Aus der Pflanzenwelt

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Die Lungen der Pflanzen.

Wie? ? höre ich meine Leser beim Anblicke dieses Titels ausrufen. ? Die Pflanzen sollen Lungen besitzen? ? Allerdings, meine Freunde, besitzen dieselben Glieder oder Organe, welche zwar eine ganz andere Gestaltung und Bauart als die Lungen der Thiere, aber die gleiche Bedeutung und Bestimmung haben, und diese Organe sind ? die Blätter. Erlauben Sie mir, Sie einen Blick in die innere Bauart der Blätter und in das Leben der Pflanze überhaupt thun zu lassen, und Sie werden sich überzeugen, daß ich vollkommen Recht habe, wenn ich die Blätter, diese unter so mannigfachen, so zum Theil wunderbaren Formen erscheinenden Organe, auf deren Vorhandensein einer der hauptsächlichsten Reize aller schönen Landschaften, das vielfach nuancirte den Augen so wohlthuende Grün beruht, die Lungen der Pflanzen nenne.

Viele Leute glauben, daß die Blätter der Pflanzen blos zum Schmucke dienen oder daß sie denselben deshalb gegeben seien, weil sie die Nahrung vieler Thiere bilden und auch von Menschen zu mannigfachen Zwecken angewendet werden können, indem sich so ein großer Theil der Menschen einbildet, daß ihres lieben Ichs halber das ganze Thier- und Pflanzenreich und überhaupt die ganze Welt geschaffen worden sei. Diese und ähnliche Ansichten über die Bestimmung der Blätter sind gänzlich verkehrt. Die Blätter sind den Pflanzen ihrer selbst wegen gegeben, weil die Pflanzen ohne Blätter nicht leben können, aus keinem anderen Grunde. Die Benutzung der Blätter von Seiten der Thiere und Menschen ist Nebensache. Uebrigens besteht der Hauptnutzen, den die Blätter der animalischen Schöpfung gewähren, keineswegs darin, daß sie Nahrung spenden und zu technischen Zwecken benutzt werden können, sondern in ihrer eigenthümlichen Lebensthätigkeit, durch welche sie, wie meine Leser bald erkennen werden, für die Reinigung der Luft und für die Erzeugung von Wasser im hohen Grade sorgen.

Wenn Sie, meine Leser, das Blatt eines Kirschbaumes oder einer Buche betrachten wollen, so werden Sie bemerken, daß der Blattstiel sich in Form einer auf der untern (dem Boden zugekehrten) Seite der Blattscheibe hervortretenden Rippe durch die Blattsubstanz hindurch bis in die Spitze des Blattes fortsetzt, und daß von dieser Rippe, die man, weil sie die Blattscheibe in zwei Hälften scheidet, in der beschreibenden Botanik die Mittelrippe, wohl auch den Mittelnerv zu nennen pflegt, auf beiden Seiten kürzere und schwächere Rippen ausgehen, welche bei jenen Blättern einander gegenüberstehen und sich parallel von der Mittelrippe nach dem Rande des Blattes erstrecken. Halten sie ein solches Blatt gegen das Licht, so werden Sie eine Menge hell erscheinender dicker und dünner Linien unterscheiden können, welche sich auf das Vielfältigste verästelnd und mit einander verbindend, ein förmliches aus zahllosen kleinen, eckigen Maschen bestehendes Netz bilden, und es wird Ihnen nicht schwer fallen, zu erkennen, daß die stärkeren dieser hellen Linien von den Nebenrippen, auch wohl unmittelbar von der Hauptrippe des Blattes ausgeben. Das Innere der Maschen ist von der dunkeln Blattsubstanz erfüllt, welcher dem bloßen Auge als eine gleichförmige structurlose Masse erscheint. Ganz dieselbe Erscheinung würden Sie bei jedem andern Blatte, welches dünn genug ist, um das Licht durchscheinen zu lassen, wahrnehmen, nur mit dem Unterschiede, daß die Blattscheibe nicht immer von einer Mittelrippe durchzogen ist, welche Seitenrippen in der angegebenen Weise entsendet, sondern daß, wo an der Stelle, wo der Stiel in das Blatt eintritt, oder, wenn ein solcher ganz fehlt, wo das Blatt festsitzt, mehrere Rippen gleichzeitig entspringen und entweder parallel oder wie die Finger einer ausgebreiteten Hand durch die Blattfläche verlaufen; daß ferner die aus den Hauptrippen entspringenden Nebenrippen einander nicht immer gegenüberstehen, sondern diejenigen der einen Seite mit denen der andern abwechseln; daß dieselben sich in sehr verschiedener Weise verästeln und verzweigen, mit einem Worte, daß in der Anordnung der Rippen und der von ihnen ausgehenden hellen Linien, welche man in der beschreibenden Botanik Adern zu nennen pflegt, die verschiedenartigsten und mannigfachsten Verhältnisse obwalten. Wovon rühren nun diese Rippen und Adern her und wozu besitzt sie das Blatt? Ueber die erste Frage giebt uns die Betrachtung einiger in verticaler und horizontaler Richtung durch die Blattscheibe gemachten Schnitte unter dem Mikroskop Aufschluß, die zweite beantwortet uns die Physiologie oder derjenige Theil der botanischen Wissenschaft, welcher sich mit der Erforschung des Lebens der belebten Geschöpfe und den Verrichtungen von deren einzelnen Organen beschäftigt.

Durchschneidet man eine Blattrippe ihrer Länge nach und betrachtet man einen feinen in derselben Richtung davon abgeschnittenen Schiefer unter dem Mikroskop, so wird man in der Regel bemerken, daß die Blattrippe aus mehrern sogenannten Gefäßbündeln besteht, welche nicht selten von Bastbündeln begleitet sind. Gefäßbündel nennt man fadenförmige Vereinigungen parallel nebeneinander liegender Reihen von zartrandigen langgestreckten Zellen, so wie von engeren oder weiteren, nicht selten gegliederten Röhren, deren zarte Wendung bald von hellen runden Punkten oder Strichen wie durchlöchert oder zerspalten scheint, bald inwendig mit einer oder mehrern spiralförmig aufgerollten Fasern, deren Windungen entweder eng neben einander liegen oder aus einander gezogen sind, und gekleidet ist, bald eine netzförmig-fasige Bauart erkennen läßt, wohl auch aussieht, als wäre sie über einzelne quer gestellte Ringe gespannt. Diese Röhren nennt man Gefäße, und unterscheidet nach der so eben angedeuteten Verschiedenheit in der Structur ihrer Haut punktirte oder poröse, netzförmige, Spiral- und Ringgefäße. Was man Zellen nennt, darf ich bei den Lesern dieses Blattes wohl als bekannt voraussetzen, weshalb ich blos hinzufüge, daß auch die sogenannten Gefäße weiter nichts als Zellen oder vielmehr Zellenreihen sind, indem sie aus gestreckten vertical über einander gestellten Zellen durch Zerstörung und Aufsaugung der Berührungsflächen entstehen, und daß die oben erwähnten Bastbündel, von denen die Gefäßbündel im Stiele und in den Rippen der Blätter häufig begleitet zu sein pflegen, aus Bastzellen, d. h. aus langgestreckten, fadenartigen, an beiden Enden zugespitzten, sehr dickwandigen und biegsamen Zellen zusammen gesetzt sind. (Der nebenstehende Holzschnitt A zeigt ein Gefäßbündel aus dem Stiele des gemeinen Tupfelfarrnkraut am Längs- und Querschnitt, wo sich in der Mitte, bei a quergestrichelte oder sogenannte Treppengefäße, nach außen zu, bei b gestreckte dünnwandige Zellen, sogenannte Cambiumzellen befinden. Das ganze Bündel ist von kurzgestreckten, eckigen Zellen umgeben, von denen die innerste Reihe bei c einseitig verdickte und poröse Zellen besitzt.) Das Gefäßbündelsystem, welches den Blattstiel durchzieht, zertheilt sich zuletzt in die Blattrippen, und aus diesen zweigen sich wieder einzelne Gefäßbündel ab, stärkere und schwächere, welche das durchsichtige Adernetz bilden. Die zwischen den Maschen des Adernetzes befindliche, dem bloßen Auge als dunkle gleichförmige Masse erscheinende Blattsubstanz zeigt sich unter dem Mikroskop aus Zellen von verschiedener Form zusammen gesetzt. Bei denjenigen Blättern, welche eine flächenförmige und dünne membranöse Blattscheibe haben, wie die Blätter aller unserer Bäume und überhaupt die Mehrzahl der bei uns wachsenden Pflanzen, lassen sich in der Regel vier Schichten verschiedener Zellen in dem Gewebe des Blattes, wenn man die Blattscheibe senkrecht auf ihrer Fläche durchschneidet, unterscheiden, nämlich: 1) die Oberhaut der obern, dem Himmel zugekehrten Fläche, welche aus abgeplatteten, dicht an einander schließenden Zellen besteht; 2) die obere Schicht des innern Gewebes, aus kurzen gestreckten, prismatischen, diese an einander schließenden, senkrecht auf die Blattfläche gestellten Zellen gebildet; 3) die untere Schicht des innern Gewebes, welche aus kuglichen oder unregelmäßigen, nur locker sich berührenden und daher ein schwammiges, von vielen Höhlungen und Gängen erfülltes Gewebe bildenden Zellen zusammen gesetzt ist und in welcher stets die Gefäßbündel verlaufen; endlich 4) die Oberhaut der untern Fläche. Letztere besteht der Hauptsache nach aus ähnlich gestalteten Zellen, wie die Oberhaut der obern Fläche; allein ihre Zellen schließen nicht überall dicht an einander, sondern es befindet sich an manchen Stellen zwischen je zwei oder mehr Zellen eine Lücke, ein sogenannter Intercellular- oder Zwischenzellgang, welcher nach innen zu mit den hohlen Räumen des schwammigen Zellgewebes in Verbindung steht, nach außen hin dagegen durch zwei halbmondförmig gestaltete Zellen geschlossen ist. Diese beiden ?Schließzellen? sind einander mit ihren concaven Rändern zugekehrt und besitzen die merkwürdige Eigenschaft, daß sie sich beliebig ausdehnen und zusammen ziehen können. Dehnen sie sich aus, so schließen sie den Zwischenzellgang vollständig, indem die Concavitäten sich ausgleichen, und dann die einander zugekehrten Seiten der beiden Zellen sich an einander schmiegen; ziehen sie sich dagegen zusammen, so entsteht zwischen ihnen eine linsenförmige Spalte, mittelst deren der Zwischenzellgang nach außen hin geöffnet wird. Diesen ganzen seltsamen Apparat nennt man die Speltöffnung.

Der Holzschnitt B, welcher ein Stück eines Lilienblattes senkrecht durchschnitten darstellt, zeigt nicht allein die vier oben beschriebenen Zellenschichten sehr deutlich (a ist die obere, b die untere Oberhaut, c die obere, d die untere Schicht des innern Gewebes, e sind die hohlen Räume in der letztern Schicht), sondern bei f auch zwei vertical durchschnittene Speltöffnungen. Der Holzschnitt C stellt ein Stückchen der untern Oberhaut desselben Blattes von der Fläche gesehen dar, mit drei Speltöffnungen. Der Holzschnitt D bei a die beiden Schließzellen im ausgedehnten Zustande und die Speltöffnung folglich geschlossen, bei b dieselben Zellen im zusammengezogenen Zustande und die Speltöffnung geöffnet.

Die

Sie sehen also, meine Freunde, daß die Blätter der Pflanzen einen viel complicirteren Bau besitzen, als sie auf den ersten Blick zu haben scheinen. Wozu aber sind die Blätter so seltsam, so wunderbar gebildet? ? Wegen ihrer Bestimmung, ihrer Thätigkeit. Tausende von Beobachtungen und Versuchen haben nämlich als ausgemachte Gewißheit ergeben, daß alle jüngeren und grüngefärbten Pflanzentheile, deren Oberhaut stets mit Speltöffnungen versehen zu sein pflegt, und ganz besonders die Blätter, die in der atmosphärischen Luft enthaltenen Gasarten, nämlich Sauerstoffgas, Stickstoffgas und Kohlensäuregas, besonders das erste und letzte, aus der Luft aufsaugen, zugleich aber auch dieselben Gasarten aus ihrem Innern an die Atmosphäre wieder abgeben. Sowohl die Aufnahme als die Aushauchung dieser Gasarten geschieht durch die Speltöffnungen; erstere nennt man den Einathmungs-, letztere den Ausathmungsprozeß, und beide Vorgänge zusammen den Athmungsprozeß oder die Respiration der Pflanzen. Wie bei den Thieren, so geht auch bei den Pflanzen das Ein- und Ausathmen Hand in Hand; allein der Athmungsprozeß der Pflanzen ist nicht immer derselbe wie bei den Thieren, sondern je nach der Tageszeit verschieden. Bei Tage, und besonders im Sonnenlicht, athmen nämlich die Pflanzen durch ihre Speltöffnungen Kohlensäure ein und Sauerstoffgas aus, bei Nacht dagegen und überhaupt im Dunkeln hauchen sie Kohlensäure aus und saugen Sauerstoff aus der Luft auf. Die durch die Speltöffnungen aufgenommenen Gase gelangen zunächst in die sogenannte Athmungshöhle, einen größern unterhalb der Speltöffnung und der Oberhaut gelegenen Hohlraum im schwammigen Zellgewebe des Blattes, in welches stets eine Anzahl von Zwischenzellengängen desselben Gewebes einmünden, durch welche die Athmungshöhle mit den übrigen Räumen, Lücken und Gängen des schwammigen Gewebes in Verbindung gesetzt wird. Es liegt also auf der Hand, daß die durch die Speltöffnungen hereingedrungenen atmospharischen Gase sich durch das ganze schwammige Zellgewebe verbreiten können und verbreiten müssen und folglich auch in unmittelbare Berührung mit den Gefäßbündeln kommen werden, da diese ja an der schwammigen Zellenschicht verlaufen. Ja, da die Membran der Pflanzenzelle für Gase eben so durchdringbar ist, wie für Flüssigkeiten, so werden jene Gasarten nicht allein mit den Gefäßbündeln in allseitige Berührung kommen, sondern sogar in das Innere der einzelnen Zellen eindringen, aus denen die Gefäßbündel bestehen. Was hefindet sich in diesen Zellen? ? Antwort: Der rohe oder noch wenig veränderte Nahrungssaft.

Die Nahrung der Pflanzen besteht aus unorganischen Stoffen, welche, da die Pflanze keine Mundöffnung besitzt, sondern Alles was sie bedarf, nur vermittelst ihrer Zellen aufsaugt, im Wasser aufgelöst sein müssen. Das hauptsächlichste Nahrungsmittel ist ein Kohlensäure und Ammoniak haltiges Wasser. Solches Wasser findet sich überall, wo Pflanzen wachsen, im Boden, indem durch die Verwesung der Pflanzen- und Thierkörper fortwährend eine bedeutende Menge Kohlensäue und Ammoniak erzeugt wird, welche sich mit dem sogenannten Humus der Acker- oder Dammerde vermengt. Das zur Auflösung dieser Stoffe nöthige Wasser wird dem Boden durch den Regen, Schnee und andere atmosphärische Niederschläge, durch Quellen, Bäche und Flüsse fortwährend zugeführt. Die im Boden befindliche flüssige Nahrung der Pflanzen (bei den im oder auf dem Wasser schwimmenden Pflanzen bildet das Wasser selbst die Nahrung) wird nun von diesen vermittelst der Wurzelspitzen aufgesaugt und steigt nun im Stamme oder Stengel empor, gelangt aus diesem in die Aeste und durch diese in die Blätter. Die über das Emporsteigen des Saftes angestellten Versuche haben nun ergeben, daß das Aufsteigen, wenigstens bei der Mehrzahl der uns umgebenden Gewächse und namentlich bei den Bäumen, in dem unmittelbar unter der Rinde befindlichen jungen Holze oder dem Splinte geschieht, denn schneidet man diesen jungen Theil des Holzkörpers bei irgend einem unserer Bäume ringsum durch, so stirbt das oberhalb der Wunde befindliche Stück des Baumes sogleich ab, indem diesem kein Nahrungssaft mehr zugeführt werden kann. Der Splint besteht aber aus den jüngsten Theilen des Gefäßbündelsystems, welches den Stamm durchzieht und welches fast den gesammten Holzkörper unserer Bäume bildet. Dieser mächtige Gefäßbündelkörper des Stammes entsendet sowohl Zweige nach unten hin durch alle Wurzeln bis in die äußersten Spitzen der jüngsten Würzelchen, als auch in der entgegengesetzten Richtung in alle Aeste und Zweige. Die Gefäßbündelkörper der Zweige entsenden wieder dünnere Gefäßbündelkörper, welche entweder unmittelbar oder durch den Blattstiel in die Scheiben der Blätter eindringen und sich hier in der bereits geschilderten, so überaus verschiedenartigsten Weise verästeln, wodurch jenes merkwürdige und höchst zierliche Gefäßbündelgeflecht oder Adernetz entsteht. Sämmtliche Gefäßbündel einer Pflanze bilden folglich ein zusammenhängendes höchst complicirtes System, welches den ganzen Pflanzenkörper von den äußersten Wurzelspitzen bis in die Blätter (desgleichen bis in die Blüthen- und Fruchttheile) durchzieht und sich in den Blättern auf das Unendlichste verästelt. Da nun der Nahrungssaft in den Gefäßbündeln emporsteigt, so bezeichnet der Verlauf und die Verzweigung der letzteren die Richtung und Vertheilung des aufsteigenden Saftstammes innerhalb der Pflanzen und folglich muß sich auch der Saftstrom in den Blättern in zahllose kleine Strömchen zertheilen, welche netzförmig unter einander verbunden sind. Das Emporsteigen des Saftes geschieht übrigens weder in dem gesammten Gefäßbündelsystem, noch in allen Theilen der einzelnen Gefäßbündel. Schon oben habe ich bemerkt, daß in unsern Bäumen blos der Splint, das junge weiche Holz den Saft fortführt, während das untere Holz sich dabei garnicht betheiligt. Aus dem Splint der Aeste entspringen nun freilich auch alle zu den lebensthätigen Blättern gehenden Gefäßbündel. In dem Gefäßbündel selbst scheinen vorzugsweise die gestreckten zartwandigen Zellen (die Cambiumzellen, s. Fig. A b) den Saftstrom zu leiten, weniger die eigentlichen Gefäße, welche man früherhin als die saftleitenden Röhren betrachtete und ihnen deshalb den Namen ?Gefäße? gab, sie für ähnliche Organe haltend, wie die Blutadern der Thiere. Die Gefäße betheiligen sich nämlich den neuesten Untersuchungen zufolge nur in ihrer Jugend und in unserm Klima im ersten Frühling, wenn, wie man zu sagen pflegt, ?der Saft in die Bäume tritt,? an der Fortführung des aufsteigenden Saftes, denn später erscheinen sie niemals mit Saft, sondern mit Luft oder Gasarten erfüllt.

Der aufsteigende Saft wird auch roher Nahrungssaft genannt, weil er noch nicht fähig ist, die Pflanze wirklich zu ernähren, d. h. ihre Zellen mit denjenigen Stoffen zu versehen, aus denen neuer Zellstoff gebildet werden kann. Um diese Fähigkeit zu erlangen, muß er ?assimilirt? werden, d. h. er muß eine chemische Umwandlung erleiden, durch welche die in ihm enthaltenen noch wenig oder gar nicht veränderten unorganischen Stoffe, als Kohlensäure, Ammoniak, Wasser, Kalk- und Natronsalze u. s. w. in pflanzliche Stoffe, wie Zucker, Stärkemehl, Zellstoff u. s. w. übergeführt werden. Diese chemische Umwandlung oder die ?Assimilation? des rohen Nahrungssaftes geschieht in den Blättern oder wird wenigstens daselbst eingeleitet, in Folge der Berührung des rohen Nahrungssaftes mit den durch die Speltöffnungen aufgenommenen Gase der atmosphärischen Luft. In Folge dieser Zusammenkunft werden nämlich sowohl die unorganischen Stoffe des rohen Nahrungssaftes als die aus der Luft aufgenommene Kohlensäure in ihre einzelnen Bestandtheile zerlegt und gehen unter einander neue Verbindungen ein. Bei diesem Prozesse werden große Mengen von Sauerstoff- und Kohlensäuregas entbunden, welche wieder durch die Speltöffnungen in die Atmosphäre entweichen. Der rohe Nahrungssaft der Pflanzen erleidet folglich in den Blättern durch die Berührung mit den Gasen der Atmosphäre eine ganz ähnliche Umwandlung, wie das venöse, d. h. das kohlenstoffreiche, zur Ernährung des Thierkörpers untaugliche Blut in den Lungen, wo dasselbe, ebenfalls in Folge der Einwirkung der Gase der eingeathmeten Luft in arterielles, d. h. sauerstoffreiches, nahrhaftes Blut verwandelt wird, und deshalb kann man die Blätter mit vollstem Rechte die Lungen der Pflanzen nennen. Der assimilirte oder eigentliche Nahrungssaft kehrt nunmehr aus den Blättern wieder in die Aeste, in den Stamm, ja bis zu den Wurzeln zurück und wird unterwegs nach allen denjenigen Theilen des Pflanzenkörpers hingeleitet, welche ernährt werden sollen. Dieses Abwärtsströmen geht vorzüglich in der jungen Rinde, und wie es scheint, auch im Marke vor sich, indem auch die Zellen des Markes assimilirte Stoffe in großer Menge enthalten. Daß die junge Rinde, wenigstens bei unsern Bäumen vorzugsweise das den abwärtssteigenden Nahrungssaft leitende Gewebe ist, geht daraus hervor, daß, wenn man die Rinde eines Baumes am Stamme ringsherum durchschneidet und ein Stück derselben herausschneidet, einen sogenannten ?Ringelschnitt? macht wie die Gärtner sagen, daß dann das unterhalb des Schnittes befindliche Stück des Baumes nicht weiter oder nur unvollkommen ernährt wird, sondern blos noch die oberhalb des Schnittes befindlichen Theile. Deshalb schwillt ein solcher ?geringelter? Baumstamm oberhalb des Ringelschnittes stark an, während das untere Stück seine bis dahin erreichte Stärke beibehält oder sich nur unbedeutend verdickt. Da durch den Ringelschnitt eine stärkere Blüthenentwickelung so wie ein gesteigertes Wachsthum und eine größere Saftigkeit der Früchte hervorgebracht zu werden pflegt, so wird diese Operation von den Gärtnern sehr häufig bei den Obstbäumen in Anwendung gebracht, ohne daß viele derselben wissen, worauf eigentlich jene Erscheinung beruht.

Aus den vorstehenden Schilderungen ergiebt sich zur Genüge die eigentliche Bedeutung und Bestimmung der Blätter. Es resultiren aber aus dieser Bedeutung der Blätter zugleich höchst wichtige Winke für das praktische Leben. Da die Blätter die Athmungsorgane der Pflanzen sind, so liegt es auf der Hand, daß das Leben einer Pflanze im hohen Grade beeinträchtigt werden muß, wenn man sie ihrer Blätter beraubt. Hieraus folgt, daß jene Pflanzen, deren Blätter man theils zur Fütterung, theils zu andern Zwecken benutzt, z. B. die Maulbeerbäume, die Sauernkirschbäume u. a. nicht aller und überhaupt nicht zu vieler Blätter beraubt werden dürfen, sollen sie kräftig fortvegetiren. Besonders müssen die jungen Blätter geschont werden, da in diesen der Athmungs- und Assimilationsprozeß am Lebhaftesten und Wirksamsten geschieht. Da ferner die Aushauchung von Sauerstoff und die Einathmung von Kohlensäure, welche vorzugsweise die Assimilation zu unterhalten scheint, nur unter dem Einflusse des Lichtes vor sich gehen kann, so müssen alle Culturgewächse, welche im wilden Zustande in einem hellen Lichte zu wachsen pflegen, auch unter dem Einflusse eines solchen cultivirt werden. Das giebt einen wichtigen Wink für die Zimmer- und Gewächshausgärtnerei. Nicht selten hat man die Verwunderung darüber ausgesprochen, daß Zimmerpflanzen trotz der sorgsamsten Abwartung die Blätter verlieren und eingehen. Es ist dies eine ganz natürliche Erscheinung, die in den meisten Fällen ihre Ursache im Mangel des Lichtes haben wird. Sie kann aber auch im Staube der Zimmer begründet sein. Durch den Staub können nämlich die Speltöffnungen sehr leicht verstopft werden. Deshalb müssen die Blätter der Zimmerpflanzen von Zeit zu Zeit abgewaschen werden. Da sich endlich durch sogenannten ?Mehlthau,? d. h. durch schmarotzende mikroskopisch kleine Pilze, welche sich im Innern der Blätter entwickeln und deren Zellgewebe zerstören, durch die kleberigen Ausscheidungen der Blattläuse, welche die Unterseite der Blätter überziehen und deren Speltöffnungen verstopfen (den sogenannten ?Honigthau?), endlich durch die Schildläuse, welche mit ihrem in das Gewebe der Blätter eingebohrten Saugerüssel den Nahrungssaft herausziehen, die Thätigkeit der Blätter und in Folge davon der gesammte Ernährungsprozeß der Pflanze im hohen Grade beeinträchtigt und endlich deren Tod herbeigeführt werden müsse, versteht sich von selbst.

Zum Schlusse will ich noch einige Bemerkungen über den eigentlichen und wahren bereits zu Anfange dieses Aufsatzes angedeuteten Nutzen hinzufügen, den die Blätter dem Menschen und der gesammten animalischen Schöpfung bringen: Durch den Athmungsprozeß der Thiere und Menschen wird der Atmosphäre fortwährend ein sehr bedeutender Theil ihres Sauerstoffgehalts entzogen, indem jene Geschöpfe den Sauerstoff der eingeathmeten Luft in ihrem Körper größtentheils zurückbehalten, und blos eine sehr kohlenstoffreiche Luft wieder ausathmen. Dieser bedeutende Sauerstoffverlust, den die Luft durch den Athmungsprozeß der Thiere erleidet, wird durch denjenigen der Pflanzen wieder ersetzt. Zugleich wird der Ueberschuß von Kohlensäure, der durch die Respiration der Thiere und Pflanzen in die Luft kommt, durch den Einathmungsprozeß der Pflanzen wieder entfernt. Denn die Absorption von Kohlensäure und der Luft durch die Blätter ist weit bedeutender als die Aushauchung von Kohlensäure in die Luft. Wir sehen also, daß ohne die Pflanzen, und noch specieller gefaßt, ohne die Blätter die Luft, diese wichtigste Bedingung des animalischen Lebens, für Thiere und Menschen am Ende irrespirabel, d. h. zum Athmungsprozeß untauglich werden, daß Thiere und Menschen ersticken würden. Aber die Blätter erhalten nicht allein das Gleichgewicht der die atmosphärische Luft zusammensetzenden Gasarten, sie sind auch eine nie versiegende Quelle für das zweite zum Leben der animalischen und der vegetativen Schöpfung unentbehrliche Bedürfniß, für das Wasser. Außer dem Respirationsprozesse erfolgt nämlich durch die Blätter auch eine bedeutende Aushauchung von Wasserdampf. Theils dadurch, daß die Pflanzen sowohl aus dem Boden tropfbar flüssiges, als aus der Luft dampfförmiges Wasser durch die Wurzeln und durch die jüngern Theile ihres in die der Luft befindlichen Körpers im Uebermaß aufnehmen theils dadurch, daß in Folge des Assimilationsprozesses fortwährend auch Wasser gebildet wird, entsteht im Innern des Pflanzenkörpers ein Ueberfluß von Wasser, welcher in Dampfform an die Oberfläche der jüngern und grünen Pflanzentheile, besondersaber durch die Blätter wieder ausgeschieden wird. Hierdurch wird also die Luft fortwährend durch die Pflanzen, und besonders durch die Blätter mit Wasserdampfe versorgt. Je üppiger, je blattreicher die Vegetation einer Gegend ist, desto mehr Wasserdampf wird deren Atmosphäre enthalten, desto häufigerer atmosphärischer Niederschläge, namentlich Thau und Regen wird sich dieselbe erfreuen und desto mehr Quellen und folglich auch Bäche und Flüsse wird sie besitzen. Da nun ein Baum viel mehr Blätter besitzt als ein krautartiges Gewächs, so versteht es sich von selbst, daß Waldungen eine Hauptquelle der Wasserbildung sein werden. Hieraus ergiebt sich die nie genug einzuschärfende Wichtigkeit der Erhaltung der Wälder. In allen Gegenden, welche keine hohen die Schneegrenze überschreitenden Gebirge besitzen, unterhalten sie allein die Quellen und Flüsse. Dies gilt ganz besondere von denjenigen Gegenden des Erdballes, wo es, wie im Süden von Europa im Sommer wenig, oft gar nicht regnet, aus Ursachen, deren Erörterung nicht hierher gehört, und wo daher die Pflanzenwelt wie die Quellen auf den Niederschlag des in der Luft befindlichen Wasserdampfes, d. h. auf den Thau angewiesen sind. Durch Vernichtung der Wälder können solche Gegenden, auch wenn sie den fruchtbarsten Boden besitzen, für ewige Zeiten in dürre, unwirthbare Steppen umgewandelt werden, indem die Quellen versiegen. Hunderte von weiten Landstrichen, die in den Umgebungen des mittelländischen Meeres gelegenen Länder, besonders Kleinasiens, Griechenlands und Spaniens, wo theils in Folge der Bedürfnisse einer mehrtausendjahrigen Kultur, theils durch den Unverstand der Bewohner die ursprünglich vorhandenen Waldungen vernichtet worden sind, legen das sprechendste Zeugniß für die Wichtigkeit der Wälder ab, denn während jene Gegenden nach historischen Documenten ehedem, als sie noch Wälder besaßen in üppigster Fruchtbarkeit prangten, sind sie jetzt grauenvolle, nackte, sonnenverbrannte Einöden.

Dr. Willkomm. 

Das spanische Espartogras.

Manchem meiner Leser, welche das Hôtel de Pologne in Leipzig besucht haben, sind gewiß schon die bunten, zierlich gemusterten, scheinbar aus einer Art von Binsen oder Stroh geflochtenen Matten aufgefallen, welche in dem großen Corridor an dem Eingange zu den Sälen den Boden bedecken, aber weder ihnen noch den Eigenthümern des Hotels wird es bekannt sein, daß jene Decken aus einem Stoffe bestehen, der ein Produkt des fernen Spaniens ist, ja daß sie vielleicht gar selbst ein spanisches Fabrikat sind. Viel häufiger als in Deutschland trifft man dergleichen Fußmatten in Frankreich, wo man sie nattes d?esparte, auch wohl nattes de jonc espagnol, am Häufigsten kurzweg nattes nennt. In Paris giebt es fast keine Haushaltung, wo man nicht dergleichen, meist schwarz und roth, oder roth und gelb (die spanischen Nationalfarben) gefärbte Decken in den gewöhnlich nicht gedielten, sondern mit einem lackirten und polirten Ziegelboden versehenen Zimmern findet. Mir fielen diese Decken auf meiner ersten Reise nach Spanien zuerst in Genf auf, wo ich sie im Hause eines reichen Naturforschers, welcher einige Jahre zuvor ebenfalls in Spanien gewesen war, in seltner Schönheit sah. Dort erfuhr ich auch, daß diese Matten nicht aus Binsen, sondern aus den Blättern einer in Spanien häufig wachsenden und diesem Lande, sowie dem nördlichen Afrika eigenthümlichen Grasart verfertigt würden, welche in Spanien den Namen Esparto führt, von den Botanikern aber Macrochloa tenacissimagenannt wird. Schon in Marseille bemerkte ich große Magazine, welche theils mit Espartomatten und andern aus diesem Stoffe gearbeiteten Gegenständen, theils mit unverarbeiteten, aber getrockneten und gebleichten Espartoblättern angefüllt waren, und gleich bei dem ersten Hafenbesuch fielen mir mächtige aus demselben Stoffe gemachte Ankertaue in die Augen, welche sich schon von fern durch ihre gelbliche Farbe von den hänfenen unterschieden.

Alles dieses, noch mehr aber die Nachricht von der Ankunft eines großen mit rohem Esparto beladenen Schiffes von Alicante, die ich zufällig am andern Morgen im Hafenberichte las, überzeugte mich, daß jene Grasblätter und alle daraus verfertigten Gegenstände einen wichtigen Artikel des spanischen Exporthandels bilden müßten, wie es in der That der Fall ist.

Ich war nun sehr begierig, die Pflanze, welche diesen nützlichen und vielfach benutzten Stoff liefert, im lebenden Zustande zu sehen, fand sie aber erst in der Gegend von Valencia. Sie wuchs dort auf dürren steinigen Kalkhügeln, doch nur in sehr geringer Menge, weshalb ich damals nicht begreifen konnte, wo all der Esparto herkäme, von dem in Valencia noch viel größere Vorräte vorhanden waren, als in Marseille. Allein bald führte mich meine Reise in Gegenden, wo Räume von mehreren Quadratmeilen Areal saß gänzlich mit Espartogras bedeckt waren, und nun wunderte ich mich nicht mehr über die ungeheuren Massen von unverarbeitetem und verarbeitetem Esparto, die ich in Marseille, Barcelona, Valencia und Madrid gesehen hatte.

Das Espartogras gehört zu denjenigen Gräsern, deren Blätter eine lederartige Beschaffenheit besitzen und sich länger als einen Sommer frisch erhalten. Die Mehrzahl dieser Gräser wächst in den Umgebungen des mittelländischen Meeres und gern nicht dicht beisammen stehend, wie die Gräser unserer Wiesen, sondern in einzelnen Büscheln. Diese lederblättrigen Gräser bilden daher niemals Rasen, zwischen ihren starren Blätterbüscheln blickt überall der nackle Erdboden hervor. Nicht selten laufen die Blätter in eine harte stechende Spitze aus, aber selbst, wo dies nicht der Fall ist, können die Blätter wegen ihrer Härte nicht als Viehfutter benutzt werden, im Gegentheil wird das Vieh davon krank, wenn es dergleichen Grasblätter zufällig mit seinem Futter bekommt. So wächst an den Abhängen der schneebedeckten Kämme der Sierra Nevada ein solches Gras mit kurzen, stechenden Blättern in großer Menge.[1] - Trotz der Starrheit seiner Blätterbüschel werden diese bisweilen von hungrigen Ziegen verschlungen, aber nur selten kommt ein solches Thier mit dem Leben davon, indem die harten, stechenden Blätter ihm den Magen förmlich durchbohren. Deshalb wird dieses sehr verhaßte Gras von den Hirten jenes Gebirges ?Rompebarriga?, d. h. Bauchaufreißer genannt. Auch das Espartogras würde eher eine Plage als ein Segen der Gegenden, wo es wächst, zu nennen sein, wenn seine Blätter nicht jene außerordentliche Zähigkeit, Biegsamkeit und Elasticität besäßen, welche sie zur technischen Benutzung in so hohem Grade geschickt machen.

Das Espartogras besitzt einen ausdauernden, ästigen, holzigen, oft unter dem Boden fortkriechenden Wurzelstock, aus dem zahlreiche Faserwurzeln und Blätterbüschel entspringen (s. die beigedruckte Abbildung, welche eine vollständige Espartopflanze im blühenden Zustande, aber stark verkleinert und daneben bei a. eine Blüthe in natürlicher Größe darstellt). Die jungen Blätter sind grasgrün, zart und weich und werden deshalb von den Schafen und Ziegen, besonders aber von manchen Schneckenarten gern gefressen, weshalb man nur selten junge Blätter findet. In der ersten Jugend sind die Blätter eben, wie die Blätter unserer meisten Gräser; aber sehr bald, wenn das Blatt kaum einen Zoll lang geworden ist, beginnt der schmale, linealische Blattstreifen sich von den Rändern an auf seine obere Fläche zusammenzurollen, so daß das Blatt sehr bald die Form eines im Querschnitt vollkommen runden und fest zusammenschließenden Cylinders bekommt (Fig. c.), welche es nun beibehält. Die vollkommen ausgewachsenen Blätter sind ungefähr anderthalb Fuß lang, drei Viertellinien dick, der Länge nach feingestreift, aber ganz glatt, wie auch die Blüthenhelme von graugrüner Farbe, weshalb eine von Espartogras bedeckte Landstrecke ein sehr fahles Colorit und tristes Aussehen hat. Jedes Blatt verschmälert sich von seiner Basis an, wo es in eine breite, an ihrem Eingange mit feinen, wolligen Haaren bärtig umsäumte Scheide übergeht, nach oben hin ganz allmälig und läuft zuletzt in eine starre, steife, feststehende Spitze aus. Die aus dem Wurzelstock entspringenden Blattbüschel, welche allein zum Flechten brauchbare Blätter liefern, bestehen aus einer unbestimmten Anzahl ineinander gesteckter Blätter, indem, wie Fig. b. zeigt, immer die Scheide des zunächst vorhergehenden Blattes die des zunächst folgenden, und die Scheide des untersten und ältesten Blattes alle übrigen Blätter umfaßt. Die Blätter streben anfangs gerade aufwärts, biegen sich aber bald nach außen und beschreiben mit ihrem obern Theile einen mehr oder weniger kreisförmigen Bogen, wodurch die Blätterbüschel ein sperriges Ansehen bekommmen.

Das Espartogras scheint selten zu blühen, wenigstens habe ich dasselbe nur einige Mal in Blüthe getroffen. Dann bietet es einen ungemein schönen Anblick, denn es belebt die kahlen Landschaften, in denen es zu wachsen pflegt, in eigenthümlicher Weise. Der gegen vier Fuß hoch werdende straff emporstrebende Halm trägt nämlich eine oft über einen Fuß Länge erreichende, ährenförmige Rispe, welche aus einigen hundert großen Blüthen besteht, deren jede mit einer über zwei Zoll langen, in der Mitte knieförmig gebogenen, und in ihrer untern Hälfte von feinen seidenglänzenden Haaren bartförmig bekleideten Granne versehen ist (s. Fig. a.). Jede Blüthe befindet sich in einem aus zwei großen, lang zugespitzten, braungelb gefärbten und glänzenden Spelzen gebildeten Kelche. Die ganze Rispe sieht daher von fern, besonders im Sonnenlichte wie ein aus feinen braungelben Federchen bestehender Federbusch aus. Der Halm ist nicht hohl, wie derjenige unserer Gräser, sondern inwendig mit Mark angefüllt. Er führt nur wenige Blätter, welche ungemein lange, etwas aufgetriebene und bräumlich gefärbte Scheiden, aber einen kurzen Saum besitzen und deshalb zum Flechten nicht benutzt werden können.

Die

Das spanische Espartogras.


Man bedient sich zur Verfertigung der Espartogeflechte vorzüglich deer einjährigen Blätter, und pflegt dieselben im Frühlinge einzusammeln, indem man sie aus den Büscheln herausreißt. Dieselben werden sodann entweder an der Luft getrocknet und unmittelbar verarbeitet, oder abwechselnd in?s Wasser und an?s Sonnenlicht gelegt und auf diese Weise gebleicht. Die unmittelbar getrocketen Blätter, welche von hell grünlich-grauer Farbe sind, lassen sich nur zu grobem Flechtwerk benutzen und werden gewöhnlich von den Einsammlern selbst verarbeitet, welche daraus Stricke, grobe Matten, Körbe und Sandalen verfertigen. Mit dergleichen Arbeiten beschäftigen sich namentlich die Hirten, welche, wenigstens in den Espartogegenden, immer selbstgefertigte und daher sehr plumpe Espartosandalen zu tragen pflegen. Durch das Rösten und Bleichen erhalten die Espartoblätter eine viel größere Härte, Zähigkeit und Elasticität und werden dadurch zum Flechten geeigneter. Aus solchen gebleichten Espartoblättern verfertigt man in Spanien alle erdenklichen Arten von grobem und feinem Flechtwerk, als Stricke, Seile, Taue, Körbe, Netze, Matten (esteras, Sandalen, Schuhe, Wedel zum Feueranfachen, Tragsättel und Halftern für Maulthiere und Esel, feine Handbesen [2], Geflechte für Stühle und Bänke, Fenstervorsetzer, Schirme, Peitschen u. s. w. Noch feinere Arbeiten macht man aus Espartofasern, welche durch Klopfen des gebleichten und im Wasser geweichten Esparto mittelst hölzerner Schlägel gewonnen werden. Aus solchen feinen Fasern werden Cigarrenetuis, feine zierliche Körbchen, künstliche Blumen u. dgl. gemacht. Durch verschiedene Färbung der gebleichten Espartoblätter und Espartofasern hat man es möglich gemacht, Muster aller Art aus Esparto zu flechten. Ich habe auf der im Herbst 1850 in Madrid veranstalteten Industrieausstellung Espartomatten mit hineingeflochtenen bunten Arabesken und andern Mustern gesehen, von solcher Vollendung und Schönheit, daß man sie auf den ersten Blick für Teppiche zu halten geneigt war. In Spanien und Portugal ? zum Theil schon in Frankreich ? vertreten die Espartomatten allgemein die Stelle unserer gewöhnlichen Zimmerteppiche. Sie sind nicht allein viel haltbarer als letztere, sondern auch viel billiger und sehen dabei fast eben so hübsch aus. Auch zum Emballiren der Waarenkisten, Koffer u. s. w. bedient man sich allgemein der biegsamen und dauerhaften Espartomatten. Besonders geschätzt sind die Espartoseile und Espartotaue, weil sie bei fast gleicher Dauerhaftigkeit viel weniger kosten, als die Hanfseile und Hanftaue. Dasselbe gilt von den Espartosandalen, von denen jährlich gewiß vieie Miilionen Paare in Spanien gefertigt und consumirt werden. In den holzarmen Gegenden des südöstlichen Spanien, welche die eigentliche Heimath des Espartograses sind, wird der rohe frisch gedörrte Esparto auch als Brennmaterial benutzt. Aus alledem geht zur Genüge hervor, daß das Espartogras eine außerordentlich nützliche Pflanze und für den Spanier ein unentbehrliches Bedürfniß ist. Es bildet aber zugleich einen sehr wichtigen Handelsartikel, indem die Espartogeflechte, besonders die Matten, Seile und Taue in Frankreich, Italien, England und Amerika allgemein beliebt und geschätzt sind. Aus den südspanischen Häfen werden daher alljährlich große Massen von rohem und verarbeitetem Esparto auf spanischen und fremden Schiffen nach den genannten Ländern ausgeführt. Den meisten Esparto exportirt Murcia über die Häfen von Alicante, Cartagena und besonders von las Aguiles. Der Werth der Ausfuhr soll sich jährlich im Durchschnitt auf 400,000 Realen (29,332 Thaler) belaufen.

So großen und vielfachen Nutzen nun aber auch das Espartogras gewährt, und so viel diese Pflanze dem spanischen Handel einbringt, so ist dieselbe doch für die Bodenbeschaffenheit der Gegenden, wo sie in Menge wächst, ein schlechtes Zeichen. Sie liebt nämlich vorzugsweise einen dürren, des Humus entbehrenden Mergelboden, d. h. einen Boden, welcher dem Ackerbaue die größten Hindernisse entgegensetzt. Sie ist mit einem Worte eine Steppenpflanze, und in der That verdienen die ungeheuern von Sträuchern und Bäumen gänzlich entblößten und wasserlosen Niederungen und Hügelgelände Südvalencia?s, Murcia?s und Ostgranada?s, welche fast nur mit Espartobüscheln bedeckt sind, den Namen von Steppen mit vollstem Rechte. Nichts geht über die Einförmigkeit und Traurigkeit einer solchen Espartosteppe. So weit das Auge reicht, breiten sich graue Flächen oder Hügel aus, deren fernste Contoure endlich im Blau des dort meist wolkenlosen Himmels verschwimmen, wenn die Steppen nicht durch Gebirge oder durch das Meer begrenzt werden. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, ob jene Einöden, die ohne das Espartogras ganz unbenutzbar sein würden, von Anfang an vorhanden waren oder ob sie in Folge der Vernichtung der Wälder und der dadurch bedingten Versiegung der Quellen entstanden, folglich künstlich hervorgebrachte sind, so viel aber steht fest, daß Spanien schon im Alterthum wegen jenes Grases und dessen Benutzbarkeit berühmt war, denn schon Plinius erzählt, daß die Iberer oder die Bewohner von Hispania Tarraconensis (des östlichen und südostlichen Spaniens) Geiseln, Schleudern, Stricke, Matten einst aus einer Grasart machten, welche er Spartum nannte. Die Espartoflechterei ist also jedenfalls der älteste Industriezweig Spaniens.

Dr. Willkomm. 



  1. ? Festuca indigesta Boiss.
  2. ? Die gewöhnlichen Handbesen, deren man sich in Spanien auch zum Zimmerfegen bedient, sind nicht aus Esparto, sondern aus den Blättern der in Südspanien ebenfalls in ungeheuerer Menge wildwachsenden Zwergpalme gemacht.

Der Blüthenstaub.

Wie vieles Andere in der Natur, woran man im gewöhnlichen Leben gleichgültig vorüber zu gehen pflegt, ist auch der Blüthenstaub ein höchst interessanter und beachtenswerther Gegenstand, indem von seinem Dasein die Existenz des Menschen zum großen Theil abhängt. Eben deshalb dürfte eine nähere Beschreibung desselben und seiner Bestimmung in diesen Blättern an ihrem Platze sein. Ich darf wohl als bekannt voraussetzen, daß man mit dem Namen Blüthenstaub jene feine, verschiedenartig gefärbte, staubartige Masse bezeichnet, die sich im Innern der hohlen, beutelförmigen Organe befindet, welche in keiner vollständigen Blume fehlen und daselbst meist auf zarten Stielen befestigt sind. Man nennt jene hohlen Organe in der Wissenschaft Staubbeutel oder Antheren, den Stiel den Staubbeutelträger oder Staubfaden und den ganzen Apparat ein Staubgefäß. Wenn Sie sich das Bild einer Lilie oder Tulpe vergegenwärtigen wollen, so werden Ihnen sogleich die sechs großen, langgestielten Staubgefäße, welche um den im Centrum der Blume befindlichen Stempel herumstehen, in die Augen fallen, und bei diesen Blumen haben Sie gewiß auch schon den Blumenstaub bemerkt, da derselbe in außerordentlich großer Menge in den Staubbeuteln enthalten ist und nach deren Aufspringen die Außenfläche derselben als dicke Staublage, bei der weißen Lilie von gelber, bei der Feuerlilie von rothbrauner, bei der Tulpe von graugrüner Farbe überzieht. Aber selbst der kleinsten und unansehnlichsten Blume dürfen die Staubgefäße nicht fehlen, wenn sie ihre Bestimmung, eine Frucht hervorzubringen, erfüllen soll.

Der Blüthenstaub wird durch die Lebensthätigkeit der Staubbeutel in deren Innern erzeugt. Nachdem er seine vollständige Ausbildung erlangt hat, öffnen sich die Staubbeutel, indem sich entweder Spalten oder Löcher an bestimmten Stellen ihrer Wandung bilden. Durch diese Oeffnungen entweicht nun der fertige Blüthenstaub; nicht selten wird er durch das plötzlich erfolgende Aufspringen und elastische Zurückschnellen der Staubbeutelwandung mit solcher Gewalt ausgestreut, daß die ganze Oberfläche der Blume mit demselben bedeckt erscheint. Das Aufspringen der Staubbeutel erfolgt gewöhnlich zu derselben Zeit, wo sich die Blumenknospe zu öffnen beginnt und deshalb findet man in den meisten vollständig aufgeblühten Blumen entleerte Staubbeutel. Seltner springen die Staubbeutel erst nach dem Aufblühen der Blume, noch seltner schon in der Knospe auf. Letzteres ist z. B. bei den blauen Glockenblumen (Campanula der Fall. Nach dem Entleeren des Blüthenstaubes hat der Staubbeutel und überhaupt das Staubgefäß seine Bestimmung erfüllt; es verwelkt und geht zu Grunde. Der Blüthenstaub beginnt nun aber erst die ihm obliegende Verrichtung auszuführen, welche keine andere ist, als die im Innern des sogenannten Fruchtknotens, d. h. des untern verdickten Theiles des im Mittelpunkte der Blume befindlichen Stempels oder Pistilles, enthaltenen Anfänge der zukünftigen Samenkörner, oder die Eier zu befruchten. Ueber diesen höchst merkwürdigen Vorgang werde ich vielleich ein anderes Mal meinen Lesern das Nähere mittheilen, heute wollen wir uns blos mit dem Blüthenstaube selbst beschäftigen.

Die

Der Blüthenstaub, in der Sprache der Wissenschaft Pollen genannt, erscheint dem bloßen Auge, wie schon sein Name verräth, als eine feine staubartige Masse. Betrachtet man ihn aber unter dem Mikroskop, so gewahrt man, daß derselbe aus lauter einzelnen Körnern besteht, welche man in der Wissenschaft Pollenkörner oder Pollenzellen nennt. Ein jedes solches Körnchen ist nämlich weiter nichts als eine einzelne isolirte Pflanzenzelle. Bei der Mehrzahl der Pflanzen haben diese Pollenkörner eine kugeliche oder länglich-runde Gestalt, seltner sind sie linsenförmig zusammengedrückt. Es kommen aber auch höchst merkwürdige Formen vor, und manche der Leser und Leserinnen dieser Blätter würden gewiß in hohem Grade erstaunen, wenn sie den Staub gewisser, zum Theil sehr unscheinbarer Blumen bei ein- bis dreihundertfacher Vergrößerung erblickten. Die Pollenkörner mancher Pflanzen bieten rein geometrische Gestalten dar, indem sie vierseitig (tetraëdrisch), würfelförmig, zwölfeckig (dodekaëdrisch), prismatisch u. s. w. sind. Die Pollenkörner der Tanne sehen aus, wie zwei durch ein Band mit einander verbundene Kugeln, diejenigen des rauchhaarigen Weidenröschens (Epilobium hirsutum) sind dreieckig-kugelig und mit langen Fäden besetzt, diejenigen des im Meer wachsenden Seegrases, dessen man sich zum Ausstopfen und Polstern bedient, haben eine schlauch- oder fadenförmige Gestalt. Der beigedruckte Holzschnitt enthält die in stark vergrößertem Maßstabe entworfenen Abbildungen sowohl gewöhnlicher als einiger der auffallendsten Formen von Pollenkörnern. Fig. 1 sind Pollenkörner eines Leinkrautes (Linaria); Fig. 2 Pollenkörner der Dattelpalme; Fig. 3 ist ein Pollenkorn der Weißtanne; Fig. 4 ein solches der gemeinen Saudistel; Fig. 5 eines von der Passionsblume; Fig. 6 ein im Keimen begriffenes (s. unten) Pollenkorn von Epilobium hirsutum. Die Pollenkörner Fig. 4 und 5 haben ein ungemein zierliches Aussehen. Dies kommt von ihrer äußeren Haut her. Mit Ausnahme der Pollenkörner der unter dem Wasser blühenden Wassergewächse besteht nämlich die Wandung eines jeden Pollenkornes aus zwei in einander geschachtelten Häuten. Die innere Haut ist farblos, durchsichtig und überall gleichmäßig ausgebildet, die äußere Haut dagegen ist sehr häufig gefärbt, und bei sehr vielen Pflanzen an ihrer Außenfläche mit höchst verschiedenartig gestalteten Auswüchsen, als Haaren, Stacheln, Leisten, Warzen u. dergl. m., alle natürlich von mikroskopischer Kleinheit besetzt, welche ganz regelmäßig angeordnet sind. Die vorragenden Leisten pflegen fast immer zu solchen zierlichen netzförmigen Maschen, wie in Fig. 5 verbunden zu sein. Auch die langen Fäden a in Fig. 6 sind Auswüchse oder Anhängsel der äußern Pollenhaut. Doch ist diese äußere Haut bei sehr vielen Pollenkörnern auch ganz glatt und durchsichtig. Sind im letzteren Falle die Pollenkörner gefärbt, so rührt die Farbe von dem Inhalt derselben her, der im Allgemeinen aus einem dickflüssigen Schleime besteht, in welchem kleine Oeltröpfchen und feste Körperchen verschiedener Art, als Stärkemehlkügelchen, Eiweißklümpchen u. s. w. schwimmen.

Die äußere Pollenhaut ist in der Regel mit Oeffnungen versehen, welche bald als rundliche Löcher, bald als längliche Spalten, bald als helle bandartige Streifen, die rings um das Pollenkorn herumlaufen, erscheinen, und daher das seltsame Aussehen der Pollenkörner oft noch bedeutend erhöhen. Diese Oeffnungen befinden sich stets an bestimmten Stellen des Umfangs der Pollenkörner. Bei Fig. 2 sind sie als drei in gleichen Abständen von einander befindliche Längsspalten, bei Fig. 5 als drei kreisförmige Spalten ausgebildet. Bei Fig. 4 erscheinen sie als runde Löcher in den breiten Netzleisten der äußern Haut, bei Fig. 6 als eben solche Löcher an den drei Ecken des Pollenkornes, welche durch zapfenartige Vorsprünge der innern Pollenhaut gebildet werden (b ist hier die innere, c die dieser locker anliegende äußere Pollenhaut, d sind die Löcher der letzteren, durch welche bei e die innere Pollenhaut blasenförmig bei f schlauchförmig hervorgetreten ist, a sind die fadenförmigen Anhängsel der äußern Pollenhaut). Diese Oeffnungen in der äußeren Pollenhaut haben eine wichtige Bestimmung. Wenn nämlich ein reifes Pollenkorn in eine zuckerhaltige Flüssigkeit gelangt (oft genügt schon bloßes Wasser), so beginnt die innere Pollenhaut aufzuquellen und sich auszudehnen, und, weil sie in dem engen von der äußeren Haut fest umschlossenen Raume nicht Platz hat, durch die Oeffnungen in der letzteren schlauchförmig hervorzutreten. Man nennt diesen seltsamen Vorgang die Keimung der Pollenkörner. Dieselbe erfolgt in der Natur regelmäßig auf der sogenannten Narbe des Stempels, indem diese immer mit einer klebrigen zuckerhaltigen Feuchtigkeit überzogen ist. Hier dringen die Pollenschläuche, was man die Auswüchse der innern Pollenhaut nennt, in das Zellgewebe des Stempels ein und gelangen, indem sie sich immer mehr verlängern, endlich bis in die Höhlung des Fruchtknotens und bis zu den Eiern, ja bis in deren Inneres. Durch den Pollenschlauch wird auch die im Innern des Pollenkorns befindliche Flüssigkeit, welche man jedenfalls als den eigentlichen befruchtenden Stoff ansehen muß, bis in?s Innere des Eies geleitet und auf diese Weise durch den Pollenschlauch die Befruchtung vermittelt.

Meine Leser werden nunmehr die hohe Wichtigkeit des Blüthenstaubes begreifen. Ihm allein verdankt der Mensch die saftigen und schmackhaften Baum- und Gartenfrüchte, welche einen so wesentlichen Theil seiner Nahrung, ja in manchen Gegenden der Erde, wie auf den Südseeinseln, deren Bewohner fast ausschließlich vom Genusse der Cocosnüsse, der Vendamen- und Brotfrucht leben, seine wichtigste Nahrung bilden, denn eine uralte Erfahrung hat gelehrt, daß unbefruchtet gebliebene Fruchtknoten sich niemals in eine Frucht verwandeln, sondern abfallen. Der Mangel eßbarer Früchte wäre jedoch noch zu ertragen. Eine viel größere Wichtigkeit des Blüthenstaubes ergiebt sich aus der eigentlichen Bestimmung desselben, das pflanzliche Ei zu befruchten, d. h. es fähig zu machen, sich in einen keimfähigen Saamen zu verwandeln. Da blos ein solcher eine neue Pflanze hervorzubringen vermag, die Mehrzahl der Gewächse sich aber durch Saamen vermehrt, so würde, wenn der Blüthenstaub nicht vorhanden, die Vegetation, mit ihr die wichtigste Bedingung des Thier- und Menschenlebens sehr bald zu Grunde gehen. Aus der Bestimmung des Blüthenstaubes ergeben sich aber auch noch einige wichtige Winke für das praktische Leben. Vor allen Dingen darf man, will man Früchte erzielen, die Pflanzen nicht der Staubgefäße berauben. Als im vorigen Jahrhunderte einmal in einigen Gebirgsgegenden der Oberlausitz zur Zeit der Roggenblüthe seltsamer Weise plötzlich Frost und starker Schneefall eingetreten war, da hatten alle Bauern, in der Meinung, ihr Korn würde verderben, wenn es vom Schnee bedeckt bliebe, ihr Leute auf das Feld geschickt, um mittelst Harken und Stangen die schneebedeckten Aehren abzuschütteln. Was war die Folge davon? Daß diese Unvorsichtigen fast kein Körnchen ernteten, indem sie mit dem Schnee die Staubbeutel, welche bei dem Roggen, wie bei allen Gräsern, an feinen, haarförmigen Staubfäden höchst locker hängen, abgeschüttelt hatten, während die weniger Furchtsamen, welche ihre Kornfelder unangetastet gelassen hatten, eine sehr reichliche Ernte hielten.

Aber nicht allein durch äußere Gewalt, sondern auch in Folge eines natürlichen Umbildungsprozesses können die Blumen ihrer Staubgefäße beraubt werden. Das ist die sogenannte Blumenfüllung, welche in der Umwandlung der Staubgefäße in Blumenblätter besteht, und bei manchen Pflanzen leicht durch wiederholtes Versetzen aus einem magern Boden in einen fetten bewirkt werden kann. Alle vollen oder gefüllten Blumen, wie die vollen Rosen, Nelken, Levkoyen, Hyazinthen, Primeln, Ranunkeln, Anemonen u. a. m. sind, einen so schönen Anblick sie auch gewähren mögen, doch weiter nichts, als verstümmelte, verunstaltete Blumen, weil sich an der Stelle der Staubgefäße Blumenblätter befinden, die Blumen selbst daher ihre Bestimmung, eine Frucht hervorzubringen, nicht mehr erfüllen können. Es giebt aber auch viele Blüthen, welche naturgemäß keine Staubgefäße, sondern blos einen Stempel oder gar blos nackte, d. h. von keinem Fruchtknoten verhüllte Eier besitzen. Man nennt solche Blüthen weibliche, indem man die Eier, weil sie sich nach geschehener Befruchtung in keimfähige Saamen verwandeln, als die weiblichen Geschlechtsorgane der Pflanzen betrachtet, im Gegensatze zu den männlichen Blüthen, worunter man solche versteht, welche blos Staubgefäße und keine Stempel oder Eier enthalten. Blüthen, in denen beiderlei Geschlechtsorgane gleichzeitig vorhanden sind, nennt man Zwitterblüthen. Es giebt nun eine große Anzahl von Pflanzen mit eingeschlechtigen Blüthen und zwar nicht wenige, wo ein Individuum blos männliche, ein anderes blos weibliche Blüthen trägt. Dahin gehören unter andern die Pappeln, Weiden, viele ausländische Nadelhölzer und Palmen. Hier scheint eine Befruchtung der weiblichen Blüthen unmöglich zu sein, allein die Natur hat dafür Sorge getragen, daß dieselbe erfolgen könne, selbst dann, wenn die männlichen Pflanzen sich weit entfernt von den weiblichen befinden. Bei allen Pflanzen nämlich, deren Geschlechter auf zweierlei Individuen vertheilt sind, besitzen die männlichen Individuen eine ungeheure Menge von Blüthen und jede Blüthe erzeugt wieder eine sehr bedeutende Menge von Pollen. So enthält z. B. ein einziger männlicher Blüthenkolben der südamerikanischen Oelpalme gegen 200,000 Blüthen und jede solche Palme trägt wieder eine Unzahl von Kolben! Auch die Dattelpalme bringt eine ungeheure Menge männlicher Blüthen hervor, und ich habe während meines Aufenthaltes im südlichen Spanien oft beobachtet, daß zur Blüthenzeit der Dattelpalme der gelblich gefärbte Blüthenstaub, wenn der Wind die Krone einer solchen Palme schüttelte, in Form gelber Wolken entwich und weithin verstreut wurde. Der Wind ist bei allen jenen Gewächsen mit getrennten Geschlechtern (es sind meist Bäume und Sträucher) der Vermittler der Befruchtung, indem er den in großer Menge von den männlichen Blüthen erzeugten Pollen über weite Strecken durch die Luft führt. Einige Körnchen gelangen dann gewiß zu jeder Blüthe der weiblichen Individuen und mehr als einige Körnchen sind nicht nöthig, um eine solche Blüthe zu befruchten, da bei jenen Pflanzen die weiblichen Blüthen immer nur wenige Eier zu besitzen pflegen.

Wenn der Wind über ganze Wälder von Bäumen mit getrennten Geschlechtern zu deren Blüthezeit hinwegstreicht (z. B. über Nadelwälder, wobei jedoch zu beachten ist, daß bei unseren Nadelhölzern männliche und weibliche Blüthen auf einem und demselben Baum vorhanden sind), so können ungeheure Massen von Blüthenstaub in die Luft geführt werden. Regnet es dann in der Gegend, wo die Atmosphäre von Blüthenstaub erfüllt ist, so wird letzterer von den Regentropfen mit fortgerissen und fällt zu Boden. War sehr viel Blüthenstaub in der Luft, so wird die ganze Oberfläche des Bodens mit einem gelblichen Ueberzuge bedeckt werden, und es aussehen, als ob gelbe Flocken aus der Luft herabfielen. Ein solcher Blüthenstaubregen ist schon im Alterthum wiederholt beobachtet worden. Man hielt damals und noch im Mittelalter, ja auch später sogar die herabfallenden gelben Flocken für Schwefel und nannte deshalb jenes Phänomen Schwefelregen. Da die Pollenkörner so außerordentlich klein sind (ihr Durchmesser wechselt zwischen 1/20 und 1/500 pariser Linie), so liegt es auf der Hand, daß zu einem solchen Schwefelregen Tausend von Millionen Pollenkörner gehören. Zu den Pflanzen mit getrennten Geschlechtern, und zwar zu denjenigen, wo sich die männlichen und weiblichen Blüthen auf besonderen Individuen befinden, gehören auch mehrere wichtige Kulturgewächse der wärmeren Gegenden unserer Erde, unter andern die Dattelpalme und der Johannisbrotbaum. Wo diese Gewächse in großem Maßstabe angepflanzt werden, wie z. B. im südlichen Spanien und Portugal, da muß man begreiflicherweise dafür Sorge tragen, daß in jeder Plantage ein paar männliche Bäume stehen, sonst wird man niemals Früchte von den weiblichen Bäumen ernten. Die Kultur der Dattelpalme ist uralt und schon zu Herodot?s Zeit war es bekannt, daß nicht alle Dattelpalmen Früchte trügen und daß die unfruchtbaren unter die fruchtbaren gepflanzt werden müßten, wenn letztere Früchte tragen sollten. Dasselbe sagen noch jetzt die valencianischen Bauern, die gewiß keine Ahnung vom Geschlechtsunterschiede der Pflanzen haben. Weniger bekannt scheint die Trennung der Geschlechter bei dem Johannisbrotbaume zu sein. Wenigstens habe ich in den genannten Ländern wiederholt klagen hören, daß manche Anpflanzungen von Johannisbrotbäumen keine Früchte trügen, und bei genauerer Nachforschung immer in Erfahrung gebracht, daß alte unfruchtbare Bäume, wahrscheinlich also die männlichen, als unnütz niedergeschlagen worden seien. Es ist dies ein Beweis, wie sehr selbst in den Landvolksschulen eine Belehrung über die wichtigsten Kapitel aus der Bildungsweise und dem Leben der Pflanzen Noth thut.

Prof. Willkomm. 

Die Cochenille.

Wie im Alterthume der Purpur, welchen verschiedene im mittelländische Meere lebende Arten der Purpurschnecke (Murex) lieferten, für die schönste rothe Farbe galt und allgemein geschätzt war, so hat in neuerer Zeit, seit der Eroberung von Mejico, die Cochenille große Berühmtheit erlangt und noch jetzt gilt dieselbe, und zwar mit vollem Recht, für die schönste und feinste hochrothe Farbe, die man kennt. Dazu kommt, daß das Cochenilleroth ein sehr dauerhaftes, zugleich aber auch ein sehr theures ist, zwei Umstände, welche seinen Werth noch bedeutend erhöhen. Viele meiner Leser werden wissen, daß dieser schöne und kostbare Farbstoff ebenfalls aus dem Thierreiche stammt; dagegen dürften die Naturgesetze des die Cochenille liefernden Thieres und die Art und Weise, wie man dasselbe züchtet, nur Wenigen genau bekannt sein.

Die in den Handel kommende Cochenille, welche den rothen Farbstoff enthält, besteht aus kleinen, länglichrunden, der Quere nach gerissenen Körnern, von 2 bis 3 Linien Länge und graubrauner Farbe. Schon eine schwache Vergrößerung genügt, um selbst den Unerfahrensten zu belehren, daß diese Körner nichts Anderes sind, als Insectentheilchen. Das Cochenilleinsect gehört zu der Gattung Schildlaus (Coccus), deren Arten sämmtlich von Pflanzensäften leben. Die Weibchen dieser Thiere haben immer einen linienförmig zusammengedrückten, rundlichen Körper ohne Flügel, an dessen Bauchfläche sich die sechs Gliederstücke, ein kurzer Saugrüssel und über demselben die beiden sehr kleinen Augen befinden. Der Kopf ist vom Körper nicht gesondert und erscheint daher, wenn man das Thier von der Rückenseite sieht, blos durch die zwei kurzen gegliederten Fühlhörner, die über den Augen eingefügt sind, angedeutet. Ganz anders sind die Männchen gestaltet. Diese bestizen nämlich im vollständig ausgebildeten Zustande einen langgestreckten, in Kopf, Brusttstück und Hinterleib deutlich gesonderten Körper, zwei häutige Flügel und am Ende des Hinterleibes zwei lange, stachelartige Borsten. Am Kopf befinden sich zwei große kugliche Augen und zwei ziemlich lange, aber ebenfalls gegliederte Fühlhörner. Übrigens sind die Männchen um Vieles kleiner als die Weibchen, und daher mit bloßen Augen kaum wahrzunehmen. Die weiblichen Schildläuse legen ihre Eier auf irgend eine Stelle der jungen Rinde ober auf die Blätter der Pflanzen, von deren Säften sie leben, und bleiben nun an dieser Stelle bis zu ihrem Tode unbeweglich sitzen, beschäftigt mit ihrem in das Gewebe der Pflanze eingebohrten Saugrüssel den ihnen nöthigen Nahrungssaft einzusaugen. Sie sterben endlich über den Eiern und ihr Körper bildet über denselben, ja sogar noch über den bereits ausgekrochenen jungen Larven ein schildförmiges Dach, woher diese Thiere ihren Namen erhalten haben. Meine Leser werden dergleichen gewöhnlich weißlich gefärbte Schildchen schon oft an der Rinde junger Aeste und Zweige oder an Blättern bemerkt haben; namentlich pflegen Gewächshauspflanzen sehr häufig mit Schildläusen bedeckt zu sein. Daß die Schildläuse, wenn sie sich in großer Anzahl an einer Pflanze entwickeln, wie dies oft wegen der außerordentlichen Fruchtbarkeit der Weibchen binnen Kurzem geschieht, durch das Aussaugen des Saftes das Erkranken, ja zuletzt das völlige Eingehen der Pflanze herbeiführen können, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Man muss daher die Schildläuse von Zeit zu Zeit zu entfernen suchen, was sich mittelst Bürsten der Zweige und Blätter bewirken läßt. Dabei bemerkt man häufig, daß sich unter den todten Weibchen ein flockiges, weißes Gewebe befindet, welches sich, wenn man das todte Thier losreißt, in lange Fäden ausdehnt.

Die meisten Schildlausarten sind eine jede auf eine bestimmte Pflanzenart angewiesen. Das ist auch mit der Cochenilleschildlaus der Fall, und zwar lebt diese von den Säften einer in Mejico einheimischen Cactusart, der Opuntia coccinellifera, weshalb sie in der Wissenschaft den Namen Coccus Cacti führt. Der prachvoll rothe Farbstoff dieses Thierchens war bereits den alten Mejicanern bekannt, und mit Cochenille roth gefärbte Mäntel die Abzeichen ihrer Könige und Häuptlinge. Nach der Eroberung Mejico?s lernten die Spanier diesen kostbaren Farbstoff kennen und schätzen, und von da an ward die Cochenillezucht in Mejico in großartigem Maßstabe betrieben und sammt dem Cochenillehandel zu einem Monopol der Regierung gemacht, welches Spanien drei Jahrhunderte lang alljährlich sehr bedeutende Summen eingetragen hat. Die getödteten Thiere kamen zuerst unter dem wahrscheinlich mejicanischen Namen ?cochonilla? (sprich: Kotschonilja), den sowohl das Thier als der Farbstoff noch jetzt bei den Spaniern und Portugiesen führt, in den Handel; aus demselben entstand der französische, auch bei uns gebräuchliche Namen ?cochenille?. Nach der Unabhängigkeitserklärung Mejico?s ward von den Spaniern (im Jahre 1820) der Versuch gemacht, die genannte Cactusart in den südlichsten Gegenden Spaniens zu acclimatisiren und die Cochenillezucht nach Spanien zu verpflanzen; und siehe da, der Versuch gelang in ausgezeichneter Weise. Ein Zeitraum von dreißig Jahren hat genügt, um die Cochenillezucht in Spanien vollständig einzubürgern. Sie hat daselbst, obwohl sie bis jetzt nur um Malaga, Velez-Malaga und Motril an der Küste von Granada im Großen betrieben wird, bereits einen solchen Aufschwung genommen, daß im Jahre 1850 nicht weniger 801,915 Pfund roher Cochenille nach England verkauft wurden, welche, da das Pfund durchschnittlich 75 Realen oder 5½ Thaler kostet, dem spanischen Handel weit über vier Millionen Thaler eingebracht haben. Die Cochenillezucht bildet folglich bereits einen bedeutenden Zweig der spanischen Landwirthschaft. Da ich dieselbe in den verschiedensten Perioden in Malaga und Motril beobachtet habe, so dürfte eine genauere Schilderung derselben hier nicht am unrechten Platze sein.

Der Cochenillecactus, in Mejico und Spanien Nopal genannt, gehört zu den sogenannten ?indianischen Feigen? und sieht der gemeinen indianischen oder Wundfeige (Opuntia vulgaris), welche bei uns häufig zur Zierde als Topfgewächs gezogen, in ganz Südeuropa aber zur Einfriedung der Felder und überhaupt zu Bildung von Hecken benutzt wird, ungemein ähnlich. Gleich der Wundfeige besitzt der Cochenillecactus einen aufrechten, von der Basis an regelmäßig verästelten, aus fleischigen, plattgedrückten, rundlichen oder länglichen Gliedern zusammengesetzten Stamm, und läßt sich eben so wie die Wundfeige durch abgeschnittene Stücke junger Glieder, die man mit der Schnittfläche in den Boden steckt, sehr leicht vermehren. Diese blattartigen Glieder, welche lange Zeit grün und saftig bleiben, endlich aber verholzen und dann eine grauliche, rissige Rinde bekommen, sind mit Büscheln kurzer Stacheln besetzt. Auf den Rändern der jüngern brechen im Juni die großen gelb gefärbten Blüthen hervor, welche eine saftige feigenartige, äußerlich ebenfalls mit Stachelbüscheln besetzte Frucht erzeugen. Dieselbe ist bei diesem Cactus ungenießbar, während die der gewöhnlichen indianischen Feige gegessen werden kann. Gleich allen übrigen Cactusarten verlangt auch der Cochenillecactus viel Wärme und eine feuchte Luft, sowie einen wenig feuchten, aber lockern, sandigen Boden. Die Kultur des Cochenillecactus kann daher nur in warmen Küstenländern, wo die Luft wegen der Nähe des Meeres fortwährend reichlich mit Wasserdampf erfüllt ist, mit Erfolg betrieben werden. In Spanien pflanzt man die Cactusstecklinge in den gut durchgearbeiteten und stark mit Sand vermengten Boden in Reihen, so daß die Pflanzen ungefähr sechs Fuß von einander entfernt sind. Und zwar hat die Erfahrung gelehrt, daß die Plantagen gegen Norden gelegen sein müssen. Die Anlegung neuer Felder geschieht im Mai und Juni; dieselben werden aller drei Tage einmal künstlich bewässert. Dasselbe muß während der heißen, meist völlig regenlosen Jahreszeit auch mit den älteren Cactuspflanzungen geschehen. Die Pflanzen wachsen sehr rasch, doch können sie vor dem vierten Jahre nicht zur Zucht der Cochenille benutzt werden, weil sie bis dahin nicht kräftig genug sind, um den zur Ernährung der Schildläuse nöthigen Saft herzugeben, ohne darunter zu leiden. Vierjährige Cactuspflanzungen sind bereits drei bis vier Fuß hoch und bieten wegen des hellen Grüns ihrer Aeste und der zahlreichen großen schwefelgelben Blüthen einen sehr anmuthigen Anblick dar. Vom vierten Jahre an liefert eine gesunde Cactuspflanze jedes Jahr durchschnittlich drei castilianische Unzen[1] Cochenille, und da ein spanischer Morgen Landes 1250 Pflanzen ernähren kann, so beträgt die jährliche Ernte eines Feldes über 234 Pfund und wirft folglich einen Bruttogewinn von 1287 Thalern (nach dem oben angegebenen Durchschnittspreise der Cochenille) ab! Freilich erfordert die Zucht der Cochenille sehr große Vorsicht und Geduld, wenigstens in Spanien. Denn außer der Mühe, welche die gleich näher zu schildernden Manipulationen des Bevölkerns der Cactuspflanzen mit Cochenilleschildläusen, des Einsammelns der Schildläuse u. s. w. machen, müssen die Cactuspflanzen auf das Sorgfältigste vor Spinnen, Ameisen und verschiedenen den Cochenilleschildläusen nachstellenden Käfern und Vögeln gehütet und daher täglich durchgesehen und von den genannten kleinen Thieren, sowie auch von Staub und schmarotzenden Pilzen (Schimmel- und Staubpilzen) mittelst Pinsel gereinigt werden. Nicht selten vernichten die Ameisen und Käfer, oder auch ein plötzlich und unerwartet zur Zeit des Eierlegens der weiblichen Schildläuse eintretender Regen, oder der an der Südküste Spaniens bisweilen wehende, unter dem Namen ?Solano? bekannte afrikanische Glutwind die ganze Ernte eines Jahres. Diese Umstände machen es erklärlich, weshalb sich die so einträgliche Cochenillezucht an der Süd- und Südostküste Spaniens noch nicht weiter verbreitet hat.

Die Cochenilleschildlaus lebt gesellig in den jungen saftigen Gliedern des beschriebenen Cactus. Die kaum eine Linie langen Männchen sind dunkelroth und haben zarte weißliche Flügel, die zwei bis drei Linien langen und fast ebenso breiten Wetbchen dagegen sind blos an der Bauchfläche roth gefärbt, am Rücken dagegen dunkelbraun und mit einem feinen, sammet- oder baumwollenartigen Ueberzug von weißlicher Farbe bedeckt. Die Eier sehen den Ameiseneiern ähnlich, nur sind sie viel kleiner. Die ausgekrochenen Larven sind sehr klein, eiförmig, mit sechs Füßen und zwei Fühlhörnern versehen und am Hinterleibe borstig. Die Weibchen entwickeln sich aus den Larven unmittelbar, die Männchen dagegen erst nach geschehener Verpuppung. Diese erfolgt 30 oder 35 Tage nach dem Ausbrüten der Larve und besteht darin, daß sich die Larve mit einem feinfädigen, baumwollenartigen Geflecht umgiebt, welches zuletzt einen kleinen Cocon bildet, der an der Oberfläche des Cactus befestigt ist. Nach wenigen Tagen schlüpfen die fertigen Männchen heraus, schwärmen nun eine Zeit lang um die Pflanzen herum und sterben, sobald sie sich begattet haben. Bis zur Verpuppung bleiben die Larven an dem Orte, den sie sich nach ihrem Ausbrüten aus dem Eie zu ihrer Ernährung ausgesucht haben, unbeweglich sitzen, und die Weibchen verharren in diesem Zustande bis gegen ihren Tod hin, welcher bald nach dem Eierlegen einzutreten pflegt. Gewöhnlich fallen sie unmittelbar vor ihrem Tode ab, wodurch sich die Cochenilleschildlaus von andern Schildläusen unterscheidet. Sowohl das Weibchen als sämmtliche Larven sitzen unter feinen, spinnwebartigen Geflechten von weißer Farbe, welche weißliche Flecken an der grünen Oberfläche der Cactuspflanzen bilden.

Die Männchen enthalten viel weniger, doch ebenso guten Farbstoff als die Weibchen. Die todten Männchen und die nach dem Eierlegen eingesammelten Weibchen bilden die unter dem Namen ?Sacatillo? bekannte Cochenille, welche in geringerem Ansehen steht als die eigentliche ?Cochonilla,? die aus den vor dem Eierlegen eingesammelten Weibchen besteht. Da das Leben der Weibchen bereits nach 70 bis 90 Tagen beendet ist, so können alljährlich mindestens zwei Ernten gehalten werden, indem die im Frühling ausgelaufenen Weibchen schon Ende Juni, und die im Juli und August ausgelaufenen Weibchen schon zu Anfange des Winters Eier legen. Das Eierlegen dauert jedesmal funfzehn bis achtzehn Tage. Da die Weibchen außerordentlich fruchtbar sind, so braucht man blos eine geringe Menge derselben zur Fortpflanzung leben zu lassen und kann die bei weitem größte Anzahl vor dem Eierlegen, wo die Weibchen den weißen Farbstoff enthalten, einsammeln und tödten. Das Einsammeln der ?Cochenille? ist sehr mühsam. Die lebenden Weibchen sitzen nämlich gleich allen weiblichen Schildläusen so fest, daß sie durch bloßes Schütteln der Cactusäste von denselben nicht abgetrennt werden. Letztere müssen daher abgebürstet werden, und wegen der zahlreichen Stachelbüschel ist dies natürlich eine sehr zeitraubende Manipulation. Die abgebürsteten Schildläuse läßt man in eine Papierdüte oder irgend ein Gefäß fallen und tödtet sie hierauf entweder durch Anwendung künstlicher Hitz oder durch Entziehung der Luft. Im ersten Falle schüttet man sie in dreiseitige Blechnäpfe oder in weite irdene, glasirte Töpfe und stellt dieselben in einen eisernen Ofen, der hierauf so weit erhitzt wird, daß ein hinein gehaltenes Papier verkohlt oder verglimmt, ohne Flammen zu fangen. Sobald die Thiere ihre ursprüngliche Farbe verändern, kann man darauf rechnen, daß sie erstickt sind. Will man dieselben durch Entziehung der Luft tödten, so thut man sie in eine gläserne Flasche, welche man, nachdem man sie hermetisch verschlossen hat, in einen Brunnen hängt. Nach vier Tagen pflegen die Thiere todt zu sein. Die getödtete ?Cochenille? wird hierauf auf Espartomatten ausgebreitet, und so lange der Sonne ausgesetzt, bis sie vollkommen trocken ist. Sodann siebt man sie, um sie von Staub und andern ihr anhängenden Unreinigkeiten zu säubern, und um die größeren Körner, die Weibchen, von den kleineren, den Larven, zu sondern, worauf man sie in Schachteln verpackt.

Eine ganz eigenthümliche und Mühsame Operation ist die Uebertragung lebender Cochenille auf eine frische Cactuspflanze, ein Verfahren, das die Spanter ?anidar? nennen. Man wählt dazu die ausgewachsenen Weibchen, welche sich anschicken, Eier zu legen. Diese Periode steht nahe bevor, wenn sich ein kleiner, ursprünglich rosenroth gefärbter Fleck am Hinterleibe der Weibchen gelb zu färben beginnt. Um die hochschwangeren Weibchen von den Aesten ihrer Nährpflanze abzutrennen, ohne ihnen Schaden zuzufügen, berührt man ihren Saugrüssel mit einem fein zugespitzten Holzstäbchen. Dann ziehen sie nämlich den Saugrüssel ein und fallen ab. Die abfallenden fängt man mit einer Papierdüte auf und vertheilt sie in Portionen von 6 bis 8 Stück, welche man in kleine Säckchen von Palmblattfasern oder grober Leinwand thut. Diese Säckchen, ?nidos? genannt, hängt man hierauf an die jungen Aeste der zu bevölkernden Cactuspflanzen, die zuvor mit einem Pinsel von allem Schmutz gereinigt werden müssen. Nach 15 bis 18 Tagen sind die Larven aus den von den Weibchen in den ?Nestern? gelegten Eiern aus- und auf die Cactusäste gekrochen, und man findet in den Säckchen blos noch die todten Weibchen, welche als ?Sacatillo? benutzt werden. Bei der Bevölkerung einer frischen Cactuspflanze muß man sorgfältig darauf achten, daß weder zu viel noch zu wenig Schildläuse darauf kommen. Im erstern Falle nämlich wird entweder das Eingehen der Cactuspflanze herbeigeführt, oder die jungen Schildläuse bekommen nicht genug Nahrung und sterben in Folge davon. Im zweiten Falle nehmen die jungen Thiere häufig zu reichliche Nahrung auf und werden davon krank. Das Bevölkern frischer Cactuspflanzen wird gewöhnlich zu Anfang des Sommers vor dem Blühen des Cactus vorgenommen, weil dann die Pflanzen den kräftigsten und nahrhaftesten Saft besitzen. Um denselben längere Zeit in diesem Zustande zu erhalten, bricht man alle Blüthenknospen von den zu bevölkernden Pflanzen ab, bevor man die Nester daran hängt.

Vor der Einführung der Cochenillezucht trieb Spanien einen ziemlich einträglichen Handel mit einer andern, ebenfalls einen schönen rothen Farbstoff spendenden Schildlausart. Es war dies die Kermesschildlaus (Coccus Quercus), welche von dem Saft der Blätter und Zweige einer kleinen strauchartigen, in Spanien und überhaupt in den Umgebungen des mittelländischen Meeres häufig wachsenden Eichenart (Quercus coccifera) lebt und in Spanien ?Grana? genannt wird. Gegenwärtig wird dieses nützliche Thierchen kaum mehr gesammelt. Gezüchtet hat man dasselbe meines Wissens niemals.
Dr. Willkomm.
  1. ? 16 Unzen machen ein castilianisches Pfund, welches gleich 4/5 eines deutschen Zollvereinspfundes ist.

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