der Namen nicht mehr entsinnen.

Auch das Gesicht des Holländers, der soeben aufstand, ihn mit kalten, wasserblauen Augen verächtlich von oben bis unten abschätzte und sich dann träge hinauswälzte, half seinem Gedächtnis nicht nach. Es war ein ihm völlig Unbekannter von brutalem, selbstbewußten Aussehen.

Immer noch telephonierte die Verkäuferin.

Nach ihren Antworten zu schließen, handelte es sich um große Aufträge für einen Polterabend.

Eigentlich könnte ich auch gehen, überlegte der Fremde; worauf warte ich denn noch?

Ein Gefühl der Abspannung überfiel ihn; er gähnte und ließ sich in einen Sessel fallen.

Daß einem nicht der Kopf zerspringt, oder man sonstwie überschnappt, schälte sich ein Gedanke in seinem Hirn los, bei all dem verrückten Zeug, das das Schicksal um einen herumstellt! Es ist ein Wunder! – Und warum man im Magen Übelkeit empfindet, wenn die Augen häßliche Dinge hineinschlingen?! Was hat denn, um Gottes willen, die Verdauung damit zu tun! – Nein, mit der Häßlichkeit hängts nicht zusammen, grübelte er weiter, auch bei längerem Verweilen in Gemäldegalerien packt einen unvermutet der Brechreiz. Es muß so etwas wie eine Museumskrankheit geben, von der die Ärzte noch nichts wissen. – Oder sollte es das Tote sein, das von allen Dingen, ob schön oder häßlich, ausgeht, die der Mensch gemacht hat? Ich wüßte nicht, daß mir schon einmal beim Anblick selbst der ödesten Gegend übel geworden wäre, – also wird es wohl so sein. – Ein Geschmack nach Konservenbüchsen haftet allem an, das den Namen Gegenstand trägt; man kriegt den Skorbut davon. – Er mußte unwillkürlich lächeln, da ihm eine barocke Äußerung seines Freundes Baron Pfeill, der ihn für Nachmittag ins Café De vergulde Turk bestellt hatte und alles, was mit perspektivischer Malerei zusammenhing, aus tiefster Seele haßte, einfiel: Der Sündenfall hat gar nicht mit dem Apfelessen begonnen; das ist wüster Aberglaube. Mit dem Bilderaufhängen in den Wohnungen hats angefangen! Kaum hat einem der Maurer die vier Wände schön glatt gemacht, schon kommt der Teufel als Künstler verkleidet und malt einem Löcher mit Fernblick hinein. Von da bis zum äußersten Heulen und Zähneklappern ist dann nur noch ein Schritt und man hängt eines Tages in Orden und Frack neben Isidor dem Schönen oder sonst einem gekrönten Idioten mit Birnenschädel und Botokudenschnauze im Speisezimmer und schaut sich selber beim Essen zu. – – – Ja, ja, man sollte wirklich bei allem und jedem ein Lachen bereit haben, fuhr der Fremde in seiner Gedankenreihe fort, so ganz ohne Grund lächeln die Statuen Buddhas nicht, und die der christlichen Heiligen sind tränenüberströmt. Wenn die Menschen häufiger lächeln würden, gäbs vermutlich weniger Kriege. – Da laufe ich nun schon drei Wochen in Amsterdam herum, merke mir absichtlich keine Straßennamen; frage nicht, was ist das oder jenes für ein Gebäude, wohin fährt dieses oder jenes Schiff, oder woher kommt es, lese keine Zeitungen, um nur ja nicht als Neuestes zu erfahren, was schon vor Jahrtausenden in Blau genau so passiert ist; ich wohne in einem Hause, in dem jede Sache mir fremd ist, bin schon bald der einzige – Privatmann, den ich kenne; wenn mir ein Ding vor Augen kommt, spioniere ich längst nicht mehr, wozu es dient, – es dient überhaupt nicht, läßt sich nur bedienen! – und warum tue ich das alles? Weil ich es satt habe, den alten Kulturzopf mit zu flechten: erst Frieden, um Kriege vorzubereiten, dann Krieg, um den Frieden wiederzugewinnen usf.; weil ich wie Kasper Hauser eine neue urfremde Erde vor mir sehen will, – ein neues Staunen kennen lernen will, wie es ein Säugling an sich erfahren müßte, der über Nacht zum erwachsenen Manne heranreift, – weil ich ein Schlußpunkt werden will und nicht ewig ein Komma bleiben. Ich verzichte auf das geistige Erbe meiner Vorfahren zugunsten des Staates und will lieber lernen, alte Formen mit neuen Augen zu sehen, statt, wie bisher, neue Formen mit alten Augen; vielleicht gewinnen sie dann ewige Jugend! – Der Anfang, den ich gemacht habe, war gut; nur muß ich noch lernen, über alles zu lächeln und nicht bloß zu staunen.

Nichts wirkt so einschläfernd wie geflüsterte Reden, deren Sinn dem Ohre unverständlich bleibt. Die in leisem Ton und großer Hast geführten Gespräche zwischen dem Balkangesicht und dem Zulukaffern hinter dem Vorhang betäubten den Fremden durch ihre hypnotisierend eintönige Unablässigkeit, so daß er einen Moment in tiefen Schlummer fiel.

Als er sich gleich darauf wieder emporriß, hatte er die Empfindung, eine überwältigende Menge innerer Aufschlüsse bekommen zu haben; aber nur ein einziger dürrer Satz war als Quintessenz in seinem Bewußtsein zurückgeblieben, – eine phantastische Verkettung von kürzlich erlebten Eindrücken und fortgesponnenen Gedanken: Schwerer ist es, das ewige Lächeln zu erringen, als den Totenschädel in den abertausend Gräbern der Erde herauszufinden, den man in einem früheren Leben auf den Schultern getragen; erst muß der Mensch sich die alten Augen aus dem Kopf weinen, bevor er die Welt mit neuen Augen lächelnd zu betrachten vermag.

Und wenn es noch so schwer ist, der Totenschädel wird gesucht! verbiß sich der Fremde hartnäckig in die Traumidee, felsenfest überzeugt, daß er vollkommen wach sei, während er in Wirklichkeit wieder tief eingenickt war, ich werde die Dinge schon zwingen, deutsch mit mir zu reden und mir ihren wahren Sinn zu verraten, und zwar in einem neuen Alphabet, statt mir, wie früher, mit wichtigtuerischer Miene alten Kram ins Ohr zu raunen, wie: Siehe, ich bin ein Medikament und mache dich gesund, wenn du dich überfressen hast, oder ich bin ein Genußmittel, damit du dich überfressen und wieder zum Medikament greifen kannst. – Hinter den Witz, daß sich alles in den Schwanz beißt, wie mein Freund Pfeill sagt, bin ich nachgerade gekommen, und wenn das Leben keine gescheiteren Lektionen aufzugeben weiß, gehe ich in die Wüste, nähre mich von Heuschrecken und kleide mich in wilden Honig.

Sie wollen in die Wüste gehen und die höhere Zauberei lernen, – nebbich –, wo Sie noch so dumm sind, einen albernen Trick mit Korkstöpseln bar in Silber zu bezahlen, einen Vexiersalon von der Welt kaum unterscheiden können und nicht einmal ahnen, daß in den Büchern des Lebens etwas anderes steht, als hinten draufgedruckt ist? – Sie sollten Grün heißen und nicht ich, hörte der Fremde plötzlich eine tiefe, bebende Stimme auf seine Reminiszenzen antworten und, als er erstaunt aufblickte, stand der alte Jude, der Inhaber des Ladens, im Raum und starrte ihn an.

Der Fremde entsetzte sich; ein Gesicht, wie das vor ihm, hatte er noch nie gesehen.

Es war faltenlos, mit einer schwarzen Binde über der Stirn, und dennoch tief gefurcht, so, wie das Meer tiefe Wellen hat und doch nie runzlig ist. – Die Augen lagen darin wie finstere Schlünde und waren trotzdem die Augen eines Menschen und keine Höhlen. Die Farbe der Haut spielte ins Olive und war wie aus Erz; so, wie es die Geschlechter der Vorzeit, von denen es heißt, sie wären gleich schwarzgrünem Gold gewesen, ähnlich gehabt haben mögen.

Seit der Mond, der Wanderer, am Himmel kreist, sprach der Jude weiter, bin ich auf der Erde. Ich habe Menschen gesehen, die waren wie Affen und trugen steinerne Beile in den Händen; sie kamen und gingen von Holz – er zögerte eine Sekunde – zu Holz, von der Wiege zum Sarg. Wie Affen sind sie noch immer – und tragen Beile in den Händen. Es sind Abwärtsstarrer und wollen die Unendlichkeit, die im Kleinen verborgen liegt, ergründen.

Daß im Bauch der Würmer Millionen von winzigen Wesen leben und in diesen wieder Milliarden, haben sie ergründet, aber noch immer wissen sie nicht, daß es auf diese Art kein Ende nimmt. Ich bin ein Abwärtsstarrer und ein Aufwärtsstarrer; das Weinen habe ich vergessen, aber das Lächeln habe ich noch nicht gelernt. – Meine Füße sind naß gewesen von der Sintflut, aber ich habe keinen gekannt, der Grund zum Lächeln gehabt hätte; mag sein, ich habe ihn nicht beobachtet und bin an ihm vorübergegangen.

Jetzt spült an meine Füße ein Meer von Blut, und da soll einer kommen, der lächeln darf? Ich glaubs nicht. – Ich werde wohl warten müssen, bis das Feuer selbst Woge wirft.

Der Fremde zog sich den Zylinder über die Augen, um das schreckliche Gesicht, das sich immer tiefer in seine Sinne einfraß und seinen Atem stocken machte, nicht länger zu sehen, und daher bemerkte er nicht, daß der Jude zum Pult zurückging, die Verkäuferin auf den Zehenspitzen an seine Stelle trat, einen Totenkopf aus Papiermaché, ähnlich dem in der Auslage, aus dem Schrank nahm und geräuschlos auf ein Taburett stellte.

Als dem Fremden plötzlich der Hut vom Kopf rutschte und zu Boden fiel, hob sie ihn blitzschnell auf, noch ehe sein Besitzer danach greifen konnte, und begann gleichzeitig ihren Vortrag:

Sie sehen hier, mein Herr, das sogenannte Delphische Orakel; durch es sind wir jederzeit in der Lage, einen Blick in die Zukunft zu tun und sogar Antworten auf Fragen, die in unserm Herzen – sie schielte aus unbekannten Gründen in ihren Busenausschnitt – schlummern, zu erhalten. Ich bitte, mein Herr, im Geiste eine Frage zu tun!

Ja, ja, schon gut, brummte der Fremde, noch ganz verwirrt.

Sehen Sie, der Schädel bewegt sich bereits!

Langsam öffnete der Totenkopf das Gebiß, kaute ein paarmal, spuckte eine Papierrolle aus, die die junge Dame hurtig auffing und entrollte, und klapperte dann erleichtert mit den Zähnen; –

Ob deiner Seele Sehnsucht in
Erfüllung geht? – Fahr drein
mit fester Hand und setz das
Wollen an der Wünsche Statt!

stand mit roter Tinte – oder war es Blut? – auf dem Streifen geschrieben.

Schade, daß ich mir nicht gemerkt habe, was es für eine Frage war, dachte der Fremde. – Kostet?

Zwanzig Gulden, mein Herr.

Schön. Bitte –, der Fremde überlegte, ob er den Schädel gleich mitnehmen solle, – nein, es geht nicht, man würde mich auf der Straße für den Hamlet halten, sagte er sich, bitte, schicken Sie ihn mir in meine Wohnung; hier ist das Geld.

Er warf unwillkürlich einen Blick in das Bureau am Fenster, – mit verdächtiger Unbeweglichkeit stand der alte Jude vor seinem Pult, als hätte er die ganze Zeit über nichts als Eintragungen ins Hauptbuch gemacht, – dann schrieb er auf einen Block, den die Verkäuferin ihm hinhielt, seinen Namen nebst Adresse:

Fortunat Hauberrisser
Ingenieur
Hooigracht Nr. 47

und verließ, noch immer ein wenig betäubt, den Vexiersalon.


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