Baccarat. Zweiter Band

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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Präsident hält Bank!«

Das war das Wort, das sich augenblicklich im Klub verbreitete.

Selbst in den Zimmern, wo Gesellschaftsspiele gespielt wurden, ließen die Whist- und Ecartéspieler, die Billard-, die Tricktrack-, selbst die Schachspieler ihre Partie im Stich, um dieses Wunder anzustaunen: Der Präsident hielt Bank! Von diesem Lärm aufgeweckt, waren auch diejenigen, welche im Lesesaal oder da und dort in einem lauschigen Winkel ein Schläfchen machten, dem Strome gefolgt, der sich in den Baccaratsaal ergoß.

»August, sechstausend.«

Bei diesem Verlangen seines Präsidenten hatte August, der Spielunternehmer, ohne auch nur Barthelasse mit einem Blicke zu befragen (was ihm bisher nie vorgekommen war), sich beeilt, die sechstausend Franken in Spielmarken auf einem Präsentierteller herbeizubringen, und ehrfurchtsvoll, andächtig mit einer Kniebeugung, wie sie der Sakristan vor dem Altare macht, hatte er sie auf den Tisch gelegt.

Es war etwas so Außerordentliches, so Erstaunliches, den »Herrn Präsidenten« Bank halten zu sehen, daß Julien, der Croupier, vergaß, das Spiel in Gang zu bringen. Er wartete, bis rings am Tische jeder seinen Platz gefunden hatte, was schwierig war, denn diejenigen, welche schon saßen, hüteten sich wohl, ihren Platz aufzugeben.

In diesem gewöhnlich so stillen Saale, wo unter der hohen Wölbung stets eine Art Andacht, wie in einer Kirche oder in einem Gerichtssaale herrschte, hatte sich ein ganz ungewöhnlicher Lärm erhoben.

Adeline hatte sich unterdessen auf dem Stuhle des Bankhalters niedergelassen, wobei es ihm selbst überraschend vorkam, so viel höher zu sitzen als die rings um den Tisch gruppierten Spieler, ? sein Herz klopfte hörbar und er blickte unsicher um sich, ohne viel zu sehen, denn sein Geist und seine Gedanken weilten wo anders, als an diesem Tische.

In Erwartung, daß das Spiel beginnen sollte, neigte sich einer von denen, die neben seinem Stuhle standen, über seine Schulter und sagte in spöttischem Tone: »Halten Sie sich gut, Herr Präsident, der Kampf wird schrecklich werden ? Frimaux kommt aus dem Odeon.«

Ein allgemeines Gelächter entstand am Tische und aller Augen richteten sich auf einen Spieler, der neben dem Croupier saß und kein andrer war als Frimaux, der abergläubischste Mensch im Klub. Frimaux, der einige Theaterstücke mit wechselndem Glücke auf die Bühne gebracht und entweder einen gründlichen Durchfall erlebt oder einen nachhaltigen Erfolg erzielt hatte, je nachdem die Umstände zusammenwirkten, kannte nur eine Sorge, die, seine Premieren an einem Freitag oder mindestens an einem Dreizehnten zu geben. Im Klub, wo er vom 1. Januar bis zum 31. Dezember alle Tage vier Stunden zubrachte, um, wie er selbst sagte, im Schweiße seines Angesichts sein ärmliches Dasein zu fristen, d. h. die vier oder fünf zum Leben nötigen Louis zu gewinnen, spielte er nur unter gewissen besondern Umständen, welche ihm Glück bringen sollten. Vor drei Monaten hatte er sich eingebildet, daß er nur dann gewänne, wenn er der Avenue de lOpéra den Rücken zudrehe; so oft er ihr gegenüber saß, zog er die verkehrte Karte, das war ärgerlich; jetzt gewann er nur, wenn er vom Odeon her kam. Daher stieg er allabendlich nach dem Essen die Anhöhen von Batignolles, wo er wohnte, herab, um nach dem Odeon zu gehen, welches er siebenmal umkreiste und wobei er vor sich hin monologisierte, wie eine Person der alten Theaterstücke: »Heute abend werde ich Glück haben.« Dann kam er in den »Grand J«, wo er vier Stunden lang in seinem unerschütterlichen Glauben sitzen blieb. Und obgleich ihn oft genug das Unglück verfolgte, fand er stets die triftigsten Gründe zu einer Erklärung, ohne in seinem Aberglauben, der so fest stand wie die Mauern des Odeons selbst, jemals wankend zu werden. In allen andern Stücken war er übrigens ein Ungläubiger, ohne Treue und Glauben, der sich weder an Gott noch an dem Teufel kehrte und nicht einmal an seine Vaterschaft glaubte, obgleich Frau Frimaux die ehrbarste Frau von der Welt war.

»Richtig,« sagte Frimaux in trockenem Tone, denn er liebte es nicht, daß man sich über ihn lustig machte.

»Sie brauchen es nicht zu sagen, das sieht man.«

In der That war Frimaux, der zu seinen andächtigen Wanderungen niemals einen Wagen nahm (die Fiaker sind nicht immer rein und zweifelsohne), beschmutzt von unten bis oben.

Nach und nach jedoch gab es Ordnung unter denen, die sich um den Tisch drängten.

»Messieurs, faites votre jeu ...«

Von seinem hohen Sitze aus sah Adeline aller Augen auf sich gerichtet, und besonders die von Friedrich, der ihm gerade gegenüber hinter drei Reihen von Spielern und Neugierigen stand, über welche er vermöge seines hohen Wuchses hinwegschauen konnte.

»Rien ne va plus!«

Adeline, der sich zum voraus genügend aufgeregt hatte, war jetzt ziemlich kühl. Es machte sich gut, wie er als Bankhalter die Karten für die beiden Felder und für sich austeilte; und als er einen »Treffer«, d. h. eine Figur und eine Neun (die meisten Punkte, um zu gewinnen) bekam, war seine Art, wie er, ohne die Mitspielenden länger zappeln zu lassen, und ohne unfeine Ueberhastung die Karten auf den Tisch legte, wiederum tadellos.

Man vernahm nur einen Ausruf: »Und er wollte nicht spielen!«

Obgleich Adeline sich Mühe gab, seine Haltung zu bewahren, jauchzte er doch innerlich auf, denn er freute sich über andres als über das gewonnene Spiel, welches eigentlich nur ein unbedeutendes Resultat gehabt hatte. Er hatte Glück, jetzt war die Probe gemacht und sie bestätigte die Ahnungen seiner Jugend. Welchen Fehler hätte er begangen, wenn er es nicht wagte!

Die Karten zum zweiten Spiel gab er mit vollkommener Ruhe; niemals hatte man einen so ruhigen Bankhalter gesehen, man hätte glauben können, daß Gewinn und Verlust ihm ganz gleichgültig wäre; die alten Spieler beobachteten ihn verwunderten Blickes und kamen ob seiner Sicherheit außer Fassung.

»Wer hätte das von ihm geglaubt?«

Diese wie viele andre übrigens hatten bis zu diesem Augenblicke angenommen, daß, wenn er nicht spielte, dies ganz einfach deshalb nicht geschehe, weil er nicht in der Lage sei, irgend einen bedeutenden Verlust zu ertragen.

Das zweite Spiel war bedeutungslos, der Bankhalter verlor auf dem rechten Felde und gewann auf dem linken: das dritte, das vierte fielen zu seinen gunsten aus, und als es ans letzte Spiel ging, hatte er ungefähr zwanzigtausend Franken gewonnen.

Nun verließ ihn die Ruhe und von neuem schnürte die Erregung ihm das Herz zusammen, Schweißtropfen rollten von seiner Stirne herab. Zwar war das kein Vermögen, wie er es geträumt hatte, als er die Frage erwog, ob er spielen solle oder nicht, aber es war immerhin eine Summe, und das letzte Spiel, das er jetzt machte, konnte sie verdoppeln oder in nichts zerrinnen lassen; das letzte Spiel würde nun darüber entscheiden, ob er Glück habe oder nicht, und das war der wesentliche Punkt.

Diesmal ließ die Art, wie er als Bankhalter die Karten abzog, zu wünschen übrig: es schien, als könnten sie sich nicht von seinen Fingern trennen, gleich als hoffte er dadurch, daß er sie in der Hand behielt, ihnen Zeit zu lassen, das zu werden, was er sich wünschte; langsam nahm er die seinigen auf und wagte nicht, sie anzusehen.

Er hatte fünf.

Die Lage war kritisch: was würden seine Gegner wohl thun? Weder der eine noch der andre verlangte eine Karte.

Seitdem er in seinem Klub verkehrte, klangen ihm die Ohren von den Erörterungen über das Abziehen bei der Fünf: Soll man oder soll man nicht abziehen? Aber von allem, was er über diesen heiklen Punkt gehört, war in seiner Erinnerung nicht viel hängen geblieben und er war in diesem Augenblicke nicht im stande, sich die Theorie ins Gedächtnis zurückzurufen und darüber nachzudenken.

Was die Beklemmungen beim Spiel so heftig macht, ist die Schnelligkeit, mit welcher man seine Entschlüsse fassen muß. War es geraten, auf die Fünf zu halten, oder sich eine Karte zu geben? Wenn er sich eine Zwei, eine Drei oder eine Vier gab, so verbesserte er seine Karte und kam der Neun näher; aber wenn er sich eine Fünf, eine Sechs oder eine Sieben gab, bekäme er zehn, elf oder zwölf und verlor. Ein alter Spieler hätte augenblicklich die Frage theoretisch gelöst, aber er war kein alter Spieler, es fehlte ihm alles dazu und es blieben ihm nur eine oder zwei Sekunden, um sich schlüssig zu machen.

Es war noch nie unter eigenartigeren Umständen das Glück herausgefordert worden; er wollte eine Karte abziehen, sie sollte entscheiden.

Er zog eine Drei ab, das machte acht für ihn; das Feld zur Rechten hatte fünf, das zur Linken sieben ? die vierzigtausend Franken gehörten ihm.

Ohne Frage war die Probe gelungen, die Entscheidung war gefällt: er hatte Glück.

Uebrigens sagten das alle.

Unter denen, die sich beeilten, ihn zu beglückwünschen, war Friedrich nicht der letzte, und er verstand dies in feinerer Weise zu thun als die andern.

Als Adeline ihm gegenüber wiederholte, daß es das erste Mal sei, daß er spiele, war er nicht so albern, an dieser Versicherung zu zweifeln, und erspähte sofort den Vorteil, den er daraus ziehen konnte.

»Die Art, wie Sie gespielt haben, beweist eins, nämlich, daß Sie Talent zum Spielen haben, und Ihr Gewinn beweist noch eins, nämlich, daß Sie Glück haben; Sie müßten wirklich auf Geld keinen Wert legen, wenn Sie mit diesen beiden außergewöhnlichen Eigenschaften nicht spielten.«

Zum Schaden für seinen Geldbeutel mußte Adeline nicht bloß denen stand halten, welche ihn beglückwünschten, sondern auch denen, die sich, um ihn anzupumpen, auf ihn stürzten. Herr von Cheylus an der Spitze lockte ihm fünfzig Louis heraus, dann kamen fünf oder sechs andre und endlich Frimaux, der sich die fünf Louis, die er verloren hatte, zurückgeben ließ.

Adeline war nicht zum Scherzen aufgelegt, und an diesem Abende weniger als sonst je; nichtsdestoweniger konnte er es sich nicht versagen, eine leichte Anspielung auf das Odeon zu machen.

»Das Odeon!« rief Frimaux aus, »das haben sie auch schön zugerichtet! Da werden Sie begreifen, daß ichs ebenfalls nicht besser verlangen kann!«

Am nächsten Tage begannen in der Kammer die Beglückwünschungen von neuem. Die Freunde Adelines redeten von nichts, als von seinem Glück; nicht vierzigtausend Franken waren es, die er gewonnen hatte, sondern zweimalhunderttausend, dreimalhunderttausend.

Aus Furcht, daß er sich könnte verleiten lassen, seine vierzigtausend Franken, oder was ihm davon übrig blieb, d. h. fünfunddreißigtausend Franken wieder zu verspielen, schickte sie Adeline als kluger Mann, der rettet, was zu retten ist, nach Elbeuf, wo sie sicherer aufgehoben sein würden als in seinen Händen. Nur hütete er sich wohl, seiner Frau zu sagen, woher sie kamen. Damit sie sich nicht beunruhigte, erfand er eine nicht unwahrscheinliche Geschichte: Sie waren in der letzten Zeit in genug und ziemlich bedeutende Fallimente verwickelt gewesen, so daß es ganz natürlich war, anzunehmen, daß bei einem derselben diese Summe herausgesprungen sei; die Schuldner, welche ihre Schulden bei Heller und Pfennig bezahlen, um die Ehre ihres Namens wieder herzustellen, sind zwar selten, aber schließlich finden sich doch welche.

Als Adeline in seinen Klub kam, umringten ihn die, welche er tags zuvor hereingelegt hatte.

»Sie müssen uns Revanche geben, Herr Präsident.«

»Sie müssen uns etwas von dem Gelde zurückerstatten, das Sie uns gestern abgewonnen haben.«

Er erwiderte lachend, daß ihm das unmöglich wäre, da jenes Geld unterwegs nach Elbeuf sei. Dann setzte er ernsthaft auseinander, daß er kein Spieler sei und keiner werden wolle, er habe, wenn er am Abend zuvor die Bank gehalten, nur den Bitten derjenigen nachgegeben, welche ihn bestürmten, durchaus nicht in seinem Interesse, sondern in dem der übrigen, um sich ihnen angenehm zu erweisen und dem Klub ein Vergnügen zu machen.

»Ei, und wir, wollen Sie für uns nichts thun? Sind Sie uns nichts schuldig?«

Schließlich, da er Glück hatte, warum sollte er es sich nicht zu nutze machen, das Geld war für ihn nicht wertlos, wie Friedrich meinte, weit entfernt.

Aber an diesem Abende war ihm das Glück untreu, sein Glück, das er gewissermaßen als sein Recht in Anspruch nahm. Das Zünglein der Wage schwankte wenigstens hin und her, und als seine Bank zu Ende war, hatte er einen Verlust von sechstausend Franken zu verzeichnen.

Da er diese Summe nicht bei sich hatte, sagte er an der Kasse, daß er morgen zahlen werde.

»Die Kasse wird Ihr Geld nicht annehmen, mein lieber Herr Präsident,« sagte Friedrich, »Sie haben heute nicht für sich gespielt, sondern für den Klub. Sie selbst haben es gesagt, ich wiederhole Ihnen Ihre eignen Worte. Sobald Sie die Scharte wieder ausgewetzt haben werden und darauf halten, die sechstausend Franken zurückzuzahlen, werden wir die Annahme nicht verweigern können, aber bis dahin bleibt Ihnen die Kasse verschlossen ? um Geld anzunehmen. Mit Ihrem Glück, mit Ihrem Talente zum Spiel wird es Ihnen leicht sein, sich zu revanchieren. Sie werden sich Ihre sechstausend Franken und noch mehr dazu wieder holen.«

Auf diese Weise war er gekapert worden; er zählte bald zur zahlreichsten Gruppe der Spieler, zu derjenigen, welche ihrem Gelde nachläuft.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Wie der abergläubische Mensch stets triftige Gründe findet, um darzuthun, warum sein gestern noch unfehlbarer Götze heute nichts mehr taugt, so findet auch der Spieler nicht weniger triftige, um seinen Verlust zu erklären und sich selbst mit Hilfe von »wenn« und »aber« einzureden, daß derselbe hätte verhütet werden können.

So war es auch Adeline ergangen; wenn er gewann, hatte er gut gespielt, er hatte im Gegenteil aber schlecht gespielt, so oft er verlor.

»Wenn ...«

Wenn man seine Fehler einsieht, so ist man nahe daran, sie gut zu machen. Gewiß hatte er Glück; doch was hilft alles Glück, wenn es durchkreuzt wird? Und er hatte das seinige durch Mangel an Sachkenntnis noch mehr als durch Ungeschicklichkeit durchkreuzt. Aber war dieser Mangel bei einem, der zum zweitenmal spielte, nicht ganz natürlich? Nicht die Theorie lehrt einen mit Geschick spielen, sondern die Praxis, nicht die Theorie verleiht Scharfblick, Kaltblütigkeit und raschen Entschluß, sondern die Praxis.

Diese Praxis, diese Kunst hätte er lernen können, wenn er sich ganz einfach vor das eine oder andre der beiden Felder gesetzt und vorsichtig ein paar Louis daran gewagt hätte; das hätte ihn weder ärmer noch reicher gemacht. Aber obgleich er erst zweimal Bank gehalten, hatte ihn bereits eine Krankheit eigner Art erfaßt und zwar diejenige, welche die bloße Berührung des Ledersitzes, auf den sich der Bankier niederläßt, bei so vielen Spielern erzeugt, und die hinfort durch nichts mehr, als durch den vollständigen Ruin geheilt werden kann, diejenige Krankheit, welche darin besteht, immer und immer Bankhalter sein zu wollen.

Diese Rolle zu spielen, lassen sich die stärksten Geister verblenden, davon lassen sich die ruhigsten Naturen bezaubern. Es ist keine Schlacht, in der man als Soldat seine Schüsse abgibt, sondern ein tolles Handgemenge, wo man kommandiert und, den Helmbusch auf dem Kopfe, alle die stolzen Beklemmungen durchempfindet, die aus der Verantwortlichkeit entspringen. Auf hohem Sessel thronend, hält der Bankier den Ansturm aus und bietet den auf ihn gerichteten Blicken von dreißig oder vierzig Spielern, die ihn zu verschlingen drohen, trotz. »Zehn Lümmel gegen einen Edelmann.«

Adeline war weder ein Edelmann, noch ein Raufbold, und er hatte auch keinen Helmbusch auf seinem Kopfe; aber wie so viele andre, die es nicht anekelt, sich auf den noch warmen Ledersitz niederzulassen, war er jener Verblendung, jenem Zauber unterlegen: Bankhalter stets, pointierender Spieler niemals.

So hatte er Bank gehalten. Unglücklicherweise war ihm sein Glück nicht beständig treu geblieben und öfter als einmal hatte es sich den »Lümmeln« zugewandt und zwar so gründlich, daß er seinem Klub allmählich erst kleinere Summen, drei-, vier-, fünftausend Franken und schließlich fünfzigtausend Franken schuldig geworden war.

Wenn er verloren hatte, war Friedrich da, um ihn zu trösten.

»Sie werden das Verlorene wiedergewinnen.«

Und wenn er gewonnen hatte, fanden sich einige Bedürftige ein, um ihm zu Ader zu lassen: »Mein lieber Herr Präsident ...«

Die Stimme war so kläglich, die Geschichte so rührend, daß er es nicht abschlagen konnte, obgleich er mehr als einmal gesehen hatte, wie die soeben hergeliehenen Louis sofort in Spielmarken umgewechselt wurden und zum grünen Tische zurückwanderten. Auch sie, die Entleiher, glaubten, daß sie das Verlorene wiedergewinnen würden; wie konnte er es ihnen verdenken?

Und morgens sah man ihn blaß, mit aufgedunsenen Augen, halb im Schlaf die große Treppe seines Klubs herabsteigen, deren Stufen unter seinen Tritten widerhallten; auf der Straße schüttelte ihn ein morgendlicher Schauer wach, und voll Scham, böse auf die andern, wandte er sich seiner kleinen Wohnung in der Rue Tronchet zu, wo er sonst so ruhig geschlafen hatte, und wo er jetzt nur noch einige unruhige Stunden vor der Kammersitzung zubrachte.

Manchmal hatte er sich in diesen Morgenstunden, in denen bei vielen Leuten die Stimme des Gewissens am stärksten spricht, gesagt, daß er auf seinen Klub verzichten und sein Amt als Präsident niederlegen müsse, weil es das einzig sichere Mittel sei, der Versuchung nicht zu erliegen.

Aber zuerst mußte er das, was er der Kasse schuldete, zurückzahlen, und dieses Geld hatte er nicht.

Und bewies denn das Unglück, das ihn seit einiger Zeit verfolgte, wirklich, daß er seine Chance eingebüßt hatte? Wenn er an dem Tage, an welchem er zum erstenmal Bank hielt, ohne sich Rechenschaft von seinem Thun zu geben, vierzigtausend Franken gewann, warum konnte er jetzt, wo er alle Kniffe des Baccarat kannte, nicht fünfzig-, hunderttausend Franken gewinnen? In Wirklichkeit hatte er nur etwa fünfzehntausend Franken Schulden gemacht, weil er fünfunddreißigtausend nach Elbeuf geschickt, die, Gott sei Dank, unberührt waren. Sollte er, weil er fünfzehntausend Franken aufs Spiel gesetzt, alle Hoffnung aufgeben? Was bedurfte es viel, damit sie sich erfüllte, selbst in weit höherem Maße, als er es Bertha versprochen? Einige Augenblicke des Glückes! Er war ein Narr, daß er glaubte, sie würden für ihn nicht wiederkehren!

Und dann war es andrerseits für seinen Klub, den er liebte, unerläßlich, daß er auf seinem Posten, daß er Präsident blieb.

Wenn seine Leitung und seine Ueberwachung in der ersten Zeit von Nutzen gewesen war, so war dies auch jetzt und selbst mehr als je der Fall. Sein Klub, das war er. In der Kammer sagten seine Freunde nicht: »Gehen wir in den großen internationalen Klub«, oder einfach wie Boulevardiers: »Gehen wir in den ?Grand J?«, sie sagten in familiärem Tone: »Gehen wir zu Adeline«. Das schuf ihm neben der Verantwortlichkeit auch Pflichten.

Bereits war der »Grand J« nicht mehr, was er anfänglich gewesen, und es hatten sich Aenderungen vollzogen, die freilich nicht für jedermann zu Tage lagen, die aber seinem stets mit väterlicher Aufmerksamkeit beobachtenden Auge nicht verborgen blieben.

An der Table dhote erschienen jetzt Gestalten, die sich früher nicht gezeigt hatten, und die ihn in Erstaunen versetzten; tadellose Erscheinungen, fast zu tadellos, mit Orden geschmückt, ja, mit mehr Kreuzen und Bändchen, als man anstandshalber trägt, und dazu Namen und Titel, die länger und klangvoller waren, als man sie in Wirklichkeit findet.

Wo kamen diese Leute her? Die von ihm eingezogenen Erkundigungen ergaben, daß sie meistens in genügender Weise eingeführt, oder daß sie ordentliche Mitglieder mehrerer Klubs waren. Zwar überwachte er stets mit derselben Strenge die Aufnahme der ständigen Mitglieder, und unter seiner Leitung hatte man es mit der Abstimmung stets ernst genommen, aber ein Artikel der Statuten besagte, daß, wie dies bei allen Klubs der Fall ist, ein ständiges Mitglied einen Gast einführen könne, und diese kleine Hinterthüre, die bedeutungslos erscheint, in der That aber mehr benutzt wird, als der Haupteingang, hatte mehr als einen neuen Gast, der ihn beunruhigte, hereinschlüpfen lassen.

Wenn er sie nur einmal an seinem Tische gesehen hätte, so hätte er sich darüber weiter keine Sorge gemacht; es waren Eingeladene, ohne Zweifel; aber sie kamen im Gegenteil regelmäßig und sie brachten andre Gäste mit, die in der Regel ehrbar und einfach aussahen, gewiß brave Leute waren und sich auch nicht lange im Klub herumtrieben; sie speisten ein- oder zweimal, spielten des Abends und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Er hatte von Friedrich vergebens eine Erklärung darüber zu erhalten versucht; trotz seiner Kenntnis der Pariser Gesellschaft, kannte sie Friedrich nicht besser als er; alles, was er bestätigen konnte, war, daß jene so tadellosen und ordengeschmückten Leute keine »Beitreiber« waren, wie man in einem andern Klub als dem »Grand J« hätte vermuten können, d. h. Lockvögel, deren Aufgabe es war, »Gimpel« einzufangen, die man im Baccarat rupfen konnte. Im »Grand J« war das nicht Sitte, und überdies mußte man nicht alles glauben, was man von den Spitzbübereien, die in den Klubs vorkämen, erzählte, das waren Zeitungsgeschichten; er, der doch viel in den Pariser Klubs gelebt, hatte niemals eine wirkliche Spitzbüberei gesehen ...

Und als ihm Adeline darauf bemerkte, daß seine Worte mit den Geschichten, die er ihm früher erzählt, im Widerspruch ständen, hatte Friedrich sich mit der Provinz ausgeredet.

In Nizza, in Biarritz, in den Bädern, dort, wo man sich nicht kennt, ist alles möglich; aber in Paris! in einem Klub, wie der »Grand J«, wo nur Freunde verkehren, bei Mitgliedern wie die Ihrigen!

Was Adeline keine Ruhe ließ, war, daß der »Grand J« nicht, wie er es gehofft hatte, in exklusiver Weise zusammengesetzt war, wenn auch nicht aus Freunden, so doch mindestens aus Mitgliedern, die unter sich nähere Beziehungen haben, durch welche eine Art von Gemeinsamkeit und gemeinschaftlicher Verantwortlichkeit geschaffen wird. Er hätte gemocht, daß man nur zur Pflege der Geselligkeit hier zusammengekommen wäre, um sich in einem Mittelpunkte zu vereinigen, wo alle denselben Zweck verfolgen. Was er aber tagtäglich sah, ließ ihn fürchten, daß man nur hierher kam, um zu spielen. Die wenigen Monate, die er in seinem Klub zugebracht, hatten ihm einen tieferen Einblick in das Pariser Leben gewährt, als mehrere Jahre in der Kammer. Er sah jetzt, welche bedeutende Stelle das Spiel in gewissen Gesellschaftskreisen einnimmt, wo Geldverlegenheiten fast die allgemeine Regel sind, wo man jeden Monat mehr ausgibt als man hat, und wo man nur auf einen Glücksfall rechnet, um das Defizit zu decken, das sich von Tag zu Tag vergrößert. Es paßte ihm nicht, daß der »Grand J« ein Stelldichein für jene Bedürftigen sei, gerade weil er selbst einer davon war; es paßte ihm nicht, daß die andern in seinem Klub die bequeme Gelegenheit fänden, welcher er zum Opfer gefallen war.

Anstatt daß der Gewinn, den die Spielkasse machte, für ihn ein Gegenstand der Beruhigung war, war er im Gegenteil Grund der Besorgnis. Er hätte gewünscht, daß sie weniger eingebracht hätte, weil der Ertrag im Verhältnis zum Spiel stand: Ein Louis für eine Bank von fünfundzwanzig Louis, drei Louis für eine Bank von hundert Louis. ? Eines Morgens wohnte er der Oeffnung dieser vielbesprochenen Spielkasse bei; er war starr darüber, wie viele Spielmarken und Täfelchen sie enthielt ? nahe an zehntausend Franken. Zehntausend Franken Gewinn für eine Nacht! Seine Bestürzung war so groß gewesen, daß er sie Friedrich, welcher damit beschäftigt war, die Spielmarken und Täfelchen zu zählen, offen merken ließ. Der Klub war leer, in dem düsteren und stillen Baccaratsaale waren nur er, Friedrich, Barthelasse, Maurin, der Kassierer und einige Angestellte zurückgeblieben.

»Zehntausend Franken! Ist es möglich?«

Friedrich hatte ihn mit Befremden, ohne etwas zu erwidern und mit einem rätselhaften Lächeln angesehen.

Schließlich sagte er: »Wie Sie sehen, mein lieber Herr Präsident.«

Sie blickten sich von neuem an und Adeline schlug die Augen nieder. Er wagte nicht die Sache weiter zu verfolgen; denn das hieße doch eingestehen, daß er die betrügerische Anfüllung der Spielkasse für möglich hielt, jene berüchtigte »Anfüllung«, wovon er mehr als einmal hatte sprechen hören, und die darin besteht, daß der Croupier Spielmarken zum Nachteile der Spieler einschmuggelt. Aber um diese »Anfüllung« zu ermöglichen, müssen der Geschäftsführer und die Croupiers unter einer Decke spielen, und er hatte nicht den geringsten Grund, Friedrich einer solchen Niederträchtigkeit zu zeihen.

»Sollen wir die Annahme verweigern?« fragte Friedrich scherzend.

»Sie sind nun einmal da!« erwiderte Adeline.

»Ich bin glücklich, zu sehen,« fuhr Friedrich fort, »daß wir einig sind.«

Einig! Einig! Sie waren es nimmer wie anfangs.

Eines Tages begegnete Adeline einem Kaufmann aus Bordeaux, zu dem er früher Beziehungen gehabt hatte. Dieser kam freundlich lächelnd, ihm die Hand hinstreckend, auf ihn zu.

»Es war sehr liebenswürdig von Ihnen, mich für heute abend in Ihren Klub zum Diner einzuladen,« sagte der Kaufmann.

»Ich habe Sie eingeladen?« sagte Adeline höchst erstaunt, »für heute abend?«

»Hier ist Ihr Brief; ist es nicht für heute abend?«

Es war eine elegant auf Bristolpapier lithographierte Einladung, unterzeichnet: »Der Präsident Adeline«. Nur die Adresse war mit der Hand geschrieben.

»Ich bin sehr überrascht gewesen, als der Kellner des Gasthofs mir diesen Brief einhändigte, denn ich bin erst gestern nacht hier angekommen.«

»Auf Wiedersehen heute abend,« sagte Adeline, der sich beeilte, noch mißlicheren Erklärungen aus dem Wege zu gehen.

Diese Erklärungen sollte Friedrich ihm geben. Wie, die Kellner der Gasthöfe verteilten Einladungen, die mit seinen: Namen: »Der Präsident Adeline« unterzeichnet waren?!

»Aber, mein lieber Herr Präsident,« antwortete Friedrich, indem er zu lachen versuchte, »was Sie in Erstaunen setzt, geschieht allerwärts.«

»In meinem Klub dulde ich es aber nicht.«

»Dann, mein Herr, werden wir ihn schließen. Womit wollen Sie, daß wir unsre Kosten decken sollten, wenn nicht gespielt wird? Damit aber gespielt werden kann, müssen Spieler da sein.«

»Mein Name soll nicht dazu dienen, sie anzulocken.«

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Die Geschichte mit der Spielkasse hatte unter der Gesellschaft Mussidan, Raphaëlla, Barthelasse und Compagnie Unruhe hervorgerufen; was sollte aus der Sache werden, wenn dieser Präsident auf den Einfall kam, seine Nase in alles zu stecken, was ihn nichts anging?

Als aber Friedrich die Geschichte mit dem Einladungsschreiben und die heftigen Vorwürfe berichtete, die ihm deshalb gemacht worden, verloren sie ganz die Fassung.

»Was hast du geantwortet?« fragte Raphaëlla.

»Nichts.«

»Haben Sie ihm nicht die Rippen entzwei geschlagen?« schrie Barthelasse, der in der ersten Aufwallung stets in die Gewohnheiten seines alten Gewerbes eines Preiskämpfers zurückverfiel, obgleich er sich ehrlich Mühe gab, Haltung und Ruhe zu bewahren ... in Paris ...

Raphaëlla zuckte die Achseln: »Den Leuten, die man braucht, schlägt man nicht die Rippen entzwei.«

»Je nachdem. Ich brauchte, wenn das Publikum ungeduldig wurde, nur so zu machen:« ? er bog die Kniekehlen, duckte sich zusammen, zog seinen kurzen Hals zwischen seine breiten Schultern ein und streckte seine beiden Arme aus, in der Stellung eines Mannes, der den Angriff seines Gegners in der Arena erwartet ? »und gleich war es fertig. Man läßt ihm zu viel Spielraum, zu thun, was ihm beliebt, diesem Abgeordneten. Wozu geben wir ihm sechsunddreißigtausend Franken? Damit er uns am Narrenseil herumführt? Das frage ich euch. Was?«

»Ihn müssen Sie das fragen,« erwiderte Friedrich ungeduldig.

»Ich bin dazu bereit, wenn Sie wollen, mein Lieber; glauben Sie, daß ich mich davor fürchte?«

»Darum handelt es sich nicht,« unterbrach Raphaëlla trocken, »wir brauchen ihn, wir müssen dementsprechend handeln.«

»Ich habs euch schon gesagt und ich wiederhole es,« fuhr Barthelasse fort, »man wird nur dann seiner sicher sein, wenn man ihn ?unter die Freien aufnimmt?; am Tage, wo er eine Karte unterschlägt, ist er unser.«

»Und glauben Sie, daß er sich von Ihnen Unterricht erteilen läßt?«

»Warum nicht? Andre, die so viel waren wie er, haben ihn begehrt, und ich kann ohne mich zu rühmen sagen, daß sie sich gut dabei befunden haben.«

Schon öfter hatte dieser Gegenstand das Gesprächsthema zwischen ihnen gebildet, denn seit Adeline die Präsidentschaft des Klubs angenommen, erwogen sie die Frage, wie es anzufangen wäre, um ihn an der Spitze ihres Unternehmens zu erhalten. Solange er die Kehrseite des Klublebens nicht kannte, konnten sie ruhig sein. Aber in dem Maße, als sich seine Augen öffnen würden (und es war unmöglich, daß sie sich, wenn nicht mit einem Male doch nach und nach öffneten), änderte sich die Lage.

»Wir werden ihn ?unter die Freien aufnehmen?,« hatte Barthelasse gesagt, indem er sich dieses Ausdrucks der Gaunersprache bediente, der auf die Vorurteile anspielt, welchen die Dummköpfe treu bleiben und von welchen die Falschspieler sich freigemacht haben.

»Und Sie bilden sich ein, daß er sich ?unter die Freien? aufnehmen lassen werde?« hatte Raphaëlla, die besser als Barthelasse die Eigenart ihres Präsidenten kannte, geantwortet.

Mein Gott, ja, er bildete es sich ein und er begriff sogar nicht, daß es anders sein könnte. Um was handelte es sich denn? Darum, sicher und gefahrlos Geld zu gewinnen, auf eigne Faust, ohne Helfershelfer, mit einer Sicherheit, die derjenigen des Akrobaten auf gespanntem Seile, der seine Sache versteht, gleichkommt.

Warum sollte er denn »nein« sagen? Barthelasse sah dies nicht ein, da es doch nichts Süßeres und nichts Angenehmeres gibt, als das durch Arbeit erworbene Geld.

Aber Raphaëlla und Friedrich, die, ohne im Grunde genommen viel vorurteilsvoller als Barthelasse zu sein, nicht daran glaubten, daß alle Welt auf dem Standpunkt angekommen sei wie sie, das Leben vom Gesichtspunkt praktischer Philosophie zu betrachten, welche lehrt, auf das Geld allein Wert zu legen, ohne sich darum zu kümmern, auf welche Art man es erwirbt, Raphaëlla und Friedrich waren gewiß, daß Adeline und zwar mit Entrüstung sich abwenden werde, wenn man ihm ganz einfach den Vorschlag machen wollte, ihn »sicher spielen« zu lehren. So durfte man es bei dem da nicht anfassen, den sie verächtlich den »Puchotier« nannten, seitdem Adeline sich eines Tages wegen seiner Unkenntnis der Pariser Zustände verteidigt und sich selber jenen Namen beigelegt hatte mit dem Bemerken, daß in Elbeuf die Puchotiers die in Vorurteilen Befangenen der Stadt sind, diejenigen, welche allem Fortschritt abhold sind und nur auf ihren alten Puchot schwören. Was konnte dabei herauskommen, wenn man offen mit ihm sprach?

Man mußte wirklich ein Puchotier sein, um mit solcher Naivetät zu glauben, daß man aus den Beiträgen von hundert Franken und den Erträgnissen einer ehrlichen Spielkasse achtzigtausend Franken Mietzins und Versicherungsprämien, zwanzigtausend Franken Steuern und Umlagen, fünfundzwanzigtausend Franken für Heizung und Beleuchtung, sechzigtausend Franken Bezüge an das Personal, sechsunddreißigtausend Franken Gehalt an den Präsidenten, dreißigtausend Franken Verlust auf die Tafel, und alle die andern Kosten für Zeitungsabonnements, Drucksachen, Konzerte, Feste, d. h. eine jährliche Ausgabe von mehr als dreimalhunderttausend Franken bezahlen könne. Um diese Ausgaben zu decken und um denjenigen einen hinreichenden Gewinnanteil zukommen zu lassen, die das Unternehmen gegründet hatten, dem Geschäftsführer, den Tapezierern, Wein- und Delikatessenhändlern, den Croupiers, den stillen Gesellschaftern, den mehr oder minder einflußreichen Gönnern, oder wie man in diesen Kreisen sagt »Fressern«, welche sich ihre Gönnerschaft nach Prozenten bezahlen lassen, dazu war es nötig, daß gespielt wurde, und nicht in bescheidener, ruhiger Weise, sondern im Gegenteil toll und unter Ausbeutung aller Vorteile seitens einer geschickten Administration. Wie einförmig würde das Diner von manchem Klub oft sein, wenn man nicht dadurch für Gäste sorgte, daß man nach allen Seiten hin, wo man Aussicht hat, auf einen Einfältigen zu stoßen, Einladungen erläßt, wie die, welche Adeline in Entrüstung versetzt hatte. Ja diese Einladungen genügen sogar nicht einmal und es muß ein Personal von »Beitreibern« unterhalten werden, welche ordentliche Mitglieder des Klubs, Gentlemen dem Anscheine nach, aber in Wahrheit arme Schlucker sind, die sich in der Gesellschaft oder vielmehr in einer gewissen Gesellschaft umhertreiben und die Aufgabe haben, auf gut Glück Leute ihrer Bekanntschaft oder solche, die sie zufällig kennen lernen, zu pressen. Diese werden dann an der Table dhote fein bewirtet und eine Stunde später am Baccarattische in Stücke zerrissen; diese sind es gerade, welche der Spielkasse eine namhafte Beisteuer liefern, während die Statisten, die komödiantenhaft mit geliehenen Jetons spielen und über einen Gewinn vor Freude, über einen Verlust vor Verzweiflung außer sich geraten, mehr die Dekoration abgeben. Und wie könnte diese Spielkasse hinreichenden Gewinn abwerfen, wenn nicht in der Hitze des Gefechts die Croupiers mit den »gewandten Fingern« (das Beiwort ist eins der gebräuchlichsten der Falschspieler) ? Spielmarken von Elfenbein und Perlmutter geräuschlos in ihr ausgepolstertes Kästchen gleiten ließen? Und was würde das Geldwechseln einbringen, wenn der Croupier dabei nicht seine gewandten Finger spielen ließe: »Adolph, für fünfundzwanzig Louis Kleingeld,« und während der Diener diese fünfundzwanzig Louis dem Croupier bringt, der nicht vom Tische aufstand, reicht ihm dieser über seine Schulter hinüber zwei Spieltäfelchen, anstatt eins. Diese und manche andre Mittel sind es, die einen Klub blühend ? wenn auch nicht musterhaft machen.

Aber um sich ihrer zu bedienen, ohne daß es Adeline merkte, hatte es aller Gewandtheit Friedrichs und der ganzen Geschmeidigkeit seines Charakters bedurft.

Und nun gewann es den Anschein, als ob die Kniffe der Spielkasse bloßgelegt seien und als müßten die Einladungsschreiben aufgegeben werden.

Wenigstens war dies Raphaëllas Rat, die nicht dafür war, auf Hindernisse direkt loszugehen.

»Gib nach,« sagte sie zu Friedrich.

»Was, nachgeben?« schrie Barthelasse.

»Wir müssen auf diese Einladungen verzichten, oder es wird zu einem Skandal, vielleicht zu einem Bruch kommen.«

»Und wie hoffen Sie das Wild zu erjagen, sagen Sie mal, mein Lieber? Rechnen Sie darauf, daß es Ihnen gebraten in den Mund fliegen werde? Ich sage es, ich wiederhole es, ihr nehmt zu viel Rücksicht auf diesen Präsidenten, ihr verzieht ihn. Wie, oder glaubt ihr, daß er nicht wußte, wie die zehntausend Franken in die Spielkasse kamen? Das frage ich euch, was? Er hat den Präsidenten gespielt, der nichts sehen, der von nichts wissen will. Ei, mein Gott, ich verstehe es, er ist Abgeordneter, er ist dekoriert, er ist ein geachteter Mann, er muß wohl seinen Ruf schonen ? in seinem eignen Interesse. Aber im Grunde seines Herzens weiß er so viel wie wir. Sonst! Er hat ja die Geschichte mit der Spielkasse hinuntergeschluckt, er piepst nicht mehr davon, er wird ja auch die mit den Einladungsschreiben verdauen. Das wird in aller Stille vor sich gehen, das sagt ihm mehr zu, diesem Menschen, das ist so seine Art. Man muß ihn nehmen wie er ist, oder sich seiner entledigen. Wir fahren ruhig fort wie bisher, weil ihr nicht wollt, daß er ?eingeweiht? wird, was uns sehr leicht sein würde.«

Indessen behielt Raphaëlla, ungeachtet der Darlegungen Barthelasses, wie dies übrigens stets der Fall war, mit ihrer Meinung recht ? man entschloß sich zum Nachgeben.

Am nächsten Tage entschuldigte sich Friedrich, der stets den Dolmetscher der Genossenschaft machte, bei seinem »lieben Herrn Präsidenten«.

»Verzeihen Sie meine etwas lebhafte Art, in der ich Ihnen gestern antwortete, ich habe unrecht gehabt. Ich habe nachgedacht, ich sehe es ein. Wodurch ich mich hinreißen ließ, war, daß das, was Ihnen mißfällt, allerwärts geschieht, und daß viele andre Präsidenten jene Briefe unterzeichnen. Aber Sie gehören nicht zu jenen Präsidenten, ich gebe es zu. Ihre hohe Stellung, Ihre Ehrenhaftigkeit, Ihr so geachteter Name begründen zur Genüge Ihre Empfindlichkeit.«

Er hatte bei seinem Eintritt in das Kabinett des Präsidenten einen Pack Papiere in seiner linken Hand gehabt.

»Hier ist der Rest jener Briefe,« sagte er.

Er warf sie in das Kamin, wo ein Holzfeuer brannte.

Adeline hatte den Beginn dieser kleinen Rede in steifer Haltung angehört, wie ein Mann, der böse ist ? und er war es in der That; ? er ließ sich besänftigen.

Man konnte sein Unrecht nicht artiger anerkennen. Alle Bedenken, die gegen den Vicomte in ihm aufgestiegen waren, verflogen.

»Sie wissen wohl, daß ich nur die Ehre unsers Klubs im Auge habe,« sagte er, Friedrich die Hand hinstreckend.

»Ei, und ich!« rief dieser aus.

Als Adeline daran dachte, wie es künftig werden solle, bemächtigte sich seiner ein unbestimmtes Gefühl der Unruhe.

»Sie sagten gestern zu mir, Sie wollten den Klub schließen.«

»Sie wissen, daß man in der ersten Erregung leicht zu weit geht. Indessen ist es gewiß, daß wir in eine gewisse Verlegenheit geraten werden, aber mit Ihrer Hilfe können wir uns schließlich herausziehen ... wenigstens hoffe ich es.«

»Was kann ich für Sie thun?«

»Sie sollen sich auf mich verlassen und sich nicht darüber beunruhigen, wenn sich etwas nicht gut anläßt. Seien Sie versichert, daß es Sie nur ein Wort kostet, um Abhilfe zu schaffen. Wie Sie, mein lieber Herr Präsident, stelle ich die Ehre unsers Klubs obenan, ja, wenn ich es zu sagen wagte, noch mehr als Sie, weil für die Eingeweihten ich der verantwortliche Geschäftsführer bin. Allein, neben der Ehre, neben der Achtbarkeit, über die Sie zu wachen haben, sind auch wohlzubeachtende Interessen vorhanden, die infolge der thatsächlichen Leitung des Klubs mich angehen. Man hat mir diese Interessen anvertraut. Zu dem Gelde, das ich selbst in dieses Unternehmen gesteckt habe, ist das mir anvertraute Geld hinzugekommen, und dafür bin ich verantwortlich. Nun wohl, so lassen Sie es mich derart verwalten, daß es denjenigen Gewinn abwirft, den man mit Recht erwarten darf.«

»Aber, was kann ich thun?«

»Sie wollen nicht meinen Ruin; Sie wollen nicht denjenigen der Personen, die Zutrauen zu mir gehabt haben?«

»Gewiß nicht.«

»Seien Sie versichert, daß unter meiner Leitung niemals etwas geschieht, was uns bloßstellen oder auch nur Anlaß zur Besorgnis geben könnte.«

»Was verlangen Sie denn von mir?«

»Lediglich, daß Sie, wie es in allen Klubs der Fall ist, dem Spiel seinen Lauf lassen.«

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Eines Morgens, als Adeline spät nach Hause kam, in jenem Zustande halber Schlaftrunkenheit eines übernächtigen Spielers, körperlich übermüdet, dabei fieberhaft erregt und geistig abgespannt, sich vor sich selber schämend und zornig auf die andern, während in seinem Kopfe alle die verlorenen Spiele nochmals wirr durcheinander wirbelten, die seine Schuld um zehntausend Franken erhöht hatten, da meldete man ihm, daß ihn eine junge Dame im Empfangszimmer des Hauses erwarte.

Er war kaum in der Verfassung, Bittsteller zu empfangen und sie anzuhören. Er fühlte das Bedürfnis, sich vor der Kammersitzung, wo ein Gesetzentwurf auf der Tagesordnung stand, über den er Referent war, zu erfrischen, ein wenig Ruhe zu genießen und wieder zu sich zu kommen.

»Sie können jener Dame sagen, daß ich sie nicht empfangen kann,« erwiderte er.

Und er stieg die Treppen zu seiner Wohnung hinauf.

Aber in seiner schlechten Laune hatte er nicht leise genug gesprochen, die Thür des Zimmers wurde rasch geöffnet und er befand sich einer jungen, eleganten Frau gegenüber, die ihm den Weg versperrte.

»Herr Adeline?«

»Ich bin es, Madame, aber ich kann Sie in diesem Augenblick nicht empfangen, ich habe große Eile, teilen Sie mir Ihre Wünsche schriftlich mit.«

»Ich bitte Sie, mein Herr, schenken Sie mir Gehör, ich flehe Sie an.«

Der Ton war so bewegt, so zitternd, der Blick so umdüstert, so trostlos, daß Adeline sich erweichen ließ.

Er ging vor ihr her und führte sie in den kleinen einfachen Salon seiner möblierten Wohnung, der vor seinem Wohnzimmer lag. Als er dieses kalte Zimmer, das jetzt die meiste Zeit unbewohnt war, betrat, schüttelte ihn ein Schauer von oben bis unten. Nun zündete er ein Streichhölzchen an und hielt es an das im Kamin zurechtgelegte Holz; dann zog er einen Sessel herbei und setzte sich seiner Besucherin, welche in einer verwirrten und beschämten Haltung wartete, gegenüber.

»Ich stehe zu Ihren Diensten, Madame.«

Da sie nicht begann, wollte er ihr zu Hilfe kommen. Sie war sehr hübsch, und die Traurigkeit und die Herzensangst auf ihrem Gesichte mußten Teilnahme einflößen.

»Madame ...?« fragte er.

»Madame Paul Combaz.«

»Die Frau des Malers?«

»Ja, mein Herr.«

Das klang eher traurig als stolz.

Die etwas laue Teilnahme Adelines verwandelte sich in Interesse. Er vergaß seine Müdigkeit und seine Aufregungen der Nacht, um diese junge Frau zu betrachten, die da in einer trostlosen Haltung vor ihm saß. Paul Combaz war ihm nicht nur dem Namen nach als ein talentvoller und in der Pariser Gesellschaft geschätzter Maler, sondern auch persönlich bekannt, und zwar als einer der treuesten Gäste des »Grand J« seit einiger Zeit.

»Verzeihen Sie mir meine Verzagtheit,« sagte sie endlich, »die Lage einer Frau, welche sich über ihren Mann, den sie liebt, zu beklagen hat, ist eine so schmerzliche, daß ich nicht weiß, wie ich mich ausdrücken soll, obgleich ich seit länger als einem Monat hundertmal täglich überlegt habe, was ich Ihnen sagen wollte.«

Adeline suchte ihr durch ein Zeichen Mut einzuflößen.

»Sie kennen meinen Mann?« fragte sie, ihn furchtsam anblickend.

»Ich achte ihn ebensosehr als Künstler, wie ich ihn als Menschen wertschätze.«

Sie ließ einen Seufzer der Erleichterung hören, und in ihren umflorten Augen blitzte ein Strahl von Zärtlichkeit und Stolz auf.

»Seien Sie versichert, daß er es verdient: er ist das ehrlichste Herz, der geradeste Charakter, und Ihnen brauche ich es nicht zu sagen, daß er ein großer Künstler ist, seine Erfolge bestätigen das. Ich würde die glücklichste und stolzeste Frau sein, wenn ... wenn er nicht spielte; und weil er spielt ... in Ihrem Klub spielt, deswegen komme ich, um Sie zu bitten, daß Sie uns retten, meine Kinder und mich.«

»Aber ich habe nicht die Macht, die Leute am Spielen zu verhindern!« rief er, durch diese Anrufung seiner Vermittelung verletzt, aus. Sie schien ihn für die Spielverluste ihres Mannes verantwortlich machen zu wollen. »Sie täuschen sich gewaltig über den Einfluß des Präsidenten eines Klubs.«

Sie sah ihn mit ganz verstörten Blicken, mit bebenden Lippen an.

»O! mein Herr; ich bitte Sie, stoßen Sie mich nicht zurück. Wenn Sie mich nicht um meinetwillen anhören (und ich begreife es, weil Sie mich nicht kennen), so thun Sie es meiner Kinder, meiner drei kleinen Mädchen wegen, die in einem Monate, vielleicht schon in acht Tagen, auf die Straße geworfen und vor Hunger, vor Kälte sterben werden ? wenn Sie sich nicht ins Mittel legen. Sie haben eine Tochter, die Sie lieben, an den Vater wende ich mich.«

»Sie kennen mich, Sie kennen meine Tochter?«

»Nein, mein Herr, ich kenne Fräulein Adeline nicht, aber ich weiß, daß Sie eine Tochter haben, und indem ich an sie dachte, ist in mir die Hoffnung erwacht, daß Sie uns helfen würden. In Verzweiflung über die Spielverluste meines Mannes habe ich mich wie eine Verrückte nach einem Menschen umgeschaut, dessen Schutz ich anrufen könnte, und da ist mir die Idee gekommen, eine Eingebung, daß, wenn ich meinen Gatten auch nicht verhindern könnte, in den Klub zu gehen, wo er sich ruiniert hat, der Präsident des Klubs ihm die Thüren desselben verschließen könnte. Aber ist dieser Präsident ein Mann, welcher mich anhörte? Oder wird er mich abweisen, weil er selbst aus dem Ruin der Spieler Gewinn zieht? ... es gibt ja solche, hat man mir gesagt. Durch meinen Gatten, den ich befragte, habe ich erfahren, welche Stellung Sie auch in der politischen Welt einnehmen, welche Achtung Sie allgemein genießen. Das war viel und doch war es nicht genug. Wohnte in der Brust des Politikers ein Herz, das für die Verzweiflung der Mutter ein Verständnis hatte und der Teilnahme fähig war? Ich habe eine Schulfreundin, die in Rouen verheiratet ist; an sie habe ich geschrieben, daß sie in Erfahrung bringen möchte, was für ein Mann Herr Constant Adeline sei. Ihre Antwort kennen Sie, ohne daß ich sie Ihnen mitteile, und als ich nun erfahren hatte, welch ein Vater Sie Ihrer Tochter sind, da habe ich Zutrauen zu Ihnen und da habe ich Mut gefaßt, diesen Schritt zu thun.«

Nach und nach hatte er sich gewinnen lassen. Diese zitternde Stimme, diese schönen, thränenfeuchten Augen, dieses Feuer und gleichzeitig diese Bescheidenheit im Ausdruck, vor allem aber diese Anrufung Berthas bewegte ihm das Herz.

»Was kann ich für Sie thun? Was in meiner Macht steht, soll geschehen, das verspreche ich Ihnen.«

»Ich fühlte, daß ich mich nicht vergeblich an Sie wenden würde, und von ganzem Herzen danke ich für Ihre Worte. Wenn ich Ihnen erst unsre Lage auseinandersetze, wird es Ihnen klar werden und gewiß klarer als mir selbst, wie Sie uns retten können und wie Sie es mit meinem Manne anfassen müssen.«

Adeline klingelte und befahl dem die Thüre öffnenden Diener, niemand herauf zu lassen.

»Seit sieben Jahren bin ich verheiratet,« sagte sie; »ich habe meinem Manne hunderttausend Franken in die Ehe gebracht, und ein Jahr nachher beim Tode meines Vaters weitere zweihunderttausend Franken. Als mein Mann mich heiratete, besaß er kein Vermögen, aber Talent und einen Namen, was ihm fünfzig- bis sechzigtausend Franken einbrachte. Wir lebten sehr behaglich in einem kleinem Hause der Rue Jouffroy, das mein Mann gebaut und das samt Mobiliar mit meinem Eingebrachten und der Hinterlassenschaft meines Vaters bezahlt worden war. Das konnte man keine Verschwendung nennen, denn Sie wissen, daß der Maler, der kein eignes Haus besitzt, so zu sagen kein Ansehen beim Bilderhändler und noch weniger beim Kunstliebhaber genießt; es ist eine geschäftliche Notwendigkeit, so etwas wie ein Stück Handwerkszeug. Wir waren sehr glücklich, ich war sehr glücklich; mein Mann liebte mich, ich liebte ihn, lebte in ihm, um ihn, war stolz, ihn arbeiten zu sehen, stolz, wenn ich sah, daß er sich nach mir umwandte und mit einer Handbewegung oder mit einem Blick mich um meine Ansicht befragte. Ich kam nicht aus dem Atelier und die einzigen Stunden in den sechs Jahren, die ich nicht an seiner Seite verbrachte, waren die, in welchen ich meine Kinder im Park Monceau spazieren führte. Die Krisis, welche der Kunsthandel durchmacht, hat uns indessen ebenfalls berührt und die sechzigtausend Franken, die mein Mann in den ersten Jahren unsrer Ehe verdiente, schrumpften auf einige tausend Franken zusammen, da, wie Sie wissen, die Händler nichts mehr kauften. Wir mußten uns einschränken. Ich selbst hatte zuerst darauf gedrungen und brachte es auch zu stande, unsre Lebensweise anders einzurichten ? ganz genügend, wenigstens nach meinem Ermessen, wir hätten, bis bessre Zeiten eintraten, ganz gut so durchkommen können. So gings, bis vor drei Monaten (Sonntag werden es drei Monate, zu meinem Unglück weiß ich das Datum nur zu wohl) Herr Fastou ...

Adeline machte eine unwillkürliche Bewegung.

»... der Bildhauer, welcher Mitglied Ihres Klubs ist, meinen Mann besuchte. Natürlich sprach man vom Krach. Fastou schalt meinen Mann, warf ihm vor, daß er zu sauertöpfisch sei, daß man, da die Händler nicht mehr kauften, sich an die Liebhaber wenden, daß aber, um sie zu finden, man sie aufsuchen müsse, daß, um mit ihnen in passender Weise zusammenzutreffen, die Klubs als neutraler Boden der richtige Ort seien, daß er zum Beispiel in seinem Klub zwölf oder fünfzehn Büsten bestellt bekommen habe, wovon er lebe. Und zum Schlusse schlug er meinem Manne vor, Mitglied des ?Grand J?zu werden. Ich drang so inständig in meinen Mann, daß er es abschlug; aber er begleitete Herrn Fastou einigemal ? um mit jenen Liebhabern, die Bilder kaufen sollten, zusammenzutreffen.«

»Und nachher?« fragte Adeline beklommen, denn er hatte Combaz schon oft am Baccarattische gesehen.

»Heute ist unser Haus mit achtzigtausend Franken Hypotheken belastet, d. h. ungefähr für seinen wirklichen Wert. Alle Bilder, die mein Mann in seinem Atelier hatte, sind weg, auch ein Teil der Möbel, alles, was gut und leicht verkäuflich war, ist den Bildern gefolgt.«

»Aber die Spielkasse nimmt keine Hypotheken,« rief Adeline aus, »sie kauft keine Bilder!«

»Die Kasse nein, aber der Kassierer oder der Spielunternehmer, ich weiß nicht, wie Sie ihn nennen, der welcher den Spielern leiht, August.«

»Das ist unmöglich,« unterbrach Adeline, welcher zu wissen glaubte, daß August nur ein kleiner Angestellter sei.

»Sie glauben, mein Herr, aber ich weiß. Auf alle Fälle, wenn August nicht zu seinem Vorteil die von meinem Manne verlorenen Summen geliehen hat, so geschah es zum Vorteil derjenigen, die ihn angestellt haben und für uns bleibt das Ergebnis dasselbe, es ist der Ruin. Wenn noch die paar Möbel, die paar Wandbehänge und die paar Teppiche verkauft sind, dann bleibt uns nichts mehr übrig und es wird nicht lange dauern, bis auch das Haus verkauft wird, weil wir die Zinsen des Hypothekenkapitals nicht bezahlen können. Sie sehen, in welcher Lage wir sind. In drei Monaten ist alles durchgebracht worden; mein Mann arbeitet nicht mehr, er ist der unglücklichste Mensch von der Welt, das Fieber verzehrt ihn, er schläft nicht mehr, er ißt nicht mehr; ich fürchte, daß die Verzweiflung darüber, uns ins Elend gestürzt zu haben, ihn zum Selbstmorde treibt. Schon wagt er es nicht mehr, mir ins Auge zu sehen, und wenn er seine Kinder umarmt, thut er es mit einer Leidenschaftlichkeit, die mich erschreckt. Jetzt werden Sie begreifen, wie ich den Mut fassen konnte, mich an Sie zu wenden. Wenn mein Mann in Ihrem Klub nicht mehr spielen darf, so wird er, da er auch anderswo beim Spiel nicht ankommt, weil er ruiniert ist, zu mir zurückkehren; ich werde ihn trösten, ihn wieder aufrichten, er wird seine Arbeit wieder aufnehmen, und wäre es nur, um Illustrationen zu zeichnen; Sie werden ihn geheilt, Sie werden ihn gerettet haben.«

Adeline schüttelte das Haupt und vielleicht mehr zu sich selbst als zu Frau Combaz murmelte er: »Kann man einen Spieler heilen?«

Sie glaubte, daß dieser Ausruf an sie gerichtet sei, und erwiderte lebhaft: »Ja, man kann ihn heilen, und mein Mann ist ein lebendes Beispiel. Wir haben unsre Hochzeitsreise in die Pyrenäen gemacht; als wir in Luchon ankamen, begann mein Mann zu spielen und brachte jede Nacht im Kasino zu. Ich begleitete ihn, und da Frauen keinen Zutritt zu den Spielsälen haben, wartete ich auf ihn ganz allein in einem kleinen Salon, voll Betrübnis, voll Verzweiflung; ich fragte von Zeit zu Zeit die Diener, wie es mit dem Spiel stehe und ob es nicht bald zu Ende gehe. Obgleich ich eine anständige Erziehung genossen, war ich so weit gekommen, mit ihnen bekannt zu thun, damit sie mir nur Rede und Antwort stehen möchten. Und sie antworteten mir nicht nur, sondern sie zeigten sich auch bereit, meinen Mann von meiner Anwesenheit in Kenntnis zu setzen. Er ließ sich rühren. Am sechsten Abende gab er mir das Versprechen, daß er nicht spielen werde, und seitdem hat er es nicht mehr gethan.«

»In Luchon?«

»Nirgends mehr.«

»Aber in Paris?«

»Nach sieben Jahren! Sie sehen, daß die Heilung lange vorgehalten, daß sie möglich ist.«

Adeline sprach nicht aus, was er auf der Zunge hatte.

»Sie thaten recht, sich an mich zu wenden,« sagte er, »ich verspreche Ihnen mein möglichstes zu thun, um Ihren Gatten zu retten.«

»Vor allem aber darf er nichts von meinem Gange zu Ihnen wissen.«

»Seien Sie ruhig, ich werde in meinem eignen Namen mit ihm reden.«

Siebenundzwanzigstes Kapitel

»Kann man einen Spieler heilen?«

Das fragte sich Adeline. War sein Vorsatz, andre heilen zu wollen, nicht lächerlich, da er sich selbst nicht heilen konnte?

Aber er mußte sein Versprechen halten, jene arme kleine Frau war in ihrer Verzweiflung zu rührend, als daß er ihr nicht zu Hilfe kommen sollte.

Wie mancher Ruin, wie manches Unglück könnte verhütet werden, wenn es den Spielern nicht so leicht gemacht würde, Geld zu leihen! Das verleitet sie und richtet sie zu Grunde. Würde er selbst jemals gespielt haben, wenn er die ersten, im Baccarat aufs Spiel gesetzten Tausenfrankbillets aus seiner Tasche, wo sich übrigens gar keine befanden, hätte ziehen müssen? »August, sechstausend, zehntausend,« das war nicht schwer zu sagen, besonders dann, wenn man auf eine gute Serie hoffte. Und so kam man daran, er wußte dies besser, als irgend jemand.

Combaz arbeitete tagsüber in seinem Atelier bei seiner Frau, und erst am Abend, nachdem er seine drei kleinen Mädchen, die schon halb eingeschlafen in ihren weißen Bettchen lagen, geküßt hatte, kam er in den Klub. Adeline war daher sicher, daß er ihn nicht verfehlen werde; er wollte ihn im Baccaratsaale abfassen.

Am selben Abend, nach zehn Uhr, sah Adeline, der schon seit einigen Augenblicken auf seinem Posten war, ihn in der That mit gleichgültiger Miene, aus der man aber die Befangenheit herauslesen konnte, eintreten. Sein unsicherer, für äußere Eindrücke unempfindlicher Blick schien gänzlich nach innen gekehrt.

Er trat auf ihn zu.

»Ich wünschte ein Wort mit Ihnen zu reden.«

»Wann Sie wollen,« erwiderte Combaz, augenscheinlich ohne seinen Worten irgend einen Sinn unterzulegen.

Als sie in sein Kabinett getreten waren, schloß Adeline die Thüre, schob dem Maler einen Sessel hin und setzte sich ihm gegenüber, ihn mit den Augen musternd.

Obgleich Combaz seit einigen Monaten nicht mehr zum Scherzen aufgelegt war, stak doch von seiner Jugend- und Lehrzeit her noch zu viel keckes Wesen in ihm, als daß er seiner Ueberraschung in andrer Weise als durch Scherz Ausdruck hätte verleihen können.

»Habe ich das Vergnügen, vor dem Herrn Untersuchungsrichter zu erscheinen?« sagte er.

»Nicht vor dem Untersuchungsrichter,« erwiderte Adeline, »die Untersuchung ist beendet, aber vor dem Richter, oder wenn Sie lieber wollen, vor dem Präsidenten, oder was der Wahrheit näher kommt, vor einem Bewunderer Ihres Talentes, vor einem Freunde, wenn Sie mir dies Wort erlauben.«

Combaz blieb steif sitzen, in der Haltung eines Mannes, der auf seiner Hut ist, weil er fühlt, daß er leicht anzugreifen ist.

»Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für Ihre gütigen Worte.«

Und er knüpfte daran eine Höflichkeitsphrase, welcher er in Wirklichkeit keinen weiteren Sinn beilegte.

»Es würde Sie doch nicht verletzen,« hob Adeline an, »wenn ich Ihnen bemerkte, daß Sie zu hoch spielen.«

Aber da kam er schön an: »Erlauben Sie, mein Herr!« sagte Combaz, den Kopf in die Höhe werfend, in ärgerlichem Tone.

Adeline ließ sich aber nicht das Wort abschneiden.

»Sie müssen es mir schon erlauben, denn ich bin nicht zu Ende, ich habe sogar nicht einmal angefangen mit dem, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich bin der Präsident dieses Klubs, Sie spielen gewissermaßen bei mir, und Sie werden wohl zugeben, daß ich das Recht habe, Ihnen meine Bemerkungen zu machen, da sie insbesondre von dem Interesse für Sie diktiert sind ...«

»Aber, mein Herr! ...«

»Von dem für Ihre junge, so liebenswürdige Frau, von dem für Ihre drei kleinen Mädchen, die Sie soeben noch in ihren Bettchen geküßt haben und die morgen vielleicht schon ohne Bett, ohne Brot auf der Straße liegen. Und nun kommen Sie geradewegs hierher gelaufen ...«

Combaz erhob die Hand, um dagegen Verwahrung einzulegen. Adeline ergriff sie und drückte sie ihm mit Wärme.

»Sie sehen, daß ich alles weiß. Ihr Haus ist für achtzigtausend Franken verpfändet, Ihre Bilder sind an August verkauft, Ihre Kunstgegenstände, Ihre Gobelins sind verschwunden.«

»Wer hat Ihnen gesagt?«

»War es denkbar, daß ich einen Künstler mehr als zweihunderttausend Franken hier verlieren sah, ohne mich darum zu kümmern, welche Mittel ihm zu Gebote stehen, ob es sein Vermögen oder das Brot seiner Kinder ist, das er verspielt? Es ist das Brot seiner Kinder, und das werde ich nicht zugeben. Ich rede nicht nur als Präsident zu Ihnen, sondern auch als Freund, der Ihre Zukunft im Auge hat, als Vater, der an Ihre kleinen Mädchen denkt, weil er seine eigne Tochter liebt und weil er aus Mitgefühl sich für die Ihrigen interessiert. Wollen Sie sie Ihrer Leidenschaft opfern, Sie, ein Künstler, dessen Herz und dessen Sinn edlere Regungen erfüllen, als die, welche das Spiel gewähren kann?«

Combaz befand sich in einer Lage, in welcher die Teilnahme, selbst wenn sie von Vorwürfen begleitet wird, auch auf die verhärtetsten Naturen Eindruck macht, und er war durchaus keine verhärtete Natur.

»Und Sie glauben,« sagte er in bitterem Tone, »daß es Leidenschaft ist, was mich spielen heißt? Leidenschaftlich ja, das bin ich gewesen, als ich jünger war; ganz jung habe ich dem Spiel und seinen Aufregungen zuliebe Nächte am Spieltische zugebracht, aber diese Zeiten liegen weit hinter mir.«

»Warum spielen Sie aber denn?«

Er schüttelte den Kopf, dann sagte er nach längerem Stillschweigen entschlossen: »Sie fragen, warum ich spiele, warum ich wieder angefangen habe zu spielen, nachdem ich sieben Jahre keine Karte mehr berührt ? lediglich aus Berechnung, ohne jede Leidenschaft, damit uns das Spiel die Mittel, unser bisheriges Leben fortzusetzen, liefern möge, wozu meine Arbeit nicht ausreichte, aus keinem andern Grunde. Ich verdiente ungefähr sechzigtausend Franken ein Jahr ins andre. Als ich beinahe nichts mehr verdiente, weil meine Bilder keine Käufer mehr fanden, sollte nach meiner Absicht der Uebergang vom Wohlleben zu einem eingeschränkten Leben kein zu harter sein und ich erwartete vom Spiel, daß es unser Budget ins Gleichgewicht bringen würde; es hat es über den Haufen geworfen. Wie viele andre, in gleich bedrängter Lage wie ich, haben es ebenso gemacht!«

»Und haben sich, wie Sie, zu Grunde gerichtet!« rief Adeline mit einer Heftigkeit im Tone aus, die Combaz überraschte, »und haben ihre Familie zu Grunde gerichtet. Es fehlen zwei-, drei-, zehntausend Franken, um in Ordnung zu kommen, man sucht sie im Spiel zu gewinnen und im Spiel verliert man zehntausend, hunderttausend, alles, was man hat.«

»Wenn man sie nicht wiedergewinnt ? man verliert nicht immer.«

Dieses Argument aller Spieler konnte seinen Eindruck auf Adeline nicht verfehlen.

»Ohne Zweifel,« sagte er »man bekommt gute und schlechte Serien, aber seit den drei Monaten, die Sie spielen, bekommen Sie nur schlechte; bestehen Sie nicht hartnäckig darauf! Wenn Sie einige hunderttausend Franken als Rückhalt hätten, könnten Sie weiter spielen und die glückliche Wendung abwarten, aber Sie haben sie nicht. Setzen Sie das wenige, das Ihnen noch bleibt, nicht aufs Spiel, weil Sie, wenn auch dieser Rest verloren ist, dem Elende preisgegeben sind. Für Sie würde das nicht viel zu bedeuten haben, ein Mann reißt sich immer aus der Verlegenheit. Aber die Ihrigen, Ihre Frau, Ihre Kinder! Sie wollten nicht, daß ihre Lebensweise sich verschlechtere; was soll aber werden, wenn man sie aus dem Hause, in welchem sie geboren sind, vor die Thüre jagt und Sie, gebrochen oder verrückt, außer stande sind, Ihre Arbeit wieder aufzunehmen? Bedenken Sie doch, daß infolge Ihrer Handlungsweise sie vielleicht Hungers sterben, oder was noch schlimmer ist, eine Jugend voll Elend hinschleppen werden. Noch ist es Zeit; halten Sie ein! Sie werden schlimm daran sein, das ist gewiß, aber eine solche Lage ist immer noch der Schande und dem Elend vorzuziehen; Sie werden abwarten, bessre Zeiten werden wiederkehren.«

Combaz war sichtlich ergriffen. Bei Licht betrachtet, hatte Adeline das, was er sagte, oft genug sich selber gesagt. Aber eben dieses häufige Sichvorsagen hatte seinen Worten eine Kraft verliehen, wie sie die Ueberzeugung allein nicht gab.

Adeline versuchte den errungenen Vorteil auszunutzen: »Sie kommen, um zu spielen?«

»Ich ahne, daß ich eine Serie bekommen werde, das hat mich noch ein letztes Mal veranlaßt.«

»Wieviel glauben Sie, daß man Ihnen leiht?«

»Nichts.«

»Und dann?«

»Ich habe mir dreitausend Franken verschaffen können.«

»Nun denn, setzen Sie sie nicht aufs Spiel; mit dreitausend Franken kann Ihre Familie mehrere Monate lang leben; gehen Sie nach Hause und geben Sie dieses Geld Ihrer Frau, die jetzt vor Betrübnis vergeht und, weil sie weiß, daß Sie hier sind, weinend bei Ihren Kindern sitzt. Die Freude, die Sie ihr heute abend bereiten würden, würde so groß sein, daß, wollten Sie morgen hierher zurückkehren, der Gedanke an sie Sie davon abhielte.«

Dies Wort kam Adeline aus dem Herzen, aus dem eines Vaters und eines Gatten, und machte Combaz Unschlüssigkeit ein Ende.

In plötzlicher Aufwallung ergriff er seine Hand und drückte sie lange.

»Ich kehre nach Hause zurück,« sagte er.

»Wohl, wir gehen zusammen, ich habe gerade an der Place Malesherbes zu thun.«

»Sie mißtrauen mir?« sagte Combaz lachend.

Adeline schlug ein andres Gesprächsthema an, denn er hielt es für unklug, seine Zweifel an dem wackeren Entschlusse eines Spielers merken zu lassen. Und bis auf die Place Malesherbes unterhielten sie sich freundschaftlich von dem und jenem, ohne ein einziges Mal die Sprache aufs Spiel zu bringen.

»Da sind Sie ja in zwei Schritten zu Hause,« sagte Adeline, als sie auf dem Platze ankamen, »guten Abend!«

»Ich werde Ihnen den Dank meiner Frau abstatten,« sagte Combaz, indem er seine beiden Hände mit Wärme drückte, »und ich werde Ihnen meine beiden Aeltesten bringen, damit sie Sie umarmen.«

»Ich werde mir den Dank von Frau Combaz und die Küsse Ihrer lieben Kleinen bei ihnen selbst holen,« sagte Adeline, »Sie dürfen die Schwelle des Klubs nicht mehr betreten.«

»Fürchten Sie nichts,« sagte Combaz lachend.

Adeline kehrte zu Fuße langsam und vergnügt im Bewußtsein einer guten That zurück, er hatte einen braven Menschen gerettet. Gewiß war dieser Rettungsversuch ein peinliches Ding für ihn gewesen in Anbetracht so mancher schmerzlichen Berührungspunkte zwischen seiner eignen und Combaz Lage; indessen erfüllte ihn das Bewußtsein gethaner Pflicht mit stolzer Befriedigung.

Als er über die Place de la Madeleine ging, überlegte er, ob er nach Hause gehen und sich schlafen legen, oder ob er noch einmal im Klub nachsehen sollte. Und da er sicher zu sein glaubte, daß er sich diesen Abend nicht zum Spielen werde verleiten lassen, da noch seine eignen Worte in ihm nachzitterten, entschloß er sich für den Klub.

Als er in den Baccaratsaal trat, ließ der Croupier gerade die Worte hören, die so oft in einer Nacht erschallen: » le jeu est fait.« Mechanisch sah er hin, wer Bank hielt. Er mußte einen Schrei der Ueberraschung zurückdrängen, es war Combaz. Darauf näherte er sich dem Tische und sah nach den Einsätzen: Ungefähr zwanzigtausend Franken und Combaz hatte nur noch einige Karten in der linken Hand, den Rest seines Spiels, den seine Finger nervös festhielten, während über sein bleiches Gesicht der Schweiß in Strömen herunterlief.

» Rien ne va plus!«

In diesem Momente begegnete Combaz Blick dem Adelines und rasch schlug er die Augen nieder und gab die Karten.

Das Feld zur Rechten und das Feld zur Linken hatte eine Karte verlangt und es bekam das eine eine Zehn, das andre ein Bild. Jetzt malte sich auf Combaz Gesicht eine offenbare Unschlüssigkeit und seine Augen suchten Hilfe bei Adeline. Sollte er abziehen oder nicht? So zornig auch Adeline war, so überwog doch seine Angst. Der Spieler trug über den Präsidenten den Sieg davon und seine Augen sprachen aus, was er selbst gethan hätte. Combaz zog nicht ab und gewann.

»Ich sagte Ihnen wohl, daß ich eine Serie bekommen würde!« rief Combaz aus, indem er lebhaft auf Adeline zukam. »Diese Gewißheit war es, die mich abhielt, nach Hause zu gehen: ich nahm eine Droschke und Sie sehen, daß ich recht gehabt habe.«

»So machen Sie wenigstens jetzt, daß Sie fortkommen.«

»So schnell wie möglich.«

Während Combaz seine Spielmarken gegen hübsche fünfundzwanzig Tausendfrankscheine umwechselte, näherte Adeline sich Friedrich.

»Ich bitte Sie, dafür zu sorgen, daß künftig Herrn Combaz kein Geld mehr geliehen werde.«

»Und warum denn, mein lieber Herr Präsident?«

»Er ist ruiniert.«

»Er ist wenigstens seine fünfundzwanzigtausend Franken wert, da er diese Summe soeben in die Tasche steckte?«

»Ich wünsche, daß er sie behalte.«

»Und was soll aus dem Spiel werden, wenn wir die Spieler verjagen? Sie wissen wohl, daß wir es anders abgesprochen haben. Die Einnahmen gehen herunter. Der Maler Combaz, das sage ich mit Ihnen, ist eine interessante und sympathische Persönlichkeit, aber wenn wir diejenigen, die uns sympathisch sind, fernhalten, wovon sollen wir denn existieren, da Schufte nicht herkommen?«

Achtundzwanzigstes Kapitel

Schon oft hatte Adeline den Vater Eck eingeladen, gelegentlich einer seiner Reisen nach Paris einmal im Klub zu speisen, aber die Reisen des Vaters Eck nach Paris waren selten, er zog vor, in Elbeuf zu bleiben und seine Fabrik zu überwachen.

Während der Fabrikant von Nouveautés genötigt ist, zweimal jährlich nach Paris zu kommen und sich hier jedesmal zwei oder drei Wochen aufzuhalten, um für die Muster der Saison Käufer zu finden, und bei vierzig oder fünfzig Tuchhändlern, die seine Kunden sind, seine »Marmotte«, das heißt seinen Musterkoffer herumzuschleppen, braucht sich der Fabrikant von glatten Tuchen diesen Unannehmlichkeiten und großen Ausgaben nicht zu unterziehen, die damit verbunden sind, zum voraus für die Winter- und die Sommersaison fünf- oder sechshundert Muster herzurichten, von welchen er mit den Käufern über jeden Faden, jede Farbe, die Haltbarkeit und den Appret eingehend reden muß. Die Auswahl dessen, was er fabriziert, ist bedeutend geringer. Bei einem Geschäftsabschlusse oder bei der Ablehnung seiner Offerten wird nicht viel gesprochen, ein Blick, ein Wort besagt alles, und um Bestellungen entgegenzunehmen, braucht sich der Chef des Hauses selbst nicht zu bemühen.

Der Vater Eck bemühte sich denn auch nur sehr selten; was hätte er in Paris machen sollen? Paris mit seinen Vergnügungen hatte keinen Reiz für ihn, sondern nur Elbeuf, seine Fabrik, deren Treppen er von morgens bis abends, wie der flinkste seiner Söhne auf und ab lief, sein Comptoir, wenn er über seinen Büchern saß. Und sein größtes Vergnügen hatte er am Tage der Inventur, die er ganz allein abschloß, wenn er seine Söhne und seine Neffen herbeirief und ihnen mit kurzen Worten sagte: »Das ist dein Teil, Samuel; deiner, David; deiner, Nathanael; deiner, Naphtali; deiner, Michel; so, geht jetzt wieder an die Arbeit.«

Indessen hatte er sich eines Tages, als ein bedeutendes Geschäft seine Anwesenheit in Paris erforderte, entschlossen, zu reisen. Bei dieser Gelegenheit beabsichtigte er Adeline und jenen berühmten Klub, von welchem Michel so oft sprach, zu besuchen. Gegen sechs Uhr erwartete er Adeline an der Ausgangsthüre der Kammer.

»Ich werde mit Ihnen in Ihrem Klub speisen.«

Bunou-Bunou, der seine Mappe unter dem Arme schleppte, begleitete Adeline. Die Vorstellung fand in aller Form statt und der Vater Eck gab seiner vollen Befriedigung Ausdruck, welche er darüber empfand, einen Abgeordneten, dessen Namen er so oft in den Zeitungen gelesen hatte, kennen zu lernen. Gewöhnlich war es kein geeignetes Mittel Bunou-Bunou in gute Laune zu versetzen, wenn man ihm von den Zeitungen sprach, so sehr hatten sie sich über ihn lustig gemacht; aber das offne Gesicht des Vater Eck und seine gutmütige Miene ließen schnell den Eindruck verschwinden, den das Wort »Zeitungen« zuerst hervorgebracht hatte.

Von diesen und jenen Dingen sich unterhaltend, kamen sie nach der Avenue de lOpéra. Als Adeline, während sie die große Treppe hinaufstiegen, die erstaunten Blicke sah, die der Vater Eck ringsumher warf, auf die Marmorverkleidungen wie auf die pfirsichfarbene Livree der Diener, mußte er innerlich lächeln, als ob er selbst sich diesen Luxus gestattete und Berthas künftigen Onkel damit zu blenden vermöchte.

»Soll ich Ihnen unsre Räume zeigen?« sagte er, als sie in die Vorhalle kamen.

»Ich hatte keine Vorstellung, was ein Klub ist, es ist sehr schön.«

In jedem Salon wiederholte der Vater Eck, nachdem er einen neugierigen Blick umhergeworfen und den Teppich verständnisvoll wie einer, der die Qualität der Wolle kennt, mit dem Fuße betastet hatte, halblaut, um die hehre Ruhe dieser weiten Räume nicht zu stören: »Es ist sehr schön.«

Vor dem Diner zogen sie sich mit Bunou-Bunou und einigen Kaufleuten, die der Vater Eck kannte, in Adelines Kabinett zurück. Während sie da plauderten, trat Herr von Cheylus ein; er blieb an der Thür stehen, um auf den Vater Eck zu lauschen, der ihm den Rücken zukehrte und sich mit Bunou-Bunou unterhielt.

»Ah! Ah!« sagte Herr von Cheylus hinzutretend, »ich glaube den Dialekt meines früheren Departements zu erkennen.«

»Herr Graf von Cheylus früherer Präfekt von Straßburg,« sagte Adeline, »Herr Eck vom Hause Eck und Debs.«

Aber der Vater Eck konnte es nicht leiden, wenn man über seinen Dialekt scherzte.

»Ja, mein Herr,« sagte er sich an Herrn von Cheylus wendend, »ich bin Elsässer, oder wenn ich es nicht mehr bin, so ist es nicht meine Schuld, sondern die gewisser Leute; ich bin stolz auf meinen Dialekt und ich möchte ihn noch prononcierter sprechen, um die Fahne meines Landes hoch zu halten.«

Als er bemerkte, daß Herr von Cheylus ein wenig betroffen war, fuhr er in freundlicherem Tone fort: »Unglücklicherweise hat die Gewohnheit des steten Zusammenlebens mit den Normannen ihn sehr abgeschwächt, wie Sie bemerken können, und ich bedaure es. Der Dialekt ist das nämliche, wie die Blume des guten Weines; möchten Sie Straßburger Pasteten, die nach nichts schmecken?«

»Gewiß nicht,« sagte Herr von Cheylus, der sich nie, über nichts und über niemand erzürnte.

Bei Tisch wiederholte der Vater Eck die nämliche Phrase mit einer kleinen Aenderung: »Es ist sehr gut, wirklich, für den Preis ist es sehr gut.«

Und da er von den Geheimnissen der Spielkasse nichts ahnte, fügte er bei passender Gelegenheit bei: »Es ist wirklich eine schöne Sache um die Vereinigung der Kräfte; welche Wunder bewirkt sie! Ich hätte niemals geglaubt, daß man für einen Beitrag von hundert Franken jährlich so hübsche Räume und einen so guten Tisch mit so gut geschulten Dienern und mit all diesem Luxus haben könnte.«

Aber als er abends im Baccaratsaale sah, welche Summen in zwei oder drei Minuten verspielt wurden, begann er seine Ansicht über die Klubs zu ändern.

»Ist es wahr,« fragte er Adeline, »daß diese Perlmuttertäfelchen fünftausend Franken und zehntausend Franken wert sind?«

»Jawohl!«

»Aber das ist ja ein Greuel; wenn die Spieler zehntausend Franken in Gold auf den grünen Tisch legten, würden sie sich zweimal und zehnmal bedenken; diese Täfelchen da gleiten durch die Finger, wie Bohnen durch die der Kinder. Und ich sehe Kaufleute an diesem Tische sitzen, Leute, die wissen, was verdientes Geld ist. Es ist eine Schande!«

Adeline, der bisher an der Verwunderung des Vater Eck seine Freude gehabt hatte, suchte das Gespräch auf ein andres Gebiet zu bringen, da es eine schlimme Wendung zu nehmen und zu einem demjenigen ganz entgegengesetzten Resultate, das er sich anfänglich von diesem Besuche versprochen hatte, zu führen drohte.

Aber man änderte den Gedankengang des Vater Eck ebensowenig, als man ihn zum Schweigen brachte, wenn er reden wollte; er fuhr fort: »Ich sage, daß ein derartiges Spiel eine Schande ist; es ist eine Spekulation, keine Unterhaltung; sie spielen, um zu gewinnen, nicht um sich wie anständige Leute zu unterhalten. Und sehen Sie nur, was für häßliche Gesichter sie haben, wie sie blaß oder rot sind, was sie für Grimassen schneiden, alle schlechten, tierischen Instinkte malen sich in ihren Zügen. Wir wollen fortgehen!«

Aber Adeline wollte ihn mit diesem schlechten Eindruck nicht fortlassen. Wenn er auch bereit war, den Baccaratsaal zu verlassen, wo den Puchotier (einen noch viel größeren Puchotier als er selbst) diese zornige Erregung erfaßt hatte, so wußte er es doch einzurichten, daß der Vater Eck den Klub nicht in dieser heftigen Gemütsverfassung verließ. Er führte ihn durch die Zimmer, wo mehrere Mitglieder ruhig Gesellschaftsspiele machten, stillschweigend wie Automaten Whist oder Ecarté spielten, dann geleitete er ihn in sein wohl durchwärmtes und hellerleuchtetes Kabinett, wo Bunou-Bunou pünktlich wie jeden Abend die zwanzig oder dreißig Briefe von Bittstellern, die er tagsüber erhalten hatte, beantwortete.

»Und dafür gründet man Klubs?« sagte der Vater Eck, am Kamine Platz nehmend.

»Nicht doch, mein lieber Freund; das Spiel ist nur ein Anhängsel, etwas Zufälliges und heute abend gerade hat die Partie eine ungewöhnliche Ausdehnung angenommen.«

Und Adeline setzte auseinander von welch andern höheren Gesichtspunkten aus ihr Klub gegründet worden war. Leider wurde er in seinen Darlegungen, denen der Vater Eck, ohne daß sie anscheinend großen Eindruck machten, zuhörte, durch den eintretenden Herrn von Cheylus unterbrochen.

»Es spielt sich in diesem Momente eine Komödie ab, die Herrn Eck recht unterhalten haben würde, wenn er Zeuge derselben gewesen wäre,« sagte er.

»Was für eine Komödie?«

»Der Graf von Sermizelles hat soeben zwölftausend Franken verloren. Woher er sie hatte, werden Sie mich fragen. Ich weiß es nicht, aber kurz er hatte sie sich verschafft, sonst hätte er sie nicht verlieren können. Daraus, in der Ueberzeugung, daß er eine neue Serie bekommen werde, versuchte er, um wieder beginnen zu können, nur fünf Louis zu leihen. An der Kasse, abgeblitzt; bei August, abgeblitzt; bei allen Kellnern, abgeblitzt; mehr als abgeblitzt, und so sehr abgeblitzt, daß er sogar nicht einen einzigen Louis bekommt. Entweder gibt man ihm keine Antwort, oder man lehnt es in der demütigendsten Weise ab. Er läßt sich nicht abschrecken; das ganze Personal kommt an die Reihe. Sie hätten seine Bemühungen, sein Lächeln, seine Schmeichelkünste und den Demütigungen gegenüber seine Unempfindlichkeit sehen müssen. Von August aufmerksam gemacht, habe ich sein Treiben beobachtet. Ich wollte nur, daß Herr Eck diese Komödie mit angesehen hätte; ich muß noch jetzt darüber lachen. Endlich gerät er an eine gute Seele, oder an einen Witzbold, der ihm sagt, daß der Koch Geld habe. Und nun stürzt der Graf die Diensttreppe hinunter in die Küche. Dort ist er jetzt.«

»Ist es möglich!« rief der Vater Eck aus, die Arme gen Himmel streckend.

»Sie kennen den Grafen nicht; das Spiel liegt ihm im Blut, wie bei der ganzen Familie. Sein Bruder, der sich übrigens nicht ruiniert hat, war ein so eingefleischter Spieler, daß er sich sogar nicht einmal die Mühe gab, sein Vermögen zu verwalten. Nach seinem Tode hat man bei ihm einen Haufen von Eisenbahn- und Anlehensobligationen mit allen ihren Coupons gefunden. Warum sich damit abmühen, diese Coupons mit der Schere abzuschneiden, wenn man allnächtlich dreißig- oder vierzigtausend Franken umschlägt? Da können Sie sich denken, daß diese Rasse spielt. Kurz im Augenblick sind der Graf und der Koch aneinander und ersterer sucht letzteren kirre zu machen. Kommen Sie, kommen Sie, wir wollen sehen, ob er Geld erhalten hat oder nicht; jedenfalls ist es der Mühe wert, zu beobachten, wie er sich benimmt.«

Als sie in den Saal traten, war der Graf noch nicht da, aber unmittelbar darauf kam er lustig und vergnügt an und lief an die Kasse. Er warf einen Haufen von Fünffranken-, Zweifranken- und Fünfzigcentimesstücken und selbst eine Handvoll Kupfermünzen auf die Tischplatte.

»Es sind hundert Franken,« sagte er, »geben Sie mir eine Spielmarke von fünf Louis.«

Und dann rannte er rasch zum Spieltische, wo der Croupier gerade ein neues Spiel ausrief. » Messieurs, faites votre jeu.« Ohne Zögern, wie einer, der sich etwas in den Kopf gesetzt hat, warf der Graf seine Spielmarke auf das linke Feld; er war wohlgemut, des Gewinnes sicher. Und in der That, er gewann. Er ließ seinen Einsatz stehen und gewann nochmals. Und dann noch ein drittes Mal.

Aber das bot kein Interesse für den Vater Eck, der keine Lust dazu hatte, die ganze Nacht damit zuzubringen, dem Spiel zuzusehen. Er hatte genug, er hatte mehr als genug. Adeline begleitete ihn in seinen Gasthof, Rue de la Michodière zurück und versprach, ihn am nächsten Morgen zu einem Gange, den sie gemeinschaftlich machen wollten, abzuholen.

Adeline war pünktlich und fand den Vater Eck schon unter der Thüre wartend.

Da sie sich nach dem Palais Royal begaben, gingen sie die Avenue de lOpéra hinunter und Adeline wollte im Vorbeigehen in seinem Klub einen Auftrag hinterlassen. Schon am Hofthore vernahmen sie ein Stimmengewirr, das von der Treppe des Klubs herzukommen schien. Durch die Scheiben der Thür bemerkten sie einen Mann in weißer Jacke und Kappe, einen Koch wie es schien, der ein großes Geschrei machte und heftig mit den Armen fuchtelte. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Thüre und suchte dem Grafen von Sermizelles, der mitgenommen und erschöpft aussah und hinaus wollte, den Ausgang zu versperren.

Was bedeutete das?

Das fragte sich Adeline; aber es war ebensowenig möglich hinein- als herauszukommen, der Koch versperrte den Weg und im übrigen sah er seinen Präsidenten, dem er den Rücken zudrehte, nicht. Um ihn und den Grafen herum befand sich eine Menge Leute, die schrieen oder lachten, Klubmitglieder, Croupiers, Bedienstete.

In diesem Augenblicke erschien August, der die Diensttreppe herabgelaufen war, im Hofe.

»Was geht denn hier vor?« fragte Adeline, indem er lebhaft auf ihn zuging.

»Der Graf von Sermizelles hatte gestern vom Koch hundert Franken geliehen; er hat damit hundertfünfundzwanzigtausend Franken gewonnen, aber er hat wieder alles verloren, es bleibt ihm kein Sou übrig, um Félicien, der ihn nicht fortlassen will, zu bezahlen.«

»Sie haben mir Ihr Ehrenwort gegeben, mir heute morgen mein Geld zurückzuzahlen,« heulte Félicien, »und Sie wollen auskneifen. Hier kommen Sie nicht hinaus!«

Adeline klopfte an das Fenster, um Einlaß zu begehren. Er drückte dem Koch fünf Louis in die Hand und sagte: »Lassen Sie den Herrn Grafen hinaus und Sie selbst verlassen augenblicklich den Klub.«

Als er mit dem Vater Eck seinen Weg fortsetzte, gingen sie lange stillschweigend nebeneinander her; endlich faßte der Vater Eck Adeline am Arm.

»Mein lieber Herr Adeline, ich weiß, daß man Ratschläge, um die man nicht bittet, nicht liebt; trotzdem will ich Ihnen einen geben. Glauben Sie mir, überlassen Sie diese Leute da ihren Vergnügungen, ein braver Mann, wie Sie, gehört nicht hierher. In Ihrer Familie werden Sie mehr an Ihrem Platze sein. Wenn wir im Leben ein wenig vorwärts gekommen sind, so verdankten wir es den Familienbanden, indem wir uns zusammenschlossen, und nicht bloß mit Rücksicht auf das Vermögen hat die Familie ihr Gutes!«

Neunundzwanzigstes Kapitel

Als sie sich getrennt hatten, konnte sich Adeline des Eindrucks dieser Ratschläge nicht erwehren. »Ueberlassen Sie diese Leute da ihren Vergnügungen.« War es denn sein freier Wille, daß er bei ihnen blieb?

Aber im Laufe des Tages wurde ihm eine zweite Mahnung zu teil, die ihn noch mehr aufregte.

Im Begriffe, in den Sitzungssaal zu treten, hielt ihn der Polizeipräfekt, derselbe, der ihm die Erlaubnis, den »Grand J« zu eröffnen, erteilt hatte, im Durchgange an.

»Nun, mein lieber Herr Abgeordneter, sind Sie mit Ihrem Klub zufrieden?«

Adeline, welcher glaubte, daß dies eine Anspielung auf die Scene von heute morgen sein solle, beeilte sich, dieselbe zu erzählen und zu erklären, indem er beifügte, daß die Präfektur sehr rasch unterrichtet sei.

Aber der Präfekt begann zu lachen.

»Ich kann Ihren Zorn gegen Ihren Koch nicht teilen und ich fände es selbst wünschenswert, wenn die Spieler ihre Darlehen zuweilen auf solche Art zurückzahlen müßten; dann würden sie seltener borgen. Ich wollte also nicht davon sprechen. Ich fragte, ob Sie mit Ihrem Klub zufrieden seien.«

»Warum sollte ich es nicht sein? Unsre Mitgliederzahl wächst alle Tage, unsre Feste sind sehr gelungen, unsre Vermögenslage ist gut, ? ich kann Ihnen nur den Dank für die Ermächtigung, die Sie so zuvorkommend und mit so viel Wohlwollen erteilt haben, wiederholen.«

Und darauf begann er sofort für die gut unterhaltenen und streng überwachten Klubs eine Verteidigungsrede zu halten, die ungefähr die Wiederholung dessen war, was Friedrich ihm mehr als fünfzigmal in allen möglichen Variationen vorgetragen und wiederholt hatte. »Wenn,« sagte er, »die Betrügereien bis zu einem gewissen Grade in einem geschlossenen Klub möglich sind und zwar gerade dadurch, daß alle Mitglieder gewissermaßen nur eine und dieselbe Familie bilden und niemand seine Nachbarn überwacht, so verhält es sich ganz anders mit den offnen Klubs, wo im Gegenteil Mißtrauen und Ueberwachung die Regel bilden, als ob man sich mitten unter bekannten Spitzbuben befände.«

Aber der Präfekt unterbrach ihn lachend: »Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß mir die geschlossenen Klubs ebensowenig unbedingtes Vertrauen einflößen, als die offnen, da man überall, wo gespielt wird, betrügen kann. Das kommt in den vornehmsten Klubs, wie in den Spelunken vor, und damit befassen sich sowohl Leute, die Hunderttausende besitzen, als solche, die halb verhungern. Ich weiß wohl, daß, sobald man den Geschäftsführer eines offnen Klubs über die Betrügereien zur Rede stellt, er erwidert, daß infolge der Ueberwachung etwas derartiges bei ihm sehr schwer vorkommen könne, ja daß es geradezu unmöglich sei; wenn es überhaupt vorkomme, dann müsse es wohl bei seinem Nachbar der Fall sein. Kommt man aber zum Nachbar, dann behauptet dieser freilich, daß er den Gaunern so gründlich das Handwerk gelegt habe, daß niemals auch nur einer sich bei ihm sehen lasse, sie gingen vielmehr ins Haus nebenan, wo abscheuliche Dinge vorkämen. Das erste Mal ist man ganz erstaunt darüber, daß die Erzählung dieser abscheulichen Dinge dieselbe in beider Mund ist: was hier geschieht, geschieht dort, und was dort geschieht, geschieht hier. Diese einfache Rolle eines Vertrauten, der ein williges Ohr leiht, hat mich in meiner Jugend in die Manipulationen jener liebenswürdigen Weltweisheit, welche die Kunst lehrt, wie man sich andrer Leute Gut aneignet, eingeweiht. Und aus diesem Grunde widerstehe ich soviel ich kann den an mich gerichteten Gesuchen um Eröffnung neuer Klubs.«

»Glauben Sie, daß man jetzt noch ebensolche Spitzbübereien treibt, wie vor einigen Jahren, als man dem Spiel noch weniger Beachtung schenkte?« fragte Adeline, dem die ihm eingeimpften Ideen im Kopfe staken.

»Noch ebensolche, ja, und sogar noch mehr. Bloß haben sich die Kunstgriffe vervollkommnet, sie sind jetzt weniger plump und damit schwerer zu entdecken. Weil man heutzutage wenig mit bewaffneter Hand stiehlt, folgt daraus, daß man überhaupt weniger stiehlt als früher? Durchaus nicht; der Dieb hat einfach sein Verfahren geändert, er hat ein neues, für ihn weniger gefahrvolles erfunden. Das erklärt Ihre Antwort, warum Sie mit Ihrem Klub nicht zufrieden sein sollten, eine Frage, die Sie eigentlich mehr an sich selber, als an mich gerichtet haben.«

»Aber was geht denn vor? Sprechen Sie, ich bitte.«

»In Ihrem Klub wird falsch gespielt.«

»Das ist unmöglich.«

»Wenn Sie mir mit dieser Bestimmtheit erwidern, dann habe ich nichts beizufügen.«

»Aber wer spielt denn falsch?«

»Das ist kitzlicher. Wir haben Verdacht, aber wie dies oft der Fall ist, fehlen die Beweise. Während meine Leute dem armen Teufel, dem man fünf Franken stiehlt, helfen können, können sie für den Herrn, dem man hunderttausend Franken stiehlt, nichts thun, weil sie nicht in Ihre Klubs hineinkommen. Kurz, ich habe ernsthafte Berichte, die einen Zweifel nicht aufkommen lassen. In Ihrem Klub wird falsch gespielt. Es ist wahr, daß man auch anderwärts falsch spielt, aber was anderwärts geschieht, kann Ihnen gleichgültig sein, während Sie ein Interesse haben, zu erfahren, was bei Ihnen vorgeht, um einen Skandal zu vermeiden. Aus diesem Grunde warne ich Sie.«

So bestürzt Adeline über diese Enthüllung war, fand er doch warme Dankesworte. Dann setzte er die Maßregeln auseinander, die er mit seinem Geschäftsführer und seinem Spielkommissär treffen wolle, um die Spitzbuben zu entdecken.

Aber bei den ersten Worten unterbrach ihn der Präfekt: »Hören Sie auf mich und treffen Sie mit niemand Maßregeln, treffen Sie sie für sich selbst. Sie haben Vertrauen zu Ihrem Geschäftsführer, seis; aber schließlich ist es ebenso gewiß, daß ihn in diesem Falle eine Schuld trifft, weil er nichts gemerkt hat; oder wenn er etwas bemerkt hat, ohne darauf aufmerksam zu machen, dann trifft ihn eine noch viel schwerere. Und es ist immer ein schlechtes Mittel, sich an die zu wenden, welche einen Fehler begangen haben. Handeln Sie selbst. Verlassen Sie sich nur auf sich selbst. Es kann Ihnen nicht schwer fallen, diejenigen zu überwachen, die hoch spielen.«

»Der, der am höchsten spielt, ist der Prinz von Heinick.«

»Ueberwachen Sie den Prinzen wie die andern; am grünen Tische gibt es keine Prinzen, sondern nur Spieler, und die Art, wie ein Spieler den andern überwacht, zeigt Ihnen, welches Vertrauen sich die Gesellschaft gegenseitig einflößt.«

»Muß man denn alle Welt im Verdacht haben?«

»Je nun ...«

»Aber dann wäre es geboten, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen.«

»Wenigstens aus einer gewissen Gesellschaft.«

Nach dieser Bemerkung wollte der Präfekt sich entfernen, aber Adeline hielt ihn zurück. Er war entsetzt über die Verantwortlichkeit, die auf seinen Schultern lastete, und er war es nicht minder über seine Unfähigkeit, die er offen bekannte. Wie sollte er die neuen Betrügereien entdecken, da er kaum bezüglich der alten Bescheid wußte?

Er mußte jemand haben, um ihn aufzuklären, ihn zu leiten. Er bat schließlich den Präfekten, ihm diesen Jemand zu geben.

»Es gibt Inspektoren der Spielpolizei, geben Sie mir einen derselben.«

»Wenn die Inspektoren die Falschspieler kennen, so kennen die Falschspieler die Inspektoren noch besser. Wenn ich Ihnen so einen gebe und Sie führen ihn in Ihren Klub ein, dann wird während seiner Anwesenheit alles vollkommen ordnungsmäßig verlaufen.«

Adeline zeigte sich so enttäuscht, daß der Präfekt es nicht bei dieser entmutigenden Antwort lassen wollte.

»Ich will Erkundigungen einziehen, ob sich jemand finden läßt, der die Ueberwachung, ohne Gefahr erkannt zu werden, und ohne die Aufmerksamkeit zu erregen, besorgen kann; meine Leute rekrutieren sich unglücklicherweise nicht aus den Kreisen der Diplomaten und mehr als einer würde mit seinem Benehmen und seiner Haltung in Ihrem Klub eine schlechte Figur machen. Morgen sollen Sie meine Antwort haben.«

Die folgende Nacht brachte Adeline im Klub mit der Ueberwachung der Spieler zu, er strich um die Spieltische herum, paßte auf und beobachtete, allein er konnte keine Unregelmäßigkeit entdecken. Zwar hielt der Prinz von Heinick mit außergewöhnlichem Glücke Bank, aber die Art, wie er die Karten gab, konnte in keiner Weise Verdacht erregen, im Gegenteil es geschah in der korrektesten, elegantesten Weise, die man je im »Grand J« gesehen. Es war fast ein Glück zu nennen, auf alle Fälle war es für manchen seiner Gegner beinahe eine Ehre, an einen so vornehmen Bankier, der im Gothaer Almanach stand und mit Hoheiten verwandt war, sein Geld zu verlieren: »Ich habe aber gestern gegen den Prinzen Heinick ein Pech gehabt, das sich sehen lassen kann!« Das macht sich nicht schlecht, sich von einem Prinzen ausziehen zu lassen.

Adeline erwartete am nächsten Tage den Präfekten in nervöser Unruhe.

»Ich habe Ihren Mann gefunden, mein lieber Herr Abgeordneter, fassen Sie Mut. Ein früherer politischer Agent, der sich in Sachen des Spiels auskennt. Es scheint, daß er von den Falschspielern ?unter die Freien aufgenommen? worden ist und daß er mit ihnen nicht gemeinschaftliche Sache hat machen wollen. Man sagt mir, daß er auf eine überraschende Art zu Werke geht. Auf jeden Fall kennt er alle Schliche jener Herren, und wenn das, was sich bei Ihnen abspielt, neu ist, so ist er gerieben genug, um es herauszubringen. Ich vergaß, Ihnen zu sagen, daß er ganz geeignet ist, um in Ihrem Klub und überall unauffällig zu verkehren; er besitzt außerdem einen für politische Dienste verliehenen fremdländischen Orden. Wenn Sie wollen, wird er morgen früh zu Ihnen kommen. Um wie viel Uhr?«

»Um zehn Uhr.«

Am nächsten Tage klopfte es mit dem Glockenschlag zehn an Adelines Thür und in dessen kleinen Salon trat in ungezwungener Weise ein Mann von fünfundvierzig Jahren, von militärischer Haltung, anständig gekleidet und behandschuht, wie jedermann. Der Kopf war energisch, das Gesicht zeigte einen schlaffen und müden Zug, wie bei Schauspielern, welche die ganze Stufenleiter der Leidenschaften dargestellt haben. Was bei ihm aber noch mehr überraschte, waren die schönen und glänzenden schwarzen Augen, die, ohne sich sichtbar zu bewegen, einen größeren Gesichtskreis zu umfassen schienen, als dies einem gewöhnlichen Blicke gegeben ist.

»Ich komme vom Herrn Polizeipräfekten.«

In einigen Worten setzte Adeline auseinander, was er von ihm erwartete.

»Sehr wohl, mein Herr. Wollen Sie mich gefälligst als einen Herrn Ihrer Bekanntschaft vorstellen.«

»Gewiß, Ihr Name?«

»Wir wollen sagen Dantin, wenn es Ihnen beliebt. Das ist ein bequemer Name, ein adliger oder ein bürgerlicher, je nach der Auffassung desjenigen, der ihn nennen hört und sich ein Apostroph dazu denkt oder nicht.«

Dantin wollte sich wieder empfehlen, aber Adeline hielt ihn zurück.

»Der Herr Präfekt hat mir gesagt, daß Sie alle Schliche der Falschspieler kennen.«

»Alle, nein, denn es werden täglich neue erfunden und ganz frisch in die Klubs gebracht: aber ich kenne ungefähr alle diejenigen, deren man sich schon einmal bedient hat, und bezüglich der unbekannten hilft mir eine gewisse Erfahrung, sie manchmal zu erraten.«

»Der Herr Präfekt hat mir gesagt, daß Sie selbst in überraschender Weise mit Karten umzugehen verstünden.«

»Der Herr Präfekt ist zu freundlich: ich habe mir nur eine gewisse Fingerfertigkeit erworben. Uebrigens stelle ich mich Ihnen zur Verfügung, und wenn Sie wollen, werde ich Ihnen eine ? Vorstellung geben, ich bin bereit. Haben Sie Karten hier?« Aber Adeline hatte keine Karten bei der Hand, er mußte welche holen lassen.

Als sie gebracht wurden, setzte sich Dantin an Adelines Schreibtisch, nahm sie, mischte sie und schien sie, während er plauderte, oberflächlich zu betrachten.

»Sie sind recht dünn, aber schließlich wird es doch gehen, hoffe ich.«

Er breitete sie auf dem Schreibtische aus und schob sie mit beiden Händen, wobei er stark die Schultern und die Ellbogen bewegte, durcheinander; dann nahm er sie zusammen und legte sie auf einen Haufen vor Adeline hin.

»Bitte, abzuheben, oben oder unten, wie Sie wollen. Wenn Sie mir jetzt gefälligst eine Neun bezeichnen wollen, werde ich sie Ihnen geben; Sie sehen, daß weder die Karte oben noch die unten eine Neun ist.

Adeline verlangte die Pique-Neun und ließ Dantins Finger nicht aus den Augen.

»Hier ist sie,« sagte dieser; »wollen Sie eine andre?«

»Ja, die Trefle-Neun,« sagte Adeline, indem er sich vornahm, recht aufzupassen und zu sehen, wie Dantin es machte, aber er sah nichts, weder bei der Trefle-Neun, noch bei der Coeur- und Carreau-Neun, die er ihm nachher gab. Er war aufs höchste erstaunt.

»Sie haben also nichts gesehen,« sagte Dantin, »und auch nichts gehört.«

»Durchaus nichts.«

»Wie Sie wissen, liegt die große Schwierigkeit, eine Karte zu eskamotieren darin, daß das Ohr erfaßt, was dem Auge entgeht. Glücklicherweise habe ich heute morgen eine Stunde vorgearbeitet, denn, um zu eskamotieren, muß man seine Fingerübungen machen wie ein Musiker. Wenn ich es einen Tag unterließe, mich zu üben, würden Sie mich vielleicht nicht hören, aber ich würde mich hören. Und nun, da ich keinen Anspruch erhebe, als Zauberkünstler zu gelten, im Gegenteil, so betrachten Sie diese Karten; während ich Ihre Aufmerksamkeit dadurch in Anspruch nahm, daß ich Ihnen sagte, sie seien schlecht, habe ich sie mit einigen Nägeleindrücken gezeichnet, die fürs Auge kaum sichtbar sind, doch mit den Fingern sich fühlen lassen. Dann habe ich, anstatt die Karten wie andre Leute zu mischen, den sogenannten »Salat gemacht«. Ich habe Ihnen abzuheben gegeben, aber vermittelst dieser leichtgewölbten Karte habe ich eine kleine Brücke hergestellt, bei welcher Sie abgehoben haben. So ist es. Was das Eskamotieren der Karte betrifft, so ist das Sache der fleißigen Uebung und der Gewandtheit.«

Dreißigstes Kapitel

Um neun Uhr kam Dantin in den »Grand J« und ließ durch einen Diener dem Präsidenten seinen Namen melden, in dem Augenblicke, als dieser mit seinem Geschäftsführer plauderte.

»Dantin,« rief Adeline mit gutgespielter Ueberraschung, »heißen Sie ihn heraufkommen.«

Dann sagte er, sich zu Friedrich wendend: »Ein Freund aus Nantes.«

Lebhaft ging er diesem Freunde entgegen, welchem man bei dieser Art der Einführung keine besondre Aufmerksamkeit schenkte, oder der zum mindesten keinerlei Neugierde erregte. Das war nicht der erste Provinziale aus Elbeuf oder aus Rouen oder anders woher, dem Adeline die Ehre, ihn in seinen Klub einzuführen, erwies; das Unglück war nur, daß diese wenig intelligenten Provinzialen sich selten von den Reizen des Baccarats verführen ließen, oder wenn sie einigemal einen Louis aus das rechte oder linke Feld zu setzen wagten, selten weiter spielten, wenn sie ihn verloren hatten. Die Goldstücke hatten in Elbeuf und in Rouen durchaus nicht den nämlichen Wert wie in Paris.

Zu dieser Stunde war fast niemand im Klub, nur einige solide Alte, die ruhig ihr Whist oder Ecarté spielten, aber der Baccarattisch war vereinsamt. Wenn Dantin so zeitig gekommen war, so verband er damit die Absicht, vor dem Spielen die Oertlichkeit in Augenschein zu nehmen.

Das that er mit Adeline, indem er aufs vollendetste den Provinzialen spielte, d. h. vorsichtig ein plumpes bäuerisches Benehmen vermied, aber sich in der Art eines Mannes, wie er ihn vorstellte, bewegte, der zum erstenmal in einen Pariser Klub kommt und sich natürlich neugierig rings umschaut, weil das, was er sieht, ihm gefällt, und ihn zugleich ein wenig überrascht.

Indessen mußte man die Zeit herumbringen; sie konnten nicht fortwährend durch die Säle hin und her spazieren, und andrerseits konnten doch zwei Freunde, die sich nach langer Trennung wiederfinden, sich nicht einander gegenüber setzen und Zeitung lesen.

»Würden Sie etwas dagegen einzuwenden haben, wenn wir einige Carambolagen machten?« fragte Dantin, »es handelt sich darum, die Stunde herankommen zu lassen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.«

Adeline zögerte einen kurzen Augenblick.

»Seis drum,« sagte er zu sich.

Sie spielten Billard, bis die Ankunft der Spieler den Beginn des Spiels ermöglichte. Dann gingen sie nach dem Baccaratsaal hinüber. Aber mit den Spielern, die um den Tisch herum saßen, war nicht viel los und die herumstehenden Zuschauer waren nicht zahlreich. Dantin ließ sich auch über die Eigenschaft dieser Spieler nicht täuschen, die seiner Ansicht nach nur Lockvögel waren, welche die Aufgabe hatten, mit einigen bescheidenen Spielmarken von fünf Franken, die sie an der Kasse erhalten, das Spiel in Gang zu bringen. Auch der Bankhalter war ebenso sicher ein Lockvogel, der mit fünfzehn von der Kasse vorgeschossenen Louis Bank hielt. Wenn das Spiel ernst gewesen wäre, hätte es der Croupier in einer andern Weise betrieben.

Zwischen der ersten und zweiten Bank, die gehalten wurde, näherte sich Friedrich dem Freunde des Präsidenten, und sie wurden einander vorgestellt.

»Herr Dantin.«

»Herr Vicomte von Mussidan.«

»Der Herr spielt nicht?« fragte Friedrich, der es nicht verschmähte, selbst zum Spiele aufzufordern, und wäre es auch zum Schaden der Freunde seines Präsidenten.

»Wenn man spielen will, muß man es verstehen,« erwiderte Dantin offen und einfach, »und ich gestehe Ihnen, daß bei uns in Nantes sich das Baccarat noch nicht eingebürgert hat.«

»Indessen ...«

»Wenigstens in meiner Gesellschaft; es ist sogar das erste Mal, daß ich dieses Spiel spielen sehe.«

»Es ist sehr leicht.«

»Das scheint mir. Ich will nicht sagen, daß ich morgen keinen Versuch wage, aber heute sehe ich zu; allerhand verstehe ich noch nicht. Warum besorgt zum Beispiel der Bankier nicht das Auszahlen und Einziehen?«

»Der Croupier zahlt für den Bankier aus und zieht für ihn ein.«

»Ah! Das ist also der Croupier, der berühmte Croupier, welcher dem Bankier gegenüber sitzt; ich glaubte, daß man in den Klubs keine hätte.«

Friedrich entfernte sich und dachte bei sich, daß sein Präsident doch recht naive Freunde habe, was ihn übrigens nicht wunderte.

»Sie hatten nicht nötig, so sehr den Unwissenden zu spielen,« sagte Adeline, als Friedrich in einen andern Saal gegangen war, »der Vicomte von Mussidan ist der wahre Geschäftsführer des Klubs und ist mein zweites Ich.«

»Ich bitte um Entschuldigung, ich wußte das nicht.«

Und Dantin nahm sich vor, vorsichtig zu sein. Wenn der Geschäftsführer und der Präsident eins waren, mußte man auf seine Zunge acht haben. Er hatte den Auftrag erhalten, sich zur Verfügung des Herrn Constant Adeline, des Abgeordneten, des Präsidenten des »Grand J« zu stellen, um diesem die Spitzbübereien entdecken zu helfen, die in seinem Klub vorkamen. Aber welcher Art diese Spitzbübereien, wer die Spitzbuben seien, das wußte er nicht; er sollte sie entdecken. Wo sollte er sie suchen? Gerade weil er die Betrügereien der Falschspieler kannte, war er geneigt, in all denen, welche vom Spiel leben, Betrüger zu wittern: In den Spielern von Profession, den Croupiers, den Geschäftsführern. Das ist übrigens eine allen Polizisten gemeinsame Eigenheit, die ihre Stärke ausmacht; wenn sie weniger mißtrauisch wären, würden sie nichts entdecken. So wie er Adeline am Tage zuvor gesehen hatte, hielt er ihn für den ehrenhaftesten Menschen von der Welt, einen wackeren und würdigen Präsidenten, wie es nur einen geben kann. Aber wenn dieser brave Präsident eins war mit seinem Geschäftsführer, und zwar mit einem Vicomte als Geschäftsführer, d. h. mit einem heruntergekommenen Adligen, war die Sachlage eine andre, als er sie von vornherein betrachtet hatte, und die Klugheit gebot es, sich nicht zu weit vorzuwagen. Ein Abgeordneter ist eine einflußreiche Persönlichkeit und es ist albern, sich ihn zum Feinde zu machen, besonders wenn man nur seine Stellung hat, um davon zu leben, und sie daher zu behalten wünscht; und das war bei Dantin der Fall. In seiner Jugend hatte er mit Vorliebe Donquichotterieen getrieben, und so hatte er es mit fünfundvierzig Jahren nur zum einfachen Inspektor bei der das Spiel überwachenden Polizeimannschaft gebracht; er wollte seine Stellung mit keiner schlechteren vertauschen.

Unterdessen hatte das Spiel begonnen und Dantin verfolgte es mit der sichtlichen Neugierde eines Provinzialen, der zum erstenmal Baccarat spielen sieht. Von Zeit zu Zeit richtete er an Adeline in bescheidener Weise eine Frage, welche seine Nachbarn, wenn sie ein wenig horchten, hören konnten. Solch naive Fragen konnte bloß ein echter Provinziale stellen.

Aber während er von Zeit zu Zeit mit Adeline einige Worte wechselte, paßte er darum nicht minder auf, was am Tische, den er stets im Auge behielt, vorging, gleichzeitig den Bankier, die Spieler, den Croupier und die Diener beobachtend.

Nach und nach war die Partie lebhafter geworden, die Spieler hatten sich eingefunden und die elende kleine Bank von fünfzehn Louis von anfangs war auf hundert, zweihundert, fünfhundert Louis angewachsen.

Er hatte mit Adeline vereinbart, daß, was er auch immer sähe, er nichts sagen würde, denn Adeline wollte vor allem einen Eklat vermeiden, welcher sich am nächsten Tage in allen Pariser Klubs und vielleicht in ganz Paris herumspräche und den »Grand J« und den Ruf seines Präsidenten bloßstellen würde.

Indessen hatte Dantin, obgleich er dieser Weisung nachkam, hin und wieder Adeline angesehen, um seine Aufmerksamkeit auf den Spieltisch zu lenken, aber Adeline schien nicht zu verstehen; nicht wie einer, der nicht will, sondern der nicht sieht, was man ihm zeigt, und deshalb in die Unmöglichkeit versetzt ist, das zu verstehen, worauf man aufmerksam macht. Darauf hatte ihn Dantin beobachtet, indem er sich fragte, ob er mit einem absichtlich Blinden zu thun habe oder nicht, und ob wirklich der Präsident und der Geschäftsführer eins seien.

Er entfernte sich ein wenig vom Tische und sagte ganz leise zu Adeline, daß er gern zwei oder drei Minuten mit ihm sprechen möchte.

»Haben Sie etwas gesehen?« fragte Adeline ängstlich.

Dantin nickte.

Sie traten in das Kabinett des Präsidenten ein und Adeline schloß sorgfältig die Thüre.

»Was haben Sie gesehen? Sprechen sie leise.«

»Ich habe gesehen, daß der Croupier allein während der drei letzten Banken, die gehalten wurden, fünfundvierzig bis fünfzig Louis eskamotierte,« erwiderte Dantin lispelnd.

»Was wollen Sie damit sagen?« murmelte Adeline, »ich habe nichts gesehen.«

»Ich will Ihnen die Kniffe klar machen, und wenn Sie wieder im Saal sind, werden Sie, nachdem Sie nun aufmerksam gemacht sind, sie sich wiederholen sehen, falls es stets derselbe Croupier ist, denn es gelingt ihm zu schön, um das Ding nicht weiter zu treiben.«

»Aber das ist ja Julien!«

Dies wurde in überraschtem und aufgebrachtem Tone gesagt, der deutlich zeigte, daß Julien der letzte war, welchen Adeline für fähig gehalten hätte, das kleinste Goldstück zu unterschlagen.

»Sie liefern Ihren Croupiers die Kleidung,« fuhr Dantin fort, »und das ist eine weise Vorsicht, welche darthut, daß derjenige, welcher diese Kleidung vorgeschrieben hat, die Gewohnheiten dieser Herren kennt und weiß, wie leicht sie von dem Gelde, das ihnen durch die Finger geht, eine Spielmarke in ihre Rock- oder Westentasche gleiten lassen können; aber man hätte ihnen gleichzeitig eine am Halse fest anliegende Krawatte vorschreiben sollen.«

»Warum denn?«

»Um zu verhindern, daß sie Spielmarken in ihr Hemd hinuntergleiten lassen. Stellen Sie sich Juliens Hemdenkragen vor, er ist sehr lose, nicht wahr? Und auch die Krawatte ist lose. Was geschieht nun? Julien, der schwer zu atmen scheint, besonders im Augenblicke, wenn er auszahlt oder herausgibt, fährt mit seiner Hand in seinen Kragen, um ihn zu weiten, und läßt dabei durch diese Oeffnung eine Spielmarke hinuntergleiten, die an seinem Gürtel sitzen bleibt. Er hat diese Bewegung dreimal gemacht ? macht drei Louis, zählen Sie sie. Und wie er das Bedürfnis hat, Atem zu holen, so hat er auch das, seine Nase zu schneuzen; zweimal hat er sein Taschentuch herausgezogen, aber zwei verschiedene Taschentücher, und jedesmal hat er eine Spielmarke aus seiner linken Hand, wo er sie verborgen hielt, in das Taschentuch wandern lassen, das er zusammenwickelte und wieder einsteckte ? das macht zwei Louis.«

»Und niemand hat etwas gesehen,« rief Adeline aus, »weder der Geschäftsführer noch der Spielkommissär!«

Das war der Moment, wo es für Dantin galt, auf seiner Hut zu sein.

»Ich muß gestehen, daß sich dies alles sehr sauber und geschickt vollzog. Sehen Sie denn die Kunstgriffe eines guten Taschenspielers?«

»Fahren Sie fort.«

»Zweimal hat er Geld verlangt. Das erste Mal fand die Umwechselung ordnungsmäßig statt, man hat ihm den Betrag gebracht, den er hingab, aber das zweite Mal, als er scheinbar ein Täfelchen von fünfundzwanzig Louis über seine Schulter hinüberreichte, hatte er zwei in der Hand, und man hat ihm nur das Geld für das eine zurückgegeben ? das macht fünfundzwanzig Louis.«

»Aber dann wäre ja Theodor sein Mitschuldiger?«

»Sicherlich: das kommt alle Tage vor. Kommen wir zum letzten Handgriffe. Sie haben gewiß zu seiner rechten Seite einen Spieler bemerkt, einen Herrn mit rotem Barte. Nun gut, den hat er zweimal ausbezahlt; er fing mit ihm an und hat ihm seinen Einsatz von fünf Louis gezahlt, dann hat er dem roten Herrn, als letztem der Reihe, nochmals die zehn Louis bezahlt, die dieser auf dem Tische liegen gelassen hatte ? das macht fünfzehn Louis. Sie sehen, daß meine Rechnung stimmt, mindestens soweit ich etwas gesehen habe.«

Adeline war niedergeschmettert.

»In meinem Klub,« murmelte er, »in meinem Klub, bei mir, solche Elende!«

Dantin sagte sich, daß wenn der Präsident nicht mehr taugte als andre, die er kennen gelernt, er jedenfalls ein geschickter Schauspieler sei, der die Rolle des von Schmerz und Zorn Erregten bewunderungswürdig spielte. Es war aber, mochte dieser Schmerz nun ein ernsthafter sein oder nicht, jedenfalls klug, sich den Anschein zu geben, als nehme er ihn ernst.

»Mein Gott, Herr Präsident, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß, was bei Ihnen vorkommt, in vielen andern Klubs ebenfalls geschieht. Ich sage nicht, daß es keine ehrlichen Croupiers gibt, das ist sehr wohl möglich, allein in unserm Gewerbe achtet man nicht auf die ehrlichen Leute, und ich kenne mehr als einen, der dem Ihrigen nichts nachgibt. Ist es doch ein schlimmes Ding, viel Geld ohne mögliche Kontrolle unter den Fingern zu haben, Geld, das in einem gewissen Momente anscheinend niemand gehört! Warum sollte der, der es verteilt, nicht einen Teil davon für sich behalten? Auf diese Art machen so viele Croupiers in zwei oder drei Jahren ein erstaunliches Vermögen, das sich nicht erklären läßt, weder aus ihren mehr als bescheidenen Bezügen, noch aus den Prozenten, die sie von der Spielkasse erhalten, noch aus den namhaften Trinkgeldern von zwanzig, fünfundzwanzig Louis, wie manche Bankhalter sie geben, ohne daß man weiß warum, es sei denn, um sich vielleicht dafür zu bedanken, daß man sie säuberlich bestohlen hat. Sie haben klein angefangen, als Kellner in Cafés zum größten Teil und als Lakaien; sie haben dem Spiel zugesehen und es mit seinen Kniffen und Pfiffen gelernt. Eines Tags treten sie an die Stelle eines fehlenden Croupiers und machens dann ebenso, wie sies ihre Vorgänger haben machen sehen. In zwei oder drei Jahren sind sie reich, vorausgesetzt, daß sie nicht selbst Spieler sind. Wenn Sie in Pau, in Biarritz einen mit einem Vollblut bespannten Phaethon vorbeisausen sehen, der allen Wagen, denen er begegnet, in die Quere kommt, brauchen Sie nicht zu fragen, wem er gehört: einem Croupier. Die schönsten Villen gehören den Croupiers, die schönsten Weiber den Croupiers. Wollen Sie, daß ich Ihnen in Paris welche nenne, die vor fünf Jahren das Geschirr spülten und heute Bildergalerieen im Werte von fünf- oder sechsmalhunderttausend Franken besitzen? Ein solches Vermögen wird nicht auf ehrliche Weise in einigen Jahren erworben, noch dazu, wenn man von »Fressern« umgeben ist, die einen großen Teil verschlingen; denn jene Spitzbübereien entgehen geriebenen Kerlen nicht und dann muß mit ihnen geteilt werden. Der rote Herr, welcher doppelt ausbezahlt wurde, war ein »Fresser«, und wenn ich Ihrem Croupier mitteilen wollte, was ich gesehen habe, dann seien Sie versichert, würde er mir einen Teil seines Gewinnes anbieten, um mir den Mund zu schließen. So sind die Croupiers rings von einer Bande umgeben, die ruhig, gefahrlos, ohne etwas zu arbeiten, von ihnen lebt. Gehen Sie einmal in das Café neben der Sankt Rochus-Kirche, wo die Croupiers zusammenkommen, und wenn Sie ihre Klagen hören, werden Sie sehen, wie man ihnen zusetzt.«

Adeline war niedergeschmettert.

»Ist das alles, was Sie gesehen haben?« fragte er endlich.

Dantin zögerte einen Augenblick.

»Ist das nicht genug?« sagte er ausweichend.

»Nun gut, kehren Sie in den Baccaratsaal zurück und beginnen Sie Ihre Ueberwachung von neuem, ich werde Ihnen gleich nachkommen.«

Einunddreißigstes Kapitel

Wenn Dantin einen Augenblick mit der Antwort gezögert hatte, so lag es daran, daß er nicht alles sagen wollte, was er gesehen hatte.

Außer der Unterschlagung der Spielmarken hatte er auch die betrügerische Füllung der Spielkasse entdeckt, und er überlegte einige Sekunden, ob er auch von dieser »Füllung« sprechen solle.

Er war in einem geschlossenen Klub, und obgleich er über die Stellung, die der Präsident des Klubs, den er jetzt überwachte, einnahm, nichts Näheres wußte, mußte er annehmen, daß dieser Präsident, wie so viele andre, Gehalt bezöge. Nun war es, wie bei allen übrigen, immer die Spielkasse, welche diesen Gehalt zahlte. Wie hätte er unter diesen Umständen von »betrügerischer Füllung« dieser Spielkasse einem Präsidenten gegenüber, der davon lebte, sprechen können? Hieß das nicht ihm ins Gesicht sagen: »Man bezahlt Sie mit gestohlenem Gelde.« Es ist nicht angenehm, dieses jemand zu sagen, und andrerseits wäre es, wenn man nur ein armer Teufel von Angestelltem der Polizeipräfektur ist, mehr als unklug, einem Freunde des Präfekten zu sagen: »Sie sind nichts weiter als ein ?Fresser?.«

Es war schon stark genug, den Präsidenten des Klubs darauf aufmerksam zu machen, daß sein Croupier Spielmarken unterschlug, aber das ging noch an. Der Croupier konnte für sich selbst operieren und ohne mit jemand anderm als mit seinen Helfershelfern teilen zu müssen. Aber die Spielkasse, dazu hatte nicht der Croupier den Schlüssel, sondern der Geschäftsführer, und wenn jener sie »füllte«, konnte dies nur auf Geheiß des Geschäftsführers geschehen. Wenn sich dann Dantin an das Wort Adelines hielt: »Mein Geschäftsführer ist mein zweites Ich«, so galt es zweimal, sichs zu überlegen, bevor er die »Füllung« anzeigte.

Daher rührte sein Zögern und daher seine doppelsinnige Antwort, die niemand beschuldigte, aber weitere Fragen freistellte.

Mochte der Präsident, wenn er wirklich alles wissen wollte, doch weiter in ihn dringen, er würde auf präzis gestellte Fragen schon antworten.

Drang er nicht weiter in ihn, dann würde er auch nicht mehr sagen, insbesondre nichts über Dinge, die man ihn nicht fragte.

Und nicht nur war der Präsident nicht weiter in ihn gedrungen, sondern er hatte ihn sogar angewiesen, seine Ueberwachung des Spiels weiter fortzusetzen. Er ließ es sich gesagt sein. Man ist nicht lange Jahre Präfekturbeamter gewesen, ohne daß man gelernt hat, seine Zunge im Zaume zu halten.

Und so hatte er der Weisung Folge geleistet und sich wieder auf seinen Posten begeben, indem er die Miene des Provinzialen beibehielt.

»Nun, mein Herr,« fragte ihn Friedrich, »fangen Sie an, das Spiel zu verstehen?«

»Es kommt, aber die Schwierigkeit ist, sich zu entscheiden, ob man noch eine Karte verlangen soll oder nicht, ich würde mich nie entschließen können.«

»Dann spielen Sie nicht?«

»Morgen.«

»Was für ein Tölpel!« dachte Friedrich, indem er sich entfernte.

Der Tölpel fuhr fort, dem Spiele zuzusehen, aber da, während er sich im Kabinett des Präsidenten aufgehalten, die Zahl der Spieler sich vergrößert hatte, stand er nur noch in der dritten Reihe hinter den Spielern, die sich über den Tisch beugten, um ihren Einsatz zu überwachen. Der grüne Teppich war mit roten und weißen Marken und mit Täfelchen von Perlmutter übersät, und mitten darunter glänzten hier und dort einige Goldstücke, welche fieberhaft erregte Spieler, die nicht die Geduld gehabt, sie umzuwechseln, hingeworfen hatten. Da ihn die Gaunereien des Croupiers nicht mehr interessierten, weil er sie schon kannte, richtete er seine ganze Aufmerksamkeit auf die Spieler und auf die Bankhalter. Aber mit Ausnahme einer ganz kleinen »Poussage«, d. h. eines Täfelchens von fünfundzwanzig Louis, das hart an der Grenzlinie des Feldes saß und welchem ein Spieler einen geschickten Stoß gegeben hatte, als sein Feld gewann, sah er nichts Regelwidriges. Alle diese Spieler, Pointierende und Bankhalter spielten in tadelloser Weise.

Aber bei einem Polizisten ist es ähnlich wie bei einem Jäger auf dem Anstande, er braucht bloß abzuwarten; so wartete er denn.

Auf einmal entstand ein Lärm, und er sah einen Trupp in den Saal treten, dem sich aller Augen zuwandten. Inmitten der Gruppe befand sich ein großer, blonder junger Mann mit einer Brille, der ziemlich unbeholfen daherzukommen schien, der Prinz von Heinick, dem man einen solchen Empfang bereitete, wie dies oft bei denen, die hoch spielen, zu geschehen pflegt. Dantin, der ihn nicht kannte, bemerkte, daß er bald über, bald unter der Brille, die ihm ziemlich tief auf der Nase saß, wegsah.

Sofort trat der Prinz an den Tisch heran und legte, während zwei Spieler sich unterthänigst beeilten, Platz zu machen, ein Täfelchen von fünfundzwanzig Louis auf den Teppich. Er verlor. Er schob ein zweites hin, das er abermals verlor.

»Es ist genug,« sagte er, »ich habe kein Glück; wir wollen sehen, ob ich als Bankhalter auch so wenig Glück haben werde.«

Und aus den Blicken, die man auf ihn heftete, war leicht zu erraten, daß mehr als ein Spieler sich entschloß, sein Unglück sich zu nutze zu machen, wenn er nachher Bankhalter würde. Er hatte genug gewonnen, die Stunde der Vergeltung hatte geschlagen.

Ohne durch Beobachtung des Spiels zu studieren, wie der Wind wehte, setzte sich der Prinz in einen Winkel und wartete dort mit einer gleichgültigen und gelangweilten Miene bis zu dem Augenblicke, wo ihm die Bank übertragen wurde. Darauf drängte sich alles um den Tisch, und es erschien der erste Croupier, ein geborner Bearner, Namens Camy, der lange in Pau, in Biarritz, in Luchon fungiert hatte und nur dann in Thätigkeit trat, wenn es sich um bedeutende Banken oder um vornehme Spieler handelte.

Der Prinz von Heinick hatte, sobald er auf seinem Sessel saß, neue Karten verlangt, und der dienstthuende Lakai hatte dem Croupier drei Spiele gebracht. Dantin war es durch Drängen und geschicktes Durchschlüpfen schließlich gelungen, in die zweite Reihe hinter die sitzenden Spieler zu gelangen, und er war keine drei Schritte vom Bankhalter entfernt, so daß er die beste Gelegenheit hatte, ihn genau zu beobachten. In der vierten Reihe hinter ihm stand Adeline. Als man die Karten auf den Teppich legte, sah Dantin sie sich genau an und nahm wahr, daß die gestempelten Streifbänder unverletzt schienen. Der Croupier zerriß die Hüllen, mischte die Karten und gab sie an einen Spieler weiter, der sie ebenfalls mischte.

»Noch ein wenig, mein Herr, wenn Sie wollen,« sagte der Prinz mit einem liebenswürdigen Lächeln, »ich bin ein abergläubischer Mensch.« Es war ersichtlich, daß es sich nicht um Karten handelte, in welchen schon im voraus absichtlich Sequenzen zurecht gelegt waren; in dieser Richtung konnte Dantin ruhig sein. Er hatte nur noch die Hände dieses liebenswürdigen Bankhalters zu überwachen, um zu sehen, ob er, während er seinen Sessel an den Tisch heranrückte, nicht aus seiner rechten in seine linke Hand ein zum voraus hergerichtetes Häufchen (»Kataplasmen«, wenn das Häufchen hoch, ein »Blasenpflaster«, wenn es niedrig war) spazieren lassen werde. Aber alles ging mit vollkommener Regelmäßigkeit vor sich; es kam keine Unterschiebung vor.

Es hatte Spielmarken, Täfelchen, Goldstücke und selbst einige Banknoten auf den Teppich geregnet.

»Wie viel steht?« fragte der Prinz, sein schlechtes Gesicht damit bekundend.

»Achtundzwanzigtausend Franken,« erwiderte der Croupier, der mit einem geübten Blicke seinen Ueberschlag gemacht hatte.

»Rien ne va plus,« sagte der Prinz.

»Messieurs, rien ne va plus,« wiederholte Camy.

Der Prinz gab langsam, ohne ein Auge davon abzuwenden, die Karten; die beiden Felder nahmen Karten; er selbst gab sich keine, und als er die Augen seiner Karten zeigte, erhob sich ein Murmeln der Ueberraschung ? er hatte auf vier gehalten und gewonnen; das rechte Feld hatte drei, das linke Baccarat.

»Welches Glück!«

Dieses Glück kühlte das Feuer der Spieler ab; die Stunde der Vergeltung schien noch nicht gekommen, und als der Prinz seine gewöhnliche Frage stellte: »Wie viel, ich bitte?« meldete der Croupier nur siebentausend Franken. Die Klugen hielten sich zurück, man mußte erst einmal sehen.

Sie sahen, daß sie unrecht gehabt hatten, zurückzuhalten, denn der Bankier verlor dieses Spiel, indem er eine Figur zog, durch die seine Drei nicht verbessert wurde.

Da faßten die Spieler wieder Hoffnung und der Croupier verkündete, daß zwanzigtausend Franken stünden; aber diesmal hatten sie sich wieder geirrt, denn der Bankier gewann; und was in diesem Falle bemerkenswert erschien, war, daß er ebenso kühn zu Werke ging wie das erste Mal. Der Prinz schlug auf die Sechs um und bekam eine Zwei; seine Gegner hatten der eine eine Sechs, der andre eine Sieben.

Wenn die Spieler bestürzt waren, so war Dantin seinerseits nicht weniger erstaunt. Das war seiner Ansicht nach zu schön, zu sicher; darunter stak irgend eine Spitzbüberei, aber welche? Er sah nichts, und so scharf er sein Ohr spitzte, er hörte nicht das leiseste Geräusch einer Eskamotage in diesem stillen Saale, wo die Beklemmung einen den Atem anhalten ließ. War er taub geworden? Er horchte, ob er das Ticken der Uhr in seiner Westentasche höre, und er vernahm es.

Die Bank ging ungefähr in derselben Weise so weiter; unter vier Spielen gewann der Bankier drei, und beinahe immer mit einer außerordentlichen Sicherheit beim Abziehen. Als man nach Beendigung der Bank dem Prinzen ein Körbchen brachte, um seinen Gewinn wegzutragen, war es mit Marken und Täfelchen fast angefüllt ? es war ein heilloses Mißgeschick!

Während der Prinz den ganzen Plunder von Elfenbein und Perlmutter gegen richtige Banknoten einwechselte, versprach er mit seinem liebenswürdigen Lächeln einigen Spielern, daß er am nächsten Tage wiederkommen und ihnen Revanche geben werde.

Für heute abend war es genug. Der Klub leerte sich fast vollständig. Es war gewiß, daß sich nichts Bemerkenswertes mehr zutragen würde.

Adeline führte Dantin in sein Kabinett.

»Nun?« fragte er.

»Der Prinz ist ein Spitzbube.«

»Haben Sie etwas gesehen?«

»Nichts.«

»Wie können Sie dann eine derartige Anschuldigung gegen einen Mann in seiner Stellung, der von einem Mitgliede der großen Klubs bei uns eingeführt worden ist, vorbringen?«

»Sie fragen mich nach meiner Ansicht, und die sage ich Ihnen; wenn Sie wollen, daß ich nichts sage, schweige ich.«

»Aber was veranlaßt Sie, zu glauben ...?«

Dantin erklärte, wie er zur Annahme komme, daß der Prinz ein Spitzbube sei, indem er hauptsächlich auf die Sicherheit beim Abziehen Gewicht legte.

»Es sind keine Sequenzen,« schloß er seine Ausführungen, »es liegt auch sehr wahrscheinlich keine Eskamotierung vor, aber etwas ist nicht richtig, und ich werde nach diesem Etwas suchen, ich hoffe sogar, daß ich es entdecken werde, nur muß ich zuvörderst die Karten haben, mit welchen der Prinz gespielt hat.«

»Sie waren neu.«

Dantin widersprach nicht, aber er bestand darauf, die Karten zu untersuchen. Aber da es an diesem Abend unmöglich war, in dem Korbe mit Bestimmtheit diejenigen aufzufinden, welche der Prinz zum Spielen benutzt hatte, so wurde vereinbart, daß diese Untersuchung auf morgen vertagt werden solle. Diese Verzögerung ärgerte Adeline, der noch am selben Abende den Croupier Julien und den Spieldiener Theodor aus seinem Klub fortzujagen wünschte. Aber es blieb nichts übrig, als zu warten und den Prinzen nochmals Bank halten zu lassen, ohne bei irgend jemand Verdacht zu erregen, selbst auf die Gefahr hin, daß die Bank morgen noch unheilvoller werden würde als die, welche soeben zu Ende gegangen war.

So geschah es auch. Alles verlief genau wie am Abende vorher ? die nämliche Art zu spielen und abzuziehen, der nämliche Gewinn, die nämliche Unmöglichkeit für Dantin, etwas zu entdecken.

Sobald die Bank zu Ende war, begab er sich, der Verabredung gemäß, in das Kabinett des Präsidenten, wo dieser fast gleichzeitig eintrat, von Bunou-Bunou begleitet, der ins Geheimnis gezogen war, um der Sache mehr Feierlichkeit zu verleihen. Sie brachten die Karten der letzten Bank mit. Voll Eifer nahm sie Dantin in Empfang, befühlte sie, untersuchte sie, alle mußten durch seine Hände gehen und vor seinen Augen Revue passieren.

»Ich kann nichts finden,« sagte er endlich.

»Sie sehen, mein Herr, mit welcher Leichtfertigkeit Sie den Prinzen verdächtigt haben,« sagte Adeline streng; »glücklicherweise wird niemand etwas davon erfahren.«

»Ich schwöre, daß er ein Falschspieler ist,« rief Dantin aus.

»Man muß nicht ohne Beweise anklagen,« sagte Bunou-Bunou in schulmeisterndem und nicht weniger strengem Tone als Adeline. »Wenn wir nicht so vorsichtig vorgegangen wären, in welche Lage würden Sie uns gebracht haben?«

Wie Adeline hatte sich Bunou-Bunou gegen den Gedanken aufgelehnt, daß der Prinz von Heinick ein Gauner sein könne, und wie Adeline betrachtete er den Polizeibeamten mit verächtlichem Bedauern.

»Diese Polizisten!«

Adeline hatte seinem Kollegen nicht nur von Dantins Verdacht gegen den Prinzen Mitteilung gemacht, sondern auch von der gegen Julien und Theodor gerichteten Anschuldigung. Und da sie nun die Entmutigung des Beamten sahen, fragten sich alle beide, ob die Anschuldigungen nicht ebensoviel wert seien als die Verdächtigungen.

Dantin war ein zu feiner Kopf, um nicht zu erraten, was in ihnen vorging, aber was sollte er sagen? Bunou-Bunous Bemerkung: »Man klagt nicht ohne Beweise an,« schloß ihm den Mund; dieser Beweis fehlte ihm.

»Da Ihre Beaufsichtigung zu keinem Ergebnis geführt hat, wenigstens bezüglich der Spieler,« sagte Adeline, »so denke ich, ist es überflüssig, daß Sie dieselbe fortsetzen; Sie brauchen morgen nicht wiederzukommen.«

»Sehr wohl, mein Herr,« sagte Dantin, »ich werde meinen Bericht erstatten.«

Er ging auf die Thüre zu; schon im Begriff, sie zu öffnen, kehrte er nochmals lebhaft um, indem er sich an die Stirne schlug: »Die Brille!« rief er aus.

Adeline und Bunou-Bunou sahen ihn an, als ob er einen Anfall von Verrücktheit habe.

»Solch eine Brille trägt man nicht umsonst. Auf diesen Karten sind Zeichen, die wir nicht mit bloßem Auge sehen, aber die er mit seiner Brille sieht. Haben Sie eine Lupe?«

»Wir haben keine bei uns,« sagte Bunou-Bunou mit spöttischer Miene.

»Die Optiker haben zu dieser Stunde geschlossen, aber glücklicherweise habe ich eine zu Hause, ich will sie holen: in zwanzig Minuten bin ich wieder hier; ich bitte Sie, meine Herren, gewähren Sie mir zwanzig Minuten.«

»Wir wollen es Ihnen nicht abschlagen,« sagte Adeline bereitwillig.

Zweiunddreißigstes Kapitel

.

»Das ist ein netter Junge, der uns um ein Haar schön eingeseift hätte,« sagte Bunou-Bunou, als Dantin die Thüre hinter sich zugemacht hatte.

»Es gehört zur Rolle eines Polizisten, überall Schurken zu sehen.«

»Aber Sie werden zugeben, daß es ein starkes Stück ist, sich bis zum Prinzen von Heinick zu versteigen.«

»Ich frage mich, ob nicht alles auf Einbildung beruht, was er von den Manövern Theodors und Juliens gesehen zu haben vorgibt.«

»Das frage ich mich auch.«

»Zu denken, daß wir die armen Burschen bezichtigt und aus ihrem Dienst gejagt hätten.«

»Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber es scheint mir, daß man bei diesem Gewerbe der Polizisten häufig die Einbildung für die Wirklichkeit nehmen muß.«

»So kommt es, daß man sich allgemein so viele Märchen über die Betrügereien in den Klubs erzählt: niemand hat betrügen sehen, aber man kennt Leute, die es gesehen haben, und hernach. ...«

»Und hernach?«

»Und der Polizeipräfekt mit seiner geheimnisvollen Miene: ?mein lieber Herr Abgeordneter, es wird in Ihrem Klub falsch gespielt?, ah! ah! ah!«

»Ah! ah! ah!«

»Und merken Sie wohl, es ist noch dazu der beste Beamte der Spielpolizei!«

In diesem Augenblick klopfte es an die Thüre. Adeline hatte eben nur Zeit, eine Zeitung auf die Karten zu werfen, die seinen Schreibtisch bedeckten. Es war Friedrich, der Nachforschung halten wollte. Dieses Hin und Her, diese geheimen Zusammenkünfte, welche er sah, beunruhigten ihn; was hatte das alles zu bedeuten? Als er aber seinen Präsidenten und Bunou-Bunou laut lachend beisammen fand, beruhigte er sich ? es war klar, daß nichts von Bedeutung vorging. Und nach einigen Redensarten, um sein Erscheinen, so gut es gehen wollte, zu entschuldigen, zog er sich in der Ueberzeugung wieder zurück, daß sie sich über den Kaufmann aus Nantes lustig machten.

»Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber es scheint mir der pure Wahnsinn zu sein, zu behaupten, daß auf neuen Karten, die in mit staatlichem Stempel versehenen Umschlägen verpackt sind, irgend welche Zeichen sich befinden könnten. Wollen Sie, der Sie das Spiel besser kennen als ich, wollen Sie mir erklären, was er hat sagen wollen?«

»Ich verstehe wirklich nichts davon.«

»Und es ist der beste Beamte der Spielpolizei.«

»Und wir bleiben hier sitzen und warten, anstatt schlafen zu gehen.«

Sie sollten nicht lange warten; vor Ablauf der zwanzig Minuten kam Dantin zurück.

»Wollen Sie mir erlauben, die Thüre zu schließen,« sagte er mit keuchender Stimme.

»Wie Sie wünschen.«

Dantins Untersuchung mit seiner Lupe dauerte nicht lange.

»Da ist es, das Zeichen,« rief er aus; »sehen Sie, meine Herren, sehen Sie selbst, da.«

Er gab Adeline die Lupe und die Karte und deutete mit dem Finger auf die Stelle, wohin er sehen sollte.

Die Karten, mit welchen man im »Grand J« spielte und welche man eigens für denselben herstellte, waren auf der Rückseite anstatt einfarbig, rautenförmig rosa und weiß gemustert und das Zeichen, das mit der Lupe sichtbar war, bestand in einem ganz kleinen unmerklichen Fleckchen in einer der Rauten, das den Augen der Karte entsprach, in der ersten für das Aß, in der dritten für die Drei, in der neunten, in der zwölften (in leicht zu schätzendem Abstande) für die Zehn und die Bilder. So erkannte man an diesem kleinen Zeichen die Karte, wie wenn man sie vor Augen gehabt hätte.

»Wie man diese Fleckchen angebracht hat.« sagte Dantin, »das weiß ich nicht, weil ich nicht dabei war, aber ich möchte darauf schwören, daß es mit der Spitze einer glühenden Nadel geschah, mit der die Karte berührt wurde und die eine Trübung des Glanzes bewirkte. Auf alle Fälle ists hübsche, saubere, originelle und ? sinnreiche Arbeit.«

»Aber diese Karten befanden sich in von der staatlichen Behörde versiegelten Hüllen,« sagte Bunou-Bunou.

»Mit den Streifbändern der Behörde verhält es sich wie mit den gummierten Briefumschlägen der Post; sie werden, ohne sie zu zerreißen, mittels heißen Wasserdampfes geöffnet, dann zieht man aus dem geöffneten Ende eine Karte nach der andern heraus, zeichnet sie und steckt sie, wenn sie trocken sind, wieder eine nach der andern an ihren Platz, man gummiert den Umschlag und das Kunststück ist fertig. Da haben Sie also neue Karten, die volles Zutrauen einflößen müssen. Der, der keine Lupe oder scharfe Brille hat, sieht nichts daran. Sie sind sehr geschickte Optiker, diese Deutschen.«

»Aber dazu ist ein Helfershelfer nötig,« sagte Adeline.

»Der ist auch dabei, einer oder zwei; jedenfalls einmal der Lakai vom Dienst, der die Spielkarten bringt und die ihm eingehändigten mit den präparierten vertauscht.«

»Ist es möglich?« murmelte Bunou-Bunou.

»Sie werden es sehen, wenn Sie jenen Diener zur Rede stellen; aber vorerst lassen Sie mich, bitte, Ihnen den Beweis liefern, daß man mit diesen Karten wie mit offnen spielt und Ihnen zeigen, wie der Prinz zu Werke geht. Soeben haben Sie an mir gezweifelt, ich habe es wohl gemerkt, gestatten Sie, daß ich mich rechtfertige und Sie überzeuge, daß ich nicht der Narr bin, für den Sie mich hielten.«

Sie schämten sich wegen ihrer Ungläubigkeit noch zu sehr, als daß sie ihm seinen Wunsch hätten abschlagen sollen. Er setzte sich mitten an den Schreibtisch und hieß Adeline rechts und Bunou-Bunou links von ihm Platz nehmen, als wenn sie an einem Baccarattische säßen, wo er Bank hielt; dann gab er, seine Lupe in der linken, mit der rechten Hand die Karten.

»Jetzt,« sagte er, »will ich Ihnen, bevor Sie Ihre Karten aufheben, Ihre Augen sagen: rechts ist ein Bild und eine Sechs, links ein Aß und eine Sieben, ich habe ein Bild und eine Fünf; ich muß also abziehen und ich thue es um so sicherer, da ich weiß, daß die Karte, die ich umschlagen werde, eine Vier ist.«

Indem er so sprach, schlug er um; es war richtig eine Vier, wie auch die von ihm genannte Augenzahl seinen Angaben entsprach.

Adeline und Bunou-Bunou sahen sich voll Bestürzung an; der Beweis war mehr als erbracht.

»Wollen Sie mir erlauben, Sie zu fragen, was Sie zu thun beabsichtigen?«

Aus beider Munde kam gleichzeitig dieselbe Antwort: »Kein Skandal, wir müssen die Sache totschweigen.«

Diese Antwort war so herkömmlich, daß Dantin sich nicht darüber wunderte. Kein Skandal, so sagen alle Präsidenten der Klubs, wenn es einen Skandal gibt. Auf der Straße, vor aller Welt schreit man »Haltet den Dieb«; in einem Klub, wo sich eine ausgewählte Gesellschaft bewegt, schreit ? man gar nichts. Man weist dem Spitzbuben fein säuberlich die Thüre, ohne ein Wort verlauten zu lassen, damit er es möglichst bequem hat, beim Nachbar seine Diebereien fortzusetzen.

Aber Adeline, welcher einen Skandal vermeiden wollte, in den sein Name hineingezogen und der »Grand J« bloßgestellt würde, wollte darum doch nicht, daß der Prinz sein Gewerbe in andern Pariser Klubs fortsetzte.

»Es versteht sich von selbst,« sagte er, »daß wir den Prinzen von Heinick nicht straflos ausgehen lassen, und daß wir uns nicht damit zufrieden geben, ihm einen nichtssagenden Brief zu schreiben, der ihm den Verkehr in unserm Klub untersagt, sondern er muß Paris und Frankreich verlassen.«

»Mag er sein Gewerbe in seinem Lande ausüben,« sagte Bunou-Bunou, »darin sehe ich nichts Schlimmes, im Gegenteil.«

»Und der Diener?« fragte Dantin.

»Den werde ich fortjagen.«

»Wenn wir den Hauptthäter nicht dem Arme der Gerechtigkeit übergeben,« sagte Bunou-Bunou, »können wirs auch bezüglich des Helfershelfers nicht thun.«

»Wünschen Sie nicht zu erfahren, wie er sein Mitschuldiger geworden ist?«

»O gewiß.«

»Wir wollen ihn ins Gebet nehmen.«

Adeline schellte und wies den erschienenen Diener an, Leon herbeizuholen.

»Wenn Sie gütigst erlauben,« sagte Dantin, »so will ich ihn selbst verhören; ich werde ihn schneller zu einem Geständnis bringen und ihn zugleich zwingen, die Sache nicht ruchbar werden zu lassen.«

»Thun Sie es.«

Leon trat mit verlegener und unruhiger Miene um sich schauend herein.

»Antworten Sie auf alles, was dieser Herr Sie fragt,« sagte Adeline, indem er mit der Hand auf Dantin deutete, der ans Kamin gelehnt dastand.

»Wie heißt du?« sagte dieser in barschem Tone.

»Ich ... Leon.«

»Dieser Name besagt nichts, du hast noch einen andern.«

»Chemin.«

»Du bist aus der Normandie?«

»Jawohl.«

»Woher?«

»Von Arques.«

»Im Kasino von Dieppe hast du wohl das Geschäft gelernt.«

»Ja.«

»Bist du verheiratet?

Er nickte.

»Wo ist deine Frau; was treibt sie?«

»Sie hält ein Kaffeehaus in Arques.«

»Gut, du wirst heute morgen mit dem Zug sechs Uhr fünfundvierzig nach Dieppe fahren und bei deiner Frau bleiben und dein Café mit ihr führen. Wenn du nach Paris zurückkehrst ? Zuchtpolizeigericht und hernach Poissy. Bevor du aber abreisest, wirst du diesen Herren hier sagen, was dir der Prinz von Heinick gibt, damit du ihm präparierte Karten bringst, und wie die Sache zwischen euch abgemacht worden ist.«

»Präparierte Karten!«

Dantin hob die Zeitung auf, welche die drei Spiele bedeckte.

»Hier sind sie.«

Leon war schon halb ohnmächtig; diese brutale Art, ihn zur Rede zu stellen und ihm alles auf den Kopf zuzusagen, hatte ihn vollständig außer Fassung gebracht; der Anblick der Karten that das Weitere.

»Ich habe niemals mit dem Prinzen gesprochen, ich schwöre es Ihnen,« stotterte er.

»Nun, wer gibt dir denn die Spiele?«

»Ich kenne seinen Namen nicht. Ein kleiner, gelber, pockennarbiger Mann, den ich im Café, das ich besuche, kennen lernte. Er sagte mir, der Prinz könne nur mit seinen Karten spielen, neuen eigens für ihn hergestellten Karten, ein Talisman, so was.«

»Sicherlich.«

»Sonst und wenn die Karten nicht in ihrem Streifband gewesen wären, hätte ich mich niemals darauf eingelassen. Man kann sich erkundigen, jeder wird sagen, daß ich ein ehrlicher Mensch bin, ich habe vier Kinder.«

»Der ist was wert, so ein Talisman, wie der da, denn er ist ausgezeichnet.«

Leon zögerte einen Augenblick.

»Stell dich nicht so,« sagte Dantin grob.

»Tausend Franken.«

»Jetzt wirst du deine Siebensachen zusammenpacken und, ohne jemand ein Wort zu sagen, machen, daß du fortkommst. Wenn du plauderst, anstatt nach Arques zu reisen, wo du glücklich sein wirst, wie der Fisch im Wasser, kommst du nach Poissy, wo es nicht zum lustigsten sein soll.«

Leon ließ sich das nicht zweimal sagen; er hatte sich allmählich gegen die Thüre zurückgezogen, nun öffnete er sie ein wenig und schlüpfte hinaus.

»Da haben wirs,« sagte Dantin, »tausend Franken, um ein Kartenspiel mit dem andern zu vertauschen, das verrückt einem freilich den Kopf.«

Adeline und Bunou-Bunou berieten, wie sie es mit dem Prinzen halten sollten, und beschlossen, sein Kommen am nächsten Tage abzuwarten und daß er dann, anstatt ihn in den Baccaratsaal einzulassen, ersucht werden sollte, in das Kabinett des Präsidenten einzutreten.

»Sie werden sich einfinden,« sagte Adeline zu Dantin »und werden die Betrügereien klarlegen, wenn der Prinz versuchen sollte, sie zu bestreiten.«

Dantin wollte sich zurückziehen, doch Adeline hielt ihn auf.

»Wir sind Ihnen Dank schuldig,« sagte er, »für den Dienst, den Sie uns geleistet haben; auch müssen wir uns bei Ihnen entschuldigen, denn, ich gestehe es, einen Augenblick haben wir an Ihnen gezweifelt. Der Präfekt soll erfahren, wie nützlich Sie sich uns in dieser leidigen Geschichte erwiesen haben.«

Als Dantin abends um elf Uhr in den »Grand J« kam, bemerkte er, daß man ihn mit seltsamen, verdächtigen Blicken musterte; in der That hatten die geheimen Zusammenkünfte im Zimmer des Präsidenten, das Verschwinden der Karten, die von dem Prinzen von Heinick als Bankhalter benutzt worden waren, endlich die unerklärliche Abwesenheit Leons die Zungen in Bewegung gesetzt. Ein Klub ist nicht der Ort, wo man Schicksalsschläge mit der Ruhe eines guten Gewissens abwartet. Indessen richtete niemand das Wort an ihn, selbst Friedrich nicht, der mit Barthelasse plauderte, denn Adeline kam ihm zuvor.

»Wollen Sie mich in meinem Kabinett erwarten,« sagte dieser, »Sie werden Herrn Bunou-Bunou dort treffen, ich folge Ihnen sogleich nach.«

In der That blieb Adeline nicht lange und trat in Begleitung des Prinzen, dem er artig den Vortritt ließ, ein.

»Sie wünschen mit mir zu sprechen,« fragte der Prinz in stolzem und wegwerfendem Tone.

»Ja, mein Herr, wir haben uns von Ihnen Erklärungen auszubitten über Ihre Art zu spielen.«

»Von mir!«

Dieses kam im allerhochmütigsten Tone heraus.

»Und wir ersuchen Sie, sie uns vor diesem Herrn zu geben,« fuhr Adeline fort, indem er auf Dantin zeigte.

Dieser trat vor.

»Dantin, Inspektor bei der Spielpolizei.«

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, daß Sie falsch spielen, Prinz.«

»Elender!«

»Sie betrügen mit diesen Karten« ? er zeigte die Karten vor ? »welche Ihnen der Lakai vom Dienste überreicht und dem Sie tausend Franken dafür geben.«

Der Prinz zauderte einen Augenblick, wilde Blicke um sich werfend. Dann ließ er plötzlich den Kopf auf die Brust sinken und seine Beine begannen zu schlottern, als wenn er ohnmächtig werden wollte.

»Meine Herren, meine Herren, machen Sie mich nicht unglücklich um der Ehre meines Namens willen ... ein Augenblick der Verirrung ... ich will Ihnen erklären ...«

»Sie haben nichts zu erklären,« sagte Dantin, »Sie haben morgen früh um sieben Uhr dreißig den Zug nach Köln zu besteigen und niemals wieder nach Frankreich zurückzukehren.«

»Morgen ist es unmöglich, die Prinzessin ...«

Die Prinzessin wird Ihnen nachkommen. Köln oder das Zuchtpolizeigericht.«

»Ich reise.«

Am nächsten Tage um sieben Uhr fünfzehn sah Dantin, der den Nordbahnhof überwachte, den Prinzen im Reiseanzug und ohne Brille aus dem Wagen steigen und auf den Schalter zugehen. Er folgte ihm von weitem, hielt sich aber außerhalb der Barrieren und drehte den Kopf herum, damit ihn der Prinz nicht erkennen sollte.

»Compiègne« verlangte der Prinz, indem er eine Banknote auf das Schalterbrett legte.

Dantin faßte ihn am Arme.

»Compiègne ist in Frankreich, Köln wollen Sie sagen?«

»Köln.«


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