Baccarat. Erster Band

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Erstes Kapitel

Weder in dem ausführlichsten Handbuche über Geographie, noch auf einer Landkarte, sogar einer solchen des Generalstabs, wirst du, geneigter Leser, einen kleinen Zufluß der Seine verzeichnet finden, obgleich derselbe für die Stadt, durch welche er fließt, eine Bedeutung hat, wie sie der Furens für Saint Etienne und die Wasser des Robec für Rouen hatten. ? Dieses Flüßchen ist der Püchot. Allerdings ist er von seiner Quelle bis zu seiner Mündung nur ein paar hundert Meter lang; aber so kurz auch sein Lauf, so gering seine Wassermenge ist, so hat ihm nichtsdestoweniger Elbeuf sein industrielles Aufblühen zu verdanken.

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich an seinen Ufern die verschiedenen Industrieen zur Tuchfabrikation angesiedelt, welche auf die Benutzung des Wassers angewiesen sind: die Wollwäschereien, die Wollfärbereien, die Walkereien. Erst mußten die Dampfkraft und die artesischen Brunnen erfunden werden, bevor die neu entstehenden Fabriken sich von ihm abwendeten. Und doch kann man noch heute von den »Püchotiers« nicht selten sagen hören, daß der kleine Fluß nicht ersetzt worden sei und daß, wenn Elbeuf nicht mehr das ist, was es so lange war, dies daher kommt, daß man auf die Anwendung des kalten und klaren Wassers des Püchot verzichtet hat, dem alle möglichen nur ihm allein zukommenden guten Eigenschaften beizumessen seien. Ein schlechtes Wasser das, aus den artesischen Brunnen und aus der Seine! Ebenso schlecht wie die Chemikalien, die in der Färberei das Schwarz ersetzten, welches sonst aus der Schale der Nüsse von Orival gewonnen wurde.

Der Püchot ist also die Wiege von Elbeuf. An seinen niedern, in Schlangenwindungen sich hinziehenden Ufern, am Fuße des Mont Duve, aus welchem er hervorkommt, wenige Schritte von dem herzoglichen Schlosse, der Straße nach Saint Etienne, der Straße nach Saint Auct, die aus dem Walde von La Londe herunterzieht, der Rue Meleuse und der Rue Royale entfernt, haben sich nach und nach die Tuchfabrikanten festgesetzt. Und in jenem Viertel mit seinen düstern Häusern, seinen tiefen Höfen und engen Gassen, wo rotes, blaues, gelbes Wasser die Gräben füllt, Wasser, das manchmal, wenn es mit Walkererde gesättigt ist, so dick erscheint wie Brei, befinden sich noch heute die alten Fabriken, die sich bis auf unsre Tage erhalten haben.

In solch einem engen dunkeln Hofe in der Glayeulgasse liegt die Fabrik, welche der Bottin Der große allgemeine Adreßkalender für Frankreich. Anm. d. Uebers. wie folgt verzeichnet: Adeline (Constant) O.; silberne Medaille: 1827 und 1834, goldene: 1839, 1844, 1849; erste Klasse Weltausstellung von 1855; außer Bewerbung 1867; Fortschrittsmedaille Wien; »Nouveautés für Hosen, Röcke und Ueberzieher«. Es ist wahrscheinlich die älteste in Elbeuf, denn ihre Entstehung datiert nachgewiesenermaßen von der Aufhebung des Ediktes von Nantes her. Damals mußten die großen Fabrikanten, welche die Tuchindustrie aus Holland und England eingeführt hatten und Protestanten waren, aus Frankreich auswandern und überließen ihren Arbeitern den Platz.

Unter diesen Arbeitern befand sich einer Namens Adeline, ein intelligenter, arbeitsamer, unternehmender Mann, begabt mit jenem Trieb zur Initiative und jener Klugheit und Vorsicht, welche zur Eigenart des normännischen Charakters gehören. Allein da er sich, wie seine übrigen Kameraden, seinem Brotherrn gegenüber durch einen Vertrag, welcher dahin lautete, daß er sich niemals selbständig als Meister etablieren dürfe, gebunden hatte, würde er sein Leben lang Arbeiter geblieben sein. Nachdem er durch den Weggang seiner Arbeitgeber die Freiheit der Bewegung zurückerlangt hatte, begann er auf eigne Rechnung Tuche nach holländischer und englischer Art zu fabrizieren, und wurde so der Gründer des gegenwärtigen Hauses. Seine Söhne folgten ihm nach; ein andrer Adeline kam nach diesen, ein vierter nach dem dritten und so weiter bis zu Constant Adeline, welcher dem Namen seiner Vorfahren mindestens ebensosehr als seinem persönlichen Verdienste die allmähliche Ernennung zum Generalrate, zum Präsidenten der Handelskammer, zum Ritter, dann zum Offizier der Ehrenlegion, und endlich die Wahl zum Abgeordneten verdankte.

Der erste Adeline hatte klein angefangen, als Arbeiter, der nichts besaß und nicht wußte, ob er reüssieren werde. Es bedurfte erst wiederholter Erfolge während einer Reihe von Jahren, bis seine Nachfolger daran denken konnten, das ursprüngliche Etablissement zu vergrößern. Nach und nach indessen verdrängten sie ihre minder glücklichen Nachbarn, bauten deren Holzbaracken in Backsteinen auf, setzten Stockwerk auf Stockwerk, ohne daß sie sich jedoch entschließen konnten, die Glayeulgasse zu verlassen, so beengt sie sich dort auch fühlten. Es gewann fast den Anschein, als gehöre dieses starre Festhalten zur Familientradition und als ob die Namen Adeline und Glayeul eine Art Firma bildeten.

Mit der Privatwohnung war es gegangen wie mit der Fabrik: in der Glayeulgasse hatte der erste Adeline gewohnt, in der Glayeulgasse wohnten fortan seine Erben. Die Wohnung machte freilich einen recht düstern, wenig komfortabeln Eindruck und bestand aus großen, vernachlässigten, schlecht erleuchteten Räumen; allein sie verlangten weder ein behagliches, noch ein luxuriöses Heim ? das lag außerhalb ihrer bürgerlichen Anschauungen. Wozu auch? In der Anhäufung von Geld fanden sie ihre Befriedigung, vor allem in dem Ansehen und der kommerziellen Bedeutung, die es verleiht. Handeln, erwerben, Achtung genießen, das bedeutete alles für sie, und um dies zu erreichen, war ihnen nichts zu viel, sie schonten nicht einmal sich selber. Der Mann war in der Fabrik thätig, die Frau saß im Comptoir, und wenn die Söhne aus dem Collège in Rouen, die Töchter aus dem Kloster der »Dames de la Visitation« zurückkehrten, so war ihr einziger Lebenszweck, zu arbeiten, jene mit dem Vater, diese mit der Mutter.

Bis zur Restauration hatten sie sich mit solch bescheidener Existenz begnügt, wie sie übrigens auch ihre reichsten Konkurrenten nicht anders führten. Als aber zu dieser Zeit der letzte der Herzöge von Elbeuf den Rest seines Grundbesitzes veräußerte, hatten sie das in der Gegend von Bourgtheroulde gelegene Schloß Thuit an sich gebracht. Der Name »Schloß« machte sie zwar einen Augenblick stutzig und hätte beinahe die Erwerbung verhindert; jedoch gehörte zu dem Schlosse ein Pachtgut, dessen Ländereien in gutem Stande waren, und Wald, welcher mit dem von La Londe zusammenhing. Die Gelegenheit war günstig, und vor dem Walde und dem Pachtgute mit seinen Ländereien trat das Schloß in den Hintergrund. Uebrigens beeilten sie sich, letzteres in »Unser Haus Thuit« umzutaufen, indem sie auf das sorgfältigste alles zu vermeiden suchten, was den Glauben erwecken konnte, sie wollten die Schloßbewohner spielen. Ihre Vorfahren waren Kleinbürger gewesen, Kleinbürger wollten auch sie bleiben, und sie brüsteten sich mit dieser Bescheidenheit.

Indessen brachte diese Erwerbung von Thuit notwendigerweise neue Gewohnheiten mit sich. Das einzige Vergnügen der Familie hatten bisher sonntägliche Ausflüge in die Umgegend gebildet, zu den Orivalfelsen, zur Eiche der heiligen Jungfrau, oder Waldpartieen, welche man im Sommer zuweilen über das Schloß Robert des Teufels bis nach Bouille ausdehnte, wo Apfelpfannkuchen und Fische in Sauce gegessen wurden. Man konnte nicht bei schlechtem wie bei gutem Wetter jeden Sonnabend im Gänsemarsch nach Thuit hinausziehen; man mußte einen Wagen haben und so kaufte man denn einen. Es war eine alte Kalesche, ein Gelegenheitskauf, altmodisch zwar, aber solid. Das mit derselben erworbene Geschirr war mit Silber plattiert gewesen; daran hatte man so lange herumgeputzt, bis das Kupfer zum Vorschein gekommen war, und dieses hatte man dann dunkel werden lassen. Jeden Sonnabend, wenn die Arbeiter ausbezahlt waren, pferchte sich die Familie in das alte, mit Lebensmitteln beladene Fuhrwerk, und von zwei schweren Pferden in mäßigem Trabe gezogen, ging es fort in der Richtung auf Bourgtheroulde zu nach Thuit. Hier verweilte man bis Montag Morgen. Die Kinder vergnügten sich im Walde; die Eltern besichtigten die Ländereien des Pachtgutes, besprachen mit den Taglöhnern die auszuführenden Arbeiten, schätzten den Wert des schlagbaren Holzes ab und vermaßen die Haufen der in der vergangenen Woche gebrochenen Steine.

Nach und nach hatten sich jedoch die bei den Elbeufer Fabrikanten eingebürgerten Gewohnheiten geändert. Wohlstand, Glanz, Luxus und Vergnügungssucht, bisher so zu sagen unbekannt, griffen allmählich Platz; reiche Fabrikantensöhne gaben das väterliche Geschäft auf oder führten dasselbe nur noch in behaglicher, gleichgültiger, lässiger Weise, oder gar mit Widerwillen weiter. Wozu sollte man sich denn anstrengen? War es nicht genußreicher, das Vermögen in Grundbesitz oder in Schlössern anzulegen, die man mit dem Geschmack prunkliebender Parvenüs aufführen ließ?

Aber die Adelines hatten diese Wandlungen nicht mitgemacht. Bei ihnen waren die Gewohnheiten und der Geschäftsbetrieb des alten Hauses im Jahre 1830 die gleichen wie im Jahre 1800, und 1870 noch die gleichen wie 1850. Als durch die Dampfmaschinen eine völlige Revolution in der Industrie herbeigeführt wurde, hatten sie sich gegen diese Neuerung durchaus nicht systematisch ablehnend verhalten, aber sie führten dieselbe nur vorsichtig und gerade zu dem Zeitpunkte ein, als sie durch gegenteiliges Verhalten nicht mehr hätten konkurrieren können. Dabei begnügten sie sich noch, anstatt sich auf kostspielige Einrichtungen einzulassen, damit, von einem Nachbarn die für ihre Webstühle erforderliche Triebkraft zu pachten. Diese Neuerungen taugten für ihre Konkurrenten, waren aber nichts für sie. Sie waren die Hauptvertreter der Hausindustrie und wollten bleiben, was sie stets gewesen. Die bedeutenden Etablissements, die rings um sie her entstanden, konnten sie nicht in Versuchung führen. Diese Kasernen, wie große Glashäuser anzusehen, mit ihren hohen Schornsteinen, aus denen Tag und Nacht Rauchsäulen aufwirbelten, erregten ihren Neid nicht.

Die Gesamtsumme der Geschäfte war es, worauf es ankam, und in dieser Beziehung waren sie ihren Rivalen überlegen. Sie konnten daher die alte Elbeufer Industrie wie bisher weiter betreiben, bei welcher die zahlreichen Vorgänge der Tuchfabrikation, wie das Entfetten der Wolle, das Färben, Trocknen, Aufkratzen, Spinnen und Spulen, Zetteln und Weben, das Auswaschen der Stücke, das Walken, Aufrauhen, Scheren und Dekatieren außerhalb in besondern Werkstätten oder beim Arbeiter zu Hause besorgt wird, und wobei sich die Fabrik mit nichts weiter befaßt, als die Erzeugnisse dieser verschiedenen Manipulationen zu prüfen und durch Anordnung des Gespinstes und der Farbentönung die Nouveauté fertig zu stellen.

Irgendwo anders als zu Elbeuf würde dieses kluge Einhalten und diese Art im kleinen zu verdienen, die Adelines vielleicht in der Wertschätzung haben sinken lassen, aber in der Normandie schätzt man vor allem die Klugheit und achtet solche Leute. Wenn man sagte: »Seht euch die Adelines an,« so geschah dies nicht etwa in mitleidigem, sondern oft in neidischem Tone und zumeist in dem der Bewunderung. Sie wurden ebensowohl den Unklugen, die sich ruiniert hatten, als Beispiel gegenübergestellt, als den von Wollkrämplerinnen abstammenden Emporkömmlingen, die, anstatt das väterliche Geschäft fortzusetzen, in ihren Palais und Schlössern die großen Herren spielten.

Constant Adeline, der gegenwärtige Chef des Hauses, war der würdige Erbe dieser klugen Fabrikanten; von keinem seiner Vorfahren konnte man mit solchem Rechte wie von ihm sagen: »Seht euch den Adeline an.« Und das sagte man, wiederholte es bis zum Ueberdruß bei allen Gelegenheiten seit seiner Studienzeit, wo er ein intelligenter und fleißiger Schüler, ein guter Kamerad, der Liebling der Professoren und insbesondre des Religionslehrers gewesen, welch letzterer sich glücklich schätzte, in ihm einen christlich erzogenen Knaben von religiösem Sinne zu finden, was unter der Generation von 1830 eine Seltenheit war; ? später beim Handelsgerichte, im Generalrate, und schließlich in der Kammer, wo er als ausgezeichneter, fleißiger Abgeordneter galt, welcher ein Feind der Parteiintriguen war und nur über das zu reden pflegte, was er von Grund aus verstand (wofür er denn auch bei allen ein williges Ohr fand), ein Mann, der nur nach seiner Ueberzeugung bald für, bald gegen das Ministerium stimmte, ohne daß je ein Fraktions- oder persönliches Interesse ihn beeinflußte.

Eine Zeitlang indessen hatte dieser musterhafte junge Mann seinen Freunden zu denken gegeben. Nachdem er aus dem Collège zurückgekehrt und dann einige Jahre in dem väterlichen Geschäfte thätig gewesen war, hatte er eine Studienreise durch Deutschland, Oesterreich und Rußland gemacht. Damals sprach man in Elbeuf davon, daß er in weiblicher Begleitung reise. Ein Wollreisender war ihm in verschiedenen Spielsälen, wo Adeline um hohe Summen spielte, begegnet.

Ein Adeline! War es möglich? Ein so ordentlicher junger Mann! Wegen der weiblichen Begleitung hätte man am Ende ein Auge zugedrückt; Jugend muß sich ja austoben. Aber die Spielsäle!

Entsetzt war sein Vater nach Deutschland geeilt; er vertraute keinem andern die Mission an, den Sohn zu retten. Dieser hatte keinerlei Widerstand geleistet und gehorsam und reuig die Rückreise nach Elbeuf angetreten. Er hatte sich hinreißen lassen. Wie das gekommen war? Das wußte er selber nicht, da er sich aus dem Spiele gar nichts machte. Es ärgerte ihn, daß er sein Geld verloren und er hatte es wieder zurückgewinnen wollen.

Hernach hatte man ihn verheiratet.

Und seit dieser Zeit war er, wie seine Freunde scherzend sagten, das Muster eines Ehemannes, eines Fabrikanten, eines Handelsrichters, eines Gewerberates, eines Preisrichters bei den Ausstellungen und eines Abgeordneten.

»Seht euch den Adeline an!«

Was fehlte ihm auch, um der glücklichste Mensch der Welt zu sein? Besaß er nicht alles: Achtung und Ansehen, Ehrenämter und Vermögen? Und ein anständiges Vermögen dazu, jedenfalls ein ehrlich erworbenes, wenn man es nicht ein bedeutendes nennen wollte.

Zweites Kapitel

Das Vermögen der Adelines bildete besonders im großen Publikum, welches nach dem Scheine urteilt und gewissenhaft die fertigen Phrasen nachspricht, ohne sich deren Wert klar zu machen, das Gesprächsthema. Seit hundertfünfzig Jahren war dieses Vermögen gleichsam die Scheidemünze der Unterhaltung in Elbeuf und man bediente sich deren weiter.

Aber bei den Eingeweihten und denjenigen, die den Dingen auf den Grund zu sehen pflegen, begann diese Meinung von einem soliden und wohlfundierten Vermögen zu schwinden.

Der Vater des Constant Adeline hatte bei seinem Tode zwei Söhne hinterlassen: Constant, den ältern, den Chef des Elbeufer Hauses, und Jean, den jüngern, welcher, anstatt sich mit seinem Bruder zu associieren, in Paris ein bedeutendes Wollwarengeschäft en gros gründete, so bedeutend, daß es für den Verkauf Filialen in Havre und Roubaix, für den Einkauf solche in Buenos Ayres, Moskau, Odessa und Saratoff besaß. Dieser hatte mit den Adelines nichts als den Namen gemein; in Wirklichkeit war er ein Streber und ein Abenteurer. Ein durch den Handel nach und nach erworbenes Vermögen schien ihm verächtlich, er wollte eins durch wenige kühne Spekulationen gewinnen. Wenn er am Leben geblieben wäre, hätte er vielleicht reüssiert, aber bei seinem unerwarteten Tode war er in große, sehr große Unternehmungen verwickelt gewesen, deren Liquidation seinen vollständigen Ruin nach sich zog, seinen, den seiner Frau und den seiner Mutter. Zwar hätten sie nicht zu bezahlen brauchen, allein dann wäre der Bankrott ausgebrochen. Zur Rettung der Ehre brachten sie lieber jedes Opfer. Um die bedeutenden Schulden tilgen zu können, gab die Frau alles hin, was sie besaß, und die Mutter ließ sich, nachdem sie ihre Besitzungen und Wertpapiere veräußert, von ihrem ältesten Sohne auch noch ihren Anteil am Elbeufer Geschäfte herauszahlen. Constant hätte das Verlangen seiner Mutter ablehnen oder auf alle Fälle nur die Hälfte geben können. Aber er gab ihren ganzen Anteil heraus, und hiebei bestimmte ihn ebensosehr die Achtung vor dem Willen seiner Mutter, als die Rücksicht auf die Ehre seines Namens, der auf der Liste der Bankrotteure nicht figurieren sollte.

Ein Kaufmann zieht aber zwölfmalhunderttausend Franken nicht so ohne weiteres, und ohne daß er etwas davon spürt, aus dem Geschäfte: Constant Adeline jedoch konnte dies, ohne, wie es schien, die Solidität seines Hauses in Frage zu stellen.

Wenn er dadurch auch ein wenig beengt war, so würden ein paar gute Jahre die Lücke wieder ausfüllen ? es handelte sich nur darum, zu arbeiten.

Aber gerade um diese Zeit war eine noch jetzt andauernde Handelskrise und ein vollständiger Umschlag in der Mode eingetreten. Man gab mit einem Male dem in England und zu Roubaix hergestellten Gewebe mit stark angezogenem Zettel und Einschlag den Vorzug vor dem seit dreißig oder vierzig Jahren in Elbeuf mit anerkannter Vorzüglichkeit fabrizierten gewalkten Tuche. Statt der erhofften guten Jahre war ein schlechtes dem andern gefolgt; anstatt durch fleißiges Arbeiten die Lücke auszufüllen, galt es, dafür zu sorgen, daß sie nicht ins Ungemessene sich erweiterte. Und nicht einmal dies glückte. Denn mehr als für jede andre Ware sind Handelskrisen ein Ruin für Modeartikel. Es ist damit wie mit den ersten Früchten: sie lassen sich nicht aufheben. Ein Stück einfarbiges Tuch, schwarz, grün, blau, kann ruhig auf Lager bleiben, ohne daß dem Fabrikanten daraus ein andrer Nachteil erwächst, als daß er die Zinsen des Anlagekapitals verliert und nichts gewinnt. Mit einer Nouveauté verhält es sich anders ? der Name besagt es schon. Der Fabrikant bereitet alles zur Herstellung eines neuen Stoffes vor: die Anordnung des Gewebes, Wolle von der Sorte mit solcher von jener Sorte oder mit Seide: die Farbennuancen der Woll- und Seidenstoffe; das Gespinst, je nach der Wirkung, auf die es berechnet ist; das Gewebe mit Rücksicht auf die Zusammensetzung des Musters und die Haltbarkeit des Stoffes; die besondre Appretur, die in ihrer Art ebenso verschieden ist, wie die Farbe, das Gespinst und das Gewebe. Dieser Stoff muß dann im richtigen Momente und gerade für die Saison, zu welcher er hergestellt worden ist, verkauft werden; entgegengesetzten Falles hat er in der nächsten Saison seinen Wert verloren. Aber wie soll man verkaufen, wenn aus irgend einem Grunde, sei es nun eine Handelskrise oder ein Umschlag in der Mode, die Käufer, für welche man gearbeitet hat, ausbleiben? Die Mode muß der Fabrikant voraus ahnen, vermag er dies nicht und fällt er ihr zum Opfer, so hat er es selbst zu verantworten; für Handelskrisen allerdings trifft ihn keine Schuld, denn er ist weder Minister noch König, und Seuchen, Landplagen und Kriege kann er nicht verhüten.

Als Constant Adeline Abgeordneter geworden war, konnte er sich um seine Fabrik nicht mehr wie früher von morgens bis abends bekümmern, aber trotzdem vernachlässigte er sie, während er tagelang im Palais Bourbon saß, durchaus nicht. Elbeuf ist nur zwei und ein halb Stunden von Paris entfernt. Jeden Sonnabend nach der Sitzung benützte er den Zug und traf um halb zehn Uhr zu Hause ein, wo ihn die Seinigen erwarteten. An diesen Tagen wurde das verspätete Diner zu einem Souper. Alle ohne Unterschied, selbst die alte Frau Adeline mit ihren vierundachtzig Jahren und gelähmten Beinen, die nur die »Mama« genannt wurde, ja selbst die kleine Leonie Adeline, die Tochter des Jean Adeline, welche seit dem Tode ihrer Mutter bei dem Onkel wohnte, setzten sich nicht zu Tische, bevor das Haupt der Familie seinen während der ganzen Woche freistehenden Platz eingenommen hatte. Alle Gesichter waren aufgeheitert und obgleich das lange Warten den Appetit gereizt hatte, plauderte man mehr als man aß.

»Wie geht es dir, Mama?«

»Gut, mein Junge, und dir? Es ist diese Woche wieder recht toll hergegangen in der Kammer, was dich gewiß recht ?gefuchst? hat; das war denn doch für nix und wieder nix!«

Die Mama, eine echte alte Elbeuferin, hatte die alten Manieren ebensogut in ihrem Anzug als in ihrer Ausdrucksweise beibehalten, ohne sich die Mühe zu geben, dieselben irgendwie zu ändern. Im Sommer trug sie ein Kleid von indischem Gewebe aus Rouen, im Winter von Elbeufer Tuch, ihre schwarzen spitzengarnierten Tüllhauben waren nach der Mode des Jahres 1840, der letzten, welche sie noch mitgemacht hatte. Sie sprach ihr gedehntes normannisches Patois und gebrauchte Elbeufer Redensarten, die sie als Kind gelernt hatte, zum Entsetzen ihrer Enkelinnen. Diese wagten zwar nicht, sich offen darüber aufzuhalten, aber sie flüsterten einander heimlich zu, daß die »Chaircuitiers« jetzt Charcutiers hießen, die »Castorolen« Kasserolen geworden seien, und daß es doch wohl besser wäre, »umsonst« anstatt »für nix und wieder nix« zu sagen.

Adeline mußte nun umständlich auseinandersetzen, warum man so »für nix und wieder nix« geredet habe, denn die Mama, welche von morgens bis abends im Rollstuhl saß, las den »Officiel« von einem Ende bis zum andern, und sie, die über alles, was in der Kammer vorging, besser Bescheid wußte als viele Abgeordnete, schenkte ihm auch nicht die kleinste Einzelnheit. Wenn ihr Sohn eine Rede gehalten hatte, erörterte und zerpflückte sie die Gründe seiner Gegner und geriet außer sich, daß nicht alle gestimmt hatten wie er. Nur in einem Punkte tadelte sie sein Verhalten ? wenn es sich um religiöse Angelegenheiten handelte. Würde er denn in der Politik niemals der Religion eine Konzession machen? Welcher Kummer für sie, daß er in diesen Fragen so gar nicht stimmte, wie sie es wünschte! Als Kind war er doch so unterwürfig und fromm gewesen!

Er pflegte sich achtungsvoll dagegen zu verteidigen, zumeist jedoch suchte er das Thema der Unterhaltung zu ändern und machte seiner Frau und seiner Tochter ein Zeichen, ihm dabei zu Hilfe zu kommen. Er hatte genug an der Politik, und wenn er sich beeilte, nach Hause zurückzukehren, so geschah es nicht, um sich von neuem auf Auseinandersetzungen einzulassen, von denen er die Woche über genug gehabt hatte. Es war ihm vielmehr darum zu thun, bei den Seinigen und in seinem Hause sich auszuruhen, in jenem Hause, welches so ganz mit Andenken angefüllt war, wo er als Kind gespielt hatte, wo er aufgewachsen war, wo sein Vater gestorben, wo er sich verheiratet hatte und seine Tochter zur Welt gekommen war, wo jedes Stück Hausrat, jeder Winkel ihn anheimelte, wo er aufatmen konnte nach dem hohlen und ermüdenden Treiben in Paris, das er neun Monate lang mitzumachen gezwungen war. Um wie viel gemütlicher waren doch diese großen, dunkeln Zimmer, diese altmodischen, wohlbekannten Möbel, diese Sessel im Stile des Empires, diese Uhren in vergoldeter Bronze mit ihren mythologischen Figuren, diese Sträuße von Papierblumen, welche, aus der Jugendzeit seiner Mutter herstammend, unter Glasglocken standen, wie viel gemütlicher als seine möblierte Junggesellenwohnung, die er in einem Hause der Rue Tronchet inne hatte. Um wie viel mehr reizte der Duft der Hausmannskost seinen Appetit, sobald er seine Thür öffnete, und lud ihn ein, sich zu Tisch zu setzen, als der warme Qualm, der ihm entgegenwehte, wenn er in die Pariser Restaurants eintrat, wo er allein aß! So wie er in sein altes Heim zurückkehrte, war er wieder der alte. Die einen Kammern in seinem Gehirn schlossen sich, die andern thaten sich auf. Den Pariser ließ er in Paris, in Elbeuf war er nur Elbeufer; der fade Geruch aus den Indigobütten verjüngte ihn, der Kaufmann trat an die Stelle des Abgeordneten: er war nur noch Gatte und Familienvater.

So wollte er von der Politik in Elbeuf nichts wissen: herzliche Worte, zärtliche Blicke, das war es, dessen er bedurfte, und ein vertrauliches Sichgehenlassen. Oft, während die Mama das Gesprächsthema fortsetzte und Lob und Tadel spendete, vergaß er es ganz, ihr Antwort zu geben, oder er that es nur mit wenigen zerstreuten Worten: »Ja, Mama;« »nein, Mama;« »du hast recht;« »ganz gewiß, zweifellos.«

Er hatte sich ziemlich gleichgültig verhalten, als ihn sein Vater nach seiner Rückkehr aus Deutschland mit einem jungen Mädchen verheiratete, das ihm, wenigstens bezüglich des Vermögens, nicht ebenbürtig schien. Aber seit zwanzig Jahren lebte er mit seiner Frau in der innigsten Gemeinschaft des Fühlens und Denkens. Er hatte gefunden, daß diejenige, die er ihrer Jugend zuliebe genommen hatte, eine Frau von innerem Werte war, der sich täglich neu offenbarte: sie besaß Intelligenz, Festigkeit des Entschlusses, Geradheit des Charakters, Güte und Nachsicht und, was für ihn unschätzbar war, seitdem er in die politische Laufbahn eingetreten, Instinkt und Begabung für kaufmännische Dinge. Das machte sie zu einem Associé, dem man die Leitung des Geschäfts, Fabrikation wie Verkauf überlassen konnte. Während er sich in Paris mit den Angelegenheiten Frankreichs beschäftigte, leitete sie zu Elbeuf mit geschickter und sichrer Hand diejenigen der Fabrik. Sie war eine wirkliche Kaufmannsfrau, wie man sie früher hinter den grünen Vorhängen des Comptoirs nicht selten antreffen konnte, wie man aber jetzt keine mehr findet, eine, die im stande war, mit einem einzigen Commis alle Comptoirarbeiten zu erledigen: Korrespondenz, Buchführung, die Kasse und die eigenhändige Auszahlung der Arbeiter.

Ein so guter Kaufmann auch Adeline war, hatte er doch durchaus keine Eile, gleich nach seiner Heimkehr die Unterhaltung auf die Geschäfte zu bringen. Er kannte diese Geschäfte, wenigstens der Hauptsache nach, aus den Briefen, die ihm seine Frau jeden Abend schrieb. Mit seiner Gattin, mit seiner Tochter beschäftigten sich seine Gedanken, und während er aß und ab und zu seiner Mutter Rede stand, ließ er seine Augen von einer zur andern gehen. Wie er jene zärtlich liebte, so betete er diese an, und manchmal beugte er sich plötzlich zu ihr hinüber und umfaßte sie mit seinen Armen:

»Nun, meine kleine Bertha, bist du froh, daß der Papa gekommen ist?«

Er betrachtete sie mit einem glücklichen Lächeln, stolz auf ihre Schönheit, die ihm unvergleichlich erschien. Wo konnte man ein reizenderes achtzehnjähriges Mädchen finden? Sie hatte seidenweiche blonde Haare, wie er sie bei keiner andern noch gesehen hatte, einen frischen Teint, einen tiefen und anmutsvollen Blick, alles geradezu bewunderungswürdig, und dazu war sie so herzensgut, so ungezwungen und vom liebenswürdigsten Charakter!

Um keine Eifersucht zu erregen, sprach er auch mit der kleinen Leonie, seiner zwölfjährigen Nichte, in zärtlichem Tone. Diese lebte, da er ihr Vormund war, in seinem Hause; man hielt ihr besondre Lehrer, weil sie von zu zarter Gesundheit war, um in das Kloster der »Dames de la Visitation« in Rouen geschickt zu werden, wo alle Mädchen aus der Familie der Adelines erzogen worden waren.

Man saß lange bei Tische und es war schon spät, als man sich endlich erhob. Darauf rollte er selbst seine Mutter in ihr Zimmer, welches sie, seitdem sie gelähmt war, im Parterregeschosse neben dem Salon bewohnte. Hernach umarmte er Bertha und Leonie, die in ihre Zimmer hinaufgingen, und begab sich dann mit seiner Frau ins Comptoir, wo ernste Dinge, die Geschäftsangelegenheiten, verhandelt wurden, was oft bis spät in die Nacht hinein dauerte.

Sie hatten da die Bücher, die Korrespondenz, die Musterkarten gleich zur Hand und konnten sich eingehend über alles, was im Laufe der Woche unerledigt geblieben war, verständigen. Sie berichtete ihm, was sie gearbeitet hatte und was sie zu unternehmen beabsichtigte; er seinerseits erzählte, welche Schritte er im Interesse des Geschäftes in Paris gethan, er teilte ihr mit, welche Kommissionäre, welche Kaufleute er aufgesucht hatte; er zog aus seinen Taschen die Müsterchen hervor, die er sich bei Tuchhändlern und Schneidern zu verschaffen gewußt hatte, und sie verglichen sie mit ihrem eignen Fabrikate.

Jahre hindurch war, wenn sie diese verschiedenen Punkte erörtert hatten, ihr Tagewerk alsdann vollbracht; für die abgelaufene Woche war abgerechnet, und was in der kommenden geschehen sollte, hatte man festgestellt. Aber die Zeiten wurden schlechter und die Geschäfte wickelten sich nicht mehr mit solcher Leichtigkeit ab. Der Warenabsatz verringerte sich, beim Verkaufe mußte man entgegenkommender sein und sich mit Käufern einlassen, mit welchen bisher nur die kleinen Fabrikanten, die gewagte Geschäfte zu machen gezwungen sind, verkehrten. Die Verwickelung in große Fallimente war die Folge dieses neuen Systems; Falliment folgte auf Falliment; eins hing mit dem andern zusammen und so war ein Moment eingetreten, wo das sonst so solide Haus Adeline in Verlegenheit kam, die Verfalltage der Wechsel einzuhalten.

Drittes Kapitel

Eines Abends erwartete man wieder einmal Adeline; die Familie saß in dem Comptoir beisammen, dessen Laden man eben geschlossen hatte, nachdem die Arbeiter und Angestellten weggegangen waren.

Die Mama saß in ihrem Sessel und las im »Officiel«, Bertha blätterte in einem illustrierten Buche, Leonie arbeitete, an einem Pulte sitzend, an ihren Aufgaben und ihr gegenüber saß Frau Adeline und rechnete auf einem aus zusammengenähten Avisbriefen gebildeten Hefte, das sie zur Ersparung von Konzeptpapier benutzte. Der tags über so geräuschvolle Hof war still geworden; draußen hörte man nur das Heulen des Novembersturms und drinnen im Comptoir nur das Brummen des Ofens, das Singen des Gases und das Rascheln der Feder der Frau Adeline auf dem Papier. Von Zeit zu Zeit unterbrach sie sich, um ein Notizbuch oder ein Register zu vergleichen und darauf begann wieder das Rascheln, wenn ihre Hand die langen Kolonnen addierte. Das that sie mit einer gewissen Hast und die Querstriche, die sie unten zog, verrieten, daß ihre Hand zitterte.

»Stimmt die Kasse nicht, meine Tochter?« fragte die Mama.

»Doch.«

Die Mama schob ihre Brille in die Höhe und sah sie lange an:

»Was stimmt denn sonst nicht?«

»Es ist nichts.«

Früher würde sich die Mama mit dieser Antwort nicht zufrieden gegeben haben, denn es war augenscheinlich, daß, da die Kasse in Ordnung war, etwas andres ihre Schwiegertochter beunruhigte. Allein, seitdem sie sich ihren Geschäftsanteil hatte herauszahlen lassen, konnte sie sich nicht mehr so frei aussprechen wie sonst. Diese Herauszahlung war nicht ohne Widerstand vor sich gegangen, wenn auch nicht seitens Adelines, der sich den Wünschen seiner Mutter fügte, so doch seitens der Frau Adeline. Daß die Mutter die Hälfte ihres Vermögens ihrem einen Sohne zukommen ließ, dagegen war nichts zu sagen, aber daß sie es dem einen ganz geben und so den einen zu gunsten des andern benachteiligen wollte, das war nicht recht. Und die Schwiegertochter hatte sich hierüber in bündigster Weise ihrer Schwiegermutter gegenüber ausgesprochen. Von diesem Tage an waren die Beziehungen zwischen ihnen andre geworden. Solange der Mama die Hälfte des Geschäftes gehörte, war sie eine Teilhaberin und man war ihr diejenige Rechenschaft schuldig, die ein Teilhaber beanspruchen kann. Nachdem ihr indes ihr Anteil herausgezahlt worden war, wurde ihr kein Inventar mehr mitgeteilt, keine Rechnung mehr gelegt. Wie hätte sie dies auch verlangen können? Sie hatte in dieses Geschäft nichts mehr dreinzureden. Zwar schien sich ihr Sohn noch ebenso offen gegen sie auszusprechen, wie früher, aber der Sohn und die Schwiegertochter waren zwei verschiedene Personen. Uebrigens erstreckte sich diese Offenheit nur auf gewisse Dinge; über den Gang der Geschäfte aber verhielt sich ihr gegenüber das eine so zurückhaltend wie das andre. Wenn sie Constant befragte, so gab er stets die gleiche Antwort, daß die Geschäfte so gut gingen, wie sie gehen könnten, aber aus seinen Antworten ließ sich ersehen, daß er verlegen war und etwas zu verschweigen suchte. Und dann fragte sie sich, von Unruhe und Gewissensbissen gequält, ob sie ihn nicht dadurch, daß sie ihm zwölfmalhunderttausend Franken entzog, in eine kritische Lage gebracht habe. Die Geschäfte gingen so schlecht, man sprach so oft von Fallimenten, die Käufer, die sie sonst regelmäßig gesehen hatte, kamen jetzt so selten nach Elbeuf. Wenn sie noch einen Teil der Verantwortlichkeit für diese Situation ihrer Schwiegertochter hätte aufbürden können, das wäre eine Erleichterung für sie gewesen. Aber so große Lust sie dazu hatte, schien dies doch nicht möglich. Niemals, das mußte man anerkennen, war die Fabrik mit mehr Verständnis und Sorgfalt geleitet worden; auf alles, nach überallhin, sowohl auf das Hauptsächliche als auf Nebendinge war zu jeder Zeit ein wachsames Auge gerichtet und in allen Zweigen der Fabrikation verstand man in jener erfinderischen Weise zu sparen, wie dies nur Frauen auszuklügeln vermögen, ohne an der Organisation zu rütteln und Anlaß zu Klagen zu geben.

Sie hatte nicht weiter fragen können, sie mußte sich mit diesem »Nichts« begnügen und so nahm sie die Lektüre ihrer Zeitung wieder auf. Es war übrigens gewiß, daß irgend etwas Ungewöhnliches vorging; niemals hatte sie ihre Schwiegertochter so nervös gesehen und das war charakteristisch für eine sonst so ruhige Frau, welche sich besser in der Gewalt hatte, als sonst irgend jemand und nur das sagte und merken ließ, was sie wollte.

So viel Mühe sie sich aber auch gab, sich in ihre Lektüre zu versenken, konnte sie doch nicht verhindern, daß das Rascheln der Feder auf dem Papier an ihr Ohr schlug, und mit einem Male, als sie es nicht mehr aushielt, wagte sie eine neue Frage: »Fürchten Sie irgend ein neues Falliment?«

»Die Herren Gebrüder Bouteillier haben ihre Zahlungen eingestellt.«

Frau Adeline begann wieder zu rechnen, als wenn sie nicht gestört sein wollte, allein die Bangigkeit riß die Mama fort.

»Seid ihr mit einer großen Summe beteiligt?«

»Mit einer ziemlich großen.«

»Und sie fehlt euch am Verfalltage?«

»Constant soll mir die nötigen Gelder mitbringen.«

Die Erleichterung, welche die Mama dabei empfand, verhinderte sie, auf den Ton zu achten, in welchem diese Antwort gegeben wurde. Wenn ihr Sohn etwas auszuführen übernahm, so führte er es aus, darüber konnte man ruhig sein. Die Zahlungseinstellung der Gebrüder Bouteillier genügte auch überdies, um den nervösen Zustand der Frau Adeline zu erklären; sie gehörten mit zu den besten, ältesten und treuesten Kunden des Geschäfts und ihr Wegbleiben würde eine nicht unbedeutende Verminderung des Absatzes im Gefolge haben. Zweifellos war dies eine ärgerliche, aber keine allzu schlimme Sache; sie hatte Zutrauen zu dem Geschäft ihres Sohnes und baute auf das Renommee von Elbeuf; sie konnte es nicht fassen, daß die Krise, in der man sich befand, nicht bald zu Ende gehen sollte; die schönen Tage, die sie erlebt hatte, würden wiederkehren, man mußte nur Geduld haben. Sie bat Gott, daß sie das noch erleben möchte. Wenn sie, nachdem die Ehre der Adelines gerettet worden, das alte Haus neu befestigt sehen würde, dann wollte sie zufrieden sterben. Seit fünfundsechzig Jahren hatte sie nicht ein einziges Mal ? ihre Wochenbetten abgerechnet ? die Frühmesse in Saint-Etienne versäumt. Durch ihre Frömmigkeit hatte sie die Andächtigen mehrerer Generationen erbaut, aber niemals hatte man sie mit solcher Inbrunst beten sehen, als seitdem die Geschäfte ihres Sohnes schlecht zu gehen schienen. Obgleich sie nicht ihren Rollstuhl verlassen und sich auf die Kniee werfen konnte, gewahrte man doch an der Bewegung ihrer Lippen, an der Erregtheit ihrer Blicke, mit welcher Inbrunst sie betete. Ihre Augen hingen ohne Unterlaß an der Glasmalerei, welche den heiligen Rochus, den Schutzpatron der Wollkrämpler, an einem altmodischen Webstuhle webend, darstellt, und zu ihm besonders betete sie für ihren Sohn, wie für ihre Vaterstadt.

Die Feder der Frau Adeline lief noch immer über das Papier hin, als sich ein Geräusch von Schritten im Hofe vernehmen ließ. Wer konnte das sein? Es schien, als ob es zwei Personen wären. Die Tritte hielten vor der Thüre des Comptoirs; es klopfte mehrmals behutsam an.

»Soll ich öffnen Tante?« fragte Leonie, indem sie eifrig, wie Kinder sind, die gerne jede Gelegenheit ergreifen, um eine langweilige Arbeit zu unterbrechen, in die Höhe sprang.

»Nun freilich,« erwiderte Frau Adeline, wenn sie auch ein wenig überrascht war, daß man zu solcher Stunde hier und nicht in der Wohnung anklopfte.

Die Riegel wurden sogleich zurückgezogen und die Thüre öffnete sich.

»Ah! Es ist Herr Eck und Herr Michel,« sagte Leonie.

Es war in der That der Chef des Hauses Eck und Debs, der Vater Eck, wie man ihn in Elbeuf nannte, in Begleitung eines seiner Neffen.

» Ponchour, matemoiselle«, sagte der Vater Eck in reinstem Elsässer Dialekt, indem er mit seinem Neffen in das Comptoir eintrat.

Der Onkel war ein Mann von ungefähr sechzig Jahren von plumpem Körper und plumpen Manieren, mit kurzen Beinen und Armen, einem offnen, freundlichen und feinen Gesichte, dessen gekräuselte Haare, gebogene Nase und matter Teint sofort seine semitische Abstammung verrieten. Der Neffe dagegen war ein hübscher, schlanker junger Mann mit dunkeln Augen, weißglänzenden Perlmutterzähnen zwischen kirschroten Lippen und einem schwarzen, gekräuselten Barte.

» Ponchour, mestames Ateline,« fuhr Herr Eck fort, » ponchour, matemoiselle Perthe.«

Diese letzte Begrüßung begleitete er mit einer Verbeugung.

»Wie,« fuhr er fort, »Herr Ateline ist nicht da? Ich glaubte, er würde früh zurückkehren, und da ich Licht im Comptoir sah, nahm ich an, daß er es sei, welcher arbeitete, darum habe ich an dieser Thüre angeklopft; excusez-moi, mestames.«

Es kostete Mühe, Stühle für sie zu finden, denn das Comptoir war mit einer wahrhaft klassischen Einfachheit möbliert: ein schwarz angestrichener Tisch, zwei Pulte, ein Regal aus Tannenholz, welches an den vier Wänden des Zimmers hinlief und die Register und Musterkarten von sämtlichen Stoffen, die seit fast hundert Jahren im Geschäfte fabriziert worden waren, trug, und vier Strohstühle, das war alles. Zweihundert Jahre hatte dies genügt für einen Umschlag von mehr als dreihundert Millionen.

Die Eck und Debs hatten nach dem Kriege das Elsaß, in welchem sie bis dahin etabliert gewesen waren, verlassen, und in Elbeuf eine große Fabrik für glatte Tuche, Lastings und gemusterte, schwarze und farbige Tuche, wie es auf ihrem Firmastempel hieß, gegründet, in der sich ohne irgend welche fremde Beihilfe die ganze Verarbeitung von der rohen Schafwolle bis zum verkaufsfertigen Tuche vollzog. Sie hatten sofort Beziehungen mit Constant Adeline angeknüpft, welcher durch seinen Charakter und seine materiellen Verhältnisse über Neid und Mißgunst erhaben war, und sie hatten von seiner Seite ein liberaleres Entgegenkommen gefunden, als bei vielen andern Fabrikanten. Diese Beziehungen dauerten fort und erstreckten sich selbst auf die Familien, ohne daß daraus jedoch eine Freundschaft entstand. Zwar war die alte Frau Adeline nie mit der Mutter Eck zusammengekommen, einer achtzigjährigen Frau, welche eine ebenso eifrige Jüdin war, als jene eine eifrige Katholikin. Allein die Damen Eck und Debs und die junge Frau Adeline besuchten sich gegenseitig und die Söhne der ersteren, die beiden Brüder Eck und die drei Brüder Debs, hatten mehr als einmal mit Bertha getanzt.

Nach den ersten Höflichkeitsbezeigungen nahm Vater Eck seine treuherzige Miene an und sagte, indem er den Blick auf das Heft richtete, auf welchem Frau Adeline rechnete: »Immer fleißig, Matame Ateline, ich möchte auch so einen Commis haben, wie Sie und ... für denselben Gehalt.«

Er fing herzhaft an zu lachen, denn er hatte die Gewohnheit, von seinen Witzen selbst das beste wegzulachen, ohne sich darum zu kümmern, ob er nicht vielleicht der einzige sei, der sie witzig fand.

Aber sein Gelächter verstummte fast ebenso plötzlich, sein Gesicht nahm einen ernsten, fast betrübten Ausdruck an: » A brobos, matame Ateline, haben Sie Nachrichten über die Herren Gebrüder Bouteillier erhalten?« fragte er.

»Jawohl, heute morgen.«

»So wissen Sie also, daß sie ihre Zahlungen eingestellt haben?«

»Das ist der Inhalt des Schreibens.«

»Sind Sie dabei engagiert?«

»Unglücklicherweise. Und Sie?«

»Wir? O nein! Sie hätten gern gewollt, aber wir haben nicht gewollt, wir nicht. Seit drei Jahren flößten sie mir kein Vertrauen mehr ein; es waren Leute, die zu große Possen machten: eine Wohnung in den Champs-Elysées, ein Schloß in der Umgegend von Paris, eine Villa in Trouville, Winteraufenthalt in Cannes, auf die Dauer konnte das nicht so weitergehen.«

Es trat eine Pause ein. Der Vater Eck schien etwas befangen zu sein, wie auch Frau Adeline, und die letztere fragte sich, was dieser ungewöhnliche Besuch zu bedeuten habe. Sie wollte ihm zu Hilfe kommen: »Sind Sie mit Ihrem neuen Färbereiverfahren zufrieden?« fragte sie, indem sie das Gespräch auf einen Zweig des Geschäfts hinüberlenkte, der einen unerschöpflichen Stoff abgab, und worüber sie sich überdies gern Aufschluß verschaffen wollte.

»O, sehr zufrieden.«

»Und das kommt Sie wirklich billiger, als bei den Herren Blay?«

Er schloß den schon zur Antwort geöffneten Mund wieder und sagte erst nach einigen Sekunden der Ueberlegung: »Matame Ateline, Matame Ateline, das kann ich Ihnen nicht sagen, die Bilanz ist noch nicht gemacht.«

Das wurde in einem solch gutmütigen Tone gesagt, daß man an seine Aufrichtigkeit hätte glauben können, wenn er diese Wirkung nicht dadurch vereitelt hätte, daß er das Gesprächsthema rasch änderte.

»Wenn Sie einmal zu mir kommen wollen, dann werde ich es Ihnen mit Vergnügen zeigen; aber was ich Ihnen besonders gern zeigen möchte, das sind unsre neuen feststehenden Feinspinnmaschinen. Das ist wirklich eine schöne Erfindung. Nur sind uns nach ihrer Aufstellung ein ganzes Jahr lang alle Fäden zerrissen, wir haben für fünfzigtausend Franken Ausschußwaren gemacht, bis mein kleiner Michel eine ebenso einfache als vollkommene Verbesserung erfunden hat. Das muß man sehen; ich habe ihn ein Patent darauf nehmen lassen. Er ist wahrhaftig ein mechanisches Genie, der Junge.«

»Wird Herr Michel sein Patent selbst verwerten?«

»Er wird es verkaufen; die Eck und die Debs bleiben alle für immer beisammen.«

Es trat abermals eine Pause ein, nach welcher Herr Eck sich erhob und zu Frau Adeline sagte: »Könnte ich mit Ihnen ein Wort unter vier Augen sprechen?«

Frau Adeline ging ihm in den Salon voraus.

Viertes Kapitel

Was für eine schlimme Neuigkeit stand ihr bevor?

Diese Frage stellte sich Frau Adeline voll Unruhe; sie hatte jedoch so viel Selbstbeherrschung, dieselbe nicht merken zu lassen.

Obwohl sie keinerlei Grund hatte, dem Herrn Eck, den sie als einen im Geschäftsleben rechtschaffenen, im Umgang wohlmeinenden und gutmütigen Mann kannte, zu mißtrauen, so war sie doch in der letzten Zeit so häufig von unverhofften Schlägen und gerade immer von der Seite, von welcher sie sie nicht erwartete, getroffen worden, daß sie stets unruhig und ängstlich und in allen Dingen auf ihrer Hut war.

In der Stadt sprach man davon, daß die Eck und Debs seit lange Versuche machten, um die Nouveautés mit Maschinen im großen herzustellen, wie das glatte Tuch. War das vielleicht die Ursache dieses außergewöhnlichen Besuchs? Sollten ihr in diesen erfinderischen Elsässern, die sich so praktisch einzurichten verstanden und reüssierten, während so viele andre zu Grunde gingen, Konkurrenten erwachsen, welche den Geschäftsbetrieb noch schwieriger machen würden?

Handelte es sich um eine ihrem Hause oder der politischen Stellung ihres Mannes drohende Gefahr, auf welche er in einer Regung freundschaftlicher Gesinnung aufmerksam machen wollte?

Wohin sie ihre Blicke richtete, sah sie nur Schlimmes, ohne der Hoffnung auf ein gutes oder glückliches Ereignis Raum zu gewähren; und was sie noch mehr verstimmte, das war die Verlegenheit, die sie auf diesem sonst offnen und freundlichen Gesichte deutlich las.

Sie hatte sich ihm gegenüber gesetzt und betrachtete ihn aufmerksam, indem sie darauf wartete, daß er beginnen sollte. War denn das, was er zu sagen hatte, so sehr schwer?

Endlich entschloß er sich: »Als wir unser Vaterland verließen, um uns in Elbeuf niederzulassen, haben wir hier nicht alle Leute sehr entgegenkommend gefunden. Man sagte: ?Was wollen denn die hier? wir brauchen sie nicht.? Herr Ateline gehörte nicht zu diesen, im Gegenteil, er ließ sich nur von seinem patriotischen Fühlen für die Verbannten und auch für seine Vaterstadt, der wir neue Arbeit zuführten, leiten. Und das, Matame, hat unsern Herzen wohlgethan. In unsrer damaligen Lage, als Auswanderer und im Begriffe, ein neues Leben zu beginnen, in einem Alter, da andre daran denken, sich zur Ruhe zu setzen, schätzten wir uns glücklich, daß sich uns eine Hand offen und ehrlich darbot.«

Diese Worte ließen nicht auf Schlimmes schließen, und Frau Adeline wurde ruhiger.

»Als wir im letzten Jahre,« fuhr Herr Eck fort, »das Unglück hatten, meinen Schwager Debs zu verlieren, ist Herr Ateline abermals für uns eingetreten. Sie wissen, was sich damals ereignet hat und was man für Schwierigkeiten machte, ihm ein anständiges Begräbnis zu gewähren. Man sagte: ?Wozu dem Juden, der hierher gekommen ist, um uns Konkurrenz zu machen, eine Ehre anthun?? Alle schlechten Leidenschaften gegen den Juden sowohl, wie gegen den Fabrikanten regten sich und selbst die, welche in erster Reihe sich seiner hätten annehmen müssen, zogen sich zurück. Herr Ateline befand sich damals gerade in Paris, wo ihn die Kammerdebatten zurückhielten, und wenn er wollte, konnte er sehr gut dort bleiben. Aber als er erfuhr, was hier vorging ? vielleicht durch Sie selbst, Matame?«

»Es ist richtig, ich schrieb es ihm.«

Herr Eck erhob sich und verbeugte sich ehrerbietig in tiefer Rührung: »Es ist mir lieb, zu erfahren, daß Sie es gewesen, wie ich es ahnte. Nun also, nachdem er es erfahren hatte, verließ er Paris und er, der Abgeordnete, stand nicht an, auf jenem Grabe auszusprechen, was er von einem ehrlichen Manne hielt, der durch die von ihm gegründete Industrie mehr als tausend Personen Verdienst verschafft, in einer Stadt, wo es so viel Elend gibt. Und dafür fand er Worte, welche stets in unserm Herzen widerhallen werden, in dem meinigen und in dem eines jeden Mitgliedes unsrer Familie.«

Er hielt, von diesen Erinnerungen sichtlich bewegt, inne. Dann fuhr er fort: »Fragen Sie nicht, Matame, warum ich hieran erinnere. Sie sollen es hören; zu diesem Zwecke habe ich Sie um diese private Unterredung gebeten. Sie werden nach diesen Erklärungen begreifen, welche Hochachtung wir für Herrn Ateline haben und in welchen Ausdrücken wir von ihm sprechen, meine Mutter, meine Schwester, meine Frau, meine Söhne, meine Neffen und ich selbst. Es ist niemand in Elbeuf, für den wir so viel Hochachtung und, gestatten Sie das Wort, so viel Freundschaft hegen. Alles was Sie betrifft, interessiert uns und oft haben wir uns gefreut, wenn wir hörten, daß Sie ein gutes Geschäft gemacht, ebenso wie es uns betrübte, das Gegenteil zu vernehmen; zum Beispiel die Geschichte mit diesen Bouteilliers.«

Allmählich hatte sich Frau Adeline beruhigt: all das war in so offenbar treuherzigem und wohlwollendem Tone vorgetragen worden, daß ihre Unruhe schwinden mußte und schwand. Aber bei den letzten Worten, welche anzudeuten schienen, daß nun eine Geldangelegenheit erörtert werden sollte, ergriff die Angst sie von neuem. Würden diese ohne jeden Anlaß gemachten Beteuerungen der Sympathie und der Freundschaft etwa zu einem peinlichen Schlusse führen, dessen Wirkung Herr Eck, der nicht bösartig war, abschwächen wollte, indem er darauf vorbereitete? Das Schreckliche ihrer Situation war, daß Sie überall Gefahr witterte.

»Ganz gewiß,« fuhr Herr Eck fort, »braucht man nicht mit besonders scharfen Augen zu sehen, um Fräulein Perthe reizend zu finden. Sie ist eine sehr hübsche Person ? ? ? sie wird ganz ihre Mutter werden, und ein junger Mann, selbst wenn er ihre Familie nicht kennt, muß von ihr bezaubert sein. Um wie viel mehr erst, wenn er die Gefühle teilt, die ich Ihnen soeben ausdrückte. Das trifft gerade bei meinem kleinen Michel zu; ich sage ?klein?, weil ich ihn von klein auf kenne, aber in der That ist er ein braver Junge, verständig, arbeitsam, und er leistet uns die größten Dienste in der Fabrik; er ist der liebenswürdigste, umgänglichste, gutmütigste und ruhigste Charakter, den ich kenne. Kurz, kurz, er liebt Matemoiselle Perthe, und ich bitte für ihn um die Hand Ihrer Tochter.«

Schon oft und seit lange her hatte Frau Adeline Heiratspläne für ihre Tochter gemacht, und solange die Geschäfte glänzend gingen, wählte sie ihren Schwiegersohn aus den höchsten Ständen, je mehr sie nachließen, um so mehr setzte auch sie ihre Ansprüche herab; an Michel Debs hatte sie niemals gedacht. Ein Jude!

Ihre Ueberraschung war so lebhaft, daß Herr Eck, der sie beobachtete, befremdet aufblickte.

»Ich merke,« sagte er, »daß Sie an Herrn Atelines Mutter denken, welche eine so strenggläubige Frau ist. Auch wir haben unsre Mutter, die in unsrer Religion nicht weniger strenggläubig ist, als die Ihrige. Das habe ich auch meinem kleinen Michel gesagt, als er mir von dieser Heirat sprach: ?Und deine Großmutter und die Großmutter der Matemoiselle Perthe, wie stehts damit??«

Gerade an diese beiden Großmütter, an die von Bertha und die von Michel, hatte sie gedacht, nachdem sie sich von ihrem ersten Erstaunen etwas erholt hatte.

Von dieser letzteren, die kein Mensch je zu sehen bekam, weil sie wie eine Orientalin in ihren vier Mauern lebte, erzählte man sich die geheimnisvollsten Geschichten.

Was würde diese an den starren Gebräuchen ihrer Religion festhaltende alte Frau von ihrer Schwiegertochter nicht alles verlangen? Mit welchen Augen würde sie die an ihrem Tische sitzende Christin betrachten, sie, die nur koscheres d. h. Fleisch von geschächteten Tieren aß und die einen mit dem Ritus vertrauten Arbeiter aus dem Elsaß eigens als Schächter hatte kommen lassen? Obgleich Frau Adeline weder Zeit noch Lust hatte, auf diesen Stadtklatsch zu hören, konnte sie es doch nicht verhindern, daß einige dieser Absonderlichkeiten, welche man der alten Jüdin nachsagte, ihr erinnerlich blieben und auffielen.

Bevor sich die Eck und Debs in Elbeuf niedergelassen hatten, kümmerte man sich wenig um die jüdischen Gebräuche; mit dem Tage jedoch, an welchem diese alte Frau in ihr Haus einzog, hatte ihr starrer Judenglaube die Neugierde und Kritik wach gerufen. Es gehörte zum alltäglichen Gesprächsstoffe, daß man sich erzählte: sie lasse sich das Wild lebend ins Haus bringen, damit der Schächter es schächte; sie esse keine abgeschuppten Fische; sie habe ein besondres Geschirr für das Fette, ein andres für das Magere; Fische dürften nur mit Butter, Oel oder Fett zubereitet werden; wenn Fleisch auf den Tisch komme, dann esse sie weder Käse noch Milchspeise, noch Kuchen; das Essen für Samstag koche man schon Freitags, und weil am ersteren Tage die Israeliten kein Feuer anrühren dürften, lege man eine eiserne Platte auf glühende Kohlen und stelle auf diese in einem Topfe die vollständig gekochten Gerichte, auch dürfe dieser Topf nur von einem Juden heruntergenommen werden; endlich verstecke sie ihre abgeschnittenen Haare unter einer Samthaube und zwinge ihre Tochter und Schwiegertochter, ihre Haare nicht lang wachsen zu lassen.

Sicher wurde dabei vieles übertrieben, aber das Wahre, das davon übrig blieb, verriet immerhin einen wenig ermutigenden religiösen Uebereifer. Sie kannte ihn, diesen Glaubenseifer, seit zwanzig Jahren hatte ihre Schwiegermutter sie nur allzu sehr darunter leiden lassen; sie mochte ihre Tochter dem nicht aussetzen. Und dazu die Frau eines Juden! So frei von Vorurteilen sie sonst auch war, von diesem hatte sie sich noch nicht frei machen können. Kein junges Mädchen aus ihrem Bekanntenkreise hatte jemals einen Juden geheiratet; das war in Elbeuf nicht an der Tagesordnung.

Aber Herr Eck ließ ihr keine Zeit zum Ueberlegen, er fuhr fort: »Selbstverständlich hat Michel zu Matemoiselle Perthe von seiner Liebe niemals gesprochen, er ist ein ehrenwerter Mensch, ein Gentleman, glauben Sie es mir, Matame Ateline. Ich will nicht behaupten, daß seine Augen nicht gesprochen hätten, aber den Mund hat er nicht aufgethan. Vielleicht weiß sie trotzdem, daß sie geliebt wird, denn die jungen Mädchen sind im Erraten dieser Dinge sehr geschickt, aber sie weiß es gewiß nicht aus einer formellen Erklärung. Michel wollte, daß vor allem die Familien sich verständigten, und das gerade führte mich zu Ihnen. Ich hoffte, Herrn Ateline zu treffen, und Michel, der keine Gelegenheit versäumt, um Matemoiselle Perthe zu sehen, wollte mich durchaus begleiten, wenn dies vielleicht schon nicht ganz in der Ordnung ist. Der Zufall wollte, daß Herr Ateline abwesend war, und ich bin glücklich, daß ich meinen Antrag bei Ihnen anbringen konnte; bei derartigen Gelegenheiten wird man mit der Mutter besser fertig als mit dem Vater. Teilen Sie es, bitte, Herrn Ateline mit und, wenn Sie es angezeigt finden, Matemoiselle Perthe. Was Michel betrifft, so können Sie sich darauf verlassen, daß er von aufrichtiger und zärtlicher Liebe beseelt ist; für ihn ist es keine Vernunftheirat, sondern eine Neigungsheirat. Was mich betrifft, so können Sie sich darauf verlassen, daß es für unsre Familie eine Ehre ist, sich mit der Ihrigen zu verbinden. Ich will frei und offenherzig sprechen: Ich bin nicht ehrgeizig und suche die Verbindung mit Herrn Ateline nicht deshalb, weil er Abgeordneter ist und eines schönen Tages Minister werden wird; ich habe schon meinen Orden und erwarte nichts von der Regierung. Auch unsre Geschäftslage ist gut; wo andre Geld verlieren, verdienen wir welches, die Inventur wird Ihnen das beweisen, wenn wir sie Ihnen vorlegen können. Sie werden sehen, Sie werden sehen, sie ist gut.«

Er rieb sich die Hände: »Sie ist gut, sie ist gut. Das Haus Eck und Debs ist derart organisiert, daß es vorwärts kommen muß; es wird vorwärts kommen und bestehen, solange ein Eck, solange ein Debs da ist, um es zu halten; und ich glaube nicht, daß ihm der Same so bald ausgehen wird. Was wir also einzig mit dieser Heirat bezwecken, ist, der Ehre, zu Ihrer Familie zu gehören, teilhaftig zu werden. Der Vater Eck wird nicht ewig leben und seine Söhne, seine Neffen werden ihm nachfolgen; würde alsdann eine Firma: ?Eck und Debs-Ateline? so übel klingen? Das alte Haus bliebe bestehen, der alte Baum würde neue Aeste treiben, die Kinder Michels wären Atelines.«

Hiermit erhob er sich.

»Wollen Sie nicht auf meinen Mann warten?« fragte Frau Adeline.

»Nein, ich lege unsre Angelegenheit in Ihre Hände, Sie werden sie besser vertreten, als ich es selbst vermöchte.«

Sie kehrten nun in das Comptoir zurück, wo sie Leonie mit dem ganzen Gesichte lachend fanden.

»Man hat sich amüsiert, wie ich sehe,« sagte der Vater Eck, »man hat ein hübsches Plauderstündchen gehalten.«

»Herr Michel macht uns immer lachen.«

»Der Michel ist doch ein glücklicher Mensch, daß er die hübschen Mädels so lachen macht; was hat er euch denn erzählt?«

»Er hat uns erklärt, warum die Karthager goldne und die Römer silberne Schnallen an den Panzern trugen. Wissen Sie es, Herr Eck?«

»Nein, wahrhaftig nicht, Matemoiselle; zu meiner Zeit war man in der geschichtlichen Forschung noch nicht so weit fortgeschritten wie jetzt, wir wußten noch nichts von goldnen und silbernen Panzerschnallen der Karthager und Römer.«

»Sie trugen sie ? um die Panzer zuzuschnallen!«

»Ah! wirklich?« sagte der Vater Eck, der den Witz nicht begriffen hatte.

»Entschuldigen Sie, Madame,« sagte Michel, indem er sich mit einem verbindlichen Lächeln an Frau Adeline wandte, »Fräulein Leonie machte einen Aufsatz über Hannibal, was sie nicht sonderlich unterhaltend fand; ich wollte sie aufmuntern. Jetzt, glaube ich, wird sie den Hannibal nicht mehr vergessen.«

»Herr Michel weiß jedem ein angenehmes Wort zu sagen,« ließ sich die Mama vernehmen.

Frau Adeline schaute ihrer Tochter Bertha in die Augen und, nach deren Glanze zu urteilen, hatte Michel auch ihr sicherlich etwas Angenehmes zu sagen gewußt ? aber zweifellos etwas weniger Kindisches, als Leonie. Sollte sie ihn lieben?

Fünftes Kapitel

Frau Adeline nahm, als der Onkel und der Neffe fortgegangen waren, ihre Arbeit nicht wieder auf; die Gedanken standen ihr nicht mehr nach Zahlen, und außerdem war die Zeit vorgerückt.

Man verließ das Comptoir; Bertha rollte ihre Großmutter in das Speisezimmer, und Frau Adeline, die, obgleich sie die Fabrik leitete, nichtsdestoweniger auch in ihrem Haushalte nachsah, ging in die Küche, um sich zu überzeugen, ob alles zum Anrichten bereit sei, wenn der Hausherr käme. Darauf kam sie ins Speisezimmer zurück und wartete.

»Geht die Uhr richtig?« fragte die Mama, »geht sie nicht vor?«

»Nein, Großmama,« erwiderte Bertha, »sie geht mit der auf Saint-Etienne.«

»Wie kommts, daß dein Vater noch nicht zurück ist? Sollte er den Zug verfehlt haben?«

Sie sagte das mit zitternder Stimme und in sichtlicher Unruhe, indem sie nach ihrer Schwiegertochter hinübersah, die ebenfalls von außerordentlicher Ungeduld erfaßt zu sein schien.

Alles lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit, als eilige Tritte sich im Hofe vernehmen ließen. Bertha lief und öffnete die Hausthüre.

Unmittelbar darauf trat Adeline, seine Tochter an der Hand, in das Speisezimmer. Er wandte sich sofort zu seiner Mutter, welche er küßte; dann umarmte er seine Frau und Leonie und zog seinen Ueberzieher aus, den er Bertha gab, während ihm Leonie seinen Hut abnahm.

Er trat an den Kamin, in welchem auf alten, sorgfältig gearbeiteten eisernen Feuerböcken große Scheite mit weißzüngelnder Flamme brannten.

»Brrr, es ist nicht warm,« sagte er, seine beiden Hände weit geöffnet an die Flamme haltend.

Seine Mutter und seine Frau betrachteten ihn beide voll Angst und suchten von seinem Gesichte abzulesen, was sie ihn nicht offen zu fragen wagten. Aber dieses heitere Gesicht mit den freundlichen Augen verriet keinen Kummer.

Plötzlich richtete er sich lebhaft in die Höhe, knöpfte seinen Rock auf, suchte in der Seitentasche und zog fünf Päckchen Banknoten heraus, die er seiner Frau hinreichte.

»Verwahre dies, bitte,« sagte er.

Die Mama ließ einen Seufzer der Erleichterung hören. Frau Adeline sagte nichts, aber die Hast, mit welcher sie nach den Banknoten griff, und die nervöse Art, wie sie sie zwischen ihre Finger preßte, ließ erraten, wie erregt sie war und von welchem Drucke sie sich befreit fühlte.

Sobald Frau Adeline wieder ins Speisezimmer zurückgekehrt war, setzte man sich zu Tische.

Selbstverständlich wurden an diesem Abend die persönlichen Angelegenheiten vor der Politik verhandelt und die Mama war die erste, die das Gespräch auf die Gebrüder Bouteillier brachte.

»Wie konnte ein so altes, ehrbares Haus von einer solchen Katastrophe ereilt werden?«

»Alter und Ehrbarkeit können ein Haus nicht retten,« erwiderte Adeline, »sie bewirken manchmal sogar das Gegenteil.«

Das wurde mit einer Bitterkeit gesagt, die überraschte, um so mehr, als er gewöhnlich außerordentlich wohlwollend war und die Dinge, selbst die schlimmen, aus dem Gesichtspunkte heiterer Lebensphilosophie nachsichtig beurteilte, wie die Menschen zu thun pflegen, denen stets das Glück gelächelt, die sich nicht über jede Fliege an der Wand ärgern, sondern überzeugt sind, daß das, was ihnen heute unbequem ist, morgen von der Bildfläche verschwunden sein werde.

Allerdings begnügte er sich mit jener Bemerkung und beeilte sich sogar, dies Wort, das ihm entfahren war, zu mildern. Die Katastrophe, welche die Bouteilliers betroffen, war nicht das, als was man sie anfänglich hingestellt hatte, es war nur eine Zahlungseinstellung, aber kein Bankrott infolge gänzlicher Insolvenz; es schien sogar gewiß, daß sie die Zahlungen bald wieder aufnehmen würden, und daß man an ihnen nicht viel verlieren werde.

Dies vervollständigte die Wirkung, welche die fünf Päckchen Banknoten hervorgebracht hatten, und führte die Heiterkeit auf die Gesichter zurück. Die Unterhaltung, welche anfangs gezwungen war, und auf welcher es wie ein Alp gelegen hatte, weil man sich nicht frei aussprechen wollte, kam allmählich wieder in ihr gewöhnliches Geleise.

»Was gibt es hier Neues?« fragte Adeline.

»Wir haben soeben den Besuch von Herrn Eck und Michel Debs gehabt,« erwiderte Frau Adeline.

»Und was wollte er, der Vater Eck?« sagte Adeline in gleichgültigem Tone, indem er sich einschenkte.

Bei dieser Frage erhob die Mama ihren Kopf und jetzt, nachdem sie von ihrer Angst wegen des Falliments Bouteillier befreit war, überlegte sie, was wohl dieser Besuch und diese Unterhaltung unter vier Augen bedeuten sollte. Warum hatte der Vater Eck nicht in ihrer Gegenwart sich ausgesprochen? Er war alt genug, dieser Jude, daß er auf ihre grauen Haare hätte Rücksicht nehmen können.

»Ich werde dir dies nach Tische erzählen,« sagte Frau Adeline.

»Wenn ich hier zu viel bin, so kann ich mich in mein Zimmer zurückziehen,« sagte die Mama in verletztem Stolze.

»O Mama!« rief Adeline aus.

»Sie wissen wohl, daß Sie nie zu viel sind,« sagte Frau Adeline gelassen. »Ich bitte, daß Sie, anstatt sich nach Tische in Ihr Zimmer zurückzuziehen, meine Mitteilung mit anhören.«

Es war keine Seltenheit, daß die auf ihr Ansehen stets eifersüchtige Mama in solcher Weise ihre Schwiegertochter angriff, und dann suchte Adeline, der nicht gern gegen seine Frau oder gegen seine Mutter Partei ergreifen wollte, durch eine mehr oder minder geschickte Wendung sich aus diesem Dilemma zu ziehen. Er griff zu folgendem Mittel: »Du weißt, Töchterchen,« sagte er zu Bertha, »daß ich an dich gedacht habe. Wie du es mir anbefohlen, bin ich am Dienstag und Freitag in der Akazienallee spazieren gegangen, aber so sehr ich mir auch alle eleganten Damen angesehen habe, das kann ich dir nicht sagen, ob in diesem Jahre die Mäntel lang oder kurz getragen werden. Ich habe welche gesehen, die bis auf die Schuhe, und andre, die eben ein bißchen über die Hüften gingen. Du kannst dir deinen daher machen lassen, wie du willst.«

»Wenn ich mir drei machen ließe,« sagte Bertha lachend, »einen langen, einen mittleren und einen kurzen?«

»Das ist eine Idee. Ich muß aber noch beifügen, um alles getreu zu berichten, daß ich wenig gewalkte Stoffe gesehen habe. Das ist zwar ärgerlich für Elbeuf, aber es ist nun einmal so.«

Nach seiner Tochter kam seine Nichte an die Reihe. Er hatte für sie zwei Kommissionen besorgt: er hatte den Atlas gekauft, den sie sich wünschte, und eine Schachtel farbiger Stifte bestellt, wie sie Papa Nourry haben wollte.

»Ich denke, daß er sich damit zufrieden geben und dich gleich seine Vögel zeichnen lassen wird.«

»O, besten Dank, Onkel, wie gut du bist!«

Die Mahlzeit dauerte nicht so lange wie gewöhnlich; kaum war das Dessert aufgetragen, so erhob sich Bertha und machte Leonie ein Zeichen, ebenfalls aufzustehen. Nicht die Anwesenheit der Mama war der Grund, welcher verhinderte, daß man von dem Besuche des Vater Eck sprach, sondern die ihrige. Bertha hatte dies begriffen und wollte den Augenblick des gegenseitigen Aussprechens nicht verzögern.

»Komm,« sagte sie zu ihrer Cousine.

Sie gingen in ihr Zimmer hinauf, während Adeline den Sessel seiner Mutter in das Comptoir rollte, dessen Thüre Frau Adeline schloß.

»Nun?« fragte sie.

»Nun ... Herr Eck hat bei mir soeben für seinen Neffen Michel um die Hand Berthas angehalten.«

»Der Vater Eck!« rief Adeline aus.

»Dieser Jude!« schrie die Mama, indem sie ihre vor Unwillen zitternden Hände gen Himmel hob.

Als Frau Adeline keine Antwort gab, fuhr die Mama fort: »Dieser Jude wagt, um unsre Tochter anzuhalten! Ein Deutscher!«

»Man darf nichts übertreiben,« sagte Adeline, »er hat ein größeres Recht als wir, für einen Franzosen zu gelten, weil er es durch eigne Wahl ist und weil er diese Ehre mit einem Teile seines Vermögens erkauft hat.«

»Glaubst du denn, daß, wenn er sein Interesse dabei gefunden hätte, Prussien zu werden, er es nicht geworden wäre?«

»Item, er ist es nicht.«

»Aber er ist ein Jude; du wirst nicht behaupten, daß er kein Jude sei!«

»Sicherlich nein.«

»Und du bewahrst deinen Gleichmut, wenn du siehst, daß er uns diese Beleidigung zufügt!«

»Ich bin zum mindesten ebenso überrascht wie ihr.«

»Ueberrascht! Ueberrascht bist du! Nimmst du an, daß es Ueberraschung sei, was mich von diesem Sessel, an welchen ich seit vier Jahren gebannt bin, in die Höhe reißt?«

»Nimmst du denn an, Herr Eck hätte uns beleidigen wollen?«

»Das ist gleichgültig, ob er es wollte oder nicht wollte; beleidigt hat er uns nichtsdestoweniger.«

»Ein Mann in einer Lebensstellung wie Herr Eck beleidigt nicht, wenn er um die Hand unsrer Tochter anhält.«

»Es handelt sich nicht um seine Lebensstellung, es handelt sich um seine Religion. Er ist doch ein Jude, nicht wahr? und sein Neffe ist es auch?«

»Mein Gott, Mama, erlaube mir zu bemerken, daß das ein Vorurteil aus einem andern Zeitalter ist. Die Zeiten sind vorüber, wo der Jude ein Paria war, das gibt es nicht mehr. Man braucht nur die Augen zu öffnen, um zu sehen, welchen Platz er heute bei uns einnimmt in der Finanzwelt, im Großhandel, in der Industrie.«

Und um der Unterhaltung die Heftigkeit und Gereiztheit zu benehmen, die seine Mutter hineingebracht hatte, fuhr er in scherzhaftem Tone fort: »Wenn es in gleichem Tempo weiter geht, so läßt sich leicht vorhersehen, daß binnen kurzem der Christ der Sklave des Juden sein wird. Lies doch die Berichte über die feinsten Gesellschaften, an der Spitze der aufgezählten Persönlichkeiten wirst du Juden finden.«

Aber anstatt seine Mutter zu beruhigen, brachte er sie außer sich.

»Ich bin sehr alt,« sagte sie, »ich bin gelähmt, ich habe keine Spannkraft mehr, keinen Einfluß und kein Vermögen mehr, um ihn zur Geltung zu bringen, ich zähle nicht mehr mit, aber ich bin doch noch deine Mutter, und ich werde dir niemals gestatten, über meinen Glauben zu spotten. Ah! Constant, die Kammer ist an deinem Verderben schuld. Das Zusammensein mit diesen Advokaten und Journalisten, die aus Gewohnheit das Für und Wider erörtern, und für die eine Ansicht ebenso gute Gründe finden, wie für die andre, hat dich zu dem gemacht, was sie selbst sind, zu einem Ungläubigen. Du weißt nicht mehr, was gut und was böse ist. Ihr nennt das Toleranz; aber es gibt keine Toleranz für das Schlechte, es muß vernichtet werden.«

Sie hatte stets einen starken Stock zur Hand, mit Hilfe dessen sie ihren Sessel vor- und rückwärts bewegte, wenn sie niemand herbeirufen wollte, um sie weiter zu rollen. Diesen ergriff sie und stieß ihn mit so kräftiger Hand auf den Boden, daß man daraus auf die Energie ihres Willens schließen konnte.

»Es muß vernichtet werden.«

Und es schien, als wollte sie mit den wiederholten Stößen ihres Stockes eher ein lebendes Wesen (sie dachte dabei zweifellos an den Vater Eck oder seinen Neffen) als ein wesenloses Ding, jenes Schlechte, das sie in Harnisch brachte, vernichten.

Adeline empfand für seine alte Mutter ebensoviel Liebe als Ehrerbietung, und sobald sie auf religiöse Fragen zu sprechen kam, suchte er, wenn er ihr nicht beipflichten konnte, das Gespräch fallen zu lassen oder demselben eine andre Wendung zu geben. Wozu auch eine Erörterung? Er wußte, daß er sie nicht bekehren könne, und seinerseits wollte er keine Versprechungen machen, die er nicht halten würde. Aber diesmal war es nicht eine mehr oder weniger theoretische Frage, die aufgeworfen worden war, sondern eine persönliche Angelegenheit, die von den schwerwiegendsten Folgen für seine Tochter sein, ja, bei der es sich um ihr Lebensglück handeln konnte.

»Ich bitte dich, Mama,« sagte er sanft, »laß dich nicht von deiner ersten Regung hinreißen. Bevor du den Antrag des Herrn Eck beleidigend nennst, wollen wir doch prüfen, unter welchen Umständen er gemacht wurde.«

»Immer die Umstände, die mildernden Umstände.«

Ohne seiner Mutter zu antworten, wendete er sich zu seiner Frau: »Hortense, erzähle uns, wie deine Unterhaltung mit Herrn Eck verlaufen ist.«

Er machte seiner Frau ein flüchtiges Zeichen, daß sie ihre Erzählung möglichst in die Länge ziehen solle. Unterdessen würde sich seine Mutter zweifelsohne beruhigen.

Frau Adeline verstand ihren Mann und berichtete fast wortgetreu, was Herr Eck zu ihr gesagt hatte.

Aber die Mama ließ sie nicht ausreden, ohne sie zu unterbrechen; bei den ersten Worten schon fiel sie ein: »Du siehst, daß diese Juden ihr Unrecht einsahen und den Widerwillen begriffen, den sie einflößen mußten, als sie sich hier niederließen und ehrliche Leute durch ihre Konkurrenz zu ruinieren drohten.«

»Ich bitte dich, Mama, erlaube, daß Hortense fortfährt, oder wir werden nichts erfahren.«

Frau Adeline begann von neuem, aber fast allsogleich unterbrach die Mama sie wieder: »Siehst dus! Mit deiner offnen Hand! Wozu brauchtest du ihnen entgegenzukommen? Alles Unheil hast du mit deiner Rede angerichtet. Ach, daß du doch auf mich gehört hättest!«

Als Frau Adeline mit Nachdruck von der Wertschätzung sprach, die alle Ecks und alle Debs für Adeline hegten, schüttelte die Mama ihr Haupt und murmelte: »Die Wertschätzung dieser Leute! Das ist fürwahr etwas Besondres! Damit brauchst du dich wahrlich nicht zu brüsten, wie du es thust.«

Frau Adeline fuhr ruhig fort und die Mama hielt nur mit Mühe an sich. Als aber ihre Schwiegertochter die Worte wiederholte, die die Schlußfolgerung des Vaters Eck darstellten: »Würde denn eine Firma Eck und Debs-Adeline so übel klingen? Der alte Baum würde neue Aeste treiben,« da stieß sie einen Schrei der Entrüstung aus: »Und ihr begreift nicht, ihr, daß diese Juden sich unsers Geschäftes bemächtigen wollen! Es liegt ihnen viel an der Tochter! Der Name ists, den sie wollen, das Geschäft, worauf sie spekulieren!«

Nach diesem Ausbruch trat einen Augenblick Stillschweigen ein. Die Mama blickte zu Boden und schien ihren Gedanken nachzuhängen, wobei ihre Lippen sich bewegten, ohne deutliche Worte hervorzubringen. Plötzlich und hastig ergriff sie die Hand ihres Sohnes: »Constant, die Wahrheit, man verschweigt sie mir, deine Frau, du selbst. Jetzt muß Klarheit werden. Wie steht es mit deinem Geschäfte? Bist du denn so krank, daß diese Leute daran denken dürfen, dich zu beerben?«

Er zögerte einen Moment, indem er seine Frau ansah.

»Nicht bei deiner Frau mußt du dir Rats erholen, sondern aus deinem Herzen, aus deinem Gewissen. Ich frage dich ? wirst du deiner Mutter nicht antworten?«

Er zögerte noch immer.

»Ist es wahr, was ich fürchte?« sagte sie weich, zärtlich.

»Ja!«

Sechstes Kapitel

Die Mama, noch wenige Minuten vorher so aufgeregt, hatte ihrem Sohne die Hand hingestreckt, und hielt nun, nachdem er sich zu ihr gesetzt, die dargereichte fest. »Mein armer Junge!« wiederholte sie, »mein armer Junge!«

»Du hast ganz recht, wenn du dich beklagst,« sagte er, nachdem er sich durch einen raschen Blick mit seiner Frau verständigt hatte, »es ist wahr, wir haben dir die Wahrheit verheimlicht.«

»Ah! Und warum? Gab es eine bessre Vertraute, einen andern Rückhalt, als deine Mutter?«

»Ich wollte dich nicht betrüben, dich nicht beunruhigen. Du hast Ruhe und Erholung nötig und du gerätst nur zu leicht in fieberhafte Aufregung. Welchen Zweck konnte es haben, dich wegen der Ungelegenheiten, die, wie es schien, nur von kurzer Dauer sein sollten, in Angst und Sorge zu versetzen?«

»Wenn ich auch alt bin, so bin ich doch nicht kindisch. Ich habe es nicht verdient, daß du so ungerechterweise mir diesen Kummer machst, dich mir zu entfremden! Ich begreife nicht, daß dir ein solcher Gedanke kommen konnte.«

Frau Adeline hatte das Prinzip, niemals zwischen ihrem Manne und ihrer Schwiegermutter zu vermitteln; freilich unter der Bedingung, daß man sie selbst direkt und indirekt aus dem Spiele ließ. In diesen letzten Worten fand sie aber eine Anspielung, als wenn sie einen Einfluß ausgeübt hätte, und sie wollte dies nicht ohne eine Bemerkung ihrerseits hingehen lassen.

»Erlauben Sie mir, Mama, Ihnen zu bemerken, daß es für uns nicht leicht war, über die mißliche Lage Klage zu führen, ohne den Anschein zu erwecken, als wollten wir die Verantwortlichkeit für die Situation bis zu dem Zeitpunkte zurückdatieren, wo wir die übermäßige Anstrengung machten, um Ihnen Ihren Anteil zurückzuzahlen; denn von jenem Augenblicke an gerade begannen die Verlegenheiten für uns. Wir hatten auf gute Jahre gerechnet, schlechte sind gekommen. Konnten wir bei jedem Verluste, bei jedem Rechnungsabschlusse Ihnen sagen: ?So steht es!? Wäre das taktvoll und zartfühlend gewesen? Weder Constant noch ich haben daran gedacht, ich habe ihn nicht mehr beeinflußt, als er mich. Das geschah wie durch eine zwischen uns getroffene stillschweigende Vereinbarung. Uebrigens dachte ich wie er, daß es wirklich nicht der Mühe wert sei, Sie in Unruhe zu versetzen wegen Verlegenheiten, welche nach unser beider Ansicht nicht lange andauern konnten.«

»Und wann seid ihr inne geworden, daß sie andauerten?«

»Da war es zu spät, um Ihnen einen so schweren Schlag zu versetzen.«

»Um es kurz zu machen, welcher Art sind sie denn?«

Auf einen Wink seiner Frau fuhr Adeline selbst fort: »Ein Wort wird es dir erklären: du hast die fünfzigtausend Franken gesehen, welche ich bei meiner Ankunft Hortense gab; woher glaubst du, daß sie kommen?«

»Von einem Bankier?«

»Von einem Freunde. Der Ausdruck Freund ist sogar noch etwas zu stark. Thatsächlich von einem einfachen Bekannten, an welchen ich niemals gedacht hätte mich zu wenden, der mir entgegengekommen ist und mich fast gezwungen hat, das Darlehen anzunehmen.«

Seine Frau blickte ihn dermaßen erstaunt an, daß er sich veranlaßt sah, sie sofort zu beruhigen.

»Es ist der Vicomte von Mussidan, von dem ich dir erzählte, welchen ich jedesmal treffe, wenn ich zu meinem Kollegen, dem Grafen von Cheylus gehe, ein feiner, scharmanter, gewandter Mensch. Ich dinierte gestern bei Herrn von Cheylus und der Vicomte von Mussidan war wie gewöhnlich da. Man sprach kaum von etwas anderm, als von dem Fallissement der Bouteilliers, welche in der Pariser Gesellschaft die gleiche Stellung einnahmen, wie im Geschäftsleben. Ohne einzugestehen, welche Verlegenheit mir dasselbe bereite, habe ich doch nicht verschwiegen, daß es für uns ein empfindlicher Schlag war und so ungelegen wie möglich kam. Als ich wegging, begleitete mich Herr von Mussidan, wir haben von den Bouteilliers des langen und breiten geplaudert; in der artigsten Weise hat er sich mir zur Verfügung gestellt und mich aufgefordert, ihn als Freund zu betrachten, er werde sich glücklich schätzen, mich zu verbinden; kurz er sagte alles, was ein liebenswürdiger Mensch sagen kann. Ich habe ihm gedankt, aber natürlich abgelehnt. Heute morgen kam er zu mir und hat seine Dienste von neuem so zu sagen aufgedrungen, so daß ich endlich seine fünfzigtausend Franken angenommen habe; er wäre wirklich böse geworden, wenn ich auf meiner Weigerung bestanden hätte.«

»Das ist recht merkwürdig,« sagte die Mama.

»Das wäre merkwürdig von seiten eines jeden andern, ist es aber durchaus nicht von ihm. Er ist, ich wiederhole es euch, der scharmanteste Mensch, dem ich noch begegnete, und wenn ich auch nicht sein Freund bin, so glaube ich doch sagen zu dürfen, daß er der meinige ist. Niemals hat mir jemand so viel Zuneigung bewiesen; wenn er Bertha kennte, so würde ich glauben, er habe die Absicht, mein Schwiegersohn zu werden.«

»Vielleicht will er ganz einfach der des Hauses Adeline sein,« sagte die Mama.

»Ich glaube nicht, daß das Haus Adeline viel zu bedeuten hat bei einem so weltgewandten jungen Manne, der wie er in Kreisen verkehrt, in welchen man von dem Rufe eines Handlungshauses nicht viel Aufhebens macht. Wie dem nun aber auch sei, die Sache liegt einfach so: er hat mir die fünfzigtausend Franken geliehen und uns damit einen großen Dienst geleistet, für den wir ihm erkenntlich sein müssen.«

»Ists so weit mit dir, mein armer Junge,« rief die Mama aus, »daß du keine fünfzigtausend Franken mehr auftreiben kannst?«

»Nein, Gott sei Dank, aber es ist doch so weit, daß ich demjenigen Dank weiß, welcher mir die Mühe erspart, sie aufzutreiben. Am Tage nach dem Bouteillierschen Krach, in welchen man uns verwickelt weiß, ist es wesentlich, daß in unsern Kreisen nicht die Ansicht Platz greife, als könnte ich plötzlich fünfzigtausend Franken nötig haben. Für unsern schon recht ins Wanken gekommenen Kredit wäre das schlimm. Das Darlehen dieses braven Menschen läßt uns Zeit, zu Atem zu kommen und einen Ausweg zu finden. Nicht wahr, Hortense?«

»Ganz gewiß, besonders wenn, wie du hoffst, die Bouteilliers ihre Zahlungen wieder aufnehmen.«

»Was hat übrigens,« fragte die Mama, »diese Situation herbeigeführt? Wie ist es dahin gekommen?«

»Ah! Wie? Wie?« sagte Adeline mit einem mutlosen Kopfschütteln.

»Es ist doch gewiß nichts gegen Hortense zu sagen,« fuhr die Mama fort, »sie verwaltet das Geschäft so gut wie möglich.«

»Wenn die Verwaltung allein das Gedeihen eines Hauses ausmachte, so stünden wir glänzend; unglücklicherweise genügt das nicht, es muß Direktion da sein, es sind glückliche Konjunkturen nötig, und die Direktion ist schlecht gewesen, wie die Konjunkturen seit einigen Jahren unheilvolle waren.«

»Die Direktion schlecht?« unterbrach die Mama; »aber du bist ja der Direktor.«

»Nun wohl, ich bin ein schlechter Direktor gewesen. Der Erfolg hat mich eingelullt, wie sich auch noch andre als ich in Elbeuf haben einlullen lassen. Wir befanden uns wohl, wir glaubten, wir brauchten bloß so fortzufahren uns wohl zu befinden, wir würden stets den Export in Händen haben und würden den Import aus dem Felde schlagen, weil wir ihm über wären. Aber in demselben Maße, in welchem das Ausland sein Handwerkszeug vervollkommnete, hat der Export abgenommen und die Einfuhr schlägt uns aus dem Felde, weil man in Frankreich das Neue und Originelle liebt und weil die Kommissionäre wie die Schneider ein Interesse daran haben, Stoffe, deren wahren Wert man nicht kennt, zu beliebigem Preise zu verkaufen. Im Bewußtsein unsrer Ueberlegenheit beharrten wir bei unsern Spezialitäten und anstatt mit Hilfe der Fachwissenschaften das Verständnis für Reformen und Rührigkeit herauszubilden, haben wir gottselig in der Vergangenheit dahingelebt, im Vertrauen auf unser ?Gewalktes?, ohne zu merken, daß das ?Gewalkte? nicht ewig dauern könne. Die Mode will nichts mehr davon wissen, jetzt sind wir hintendran! Was hilft es, daß wir gute Ware fabrizieren, wenn man unser Fabrikat nicht haben will und wir es mit Schaden verkaufen? In dieser Hinsicht ist meine Direktion nichts wert gewesen. Stolz auf meine Ueberlegenheit habe ich wie ein Künstler gehandelt, nicht wie ein Kaufmann.«

»Du hast als ein Adeline gehandelt,« sagte die Mama.

»Vielleicht! Aber während ich ein Adeline der Vergangenheit war, waren andre Männer ihrer Zeit und hielten mit ihr Schritt, anstatt wie ich unthätig zu bleiben. Man hält uns oft Roubaix vor und manchmal mit Recht, insbesondre was seine Findigkeit in der Nachahmung und Vervollkommnung der Gewebe und in dem Anpassen seines Handwerkszeugs für Herstellung der Modeartikel anlangt. Hier ist die Quelle des Gedeihens seiner Industrie zu suchen. Die Geschmeidigkeit und der Unternehmungsgeist gerade haben es veranlaßt, die Lyoner Artikel in Möbelstoffen und leichter Seide zu fabrizieren, ebenso wie die Ware von Saint-Pierre-lès-Calais; und auf ihren mechanischen Webstühlen weben sie Spitzen und Kleiderzeuge aus Wolle und Schappe, buntes Rouener Baumwollzeug, Elsässer Kattune und englisches Tuch. Wenn morgen damit Geld zu verdienen ist, daß man Packtuch webt, wird Roubaix Packtuch weben und zwar ebenso gut als die teuren Stoffe. Von dem Tage an, an welchem die Mode sich dafür erklärte, die Damenkleider aus leichten, gemusterten Stoffen herzustellen, hat Roubaix leichte, gemusterte Stoffe fabriziert. Dann hat es den Engländern in den Nouveautés für Herrenkleider den Rang abgelaufen und hat sie besser und billiger als jene fabriziert. Auf diese Art und Weise ist es auch mit uns in Konkurrenz getreten, unterstützt durch die Schneider, welche Roubaixer Ware billiger kaufen als Elbeufer und sie als englische zu beliebigem Preise absetzen. Es gilt für gewöhnlich, sich in Elbeufer Tuch, für Schick, sich in englisches ? aus Roubaix ? zu kleiden. Einen Augenblick habe ich daran gedacht, denselben Weg einzuschlagen.«

»Ich habe dich oft genug darum gebeten,« unterbrach ihn Frau Adeline.

Die Mama warf ihrer Schwiegertochter, der sie mehr als einmal vorgehalten, daß sie eine schlechte Elbeuferin sei, einen unwilligen Blick zu.

»Es war Elbeuf gewiß ebensogut möglich wie Roubaix, die Modeartikel herzustellen und die Maschinenweberei einzuführen; außerdem gehört dieser allein unzweifelhaft die Zukunft. Aber welche Schwierigkeiten bietet die gegenwärtige Lage! Wo die Arbeiter hernehmen, die im stande sind, jene Webstühle zu handhaben? Wie sie von heute auf morgen auf dieses neue Verfahren einschulen? Wie es anfangen, daß sich ihr Gefühls- und Gesichtssinn derart verfeinert, um plötzlich statt unseres groben Fadens feinen Faden zu verarbeiten? Der mit der Hand getriebene Webstuhl macht fünfundzwanzig Schläge in der Minute, der mechanische Webstuhl sechzig bis siebzig. Um der Geschwindigkeit, mit welcher diese Webstühle arbeiten, nachzukommen, bedarf es flinker Hände und scharfer Augen, die unsre Arbeiter gegenwärtig nicht haben und die man sich nicht in einem Tage erwirbt.«

»Niemals wird man eine schöne Nouveauté mit den mechanischen Webstühlen herstellen,« beteuerte die Mama mit Ueberzeugung, »Roubaixer Ware, englische Ware vielleicht, aber Elbeufer nie.«

Ohne sich mit seiner Mutter über diesen Punkt auf eine weitere Erörterung einzulassen, was doch zwecklos gewesen wäre, fuhr er fort: »Noch ein andrer Grund hat mich zurückgehalten ? die Geldanlage für die Einrichtung. Um eine jährliche Produktion im Betrage von drei Millionen zu ermöglichen, muß man über hundertzwanzig Webstühle, die die Aufträge ausführen, verfügen können. Das macht, jeden Webstuhl zu zweitausendfünfhundert Franken gerechnet, dreihunderttausend Franken. Immobilienkonto, Dampfmaschine und Hilfswerkzeug muß man zu zweihunderttausend Franken veranschlagen. Das Färben und Spinnen, was vorteilhafter auswärts besorgt wird, lasse ich dann wohlverstanden außer Ansatz, aber ich berechne die Geräte und Maschinen zur Wäscherei, Walkerei und Appretierung, und die kosten nicht weniger als zweihunderttausend Franken. So rechne ich also eine Summe von siebenhunderttausend Franken heraus. Die hatte ich nicht.«

Dies wurde leichthin und mit gedämpfter Stimme gesagt, als sei es nicht direkt an die Mama gerichtet. Und um ihr keine Zeit zum Ueberlegen zu lassen, fuhr er sogleich fort: »Endlich hat noch ein nicht minder wichtiger Grund andrer Art mich davon abgehalten. Was unsre Elbeufer Arbeit, die du, Mama, mit Recht liebst, Gutes hat, das ist, daß sie zum großen Teil beim Arbeiter selbst gethan wird, der nicht mit dem Glockenschlage geht und kommt, sondern bei den Seinen zu Hause bleibt ? ob er nun in der Stadt oder auf dem Lande wohnt ? und Frau und Kinder in seinem Gewerbe unterweist. Die Individualität wird gewahrt und mit ihr der Familiensinn. In der Fabrik dagegen verschwindet die Individualität wie die Familie; der Arbeiter verliert sogar seinen Namen und wird eine Nummer; er muß vom Dorf in die Stadt wandern, wo der Mann von seiner Frau, die Kinder von Vater und Mutter getrennt sind. Man sitzt nicht mehr gemeinschaftlich bei der Suppe, die die Mutter gekocht hat, man geht notgedrungen in die Schenke zum Essen und kehrt dann zum Trinken dahin zurück. Ich habe nicht den Mut gehabt, die Verantwortlichkeit für diese soziale Umgestaltung auf mich zu nehmen. Ich weiß ganz gut, daß sowohl in landwirtschaftlicher als auch in industrieller Beziehung alles uns dahin zu führen droht, eine neue Feudalherrschaft zu schaffen. Aber ich meinerseits wollte bei diesem Werke nicht Hand anlegen. Gerade der Umstand, daß ich ein Adeline bin, dem durch eine zweihundertjährige Gemeinsamkeit der Lebensbedingungen mit dem Arbeiterstande bestimmte Pflichten auferlegt sind, ließ mich zurückweichen. Ohne Zweifel werden andre ? und schon demnächst ? das thun, was ich nicht thun wollte. Aber ich werde mich ihnen nicht anschließen und das genügt mir zur Beruhigung meines Gewissens. Ich bilde mir nicht ein, den Lauf des Schicksals aufhalten zu können. Aus allen diesen Gründen ? und ich komme damit auf unsern Ausgangspunkt zurück ? finde ich, daß man den Antrag des Herrn Eck nicht in schroffer Weise ablehnen darf. Meine Aufgabe ist zu Ende, die ihrige beginnt; sie stehen mitten in der Bewegung.«

»Nichts von alledem, was du nur sagst, beweist, daß dein Geschäft nicht mehr geht,« unterbrach die Mama; »geht es nicht mehr?«

»Ich bin, wenn auch nicht lahmgelegt, so doch gehemmt, das ist die nackte Wahrheit.«

»Nun wohl, arbeite langsam, vorsichtig, warte ab, bis die Mode umschlägt und unsre Artikel wieder zur Geltung kommen. Die jungen Leute werden es überdrüssig werden, sich wie englische Grooms zu kleiden und sich dem auszusetzen, daß man ihnen ein Trinkgeld in die Hand drückt. Was gut und schön ist, kehrt immer wieder.«

»Abwarten! Wie lange warten wir schon ab! Es geht uns wie denen in Reims, wo Väter und Söhne Merino fabrizierten und reich dabei wurden und wo man fortfährt, Merino zu fabrizieren, obgleich sich dafür nur noch schwer Absatz findet; man wartet ab, daß er wieder in die Mode komme und ruiniert sich dabei.«

»Nun wohl, dann ziehe dich vom Geschäfte zurück und lebe von dem, was dir bleibt, von dem, was du aus dem Schiffbruche rettest. Besser, das Haus Adeline geht zu Grunde, als in die Hände dieser Juden über.«

»Und Bertha?«

»Besser, daß sie sich nie verheiratet, als daß sie die Frau eines Juden wird!«

Siebentes Kapitel

»Und du?« fragte Adeline seine Frau, als sie in ihr Zimmer traten, »sagst du auch wie die Mama: ?Besser, daß Bertha sich nicht verheiratet, als daß sie die Frau eines Juden wird??«

»Paßt dir denn diese Heirat?«

»Und paßt sie dir nicht?«

»Ich gestehe, daß der Gedanke daran mir nie gekommen war.«

»Hast du irgend welche Bedenken gegen Michel Debs?«

»Keine.«

»Findest du nicht, daß er ein hübscher Bursche ist?«

»Sicherlich.«

»Intelligent, vernünftig, solid, arbeitsam!«

»Ich habe niemals etwas gegen ihn vorbringen hören.«

»Und im Gegenteil haben wir, du, ich, die andern, hat alle Welt sagen hören, daß von den Kindern Eck und Debs er derjenige ist, welcher an der Spitze dieser schönen Vereinigung von Brüdern und Vettern steht, und daß er ohne jeden Zweifel einmal die Leitung des Geschäfts übernehmen wird, wenn der Vater Eck sich zurückzieht.«

»Das ist wahr.«

»Nun gut also, was hindert dich, einzugestehen, daß seine Frau glücklich werden kann?«

»Das bestreite ich nicht ? und doch ...«

»Was?«

»Er ist Jude.«

»Dann wollen wir von dieser Heirat nicht mehr reden. Wenn die Mama und du gegen ihn seid, das genügt, dann sind wir zu Ende.«

»Wünschst du sie denn?«

»Ich weiß nicht. Aber offen gesagt, ich kann Michel nicht aus dem Grunde allein abweisen, weil er Jude ist. Meiner Auffassung nach ist ein Jude ein Mensch wie ein andrer, gut oder schlecht, je nach seiner besondern Charakteranlage; in seiner Eigenschaft als Jude ist er aber oft intelligenter, mehr darauf bedacht, zu gefallen, liebenswürdiger im Verkehr, gefälliger, prompter, geschäftsgewandter als viele andre. Ich kann daher dein Vorurteil nicht teilen.«

»Es richtet sich viel mehr gegen die Seinigen, als gegen ihn selbst, dieses Vorurteil.«

»Das ist schon etwas.«

»Ich halte, ebenso wie du, Michel für einen liebenswürdigen Menschen, und wenn ich ihn zum erstenmal sähe, wenn man mir die guten Eigenschaften, die ich ihm willig zugestehe, aufzählte, wenn man mir sagte, daß er meine Tochter zu heiraten wünsche, ohne mich gleichzeitig wissen zu lassen, daß er Jude ist, dann wäre ich gern bereit, ihn als möglichen Schwiegersohn in Betracht zu ziehen ... vielleicht sogar als einen wünschenswerten. Aber er steht nicht allein, er hat die Seinigen um sich, er hat seine Großmutter; und als mir Herr Eck seinen Antrag machte, da, versichere ich dich, schwebte mir nur eins vor Augen: was Bertha in dem Hause jener alten fanatischen Jüdin für ein Leben führen würde.«

»Und warum müßte Bertha in dem Hause der Frau Eck und unter deren Aufsicht leben? Das ist durchaus nicht nötig, scheint mir. Ueberdies lebt die alte Frau Eck so zurückgezogen, daß sie die Ihrigen wohl nicht belästigt. Ich gebe zu, daß, wenn alles wahr ist, was man von ihr erzählt, sie ein wunderliches Dasein führt; aber du weißt so gut wie ich, daß ihre Kinder es ihr nicht nachmachen und daß sie keine andern Sitten und Lebensgewohnheiten haben, als wir Christen auch.«

»Also willst du diese Heirat?« sagte Frau Adeline mit einer Art gelinden Schreckens.

»Ich will sie und will sie nicht; ich bin nicht dawider und finde die Sache ausführbar, das ist die Wahrheit. Es gibt indes jemand, den die Sache noch näher angeht als uns, das ist Bertha; und ich meine, bevor wir ?ja? oder ?nein? sagen, muß Bertha befragt werden. Für Mama würde diese Heirat der Greuel aller Greuel sein; für dich, die einer andern von Toleranz durchdrungenen Zeit angehört, hat sie etwas Beunruhigendes, ohne daß du jedoch ernsthafte Gründe und etwas andres als eine unbestimmte, instinktive Abneigung dagegen geltend zu machen wüßtest; für Bertha ist sie vielleicht die Erfüllung eines Wunsches. Davon müssen wir uns überzeugen. Wenn sie ?ja? sagte, so wäre das ein geradezu merkwürdiges Sichhinaussetzen über die Vorurteile, aber, offen gestanden, wundern würde es mich nicht.«

Frau Adeline hatte das dem Erlöschen nahe Feuer wieder angefacht, sie ließ ihren Gatten vor den Kamin sitzen und nahm an seiner Seite Platz.

»Also Bertha willst du zu Rate ziehen?« fragte sie.

»Muß das nicht unsre erste Sorge sein? Ich möchte sie ebenso ungern gegen ihren Willen verheiraten, als ich möchte, daß sie sich gegen meinen Willen verheiratet.«

»Und deine Mutter?«

»Beschäftigen wir uns zunächst mit Bertha. Wenn sie von Michel nichts wissen will, so ist es überflüssig, uns mit Mama zu befassen; entgegengesetzten Falls, wenn ihr diese Heirat zusagt, dann werden wir sehen, was wir mit der Mama anfangen ... und mit dir.«

»Oh! ich will bloß, was du willst und was Bertha will. Es ist klar, daß der Widerwille, mit welchem ich den Antrag des Herrn Eck aufnahm, nicht meiner ruhigen Ueberlegung entsprang; ich erkenne an, daß Michel nichts vorzuwerfen ist, und wenn er auch nicht der Schwiegersohn ist, den ich mir ausgesucht hätte, so ist er doch ein Schwiegersohn, dem ich nicht die Thüre weisen werde. Darum komme ich gar nicht in Betracht. Aber deine Mutter? Du befragst Bertha und sie wird dir erwidern ? so vermute ich ?, daß sie sich glücklich schätzt, Michels Frau zu werden. Ich kann kaum glauben, daß sie, wenigstens bis jetzt, in ihm den künftigen Gatten erblickt hat und daß sie für ihn ein wärmeres Gefühl hegt. Aber an dem Tage, an welchem du ihr von dieser Heirat sprichst, kann dieses Gefühl erwachen und sich schnell entwickeln, denn ich gestehe bereitwillig, daß Michel ein hübscher Bursche ist und es besser als irgend jemand versteht, liebenswürdig zu sein, wenn er gefallen will. Was wird dann geschehen? Entweder störst du dich nicht weiter daran, und dann machen wir deine Mutter unglücklich; in ihrem Alter, mit ihren eigenwilligen Ideen ist das sehr bedenklich und die Verantwortlichkeit lastet schwer auf uns. Oder du gibst der Weigerung deiner Mutter nach, und dann, wenn jenes Gefühl erwacht ist, machen wir Bertha unglücklich.«

»Ich werde mich nicht daran stören und habe die Ueberzeugung, daß die Mama, die, wie du, zuerst überrascht war, schließlich Vernunft annehmen wird.«

Frau Adeline erhob mit einer Gebärde des Zweifels die Hand: sie kannte die Mama besser, als der Sohn die Mutter kannte, und wußte aus Erfahrung, daß man ihr keine Vernunft beibringen konnte.

»Auch zugegeben,« sagte sie, »daß du die Einwilligung deiner Mutter erlangtest, so ist die Sache doch noch nicht im reinen. Dieser Heirat steht noch ein Hindernis im Wege, das in uns selbst liegt, das unsre Situation mit sich bringt, und das weder du noch ich heben können ? das ist die Mitgift. Können wir Herrn Eck sagen, daß wir unsre Tochter verheiraten, ohne sie auszusteuern? Und können wir dies Geständnis machen, ohne gleichzeitig unsre bedrängte Lage einzugestehen? Ich will von meinem Vorurteil absehen und nicht behaupten, daß Michel, weil er Jude ist, ein Mädchen ohne Mitgift ausschlagen wird, und um so eher, da er auf ein gewisses, wahrscheinlich zum voraus schon taxiertes Vermögen rechnen darf. Aber er ist Kaufmann, und wie viele Kaufleute wirst du finden, die, in den gleichen Vermögensverhältnissen wie die Eck und Debs, ein Mädchen um seiner schönen Augen willen heiraten möchten? Wir können es daher verhüten, unsre Schande einzugestehen, und Bertha die Demütigung eines verfehlten Heiratsprojekts ersparen. Ist es klug, uns einer derartigen Schlappe auszusetzen, welche eintretenden Falls nicht nur für Bertha, sondern auch für unsern Kredit die unheilvollsten Konsequenzen nach sich ziehen würde? Bedenke dirs wohl.«

Diese letzte Ermahnung wäre nicht nötig gewesen. Während seine Frau redete und die Gründe darlegte, welche gegen diese Heirat sprachen, beugte sich Adeline, der ihr zuerst aufmerksam zugehört hatte, immer mehr und mehr über das Feuer ? ganz in schmerzliches Nachdenken versunken.

»So viele Jahre der Arbeit,« murmelte er, »so viele Anstrengungen, so viele Kämpfe, deinerseits so viele Sorgen, so viele Beschwerden, so viel Energie ? und das ist das Ende! Arme Bertha! Warum habe ich nicht auf dich gehört, als es noch Zeit war!«

Sie betrachtete ihn, wie er sich so traurig über das Feuer beugte, das sein ergrauendes Haupt beleuchtete. Welche Verwandlung war in der letzten Zeit mit ihm vorgegangen! Wie hatte er schnell gealtert, er, der bis zu seinem vierzigsten Jahre so jugendlich geblieben war! Welch tiefe Falten hatten sich auf seinem frischen Gesichte eingegraben; seine sonst sanften und meist freundlich blickenden Augen hatten einen Ausdruck von Traurigkeit und Unruhe angenommen.

»Wenn man noch,« sagte er, seinem Gedankengange folgend und mehr zu sich als zu seiner Frau redend, »wenn man noch erraten könnte, wann und wie das enden wird! Es ist sehr unklug, ja strafbar gewesen, daß ich nicht auf dich gehört habe.«

Frau Adeline gehörte nicht zu den Frauen, welche ihrem Manne die Pistole in die Hand drücken, wenn er sich erschießen will. Wenn er sich Kummer machte, heiterte sie ihn auf; wenn er mutlos wurde, sprach sie ihm Mut zu, und wenn er den Kopf verlor, so brachte sie ihn wieder zu sich.

»Ich hatte nur den unmittelbaren Vorteil im Auge,« sagte sie; »aber glaube mir nur, daß ich das ganze Gewicht der Gründe, welche dich zurückhielten, begriff. Wenn man dreißig Jahre alt ist und sich seine Stellung schaffen muß, kann man ein solches Wagnis unternehmen; aber in deinem Alter und deiner Stellung war es weise und natürlich, dieselbe nicht aufs Spiel zu setzen. Ich werde die letzte sein, die dir einen Vorwurf daraus macht, daß du zurückhieltest.«

»Deine Vorwürfe würden mir weniger weh thun, als die, die ich mir selbst mache, denn du hast nur die triftigen Gründe, die mich zurückhielten, in Betracht gezogen und ? so gut du mich sonst kennst ? diejenigen, welche ich dafür ins Feld führte, als ich nahe daran war, dir nachzugeben, blieben dir verborgen. Eines Tages, es sind jetzt drei Jahre her, das heißt zu einem Zeitpunkte, wo wir noch die Mittel hatten, unsre Fabrikation umzugestalten, war ich entschlossen. Ich hatte alles erwogen und war am Ende meiner Berechnung zu dem Schlusse gelangt, überzeugend und klar wie die Sonne, daß darin unser Heil zu suchen sei. Ich war im Begriff, es dir zu schreiben, und hatte schon die Feder angesetzt, als mir eine letzte Schwäche, eine Art Gewissensheuchelei Einhalt gebot. Anstatt an dich hierher nach Elbeuf zu schreiben, schrieb ich nach Roubaix, um Auskunft über den Preis, den unsre Konkurrenten für Kohlen und Gas und den laufenden Meter Mauerwerk zahlen, zu erholen. Den zweitnächsten Tag erhielt ich die Antwort: Die Kohlen, für die wir zweihundertvierzig Franken per Waggon zahlen, kosten dort hundertzwanzig Franken; das Gas, dank der für den Verbrauch gezahlten Prämien, kostet fünfzehn Centimes der Kubikmeter; der Oberbau endlich für industrielle Etablissements stellt sich auf zweiundzwanzig Franken per Meter. Du siehst, ohne daß ich nötig hätte, es dir zu wiederholen, was ich mir alles gesagt habe; und da ich nur nach einem Vorwand und einer Rechtfertigung für meine Unthätigkeit suchte, schrieb ich dir nicht. Die Dinge gingen ihren Lauf, während ich mir stolz die Gründe vorsagte, die mich lahmlegten, und das Ende war, daß wir auf dem Punkte ankamen, wo wir heute sind.«

Er erhob sich und begann erregt mit großen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen. »Glücklich diejenigen,« rief er aus, »die nur die eine Seite der Dinge sehen, sie können einen Entschluß fassen und handeln, sie besitzen Mut und Sprungkraft. Ich bin, was man so nennt, ein guter Kerl, ich liebe euch zärtlich, dich und Bertha, ich habe nur euer Bestes gewollt und habe euer Unglück verschuldet. Liegt der Fehler in meinem Charakter, in meiner Erziehung? Liegt es an der Sphäre, in der ich die schönen Jahre meines Lebens hinbrachte, ruhig, glücklich, ohne genötigt zu sein, Entschlüsse zu fassen, welche Verantwortlichkeiten nach sich zogen? Stets, sobald ich mich einem Hindernis gegenübersehe, mache ich davor Halt, als wenn es, während ich zuwarte, von selbst verschwinden, versinken oder davonfliegen werde.«

»Du allein beklagst dich darüber, zu gewissenhaft zu sein,« sagte sie zärtlich; »du bist der beste der Männer.«

»Was hat sie genutzt, diese Güte? Was habe ich für euch gethan? Wenn ich morgen sterbe, was wird aus euch? Das Vermögen, welches mir meine Eltern hinterließen, hinterlasse ich euch nicht. Wenn du allein, frei gewesen wärest, hättest du diese Vermögenslage verbessert; ich, der beste der Männer, wie du sagst, habe sie geschädigt, und heute gräme ich mich ab, daß ich unsre Tochter nicht so verheiraten kann, wie ich gern gewollt hätte. Ich hatte mich in so schöne Träume eingewiegt, als wir noch die Adelines von ehemals waren! Kaum in der weiten Welt wußte ich genug junge Männer aufzufinden, um unter ihnen meine Wahl zu treffen. Und jetzt!«

Er machte mehrere Gänge durchs Zimmer. Dann blieb er vor seiner Frau stehen: »Nun wohl, diesmal werde ich es mit dieser Heirat nicht wiederum so machen, wie ich es mein ganzes Leben lang gemacht habe, indem ich mir vorrede: es ist recht schwer, ?ja? zu sagen, aber andrerseits ist es recht schwer, ?nein? zu sagen, und abwarte, daß die Hindernisse von selbst verschwinden. Solange mein Ich in Frage kam, konnte ich von einer solch verderblichen Unschlüssigkeit sein; nun, da Bertha in Betracht kommt, soll es anders werden. Morgen gehe ich mit ihr nach Thuit, und dort in der Stille traulichen Zusammenseins will ich sie befragen.«

Das sagte er im Tone der Entschlossenheit; aber sogleich kam sein wahrer Charakter wieder zum Vorschein: »Indessen will sie vielleicht von dieser Heirat gar nichts wissen.«

Achtes Kapitel

In einer Familie ist die Mutter nicht immer die Vertraute ihrer Töchter: manchmal ist es der Vater, den sie dazu ausersehen. Dies war auch bei Adelines der Fall, wo Bertha, ob sie zwar ihre Mutter zärtlich liebte, ungezwungener und mitteilsamer gegen ihren Vater war.

Stets beschäftigt, mit Arbeit überhäuft und von allen in Anspruch genommen, hatte Frau Adeline niemals mit dem endlosen Geplauder, in dem sich die Kinder gefallen, ihre Zeit verloren. Wenn Bertha, damals noch ganz klein, ins Comptoir gelaufen kam, um ihre Mama zu küssen und sich küssen zu lassen, schickte diese sie zwar nicht fort, aber sie ließ sich nicht so lange liebkosen, als das Kind wollte, sie hielt sie nicht in ihren Armen fest, sie puppelte sie nicht, wie die Kleine es verlangte, nicht einmal, daß sie sie auch nur zärtlich anblickte und mit der Hand streichelte, was sich die Kinder stets gern gefallen lassen und worauf sie so großen Wert legen. Wenn die Mutter ihr einen herzlichen Kuß gegeben hatte, nahm sie die Feder wieder in die Hand und setzte ihre Arbeit fort: ihre Minuten waren gezählt.

Ihren Vater dagegen hatte Bertha immer bereit gefunden, sich mit ihr zu befassen, ohne daß er ihr je die Antwort gegeben hätte, die sie von ihrer Mutter zu vernehmen gewöhnt war: »Laß mich arbeiten.« Er hatte nichts zu arbeiten, wenn sie spielen wollte, und was er auch zu thun hatte, er that es nur, wenn sie ihm Zeit dazu ließ. Und häufig sogar fing er selbst an, ohne abzuwarten, daß sie zu ihm kam. Dazu war er darauf bedacht, ihr in allen Stücken den Willen zu thun; er war ein Kind mit dem Kinde, ein Jüngling, als sie Jungfrau geworden. Wie oft hatte er Verstecken hinter den Tuchballen und in den Schränken mit ihr gespielt! Wie viele Visiten hatte er den fünfzehn oder zwanzig Puppen gemacht, die Berthas Familie bildeten. Sie alle hatten ihren Namen und ihre Geschichte, und er ließ sich die Mühe nicht verdrießen, dies alles auswendig zu lernen, ohne je etwas zu vergessen oder von seinen Enkelchen und Enkelinnen eins mit dem andern zu verwechseln. Diese Leidenschaft Berthas für ihre Puppen verminderte sich nicht, als sie älter wurde, und als sie aus dem Kloster zurückgekehrt war, hatte sie ihre Kinderspiele mit ebensolchem Ernst und ebensolch mütterlicher Zärtlichkeit wieder aufgenommen, wie als kleines Mädchen. Sie wurde nicht böse, wenn ihre Großmutter und ihre Mutter sie auslachten, aber sie wußte ihrem Vater Dank, daß er die Sache ernst nahm und sie verteidigte.

»Verspottet sie nicht,« sagte er wiederholt; »die kleinen Mädchen, welche ihre Puppen am zärtlichsten lieben, sind dieselben, welche später ihre Kinder am zärtlichsten lieben; das mütterliche Gefühl zeigt sich in jedem Alter.«

Er ließ es bei den Worten nicht bewenden und machte manchmal noch ganz gern, wie zehn Jahre zuvor, »den Herrn, der zu Besuch kommt«, »den Herrn Doktor«, und vor allem »den Großpapa«, der aus Paris zurückkommt und die Taschen voll von Ueberraschungen für die Kinder seiner Tochter hat.

Unter diesen Umständen war es daher ganz natürlich, daß Adeline es übernahm, mit Bertha von dem Antrage des Michel Debs zu reden. Er hatte oft genug die Rolle des »Notars« oder des »Familienfreundes« gespielt, welcher mit der »Mama« die Heiratspläne für »Hansel und Gretel« besprach, so daß er auch im Ernste diese Rolle spielen und aufs beste den »Papa« machen konnte.

Am Morgen des folgenden Tages hatte sich der Wind, der die Nacht über geweht, gelegt, und als um acht Uhr Vater und Tochter in die alte Kalesche stiegen, war der Himmel klar, wolkenlos, gen Osten in rosafarbene und grünliche Tinten getaucht, wie man es oft im November nach starken Regengüssen beobachtet. Obgleich der Kutscher schon auf dem Bocke saß, fuhr man nicht sogleich ab, weil man noch das Frühstück in den hinteren Kutschkasten einpacken mußte, womit sich Frau Adeline unter Beihilfe von Leonie befaßte. Den Winter über befand sich kein Dienstbote in Thuit, und wenn man dort zu essen beabsichtigte, mußte man das Erforderliche, das man zu den frischen Eiern der Pächterin verzehren wollte, mitnehmen. Endlich wurde der Kasten zugemacht.

»Glückliche Reise!«

»Auf Wiedersehen heute abend!«

Von der Rue Saint-Etienne fuhr der Wagen durch die Rue de lHospice, um die Anhöhe von Bourgtheroulde zu gewinnen. Da es warmes Wetter war, hatte man die Wagenfenster offen gelassen. Als sie um die Ecke der Rue Thuit-Anger bogen, erblickte Adeline Michel Debs, der von der entgegengesetzten Seite kam.

»Sieh da, wie kommt denn Michel Debs hierher?« sagte er.

»Wir wollen ihn fragen,« antwortete Bertha lachend.

»Das lohnt nicht der Mühe.« Man grüßte sich, und zum erstenmal fiel es Adeline auf, daß in dem Blicke Michels wie in dem Neigen seines Kopfes und dem Grüßen mit dem Arme etwas Eigenartiges lag, das von dem Gruße andrer Leute verschieden war. Wie kam es, daß er dies bisher nicht gesehen hatte?

»Wußte Michel Debs, daß wir diesen Morgen nach Thuit fahren würden?« fragte Adeline, als sie vorbei waren.

»Wie konnte er es wissen?«

»Du hättest es ihm gestern abend sagen können.«

Bertha erwiderte nichts.

Da dies zufällige Zusammentreffen das Gespräch auf Michel gebracht hatte, fragte sich Adeline, ob er die Gelegenheit nicht benutzen solle, um dasselbe fortzusetzen. Aber es handelte sich nicht mehr um »Hansel und Gretel«, und er fand, daß er hier im Wagen nicht die ganze Unbefangenheit haben werde, die ihm nötig schien. Es sollte über das Leben seiner Tochter, über ihr Glück entschieden werden; die Erregung schnürte ihm das Herz zusammen. Diese Stunde war so ganz verschieden von derjenigen, welche er ehemals in Augenblicken hoffärtigen Träumens ersehnt hatte.

Da er in Gedanken versunken lange stillschweigend dasaß, versuchte ihn Bertha zum Reden zu bringen.

»Was hast du?« fragte sie, »du redest nichts, bist du denn nicht froh, daß wir nach Thuit gehen?«

Das war ein Anfang, er wollte ihn festhalten, wenn auch nicht, um sich mit ihr sofort über Michel zu unterhalten, so doch um sie vorzubereiten, damit sie auf seine Frage in vollständiger Kenntnis der Sachlage antworten könne. Es genügte in der That nicht, ihr zu sagen: »Michel Debs, der Associé des Hauses Eck und Debs, will dich heiraten,« sie mußte auch vorher sich darüber klar sein, unter welchen Verhältnissen Michel als Brautwerber erschien, und was sie selbst für ein materielles Interesse daran haben konnte, ihn annehmbar zu finden. Es war zweierlei, diese Heirat auszuschlagen im Glauben, daß ihre Eltern reich seien, und sie auszuschlagen, wenn sie wußte, daß die Vermögenslage eine höchst prekäre war.

»Es gab eine Zeit,« sagte er, »wo ich kein größeres Vergnügen kannte, als nach Thuit zu gehen. Dort habe ich laufen gelernt. Dort hast du deine ersten Schritte im Grase gemacht. Im Hause, im Garten, in den Feldern ist kein Stück Hausrat, kein Strauch, kein Weg oder Pfad, die nicht eine Erinnerung wachriefen. Seit achtzehn Jahren habe ich keinen Baum gepflanzt, keine Verbesserung oder Verschönerung gemacht, ohne mir zu sagen, daß es für dich sei. Und jetzt ... frage ich mich, ob ich nicht in die Notwendigkeit versetzt sein werde, es zu verkaufen.«

»Thuit verkaufen!«

»Du mußt die Wahrheit wissen, so schmerzlich sie auch für dich sein mag: Unsre Geschäfte gehen schlecht, sehr schlecht, und wenn wir auch nicht ruiniert sind, so befinden wir uns doch in bedrängter Lage. Die andauernde Krisis und die Fallimente haben uns in diese schwierige Situation gebracht. Ich hoffe durchzukommen, aber es ist auch möglich, daß das Gegenteil eintritt. Was Thuit betrifft, so habe ich schon damals, als ich gezwungen war, deiner Großmutter Anteil zurückzuzahlen, eine Hypothek darauf aufgenommen, und seither ist es für seinen ganzen Wert weiter verpfändet worden ? nehme ich die Entwertung dazu, unter der die Ländereien in der Normandie leiden, so kostet es heute mehr, als es uns einbringt. Wenn die Lage sich verschlimmert, ist es nur allzu gewiß, daß wir es nicht werden behalten können. Hierin liegt der Grund, warum es mir nicht mehr so viel Vergnügen macht wie früher, diese Stätte aufzusuchen, die mir nicht nur für mich, sondern auch für dich lieb geworden war, und wo ich mir dein Leben mit deinem Gatten, deinen Kindern ... und uns Alten selbst ausmalte. Fühlst du nicht, wie sehr mich der Gedanke, mich davon trennen zu müssen, betrübt?«

Bertha ergriff die Hand ihres Vaters und schlang zärtlich die Arme um ihn: »Nicht an Thuit, an dich denke ich.«

Sie hatten die Chaussee verlassen und einen Nebenweg eingeschlagen, der quer durch neubestellte Kornfelder, die sich mit einem zarten Grün zu bedecken begannen, hinlief. In kurzer Entfernung, zur Rechten, hob sich von dem dunkeln Hintergrunde einer Parkanlage die weiß und rote Fassade eines großen Hauses ab. Das war das Schloß Thuit, ein massiger Bau aus Hau- und Ziegelsteinen, der mit seinen hohen, schiefergedeckten Giebeln und in die Luft ragenden Kaminen die ringsumher in einem schönen altnormännischen, mit Birn- und Apfelbäumen (stark wie Eichen) bepflanzten Hofe liegenden Wirtschaftsgebäude fast erdrückte.

»Ich habe wirklich als guter Hausvater gehandelt, da ich all diesem meine Sorgfalt angedeihen ließ,« sagte er, hierhin und dorthin einen betrübten Blick werfend.

Sie fuhren in den Hof hinein und damit wurde die Unterhaltung abgebrochen. Man hatte den Wagen von weitem in der baumlosen Ebene herankommen sehen, und der Pächter, seine Frau und seine zwei Kinder waren herbeigeeilt, um ihren Herrn zu empfangen.

Bertha nahm die beiden Kinder, deren Patin sie war, von denen das eine vier, das andre fünf Jahre zählte, und welche sie wie Puppen liebte, bei der Hand.

»Sie werden mit uns frühstücken,« sagte sie zu der Pächterin, »ich habe ihnen Kuchen mitgebracht.«

»Muß sie ?fummeln?,« sagte die Mutter.

»Ich werde sie selbst ?fummeln?,« erwiderte Bertha, die mit den normännischen Bauern bäuerisch sprechen wollte.

Wirklich wusch sie ihnen vor dem Frühstück gründlich das Gesicht, kämmte sie, putzte sie heraus und setzte bei Tische das eine zu ihrer Rechten, das andre zu ihrer Linken, um sie ordentlich überwachen zu können ? und das war nicht überflüssig, denn in ihrer naturwüchsigen, durch die Erziehung noch nicht in Schranken gehaltenen Eßlust wollten sie gleich mit dem Kuchen anfangen.

Adeline, der seiner Tochter gegenüber saß, beobachtete, wie sie sich mit den beiden Kindern beschäftigte, und indem er sah, welche Achtsamkeit und Aufmerksamkeit sie für dieselben hatte und wie sie ihnen mit sanften Worten in mütterlichem Tone zuredete, wurde ihm weich ums Herz.

Wenn die Heirat mit Michel Debs fehlschlug, würde sich später eine andre Partie für sie finden? Würde sie nicht kinderlos bleiben, sie, welche die Kinder so zärtlich liebte?

Plötzlich sprach er diesen Gedanken, wenigstens teilweise, ganz laut aus. »Was für eine gute Mutter würdest du abgeben!« sagte er.

Das war das Wort, auf welches er zurückkam, als sie nach dem Frühstück allein in den Garten hinausgingen und durch den Park in den Wald gelangten. Er hatte den Arm seiner Tochter in den seinigen gezogen, und so schritten sie, das gefallene Laub der Buchen mit ihren Füßen aufwirbelnd, auf dem Moosteppich langsam Seite an Seite dahin, er innerlich erregt von dem, was er zu sagen hatte, sie verstört und geängstigt durch diese Erregung, welche ihrem Gefühle nach in der peinlichen Lage der Ihrigen ihren Grund haben mußte.

»Wenn ich gerade vorhin bemerkte, daß du eine gute Mutter abgeben würdest, vermutetest du da nicht, daß ich auf ein in der Luft schwebendes Ereignis anspielte?«

Sie sah ihn ganz überrascht an, ohne zu verstehen und doch errötend.

»Hast du erraten, warum Herr Eck gestern abend gekommen ist?« fuhr er fort.

Sie warf ihm nochmals einen kurzen Blick zu und schlug die Augen dann rasch nieder. »Thue, wie wenn ich es erraten hätte,« murmelte sie.

»Ah, kleiner Schelm, kleiner Schelm!« sagte er, über diese echt weibliche Antwort lächelnd.

Sie preßte seinen Arm in einer unwillkürlichen Regung von Ungeduld.

»Nun ? er hat für Michel Debs um deine Hand angehalten.«

»Ah!«

»Weiter sagst du nichts?«

»Was hat Mama ihm geantwortet?«

»Daß sie mit mir darüber reden wolle.«

»Und was hast du zu Mama gesagt?«

»Daß ich mit dir darüber reden wolle. Denn vor uns und den Konvenienzrücksichten kommst du und dein Gefühl in Frage. Bevor wir, deine Mutter und ich, eine Antwort erteilen können, mußt du daher zuerst selbst antworten.«

Nach einem Augenblick des Stillschweigens war es indessen nicht eine Antwort, sondern eine neue Frage, die sie an ihren Vater richtete.

»Weiß Herr Debs, daß wir ... das heißt, hat er, was deine Geschäfte betrifft, Kenntnis von der wahren Sachlage?«

»Das weiß ich nicht. Indessen ist es wahrscheinlich, daß er das, was er nicht weiß, teilweise vermutet. In der Elbeufer Geschäftswelt weiß jedermann, daß unsre Situation heute eine andre ist, als sie vor einigen Jahren war. Aber in welcher Beziehung steht dies zur Antwort, die ich von dir wünsche?«

»Ah! Papa!«

»Ist das, was ich sage, so naiv?«

Sie schüttelte sanft seinen Arm mit der Gebärde eines eigensinnigen, schmeichelnden Kindes.

»Wenn Herr Debs, obgleich er weiß, daß deine Geschäfte nicht gut gehen, nichtsdestoweniger meine Hand begehrt, so ? liebt er mich.«

»Ah! Das ist der Punkt.«

»Nun, ja doch!«

»Und bist du darüber erfreut?«

»Du fragst Dinge ...«

»So vermutetest du denn nicht, daß er dich liebe?«

»Ich vermutete es nicht ... das heißt, ich bemerkte recht wohl, daß Michel Debs sehr liebenswürdig gegen mich war. Ueberall, wo ich hinging, begegnete ich ihm, stets waren seine Augen auf mich gerichtet mit ... dem zärtlichsten Ausdruck. Wenn er mit mir redete, so nahm seine Stimme eine Weichheit an, wie er sie für andre nicht hatte, nicht für Marie, die hübscher ist als ich, nicht für Klara, die sich in glänzenderen Vermögensverhältnissen befindet als wir, nicht für Susanne, nicht für Madeleine, aber ? weiter ist es niemals gekommen.«

»Jetzt beginnt sich die Sache zu entwickeln, und es hängt von dir ab, ob es dabei sein Bewenden behalten soll, im Falle er dir nicht gefällt.«

»Das sage ich nicht.«

»Sagst du, daß er dir gefällt?«

»Er ist ein sehr guter Mensch.«

Bei diesem Versteckspielen kam er wieder auf seine erste Idee zurück: Vielleicht wollte sie von dieser Heirat nichts wissen und hatte nicht den Mut, es einzugestehen; er mußte ihr zu Hilfe kommen.

»Freilich ist er ein Jude.«

Sie lachte gerade heraus: »Und was soll mir denn das ausmachen, daß er Jude ist?«

Neuntes Kapitel

Dieses natürliche Lachen und das dasselbe begleitende Wort kamen so ungezwungen aus dem Herzen, daß es als erwiesen gelten konnte: Das Verschwinden des Vorurteils, wovon Adeline mit seiner Frau gesprochen hatte, war zur Thatsache geworden. Während es bei der Großmutter noch im höchsten Grade vorhanden war, bei der Mutter noch sich geltend machte, existierte es bei der Tochter nicht mehr; es war so gründlich verschwunden, daß sie darüber lachte. »Was soll mir denn das ausmachen, daß er Jude ist?«

»Wenn es dir auch nichts ausmacht, daß er Jude ist,« sagte Adeline nach einem Augenblick des Ueberlegens, »so denkt doch deine Großmutter anders darüber.«

»Sie ist gegen diese Bewerbung, nicht wahr?« fragte Bertha mit bebender Stimme.

»Kannst du daran zweifeln?«

»Und Mama?«

»Deine Mutter hat niemals an diese Heirat gedacht, aber sie wird keine Einwendung erheben, wenn du deinerseits sie wünschest.«

»Und du, Papa?«

Das wurde mit einer sanften und bewegten Stimme gefragt, die des Vaters Herz rührte.

»Du weißt wohl, daß ich nur das will, was du willst.«

Sie schmiegte sich an ihn.

»Gerade deshalb ist es nötig, daß du dich offen erklärst. Du wirst einsehen, daß ich nicht in dich dringe, bloß um dich zu einem Geständnisse zu nötigen, daß ich nicht ohne besondern Grund in deinem Herzen lesen und dich veranlassen möchte, ein Gleiches zu thun. Ich fühle sehr wohl, daß es ein delikates Thema ist, über das sich ein junges Mädchen wie du, unschuldig und reinen Herzens, nicht gern ausspricht, und worauf ich als Vater, glaube es mir nur, lieber nicht bestehen würde. Aber es muß sein.«

»Ich habe keine Geheimnisse vor dir.«

»Dessen bin ich gewiß und das gerade läßt mich darauf beharren. Seitdem du heranzuwachsen anfingst, habe ich dich ? wie viele Male! ? verheiratet, aber niemals ohne daß wir uns in Uebereinstimmung befunden hätten. Um zu wissen, ob jetzt diese Uebereinstimmung vorhanden ist, bitte ich dich eben, offenherzig mit mir zu reden. Ist denn das unmöglich?«

»O nein!«

»Wen willst du zum Vertrauten wählen, wenn nicht deinen Vater? Wo willst du jemand finden, der dir mit größerer Teilnahme zuhörte?«

Sie schritten einige Augenblicke stillschweigend weiter und traten aus dem Parke in den Wald.

»Nun?« fragte er, um sie zu ermutigen, als er sah, daß sie nicht schlüssig werden konnte.

Aber es war keine Antwort, die er erhielt, sondern eine neue Frage, die sie stellte: »Um zu wissen, ob die Uebereinstimmung, von welcher du sprichst, vorhanden ist, kannst du mir nicht sagen, was du selbst von Herrn Debs hältst?«

»Ich halte nur Gutes von ihm, er ist ein braver Bursche.«

»Nicht wahr?«

»Ein arbeitsamer Mensch.«

»Nicht wahr?«

»Liebenswürdig, sanftmütig, sympathisch in jeder Hinsicht.«

»Also gefällt er dir?«

»Ich habe dich in Gedanken mit Männern verheiratet, die gewiß nicht so viel wert waren, wie dieser da.«

Sie sah zu ihrem Vater mit einem strahlenden Gesichte auf, seine Worte erratend, noch bevor er sie ganz ausgesprochen.

»Ich weiß wohl,« sagte sie, »daß man bei einer Heirat zwischen dem Manne selbst und der Partie unterscheiden muß.«

»Und das ist durchaus nicht das Gleiche.«

»Würdest du die Partie mit ebenso günstigen Augen ansehen als den Mann, den Herrn Debs?«

»Du stellst mit mir ein Verhör an, während an dir die Reihe ist zu antworten.«

»Oh! ich bitte dich, Papa, mein liebes Papachen!«

Er hatte ihr nie etwas abgeschlagen, selbst wenn sie das Unmögliche verlangte.

Sie lächelte ihn zärtlich an: »Wen willst du zur Vertrauten wählen, wenn nicht deine Tochter?«

»Schelmin!«

»Ich bitte dich, antworte mir offen!«

»Nun denn! Nein! Ich bin für die Partie nicht so eingenommen als für den Mann.«

Sichtlich hatte sie diese Antwort ganz und gar nicht erwartet; sie erbleichte und vermochte einen Augenblick nichts zu sagen.

»Hast du Gründe, dich derselben zu widersetzen?« sagte sie endlich.

»Es sind Gründe vorhanden, die dagegen sprechen.«

»Gründe ... gewichtige?«

»Unglücklicherweise.«

»Persönliche?«

»Solche, die sich auf deine Großmutter und unsre Lage beziehen.«

»Aber man kann sich verheiraten,« sagte sie lebhaft und mit Feuer, »ohne seine Religion abzuschwören: die Frau eines Juden wird keine Jüdin; ein Jude, der eine Christin ehelicht, wird kein Christ; jedes behält seinen Glauben.«

»Deiner Großmutter mußt du das klar machen, und das ist nicht leicht. Es mir zu sagen, heißt einem Bekehrten predigen. Du weißt, wie streng deine Großmutter in allem ist, was ihren Glauben betrifft, und andrerseits stammt sie aus einer Zeit, in welcher die Juden unter Vorurteilen zu leiden hatten, die für sie ihre volle Geltung behalten haben.«

Sie waren an eine Stelle gekommen, wo der schlammige Weg sie zwang, sich zu trennen; auf dem ebenen und lehmigen Boden hatte der in der Nacht gefallene Regen sich nicht verlaufen können und bildete da und dort gelbe Pfützen, um welche sie herumgehen oder über welche sie hinwegspringen mußten.

»Und welches sind die Gründe, welche sich auf unsre Lage beziehen?« fragte sie.

»Du hast sie soeben vorausgefühlt, als du mich fragtest, ob Michel Debs Kenntnis von der wahren Sachlage unseres Geschäfts habe. Wenn er sie kennt und dich heiraten will, dann ? du sagst es ganz zutreffend ? liebt er dich und die Frau geht ihm über das Geld. Er heiratet dich wegen deiner selbst, nicht wegen deiner Mitgift, wegen deiner Schönheit, wegen deiner Eigenschaften, weil du ihm gefällst, kurz weil er dich liebt.«

»Das ist möglich, nicht wahr?«

»Ganz gewiß. Aber das Gegenteil ist auch möglich, das heißt, daß, so sehr Michel Debs auch deine persönlichen Vorzüge würdigt, er dies möglicherweise bezüglich des Vermögens, das du anscheinend eines Tages zu erwarten hast, ebenso hält. Anstatt um eine Neigungsheirat, wie wir sie im ersten Falle voraussetzen, handelt es sich alsdann lediglich um eine Konvenienzheirat. Einer der Associés des Hauses Eck und Debs findet, daß es ein gutes Geschäft ist, die Tochter von Constant Adeline zu heiraten, und er hält um sie an. Beachte wohl, mein Kind, daß ich nicht sage, daß dies so sei, sondern nur, daß es so sein könne. Was geschieht alsdann, wenn er vernimmt, daß das Geschäft anstatt ein gutes, wie er glaubt, ein mittelmäßiges oder ein schlechtes ist? Er macht es nicht, nicht wahr? und dann haben wir ein verfehltes Heiratsprojekt. Ich möchte nicht, daß dir das begegnete. Und ich möchte es auch unsertwegen nicht. Für dich wäre es demütigend, für uns verhängnisvoll. Wenn der Kredit eines Hauses erschüttert ist, bedarf es der Klugheit, und es wäre nicht klug gehandelt, dem Geschwätz der Leute Nahrung zu geben. Begreifst du nicht, daß man nicht verfehlen würde zu sagen: ?Warum hat Michel Debs die Bertha Adeline nicht geheiratet? ? Weil er die Tochter eines ruinierten Kaufmanns nicht hat haben wollen.? Wenn es den Leuten erst einmal geläufig wird, vom Ruin eines Hauses, dessen Geschäfte ins Stocken geraten sind, zu reden, so heißt das, denselben beschleunigen. Das ist der Grund, warum, bevor ich Herrn Eck antworte, ich dich fragen und bitten wollte, mir offen zu sagen, ob du diese Heirat wünschest. Wenn dir nichts daran liegt und wenn du in Michel Debs nur einen Mann siehst, wie einen andern, an welchem du keine besondern Gründe hast festzuhalten, so wirst du einsehen, daß es die Klugheit gebietet, eine abschlägige Antwort zu erteilen. Auf diese Weise entgehen wir den Kämpfen mit deiner Großmutter und andrerseits verhüten wir die Gefahren, die mit einem fehlgeschlagenen Heiratsprojekt verbunden sind. Wenn im Gegenteil Michel dir gefällt, wenn du in ihm den Mann erblickst, der dein Lebensglück ausmacht, dann kann keine Rede mehr davon sein, Verstecken zu spielen, dann müssen wir, so gefahrvoll die Lage auch sein möge, derselben kühn ins Auge sehen, dem Unwillen deiner Großmutter Trotz bieten und selbst eine Absage von Michel Debs riskieren, wenn er die Mitgift nicht findet, auf die er ? vielleicht ? rechnet.«

»Wer behauptet, daß Herr Debs ein Geldmensch sei?«

»Ich nicht, aber du wirst die Möglichkeit zugeben, daß er es ist. Wenn du Gründe hast, zu glauben, daß er es nicht ist, so nenne sie. Du siehst, daß wir nun durch die Macht der Umstände wieder auf unsern Ausgangspunkt zurückgekommen sind und daß du gezwungen bist, offen zu antworten, weil es deine Gefühle sind, die uns unser Verhalten vorschreiben werden.«

Nun ja, ohne Zweifel sah sie ein, daß die Macht der Umstände sie zu ihrem Ausgangspunkte zurückgeführt hatte; aber die Lage war für sie durchaus nicht mehr die gleiche, sondern hatte an Bedeutung und durch des Vaters Worte an Ernst gewonnen. Wenn ein Gefühl weiblicher Zurückhaltung und mädchenhafter Scheu ihr die Lippen geschlossen hatte, jetzt mußte sie sie ehrlich und ohne Rückhalt öffnen, sie mußte es um ihres Vaters, um ihrer selbst willen.

»Natürlich,« sagte sie, »hat sich zwischen Herrn Debs und mir niemals etwas zugetragen, was selbst nur von weitem dem ähnlich sähe, was ich in Büchern gelesen habe. Er hat mir nicht am Rande eines schäumenden Gießbachs das Leben gerettet, als wir in den Pyrenäen reisten ? wohin er uns übrigens nicht begleitet hat; er hat auch nie unter meinem Balkon geseufzt, weil wir keinen Balkon haben; er hat mir keine Briefe durch Kammerzofen, deren Stillschweigen man mit Gold erkauft, zukommen lassen. Aber es ist nichtsdestoweniger wahr, daß er, während du deine Heiratspläne machtest, in denjenigen, die ich mir machte, eine Rolle spielte. Du weißt vielleicht nicht, daß man sich im Kloster mit Vorliebe verheiratet, das ist sogar ein Hauptzeitvertreib. Nun denn, wenn ich in dem großen Garten der Rue du Maulévrier mit meinen Freundinnen von meinem zukünftigen Gatten sprach, dann hatte er die schwarzen Augen, den gekräuselten Bart, die gewellten Haare von ... kurz es war Michel. Warum? Das mußt du mich nicht fragen; ich weiß es nicht und Michel selbst hat mir keinen Anlaß gegeben, zu denken, daß er mich eines Tages heiraten wolle. Aber mir machte es Vergnügen, wenn ich mir sagte, daß ich ihn eines Tages heiraten werde; in der Einbildung und mit der Zunge ist man ja sehr kühn. Wenn alle deine Freundinnen sich Männer verschreiben, dann mußt du eben auch einen haben und nimmst ihn, wo du ihn findest.«

»Hat er nie etwas zu dir gesagt?«

»Oh! Papa, bedenke doch, daß ich nur ein kleines Mädchen war und er schon ein junger Herr.«

»Und als du aus dem Kloster zurückkamst?«

»Da hat sich ereignet, was ich dir sagte; ich sah wohl, daß ich ihm nicht gleichgültig war ... und daß ich ihm gefiel.«

Er wollte ihr zu Hilfe kommen: »Und warst du glücklich darüber?«

»Papa!«

»Warst dus oder warst dus nicht?«

»Da es die Fortsetzung dessen war, was ich mir so oft zusammengereimt hatte, konnte ich nicht anders, als Befriedigung darüber zu empfinden.«

»Nur Befriedigung?«

»Glück, wenn du willst.«

»Und hast du ihn merken lassen, was du empfandest?«

»Kannst du glauben!«

»Schließlich muß er aber doch, wenn er um deine Hand anhält, denken, daß du ihm keinen Korb geben wirst.«

»Das hoffe ich, denn sonst wäre er durchaus nicht der Mann, für den ich ihn hielt; er würde die Tochter des Hauses Adeline begehren, nicht mich, und ich will um meiner selbst willen geheiratet sein. Seine zärtlichen Blicke haben wohl nicht deinem Vermögen gegolten.«

Diese paar Worte öffneten Adeline einen Ausweg, den er mit Eifer einschlug: »Also würde sich deiner Meinung nach Michel, wenn er die Mitgift, auf die er sicherlich rechnet, nicht findet, nicht zurückziehen?«

»Oh, wenn er allein wäre! Aber er ist es nicht, er hat seine Großmutter, seine Mutter, seinen Onkel. Würdest du mich einen jungen Mann heiraten lassen, der nichts hat ... als seine schönen Augen? Wirst du es sogleich sagen, daß du mir keine Mitgift geben kannst?«

»Ich muß wohl.«

»Also kann es morgen schon sein, daß Michel für mich nichts weiter mehr ist als ein Fremder!«

Mit bebender Stimme stieß sie diese paar Worte hervor, in einem Tone, der Adeline zu Herzen ging.

»Wie erregt du bist!«

»Ein verfehltes Heiratsprojekt hat nur Schande im Gefolge.«

Dieser Aufschrei des Schmerzes war das beredteste und deutlichste Zugeständnis, das sie machen konnte.

Er kam über den Weg herüber zu ihr und schloß sie zärtlich in seine Arme.

»Es ist gut, es wird nicht fehlschlagen, sei versichert, mein Herz.«

»Wieso?«

»Das weiß ich nicht, aber wir werden suchen, wir werden finden. Sollst du unsertwegen, meinetwegen unglücklich werden?«

»Du mußt doch eine Antwort geben.«

»Gewiß, gewiß.«

»Was willst du antworten?«

Der Normanne kam wieder zum Vorschein: »Zwischen Antwort und Antwort ist ein Unterschied. Wenn ich heute abend dem Vater Eck sagte, daß ich dir morgen keine Mitgift geben kann, so wäre der Bruch vielleicht da. Aber was mir morgen unmöglich ist, wird zweifellos in einer gewissen Frist möglich sein. Die Geschäfte werden nicht immer so schlecht gehen, wir werden uns wieder in die Höhe arbeiten. Deine Mutter hat Ideen, wir müssen nur Zeit zu gewinnen suchen.«

»Oh! mir eilt es nicht, mich zu verheiraten.«

»Das ists gerade: dir eilt es nicht, wir werden Zeit gewinnen, und mit der Zeit kommt alles ins Geleise; deine Heirat mit Michel soll zustande kommen, ich verspreche es dir.«

Zehntes Kapitel

Von der Stelle aus, wo sie mitten im Walde stehen geblieben waren, erblickten sie kleine bläuliche Rauchsäulen, die durch die kahlen Aeste der großen Bäume gerade in die Höhe stiegen.

»Da sind wir,« sagte Adeline, »ich werde nachsehen, was die Holzfäller schaffen, und dann wollen wir sogleich nach Elbeuf zurückkehren, so daß ich noch heute abend zu Herrn Eck gehen kann.«

Im Walde vernahm man Axthiebe und von Zeit zu Zeit das Brechen der Aeste und dumpfes Dröhnen der erzitternden Erde, wenn ein großer Baum gefällt worden.

»Das sollte Geld einbringen,« sagte er, als er in den Schlag kam, wo die Holzfäller arbeiteten, »unglücklicherweise sind die Holzpreise jetzt so gedrückt.«

Die Arbeit seiner Leute hatte er schnell besichtigt, und sie kehrten rasch nach dem Schlosse zurück, wo sogleich die Pferde angespannt wurden. Es war noch nicht drei Uhr, sie konnten vor Einbruch der Nacht in Elbeuf sein.

Auf der ganzen Heimfahrt stellte Adeline von neuem die Bilanz auf, welche er heute morgen auf dem Herwege gezogen hatte; nur stellte er sie in entgegengesetztem Sinne auf. Bei dem Herweg nach Thuit stand alles in Frage, bei dem Heimweg nach Elbeuf lag die Sache nicht mehr verzweifelt, weit entfernt. Er häufte Beweis auf Beweis, um darzuthun, daß, wenn er Zeit gewänne, er die Mitgift, die er dem Vater Eck in Aussicht stellen müsse, werde beschaffen können.

»Sie wird vielleicht keine solche sein, wie er meint, aber schließlich genügen, daß er sich nicht zurückziehen kann. Du wirst sehen, mein Herz, du wirst sehen.«

Und er zählte ihr auf, was sie noch zu sehen bekommen werde. Nicht nur die Lage des Elbeufer Hauses würde eine günstigere werden, auch in Paris hatte man ihm vorgeschlagen, bei großen Unternehmungen sich zu beteiligen, wobei er mit seinen kaufmännischen Kenntnissen gute Dienste leisten konnte; er hatte stets abgelehnt, weil er sich bei allem, was Spekulation hieß, abseits halten wollte. Jetzt werde er auf die Vorschläge eingehen, die Zeit der Skrupel war vorbei; jene Geschäfte waren ehrenhafte, aus übertriebenem Zartgefühl, auch aus Liebe zur Ruhe und Unabhängigkeit hatte er sich nicht damit befassen wollen; jetzt werde er nicht mehr an sich denken, sondern nur an sie; die erste Pflicht eines Familienvaters sei, für das Glück seiner Kinder zu sorgen, es gäbe keine heiligere Pflicht als diese. Zu wiederholten Malen auch war sein Name bei Aufstellung neuer Ministerlisten genannt worden und stets war er aus Liebe zur Ruhe und Unabhängigkeit zurückgetreten. Jetzt werde er zugreifen: Tochter eines Ministers, das war ein Titel, welchen man der Morgengabe beifügen konnte.

Bertha hörte, mit den Augen am Munde ihres Vaters hängend, zu; ihr gepreßtes Herz erleichterte sich, die Hoffnung, der Glaube an die Zukunft kehrten ihr zurück; er konnte sich unmöglich täuschen und würde das, was er sagte, ausführen, was er versprach, würde sich verwirklichen. Sie lebte wieder auf. Gehörte sie auch zu den Geldmenschen oder war sie uninteressiert? Sie wußte es nicht, da sie sich niemals mit diesen Fragen beschäftigt hatte. Aber der Schlag, der sie heute morgen getroffen, hatte sie niedergeschmettert, und eben um nicht ihre innere Aufregung zu verraten, hatte sie darauf bestanden, ihre zwei Patchen am Tische bei sich zu haben. Indem sie sich mit ihnen beschäftigte, konnte sie nicht an sich selbst denken.

Als Frau Adeline sie ankommen sah, war sie über diese baldige Rückkehr erstaunt, da sie sie erst zum Diner erwartet hatte.

»Schon!«

Das konnte nur ihre Ungeduld vergrößern, zu erfahren, was zwischen dem Vater und der Tochter verhandelt worden war; aber so großes Verlangen sie danach hatte, war es ihr unmöglich, ihren Mann zu fragen, da die Mama in ihrem Sessel dabei saß.

»Wie durchnäßt du bist!« sagte sie, ihn betrachtend, »du mußt die Schuhe wechseln, ich werde mit dir hinaufgehen.«

Sobald sie in ihrem Zimmer waren, schloß sie die Thüre.

»Nun?«

»Sie liebt ihn.«

»Sie hat es dir gesagt?«

»Mehr als das; sie hat es nicht bloß gesagt, sie hat es mir mit einem Aufschrei des Schmerzes bekannt, als sie hörte, daß sie nicht seine Frau werden könne.«

»Ist es möglich!« rief sie voll Entsetzen aus.

»Du mußt dich daran gewöhnen, in ihr kein Kind mehr zu sehen, sie ist ein junges Mädchen.«

Er berichtete alles, was zwischen Bertha und ihm gesprochen worden war.

»Und nun?« fragte Frau Adeline ganz außer Fassung.

Er setzte seine Pläne auseinander.

»Und nachher? Wenn wir Zeit gewonnen haben, erscheint die Heirat gesichert?«

»Erleichtert.«

»Ich bitte dich, Constant, überlege wohl, bevor du das Leben, das du bis auf diesen Tag geführt, aufgibst. Du bist nicht der Mann, um dich in Spekulationen einzulassen, du bist zu gerade, zu ehrlich.«

»Glaubst du, daß ich mich in abenteuerliche Spekulationen stürzen und nicht alle Vorsichtsmaßregeln treffen werde?«

»Und du, glaubst du denn nicht, daß die Spitzbuben den ehrlichen Leuten über sind? Du würdest der erste sein, der trotz seiner Intelligenz und Klugheit sich betrügen und in den Strudel reißen ließe.«

»Soll ich denn nichts thun? Sei versichert, daß ich mich nur auf sichere Geschäfte einlassen werde.«

»Die sicheren Geschäfte sind es nicht, die großen Gewinn abwerfen.«

»Nun, ich verspreche dir, nichts zu unternehmen, ohne dich zu Rate zu ziehen; ich habe Hunderte von Gelegenheiten verpaßt, die uns ein stattliches Vermögen eingebracht hätten, ich will diejenigen benutzen, die sich von jetzt ab darbieten, das ist alles.«

»Die Zeit der schönen Gelegenheiten ist vorbei, du weißt es besser als ich.«

»Ich will zum Vater Eck gehen,« sagte er, um diese Bemerkungen kurz abzuschneiden, »sich Zeit zu nehmen, verpflichtet zu nichts.«

Adeline traf Bertha auf dem Vorplatze. Sie sagte nichts zu ihm, aber indem sie ihn umarmte, hielt sie seine Hand mit einem Drucke gefaßt, in welchen sie alle ihre Hoffnungen und zugleich ihre innige Erkenntlichkeit zu legen suchte.

Die Fabrik der Eck und Debs liegt nicht in dem alten Elbeuf, sondern in dem neuen, welches an Caudebec grenzt, da, wo weite Flächen nach dem Kriege die Errichtung eines industriellen Etablissements ermöglichten, derart, wie es heute gebräuchlich ist: isoliert, bequem zugänglich, frei gelegen, auf festem Untergrunde über leicht zu erreichendem Grundwasser, welches für das Waschen der Wolle, zum Entfetten und Walken der Stücke Tuch ausreicht. Sie ist aus roten und weißen Backsteinen erbaut und bildet ein ganzes Häuserviertel zwischen vier sich rechtwinklig schneidenden Straßen. Nach dreien dieser Straßen hin ragen hohe, von breiten Glasfenstern durchbrochene Mauern auf und nach der vierten zu öffnet sich, zwischen den Comptoirs und den Lagerhäusern, über welchen die Privatwohnung des Herrn Eck liegt, das große Thor, welches einen Einblick in einen viereckigen Hof gewährt, in dessen Hintergrund der Balancier der Dampfmaschine seine beiden Arme hebt und senkt.

Als Adeline am Thore ankam, war es schon lange dunkle Nacht, aber durch die Fenster fielen breite Lichtstrahlen, welche die Straßen weithin erhellten. Die Webstühle klapperten, die Spindeln drehten sich, aus dem Hofe erscholl das Geräusch der arbeitenden Maschinen und in dem Abzugsgraben floß ein Bächlein milchigen, rauchenden Wassers.

Als Adeline die Thüre des Comptoirs öffnete, sah er den Vater Eck und um ihn her seine zwei Söhne und einen seiner Neffen, über ihre Pulte gebeugt, arbeiten.

»Welche Stärke liegt doch in der Vereinigung!« sagte er, dem Vater Eck die Hand drückend und die jungen Leute freundlich grüßend.

»Die andern sind in der Fabrik,« sagte der Vater Eck, »auf ihrem Posten.«

Vor den jungen Leuten wollte Adeline für seinen Besuch einen Vorwand haben: »Ich komme, um Ihre feststehenden Webstühle anzusehen, meine Frau hat mir gesagt, daß Sie damit zufrieden seien.«

»Sehr zufrieden: ich werde Michel rufen lassen, damit er sie Ihnen zeige, das ist seine Sache.«

Er drückte auf den Knopf einer elektrischen Klingel und Michel kam sofort. Als er Adeline gewahrte, hielt er einen Moment überrascht und unschlüssig an.

»Herr Ateline ist da, um unsre feststehenden Webstühle zu besichtigen,« sagte der Vater Eck.

Während Michel Adeline und seinem Onkel folgte, fragte er sich, ob wirklich der Wunsch, die feststehenden Webstühle zu sehen, der Grund dieses Besuches sei. Das wäre recht befremdlich nach dem Antrage, der tags zuvor an Frau Adeline gestellt worden war. Aber so beklommen es ihm ums Herz war, blieb ihm doch nichts übrig, als abzuwarten.

Den Erklärungen, welche er Adeline über die von ihm an den Webstühlen angebrachten Verbesserungen gab, mangelte es an Klarheit; seine Gedanken waren anderswo.

Glücklicherweise kam ihm sein Onkel zu Hilfe: »Sie sehen, mein lieber Herr Ateline, wie mit zweihundert Spindeln diese Stühle fast ebensoviel leisten, als die alten Maschinen mit vierhundert Spindeln.«

Wenn übrigens Michel, während er sprach, zerstreut war, so war es Adeline nicht weniger, während er zuhörte; der eine wußte nicht recht, was er sagte, der andre dachte kaum an das, was er hörte.

»Er ist wirklich ein flotter Bursche,« sagte sich Adeline, indem er Michel betrachtete, »ich habe den jungen Mann noch nie so hübsch gefunden.«

»Er macht durchaus kein Gesicht, das mir Ungünstiges weissagt,« dachte Michel, indem er Berthas Vater verstohlen anblickte.

Und immerzu drehten sich schnurrend die Spindeln, während der Vater Eck die von seinem »kleinen« Michel erfundenen Verbesserungen rühmte.

Schließlich verließen sie die Webstühle und Spinnmaschinen, und während Adeline und der Vater Eck nebeneinander hergingen, blieb Michel zurück, um sich unsichtbar zu machen. Es war klar, daß man sich in seiner Gegenwart nicht aussprechen werde, es war daher das beste, sie miteinander allein zu lassen.

Als sie durch eine der Werkstätten schritten, nahm der Vater Eck einen Streifen Tuch, der in kleine Vierecke von verschiedener Farbe eingeteilt war.

»Was sagen Sie dazu?« fragte er.

Es war dies ein Streifen von Mustern, welche die Fabrikanten von Nouveautés zur Probe anfertigen, um das ihnen zusagende Muster herauszusuchen.

»Ich sage, daß Sie mich damit tot machen werden.«

Die Vater Eck stieß Adeline mit dem Ellbogen an, reckte sich gegen ihn in die Höhe und sagte, die Hand vor den Mund haltend, um von dem Arbeiter, an dem sie vorbeigingen, nicht gehört zu werden: »Sie tot machen, wir, o nein, im Gegenteil.«

Sie kamen auf den Hof hinaus.

»Sie wollen mit mir sprechen, nicht wahr?« fragte der Vater Eck.

»Ja.«

»Die Webstühle waren ein Vorwand: ich will Sie in mein Büreau führen.«

Wenn Adeline zu zaudern pflegte, um zu einem Entschlusse zu gelangen, so that er dies nie, wenn es galt, ihn auszuführen.

»Meine Frau hat mir Ihren Antrag mitgeteilt,« sagte er, sobald sie sich in dem Arbeitszimmer des Vater Eck niedergelassen hatten, »und wir fühlen uns dadurch sehr geehrt.«

»Ich, wir sind es, die sich durch die Verbindung mit Ihrer Familie geehrt fühlen, Frau Ateline muß Ihnen gesagt haben, daß dies das Ziel meines Ehrgeizes ist.«

»Ich wollte Ihnen gern eine bestimmte und unsern Gefühlen entsprechende Antwort bringen. Meine Frau und ich sind diesem Heiratsprojekte günstig gestimmt ...«

»Ah, mein teurer Herr Ateline!«

»Unglücklicherweise aber sind wir gezwungen, wegen meiner Mutter große Rücksichten zu nehmen. Sie kennen ihre Strenge in religiösen Fragen.«

»Ich weiß von meiner Mutter her, was diese Strenge zu bedeuten hat, und ich gestehe Ihnen, daß ich mit ihr über diese Heirat nicht einmal gesprochen habe. Für uns nicht weniger als für Sie stellen sich derselben Schwierigkeiten entgegen, denn es ist das erste Mal, daß einer von uns eine Christin zu heiraten gedenkt. Ich selbst konnte mich nur mit Rücksicht auf Michels Liebe entschließen. Sie wissen ja, was Vorurteile, Tradition und Stolz für eine Rolle spielen!«

»Sie werden daher verstehen, daß wir zögern, bevor wir mit meiner Mutter davon sprechen; wir müssen Vorsichtsmaßregeln gebrauchen, Vorbereitungen treffen, sonst laufen wir Gefahr, uns einem formellen ?Nein!? auszusetzen.«

»Ich verstehe.«

»Es ist auch gut, daß die jungen Leute sich besser kennen lernen; meine Tochter ist erst achtzehn Jahre alt und ich habe immer gewünscht, sie nicht zu jung zu verheiraten.«

»Bei uns, Sie wissen, heiratet man jung; meine Mutter hat sich mit fünfzehn Jahren verheiratet.«

»Kurz, ich bitte, daß Sie uns Zeit lassen.«

»Oh! versteht sich! Unsre jungen Leutchen können warten; ich, ich war auch fünf Jahre lang mit meiner Frau verlobt und hätte nötigenfalls noch länger gewartet.«

Er sagte das mit seinem gutmütigen Lachen.

In diesem Augenblicke vernahm man, wie eine Hand die Thüre des Arbeitszimmers aufklinkte.

»Draußen bleiben, draußen bleiben!« schrie Herr Eck, »draußen bleiben, was?!«

Trotzdem öffnete sich die Thüre und herein trat eine kleine, in Schwarz gekleidete Alte, ein Tuch um die Schultern, die Stirne von einem Samtstreifen, der unter der Elsässer Haube hervorschaute, verdeckt; in ihrem faltenreichen Gesichte lag ein Zug von Härte und gebieterischer Strenge, der aber durch einen Ausdruck von Leutseligkeit etwas gemildert wurde. Es war die alte Frau Eck.

»Ich glaubte, es sei ein Commis!« rief der Vater Eck aus, indem er sich rasch erhob und ihr mit allen Zeichen des Bedauerns und der Achtung entgegenging.

»Es ist gut,« sagte sie, »es macht nichts.«

Und sie wandte sich sogleich an Adeline: »Ich habe vernommen, daß Sie im Hause seien, und bin herabgekommen, um Ihnen meinen vollen Dank auszudrücken für die Worte, die Sie am Grabe meines Schwiegersohnes gesprochen haben; ich wollte es schon lange thun, aber Sie wissen, daß ich nicht ausgehe. Verzeihen Sie mir, daß ich Sie gestört habe; ich überlasse die Herren ihren Geschäften.«

Und sie ging stolz und ihre kleine, gebeugte Gestalt in die Höhe richtend hinaus.

»Ah! Herr Ateline, Herr Ateline,« rief der Vater Eck aus, als die Thüre sich wieder geschlossen hatte, »das, was meine Mutter soeben Ihnen zuliebe gethan hat, habe ich sie noch nie für jemand thun sehen. Die Sache steht gut, die Sache steht gut!«


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