Auf den Vulkaninseln der Aleuten

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Auf den Vulkaninseln der Aleuten.

Von W. Belka.

1. Kapitel.

Die Flucht.

Es war bei der Abendtafel, als Doktor Vollmer seiner Landsmännin Frau Helgard heimlich einen Zettel zusteckte, den sie unauffällig verbarg. Sie war geistesgegenwärtig genug, sich nicht merken zu lassen, wie sehr sie diese Art Nachrichtenübermittlung im ersten Augenblick in Erstaunen setzte. Dann aber fiel ihr ein, daß die Stimmung unter den Passagieren der ersten Kajüte des ?Okitu Maru?, wie der von Yokohama nach San Franzisko bestimmte japanische Dampfer hieß, seit zwei Tagen auffallend umgeschlagen war. Die bisherige zwanglose Heiterkeit und Liebenswürdigkeit der zumeist aus reichen Japanern bestehenden Reisegesellschaft ihr gegenüber hatte plötzlich aufgehört und einer kühlen, teilweise fast feindseligen Zurückhaltung Platz gemacht.

Die vier Deutschen an Bord des ?Okitu Maru? ahnten, worauf dies zurückzuführen war. Hatte man doch schon bei der Abfahrt in Yokohama allerlei Gerüchte vernommen, daß Japan sich der Entente anschließen werde, um die deutsche Kolonie Kiautschau in seinen Besitz zu bringen.

Hieran hatte Frau Helgard gedacht, als Doktor Vollmer ihr das Papierröllchen in die Hand gedrückt hatte. Sicherlich würde dieses wichtige Dinge enthalten, sagte sich die Dame mit Recht, und ermunterte daher ihren vierzehnjährigen Knaben, der neben ihr an der Tafel saß, wiederholt durch leise Worte, sich bei der Mahlzeit möglichst zu beeilen.

Das Gespräch bei Tisch schleppte sich heute auch recht mühselig hin. Frau Helgard fühlte, daß sie von allen Seiten beobachtet wurde, glaubte auch in mehr als einem Blick Schadenfreude und heimliche Feindseligkeit zu lesen.

Doktor Vollmer, ein noch junger Schriftsteller, der gerade auf einer Studienreise begriffen war, als der Weltkrieg ausbrach, saß ihr gegenüber, vermied es aber, sie in ein Gespräch zu verwickeln und unterhielt sich zwanglos und lebhaft mit einem holländischen Arzte, der jahrelang auf Java im Dienste der niederländischen Kolonialregierung tätig gewesen war.

Jetzt erhob Frau Helgard sich, verbeugte sich leicht und schritt, gefolgt von ihrem Sohne, der breiten Treppe zu, die in die Kabinen des zweiten Decks hinabführte.

Hier hatte das Ehepaar Helgard mit seinem einzigen Kinde zwei Räume inne, die durch eine Tür miteinander verbunden waren.

Professor Helgard, der bis vor vierzehn Tagen noch an der Technischen Hochschule in Tokio als Lehrer für Maschinenbaufach tätig gewesen war, dann aber wegen ständiger Malariaanfälle diese Stellung aufgeben mußte und sich nun nach San Franzisko begeben wollte, lag in dem einen Bett der größeren der beiden Kabinen und hob jetzt nur matt den Kopf, als seine Gattin an sein Krankenlager trat.

?Es muß etwas Besonderes passiert sein?, flüsterte sie ihm hastig zu. ?Vollmer hat mir vorhin diesen Zettel zugesteckt.?

Sie setzte sich auf den Bettrand, und gemeinsam überflogen sie nun die mit Bleistift geschriebenen Zeilen.

?Nachmittags vier Uhr Funkspruch, daß Japan sich mit Deutschland seit gestern im Kriegszustand befindet. Japanischer Kreuzer ?Osaka? trifft nach drahtloser Verabredung heute Nacht gegen ein Uhr mit ?Okitu Maru? zusammen. Wir sollen als Kriegsgefangene auf den Kreuzer übernommen werden. Der zweite Funkentelegraphist Hart ist kein Engländer, sondern ein guter Deutscher wie wir. Er will uns forthelfen. Wie er das anzustellen gedenkt, ist mir unklar. Wir sollen uns aber ganz auf ihn verlassen.? ? ?

Anderthalb Stunden später ließ der Telegraphist Hart, der von zehn Uhr abends ab Nachtdienst hatte, den Kapitän des Dampfers durch einen Matrosen in das Funkerhäuschen auf dem Oberdeck rufen, zeigte ihm eine angeblich soeben von dem Kreuzer eingegangene Depesche, nach der die ?Osaka? aus bestimmten Gründen weiter im Nordosten des Kurses des Passagierschiffes bleiben würde. Die an Bord befindlichen Deutschen sollten sofort mit der Barkasse dem Kriegsschiff entgegengeschickt werden, ebenso ein gewandter Funkentelegraphist, der imstande sei, den zweiten auf der ?Osaka? befindlichen, schlecht arbeitenden Apparat in Ordnung zu bringen. Die Barkasse solle genau nordöstlichen Kurs steuern und würde durch Scheinwerferblitze auf den Kreuzer aufmerksam gemacht werden.

Der kleine, graubärtige Japs beeilte sich, dem Befehle des Kreuzers nachzukommen. Sein Dampfer besaß ja in der Tat eine ganz neue Motorbarkasse, die sehr schnell lief und bei einigermaßen ruhigem Wetter völlig seetüchtig war.

Eine Viertelstunde später waren die Familie Helgard sowie Doktor Vollmer mit ihrem Gepäck auf das Motorboot gebracht, auf dem sich auch bereits der Funkentelegraphist befand, der sehr wohl gewußt hatte, daß nur er für die auf dem Kreuzer zu leistende Arbeit in Betracht kommen könne.

Außer diesen fünf Personen waren noch drei Matrosen an Bord der Barkasse, die nach Erledigung ihres Sonderauftrages den Dampfer bald wieder einholen mußte, da sie gut vier Knoten in der Stunde mehr machte als der ?Okitu Maru?.

Den kranken Gelehrten hatte man in der mit einem Öltuchdach versehenen kleinen Kajüte untergebracht. Er lag in Decken gehüllt auf der einen Polsterbank, während seine Gattin, sein Sohn und der junge Schriftsteller ihm gegenüber auf der andern Platz genommen hatten. An der Decke brannte eine Petroleumlaterne, die an ihrem Draht langsam hin und herpendelte.

Vollmer, ein großer, hagerer Mensch mit glattrasiertem, sonngebräuntem Gesicht, wußte nicht, was er von alledem halten solle. Er hatte bisher keine Gelegenheit mehr gehabt, mit Hart auch nur ein paar Worte zu wechseln.

Jetzt fuhr die Barkasse davon. Kaum war sie ein Stück von dem großen Passagierdampfer, der sich quer gegen die Wellen gelegt hatte, entfernt, als sie gehörig zu stampfen begann und manchen Spritzer über Bord bekam. ? Hart, der bisher neben dem das Steuerruder bedienenden Japaner gesessen hatte, erhob sich, schüttelte die Tropfen von seinem Rock und erklärte, er habe keine Lust, hier bis auf die Haut naß zu werden. Er wolle daher ebenfalls in die Kajüte, wo er auch gleich die Gefangenen beaufsichtigen könne.

Als er durch den von einem Öltuchvorhang verschlossenen Eingang eintrat, brüllte er sofort den Doktor auf englisch grob an ? zum Schein natürlich nur.

?Sie haben sich hier nicht zu unterhalten ?!! Verstehen Sie ?!! Sonst bringe ich Sie auf recht energische Weise zum Schweigen!?

Einer der japanischen Matrosen steckte darauf den Kopf durch das Oberlichtfenster hinein und fragte, was es gebe.

?Schon gut!? meinte Hart. ?Die verd? Deutschen schwatzten hier, als ob sie sich auf einer Vergnügungsfahrt befänden. Ich werde schon aufpassen, daß hier Ordnung herrscht.?

Der Japaner verschwand wieder, und der Telegraphist setzte sich nun neben Vollmer in eine Ecke der kleinen Kajüte, wo man sich ungestört leise unterhalten konnte, da das Rattern des Motors jedes geflüsterte Wort übertönte.

?Entschuldigen Sie, Herr Doktor?, begann Hart sofort, ?daß ich Sie so unliebenswürdig behandelt habe. Die Gelben sind jedoch eine mißtrauische Gesellschaft. Jetzt werden sie keinerlei Verdacht schöpfen, wenn ich längere Zeit hier unten bleibe. ? Habe ich die Geschichte nicht fein eingefädelt?! Das zweite Telegramm des Kreuzers, auf das hin wir jetzt so eilig nach Nordost jagen, war natürlich Schwindel. Und die gelben Affen werden ihre Fratzen schön langziehen, wenn sie sich nachher auf dem Kurse des ?Okitu Maru? wirklich begegnen und wir dann ? futsch sind.?

Hart lachte leise in sich hinein. Er war ein mittelgroßer, breitschultriger Mensch, der mit seinem blonden, ganz kurz geschnittenen Schnurrbärtchen und der breiten, etwas brutalen Kinnpartie sehr gut für einen Engländer gelten konnte, zumal er deren Sprache tadellos beherrschte.

?Sie werden sich vielleicht wundern?, fuhr er fort, ?daß ich als guter Deutscher mich hier in Japan zum Briten gemacht habe. Das geschah nur des besseren Fortkommens wegen. Die japanischen Dampferlinien stellen als Funker nicht gern Deutsche ein. Dahinter dürfte die englische Botschaft in Tokio stecken, die Japan ebenso in vieler Beziehung bevormundet wie die Herren Briten dies überall mit ihren Verbündeten tun. ? Doch nun zu unserer Lage und unseren Aussichten, ein neutrales Land zu erreichen. Als solches kommt nur Amerika in Frage. Wir befinden uns jetzt etwa auf ein Drittel des Weges nach San Franzisko. Die Benzinmenge, die die Barkasse mit sich führt, reicht etwa für drei Tage. Da wir nun San Franzisko auf keinen Fall wegen der dort lauernden englischen Kreuzer, die jedes deutsche Schiff abzufangen suchen, anlaufen dürfen, müssen wir einen der nördlichen Häfen der Vereinigten Staaten zu erreichen suchen, etwa Eureka oder Astaria. Hierzu werden wir, wenn wir die Notsegelausrüstung der Barkasse benutzen, etwa zwölf Tage gebrauchen. Der in unserem Boot vorhandene Proviant wird jedoch bei allergrößter Einschränkung nur sechs Tage hinlangen. Mithin müssen wir zusehen, ob wir nicht einem neutralen Fahrzeug begegnen, das uns für viele gute Worte und noch mehr klingende Münze unsere Vorräte ergänzt. Dann wäre die Frage zu erledigen, wie wir die drei Japaner überwältigen. Nur der Obermatrose besitzt einen Revolver. Dieser Gelbe wäre also zuerst unschädlich zu machen. Ich werde ihn jetzt gleich in die Kajüte rufen, und dann soll er erfahren, wie schnell ihm unter zwei deutschen Fäusten die Luft knapp wird. Mit den beiden anderen haben wir dann leichteres Spiel.?

Vollmer, der auf seinen ziemlich zahlreichen Reisen nach fremden Erdteilen ? er war von Hause aus sehr vermögend ? schon mancherlei erlebt hatte, vereinbarte dann mit dem Telegraphisten alles ganz genau, so daß ein Mißlingen des ganzen Planes kaum zu befürchten stand.

Nur etwas stimmte ihn bedenklich. Er fürchtete, daß der Kreuzer sich womöglich durch einen neuen Funkspruch mit dem ?Okitu Maru? in Verbindung setzen und daß hierdurch nur zu schnell die Fälschung der einen Depesche entdeckt werden könne.

Hart hatte hieran noch gar nicht gedacht. ?Schade!? meinte er. ?Und es wäre doch so leicht gewesen, den Apparat des Dampfers in Unordnung zu bringen ?! Daß ich das vergessen habe, ist allerdings unangenehm! ? Nun ? vertrauen wir auf die Dunkelheit der Nacht! Bis es hell wird, dürfen wir so weit weg sein, daß es dem Japaner schwerfallen sollte, uns aufzuspüren. Zur Sicherheit wollen wir deshalb auch weiter nach Nordost steuern, da der Kreuzer uns mehr im Osten, eben auf der kürzesten Route nach dem Festlande von Nordamerika, suchen wird. ? Jetzt aber ans Werk! ? Ich werde den Japaner zu uns locken, und Sie helfen mir dann bitte, ihn zu fesseln. Schneiden Sie dort die Schnüre der Fenstervorhänge ab. Sie werden für unsere Zwecke genügen.? ?

Die Überwältigung der drei Japaner gelang ohne jede Schwierigkeit. Sie wurden in dem kleinen Verschlag im Hinterschiff untergebracht, aus dem man vorher alle Sachen herausgeschafft hatte. Hier konnten sie keinerlei Schaden anrichten. Die Tür war recht fest, und zu allem Überfluß mußte zunächst noch Fritz Helgard, ein aufgeweckter, kräftiger Junge, vor dem Ausgang Wache halten. Vollmer hatte ihm für dieses Wächteramt den Revolver des Japaners ausgehändigt, und der Knabe war nicht wenig stolz auf das Vertrauen, das man in ihn setzte.

Während Karl Hart den Motor bediente, eine Arbeit, die ihm nichts neues mehr war, übernahm Doktor Vollmer das Steuer. Frau Helgard wieder, die sich durchaus ebenfalls nützlich machen wollte, mußte beim Schein einer Laterne die im Vorschiff lagernden Proviantvorräte, sämtlich Konserven, genau durchsehen und zählen.

Es war jetzt ein Uhr morgens geworden. Der ?Okitu Maru? war also sehr wahrscheinlich bereits zu seiner Überraschung mit dem Kreuzer zusammengetroffen, so daß man vermuten konnte, daß die ?Osaka? die Verfolgung der Flüchtlinge schon aufgenommen habe.

Die dunkle, sternenlose Nacht mußte es dem Kreuzer allerdings außerordentlich erschweren, hier auf der unendlichen Wasserwüste des nördlichen Teiles des Stillen Ozeans die Barkasse zu finden. Hierauf rechnete Hart auch mit größter Bestimmtheit, so daß er den kommenden Dingen mit aller Zuversicht entgegensah.

Leider hatte er jedoch nicht damit gerechnet, daß es der ?Osaka? ein leichtes war, durch Funkensprüche alle in der Nähe befindlichen japanischen, auch englischen und französischen Schiffe, zu alarmieren. Steuerte die Barkasse doch vorläufig noch einen Kurs, der eine vielbefahrene Schiffsroute, eben den Verbindungsweg von Japan nach den kalifornischen Häfen, senkrecht durchschnitt.

Um drei Uhr morgens begegnete das Motorboot einem Frachtdampfer, der die Flagge eingezogen hatte. Das kam dem Telegraphisten, der in seemännischen Dingen gute Erfahrungen besaß, verdächtig vor. Ein neutrales Schiff hatte keinen Grund, seine Nationalität zu verheimlichen. Und ein deutsches oder zu den Zentralmächten gehöriges konnte es nicht sein. Die hatten längst einen schützenden Hafen aufgesucht. ? Hart erschien es daher ratsam, dem Frachtdampfer auszuweichen, dem man sich inzwischen bis auf achtzig Meter genähert hatte, so daß dessen funkentelegraphische Einrichtung zwischen den beiden Masten deutlich zu erkennen war.

Plötzlich huschte von der Spitze des Dampfers ein weißer Lichtkegel über das Wasser und blieb auf der Barkasse haften. Gleich darauf kam auch der Befehl zum Stoppen mittelst Sprachrohr herüber. ? Hart rief dem Doktor schnell ein paar Worte zu, und in kurzem Bogen suchte das Motorboot aus dieser ungemütlichen Nachbarschaft wegzukommen.

Kaum war das Manöver der Barkasse drüben bemerkt worden, als ein paar Schüsse knallten, die sämtlich dem das Steuer führenden Doktor gegolten hatten, von denen zum Glück jedoch auch nicht einer traf. Das dem Frachtschiff an Schnelligkeit weit überlegene Motorboot war schnell außer Feuerbereich und tauchte wieder in der Dunkelheit der Nacht unter.

Hart kam jetzt für einen Augenblick nach hinten.

?Die Sache sieht faul aus, Herr Doktor!? meinte er. ?Ich fürchte fast, der Kreuzer hat die Nachricht von unserer Flucht schon weitergegeben. Sonst hätte der Frachtdampfer uns nicht so warm empfangen. Wir müssen weiter nach Norden hinaufgehen ? es hilft nichts! Nur dort sind wir leidlich sicher.?

2. Kapitel.

Auf den Aleuten.

Vier Tage dauerte die Hetze auf die Barkasse. Wäre nicht nebliges Wetter eingetreten, so hätte das Boot den beiden japanischen Kreuzern und den drei Torpedobooten, die sich an dieser Jagd beteiligten, nie und nimmer entgehen können.

Am Morgen des fünften Tages ? man benutzte jetzt die Segel, da Benzin für kaum noch vier Stunden vorhanden war ? stellte Hart durch Berechnung der bisher etwa zurückgelegten Strecken fest, daß man sich jetzt der langgestreckten Inselgruppe der Aleuten, die sich wie eine Brücke von Alaska nach der asiatischen Halbinsel Kamtschatka hinüberziehen, bedeutend näher als dem Festlande von Nordamerika befand.

Von den Verfolgern war nichts mehr zu bemerken. Man beschloß unter diesen Umständen ? einem neutralen Fahrzeug war man nicht begegnet ? in Rücksicht auf die Knappheit des Proviantes eine der Aleuten anzulaufen, die zu den Vereinigten Staaten gehören und wo man vorläufig wenigstens sicher war. ?

Die Aleuten bestehen aus einigen 150 felsigen, teilweise ganz unzugänglichen Inseln. Sie sind sämtlich reich an Spuren früherer vulkanischer Tätigkeit, wie es auf ihnen noch heute eine Anzahl von feuerspeienden Bergen gibt. Der Gesamtflächeninhalt der Gruppe wird auf 480 Quadratmeilen berechnet. Erdbeben und damit verbundene Neubildungen von Inseln sind häufig. Besonders im Jahre 1795 erfuhr dieser nördliche Archipel durch vulkanische Erschütterungen und gleichzeitige Hebung des Meeresbodens eine nicht geringe Vergrößerung. Das Auftauchen von Flammenkratern zwischen den einzelnen Felseneilanden direkt aus der See ist keine Seltenheit. An den Küsten steht zumeist eine gefährliche Brandung, und starke Meeresströmungen erzeugen heftige Strudel, so daß nur ein Teil der Inseln bewohnt werden kann. Trotzdem gibt es dort einige Handelsniederlassungen, da die Aleuten reich an Pelztieren und Robben sind. ?

Der Wind war günstig, kam aus Südost und brachte die Barkasse leidlich vorwärts. Inzwischen hatte sich auch Professor Helgard in der frischen Seeluft soweit erholt, daß er sein Krankenlager verlassen und sich neben den Doktor setzen konnte, den er auch des öfteren am Steuer ablöste. Das Leben an Bord des kaum neun Meter langen Bootes war recht anstrengend, zumal man noch die drei Gefangenen zu beaufsichtigen hatte, die sich ziemlich widerspenstig zeigten. Von den fünf Deutschen hatte jeder seine bestimmten Pflichten zu erfüllen. Auch Frau Helgard, eine stattliche, energische Blondine, half bei allem wacker mit und schonte sich nicht.

Dieser fünfte Tag ging ohne weitere Zwischenfälle vorüber. Der Horizont blieb frei, so oft auch Hart oder der Doktor mit den beiden Ferngläsern das Meer nach einer verdächtigen Rauchsäule absuchten. Besonders das Glas Vollmers war vorzüglich, während der Professor mit dem seinen, das er in Japan gekauft hatte, ziemlich hereingefallen war.

In der Nacht änderte sich dann leider das Wetter. Der Wind drehte nach Süd, wurde stärker und stärker und wuchs sich schnell zu einem Sturm aus, vor dem jetzt das Motorboot mit zum Platzen gefüllten Segeln dahinjagte.

Der Südwind bringt in diesen Breiten in den Sommermonaten jedoch meist noch Regen und Nebel mit. Dies waren für die Flüchtlinge jetzt sehr wenig erwünschte Zugaben. Machten sie doch die Lage noch unheimlicher, die bereits infolge des heftigen Stampfens des für eine Segelausrüstung weniger geeigneten Bootes und wegen der alle Augenblicke überkommenden schweren Brecher schon genügend bedrohlich und gefährlich war. Außerdem aber fürchtete Hart auch, daß man vielleicht auf ein Riff auflaufen könne, da die Aleuten mit ihren weit vorgelagerten Untiefen bereits recht nahe sein mußten.

Der Morgen des sechsten Tages brach an. Schwere Nebelwolken bedeckten die See, wurden von den Windstößen schnell vorwärts getrieben und ballten sich oft so dicht zusammen, daß man keine zehn Schritt weit zu sehen vermochte und sich ganz auf das Gehör verlassen mußte.

Frau Helgard und ihr Gatte lagen seekrank in der Kajüte, die gegen die großen Spritzer keinen Schutz mehr bot und in der das Wasser oft zentimeterhoch stand. Der Doktor, Hart und der kleine Fritz waren seit zwölf Stunden nicht mehr zur Ruhe gekommen und hatten ebenso lange kaum etwas gegessen. Soeben sollte der Knabe aus dem Vorschiff ein paar Zwiebacke holen, als Hart gerade voraus das schnell sich verstärkende Toben einer Brandung hörte. Er riß daher das Steuer herum, um den Klippen, die er im Kurse des Bootes vermutete, auszuweichen. Jetzt vernahm er aber auch zu beiden Seiten der Barkasse das Brüllen der gegen irgend ein Felsgestade anrennenden Wogen. Er wußte, daß eine Katastrophe unvermeidlich war, rief Vollmer zu, das Ehepaar an Deck zu holen und die Rettungsgürtel zu verteilen. Der Knabe wieder mußte die Tür des Verschlages öffnen, in dem die drei Japaner eingesperrt waren.

All das wurde in wilder Hast erledigt. Jetzt hob eine wahre Riesenwoge die Barkasse und trug sie wohlbehalten über eine dünne Klippenreihe hinweg. Nur der Kiel schrammte leicht einen Felsen. Gleich darauf befand sich das Boot in einem wahren Hexenkessel von Brandung. Ringsum nichts als weißer Gischt, sich überstürzende Wellen und ein Lärm, als seien alle Furien der Hölle losgelassen.

Hart stand aufrecht am Steuer und suchte mit den Augen die Nebelmassen zu durchdringen. Dann merkte er, daß die Barkasse dem Steuer nicht mehr gehorchte. Eine pfeilschnelle Strömung riß sie nach Osten davon. Mit einem schußähnlichen Knall platzte das Großsegel und nahm den kleinen Mast mit über Bord. Und nun begann das Boot sich zu drehen, erst langsam, dann immer schneller. In demselben Augenblick, als diese wirbelnde Bewegung endlich wieder aufhörte, wuchs vor dem dem Untergang geweihten kleinen Fahrzeug eine riesige Felswand empor, auf die es mit unheimlicher Geschwindigkeit zuschoß, entführt von einer Strömung, die scheinbar mitten auf diese ungeheure Granitmauer zueilte.

Den Lippen des Telegraphisten entrang sich ein Schrei des Entsetzens. Im nächsten Moment mußte die Barkasse an den Felsen zerschellen. In diesen Schrei mischte sich das Jammern Frau Helgards, die jetzt völlig fassungslos, auf dem Deck kniete und ihren Gatten und ihr einziges Kind eng umschlungen hielt. Auch Vollmer klammerte sich, erstarrt vor Schrecken, mit leichenblassem Gesicht an dem Stumpf des Mastes fest, während die drei Japaner wieder mit einer Kaltblütigkeit und Gleichgültigkeit dem Verhängnis entgegensahen, wie sie nur diesem Inselvolke eigentümlich sind.

Plötzlich sprang einer der Japaner über Bord, und ihm folgten fast augenblicklich seine beiden Landsleute, die vielleicht lieber dem Wasser sich anvertrauen mochten, als den Anprall gegen die Felsen abwarten.

Doch dieser Anprall kam nicht, wenigstens nicht in der Weise, wie es dem Anschein nach unausbleiblich schien. Die Strömung, die das Boot mit fortriß, verschwand in einem niedrigen Felsentor, das sich wie ein schwarzer Schlund in die Steilküste hineinzog.

Der Übergang von der lichten Dämmerung des nebligen Tages in die nachtschwarze Finsternis dieses überwölbten vielfach gewundenen Kanales war so unvermittelt, daß Hart erst zum Bewußtsein des Geschehenen kam, als die Barkasse sich jetzt irgendwo mit heftigem Stoße festrannte.

Eilig tastete er sich nun in die Kajüte hinab, zündete die Laterne an und kehrte an Deck zurück. Auch Vollmer, der inzwischen das starre Entsetzen abgeschüttelt hatte, war auf denselben Gedanken gekommen und hatte aus dem Vorschiff eine der großen Laternen geholt.

Diese Beleuchtung genügte um die nächste Umgebung leidlich überschauen zu können. ? Das Boot lag auf einer flachen Felszunge, die wie eine Brücke sich in eine Seitenhöhle des Felsentores hineinerstreckte. Das Meer schoß in breitem Strome gurgelnd und schäumend durch diesen Kanal, der mit seinen glatten Wänden und seiner zackigen Decke ein recht abenteuerliches Bild darbot. In der Ferne hörte man wie durch ein Schallrohr die Brandung draußen toben und brüllen. Eine Musik von so furchtbarer Großartigkeit gab dieses andauernde Toben der Wogen ab, daß den fünf Deutschen jetzt erst zum Bewußtsein kam, wie wunderbar Gottes gnädige Hand sie geschützt hatte.

Vollmer und Hart wurden schnell einig, was man in dieser Lage einzig und allein tun könne. Die Barkasse wieder flottzumachen und sich weiter der Strömung anzuvertrauen, hätte sicheren Tod bedeutet. Nein ? man mußte vorläufig hier bleiben und abwarten, bis nach dem Abflauen des Sturmes auch die Strömung vielleicht an Gewalt verlor.

So wurden denn zuerst der völlig erschöpfte Professor und Frau Helgard über die Felszunge in die Seitenhöhle aufs Trockene geleitet. Fritz belud sich gleichzeitig mit den vorhandenen Decken, um dem Vater sofort ein Lager herrichten zu können, während der starke Telegraphist einen der Koffer des Ehepaares auf die Schultern nahm.

Die Barkasse war nun für gut zwanzig Minuten ohne jede Aufsicht. Der Doktor schritt dem Zuge mit der großen Laterne voran. Diese Seitenabzweigung des Kanales stieg allmählich an und verengerte sich bald zu einem kaum drei Meter breiten Felsgange. In einer Ecke dieses unterirdischen Raumes, der auffallend warm war, wurde der Professor gebettet, der vor Erschöpfung kaum ein Wort sprechen konnte. Auch Frau Helgard befand sich am Ende ihrer Widerstandskraft. Die letzte halbe Stunde bangster Todesnot hatte auch diese sonst so mutige Frau völlig zermürbt. Daher bat Vollmer sie, sich gleichfalls niederzulegen, da sie jetzt doch nichts helfen könne. Hart, Fritz und er würden schon genügen, um die notwendigsten Gegenstände aus der Barkasse vorläufig an Land zu schaffen. ? Frau Helgard fühlte wohl selbst, wie notwendig ihr ein wenig Ruhe war und gab schließlich nach einigem Sträuben nach.

Inzwischen hatte der Knabe mit der kleineren Laterne einen dünnen Wasserlauf, der an der einen Seite des Felsenganges entlangrieselte, weiter aufwärts verfolgt und war für Minuten vollständig verschwunden. Jetzt aber kehrte er eilig zurück, winkte schon von weitem mit der Hand und erstattete dann über seine kurze Entdeckungsreise einen den Schiffbrüchigen höchst willkommenen Bericht.

?Denken Sie, Herr Hart?, ? diesen sah er unwillkürlich als den Führer der Flüchtlinge an, was auch so ziemlich zutraf, da die ganze Charakterveranlagung dieses tatkräftigen jungen Menschen ihn trotz seiner einfachen Bildung hierzu am geeignetsten erscheinen ließ ? ?dieser Gang mündet in ein großes Felsental mit jähaufsteigenden Wänden, und dieses Bächlein ist der Abfluß eines kleinen Teiches, der sich an der einen Seite des Tales befindet. Und warm ist es in dem Tale! ? fast wärmer als hier. Kommen Sie, es ist nicht weit, gleich hinter jener Biegung sieht man schon das Tageslicht, das in den Felsenkessel hineinfällt.?

Der Telegraphist, der Doktor und Fritz eilten denn auch wirklich den Gang entlang, um das Tal genauer zu besichtigen.

Die Natur hatte hier einen höchst seltsamen Ort geschaffen. Der Kessel war fast genau kreisrund und mochte etwa hundert Meter Durchmesser haben. Die Wände stiegen überall senkrecht auf, hingen stellenweise sogar weit über und hatten eine durchschnittliche Höhe von dreißig bis vierzig Meter. Sie wurden gekrönt von einem Kranze wild zerklüfteter Felsen, deren wunderliche Umrisse sich scharf gegen den jetzt klaren Himmel abzeichneten. Der Boden dieses Tales, das völlig unzugänglich genannt werden mußte, da sich ja freiwillig wohl niemand der in das Felsentor hineinstürmenden Strömung anvertrauen würde, war auf seiner westlichen Hälfte ziemlich eben. Hier lag auch der von Fritz erwähnte Teich, der offenbar durch eine Quelle von unten gespeist wurde. Die östliche Hälfte stieg dagegen in unregelmäßigen Absätzen einige zehn Meter an und war mit Felsgeröll und großen Blöcken eines dunklen, fast schwarzen Gesteins bedeckt. ? Das seltsamste war aber, daß sich auf dem Westteile des Kessels besonders in der Nähe des kleinen Wasserbeckens eine bescheidene Vegetation entwickelt hatte. Hier gab es neben grasbewachsenen Flecken verkrüppelte Birken, Fichten, allerlei Gestrüpp, Wacholdersträucher und einige Weiden, ferner auch zwischen dem dicken Moosteppich mehr nach der Felswand zu Heidel- und Preißelbeeren, an denen man recht gut entwickelte Früchte erblickte. Mit einem Wort: in dem Tal fand sich alles von Pflanzen vor, was die Aleuten überhaupt an Vegetation hervorbringen, die in dieser Beziehung etwa mit der Halbinsel Kamtschatka übereinstimmen.

Der Telegraphist war bei diesem Anblick aufs angenehmste überrascht.

?Herr Doktor, ? hier halten wir es schon eine Weile aus!? meinte er vergnügt lachend. ?Schaun Sie nur, wie gütig die Vorsehung unseren Zufluchtsort mit allerlei freundlichem Grün ausgestattet hat.?

Vollmer nickte und deutete nach oben, wo Möwen in ganzen Schwärmen die Felsen umkreisten. ?Ich esse in Gedanken schon Möweneier ?! Die Frage ist nur: wie kommt man dort hinauf, um die Nester plündern zu können ??! ? Im übrigen aber mein lieber Hart: wissen Sie auch, weswegen es hier so angenehm warm ist? ? Wir stehen auf vulkanischem Boden, auf dem Grunde des Kraters eines ehemaligen feuerspeienden Berges. Und unter uns glühen die unterirdischen Riesenöfen unserer Mutter Erde weiter und heizen uns diesen Schlupfwinkel, in dem ? darauf gehe ich jede Wette ein! ? selbst im Winter die Temperatur nie unter den Gefrierpunkt sinken wird, obwohl sonst die Aleuten schon ein recht rauhes, nordisches Klima haben, das besonders in dem kurzen, nebligen und sehr regnerischen Sommer zum Ausdruck kommt.?

Hart wandte sich wieder dem Ausgange des Felsentales zu. ? ?Wir wollen jetzt zuerst die Barkasse entladen?, meinte er. ?Ein paar Tage können wir uns hier nach all den Strapazen ausruhen. Das wird uns nichts schaden.?

Als man auf dem Rückwege an der kleinen, flachen Grotte vorüberkam, in der man für Helgards die Lagerstätten hergerichtet hatte, sah man, daß die beiden bereits fest eingeschlafen waren. Die kleinere Laterne stand neben ihnen auf dem Koffer, mit dem Hart sich vorher beladen hatte, und warf ihr schwaches, rötliches Licht über die ermüdeten Gesichter des Ehepaares, das im Vertrauen auf die Nähe treuer Freunde sich ruhig dem erquickenden Schlummer hingab.

Leider sollte der Entdeckung des hübschen Felskessels nun jedoch eine andere folgen, die recht niederschmetternd war.

Die Barkasse war verschwunden ?! ? Zu spät dachte der Telegraphist daran, daß die steigende Wassermenge der Flut auch den Kanal mehr füllen und das Boot wieder flott machen mußte ?! Nur so war dieses Unheil zu erklären.

Stumm, wie versteinert, standen die drei Deutschen auf der jetzt bedeutend kleiner gewordenen Felsenzunge. Es gab keine Möglichkeit, das von der Strömung entführte Boot wieder zurückzuholen. Vielleicht ? nein, sehr wahrscheinlich! ? lag es jetzt bereits draußen irgendwo in der Brandung halb zerschmettert als nutzloses Wrack.

Hart raffte sich als erster auf. ?Lassen wir nicht die Köpfe hängen!? sagte er in seiner frischen, auch andere belebenden Art. ?Wir sollen nun einmal hier ein Einsiedlerleben bis auf weiteres führen ?! ? Gut ? tun wir es! Von uns allein wird es abhängen, wie wir uns dieses neue Dasein gestalten!?

Vollmer reichte ihm mit festem Druck die Hand. ?Sie haben recht, lieber Hart! ? Vorwärts ? was erledigen wir zunächst? ? An praktischen Gedanken sind Sie uns allen ja überlegen. Also bestimmen Sie, womit wir unser Robinsonleben beginnen sollen.?

Der Telegraphist wehrte dieses Lob bescheiden ab und fügte hinzu: ?Ich denke, wir suchen uns in dem Tale einen Platz aus, auf dem wir unsere Niederlassung begründen wollen, und gehen sofort daran, zwei Hütten zu bauen, eine für Herrn und Frau Helgard, die zweite für uns drei Junggesellen.?

3. Kapitel.

Lästige Nachbarn und der tote Walfisch.

Fritz, der dieses Abenteuer recht interessant fand, ? und welcher frische Junge hätte wohl anders gedacht! ? meinte jetzt, mit dem Bau von Hütten sei es ja sehr schön, aber ? wo wolle man denn die nötigen Nahrungsmittel hernehmen?! Er habe schon jetzt recht tüchtigen Hunger, und wenn der Vater aufwache, müsse der doch auch etwas Eßbares vorgesetzt erhalten.

Hart und der Doktor sahen sich mit recht langen Gesichtern an. ? Wahrhaftig ? das Notwendigste hatten sie vergessen ?!! ? Ganz ratlos waren sie. Und Vollmer, der im Wohlleben groß geworden war und Not noch nie kennen gelernt hatte, redete denn auch in seiner ersten Bestürzung allerlei von Verhungern, so daß der Telegraphist seine liebe Not hatte, den schnell gesunkenen Mut der beiden anderen wieder aufzurichten.

?Wo ein Wille, da ist auch ein Weg!? sagte er zuversichtlich. ?Sie sprachen vorhin von Möweneiern! Vielleicht gelingt es uns doch, die Felswände des Kessels zu ersteigen. Bisher haben wir uns ja nur ganz flüchtig in dem Tale umgesehen.? ?

Der westliche Teil wurde zuerst auf die Ersteigbarkeit seiner Wände hin gemustert. Der Erfolg war recht niederdrückend. Nirgends zeigten sich eine Spalte, ein Riß oder vorspringende Zacken, die ein verwegener Kletterer hätte benutzen können. Dann wandten die drei Gefährten sich dem östlichen Teile zu, der mit seinen Felstrümmern, zwischen denen hier und da verkrüppelte Kiefern, Moose, Flechten und einzelne Grasbüschel wuchsen, geradezu wildromantisch wirkte. Da mittlerweile das Gewölk sich vollkommen verzogen hatte, schien die Sonne jetzt um die Mittagszeit freundlich in den Felsenkessel hinein und benahm den schroffen, starren Gesteinmassen alles Trostlose und Eintönige.

Auch hier fand man einzelne Stellen, die ganz geröllfrei waren und mit ihren dicken Moospolstern recht anheimelnd wirkten. Während die Gefährten sich so genauer umsahen, scheuchten sie zwei weiße, marderähnliche Tiere auf, die blitzschnell hinter einem Felsblock von recht beträchtlichem Umfange verschwanden, der sich schräg an die steile Felswand anlehnte. Ohne Frage wäre niemand von den dreien auf den Gedanken gekommen, auch einmal diesen schmalen Zwischenraum zwischen der Talwand und dem riesigen Steine näher zu untersuchen, wenn nicht Vollmer gerufen haben würde: ?Es sind Hermeline!?

Fritz? Jagdeifer war sofort erwacht. Er hob einen Stein auf und rannte den Hermelinen nach. So kam er auch, nachdem er sich mühsam zwischen ein paar Kiefern durchgedrängt hatte, an den etwa dreieckigen Zugang zwischen Wand und Felsblock. Bei seiner Größe vermochte er sich bequem hineinzudrängen. Von den Hermelinen war natürlich keine Spur mehr zu entdecken. Dafür gewahrte er aber etwas anderes: ein Bild, das ihn veranlaßte, einen lauten Ruf der Überraschung auszustoßen.

Hinter diesem Felsblock befand sich in der Felswand eine anderthalb Meter hohe Spalte, die schnurgerade etwas nach abwärts die Gesteinsmassen durchdrang, so daß man durch sie wie durch ein Fernrohr einen Teil eines mit Buschwerk bestandenen Streifen Landes in etwa hundert Meter Entfernung erblicken konnte, der in hellstem Sonnenschein dalag.

Hocherfreut teilte Fritz jetzt den beiden Gefährten diese wichtige Entdeckung mit, vorauf Hart sofort auf allen Vieren in den engen Raum hineinkroch und dann auch ohne Zögern den Abstieg in der schmalen Spalte begann. Der Doktor wollte nicht zurückbleiben und schloß sich als letzter an.

Dieser das Felsmassiv des Kraterkegels durchziehende Gang mündete nach einigen vierzig Metern auf einer engen Terrasse, die recht steil nach Süden zu abfiel. Von hier aus hatte man einen weiten Überblick über eine Insel, deren Nordspitze der jäh aus den Fluten aufsteigende erloschene Vulkan bildete. Dieses langgestreckte, vielleicht drei Kilometer lange und an der breitesten Stelle einige achthundert Meter breite Eiland war stellenweise mit Gestrüpp und Gruppen von Kiefern und Lärchen bedeckt, hatte einen recht üppigen Graswuchs und bot trotz des felsigen Charakters ein recht freundliches Bild dar, zumal es von einem Bach durchflossen wurde, der hier und da kleine Stromschnellen besaß.

Die Insel war rings von Klippen umgeben, zwischen denen deutlich eine Menge Strudel in dem Wasser sich abzeichneten. Nach Westen zu waren ihr vier kleinere Eilande vorgelagert, die, durch Riffe und kahle Felsen eng umgürtet, sicherlich ebenso unzugänglich wie die Vulkaninsel selbst sein mußten. Der Sund, der sie von dieser trennte, war kaum 300 Meter breit, wurde aber von derselben nach Südwest gehenden Strömung durchflossen, die die Barkasse in das Felsentor hineingetrieben hatte.

Auf dem größten der vier Eilande bemerkte der Doktor, der sein Fernglas glücklich gerettet hatte, da er es am Riemen über der Schulter getragen hatte, drei Gestalten, die er dann sehr bald als die Japaner erkannte. ? Diese Nachbarschaft war den Deutschen nicht gerade angenehm. Aber zu ihrer Beruhigung konnten sie sich auch sagen, daß es den Gelben kaum glücken würde, nach der Vulkaninsel hinüberzugelangen, da die Strömung gerade hier überall große, recht gefährliche Strudel erzeugte, in denen jeder Schwimmer versinken mußte.

Hart meinte jetzt, es sei das ratsamste, wenn der Doktor und auch Fritz nach dem Talkessel zurückkehrten, damit das Ehepaar, falls es inzwischen erwachte, nicht in Sorge über den Verbleib der Gefährten wäre. Er selbst wolle zusehen, ob er auf der Insel nicht irgend etwas Eßbares fände.

Er ließ sich dann von Fritz den Revolver des Japaners geben, den der Knabe in der Tasche gehabt hatte. Mit einem herzlichen Auf Wiedersehen trennte man sich.

Der Telegraphist hatte bald eine Stelle gefunden, wo der Abstieg von der Terrasse möglich war. Er wandte sich sofort dem Bache zu, da er hier zuerst bei seiner Suche nach einem jagdbaren Tier Erfolg zu haben hoffte. Hinter einem kleinen Erlenwäldchen entdeckte er dann in einer überschwemmten Niederung zu seiner großen Überraschung eine zahlreiche Biberkolonie. Überall ragten die Kuppeln der Biberbauten aus dem Wasser hervor, das die Tiere hier offenbar durch Anlegen eines Dammes absichtlich aufgestaut hatten.

Nach einer Viertelstunde gelang es ihm auch, einen feisten Burschen durch einen Schuß zu erlegen. Diese Beute genügte ihm vorläufig. Auf dem Rückwege traf er auf verschiedene Stellen, wo es Heidel- und Preißelbeeren in großer Menge gab. Die Beeren waren jetzt gerade reif, und der Telegraphist sagte sich, daß es klug sein dürfte, möglichst viel von den Früchten einzusammeln und aufzubewahren.

Jetzt erst fiel ihm jedoch ein, daß man keinerlei Gefäße besaß, um die Beeren zu kochen. Während er noch über die Frage nachsann, auf welche Weise diesem Mangel abgeholfen werden könne, gelangte er wieder an das Ufer des Baches, der hier gerade über eine Schicht blaugrauer Erde hinwegfloß. Feine Ablagerungen dieser Masse fanden sich in breiten Streifen zwischen den Steinen des Ufers angeschwemmt. Hart bückte sich und zerrieb etwas von der Erde zwischen den Fingern. Sie fühlte sich weich wie Teig und leicht fettig an. Mit einem Wort: es war Ton, und zwar ein so feinkörniger Ton, daß er sich ohne Frage zur Herstellung von allerlei Gefäßen eignen mußte. Ganz glücklich über diesen Fund eilte Hart der Terrasse zu und betrat wenige Minuten später den Talkessel, wo er alle vier Gefährten bereits damit beschäftigt fand, in der Nähe des Teiches unter der hier weit überhängenden Felswand eine Hütte aus Steinen zu errichten.

Bald brannte auch ein Feuer, über dem der von Vollmer kunstgerecht ausgenommene Biber am Spieße gebraten wurde. Der Doktor, der besonders in Afrika viele Jagdausflüge unternommen hatte, wußte mit derlei Dingen gut Bescheid.

Während der Mahlzeit, bei der es als Nachtisch von Frau Helgard gesammelte Heidelbeeren gab, wurde nun für den Rest des Tages ein genauer Arbeitsplan vereinbart. Hiernach sollten der Professor, seine Gattin und Vollmer zwei Hütten fertigstellen und die nötigen Lagerstätten aus Moos herrichten. Hart und Fritz aber wollten sich als Jäger betätigen und zugleich möglichst viel Ton von dem Bache sowie Möweneier mitbringen.

Um nun irgend einen Behälter zum Fortschaffen des Tons zu erlangen, mußte der Koffer des Professors daran glauben. Er war aus Rohrplatten gefertigt und mit festen Metallecken versehen, so daß der Deckel eine flache Kiste abgab, die sich zu dem gewünschten Zwecke sehr gut eignete.

Karl Hart und der Knabe erklommen jetzt zunächst einmal den Krater von der Außenseite. Es war dies eine recht beschwerliche Kletterpartie. Nachher wurde die Anstrengung aber auch reich belohnt. Zunächst durch eine weite Fernsicht. Im Norden erkannte man jetzt die in Dunstmassen gehüllten Aleuten als eine scheinbar geschlossene Reihe steiler Küsten. Weiter sah man aber, daß auch der Nordteil der Vulkaninsel von mehreren Reihen von Riffen und Klippen umschlossen war. Wie die Barkasse diese Hindernisse passiert hatte, war wirklich als ein reines Wunder zu betrachten. Ebenso vermochte man auch die Stelle zu bestimmen, wo die Strömung in das Felsentor einbog und genau südlich aus den Felsmassen des Kraters wieder heraustrat. Das Beste aber: hier oben gab es überall zahllose Nester von Möwen und eine Unmenge von Eiern, von denen die beiden Gefährten jetzt sofort einige Dutzend sammelten und in der zum Beutel geformten Jacke des Telegraphisten mitnahmen.

Nachher erlegte man dann auch zwei Biber und stellte fest, daß die Insel, die offenbar nach nie von Pelzjägern betreten worden war, im ganzen vier starke Kolonien dieser Tiere, außerdem aber auch eine Menge von Drosseln, wilden Schwänen und anderer Vogelarten beherbergte. Auch Robben traf man am Südstrande an, wo die gefräßigen Fischräuber zu Dutzenden auf den Felsen des Ufers lagen und erst im Wasser verschwanden, als die Menschen ihnen zu nahe auf den Leib rückten.

Nachdem Hart und Fritz die Biber, die Möweneier und den mit Ton hochbeladenen Kofferdeckel in das Kraterinnere geschafft hatten, benutzten sie den Rest des Tages noch schnell dazu, eine Robbe zu schießen und auf Geheiß des Professors in den Felsspalten am Strande nach Ablagerungen von Salz als Rückständen des verdunsteten Meereswassers zu suchen. Den Speck der Robbe wollte man zu Tran ausschmelzen, und das Salz brauchte man einmal als Speisenwürze, dann aber auch zur Herstellung der Glasur der Tongefäße, deren Anfertigung der Professor übernahm.

Am Abend war infolge des Fleißes der unfreiwilligen Robinsons die kleine Ansiedlung in dem Talkessel bereits so weit gediehen, daß man zwei Hütten, einen Kochherd und einen Ofen zum Brennen der Tongefäße besaß.

Der Professor nahm die Herstellung der nötigen Töpfe und Schüsseln denn auch sofort in Angriff, wobei ihm Hart sehr geschickt half. Frau Helgard wieder packte jetzt beim Lichte der beiden Laternen, in denen noch ein Rest Petroleum vorhanden war, den Koffer aus, der zumeist nur Anzüge und Wäsche des Professors, außerdem auch einige Andenken an Japan, zwei Schwerter, zwei Dolche und einen altjapanischen Helm, enthielt. Letzteren benutzten der Doktor und Fritz nun dazu, um in der eisernen Schädelwölbung dieses Rüstungsstückes den Robbenspeck auszuschmelzen und dann die schnell mit Hilfe der Schwerter zurechtgehauenen Schädeldecken der drei Biber und der Robbe zu Tranlampen umzuformen, deren Qualm sich in dem weiten Raume schnell verlor.

Erst gegen zehn Uhr abends legte man sich nach einer zweiten Mahlzeit zur Ruhe nieder. Vorher aber machte der vorsichtige Hart noch den Vorschlag, den verborgenen Zugang zum Krater durch ein passendes Felsstück zu versperren. Er wies darauf hin, daß man immerhin mit der Möglichkeit rechnen müsse, daß es den drei Japanern gelingen könnte, nach der Vulkaninsel hinüber zukommen. Und da diese nun gesehen hätten, daß die Deutschen auf der Terrasse im Süden zuerst aufgetaucht wären, müsse man mit einem Besuche der Feinde in dem Talkessel rechnen. ? So wurde denn beim Lichte der vier Tranlampen nach einem flachen Felsblock so lange gesucht, bis man das Gewünschte fand. Mit Hilfe von kurzen Stammstücken einiger Kiefern stützte man diesen Verschluß ganz fest vor den Eingang der Spalte, so daß es nunmehr niemandem von draußen gelingen konnte, den Stein fortzuwälzen.

In der Nacht standen der Doktor und Hart wiederholt auf, um das Feuer in dem Töpferofen dauernd in gleicher Stärke zu unterhalten. Beim Zerkleinern des Holzes leisteten ihnen die Schwerter, die aus vorzüglichem Stahl geschmiedet waren, die besten Dienste, wie man sie auch später stets als Äxte oder Beile verwandte.

Die nächsten drei Tage brachten keinerlei Ereignisse von Wichtigkeit. Die Gefäße waren fast sämtlich nach Wunsch geraten. Der Professor hatte dann auch allerlei Becher, Näpfe und Teller hergestellt, ebenso große Töpfe, die zur Aufnahme der angesammelten und getrockneten Beeren dienen sollten.

Dieses anspruchslose Leben sagte merkwürdigerweise allen fünf Gefährten in gleicher Weise zu. Man war froh, der Gefangenschaft glücklich entgangen zu sein und rechnete bestimmt darauf, in kurzem von einem vorbeikommenden Schiff aufgenommen zu werden. Die allgemeine Stimmung war daher auch recht heiter. Diese primitive Daseinsführung bot ja auch für verwöhnte Kulturmenschen manchen Anlaß zur Heiterkeit, besonders da der Mangel an Seife sich sehr schnell besonders an dem Aussehen der Hände bemerkbar machte. Am wohlsten fühlten sich offenbar der Telegraphist und Fritz, die bald unzertrennliche Freunde waren.

Sie waren es denn auch, die am Morgen des vierten Tages in der Nähe des Kraterkegels den angeschwemmten Kadaver eines jungen Walfisches entdeckten. Das mächtige Tier war in eine kleine Bucht getrieben, wo es nun auf einer Untiefe lag. Woran es eingegangen, ließ sich nicht feststellen. Äußere Verletzungen waren nicht vorhanden. Es hatte eine Länge von elf Meter und mußte eine Unmenge Tran abgeben. ? Als der schnell herbeigerufene Professor das riesige Säugetier erblickte, erklärte er sofort, daß man um jeden Preis versuchen müsse, die Haut des Wales in möglichst großen Stücken loszutrennen.

?Sollten wir kein Schiff bemerken, das uns mitnimmt?, fügte er hinzu, ?so wird uns die Walfischhaut den besten Überzug für ein Boot liefern. Ganz unerfahren bin ich ja im Schiffbau nicht, so daß es uns wohl gelingen müßte, ein sicheres Fahrzeug herzustellen.?

Diese Anregung genügte, um die drei Junggesellen noch an demselben Tage diese Arbeit vornehmen zu lassen. Jedenfalls war es ein wenig sauberes Geschäft, dieses Abhäuten des großen Tieres, und die Anzüge der Beteiligten starrten denn auch bald vor Flecken. Doch das störte sie nicht. Hatte man doch praktischeren Kleiderersatz in Aussicht, da Frau Helgard bereits eifrig dabei war, aus den von Vollmer sauber gegerbten Biber- und Robbenfellen dauerhafte Sachen für die kalte Jahreszeit anzufertigen, wobei ihr der Professor eifrig half, dem es auch gelungen war, aus dem Beschlag des Koffers ganz brauchbare Nadeln herzustellen, während als Nähmaterial lange Sehnen von Robben Verwendung fanden.

Von den Japanern sah man wenig. Auch sie schienen sich auf ihrer Insel häuslich einzurichten. Hin und wieder bemerkte man sie am Strande, wo sie den Robben nachstellten und auch Angeln auszulegen schienen. Diese letztere Beobachtung brachte Hart auf den Gedanken, es gleichfalls mit dem Fischfang zu versuchen. Die Haken fertigte wieder der Professor an, während Vollmer aus Robbendärmen sehr feste Schnüre herzustellen wußte, die er durch eine besondere Art der Behandlung den Darmsaiten recht ähnlich machte.

Inzwischen hatte Hart auch, da man für den Revolver nur noch etwa zwei Dutzend Patronen besaß, zur Freude des Knaben Lanzen, Pfeile und Bogen gearbeitet. Auch hier leisteten die Kofferbeschläge für die Spitzen gute Dienste.

Vier Tage brauchte man dazu, um dem Wale die Haut zu rauben, die an Ort und Stelle sauber gereinigt und in vier großen Stücken nachher in das Tal geschafft wurde, wo man sie ausspannte und dann Vollmer die Arbeit überließ, sie ordentlich zu präparieren.

Bisher hatte man nur ein einziges Mal in weiter Ferne die Segel eines Schiffes bemerkt. Die Hoffnung, möglichst bald wieder in kultivierte Gegenden zurückkehren zu können, sank immer mehr, zumal sich jetzt auch der nahende Winter durch kalte Nächte, von denen man in dem Krater freilich sehr wenig merkte, Stürme und Regengüsse ankündigte.

4. Kapitel.

Der Überfall.

Während die drei Junggesellen mit dem Abhäuten des Walfisches beschäftigt waren, hatte der Professor bereits die Zeichnung für ein Boot in seinem Notizbuch entworfen und die Maße für die Rippen, den Kiel, die Spanten und alles andere unter Berücksichtigung der Größe der Walfischhaut festgelegt, ebenso wie er auch mit den Abhauen dünner Birkenstämme begann, die sich unschwer zu Bootsrippen zurechtbiegen ließen.

Dann trat jedoch ein Ereignis ein, welches für die fünf Deutschen schwere Stunden brachte.

Am Morgen des zwölften Tages war Hart früh aufgestanden, um in dem kleinen Teiche ein Reinigungsbad zu nehmen. Kaum hatte er jedoch die Hütte verlassen und trat unter der überhängenden Felswand hervor, als drei Felsstücke unheimlich dicht an seinem Kopf vorbeisausten und mit lautem Krach auf den Boden aufschlugen.

Mit einem Satz war der geistesgegenwärtige Telegraphist wieder in den Schutz der Felswand zurückgesprungen. Schnell weckte er den Doktor und Fritz, denen er nun mit ernster Miene mitteilte, was ihm soeben begegnet war und daß nur die Japaner die heimtückischen Angreifer sein könnten.

Die Lage der bisher so friedlich dahinlebenden Kolonisten war keine angenehme. Wagten sie sich unter dem Felsen hervor, so erfolgte unzweifelhaft ein Steinbombardement, das nur zu leicht ein Opfer fordern konnte. Dabei besaß man nur einen Lebensmittelvorrat für wenige Tage. Selbst nach dem kleinen Teich durfte man sich nicht wagen, um Trinkwasser zu schöpfen. Und erst nach Dunkelwerden würde man sich freier bewegen können ? jedoch nur innerhalb des Talkessels, da die Japaner sicherlich die Ausgangsspalte bewachen würden.

Vollmer gab dem Telegraphisten daher durchaus recht, als dieser erklärte, man müsse schleunigst auf irgend eine Weise versuchen, die Japaner wieder gefangenzunehmen. Diese hatten ja offenbar von dem Felsentor und dem zweiten Zugang zu dem Krater keine Kenntnis, sonst würden sie, ebenso wie sie das Wagnis des Durchschwimmens des Sundes unternommen hatten, auch die Kühnheit besessen haben, in den überwölbten Kanal einzudringen.

In den letzten zwei Tagen war nun die See verhältnismäßig ruhig gewesen, so daß die das Felsentor durcheilende Strömung nicht allzu heftig sein konnte, die in ihrer Stärke sehr vom Wetter abhängig war. Hart schlug deshalb vor, er und der Doktor sollten heute sofort zusehen, ob sie nicht auf diesem Wege ins Freie gelangen könnten, um die Japaner unschädlich zu machen.

Vollmer war hiermit sofort einverstanden. Dann wurde Fritz nach der etwa zwölf Meter entfernten Hütte des Ehepaares geschickt, damit er seine Eltern wecke und gleichzeitig zu einer Beratung herbeirufe.

Als Hart jetzt zufällig den Blick nach dem Ostrande des Kraters richtete, bemerkte er dort einen der Feinde, der lang auf dem Boden lag und beobachtete, was die Deutschen taten. Volmer, von dem Telegraphisten auf den Mann aufmerksam gemacht, bedauerte sehr keine Büchse zu besitzen, mit der er dem Gelben hätte eins auf den Pelz brennen können. Der Japs fühlte sich dort oben denn auch augenscheinlich ganz sicher. Als der Doktor sein Fernglas auf ihn richtete, sah er den kleinen gelben Kerl höhnisch grinsen. Dies steigerte nur noch Vollmers Wut, der in seinem Leben schon manchen Strauß in allen Weltteilen ausgefochten hatte und über großen Mut verfügte.

Nach wenigen Minuten schon erschienen Helgards recht aufgeregt bei den Gefährten. Der Professor, der jetzt seit Wochen frei von Fieberanfällen war, erbot sich sogleich, Hart und Volmer zu begleiten. Diese lehnten aber auf das bestimmteste ab, so daß Helgard sich fügen mußte.

Der Tag verging recht langsam. Die Unruhe verließ die fünf Gefährten nicht, da sie nicht wußten, wie dieses Abenteuer ausgehen würde. Erst nach Dunkelwerden wollte Hart zunächst nach dem Verschluß der Felsspalte sehen, und den flachen Stein noch besser befestigen. Dann sollten er und Vollmer den Talkessel mit der Strömung verlassen.

Die Gelben zeigten jetzt aber, daß sie nur zu gut auf dem Posten waren. Plötzlich flogen nämlich drei große, zusammengebundene Haufen brennender Kiefernäste in den Kessel hinab, wo sie sofort wieder lichterloh aufflammten, da sie auch eine Menge trockenen Grases enthielten. Diese Beleuchtung durch die dicht neben dem Teiche liegenden Feuerbündel genügte, um von oben jeden bemerken zu können, der sich unter der überhängenden Wand hervorwagte.

?An diese Teufelei habe ich nicht gedacht!? meinte Hart ganz bestürzt. Dann aber flog mit einemmal ein freudiges Lächeln über sein Gesicht. In der Nähe der Hütten lagen nämlich eine Menge von dünnen Birkenstämmchen, die sich leicht durch Riemen von Seehundsfell zu langen Stangen zusammenbinden ließen, deren Länge genügen mußte, um die brennenden Haufen auseinanderzureißen.

Schnell wurde diese Arbeit nun erledigt. Und wirklich ? sehr bald waren die dem Feinde so günstigen Lichtquellen zerstört. Merkwürdigerweise flog dann, als die Japs längst gesehen haben mußten, was vorging, nur ein einziges neues Feuerbündel als Ersatz herab. Offenbar hatten sich die Gelben also recht schlecht mit dem nötigen Brennmaterial versehen.

Kaum war auch diese vierte die Absichten der Belagerten so sehr störende Riesenfackel ausgelöscht, als Vollmer und Hart sofort mit langen Sätzen dem kaum fünfzig Schritt entfernten Felsengange zuliefen, der auf den Kanal mündete. Sie hatten nicht nur den Revolver und Bogen und Pfeile, sondern auch die beiden japanischen Dolche mitkommen, so daß sie an Bewaffnung den Gegnern ohne Zweifel überlegen waren.

Das Wasser der Strömung war weniger kalt, als sie gefürchtet hatten. Hart stieg als erster hinein. Er hatte sich die kleinere der Petroleumlampen, die jetzt mit Tran gefüllt war, als eigenartigen Helm auf dem Kopf festgebunden, so daß man die gefährliche Schwimmtour durch das dunkle Felsentor wenigstens bei schwacher Beleuchtung erledigen konnte.

Schon nach kurzer Zeit war der Südausgang des Kanals glücklich erreicht. Nunmehr begann aber der beinahe noch schwierigere Teil dieses Ausfluges zu Wasser. Galt es doch, am Ufer der Insel zu landen und die zahlreichen Strudel zu überwinden, die die Strömung hier überall bildete.

Die Laterne wurde jetzt ausgeschraubt. Ein sternklarer Himmel und der eben aufgegangene Mond spendeten genügend Licht, um sich zurechtfinden zu können. Möglichst lautlos zerteilten die beiden Schwimmer, die nur ihr Unterzeug anbehalten hatten, mit kräftigen Stößen dem Weststrande zustrebend, die Flut. Aber immer weiter riß die Strömung sie nach Süden fort, während es mehr als einmal schien, als ob einer der Wasserwirbel sie in die Tiefe reißen wollte. Mit verzweifelter Anstrengung, keuchend vor Müdigkeit, arbeiteten sie weiter gegen die schnell dahinschießende Strömung an, um den Strand der Vulkaninsel zu erreichen. Schon fürchteten sie, ins offene Meer entführt zu werden und dort elend umzukommen, als eine schmale Klippenreihe, die sich gut hundert Meter weit von der Südspitze aus nach Westen erstreckte, die Strömung etwas ablenkte.

Hart fand als erster Grund unter den Füßen. Nachher lagen sie dann halb erstarrt, zitternd und mit jagenden Pulsen eine ganze Weile am Ufer, bevor sie sich soweit erholt hatten, um den Weg nach dem Krater zu Lande fortsetzen zu können. In halben Laufschritt eilten sie dahin, um sich warm zu machen. Erst in der Nähe des Kraterkegels wurden sie vorsichtiger. Von den Japanern war hier jedoch noch nichts zu bemerken. Dagegen konnte man mit Sicherheit annehmen, daß einer der Gelben vor der Felsspalte, die von der Terrasse aus die Kraterwand durchschnitt, Wache halten würde. Zum Glück war den Gefährten hier jeder Fußbreit Boden so gut bekannt, daß sie ohne ein Geräusch zu verursachen die Höhe der Terrasse erklimmen konnten. Doch auch hier entdeckten sie keinen der Gelben.

Hart meinte jetzt, vielleicht hätten die Japaner auch ihrerseits den Ausgang gleichfalls verrammelt, um den Deutschen diesen Fluchtweg zu versperren und sich nicht teilen zu müssen. Jedenfalls wolle er in die Felsspalte eindringen, um festzustellen, wie die Dinge lägen.

Nach einigen Minuten erschien er wieder.

?Herr Doktor?, flüsterte er aufgeregt, ?die Sache sieht verteufelt ernst aus! Der Eingang ist frei. Schnell ? machen wir, daß wir in den Talkessel hineinkommen.?

Es zeigte sich nun, daß die Verschlußplatte tatsächlich beiseite geschoben war. Bald bemerkten sie dann auch, daß die Gelben abermals vier Bündel Brennmaterial herabgeworfen hatten, die jetzt aber außerhalb des Bereiches der zusammengebundenen Stangen lagen. Als sie gerade von dem höher gelegenen östlichen Teil des Kessels in den flacheren hinabsteigen wollten, hörten sie plötzlich des Knaben Stimme, der gellend rief: ?Vater ? Vater, die Japaner ?!?

Undeutlich waren einige Gestalten zu erkennen, die sich drüben in der Nähe der Hütten bewegten. Da gab es für Vollmer und Hart kein Zögern mehr. In langen Sätzen stürmten sie vorwärts. ? Nun vermochten sie die Sachlage zu überschauen.

Die Familie Helgard gedachte sich offenbar in der Hütte des Ehepaares zu verteidigen. Einer der Gelben hatte bereits einen Pfeil im Schenkel stecken, den er soeben aus der Wunde herauszog. Die beiden anderen rissen, hinter der Hütte stehend, mit den Birkenstangen die Steine des lose zusammengefügten Bauwerks auseinander, um auf diese Weise an die drei Deutschen heranzukommen.

Wie ein Blitz fuhr der Telegraphist jetzt auf die beiden los. Er gebrauchte nur die Fäuste als Waffe. Zwei gutgezielte Schläfenhiebe ließen die Japs zurücktaumeln und als ihnen Hart nun noch drohend den Revolver vorhielt, gaben sie das Spiel endgültig verloren setzten sich stumm und gleichgültig mit untergeschlagenen Beinen auf den Boden nieder und erwarteten wohl, jeden Augenblick durch eine Kugel niedergestreckt zu werden.

Inzwischen hatte auch Vollmer den dritten Gelben mit dem Schwertknauf niedergeschlagen. ? Es war ein leichter Sieg gewesen, und die Japaner mochten sich den Ausfall ihres Angriffs auf die Bewohner des Kraters wohl ganz anders vorgestellt haben.

Die Frage war nun, was man mit ihnen anfangen sollte. Da machte der Professor einen recht vorteilhaften Vorschlag. Er hatte lange genug in Japan gelebt, um zu wissen, daß selbst der einfachste Mann unbedingt einen Eid hält, bei dem er seine Ahnen als Zeugen anruft, wie ja überhaupt der Ahnenkultus den Grundpfeiler der japanischen Religion bildet. Da er die Sprache dieses überaus ehrgeizigen und mindestens ebenso gewissenlosen Inselvolkes gut beherrschte, erklärte er den dreien, daß man sie wieder laufen lassen würde, wenn sie sich durch einen Eid verpflichteten, nach ihrem Eiland zurückzukehren und die Deutschen nie mehr zu belästigen.

Die Gelben waren einverstanden. Nachdem der Professor ihnen den Schwur abgenommen hatte, verschwanden sie durch die Felsspalte. Der Obermatrose, dem man auf der Herreise den Revolver abgenommen hatte, bedankte sich sogar noch bei Helgard, daß man ihnen das Leben geschenkt habe.

Hart und Vollmer stellten dann später auch fest, in welcher Weise die Japs den Überfall eingeleitet hatten. Es zeigte sich, daß einer von ihnen an einem aus Seehundleder geflochtenen Riemen sich von oben in den Krater hinabgelassen und dann sicherlich den Verschlußstein der Spalte beseitigt hatte. Offenbar waren die drei des Glaubens gewesen, daß sämtliche Bewohner des Kraters in die durch Pfeilschüsse verteidigte Hütte geflüchtet seien.

Der Telegraphist, der den Japs doch nicht ganz traute, war diesen nachgeschlichen, kehrte aber sehr bald mit der Meldung zurück, daß die drei tatsächlich die Vulkaninsel verlassen hätten und ihrem Eiland wieder zuschwämmen.

Nun erst war man völlig beruhigt, zumal der Professor wiederholt betonte, daß selbst der gemeinste japanische Verbrecher einen derartigen Schwur halten würde.

5. Kapitel.

Den Engländern glücklich entronnen.

Dieser aufregende Vorfall hatte aber doch zur Folge, daß man sich jetzt mehr als bisher danach sehnte, die Insel verlassen und in bewohnte Gegenden zurückkehren zu können. Besonders Frau Helgard hatte das nächtliche Abenteuer und die Angst um das Leben ihres Gatten und ihres Sohnes sehr geschadet. Sie begann zu kränkeln. Ihr sonst so munteres Wesen wich einer tiefen Niedergeschlagenheit. Das wirkte auch auf die anderen, so daß die alte sorglose Heiterkeit und Zufriedenheit nicht mehr aufkommen wollten. Deshalb wurde auch der Bau des Bootes nach Möglichkeit beschleunigt.

Der Professor zeigte jetzt so recht, daß er bei der Überwindung technischer Schwierigkeiten den Gefährten weit überlegen war. Jetzt war Karl Harts bisherige Führerrolle ausgespielt, da sich alles um den Bootbau drehte. Der Mangel an Werkzeugen störte keineswegs, da Helgard die Bearbeitung und das Zusammenfügen der Bootsteile so einfach geplant hatte, daß man mit den vorhandenen Schwertern und Messern vollständig auskam. Zum Befestigen der Rippen, Spanten usw. untereinander wurden besonders gestaltete Keile aus harzigem Kieferholz benutzt, die mindestens ebenso gut wie eiserne Schrauben hielten. Die notwendigen Löcher wurden mit den glühend gemachten Dolchen ausgebrannt.

Als Bauwerft wollte man erst eine flache Uferstelle außerhalb des Kraters benutzen. Hiervon riet Hart jedoch ab, indem er auf den häufigen Regen und besonders die Kälte hinwies, die täglich empfindlicher wurde. Auf seinen Rat hin wurde dann die höhlenartige Erweiterung des auf den Kanal mündenden Felsenganges als Arbeitstelle hergerichtet. Allerdings mußte man hier alles bei künstlicher Beleuchtung vornehmen. Tran war jedoch mehr als genug vorhanden, und Tranlampen ließen sich daher leicht in jeder Menge herstellen.

Während der zwei Wochen, die die Fertigstellung des Bootes erforderte, war es des Knaben Aufgabe, für die Beschaffung des nötigen Fleisches zu sorgen. In seiner freien Zeit mußte er jedoch tüchtig den Männern helfen, von denen jedem eine besondere Arbeit von dem Professor zugewiesen war.

Nachdem das Gerippe des Bootes fertig war, begann die schwierigste Aufgabe: das Aufbringen der Walfischhaut, die recht prall sitzen mußte. ? Die Nähte wurden durch geschmolzenes Harz abgedichtet und durch Leisten von Birkenholz außen übernagelt. Die nötigen Nägel lieferten wieder die Kofferbeschläge. Auch der Boden und die Wandungen erhielten außen einige feste Planken, um den Lederbezug vor Stößen zu schützen. Bald konnte man dann auch an die Anfertigung eines leicht gewölbten Decks herangehen, welches das Fahrzeug seetüchtig machen sollte. Schließlich fehlte nur noch die Takelage und das Steuer. Auch das gelang nach Wunsch. Die Segel wurden von Frau Helgard aus den auseinandergeschnittenen Hemden ihres Gatten zusammengenäht, von denen der Koffer über ein Dutzend enthalten hatte. Um sie widerstandsfähiger zu machen, wurden sie nachher mit Tran getränkt. Das notwendige Tauwerk wieder ward aus Robbenfellen geflochten.

Am 4. Oktober war?s, als der Professor erklärte, das Boot sei nun abfahrbereit. Nachdem es dort ins Wasser gebracht war, wo die Felszunge die Strömung ablenkte und eine kleine, ruhige Bucht schuf, wurden im Laufe des Vormittags der nötige Proviant ? eingesalzene Fische und Fleischstücke, getrocknete Beeren und mehrere große Wasserkrüge ? an Bord geschafft, ebenso auch die Kleider des Professors. Die winzig kleine Kajüte sollte nur für Frau Helgard bestimmt sein, deren Gemütszustand sich in den letzten Tagen durch die Hoffnung auf eine baldige Beendigung dieses Robinsondaseins wesentlich gebessert hatte.

Das Wetter war gerade sonnig und fast windstill. Es schien, als sei der Sommer nochmals nach den rauhen Aleuten zurückgekehrt. ? Nach dem Mittagessen gedachte man abzufahren. Der Telegraphist hatte inzwischen durch Beobachtung des Verlaufes der Strömung von der Höhe des Kraters aus festgestellt, daß es am ratsamsten sei, das Boot den eilig dahinschießenden Wassern zu überlassen und nur dafür zu sorgen, daß es nicht gegen eine Klippe rannte. Jetzt kurz vor dem Aufbruch war er nochmals auf den Kraterkegel geklettert, um zu sehen, ob der sanfte Südostwind sich etwa in einer für die geplante Fahrt ungünstigeren Weise gedreht habe. Fritz hatte sich ihm wie immer angeschlossen.

In heiterer Stimmung waren sie bis auf den südlichen Rand der Spitze des erloschen Vulkans gelangt, als der Knabe plötzlich einen halbunterdrückten Schrei ausstieß und nach Westen deutete.

Hart zuckte leicht zusammen. Dort über dem niedrigsten der vier benachbarten Eilande waren die beiden Masten und die Spitze eines dicken Schornsteins mit rot und gelb gestreiftem Ringe zu sehen. Der Funkentelegraphist kannte diese Farben nur zu gut. Es waren die der englischen Atlantik-Reederei aus Yokohama. ? Aber noch mehr bemerkte er. Soeben bog ein von sechs Ruderern pfeilschnell vorwärts getriebenes Boot um die kleine Insel herum und hielt auf den Weststrand der Vulkaninsel zu. Außer den Ruderern befanden sich noch fünf Personen im Stern des scharfgebauten Fahrzeuges und drei von diesen waren die Japaner ?!

Hart wußte genug. Das Boot führte die englische Kriegsflagge, also war der Dampfer als Hilfskreuzer in Dienst gestellt. ? Ein paar Worte genügten für Fritz. Dann begannen sie in wilder Hast den Abstieg. Auf der Terrasse angelangt, warf der Telegraphist noch einen schnellen Blick nach rückwärts. Das Boot hatte die Strömung glücklich überwunden und wurde soeben von den Matrosen auf das Ufer gezogen. Die Japaner hatten sich dicht daneben auf ein paar Steine gesetzt, als ob sie dadurch zum Ausdruck bringen wollten, daß sie sich weiter an dem Unternehmen gegen die Deutschen nicht beteiligen wollten. ? Hart wollte schon dem Knaben nacheilen, der bereits in der Spalte untergetaucht war, als er von Süden her eine dicke Dunstmasse wie eine tief ziehende Wolke auf der See erblickte. Es war Nebel, den das warme Wetter als regelmäßige Begleiterscheinung mitbrachte.

In dem Talkessel hatte inzwischen Fritz durch seine Alarmnachricht schon die größte Bestürzung hervorgerufen. Frau Helgard hielt ihren Gatten weinend umklammert, und Doktor Vollmer und der Knabe standen mit ratlosen Gesichtern dabei. Jetzt zeigte sich wieder, daß Karl Hart doch der einzige war, der genug Geistesgegenwart besaß, um in dieser bedrohlichen Lage den richtigen Ausweg zu finden.

?Noch ist keine Ursache zum Verzweifeln?, meinte er hastig. ?Ich habe den Felsblock vor den Eingang gerollt und so fest verrammelt, daß man gerade Pulver oder Dynamit anwenden müßte, um ihn beiseite zu schieben ?! ? Schnell fort nach dem Kanal ? zu unserem Boot! Draußen zieht Nebel auf. Ich schätze, daß er in zehn Minuten spätestens unsere Insel und die Nachbareilande vollständig eingehüllt hat ?!?

Vollmer schien noch nicht zu verstehen, wo hinaus diese Andeutung Harts wollte. Auch der Professor zögerte.

Da wurde der Telegraphist ungeduldig. ?So kommen Sie doch! Beeilen wir uns! Vielleicht können wir unter dem Schutze der feuchten Dunstmassen ? und wie dicht diese hier sind, wissen wir ja aus Erfahrung! ? ungesehen entschlüpfen.?

Nun erst begriff man. In Frau Helgards Augen blitzte wieder ein Hoffnungsschimmer auf. Alles eilte nach dem Felsengang hin. Hart und Fritz hatten noch schnell die beiden Laternen ergriffen. Unterwegs wurden diese angezündet. Die anderen Gefährten hatten sich im Dunkeln bis zu dem Bauplatz des Bootes hingetastet. Hier brannten jetzt ständig einige Tranlampen.

Wieder war es der Funkentelegraphist, der eine kopflose sofortige Abfahrt verhinderte.

?Erst muß der Nebel dasein?, erklärte er in seiner kurzen Art, die, wenn er erregt war, fast etwas Unfreundliches an sich hatte. ?Überlassen wir uns sofort der Strömung, so rennen wir in unser Verderben! Nein ? ich werde jetzt nach dem Talkessel zurückkehren, mich an der Einmündung des Ganges verbergen und den Himmel über der Krateröffnung beobachten. Nur so können wir erfahren, wann der Nebel die Insel erreicht.?

Gleich darauf verschwand er, nachdem er sich noch von Vollmer den Revolver hatte geben lassen.

Als er den Talkessel erreicht hatte, vernahm er schon die dumpfen Schläge irgend eines schweren Gegenstandes gegen den Felsblock, der die Spalte versperrte. Die Engländer waren also bereits an der Arbeit und versuchten, in den Krater einzudringen. Nach einer Weile verstummte das Hämmern und Pochen. Die da draußen hatten jetzt wohl das Nutzlose ihrer Bemühungen eingesehen. ? Minuten vergingen. Immer wieder blickte Hart nach oben, ob er nicht die ersten Nebelfetzen über den erloschenen Vulkan hinziehen sah.

Dann aus der Höhe eine laute, befehlende Stimme, englische Worte, drohend und Gehorsam heischend:

?Öffnet sofort den Zugang ? sofort, Ihr sollt uns kennen lernen!!?

Nochmals ein ähnlicher Befehl, dem einige grobe Schimpfworte gegen die Deutschen folgten.

Hart blieb still. Seine Rechte umklammerte den Revolver, seine Augen suchten unablässig den ihm sichtbaren Rand des Kraters ab. Jetzt gewahrte er auch ein paar Leute, die sich oben hin und her bewegten. Er selbst hielt sich so weit im Hintergrunde des Ganges, daß er nicht bemerkt werden konnte.

Dann sah er ein langes, dickes Hanftau gerade gegenüber der Einmündung des Ganges herabschweben. Das Tau pendelte hin und her, kam tiefer und tiefer und stieß endlich unten auf den Boden auf.

Hart schaute verzweifelt nach den Nebelmassen aus. Sollte er sich getäuscht haben ??! Hatte er in der Aufregung vorhin vielleicht nur eine schwache Dunstschicht für ziehende Nebelwolken gehalten ??! Noch schien ja draußen die Sonne, wenn auch nicht mehr so grell wie bisher.

Angst krampfte sein Herz zusammen. Weniger um seine eigene Person, als um seine Gefährten, besonders Frau Helgard, die er wie ein höheres Wesen in all ihrer Güte und Freundlichkeit verehrte.

Da ? wahrhaftig, ? einer der Engländer kletterte an dem Tau herab. ? Das Hirn des jungen Telegraphisten durchzuckte plötzlich ein verwegener Plan. Zeit gewonnen hieß hier vielleicht alles gewonnen ?! ? Und ohne langes Überlegen rannte er quer durch den Talkessel, erkletterte die östliche, höhere Hälfte und stand nun gerade unter dem leicht sich bewegenden Tau, an dem der Engländer bereits etwa die Mitte erreicht hatte.

Hier wuchsen ein paar halb abgestorbene Kiefern, und trockene Zweige lagen genug umher. Harts Zündholzbüchschen enthielt noch gerade drei Hölzchen. Aber diese genügten. Ehe die Engländer oben noch recht wußten, was vorging, flammten die Kiefern knisternd auf, und züngelnde Flammen leckten sehr bald auch an dem Tau hoch.

Hart riß noch ein paar an der Wurzel abgefaulte Bäumchen aus, warf sie in die Flammen. Dann wollte er zurück in den schützenden Gang ? wollte ?!! Plötzlich taumelte er zurück. Ein Stoß hatte seine linke Schulter getroffen, und jetzt drang auch der Knall eines Schusses an sein Ohr. Da biß er die Zähne zusammen, stürmte davon, obwohl sich alles um ihn zu drehen schien und feurige Sternchen vor seinen Augen sprühten. Nun war die Mündung des Ganges erreicht ? Noch ein Blick nach oben ? ein flehender Blick, als wollte er Gott um Hilfe anrufen. ? Da ? ? die Sonne war verschwunden ? verschwunden das Blau des Himmels ? Graue Schleier verhüllten die Krateröffnung, wurden sogar noch ein wenig in den Talkessel hinabgedrückt.

Der Nebel ? der Nebel! ? Beinahe hätte Hart es vor Freude laut herausgerufen, dieses erlösende Wort!

Dann tastete er sich vorwärts, sah den Lichtschimmer der Tranlampen, sah das Boot mit den seiner harrenden Gefährten ? Halb hob man ihn an Bord. Sein linker Arm war wie gelähmt. Und er merkte auch, wie ihm das warme Blut die Unterkleider durchfeuchtete. Aber schwachwerden ? jetzt in diesem Augenblick, wo die Entscheidung so dicht bevorstand ? das durfte er nicht! Auch die Gefährten sollten nicht merken, wie es um ihn stand.

?Vorwärts ? jeder nimmt eine der Stangen zur Hand, wie wir das verabredet haben!? rief er. ? Das Boot glitt in die Strömung hinaus. Am Mast hingen die beiden Laternen und beleuchteten schwach die Wände des Felsentores.

Schneller und schneller schoß das Fahrzeug dahin. Oft schrammte es an einem Felsvorsprung entlang, oft drohte es auf eine Klippe aufzurennen. Aber die Männer an Bord gaben gut acht. ? Längst lag der Kanal hinter ihnen. Strudel erfaßten das Boot, wirbelten es umher. Und ringsum lag wie graue, unheimliche Nacht der dichte, schwere Nebel.

Dann ? ein heftiger Stoß, und der große Fellnachen saß fest. Alles Arbeiten mit den Stangen half nichts. Man war auf ein flaches, glattes Riff aufgelaufen.

Hart besann sich nicht länger, sprang über Bord, fand Grund unter den Füßen, stemmte die unverletzte rechte Schulter unter den Bug, schob und drückte ? Dann ein Ruck ? Er wollte mit den Händen noch den Bootrand erfassen, aber nur zu schnell riß das Wasser den Nachen mit sich, der gleich darauf in den fahlen, grauen Massen untertauchte.

Für des armen, braven Telegraphisten Rettung konnten seine Gefährten nicht das geringste tun. Gegen die Strömung war nicht anzukämpfen. Man mußte sich ihr weiter auf gut Glück überlassen.

Eine Stunde später hatte das Boot die Grenze der Nebelbank erreicht, befand sich weit westlich der Vulkaninsel. Traurig setzte man die Segel und steuerte nach Norden zu, wo die steilen Küsten der Aleuten wie ein dunkler Strich zu erkennen waren. ?

Helgard und Doktor Vollmer gelangten glücklich auf einem amerikanischen Dampfer nach San Franzisko. Aber Freude darüber, daß sie jetzt auf neutralem Boden in Sicherheit waren, empfanden sie nicht. Der Verlust des treuen Hart, der entweder ertrunken oder in Gefangenschaft gerate sein mußte, schmerzte alle aufs tiefste. Hatte doch jeder von ihnen den frischen, fröhlichen jungen Menschen von Herzen lieb gewonnen.

Erst anderthalb Jahre später erhielt Professor Helgard, der sich bis zur Beendigung des Krieges in Mexiko niedergelassen hatte, einen langen Brief. Und dieser Brief kam von Karl Hart und enthielt eine eingehende Schilderung seiner weiteren Erlebnisse auf der Vulkaninsel. In einem der nächsten Bändchen dieser Sammlung werden wir diesen spannenden Bericht des opferfreudigen, unerschrockenen Telegraphisten veröffentlichen.

Ende.

Druck: P. Lehmann G. m. b. H., Berlin.


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