1000 Mark Belohnung

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1.

Der Regulator schlug gerade sechs, als Heinz Marquardt erwachte. Es war noch stockfinster, aber er war, wie stets, wenn er die Augen aufschlug, sofort vollständig munter und sprang auch gleich aus dem Bett.

»Trude,« sagte er, »es ist sechs.«

Sie antwortete nicht und drehte sich im Halbschlaf auf die andere Seite.

Nun zündete er das Licht an und ging an die Waschtoilette, wo er sofort unter vielem Prusten und Plantschen seine Toilette begann. Das alles ging schnell und mit der raschen Beweglichkeit eines Menschen von statten, dem seine Nerven keine Schwierigkeiten bereiten und der zu jeder Zeit seine Gedanken und Kräfte beieinander hat.

Als er sich gewaschen hatte, ging er wieder an das Bett seiner Frau und fing, auf der Bettkante sitzend, an, schmeichelnd in sie hineinzureden.

Der gelbe Schein des Lichtes tanzte flackernd und tiefe Schatten werfend über die Kissen, und in der spärlichen Beleuchtung war eigentlich nur das reiche hellblonde Haar, ein kleines rosiges Ohr und ein Stück des weißen Halses von der jungen Frau zu erkennen.

»Willst Du denn gar nicht aufstehen, Trude?« Er versuchte, ihr ins Gesicht zu blasen, das sie im Bett vergrub.

»Nicht doch! ich bin ja noch so müde ... laß mich ...«

Aber er gab nicht nach.

»Also, ich muß mir allein meinen Kaffee kochen?«

Dabei kitzelte er sie leise.

»Steh doch auf, Trude ... Ich muß Dir auch noch was erzählen!«

Jetzt war sie auf einmal munter.

»Was denn?« fragte sie neugierig und hob ihren hübschen Kopf.

Er legte seinen Arm um ihren Hals und küßte sie:

»Dummchen! ... Gar nichts ... ich wollte bloß mal sehen, ob Du wirklich noch schläfst.«

»Du! ...« Sie faßt das eine Ende seines langen schwarzen Schnurrbarts und zog ihn ein bißchen:

»Nu schlaf ich gerade noch!« und rasch drehte sie sich nach der Seite, wo das Licht stand, und zog das Deckbett bis übers Kinn hinauf. Aber nun störte sie die zuckende Flamme des Lichtes, sie blinzelte, und wie er das sah, meinte er etwas ernster:

»Es ist wirklich nicht hübsch von Dir, wenn Du mich allein Kaffee trinken läßt!«

Da wandte sie den Kopf, schlang ihre schönen weißen Arme, von denen die Aermel des Nachthemdes herabglitten, um seinen Nacken und flüsterte leise, zärtliche Worte in sein Ohr.

Er faßte mit seinen beiden Händen über die Schultern, machte sich sanft los und sagte:

»Du weißt doch, Herzblatt, daß ich heute sehr viel zu tun habe, da will ich möglichst schon um halb acht Uhr im Bureau sei ... die andern ärgern sich zwar darüber, aber wenn einer sich was abwimmeln kann, dann tut ers ... und ich bin nicht so, ich arbeite eben, wenn Arbeit da ist ...« Und schon stand er wieder vorm Spiegel, knöpfte seinen Kragen um und band sorgfältig die kleine schwarze Schleife. Während er dann sein Haar mit großer Akkuratesse scheitelte und bürstete und dabei den neuesten Walzer pfiff, war seine Frau leise aufgestanden und hatte, ohne daß er darauf aufmerksam wurde, ihren Schlafrock übergeworfen.

Nun bemerkte er sie und lachte. Sie aber ging schnell in ihrer leichten huschenden Weise in die Küche hinaus und als er ihr wenige Minuten später nachkam, hatte sie schon den Gaskocher, auf dem das Wasser stand, angezündet und war gerade dabei, den Kaffee zu mahlen.

»Siehst Du,« lachte er, »es geht alles, wenn man nur will!«

Wirklich stand, als er fertig angezogen war, der Kaffee auf dem Tisch. Die junge Frau schenkte ihrem Manne ein, strich eine Buttersemmel und quälte ihn, da Heinz wie gewöhnlich nichts essen wollte, doch wenigstens ein halbes Brötchen zu nehmen.

Er aß schließlich, aber sie hatten während des Frühstücks soviel miteinander zu plaudern und zu lachen, daß er plötzlich auf die Uhr sehend, rasch aufstand und sagte:

»Ich muß fort, Kind ... Wenn ich nur die Bahn um 45 noch kriege ...«

Sie holte ihm geschwind seinen Spazierstock, denn er wußte nie, wo er ihn am Abend hingestellt hatte, und begleitete ihn mit der Lampe bis zur Entreetür.

»Aber Du hast ja das Halstuch nicht um, Heinz! Es ist doch draußen so kalt, Du mußt Dich ja erkälten.«

»Ich habe wirklich keine Zeit mehr, Trude!«

»Damit Du mir nachher krank wirst! ...«

Und es blieb ihm nichts übrig, er mußte warten, bis sie das weißseidene Cachenez herbeigeholt und um den Hals gelegt hatte.

Dabei sah er, wie ihre großen dunkelgrauen Augen in Liebe auf ihn gerichtet waren. Ihre Lippen, deren feuchtes Rot scharf gegen den weißen Teint absetzte, waren nie fest geschlossen, und der Reiz dieser weichen, nachgiebigen Züge bestand zum großen Teil in einer gewissen Lässigkeit, die sich auch in ihrer ganzen schlanken Gestalt ausdrückte. Sie sah noch gar nicht wie eine Frau aus, und trotzdem er es eilig hatte und sein Kopf sich bereits mit der Arbeit beschäftigte, die seiner im Bureau harrte, erinnerte er sich jetzt doch plötzlich und wie im Fluge an jene Zeit, da er und Trude noch nicht verlobt miteinander waren und er selbst eigentlich nie daran gedacht hatte, die Trude Kaiser zu seiner Frau zu machen.

Mit einem langen, langen Kuß nahmen sie Abschied voneinander und sie stand, die Lampe über das Treppengeländer haltend, so lange an ihrem Platz, bis sie unten das Haustor gehen hörte.

Dann kam es auf dem dunklen Treppenflur plötzlich wie Furcht und Erschrecken über sie und sie eilte so schnell hinein, daß sie sich ein wenig an der Tür die Schulter stieß ...

2.

Als Heinz Marquardt die bei der Potsdamer Bahn belegenen Bureaus der Güterexpedition erreicht hatte, war noch niemand anwesend.

Um acht Uhr kamen seine Kollegen. Einige grüßten ihn freundlich, die anderen, meist nicht allzu gewissenhafte Arbeiter, gingen mit scheelen Blicken und mokantem Lächeln an ihm vorüber. Er kümmerte sich absolut nicht darum und sagte in genau derselben gleichgültigen Weise »guten Tag«, wie er ihm geboten wurde.

Punkt neun Uhr trat der Betriebsdirektor ins Bureau.

Herr Weckerlin, der, die breite Brust vordrängend und die Hüften zurückschiebend, auf seinen kleinen und elegant beschuhten Füßen ein wenig knickebeinig einherstolzierte, sagte mit leicht näselnder Stimme:

»Na, schon tüchtig gearbeitet? ... Hm? ... Liebe das, wenn ich Eifer sehe bei meinen Beamten ... Mir nichts unangenehmer, als wenn man so gewissermaßen mit der Uhr in der Hand arbeitet, habs mir seinerzeit auch nicht so leicht werden lassen! ... Nur immer flott! Immer flott! ...«

Mit diesem seinem Lieblingswort berührte er ganz leicht, eigentlich nur symbolisch, die Schulter des jungen Angestellten und verließ das Bureau, in dem die Köpfe aller Beamten sich tief über ihre Arbeit beugten.

Aber kaum war er hinaus, so fuhren sie mit einer Wuptizität ohnegleichen in die Höhe, und in das Lachen und Plaudern, das nun wieder begann, mischten sich spitze Redensarten, die Heinz Marquardt galten. So lange sein Name dabei nicht genannt wurde, überhörte Heinz das absichtlich. Als ihn aber jemand gar zu direkt anzapfte mit den Worten:

»Man sollte solchen Streber überhaupt nicht im Bureau dulden!« da richtete er sich mit einem Male kerzengerade empor und sagte, den Sprecher, einen Bureaugehilfen namens Maaß, mit seinen großen schwarzen, eng beieinander stehenden Augen anstarrend:

»Soll das etwa auf mich Bezug haben?«

Der andere, ein kleiner, schmächtiger Mensch mit rotem Haar und einem Gesicht voller Pockennarben, entgegnete mit impertinentem Achselzucken:

»Wem die Jacke paßt, der zieht sie sich an!«

Heinz Marquardt wandte sich an den Bureauvorsteher.

»Herr Hintzefuß, da muß ich mich bei Ihnen über Herrn Maaß beschweren.«

Max Hintzefuß war ein außerordentlich tüchtiger Arbeiter. Aber auch nur dieser Eigenschaft hatte er es zu danken, daß er noch immer im königlichen Dienst war. Als sogenannter Quartalssäufer hatte er zu wiederholten Malen Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben, die um so größer war, als gerade sein Posten die höchste Zuverlässigkeit voraussetzte.

Der Bureauvorsteher stand auf, ging zu dem kleinen Schreiber hin und sprach einige Worte mit ihm.

Der Rothaarige schien erst etwas zu zögern, bequemte sich dann aber, an Heinz Marquardt heranzutreten und sich mit ein paar nichtssagenden Worten zu entschuldigen.

Und Heinz, dem daran lag, nicht als Störenfried zu gelten, streckte ihm sofort die Hand entgegen zur Versöhnung.

Diesem kleinen Menschen war er so wie so eine Art von Revanche schuldig. Durch ihn hatte er seine Trude kennen gelernt. Es war da nämlich so ein kleiner Beamtenverein, dem er selbst zwar nicht angehörte, zu dessen Festlichkeiten er jedoch durch Maaß mehrfach geladen war. Und einst bei einem Maskenball war der Kollege in Begleitung von Trude Kaiser erschienen, die er offenbar selber anhimmelte. Heinz Marquardt fiel die in seinem Kreise seltene Erscheinung des jungen Mädchens sofort auf. Sie hatte wenig von der spießbürgerlichen Gescheitelheit der anderen jungen Mädchen, welche dort tanzten. Ein freierer, fast künstlerischer Hauch umwebte ihre schlanke Gestalt, und schon die einfache und nur durch ihren wirklichen Geschmack auffallende Kleidung ließ sie aus dem Kreise der übrigen hervortreten.

Kaum daß sie ihm vorgestellt war, hatte er ihren Kavalier, eben jenen rothaarigen Bureaugehilfen, um die Erlaubnis gebeten, mit ihr tanzen zu dürfen. Dieser hatte mit einer etwas süßsauren Miene seine Einwilligung gegeben, und Heinz Marquardt benutzte die Erlaubnis zu einem einmaligen Tanze ohne weiteres für den ganzen Abend. Als ihn dann Trude bei der Damenwahl holte, legte er sich gar keine Schranken mehr auf und führte sie auch nicht wieder zu ihrem Herrn zurück. Mit diesem hatte er kurz darauf eine sehr energische Aussprache, bei der sich Maaß nur schwer auf sein älteres Anrecht berufen konnte, denn auch er war heute zum ersten Male mit Trude, die die Tochter seiner Logiswirtin war, ausgegangen, und das junge Mädchen, dessen Entscheidung man zum Schluß anrief, weigerte sich entschieden, ihm irgendwelche Ansprüche auf ihre Person einzuräumen.

Aber das Mädchen hatte seitdem merkwürdigerweise einen entschiedenen Widerwillen gefaßt gegen den jungen Menschen, dessen Begleitung sie damals angenommen und dem sie das Glück ihrer Liebe zu danken hatte.

An all das mußte Heinz Marquardt denken, als er jetzt, selbst bei der Versöhnung, die Augen des Kollegen voll heimlichen Grolls auf sich gerichtet sah.

Der Vormittag verging unter drängender Arbeit. Da mit der sogenannten englischen Tischzeit gearbeitet wurde, so frühstückten die Angestellten der Bureaus für gewöhnlich gegen ein Uhr, falls nicht allzu drängende Beschäftigung zwang, auch diese Pause aufzugeben. Heute war der Hauptstoß des Güterverkehrs bewältigt, und in solchen Fällen gab der unermüdliche Hintzefuß selbst das Zeichen zu einer gemütlichen Erholungspause. Und jetzt, wo der Erste eben gewesen war, verschwand der größte Teil der Beamten, um in dieser oder jener Gastwirtschaft ein Eisbein oder ein Stückchen warmen Braten zu verzehren.

Heinz Marquardt lockte etwas anderes hinüber in die kleine Restauration. Kaum hatte er sich ein Glas Bier bestellt, so begab er sich auch schon ans Telephon, um fünf Minuten lang mit seiner Liebsten zu schwatzen.

Das Telephon lag auf dem Korridor, man konnte dort ganz vertraulich plaudern. Und das benutzte dieser lange, schwarzhaarige Mensch mit einer Naivität und Zärtlichkeit, die ihm niemand zugetraut hätte; derselbe Heinz Marquardt, dessen Rücksichtslosigkeit die meisten Frauen empfinden mußten, die ihn geliebt hatten.

»Bist Du da, Liebling?« fragte er, nachdem die Verbindung hergestellt war.

Und ihre weiche, wie von einem seidenen Schleier umhüllte Stimme erwiderte:

»Ja, mein Heinz! Wie geht es Dir? Hast Du viel zu tun?« ... Dann eine kleine Pause mit einem durch das Telephon hörbaren Seufzer. »Ach, wenn es doch erst Abend wäre!«

Er drückte einen Kuß auf die Membrane und sagte:

»Liebchen!«

Und plötzlich fiel es ihm ein:

»Aber es ist ja heute mein Skatabend! ...«

Sie ließ einige Augenblicke vergehen, ehe sie antwortete:

»Mußt Du denn dahin gehen?!«

»Aber Trude! ... Sollen sie mich denn ganz und gar fürn Pantoffelhelden ausschreien ... Du weißt doch, das ist mein einziges Vergnügen! ? Und wenn ich gewinne, gehen wir auch nächsten Sonntag ins Apollo!«

»Dann bin ich also wieder heute den ganzen Abend allein, Du alter Bösewicht, Du!«

»Ach, Trude, laß doch, ich komme auch früh nach Hause! ? Du bleibst doch so lange auf, ja?!«

Sie erwiderte nichts, und er setzte rasch hinzu:

»Und sieh Dich ja vor, mein Herz ... und lege auch bestimmt die Sicherheitskette vor! ... Du kannst lieber aufstehen und mir nachher aufmachen!«

Sie neckte ihn:

»Wenn Du nicht kommst, dann lege ich auch die Sicherheitskette nicht vor!«

»Du, dann bin ich böse!«

Sie hörte durch das Telephon, wie er mit seinem Fuß die dicht an seiner Seite befindliche Tür aufstieß. Gleich darauf sagte er:

»Die anderen sind schon alle fort, eben geht Maaß ... und ein Gesicht macht der! ... geradezu unheimlich! ... Adieu, mein Herz, leb recht wohl und denk an mich!«

»Du an mich auch!«

»Ja, wenn ich nur nicht so viel zu arbeiten hätte! ? Adieu, adieu! ? Und Du, hör mal! ? Trude! ? Daß Du mir ja nicht die Tür aufläßt, wenn Du runter gehst und was einholst! ...«

Sie schwieg.

»Du hast es doch nicht etwa schon getan, Trude?«

»Ach, Heinz, vorhin, nurn Augenblick, nurn Augenblick, wie ich Butter holte unten ausm Buttergeschäft ...«

»Aber Du sollst doch vorsichtig sein, Geliebte! ... Ich sage es Dir tausendmal! ... Nicht wahr, Du tust es nicht wieder, Du machst die Tür zu?! ...«

»Ja, ja, ich verspreche es Dir! ... Also um halb elf, nicht wahr?«

»Na, schön, adieu, mein Liebling, adieu!«

»Adieu, Heinz!«

Dann ging er fort mit einem heißen Gefühl in der Brust und voller Sehnsucht nach seinem Weibe.

Als er ins Bureau kam, waren die übrigen Beamten schon alle anwesend.

»Wo ist denn Maaß?« fragte Heinz den alten Stegemann, der Bureaudiener und am längsten von allen im Dienst war.

»Hat sich krank jemeldet,« erwiderte der Alte, skeptisch seinen kahlen Kopf schüttelnd, »dabei hat a ausjesehn, als wollt er eenen erschlagen!« ...

Wenn so viel zu tun war wie heute, verging Heinz Marquardt die Zeit immer wie im Fluge. Ehe er sichs versah, wies der Zeiger der großen Bureauuhr auf fünf, und schon standen die meisten der Herren auf, zogen ihre Schreibärmel herunter und begaben sich in die Ecke, wo die Waschtoilette stand, um in einer unglaublich kurzen Zeit mit Stock und Hut noch einmal an ihrem Platz zu erscheinen, die Pulte abzuschließen und in fluchtähnlicher Eile das Bureau zu verlassen.

Die Laternen schimmerten rötlich in der kalten Luft, und am Himmel, der schwarzblau und wolkenlos war, standen mit ihrem glimmenden Leuchten einzelne Sterne.

In der Flottwellstraße, die vom Lärm der Eisenbahnzüge und dem Gerassel der Wagen erfüllt war, drängten sich heimkehrende Arbeiter, Geschäftsangestellte, die zur Post und mancherlei Besorgung liefen.

In dem kleinen Lokal in der Steglitzer Straße, wo Marquardt und seine Bekannten an jedem Freitag abend zusammentrafen, war er bei seinem Eintreten der einzige Gast.

Der Kellner, der ihn gut kannte, behandelte ihn mit der Vertraulichkeit, wie solche Leute sie stets zeigen, Gästen gegenüber, die nicht viel verzehren.

Heinz Marquardt nahm die wohlgemeinten Erkundigungen des Ganymeds mit Humor auf, dann holte er sich eine Zeitung und erwartete bei einem Glase Bier die Bekannten, die bald darauf eintrafen.

Die Skatpartie verlief wie immer, angeregt und heiter, und die drei anderen Herren waren nur deswegen ungehalten, weil sich der junge Beamte schon vor zehn Uhr, trotz ihrer Einreden und Bitten, er möge doch noch bleiben, entfernte.

Noch in der Tür winkte er ihnen ein lachendes Lebewohl zu und ging, ohne sich durch ihre etwas anzüglichen Bemerkungen im mindesten verletzt zu fühlen, durch die fast ausgestorbene Gegend schnell nach der nächsten Haltestelle seiner Elektrischen.

Von der Ecke, wo er herunterstieg, hatte er noch gut fünf Minuten bis zu seinem Hause. Die rannte er fast.

Vor dem Tor der sehr ausgedehnten Mietskaserne trieben sich wie gewöhnlich einige Frauenzimmer mit ihren Begleitern umher. Furcht kannte Heinz Marquardt nicht. Und so wollte er, ohne sich im geringsten um diese unheimlichen Gestalten zu kümmern, eben aufschließen, als eine von den Mädchen sagte:

»s is offen ... Lassen Sie bitte auf!«

Er ging hinein und schloß dessenungeachtet zweimal hinter sich ab.

Drinnen riß er ein Streichhölzchen an, weil es ihm schon zu wiederholten Malen passiert war, daß er auf Betrunkene getreten hatte, und ging schnell über den Hof in den Seitenflügel hinein und erstieg, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die vier Treppen.

Oben kam er mit dem Oeffnen der Tür nicht gleich zurecht. Es hatten sich offenbar ein paar Krümel oder etwas Wolle von der Tasche in die Höhlung des Drückers hineingesetzt, und da er sicher war, daß die Trude noch auf ihn wartete, klingelte er. Aber sie kam nicht.

»Nun ist sie doch eingeschlafen,« dachte er und bemühte sich, mit einem Streichhölzchen den Schlüssel auszubohren.

Endlich! Er schloß auf. ? Die Sicherheitskette hatte sie doch wieder nicht vorgelegt! ...

Wie stets ging er in seiner Wohnung, wo er ja genau Bescheid wußte, zuerst in die Küche, um dort ein kleines Lämpchen anzustecken.

Dabei stolperte er über einen auf dem Boden liegenden Gegenstand und stieß sich, lang hinfallend, das Knie.

Wie Ameisen in einem Haufen, in den plötzlich der Stock eines Wanderers hineinfährt, stürzten seine Gedanken von allen Seiten zusammen ... Wie kam der umgefallene Stuhl hierher? ? Wer hatte ihn umgeworfen? War Trude nicht mehr in der Küche gewesen? Hatte sies nicht gesehen? ... Das war doch sonst ihre Sache nicht!

Und plötzlich schrie er laut in die Dunkelheit hinein: »Trude, Trude!«

Nichts antwortete ihm.

3.

Durch den düsteren Hof der Mietskaserne, in deren Fenster noch hier und da Licht schimmerte, hallten furchtbare Schreie:

»Zur Hilfe! Hilfe! Mörder! Mörder! Hilfe! ... Hilfähh!«

Und dann ein krachendes Poltern die Treppe herab und immer wieder das markerschütternde Gebrüll eines Menschen, der mitten ins Leben hineingetroffen ist.

Die Bewohner, schon im Begriff, zu Bette zu gehen, stürzten aus ihren Wohnungen auf den dunklen Flur, Lampen in der Hand, in Nachtkleidern; aber der, der da so gräßlich schrie, war längst vorbei an ihnen, über den Hof gestürzt, dessen Mauern noch bebten von der Wucht seiner Hilferufe. Und nun riß er an der Haustür, die er selbst vorher verschlossen hatte, und wußte nicht, daß man aufschließen mußte, um hinauszukommen.

Endlich wurde von draußen geöffnet. Ein Wächter stand vor ihm; er stieß den Mann fast über den Haufen und schrie, vorwärts stürzend:

»Meine Frau! ... Meine Trude!! ... Um Gottes willen, Hilfe! ... Hilfe ... meine arme Trude! ...«

Sein Schreien wurde zum Schluchzen, und plötzlich, wie er zwanzig Schritte in die Nacht hineingerannt war, kehrte er wieder zurück nach dem Haustor, wo sich jetzt plötzlich allerlei Menschen sammelten, aus der Nacht herkommend, neugierig und von Grauen geschüttelt beim Anblick dieses vor Verzweiflung heulenden Mannes.

Eines der Mädchen, die da standen, die ihr trauriges Gewerbe festhielt nachts auf der Straße ? eines von diesen armseligen Geschöpfen kam an den in seinem irren Schmerz hin und her laufenden Mann heran und sagte, selber weinend:

»Was ist denn, Herr Marquardt? ... Ich wohne ja da oben, und ich kenn se doch auch, Ihre Frau! ...«

Heinz Marquardt hatte nie acht gegeben, wer in seiner Nähe wohnte; jetzt sah er das Mädchen an, als könne von ihr das Heil kommen, als könne sie ihm helfen, sein Liebstes, das er da oben tot, ermordet gefunden hatte, wieder zu erwecken.

»Einen Arzt!« stieß er hervor, »einen Arzt!« und rannte davon wie gehetzt, und hinter ihm das Mädchen, rufend:

»In der Koloniestraße, da wohnt einer, bei den geht meine Wirtin immer!«

»Wo denn? Wo denn?« ächzte er.

Nun führte sie ihn, beide im Laufschritt, atemlos, keuchend, er ganz seinem Schmerze hingegeben und sie vor Mitleid mit ihm schluchzend.

Es dauerte lange, bis der Arzt herunterkam.

Wie er aber hörte, was geschehen war, da ließ er sich selber erst nicht lange nötigen zum Laufen.

Durch die menschenleeren, schlecht beleuchteten Straßen stürmten sie alle drei dahin, als hinge von ihrer Eile jetzt noch Leben und Sterben ab.

Wie sie die schmalen, steilen Treppen hinaufkamen, stand alles voller Leute. Bis an die Wohnungstür, die Heinz Marquardt hinter sich offen gelassen hatte. Und alle diese Menschen, in deren Gesichtern sich Neugier und Entsetzen stritten, traten schweigend zurück, als jetzt der Mann der Aermsten, die da oben ermordet lag, an ihnen vorüber wollte. In die Wohnung hinein hatte sich niemand getraut.

Man sah durch die offene Tür den Korridor erhellt von der kleinen Küchenlampe, die am Nagel hing, und die Augen der draußen Stehenden suchten fieberhaft nach dem Opfer.

Unten auf der Treppe wurden schwere Schritte hörbar, und gleichzeitig wurden Befehle laut, wer hier nichts zu suchen hätte, solle Treppe und Haus verlassen.

Die Polizei kam. Ein Leutnant und mehrere Schutzleute.

Der Arzt war um die Ermordete beschäftigt. Aber all seine Kunst blieb vergeblich. Die arme Trude hatte nur zwei Stiche mit einem scharfen Instrument, wahrscheinlich einem Dolch oder Stilett, von hinten empfangen. Aber offenbar war schon der zweite Stoß des Mörders überflüssig gewesen. Der Tod hatte sie vollständig unvorbereitet überrascht.

Im Wohnzimmer war der Mord passiert. Dort mußte das arme Wesen, nachdem es den ersten Stich bekommen, der beide Herzklappen durchschnitten hatte, zusammengebrochen sein und den Velourteppich, dessen ursprünglich helle Farbe jetzt ganz dunkel war, mit seinem Blute durchtränkt haben.

Der Arzt erklärte es für ganz unmöglich, daß die Ermordete danach noch einen einzigen Schritt gemacht haben könnte.

Er selbst hatte sie auf dem Bette liegend gefunden, und es war nicht aus Heinz Marquardt herauszubringen, ob er die Tote dorthin gelegt hatte.

Der Polizeileutnant, ein noch junger Mann, dem es schwer wurde, seine tiefe Ergriffenheit zu verbergen, schüttelte, mit dem Arzte redend, den Kopf.

»Das ist kaum zu glauben, Herr Doktor! ? Denn selbst wenn man glauben wollte, der arme Kerl hätte soviel Geistesgegenwart in diesem fürchterlichen Augenblick noch besessen, so ist doch gar nicht anzunehmen, daß in der kurzen Zeit ? denn es kann ja kaum eine halbe Stunde her sein, daß er sie gefunden hat ? der Körper schon so erstarrt sein sollte.«

Der Arzt mußte dem beipflichten. Und daß er selbst nicht auf diesen Gedanken gekommen war, daran war wohl auch nur die Erschütterung schuld, die er selbst empfunden hatte beim Anblick dieses liebreizenden Geschöpfes, das eine Bubenhand niedergestreckt hatte. Es war jetzt auch die Stubenlampe angezündet worden, und das Schlafzimmerchen, in dem alles bis auf das eine zerworfene Bett so leuchtend ordentlich und nett war, glänzte von einer milden Helligkeit.

In den Kissen, die überall große dunkle Flecke zeigten, lag die Tote wie aufgebahrt. Sie trug noch immer das Morgenkleid, dessen Knöpfe am Hals aufgerissen waren. Und dieser Hals, dieser zarte, weiße Mädchenhals wies, als man die Lampe näher heranbrachte, deutlich die grausamen Fingermale des Mörders auf. Aber das Gesicht war nicht entstellt. Nur das Lächeln, die stille Liebenswürdigkeit war fortgewischt aus dem Antlitz des jungen Weibes, dessen blondes Haupt von einer starren Feierlichkeit umflossen war. Die schwachroten Lippen waren geschlossen, und die blauen Augen, deren Lider noch ein wenig offen standen, widerstrebten dem Fingerdruck des Arztes, als er sie schließen wollte.

Neben dem Bett war Heinz Marquardt auf einen Stuhl niedergesunken. Er hatte die schlaff herniederhängende rechte Hand der Toten in die seine genommen und streichelte mit der anderen die blutlosen Finger. Dabei liefen ihm die Tränen immerfort über die Wangen, aber er sagte nichts. Als der Arzt mit seinen Bemühungen aufhörte, hatte er diesen groß und fragend angesehen, und aus den stummen, von Mitleid erfüllten Zügen des Mediziners ohne eine Frage sein jammervolles Schicksal gelesen.

Der Polizeileutnant war an ihn herangetreten mit der Absicht, ihm wenigstens ein Wort des Trostes zu geben. Aber vor den dunklen, eng beieinander stehenden Augen, die Heinz Marquardt voll zu ihm aufschlug, vor dem unsäglich gramvollen Ausdruck dieses von brennenden Schmerzen zerstörten Gesichtes verstummte der Beamte.

»Sie können doch hier nicht bleiben?« sagte er endlich.

Der Gatte der Ermordeten hörte gar nicht darauf.

»Die Fundstelle muß auch möglichst unberührt erhalten werden!« meinte der Polizeileutnant wieder.

»Das hier ist meine,« sagte Heinz Marquardt mit einem Unheil verkündenden Blick, und der Polizeileutnant wagte dem nichts entgegenzusetzen.

Inzwischen war nach dem Präsidium telephoniert worden, und eine ganze Anzahl von Kriminalbeamten hatte sich eingefunden. Der Chef selbst, Herr von Rhode, war erschienen und betrat soeben in Begleitung der Kommissare Hartmuth und Bendemann das Zimmer.

Der Polizeileutnant erstattete leise seinen Rapport und wies dann auf den noch immer neben seinem toten Weibe sitzenden Heinz Marquardt.

»Wir können ihn doch hier nicht lassen, Herr Geheimrat?«

»Natürlich nicht! ... Muß irgendwo im Hause n Unterkommen suchen, damit wir n morgen früh gleich wieder bei der Hand haben.«

»Er wird Schwierigkeiten machen,« erwiderte der Polizeileutnant flüsternd.

»Wie heißt denn das?« ... Herr von Rhode sprach noch leiser mit seinem Untergebenen, und dann meinte er vernehmlicher: »Ich wer mal mit dem Mann reden!«

»Herr ...,« er wandte er sich an den Polizeileutnant, »wie heißt er?«

»Marquardt,« erwiderte dieser dienstbeflissen.

»Also, Herr Marquardt, äh, hm! ... es ist ja außerordentlich bedauerlich, und äh! wir verkennen keinen Augenblick den traurigen Ernst Ihrer Lage, aber, sagen Sie mal, können Sie uns denn nicht vielleicht n Anhaltspunkt geben? ... Ich meine natürlich nicht, daß sie uns was Positives sagen sollen über den Fall ? Keine Ahnung ... Davon werden Sie ja ebensowenig wissen wie wir, aber sagen Sie mal, Herr Marquardt, hat denn Ihre Frau nicht ... äh, na ich meine, hat sie denn nicht so Bekanntschaften gehabt ... Bekannte, die, hm ... na, äh, was sollen wir uns da lange fürchten vor dem Wort, hier is ja nich der Augenblick, wo man sich gegenseitig Mätzchen vormacht, seien wir mal ganz ehrlich und aufrichtig, sind Sie der Treue Ihrer Frau immer ganz sicher gewesen? ... Ich höre nämlich, daß Sie Beamter sind an der Königlich Preußischen Staatseisenbahn, und da sind Sie ja natürlich den Tag über von Hause abwesend. Sagen Sie mal, Herr Marquardt, woher stammt denn Ihre Frau eigentlich?«

Heinz Marquardt hatte den hohen Beamten bis jetzt ohne ein Wort der Erwiderung immer nur schweigend angesehen. Aber in seinen Augen lag etwas, was den jungen Polizeileutnant bewegte, sich dicht neben seinen Vorgesetzten hinzustellen. Und plötzlich richtete sich der Bordereauschreiber mit einem Ruck straff empor. Und seinen blassen, von so unendlichem Weh zerwühlten Kopf dem Herrn entgegenstreckend, schrie er:

»Sind Sie verrückt. Sie? ... Meine Frau? ... Meine Frau? Einen Geliebten?! ... Ach!« ... Er brach mit einem Ruck in sich zusammen und griff taumelnd mit seinen beiden Händen nach dem Bettpfosten.

»Niemand auf der Welt hat sie so lieb gehabt als mich! Niemand! Den möchte ich sehen, der das sagen könnte.« Er erregte sich wieder. »Und ich sage Ihnen, Herr, sagen Sie das nicht noch einmal! Ich weiß nicht, wer Sie sind, und das ist mir auch ganz gleichgültig; aber ich schlage jeden zu Boden, der über meine arme geliebte Trude noch ein solches Wort sagt!«

Der Herr Geheimrat schien etwas erschrocken, und er war wohl nicht recht einig mit sich, ob er das, was ihm da eben so unverhohlen gesagt worden war, als Beleidigung auffassen oder ob er es dem schwergeprüften Manne zugute halten sollte. Dann entschied er sich für das letztere, wandte sich mit einem Achselzucken ab und ging zu den beiden Kommissaren, von denen der eine die Küchenlampe in der Hand hielt, und die jetzt mit Späherblicken die einzelnen Räume des Tatortes musterten, um vielleicht doch irgendeinen Anhaltspunkt zur Auffindung des Täters zu gewinnen.

Der Arzt war, sobald er erkannt hatte, daß hier seine Hilfe zu spät kam, gegangen. Auch der Polizeileutnant verließ das Zimmer aus irgendeinem Grunde.

Da schlüpfte ein Mädchen in die Tür. Dasselbe Mädchen, das Heinz Marquardt vorhin den Weg zum Arzt gewiesen hatte. Ein noch junges Geschöpf von kleiner, sehr voller Figur und mit einer schwarzen Mähne, die ihr wie ein Helm in die Stirne hineinwuchs. Darunter leuchteten ein paar blanke Augen, aber den Mund des trotz Puder und Schminke noch frischen Gesichtes entstellte eine schreckliche Narbe.

Heinz Marquardt erkannte sie kaum wieder.

Einen Augenblick blieb sie an der Tür stehen, dann aber wohl einsehend, daß sie sich beeilen müsse, wenn sie allein mit ihm reden wollte, ging sie schnell zu ihm hin, berührte die Schulter des armen Mannes, der noch immer mit vorgebeugtem Oberkörper, die Hand seiner toten Frau in der seinen haltend, auf das blutbefleckte Bett starrte, und sagte leise:

»Ich kann Ihnen vielleicht was sagen. Ich wohne drüben auf der anderen Seite bei Pfeffer.«

Er sah sie an und schüttelte den Kopf, als glaube er nicht, daß es noch irgend jemand auf der Welt geben könne, der ihm etwas zu sagen hätte ...

Das Mädchen aber, das draußen Schritte hörte, schlüpfte hinaus.

4.

Die kleine Kuckucksuhr, die zu Häupten des Lagers hing, auf welchem die Tote ruhte, schlug mit hastigen Klängen drei.

Heinz Marquardt blickte traumverloren auf ...

Wie die Zeit vorwärts ging, trotzdem die Trude nun nicht mehr lebte und die Schläge der kleinen Uhr, die sie so gern gehabt hatte, nicht mehr hören konnte ... Aber noch war sie ja bei ihm, und er wollte sie nicht von sich lassen! Nein, wenigstens den Anblick ihres süßen Gesichtes wollte er behalten ...

Der Polizeileutnant trat wieder herein und sagte:

»Die Beamten ziehen sich jetzt zurück, Herr Marquardt, ich möchte Sie bitten, auch zu gehen, damit ich die Wohnung zuschließen kann, denn Sie können doch hier nicht bleiben.«

In dem Gesicht des jungen Beamten bewegte sich keine Muskel, als Heinz erwiderte:

»Ich bleibe hier. Und wenn Sie mich mit Gewalt entfernen, breche ich die Türen entzwei und komme wieder her.«

Er sprach das nicht etwa leidenschaftlich, sondern mit der Ruhe, dem kalten Gleichmut, der sich ihm mitgeteilt zu haben schien aus der Nähe des großen Unbekannten, der in diesem Zimmer weilte.

Der Polizeileutnant zuckte die Achseln; er wußte nicht, was er tun sollte.

Aber er hatte auch nicht das Herz, seinen Leuten zu sagen, da nehmt ihn und führt ihn hinaus. So entschloß er sich denn nach einigem Zögern zu der Aeußerung:

»Wenn Sie es nicht anders wollen, so bleiben Sie! ... Ich werde Sie aber einschließen, und Sie dürfen nichts von der Stelle rücken und verändern, denn uns liegt daran, daß das Bild der Räume ganz so bleibt, wie wir es gefunden haben ... Es werden nämlich,« setzte er erklärend hinzu, »schon morgen in aller Frühe die Gerichtsphotographen kommen, um hier Aufnahmen zu machen.«

Heinz Marquardt schwieg.

Was der Polizeibeamte da sagte, interessierte ihn gar nicht. Auch dessen leisen Gruß erwiderte er nicht und blieb, als er allein war, noch lange Zeit in unveränderter Haltung neben dem Bette sitzen.

Die Lampe auf dem Nachttischchen fing an zu blaken und ein übler Petroleumduft durchzog den kleinen Raum. Der Bordereauschreiber zog die Luft ein, stand auf, aber auf halbem Wege bis zum Nachttisch kehrte er wieder um, denn alles, was in seinem Kopf und Herzen noch lebte, riß ihn unwiderstehlich zurück zu seinem toten Weibe. Erst nachdem er eine ganze Zeit gesessen hatte, ging er hin und schraubte die Lampe herunter, um dann instinktiv das Fenster zu öffnen und sich wieder neben der armen Trude niederzulassen.

Und nun, wie er in ihr entfärbtes Gesicht starrte, von dem der Hauch des Todes das süße Rot gestreift hatte, und dessen kindliche Zartheit einer erhabenen Ruhe gewichen war, nun fing in seinem Kopfe, in dem vorher, wie durch eine gewaltige Explosion, alles über den Haufen gestürzt war, nun fing es sich wieder an zu regen, und die Gedanken erhoben sich, schlugen ihre Augen auf und begannen noch irr- und ratlos, aber doch schon forschend und tastend um sich zu blicken.

Trude war tot.

Wieso denn?

Wodurch?

Durch wen?

Durch wen? Durch wen? Durch wen? Durch wen? Durch wen?!!

Heinz Marquardt fuhr ? als schnellten plötzlich in seinen Beinen Stahlfedern empor ? so fuhr er mit einem Ruck in die Höhe.

Nun stand er da, ganz gerade, aber der Körper in einem leichten Winkel gegen den Erdboden vorgeneigt. Seine Arme streckten sich mit ihren Fäusten stracks herunter nach dem Erdboden, und unter seinem wirren, schwarzen Haar stierten die Augen mit plötzlich erwachendem Feuer drohend in den Schatten des Bettes hinein.

Die Trude war plötzlich wie weg, er sah nichts mehr.

Er suchte.

Wer? Wer? Wer? Wer? Wer hatte sie ermordet?

Und auf einmal fing dieser Mensch an, sich wieder zu bewegen.

Erst langsam mit schweren, plumpen Schritten, wie eine Maschine, die im Antrieb ist. Dann arbeiteten seine Glieder schneller, er ging nicht mehr, er rannte, er raste durch das Zimmer ...

Und plötzlich blieb er wieder stehen, mit seinen brennenden Augen auf die Tote hinabschauend.

Wer hat Dich ermordet?

Das sagte er nicht, aber seine Augen schrien es in lauter heulenden Schmerzensschreien hinab auf den Leichnam.

Und wie er abermals auf den Stuhl sank, wie wieder Tränen über seine Wangen liefen, da endlich war der Bann in seinem durch dieses furchtbare Ereignis fast zerschmetterten Hirn gebrochen, der Gedankenapparat arbeitete wieder ruhiger, und wenn auch der Gang seiner Ideen noch oft von wilden Schmerzen unterbrochen wurde, so begann doch schon wieder die Logik sich seiner zu bemächtigen, und der bei ihm so hervorragend ausgebildete Spürsinn fing an, Fährten zu suchen und zu verfolgen.

Von den tausend Gedanken, die seinen Kopf durchkreuzten, hieß der erste: Du mußt Dich der Polizei zur Verfügung stellen und mit tätig sein bei der Auffindung des Mörders ... Ob man ihn als Helfer willkommen heißen würde? Oh, keine Frage! Obgleich ... So ein ganz leises Mißtrauen störte ihn da in seiner Zuversicht. Er hatte die Fragen des Herrn Geheimrates von vorhin noch nicht vergessen.

Aber würde er ihnen denn helfen können? Diesen Leuten, die so bewandert waren in der Auffindung von Verbrechern? ... Das heißt auch von Mördern? ... Es war doch schon eine ganze Anzahl solcher Schurken unentdeckt geblieben ... Und der, der ...

Die Raserei des Schmerzes bemächtigte sich seiner wieder; er warf sich vor dem Bett nieder, daß ihm die Knie schmerzten, und vergrub seinen Kopf in die Kissen. Doch der Anfall hielt nicht mehr so lange an wie vorher. In seinem Herzen war etwas erwacht, eine Empfindung, die alle anderen zu Boden schlug und jedes Hindernis aus dem Wege riß: der Durst nach Rache.

Wer war es? Wer war es gewesen?!

Und diese Frage, die wild, wie ein Irrsinniger in das Wesenlose hinausstarrte, glättete sich allmählich und wurde vernünftig und zerlegte sich in tausend Kombinationen und Möglichkeiten.

Wer kam denn in Betracht? Wer konnte es denn gewesen sein?

Stehend beugte er sich nieder, nahm die eiskalte Hand der Toten in die seine und preßte sie lange Zeit an seine fiebernden Lippen.

»Ich finde ihn!« murmelte er. »Ich finde ihn, verlaß Dich darauf, mein Liebling! ... Und hier, hier! ...«

Er hatte die Totenhand fallen lassen, und seine eigenen, zu Krallen gekrümmten Fäuste vor die Entschlafene hinstreckend, schrie er laut:

»Damit werde ich ihn zerreißen! Zerreißen werde ich ihn!«

Und die Frage kam wieder, die große Frage, die sich schon anschickte, mit blutigen Augen hinter dem Mörder her zu schleichen, und ließ die Arme schlaff herabsinken und ließ sein Auge, in dem noch eben der Mord flammte, nach innen schauen, wo die Bilder sich drängten, die sein und Trudes Leben umfaßten.

Da rannte sein Argwohn weiter bis zu dem verstörten und verdüsterten Gesicht seines Bureaukollegen, des kleinen Maaß, hin.

Sollte der ...?

Heinz Marquardt schüttelte unwillkürlich den Kopf. Das konnte er sich nicht denken. Warum denn? Wenn der das beabsichtigt hätte. Weshalb würde er so lange damit gewartet haben? Und dann, der Rothaarige erschien ihm dazu nicht mutig genug.

Aber wer? ... Einer wars doch! und den mußte er finden, er mußte ihn finden, und wenn er bis ans Ende der Welt laufen sollte! ...

So konnte sich keiner verstecken ... Oh, er hatte Zeit: Er würde nicht nachlassen, und wenn sein Leben darüber hinginge. Und wenn er ihn hatte, wenn er ihn eines Nachts in einer Schänke oder beim Laternenlicht am Ende einer dunklen Gasse zu packen kriegte, dann würde er ihn hinausschleppen in das dunkle Feld, bis dahin, wo kein Mensch mehr war, wo niemand einen Hilferuf hörte, und da würde er ihn mit seinem Messer quälen und peinigen, so lange quälen wollte er ihn, bis der Hund eingestanden hatte, und dann ihn zum Richter bringen ... Oder nein, lieber selber das Urteil an ihm vollstrecken, daß nicht etwa durch verfluchte Advokatenkniffe der Henker um sein Recht kam!

Heinz Marquardt schüttelte leise den Kopf, soweit war er ja noch nicht. Erst mußte er ihn suchen und finden. Denn sich auf die Polizei verlassen, das fiel ihm gar nicht ein. Gewiß, er wollte ihnen seine Hilfe anbieten, aber wenn sie sie nicht annehmen, wenn sie ihn nicht mit offenen Armen willkommen hießen, dann würde er allein hinauswandern in die Nacht und würde diese Riesenstadt durchsieben wie eine Hand voll Erde und würde sich nicht Schlaf und Ruhe, nicht Speise und Trank gönnen, bis er den hatte, der ihm alles genommen!

Seine Augen irrten im Zimmer umher, er wußte nicht, was er da suchte, aber sein Instinkt lehrte ihn, daß man hier vielleicht irgend etwas finden könne, und daß, wenn man etwas finden würde, es von unglaublicher Wichtigkeit wäre.

Aber er sah nichts, und wieder sprangen seine Blicke hinauf zu ihr, die sie kaum verlassen hatten und liebkosten ihre blassen Wangen und die entfärbten kleinen Hände.

Und wie er sie so mit immer wieder feuchten Augen ansah, da fiel ihm plötzlich etwas ein ... Die Polizeibeamten hatten ja gesagt, sie hätte gar nicht hier gelegen auf dem Bett, als er sie fand ... aber er hatte sie doch hier gefunden! ... Hier auf dem Bette liegend ... wo denn sonst?!

Er streichelte ihre blasse Wange und murmelte:

»Armes Herz, was werden sie noch alles reden!«

»Nebenan? ... Im Eßzimmer? ... Weshalb denn da? ...«

Er nahm die Lampe und ging zögernd bis an die Tür, die nur angelehnt war. Aber davor blieb er stehen, als fürchtete er, die Tote da drinnen noch einmal ermordet zu finden.

Nun stieß er die Tür mit einem Ruck auf, und im Entsetzen suchte er mit der freien Linken nach einem Stützpunkt. Seine Augen wurden groß und hafteten voller Angst auf dem Teppich, dessen ihm so wohlbekannter, ganz hellgetönter Grund jetzt wie schwarzgefärbt erschien ...

Da hatte sie gelegen? ... Da hatte er sie gefunden? ... Aber nein doch, im Schlafzimmer ... auf dem Bett ... Das Grauen in ihm wurde fortgedrängt durch den eigenen Zweifel ... war es nebenan im Schlafzimmer gewesen? Oder hatte er selbst, wie der Polizeikommissar vorhin gesagt, so sehr seine Fassung und Besinnung eingebüßt, angesichts dieses herzzerreißenden Bildes, daß er nicht mehr wußte, wo er den geliebten Leichnam aufgefunden und in seine Arme gerissen hatte? ... War das möglich, daß man so sehr vergessen konnte? ... Sie mußte doch hier gelegen haben, hier war ihr teures Blut in dunklen Strömen über den Teppich geflossen und hier hatte ihr Haarkämmchen gelegen, die Kämmchen, die er ihr selbst geschenkt hatte! ... Denn wenn er das auch nicht mit eigenen Augen gesehen hatte oder sich dessen wenigstens nicht recht erinnern konnte, so kamen ihm doch jetzt die Worte der Polizeibeamten, die vorher spurlos an seinem Ohr vorbeigestrichen waren, deutlich ins Bewußtsein ... Und in diesem langsamen Heraufdämmern des vorhin Gehörten begann er schon persönliche Erinnerungen an jenen gräßlichen Moment, den furchtbarsten, den ein Mensch überhaupt erleben kann, zu erblicken.

Denn wie wäre sie sonst von hier nach dem Bett gekommen?! Laufen hatte sie doch nicht mehr können ...

Er schluchzte wild auf bei der Vorstellung, wie sein Weib, sein alles auf der Welt, zusammenbricht unter dem Dolchstoß des Mörders.

 ... Aber gelitten hatte sie auch nicht mehr, Gott sei Dank! Das hatte der Arzt ausdrücklich gesagt. Und das sah man auch an ihrem lieben Gesicht, das so friedlich leuchtete und keine Spur von Todesangst und Furcht erkennen ließ.

Also mußte er, er selber sie doch aufs Bett getragen haben, wiewohl er sich absolut nicht darauf besinnen konnte ... Der Mörder wird das doch nicht tun! ... Und die Beamten sicher auch nicht.

Er sah wieder auf die ungeheuren Blutflecke und stellte die Lampe auf den kleinen Bauerntisch. Dann brachte er, erst widerstrebend, seine Finger an die dunklen Stellen des Teppichs ... er war noch ganz feucht ... seine Finger wurden rot ...

Da weinte er hell auf und ging zurück und küßte seine Tote. Kam aber gleich wieder herein, als hätte er noch etwas vergessen. Was, fiel ihm nicht ein. Aber seine Blicke suchten, suchten überall an den bekannten Möbeln umher ... nichts ... nichts war zu finden ...

Neben dem Tisch war der eine der vier Nußbaumstühle etwas schief gerückt. Ordentlich wie immer stellte ihn Heinz Marquardt gerade.

Da! ... Was war denn da? ... Ganz unten in dem Rohrgeflecht der Rückenlehne hing etwas. Aha, eine Schlipsnadel! ... Eines der kleinen silbernen Zwanzigpfennigstücke, die längst nicht mehr im Kurs sind, aufgelötet und mit einem Namenszug graviert ... E. Z. ...

E. Z.? ... Des Bureauschreibers Gesicht spannte sich in allen Muskeln.

Wer war » E. Z.«? ...

5.

Die kleine Uhr verkündete mit sechs hurtigen Schlägen den Anbruch der Morgenstunde, da erwachte Heinz Marquardt, den seine Gewohnheit, um diese Zeit aufzustehen, nicht länger schlafen ließ, aus schwerem Traum.

Vornübergesunken auf dem Stuhl neben dem Totenbett, hatte er mit dem Kopf neben dem grellweißen Gesicht der Leiche gelegen.

Ihm war gewesen, als stände er unten auf dem Hausflur und seine Frau beugte sich über das Geländer hinab und bat ihn, doch heute gleich nach Hause zu kommen. Er wollte nicht, und während sie noch miteinander hin und her sprachen, kam es ihm vor, als stürze sie plötzlich herunter, als breite er seine Arme aus, um sie noch aufzufangen ? da erwachte er mit einem Angstruf.

Die Lampe schwelte, ein matter Schein fiel ins Fenster, den die erblaßte Nacht hineinwarf.

Heinz Marquardt durchschritt ruhelos ein paarmal die Wohnung; sein Gehirn bemühte sich, der widerstrebenden Eindrücke Herr zu werden, die dieses furchtbare Ereignis hatte auf ihn eindringen lassen, aber es gelang ihm noch nicht so recht, sich zu sammeln.

Jetzt hatte er das Bedürfnis, hinauszugehen, frische Luft zu schöpfen. Ihn fror. Wie er wieder zurückkam in das Schlafzimmer zu der Toten, strich er zärtlich und mitleidsvoll über das starre Antlitz und flüsterte so leise, daß nur die Tote ihn verstand, wenn, wie man sagt, die Toten hören können.

Es war eine merkwürdige Veränderung mit dem jungen Beamten in den wenigen Stunden vor sich gegangen. Sein immer schon ernstes, auf ein festes Ziel gerichtetes Wesen schien jetzt finster und versteinert, seine Bewegungen waren hastig und von einer wilden Leidenschaft erfüllt. Und die schwarzen, eng beieinanderstehenden Augen hatten einen harten, mitleidslosen Schein bekommen.

Er zog seinen Paletot an, setzte sich den Hut auf und wollte die Wohnung verlassen. Wie er an der Korridortür war, merkte er, daß man ihn eingeschlossen hatte ... Warum? Sollte er etwa gefangen werden? Wer durfte es wagen, ihn seiner Freiheit zu berauben? Wahrhaftig, er hatte nicht übel Lust, mit den Fäusten gegen die Tür zu donnern, sie einzutreten, um hinauszukommen.

Doch er zwang sich zur Ruhe und er hatte nicht mehr lange zu warten, da war auch die Polizei wieder da.

Zuerst kamen die Photographen vom Präsidium, um ihre Aufnahmen vorzubereiten. Dann die beiden Kommissare, von denen der eine, namens Bendemann, den Bordereauschreiber sofort ins Verhör nahm.

»Also Sie sind gestern frühmorgens schon früher als sonst fortgegangen, sagten Sie gestern? Warum taten Sie das?«

Heinz Marquardt, von einer rasenden Ungeduld erfüllt, irgend etwas zu hören oder selbst zu unternehmen, das ihn der Entdeckung des Verbrechens näherbringen könnte, entgegnete unwirsch:

»Weshalb ich früher fortgegangen bin? ... Na, sehr einfach, weil ich zu tun hatte im Bureau!«

»Was hatten Sie zu tun?«

Marquardt sah den Beamten an, als zweifle er an dessen Geistesfähigkeiten, dann sagte er, sich gewaltsam beherrschend:

»Ich hatte zu arbeiten, wie jeden anderen Tag auch, nur daß die Arbeit sehr drängte.«

»Gehen Sie häufiger so früh weg?«

Heinz Marquardt schüttelte den Kopf, er wußte nicht, was er aus diesen Fragen machen sollte, dem gab er denn auch ganz offen Ausdruck.

»Weshalb fragen Sie mich denn das? ... Das hat mit der Sache hier nicht das geringste zu tun! Hier handelt es sich doch ganz allein darum, so schnell als möglich auf die Spur dieses verdammten Lumpen zu kommen, der mein armes Weib ermordet hat! Das hat doch nichts damit zu tun, daß ich ins Bureau gehe.«

»Beruhigen Sie sich,« sagte der Kommissar, einen raschen Blick mit seinem Kollegen wechselnd, »bei der Beurteilung eines derartigen Falles ist der kleinste Umstand wichtig.«

Und der nun auch hinzutretende Kommissar Hartmuth bestätigte das, indem er wohlwollend sagte:

»Sie müssen nicht etwa glauben, daß wir Sie zu dem Verbrechen in Beziehungen bringen!«

Heinz Marquardt sah ihn mit einem ungewissen Ausdruck im Gesicht an.

»Mich?! ... Mich?! ... Ja, was soll ich denn dabei?« Mit einemmal lachte er wild auf.

»Ach, Sie meinen, ich hätte es getan?! ... Ja, meine Herren, wenn Sie imstande sind, das auch nur für einen Moment anzunehmen, dann ist allerdings wenig Aussicht vorhanden, daß Sie den Schuft jemals kriegen werden! ... Dann hat es auch gar keinen Zweck, daß ich Ihnen meine Hilfe anbiete!«

Der Kommissar Hartmuth lächelte skeptisch.

»Ihre Hilfe bieten Sie uns an? Mein Gott, im Grunde genommen, wundert mich das nicht, denn derartige Anerbieten werden uns bei solchen Gelegenheiten sehr oft gemacht, aber ich versichere Ihnen, Herr Marquardt, die Sache hat gar keinen Zweck, eine Laie kriegt in solchen Sachen nie was raus! Ich glaube auch nicht, daß Herr Geheimrat von Rhode darauf eingehen würde. Bis jetzt hat er wenigstens solche Anerbietungen immer kurzerhand zurückgewiesen ... Nein, was Sie in der Sache tun können, das ist einzig und allein, daß Sie mit der größten Präzision die Auskünfte erteilen, die wir von Ihnen brauchen. Sehen Sie mal, das Publikum behauptet immer, wir finden die meisten Mörder nicht. Aber daran ist niemand anders wie das Publikum selber schuld. Teilweise wollen sie uns nicht sagen, was sie wissen, und andernteils sind sie auch nicht imstande dazu, ihre Gedanken im geringsten zusammenzunehmen. Von Ihnen kann man dagegen erwarten, daß Sie dazu imstande sein werden und nun bitte ich Sie nochmals, uns genau anzugeben, was Sie über die Beziehungen Ihrer Frau, über ihr ganzes Vorleben usw. wissen.«

»Meine Frau,«, sagte Heinz Marquardt mit erzwungener Ruhe, »ist die beste und folgsamste Gattin gewesen, überhaupt der liebste Mensch, den es gibt ...«

Er wollte dadurch ähnlichen Erkundigungen, wie sie gestern schon der Geheimrat von Rohde an ihn gerichtet hatte, von vornherein aus dem Wege gehen. Aber das gelang ihm nicht.

Der Kommissar Bendemann nahm jetzt wieder das Wort und sagte, seinen Kollegen ablösend:

»Wir verstehen wohl, daß es einem Ehemann, besonders, wenn es ein anständiger Mensch ist, schwer sein muß, etwas Ungünstiges über seine Frau auszusagen. Aber es sind ganz bestimmte Beobachtungen unsererseits, die uns diese Frage auch heute wieder nahelegen. Regen Sie sich doch bitte nicht so auf!« setzte er hinzu, als er das Wetterleuchten in Heinz Marquardts Gesicht sah, der schon wieder wütend auffahren wollte.

»Wenn wir an den Schauplatz eines derartigen Verbrechens gerufen werden, so haben wir uns jedesmal zuerst die Frage vorzulegen: welcher Art der Mord ist, der hier begangen wurde. Ein Mord kann begangen sein aus Rache, aus Eifersucht, im Affekt, wo er sich dann als Totschlag charakterisiert, aus Wollust und, das ist wohl das häufigste, es kann ein Raubmord sein.«

»Zuerst haben wir natürlich hier auch an einen Raubmord gedacht. Aber dem widerspricht der Befund der Leiche. Es wäre ja freilich denkbar, daß der Mörder sich in einer Zeit, wo die Tote sich nicht in der Wohnung aufgehalten hat, hier eingeschlichen hätte und dann plötzlich aus dem Hinterhalt sein Verbrechen begangen hätte. Aber hierfür fehlen uns alle Anhaltspunkte ... Oder wissen Sie etwas darüber, daß Ihre Frau die Wohnung eine Zeitlang unbeaufsichtigt gelassen?«

»Ja, jawohl,« fiel ihm Heinz Marquardt rasch ins Wort, »das hat sie gestern nachmittag!«

Die beiden Kommissare sahen sich abermals bedeutungsvoll an, dann sagte Hartmuth in weit kühlerem Tone:

»Woher wissen Sie denn das so genau?«

Marquardt schüttelte unwillkürlich den Kopf, als wollte er damit den lächerlichen Verdacht, der schon wieder in den Beamten aufzutauchen schien, ein für allemal beseitigen.

»Ach, ich habe doch gestern mittag noch mit ihr gesprochen! Ich sagte ihr noch extra, sie solle die Kette vorlegen und da ...« Das Schluchzen brach plötzlich wieder wie ein Strom aus seiner Brust hervor, daß er eine ganze Zeitlang nicht sprechen konnte.

Die Kommissare sahen ein bißchen ungeduldig drein, schwiegen aber, durch diesen elementaren Ausbruch schmerzlichen Gefühls mehr als durch jedes Wort abgebracht von ihrem ersten Verdachte.

Endlich sagte Heinz Marquardt, noch immer von Schluchzen unterbrochen:

»Da habe ich sie gefragt, ob sie auch nicht etwa die Tür aufgelassen hätte, weil sie das öfter tat, und da sagte sie ja, sie hätte es getan, aber n Augenblick ...«

»Das ändert allerdings die Sachlage,« meinte Bendemann und besann sich eine Weile.

»Aber trotzdem, es fehlt absolut nichts in der Wohnung ... Mit Ausnahme des Portemonnaies, und da sagen Sie selbst, daß nur wenige Mark drin gewesen sein können.«

»Ja,« meinte Heinz Marquardt, »aber ich weiß bestimmt, daß meine Frau einige kleine Ersparnisse hatte, mit denen sie bei Gelegenheit unser Meublement vervollständigen wollte. Wo sie das Geld hingetan hat, das weiß ich auch nicht, aber da wars; sie hats mir neulich noch erst gezeigt ... es lag in solchem Pappkasten von Zigaretten ...«

»Na, wieviel wars denn?« fragte der Kommissar Hartmuth.

»Ganz genau sagen kann ich es nicht, aber es war ein Zwanzigmarkstück dabei, das weiß ich.«

Hartmuth schüttelte immer wieder den Kopf.

»Ich kann nicht sagen, was mir den Anlaß dazu gibt, aber ich habe solch Gefühl, als spielte das Geld jedenfalls nicht die Hauptrolle bei der Tat.«

»Sie kommen also schon wieder darauf,« sagte Heinz Marquardt wütend.

»Ich bedaure,« sagte der Kommissar kalt, »ich bin Beamter und muß als solcher meine Pflicht tun. Persönliche Rücksichten können mich dabei nur insoweit beeinflussen, als ich freien Blick behalte für das, was mir Tatsache zu sein scheint.«

Er nahm ziemlich rücksichtslos den Kollegen beiseite, flüsterte mit diesem eine Weile und sagte dann, wieder zu Heinz Marquardt hintretend:

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, Herr Marquardt, daß Sie alles das, was Sie hier sagen, später zu beschwören haben werden. Und die Eidesformel lautet außerdem noch, »daß ich nichts hinzusetzen und nichts verschweigen werde!« Sie werden also einsehen, daß Sie gesetzlich gezwungen sind, alles, aber auch alles zu sagen, was Sie wissen. Und darum frage ich Sie jetzt noch einmal: ist Ihnen irgend etwas hinsichtlich Ihrer Frau bekannt, was die Vermutung nahelegen könnte, daß die Ermordete früher oder später zu irgendeinem Manne in unerlaubten Beziehungen gestanden hätte?«

Heinz Marquardt biß die Zähne aufeinander.

»Nein,« stieß er hervor, »nein, ich weiß nichts, meine arme Trude war mir treu! Sie war das beste, das geliebteste Wesen unter der Sonne! Und nun lassen Sie mich in Frieden! Quälen Sie mich nicht so furchtbar!«

Er wandte sich ab und verhüllte von neuem sein Gesicht.

»Der arme Kerl tut mir leid,« sagte der Kommissar Hartmuth leise zu seinem Kollegen, »und doch bin ich fest überzeugt davon,« er dämpfte seine Stimme noch mehr zum Flüstern, »ich bin fest überzeugt, daß bei der Sache irgend etwas nicht in Ordnung ist. Sieh mal, Bendemann, so sieht n Raubmord nicht aus! Der Mensch, der jemand tötet, um ihn zu berauben, bedient sich erstensmal nicht des Dolches. Es ist nicht so leicht, jemand mit einem Dolchstich zu töten ... n Schlächtermesser, ein Beil, ein Hammer, das alles laß ich gelten, aber ein Dolch? ... Nein ... Und dann, nachdem der Raubmörder seine Tat vollbracht hat, da läßt er keinen Korb, keine Kommode, keinen Schrank undurchsucht! Er schmeißt die Kleider, die Sachen, die Wäsche, alles schmeißt er auf n Boden und hat natürlich gar keine Zeit, wieder was einzupacken. Hier war alles so ordentlich, als hätte überhaupt kein fremder Fuß die Wohnung inzwischen betreten ...« Und mit einer leichten Bewegung des Kopfes nach Heinz Marquardt, der am Fenster stand und in den grauenden Morgen hinausstarrte, setzte er hinzu: »Versuche Du doch noch mal, ob Du nicht irgendeine Form findest, um etwas aus dem Manne herauszuholen. Der arme Kerl kann einem ja leid tun, aber es hilft doch alles nichts, wir sollen und wollen den Mörder haben.«

Darauf ging Bendemann noch mal an den Bordereauschreiber heran, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte freundlich:

»Sind Sie denn schon lange verheiratet, Herr Marquardt?«

Sich umschauend und den Beamten anblickend, so fremd, als hätte er ihn nie vorher gesehen, meinte Heinz:

»Ja, n halbes Jahr ...«

»Wo haben Sie denn Ihre Frau kennen gelernt?« fragte der andere ganz harmlos.

Heinz Marquardt wurde auf einmal dunkelrot.

Der Kommissar begriff sofort und meinte mit gespannter Miene:

»Meine Frage scheint Ihnen nicht angenehm zu sein?«

Heinz Marquardt zuckte die Achseln.

»Was heißt: nicht angenehm? ... Ich habe Trude auf n Ball kennen gelernt, sie war da mit m Kollegen von mir aus meinem Bureau.«

»Ach, und dem haben Sie sie weggeschnappt?« Bendemann lachte.

Peinlich berührt meinte Heinz Marquardt:

»Weggeschnappt? wie Sie wollen ... Der betreffende Kollege wohnte damals gerade bei Trudes Mutter, die inzwischen verstorben ist, und da ging Trude eines schönen Tages mit ihm auf n Ball, wo ich auch war ... irgendn Verhältnis hat zwischen den beiden niemals bestanden ...«

»Wenigstens wissen Sie nichts davon,« warf der Kommissar ein.

»Nein,« meinte Heinz Marquardt, sich wieder ereifernd, »es hat keins bestanden! Denn, wenn eins bestanden hätte, dann hätte es mir Trude gesagt! Die verschwieg mir nichts. Von der wußte ich alles!«

Der Kommissar erwiderte darauf nichts, er fragte nur: »Wie hieß denn der Mann?«

»Maaß,« antwortete Marquardt zögernd. Er sah deutlich, daß er jetzt seinem Kollegen Unannehmlichkeiten bereitete.

»Und ist er noch bei Ihnen im Bureau?«

»Ja.«

»Wissen Sie auch zufällig, ob er gestern während der Zeit, wo ... wo das Verbrechen etwa passiert ist, wo sich der Herr Maaß da aufgehalten hat?«

Heinz Marquardt schwieg.

»Also er war nicht im Bureau?« fragte Bendemann lauernd.

»Nein,« erwiderte Heinz, der das Wort mühsam herausbrachte.

Der Kommissar wandte sich um nach seinem Kollegen, als wollte er fragen:

»Hast Du gehört, Hartmuth?«

Der andere Beamte, der am Tische stand und aufmerksam lauschte, nickte mit dem Kopf. Statt seines Kollegen nahm er jetzt das Wort.

»Haben Sie denn ein besonderes Interesse an diesem Maaß, Herr Marquardt?«

»Das nicht,« sagte Heinz, »aber ... der arme Kerl ist heute noch traurig darüber, daß er damals den kürzeren gezogen hat, ich möchte ihm nun nicht obendrein noch Unannehmlichkeiten machen.«

Kommissar Hartmuth lächelte ironisch.

»Das werden nicht die schlimmsten Unannehmlichkeiten sein ... War er gestern den ganzen Tag nicht im Bureau?«

»Nein, Vormittag war er da ... Erst nach dem Frühstück, was wir für gewöhnlich so um eins, halb zwei halten, wir gehen da manchmal runter und trinken ne kleine Weiße, und ich habe dann oft in der Budike an meine arme Trude telephoniert ... wie wir wieder oben kamen gestern, war er nicht da. Er hatte sich entschuldigt, sagten die anderen, er wäre krank.«

»Und ist auch nachmittags nicht wiedergekommen?« fragte Bendemann.

Heinz Marquardt schüttelte den Kopf.

»Na, den werden wir uns vor allen Dingen mal langen,« meinte Bendemann. »Du könntest mal gleich runter fahren, Hartmuth. Nimm Dir aber für alle Fälle noch jemand mit.«

Kommissar Hartmuth winkte mit der Hand und wollte eben das Zimmer verlassen, als es klingelte. Gleich darauf betrat der Geheimrat von Rohde das Zimmer.

»Jetzt können Sie gleich Ihren Wunsch vorbringen,« sagte Bendemann leise zu Marquardt, und dieser besann sich auch nicht einen Augenblick.

Mit einer Verbeugung gegen den Geheimrat brachte er sein Anliegen vor.

Der Geheimrat betrachtete ihn eine Weile durch seine scharfen Brillengläser, über die die borstigen Augenbrauen noch etwas hinauswuchsen, dann sagte er:

»Das macht Ihrem Herzen alle Ehre, junger Mann, was Sie da wollen. Aber es jeht nich! Jetzt absolut nich! ... Würde den janzen Betrieb erschüttern ... Nee, wahrhaftig, können wir nich machen! ... Wir haben Vigilanten, das sind ehemalige Verbrecher, die können uns hin und wieder was verraten, und dann bezahlen wir se und wenns mal im Reichstag zur Sprache kommt, dann schimpft die sojenannte Linke schon so wie so darüber ... Nu noch n anderes Laienelement reinbringen, nee, junger Mann, s jeht wirklich nich ... Is ja sehr nett von Ihnen, aber das müssen Sie nun schon uns überlassen ...«

Heinz Marquardt erwiderte kein Wort. Er ging wieder zurück ans Fenster, sah hinaus, hinüber zur anderen Seite, wo neben dem Giebel des Seitenflügels die Felder sich hinbreiteten, die im grauen Nebeldunst verschwammen, dann wandte er sich an den Kriminalkommissar und fragte diesen mit einer gleichgültigen tonlosen Stimme, ob er jetzt gehen könne.

»Ja, vorläufig werde ich Sie wohl nicht brauchen,« meinte Bendemann, »aber später müssen Sie wieder hier sein.«

Heinz Marquardt nickte, setzte seinen Hut auf und verließ das Zimmer.

6.

Alfred Maaß lag nach einer durchzechten Nacht noch im Bett, als seine Wirtin anklopfte und ihm zurief, draußen wären zwei Herren, die ihn zu sprechen wünschten.

»Gleich,« sagte er übellaunig, »ich komme gleich!«

Dann erhob er sich mit schweren Gliedern und wüstem Schädel und dachte mit trostlosen Empfindungen an die gestrige Nacht und an das Geld, das ihn seine Kneiperei gekostet hatte.

Er war absolut nicht imstande gewesen, gestern nachmittag wieder ins Bureau zu gehen. Das Renkontre mit Marquardt hatte ihn zu sehr verstimmt. Er haßte diesen Menschen. Und obwohl seine Vernunft ihm riet, diesem im Grunde doch törichten Groll fahren zu lassen, bekam er es nicht fertig, dem Kollegen ein freundliches Wort zu gönnen, und ergriff jede Gelegenheit begierig, wo er dem andern schaden konnte.

Das alles ging ihm durch den Kopf, als es jetzt wiederum klopfte und eine ihm fremde Stimme gebieterisch Einlaß forderte.

»Machen Sie auf!«

»Wer ist denn da?« fragte Alfred Maaß verwundert.

»Sie sollen aufmachen!« wiederholte der andere sehr energisch, »wenn Sie nicht wollen, daß ich durch einen Schlosser öffnen lasse.«

Nun fuhr Alfred Maaß, der noch immer in mißmutigem Nachdenken auf der Bettkante gesessen hatte, rasch in seine Beinkleider und schob erschrocken den Riegel zurück.

Der erste der beiden Männer, die ins Zimmer traten, hielt ihm eine ovale Blechmarke entgegen und sagte:

»Ich bin Kriminalbeamter, Sie sind verhaftet.«

Alfred Maaß wurde totenbleich. Der Kater, der ihn peinigte, machte ihn unfähig, diesem ganz unerwarteten Ereignis mit Fassung Stand zu halten. Seine Knie schlotterten, er lief im Zimmer hin und her und suchte an Plätzen, wo sie gar nicht lagen, seine Sachen.

Plötzlich blieb er stehen, sah den Kommissar Hartmuth, der mit ernstem Gesicht die Tür flankierte, voll an und fragte:

»Weshalb denn? Was soll ich denn gemacht haben?«

»Das werden Sie selbst wohl am besten wissen ... Uebrigens machen Sie keine Umstände und ziehen Sie sich an! Sonst muß ich Sie mitnehmen, wie Sie sind.«

Nun fing Maaß, dessen ängstliches Gemüt besonders in der überreizten Stimmung, in der er sich augenblicklich befand, den Ausweg nicht fand aus dieser ihn so sehr überraschenden und bedrohlichen Situation, an zu weinen.

Der Kriminalkommissar nickte seinem Unterbeamten, dem Schutzmann Westrang, zu, als wollte er ihm sagen: Den haben wir!

Aber Alfred Maaß besann sich gleich wieder auf sich selbst, er fuhr mit dem Hemdärmel über das Gesicht und sagte, halb lachend:

»Ach, ich bin ja verdreht! ... Was rege ich mich denn da so auf! ... Ich habe doch nichts getan? ... Meinetwegen verhaften Sie mich, wenn Ihnen das Spaß macht, Sie werden mich bald genug wieder freilassen müssen!«

Und nun fand er auch seine Ruhe wieder, zog sich flink an und folgte den Beamten, die ihn in ihre Mitte nahmen, hinab zur Droschke.

Sie brachten ihn nach dem Alexanderplatz. Auf dem Präsidium, wo mittlerweile auch Kommissar Bendemann eingetroffen war, wurde er von diesem und Hartmuth sofort verhört.

Vorher hatte man ihn, als des Mordes verdächtig, in einer besonders festen Zelle untergebracht, die ein Aufseher fortwährend zu observieren hatte.

Und dem kleinen Bureaugehilfen war es eine Erleichterung, als ihm endlich mitgeteilt wurde, weswegen er sich hier befand.

Blaß, aber mit entschlossenem Gesichtsausdruck, trat er, von dem Aufseher geführt, in das Zimmer der beiden Kriminalbeamten.

»Na,« sagte Bendemann, »wollen Sie nun nicht lieber von vornherein ein offenes Geständnis ablegen, glauben Sie mir man, das Leugnen nutzt hier gar nichts und Sie sind ja auch schon so gut wie überführt ...«

»Darf ich fragen, welchen Verbrechens?« fragte der Bordereauschreiber mit großer Ruhe.

»Na, das scheint ja n ganz Abgebrühter zu sein,« meinte Hartmuth. Aber der Kommissar Bendemann winkte ihm mit der Hand und sagte, dem kleinen Maaß fest in das pockennarbige Gesicht sehend:

»Sie stehen im Verdacht, die Frau Ihres Kollegen Marquardt ermordet zu haben.«

Alfred Maaß wäre beinahe umgefallen. Er schwankte und tastete mit den Händen nach einem Stuhl. Dann lehnte er sich an ein Regal und sagte tonlos:

»Ich? ...«

Mehr brachte er nicht heraus, der Tod der Frau, für die sein Herz heute noch so wie vor Jahresfrist schlug, hatte ihn fast niedergeworfen und sein Herz gelähmt.

Der Kommissar Bendemann nickte langsam mit dem Kopf.

»Ja, ja, darauf waren Sie wohl nicht vorbereitet, daß der Verdacht auf Sie fallen würde, aber uns täuscht man nicht, selbst wenn man einen Raubmord inszeniert, mein Lieber ... Aber nun hören Sie mir mal aufmerksam zu, was ich Ihnen jetzt sage: ich sehe das alles ganz deutlich vor mir: Gestern nachmittag haben Sie plötzlich Sehnsucht bekommen nach der armen Frau. Sie konnten es nicht mehr aushalten und gingen hin. Wer weiß, was Sie sich dabei gedacht haben. Ein Mensch, der verliebt ist, ist ja unzurechnungsfähig. Und ich glaube auch gar nicht, daß Sie von vornherein die Absicht gehabt haben, die Frau zu ermorden. Sie wollten sie wiedersehen, hofften vielleicht, sie würde ihrem Manne untreu werden, was weiß ich! ... Na und da sind Sie hingegangen, die Frau hat Sie natürlich reingelassen, als Kollegen ihres Mannes. Sie haben angefangen, in sie zu dringen, die Frau Marquardt hat Sie in Ihre Schranken gewiesen, dann sind Sie immer heftiger geworden in Ihren Bitten und Beschwörungen, schließlich hat Ihnen die arme Person die Tür gezeigt und da haben Sie in Ihrer Rage die unselige Tat begangen ... Nicht wahr, es ist so?«

Alfred Maaß schüttelte nur den Kopf.

»Die arme Trude! ... Die arme Trude!«

»Also Sie gestehen es ein, daß Sie der Täter sind?«

»Was, ich?« In die matten Augen des kleinen Bureaugehilfen trat plötzlich ein stechender Glanz, er reckte den Kopf vor und hob sich ganz hoch auf den Zehenspitzen:

»Sie sind wohl verrückt, was? Sie haben wohl n Vogel?!«

»Na, hör mal, Bürschchen,« unterbrach ihn Hartmuth, dicht an Maaß herantretend, »erlaube Dir hier gar keine Frechheiten, Du! Sonst gibts Backpfeifen wie Lehmpatzen!«

»Von Ihnen, von Ihnen?« Maaß schrie jetzt ganz laut. »Das sollen Sie sich bloß einfallen lassen! Sie! ... Mich hier aus dem Bette zu holen und mich zu beschuldigen, ich soll n Mord begangen haben, solche Verrücktheit! Ich wer Sie verklagen, Sie, verstehn Se!«

Der Kommissar Bendemann hielt den Kollegen, der schon seine Drohung zur Tat machen wollte, zurück, gab dem Aufseher ein Zeichen und sagte:

»Führen Sie den Gefangenen ab! ... Er wird gefesselt.«

Wenige Minuten später saß Alfred Maaß in einer besonders festen und zur fortwährenden Beobachtung eingerichteten Zelle, mit einer Kette gefesselt, die von seiner rechten Hand bis zum Fuß hinabreichte.

Er saß eine ganze Zeitlang auf dem dreibeinigen Holzschemel vor dem weiß gescheuerten Tisch und starrte in halber Bewußtlosigkeit vor sich hin ... War das möglich, ein Mensch, der gar nichts getan hat, wird plötzlich in seiner Wohnung aus dem Bett geholt, auf die Polizei geschleppt und gefesselt ins Gefängnis geworfen?!

Mit einem Male fuhr er empor. Sich mit der freien Rechten an den Kopf schlagend, rief er ganz laut:

»Das war Marquardt! ... Der Lump, der Spitzbube, der Gauner! Also darum hat er mich gestern so angesehen ... Aber warum bloß, warum? Ich hab ihm doch nichts getan?! ... Er mir doch, er hat sie mir doch bloß zu verdanken, die Trude! ...«

Und plötzlich fiel ihm der Mord ein.

»... Ach, sie ist ja tot!« Er sagte es leise im Tone einer tiefen und aufrichtigen Trauer. Und das Bild der Ermordeten stieg vor ihm auf und mitten in seinem eigenen, großen Unglück dachte er nur noch an sie, die gestorben war, ohne daß er noch einmal in ihr geliebtes Gesicht hatte sehen dürfen, ohne noch einen Blick oder einen Händedruck von ihr zu empfangen.

Und dann stieg es gallebitter in seiner Seele auf. »Warum hat sie mich nicht genommen? Bei mir wäre ihr das nicht passiert. Bei mir wohnte sie mit meiner Mutter zusammen und die hätte sie behütet wie ihr eigenes Kind.« ? Denn er hatte sich längst vorgenommen, wenn er einmal heirate, wollte er seine alte Mutter zu sich nehmen, die irgendwo in der Provinz von einer kleinen Witwenpension lebte.

Aber dieser Marquardt hatte ihn schön hineingelegt ... Natürlich würde er sein Alibi nachweisen und damit würde diese ganze lächerliche Beschuldigung in nichts zerfallen! ... Aber warum hatte ihn Marquardt beschuldigt? War dieser erbärmliche Mensch es etwa selber gewesen?

Er sann und sann. Doch all sein Nachdenken führte ihn immer wieder nur an die Bahre der armen Frau zurück, die er so sehr geliebt hatte.

7.

Im Betriebsbureau waren die Herren heute ausnahmsweise früh und vollzählig versammelt. Die große Sensation des Tages, die erst gestern Abend, kurz vor Schluß der Bureaustunden, bekanntgeworden war, lockte sie, wie der Speckbrocken die Mäuse.

Maaß war verhaftet!

Er hatte Marquardts Frau ermordet!

Warum? ... Aber, das wissen Sie nicht? Die schöne Trude hat doch schon Gott weiß wie lange ein Verhältnis mit dem Rotkopf! ... Wie, was? ... Es ist nicht wahr? Mein Gott, Sie habens ja stets mit dem kleinen sommersprossigen Ekel gehalten! ... Verbitten! ... verbitten können Sie sich, was Sie wollen! n anständiger Mensch verteidigt keinen Mörder!

Ein paar von den jüngeren Beamten hätten sich beinahe geprügelt. Und die Aufregung, die sich des ganzen Bureaus bemächtigt hatte, war so groß, daß man Marquardts Kommen beinahe übersehen hätte. Der alte Bureaudiener bemerkte ihn zuerst und machte die Herren aufmerksam.

Nun sprangen alle von den Kontorböcken, jeder wollte der erste sein, der dem Kollegen kondolierte. Und alle wunderten sich, daß der sehr blasse junge Mann so teilnahmslos, so stumm, so gar nicht »traurig« aussah.

Er wartete gar nicht, bis er die Beileidsbezeigungen aller entgegengenommen hatte, sondern fragte mittenhinein, ob der Direktor schon in seinem Bureau sei.

Und als er hörte, dieser sei soeben gekommen, machte er sich fast brutal los und ging hinein zu ihm.

Sobald die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, tadelten ihn einzelne der Kollegen, und eine leise, aber eifrige Unterhaltung beschäftigte sich nur mit Marquardt, der nach kurzer Zeit wieder an der Seite des Direktors heraustrat und sich mit stummem Gruß rasch entfernte ...

An diesem Tage war die Luft nebelig und der Himmel hing voller Schneewolken. Als Heinz Marquardt aus dem Bureau auf den sehr langgestreckten Fuhrhof trat, sah er eine ganze Weile dem Treiben der Lastfuhrwerke zu, die hochbeladen und von den oft athletischen Rollkutschern geführt, ihre Kisten und Ballen an den überdachten Rampen der Riesenspeicher abluden, um dann leer im strammen Trabe vom Hof zu rasseln. Oben auf der Fracht hockte, wie ein Aeffchen, der »Rollmops«, und manchmal lief auf dem leeren Wagen ein Spitz hin und her. Dazwischen rannten die Ablader umher, man hörte das Rufen der Bodenmeister, und draußen vor dem den Hof abschließenden Eisengitter, dessen Tore jetzt weit offen standen, lungerten die in Berlin stets reichlich vorhandenen Neugierigen. ?

Heinz Marquardt blickte nachdenklich ins Gewühl. All das war ihm vielleicht nie so klar und deutlich vor Augen getreten, wie gerade heute! ... Aber je greller und je schärfer umrissen er die Konturen des ganzen Bildes sah, desto mehr ward er sich auch bewußt, wie wenig ihn das alles jetzt noch interessierte ... Früher war es sein stiller Traum gewesen, einst wirklicher Spediteur zu werden, nicht Schreiber im Speditionsbureau, sondern der Spediteur selbst, der Mann, der diesen ganzen, massenhaften Verkehr dirigiert und dessen Augen, während er zwischen Rollkutschern und Kollis steht, als bedeute er gar nichts, doch den Schiffsverkehr und das Eisenbahnnetz der ganzen Welt umfassen.

Der Traum war aus! Zerstoben in einer Nacht! Mochten andere in diesem Berufe glücklich sein und vorwärts kommen ? er hatte mehr zu tun! ... Vorläufig wenigstens. Später, wenn seine Mission erfüllt war, wenn sein Herz wieder Ruhe hatte, dann wollte er sehen, was er anfinge ... Jetzt galt all sein Denken der armen Trude, die sie fortgeholt hatten nach der Morgue, um durch die Sektion die Todesursache festzustellen ...

Hahaha! ... Heinz Marquardt lachte dumpf in sich hinein. Das war allerdings sehr wichtig! ... Wichtiger, wie den Hund zu fangen, der ...

Heinz setzte sich plötzlich in schnelle Bewegung. Sein grenzenloser Zorn, der ihn die Zähne aufeinanderbeißen ließ, trieb ihn vorwärts ... Seine Hilfe, natürlich, die hatte man abgelehnt, aber dafür war er heute schon zum drittenmal aufs Präsidium bestellt, um da verhört zu werden ... gestern hatte man ihn mit Maaß konfrontiert ... ha! Der arme Kerl! Der sollte es nun durchaus gewesen sein! ... Er für sein Teil glaubte nicht daran!

Das hatte er auch eben noch seinem Betriebsdirektor gesagt, der ihn mit einer fast väterlichen Anteilnahme zu trösten versuchte.

»Ich danke Ihnen, Herr Betriebsdirektor,« hatte Marquardt erwidert, »ich danke Ihnen sehr! ... Aber mich kann nur eins trösten: wenn man den Mörder findet! So lange schmeckt mir kein Bissen Brot. Ich kann nicht schlafen und ich habe nirgends Ruhe. Ich glaube auch nicht, daß ich jetzt schon wieder arbeiten könnte.«

»Aber das sollen Sie ja auch gar nicht!« wehrte Herr Weckerlin ab, »keine Idee! Bin ich denn ein Barbar, daß ich so was von Ihnen verlangen sollte? ... Beruhigen Sie sich, lassen Sie Ihrem Schmerz Zeit, sich zu besänftigen ... und wenn Sie in acht Tagen sich wieder mal ansehn lassen wollen, daß wir wissen, wo Sie sind, daß es Ihnen gut geht ... mehr verlange ich nicht! ... Nein, wahrhaftig, ich wünsche Ihnen nur, daß Sies bald überwinden ...«

Dabei hatte ihm der alte Herr die Hände gedrückt, gar nicht wie ein Vorgesetzter ... Freilich, der Betriebsdirektor hatte stets Achtung gehabt vor ihm, als seinem fleißigsten Angestellten. Und Heinz Marquardt wunderte sich selbst, daß die Devotion, von der er früher ebensowenig frei war wie seine Kollegen, dahin war, daß sich dieser krumme Rücken jetzt so gerade gezogen hatte bei ihm ... Der Schmerz, dieses tiefe, unstillbare Weh, das in solcher Stärke nur der Tod eines geliebten Menschen auszulösen vermag, und die Rache, die er wie eine harte und doch stolzmachende Pflicht auf seinen Schultern fühlte, die hatte ihn wachsen lassen und ihn frei gemacht von aller Menschenfurcht!

Er wollte auch nicht mehr weinen! Seine Augen waren trocken und sein Herz steinern geworden. Nur eins quälte ihn: er brauchte Geld und in seinem Besitz befanden sich wenige Markstücke.

Da entsann er sich eines Vetters, der draußen in Schöneberg ein Kolonialwarengeschäft hatte ...

Zu dem wollte er gehen. Sie hatten zwar nie viel miteinander verkehrt; aber gleichviel, bei solchem Anlaß, da konnte ders ihm ja nicht abschlagen!

Er traf den Verwandten im Laden, die Kundschaft bedienend.

War es nun mehr Neugier oder wirkliches Mitleid, der Vetter lud ihn sofort ein, mit in die hinter dem Geschäft liegende Wohnung zu kommen.

Und dort in einem kleinen einfenstrigen, nach dem Hof hinausgehenden Zimmer saß des Kolonialwarenhändlers Frau und nährte ihr junges Kind.

Heinz Marquardt sah das, und das Schluchzen stieg ihm wieder in die Kehle ... Dies Glück hatte ihm das Schicksal ja auch versprochen gehabt ...

Der Vetter legte dem Trauernden den Arm um die Schulter und winkte der Mutter, die er richtig als Ursache dieses Schmerzes erkannte, der bei neuem Anlaß doch immer wieder emporquoll. Die junge Frau ging hinaus und der Kaufmann bot Heinz etwas zu trinken an.

Der Bureaubeamte schüttelte den Kopf.

»Ich komme nicht her, um Euch zu besuchen,« sagte er ganz aufrichtig, »ich wollte Dich nur fragen, ob Du mir dreihundert Mark borgen willst?«

Der andere zuckte zurück.

»Wozu brauchst Du denn die?«

Heinz Marquardt setzte ihm sein Vorhaben auseinander und sprach von seinem Mißtrauen gegen die Polizei. Er, er selbst wollte den Mörder fangen!

Der andere glaubte daran nicht, und wie Marquardt ihn zu überzeugen suchte, lenkte er ab und begann von den schlechten Zeiten zu reden und daß er ja eigentlich auch noch Anfänger sei ... Das Geld wäre ihm sowieso knapp und er müßte sich oft genug helfen mit Wechseln ... sonst gewiß, recht gern ... Aber gerade jetzt ... zu dumm, daß Heinz nicht vor vierzehn Tagen gekommen wäre ...

»Da lebte meine Trude noch!« sagte Heinz Marquardt mit harter, trockener Stimme.

In dem Gesicht des Vetters zuckte es. Der Mann kämpfte mit seiner Genauigkeit. Da ging die Tür wieder auf und die Frau, die wohl gehorcht hatte, kam herein und sagte leise:

»Ach, Männe, gib es ihm doch, das Geld! ? Denk mal, wenn ich es wäre, die ...,« sie fing an zu schluchzen.

Der Mann stand, sich selbst mit der verkehrten Hand über die Augen fahrend, auf, ging an seinen Sekretär und holte drei blaue Scheine heraus.

»Hier,« sagte er und reichte sie Heinz, »es wird mir nicht leicht, aber meine Frau hat recht ... in solcher Lage, da ...«

Und dann umarmten sich alle drei und das Ehepaar redete ihm gut zu und schließlich ging Heinz, zum erstenmal etwas wie einen leisen Trost im Herzen spürend. ?

8.

Zu Hause war Marquardt seit jener Nacht, wo er die Totenwache bei seiner Trude gehalten hatte, nicht mehr gewesen. So graute ihm davor, wieder das Schloß aufzuschließen, in das er so oft voll froher, glücklicher Empfindungen den Schlüssel gesteckt hatte. Und ein Schauer packte ihn bei dem Gedanken, daß er weiter zwischen den Möbeln leben sollte, die Trudes weiche Glieder aufgenommen und ihre stille Schönheit umgeben hatten.

Sowie die Wohnung von der Polizei freigegeben war, sollte der Abzahlungshändler, dem das meiste gehörte, sein Eigentum wiederkriegen, den ziemlich wertlosen Rest wollte er zu Gelde machen. Und nur das Nähkörbchen der Toten, ein Bildchen und ein paar Bücher, die ihr gehört hatten, wollte er behalten.

Und die Photographie!

Das war das einzige, was in sein Dasein noch einen Schimmer von Glück werfen konnte: sie hatte sich vor knapp einem Monat zu seinem Geburtstag für ihn photographieren lassen ... Das Bild stand auf dem Vertikow. An dem Morgen hatte er natürlich nicht daran gedacht, aber jetzt, jetzt war es sein heißester Wunsch! Er wollte es bei sich tragen, immer, immer! Und wenn er müde sein würde, wenn seine Aufgabe ihn ermattete, wenn er zweifeln sollte an ihrer Durchführbarkeit, dann sollte das kleine Bild ihn wieder aufrichten! Es sollte sein Talisman sein!

Schon gestern hatte er es holen wollen. Aber da hatte er sich noch nicht überwinden können, den Ort, der solche Schrecknisse für ihn barg, wieder aufzusuchen.

Auch heute stand er lange unten auf der Straße. Aus dem Grünkramladen und nebenan hinter den Spiegelscheiben der Schlächterei, sah man ihm neugierig zu, wie er vor dem Hause auf und ab ging. Aber erst wie die Kinder sich um ihn sammelten und ihn angafften, entschloß er sich hinaufzugehen.

Nur ein Polizist, in Uniform, befand sich in der Wohnung, dort Wache haltend. Von diesem erfuhr Heinz, daß die Kommissare Hartmuth und Bendemann noch heute nachmittag herkommen würden, um noch einmal die Lokalität genau zu besichtigen. Bis jetzt hätte man keine neuen Spuren, aber alles deutete darauf hin, daß Maaß der Täter sei ...

Marquardts Gesicht sah für einen Moment aus, als wollte er lächeln. Aber die Bitterkeit über sein Geschick und die Wunden seiner Seele, aus denen hier an dieser Stelle immer neues Blut quoll, verwischte das Lächeln und ließ seine Mundwinkel zucken in klaglosem, unerträglichem Weh.

Er ging an die Servante und blieb wie gebannt stehen: Das Bild war fort!

»Was suchen Sie denn?« fragte der Polizist.

»Ein Bild,« sagte Heinz Marquardt und war gleich darauf wütend auf sich selber, daß er diesem Menschen etwas preisgegeben hatte. Denn nachdem die Behörde seine Hilfe bei der Entdeckung des Mörders abgelehnt hatte, war er überzeugt, die Polizei würde, wie gewöhnlich, nichts finden. Und er hatte sich fest entschlossen, alle seine Wahrnehmungen für sich zu behalten und, was er herausfand, nur in seinem Interesse zu verwerten.

Der Polizist witterte jedoch etwas.

»Was ist denn das für ein Bild, was Sie suchen!«

»Na, ne kleine Photographie meiner ermordeten Frau! ...« Der Polizei rieb er dieses »ermordet« so oft er konnte unter die Nase.

»Und die stand da, auf dem Schrank?«

Heinz Marquardt zögerte. Sollte er sagen, er wüßte es nicht genau? ... Aber nein, die Polizei würde ja doch nichts ausrichten. Wahrheitsgemäß antwortete er:

»Soviel ich mich entsinne, ja!«

»Denn muß sie also der Mörder mitgenommen haben, nicht wahr, das ist doch ganz klar!«

Heinz Marquardt sah den Beamten eine ganze Weile an, ohne ein Wort zu sagen. Dann meinte er kühl:

»Wie Sie denken ... Aber ich will jetzt gehen ...«

»Einen Augenblick noch!« meinte der Polizist, »ich muß doch den Herren Kommissaren Bericht erstatten. »Also auf dem kleinen Spind im Wohnzimmer hat ein Bild von der Ermordeten gestanden ...« er schrieb eifrig in sein Notizbuch, »dieses Bild fehlt jetzt.«

Er steckte das Buch ein und sagte ernst, gewichtig und offenbar sehr befriedigt:

»Nu müßten wir bloß noch das Bild finden bei dem Kerl, den Maaß, dann wäre alles all right ...«

Marquardt war schon draußen. Plötzlich fiel ihm ein, daß Maaß sicherlich jetzt keine sehr angenehmen Stunden verlebte im Untersuchungsgefängnis. Er wollte ihn jedenfalls nicht noch mehr reinlegen! ... Deswegen kehrte er nochmals um, klingelte wieder und, wie der Schutzmann öffnete, sagte er eindringlich:

»Hören Sie mal, ich glaube nicht, daß es Maaß war! Das sage ich Ihnen ausdrücklich, trotz der Photographie! ... Ich kann mich ja doch auch irren! ... wie leicht kann sie jemand anders weggenommen haben! ... Die Wohnung stand ja fortwährend offen ...«

Aber der Beamte schüttelte überlegen den Kopf:

»I Gott bewahre! Wer wird sich an einer Photographie vergreifen? Die hat doch nur für den Angehörigen Wert! ... Lassen Se man gut sind, Herr Marquardt, das ist ja sehr nett von Ihnen, daß Sie keinen Unschuldigen belasten wollen. Aber die Behörde, die läßt sich so leicht nicht irre machen! ... Wenn die erst mal ne Spur hat, dann findt se son Kerl auch, dann kann er sich in n Rattenloch verkrauchen!«

Achselzuckend ging Marquardt fort.

Wie er über die dritte Etage hinabstieg, öffnete sich plötzlich eine Tür zu seiner Rechten.

Im Rahmen stand ein Mädchen, die eine Nachtjacke über einen roten Unterrock trug. Ihr schwarzes Haar war unordentlich, als wäre sie noch nicht lange aufgestanden und an den kleinen hübschen Füßen, die in weißen, durchbrochenen Strümpfen staken, hatte sie viel zu große, ausgetretene Pantoffel.

Sie hielt den Zeigefinger der linken Hand fest auf die vollen, ein wenig blassen Lippen gepreßt und winkte mit der Rechten dem jungen Mann, der stehen blieb und in seinem Gedächtnis suchte, wo er dieser Person schon einmal begegnet wäre.

Und plötzlich fiel es ihm ein: er sah das Zimmer wieder, in dem seine Trude auf dem blutbesudelten Bette lag, die schwelende Lampe sah er und sah diese Kleine, Dicke da hereinschlüpfen mit ihrem schwarzen Haarschopf, der ihr so tief in die Stirn hineinwuchs.

Was hatte sie doch zu ihm gesagt? ... Sie wüßte etwas ... oder? ...

»Kommen Sie doch rein!« sagte sie, sich ein wenig vorbiegend, ganz leise zu ihm, der noch immer, die Hand am Geländer, dastand.

Da trat er rasch in die Tür, die sie schnell hinter ihm ins Schloß drückte.

9.

Mit eigentümlichen Empfindungen folgte Heinz Marquardt dem Mädchen durch den dunklen Korridor und trat dann in das geräumige Vorderzimmer, das sie vor ihm öffnete. Hier waren die gelben Vorhänge noch zugezogen und das Licht des Wintertages fiel schwach in den etwas dämmrigen Raum. Es war eines jener Zimmer, dessen Wände von schlechten Oeldruckbildern, großen japanischen Fächern, in schreiend bunten Farben und ein paar Makartbuketts bedeckt sind, deren billige Muschelmöbelgarnitur auf einem ordinären Teppich plaziert ist und die fast immer dasselbe aufdringlich starke Parfüm haben. Neben dem großen noch ungemachten Bette befand sich ein Nachttischchen, auf dessen Platte eine Flasche Likör, gebrauchte Gläser, Kakes und Zigaretten standen.

Heinz Marquardt streifte alles das kaum mit einem Blick. Die Gier, die ihn beseelte, verlangte nur nach Aufklärungen, nach Spuren des Verbrechers.

Die Augen des Mädchens glänzten und ihre Wangen waren gerötet, als sie den jungen Mann bat, sich zu setzen.

»Was will sie bloß?« dachte Heinz Marquardt, »sie wird doch nicht etwa glauben, daß ich ihretwegen hierher gekommen bin?«

Und die Umgebung begann ihm peinlich zu werden. Er wünschte sich fort und wäre gewiß nicht so rücksichtsvoll gewesen, auch nur eine Minute zu bleiben, hätte er nicht gehofft, schließlich doch noch etwas Wissenswertes zu erfahren.

Sie mochte das dunkel ahnen und wie er jetzt aufstand, nicht um fortzugehen, sondern nur, weil seine innere Unruhe ihn nicht sitzen bleiben ließ, da sagte sie, die Hände wie bittend erhebend:

»Ach nein! ... Bleiben Sie doch ... Ich habe Ihnen wirklich was zu sagen.«

»Ja, ja,« erwiderte er, nun auch ein bißchen verlegen, »ich bleibe ja hier ... Was is es denn? ...«

Er sah sie forschend an und sie merkte an seinem Blick den Schmerz und die Verzweiflung, die diesen Mann noch immer in ihren Krallen hielten.

»Es tut mir so leid,« sagte sie und ihre sonst ein wenig harte Stimme bekam einen weichen, fast zärtlichen Ton, »ich habe Ihre Frau ja auch gekannt, Herr Nachbar ... Sie hat mir immer gegrüßt, wenn sie die Treppe runter kam ...«

»Ja, ja ...« Das war alles, was er sagen konnte. Das Weh kam wieder so über ihn, daß er sich nicht halten konnte und ein paarmal laut aufschluchzte.

Da trat diese arme, kleine Dirne neben ihn und legte, ohne ein Wort zu sagen, den Arm um seine Schulter und hielt ihn so, bis er ruhiger wurde und mit neu erwachendem Eifer zu fragen begann, was sie wüßte.

Sie besann sich ein bißchen und dann begann sie zögernd:

»Sie wissen doch, Herr Marquardt, wer ich bin ...« Ein verlegenes Lachen und dabei doch ein kokettes Wiegen in den Hüften. »Na ja! ... Dis is nu mal so, daran läßt sich auch nix ändern. Ich habs oft genug versucht, Arbeet zu kriegen, aber, entweder sie wollen mich nich oder de Arbeet schmeckt mir nich ... Wenn man so lange nischt mehr getan hat, denn is es nämlich schwer ...«

Wieder dieses verlegene Lachen, dann ging Ernestine Augst an den Nachttisch, zündete sich eine Zigarette an und hielt ihrem Besuch die Schachtel ebenfalls hin. Der lehnte ab.

»Na, nu sehn Se mal, Herr Marquardt, ich bin ja schließlich auch nichts besseres wie die andern. Wos so viele sind, da kommts auf eine mehr oder weniger ja auch nicht an. Wenn mein Vater leben geblieben wäre, ja denn ... Aber mit meine Mutter habe ich mich nich verstehen können. Da flog ich raus. Nachher als Dienstmädchen ...«

Sie hatte sich auf die Sofalehne gesetzt und ließ die Füße, von welchem die Pantoffel herabhingen, herunterbaumeln.

»... Na, mit einem Wort, es ist ja immer dieselbe Geschichte, und es war ja auch alles noch nicht so schlimm, aber das Schlimmste sind die Bräutigams ... Unsereine will doch auch mal das Gefühl haben, daß sie einer wirklich lieb hat ...«

Ihr Blick hatte sich ganz nach innen gerichtet. Heinz Marquardt, der ihr gespannt zuhörte, merkte, daß sie jetzt nicht mehr für ihn, sondern für sich selber sprach.

»... Natürlich, eigentlich ist es ja damit auch nichts! Denn die wollen doch auch weiter nichts wie unser Geld, aber sie tun doch wenigstens so, als wenn sie einen lieb hätten und eifersüchtig auf die Mächens wären. Und denn haben sie alle eenen und darum hatte ich auch einen. Natürlich, jetzt habe ich keinen mehr ...!«

Weshalb das so natürlich war, das sagte sie nicht, aber Heinz Marquardt meinte eine Empfindung von dem zu haben, was sie dabei dachte, und unwillkürlich rückte er mit den Schultern, als sei ihm etwas sehr unangenehm.

Und sie empfand auch das wieder mit dem Instinkt des Weibes, das sich mit einer noch unerkannten und selbst unbewußten Neigung zu einem Manne hingezogen fühlt, deswegen setzte sie schnell hinzu:

»Ich will ooch keenen wieder! Ueberhaupt keenen, denn schließlich sind die Männer doch alle egal, und wenn sie zuerst noch so nett sind, nachher malträtieren sie einen und schlagen einen so lange, bis man nich mehr leben möchte ...«

Heinz Marquardt betrachtete sie wie ein Rätsel. Er hatte schon früher die eine oder die andere dieser Art kennen gelernt, aber er hatte sich niemals Gedanken darüber gemacht, ob und was für Empfindungen diese Mädchen haben. Ein leises Interesse für sie ergriff ihn und er gab dem schüchtern Ausdruck.

»s ist doch eigentlich schade!« sagte er, »son nettes Mädchen wie Sie sind ...«

»Helf er sich, kleine Maus,« meinte sie mit einem leichtfertigen Lachen, »ich muß nun schon mal so verbraucht werden wie ich bin ... Aber darum habe ich Ihnen ja nich reinjerufen ...«

»Nein, nein!« Er schnappte sofort wieder in seine Idee ein und fragte, dicht an sie herantretend:

»Wissen Sie denn wirklich etwas?« ... Was denn?«

Sie wiegte den Kopf hin und her, daß ihre schwarzen, schweren, jetzt aufgelösten Haare in dicker Welle von einer Schulter zur anderen glitten und sagte:

»Ich weeß ja selber nichts, aber sehn Se mal, was ich vorhin von die Kerls gesagt habe, das konnten Sie sich doch denken, daß es nich so ganz zufällig war.

Ich hatte doch einen und habn so lange gehabt, bis er mir derartig mits Messer verarbeitt hat, daß ich vier Wochen in de Klinik liegen mußte ... Hier ...«

Sie zeigte auf die fürchterliche Narbe, die ihren üppigen, mattroten Mund zerteilte. »Das ist der Denkzettel, den er mir gelassen hat. Da wars aber auch Ebbe, da habe ich ihn verlegen, masselt, angezeigt. daß er hoch gegangen ist wien Luftballon verhaftet worden ist. ... Bloß nachher uf die Fahrt von Moabit nach de Rummeline Rummelsburger Arbeitshaus. da is er getürmt geflohen. und die janze Polente Polizei. stand da wie Seebach mit de Klöße ...«

»Sie haben ihn also nich wiedergekriegt?« fragte Heinz Marquardt, ohne daß er vorläufig sah, was diese Erzählung mit seiner Sache zu tun haben sollte.

»Nee,« lachte das Mädchen und aus ihrem Gelächter klang der Stolz, mit dem sie auch heute noch an den einst Geliebten dachte.

»Und dabei geht er ganz frech in die Cafés,« fuhr sie fort, »ich sehn die Woche manchmal drei-, viermal, aber er hat sichn Schnurrbart abnehmen lassen und das Haar schwarz gefärbt ...«

»Aber was hat der denn damit zu tun?« konnte sich Marquardt jetzt nicht enthalten zu fragen.

»Ne ganze Masse! Natürlich, er selbst s nich gewesen, aber die blaue Lotte, mit die er neulich Abend mal bei Herrnfelds war, die hat mir was verdibbert verraten. ... Da is noch so einer, der war früher auch Kaufmann oder Beamter oder so was und der ...«

Sie sah Marquardt eine ganze Weile starr an.

»Na, was denn?« fragte er ... »Was denn?«

»Ja, ich weiß nich, ob ich Ihnen das sagen soll? ...«

»Aber gewiß,« er ergriff ihre Hand und sprach ganz eindringlich. »Alles, jedes Wort will ich wissen, was die gesagt hat!«

»Nee, aber Sie werden denn böse sein mit mir?«

»Wahrhaftig nicht!« Er legte beteuernd die Hand aufs Herz, »ich bin Ihnen ewig dankbar und will wahrhaftig alles tun für Sie, was in meinen Kräften steht!«

Sie lachte kurz auf. »Was dis schon sein wird! ... Aber darum tue ich es ja auch gar nich. Wissen Sie, Herr Marquardt, Sie tun mir leid und eigentlich noch mehr Ihre arme Frau ...«

»Ja, ja« ... sagte er und faltete unwillkürlich die Hände, »aber nu sagen Sie doch, was hat die denn gesagt, die ...«

»Die blaue Lotte, meenen Se? Na, wenn Sies denn durchaus wissen wollen und sind mir auch nich böse ...«

Sie sah ihn noch einmal zweifelnd an, worauf er ihr mit energischem Kopfschütteln antwortete.

»... Denn will ichs Ihnen sagen: Der andere, was der Freund von meinen war, der hat Ihre Frau schon gekannt, wo Sie noch gar nichts von ihr wußten.«

Zum erstenmal, seitdem sein Weib auf eine so entsetzliche Weise ums Leben gekommen war, lachte Heinz Marquardt. Und er lachte hell auf und lachte immer wieder, so daß das Mädchen ordentlich böse auf ihn wurde.

»Sie glaubens wohl nich?« fragte sie ihn.

»Nee,« sagte er, »wenn ich alles glaube, aber das glaube ich nicht. Ach, was heißt da überhaupt glauben! Das Leben meiner Trude hat immer wie ein aufgeschlagenes Buch vor mir gelegen, bis in ihre Kindheit zurück weiß ich alles, was sie erlebt und getrieben hat ... Und wenn sie schon wirklich mal irgendeine keine Poussade gehabt hätte, von der ich nichts wußte, aber mit einem Menschen aus Ihren Kreisen ? nee, wahrhaftig, das ist geradezu komisch ... Ist das alles, was Sie mir sagen wollen?«

Sie nickte.

»Ja, und das ist ne ganze Menge, glaube ich. Aber natürlich, weil wir alles keine Menschen sind und weil Sie uns verachten, darum glauben Sie das nicht! Und darum werden Sie auch nichts rauskriegen, ebensowenig wie die Polizei was rauskriegt, denn die würde überhaupt keinen fassen, wenn nicht hin und wieder eine von die Mächens ihren Liebsten verpfeifen täte oder son Achtjroschenjunge, der seine Brüder verrät, weil er Maure hat vor die Jreifer.«

Heinz Marquardt ging im Zimmer auf und ab, was das Mädchen da zuletzt sagte, das leuchtete ihm vollkommen ein: um ein Verbrechen, und besonders eins von den großen, auszuspüren, dazu mußte man mit den Verbrechern leben, mußte mitten unter ihnen sein, unerkannt und scheinbar ganz zu ihnen gehörig. Aber daß seine Trude mit einem von diesen Strolchen bekannt gewesen sei oder gar in einem Verhältnis zu einem von diesen Menschen gestanden haben sollte, nein, das war zu lächerlich, das war töricht, darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Denselben Unsinn hatte die Polizei ja auch schon geglaubt. Und selbstverständlich, nur nicht er, jeder andere konnte daran glauben! Aus dem einfachen Grunde, weil sie alle die Trude nicht kannten! Weil keiner von ihnen wissen konnte, welch eine ehrliche, goldklare Seele diese Frau besessen hatte; wie in dem Herzen seiner armen Toten so wenig Falsch gewesen war, daß selbst ihr Blick nicht hatte lügen können und daß sie sogar in Dingen, auf die gar nichts ankam, ihm auch nicht das geringste hatte verheimlichen können.

»Und weiter wissen Sie nichts?« fragte er noch einmal.

»Nein,« erwiderte das Mädchen, deren schwarze Augen ihn nicht losließen.

Und der Mann fühlte, wohin ihre Gedanken sich wendeten und wie das Wohlgefallen schüchtern von ihr zu ihm hinübertastete.

Da ergriff ihn ein so heftiger Widerwille, der sich mit einer Art von Angst vor jeder Zärtlichkeit mischte, daß er nicht bleiben konnte. Er nahm seinen Hut, riß fast die Tür auf und ging schnell durch den dunklen Korridor, in dem er sich an einem Spinde stieß, hinaus.

Sie folgte ihm bescheiden, gedemütigt und murmelte Worte, die er nicht verstand.

Erst auf der Straße fühlte er sich erleichtert. Und da erst fiel ihm ein, daß er das, weswegen er dieses Haus noch einmal betreten, nicht gefunden, daß er auch das letzte Andenken mit dem kleinen Bilde, das gestohlen oder verloren gegangen war, eingebüßt hatte. Er fühlte sich grenzenlos unglücklich, und in dieser schrecklichen Einsamkeit, die sich so plötzlich über sein Herz gebreitet hatte, verlor er für einen Augenblick all seine Kraft und Energie.

Dann aber biß er die Zähne aufeinander und ging, seine Schritte beschleunigend, immer schneller dahin stürmend, mit finsterem Gesicht seiner Rache nach.

10.

Acht Tage später ging Heinz Marquardt zögernd wieder in sein Bureau. Er hatte gehofft. Direktor Weckerlin würde ihn auch noch weiterhin dispensieren, aber er irrte. Für das Bureau war die Tat geschehen und fast vergessen. Höchstens Maaß interessierte noch. Marquardts ernstes, wortkarges Wesen begriff man wohl ? er trug ja Trauerkleidung! ? aber welcher Grund ihn auch jetzt noch von der Arbeit hätte abhalten sollen, das sah niemand ein. Der Herr Betriebsdirektor schon gar nicht. Der sprach noch ein wenig von dem heilenden Einfluß der Zeit, die alle Wunden schließt, und von der Jugend Marquardts, der ja noch so viel erleben, so manchen Trost finden könne ... Es klang fast wie Neid aus diesen Worten des alten Herrn. Neid auf die Jugend, für die, wie er offenbar glaubte, jeder Schmerz erträglich und kein Verlust unersetzlich war.

Heinz Marquardt ging still auf seinen Platz und arbeitete wie früher. Nur nicht mehr mit der alten Liebe zu seinem Tagewerke. Auch seine Begeisterung für den Chef, Herrn Weckerlin, schwand dahin. Er war für den jungen Beamten nur noch ein Vorgesetzter wie jeder andere. Heinz hatte überhaupt für nichts mehr Interesse, für gar nichts! ... Ja doch, etwas gabs! ... Das war die fixe Idee! Er fühlte, daß es wirklich zur Marotte werde, daß er vielleicht verrückt werden würde, wenns ihm nicht gelänge, den Mörder seiner Trude zu finden.

Heut abend war er der erste, der seine Schreibärmel abstreifte. Und kaum, daß er sich Zeit nahm, seine Hände ins Waschbecken zu tauchen. rannte er schon, ohne jemandem Adieu zu sagen, davon.

Ah! Das war eine förmliche Erlösung, als er draußen auf der Straße stand. Wieder in dem Strom der Arbeiter, die nach Hause eilten. Wieder ging er langsam dahin, als trüge dieser Strom ihn nur so mit sich, und blickte, in seinen warmen Mantel gehüllt, hinein in den Lärm des verblassenden Tages. Aber die Zufriedenheit, die damals sein Herz erfüllte, die ihn so getrost, so seelensruhig ins Leben hineinsehen ließ, die war fort und kam nie wieder.

Und zu seinem Schmerz gesellten sich heute die Sorgen. Denn das fühlte er, seine Stellung im Bureau würde er auf die Dauer nicht mehr ausfüllen können! Nicht, daß er durchaus fortgewollt hätte, nein, aber er war klug genug, einzusehen, er würde früher oder später eines Morgens etwas so wichtiges zu tun haben, daß er einfach nicht ins Bureau kommen könnte! ... Auch würde nach den vielen Nächten, die er von jetzt an außerhalb des Bettes zubringen mußte, seine Spannkraft am nächsten Morgen nicht ausreichen, um der Arbeit, die man von ihm verlangte, gerecht zu werden.

Aber gleichviel, vorläufig hatte er Geld, das bei seiner Sparsamkeit eine ganze Weile reichen mußte ... und dann ... und dann ... er lächelte still vor sich hin ... Dieses Bild: er selbst den Mörder seines armen Weibes mit starker Faust vor sich herstoßend, in den Schlund einer blutigen, unaussprechlich furchtbaren Rache hinein. Dieses Bild verließ ihn nicht und gab ihm die Zuversicht und den dumpfen Tatendrang des Fatalisten.

Er hatte sich ein Zimmer in der Gollnowstraße gemietet. Dort im Scheunenviertel, mit seinen zum Teil noch erhaltenen Winkelgassen und Schlupfwinkeln für die Raubtiere der Großstadt, behagte es ihm am meisten.

Wenn das Licht der Gaslaternen die niederen, schlecht gebauten Häuser hell und dunkel schattierte, wenn aus den Fenstern die verräterisch rote Gardine schimmerte und die Kneipen beim Oeffnen der Glastüren weiße Streifen über das Trottoir zeichneten, dann begann seine Zeit, dann schlich er die Straßen auf und ab, wie ein Wolf, der mit brennenden Blicken auf Beute ausgeht.

Aber nach zwei Wochen sah er ein, daß er so nichts finden würde. Es mußte noch andere Orte geben: rauchgeschwärzte, düstere und stinkende Höhlen, wie sie in den Romanen geschildert wurden, die er früher gelesen hatte.

Kaschemmen!!

Irgendwo hatte er das Wort gehört. Und seine Phantasie, die keine andere Aufgabe mehr hatte, arbeitete wie im Fieber an einem Gemälde, das eine Brutstätte des Lasters darstellte, wie sie wahrscheinlich nie und nirgend existiert hatte.

Die starken weißen Oberzähne über die Unterlippe beißend, betrat er ein kleines Parterrelokal, in dem hinter dem Schanktisch eine Frau stand, deren Gesicht man ihren früheren Beruf deutlich ansah.

In dem kleinen schmutzigen und sehr schmalen Raum saßen nur wenige Leute. An einem jammervollen Klavier saß ein junger Mensch, der Heinz Marquardt sofort interessierte. Er trug eine schwarze Kellnerjacke, die an den Nähten rot schimmerte, seine hellgrauen Beinkleider waren bespritzt, und aus der tiefausgeschnittenen schwarzen Weste kam ein zerknitterter, arg beschmutzter Serviteur heraus. Sein junges Gesicht hatte die fahle, fettige Blässe der Nachtschwärmer und eine gewisse elegante Flinkheit der Bewegungen, die jetzt noch gutsitzende Scheitelfrisur ließen unschwer den herabgekommenen Kellner in ihm erkennen.

Er sang das Lied von der »Mutter Nudelbecken« und erzielte durch seinen, allerdings sehr freien Vortrag, mehr noch aber durch die nichtswürdige Begleitung dieses in den letzten Zügen liegenden Klaviers eine so komische Wirkung, daß sogar Heinz Marquardt lächeln mußte.

Und ohne sich recht klar zu werden über den Grund seines Zutrauens sprach Marquardt den jungen Menschen an:

»Macht Ihnen wohl Spaß, was?«

Der andere ließ die Hände auf den Tasten ruhen, hob sein blondes, verschwiemeltes Gesicht und öffnete mit einer komischen Grimasse den Mund weit, ohne zu sprechen.

»Na, spielen Se doch mal ordentlich,« meinte Heinz Marquardt.

»Erstn Jroschen!« sagte der andere lakonisch.

Marquardt, dem die Groschen sonst nicht so lose saßen, gab ihm zehn Pfennige mit den Worten:

»Nu, sagen Se mal, wie kann n anständiger Mensch, wie Sie, sich in so ner Kaschemme aufhalten?!«

»Kaschemme?!« Diebeskneipe. Der andere zog den Mund ganz auf die Seite und die rechte Augenbraue hoch hinauf, »Sie Männeken, lassen Se det nicht Mutta Streichertn heeren, sonst klackt Ihn die n Weißbierjlas uff Ihren Resedatopp, det de Blieten wackeln, vastehen Se! ... Det is doch hier keene Kaschemme nich! Hier vakehrt det dufteste Publikum aus de janze Knallbockstraße!« Koblanckstraße.

Heinz Marquardt klopfte ihm leicht auf die Schulter:

»Na, lassen Sie man, so wars ja auch nicht gemeint ... man sagt doch so!« ...

»Ich sage, Du sagst, er sagt, wir sagen, ihr sagt, sie sagen! Sie! ? Sie! Sie haben überhaupt nischt zu sagen, vastehn Se, Sie olle Modderpflaume! Ja, wenn Sie noch Lokalkenntnisse besitzen dhäten! ... Soll ick Ihn mal int »Kabarett zum vabubanzten Theodor« rinjeleiten? ... Ja? ... Da kenn Se sehn, wat ne Kaschemme is! ... Damit Se davon mitreden kenn! Wenn Ihn mal n anständijer Mensch nach fragen sollte« ...

Heinz Marquardt lachte absichtlich laut, damit der andere Zutrauen fassen sollte. Und von einem instinktiven Entschluß bewegt, sich selbst auf die Stufe derer zu stellen, die er suchte, setzte er leise hinzu:

»Wo man nu doch schon mal gesessen hat, da is ja alles ejal!« ...

Der andere betrachtete ihn rasch mit seinen etwas glasigen Augen, dann sagte er:

»Sie wern doch woll nischt dajejen ham, wenn ick Sie hier zu mein Wohltäter anenne. Indem ick nemlich vajessen habe, mir die netige Pinke in de Tasche zu stoppen ... Frau Streicherten!«

Die Wirtin, die einen Augenblick nach hinten gegangen war, erschien sofort.

»Zahlen!« Der junge Mensch deutete auf Heinz Marquardt, »der Herr da hat ma n Konto eröffnet! Daraus kenn Se sehn, Mutta Streicherten, det es noch Menschen jibbt uff de Welt un zweetens, det ick erst noch eenen trudeln Trinken. were! ... Aniskuchen mit kleene Kinder! Drolliger Name für eine Art Schnaps. ... so! ... bravo! ... Na, wie ist Herr Nachbar, wollen Se nich ooch eenen zwitschern?« Trinken.

Heinz Marquardt hatte inzwischen hin und her überlegt: sollte er diesem Menschen, der ihn jetzt schon anwiderte, hier die Zeche zahlen ... wieviel verlangte die Frau? ... Eine Mark fünfundzwanzig Pfennige? ... Davon lebte er selber den ganzen Tag! Und schließlich erfuhr er gar nichts? Der wußte am Ende überhaupt nicht mal die Adresse einer Kaschemme! ... Und schon wollte er sich weigern, die Getränke des Klavierspielers zu berichtigen, als die Wirtin offenbar ganz zufällig sagte:

»Wenn de Thedorn heute noch siehst, denn sagn man, er sollte mal morgen vormittag zu mich rankommen, ick habn wat zu sagen!«

»Det is nämlich det Fräulein Frau von dem vabubanzten Theodor!« sagte Alex und machte eine groteske Handbewegung.

»Also ick bestell es, vaehrte Frau Wirtin! Ick kennte sojar jleich hinloofen, denn bis der Herr da« ? er zeigte auf Heinz ? »seine Minzensammlung rausjesucht hat, bis zu dem jroßen Momang bin ick wieder da! ... Ihre Olle hat Ihn woll die Knöppe Geld. festjenäht, wat?«

Marquardt nickte.

Dann gingen sie beide.

Draußen fror es, trotzdem schon der Februar zu Ende ging, ziemlich stark.

Der Klavierspieler hatte die Fäuste in die Taschen seiner Kellnerjacke gebohrt und sagte:

»Nächste Woche reis ick nach Italien, wolln Se mit?«

Heinz Marquardt, der diese in trockenem Tone gemachte Bemerkung zuerst ernstnahm, schüttelte den Kopf und erwidert:

»Ich habe hier zu tun.«

Nun lachte der andere:

»Ick ooch! ... bloß ick weeß noch nich wat! Schließlich kommt et noch uff arbeeten raus! Neulich sollte ick doch schon mal Schnee schippen! Aber nee, wissen Se, det mach ick nich, darunter leidt meine Klaviertechnik ... bitte hier jehts weiter, immer jrade aus! Sie fürchten sich doch nich etwa, weil et da so einsam wird! ... Nee, nee, haben Se man keene Angst, ick dhu Ihnen nischt! ... Ick bin n janz anständijer Mensch!«

Marquardt antwortete kaum. Und der andere hörte das, was er brummelnd sagte, auch nicht. Er schwatzte fortwährend selber, bis sie beide vor einem kleinen Hause standen, zu dessen Tür zwei Steinstufen hinaufführten.

Indem sie eintraten, sagte Alex etwas ernster:

»Halten Se sich aber an mir! ... Et verkehrt nemlich ne Menge Jesindel in det Haus. Un wenn nachher de Plattmolle Portemonnaie. wech is, denn soll ick se Ihn womöglich noch asetzen ... also rin!«

11.

»Ei Du mein Pusselken! ... Pusselken! ... Du Feines!

Dusselken! ... Du Kleines! ...«

»Heeren Se?« sagte Alex, »die sind schon widder mechtig in Stimmung dadrinne! Ja, ja, der Theodor, wenn der mal seinen Affen losläßt, da bleibt keen Ooge drocken!«

Heinz Marquardt dachte für einen Moment gar nicht an den Zweck seines Hierseins.

Nachdem sein Begleiter die Tür aufgestoßen hatte, befanden sie sich beide in einer Art Vorraum, wo an der Seite ein verlassener Schanktisch mit schmutzigem Geschirr und zum Teil zerbrochenen Gläsern beladen stand. Hier war es dunkel, aber die Tür zu einem Gange war offen und dieser mündete in das Lokal selber.

Von dort her drang der Lärm der Gäste. Eben fing ein automatisches Klavier mit seinen harten hölzernen Takten zu spielen an und dazwischen knarrte und quakte ein schlechter Phonograph. Die Dielen dröhnten vom Gestampf tanzender Füße und ein johlender Gesang schwang sich über all das Brimborium.

Viel zu sehen war selbst jetzt noch nicht, als Heinz Marquardt mit seinem Begleiter an den Stufen der hölzernen Treppe stand, die in den ziemlich großen, niedrigen Raum hinabführte, der von einer einzigen, kolossalen Dampfwolke erfüllt war, in der unter der Decke mehrere Petroleumlampen wie im Nebel schimmerten.

»Sehn Se, det is det Kabarett zum »vabubanzten Theodor«, sagte Alex, »denn warum nich? Wenn de feinen Leite sich sowat leisten, denn könn wirt schon lange! ... Na, komm Se man! Ihn beißt hier keener!«

Damit stieg er die vom verschütteten Bier nassen Stufen hinab, und Heinz, dessen Augen sich allmählich an den beizenden Zigarren- und Zigarettenqualm gewöhnten, folgte ihm.

Er wäre aber beinahe lang hingeschlagen, so wurde er von zwei tanzenden Mädchen angerannt, die gleich stehen blieben und hell auflachten über das verdutzte Gesicht des Bordereauschreibers.

»Na Kleener, wat willst Du denn hier?« sagte die eine, »wie kommst Du denn hierher?«

»Ick habn mitjebracht,« mischte sich Alex ein, »aber det is nischt vor Dir, Aprikosenjuste, der Herr is wat bessert jewöhnt und will bloß ma sehn, wie ne Kaschemme aussieht! ...«

»So,« lachte die Angeredete, ohne dem Alex viel Beachtung zu schenken, »na, da haben Se sich ja n netten Vormund ausjesucht, Sie ...« Das Mädchen stemmte die prallen Arme, die ihre blaue Bluse mit den weitfaltigen Aermeln ganz frei ließ, in die runden Hüften. Ihre merkwürdig hellen Augen, in denen das Leben leidenschaftlich funkelte, machten den jungen Beamten verwirrt, daß er die Worte nicht fand für das, was er so gern sagen wollte.

Er wollte sagen, daß er ganz und gar nicht fremd diesem Treiben sei, daß er keineswegs nur als ein müßiger Zuschauer hierher komme, sondern, daß es sein Wunsch, sein heißer Wunsch wäre, mit all den anderen hier zu toben, zu schreien und ihr Leben ganz mitzuleben.

»Na, tanzen kann er wohl auch nich?« fragte das Mädchen, von dem ein verwirrender Hauch, etwas, das den Mann in Heinz Marquardt gegen seinen Willen anzog und verlockte, ausging.

Sie sagte noch etwas, aber der infernalische Lärm verschlang jedes Wort, und plötzlich hielt Heinz ihre blühende Gestalt umfaßt und schwang sich mit ihr im Reigen.

Er war früher vor seiner Ehe ein leidenschaftlicher Tänzer und auf den Vereinskränzchen und Bällen vor allen anderen begehrt gewesen. Aber so zu tanzen hatte er doch nicht gelernt. Ihm war, als sei er hier die Tänzerin. Mit einer Geschicklichkeit und Kraft ohnegleichen führte ihn das Mädchen. Die anderen Paare wechselten, sie aber tanzten immer weiter, rastlos, atemlos, ganz der berauschenden Raserei dieses tollen Wirbelns hingegeben.

Als sie endlich stille standen, hielt sie ihn noch immer umfaßt, lachte ihn schmeichelnd an und sagte:

»Na, so tanzte woll sonst nich, was, Du?«

Er lachte auch und sagte ein paar dumme, nichtsbedeutende Worte.

Da scholl eine Riesenstimme aus dem Dampf:

»Setzen, setzen ... Jetzt kommt Herkules, der stärkste Mann der Welt! ... Hebt drei Zentner mitn Bauch und bezwingt sojar seine Schwiegermutter!«

»Paß mal uff!« meinte Aprikosenjuste, »wat der vor Kräfte hat! ... Dis is was anders, wie die Fiolenschieber in Zirkus!«

Inzwischen war in der Mitte ein freier Platz geschaffen und eine alte Seegrasmatratze auf den Boden gelegt worden, dessen aufsteigender Staub sich mit dem Qualm mischte.

Heinz Marquardt sah, obschon er hinten an der Wand saß, alles recht gut und wandte sich unwillig zur Seite, als jetzt dicht neben ihm jemand sagte:

»Wat willst Du denn hier? ... Du markierst doch nich etwa n Achtjroschenjungen?«

Heinz Marquardt verstand den Ausdruck kaum und wurde sich so auch der Gefahr nicht bewußt, die für ihn in dem Verdacht des andern lag. Aber ehe er noch etwas erwidern konnte, nahm sich Aprikosenjuste seiner an und sagte patzig:

»Bist Du hier als Uffpasser anjestellt, Husarenwilhelm? ... Du sehst doch, det ick mit den Mann hier sitze!«

Aprikosenjuste nahm zärtlich über den Tisch hinweg die Hand ihres neuen Freundes, und Husarenwilhelm verlor sich zwischen den übrigen.

Währenddessen gab Herkules seine in der Tat von großer Kraft und Gewandtheit zeugenden Produktionen zum besten.

Und er wollte eben mit einem Konkurrenten zum ersten »Gang« antreten, als sich ein furchtbarer Tumult erhob und alles nach dem ganz hinten am Ende des niederen Saales befindlichen Schanktisch zudrängte ...

Auch Marquardt wollte sich neugierig erheben, aber das Mädchen hielt ihn zurück.

»Laß doch! Da haben sich zwee jefaßt, was is n da weiter bei! Sowas passiert hier alle paa Minuten! ...«

Wirklich legte sich gleich darauf der Tumult, eine Seitentür ging auf, irgend jemand flog raus, und gleich darauf schrien alle Anwesenden laut und freudig erregt:

»Theodor! ... Theodor! ... Theodor soll singen!«

Der Wirt hatte das »Kabarett« betreten.

Es war ein kleiner, stark gebauter Mann, dem das rechte Ohr fast ganz und zwei Finger der rechten Hand zur Hälfte fehlten. Außerdem lahmte er sehr, und durch das ziemlich kurz gehaltene, schwarze Haupthaar zog sich ein weißer Hautstreif, sichtlich von einer Narbe herrührend, die ein fürchterlicher Hieb dort zurückgelassen hatte. Der solchermaßen »vabubanzte« Theodor trug über einer schwarz-weiß karierten Hose eine blutrote Samtweste und über dieser ein schwarzes Samtjackett mit großen Silberknöpfen.

Er schüttelte einige Dutzend Hände, die sich ihm entgegenstreckten, lächelte geschmeichelt auf die immer wiederholte Bitte, er möchte singen, und sprang dann mit einem Satz auf einen Tisch ganz in Marquardts Nähe.

Sofort trat absolute Ruhe ein.

Er begann:

»Das Lied von meine Leiden.«

Und dann sang er:

Ick stamme wie wir alle aus de Renne,
Mein Vater war ein Herr von Irjendwo,
Und meine Mutter hieß in ihre Penne
Nicht anders wie der Floh! Der kleene Floh! ...«

Sofort fiel der ganze Chorus unter Johlen und Lachen ein:

»Der Floh! der Floh! der janze kleene Floh! ...«

Dann fuhr der vabubanzte Theodor, der in vollster Ruhe, höchstens mit einer Handbewegung oder mit einer Grimasse diesen Vortrag begleitete, fort:

»Ick war noch kleen, da jing se schon machulle, machulle gehn = sterben.
Det Schicksal ist mit unsereenen roh!
Se hintaließ ma eene Jilkapulle
Un eenen Floh! Un eenen Floh! ...«

Sofort fielen alle wieder ein:

»Un eenen Floh! n janzen kleenen Floh! ...«

Eben wollte der Sänger, der seine hübsche Stimme im Refrain zu hohen Kopftönen preßte, von neuem anfangen, als in dem Türrahmen oben auf dem Gange einige Gestalten erschienen, die allgemeine Aufmerksamkeit erregten.

Der erste, der die Treppen hinabstieg, war ein großgewachsener, bürgerlich gekleideter Mann, und die der kleinen Treppe am nächsten Sitzenden sagten respektvoll »Juten Abend, Herr Kommissar!« zu ihm. Er ging ruhigen Schrittes ins Lokal hinein, während die beiden anderen Herren auf der Treppe zögerten.

Dem einen von den beiden sah man den Aristokraten ohne weiteres an, der gewiß, blasiert von jeglichem Lebensgenuß, sein Amüsement einmal bei den Antipoden seines Standes, den Ausgestoßenen und Verfemten, suchen wollte.

Er war schlank und sehnig und trug sich, wie viele der Gardekavallerieoffiziere, ein klein wenig vornüber. Im übrigen sah man unter seinem kurzen Demi-Saison den Frack und das weißpaspelierte Gilet mit der schmalen, goldenen Kette. Um das Handgelenk der Rechten, die soeben leicht an den glänzenden Zylinder griff, spannte sich auch feines Gold, das ein großer Diamant verschloß.

Husarenwilhelm, an dem er dicht vorbeistreifte, sah das wohl, oder vielmehr er witterte es, wie Raubtiere die Beute!

Der dritte, der oben gestanden hatte, war für einen Moment zurückgegangen. Aber schon tauchte er in der Oeffnung des schmalen Ganges wieder auf, eine Dame am Arm.

Von weitem sah diese Frau aus wie eine ganz junge Schönheit. Sie war groß und sehr gut gewachsen, in der Figur jedenfalls tadellos, obwohl der dicke Pelzmantel das nur halb erkennen ließ. Ihr Haar war ausgesprochen rot und zu einer wundervollen, mit Goldpuder bestreuten Frisur aufgebaut, in der Edelsteine funkelten. Der vorn offene Mantel ließ den schlanken Hals sehen, und die Farbe der Haut war weiß wie Frühlingsblumen.

Aber auch ihr Gesicht war blendend ... ja so blendend, daß nur der Kenner, und auch dieser erst bei genauerem Hinsehen, die hier in raffinierter Weise aufgewendeten Toilettenkünste merkte.

Und dazu die Stimme!

Einem blühend rosigen Samt glich dieses sanfte, wie aus einer reinen Kinderseele aufquellende Organ.

Was sie sagte, war nichts weiter, als:

»Wir sind doch auch hier ganz sicher, Egon, ja?«

Als sie ein wenig ins Lokal hineingegangen war, da sah sie sich um nach einer Stelle, wo sie Platz nehmen könnte. Und ihre großen Augen, deren graue Iris etwas vom Schimmer des Topases hatte, richteten sich auf Heinz Marquardt, der unwillkürlich ein wenig von seiner Nachbarin fortrückte.

»Die macht Dir woll Laune, was?« fragte Aprikosenjuste lauernd, »natierlich! Da kann unsaeene nich mit, wenn det da drieben ooch man allens unecht un ufflackiert is! ...« setzte sie, deren weiblichem Scharfblick das Künstliche in der Rivalin nicht entging, rasch hinzu.

Heinz Marquardt wollte etwas erwidern, da aber war die Schönheit schon am Tisch und fragte, mit ihrer kleinen, weißbehandschuhten Hand auf einen leeren Stuhl deutend:

»Gestatten Sie?«

»Das einfache Wort klang Heinz Marquardt so sinnverwirrend, daß er über und über rot wurde.

Aber Aprikosenjuste stand hastig und mit einem schrillen Lachen auf, nahm den mit hungrigen Augen lungernden Husarenwilhelm, der jetzt gar nicht mit ihr mitwollte, unter den Arm und zog ihn nach hinten.

Marquardt, der seiner Verwirrung gar nicht Herr werden konnte, betrachtete jetzt den Begleiter der Dame.

Einen jungen Mann von höchstens zwei-, dreiundzwanzig Jahren, mit leeren, nichtssagenden Zügen und breiten, weichen Händen, die besser nicht mit so wertvollen Ringen geschmückt gewesen wären. Er trug einen kostbaren Gehpelz und im Knopfloch des darunter hervorsehenden schwarzen Gehrockes eine Tuberose.

Als er Marquardts Blick bemerkte, der ihn übrigens gar nicht sah, weil ihn selbst diese entzückende Frau zu sehr beschäftigte, nahm sein dummes Gesicht den Ausdruck der Kälte und des Hochmuts an, was bei seiner Begleiterin eine Heiterkeit hervorrief, die sie noch viel anziehender machte.

»Warum lachen Sie?« fragte der junge Mann leise, gekränkt.

»Sie stellen Ihre Fragen nicht richtig,« erwiderte die Dame ebenfalls im Flüsterton, »Sie müssen fragen: über wen lachen Sie?«

»So ... na, und über wen, wenn man fragen darf?«

»Sie dürfen!« Ihr Gesicht wurde immer heiterer, »Sie dürfen fragen, Herr Schindler! ... Ich lache über Sie!«

Heinz Marquardt, dessen scharfem Gehör keine Silbe entging, wandte das Gesicht, um seine ebenfalls nicht zu unterdrückende Heiterkeit zu verbergen, und sah in den Saal hinein, da der Wirt, der inzwischen mit dem Kriminalbeamten gesprochen hatte, wieder auf den Tisch sprang.

»Passen Sie auf,« meinte die Schöne, »das da interessiert mich viel mehr, wie Ihr Geschwätz!«

Und während dieser Worte, die, von ihrer süßen Stimme gesprochen, nicht einmal verletzend klangen, trafen ihre Augen Heinz Marquardt, der der Versuchung, sich ihr wieder zuzuwenden, nicht hatte widerstehen können, und der sich nun abermals ganz verwirrt abwandte.

»Ick singe jetz: Det Fallbeil!« kündigte der vabubanzte Theodor an.

Und wiederum wurde es ganz still, selbst die Gegenwart dieser schönen und seltenen Erscheinung konnte die Aufmerksamkeit der Hörer nicht mehr ablenken.

»Der Text un ooch de Musik sind beede von mir!« sagte der Wirt. Dann sang er:

Friemorjens hält vor Pletzensee
Een schwerbepackter Wagen,
Un een Jerüst aus Balken wird
Da schleinigst uffjeschlagen.
Bum! bum! bum!
Das sind die Hammerschläge.
Knarr! knarr! knarr!
Das ist die scharfe Säge! ...

Un pletzlich kommt n Herr im Frack,
Trägt een Etui aus Leder,
Und freindlich jrinsend hängt er denn
Det Fallbeil in die Feder! ...
Flirr! flirr! flirr!
Er läßt es runtersausen!
Brrr! brrr! brrr!
Det is een Ton zum Jrausen ...

Un uff n Hof versammeln sich
Der Staatsanwalt, die Richter.
De Zeijen kommen janz in Schwarz.
Der Kreis wird immer dichter.
Bimm! bimm! bimm!
Et schneet in feine Flöckchen ...
Bimm! bimm! bimm!
Det Armesinderjlöckchen! ...

Da hinten jeht ne Tiere uff,
Zwee halten eenen Dritten! ...
Die Beene schleppen fermlich nach,
Jetz kommt der Pfaff jeschritten.
Trapp! trapp! trapp!
So hallt et uff de Steene!
Klapp! klapp! klapp!
Des sind den seine Beene!

Nu liest der Staatsanwalt wat vor
Mit salbungsvollem Maule.
Der schwarze Rudolf is janz Ohr ?
Bei Jott, er legt ne Aule! Er spuckt aus.
Klapp! klapp! klapp!
Det is Herrn Reindels Schere!
Schnurr! schnurr! schnurr!
Durch Hemd und Rock jehts schwere!

Mit eenmal kommt de Sonne raus,
Will Rudolf noch wat sagen?
Er brüllt. Da fassen se n! Er wird
Rasch uffs Schaffot jetragen!
Pip! pip! pip!
Een Sperling sitzt da oben!
Pfuiiiiiiiit!
Das Fallbeil kommt von oben! ...

n schwarzer Kasten wird jebracht,
n Korb voll Sägespäne,
Und drüben, wo de Kreuze stehn,
Is Rudolf janz alleene ...
Huh! huh! huh!
Um Rudolf is et schade!
Hih! hih! hih!
Uns is et janz pomade! ...«

Als Theodor mit einer sehr ausdrucksvollen Gebärde unter tosendem Beifall geendet hatte, sah Heinz Marquardt seine Nachbarin an, die unter der Schminke erblaßt war.

»Das ist ja fürchterlich!« sagte sie leise und wandte sich dabei ganz unverkennbar an Heinz.

»Ja, ich versteh auch nicht, wie man eine Dame hierher führen kann!« sagte dieser.

Sofort sagte der Jüngling mit der Tuberose spitzig:

»Ob Sie das verstehen oder nicht, das ist doch ganz gleichgültig!«

»Oh, bitte, doch wohl nicht so ganz!« entgegnete die Dame, »denn da ich den Herrn ansprach, ist es nur natürlich, daß er meine Frage beantwortet! ... Aber,« sie wandte sich wieder an Marquardt, »ich selbst war es, die hierhergeführt zu werden wünschte!« Sie lächelte. »Uebrigens Ihnen scheint es hier auch nicht zu gefallen, und Sie sind doch auch hier!«

Heinz zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann kam es über ihn, als könnte er dieser Frau wenigstens einen Teil seines Unglücks anvertrauen, und mit kurzen Worten sagte er ihr, was ihn hierher und überhaupt in die Schlupfwinkel des Elends und des Lasters hineintrieb.

Sie schien ergriffen. Und leise, wohl mehr für sich selber, sagte sie:

»Also gibt es wirklich noch solche Treue?«

Und einen Moment nachsinnend setzte sie hinzu:

»Vielleicht kann ich Ihnen helfen! Besuchen Sie mich einmal! Ich wohne in der Maaßenstraße 87, parterre ... hier meine Karte!«

Und ihm das glänzende Kartonblatt, das sie einem goldeingelegten Perlmuttertäschchen entnahm, überreichend, befahl sie ihrem Begleiter, der mit einem bitterbösen Gesicht dabeistand:

»Holen Sie Egon!«

Der Kavalier saß hinten, mit dem Kriminalbeamten zur Seite, in der Nähe des Wirtes, der, sich für den Applaus bedankend, vom Tisch gestiegen war und eben die Geschichte seiner Narben zum besten gab.

»Drei Blaue waren et,« hörte Herr Schindler noch, »aber det kann ick sagen, Ha Jraf, wenn se ma ooch n derbet Stücke rausjehackt haben aus de Kohlrübe Kohlrübe = Kopf., so janz umsonst haben se det Vajniejen ooch nich jehabt! Der eene looft heite noch mit ohne Neese rum, un die beeden anderen haben ooch jeda ihre vier, fünf Wochen Charité jeschoben! Charité schieben = im Krankenhaus liegen. Wo ick zufasse, da quietscht et!« ...

»Madame läßt Sie bitten, Herr Graf!« kam der Jüngling im Pelz dazwischen.

»Was isn det for ne Eule?« fragte Theodor, »ach so, pardong, Herr Jraf, det is n Bekannter von Ihn! ... na, denn will ick nischt jesagt haben! ... Uff Wiedasehn! Uff Wiedasehn! Adjeh! ...«

Damit gingen die drei Eleganten, der Kommissar folgte ihnen, und Heinz Marquardt saß wieder allein.

12.

Heinz Marquardt wollte auch eben aufstehen und gehen, als Alex, der ihn hierhergebracht hatte, an seinen Tisch kam und ganz laut sagte:

»Na weeßte, Du Schlamassel, det hättste mir ooch frieha sagen kennen, det de bloß hierher jekommen bist, um Lampen zu machen! Lampen machen = verraten. ... Dazu brauchen wa Dir doch nich! Unse Achtjroschenjungen die halten wa uns aleene! ...«

Marquardt war ganz verblüfft.

Wie? ... was? ... er machte Lampen? ... was sollte denn das heißen? ... Nein, wahrhaftig, er wußte gar nicht ... übrigens verbäte er sich dieses unverschämte Duzen!

»Wat wisste?!« Alex lachte wiehernd, »Du vabittst Dir det? ... Ja, Mensch, sei man bloß froh, wenn wir uns det nich vabitten! ... Nich wahr, Husarenwillem, wir vabitten uns det, det son Schlemminer Schlemminer = Dummkopf. hierher kommt un uns veräppeln veräppeln = sich über einen lustig machen. will!«

»Na jewiß,« sagte Husarenwilhelm, neben dem plötzlich noch eine ganze Anzahl konfiszierter Gesichter erschienen, während aus dem Hintergrunde Aprikosenjuste höhnisch lachend herüberblickte.

»Wo wern wir uns det jefallen lassen! Hier sin wir zu Hause und keen andrer! ... Am Ende haste ja ne polizeiliche Ermächtigung bei Dir, uns auszuspionieren, Du, wat?! ... Zeije doch ma her, wat de da drin hast in Deine Tasche! ...«

Und Husarenwilhelm griff dem sich fest mit dem Rücken an die Wand pressenden jungen Manne rücksichtslos in den Rock hinein. Aber im selben Moment taumelte er, von einem Hieb auf die Nase getroffen, zurück. Heinz Marquardt, der über bedeutende Kräfte verfügte, war nach dem Schlage aufgesprungen, hatte die Nächststehenden zur Seite gestoßen und versuchte nun den Ausgang zu gewinnen.

Aber das Lokal war voller Gäste.

Heinz Marquardt fühlte sich, ehe er noch zehn Schritte weit gekommen war, von hinten gepackt und zu Boden gerissen. Im Fallen zog er seinen Revolver, nach dem er schon während der Flucht gesucht hatte, aus der hinteren Beinkleidertasche und schoß in die Luft.

Das schuf ihm für einen Augenblick Raum. Die Angreifer wichen zurück. Nur Husarenwilhelm, der sich vordrängend wohl die Scharte von vorhin auswetzen wollte, packte ihn bei den Füßen.

»Laß los!« schrie Heinz und zielte auf den Dieb.

Der griff über ihn weg und wollte ihm die Waffe entreißen, indem schoß Heinz und mit einem Wehlaut brach der Getroffene zusammen.

Aber als sei das nur das Signal gewesen für die anderen, so fielen sie jetzt alle über ihn her. Voran der vabubanzte Theodor, dessen Fausthiebe Heinz Marquardt mit ein paar Revolverkugeln erwiderte, die fehlgingen.

Der junge Beamte, den seine Feinde bis an die Wand zurückgetrieben hatten, nahm die Waffe verkehrt und hieb damit auf die Köpfe der Andringenden ein, die sich, die Arme vorhaltend, jetzt durch nichts mehr zurückhalten ließen.

Marquardt fühlte das Blut aus einer Stirnwunde über seine Wange rieseln. Der linke Rockärmel hing, von Messerstichen aufgeschlitzt, herunter, das Hemd war blutig, und ein Stoß, der ihn in die Magengegend getroffen hatte, machte ihn fast bewußtlos. Aber noch immer schlug er um sich mit dem Revolver, der auf den Köpfen und in den Gesichtern der Verbrecher böse Spuren hinterließ.

Da traf den schon Ermatteten ein Messerstich in die Brust; er fühlte es, wie die getroffene Rippe knackte.

Er ließ die Arme sinken und gab sich verloren.

Erschlafft und betäubt sank er wie ein leerer Sack zusammen ...

Man schlug und stieß ihn, trat auf ihm herum, er fühlte keinen Schmerz mehr, nur sein Gehirn arbeitete noch wie rasend.

Eine ganze Menge von Gedankengängen schoß blendend hell, wie reißende Gebirgsbäche, nebeneinander her durch seinen Schädel: seine Kindheit in der kleinen Landstadt, der alte Turm, die Promenade, der ehemalige Kirchhof, wo er seine erste Liebe getroffen und zum erstenmal in seinem Leben geküßt hatte; der meilenweite See, auf dem er als Junge Schlittschuh lief ... und daneben die Zeit, wo er in Berlin die Präparandenanstalt besuchte; denn anfänglich wollte er ja Lehrer werden; die Ausflüge mit den Kollegen und ein heller Sonntag, wo er oben auf dem Schildhorndenkmal hockte und über die blitzende Havel hinwegsah ... und dann wieder die Bekanntschaft mit seiner Trude, ... ihr erster Kuß und die erste leidenschaftliche Umarmung: derselbe Sturm von Glück wie damals, dieselbe Wonne wie damals und ihr schauerliches Ende. Die Nacht, wie er nach Hause kam und sie ermordet fand, wie er bei ihr wachte, wie das Mädchen auf den Zehenspitzen heranschlich ... sein Bureau, der alte Direktor Weckerlin, Maaß im Gefängnis und dieser Abend hier mit der schönen Frau, die er besuchen sollte ? ? ? alles, alles, alles wie ein einziges, in rasenden Blitzen aufzuckendes Panorama! ... und dann Nacht ... schwarze, totenstille, traumlose Nacht ? ? ?

»Na, was is den hier los?!«

Mit einem Sprung war der Kriminalkommissar, der zurückgekommen war, die Stufen der Treppe hinunter und mitten unter den Gästen des Kabaretts.

Wie die Ratten, wenn die Katze sich blicken läßt, wollten sie durch Fenster und Seitentüren verschwinden, aber schon klang die scharfe Stimme des Beamten:

»Dableiben! ... Alle Ausgänge sind besetzt! ... Auch der Nachbarhof! ... Was habt Ihr denn da angestellt, Ihr Himmelhunde?!«

Mit ein paar Hieben seines Gummiknüttels diejenigen, die sich vor den hingesunkenen Marquardt postiert hatten, zurücktreibend, trat er an den Ohnmächtigen heran, und sofort seine Pfeife an die Lippen bringend, stieß er einen schrillen Pfiff aus, auf den sofort hastige Tritte im Gange hörbar wurden.

Sechs Kriminalbeamte stürmten, den Revolver in der Faust, in das Lokal.

»Die janze Jesellschaft wird verhaftet!« befahl der Kommissar. »Aber halt! Erst soll der mal vortreten, der vorhin dem Herrn, mit dem ich hier war, die Kette mit den Brillanten von der Hand geschnitten hat! ... Na, wirds bald!«

Keiner meldete sich.

»Also, Herr Graf, bitte zeigen Sie mir mal den Kerl, der sich vorhin so auffällig an Sie herangedrängt hat!«

Mit den Schutzleuten zugleich war der Kavalier von vorhin wieder erschienen.

Furchtlos, mit einer Ruhe, als sei das alles hier bloß ein effektvolles Theaterstück, sah sich der Adlige, das Monokel im Auge, rings um. Dann zeigte er auf einen Menschen, der sich in dem eingebauten Winkel des Lokals hinter ein paar andere zu drücken versuchte, und sagte:

»Der da wars, Herr Kommissar!«

»Komm vor!« befahl der Beamte mit einer winkenden Bewegung seines energischen Kopfes.

Zögernd trat Alex, der Klavierspieler, aus dem Hintergrunde hervor.

Aber er war noch nicht bei dem Beamten, als plötzlich alle Gasflammen erloschen. Gleichzeitig ging ein Pfeifen durch den Raum, als erhöbe sich ein scharfer, sausender Wind.

Ein drohender Tumult! Für Sekunden war es stockdunkel. Dann aber flammten die elektrischen Taschenlaternen der Beamten hell auf und in ihrem Scheine sah man die sämtlichen Schutzleute mit gespannten Revolvern dastehen.

Am Boden, neben dem Kommissar, kniete der Adlige auf dem Klavierspieler, der ihm in der Finsternis sein Messer hatte in den Leib rennen wollen. Der Graf hielt die Kehle des Verbrechers mit seiner schmalen weißen Hand wie mit einer Zange umklammert; auf seiner bleichen Stirn schwollen die Adern und die erst so matten Augen funkelten plötzlich wie blauer Stahl. Man mußte ihm sein Opfer entreißen, sonst hätte ers erwürgt.

»Das Lokal ist mit dem heutigen Tage geschlossen,« sagte der Kommissar, dessen Ruhe durch nichts zu erschüttern schien.

»Der Wirt und dieser hier,« er deutete auf Alex, »und der dort ? Husarenwilhelm, nicht wahr? die werden gefesselt! Sollte sich außerdem jemand hier oder auf der Straße der Verhaftung durch die Flucht entziehen wollen, so sind die Beamten angewiesen, von ihren Revolvern Gebrauch zu machen! Wir wollen mal gründlich aufräumen mit der Bande hier! Und Sie, Petersen, Sie haben doch Verbandzeug bei sich? ... Sehen Sie mal zu, ob mit dem Mann da noch was zu machen ist! ...«

Der Schutzmann Petersen beugte sich über Marquardt, der regungslos dalag, und legte sein Ohr an die Brust des Verwundeten.

»Das Herz schlägt noch, Herr Kommissar!«

»So, na denn machen Sie mal seine Kleider auf und sehen Sie nach den Verwundungen,« erwiderte der Kommissar, der inzwischen selbst den gefesselten Alex visitierte.

»Es ist, wie ich dachte, Herr Graf,« wandte er sich an den Aristokraten, »der Gauner hat die Kette inzwischen schon wieder weiter verschoben!«

»Aber ich glaube, wir haben da gar nicht nötig, weit zu suchen ... nicht wahr, Freund Theodor, wir wollen mal bei Dir anfangen, mein Junge! ...«

Der sträubte sich gegen die Visitation. Aber einige wohlgezielte Backpfeifen, die den Wirt vor Wut laut aufheulen ließen, machten ihn schließlich gefügiger.

»Setz Dich!« befahl der Kommissar, nachdem die Durchsuchung der Taschen resultatlos verlaufen war, und drückte den noch immer Widerstrebenden, der mit seinen Fesseln um sich schlagen wollte, auf den Fußboden nieder.

Einer der anderen Beamten mußte erst eingreifen, aber dann lag der »Vabubanzte« auch am Boden, daß die Dielen dröhnten.

»Muß man solchem Menschen noch die Stiefel ausziehen,« schalt der Kommissar.

Gleich darauf ein leiser, klirrender Klang.

»Da! Da ist die Kette!« Der Kommissar nahm das Schmuckstück vom Boden und wollte es dem Grafen reichen, der jedoch streckte nur zögernd seine Hand aus, und noch ehe seine Finger das Gold berührt hatten, zog er die Hand zurück und sagte: »Darf ich Sie bitten, Herr Kommissar, die Kleinigkeit von mir als Andenken an diese denkwürdige Nacht entgegenzunehmen? ... Ich selbst, muß ich gestehen, könnte mich jetzt nicht mehr dazu entschließen, die Kette zu tragen!«

Der Kommissar lachte gutmütig:

»So heikel können wir in unserem Beruf nicht sein, Herr Graf! ... Im allgemeinen ist es uns Beamten aber nicht gestattet, für das, was doch nur unsere Pflicht ist, ich meine für die Ausübung unserer Beamtentätigkeit, Geschenke anzunehmen. Aber ich werde meine vorgesetzte Behörde um Erlaubnis fragen. Wenn die ihre Genehmigung erteilt, mach ich meiner Frau damit ein Geburtstagsgeschenk, ... ich selbst trage nämlich keine Armbänder ... und,« fügte er lustig hinzu, »sie würden mir auch wohl zu bald gestohlen werden ... Aber vor allen Dingen wollen wir jetzt mal sehen, was der arme Kerl da macht ...«

Er trat rasch an Heinz Marquardt heran, der noch immer kein Lebenszeichen von sich gab.

»Wie ist es Petersen, hat er viel abbekommen?«

»Ich kanns nicht recht sagen,« meinte der Beamte, »wenn das Frauenzimmer da immer wieder mit ihrem dummen Jeheul anfängt, kann man ja jar nichts von der Atmung hören.«

Er meinte Aprikosenjuste, die den Kopf des Bewußtlosen in ihrem Schoß hielt und weinend und schluchzend allerlei unverständliches Zeug vor sich hinmurmelte.

»Na, wie kommt der Mann denn zu der?« fragte der Kommissar, »ich hatte den Eindruck, als gehörte er nicht zu den übrigen, aber nun scheint er mir doch auch weiter nichts als ein Zuhälter zu sein.«

»Det is nich wahr!« Aprikosenjuste kreischte wütend auf, »det is n janz anständiger Mensch, der da! Un ick hab n heute abend hier erst kennen jelernt ... Sie! ... Vastehn Se!«

Der Kommissar schüttelt sehr skeptisch den Kopf, aber der Graf sagte leise:

»Ich glaube, das Mädchen hat recht. Die Dame, mit der wir vorhin hier waren, die Dame erzählte mir nachträglich, sie hätte mit ihm gesprochen und da hätte er ihr gesagt, es ...«

Der Graf beugte sich näher zum Kommissar hin und flüsterte so leise, daß keiner der Umstehenden etwas verstand.

»So, so ...« Der Kommissar nickte nachdenklich, »also der ist es! Ja, von dem hab ich gehört! Aber das kommt davon, wenn solch Mensch glaubt, daß er ohne uns was erreichen kann!

Na, jedenfalls wollen wir den armen Kerl nach der Sanitätswache schaffen ... Petersen! Sie und Müller II tragen ihn in eine Droschke und fahren ihn zur nächsten Unfallstation ... verstanden? Und nicht eher weggehn von dort, bis Sie mir genauen Rapport abstatten können, was mit ihm los ist ... also dalli!«

Die Beamten trugen den Leblosen, hinter dem Aprikosenjuste noch immer herheulte, hinaus.

Dann ließ der Kommissar die Arrestanten sich zur Kolonne formieren, und die ganze Gesellschaft verließ das Lokal, das der Oberbeamte persönlich abschloß.

Draußen stieß noch eine Abteilung Uniformierter zu den anderen. Diese flankierten die Seiten des ziemlich langen Zuges, während voraus und hinterher die Kriminalbeamten gingen.

So zog der Zug durch die schweigende, feuchtkalte, von dickem Nebel erfüllte Nacht.

Als man auf dem Alexanderplatz war, hörte man plötzlich einen wütenden Laut, einer der uniformierten Schutzleute flog zu Boden und über ihn fort stürmte trotz seiner Handfesseln der vabubanzte Theodor, der im Nebel verschwand und trotz sofortiger Verfolgung nicht wieder ergriffen wurde ...


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