Baccarat. Erster Band

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Elftes Kapitel

Wenn Adeline seiner Frau erzählte, daß er den Vicomte von Mussidan, jenen scharmanten Gentleman, der ihm wie gerufen gekommen war, um ihm die fünfzigtausend Franken zu leihen, bei seinem Kollegen, dem Grafen von Cheylus getroffen habe, so hatte er nicht ganz die Wahrheit gesagt.

In der That hatte diese Begegnung nicht bei Herrn von Cheylus, sondern bei Raphaëlla stattgefunden, der Freundin seines Kollegen. Aber diese kleine Unwahrheit war für ihn ohne Bedeutung. Was konnte es für einen Zweck haben mit einer ehrbaren Frau, die nichts von dem Pariser Leben wußte, über Raphaëlla zu sprechen? Sie hätte sich aufregen, sich die Frage vorlegen können, in welchen Kreisen ihr Mann verkehrte! Das hätte zu Auseinandersetzungen geführt, zu Geschichten ohne Ende. Man kann von einer guten Bürgersfrau aus Elbeuf keine Anschauungen verlangen, welche weder in ihrer Erziehung noch in ihrem Gesichtskreise liegen. Sie würde niemals verstanden haben, wie ein Abgeordneter seine Bekannten zu seiner Freundin einladen kann und daß sich Bekannte finden ? noch dazu, wenn es Abgeordnete sind ? die diese Einladung annehmen. In der Provinz herrschen über »Freundinnen« und Abgeordnete Ansichten, an die man am besten nicht rührt. Welches Dasein würde die Frau eines Abgeordneten, welche daheim bleibt, führen, wenn sie annehmen müßte, daß ihr Mann sich nicht ausschließlich von Politik ernährte, wenn sie nicht der Ueberzeugung lebte, daß, wenn er über die Stränge schlägt, es sich höchstens um eine Schmauserei handelt und daß, wenn er klatscht, er dies nur mit Freunden thut, welche aus seinem Bezirke kommen, um von ihm einen guten Tribünenplatz zu erbitten.

Wenn Adeline hin und wieder zu Raphaëlla ging, so that er nur, was mehrere seiner Kollegen auch thaten, welche, wie er, nichts darin fanden, sich an den Tisch einer alten Cocotte zu setzen. Ganz im Gegenteil, man war dort ungenierter, man speiste und unterhielt sich besser, als in vielen andern Häusern. Und schließlich, wer lud sie ein? Der Graf. Sie dinierten also bei dem Grafen. Keinem von ihnen wäre der Gedanke gekommen, daß sie nicht bei dem Grafen seien, welcher die Miete für dieses liebenswürdige Haus und auch die Tafelfreuden bezahlte. Der Graf war Witwer, er empfing bei seiner Freundin, man hätte ein übertriebener Puritaner sein müssen, um sich darüber aufzuhalten.

Zwar wußten diejenigen, welche ihr Paris kennen, daß der Graf von Cheylus schon lange nicht mehr im stande war, einen Haushalt gleich demjenigen einer Dame, wie Raphaëlla, zu bestreiten, aber nicht alle Abgeordneten, welche von Grund aus die französische und auswärtige Politik kennen, haben ebenso gründlich die Kehrseite des Pariser Lebens kennen gelernt. Diejenigen, welche Herr von Cheylus einlud, wobei er übrigens sorgfältig seine Auswahl traf, sahen, was man ihnen zeigte: Ein angenehmes Haus, eine Frau, die, obwohl nicht mehr jung, nichtsdestoweniger noch genug Spuren ehemaliger Schönheit und, was noch mehr ins Gewicht fiel, eine alte Berühmtheit sich bewahrt hatte ? und mehr verlangten sie nicht. Zu wem konnte man denn überhaupt gehen, wenn man sich nicht mit dem Schein begnügte?

Wer hätte außerdem dem Grafen von Cheylus etwas abschlagen können? Er war der liebenswürdigste Mensch von der Welt und hatte keine andre Sorge, als allen zu gefallen, Freunden wie Gegnern und vielleicht sogar seinen Gegnern noch mehr, als seinen Freunden. Als Präfekt unter dem Kaiserreich verwaltete er die Departements, in die er nach und nach versetzt worden, mit freundlichen Worten, Lächeln, Versprechungen, Komplimenten und Banketten bei jeder Gelegenheit. Und als er nach zwanzig Jahren solchen Regiments mit dem Sturze der Regierung ebenfalls gefallen war, hatte sich einer jener Bezirke gefunden, wo die Gemeinderäte, die Pfarrer, die Pompiers, die Gesangvereinler und Mitglieder der Musikcorps, kurz alle, die mit ihm in Berührung gekommen und seine guten Freunde geblieben waren, ihn, ohne jede Rücksicht auf politische Meinung, in die Kammer geschickt hatten. Was lag ihm und ihnen an der Politik; er hatte sie zu seinem System bekehrt: »Es handelt sich nicht um Meinungen, es handelt sich nur um Interessen.« In der Kammer hatte er sein Lächeln, seine Liebenswürdigkeiten, seine sanften Worte beibehalten; er blieb in gutem Einvernehmen mit seiner Partei, im besten mit seinen Feinden und war keiner von denen, die Randal machten oder die sich von der Leidenschaft fortreißen ließen. Er pflegte jedem freundlich die Hand zu bieten und hatte stets ein »mein lieber Kollege« auf der Zunge und so gelang es ihm schließlich selbst diejenigen zu gewinnen, welche im Gefühle ihrer ernsten Aufgabe versuchten, ihn von oben herab zu betrachten und ihn ihre Mißachtung fühlen zu lassen.

»Mein lieber Kollege, wollen Sie nicht so liebenswürdig sein, nächsten Montag mit mir zu speisen?«

Wie konnte man voraussetzen, daß »mit mir« nicht heißen wolle »bei mir«, wenn man geradeswegs aus der Provinz kam, wo man bis zu dem glücklichen Tage, an dem die Wähler einen nach Paris geschickt hatten, die Zierde der Rechtsanwaltschaft zu Carpentras oder der Stolz der Elbeufer Industrie gewesen. Man wußte, daß der Graf von Cheylus schon lange ruiniert war, aber da er gute Diners gab, mußte er wohl die Mittel haben, sie zu bezahlen. Man unterschied zwischen Ruin und Ruin, und den gleichen Schluß, den man aus den Diners zog, zog man auch für die Freundin.

Was wäre das für eine Ueberraschung gewesen, wenn ein wirklicher Pariser diesen ehrbaren Tischgenossen die Wahrheit, die ganze Wahrheit aufgedeckt hätte.

Vor zwanzig Jahren schon hatte der Graf von Cheylus die Bekanntschaft Raphaëllas gemacht, die damals den Höhepunkt ihres Glanzes erreicht hatte und mit dem Herzog von Naurouse, dem Prinzen Savine, mit Poupardin von der Firma Poupardin, Allen & Cie., mit dem Prinzen von Kappel, kurz, mit der ganzen lustigen Brüderschaft jener Zeit auf dem besten Fuße stand. Er selbst war eine nicht minder glänzende Erscheinung, reich, bei Hofe gern gesehen, mit Aussicht auf eine hervorragende Stellung im Staatsdienste. Als sie sich wiederfanden, hatte der Graf sein ganzes Vermögen vergeudet und war nichts mehr als ein einfacher Abgeordneter, ohne irgend welchen Einfluß, selbst in seiner eignen Partei, wo niemand ihn ernst nahm. Was Raphaëlla betrifft, so hatte sie, wenn sie auch nicht ruiniert war, doch den größeren Teil dessen, was sie in der galanten Welt durch ihre berüchtigte Geldgier zusammengerafft, in abenteuerlichen Spekulationen wieder eingebüßt, und bei ihr, mehr noch als beim Grafen, hatten die zwanzig Jahre tiefe Spuren hinterlassen. Die schlanke Pariserin war schwerfällig und dick geworden; ihre lachenden Augen hatten einen harten Ausdruck angenommen, ihr heiteres, ausdrucksvolles, stets bewegliches Gesicht war unbeweglich geworden, vom Färben waren die Haare ausgetrocknet, das aufgelegte Weiß, Rot und Blau hatte die Haut welk gemacht.

Aber in Bezug auf weibliche Schönheit sind die Augen Sklaven der Ohren und die Tradition macht blind gegen die Wirklichkeit. Wenn man zehn Jahre lang für die Zeitungen und die Gesellschaft die schöne Frau X... oder das reizende Fräulein Z... gewesen ist, dann hat man alle Aussicht, es während fünfundzwanzig oder dreißig Jahren zu bleiben. Mit Gründen wird daran nichts geändert, nur eine Katastrophe kann die Brille zerbrechen, die man sich hat auf die Nase setzen lassen. So war es mit Raphaëlla gegangen, und Herr von Cheylus hatte in ihr nur die »reizende Raphaëlla« von ehemals gesehen.

Sie zählte noch mit in » tout Paris«, man sprach von ihr, die Zeitungen nannten gelegentlich theatralischer Soireen ihren Namen, man konnte sich mit ihr sehen lassen, insbesondre wenn man keine andern Mittel besaß, als die mageren Bezüge eines Abgeordneten. Wenn sie sich neuerdings mit ihm einließ, so geschah dies nicht aus Eigennutz und diese Ueberzeugung konnte der Eitelkeit eines alten Stutzers nur schmeicheln. Wenn eine Frau wie sie einen Liebhaber von achtundsechzig Jahren, der keinen Sou sein nannte, nahm, so zeigte sie, daß sie sich auf die Männer verstand, nichts weiter. Und in der That, er konnte ihr für diesen Beweis ihres Geschmacks nur erkenntlich sein.

Mit achtundsechzig Jahren erklärter Liebhaber, haha! Er war also doch nicht so ganz heruntergekommen!

Sein Leidwesen war, daß er es nicht von allen Dächern herabrufen konnte, aber der Stolz des zu Grunde gerichteten Mannes überwog die alberne Lust, sich als Sieger aufzuspielen. Daher wählte er auch, wenn er seine lieben Kollegen einlud, jene Wendung »mit mir«.

Sie war thatsächlich eine Art von Vorsehung für ihn, dieses gute Mädchen, und bei ihr fand er in seinem Unglück etwas von der Behaglichkeit seiner früheren Existenz wieder: ein modern eingerichtetes Heim, einen gut gedeckten Tisch und eine ebenso elegante Frau und Freundin, wie er sie früher geliebt hatte.

Und das Bewundernswerte an dieser Frau, deren Geldgier doch so viele Männer zu Grunde gerichtet und sprichwörtlich geworden, war, daß sie nichts von ihm annehmen wollte. Zwei- oder dreimal hatte er versucht, ihr die paar Louisdor, die das Glück im Ecarté ihm in den Schoß warf, zu schenken; sie hatte sich stets geweigert, sie anzunehmen.

»Nein, mein Freund, ich wünsche, daß zwischen uns auch nicht einmal der Schein eines Interesses vorhanden sei; eine Blume, wenn Sie wollen, so oft Sie wollen, aber nichts als eine Blume.«

Und er hatte um so viel lieber an die Blume geglaubt, als sie einmal etwas von ihm verlangt hatte, wenn es sich dabei auch nur um einen Gang, um einen Gefallen, einen Freundschaftsdienst handelte.

Die Sache war die einfachste von der Welt und derart, daß sie ihm, bei seiner einflußreichen Stellung, nicht abgeschlagen werden konnte. Sie bestand darin, daß er vom Polizeipräfekten die Erlaubnis erwirken sollte, einen neuen Klub aufthun zu dürfen, wonach sich das Bedürfnis wirklich fühlbar machte. Es würde leicht sein, dies nachzuweisen.

Wohl verstanden, nicht für sich verlangte sie diese Erlaubnis. Was sollte sie damit anfangen? Gott sei Dank, sie hatte genug zum Leben und es kam ihr nicht darauf an, Geld zu verdienen. Was soll der Ueberfluß, wenn man hat, was man braucht? Sie war von ihren früheren ehrgeizigen Plänen zurückgekommen; denn das ist den guten Naturen eigen, daß sie sich veredeln, wenn sie alt werden.

Die Sache betraf vielmehr einen jungen Mann, den Sohn einer noblen Familie, den Vicomte Friedrich von Mussidan, dessen Schwester den dramatischen Schriftsteller Faré geheiratet hatte. Dem Ansuchen lag die reine Uneigennützigkeit zu Grunde; freilich lief auch ein persönliches Interesse mit unter. Wenn sie diese Erlaubnis erlangte, so würde Faré aus Erkenntlichkeit für den Dienst, den sie seinem armen Schwager geleistet, ihr eine Rolle in seinem neuen Stück zuteilen, sie würde dann durch eine bedeutende Leistung auf dem Theater wieder festen Fuß fassen, und so die Freude haben, ihre alten Freundinnen vor Neid bersten zu sehen. Und was ihn, den Grafen von Cheylus betraf, warum sollte er nicht das Präsidium dieses Klubs, welcher mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit geleitet werden würde, annehmen? Das würde ihm so etwas wie zwanzigtausend Franken eintragen, die er mitnehmen konnte.

Auch wenn sie ihm nichts von diesen zwanzigtausend Franken gesagt hätte, würde er doch die von ihm erbetenen Schritte gethan haben, er war ihr das doch schuldig, dem guten Mädchen. Aber die zwanzigtausend Franken verliehen seinen Worten eine Ueberzeugungstreue und eine Wärme, die ihm gewöhnlich abgingen. Nun war er nicht mehr der Skeptiker, der sich über sich selbst lustig machte und die feierlichsten Reden mit einem spöttischen Lächeln begleitete: »Sie wissen, daß mir im Grunde alles das sehr einerlei ist, daß Sie es nicht ernsthafter zu nehmen brauchen als ich, und daß Sie es halten können, wie Sie wollen.«

Niemals war er so beredt, so überzeugend, so hinreißend gewesen, als da er das Gesuch seinem Freunde, dem Polizeipräfekten, ?seinem lieben Präfekten?, vortrug.

»Fürchten Sie nicht, mein lieber Herr Abgeordneter, daß ein Klub, dessen Präsident Sie wären, infolge Ihres Wohlwollens und Ihrer Nachsicht sich sehr bald in eine Spielhölle verwandeln würde?«

»Nicht mehr als die andern.«

»Von jenen andern haben wir eben schon mehr als genug.«

Trotz seiner dringenden Bitten, seiner Beredsamkeit, seiner Diplomatie, trotz seiner wiederholten Gänge hatte er nichts zu erreichen vermocht.

Damals hatte sich die Gesinnung und die Uneigennützigkeit Raphaëllas ? wenigstens in den Augen des Herrn von Cheylus ? in ihrem vollen Lichte gezeigt. Er hatte sich auf Vorwürfe oder doch zum mindesten auf einen Ausbruch von Unzufriedenheit gefaßt gemacht, aber sie hatte für ihn nicht nur nicht den leisesten Vorwurf, sie äußerte nicht nur keine Unzufriedenheit, sondern sie bat ihn sogar noch am selben Tage, einige seiner Freunde einzuladen, am Montag bei ihr zu speisen.

»Sind Sie nicht hier zu Hause?«

Es lag nicht in dem Charakter Raphaëllas, sich je von Zorn oder Unwillen hinreißen zu lassen und ihre Interessen bloßzustellen.

Sie hatte nun aber ein eigenstes Interesse daran, ein wesentliches Interesse, jene Erlaubnis zu erhalten, und da, wo der Graf von Cheylus, auf den sie so einfältig war zu rechnen, nichts erreichte, würden andre zum Ziele gelangen; er sollte ihr diese andern zuführen und sie wollte sie dann über Tisch einer eingehenden Prüfung unterwerfen und denjenigen auswählen, der in der Lage wäre, durch seinen Einfluß die Erlaubnis zu ergattern, ohne fürchten zu müssen, daß man sie ihm abschlagen werde.

Sie hatte im vergangenen Jahre zu Biarritz in einem Klub, den sie zusammen mit einem alten Spielbankunternehmer, Namens Barthelasse, leitete, die Bekanntschaft des Vicomte von Mussidan gemacht, welchen unglückliche Zeitläufe und ein ungerechtes Schicksal als Croupier dorthin verschlagen hatten; er war jung, er war hübsch, er war von Adel, sie hatte sich in ihn verliebt und sich in die Idee vernarrt, ihn zu heiraten.

Vicomtesse von Mussidan! Welcher Traum, wenn man mit seinem wahren Namen Françoise Hurpin heißt und unter demjenigen von Raphaëlla eine wirklich etwas zu skandalöse Berühmtheit erlangt hat! Zwei ihrer früheren reich gewordenen Freundinnen hatten in ihren alten Jahren junge Männer geheiratet, aber keine hatte sich einen Vicomte leisten können. Sie hatte Prinzen, Herzöge, den Sohn eines Königs zu Liebhabern gehabt, aber seinen Namen hatte ihr keiner gegeben.

In der Bedrängnis, in der der Vicomte von Mussidan sich befand, hatte es den Anschein, als werde er sich von einer Frau, die ihn aus dem Elende zog, heiraten lassen; aber als sie das Heiratsprojekt in feiner Weise berührte, war ihm mit einem Male das Verständnis dafür abhanden gekommen; hernach, als sie es in präziserer Form vortrug, so daß es ihm unmöglich war auszuweichen, hatte er sie rundweg gefragt, welches Vermögen sie besitze.

Was würde sie für ein Heiratsgut mitbringen?

Aus der Rechnungsaufstellung ergab sich, daß dieses Vermögen zu einem Leben, wie er es zu führen gedachte, nicht ausreichend sei.

Sie war darüber trostlos, und da er ein gutmütiger Mensch war, tröstete er sie.

Sie brauchte das Vermögen nur zu verdoppeln, zu verdreifachen; das Ding war füglich nicht allzu schwer. Sie hatte Beziehungen, mochte sie doch für ihn die Erlaubnis zur Eröffnung eines Klubs in Paris erwirken, dann würden sie, sie und er vereint und hinter den Coulissen, ohne Zögern daran gehen, zu erwerben, was ihnen noch fehlte. Dann wollten sie einander heiraten, wie zwei ehrbare Brautleute, die sich ihr Heiratsgut verdient haben.

Zwölftes Kapitel

Eben bei den Diners, zu welchen ihn ?sein lieber Kollege? einlud, hatte Adeline die Bekanntschaft des Vicomte von Mussidan gemacht, des feinsten, umgänglichsten und liebenswürdigsten Menschen, dem er je begegnet. Wie hätte man in diesem eleganten und vornehmen jungen Manne, der die ausgesuchteste Artigkeit und die feinsten Manieren zur Schau trug, Barthelasses früheren Croupier »Fritz« wiedererkennen sollen? Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, selbst dann nicht, wenn man ihn die charakteristischen Worte hätte aussprechen hören: » Messieurs faites vortre, le jeu est fait.« Uebrigens entschlüpften die ihm nicht mehr, denn bei Raphaëlla wurde nicht gespielt.

Sie waren sehr angenehm, diese Diners, wo man mit Ausnahme des Vicomte von Mussidan und des Vaters der Wirtin, eines stattlich aussehenden und mit dem Bändchen der Ehrenlegion geschmückten alten Militärs, nur Kollegen traf, mit denen man die im Palais Bourbon begonnene Unterhaltung fortsetzen konnte. Auch geschah es selten, daß die Einladungen des Herrn von Cheylus nicht mit Bereitwilligkeit angenommen worden wären. Raphaëlla wohnte in der Avenue dAntin, zwei Schritte von der Kammer entfernt. Wenn man aus der Sitzung kam, war man gleich bei ihr, und abends, nach dem Diner, förderte ein Spaziergang unter den Bäumen der Champs-Elysées die Verdauung der guten Sachen, die man gegessen, und der guten Weine, die man getrunken hatte. Als Herr von Cheylus Präfekt der Gironde gewesen war, hatte er sich zahlreiche Freunde in seinem Departement erworben, und diese riefen sich ihm von Zeit zu Zeit durch Uebersendung einer Kiste von jenem selbstgezogenen Wein, den man im Handel nicht bekommt, ins Gedächtnis zurück. Raphaëlla ihrerseits, die im Laufe ihres vielbewegten Lebens eine gute Tafel schätzen gelernt hatte, wußte, welchen Ueberdruß diejenigen, die mit Einladungen überflutet werden, empfinden, wenn sie sich jeden Abend zu demselben Diner niedersetzen müssen, zu einem solchen, wie es die vier oder fünf großen Küchen liefern, in denen gewisse Leute ihre Bestellungen machen, wie andre z. B. die ihrigen im »Bon Marché« oder in der »Belle Jardinière«. Eine solch alltägliche Kost bot sie ihren Gästen nicht. Wenn sie sich entschlossen hatte, ein Diner zu geben, so ließ sie acht Tage zuvor durch ihre Köchin, die eine wahre Perle war, die Gerichte, die sie ihren Gästen vorsetzen wollte, versuchsweise herstellen, und nur die, welche ganz besonders gelangen, kamen auf den Tisch.

Was konnte man mehr verlangen?

Mehr als einer der Gäste äußerte, wenn er abends wegging, seinem Begleiter gegenüber seine Zufriedenheit, indem er ein oft wiederholtes Wort gebrauchte:

»Ohne Frage, man speist gut bei diesen einstigen Größen.«

Und wenn, was nicht selten war, der, welcher sich so ausdrückte, gerade ein guter Provinzler war, so that er dies mit einem Anstrich von selbstgefälliger Leichtfertigkeit. Zu Carpentras gestattete man sich nicht derartige kleine Gelage, selbst wenn man die Zierde der Rechtsanwaltschaft dieser berühmten Stadt war, und zu Elbeuf ebenfalls nicht, selbst wenn man der Stolz der Elbeufer Industrie war.

Hie und da freilich behauptete ein Gast, dessen Magen nicht alles vertrug, daß Herr Hurpin, der Vater der Frau vom Hause, der sich mit seinem stattlichen Aussehen bei Tische so spreizte, ein recht gewöhnlicher Mensch, und daß die Gewohnheit, seine mit dem roten Bändchen geschmückte linke Brust herauszudrücken, sobald von Ehre gesprochen wurde, unausstehlich sei, daß seine Bemerkungen, wenn er einmal welche machte (was übrigens selten war, weil er den Mund kaum zu etwas anderm als zum Essen aufmachte), dumm und roh seien ? aber dieser Kritik wurde kein Wert beigelegt.

»Sie mögen sagen was Sie wollen, mein Lieber, man speist gut bei den einstigen Größen, und dieser Schlingel von Cheylus ist wirklich beneidenswert.«

Was den Vicomte von Mussidan betraf, so herrschte über ihn nur eine Stimme: »Scharmant!« Er vertrat die Munterkeit und die Jugend bei diesen Diners, er war der Champagner ? (den Witz hatte die Zierde der Rechtsanwaltschaft von Carpentras gemacht, der sich darauf verstand, geistreich zu sein). Wie der Graf von Cheylus eine unerschöpfliche Sammlung seltener und schlüpfriger Anekdoten über die Gesellschaft des zweiten Empire vorrätig hatte, so wartete andrerseits der Vicomte von Mussidan mit täglich neuen über die heutige Gesellschaft auf. Er wußte alles, er erzählte alles und enthüllte euch ein Paris, das man nicht einmal ahnte. Dabei war er ein guter Kerl, taktvoll, bescheiden, der niemals mit seinem Gelde oder seinen Ahnen prahlte. Wenn zuweilen in der Unterhaltung zufällig der Name Ernst Faré genannt wurde, des dramatischen Schriftstellers, der sein Schwager war, so brüstete er sich auch damit nicht, ungeachtet der glänzenden Erfolge, welche jener in den letzten Jahren errungen hatte; ganz im Gegenteil gab er, wenn auch nur mit halben Worten und in taktvollster Weise, zu verstehen, daß er auf eine andre Partie für seine Schwester, eine der reichen Erbinnen aus dem südlichen Frankreich, gehofft hatte.

Wenn diese Tischgäste die liederliche Pariser Gesellschaft gekannt hätten, so hätten sie gewußt, daß dieser alte Soldat, der an der Tafel seiner Tochter so hübsch seinen Platz ausfüllte, bloß ein alter Polizeidiener war, den man nach dem Dienstalter dekoriert hatte, und kein Offizier, wofür er sich ausgab; ebenso hätten sie gewußt, daß der Vicomte von Mussidan aus andern Gründen als aus Bescheidenheit und Taktgefühl nicht von seinem Vermögen sprach. Aber sie kannten diese Bande nicht und hielten sich an das, was sie sahen, was sie hörten, da sie kein Interesse hatten, zu untersuchen, ob sich hinter dem äußeren Scheine Geheimnisse verbargen.

»Man speist gut bei diesen einstigen Größen.«

Das war eine Thatsache und es war überflüssig, sich um weiteres zu bekümmern. Worüber hätten sie sich beunruhigen sollen? Wenn man zuweilen die Frage aufwarf, welche Stellung der Graf von Cheylus und der Vicomte von Mussidan in dem Hause einnähmen, so behandelte man sie in scherzhafter Weise, wie dies bei einem derartigen Gegenstande Leuten zukommt, die klar sehen.

»Armer Graf Cheylus!«

»Gewiß, mein Lieber, aber was wollen Sie? In seinem Alter!«

Und man machte sich ein Vergnügen daraus, »den lieben Kollegen« zu befragen, was es bei dem jungen Vicomte für Neuigkeiten gäbe.

An dem Abende, an welchem der junge Vicomte Adeline bis zur Rue Tronchet nach Hause begleitet und sich mit ihm über den Bankrott der Gebrüder Bouteillier unterhalten hatte, war er raschen Schrittes nach der Avenue dAntin zurückgekehrt, wo er Raphaëlla vor dem Kamin seiner harrend fand.

»Wie lange du ausgeblieben bist!« rief sie, auf ihn zukommend. »Ist es wenigstens in Ordnung?«

»Nein.«

»Weshalb?«

»Ah, weshalb!«

»Hast du es nicht so gemacht, wie ich dir sagte?«

»Genau so.«

»Nun, und?«

»Er hat sich widersetzt.«

»Der Dummkopf!«

»Das war derb.«

»Du mußtest die Gelegenheit benutzen, deshalb habe ich dich sofort auf ihn losgelassen.«

»Ganz recht, aber vielleicht wäre es vorteilhafter gewesen, die Sache vorzubereiten.«

»Sowie mir, mehr noch infolge seines Mienenspiels, als seiner Reden, klar wurde, wie schwer dieser Bankrott ihn getroffen hat, ist mir die Idee gekommen. Wenn wir zuwarteten, konnte er sich anderswo hinwenden, und wir fanden den Platz besetzt.«

»Ich will nicht sagen, daß du unrecht hast, aber die Geschichte war nichtsdestoweniger eine sehr heikle.«

»Nun, wie ist denn die Sache verlaufen? Was hast du zu ihm gesagt? Was hat er dir erwidert?«

Er näherte sich dem Kamin und streckte ein Bein gegen das Feuer aus.

»Wie du durchnäßt bist!« sagte sie.

»Es ist ein Wetter, bei dem man keinen Hund hinausjagt, und trotzdem habe ich ihn begleitet, als hätte ich einen Blinden zu führen; ich habe alle erdenkliche Mühe gehabt, ihn zu verhindern, daß er eine Droschke nahm.«

»Ich werde dir deine Pantoffeln geben.«

Sie öffnete einen Schrank und suchte ziemlich lange in gebückter Stellung.

»Irre dich nicht,« sagte er.

Sie drehte sich um und sah ihn mit einem Blicke an, mit welchem man auf der Bühne die gekränkte Würde darstellt.

»Glaubst du, er habe die seinigen hier?« erwiderte sie.

»Jedenfalls ist er schon zu lange hier, dieser gerupfte Präfekt.«

»Sei ruhig, er wird nicht lange mehr dableiben, wenn wir seiner nicht mehr bedürfen.«

Sie hatte seine Pantoffeln gefunden, brachte sie ihm, hieß ihn sich niedersetzen und knieete dann vor ihm nieder, um ihm die Schuhe auszuziehen.

»Jetzt erzähle,« sagte sie, indem sie sich auf einem Schemel zu ihm setzte.

»Als wir weggingen, brachte ich sogleich die Unterhaltung auf die Fallimente und schilderte ihm aus diesem Anlasse in der beredtesten Weise die Schamlosigkeit der Kaufleute, die in aller Ruhe Bankrott machen, um ihre Schulden nicht bezahlen zu müssen, während wir, die Mitglieder der bessern Gesellschaft, uns in solcher Lage eine Kugel durch den Kopf schössen. Der Gegenstand ließ sich ausspinnen und ich habe mirs sauer genug werden lassen.«

»Und unser Mann?«

»Du würdest es nie erraten, was er mir erwidert hat. Er begann mir auseinanderzusetzen, daß man nicht in aller Ruhe falliere, daß es kein schmerzlicheres Ereignis für einen Kaufmann gebe, und so weiter. Als ich dies sah, machte ich kehrt und stimmte ihm bei ? ich sagte das Gegenteil von dem, was ich vorher behauptet hatte.«

»Bist du nett!« Sie küßte ihm die Hand.

»Ich begriff diesen Schmerz, ich teilte ihn. Wie schrecklich muß es im Gehirne eines Kaufmanns aussehen, wenn er seine Bilanz zieht! Welche Lage! Damit hatte ich den Uebergang gefunden. Ein Bankrott zieht zehn andre nach sich, und durch das Verhalten eines einzigen Kaufmannes werden zehn andre bedroht, selbst dann, wenn sie die allersolidesten sind. Du siehst, wie sich die Geschichte abspielte, ohne daß ich sie dir weiter ausspinne. In jenem Augenblicke habe ich mir die Lehren Barthelasses zu nutze gemacht und mich an das Beispiel dieses alten Spitzbuben erinnert, der sein ganzes Leben lang sein Hab und Gut allen Leuten angeboten hat, ohne jemals irgendwem einen Sou zu leihen. Ich habe unserm Manne nicht alles angeboten, was ich besitze, das wäre zuviel gewesen ...«

»Du bist bewundernswürdig!«

»... aber ich schätzte mich glücklich, fünfzigtausend Franken zu seiner Verfügung stellen zu können ... und sogar mehr, wenn er es nötig haben sollte.«

»Er hat die Annahme verweigert?«

»Allerdings.«

»Du hast nicht darauf bestanden?«

»So sehr ich konnte; ich bin sogar böse geworden; diese Ablehnung sei eine Beleidigung für meine Zuneigung, für meine Freundschaft ? kurz, ich sagte alles, was man sagen kann.«

»So hat er es denn nicht nötig?«

»Glaubst du, daß meine in Elbeuf eingezogenen Erkundigungen zu wünschen übrig lassen? Er ist in Verlegenheit, in großer Verlegenheit. Wenn er sich auch jetzt noch über Wasser hält, so kann das doch nicht mehr lange dauern. Während seine Konkurrenten, kleinere Fabrikanten als er, sich den Bedürfnissen des Marktes anpaßten und fabrizierten, was man verlangte, setzte er sich in den Kopf, die Spezialitäten seines Hauses zu fabrizieren, und jetzt will man von diesen Spezialitäten nichts mehr wissen. Er lieferte gute Stoffe, er will noch weiter gute Stoffe liefern ? das ist vornehm, das ist nobel, erhaben, nur führt es dahin, wohin er gelangt ist.«

»Wie kommt es denn, daß er dein Anerbieten nicht angenommen hat?«

»Eine Ehrensache! Ein Mann wie er nimmt kein Darlehen, das er nicht begehrt hat. Wenn ich meine Beredsamkeit noch mit Banknoten hätte unterstützen können!«

Sie dachte einen Augenblick nach: »Wir müssen von neuem beginnen.«

»Du?«

»Nein, du.«

»Es geht mir ein Licht auf.«

»Du suchst ihn wieder auf, und das gleich morgen früh. Aber diesmal sollst du ihm mit Banknoten zu Leibe rücken. Ich werde dir einen Check über fünfzigtausend Franken ausstellen; du kannst ihn morgen früh, sobald die Kasse aufgeht, erheben und dann sofort zu Adeline eilen. Du wirst ihm sagen, daß du die ganze Nacht an ihn gedacht habest und daß du ihm die fünfzigtausend Franken, die du ihm angeboten, brächtest, daß du ernstlich böse würdest, wenn er sie anzunehmen sich weigere, kurz alles, was dir in den Kopf kommt.«

»Er wird Verdacht schöpfen.«

»Inwiefern und weshalb? Du hast nie etwas von ihm verlangt, und wenn er später einsieht, daß man etwas von ihm verlangt, so wird er so fest in der Schlinge stecken, daß er sich nicht mehr wird losmachen können. Du sagtest, daß du hättest das Geld in der Tasche klingen lassen müssen; für die Goldfüchse will ich sorgen; deine Sache wird es dann sein, einen ersprießlichen Gebrauch davon zu machen. Der entscheidende Moment ist da, laß uns denselben nutzen. Niemals werden wir wieder einen Mann finden, wie diesen braven Provinzialen, welcher, so einfältig er auch sein mag, darum nicht weniger Einfluß in der Kammer und, was noch mehr wert ist, bei den Beamten der Regierung hat. Ihm wird man keine Antwort erteilen können, wie diesem armen Cheylus.«

»Warum, zum Teufel, hast du dich auch mit dem eingelassen?«

»Man muß sich mit dem begnügen, was man bekommen kann; den hatte ich gerade bei der Hand, darum habe ich mich seiner bedient. Jetzt haben wir Adeline, lassen wir ihn uns nicht entschlüpfen. Wo seinesgleichen wieder finden? Er versteht nichts vom Spiel, er kennt das Pariser Leben nicht, er hat nur politische Beziehungen, er hat Freunde in der Kammer, man hält ihn für reich, alle Welt schätzt ihn, seine Ehrbarkeit ist hinreichend, um zehn unsaubere Geschichten zu decken, er ist eine Perle. Der Zufall will, daß er sich in einer bedrängten Lage befindet, in welcher wir ihm helfen können. Forcieren wir es! Gib mir eine Quittung über fünfzigtausend Franken und ich werde den Check ausstellen.«

Er zeigte sich durch dieses Verlangen nach einer Quittung nicht beleidigt und schrieb sie sogleich auf einem kleinen tragbaren Tischchen, das sie herbeibrachte, um ihm jede Mühe zu ersparen.

»Jetzt kannst du ruhig schlafen,« sagte sie, »ich mache mich verbindlich, dich rechtzeitig zu wecken.«

In der That weckte sie ihn am nächsten Morgen um acht Uhr, und nachdem er sich ungezogen hatte, begab er sich nach dem »Crédit Lyonnais«, um die fünfzigtausend Franken zu erheben, welche dort seit einiger Zeit schon auf die Gelegenheit warteten, Verwendung zu finden.

Nach Verlauf von zwei Stunden, kam er zurück. Seine Miene, ganz verschieden von derjenigen tags zuvor, besagte, daß der Streich gelungen war.

Sie faßte ihn wie närrisch an beiden Händen. »Dann können wir bald auf unsrer Hochzeit tanzen, wir haben ihn.«

Und sie riß ihn mit sich fort.

Dreizehntes Kapitel

Obgleich der Plan Raphaëllas gewagt war, war er doch einfach genug: Adeline würde es in seiner bedrängten Lage schwer fallen, die fünfzigtausend Franken zurückzugeben, und dann konnte man seine Situation geschickt ausbeuten.

Um aber diese Ausbeutung zu ermöglichen, mußte die Sache von einer gewandten Hand geleitet werden, sonst würde er kopfscheu werden und, sobald er merkte, wohinaus man mit ihm wolle, sich aus der Schlinge ziehen. Mit dem Darlehen hatte man ihn ködern können, aber dieses gewagte Mittel, welches einmal verfangen hatte, würde unfehlbar den Dienst versagen, wollte man es wiederholen. Es wäre Tollheit, noch einmal das nämliche Spiel zu wagen. Ohne das Falliment Bouteillier, welches ihm die Hände gebunden hatte, wäre sie sicherlich nicht in dieser Weise vorgegangen. Das lag nicht in ihrer Art. Immer, so oft ihr ein Anschlag gelungen war, hatte sie ihren Zweck durch Mäßigung und List erreicht, indem sie sich Zeit ließ und ihre Vorsichtsmaßregeln traf. Und diejenigen, über welche sie triumphiert hatte, waren gewiegtere Leute gewesen, als dieser gutmütige Spießbürger. Allerdings besorgte sie damals alles selbst, während sie jetzt auf andre angewiesen war, denen nicht ihre geschickte Frauenhand eigen. Bei diesem ehrlichen Provinzialen wäre man schön angekommen, hätte man ihm ein Bündnis mit einer früheren Schauspielerin vorgeschlagen! Sie mußte sich hinter den Coulissen halten und Friedrich allein auf der Scene erscheinen lassen. Glücklicherweise konnte sie ihm seine Rolle einlernen und ihm, wenn nötig, soufflieren; er war klug und was noch mehr wert war, er besaß weibliche, katzenartige Schlauheit, er würde es schon fertigbringen.

Seitdem ihr Friedrich jene Idee, in Paris einen Klub zu gründen, in den Kopf gesetzt, hatten sie keinen Tag verstreichen lassen, ohne an dessen Organisation zu arbeiten. Sogar die Räume, wo sie ihn einrichten wollten, waren ausgewählt und zwar unter Berücksichtigung aller Umstände, die den Erfolg des Unternehmens sicherten, gerade als wenn es sich um ein Restaurant oder irgend ein Ladenlokal gehandelt hätte. Dieselben lagen an der Avenue de lOpéra, mitten in Paris, so daß man, wenn man des Morgens aus den großen Klubs kam, nur einige Schritte zu machen brauchte, um dort das Glück ein letztes Mal zu versuchen. Sie waren prachtvoll anzusehen mit ihren zwanzig Fenstern Fassade im ersten Stocke nach der Avenue heraus, luxuriös ausgestattet, um den Fremden zu blenden, und zugleich solid genug, um dem Harmlosen, der die hallenden Treppen hinaufstieg, Vertrauen einzuflößen. Es kam darauf an, diese einzige Gelegenheit sich nicht entschlüpfen zu lassen, denn der Hauseigentümer, so gern er an einen Klub vermietet hätte, d. h. an einen Mieter, der nicht feilscht, würde es müde werden, zuzuwarten und einem zweifelhaften »Morgen« ein sicheres »Heute« zu opfern. Sie hatten wohl auch bei ihm den Versuch gemacht, ihn für ihr System des Arbeitens auf gemeinschaftliche Rechnung zu gewinnen, wie sie es mit all denen hielten, die sich an der Sache beteiligen sollten: Tapeziere, Bilderhändler, Köche, Weinhändler, so daß er also außer seinem Mietzins einen gewissen Prozentsatz vom erschwindelten Gewinn der Spielkasse erhalten sollte. Allein dieses für mehr oder minder des Geldes bedürftige Lieferanten unwiderstehliche Zaubermittel hatte seine Wirkung verfehlt bei diesem Pariser Bourgeois, der reich genug war, um nicht auf Spielgewinn zu spekulieren, und mißtrauisch genug, um nicht ein blindes Vertrauen in die Ehrlichkeit derjenigen zu setzen, welche die Schlüssel zu dieser Spielkasse in Verwahrung haben würden.

Eile that daher not, es war kein Tag, keine Stunde zu verlieren.

Bei seiner Rückkehr von Elbeuf hatte Adeline ein Billet des »liebenswürdigen Vicomte« vorgefunden, welches ihn in Kenntnis setzte, daß am nächsten Tage im Theater français eine erstmalige Aufführung stattfinde, welche eine der großen Premièren der Saison werden würde, die Aufführung eines Schauspiels seines Schwagers Faré; und daß er sich glücklich schätze, ihm für dieselbe einen Parkettsperrsitz zur Verfügung stellen zu können.

»... Zum mindesten bitte ich Sie, mein lieber Herr, nicht zu glauben, daß es mich Mühe gekostet, das Billet zu erlangen, so begehrt sie auch sein mögen. Es hätte mir Vergnügen gemacht, für Sie Schwierigkeiten zu überwinden, aber die Wahrheit nötigt mich zu gestehen, daß ich auf keine gestoßen bin. Beim ersten Wort, das ich an meinen Schwager richtete, ihn bittend, daß er mir noch einen zweiten Platz zu dem meinigen geben möge, hatte er es mir zwar rundweg abgeschlagen, aber sobald ich Ihren Namen nannte, hat er seine Ablehnung in die verbindlichste Zusage verwandelt. ?Sagen Sie nur Herrn Adeline? ? sind die eignen Worte meines Schwagers, die ich Ihnen wiederhole ? ?daß ich es mir zur Ehre anrechne, wenn er sich mein Stück anhören will; wenn man ein Publikum hätte, zusammengesetzt aus Männern gleich ihm, wäre es möglich, originell zu sein, und könnte man wagen, bis zur äußersten Grenze des Originellen zu gehen.?«

Adeline war kein ständiger Besucher der Premièren, und wenn er sich ein Stück ansah, geschah dies gewöhnlich erst, wenn man bei der hundertsten Aufführung angelangt war, wie er auch den »Salon« erst dann besuchte, wenn die Preise verteilt und bekannt gegeben waren. Aber wie hätte er diese, in solch wirklich schmeichelhafter Form gemachte Einladung ausschlagen können? Er hatte recht, dieser dramatische Dichter. Wenn die Theater darauf bedacht wären, das Publikum ihrer Premièren besser zusammenzusetzen, anstatt Scharen von Frauenzimmern zuzulassen, würde es gewiß nicht lange dauern, bis die Kunst einen neuen Aufschwung nähme. Eine ähnliche Bemerkung hatte er selbst mehr als einmal in der Budgetkommission gelegentlich der Beratung über die staatliche Unterstützung der Theater gemacht und es freute ihn, denselben Gedanken in dem Briefe des »lieben Vicomte« zu finden, welcher ganz sicherlich Farés eigne Worte wiederholte.

Zu der Aufführung hatte sich eine glänzende Gesellschaft eingefunden, es war in der That eine große Première, wie Friedrich es vorhergesagt hatte, welcher, an Adelines Seite sitzend, diesem die ganze Pariser Welt, die sie vor Augen hatten, mit Namen nannte. Der Abgeordnete war kein so arger Provinziale, daß ihm die Namen nicht bekannt gewesen wären, die Friedrich wie der Ausrufer in einem Wachsfigurenkabinett herunterleierte, aber es war immerhin das erste Mal, daß er die Mehrzahl dieser Berühmtheiten (echte oder unechte) von Angesicht sah und die Geschichten hörte, welche man sich von ihnen halblaut erzählte.

Alle diese Namen und alle diese Geschichten flossen leichthin über Friedrichs Lippen. Nur auf zwei Persönlichkeiten ging er näher ein: auf seine Schwester, Madame Faré, die im Hintergrunde einer Parterreloge versteckt saß, und auf den Oberst Chamberlain, den reichen Amerikaner, welcher mit seiner Frau eine Prosceniumsloge innehatte.

Obgleich man Frau Faré nur schwer entdecken konnte, sah Adeline sie doch genügend, um die Anmut und den Liebreiz ihres Gesichts zu bemerken; er machte darüber Friedrich sein Kompliment, worauf dieser ihm sogleich erwiderte: »Dieses Gesicht trügt nicht, man kann es nicht ansehen, ohne sich davon einnehmen zu lassen; meine Schwester ist wirklich eine bezaubernde Person, und ich weiß dies besser als irgend wer, denn ich habe es zu meinem Schaden erfahren. Mein Bruder und ich waren die Erben einer Tante, die im südlichen Frankreich zu Cordes lebte, und von welcher jeder von uns so etwas wie zwei Millionen zu erwarten hatte. Ohne daß wir irgend etwas gethan hätten, um ihr zu mißfallen, und ohne daß unsre kleine Schwester ihrerseits etwas that, um uns zu schaden, hat meine Tante durch Heiratsvertrag ihrer Nichte ihr ganzes Vermögen geschenkt, lediglich weil diese sie für sich eingenommen hat. Das ist merkwürdig, nicht wahr? Aber noch merkwürdiger ist, daß weder mein Bruder noch ich auch nur einen einzigen Augenblick es unsrer Schwester nachtrugen und sie nach wie vor lieb hatten. Unglücklicherweise macht sich eben wegen Geldangelegenheiten in unsrer Familie niemand viel Kopfzerbrechens. Was mich betrifft, so thut es mir bei dieser Erbschaft nur um ein altes Haus leid, welches von unserm Ahnherrn, Wilhelm von Puylaurens, der Minister des letzten Grafen von Toulouse war, erbaut wurde. Dieses Haus ist wie durch ein Wunder im selben Zustand erhalten geblieben, in dem es sich zur Zeit unsers Ahnherrn befand. Ich gestehe, daß ich gern einen Monat Sommeraufenthalt in einem Hause des dreizehnten Jahrhunderts, das im Stile jener Zeit möbliert ist, genommen hätte.«

Adeline hatte schon hin und wieder Anspielungen auf diese Erbschaft vernommen, aber es geschah jetzt zum erstenmal, daß man ihm die ganze Geschichte erzählte, und die Anwesenheit der Heldin machte sie noch interessanter. In der That, der Vicomte war wirklich ein gutmütiger und uneigennütziger Junge, daß er darum seiner Schwester nichts nachtrug; es mußte wohl so sein wie er sagte, daß Geldsachen für ihn wenig Interesse hatten, und da es bei seinem Bruder ebenso war, handelte es sich hier zweifellos um eine erbliche Anlage.

Die Geschichte des Oberst Chamberlain füllte den nächsten Zwischenakt aus, aber diese berührte Friedrich in keiner Weise, und daß er sie erzählte, geschah ersichtlich aus Lust am Erzählen und um seinen Nachbar zu unterhalten.

»Sie wissen vielleicht nicht, daß es bei Raphaëlla war, wo der Oberst, jetzt eine so bekannte Persönlichkeit in Paris, zum erstenmal von sich reden machte. Es ist einige Jahre her.«

Er hütete sich das Jahr genauer zu bezeichnen ? 1867 ? das hätte Raphaëlla ein wenig zu alt gemacht.

»Es ist jetzt einige Jahre her, als Raphaëlla, die damals schon eine Schauspielerin von großem Talente war, eine Soirée veranstaltete. Der Oberst, der gerade aus Amerika kam, wurde bei ihr eingeführt und traf hier mit einem Spieler Namens Amenzaga zusammen, von welchem Sie sicher haben sprechen hören. Derselbe hatte dadurch eine Berühmtheit erlangt, daß er in den rheinischen Bädern verschiedene Banken gesprengt hatte. Wo Amenzaga war, wurde gespielt, einerlei ob man dazu Lust verspürte oder nicht. Man spielte also und in einigen Minuten hatte der Oberst dreihunderttausend Franken verloren, oder besser gesagt: Amenzaga hatte sie ihm gestohlen. Natürlich hatte der Oberst nichts gemerkt, aber ein Vorwitziger hatte die Gaunerei Amenzagas, welcher mit Serien von drei Karten oder mit Sequenzen, das heißt mit zum voraus hergerichteten und dem Talon hinzugefügten Karten hantierte, beobachtet. Man stürzte sich auf Amenzaga, zerriß ihm die Kleider und nahm ihm das gestohlene Geld ab ? es war ein entsetzlicher Skandal. Seit jenem Tage wird bei Raphaëlla nicht mehr gespielt, denn als Frau von Erfahrung weiß sie, daß überall, wo Spieler beisammen sind, sich Gauner darunter mischen können, so streng man auch bei der Einladung zu Werke gehen mag. Am Abend, wo dieser Skandal vorfiel, hatte sie, Amenzaga ausgenommen, die Elite, die Creme der Pariser Gesellschaft bei sich, und trotzdem die Geschichte mit dem Oberst! Ich weiß nichts Belehrenderes und was besser die Dringlichkeit der Wiedereröffnung von Spielbanken oder wenigstens von Klubs beweist, in welchen die Spieler mit vollständiger Sicherheit spielen können. Wenn ich Abgeordneter wäre, so hielte ich diese Frage meiner Aufmerksamkeit wert.«

»Das Spiel wieder einführen! Das ist sehr bedenklich!«

»Es ist noch viel bedenklicher, es zu unterdrücken; ich begreife, daß das Betreten der Spielhäuser nicht ohne weiteres erlaubt werden kann, und in diesem Punkte bin ich mit Ihnen einverstanden. Aber da das Spiel eine Leidenschaft ist, welche durch gesetzliche Bestimmungen ebensowenig beseitigt werden kann, wie andre Passionen, so möchte ich, daß man denen, welche derselben frönen, anständige Vereinigungspunkte biete, wo sie sicher sein könnten, nicht bestohlen zu werden; dies ist eine Frage der Moral, des öffentlichen Wohles. Bedenken Sie doch, daß die Polizei in den von der Behörde genehmigten oder geduldeten Klubs nichts zu suchen hat, so daß, wenn die Leiter dieser Klubs keine ehrlichen Leute sind, die Spieler darin ausgeraubt werden, wie in einem Walde, ohne daß ihnen jemand zu Hilfe kommt. Und sind denn jene Leiter ehrliche Leute?«

Der Vorhang ging auf und schnitt dieses Gespräch kurz ab, und es wurde auch an diesem Abend nicht wieder aufgenommen, denn Adeline ging ganz im Interesse für das Stück auf und gab sich ihm voll hin und schätzte sich glücklich, durch seinen Beifall zu dem Erfolge des Schwagers seines Freundes beitragen zu können. Es war ein charakteristischer Vorgang im Herzen Adelines, daß, als Faro lange und wiederholt herausgerufen wurde, seine Zuneigung und Freundschaft für Friedrich von Mussidan dadurch vermehrt wurde.

Zwei Tage später, als Adeline abends aus seiner Wohnung trat, um einen kleinen Spaziergang vor dem Schlafengehen zu machen, traf er unversehens mit Friedrich, der zufällig ebenfalls einen Spaziergang durch die Rue Tronchet machte, zusammen, und so schlenderten denn beide Arm in Arm auf den Boulevards. Das Wetter war warm, man begegnete wenigen Leuten und konnte ungeniert plaudern.

Diese Unbelebtheit der Straße bot Friedrich den Anknüpfungspunkt für das, was er zu sagen hatte.

»Sind Sie nicht erstaunt, mein lieber Herr Abgeordneter, über die Umwandlung, die sich in Paris vollzieht? Es ist noch nicht zehn Uhr, und wir haben schon ich weiß nicht wie viele Läden gesehen, die ihre Auslagen geschlossen und das Gas gelöscht haben. Gewiß trifft man Leute auf den Trottoirs, aber Sie sehen, daß man nicht mehr gedrängt und gestoßen wird wie sonst; das ist eine Veränderung, die, wie mir scheint, einen Freund der Regierung, wie Sie, beunruhigen muß.«

»Was wollen Sie, daß die Regierung dagegen thun soll?«

»Sie könnte viel thun. Es ist doch sicherlich eine Thatsache, daß Paris an Eleganz, an pulsierendem Leben, an Fröhlichkeit eingebüßt hat, und daß es nicht mehr der Sammelpunkt der Welt ist, der es gewesen. Man amüsiert sich nicht mehr. Es ist niemand mehr da, um den Ton anzugeben, und unsre Gesellschaft, die mehr und mehr verbürgert, besteht nur noch aus Bürgern, die sich und andre bürgerlich langweilen. Das ist bedenklich, sehr bedenklich für das Gedeihen des Landes und für das Volksvermögen, denn hierin liegt eine der Ursachen der Handelskrisis, unter welcher alle Welt leidet, die Reichen wie die Armen. Um eine Erklärung der Krisis, welche Ihre Industrie durchmacht, sind Sie nicht verlegen, nicht wahr? Aber das Heilmittel dagegen fehlt Ihnen. Nun wohl, eins der Mittel gegen dieses Uebel bestünde darin, Paris sein früheres Leben wieder zu verschaffen. Wie war es, als aus den vier Windrichtungen die Fremden in Paris zusammenströmten, um sich hier zu amüsieren und auszutollen. Sie kauften während ihres Aufenthalts hier alle Luxusgegenstände, welche sie zu Hause brauchten, ihre Möbel, ihren Schmuck, ihre Kleider. Es war Elbeufer Tuch, welches unsre Schneider zu diesen Kleidern verwendeten, es war Lyoner Seide und Samt, womit unsre Näherinnen ihre Kunden bekleideten. Wenn sie dann heimkamen, zeigten sie stolz ihre Einkäufe, und, um es ihnen gleichzuthun, bestellten ihre Landsleute französische Waren in Frankreich. Daher rührt der Reichtum von Elbeuf, von Lyon und von den übrigen Fabrikstädten. Das ist der Grund, warum es gilt, die Fremden nach Paris zurückzuführen, und hierzu gibt es nur ein wirksames Mittel: Man muß eine Stadt der Vergnügungen daraus machen, wo jeder im stande ist, sich nach seinem Geschmack und besser als überall anderswo zu amüsieren, damit er nicht anderswohin geht. Ich habe in dieser Beziehung besondre Ideen, die ich Ihnen gelegentlich, sobald sie reif sind, mitteilen will. Ohne Frage sollten mich mein Name, meine Familie, meine Abstammung, meine Erziehung, meine Ueberzeugung, meine Grundsätze davon abhalten, an der Befestigung der Regierung zu arbeiten ? aber das Interesse Frankreichs über alles!«

Vierzehntes Kapitel

Als Adeline von Elbeuf nach Paris zurückgekehrt war, hatte er einige von denen ausgesucht, welche ihm seiner Zeit Geschäfte vorgeschlagen hatten; aber man bringt es nicht fertig, von heute auf morgen aus einem vorsichtigen Kaufmann in einen spekulierenden Schwindler sich zu verwandeln, insbesondre wenn man sich die Freiheit, seine Auswahl zu treffen, vorzubehalten gedenkt. Unlängst hatte man ihn aufgesucht und angegangen; als er nun seinerseits sich anbot, hatte man ihn mit einem gewissen Mißtrauen angehört. Was hatte dieser Umschlag zu bedeuten? War er denn nicht mehr der, für den man ihn gehalten hatte? Was dann? Da er die Gelegenheit verpaßt hatte, mußte er es der Zeit überlassen, für neue zu sorgen, er mußte abwarten.

Das stimmte zu sehr mit der Logik der Dinge überein, als daß Adeline sich darüber gewundert hätte; er war nie so naiv gewesen, sich einzubilden, daß er sich bloß zu zeigen brauche, damit alle Thüren sich vor ihm aufthäten, und daß diejenigen, welche beim Mahle saßen, sich glücklich schätzten, ihm seinen Anteil am Dessert zu geben. Für Berthas Hochzeit war kein bestimmter Tag festgesetzt worden und einige Monate, einige Wochen mehr oder weniger hatten nichts zu bedeuten; der Ausspruch des Vater Eck, an den er sich nur lächelnd erinnern konnte, gewährte ihm Sicherheit: »Ich war mit meiner Frau fünf Jahre lang verlobt, und als wir uns heirateten, hätte ich nötigenfalls noch länger gewartet.«

Mit den fünfzigtausend Franken des Vicomte hatte er die dringendsten Wechsel des Hauses gedeckt; bevor andre fällig wurden, hatte er Zeit, seine Maßnahmen zu treffen, und es war wahrscheinlich, ja sicher, daß bis dorthin die Sache Bouteillier geordnet war. Dann wollte er die fünfzigtausend Franken zurückerstatten, denn die Rückzahlung einer derartigen Schuld durfte nicht verzögert werden. Nachdem ihm das Geld erst in so zuvorkommender Weise angeboten worden war, drückte ihn diese Schuld allerdings nicht sehr; aber er hatte doch das sonderbare, unerklärliche Gefühl, daß mit der Rückzahlung ihm ein Stein vom Herzen fallen werde.

Unglücklicherweise verliefen aber die Dinge in dieser Beziehung nicht, wie er es gehofft hatte, die Bouteilliersche Angelegenheit kam nicht in Ordnung, ganz im Gegenteil, und nach mehreren Gläubigerversammlungen, die, je häufiger sie aufeinander folgten, um so stürmischer verliefen, wurde auf Antrag einiger Gläubiger, welchen der von den Bouteilliers getriebene Luxus allzulange ein Dorn im Auge gewesen, der Konkurs erklärt. Der Schlag war für Adeline furchtbar gewesen, für ihn, der besser als irgend jemand das Konkursverfahren kannte. Wieviel würde die erste Rate betragen und wann würde man sie erhalten?

Er mußte sich daher nach einem andern Auswege umsehen, was in seiner Lage schwierig war; denn obgleich der Vicomte niemals die leiseste Anspielung wegen seines Darlehens gemacht hatte, so war doch klar, daß dasselbe nicht als eine Geldanlage von längerer Dauer, an welcher der Gläubiger ebensogut wie der Schuldner ein Interesse hat, betrachtet werden konnte; es war eine Gefälligkeit, nichts weiter.

Während er überlegte, wie er sich am schnellsten aus dieser unangenehmen Lage herauswickeln könne, glaubte er die Bemerkung zu machen, daß der Vicomte weniger ungezwungen, weniger heiter, weniger offen mit ihm verkehrte. Die Ursache dieses veränderten Benehmens war nicht allzu schwer zu erraten; er war erstaunt, daß er das Geld noch nicht zurückerhalten hatte; er war ärgerlich darüber.

Wer in jungen Jahren mit Not gekämpft hat, hat gelernt, sich wegen Schulden nicht zu beunruhigen und mit seinen Gläubigern sich abzufinden und sie, wenn das Geld fehlt, mit Versprechungen zu vertrösten. Aber das traf bei Adeline nicht zu; er war als ein vermögender Mann in die Welt getreten und fast fünfzig Jahre alt geworden, ohne jemand einen Sou schuldig zu sein. Wenn der Vicomte ihm gegenüber ein etwas gezwungenes Wesen an den Tag legte, so kam er dem Vicomte gegenüber geradezu in Verwirrung, weil er nicht wußte, wie er sich benehmen sollte, und keine Worte fand und sich selbst seines Stillschweigens schämte. Warum hatte er denn nicht den Mut, an die Frage kurzweg heranzutreten und sich offen zu erklären: »Denken Sie nicht, daß ich Sie vergesse, allein die Außenstände, auf welche ich rechnete, gehen nicht ein, aber bald ...?« Dieses »bald« war es, was ihm den Mund verschloß; er hatte niemals eine Verbindlichkeit eingegangen, ohne sie zu erfüllen, wie er niemals ein Versprechen gegeben hatte, das er nicht ernst nahm. Welche Verbindlichkeit konnte er denn eingehen, welches Versprechen konnte er denn geben, wenn er selbst nicht wußte, zu welchem Zeitpunkte er in der Lage sein werde, jene fünfzigtausend Franken zurückzuzahlen? Bald, ohne Zweifel, vielleicht heute oder morgen; aber dieses »bald« konnte er noch nicht in ein bestimmtes Datum übersetzen.

So lagen die Dinge, als eines Abends nach einem Diner bei Raphaëlla der Vicomte ihn unter dem Arm faßte und wie am Tage, an dem er ihm die fünfzigtausend Franken angeboten hatte, ihn nach der Rue Tronchet zu begleiten sich erbot.

»Machen Sie keinen Umweg,« sagte Adeline, welcher der ihm drohenden Unterhaltung entgehen wollte, »es ist kalt heute abend.«

»Ich habe dort zu thun.«

»Dann wollen wir rasch gehen,« sagte Adeline.

Und um dies Wort, welches seinen Lippen entschlüpft war, ohne daß er Zeit hatte, es zurückzuhalten, zu erklären, fügte er bei: »Damit wir uns warm laufen.«

Der Vicomte ging neben Adeline, gesenkten Hauptes, schweigend, in der Haltung eines Verliebten, der sich nicht zu erklären wagt, oder besser in der eines ehrerbietigen Sohnes, der seinem Vater ein heikles Geständnis zu machen hat.

Endlich entschloß er sich: »Sie sehen mich in großer Verlegenheit, mein lieber Herr Abgeordneter.«

Adeline mußte wohl oder übel etwas erwidern: »Meinetwegen?«

»Allerdings, weil Sie es sind, an den ich mich wende. Ah! Wenn es ein andrer wäre! Aber Sie, für den ich solche Hochachtung, so große Freundschaft, erlauben Sie mir den Ausdruck, hege ? ich bin ganz verwirrt.«

»Aber sprechen Sie doch, ich bitte ... mein lieber Freund.«

Trotz dieses ermutigenden Zuspruchs trat abermals Stillschweigen ein.

»Verzeihen Sie meine Kühnheit,« sagte er, »ich leide darunter und schäme mich, etwas zu thun, was nicht zulässig erscheint; denn nichts ist unzulässiger, als an einen Dienst zu erinnern, den man einem Freunde zu leisten das Vergnügen gehabt hat. Mit einem Worte, es handelt sich um die fünfzigtausend Franken, welche anzunehmen Sie mir vor einiger Zeit die Ehre erwiesen haben ... ich hätte sie nötig ...«

Es trat eine Pause ein.

»Oh, nicht heute abend,« beeilte er sich lachend beizufügen, »auch nicht morgen, aber in einer Frist, welche Sie selbst bestimmen mögen, wenn anders es Ihnen paßt.«

Das Gefühl der Verwirrung und Erniedrigung war ein grausames für Adeline, und obgleich er sich oft den Augenblick, wo diese Frage gestellt werden würde, vergegenwärtigt hatte ? daß er so peinlich sein werde, hatte er nie gedacht.

»Es ist an Ihnen, mir zu verzeihen,« sagte er, »ich hätte Ihnen schon längst jenes Geld zurückgeben sollen, allein es sind gewisse Umstände eingetreten ... ich habe auf Geschäfte gerechnet, aus denen nichts geworden ist, auf Außenstände, die nicht eingegangen sind, kurz, ich habe gewartet, aber weil Sie es brauchen ...«

Der Vicomte fiel ihm ins Wort: »Ich wäre nicht aufrichtig, ich wäre nicht Ihrer Freundschaft wert, wenn ich Ihnen nicht sagte, wie es kommt, daß ich des Geldes bedarf ? das möge meine Entschuldigung sein, wofern es eine für mich gibt.«

»Ich bitte Sie.«

»Ich meinerseits bitte Sie, mich anzuhören. Sie wissen, wie wenig ich mich um Geldsachen kümmere; das kommt vielleicht daher, daß ich kein Vermögen habe, was man so heißt ein fundiertes Vermögen. Mein Vater hat drei oder vier durchgebracht und ich selbst habe das, welches ich von meiner Mutter erbte, stark angegriffen. Ich rechnete auf dasjenige meiner Tante aus dem südlichen Frankreich, aber Sie wissen, wie es an meine Schwester überging. Nun lebe ich von dem, was mir übrig geblieben ist, und es kommt mir oft genug vor, daß ich mich in Geldverlegenheit befinde. Dies ist gegenwärtig der Fall. Unter diesen Verhältnissen wäre ich sehr froh, wenn ich mein Einkommen vergrößern könnte, und da sich gerade eine Gelegenheit bietet, einiges Geld in einem ausgezeichneten Geschäfte anzulegen, es zu verdreifachen, zu vervierfachen, ist mir der Gedanke gekommen, mich an Sie zu wenden.«

»Morgen sollen Sie Ihr Geld haben,« erwiderte Adeline, der entschlossen war, sich die fünfzigtausend Franken um jeden Preis zu verschaffen.

»Morgen, mein lieber Herr! Wer spricht denn von morgen? Halten Sie mich eines derartigen Verfahrens für fähig? Das Geschäft, von welchem ich Ihnen sagte, ist noch nicht gemacht, es ist erst in Erwägung gezogen, und es genügt mir, zu wissen, daß ich an einem bestimmten Tage, welchen Sie festsetzen mögen, mein Geld bekomme. Das ist alles, um was ich Sie bitte. Niemals, glauben Sie es zu meiner Ehre, würde ich weiteres verlangt haben.«

Adeline atmete auf.

»Ich will nachsehen, welche Wechselverpflichtungen ich habe, und werde Ihnen morgen jenen Tag bezeichnen, oder was noch besser ist, ich werde Ihnen einen Wechsel zuschicken.«

Aber der Vicomte wollte nichts von einem Wechsel wissen. Stellte man in seinen Kreisen Wechsel aus? Nur ein Wort, das genügt. Darauf blieb er plötzlich stehen und rief, auf einen andern Gegenstand überspringend, aus: »Mir kommt ein Gedanke: Warum wollen Sie selbst das Geschäft nicht machen?«

»Welches Geschäft?«

»Meines.«

»Ich habe keine Mittel verfügbar.«

»Für Sie würde es sich nicht darum handeln, Geld einzuschießen, im Gegenteil.«

»Ich begreife nicht.«

»Ich habe mich mit Ihnen verschiedene Male über die Notwendigkeit der Gründung eines neuen Klubs unterhalten und Ihnen dargethan, wie nützlich dieselbe in jeder Beziehung wäre. Diese Idee ist nicht meinem Kopfe entsprungen, sie liegt in der Luft und viele andre außer mir haben sie gehabt, wie dies im allgemeinen immer so zu gehen pflegt. Allein die Gründung eines Klubs in Paris ist ein so bedeutendes Unternehmen, daß ich mich nicht allein damit befassen konnte. Zunächst bedarf es einer Ermächtigung und ich will von der Regierung nichts erbitten. Dann bedarf es großer Mittel, die ich nicht habe. Haben Sie eine kleine Vorstellung davon, wie groß diese Mittel sein müssen?«

»Durchaus nicht; Sie wissen, daß ich von diesen Dingen nichts verstehe.«

»Nun wohl, es ist nahezu eine Million nötig. Wissen Sie, daß der Jockeyklub an Miete hundertdreißigtausend Franken, der landwirtschaftliche Klub neunzigtausend Franken, der Cercle impérial zweihunderttausend Franken, die Cremerie fünfundvierzigtausend Franken, die Mirlitons siebzigtausend zahlen? Im Jockeyklub kosten die Gehälter des Personals sechzigtausend Franken, im Ganacheklub fünfzigtausend Franken; im Jockeyklub beziffert sich der Verlust auf die Tafel auf vierzigtausend Franken, im Unionklub auf fünfzehntausend Franken. Die Kosten der ersten Einrichtung betragen nicht weniger als dreihunderttausend Franken und diese Summe genügt noch nicht, denn die Kasse muß ansehnliche Fonds haben, aus welchen man den Spielern Darlehen machen kann; darin liegt der Erfolg. Ein Spieler, der fünfhunderttausend Franken bei der Diskontobank oder sonstwo liegen hat, zieht, wenn er spielen will, keine Tausendfrankscheine aus seiner Tasche, sondern er leiht bei der Klubkasse. Es muß daher dafür gesorgt werden, daß in dieser Kasse nie Ebbe ist, sonst geht das Spiel nicht flott vorwärts, und die Leute gehen nur dahin, wo es flott, toll zugeht. Ich gestehe ohne Erröten ein, daß ich diese Million nicht habe. So beabsichtigte ich denn denen, welche die Sache einfädeln wollen und die diese Million auch nicht haben, das Geld, über welches ich verfüge, zu bringen. Deshalb habe ich Ihnen meine Bitte vorgetragen. Aber jetzt nehme ich dieselbe zurück und stelle dafür eine andre: Nehmen Sie die Gründung des Klubs in die Hand, eines Klubs, der, wie ich es mir ausdachte, das Spiel versittlichen und seinen Teil dazu beitragen soll, Paris sein glänzendes Leben wieder zu verschaffen; stellen Sie das Gesuch um die Erlaubnis, sie kann einem Manne wie Ihnen nicht abgeschlagen werden; seien Sie sein Präsident.«

»Ich!«

»Gewiß, Sie, Constant Adeline, dessen Ehrenhaftigkeit und hervorragende Stellung, die er in der Industrie, im Handel, in der Politik einnimmt, man kennt, und Sie werden um Ihren Namen fünfhundert Personen vereinigen, die« ? er zögerte einen Augenblick nach einem Ausdrucke suchend ? »stolz auf die von Ihnen gegebene Anregung sind. Sie sprachen dieser Tage von großen Geschäften, die Sie unternehmen wollten ? der Umstand allein, daß Sie den Vorsitz übernehmen, wird zur Folge haben, daß sie Ihnen zufliegen, und Sie brauchen ihnen nicht nachzulaufen. In der Politik spielen Sie eine Hauptrolle und man muß mit Ihrem Einflusse rechnen.«

»Aber mir geht alles ab, um in einem Pariser Klub den Präsidenten zu spielen, mir, dem größten Provinzialen.«

»Eben bei den Leuten aus der Provinz findet sich heutzutage die erste Eigenschaft, die erforderlich ist, um in einem Pariser Klub Präsident zu sein.«

»Welche?«

»Die Rechtlichkeit. Was viele Leute von den Klubs fernhält, ist die Furcht, bestohlen zu werden. Wenn man sich zu seinem Vergnügen an einen Spieltisch setzt, dann ist es nicht nach jedermanns Geschmack, den Polizeidiener zu machen und seinen Nachbarn auf die Finger zu sehen; mit einem Präsidenten, wie Sie, an der Spitze eines Klubs, hätte man volle Sicherheit und deswegen allein schon wäre der Erfolg jenes Klubs gesichert. Beim Spiel wird nur da gestohlen, wo sich Helfershelfer finden.«

»Wenn ich diese Eigenschaft besitze, so geht mir doch alles andre ab, und wäre es auch nur die Zeit.«

»Gewiß würde Ihnen diese Präsidentschaft eine gewisse Zeit wegnehmen, aber nicht so viel als Sie glauben mögen; übrigens würde man Ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen, ohne Ihnen dagegen eine Schadloshaltung zu bieten. Solche Funktionen werden bezahlt; es gibt Präsidenten, die dreitausend Franken monatlich erhalten, das ist schon etwas.«

Sie waren beim Hause Adelines angekommen.

»Adieu!« sagte dieser.

Aber der Vicomte ließ ihn nicht los: »Schenken Sie mir noch einige Augenblicke,« sagte er, »der Vorschlag verdient, ich versichere Sie, ernstlich in Erwägung gezogen zu werden.«

Fünfzehntes Kapitel

Sie kehrten nach dem Platz de la Madeleine zurück.

»Ihnen brauche ich nicht zu sagen,« hob der Vicomte wieder an, »daß jeder Dienst bezahlt wird. Ein Klub ist ein Geschäft, wie ein andres; es wirft Einnahmen ab, die in erster Linie dazu dienen müssen, diejenigen zu entschädigen, welche sie ermöglichen. Wenn Sie einer Gesellschaft irgend welche Konzession verschaffen, die Sie durch Ihre Umsicht oder Ihren Einfluß erlangt haben, so schätzt sich das in Geld ab, nicht wahr? Und ich bin überzeugt, daß die Erlaubnis, welche die Gründung unsres Klubs ermöglichte, auf nicht weniger als sechzig- bis fünfundsiebzigtausend Franken veranschlagt werden würde, das ist der gewöhnliche Satz. So würden also die Rollen getauscht: Sie wären nicht mehr mein Schuldner, sondern die Gesellschaft wäre der Ihrige.«

Die Komödie, welche der Vicomte mit Adeline aufführte, war von langer Hand mit Raphaëlla durchgegangen und es war ausgemacht worden, daß an dieser Stelle eine Pause eintreten sollte, damit die Ueberlegung ihre Wirkung thun könne. Sie kannten die Lage Adelines so gut, als er sie selbst kannte, und wußten, welche Erleichterung er bei der Aussicht empfinden werde, die fünfzigtausend Franken jetzt nicht bezahlen zu müssen. Sie hatten sehr wohl vorausgesehen, daß das Anerbieten eines Gehaltes von dreitausend Franken nicht genügen werde, weil es nur ein Versprechen für die Zukunft sei, während die Nichtbezahlung der fünfzigtausend Franken ihn einen sofortigen Erfolg sehen ließe und wie ein Bühneneffekt wirken werde.

Die Sache spielte sich ab, wie sie verabredet worden, und erst nach einem Augenblicke des Stillschweigens fuhr Friedrich fort: »Ich will einem Einwande zuvorkommen, der Ihnen auf den Lippen schwebt: Sie wollen, Sie können nicht die Verwaltung eines Klubs übernehmen.«

»Und dies aus vielen Gründen, von denen einer genügt: Man kann nur das verwalten, wovon man etwas versteht, und ich verstehe nichts von den Geschäften eines Klubs.«

»Es ist mir auch niemals in den Sinn gekommen, Sie mit dieser Verwaltung zu betrauen, Sie sollen Präsident unsres Klubs sein, wie der Graf von Mortemart es vom landwirtschaftlichen Klub ist, der Marquis von Biron vom Jockeyklub, der Herzog de la Trémouille vom Klub in der Rue Royale, und Sie sollen nur Präsident sein, das heißt so etwas wie ein Präsident der Republik oder ein konstitutioneller König, die Person, die unserm Klub das Ansehen verleiht und den Bestand sichert, Sie herrschen, aber Sie regieren nicht; Ihnen zur Seite, unter Ihnen stehen die Minister. Mit andern Worten: Die finanzielle Leitung des Klubs liegt in den Händen einer Kommanditgesellschaft, welche durch einen verantwortlichen Geschäftsführer vertreten wird. Sie und Ihr aus Notabilitäten zusammengesetztes Komitee haben die Leitung des Klubs und beschließen allein über die Aufnahmen; das gewährt eine unbedingte Sicherheit für die tadellose Auswahl. Die finanziellen Fragen berühren Sie und Ihre Verantwortlichkeit in keiner Weise, das ist der Kardinalpunkt; Sie empfangen, aber geben nicht.«

Auch diese Tirade hatte Raphaëlla, ebensowenig wie das vorhergehende, dem Improvisationstalente Friedrichs überlassen; sie war vielmehr ebenfalls einstudiert, denn es schien von Belang, daß sie rasch und mit Feuer vorgetragen wurde, damit Adeline nicht zur Besinnung käme und verhindert würde, Einwendungen zu machen. Wenn der Vergleich mit den Präsidenten der großen Klubs seine Wirkung auf ihn hervorbringen sollte ? und daran zweifelte sie nicht ? so war dies nur unter der Bedingung möglich, daß man ihm keine Zeit ließ, nachzudenken und folglich einzusehen, daß jene großen sich selbst verwaltenden Klubs, ohne Spielgewinn, ohne bezahlte Präsidenten, in nichts demjenigen glichen, welchen man ihm zu gründen vorschlug, einem Klub, der seine Existenz aus Kassenüberschüssen fristen, der seine Vorstandsmitglieder mit dem den Spielern abgenommenen Gelde bereichern sollte. Für einen, der die Klubs kannte, wäre dieser Vergleich plump und lächerlich gewesen, aber für diesen Provinzialen ging er hin. Es war eine Beweisführung, wie sie Advokaten auf gut Glück versuchen. Es war Aussicht vorhanden, daß er in seiner bürgerlichen Eitelkeit sich von den glänzenden Namen, die er sich wiederholen würde, den Kopf verdrehen ließ.

»Damit Sie ganz sicher gehen,« fuhr Friedrich fort, »und ruhig schlafen können, will ich die Geschäfte der Verwaltung in die Hand nehmen, wenn auch nicht unter meinem Namen. Sie werden es begreifen, wenn ich ihn nicht dazu hergeben will. Es geschieht nicht allein aus Achtung vor mir selbst, sondern auch vor meinem Vater, vor meiner Familie ? und dann hat es noch einen andern Grund ... einen politischen, aber darauf brauche ich nicht näher einzugehen.«

Da Adeline nichts erwiderte und von diesem doch so verführerischen Anerbieten nicht entzückt zu sein schien, spielte Friedrich seinen letzten Trumpf aus, der den letzten Widerstand brechen sollte.

»Es ist sicher, daß Sie nicht auf die Einwendungen stoßen werden, welche dem Herrn von Cheylus gemacht wurden.«

»Ah! Cheylus hat sich mit dieser Gründung befaßt?«

»Er sollte die Erlaubnis für unsern Klub, als dessen Präsident er in Aussicht genommen war, erbitten und er hat dies in der That versucht; allein sie wurde ihm verweigert ? Sie erraten aus welchen Gründen, ? Parteiinteressen, ganz einfach; man wollte ihn keinen Mittelpunkt geselliger Vereinigung, welcher ihm einen gefährlichen Einfluß sicherte, schaffen lassen. Anfangs, ich gestehe es, war uns diese Ablehnung sehr verdrießlich, denn in Bezug auf Liebenswürdigkeit, feine Manieren, Geist und Beweglichkeit konnten wir uns keinen besseren Präsidenten als den Grafen wünschen. Aber bei ruhiger Ueberlegung hat sich dieser Verdruß gelegt, und ich gestehe ? aber ganz leise unter uns ?, daß es mir heute ganz erwünscht ist, daß Herr von Cheylus nichts erreicht hat. Jedes Ding hat seine zwei Seiten. Die Liebenswürdigkeit des Grafen wäre in Schwäche ausgeartet, er hätte nichts abschlagen können, und unser Klub würde den Charakter strenger Ehrbarkeit, den er mit Ihnen bewahren wird, verloren haben.«

Sie waren nach der Rue Tronchet zurückgekehrt, bis vor die Thür Adelines. Bei diesem letzten Wort und ohne noch etwas beizufügen, trennte sich der Vicomte von »seinem lieben Herrn Abgeordneten«.

»Puh!« machte er, indem er sich der Avenue dAntin zuwandte, »wenn jetzt die Sache nicht im Blei ist, dann verzichte ich darauf; der Biedermann wird gewiß weniger gut schlafen, als ich.«

Darin hatte er recht, denn Adeline schlief wenig, während er selbst den Schlaf des Gerechten nach erfüllter Pflicht schlief.

Aus dem ganzen Wortschwall, der sich über ihn ergossen, löste sich eine Thatsache für Adeline los, so bedrohlich, daß er nur sie sah: Die sofortige Fälligkeit der fünfzigtausend Franken. Endlich hatte sie geschlagen, diese Stunde, die ihm so oft in den Ohren geklungen; jetzt hieß es nicht mehr: »Ich werde zahlen müssen«, es hieß: »ich muß zahlen«.

Aber wie?

Seit zwei Jahren hatte er mehr als einmal das Kraftstück der am Umkippen stehenden Kaufleute ausgeführt, von einem Tage zum andern zwanzig- oder fünfundzwanzigtausend Franken zur Deckung der fälligen Wechsel aufzutreiben. Aber darin, in der Wiederholung, gerade lag die Schwierigkeit; die Quellen, aus denen er geschöpft, waren versiegt, er konnte dort nichts verlangen, ohne seinen Kredit, der schon so erschüttert war, noch mehr zu schädigen und ohne überdies zum voraus die Gewißheit zu haben, daß er die fünfzigtausend Franken, die er nötig hatte, erhalten werde.

Wenn der Vicomte ihm nichts von der Gründung seines Klubs gesagt hätte, so hätte er ohne Zweifel nur an die Mittel und Wege gedacht, jene Summe aufzutreiben; es mußte gezahlt werden, mochte es kosten, was es wollte.

Aber Raphaëlla hatte sich nicht verrechnet, als sie darauf zählte, daß die Fata Morgana jener Gründung eine günstige Wendung herbeiführen werde. So viele Schwierigkeiten einerseits, um sich Geld zu verschaffen, solche Leichtigkeit andrerseits, welches zu gewinnen!

Er brauchte nur ein Wort zu sagen, ein »Ja,« das war alles; nicht allein, daß er damit seiner Schuld quitt würde, nicht allein, daß er einen jährlichen Gehalt von sechsunddreißigtausend Franken gewann, er würde auch in die Lage versetzt, seinen Plan auszuführen, Geschäfte zu machen, die ihm zuflögen, ohne daß er sich die Mühe zu geben brauchte, ihnen nachzulaufen.

Wer nicht im Klubleben aufgeht, kennt kaum den Unterschied, der zwischen einem Klub besteht, welcher sich selbst verwaltet, und demjenigen, dessen finanzielle Leitung einem Geschäftsführer übertragen ist; zwischen demjenigen, der als einziges Ziel das Vergnügen seiner Mitglieder vor Augen hat, und demjenigen, der im Gegenteil keine andre Existenzberechtigung hat, als für die Spielkasse Geld zu gewinnen; zwischen demjenigen, der eine Vereinigung von guten Freunden, und demjenigen, der ein Unternehmen zur Ausbeutelung ist. Aber für das große Publikum sind das nur verschwindende Unterschiede, nichts weiter; für dasselbe ist ein Klub eben ein Klub. Einer dünkt ihm so viel wert als der andre.

In dieser Hinsicht, wie übrigens noch in manch andrer bezüglich des Pariser Lebens, gehörte Adeline zum großen Publikum, und Raphaëlla hatte das Richtige getroffen, als sie annahm, daß man ihm frech einige hervorragende Persönlichkeiten nennen könne, deren Namen ihn blendeten.

Wenn jene Leute mit den berühmten Namen sich herbeiließen, Präsidenten zu sein, warum sollte er es abschlagen?

Was seiner Meinung nach die Ehrbarkeit eines Klubs ausmachte, war diejenige seiner Mitglieder und diejenige seines Präsidenten. Da alle Aufnahmen durch ihn und das von ihm zusammengesetzte Komitee genehmigt werden sollten, brauchte er nichts zu befürchten; er werde schon dafür zu sorgen wissen, daß nur streng achtbare Leute, wie sich der Vicomte ausdrückte, aufgenommen werden würden. Unter ehrlichen Leuten geht alles ehrlich zu, er brauchte daher keine Angst zu haben, daß sein Klub (er sagte bereits sein Klub) eine Spielhölle werden würde wie diejenigen, von denen er andeutungsweise hatte sprechen hören.

Die Gründe, mit denen ihm der Vicomte in letzter Zeit zugesetzt hatte, klangen ihm betäubend in den Ohren, traten immer wieder vor sein inneres Auge und gewannen dadurch allein schon, daß seine Person ins Spiel kam, für ihn eine Tragweite, die sie bisher nicht gehabt hatten.

Wie richtig war es, was der Vicomte über die Rolle gesagt hatte, welche Paris in der Handelskrisis spielte, und wie patriotisch würde es sein, jede Bestrebung zu unterstützen, die zur Beendigung dieser Krisis beitragen konnte! Er war freilich nicht so naiv, sich einzubilden, daß die Gründung seines Klubs an sich allein jene Wirkung hervorbringen könne. Aber wenn auch eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so kündigt sie ihn wenigstens an. Weitere Anstrengungen würden sich mit der seinigen vereinigen, das Beispiel wäre gegeben, die Ehre davon würde ihm zu teil werden.

Die Stufenleiter, welche Raphaëlla im Leben durchgemacht, hatte sie dasselbe praktisch kennen gelehrt, und sie wußte, daß das beste Mittel, einen zu einer Schwäche oder zu einem Fehler zu verleiten, darin besteht, ihm aus der Ferne einen edlen, selbstlosen Zweck zu zeigen. Adeline hätte sich vielleicht damit, daß er die fünfzigtausend Franken, die er schuldete, nicht zu zahlen brauchte, und mit den sechsunddreißigtausend Franken Gehalt nicht ködern lassen, aber durch das Argument des kommerziellen Interesses mußte er gewonnen werden. »Wenn man stolz auf die Dummheit ist, die man begeht,« hatte sie zu Friedrich gesagt, »treibt man sie bis aufs äußerste, selbst dann, wenn man einsieht, daß es eine Dummheit ist!«

Indessen, ungeachtet des Stolzes, den er empfand und trotz aller persönlichen Gründe, die zu diesem Gefühle hinzukamen, hatte sich Adeline nicht entschließen können, auf die Vorschläge des Vicomte einzugehen, ebensowenig freilich sie abzulehnen; er wollte zusehen, abwarten, sich Aufklärung verschaffen bei denen, welche über das, was er nicht kannte, Bescheid wußten, Erkundigungen einziehen.

Von denen, welche er über diese Dinge um Rat fragen konnte, war keiner geeigneter, ihm Auskunft zu erteilen, als sein Kollege, der Graf von Cheylus, der bezüglich des Pariser Lebens ganz auf dem Laufenden war. Da der Vorsitz dieses Klubs ihm angetragen worden war, kannte er die Sache und hatte ihre guten und schlimmen Seiten geprüft. Er mußte sich daher mit ihm darüber besprechen, und das that er gleich am nächsten Tage.

»Und Sie zögern?« rief Herr von Cheylus aus, als Adeline ihm den Vorschlag des Vicomte mitgeteilt hatte. »Ich gestehe, daß ich Ihre Bedenken nicht teile und daß, als mir der Vorschlag gemacht wurde, ich nichts Eiligeres zu thun hatte, als die Ermächtigung vom Polizeipräfekten zu erbitten ... welcher seinerseits nichts Eiligeres zu thun hatte, als sie mir abzuschlagen.«

»Ist es unbescheiden, Sie nach den Gründen zu fragen, die er angegeben hat, um seine Ablehnung zu erklären?«

»Durchaus nicht; er hat mir gesagt, daß wenn ich Präsident des Klubs wäre, derselbe in einigen Monaten zur Spielhölle werden würde, daß ich zu schwach, zu duldsam, zu liebenswürdig sei; ich würde hinters Licht geführt werden, ginge in den Wogen unter; er brachte mit einem Worte alles vor, was man geltend machen kann, wenn man die wahren Gründe der Ablehnung nicht nennen will.«

»Und diese wahren Gründe?«

»Sie erraten sie ohne Mühe. Man wollte einem Gegner kein Mittel an die Hand geben, seinen Einfluß zu befestigen, und andrerseits der Beschuldigung aus dem Wege gehen, daß man einem Feinde eine Gunst erweise, die man dem Freunde verweigerte.«

»Und weiter?«

»Wenn Sie mich in Ihr Komitee mit hereinnehmen wollen, so bin ich dabei. Was soll ich Ihnen weiter sagen?«

Was Herr von Cheylus nicht sagen wollte, war, daß er (ohne auf Friedrich eifersüchtig zu sein ? er war nie so einfältig gewesen, eifersüchtig zu sein) allmählich fand, daß der Vicomte in dem Hause Raphaëllas sich viel zu breit machte, und daß das beste Mittel, ihn los zu werden, sei, ihn mit einem Klub zu versorgen, wo er seine Tage und ... seine Nächte verbrächte.

Sechzehntes Kapitel

Für Raphaëlla und Friedrich war es sehr wichtig, einen Präsidenten zu haben, welcher in der Lage war, vom Polizeipräfekten die Ermächtigung zur Eröffnung ihres Klubs zu erlangen; aber damit war noch nicht alles gethan. Das Gesuch, welches an den Präfekten gerichtet wurde, mußte von zwanzig Gründern mitunterzeichnet sein, und es lag in ihrem Interesse, die Auswahl dieser Mitglieder nicht Adeline zu überlassen, der sie nicht zu finden wissen, oder wenn er sie fände, eine schlechte Wahl treffen würde. Zwar sollte ihm bei der Gründung des Klubs die Oberleitung überlassen werden, aber wenn sie geschickt manövrierten, würden sie ihn, ohne daß er etwas merkte, dazu bringen, gerade diejenigen Personen auszuwählen, die ihnen genehm waren.

Raphaëlla legte Gewicht auf Namen, die recht vornehm, Friedrich auf solche, die recht solid klangen.

Aber ungeachtet dieser Meinungsverschiedenheit zankten sie sich darüber nicht; als treue Verbündete machten sie sich gegenseitig Zugeständnisse.

»Verbinden wir Vornehmheit und soliden Klang.«

Auf das unermüdlichste und gewissenhafteste brauten sie dieses Gebräu; für Friedrich war niemand vornehm genug und für Raphaëlla niemand solid genug, zum mindesten theoretisch betrachtet, denn in der Praxis, d. h. sobald die Frage erörtert wurde, ob die auf ihrer Liste Stehenden sich auch wirklich beteiligen würden, sahen sie sich in die Notwendigkeit versetzt, ihre Ansprüche wesentlich herabzuschrauben.

»Sehr vornehm ist er allerdings nicht, aber streng genommen geht er an.«

»Ich gebe zu, daß er nicht zu den allersolidesten gehört, aber wenn wir zu wählerisch sind, wird uns schließlich niemand übrig bleiben.«

Für Raphaëlla war die Zusammensetzung dieser Liste eine wahre Plage, sie träumte davon, und mehr als einmal weckte sie Friedrich morgens, um ihm ihre Gedanken mitzuteilen, die ihr über Nacht gekommen waren.

»Schläfst du, mein Herz?«

»Ja, ich schlafe.«

»Nein, du schläfst nicht. Höre einmal ... höre doch.«

»Nun was gibts?«

»Wir haben keinen Herzog.«

»Was sollen wir mit einem Herzog anfangen?«

»Für unsre Liste; wir müssen mindestens zwei haben, im Jockeyklub sind sechsunddreißig.«

»Im Ganacheklub ist keiner.«

»Aber die Crémerie hat einen.«

»Ei gut, suche sie, laß mich schlafen; vielleicht gelingt es dir, einen Lord zu finden, das wäre noch stilvoller; die Herzöge sind aus der Mode. Wenn du übrigens so großen Wert darauf legst, werde ich dir einen verschaffen, bloß ist er ein Spanier, der Herzog von Arcala, ein Freund meines Vaters.«

Wenn Raphaëlla unter ihren früheren Bekannten hätte wählen können, so würde sie sich einen kleinen Gothaischen Kalender zusammengestellt haben, leider aber erlaubten ihre Beziehungen zu denen, von welchen sie sich getrennt, oder vielmehr, welche sich von ihr getrennt, ihr nicht mehr, sich an dieselben zu wenden. Da wäre sie schön angekommen! Und doch waren darunter Leute, die ihretwegen die extravagantesten Narrheiten begangen hatten, die sich ruiniert, entehrt, es bis zum Verbrecher gebracht hatten; aber jene Zeiten waren längst vorbei, und das Andenken, das sie daran bewahrten, war weder ein angenehmes, noch ein zärtliches.

Ohne also zu wählerisch zu sein, gelang es ihnen schließlich, eine Liste aufzustellen, bei welcher die oben anstehenden Namen einen gewissen dekorativen Eindruck zu machen nicht verfehlten.

Da war zunächst der Graf von Cheylus, früher Staatsrat im außerordentlichen Dienste, Präfekt a. D., Abgeordneter, Kommandeur der Ehrenlegion, Großkreuz von fünf oder sechs ausländischen Orden, dann ein General, dem man in Nizza und in Cannes den Spitznamen »General Epaminondas« gegeben hatte, was unter den Falschspielern eine besondre Bedeutung hatte, ferner ein amerikanischer Kommodore, ein Musiker und ein Bildhauer, notorisch ausgehungerte Leute, die stets auf der Suche nach Bekanntschaften waren, als sollte jede neue dem einen Bestellungen eintragen und dem andern zur Aufführung seiner fünf oder sechs Opern, die er in seiner Mappe hatte, verhelfen, endlich ein Journalist, welcher, wie er sagte, in der Presse und bei der Regierung gleichen Einflusses sich erfreute und somit als eine brauchbare Persönlichkeit gelten konnte, der gegenüber es klug war, zuvorkommend zu sein.

Aber sie ergänzten ihre Truppe nicht nur aus diesen bekannten Größen, auf die sie aus persönlichen Gründen rechnen konnten, sondern auch aus dem Bekanntenkreise ihrer Freunde. So hatte Barthelasse, der ehemalige Direktor von Klubs in Biarritz, in Pau und in der Provence, der sich dort ein Vermögen von zwei bis drei Millionen gesammelt hatte und bei dem Friedrich Croupier gewesen war, einen frühern Botschafter zur Verfügung gestellt, den man jeden Abend in den Salons des Klubs vorführen konnte, es kostete nur »die Schmiere«, d. h. das Diner der Table dhôte und eine Spielmarke im Werte von einem Louisdor, die er übrigens aufs gewissenhafteste wieder verlieren würde. Zwar war Barthelasse seit mehreren Jahren mit diesem frühern Botschafter im südlichen Frankreich umhergereist, aber jene Vorstellungen in der Provinz hatten ihn noch nicht ganz abgenutzt, und in Paris, wo nur sein Name bekannt war, würde er sich noch ziemlich gut ausnehmen.

Sobald erst Raphaëlla ihren Herzog hatte, wollte man Adeline die Sorge überlassen, die andern zur Komödie nötigen Statisten unter den großen Pariser Kaufleuten, mit welchen er Geschäfte machte, und auch unter seinen Kollegen aufzutreiben. Mehrere derselben, welche mit ihrer Gegenwart die Diners in der Avenue dAntin beehrt hatten, schienen dazu geeignet, und namentlich einer von ihnen, den sie gerade damals für die Präsidentschaft ins Auge gefaßt und mit besondrer Aufmerksamkeit behandelt hatten, als ihnen das Falliment der Gebrüder Bouteillier Adeline in die Hände lieferte. Dieser gute Mann aus Nevers, der ein noch größerer Provinziale war als der Elbeufer, konnte sicherlich als der fleißigste der Abgeordneten gelten, und es tauchte kaum eine Gesetzesvorlage von lokalem Interesse auf, über welche er nicht Bericht erstattete. »Auf der Tagesordnung steht die Beratung über die Berichterstattung des Herrn Bunou-Bunou«; er fand sich so oft in den Zeitungen abgedruckt, dieser Name Bunou-Bunou, daß er in ganz Frankreich bekannt war, wodurch er in den Augen Raphaëllas einen gewissen Wert hatte, den der Offenkundigkeit. Allerdings verdankte er dieses Bekanntsein zum großen Teil jenem köstlichen Berichte über das Weiderecht und das Umherlaufenlassen der Haustiere in den Straßen von Paris, welcher sechs Monate lang für die Unterhaltung der Zeitungsleser sorgte. Aber darauf kam es wenig an, denn was beim Bekanntsein die Hauptsache ist, das ist das Bekanntsein selbst; und wenn es auch eine Folge davon ist, daß man sich lächerlich gemacht hat, so bleibt nach Verlauf eines Jahres von der Lächerlichkeit nichts mehr übrig, und nur das Aufsehen, das der Name erregte, haftet dem Publikum noch im Gedächtnisse. Bunou-Bunou war eine bekannte Persönlichkeit, das Weiderecht war vergessen. Uebrigens war er der beste und redlichste Mensch von der Welt, stets auf seinem Platze, wo er schrieb, schrieb, schrieb, sein greises Haupt über sein Pult gebeugt, seine Arbeit nur unterbrechend, um abzustimmen. Im Klub würde er seine Schreiberei fortsetzen, dort war es heller und wärmer, als in dem Zimmer seines Gasthofs, wo, wie er zu sagen pflegte, das Holz »verteufelt viel teurer« sei als zu Chateau-Chinon.

Nach diesen Vorbereitungen handelte es sich nur noch darum, Adeline vorwärts zu treiben. Das war es, was Raphaëlla verlangte, worauf sie bestand, während Friedrich sich geneigt zeigte, abzuwarten, bis die Ueberlegung ihre Wirkung thäte.

»s ist ein Drückser, dein Normanne, heute schlüssig, morgen unschlüssig; er wiegt das Für und Wider ab, wie ein Apotheker seine Pülverchen.«

»Gestehe, daß die Pille schwer zu schlucken ist.«

»Was geht das uns an? Wir schlucken sie ja nicht; übrigens braucht man sie ihm nur zu vergolden, und das ist deine Sache.«

»Ich bin zu Ende.«

»Ist das wirklich wahr? Du weißt nicht mehr, was du sagen und was du thun sollst?«

Er zuckte die Achseln.

»Ereifre dich nicht gegen deine kleine Frau, wenn sie dir beweist, daß man noch etwas sagen und thun kann, höre sie an und erinnere dich später, wenn wir verheiratet sein werden, daß du Grund hattest, ihren Rat einzuholen, als du mit deinem Latein zu Ende warst in einer Angelegenheit, von welcher unser Vermögen abhing, und daß sie doch zu etwas gut ist.«

»Ich höre dir zu.«

»Worauf es ankommt, ist, daß wir unsern Mann vorwärts treiben, nicht wahr?«

»Zweifellos,« erwiderte er mit einer gewissen Ungeduld.

Er wurde reizbar, als er sah, daß sie es sich so angelegen sein ließ, ihm zu beweisen, daß sie zu etwas gut sei, wo er keinen Rat mehr wußte; zu oft schon hatte sie, was Feinheit und Findigkeit betraf, auf ihre Ueberlegenheit gepocht in der Meinung, sich ein Ansehen zu geben, während sie ihn dadurch in der That gerade gegen sich einnahm. Sie war mit ihren Liebhabern niemals zart umgegangen und schien nicht zu wissen, daß die Männer sich um so leichter leiten lassen, je weniger sie die Fäden fühlen, an denen sie gehalten werden.

»Wir haben uns an Adelines Eigennutz gewendet,« sagte sie, »an seine Hoffärtigkeit, an seine Ruhmsucht, und alles, was du ihm gesagt hast, wälzt er nun in seinem Geiste hin und her, weil du dich nur an seinen Geist gewendet hast.«

Er sah sie an, ohne zu begreifen, wo sie hinaus wollte.

»Nun, wir müssen ihn jetzt durch seine Augen fangen, wir müssen uns an seine Augen wenden.«

»Die Augen? Was, die Augen?«

»Du sollst ihn nach der Avenue de lOpera führen und ihn die Räume bis ins einzelne besichtigen lassen. Das ist doch keine schwere Aufgabe.«

»Ich begreife; er wird geblendet sein.«

»Das glaube ich dir. Versetze dich an die Stelle dieses guten Spießbürgers, wenn er durch jene Salons, die ihm schon ihren Goldstaub in die Augen streuen werden, hinwandelt und sich stolz in jenen mächtigen Marmorflächen bespiegelt. Glaubst du nicht, daß er ein Gefühl des Stolzes empfinden wird, wenn er sich sagt, daß er Herr in diesem Palaste sein werde?«

»Bist du eine Kanaille!«

»Nachher führst du ihn zu Lobel und läßt ihm das Mobiliar zeigen, vor allem die Teppiche und Gobelins, er muß Sinn für Farben haben, dieser Tuchfabrikant, Wollstoffe, das ist seine Spezialität. Ich sage nicht, daß er darüber in Verzückung geraten wird, wie über die Räume, aber Vertrauen wird es ihm einflößen, wirkliches Vertrauen, der Eindruck, den das Mobiliar macht. Du mußt ihn auch zum Schneider führen, damit er die Livree sieht. Wenn du mir dann bei deiner Rückkehr nicht sagst, daß wir gewonnenes Spiel haben, dann gestehe ich, wie du, ein, daß ich keinen Rat mehr weiß.«

Friedrich nahm nur eine Aenderung in der Ausführung des Programms vor; er kehrte die Ordnung um; anstatt zuletzt zum Schneider zu gehen, fing er bei diesem an; er hoffte dadurch eine Steigerung hervorzubringen.

Beim ersten Worte begann Adeline abzuwehren.

»Es ist Zeit, daß ich mich entschließe, aber ich gestehe Ihnen, daß ich noch schwanke; ich versichere Sie, daß ich durchaus nicht der Mann bin, dessen Sie bedürfen; ein guter Bürgersmann wie ich würde in dieser Rolle des Präsidenten nicht an seinem Platze sein, ich besitze nicht die erforderlichen Eigenschaften und würde mich möglichst linkisch anstellen; ich fürchte den Erfolg des Unternehmens in Frage zu stellen; man könnte sich über mich und, was noch schlimmer wäre, über Sie lustig machen.«

Friedrich protestierte in der artigsten Weise, aber ohne sich auf eine regelrechte Widerlegung einzulassen.

»Wir werden später auf diese Frage, ob Sie annehmen oder ausschlagen, wieder zurückkommen,« sagte er, »für jetzt bitte ich Sie lediglich um Ihren Rat bei Auswahl unsrer Livree. Wir schaffen kein Werk für einen Tag, und wir suchen uns diese Livree nicht in der Voraussicht aus, daß sie einen oder zwei Monate halten soll. Meiner Auffassung nach muß sie recht gediegen sein; an den Tuchfabrikanten wende ich mich also mit der Bitte, mir behilflich zu sein.«

Adeline konnte es natürlich nicht abschlagen, seinem Freunde mit guten Ratschlägen an die Hand zu gehen. Er ließ sich daher zu dem Schneider führen, wo er ein kräftiges Tuch, ein gutes französisches Tuch, das lange halten würde, so wie Friedrich es wünschte, aussuchte.

Dann ließ er sich auch zu dem Tapezierer Lobel geleiten. In allen aus Wolle hergestellten Waren besaß er spezielle Kenntnisse, welche er nicht umhin konnte, für seinen Freund zu verwerten. Dort gab es nur Smyrnateppiche, persische und indische Teppiche, die man ihm vorlegte und die wirklich prachtvoll waren, und herrliche Portieren zu bewundern. Er brachte mehr als zwei Stunden damit zu, sich in ihrer Farbenpracht zu berauschen.

Aber wo er in Verzückung geriet, wie Raphaëlla sagte, das war, als er die Räume in der Avenue de lOpera besichtigte.

»Wie gefällt Ihnen das?« fragte Friedrich in jedem Raum.

Und überall gab er das nämliche zur Antwort: »Das ist schön, das ist großartig, das ist wirklich Paris würdig.«

»Für achtzigtausend Franken muß man uns doch wohl etwas bieten.«

Als sie die ganz in farbigem Marmor gehaltene Treppe herabstiegen, wo ihre Tritte wie unter dem Gewölbe einer Kirche widerhallten, entschlüpfte Adeline ein Wort, welches verriet, wie es in seinem Gehirn arbeitete und welche Fortschritte er in seinen Anschauungen gemacht hatte.

Sie waren vor einer der Eingangsthüre gegenüber liegenden offenen Nische des Vorplatzes stehen geblieben.

»Hier werden wir eine Büste der Republik anbringen,« sagte er, wie wenn er mit sich allein spräche.

»Wir! Ja wohl, Sie, wenn Sie wollen, mein lieber Herr Präsident, denn Sie werden hier Herr im Hause sein; aber wenn ich hier etwas zu sagen hätte, würde ich die Büste nicht anbringen, denn abgesehen von gewissen persönlichen Gründen, die mich zurückhielten, bin ich der Ansicht, daß ein Klub neutraler Boden und ein Sammelpunkt für alle Welt sein soll.«

Adeline zögerte einen Augenblick: »Dann werden wir sie gemeinschaftlich anbringen,« sagte er.

Siebzehntes Kapitel

Es war das erste Mal, daß Adeline etwas für sich selbst zu erbitten hatte.

Wie alle Abgeordneten, hatte er gar viele Stunden seines Lebens in den Vorzimmern der Minister gewartet und manches Paar Stiefel auf den staubigen Korridoren abgetreten, welche zu den Ressorts des Kriegs, der Finanzen, der Justiz, der Marine, des Handels, der Landwirtschaft, der öffentlichen Arbeiten, des Unterrichts, der auswärtigen Angelegenheiten, der Post, des Innern, zur Seinepräfektur, zur Polizeipräfektur, zu den Gesandtschaften, zu den Konsulaten führten, kurz überall hin, wo es ein Anliegen vorzutragen gibt und wo es gilt, Aktenstücke, die sich in den Fascikeln verstecken, wieder ans Tageslicht zu befördern. Aber es war dies immer im Interesse der Städte und Gemeinden seines Bezirks geschehen, in Angelegenheiten seiner Wähler, niemals für sich oder die Seinigen. Die Regierung konnte ihm keine Gefälligkeit erweisen, er hatte keinen stellensuchenden Verwandten unterzubringen, er hatte keine Finanzprojekte zu unterbreiten, er wollte keine Konzessionen erlangen. Als man ihm einen Orden gab, hatte man ihm denselben angetragen, und er brauchte bloß anzunehmen, was man ihm anbot.

Jetzt konnte er nicht mehr ruhig und abwartend zu Hause sitzen bleiben, er mußte den Bittsteller machen.

Daher rührte sein Unbehagen.

Wenn er nun als Bittsteller auftrat, geschah dies zwar in einem allgemeinen, alle persönlichen Rücksichten überwiegenden Interesse, allein schließlich hingen nichtsdestoweniger persönliche Vorteile für ihn damit zusammen, was ihn in seinem freien Auftreten hinderte. Er würde sich wohler gefühlt haben, er würde den Kopf höher getragen haben, wenn er zu der Sache in keinerlei Beziehung gestanden hätte.

Er nahm einen dreimaligen Anlauf, bevor er den Polizeipräfekten aufsuchte, so schwer entschloß er sich zu dem Gange.

Bei den ersten Worten ließ sich der Polizeipräfekt, welcher, seitdem er das Amt bekleidete, doch schon gelernt hatte, die Leute mit einer den Umständen angemessenen Miene anzuhören, ein Wort der Ueberraschung entschlüpfen: »Sie, mein lieber Herr Abgeordneter!« Allein Adeline hatte »seinen lieben Polizeipräfekten« nicht ausgesucht, ohne daß er von Friedrich vorbereitet worden war; er war darauf gefaßt, daß sein Gesuch mit einer gewissen Ueberraschung aufgenommen werden könnte, und er erwartete etwas derartiges. »Sie begreifen, daß der Präfekt eine gewisse Verwunderung nicht verhehlen wird, wenn er hört, daß Sie um eine Ermächtigung zur Bildung eines Klubs bitten, Sie, der Sie stets außerhalb der Klubs gelebt haben. Und dann wird sich zu seiner Verwunderung wahrscheinlich eine gewisse Verlegenheit gesellen, die nämlich, daß die Zahl dieser Ermächtigungen eine bestimmte Grenze nicht überschreiten darf. Es verhält sich damit wie mit den fünf oder sechs Goldstücken, die ein zu Grunde gerichteter Mensch noch in seiner Tasche hat. Wenn er eins ausgibt, zählt er die ihm übrig bleibenden und rechnet sich vor, daß er bald auf dem Trockenen sitzt. Und kein Mensch liebt, auf dem Trockenen zu sitzen. Um so mehr als diese Bewilligungen bequem verwendet werden können, um gewisse Dienste zu belohnen. Ich sage nicht, daß Ihr Präfekt dies thue, aber er hat Vorgänger gehabt, die es thaten.« Und Friedrich hatte die Geschichte eines liebenswürdigen und in den besten Jahren stehenden Präfekten erzählt, welcher die Unkosten einer Bekanntschaft mit einer Dame der Halbwelt mit einer solchen Ermächtigung gedeckt hatte; diejenige, welcher er sie erteilte, habe sie sofort für hundertzwanzigtausend Franken und einen Prozentsatz vom Spielgewinn verkauft. An diese Geschichte hatte er dann die Erzählung andrer angeknüpft, so daß Adeline wohl vorbereitet und auf dem Laufenden war. Wenn man jene Ermächtigungen mehr oder weniger anrüchigen Leuten erteilt hatte, wie konnte man dieselben einem Ehrenmanne, der die öffentliche Achtung genoß, dessen Name allein schon eine Bürgschaft war, abschlagen?

Diese Vorbereitung und diese Geschichte verliehen Adeline eine Sicherheit, die er sonst sicherlich nicht gehabt hätte.

»Und warum nicht, mein lieber Herr Präfekt?«

Er war ein feiner Mann, dieser Präfekt, nur vielleicht zu fein, denn in seinem Bestreben, alles zu verstehen und alles zu erraten, ging er oft über das, was man ihm sagte, hinaus, indem er die andern nach sich selbst beurteilte.

Die Sicherheit, mit der Adeline auftrat, überraschte ihn lebhaft.

»Wirklich,« sagte er, »warum nicht? Sie haben recht, sich über mein Erstaunen zu wundern, es rührt nur daher, glauben Sie es mir, daß ich der Meinung war, daß Sie außerhalb der Klubs lebten, wie ein guter Familienvater.«

»In Elbeuf bin ich Familienvater. In Paris habe ich meine Familie nicht, ich bin allein, die Abende sind lang. Und sie sind es nicht allein für mich, sondern auch für eine große Anzahl meiner Kollegen, die, wie ich, glücklich wären, einen Vereinigungspunkt zu haben. Wir würden ein Vergnügen darin erblicken und selbst ein Interesse daran haben, uns dort im intimen Freundeskreise zusammenzufinden, ohne fürchten zu müssen, von andern Leuten behelligt zu werden.«

»Und ist es ein geschlossener Klub, den sie gründen wollen?«

»O nein, wir haben neben, hinter uns eine Gesellschaft, die durch einen Geschäftsführer vertreten wird, welchen die Verantwortlichkeit in finanzieller Hinsicht trifft. Sonst würde ich, Sie werden das wohl begreifen, nicht das Amt des Präsidenten angenommen haben.«

Diesmal ließ sich der Präfekt keinen Ausruf der Ueberraschung entschlüpfen, aber er betrachtete Adeline mit einem Blicke, als wolle er fragen, ob er sich über ihn lustig mache?

War Adeline nicht der brave Provinziale, für den er ihn bisher gehalten? Oder war er im Gegenteil ein Schlaumaier, der den Biedermann herauskehrte? Oder war er gar noch ein ärgerer Provinziale, als man es füglich bei einem Kollegen voraussetzen konnte?

Das mußte er wissen.

»Und wer ist der Gerant?«

»Ein alter Notar aus der Provinz.«

»Sein Name?«

»Maurin.«

Das war ein Namen, der für den Präfekten nichts besagte; es gibt eine Menge Leute, welche Morin oder Maurin heißen.

»Ich habe die beste Auskunft über ihn erhalten,« sagte Adeline, einer neuen Frage zuvorkommend.

»Ich zweifle nicht daran, sonst würden Sie ihn nicht angenommen haben, denn einem Manne wie Ihnen habe ich nicht nötig zu bemerken, daß ein Geschäftsführer ... ein schlechter Geschäftsführer den Präsidenten und den Verwaltungsrat eines Klubs weit, sogar sehr weit bringen kann: Sie wissen das so gut wie ich.«

Das wurde nicht im Tone der Belehrung, oder als solle die direkte Aufmerksamkeit hierauf gelenkt werden, gesagt; aber es lag doch in der Betonung ein Ernst, der zu denken geben mußte.

»Wir werden von dieser Seite nichts zu fürchten haben,« sagte Adeline, indem er dabei weit mehr an seinen Freund, den Vicomte, der unter Maurins Namen der wahre Geschäftsführer sein würde, dachte, als an den alten Notar, den er kaum kannte.

Sicherlich, wenn er den Vicomte von Mussidan hätte nennen können, würde der Präfekt seine Bemerkung für sich behalten haben, oder sie wäre ihm vielmehr gar nicht in den Sinn gekommen; aber das wäre voreilig gewesen; der Vicomte hatte achtenswerte Gründe, hinter den Coulissen zu bleiben, es war nicht mehr als billig, ihm in dieser Beziehung den Gefallen zu thun.

»Und wer sind außer Ihnen die Gründer?« fragte der Präfekt.

»Hier sind die Namen derjenigen, die das Gesuch mit mir unterschrieben haben,« erwiderte Adeline, indem er ein Blatt Papier aus seiner Tasche zog.

Der Präfekt las die Namen: »Herzog von Arcala, Graf von Cheylus, Bunou-Bunou, General Castagnède ... «

Bei diesem Namen hielt er an, denn dieser General war gerade der, den man in Südfrankreich den General Epaminondas nannte, und den kannte er.

Er hielt auch beim Namen des früheren Botschafters an, dessen dürftige Lage ihm nicht unbekannt war.

Aber über die andern, Bagarry, den Komponisten, Fastou, den Bildhauer, las er flüchtig weg, ebenso wie über die großen Kaufleute, um deren Unterschrift Adeline sich selbst bemüht hatte.

Mit Ausnahme des Generals Epaminondas und des früheren Botschafters war über diese Namen nichts zu sagen, und was man denen, die nicht ganz sauber waren, hätte vorwerfen können, war noch dazu nicht nachzuweisen. Man sagte dem General nach, daß er falsch spiele, aber er war niemals aus irgend einem Klub ausgeschlossen worden; der frühere Botschafter brachte sein Leben in den Spielhöllen zu, das war gewiß, aber lebte er davon wirklich, wie man sich erzählte? Barthelasse und die Direktoren des Kasinos, die ihn beschäftigt, hatten sich wohl gehütet, ihre Memoiren mit Belegstücken zu veröffentlichen. Wie viele gleich ihm Hochgestellte waren, wie er, tief gesunken!

»Sie sehen,« sagte Adeline, der stolz auf seine Liste war, »daß ich Ihnen nur Namen vorlege, auf die man volles Vertrauen setzen kann.«

»Ganz gewiß.«

»Und ich glaube, daß mehr als einmal die Erlaubnis Leuten erteilt worden ist, welche nicht die Bürgschaften boten wie wir.«

»Unglücklicherweise; aber dann sind wir eben hinters Licht geführt worden. Wir sind nicht unfehlbar. Es ist vorgekommen, ich gebe es zu, daß man uns Listen vorlegte, mit ebenso ehrenwerten Namen, wie sie auf der Ihrigen stehen, mit einem Geschäftsführer, welcher in Bezug auf Moralität und pekuniäre Lage jede Sicherheit bot, und daß nichtsdestoweniger der von uns genehmigte Klub sich nach einigen Monaten in eine Spielhölle und ein Diebsnest verwandelte, wo man die Spielkasse zum Platzen füllte und mit den Spielmarken allerhand Betrügereien verübte. Aber ist das unser Fehler? Ist es nicht vielmehr der der Gründer, die sich haben täuschen lassen und von denen wir selbst getäuscht worden sind? Das ists, was wir untersuchen müssen, das ist der Punkt, auf welchen ich Ihre Aufmerksamkeit hinlenke, indem ich mich, wenn Sie es gestatten, auf Sie und die Hochachtung, welche Sie mir einflößen, verlasse.«

Wenn Adeline ein einfältiger und harmloser Mensch war, der sich von Schurken, die sich geschickt zu verbergen wußten, mißbrauchen ließ, so war diese Bemerkung geeignet, ihm die Augen zu öffnen und ihm zu denken zu geben.

Aber Adeline hatte nicht nur zu seinem Freunde, dem Vicomte, sondern auch zu sich selbst, zu seiner Ehrenhaftigkeit, zu seinem Scharfblicke Vertrauen. Er würde kein Präsident sein, der den Dingen auf gut Glück ihren Lauf ließe, er würde seinem Klub seine Zeit widmen, ihn überwachen und mit fester Hand regieren.

»Wenn jene Klubs Spielhöllen geworden sind,« sagte er, »dann haben die Komitees sich nicht um die Verwaltung, dann haben die Präsidenten sich nicht um ihr Präsidium gekümmert. Was mich betrifft, so kann ich Ihnen mein Wort geben, daß ich ein Präsident sein werde, der seine Aufgabe ernst nimmt, und daß das Bild, welches Sie soeben entwerfen, bei uns nicht zur Wahrheit werden wird.«

War er wirklich taub oder wollte er nicht hören? Der Präfekt machte einen letzten Versuch; vertraulich schob er Adelines Arm in den seinigen.

»Seien Sie offen, mein lieber Herr Abgeordneter, glauben Sie, daß die Gründung eines neuen Klubs wirklich so sehr von nöten ist und daß Sie und Ihre Freunde nicht schon in einem der bestehenden Klubs den Mittelpunkt vertraulichen Verkehrs, den Sie suchen, finden können? Gibt es nicht schon genug Klubs?«

»Nein, mein lieber Herr Präfekt, und weil wir gerade dabei sind, gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß die Regierung die Entfaltung des weltstädtischen Lebens nicht genug begünstigt; wenn sich der Luxus in Paris hebt, hebt sich die Fabrikation in der Provinz.«

Und fast in den nämlichen Ausdrücken, wie Friedrich, behandelte Adeline dies ihm eingelernte Thema, ohne sich dessen bewußt zu werden, daß er nur ein Echo war.

»Sicherlich ist das ein Gesichtspunkt,« sagte der Präfekt, als Adeline geendet hatte.

Dabei beließ er es. Wozu sollte er sich weiter bemühen? Er hatte gesagt, was er sagen konnte, um diesem bewußten oder unbewußten Blinden die Augen zu öffnen und es war weder klug noch politisch, weiter auf die Sache einzugehen. Wer konnte wissen, was aus diesem Kollegen noch werden würde? Als Polizeipräfekt ist man kein Sittenlehrer, und es lag durchaus nicht in seinem Charakter, die Punkte auf die Is zu setzen.

»Ich werde die ordnungsmäßigen Erhebungen pflegen lassen,« sagte er, die Unterhaltung beendigend.

Dieselben wurden einem Agenten der Spielpolizei übertragen, welcher zunächst das Lokal in der Avenue de lOpéra in Augenschein nahm und feststellte, daß keine zwei Treppen vorhanden waren, was die Hauptsache bei dieser Art von Nachforschungen ist, und der sich hierauf zu den zwanzig Mitbegründern, die das Gesuch unterzeichnet hatten, begab, indem er ihnen die einzige Frage vorlegte: ob die unter dem Gesuche befindliche Unterschrift auch die ihrige sei. Dann machte er seinen Bericht und gab ihn an seinen Chef weiter; dieser seinerseits machte einen zweiten, der den ersten guthieß, und gab ihn an den Chef der städtischen Polizei weiter; dieser wiederum machte einen dritten, der sich dem zweiten anschloß.

Alles war in Ordnung; der Präfekt brauchte die Erlaubnis bloß zu erteilen oder zu verweigern.

Konnte er sie verweigern, da sie von einem Manne in der Stellung Adelines verlangt worden war?

Er erteilte sie.

Zu guter Letzt würde man ja sehen.

Er hatte genug geredet, um sich den Rücken zu decken; wenn Adeline Schiffbruch litt, hatte er ihn gewarnt; wenn er es anstatt dessen eines Tages zum Minister brachte, würde der geleistete Dienst ihm ein Anrecht auf ein gutes Andenken geben.

Achtzehntes Kapitel

Nachdem die Ermächtigung erlangt war, konnte der Klub, so große Lust auch Raphaëlla und Friedrich dazu hatten, doch nicht schon am Tage darauf seine Räume aufthun. Die Dienerschaft war zwar zum voraus angeworben, die Ausstattung bereit, aber man mußte den Tapezierern Zeit lassen, um die Teppiche aufzunageln und die Gobelins zu befestigen, den Küfern, um den Keller instandzusetzen, den Kunstdrechslern, um auf die Spielmarken die Marke des neuen Klubs sorgfältig einzugravieren, damit die Kasse von den sich dieses Geldes bedienenden Spielern nicht zu viel falsches würde einwechseln müssen, Geld, welches sich leichter und mit mehr Nutzen und weniger Gefahr nachmachen läßt als Banknoten. Es gibt in der That Spieltäfelchen von Perlmutter, die einen Wert von zehntausend Franken darstellen, und wenn einer jener Industrieritter erwischt wird in dem Moment, wo er derartige nachgemachte in Umlauf zu setzen versucht, so wird er zwar in ebenso bündiger als lautloser Weise aus dem Klub hinausbefördert, er verwirkt dabei aber keine Galeerenstrafe, welche die Aufschrift auf den Banknoten den Fälschern in Aussicht stellt.

Uebrigens galt es neben diesen für die vollständige Organisation des Klubs nötigen Arbeiten, noch eine Arbeit andrer Art zu besorgen, welche für dessen Gedeihen ebensosehr und vielleicht noch mehr ins Gewicht fiel: es galt, das Unternehmen bekannt zu machen. Ein Klub dieser Art konnte seine Pforten ohne Pauken- und Trompetenschall nicht öffnen, und Raphaëlla hatte schon seit langem ihr Orchester in Bereitschaft.

Die Musik begann pianissimo, es ging ein unbestimmtes Gerücht über einen neuen Klub; ? piano, er würde in keiner Beziehung den bisher bestehenden gleichen; ? adagio, man würde in demselben einen in Frankreich unbekannten Luxus und Komfort finden, und gleichzeitig gewährte derselbe eine absolute Sicherheit gegen Betrügereien im Spiel; von vornherein blieben die Spieler davor verschont, daß einer den andern zu überwachen brauchte, was jede Freude am Spiel benimmt; ? andante, seine Räume befänden sich in der Avenue de lOpéra, in dem schönsten Hause, das Paris in den letzten Jahren hatte entstehen sehen. ? Nachdem derart die Aufmerksamkeit genügend wachgerufen war, hatte endlich Trompetengeschmetter seinen Namen verkündet: » Maestoso ma non troppo, Der große internationale Klub«; ? largo, als Gründer gehörten ihm an die Elite der Diplomatie (der in Barthelasses Diensten stehende alte Botschafter), der Armee (der General Epaminondas), der politischen Persönlichkeiten (der Graf von Cheylus, Adeline, Bunou-Bunou), der Aristokratie (der Herzog von Arcala), der Künstler (Bagarry und Fastou), der Industrie, der Finanz-, der Pariser Handelswelt, die durch eine ganze Litanei ehrenwerter Namen vertreten und wohl geeignet waren, Vertrauen einzuflößen; ? fortissimo, es war keine unsaubere Spekulation, wie so viele andre; ? con calore, es war eine nationale Angelegenheit, con fuoco, welche im Geiste ihrer Gründer, tempo di marcia, zum Aufschwung des Volksvermögens beitragen sollte.

Während der Aufführung dieser Symphonie war Adeline, dessen Anwesenheit in Paris nicht nötig war, weil er sich um die Einrichtung des Klubs nicht zu kümmern brauchte, auf einige Tage nach Elbeuf gereist.

Wie stets war er des Abends angekommen und hatte seine Familie im Speisezimmer vor dem gedeckten Tische seiner harrend gefunden.

Wie stets ging er auf seine Mutter zu, die er ehrerbietig küßte.

»Wie geht es dir, Mama?«

»Gut, mein Junge, und dir? Weißt du, daß ich anfing, mich deinetwegen zu beunruhigen?«

»Warum denn?«

»Du bist unter denen aufgeführt, die aus der Kammer weggeblieben sind, und seit mehreren Tagen hast du kein Wort geredet, nicht einmal einen Zwischenruf gethan.«

»Du weißt wohl, daß dies nicht meine Gewohnheit ist.«

»Da hast du unrecht; wenn man etwas zu sagen hat, so sagt man es; das macht den Wählern, die sehen, daß ihr Abgeordneter auf seinem Platze ist, Freude.«

»Ich wurde durch die Arbeit in den Kommissionen zurückgehalten.«

Thatsächlich war Adeline durch die Arbeiten für die Gründung seines Klubs zurückgehalten worden, aber er konnte das seiner Mutter nicht sagen, weil er mit seiner Frau darüber noch nicht gesprochen hatte, und er hatte, um dies zu thun, gewartet, bis die Erlaubnis erteilt worden war. Heute abend wollte er ihr die große Neuigkeit mitteilen.

Aber gleich nach dem Abendessen konnte er das Gespräch nicht auf diesen Gegenstand bringen; denn nach Aufhebung der Tafel bat die Mama, anstatt sich, wie jeden Abend, in ihr Zimmer zurückzuziehen, sie ins Comptoir zu rollen, was sonst nur unter außergewöhnlichen Verhältnissen vorkam.

Was wollte sie denn? Was hatte sie vorzubringen?

Bei ihr brauchte man nie lange zu warten, sie zögerte nicht, den Mund zu öffnen und das, was sie auf dem Herzen oder im Sinne hatte, auszusprechen. Sobald Bertha und Leonie sich zurückgezogen hatten, begann sie:

»Mein Sohn, es gehen hier sonderbare Dinge vor.«

Adeline sah seine Frau voll Besorgnis an, indem er sich einbildete, daß ein Zwiespalt oder ein Streit zwischen seiner Mutter und ihr entstanden sei, was er mehr als alles in der Welt fürchtete.

»Ich habe mich bei meiner Schwiegertochter darüber beklagt, aber da sie meinen Vorstellungen keine Beachtung schenkte, muß ich mich wohl an dich wenden, so schwer es mir auch fällt, dich mit Streitereien zu behelligen, wenn du dich daheim ausruhen möchtest.«

Frau Adeline wollte ihren Mann, der sich fragte, wohin diese Einleitung ziele, von seiner Ungeduld befreien.

»Es handelt sich um Michel Debs,« sagte sie sanft.

»Richtig, es handelt sich um diesen Michel Debs, der hier nicht mehr von der Stelle weicht.«

»Oh, Mama,« rief Frau Adeline dazwischen.

»Ich bin doch hoffentlich glaubwürdig; wenn ich etwas sage, so kann man sich darauf verlassen. Natürlich bleibt dieser Tagdieb nicht von morgens bis abends hier, das behaupte ich nicht, aber er spürt alle Gelegenheiten aus, um hierherzukommen und Bertha zu sehen. Was hat dies zu bedeuten?«

»Du weißt wohl, daß er Bertha liebt; es ist ganz natürlich, daß er mit ihr zusammenzutreffen sucht.«

»So billigst du also diese Besuche?«

Umsonst aber ist man nicht Normanne.

»Ich finde nichts dabei, daß Bertha diesen jungen Mann näher kennen lerne; es scheint mir, daß, wenn es sich um eine Heirat handelt, dies das richtige Verfahren ist.«

»Und wenn er ihr gefällt?«

»Je nun ?«

»Du würdest ihn als Schwiegersohn annehmen?«

»Möchtest du deine Enkelin unglücklich machen?«

»Gerade um sie nicht unglücklich zu machen, habe ich deine Frau gebeten, diesem jungen Manne unsre Thür zu verschließen; sie hat nicht auf mich gehört, er kommt nach wie vor, und man zeigt ihm nach wie vor ein freundliches Gesicht. Ich habe mich mit aller Macht zurückgehalten, um ihm nicht die Thür zu weisen. Es ist ein Skandal, ein Greuel; ganz Elbeuf weiß, daß er wegen Bertha zu uns kommt; in der Blesse richten sich die Blicke auf mich.«

Es war richtig, daß ganz Elbeuf sich mit der Heirat von Michel Debs und Bertha Adeline beschäftigte. Die verschiedensten Meinungen machten sich darüber geltend, man sprach von nichts andrem. Und da weder die Eck und Debs, noch die Adelines jemand ins Vertrauen gezogen hatten, so fragte man sich, ob es möglich wäre. Bei dem Versuche, etwas zu erraten, begafften die Betschwestern von Saint-Etienne die alte Frau Adeline, und unter diesen Blicken geriet sie außer sich. Sie ärgerte sich nicht sowohl, weil sie einen Gegenstand der Neugierde bildete, als weil sie vielmehr das bedenkliche Kopfschütteln derjenigen, welche sie betrachteten, erriet. Wie konnten sie sie für fähig halten, eine solche Heirat gutzuheißen!

»Nun,« hob sie wieder an, »wirst du mir offen antworten und zwischen deiner Frau und mir entscheiden: Billigst du diese Besuche? Sprich.«

So ausgeprägt auch bei Adeline der normannische Charakter war, fiel es ihm doch schwer, auf eine in so bestimmtem und feierlich ernstem Tone gestellte Frage keine Antwort zu geben. Er machte trotzdem den Versuch.

»Ich sagte dir ja, daß wir sie nur vorläufig duldeten.«

»So billigst du sie?«

»Aber ...«

»Ja oder nein; billigst du sie oder ermächtigst du mich, daß ich jenem jungen Mann einen Wink gebe ? in artiger Weise ? daß er hier nichts mehr zu suchen hat?«

Diesmal gab es kein Ausweichen mehr.

»Es ist unmöglich,« sagte er.

Er wollte diese Unmöglichkeit erklären und begründen, aber sie schnitt ihm das Wort ab.

»Rolle mich in mein Zimmer.«

»Aber, Mama!«

»Ich bitte dich, mich in mein Zimmer zu rollen. Wenn ich mich meiner Beine bedienen könnte, wäre ich schon draußen. Ich habe dir schon gesagt, was ich von jener Heirat halte. Besser, Bertha heiratet nie, als daß sie die Frau eines Juden werde. Ich wiederhole es dir. Ich weiß wohl, daß du zu der Heirat meiner Einwilligung nicht bedarfst, aber bedenke, was ich dir sage: Ich werde nie meinen Segen dazu geben.«

»Aber Mama ...«

»Rolle mich in mein Zimmer.«

Nun war keine Auseinandersetzung mehr möglich; er that, was sie wünschte, und betrübt kehrte er zu seiner Frau zurück.

»Da haben wirs,« sagte diese.

»Und gerade im Augenblicke, wo ich eine günstige Neuigkeit bringe, wo ich glaube, einen entscheidenden Schritt zur Sicherstellung dieser Heirat gethan zu haben.«

»Was für eine Neuigkeit?« fragte sie eher voll Besorgnis, als voll Hoffnung, wie es diejenigen zu thun pflegen, welche ungerechte Schicksalsschläge erduldet haben und auf kein Glück mehr zu hoffen wagen.

Er erzählte, wie er durch seinen Freund, den Vicomte von Mussidan, welcher ihn gelegentlich der durch das Falliment Bouteillier entstandenen Krise in so liebenswürdiger Weise zu Dank verpflichtet hatte, dazu gebracht worden war, sich mit der Gründung eines Klubs zu befassen, als dessen Endzweck man die Hebung des Volksvermögens im Auge hatte. Er setzte die Stellung auseinander, die ihm dadurch geschaffen wurde, ihre ehrende und ihre materielle Seite; endlich erzählte er, mit welcher Bereitwilligkeit man ihm die gewünschte Erlaubnis erteilt habe.

»Und du hattest mir kein Wort davon gesagt!« rief sie aus.

»Alles andre war der Erlaubnis gegenüber unerheblich und erst vorgestern habe ich sie erhalten.«

Es war nicht die Freude, welche eine gute Neuigkeit erzeugt, was sich auf dem Gesichte der Frau Adeline malte, ganz im Gegenteil.

»Wie du das aufnimmst!« sagte er. »Schlägst du denn in unsrer Lage einen Gewinn von fünfundsiebzigtausend Franken und einen Gehalt von sechsunddreißigtausend für nichts an?«

»Weil ich zu große Angst habe.«

»Wovor?«

»Ich weiß es nicht.«

»Nun, und dann?«

»Ich verstehe nichts von diesen Dingen; du selbst verstehst nichts davon; wie willst du mir Zuversicht einflößen? Was ich begreife, ist, daß es sich um das Spiel handelt und daß euer Klub vom Spielgewinst sein Dasein fristen soll.«

»Wie alle Klubs. Wenn ein Spieler bei uns spielt, so bezahlt er uns dafür, wie ein Spekulant einen Wechselmakler für das Börsenspiel bezahlt.«

»Glaubst du? Ich kann dieses Geld nicht leiden, die Quelle, aus der man schöpft ... (sie wollte sagen »ekelt mich an«, aber sie besann sich) ... stößt mich ab.«

»Es ist diejenige, aus welcher alle Klubs schöpfen. Sei versichert, daß es bloß die Spieler sind, die es unmoralisch finden, einen gewissen Prozentsatz von den Summen, welche sie aufs Spiel setzen, zu bezahlen; das Publikum wäre eher geneigt, jenen Prozentsatz zu niedrig zu finden.«

»Aber wenn du selbst ein Spieler würdest! Wenn man mit den Leuten zusammenlebt, nimmt man deren Fehler an.«

»Ich ein Spieler! In meinem Alter!« sagte er lachend. »Ich, dessen einzige Sorge es ist, Geld für euch zu verdienen, ich sollte mich dem aussetzen, welches zu verlieren! Du glaubst selber nicht, was du sagst.«

»Aber, wenn du dich von jenen Leuten betrügen ließest; all jenes Volk, das vom Spiele lebt, hat einen schlechten Ruf.«

»Glaubst du, daß ich nicht die Augen offen halten werde? Ich bin nicht lebenslänglicher Präsident, und an dem Tage, an welchem ich die kleinste kompromittierende Unregelmäßigkeit bemerkte, so geringfügig sie wäre, würde ich mich zurückziehen.«

»Und wenn du sie nicht bemerkst?«

»Kannst du mir morgen fünfzigtausend Franken geben, um dem Vicomte sein Geld zurückzuerstatten? Nein, nicht wahr? Bist du andrerseits in der Lage, mir einen jährlichen Gewinn von sechsunddreißigtausend Franken zu verschaffen, die wir beiseite legen können? Nein, nicht wahr? Nun wohl! Dann laß uns die sich bietende Gelegenheit nicht von der Hand weisen, selbst wenn wir dabei etwas wagen. Du wirst wenigstens zugestehen, daß das Wagnis recht klein ist. Wir zwei, wir werden schon auf unsrer Hut sein.«

Was sollte sie noch weiter sagen? Ihr Gefühl und noch dazu ein unbestimmtes war es, das sie den Einwand erheben hieß, und sie wußte der Antwort ihres Mannes nichts Positives entgegenzusetzen. Es blieb ihr nichts übrig, als sich den vollendeten Thatsachen zu beugen ? wenigstens für den Augenblick. Aber wenn er versprach, die Augen offen zu halten, gab sie sich das Wort, ihrerseits sie auch offen zu halten.

Bertha nahm seine gute Neuigkeit am nächsten Morgen freundlicher auf.

»Dies wird also unsre Heirat ermöglichen!« rief sie aus, als er ihr die Sachlage auseinander gesetzt hatte.

»Mindestens fördert es dieselbe.«

»Wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin! Jetzt darf ich dir wohl sagen, daß ich seit unsrem Spaziergange in dem Walde von Thuit kaum mehr ordentlich lebte. Je liebenswürdiger und zuvorkommender ich Michel fand, je mehr ich seine guten Eigenschaften erkannte, je mehr er mir gefiel, je mehr ich ihn ... liebte, um so mehr grämte ich mich, geriet ich in Verzweiflung, wenn ich mir sagte, daß ich vielleicht auf ihn verzichten müsse. Jetzt also dürfen wir offen miteinander verkehren, nicht wahr?«

»Noch nicht. Wir müssen deine und seine Großmutter schonen. Aber da kommt mir ein Gedanke, welcher dich trösten wird. Wir geben zur Eröffnung des Klubs ein Fest. Ganz Paris wird daran teilnehmen. Du kannst mit deiner Mutter hinkommen, und ich werde Michel einladen.«

»Du bist ohne Frage der König unter den Vätern!«

»Da die Könige ihren Töchtern königliche Toiletten anbieten müssen, so kannst du mir sagen, was für ein Kleid ich bei Madame Dupont bestellen soll.«

»Du brauchst keins zu bestellen; ich habe mein Kleid von rosa Tüll, das ich erst einmal getragen, es steht mir sehr gut, es genügt, da Michel es noch nicht kennt und ... da ich nur für ihn Toilette mache.«

Neunzehntes Kapitel

Es war ein wichtiges Geschäft gewesen, das Programm des Festes zusammenzustellen, welches der große internationale Klub oder der »Grand I«, wie man, den Namen abkürzend, bereits sagte, zu seiner Eröffnung veranstalten wollte.

Es sollte etwas Originelles, Neues, Glänzendes, vor allem Aussehen Erregendes werden. Und für eine derartige Gelegenheit ist es schwer, Neues zu ersinnen. Es sind schon so viele Stiftungsfeste jeder Art gefeiert worden, die Aufsehen erregen sollten, daß selbst die widersinnigsten Zusammenstellungen schon dagewesen sind. Das Pariser Publikum, insbesondre das Boulevardpublikum ist in Bezug auf diese Art von Festen fürchterlich blasiert.

Bagarry hatte die Aufführung eines Aktes seiner noch unbekannten Oper vorgeschlagen, etwas Kokettes, Leichtes, Pikantes; Fastou hatte die Eingebung gehabt, einige seiner neuesten Kunstwerke auszustellen; Klaviervirtuosen hatten Friedrich, Raphaëlla, Herrn von Cheylus und selbst Adeline belagert; spanische Lautenschläger hatten sich angeboren; ein Amerikaner, der drüben durch die Kunst, allerhand Melodien durch das Knacken seiner Stiefel hervorzubringen, berühmt geworden, hatte sich Friedrich zur Verfügung gestellt, was dieser aber ebenso entrüstet als verachtungsvoll von sich wies; sein Klub sollte zu derartigen Schaustellungen dienen! Etwas Stilvolles, Ausgewähltes, Nobles brauchte er, mit einem Worte: ein charakteristisches Programm, welches allen recht klar machte, in was für einem Hause man sich befinde.

Einen Augenblick hatte er daran gedacht, sich von seinem Schwager Faré einen kleinen eigens dazu verfaßten Einakter zu erbitten, dessen Aufführung ein »Ereignis für Paris« gewesen wäre. Aber sein Schwager hatte es ihm hartnäckig abgeschlagen, und, was noch »unwürdiger« war (der Ausdruck stammte von Raphaëlla her), seine eigne Schwester hatte es abgelehnt, zwischen ihrem Bruder und ihrem Gatten zu vermitteln, um diesen letzteren zu bewegen, das Stück zu schreiben. Er hatte gut bitten und betteln, sich erzürnen und die Zusammengehörigkeit der Familie anrufen, sie widerstand seinen Bitten wie seinen Vorwürfen und Drohungen.

»Geld, wenn du brauchst, ja, wie früher; den Namen meines Gatten ? niemals.«

»Kann mir dein Mann nicht helfen, wenn sich eine Gelegenheit bietet?«

»Nein, wenn es eine schlechte ist, nicht.«

»Man wäre wirklich versucht zu sagen, daß Herr Faré uns eine Ehre erwiesen, sich mit unsrer Familie zu verbinden.«

»Wenigstens würde er eurem Spielhause Ehre erweisen, wenn er für dasselbe seinen Namen hergäbe, und deswegen werde ich ihn nicht darum bitten.«

»Wir werden ohne ihn fertig werden.«

Sie wurden wirklich ohne ihn fertig, und wenn das Programm dieses Anziehungsmittels entbehrte, wies es dafür deren andre auf: zunächst ein Diner für die wirklich Eingeladenen, diejenigen, welche es noch reichlich durch zu leistende Dienste bezahlen sollten, dann eine Soiree, bei welcher die Elite der Schauspieler und Sänger, welche sonst nur bei den großen Benefizvorstellungen auftraten, sich hören ließ und wozu die Damen eingeladen werden sollten, eine originelle Neuerung, die ? für dies eine Mal ? der Präsident zulassen wollte; endlich ein Souper. Wenn dann die weißen Tafeltücher den grünen Teppichen Platz gemacht haben und in den Salons nur noch die Spieler zurückgeblieben sein würden, sollte das wahre Fest beginnen. Adeline hatte gewünscht, daß an diesem Tage nicht gespielt worden wäre, allein er hatte den Vorstellungen seines Komitees nachgeben müssen; alle waren gegen ihn, selbst die ehrbaren Kaufleute, seine Freunde, die bislang keinem Klub angehörten. Und gerade diese waren es, die es sich am eifrigsten angelegen sein ließen, das Vergnügen, das sie sich endlich im Gefühle vollster Sicherheit leisten könnten, auszukosten. Bei ihnen würde es nicht nötig sein, seinen Nachbar darauf hin zu beobachten, ob er nicht betrüge.

Das Diner war auf acht Uhr festgesetzt. Von halb acht Uhr an begann der Strom der Eingeladenen über die große Treppe hinzufluten. Diese war so mit Blattpflanzen und Kamelien überladen, daß die Büste der Republik in ihrer Nische unter dem Blätterwerk fast verschwand, so daß es unmöglich war, zu unterscheiden, ob man da den Kopf eines Heiligen oder eines römischen Imperators vor Augen hatte. In dem Vestibül, das in seinen Verhältnissen eine wahre Halle war, standen Lakaien in großer Livree: Schuhe mit silbernen Schnallen, seidene Strümpfe, pfirsichfarbener, silbergalonierter Rock à la français. Jedem der Eingeladenen überreichte der Sekretär das Programm, und einigen drückte er mit demselben noch verstohlenerweise eine kleine Enveloppe in die Hand, welche ein paar Spielmarken von Perlmutter enthielt. Diese zarte Aufmerksamkeit war Raphaëllas Kopf entsprungen: mit einigen tausend Franken ließ sich das Diner lustiger und ... hernach das Spiel anregender gestalten.

Im Salon empfingen die Mitglieder des Komitees ihre Gäste, die sie zum größten Teil nicht kannten. Adeline, ans Kamin gelehnt und mit freundlichem Lächeln den Willkommensgruß spendend, hatte den Grafen von Cheylus, den General Epaminondas und den alten Botschafter an seiner Seite. Letzterer hatte es für angemessen erachtet, für diese Feierlichkeit alle seine Orden hervorzuholen; Herr von Cheylus hatte dazu eine so hohe Halsbinde angelegt, daß er sich kerzengerade hielt, als wenn er einen steifen Hals oder Kreuzschmerzen hätte.

Die Festessen, mit ihren herkömmlichen Menüs sind meist widerwärtig, aber dasjenige des »Grand I«, welches in der eignen Küche des Klubs von einem talentvollen Koch hergerichtet worden, war ausgesucht. Es kam für den Erfolg des Unternehmens darauf an, daß man von der Verköstigung im »Grand I« sprach und in Paris erfuhr, daß sie besser, viel besser war, als man sie für denselben Preis anderswo fand. Auf den ersten Blick könnte es als eine schlechte Spekulation erscheinen, für zwei Franken fünfzig ein Dejeuner mit Wein, welches fünf Franken wert ist, und für vier Franken ein Diner, welches acht wert ist, zu geben. Tatsächlich jedoch ist es eine ausgezeichnete, obgleich sie einen Zuschuß an den Koch von zwanzig- bis dreißigtausend Franken bedingt. Unter den Leuten, die die Klubs besuchen, sind solche, die rechnen können und die sich sagen, daß eine Ersparnis von zwei Franken fünfzig beim Dejeuner und von vier Franken beim Diner zweihundert Franken monatlich oder zweitausendvierhundert Franken jährlich ausmacht. Das lohnt wahrhaftig der Mühe. Sie könnten sich freilich auch sagen, daß es vielleicht nicht sehr anständig ist, dies auszunutzen, aber zweifellos denken sie nicht daran, daß es die Spielkasse bezahlt. Und in der That bezahlt sie es, ohne zu murren, denn dieser Verlust von zwanzig- bis dreißigtausend Franken auf die Tafel stellt sich als gutes Geschäft für sie dar. Durch das Diner wird mancher Spieler angezogen und zurückgehalten, und durch das Dejeuner ist mehr als eine Spielklubkasse vor dem strengen Einschreiten der Polizei bewahrt worden. So wohlbegründet die Klagen gegen einen Klub sein mögen, so bedenkt sich die Behörde doch zweimal, bevor sie ihn schließt, wenn dort das Dejeuner von Leuten, welche einen ehrenwerten Namen tragen, eingenommen wird, von Kaufleuten, Künstlern, Aerzten, Advokaten, welche kurz vor der Mittagsstunde zu arbeiten aufhören, um sich ins Restaurant zu begeben, und keine Spieler von Profession sind. Diese machen den Klub zu dem, was er sein soll, zu einem Orte der geselligen Vereinigung, und solch ein Blitzableiter ist unbezahlbar.

Das gute Essen einerseits und die Aufmerksamkeit Raphaëllas andrerseits bewirkten vereint, daß es beim Diner sehr munter herging. Die Stunde der Toaste kam heran, ohne daß man wußte, wo die Zeit hingekommen war.

Adeline war der erste, der sich erhob; er brachte die Gesundheit der Vertreter der Armee, der Diplomatie, der Politik, der Wissenschaften, der Künste, des Handels und der Industrie aus, welche er mit stolzer Befriedigung zu einem patriotischen Zwecke um sich versammelt sah. Bei dieser Bemerkung hatte mehr als ein Gast die Ohren gespitzt. Wer dachte auch so weit, daß, während man in diesem luxuriösen, mit kostbaren Tapeten und Blumen geschmückten Saale dinierte, man ein patriotisches Ziel verfolge, man eine Pflicht erfülle. Sie war wirklich angenehm, diese Pflicht, mit Rehrücken und mit Château-Yquem.

Aber Adeline war zu sehr von seiner Rede in Anspruch genommen, die er übrigens nicht ablas, sondern frei vortrug, als daß er etwas gemerkt hätte. Im Verfolge entwickelte er den Gedanken, in welchem er lebte und webte, seitdem er sich entschlossen hatte, die Ermächtigung für seinen Klub nachzusuchen, und von seinen Lippen flossen die bedeutsamen Worte von Paris, »dem Lichte der Welt«, »der Stadt aller Eleganz und alles Genies«, von dem »Aufschwunge des Volksvermögens durch den Luxus«, von der »französischen Arbeit«, von der »nationalen Produktion«.

Wenn die intelligenteren Gäste ein wenig überrascht waren, von einer patriotischen Aufgabe, die sie mit diesem Mahle erfüllten, reden zu hören, so waren sie es nicht minder, als ihnen klar wurde, daß die Eröffnung dieses Klubs kein andres Ziel habe, als an dem Aufschwunge des Volksvermögens mitzuarbeiten.

»Das ist nicht übel!« murmelte einer von ihnen.

Aber sie konnten ihre Bemerkungen nicht weiter austauschen; Bunou-Bunou erhob sich gerade, um dem Präsidenten zu antworten, und den Beifallsrufen folgte sofortige Stille: es war ein wahrer Schmaus so ein Toast von Bunou-Bunou, der schon, wenn es galt, aus einer Gemeinde den Hauptort des Amtsbezirks zu machen, Schätze lyrischer Begeisterung vergeudete, von denen man sich eine Blütenlese überraschender Wendungen erzählte.

»Ich wette zwei Louis, daß wir seine berühmte Redensart zu hören bekommen werden: ?Ich weiß nicht, ob ich mich irre?,« sagte ein Journalist aus der Kammer, »wer hält meine zwei Louis?«

Allein kein Mensch antwortete ihm und mit Recht, denn das erste Wort, welches aus dem Munde des begeisterten Abgeordneten kam, war gerade seine berühmte Redensart, die stets unter der Kuppel des Palais Bourbon in der Luft schwebte: »Meine Herren, ich weiß nicht, ob ich mich irre.«

Das Lachen siegte über die Erkenntlichkeit des Magens, und unter denjenigen, die diese berühmte Phrase bereits gehört hatten, war mehr als einer, der sein Gesicht hinter der Serviette verbarg; andre ärgerten sich und erklärten, daß man besser thäte, anstatt sie zu zwingen, diese schönen Sachen anzuhören, eine kleine Bank aufzulegen.

Glücklicherweise machte man es kurz mit den Reden. Die Tische mußten für die Soiree hinausgebracht werden, und es war keine Zeit zu verlieren.

Als Adeline aus dem Speisesaale weg in sein Kabinett sich begab, traf er hier seine Frau und Bertha, die soeben mit Michel Debs angelangt waren.

Sie waren nachmittags von Elbeuf gekommen ? was Michel und Bertha das Vergnügen verschaffte, während drei Stunden in dem nämlichen Coupé einander gegenüber zu sitzen, Auge in Auge ? und sie hatten sich die Salons des Klubs noch nicht angesehen.

»Wollen Sie meiner Tochter Ihren Arm geben?« sagte Adeline zu Michel; »bis die Soiree beginnt, können wir einen Gang durch die Säle machen, ich muß euch doch ?meinen? Klub zeigen.«

Dieses »meinen Klub« sagte er mit der festesten Ueberzeugung von der Welt. War nicht er es, der die Erlaubnis, ihn zu öffnen, erhalten hatte, war nicht er sein Präsident, beschloß nicht er über die Aufnahmen, begegnete ihm nicht alle Welt mit dem Hut in der Hand? Friedrich hielt sich so vorsichtig abseits, daß er nicht einmal zum Diner erschienen war, er wollte sich erst, wie viele andre, bei der Soiree zeigen.

Sie hatten ihren Rundgang begonnen, Adeline mit seiner Frau am Arme, Michel mit Bertha. Der Eindruck war, je weiter sie kamen, nicht der gleiche bei der Mutter und bei der Tochter; Frau Adeline zeigte sich erschrocken von all dem Luxus, den sie sah, Bertha war davon aufs höchste entzückt. Was Michel betraf, so hatte er nur Augen für Bertha, und wenn er sie nicht direkt ansah, erblickte er ihre dahinschreitende Gestalt in den Spiegeln; dadurch allein schon, daß sie sich auf seinen Arm stützte, fühlte er sie mehr sein eigen; dem süßen Gefühle der Berührung mit der Hand gesellte sich die Verzückung der Augen ? wie liebreizend war sie in ihrer rosa Toilette!

Sie gelangten in den Baccaratsaal, dessen Thür Adeline öffnete, und sie befanden sich in einem großen Raume, mehr lang als breit und sehr hoch, da man durch das Entfernen der Decke aus zwei Stockwerken eins gemacht hatte. Die Decke zeigte vergoldete Felder, und die Wände waren mit schönen Gobelins, die über das dunkle Getäfel fielen, bekleidet.

»Wie findet ihr das?« fragte Adeline mit Stolz.

»Man könnte es für eine Kapelle halten,« erwiderte Bertha.

Als sie den großen Salon wieder betraten, kamen ihnen Herr von Cheylus und Friedrich entgegen, und sie wurden einander vorgestellt.

»Mein lieber Herr Präsident, man verlangt nach Ihnen,« sagte Friedrich, »wenn die Damen mich gütigst als Ihren Stellvertreter annehmen wollen, so werde ich für sie sorgen; ich werde bei ihnen bleiben, um ihnen Ihre eingeladenen Gäste zu nennen, sie müssen sie doch wohl kennen lernen, da sie die Damen des Hauses sind.«

Und er behandelte sie thatsächlich wie die Damen vom Hause; man konnte nicht achtungsvoller, liebenswürdiger, »mehr Mussidan« sein. Frau Adeline, die gegen ihn einen unerklärlichen Widerwillen empfand, ließ sich gewinnen. Das war wirklich der Mann, den ihr Gatte ihr so oft geschildert hatte.

Die Säle füllten sich, und das Fest begann. Da das Programm desselben sehr geschickt zusammengestellt war, verlief alles unter allgemeinem Beifall. Von allen Seiten vernahm man begeisterte Ausrufe, und Adeline wurde mit Glückwünschen überschüttet, und, von diesem Triumphe ein wenig berauscht, wußte er kaum, wem er antworten sollte.

Indessen riefen doch nicht alle Beifall, und in den Ecken machten sich gedämpfte Rufe des Protestes und der Ungeduld geltend.

»Will es denn gar nicht zu Ende gehen, ihr dummes Fest?«

»Wird denn nicht ein kleines Jeu gemacht?«

Wenn Raphaëlla anwesend gewesen wäre, hätte sie bemerkt, daß unter diesen Unzufriedenen sich einige von denen befanden, welchen sie in so zuvorkommender Weise die Spielmarken von Perlmutter hatte zukommen lassen.

Endlich war das Fest vorbei, und auch das Souper, obgleich es sich ein wenig in die Länge zog, ging zu Ende; die Eingeladenen zogen sich nach und nach zurück, wenigstens die, welche mit ihren Frauen gekommen waren.

Als nur noch Männer anwesend waren, eilte alles nach dem Baccaratsaal, und so geräumig er auch war, gab es doch ein solches Gedränge, daß diejenigen, welche am Tische Platz genommen hatten, kaum die Ellenbogen rühren konnten.

» Messieurs, faites votre jeu; le jeu est fait; rien ne va plus

Am andern Tage berichteten die Journale von diesem Feste. Wesentlicher aber war es noch, daß sich das Gerücht in Paris verbreitete, sich herumsprach, daß der neue Klub eine wohlgefüllte Kasse habe und daß dieselbe ohne Schwierigkeiten Vorschüsse gebe.

Der »Grand I« war gegründet.

Zwanzigstes Kapitel

Der »Grand I« war erst vor einigen Monaten eröffnet worden und schon fragte sich Adeline, wie er während so vieler Jahre in Paris anderswo als in einem Klub habe leben können.

Sie waren so lang, so leer, so zum Sterben langweilig für ihn gewesen, die Abende, welche er damit zubrachte, in seiner kleinen Wohnung in der Rue Tronchet hin und her zu wandeln, oder melancholisch ganz allein um die Madeleine-Kirche herum zu spazieren, vom Boulevard nach dem Bahnhof Saint Lazare und vom Bahnhofe nach dem Boulevard, bis es Schlafenszeit war. Wie oft, wenn er das Pfeifen der Lokomotive hörte, fühlte er sich versucht, die Treppe zur Rouener Linie hinaufzusteigen und sich in den Waggon zu setzen, welcher ihn nach Elbeuf entführt hätte. Er würde zwar in der nächsten Sitzung fehlen, nun, was lag daran, er würde sich doch wenigstens bei den Seinen befinden, er würde seine Tochter bei ihrem Erwachen umarmen; welche Freude in dem alten Hause in der Glayeulgasse! Dort fand er Freiheit, Heiterkeit, Ruhe; Paris war nur ein Gefängnis, wo er seine Zeit abbüßte, und diese Zeit war so hart, so trübe, daß er mehrmals daran gedacht hatte, sich von der Politik zurückzuziehen, um ruhig in Elbeuf bei seiner Familie und seinen Freunden zu leben. Während der Woche wollte er seine Fabrik überwachen, Sonntags seine Rosen in Thuit beschneiden: sein Geist würde Nahrung haben, sein Herz würde von Zuneigung und Zärtlichkeit erfüllt und umgeben sein, wie es ihm Bedürfnis war.

Aber mit dem Tage der Eröffnung des »Grand I« hatte sich das einförmige Dasein des in Paris verlorenen Provinzialen geändert: keine trostlos leeren Abende mehr, keine melancholischen Diners mehr im tête à tête mit seinem Glase, wie sie gerade seine Gänge und Geschäfte mit sich brachten; er hatte ein Heim, ein warmes, ausgefüttertes, üppig hergerichtetes, vergnügliches Nest ? seinen Klub, wo alle Hände sich ausstreckten, um die seinigen zu schütteln, wo das zuvorkommendste Lächeln ihn beim Eintritt empfing, wo er für alle »der Herr Präsident« war.

An seiner Tafel, die sich so vorteilhaft von derjenigen der mittelmäßigen Restaurants unterschied, welche er bisher mit der weisen Sparsamkeit eines Provinzialen besucht hatte, war er der wahre Hausherr, man hörte auf ihn, man zog ihn zu Rate, man behandelte ihn mit einer Ehrerbietung, welche ihm in den ersten Tagen ein wenig unbequem war, an die er sich aber bald so sehr gewöhnte, daß er nicht allein für die Diener, die sich beeilten, ihm Ueberzieher und Hut abzunehmen, sondern auch in seinen eignen Augen »der Herr Präsident« war. Er glaubte an seinen Titel, nahm ihn ernst, bildete sich ein, daß er es wirklich sei. Präsident! und wäre mans nur von einer Gesellschaft armer Teufel, man ist immer der »Herr Präsident« in den Augen von irgend jemand und folglich auch in seinen eignen.

Aber noch viel mehr als die Genugthuung, die seiner Eitelkeit zu teil wurde, hatte das Wohlwollen, das er für seinen Klub empfand, ihm denselben wert gemacht. Wenn er aus der Kammer kam, war er nicht mehr allein auf dem Pariser Pflaster, wie er es so lange gewesen war; er blieb nicht mehr auf der Brücke de la Concorde stehen, um dem Laufe des Wassers zuzusehen, während er überlegte, nach welcher Seite er gehen solle, rechts, links, ohne Ziel, aufs Geratewohl, hierhin oder dorthin.

Jetzt ging er selten allein aus der Kammer, fast allabendlich begleitete ihn Bunou-Bunou, eine mit Papieren vollgepfropfte Mappe schleppend, und regelmäßig Herr von Cheylus, welcher, nachdem er von Raphaëlla am selben Tage, an dem sie seiner nicht mehr bedurfte, vor die Thüre gesetzt worden, glücklich war, im Klub ein gutes Diner zu finden, das ihn nichts kostete ? »die Schmiere.«

Auch andre Kollegen schlossen sich manchmal an, sei es, daß sie der Präsident, oder daß sie sich selbst eingeladen hatten, wenn sie die Lust verspürten, sich ein bessres und billigeres Diner als in irgend einem beliebigen Restaurant zu leisten.

»Ich werde mit Ihnen dinieren.«

Ein ganzer Trupp ging zusammen, und freundschaftlich plaudernd gelangte man bei schönem Wetter durch die Tuilerien, bei Regen durch die Rue Rivoli zur Avenue de lOpéra. Sobald der in der Vorhalle dienstthuende Lakai durch die Fenster der Flügelthüren gesehen hatte, wer kam, beeilte er sich, mit tiefer Verbeugung zu öffnen, und Adeline ließ dann die von ihm Eingeladenen die große, zu jeder Zeit mit Blumen geschmückte Treppe hinaus vorausgehen. Wenn irgend wer aus Rücksicht auf das Alter oder aus einem andern Grunde ihm den Vortritt lassen wollte, ließ er es niemals zu.

»Gehen Sie doch zu, bitte, ich bin hier zu Hause«

Bei sich empfing er seine Freunde; es waren seine Diener, welche den von ihm Eingeladenen auf dem Vorplatze sich dienstbeflissen zeigten, ihm gehörten diese hohen prächtigen Spiegelscheiben, diese Gemälde, welche berühmte Namen trugen.

Unter diesen vergoldeten Gesimsen, auf diesen reichen Teppichen hinzuschreiten, in den mit Raffinement ausgeklügelten Sesseln sich zu dehnen, nur eines Winks zu bedürfen, um verstanden und bedient zu werden ? das angenehme und komfortable Leben war ihm rasch Bedürfnis geworden, dies Leben, welches auf gewisse Stammgäste der Klubs eine so mächtige Anziehung ausübt, daß sie sich nirgends, als in ihrem Klub behaglich fühlen. Und für ihn war diese Anziehungskraft eine um so stärkere gewesen, als er stets inmitten einer patriarchalischen Einfachheit gelebt hatte. In Elbeuf gab es keine Teppiche, keine hohen Spiegelscheiben und Diener, denen eine leise Andeutung genügte.

Was er aber überhaupt nie in Elbeuf gehabt, und was er in seinem Klub gefunden hatte, das war die leichte und gefällige Unterhaltung bei »seinen« Diners, bei welchen er in einer Stunde das Pariser Leben von seiner Kehrseite, mit seinen Skandalen, seinen amüsanten und tragischen Geschichten, seinen Tollheiten und seinen Schmerzen kennen lernte. Obgleich er an die wichtigthuenden und schwerfälligen Gespräche der Provinz gewöhnt war, welche sich im Grunde genommen um nichts drehen, so liebte er doch einen feinen Scherz und ein witziges Wort, und wenn er, was übrigens häufig vorkam, an seinem Tische geistreiche Leute mit spitziger Zunge oder von bissiger Natur sitzen hatte, welche ebenso geschickt erfanden, was sie nicht wußten, als gut vortrugen, was sie nacherzählten, so war es für ihn ein Genuß, ihnen zuzuhören. Heute der, morgen jener, alle kamen und gaben bei ihm ihre Vorstellungen, ohne daß er sich zu bemühen nötig hatte; er brauchte ihnen nur zuzulächeln, ihnen Beifall zu spenden, was er übrigens in der liebenswürdigsten und wohlwollendsten Weise that.

Da ihm die Natur zu einem erkenntlichen Sinne gleichzeitig Gerechtigkeitsgefühl verliehen hatte, so konnte er dieses behagliche Dasein nicht führen, ohne sich einzugestehen, daß Friedrich es war, dem er es verdankte.

Ein vortrefflicher Mann, der Vicomte. Er hatte in ihm den eifrigsten und gleichzeitig bescheidensten Mitarbeiter gefunden, zwei Eigenschaften, die in der Regel einander ausschließen. Obgleich Friedrich alles überwachte, obgleich er alles besorgte und kaum je den Klub verließ, drängte er sich doch niemals vor. Maurin, der dem Namen nach immerhin noch als Geschäftsführer galt, zählte allerdings nicht mit; aber worauf es Adeline ankam, war, daß es sich bei ihm, dem Präsidenten, nicht ebenso verhielt. Das kam daher, daß die finanzielle Leitung nicht in die innere Direktion eingriff, und nach einer Amtsführung von zehn Monaten fühlte er, daß er die Zügel der Oberleitung noch ebenso fest in den Händen hielt, als am Tage der Uebernahme des Präsidiums.

Bezüglich der Aufnahmen waren er und sein Komitee ausschließlich maßgebend geblieben und niemals hatte der Geschäftsführer versucht, sie zur Aufnahme zweifelhafter Mitglieder zu bewegen, wie dies in so vielen Klubs vorkommt, wo der Wunsch, das Spiel flott in Gang zu bringen, alle Rücksichten schwinden läßt. Das würde sich auch beim »Grand J« ereignen, hatte man ihm wohlmeinend prophezeit und man hatte ihm den Rat gegeben, in dieser Beziehung die Augen offen zu halten. Aber jene Klubs hatten als Geschäftsführer einen wirklichen Maurin, nicht einen Vicomte von Mussidan!

Andrerseits waren weder ihm noch seinem Komitee jemals Klagen zu Ohren gekommen, oder selbst nur Beschwerden zugegangen; mit solcher Regelmäßigkeit arbeitete die Verwaltungsmaschinerie.

Es war doch das Muster eines Klubs, wie es der Vicomte in ihren abendlichen Unterhaltungen auf den Boulevards entwickelt hatte, und welches sie, dank der strengen Ueberwachung hatten zu stände bringen können.

»Wo zum Teufel hat er die Kunst der Verwaltung gelernt?« fragte Adeline zuweilen, wenn er den Komiteemitgliedern dessen Lob sang.

Herr von Cheylus, der sich stellte, als wisse er nichts von den Beziehungen, die Raphaëlla an Friedrich banden, und von dem Anteile, den dieser an seiner Vertreibung genommen, erwiderte darauf, daß man nur dazu Geschick zeige, was man nicht gelernt habe. Aber diese Antwort begleitete er mit einem spöttischen Lächeln, welches seine Worte Lügen strafte. Von jedem andern hätte dies rätselhafte Lächeln Adeline beunruhigt, bei Herrn von Cheylus hatte es keine Bedeutung, es war lediglich die Rache eines Besiegten.

Und wenn Herr von Cheylus nicht da war, lachte Adeline mit den andern Komiteemitgliedern über diese kleine Verräterei.

»Er ergreift nicht seine Partei, der Graf.«

»Natürlich! Er weiß warum!«

»Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber es scheint mir, daß ich an Stelle des Herrn von Cheylus, anstatt dem Vicomte gram zu sein, ihm Dank wüßte. Vielleicht finden Sie, daß das, was ich da sage, naiv klingt, aber ich versichere Sie, daß es tiefen Sinn hat.«

Indessen hatte Adeline angesichts dieses beständigen Lächelns des Herrn von Cheylus, aber mehr um sein Gewissen zu beruhigen als aus Neugierde, zu erfahren gesucht, was dahinter stecke; allein vergeblich. Herr von Cheylus hatte auf die angelegentlichen Fragen nichts erwidert, er hatte nichts weiter sagen wollen, als was er gesagt hatte, er wußte nichts weiter über jenen jungen Mann, als was jedermann wußte.

Hätte Adeline den leisesten Verdacht gegen Friedrich gehabt, so wäre er in seinen Nachforschungen über dieses Lächeln und über dies unbestimmte Gerede weiter gegangen; aber wie konnte er Verdacht hegen, da er jeden Tag den neuen Beweis vor Augen sah, daß der »Grand I« das Muster eines Klubs war?

Bekanntlich bringt die Sommerszeit eine Verödung der Klubs wie der Theater mit sich; mit der Hitze schläft das Pariser Leben und Treiben ein, man ist in Trouville, in Dieppe, bei den Rennen oder in der Sommerfrische; später wird gejagt: man besucht seinen Klub nicht mehr, und je vornehmer der Klub, desto verwaister seitens seiner Mitglieder. Indessen bleiben nicht alle Mitglieder fünf bis sechs Monate fort, ohne in der Zwischenzeit nach Paris zu kommen, und diejenigen, welche nicht aus irgend einem besondern Grunde, sei es aus Neigung, sei es wegen Geschäften dahin zurückkehren, reisen wenigstens durch, wenn sie aus dem Norden nach dem Süden, oder aus dem Osten nach dem Westen wollen. Wo sollen sie die Abende zubringen? Im Theater? Die sind geschlossen. Im Klub? Gespielt wird nicht, weil es an Spielern fehlt. Könnte man denn nicht ein Jeuchen machen? Es ist lange her, daß man nicht mehr gespielt hat; die Finger jucken einen danach. Wenn man dann von einem Klub sprechen hört, wo das Spiel noch ein bißchen im Zuge ist, läuft man hin; was liegt daran, daß er zweiten oder dritten Ranges ist, da man ihn nur gelegentlich einmal besucht? Zwei Bekannte führen einen ein und man setzt sich an den Baccarattisch.

So kam es, daß während der guten Jahreszeit, als die andern Klubs leer standen, Adeline die Genugthuung hatte, die bekanntesten Mitglieder der großen Klubs in den »Grand I« kommen zu sehen. Friedrich verfehlte nicht, dies hervorzuheben, ohne indessen mehr Wert als nötig darauf zu legen.

»Sie sehen, wie sie zu uns kommen.«

Adeline war geblendet von den Namen der Herzöge, der Prinzen, der Marquis, die von den Lippen seines Geschäftsführers flössen, und wenn er nach Elbeuf ging, verfehlte er nicht, sie seiner Frau zu wiederholen.

»Du siehst, wie man zu uns kommt; wir sind ein Mittelpunkt, ein neutrales Terrain, dasjenige der Verschmelzung, das Bindeglied zwischen dem Frankreich, das arbeitet, und dem Frankreich, das sich amüsiert, zwischen dem republikanischen Bürgertum und der vornehmen Welt.«

Aber das beruhigte Frau Adeline nicht. Dagegen sah sie sehr klar, daß ihr Gemahl seltener nach Elbeuf kam, daß er sich, wenn er zu Hause war, nicht mehr so empfänglich für die Freuden des häuslichen Herdes zeigte, seine Dienerschaft anfuhr, mit der Küche unzufrieden war, über sein altes Mobiliar die Nase rümpfte, das ihm seit vierzig Jahren zum erstenmal nicht mehr gut genug und lächerlich vorkam.

Einundzwanzigstes Kapitel

So groß die Genugthuung war, die Adeline empfand, war sie doch keine ganz reine.

Wenn er sich sagte, daß Seine Hoheit der Prinz von ..., der Herzog von ..., der Marquis von ... einige tausend Franken bei ihm verspielt hatten, so hatte er ein Gefühl der Eitelkeit, gegen das er nicht ankämpfen konnte; und wenn er sich ferner sagte, daß der Klub, dessen Präsident er war, als Bindeglied zwischen dem republikanischen Bürgertum und der vornehmen Welt diente, war es ein Gefühl gerechten Stolzes, das ihn überkam und dem er sich völlig hingeben konnte, in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht.

Aber wenn er sich andrerseits sagte, daß er der Kasse seines Klubs gegen fünfzigtausend Franken schulde, der Kasse, die nicht seine Kasse war (unglücklicherweise), so war es ein Gefühl der Scham, das ihn niederdrückte.

Wie hatte er sich verleiten lassen können, zu spielen?

In gutem Glauben, mit voller Ueberzeugung hatte er seiner Frau, als sie Befürchtungen ausgesprochen, versichert, daß er kein Spieler werden würde.

»Ich, ein Spieler!«

Er glaubte damals um so gewisser davor sicher zu sein, als er in seiner Jugend gespielt hatte und aus Erfahrung die Klippen des Spiels kannte.

Wenn man ein erstes Mal verleitet worden ist und das Glück gehabt hat, sich aus der Schlinge zu ziehen, dann läßt man sich nicht ein zweites Mal fangen. Mit fünfundzwanzig Jahren ist man schwach und unwissend, leidenschaftlich und kühn, mit fünfzig, wenn man das Leben kennen gelernt, ist es anders.

Wenn er auch damals, als er in Deutschland reiste, gespielt und große Summen verloren, so gab es allerhand Gründe und Entschuldigungen für jene Schwäche; seine Begleiterin spielte, die Kasinos lagen mit ihren Versuchungen offen vor ihm da, das Geld, das er daran wagte, hatte er nicht selbst mühsam erwerben müssen, es hatte für ihn keinen Wert, so daß er nicht einmal ein besonders tiefes Bedauern empfand es zu verlieren, weil der Verlust für das Vermögen seiner Eltern belanglos war.

Unter solchen Bedingungen hatte er wohl spielen können. Sein Fehler war einfach der eines reichen jungen Mannes, eines Söhnchens, das sich Unterhaltung schafft, ohne irgend jemand großes Leid zuzufügen, weder seiner Familie noch sich selbst; es war eine heilsame Prüfung gewesen. Wenn er in den Schmelzofen gefallen war, so war er darin geglüht worden und zwar so gründlich, daß er fünfundzwanzig Jahre lang nicht mehr gespielt hatte. Warum hätte er auch spielen sollen? Er hatte niemals Vergnügen am Kartenspiel gefunden; sich stundenlang an einen grünen, vom Lampenlicht erhellten Tisch zu setzen, unbeweglich stillzuhalten, nicht zu reden; das langweilte ihn; er war reich genug, daß ihm das im Spiel gewonnene Geld kein Vergnügen machte, und er war nicht reich genug, daß das, welches er verlor, kein Bedauern und keine Gewissensbisse bei ihm hervorgerufen hätte. Seit zwanzig Jahren hatte er nicht aufgehört, diese Grundsätze den jungen Leuten, die er spielen sah, zu predigen.

»Was macht ihr da, ihr jungen Springinsfelde, wollt ihr wohl aufhören zu spielen! Vergnügt euch, soviel ihr wollt, aber spielt mir nicht.«

Und nun hatte er, ein alter Thor, das gethan, was er andern zum Vorwurf machte.

Und wie ernst nahm er es doch mit seinen Ermahnungen, wie verächtlich erschienen ihm die, welche der Leidenschaft des Spiels unterlagen!

Dazu waren jene noch bis zu einem gewissen Punkt entschuldbar, weil es Spielnarren waren, das heißt, unzurechnungsfähige Wesen, die man für ihre Handlungen kaum verantwortlich machen kann. Aber er war, als er sich das erste Mal an den Baccarattisch gesetzt hatte, nicht von der unwiderstehlichen Macht der Leidenschaft dazu getrieben worden. Gerade diese Gleichgültigkeit gegen das Spiel, diese Gewißheit, daß ihn die Karten langweilten (etwas, was aus seiner frühesten Jugend und seit mehr als fünfundzwanzig Jahren, in denen er keine Karte mehr berührt hatte, feststand), das war es, was ihm eine vollständige Sicherheit eingeflößt hatte, als er über die Frage, ob er Friedrichs Vorschläge annehmen oder ablehnen sollte, mit seinem Gewissen zu Rate gegangen war.

Warum hätte er zögern sollen, war er doch zum voraus versichert gewesen, daß er für sich selbst nichts zu fürchten habe; man wird kein Spieler, weil man mitten unter Spielern lebt und spielen sieht; das Spiel ist keine ansteckende Krankheit, die man durch Zuschauen erbt, besonders nicht, wenn man diejenigen verachtet, die das Unglück haben, davon angesteckt zu sein.

Wie lächerlich und beklagenswert kamen ihm diese von Fieber und Leidenschaft erfaßten Menschen vor; es gewährte ihm Unterhaltung, auf ihren verzerrten, je nach dem Temperamente geröteten oder bleichen Gesichtern zu lesen, aus ihren hastigen Bewegungen, aus ihren freudetrunkenen oder schmerzerfüllten Blicken, aus ihrer Erregung oder Abspannung zu folgern, was in ihrem Innern vorging.

Und mit der selbstsüchtigen Befriedigung desjenigen, der vom Ufer aus die Schrecken eines Sturmes genießt, sagte er sich, daß er glücklicherweise vor dieser Gefahr sicher sei.

Was hatte er in dieser Hölle zu suchen?

Aber da gerade die Selbstsucht durchaus nicht den Grundzug seiner Natur bildete, da er im Gegenteil ein guter Mensch war und fremden Schmerz und fremdes Unglück innig mitfühlte, so hatte er sich mehr als einmal veranlaßt gesehen, dem einen oder andern von denjenigen, für welche er sich aus irgend einem Grunde spezieller interessierte, Ermahnungen zu erteilen.

Anfangs that er dies in freundschaftlicher, herzlicher Weise, schob ihren Arm unter den seinigen, wie mans mit einem Kameraden macht, und redete ihnen zu, um ihnen die Augen zu öffnen, schalt sie, kapitelte sie herunter. Einigemal sogar, bei schweren Fällen, hatte er sie in sein Kabinett beschieden und hier unter vier Augen ernsthaft vorgenommen: »Sie spielen zu hoch, mein junger Freund, und erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, in einer Weise, die zu Ihren Mitteln in keinem Verhältnisse steht;« aber er hatte nicht lange gebraucht, um einzusehen, daß seine bestgemeinten Ratschläge ebenso wirkungslos blieben, wie die schärfsten Verweise; ob mild oder rauh, seine Worte machten keinerlei Eindruck.

So hatte er denn aufs Zureden verzichtet, mit Bedauern zwar, aber er hatte schließlich verzichtet, da er nicht der Mann war, an einer Aufgabe zu arbeiten, deren Aussichtslosigkeit er selbst eingesehen hatte.

Sie sind zu dumm, hatte er sich gesagt.

Aber wenn er auch nicht mehr den Mentor spielte, verzichtete er darum nicht auf seine Rolle als Präsident. Ihm war die Ehre seines Klubs anvertraut und die Ehre des »Grand I« erforderte es, daß das Spiel dort sich in angemessenen Grenzen hielt.

Darüber wollte er wachen, er wollte trotzdem und gegen ihren Willen die Hand über die Spieler halten, sein Klub sollte keine Spielhölle werden.

So kam es, daß man ihn noch spät im Klub antraf und daß er zuweilen sogar den größten Teil der Nacht dort zubrachte. Ohne Unterlaß spazierte er durch die Säle, strich um die Tische herum und beobachtete das Spiel, als wenn er die Pflicht gehabt hätte, es zu überwachen. Bisweilen fand man ihn in einem Sessel eingeschlafen, von Müdigkeit überwältigt. Aber sobald er erwachte, nahm er seinen Rundgang wieder auf und erkundigte sich, was sich zugetragen habe, während er geschlafen.

Mehr als einmal war es vorgekommen, daß während er die Hände in den Taschen am Baccarattische stand, ein Spieler zu ihm sagte: »Und Sie, Herr Präsident, wollen Sie nicht auch einmal ein Spielchen machen?«

Und darauf antwortete er, die Achseln zuckend: »Ich, spielen? Ich kenne ja kaum die Regeln des Baccarat, so einfach sie sind.«

»Es ist so leicht.«

»Leicht, mag sein, aber ich kann ihm keinen Geschmack abgewinnen. Es gibt Präsidenten, deren Stolz es ist, niemals eine Karte zu berühren ? und ich bin einer von denen.«

Bisher hatte sich Friedrich, der Zeuge davon gewesen, wie sein Präsident den Versuch machte, einige junge Spieler abwendig zu machen, nie eingemischt, obgleich ihm das Verfahren durchaus nicht gefiel, weil es auf nichts weniger abzielte, als den Ertrag der Spielkasse zu vermindern: aber es war von Wichtigkeit, schonend mit ihm umzugehen, und im übrigen sprach die Wahrscheinlichkeit nicht dafür, daß er mit diesen Versuchen etwas ausrichten werde. Wer hat jemals einen Spieler am Spielen verhindert? Das hätte er Raphaëlla erwidern können, die auf Adeline teufelswild war.

»Lassen wir ihn machen, lassen wir ihn reden, das ist nicht sehr gefährlich und andrerseits kann es uns nur nützlich sein. Es ist gut, wenn man in Paris weiß, daß der Präsident des ?Grand J? die Spieler fernhält, anstatt sie anzuziehen: das macht sich gut.«

»Und wenn er sie abwendig macht?«

»Ich versichere dich, daß er nicht einen einzigen abwendig machen wird, während er jemand vielleicht fernhält, den von uns fernzuhalten wir ein Interesse haben.«

»Den Polizeipräfekten?«

»Wen sonst? Wie sollte man wohl je dazu kommen, die Schließung eines Klubs anzuordnen, wo das Spiel von seinem Präsidenten bekämpft wird?«

»Aber wenn er gegen das Spiel eifert, wird er selbst nicht zum Spielen kommen, und du weißt wohl, daß wir ihn nur festhalten, wenn er der Schuldner unsrer Kasse ist: bis dahin fürchte ich stets, er möchte unsern Händen entwischen: wen würden wir an seine Stelle setzen?«

»Sei ruhig, er wird spielen und Schulden machen, vielleicht mehr als dir lieb ist.«

»Treibe ihn dazu.«

Am selben Tage, an dem Adeline sich glücklich gepriesen hatte, keine Karte zu berühren, hatte Friedrich, wie immer der Anregung Raphaëllas nachgebend, folgende Bemerkung gemacht: »Meinen Sie, mein lieber Herr Präsident,« so sagte er im einschmeichelndsten Ton und in der liebenswürdigsten Art, »daß der Mann, welcher den größten Einfluß auf einen Spieler ausübt, derjenige ist, welcher selbst nicht spielt? Wissen Sie, daß ich gehört habe, wie zu einem von denen, welchen Sie kürzlich gepredigt haben, gesagt wurde ? ich bitte darum, seinen Namen verschweigen zu dürfen ? daß Sie nichts vom Spiele verstehen?«

»Das ist ganz richtig.«

»Sehr wohl; allein Sie werden begreifen, daß das Ihren Worten viel von ihrem Gewichte nimmt. Man erblickt in Ihrem Dazwischentreten nichts als eine grundsätzliche Gegnerschaft; nicht gegen den, der spielt, ergreifen Sie Partei, sondern gegen das Spiel selbst; dies Verhalten wird Ihnen als Prinzipienreiterei und nicht als Teilnahme für den einzelnen Spieler ausgelegt.«

»Ich habe ehemals gespielt.«

»Dann ist es zum Erstaunen, daß Sie nicht wieder zu spielen begannen; wer gespielt hat, spielt wieder ...«

»Im Leben nicht!«

»... Das ist ebenso wahr, als: Wer getrunken hat, trinkt wieder. Aber ich gehe darauf nicht weiter ein; ich sage nur, daß Ihre Worte mehr Gewicht hätten, wenn man in Ihnen einen Freund statt einen Gegner des Spiels sähe.«

In der That ging er nicht weiter darauf ein, sondern überließ es der Zeit und der Ueberlegung, zu vollenden, was er begonnen hatte; er kannte seinen Adeline und wußte, mit welcher Sicherheit das Körnchen keimte, welches man in ihn säete.

Mit seiner Kenntnis von der Welt und dem Spiele wußte er, wie selten eine nachhaltige Heilung der Spieler, und wie häufig im Gegenteil ein Rückfall eintritt. Wie viele Spieler, die zehn, zwanzig Jahre nicht gespielt hatten, kehrten im reiferen Alter zum Spieltische zurück! Und diese Leidenschaft, die in ihnen schon erstorben schien, erwachte nur um so heftiger und sollte künftig ihre einzige bleiben.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Früher hatte Adeline über diesen Satz: »Wer gespielt hat, spielt wieder«, gelacht, wie über so viele andre, die man, ohne weiter darüber zu denken, nachspricht, weil sie gang und gäbe sind, aus reiner Gewohnheit, ohne ihnen das geringste Gewicht beizulegen. Aber jetzt war er davon in gewissem Grade überrascht.

Wer hatte jenes Sprichwort erfunden? Die Erfahrung zweifellos, und da eins das andre gibt, war ihm ein andres eingefallen, das sich ihm in den eigentümlichen Verhältnissen, in denen er sich befand, aufdrängte und das hieß: »Wo Rauch ist, ist auch Feuer«. Es mußten doch wohl, bevor die allgemeine Erfahrung jenen kleinen Satz: »Wer gespielt hat, spielt wieder«, aufstellen konnte, viele Fälle dazu Veranlassung gegeben haben.

Er hatte sein Gewissen ehrlich und aufrichtig geprüft, wie ein Mann, der sich über sich selbst klar werden will, und er war zu dem Schlüsse gekommen, daß er seit einiger Zeit das Spiel mit einer Neugierde verfolge, die ihm in den ersten Tagen der Eröffnung seines Klubs fremd gewesen war.

Wenn er die Spieler auch nicht entschuldbar fand, so erschienen sie ihm doch nicht mehr lächerlich, er verstand sie und gab jetzt zu, daß einen dieser Kampf mit den Karten, wobei in einigen Minuten ein Vermögen verloren oder gewonnen wird, leidenschaftlich erregen könne. Er hatte solche Verluste und Gewinne miterlebt und hatte den Verlauf des Spiels voll Aufregung verfolgt ? mit jener Teilnahme, von welcher Friedrich sprach.

War das nicht ein Symptom?

Aber war daraus zu folgern, daß, weil er sich jetzt für das Spiel interessierte, er selbst zu den Karten greifen müsse?

Er glaubte es nicht, er wehrte sich dagegen, es zu glauben, aber schließlich war es darum nicht weniger wahr, daß es sich hier um einen eigentümlichen Vorgang in seinem Innern handelte; er hätte lügen und heucheln müssen, dies nicht zuzugestehen.

Wenn er sah, wie die Spieler ihre Spielmarken und ihre Täfelchen an der Kasse gegen hundert oder hundertfünfzigtausend Franken in Banknoten umwechselten, konnte er eines gewissen Gefühls von Neid nicht Herr werden und sagte sich, daß das in einigen Stunden leicht und angenehm erworbenes Geld sei.

Von da bis zur Erkenntnis, daß, wenn er einen solchen Treffer machte, ihm dies wie gerufen käme, war es nicht weit, und diesen kleinen Schritt hatte er zu thun gewagt.

Das Spiel hat das Gute, daß es kein besondres Talent erfordert, um Erfolge zu erzielen, keine lange Lehrzeit, wenigstens beim Baccarat; Gewinn und Verlust sind Sache des Zufalls, des persönlichen Glücks. Manche haben dieses Glück und sie gewinnen, manche haben es nicht und sie verlieren, das ist alles. Wenn er als ganz kleiner Junge mit seinen Kameraden mit Schussern gerade oder ungerade spielte, hatte er beständig Glück, das stand fest. Später, auf seiner Reise in Deutschland, hatte er in Baden-Baden im Roulettesaal einen Louis auf die Vierundzwanzig, die Zahl, die sein Alter bedeutete, gesetzt und die Vierundzwanzig war herausgekommen. In Homburg hatte er mit seiner Begleiterin die nämliche Probe gemacht und die Vierundzwanzig war wiederum herausgekommen; daß zwei volle Nummern eigens für ihn, so zu sagen auf seinen Ruf herauskamen, war das nicht eigentümlich und verriet das nicht persönliches Glück? Zwar hatte sie nicht stand gehalten und er hatte an der Roulette und beim trente et quarante mehr, viel mehr als die zweiundsiebzig Louis, die er zuerst gewonnen, verloren. Aber dieser Verlust war, so schien es, nicht so auffallend wie sein Gewinn und bewies nichts dagegen, daß er im richtigen Momente Glück gehabt hatte ? ein ihm von der Vorsehung beschertes Glück. Verliert es sich vielleicht mit der Zeit? Kehrt es nicht wieder? Das waren Fragen, über die es ihm nicht eingefallen war nachzudenken, weil er seit langen Jahren aufs Spiel Verzicht geleistet hatte, die sich ihm aber jetzt aufdrängten.

Wie würde das seinem Geschäft auf die Beine helfen, wenn er durch ein paar Spiele zweihunderttausend Franken gewänne! Welche Freude für Bertha, denn sie würden ihr gehören, und wenn es wahr ist, daß, wie man zu sagen pflegt, die Jugend Glück hat, würde es nicht Berthas Glück sein, die über dem Spiele waltete, das er gar nicht für sich spielen würde? Füglich gibt es eine höhere Gerechtigkeit, die die Dinge und Geschicke in dieser Welt lenkt, und diese Gerechtigkeit konnte nicht zugeben, daß ein gutes braves Mädchen, wie Bertha, die stets nur das Rechte gethan, unglücklich werde. Dann hatte er eine Bemerkung gemacht, die ihm bis zu diesem Tage entgangen war, daß nämlich derjenige, welcher Vermögen besitzt, oder der sich reichlich und sicher das erwirbt, was er für seine Bedürfnisse braucht, das Spiel nicht vom selben Gesichtspunkte aus beurteilt, wie derjenige, welcher nichts übrig hat und dem es trotz aller Mühe stets an den nötigen Mitteln fehlt. Gewinn im Spiele hatte für ihn wenig Interesse, so lange er sein ererbtes Vermögen besaß, das von Jahr zu Jahr durch die Erübrigungen aus seinem Geschäfte sich vergrößerte, während jetzt, nachdem dieses Vermögen geschwunden war und sein Geschäft keine Ueberschüsse mehr abwarf, solch ein Gewinn ihm sehr gelegen gekommen wäre, um das Defizit zu decken, welches fortwährend drohend vor ihm stand.

Und von Zeit zu Zeit, während es so in ihm arbeitete, schlug jene Frage, die er zu hören gewöhnt war, an sein Ohr: »Nun, Herr Präsident, spielen Sie niemals? Was für einen feinen Bankhalter würden Sie abgeben!«

Als feiner Bankhalter gilt derjenige, welcher gewinnt, ohne durch Lachen, durch unschickliche Gebärden, durch lauten Jubel die unglücklich Spielenden zu verhöhnen, und welcher, wenn er neun in der Hand hat, sich nicht damit belustigt, umständlich die Augen zu zählen, und zum voraus diejenigen auf die Folter zu spannen, die er in wenigen Sekunden aus ziehen wird.

Und obgleich Adeline nicht eitel war, schmeichelte es ihm doch, daß man nicht annahm, er wäre, falls er spielte, einer jener armen Teufel von Spielern, die, erbärmlich genug, in den Klub kommen, um ums tägliche Brot zu spielen, das heißt, versuchen, einige Louis zu gewinnen, welche sie zum Leben bedürfen; deren Tagewerk heute das gleiche ist wie gestern, die an diese Arbeit, härter als irgend eine andre, geschmiedet sind, eine Arbeit, die durch den beständigen Nervenreiz diejenigen, die sie lange fortsetzen, vollständig aufreibt. Bankhalter und ein feiner Bankhalter sogar, ganz gewiß würde er das sein, wenn er nur wollte ? aber er wollte es nicht sein, ebensowenig wie Spieler.

Als Raphaëlla »seinen« Klub gründete ? denn im Freundeskreise sagte sie »sein« Klub, wie Friedrich und Adeline es selbst thaten ? hätte sie gern allein das Geld in das Geschäft gesteckt, so daß sie auch allein den Nutzen gehabt hätte. Leider war ihr das aber unmöglich gewesen und sie hatte von ihren Freunden das, was ihr selbst fehlte, annehmen müssen, oder vielmehr von einem Freunde Friedrichs, dessen früherem Herrn, dem alten Barthelasse. Ueberall, sowohl als Spieler, wie als Klubvorstand gebrandmarkt, sah sich Barthelasse in seinem Alter darauf angewiesen ? und das war für ihn ein großer Kummer ? andre mit dem Gelde wuchern zu lassen, welches er durch eine vierzigjährige Arbeit ? er nannte es »Arbeit« ? erworben hatte. Anstatt sein Geld Raphaëlla zu bringen, hätte er gern die Leitung des Spiels in der Hand behalten, das heißt der Kassierer und Geldverleiher, bei welchem der ausgebeutete Spieler borgt, um weiter spielen zu können, sein mögen. Aber Raphaëlla war nicht so einfältig, hierauf einzugehen und den so am mühelosesten erzielten Teil des Gewinns, den ein Klub abwirft, in eine fremde Tasche fließen zu lassen. Sie wollte Spielunternehmerin sein, und indem sie das Geld von Barthelasse annahm, bewilligte sie diesem nur einen seiner Einlage entsprechenden Anteil. Sie waren über diesen Punkt hart aneinander geraten, sie hatten sich die ärgsten Grobheiten gesagt, schließlich aber sich geeinigt und gemeinschaftliche Sache gemacht. Eine ihrer Kreaturen sollte die Rolle des Spielunternehmers spielen und statt seines eignen ihr beider Geld ausleihen, und sie beide wollten dann den Gewinn teilen.

Um dieses sehr heikle Geschäft zu überwachen, bei welchem es sich darum handelt, große Summen durch ein »Ja« oder durch ein »Nein« zu bewilligen oder zu versagen, und zwar augenblicklich, ohne Zeit zu haben, die Zahlungsfähigkeit und Ehrlichkeit eines Entleihers zu untersuchen, verließ Barthelasse, solange man spielte, den Klub niemals. Ueberall in den Sälen sah man die breiten Schultern des alten Ringkämpfers auftauchen. Was er da machte, man wußte es nicht recht: er schien eine Aufsichtsperson mit unbestimmten Funktionen zu sein. Aber sobald sich jemand an August, den Spielunternehmer, wandte, um Geld zu leihen, war Barthelasse da und sprach selbst aus der Entfernung, ohne daß man es merkte, mittels eines vereinbarten Zeichens, das »Ja« oder das »Nein«, welches dann der Spielunternehmer wiederholte.

Mehrmals, wenn er mit Adeline allein war (denn öffentlich erlaubte er es sich nicht, ihn anzureden), hatte auch er schon die allgemeine Frage an ihn gerichtet: »Spielen Sie denn nicht, Herr Präsident?«, aber ohne jemals näher darauf einzugehen. Eines Tages jedoch, als Adeline auf diese Aufforderung mit einem Lächeln antwortete, ging er weiter: »Aber ein Präsident, der niemals eine Karte in seinem Klub berührt,« sagte er in seinem reinsten provenzalischen Dialekt, »ist ein Kuchenbäcker, der niemals von seinen Kuchen ißt. Ja, warum denn nicht? fragt man sich. Dann sagt der eine: sie sind ?giftig?, ein andrer: sie sind ?malproper?.«

Adeline sagte sich dies ?malproper? mehr als einmal vor. War es möglich, daß die Leute glaubten, in »seinem« Klub geschähen unsaubere Dinge? Sicherlich gab sein grundsätzliches Fernbleiben vom Spieltische, gaben seine Abmahnungen vom Spiel Anlaß zu falschen Vermutungen. Mußte man sich nicht sagen, daß er selbst nicht spiele und diejenigen, für welche er sich interessiere, vom Spielen abzuhalten suche, weil es ihm bekannt sei, daß es in seinem Klub beim Spiele nicht ehrlich zugehe?

Was ließ sich dagegen thun?

Diese Unterredung mit Barthelasse hatte gerade in einem Momente stattgefunden, wo er durch eine Partie, die sich vor seinen Augen abspielte, heftig aufgeregt worden war. Einer seiner Freunde, ein Kaufmann, von dem er wußte, daß er sich in mißlicher Lage und dicht vor dem Bankrotte befand, hatte zweimalhunderttausend Franken gewonnen, die ihn retteten. Und bei diesem Glücksfalle hatte sich Adeline ganz natürlich gefragt, ob nicht ebensogut ihm das hätte begegnen können. Hätte er an Stelle seines Freundes die Bank gehalten, so hätte er diese zweimalhunderttausend Franken gewonnen. Da die Glücksgöttin in jener Nacht ein Einsehen hatte, hätte sie es ebensogut für ihn, wie für seinen Freund haben können.

Aber war es auch die Glücksgöttin? Wenn man die Hand des Schicksals in einem unverdienten Unglück erblickt, kann man dann nicht die der Vorsehung in einem verdienten Glücke sehen?

Auf dieser abschüssigen Ebene geht? es rasch abwärts. Von hier bis dahin, sich zu sagen, daß es wirklich zu zaghaft sei, das Glück nicht zu versuchen, war es nicht mehr weit.

Es handelte sich nicht darum, ein Spieler zu werden, wie er so viele sah, die nur vom und für das Spiel lebten.

Es handelte sich einfach darum, einmal das Glück zu versuchen.

Er würde nicht daran zu Grunde gehen, wenn er ein paar tausend Franken verlor; bei der Ruhe und vorsichtigen Ueberlegung, die den Grundzug seines Charakters bildeten, war nicht zu befürchten, daß er sich fortreißen lassen und daß er über die Summe hinausgehen würde, die er sich zum voraus zu wagen vornahm. Zwar würde es ein Verlust, aber schließlich doch kein bedeutender sein.

Auf der andern Seite konnte er, wenn das Glück sich ihm hold zeigte, wie es leicht eintreten konnte, ja wie dies billig schien, einen namhaften Gewinn machen.

Und ob Gewinn oder Verlust, dabei sollte es sein Bewenden haben; ein Mann wie er würde sich nicht zu weit vorwagen, er kannte sich wohl.

Er wollte also spielen ? einmal, nur einmal und es dann bewenden lassen ? man ist kein Spieler, weil man einmal ein Lotterielos nimmt.

Indessen führte er diesen nun gefaßten Entschluß nicht sofort aus. Er brachte manche Stunde am Baccarattische zu, indem er sich immer vornahm, daß es heute abend geschehen solle, ohne daß es jemals an diesem Abend dazu kam.

Endlich eines Abends, als das Spiel nicht vorwärts gehen wollte und man auf den Ausgang der Theater wartete und der Croupier die einleitenden Worte erschallen ließ: »Wer hält Bank?« entschloß er sich, seinen Platz zu verlassen, auf dem er angenagelt schien, und trat an den Tisch heran.

»Ich,« sagte er.

 

Ende des ersten Bandes.

 


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